Alexander Fuchs : Kleine Werkeausgabe : Band 09


Vera Nadasdy

Elisabeth. Königstochter
Erstes Buch




Die Brüder
Ritter zwischen Kreuz und Krone
Gleichnisse und Rätsel
Ein Sängerkrieg
Im Land der Magyaren
Frauenzimmer
Auf dem Weg zum Glück  ( mit Hindernissen )


* * * * * * * *
 
Die Brüder
 

Auf dem Weg, der zwischen den Bäumen steil den Berghang hinab führte, kam eine Frau durch den Schnee gestapft. Rechter Hand lagen große Felsbrocken, an deren Wind abgewandter Seite man etwas leichter vorwärts kam; nach links ging es tief ins Tal, und die Äste der Buchen, die da weit unten standen, reichten gerade bis hier hoch.

Britta hieß die Frau; sie hatte einen dicken wollenen Rock an und trug gefütterte Stiefel aus weichem Leder und eine Jacke aus dunkelblauem Stoff. Sie hatte Handschuhe an und eine Fellmütze auf dem Kopf, unter der ihre Haarspitzen blond wie Stroh und ebenso wirr in die Stirn ragten. Sie hatte himmelblaue Augen, eine Stupsnase und weiche Lippen, die aber von der Kälte blass waren, während ihre Wangen zu glühen schienen.

Sie mochte Mitte dreißig sein, und sie hatte offenbar eine stämmige Figur, wenn die mollige Kleidung nicht etwa täuschte. Jedenfalls kämpfte sie sich kraftvoll durch den Schnee, und man sah wohl, daß sie sich durch die Widrigkeiten der Natur, die diese Jahreszeit bescherte, nicht aufhalten ließ. An ihren Armen hingen zwei große Körbe, die hin und her schwangen, als erfreuten sie sich ihrer Unbeschwertheit, solange sie noch leer waren.

Der Schnee wurde wieder tiefer, und Britta begann zu fluchen und schimpfte auf jemanden und blieb schließlich stehen, um zu sehen, wo entlang sie am besten weitergehen sollte. Und da sie schwieg und das Knirschen ihrer Tritte verstummte, hörte man nur das Gekrächze der Raben durch den Wald schallen, die in dichten, schwarzen Scharen über den Himmel flatterten, sich auch zwischen den Bäumen zerstreuten oder wie von etwas angelockt plötzlich nach einer Richtung umschwenkten.

Ein paar landeten, als Britta sich nicht weiterbewegte, ganz in ihrer Nähe auf dem Schnee, und Britta dachte, so mühelos müsste man darüber laufen können; sie hofften vielleicht, die Frau werde ihnen irgendetwas zu futtern hinwerfen. Dann musste sie schmunzeln: wenn sie ein Rabe wäre, würde auch die Welt für sie wahrscheinlich ganz anders aussehen und es brächte ihr keinen Vorteil. Oh nein, da hoch oben im schwankenden Geäst in einem liederlichen Nest zu hocken - jedenfalls sah es von hier liederlich aus - das wäre nicht erstrebenswert. Und wie sie nach jeder Krume betteln, die sie leider nicht bekommen. Selbst wenn Britta ihnen jetzt etwas geben wollte, so hatte sie doch nichts dabei, denn sie war erst auf dem Hinweg zum Bäcker.

"Und nachher", sagte sie laut zu den Vögeln, "wenn ich wieder vorbeikomme, wenn meine Körbe voll sind, dann kriegt ihr auch nichts, und ich sage euch auch warum: weil ihr nicht so schön singen könnt zur Sommerszeit, wie sich das für ordentliche Vögel gehört. So groß, mit so einem großen Schnabel, und dann bringt ihr nichts als hässliches Krächzen und furchteinflößendes Schreien heraus, pfui, man tut ganz recht daran, euch zu den traurigsten und langweiligsten Gesellen zu rechnen, die hier so umherfliegen. Ist mir auch egal, ob vielleicht manche von euch Boten des Walvaters sind und unsere Sprache sprechen. He, du da", rief sie einem der Raben zu, der sich gerade ein wenig abwandte, als wollte er sein kleines schwarzes Gesicht verbergen, auf dem Britta eben einen silberfarbenen Fleck über den Augen wahrgenommen hatte, "bist du vielleicht der Hugin? He? Oder du! Bist du Munin? Des Walvaters Gedächtnis?"

Sie lachte wieder, dann fügte sie hinzu "Dann merk' dir mal was, von mir kriegt ihr kein Krümelchen, bevor ihr nicht hübsch singen lernt. Bis zum Frühling ist's noch Zeit, da könnt ihr bis dahin üben. So und jetzt habe ich lange genug hier rumgestanden." Sie stapfte weiter, und die Vögel flogen erschrocken auf und davon. Britta hatte ein paar Schritte getan, dann murmelte sie noch "Na, nimm' mir's nicht übel, Alter, aber ehrlich, es gibt so viele Geschöpfe, die tausendmal schöner anzusehen sind als diese hässlichen Raben, ist mir schleierhaft, was du an denen findest, immer sehen sie so aus, als warten sie bloß drauf, daß man tot umfällt, nicht mal ihre Federn kann man gebrauchen."

Plötzlich hörte man ein Stimmchen rufen. "Britta! Britta, warte." Sie drehte sich um und auf ihrer Spur kam ein Mädchen gesprungen, das versuchte, immer in Brittas Fußstapfen zu treten, aber es fiel ein paar mal hin und der Schnee blieb auf dem Gesicht haften und es machte ihr offenbar großes Vergnügen und sie rief immerzu "Britta, so warte jetzt endlich." "Lisbeth, was machst du hier? Geh' sofort zurück, ich krieg' einen Heidenärger, wenn du dich hier im Wald rumtreibst." Das Mädchen blieb stehen und schaute zurück, wo ihrer beider Spuren zwischen den Bäumen im Wintergrau verschwanden. "Ich kann nicht umkehren, sieh nur, wie finster es dort ist." "Ach ja? Und wie hast du's bis hierher geschafft?"

Das Mädchen, dessen Name Elisabeth war, setzte eine trotzige Miene auf und kam langsamer auf Britta zu. Die sagte "Na, nun komm' mit, aber eins sage ich dir, wenn ich Ärger krieg' deswegen, schieb' ich alles auf dich." Elisabeth kämpfte sich an Britta vorbei und marschierte tapfer vorneweg. "Das darfst du ja nicht", sagte sie fröhlich. "Oh, auch noch frech werden, was für ein hochnäsiges Fräulein, ich werde dich ..." "Mit wem hast du da geredet?" "Was?" "Mit wem hast du vorhin geredet?" "Mit niemandem." "Ich hab's genau gehört, du hast mit den Raben gesprochen." "Warum fragst du noch, wenn du's weißt." "Was hast du gesagt? Ich will es wissen." Sie ging voran und kam außer Puste beim Laufen und Reden, und ihr Atem verflog in der kalten Luft. "Nichts Besonderes", murmelte Britta. "Bestimmt hast du ihnen wieder leckere Brotkrumen auf dem Rückweg versprochen." "Ja, genau, das hab' ich."

Elisabeth drehte sich für einen Augenblick zu ihr um und prüfte ihren Gesichtsausdruck. Sie wusste - nein, sie glaubte zu wissen - daß ihre Kinderfrau Britta eine gehörige Ehrfurcht vor diesen Tieren hatte, weil sie angeblich mit dem Göttervater Wotan, den Britta Odin nannte, in irgendeiner Beziehung stünden. Elisabeth konnte sich weder Brittas Ehrfurcht genau erklären, noch diesen Odin sich vorstellen, über den Britta stets redete wie über einen Onkel, der hinter den Bergen wohnt und alle paar Jahre mal vorbeikommt und sie besucht, aber ausgerechnet dann, wenn Britta schläft oder gerade nicht da ist.

"Haben sie was von deinem Onkel gesagt?", fragte sie Britta. "Nichts Neues." "Kommt er bald?" "Meine liebe Elisabeth", sagte Britta mit leicht erhobener Stimme, "ich weiß, daß du es nicht oft genug hören kannst, und deshalb sage ich es noch einmal: gerade jetzt ist die Zeit ..." "... da Odin auf seinem Pferd über das Land reitet", ergänzte Elisabeth und hob dabei bedeutsam die Hand, die aus dem dicken Ärmel ihres Mantels hervorschaute.

"Richtig. Aber bis jetzt hat ihn noch niemand gesichtet." "Wer weiß, ob er ausgerechnet bei uns vorbeireitet", gab Elisabeth zu bedenken, und es klang ein bisschen altklug. "Warum denn nicht? Odin ist überall." Das Mädchen lachte. "Wie kann man überall sein? Nichts kann überall sein." "Das denkst du, mein überkluges Fräulein." "Natürlich. Oder nenne mir etwas, das überall sein kann." Britta überlegte einen Moment, dann sagte sie: "Heute ist überall." Elisabeth erwartete, daß ihre Kinderfrau noch etwas sagte, aber da dies nicht geschah, fragte sie "Was ist heute überall?" "Na eben heute. Oder jetzt, wenn du's genau wissen willst, jetzt ist überall jetzt." Sie blickte aus ihren blauen Augen auf den winterlichen Wald und schien sehr zufrieden mit ihrer Erklärung.

Elisabeth sagte "Du spinnst." "He, kleines Fräulein, beleidige mich nicht, ich gebe mir alle Mühe, dir etwas beizubringen", gab Britta verärgert zurück. "Na wirklich", sagte Elisabeth nicht mehr so entschieden, "das kann ich mir nun gar nicht vorstellen, jetzt ist überall jetzt." "Und vorhin war überall vorhin." "Und bald wird überall bald sein." "Siehst du, du hast es begriffen." "Ich werde Meister Immenberg einmal fragen, was er dazu meint." Britta sagte schnell "Damit wäre ich an deiner Stelle vorsichtig." "Warum? Meister Immenberg weiß alles. Letztens hat er uns erklärt, warum der Mond manchmal ein Kreis und manchmal eine Sichel ist und wie es kommt, daß immer eines auf das andere folgt." "Ja, ja, da hat er recht."

Britta wollte noch etwas hinzufügen, aber sie sah, daß Elisabeth so vor sich hin stapfte, als wäre sie in Gedanken schon mit etwas anderem beschäftigt. Und da ertönte plötzlich wieder ein Rufen hinter ihnen. "Lisbeth!" "Was ist denn mit euch heute los?", fragte Britta, "Ich denke, ihr wolltet Schlitten fahren." Sie waren beide stehengeblieben und schauten hinauf zu dem Rufer. "Der da wollte Schlitten fahren", sagte Elisabeth. "Lisbeth!", rief der Junge wieder und kam zwischen den Bäumen zum Vorschein; er rutschte munter auf dem Schnee hinab. Es war Hermann, er kam keuchend zu ihnen. "Wo ist der Schlitten?", fragte Elisabeth. Hermann musste erstmal Luft holen. "Hab' ich oben gelassen." "Ich denke, wir wollten hobeln."

Britta musste lachen. "Du meinst bestimmt rodeln." Sie konnte sich köstlich darüber amüsieren, wenn Elisabeth die Wörter im Deutschen, das nicht ihre Muttersprache war, verwechselte oder einen Ausdruck im falschen Zusammenhang gebrauchte. "Hier doch nicht", erklärte Hermann, "drüben am Kahlen Rain." Und mit einem Blick auf den Abgrund links setzte er hinzu "Hier kannst du dir höchstens das Genick brechen." "Gott bewahre", sagte Britta, "passt bloß auf, daß kein Unglück passiert mit euerm Schlitten." "Bis jetzt haben wir uns ja noch nicht mal draufgesetzt", erwiderte er beinahe enttäuscht.

Hermann war sehr schlank und hochgewachsen und überragte die beiden an Größe, obwohl er kaum älter war als Elisabeth, die das nicht glauben konnte; sie war überzeugt, er sei mindestens schon zwanzig Jahre alt, worauf sie um so mehr beharrte, als jedermann versuchte, sie zu überzeugen, Hermann wäre in dem Jahr geboren, als über der Stadt die Feuerkugel am Himmel erschienen war und Monate lange Regenfälle ausgelöst hatte. Tatsächlich brachten sie zum Beweis den Umstand an, daß Hermann gar nicht wasserscheu wäre wie andere Kinder, was Elisabeth aber nicht genügte und sie ihn dennoch als einen viel älteren Jungen betrachtete; und das gefiel ihr.

Hermanns Mütze war in den Nacken gerutscht und sein helles lockiges Haar wallte über den Schal um seinen Hals herab, aber die Spitzen in der Stirn waren ebenso wie seine Augenbrauen mit hauchdünnem Eis überzogen, woran Britta erkannte, daß er sich schon lange Zeit draußen herumgetrieben haben musste. "Frierst du?", fragte sie ihn. "Nö, im Gegenteil, bin grade ins Schwitzen gekommen, als ich euch hinterhergelaufen bin." Sie ermahnte ihn trotzdem, die Mütze wieder aufzusetzen, was er auch sofort tat. "Also was ist nun?", fragte er das Mädchen, und man konnte sehen, daß er sich auf das Rodeln richtig gefreut hatte.

Elisabeth tat unschlüssig. "Ich weiß nicht." Britta sagte "Ich lasse euch auf keinen Fall allein zurück gehen." "Wir sind nicht allein, sondern zu zweit", sagte Hermann. "Keine Widerrede. Es kann mir schon genug Ärger einbringen, daß Lisbeth mitgekommen ist." "Na ja, und was wird aus mir?", meinte er vorwurfsvoll, als hätte man die Stube, in der er schläft, ausgeräumt. Britta überlegte, dann sagte sie "Bleibt nichts anderes übrig, als daß du auch mit uns gehst." "Wohin?" "Brot holen", sagte Elisabeth, "oder glaubst du, wir gehen angeln." Hermann wand sich. "Och, das ist ja langweilig."

Da kam von unten der Knecht Gregor den Hang herauf, er zog einen selbstgezimmerten Schneepflug hinter sich her. "Gregor", rief Britta laut, "über dich habe ich vorhin schon geflucht." "Hab' ich gemerkt", brummte er zurück, ohne zu den anderen aufzusehen, "es hat mich im Rücken gezwickt, immer dieselbe Stelle, hundsgemein bist du, Britta Valgardstochter." "Du hast versprochen, den Weg frei zu machen." "Ja und?", brummte er standhaft. "Ja und? Hast du?" "Natürlich hab' ich, oder hat der alte Gregor schon einmal sein Versprechen nicht gehalten?"

Hermann schüttelte den Kopf, und Elisabeth schaute von einem zum andern. "Ach was!", rief Britta spöttisch, aber Gregor, der jetzt fast bei ihnen angelangt war, entgegnete ruhig "Du hast mir nicht gesagt, daß du auch noch überall Zeichen an den Bäumen brauchst, damit du ihn nicht verfehlst, meinen hervorragend frei gemachten Weg. Und die Kinder hier durch den tiefsten Schnee treiben, schämen sollst du dich."

"Wir sind ihr nachgegangen", sagte Elisabeth. "So, nachgegangen, na ja", brummte der Alte, "so ist das, wenn der Blinde dem Lahmen folgt." "Was redest du da für Unsinn", verteidigte sich Britta, "wo soll denn dein famoser Weg sein?" Gregor wies mit dem Arm in die Richtung. "Da drüben, keine dreißig Schritt, aber du läufst lieber genau daneben lang, als wolltest du mir damit schaden." "Kein Mensch will dir schaden." "Oh, und was war das vorhin mit deinem Fluch, Britta Valgardstochter, du weißt wohl, was deine Flüche anrichten können, und trotzdem kannst du deine Zunge nicht im Zaum halten, wie eine bissige Schlange." Elisabeth musste lachen, wie Gregor dabei mit zwei Fingern vorm Mund spielte.

Trotz der Kälte trug er keine Handschuhe und auf dem Kopf nur eine Kappe; auch hatte er bloß ein ziemlich dünnes Hemd an, das noch nicht einmal bis oben zugeknöpft war. Hermann hatte Elisabeth erzählt, wie er Gregor eines Morgens sogar mit nackten Füßen durch den Schnee hatte laufen sehen, und sie hatte es Britta weitererzählt, die meinte, bei Gregor sei da oben im Kopf was nicht ganz richtig. Aber den Eindruck machte er auf Elisabeth nicht, und sie vermutete, daß er absichtlich so durch den Schnee gelaufen ist, zumal Hermann meinte, er habe das beinahe mit einem genüsslichen Ausdruck gemacht, wie man ihn auf dem ansonsten so einfältigen Gesicht noch nie bemerkt hatte.

"Dann lasst uns da hinüber gehen", sagte Britta, und Gregor brachte sie auf den Weg. Dort stand sein kleines Pferd, das auf den komischen Namen Salto hörte. Es reichte dem Gregor gerade etwas über Bauchhöhe, es war selbst für seine Rasse klein, hatte einen fast zierlichen Kopf mit kleinen runden Ohren, aber große, lebhafte Augen. Salto hatte eine lange Mähne, und jetzt im Winter war sein mausgraues Fell stark aufgehellt.

Auf der Wartburg gab es (abgesehen von Pferden) nur Esel als Lasttiere, aber Gregor erklärte ihr, daß Salto einen ganz anderen Charakter hat als ein Esel und auch viel älter werden kann. Manchmal ließ er sie darauf reiten, aber für ihn war Salto hauptsächlich ein Zugpferd, das er in der warmen Jahreszeit vor den Pflug spannte, und zwar auf den gerodeten Bergflächen, die abschüssig und uneben waren; im Winter dagegen musste Salto, wie man sehen konnte, Gregors selbstgebauten Schneepflug ziehen.

"Wieso hast du ihn eben selbst gezogen?", fragte Britta, und Gregor überlegte, als fiele ihm das jetzt erst auf. "Keine Ahnung, wollte wohl da drüben irgendwas machen." Elisabeth streichelte Salto, und es schaute sie aus seinen großen Augen freundlich an; das Mädchen ahnte in diesem Moment nicht, daß Salto sie irgendwann in einer höllischen Nacht auf seinem Rücken forttragen werde.

Britta machte den Vorschlag, Hermann könne, wenn er nicht mit in den Ort will, zusammen mit Gregor zur Burg zurück gehen. Und nachdem ihm Elisabeth versprach, mit ihm rodeln zu gehen, wenn sie zurück wären, und er solle schon mal eine gute Bahn suchen, willigte er ein, und Gregor sagte, er kann sich auf den Pflug setzen, vor den er Salto, der die ganze Zeit geduldig darauf wartete, wieder anspannte.

Die Backstube von Wenzel Kling lag in der Weidengasse, und man konnte schon in einiger Entfernung den unverkennbaren Duft vom feuchten, warmen Sauerbrotteig schnuppern, der aus allen Ritzen von Klings Bäckerei heraus drang. Es war eben Mittag vorbei, aber an diesen Tagen wurde es kaum richtig hell, sondern das Licht schimmerte wie durch einen bläulichen und fahlen gelben Dunst hindurch.

Alles war ohne Schatten, und die Leute, die auf der Gasse liefen, wirkten farblos und flach, und nur, wenn sich welche grüßten oder sich laut etwas zuriefen, bemerkte man, daß in den dunklen, dicken Kleidern, Mänteln und Röcken Menschen mit Leib und Seele steckten, die nicht, wie zum Beispiel die Bären oben in den Wäldern, Winterschlaf hielten, sondern weiterhin, wenn auch aufs Nötigste beschränkt, ihrer Arbeit nachgingen.

Wie auch der Bäcker Kling, der sogar jetzt mehr zu tun hatte, als zu mancher anderen Zeit, denn die Leute kauften nicht bloß Brot bei ihm ein, sondern auch allerlei Backwerk, das schon seit eh und je am Ende eines Jahres auf die Tische in allen Stuben kam und dessen Menge an Zutaten ungefähr der Menge an Wünschen, Segen, Dankgebeten, besinnlichen und fröhlichen Sprüchen entsprach, unter denen es verteilt und verzehrt wurde.

Wenzel Kling hatte zwei Söhne, die natürlich beide in der Backstube arbeiteten; und der eine, der ältere, ließ auch schon seine eigenen Kinder dort umhertollen, sofern sie nicht im Wege waren oder Schaden anrichten konnten, damit sie gleich von Anbeginn das Handwerk ihrer Väter und Vorväter erlernten.

Als Britta und Elisabeth eintraten, machten sie alle gerade eine Verschnaufpause, die Kling-Söhne saßen jeder im hellen Leinenhemd und mit Schürze und über und über mit Mehlstaub bedeckt auf Säcken, während der alte Bäcker in der Tür zur hinteren Kammer stand und auf einer Liste herumkritzelte. An der Backofenklappe zog ein hauchfeiner weißer Dampf heraus; es war herrlich warm hier drinnen. Der jüngere Sohn, welcher Lenhart hieß, sprang auf, als er Britta hereinkommen sah und begrüßte die beiden sehr freundlich, während die anderen ihnen lächelnd zunickten. "Guten Tag", sagte Britta, und Lenhart meinte "Die Prinzessin und ihre treusorgende Amme, welch' Glück verheißender Besuch."

Er nahm Britta die Körbe ab, stellte sie beiseite und half Elisabeth aus dem Mantel, aber die sagte "Ich möchte erst einen Blick draußen in den Garten werfen", worauf der alte Kling die Brauen hochzog und sie anschaute, als hätte sie ihn um eine Handvoll frisch gepflückte Erdbeeren gebeten. "In den Garten, Euer Hoheit? Da ist es jetzt nicht so hübsch wie im Sommer." "Kann ich mir denken", sagte Elisabeth, "nur kurz." "Warum nicht", meinte der andere Sohn, erhob sich von dem Mehlsack und ging mit ihr nach hinten hinaus.

Britta hatte ihre Sachen abgelegt, und nun sah man, daß sie wirklich strohblonde Haare hatte, die zu zwei dicken Zöpfen geflochten waren, so dick, daß man erahnen konnte, welche Fülle ihr Haar besitzt. Und man sah noch etwas in aller Deutlichkeit, nämlich ihre großen Brüste, die wunderbar prall und fest unter ihrem Oberkleid hervorragten, und auf die zumindest Lenhart mehrmals so flüchtig wie nötig, damit es nicht auffiele, einen Blick warf. Überhaupt schien der junge Kling-Sohn zuvorkommender als die anderen zu sein, und dabei nicht nur Brittas Kaufwünsche beflissentlich entgegenzunehmen, sondern wie nebenbei auch noch über dies und das mit ihr zu plaudern, wobei freilich keinem der Anwesenden entging, welche kleinen Komplimente er unter seine Worte mischte. Auch Britta nicht, für die sie ja gedacht waren und die sie des öfteren mit einem kecken Augenaufschlag honorierte.

Aber die allgemeinen Floskeln waren ihm sogleich ausgegangen und er redete über seine Arbeit, obwohl das Britta sicher weniger interessieren würde. Dann berichtete er gar von einem ganzen Ofen voll Brot, das missraten und ungenießbar geworden sei, wahrscheinlich durch den darin verwendeten Koriander. Britta hörte, entgegen Lenharts Befürchtungen, aufmerksam zu und meinte dann, der Koriander sei wohl nicht zur rechten Zeit geerntet worden, denn wenn dies der Fall ist, können die Körner, wie man weiß, wie Wanzen schmecken. "Pfui Teufel", sagte Lenhart, und der alte Kling redete auf ihn ein "Habe ich dir doch gesagt: 'Nimm' nicht die grünen Körner', irgendein Schlitzohr hat sie vor der Zeit abgerupft und untergemischt." "So schmecken Wanzen?", fragte Lenhart. "Sagt man", erwiderte Britta lachend, "selber habe ich sie freilich noch nicht probiert." "Ach so, da bin ich aber froh." Er wurde rot unter den hellen Mehlflecken, denn das war nun kein so gelungenes Kompliment gewesen, obwohl er es ehrlich gemeint hatte.

Elisabeth hatte das Haus durch die Hintertür verlassen und war in den Garten gegangen, der sich wie ein schmales Band bis an den Lohmebach erstreckte, der im Abstand zur Gasse hier vorbeifloss. Auch der Garten war verschneit, aber die Äste der Apfelbäume waren frei, hier und da schauten Grasbüschel oder gelbe, verwelkte Stauden unter der Schneedecke hervor, als würden sie sich gegen die Last aufrichten wollen. An dem dicken Ast des Walnussbaums hing am Seil das Brett herab, das im Sommer die Schaukel war, von dem zweiten Seil war es abgerissen.

In diesem Sommer war Elisabeth krank gewesen, und ihre Stiefmutter hatte sie auf Anraten des Doktors Pecanus in die Stadt gebracht, wo sie im Kloster der Heiligen Katharina untergebracht war, in einem hübschen Zimmerchen mit zwei kleinen Fenstern, aus denen man auf den Platz hinter der Kirchenmauer blicken konnte, wo auch der Markt stattfand. Eigentlich sollte sie nicht da schlafen, weil sie auch tagsüber das Bett hüten musste, und der Doktor Pecanus, der bei Elisabeth eine erhöhte Reizbarkeit am "Nervus sensibilis" festgestellt hatte, erklärte, daß der Lärm, der vom Markttreiben und auch sonst von dem Verkehr durch die Stadt herüberkam, ihrer Genesung nicht förderlich wäre.

Elisabeth hatte sich dagegen gesträubt, die Stube zu wechseln, sie sagte, es gefiele ihr hier, und sie lausche allem, was an ihr Ohr dringe, ja sie konnte sogar die Rufe der einen Gemüsefrau nachmachen, wenn sie ihre Ware feilbot oder auch den kläglichen Singsang des Bettlers, der da an der Ecke sitzt. Der Arzt war zum Fenster gegangen, hatte hinaus geschaut und gesagt "Da steht kein Bettler, Euer Hoheit." Und Elisabeth hatte geantwortet: "Nein, jetzt nicht, denn um diese Zeit ist er nicht da, ich möchte zu gerne wissen, wo er jetzt ist. Aber er kommt wieder, warten Sie es nur ab, und außerdem steht er nicht, sondern er sitzt da an die Hauswand gelehnt."

Der Arzt meinte, man könne nicht Rücksicht auf einen Bettler nehmen, bevor man auf das Wohl der Königstochter bedacht sei, und deshalb müsse sie in eine andere Stube. Von dort war Elisabeth, da man ihre Einwände offenbar ignorierte, nachts wieder in das alte Zimmer geschlichen, und sogar als man dieses zugeschlossen hatte, legte sie sich auf den nackten, kalten Fußboden vor der Tür, was man natürlich nur ein einziges Mal hinnahm und ihr danach schließlich ihren Willen ließ. "Na also", hatte das Mädchen gesagt, "es geht doch, wenn man nur will."

Was ihre Krankheit betraf, so war sie aus heiterem Himmel über sie gekommen, als sie eines Nachmittags während irgendeiner Beschäftigung aufgestanden war, einen Schwindelanfall bekam und ohnmächtig zusammengebrochen war, wobei sie sich durch einen Stoß an der Tischkante am Kopf verletzte. Sie blutete stark und man legte gleich einen großen Verband um ihren Kopf, daß sie aussah wie der Sultan Salaheddin, bloß ohne Bart und auch nicht so grimmig. Sie kam bald wieder zu sich und meinte, sie fühle sich wohl, aber man hatte schon Maßnahmen ergriffen, sie bei weiteren Anfällen dieser Art, die man anscheinend befürchtete, zu behüten. Und allerdings wurde sie dann auch noch von heftigen Bauchkrämpfen geplagt, die Gott sei Dank immer schnell vorübergingen.

Die Nonnen im Kloster tuschelten nur hinter vorgehaltener Hand darüber, als ginge es nicht um eine Krankheit, sondern um etwas, worauf man schon sehnsüchtig gewartet hatte. Sie bekam alle möglichen Arzneien aus zig verschiedenen Fläschchen verabreicht, die eigentlich alle gleich scheußlich schmeckten (bis auf eine zuckersüße mit einem eigenartigen Aroma) und die, so vermutete Elisabeth bald, sie bloß davon ablenken sollten, daß sie unter Beobachtung stand.

Nur der Doktor Pecanus, der übrigens im fernen Italien studiert hatte, erzählte ihr einmal eine rätselhafte Geschichte von einem Prinzen, der in eine wunderschöne Prinzessin verliebt war, die aber von einer Hexe als Kind mit einem Fluch belegt war, welcher verhinderte, daß sie seine Liebe erwidern konnte, bis sie eines Tages mit nackten Füßen in die spitzen Scherben eines zerbrochenen Kruges trat, und das Blut, das aus ihrer Fußsohle tropfte, den Fluch beendet und die böse Hexe für immer aus der Welt geschafft hat. "Fortan", sagte der Doktor, "konnte sie den Prinzen lieben, und die Dinge nahmen ihren Lauf."

In ihrem Bett waren eines Morgens auch Blutflecken, und sie wunderte sich, wie das Blut unter ihrem Turban hervor aus ihrer Wunde gelangt wäre, überdies an eine Stelle auf dem Laken, wo selbst im unruhigsten Schlaf kaum ihr Kopf zu liegen gekommen wäre. Die Klosterschwestern, die sie betreuten, unterdrückten beinahe einen Jubel beim Anblick ihres beschmutzten Bettes, taten aber Elisabeth gegenüber sehr geheimnisvoll, ja fast verschwörerisch, was ihr gar nicht behagte. Ihr frommes und zugleich völlig unempfindliches Getue fand sie noch lange danach abstoßender als die Tatsache, daß sie fortan für jeden Mond des Kalenders einmal ein reines, weißes Tuch an ihrem Geschlecht tragen musste. Wie lange sich das wiederholen sollte, fragte sie die Schwestern, und sie sagten, mit einem süßlichen Ausdruck auf ihren Gesichtern, "Hoffentlich recht lange."

Da diese Veränderung an ihrem Körper und in ihrem Leben offenbar die Ursache wie auch zugleich die Wirkung jener Krankheit war, derentwegen man die Königstochter ins Kloster gesteckt hatte, so war eigentlich nichts dagegen einzuwenden, wenn Elisabeth sagte, ihr Zustand habe sich gebessert, sie sei wieder gesund und könne tun und lassen, was ihr gefiele. Damit wollte sie endlich der engen Stube entkommen, wo es auf Dauer doch langweilig geworden war und wo sie bloß von einer Ecke in die andere hüpfen konnte. Britta sah, daß sie unbedingt hier raus musste, zumal draußen herrlichstes Sommerwetter war, und so setzte sie sich einfach über die weiteren Anordnungen der Klosterschwestern hinweg, brachte Elisabeth frische Sachen zum Anziehen, und nahm sie mit zum Garten hinter Kling's Bäckerei, wo man sich nach Herzenslust austoben konnte.

Dorthin kamen auch die Kinder aus der Nachbarschaft. Der Lohmebach war stellenweise schmal und tief, anderswo breit und flach, mal hatte er eine Böschung, mal ein Fleckchen feinen Sand am Ufer, und weiter unten gab es sogar ein Wehr. Man erzählte zwar, es wäre einmal ein Kind darin ertrunken, aber die Geschichte hielt keinen von dem Ort fern, und ihre traurige Fabel war längst wie das Wasser des Baches selbst hinweggegangen. Man konnte barfuß drin umherwaten, man konnte mit Händen oder mit einer Schüssel daraus schöpfen und das Wasser in kleine Kuhlen füllen, die man im Garten gegraben hatte und die rundherum mit schönen Steinen gesäumt wurden. Man konnte sich gegenseitig vollspritzen oder sich mit dem blanken Hintern reinsetzen.

Die Jungen bauten sogar ein kleines Floß, mit dem sie ein Stück abwärts trieben, bis es irgendwo hängenblieb. Einmal schütteten alle einen Damm auf, und das Wasser staute sich und es gab einen richtigen kleinen Teich, bis bei irgend jemandem die Gemüsebeete überschwemmt wurden und man den Damm einreißen musste. Elisabeth hatte sich mit einem Mädchen angefreundet und die beiden verbrachten viele Tage miteinander; auch als Elisabeth wieder aus dem Kloster ausgezogen war, besuchten sie sich noch eine Weile gegenseitig.

Jetzt dachte Elisabeth an die Sommerszeit. Durch den Schnee war ein schmaler Pfad bis zum Bach getreten, wahrscheinlich holten die Bäckersleute hier das Wasser, denn die Eisschicht war aufgebrochen, und Elisabeth sah, wie das Wasser darunter genauso rasch wie immer vorbeigluckerte. Weiter oben waren Kinder, die mit Schlittschuhen über das Eis rutschten, ihr Rufen und Lachen klang durch die kalte Luft bis hierher. Elisabeth glaubte, ihre Freundin zu erkennen, sie rief ihr zu und winkte, und die andere winkte kurz zurück und drehte dann weiter ihre Runden, hielt sich an jemandem fest, wackelte mit den Armen und versuchte eine kunstvolle Bewegung auszuführen. Elisabeth war sich nicht sicher, ob sie es wirklich ist. Vielleicht würde sie im nächsten Sommer oder im Frühjahr schon herkommen und nach ihr fragen. Vielleicht auch nicht. Wer weiß, was sich demnächst alles ereignen würde.

Britta hatte sich Brot und Gebäck in die Körbe legen lassen und alles mit Leinentüchern abgedeckt. Sie plauderte noch ein wenig mit Lenhart und den anderen, die währenddessen weiter ihre Arbeit taten. Man fragte auch Elisabeth dies und das, und sie antwortete freundlich und erzählte dann noch ein Erlebnis, das sie kürzlich auf der Burg hatte. Lenhart bedauerte, daß er die beiden nicht begleiten und für Britta die Körbe tragen könne, aber Britta winkte lächelnd ab, das sei nicht so schlimm, das würde sie schon allein schaffen, und sie schenkte ihm noch einen fröhlichen Blick, der ihn ganz verlegen machte. Und als Elisabeth für Britta die Tür aufhielt und die beiden die Backstube verließen, schaute er ihnen wie verzaubert nach.

Der alte Hermann, der Landgraf, war zornig, als er hörte, daß Elisabeth ohne Erlaubnis die Burg verlassen hatte, und er bestrafte Britta, der er die Schuld dafür gab, indem er ihr den Lohn um diesen Tag kürzte. Elisabeth erfuhr davon nichts. Noch am Abend hatte sie Britta weiter ausgefragt über den sagenhaften Odin, wie er auf seinem Pferd durch den Wald hetzt. Aber Brittas Antworten waren einsilbig, sie hielt sich zurück und wollte die Phantasie des Mädchens nicht noch mehr aufreizen, als sie es offenbar schon getan hatte. Denn Meister Immenberg hatte der Gräfin Sophia erklärt, mit solchen "Schauergeschichten" könne man im Gemüt eines heranwachsenden Mädchens hartnäckige Ängste heraufbeschwören, die sich nur schwer wieder vertreiben ließen.

Doch keiner sonst, so schien es Britta, gab sich ernsthaft Mühe, Elisabeth davon Kunde zu geben, und Britta dachte bei sich, welche Wirkung die Erzählungen auf sie selbst gemacht hatten, und daß sie in frohgemuten wie in trübseligen Stunden sich immer gern etwas davon in Erinnerung rief, um darüber nachzusinnen. Freilich konnte und durfte sie sich nicht mit einer jungen Königstochter vergleichen, der ja ein ganz anderes Schicksal beschieden war. Und auch wenn Britta in vielen Belangen für sie verantwortlich war, so musste sie doch zuerst einmal den Anordnungen der Herrschaften und natürlich insbesondere des Grafenpaares Folge leisten.

Aber Elisabeth hatte schließlich selbst danach gefragt, und Britta sah wohl, wie groß ihr Verlangen war, mehr über jene sagenhafte Welt und die Wesen, die dort hausen, zu erfahren. Mehr von ihren guten und bösen Geistern, von den heilenden und den vernichtenden Zaubern, von den Göttern, ihren Kräften und ihren Launen, von den Helden, ihren Taten und ihren Schwächen, und von dem ewig fortschreitenden Zug all' dieser Gestalten durch das endlose Reich jenseits von Himmel und Erde.

So saßen die beiden zu zweit beisammen, im Winter am Kamin, im Sommer am offenen Fenster, und Elisabeth lauschte ihren Worten, und Britta staunte ein um's andere Mal über ihre Fragen, die sie anscheinend aus den stummen Momenten zwischen ihren Sätzen heraussog wie den Duft aus einer Blüte. Im übrigen bezweifelte Britta, daß Meister Immenberg ihr eine bessere Auskunft hätte geben können.

Vielleicht lag es daran, daß Britta Valgardstochter selbst aus dem Norden kam und daß die Geschichte mit ihrem Onkel keineswegs bloß ausgedacht war. Es hatte wirklich einen Onkel gegeben, in dessen Begleitung Britta vor etlichen Jahren aus dem Königreich Dänemark hierher gereist war. (Die Gründe für diese Reise mitzuteilen, würde hier zu lange dauern und sei einer anderen Gelegenheit vorbehalten.) Elisabeth hatte zwar von dem Onkel gehört, war aber über die Zusammenhänge nicht im Bilde, was freilich dazu führte, daß sie sich selber alles Mögliche darüber zusammenreimte.

Tatsache war: Brittas Onkel stammte aus den Regionen der eisigen See und der Mitternachtssonne, von dort, wo nach den Berichten des Mönchs Brendan Inseln mit riesigen Wäldern auf den Rücken von Fischen trieben und wo nicht weit weg davon Odin selbst zu Hause war.

Natürlich hatte keiner ihrer Vorfahren selbst in Asgard, der Heimstatt der Götter, gewohnt, aber zumindest in der Gegend auf dieser Erde, von wo aus nach Asgard (und von dort her) der kürzeste Weg führte, und wo man von den Abkömmlingen Asgards, den riesenhaften, zwergenhaften und götterhaften, den tierischen, verwunschenen und menschlichen, den unsichtbaren, schattengleichen und leibhaftigen am meisten wusste.

Wo alle, so sagte Britta, aus den alten, ersten Quellen schöpfen. Wo man unermüdlich aufbricht zu neuen, fremden Gestaden und immer wieder heimkehrt in den eigenen Kreis. Wo man die Mittel kennt, Weisheit aus allem herauszulocken, das sie besitzt, ob es ein Mensch, eine Schlange oder die Glut eines Feuers ist. Wo man zwei in eins und eins in drei verwandeln, und wo man selbst den Tod überlisten kann, wenn man die richtigen Mittel und gewisse Mächte auf seiner Seite hat. Wo Blutsverwandtschaft alles gilt und Adelsherrschaft nichts. Wo Brüder den Mord ihrer Brüder rächen und wo Söhne ausziehen, um ebenso schöne wie stolze Frauen zu erobern, mit denen sie erst im Steinweitwurf wetteifern müssen, damit jene, wenn sie besiegt sind, sich ihnen hingeben. "Was geschieht", fragte Elisabeth, "wenn der Mann verliert?" "Dann", so sagte Britta zu schnell, um es noch zurückzuhalten, "verliert er auch seinen Kopf!"

Die junge Elisabeth kam aus der entgegengesetzten Richtung, von einer Burg an dem Flüsschen Borgody, das in einen anderen Fluss mündete und der wieder in einen anderen, bis die Wasser sich in das Schwarze Meer ergossen, wo sie sich vielleicht tatsächlich alle schwarz färbten; an dessen Ufern Völker wohnten und über seine Wellen segelten, deren Ahnen von noch weiter her aus dem Osten kamen und die ihre Legenden in Bücher geschrieben und vorgelesen hatten, lange bevor hier, auf dem Fels, wo des Landgrafen Hermanns Wartburg steht, die erste Kerbe in den Stein gehauen wurde, um einen Pfosten darin zu verankern.

Hunnen, hieß es, wären Elisabeths Vorfahren, heißblütige Männer und dunkeläugige Frauen, die in den endlosen Steppen lebten, so weit weg von den Fjorden und schneebedeckten Bergen, an die Britta dachte. Und diese Hunnentochter, die äußerlich so sanft war wie ein Lamm, sie fragte die Valgardstochter nach jenem längst einsam gewordenen Mann aus, der in Mantel und Hut gehüllt auf seinem Pferd daherjagt, der sein Auge eingebüßt hat, um den Blick aus dem verbliebenen zu stählen und mehr, noch mehr Einsicht zu gewinnen, und dessen mit Runen eingeritzter Speer vielleicht schon für immer zerbrochen war - es gab nur wenige Sterbliche, die das sicher wussten.

Von diesem Mantel Odins hatte ihr Britta erzählt und dann, als ihre Rede einmal in Gang gekommen war, mit Gesten beschrieben, wie der Saum dieses Mantels schwer im Winde treibt und gegen die Flanken des Rosses schlägt, wenn Odin auf ihm durch die Dunkelheit jagt. In der Nacht hatte Elisabeth aus dem Fenster geschaut auf die Bäume und den Schnee, der im Mondlicht schimmerte. Wind war aufgekommen und die Flocken fielen schräg und dicht hernieder. Elisabeth fröstelte und verkroch sich unter Decken und Felle, und obwohl es draußen pfiff und heulte und die Ketten am Tor aneinander rasselten, schlief sie doch bald ruhig und fest ein.

Der Schneesturm hielt auch am Morgen an, und als Elisabeth diesmal aus dem Fenster sah, traute sie ihren Augen kaum: dort unten an einem der jungen Bäumchen, die wie Gestrüpp den Hang unterhalb der Burg überzogen, hing ein großer Fetzen dunkler Stoff, genauso, als wäre er von dem Mantel eines vorbei eilenden Reiters abgerissen worden. Er hatte sich an einem Zipfel fest verfangen, und der Wind ließ ihn heftig flattern. Elisabeth wollte Britta Bescheid sagen, aber dann dachte sie, womöglich werde Britta bloß mit irgendeiner beiläufigen Erklärung abwinken und sich nicht darum kümmern. Man musste den Mantel, oder jedenfalls das Stück davon, wofür Elisabeth es zweifellos hielt, von dem Ast lösen und es ihr zeigen. Wenn Britta es in Händen hält, wird sie schon sehen, daß es von niemand anderem sein kann als von Odin.

Es war zu gefährlich, da hinunter zu klettern, der felsige Untergrund war vereist, überall konnte man abstürzen und ins Bodenlose fallen. Elisabeth schaute sich die Stelle genau an, dort, von diesem einen Vorsprung aus, könnte man mit einer Stange hinüber reichen, am besten mit so einer ... Sie beschloss, zu den Wachleuten vorn am Tor zu gehen, die hatten solche Stangen mit Haken an der Spitze, vielleicht konnte sie einen von ihnen überreden, für sie das Mantelstück zu holen. Die Männer, es waren an diesem Tag fünf, hörten sich Elisabeths Bitte an, sie sagte, ihr selbst wäre der Rock versehentlich aus dem Fenster gefallen. Sie gingen auf die Brücke hinaus und erkannten, daß es schier unmöglich war, dahin zu gelangen, ohne sich vorher wenigstens dreimal den Hals zu brechen, wonach keiner von ihnen - auch nicht zu Gefallen der Königstochter - Verlangen hatte. So kehrten sie wieder in ihre warme Wachstube zurück, und Elisabeth war sehr enttäuscht.

Sie gab nicht auf und überlegte sich etwas anderes, als sie die Wachleute rufen hörte. Sie lief schnell hin, und wirklich hatte einer, der gerade hinzugekommen war und dem die anderen von dem Vorfall erzählten, sich kurzerhand entschlossen, das verlorene Kleidungsstück zu bergen. Er war der jüngste von allen, und er erwies sich als sehr geschickter Kletterer über die unwegsamen Klippen. Er war schon auf dem Rückweg, als er, die Beute hinter den Gürtel geklemmt, bei einem kühnen Schritt abrutschte und fiel; ein Aufschrei ging durch die Wachmannschaft und nur Elisabeth blieb ruhig und reichte ihm im Geiste ihre Hand. Er konnte sich an einem Ast festhalten und wieder hochziehen und gleich darauf war er tatsächlich wohlbehalten bei den anderen angelangt.

Er kniete vor Elisabeth nieder und überreichte ihr den Fetzen Stoff, über den sich alle außer ihr sehr wunderten. Nachher sagte einer zu seinen Kameraden "Sollte das einer von ihren Röcken sein? Heiliger Strohsack, wenn das mein Weib trüge, ich würde mich vorsehen, sie anzufassen." Die anderen lachten, und einer sagte zu dem mutigen Jungen, er sollte sich dafür vom Grafen eine Belohnung erbitten. Jener gab sich bescheiden und lehnte ab, doch der Kommandeur fand den Vorschlag nur angemessen, und noch am selben Tag sprach er bei Graf Hermann vor, der die Bitte auch ohne weiteres gewährte.

Der Alte wollte den Rock ansehen, was auch ungewöhnlich war, denn kein Fürst hatte sich je für Frauenkleider interessiert. "Na wenn schon", sagte er zu Sophia, die ihn erstaunt ansah, "was unsere liebe, kleine Elisabeth angeht, das geht auch mich an, womöglich braucht sie nun einen neuen Rock, wenn dieser zerrissen ist." Das würde man ihren Kammermädchen und der Schneiderin überlassen, meinte Sophia, aber der Graf bestand darauf und er fügte hinzu "Der Britta traue ich sowieso nicht, sie ist ... sie ist ...", er überlegte, aber es fiel ihm kein treffendes Wort ein, und für einen Augenblick versuchte er sich zu erinnern, wann und weshalb Britta überhaupt an den landgräflichen Hof gekommen war. Er hätte sie längst hinausgeworfen, wenn er nicht mit ihrer Anstellung vermutlich irgendeinem seiner zahllosen wahren und falschen Freunde einen Dienst erwiesen hätte.

Die Landgräfin ließ Britta seinen Befehl ausrichten, die zunächst nicht verstand, worum es eigentlich geht. Sie sprach mit Elisabeth, die den Kleiderfetzen in ihrer Kammer zum Trocknen aufgehängt hatte. "Wo ist er?", fragte Britta. "Da hängt er", antwortete Elisabeth. "Wovon redest du?", fragte Britta, die davor zurückschreckte, nach dem alten Lappen zu greifen. "Wovon redest du denn?", entgegnete Elisabeth. "Der Graf will den Rock sehen." "Hast du eben schon mal gesagt." "Also jetzt raus mit der Sprache, was ist damit." "Siehst du nicht, daß es ein Stück von Odins Mantel ist? Er ist gestern Nacht hier vorbeigeritten. Er konnte nicht einmal darauf achten. Das bedeutet, er hatte es sehr eilig." Sie kam nahe an Britta heran und sagte "Wahrscheinlich ist er auf der Furcht und braucht Hilfe." "Auf der Flucht", murmelte Britta und unterdrückte ein Lachen. Sie trat ans Fenster und sagte "Da unten, da kann selbst ein Odin höchstpersönlich nicht entlangreiten." Elisabeth stellte sich neben sie. "Meinst du?"

Das scheußliche Wetter war vorbei, der Himmel war blau und Sonnenschein lag auf dem Schnee. Sie schauten über die Bäume hinweg in die Ebene, wo überall aus den winzig erscheinenden Häusern, die hinter den Hügeln hervorguckten, weißer Rauch aufstieg. Sie schwiegen beide und ihre Blicke wanderten ruhig in die Ferne und wieder zurück in die Nähe an den Abhang zu ihren Füßen. Dann sagte Elisabeth ein bisschen kleinlaut "Ich dachte, es ist ein Zeichen von deinem Onkel." "Ja, ja, schon gut. Und was zeigen wir jetzt dem Grafen?" "Weiß nicht, irgendwas anderes." Britta suchte von Elisabeths Sachen ein Kleidungsstück aus. Die sagte "Aber das merkt er doch, daß das frisch und sauber ist. Und wenn er es nun den Wachleuten zeigt?" Britta erwiderte "Lass mich das nur machen." Sie dachte noch darüber nach, was man mit dem Lumpen anfangen sollte, der in Wahrheit doch niemals zu Odin gehörte, und wie sie Elisabeth darüber hinwegtrösten könnte, daß der alte Göttervater sie auch diesmal nicht mit seinem Besuch beehrt hatte.

Am nächsten Tag, als Elisabeth ihre Kammer verlassen hatte und später wieder hereingekommen war, hörte sie Hermann vom Hof herauf pfeifen, sie kannte seinen Pfiff, mit dem er sich stets bemerkbar machte. Sie trat auf den Gang vor den Zimmern und sah zu ihm hinunter. Er schwenkte den schwarzen Fetzen Stoff über seinem Kopf. "Was soll das?", rief Elisabeth. "Kommst du herunter?" Sie schüttelte den Kopf. "Ich will dir was zeigen." "Komm' du erst hoch." "Warum?" "Darum, weil ich dir's sage." "Zicke", zischte Hermann, fügte sich dann aber und erschien sogleich an ihrer Tür. "Gib' das her." "Ach, es gehört dir?" "Du hast es mir geklaut." "Was ist denn daran Besonderes? So ein alter Lumpen." "Dann kannst du ihn mir auch zurückgeben und wir müssen nicht weiter drüber reden." "Über was sollten wir reden?" "Ich könnte deinem Vater sagen, daß du geklaut hast." "Ach so? Und ich könnte ihm sagen, was die Wachleute ..." "Was willst du?" "Nichts. Ich dachte, du kommst mit, ich will dir was zeigen." "Ja, weiß ich." "Und?" "Gib ihn mir und ich komme mit." "Na gut." Er warf den Fetzen auf den Boden. "Kann ich sowieso nicht gebrauchen."

Elisabeth strafte ihn, indem sie lange kein Wort redete. Sie verließen das Burggelände und überquerten eine verschneite Wiese. Hermann hatte aus einem Versteck den Schlitten geholt und ging vorneweg. (Niemand anderes durfte seinen Schlitten benutzen.) Er machte ein paar Versuche, ein Gespräch anzufangen, aber Elisabeth drückte sich immer gleich die dicken Handschuhe an die Ohren. "Ist es kalt?", fragte er beim dritten Mal, um zu zeigen, daß ihr Schweigen ihn nicht beeindruckte. Aber er wusste, daß sie noch beleidigt war wegen vorhin. Er sagte "Du kannst dich auch draufsetzen, ich ziehe dich." "Würdest du dann gefälligst mal anhalten", raunzte sie. "Natürlich. Entschuldigung." Sie setzte sich auf den Schlitten, er zog mit allen Kräften an dem Lederriemen, der Schlitten ruckte zwei- dreimal, und dann ging es leichter, und manchmal glitt er ein ganzes Stück von allein durch den Schnee. Elisabeth machte es Spaß.

Dann ging es sachte bergab, und Hermann musste vor dem Schlitten her rennen. Dann wurde es noch abschüssiger. "Bahn frei!", rief Elisabeth. Sie fuhr ihm beinahe in die Beine. Er warf ihr den Riemen zu und sprang zur Seite. Als sie an ihm vorbei war, machte er einen Satz hinter sie auf den Schlitten, der am Ende einsackte. Sie jauchzte auf. Er ließ sich nach hinten abrollen, fasste den Schlitten an beiden Seiten und schob ihn zusätzlich an, er keuchte wie verrückt, sie bekamen volle Fahrt. "Hör' auf, das reicht, hör auf", lachte Elisabeth.

Hermann kniete sich drauf, fasste sie an den Schultern, und sie sausten die Wiese hinab. "Da unten kommen Bäume", rief sie. "Nee, die kommen nicht, die stehen da. Wir kommen!" "Du lieber Himmel, mach' was, Hermann, sonst passiert ein Unglück." "Sonst ja", rief er verwegen, sprang nochmal ab und gab wieder Anschub. Sie drehte sich nach ihm um und haute mit dem Handschuh auf seine Mütze. "Hör' auf, du bist verrückt!" Sie sah sich im nächsten Moment gegen den Baum prallen. Aber plötzlich lenkte er den Schlitten genau in eine Schneise hinein und sie fuhren zwischen den Bäumen hindurch, bis sie wieder auf einer freien Fläche waren, die gleich darauf anstieg und den Schlitten rasch abbremste.

Kurz bevor sie stillstanden, gab Hermann ihr einen Schubs, daß sie vornüber in den Schnee purzelte und liegen blieb. Er stieg fast gemächlich vom Schlitten und sah, daß sie sich nicht rührte. "Wir sind da", sagte er, aber Elisabeth blieb liegen. Er ging auf sie zu, verfing sich in dem Riemen und wäre beinahe gefallen. Im selben Augenblick warf Elisabeth einen Schneeball, den sie unbemerkt unter sich geformt hatte, nach ihm. Er traf ihn voll auf die linke Backe, so hart, daß sein Kopf zur Seite flog. Er sagte nichts, und sie sah, daß er die Zähne aufeinander presste und die Tränen mühsam zurückhielt.

Sie war selbst erschrocken. Er kam auf sie zu, und sie wollte etwas sagen, aber er reichte ihr die Hand, um ihr aufzuhelfen. Sie klopften sich den Schnee ab; sie strich mit dem Ärmel über seinen Rücken. Dann sagte sie "Was wolltest du mir zeigen?" "Das da", sagte er und deutete auf die Stelle oberhalb des Abhangs, wo so etwas wie ein Schneehügel aufgehäuft war.

Sie stiegen da hinauf und es war eine Eishöhle wie eine umgestülpte Halbkugel, sie sah richtig gut aus. "Hast du die gebaut?" "Nee, hat einem Schneemann gehört, den hab' ich getötet." "Unsinn." Sie ging drumherum. "Die ist großartig." "Kannst auch reingehen." "Du zuerst." Der Eingang war klein, und man musste auf Knien hineinkriechen. Oben war ein Loch, und es kam ein bisschen Licht herein. Elisabeth hockte sich hin. "Ich mache ein Feuerchen an", sagte Hermann begeistert. Auf dem Boden hatte er den Schnee beseitigt und Laub und Reisig ausgelegt; in der Mitte war eine kleine Feuerstelle und am Rand lag kleingehacktes Holz.

Er holte aus seiner tiefen Jackentasche einen Beutel heraus, in dem Zunder, ein kleiner Stahl und ein Feuerstein waren, damit versuchte er, Funken in die trockenen Schwammbrösel zu schlagen. Er hatte das schon öfter probiert, aber es klappte selten auf Anhieb. Er konzentrierte sich sehr auf seine Handgriffe, beugte sich tief herab, daß sein Rücken unter der Jacke einen Buckel machte, und Elisabeth sah die Anstrengung auf seinem Gesicht; er streckte sogar die Zunge heraus und schob sie von einem Mundwinkel in den anderen. 'Angeblich ist er in dem Jahr zur Welt gekommen, als der große Regen fiel', dachte Elisabeth, die das nicht glauben wollte. Doch wenn man ihn so sah, wie er mit Begeisterung herumkokelt, könnte man denken, er wäre wirklich unter der Feuerkugel geboren worden, die dem Regen vorangegangen war.

"Gib' was von dem dürren Reisig her", sagte er, und Elisabeth sah ein schmales Rauchfähnchen zwischen seinen Händen aufsteigen. Sie legte die Zweige darauf. Hermann pustete sachte auf die Stelle, und plötzlich glimmte es rot und gelb auf, wie ein Edelstein oder wie das Auge eines Salamanders, der aus dem Schlaf aufschreckt. Und dann schoss das Flämmchen hoch und packte eins der Zweiglein, züngelte an ihm entlang und verschlang es mit einem kurzen Knistern. Dann brannte es, und Hermann schichtete der Reihe nach immer dickere Zweige und Holzstücke darauf; es wurde rosighell im Innern und auch warm, und der Rauch zog durch das Loch oben ab.

Er drückte Elisabeth einen Topf in die Hand und sagte, sie soll ihn mit Schnee füllen, und als sie wiederkam, hängte er den Topf an einer Astgabel über das Feuer. Der Schnee war schnell geschmolzen, der Topf war nur halb voll Wasser. "Zu wenig", brummte Hermann. "Ich hol' noch was", sagte sie und kam mit drei großen Schneebällen zurück. Sie ließ einen vorsichtig ins Wasser fallen und sie schauten beide zu, wie er obenauf schaukelte und immer kleiner wurde. Auch der zweite und dritte passten noch hinein.

"Ich denke, das reicht", sagte Hermann. "Wofür?" Er zuckte mit den Schultern. "Vielleicht für eine Suppe", sagte Elisabeth. "Für eine Suppe?", empörte er sich. "Eine Suppe kriegst du auch zu Hause. Dafür muss man nicht das alles erst schaffen", dabei schwenkte er den Arm vor sich im Halbkreis, als würde das ganze Thüringer Land bis zum Horizont vor ihm ausgebreitet liegen, und Elisabeth glaubte die Stimme seines Vaters, des alten Grafen, herauszuhören. Aber dieses "schaffen" klang ein bisschen komisch, und sie musste grinsen. "Warum lachst du?" "Wegen nichts. Vielleicht könntest du auch einen Hirsch erlegen, dann machen wir uns einen Braten." "Könnte ich", sagte er und fühlte sich geschmeichelt, "und was machst du solange?" Sie sah sich um. "Ich könnte aufräumen."

Das war genauso komisch, aber Hermann war wohl in Gedanken schon woanders, er sagte unvermittelt "Du musst mich jetzt küssen." Elisabeth erschrak. "Was?" "Du musst mich küssen", wiederholte er so entschlossen, als hätte er es vorher hundertmal im stillen vor sich hin gesagt. "Aber wieso?" "Damit wir Kinder kriegen natürlich." Sie erschrak noch mehr, doch der Schreck verflog sofort, denn irgendein unbestimmtes Gefühl versicherte ihr, daß das eine mit dem anderen nicht viel zu tun hat. Sie starrte ihn an. Er sagte mit einiger Entschiedenheit "Ich bin jetzt dein Mann und du bist meine Frau, ich sorge für dich, und wir haben Kinder, so ist das im Leben." "Wann sind wir denn Mann und Frau geworden, das hab' ich gar nicht mitgekriegt." Er sah sie an, als wollte er prüfen, ob sie ihn täuschen will, aber ihr Blick war so aufrichtig und einfühlsam, daß er sogar schlucken musste und unwillkürlich in Erklärungsnot kam. "Das war ... das ist eben schon passiert." Er stocherte mit einem Ast in dem Feuerchen herum, aber er tat es ohne den Eifer von vorhin und eher verdrießlich. Dann fügte er hinzu "Alle wissen es."

Damit hatte er recht. Seitdem Elisabeth auf der Wartburg angekommen war und ihre neuen Eltern, den alten Hermann und seine Frau Sophia, begrüßt und umarmt hatte, seit diesem Tag ging überall die Rede davon, daß der junge Hermann und sie miteinander verheiratet werden sollen. Aber niemand sprach offen darüber und niemand sprach zu den beiden, die es ja zuerst anging, auch nur ein Wort, nicht einmal Britta, die stets irgendwelche Ausflüchte suchte, wenn Elisabeth sie danach fragte. Man behandelte die beiden wie zwei äußerst seltene Vögel, die man an verschiedenen Orten der Welt eingefangen hatte, und die man zusammen in einen wundervollen Käfig setzen würde, sobald sich ihr Federkleid zu voller Pracht entfaltet und ihr Gesang zu höchster Güte entwickelt hatte. Doch bis dahin hegte und pflegte man sie auf sonderbare und sehr verschwiegene Weise. Elisabeth hätte genauso gut die Nonnen im Katharinenkloster danach fragen können, die hätten den Finger auf die Lippen gelegt und geflüstert "Pst, Euer Hoheit! Darüber sprechen wir, wenn es soweit ist."

Als Elisabeth jetzt Hermann anschaute, wie er eigentlich so hilflos und verunsichert vor seinem selbst erschaffenen Feuerchen hockte, das er bestimmt nur ihr, Elisabeth, zuliebe, und nicht, um damit zu prahlen, entzündet hatte, da fühlte sie, daß es ihm ähnlich erging wie ihr und daß ihm so vieles unverständlich war, was die Erwachsenen mit ihnen anstellten. Und sie ahnte auch, weshalb Hermann hier draußen, ziemlich weit weg von der Burg und ihren Leuten, die Schneehöhle gebaut hatte: weil er im Grunde nicht recht wusste, wie er sich ihr gegenüber verhalten soll, damit sie ihn mochte, und er sich fürchterlich schämen würde, wenn jemand zugesehen hätte, wie töricht er sich benimmt, wenn er versucht, das zu sein, was man einen starken Mann nennt. Sie sagte "Du hast mir wirklich eine Freude gemacht mit deiner Schneehöhle. Ich danke dir dafür. Aber mir wäre es lieber, wenn wir uns das andere für später aufheben." Er starrte auf die abgebrannten Hölzchen und sagte fast erleichtert: "Ja, gut. Später ist auch noch Zeit dafür."

Es dunkelte schon, als sie zurückgingen. Hermann sagte, sie solle hier warten, er würde den Schlitten holen. Es war ihr jetzt unheimlich in der Schneehöhle bei dem verlöschenden Feuer und der hereinbrechenden Dunkelheit und Kälte. Aber Hermann beeilte sich und war bald wieder da. Sie setzte sich darauf, und er schlang sich den Riemen um die Schulter, und sie bewunderte ihn ein wenig, daß er den Weg so leicht fand und sie scheinbar mühelos auf dem Schlitten durch den Schnee zog.

Britta hatte sich verplappert und verraten, daß es einen alten Brauch gebe, mit dem ein Mädchen herausfinden kann, ob es im nächsten Jahr heiraten wird. Das muss ihr in Elisabeths Gegenwart wirklich so rausgerutscht sein, denn Britta war sonst vorsichtig genug, nicht solche Bemerkungen fallenzulassen, die Elisabeth mit Sicherheit hellhörig machten und dann unweigerlich dazu führen, daß sich Meister Immenberg oder sogar die Gräfinmutter fragten, wer sie damit wieder in Aufregung versetzt hatte.

Elisabeth hatte es natürlich sofort aufgeschnappt, aber sie wusste, daß Britta dichtmachen würde, wenn sie direkt versucht, sie auszufragen. Und so redeten die beiden eine Zeit lang aneinander vorbei, bis Britta behauptete, sie könne sich an den genauen Ablauf für das, was man dabei tun muss, nicht mehr erinnern, und schnell das Thema wechselte. Elisabeth nahm in einem geeigneten Moment Hermann zur Seite und sagte, es gebe da etwas, das sie unbedingt vollziehen müssten, um einen Einblick in ihr Schicksal zu gewinnen, und bei ihren Worten bekam er ein mulmiges Gefühl.

Nachdem sie sich etwas genauer erklärt hatte, meinte Hermann, da wäre in Reinhardsbrunn oft eine heilkundige Ordensschwester namens Hedwig, die sich mit solchen Sachen auskennt. Und Elisabeth bat ihn, doch mehr darüber in Erfahrung zu bringen. (Reinhardsbrunn war das Hauskloster der Landgrafen seit ihrem Stammvater, oder genauer, seit dessen Sohn Ludwig, der den Beinamen "der Springer" trug und der es gegründet hatte. Elisabeth war auch schon dort gewesen, es lag wunderschön in einem Tal am Rande des Gebirges, umgeben von Wiesen und Feldern und Teichen.)

Hermann schaffte es irgendwie, in drei Tagen herauszufinden, was es mit diesem Zauber, wie er sich ausdrückte, auf sich haben könnte. Elisabeth widersprach, es sei kein Zauber, denn ein Zauber verwandelt etwas in ein anderes. Dies hier sei eher ein Orakel. "Ein was?", fragte Hermann, "das klingt ja wie was, das in der Kirche von der Decke runterhängt." Elisabeth lachte und meinte, es wäre eine Vorausschau in die Zukunft, eine Weissagung, und die alten Argiver hätten es benutzt, um herauszufinden, wie sie sich verhalten sollten. "Nenn' es wie du willst", winkte Hermann ab, "ich weiß jedenfalls, was man dabei machen muss."

Dann fing er an, es ihr zu beschreiben, aber das klang völlig verworren und undurchführbar. Dank Elisabeths Feinarbeit stellte sich heraus, daß eigentlich nicht von einer, sondern gleich von drei verschiedenen Prozeduren die Rede war, die ihrerseits wieder aus einzelnen genau zu befolgenden Schritten bestanden. Aber bei Hermann, der Mühe gehabt hatte, alles zu behalten, vermischte es sich zu einer Folge mehr oder weniger sinnloser Tätigkeiten, bei denen zum Beispiel Zwiebeln, zerbrochene Schüsseln (oder solche, die man dafür zerschlagen musste) und Schuhe eine wichtige Rolle spielten.

"Also, warte mal", unterbrach ihn Elisabeth abermals, "wenn ich das richtig verstanden habe, dann kann man aus den Zwiebelscheiben erkennen, welcher Monat des Jahres sehr feucht und welcher eher trocken sein wird." "Wenn man sie mit Salz bestreut", ergänzte Hermann. "Ja natürlich. Aber das interessiert mich doch gar nicht." "Nein?" "Hermann, ich will wissen, wie es mit der Heirat steht." "Ja, ich auch. Dann müssen wir das andere machen." "Das Geschirr zerdeppern?" "Ja, oder den Schuh werfen." "Muss das ein besonderer Schuh sein?" "Ja, ein ganz besonderer." "Was für einer?" "Er muss dir gehören, und er muss dir passen." "Ich verstehe, was du meinst, ich muss ihn auch tragen können." "Ich denke ja." "An so was sollte es nicht mangeln. Dagegen wäre die Sache mit dem Geschirr schwieriger." "Ich könnte welches besorgen, ich stecke einfach nach dem Essen ein paar Teller ein." "Das ist nicht gut." "Nicht gut? Wir haben das beste Geschirr weit und breit." "Eben. Wir können nicht einfach was kaputt machen. Außerdem würde es auffallen. Womöglich erzürnt dein Vater so sehr darüber, daß du bestraft wirst und wieder mal drei Tage Arrest kriegst." "Ach pfff!", wehrte Hermann überlegen ab, "ich habe einen Schlüssel, der zu allen Kammern passt, oder glaubst du, ich sitze den ganzen Tag herum, nur weil es meinem Herrn Vater so gefällt." "Dann warst du das doch, den ich letztens draußen gesehen habe, als du eigentlich mit Meister Immenberg das griechische Alphabet lernen solltest." "Na und. Nenne mir eine Sache, wo das griechische Alphabet einem nützlich wäre." "Da können wir ein andermal drüber nachdenken." "Da gibt es nichts drüber nachzudenken." "Kann sein, jedenfalls bin ich dafür, daß wir die Schuhe nehmen." "Ja, das macht auch nicht soviel Lärm", sagte Hermann.

Sie verabredeten einen Tag und einen Ort, an dem sie das Orakel befragen wollten. Elisabeth suchte ein Paar helle Leinenschuhe aus, die vorn und hinten einen Silberbeschlag hatten und so weder zu leicht noch zu schwer waren, denn man musste diesen Schuh über die linke Schulter nach hinten werfen. Aus der Richtung, in die er weist, wenn er auf dem Boden zu liegen kommt, konnte man dann folgendes erkennen: liegt er mit dem Fersenende zur Tür hin, dann wird in diesem Jahr keine Hochzeit stattfinden; liegt er mit der Spitze zur Tür, dann wird das Mädchen die Stube als Braut verlassen. Zeigt er nach keiner der beiden Richtungen, dann konnte man nichts Genaues sagen; und Elisabeth und Hermann waren sich einig, daß dieser dritte Fall hoffentlich nicht eintrete.

Sie wählten einen Raum hinter den Vorratskammern, der nur eine Tür hatte. (Wie sonst hätten sie sich für eine von mehreren entscheiden sollen?) Elisabeth stellte sich nahe der gegenüberliegenden Wand auf und nahm den linken Schuh in die Hand. "Den anderen", sagte Hermann, der so daneben stand, daß er als erster sehen würde, wie er fällt. "Was?" "Rechter Schuh über linke Schulter! Es sei denn, bei dir liegt das Herz auf der anderen Seite." "Was? Du bringst mich ganz durcheinander." "Dann frag' nicht so viel und schmeiß' das Ding endlich, es ist kalt hier." Elisabeth zog den linken wieder an, nahm den rechten und holte aus. "Muss ich dabei die Luft anhalten und die Augen schließen." "Kannst du machen, wie du willst. Ich rate dir, nicht zu weit zu werfen, sonst knallt er an die Tür und ..."

Sie hatte aber schon geworfen. Der Schuh flog im Bogen durch den Raum und er wäre allerdings gegen die Tür geschlagen, wenn sie nicht genau in dem Moment aufgegangen wäre. Im Türrahmen erschien ein Junge in Jägerkleidung, mit einem runden, hellen Gesicht und langem braunen Haar, und als er etwas auf sich zufliegen sah, hielt er geistesgegenwärtig die Hände auf und bekam den Schuh zu fassen, bevor er heruntergefallen wäre. Hermann sagte "Was machst denn du hier?" Elisabeth stand unverändert mit erhobenem Arm und presste die Augenlider aufeinander. "Kann ich gucken?", fragte sie und drehte sich um. "Ich habe euch gesucht", sagte der Junge.

Elisabeth schaute auf ihn, dann auf Hermann, dann auf ihren Schuh und suchte einen Anhaltspunkt, um irgendetwas zu deuten. Der Junge war ein bisschen verwirrt, aber nur, weil er nicht wusste, was sich hier abspielt. "Ich bin Ludwig", sagte er mit knabenhafter Stimme. "Na, Mensch, meinst du, ich kenn' dich nicht", gab Hermann zurück, dem es missfiel, daß die ganze Sache schiefgegangen war. "Habe ich ja auch bloß zu ihr gesagt", entgegnete der Junge ruhig aber bestimmt und mit einer Kopfbewegung zu Elisabeth hin. "Du kennst ihn doch auch, nicht wahr? Ludwig, meinen kleinen Bruder", sagte Hermann und zog die Augenbrauen hoch. "Na ja", meinte Elisabeth, die in Gedanken noch nicht wieder ganz hier war, "ich glaube, wir haben uns schon mal gesehen." "Sicher", sagte Ludwig und ein freundliches Lächeln huschte über sein Gesicht.

Daß Hermann noch Geschwister hatte, war Elisabeth bekannt, er hatte sogar eine Schwester, die um vieles, manche sagten zehn Jahre, älter war als er. Und sie hatte auch schon den Namen Ludwig mehrmals gehört. Er wohnte auf der landgräflichen Burg in Weißensee, und die beiden Brüder sahen sich nur selten, entweder dort oder wie jetzt hier auf der Wartburg. Hermann hatte sich nur ein paar Mal flüchtig über seinen Bruder geäußert, und das hatte kaum gereicht, damit sich Elisabeth ein Bild von ihm machen konnte, was ja auch niemand verlangt hätte, wahrscheinlich am wenigsten die gräflichen Herrschaften.

Ludwig war nicht so groß wie Hermann und seine Bewegungen waren weniger fahrig und ungestüm. Wenn Hermann sich etwas vorgenommen hatte, war er nicht zu bremsen und seine Handlungen waren manchmal unüberlegt und rücksichtslos, damit konnte er aber auch oft seinen Willen durchsetzen. Ludwig wirkte bedächtiger, beinahe etwas zu langsam oder zögerlich, als überlege er vorher ganz genau, was zu tun nötig und wieviel Mühe und Kraft dafür aufzuwenden sei. Wenn es jedoch, wie eben bei der Schuhgeschichte, erforderlich war, dann konnte er auch blitzschnell reagieren.

Er trug eine merkwürdige Ausgeglichenheit, fast eine natürliche Eleganz zur Schau, die durch einen aufmerksamen und bisweilen eindringlichen Blick (der allerdings manchmal mehr nach innen, als auf die Außenwelt gerichtet schien) und durch eine jugendliche Zuversicht in seinem Ausdruck noch betont wurde. Kein Zweifel, er machte Eindruck auf Elisabeth, und das, obwohl er dieses Jägerkostüm anhatte, das ein bisschen unpassend wirkte. Er sah das jedoch ganz anders, und sie sollte bald darauf erfahren, wie empfindlich er reagierte, als sie ihn deswegen belächelte. Er legte großen Wert auf seine äußere Erscheinung, aber sein Geschmack ließ ihn dabei manchmal im Stich.

Elisabeth war rasch klargeworden, daß Ludwig von Anfang an hinter seinem Bruder zurückgestanden hatte. Als sie später das Gerücht vernahm, wonach eigentlich Ludwig der ältere war, und man dagegen Hermann, auch begünstigt durch seine auffälligere Gestalt, für den Erstgeborenen ausgab, der die Nachfolge des Vaters antreten sollte, da dachte Elisabeth, wenn an diesem Tausch und dieser Täuschung etwas dran sei, dann habe dazu wohl auch Ludwigs offensichtlicher Mangel an Ehrgeiz und gesundem Egoismus etwas beigetragen.

Ein starker Landgraf, wie ihn sich alle wünschten, musste vor Selbstbehauptung strotzen, er durfte in der Öffentlichkeit keine Spur von Verzagtheit zeigen, und er durfte keinesfalls, auch nicht nur gelegentlich, so einen verträumten Blick haben, wie er Ludwig manchmal anwandelte. Von einem seiner Ludowinger Vorfahren ging die Sage, ein Schmied im Wald habe ihm durch den Anblick seiner ohrenbetäubenden Schläge mit dem Hammer auf den Stahl und Amboss die Schwäche und Unentschlossenheit ausgetrieben, die man ihm angelastet hatte. Einen Schmied als Erzieher - nichts weniger hätte sich dieser junge Ludwig hier gewünscht.

Daß er seinen Jägeraufzug so schätzte, hatte einen naheliegenden Grund: seine Lieblingsbeschäftigung war eben das Jagen, und zwar die Beizjagd mit Habichten, von welchen er mehrere besaß und sie hegte und pflegte. Im Sommer reiste Elisabeth anlässlich eines Familienfestes mit dem Landgrafen und seinem Gefolge nach Weißensee und traf dort Ludwig wieder. Als die Feierlichkeiten vorbei waren und die Verwandten wieder abrückten, blieb Elisabeth auf ihren eigenen Wunsch hin noch ein paar Tage länger da; es wurde ihr eine kleine Schar von jungen, fähigen Rittern, Mägden und Knechten unter Führung des Walter von Vargula an die Seite gegeben, die sie nach Ablauf der Zeit heimbegleiten sollten.

Sie war jeden Tag mit Ludwig zusammen, sie machten zu Pferde weite Ausritte, und Ludwig zeigte ihr die Gegend, die viel ebener war als bei Eisenach, von langgestreckten, gelinde ansteigenden Hügeln durchzogen, die von lichten Wäldchen mit schlanken Bäumen bewachsen waren oder sich als Heide, auf der allenthalben Schafe weideten, hin zu dem flachen und stellenweise ziemlich breiten Fluss ausdehnten, der sich durch das Land schlängelte und über den am Fuße der Burg eine steinerne Brücke führte, auf der spät an den Nachmittagen die Hufe ihrer beiden Pferde widerklangen, wenn sie zurückkehrten.

Auch gab es zahlreiche Teiche, in denen Fische aufgezogen wurden, und etliche reiche Grundbesitzer, selbst aus entfernteren Regionen, hatten hier Pachtrechte erworben. Mit einem Kahn trieben die beiden gemächlich auf dem Wasser umher und unterhielten sich oft ein, zwei Stunden ohne Unterlass, und dann ergriff Ludwig die Ruder und brachte sich und Elisabeth an den Steg zurück, der etwas verborgen im Schilf in den Teich ragte.

Elisabeth liebte die Abwechslung in den Gesprächen mit Ludwig, manchmal waren sie gefällig oder heiter, manchmal tiefsinnig oder gefühlvoll. Oft ergab sich eins aus dem andern wie von selbst, und ihre Unterhaltung hatte fast immer Momente, wo die beiden Übereinstimmungen und Gemeinsamkeiten im Geiste und Gemüt entdeckten. Er hörte ihr gern und geduldig zu, und wenn sie eine Frage stellte, so steckte in seiner Antwort meist etwas, das Elisabeth neu war, und sie sah, daß er stolz darauf war, es ihr mitzuteilen. Aber manchmal machte sie sich einen Spaß daraus, ihn zum Narren zu halten und ihn mit Albernheiten zu necken, um dann schnell vor ihm wegzulaufen, wenn er drohte, sie zu packen und ins Wasser zu werfen.

Am meisten beeindruckte sie seine Leidenschaft für die Habichte und natürlich die schönen Vögel selbst, um die sich Ludwig fast ganz allein kümmerte, lediglich unterstützt von zwei Gehilfen und angeleitet von einem erfahrenen Falkner, der aber nicht ständig da war. Einen Habichts Terzel hatte Ludwig selbst im Vorjahr aus dem Nest geholt und ihn seitdem aufgezogen. Er zeigte ihr auch, als sie daran vorbei ritten, den hohen Baum, wo der Horst zu sehen war. "Da hoch bist du geklettert?", fragte sie ungläubig. Er erklärte ihr, wie er unten am Stamm mit Hilfe von Steigeisen hinaufkam und dann über die großen Äste weiterkletterte. Wie die meisten Horste war auch dieser nahe am Stamm gebaut. Wie er den kleinen Vogel dann nach unten gebracht habe, wollte sie wissen. "In einem Körbchen an einem Strick hinabgelassen."

Inzwischen hatte er dem Habicht beigebracht, auf dem ledernen Fausthandschuh zu sitzen, von dort loszufliegen und auch wieder zu landen. Elisabeth war sehr angetan von der schönen braunen Färbung des Federkleides und von dem hellen gestreiften Muster auf der Brust. Der Habicht schaute sie aus seinen scharfen Augen an, über die sich lange, gerade Brauen wölbten und ihm ein sehr strenges Antlitz gaben. Es schien ihr, als würde er ein bisschen eifersüchtig auf sie sein.

An einem anderen Tag nahm Ludwig den Habicht mit auf eine hügelige Wiese, wo es Kaninchen gab, die er jagen sollte. Ob er denn auch einen Namen habe, fragte Elisabeth, und Ludwig sagte "Er hört auf 'kirro'." "Kirro? So heißt doch der andere Habicht auch?" "Ja, sie hören alle auf diesen Namen." "Das ist aber merkwürdig. Wie hält man sie dann auseinander?" "Man hält sie nicht am Namen auseinander, sie sehen doch ganz verschieden aus. Eigentlich brauchen sie keine Namen, und es ist auch nicht ganz sicher, ob sie überhaupt darauf hören. Im übrigen ist ja immer nur einer bei der Jagd, den kann man nicht verwechseln. So, jetzt pass' auf, ich lasse ihn fliegen." Der Habicht schwang sich in die Luft, flatterte und segelte ein Stück, drehte eine Runde und ließ sich dann auf einer Kiefer nieder, wo er anfing, sein Gefieder zu putzen. Ludwig war erst sprachlos und dann fluchte er leise; Elisabeth musste kichern. "Das kommt vom Sonnenschein", sagte Ludwig, "es ist zu gutes Wetter heute." "Mir gefällt's." "Ihm gefällt's auch, aber da ist er zu faul zum Jagen."

Beim zweiten Mal begleitete sie einer der Gehilfen und sie nahmen ein Frettchen im Kasten mit, das in den Kaninchenbauen herumstöbern und die Beute hinaus scheuchen sollte. Ludwig erzählte, wie sie das schon mit Erfolg praktiziert hatten, und der Gehilfe, der mit Schorf und Warzen übersäte Hände hatte und dauernd grinste, bestätigte es. Der Habicht und das Frettchen würden sich gut vertragen, versicherten die beiden, aber es klang so, daß Elisabeth jeden Augenblick erwartete, der Vogel würde dennoch seine nadelspitzen Krallen in das weiße Fell des kleinen Tierchens bohren und es blutrot färben.

Es war die meiste Zeit in den Kaninchenbauen verschwunden, und tatsächlich hoppelten bald ein paar davon durchs Gras. Elisabeth konnte beobachten, wie der Habicht sich eins ausgespäht hatte, immer niedriger flog und endlich, als er nur noch im geringen Abstand über seiner Beute war, schnell wie ein Pfeil hinabstürzte. Aber er verfehlte es oder es hatte im letzten Moment einen Haken geschlagen. Er flatterte ihm hinterher, nahm einen neuen Anflug, doch das Kaninchen hatte sich in ein Brombeergestrüpp geflüchtet, wo der Habicht Gefahr laufen musste, sich selbst zu verletzen. Schließlich kam er zurück auf Ludwigs Faust, der ihn für seine Anstrengung mit ein paar Bissen Fleisch belohnte. Elisabeth spendete ihm Beifall, aber sie war auch froh, daß das Kaninchen noch mal davongekommen war.

Dann regnete es einen ganzen Tag lang, und sie beschäftigten sich mit den Habichten und allem, was sonst zu tun war, wenn man nicht auf die Jagd ging. Ludwig zeigte Elisabeth seine ganze Ausrüstung, vor allem die Teile, auf die er besonders stolz war. Darunter war eine Falknertasche aus Leder mit einem Besatz aus geschnitztem Hirschhorn, der eine Beizjagdszene darstellte. Diese Tasche, dazu Drahlen und Fesseln, wie die Riemen zum Festhalten hießen, sowie ein Paar Schellen, eine aus Silber und eine aus Messing, waren ein Geschenk vom Kaiser Friedrich persönlich, der selbst ein begeisterter Falkner war und darüber sogar ein Buch verfasst hatte.

Ludwig erwähnte auch, daß dies Geschenk ursprünglich in Hermanns Hände gegeben worden sei, weil Hermann als des Thüringer Landgrafen Sohn dem Kaiser geläufiger war, aber Hermann hatte sich nie für so etwas interessiert. Elisabeth dachte darüber nach, warum Ludwig ihr das erzählt hat, und sie meinte, er habe damit indirekt andeuten wollen, es sei ihm durchaus bewusst, daß seine Fähigkeiten oft unterschätzt werden, er aber am Ende doch sein Ziel, selber ein Landgraf zu werden, erreichen könnte.

Ludwig und der Gehilfe bauten an dem einen Schuppen herum, während Elisabeth mit den Frettchen spielte, die unvergleich zutraulicher waren als die Habichte. Ludwig zeigte ihr, wie man eins am Nacken packt, und sie nahm es genauso hoch; da hing es herab und ließ Ärmchen und Beinchen baumeln und schaute sie aus seinen roten Augen an. Dann gähnte es auch noch, und Elisabeth musste lachen. "Das ist die Tragschlaffe, wenn sie so runterhängen", erklärte Ludwig und fügte hinzu "wenn sie ranzen, dann packt das Männchen das Weibchen auch so im Nacken und schleppt es herum." "Wenn sie tanzen?" "Ranzen. Das ist, wenn sie ... also wenn sie kopulieren." Elisabeth fragte nicht weiter; Ludwig schaute sie ganz arglos an, und erst im nächsten Moment wurde sein Gesicht purpurrot. "Aha, so ist das", stammelte Elisabeth, "wieder was dazugelernt."

Und einmal machten sie Jagd auf die Enten am Teich. Statt der Frettchen war ein schwarzweißer Münsterländer Hund dabei, der gegebenenfalls die Ente aus dem Wasser holen musste. Diesmal war der Habicht in großer Form, vielleicht hatte er mehr Lust auf Enten als auf Kaninchen. Er flog unbemerkt an sie heran und fing eine, bevor die ganze Schar vom Ufer weg flüchten konnte. Er hielt mit einem seiner Fänge ihren Kopf fest, den anderen hatte er in ihren Hals gekrallt. Die Ente schlug verzweifelt mit den Flügeln, und die Schellen an den Habichtsfüßen bimmelten, als er sich ihren Zuckungen entgegensetzte, sie konnte ihn nicht mehr abschütteln und rasch erlahmte ihre Kraft. Ludwig trat hinzu und gab ihr mit dem Stilett den Todesstoß ins Genick, Elisabeth schaute weg. Der Habicht wurde wiederum für seine Mühe belohnt, die Ente gab es abends gebraten zum Essen, wozu auch der Gehilfe eingeladen wurde. Der Hund aber war eine Zeit lang verschwunden und kam erst am nächsten Tag wieder.

Elisabeth war schon seit ein paar Wochen wieder auf der Wartburg, aber fast täglich erinnerte sie sich an die Tage in Weißensee. Hermann war das wohl aufgefallen, und er versuchte auf seine Art, sie abzulenken und sie auf andere Gedanken zu bringen. Es war bestimmt gut gemeint, aber es half nicht wirklich. Noch bevor sie sich über ihr Verhältnis zu Ludwig klar werden konnte, spürte sie, daß die gefühlte Entfernung zwischen Hermann und ihr mit jedem Tag größer wurde. Sie konnte nicht genau sagen, woran es lag, aber sie war im stillen auch der Überzeugung, daß sie sich deswegen nicht schämen musste, denn sie war immer, auch und gerade was ihre Empfindungen für ihn betraf, nur aufrichtig gewesen.

Etwas anderes bedrückte sie mehr: Seltsamerweise kam es ihr vor, als hätte sie schon in dem Augenblick, als ihr klar wurde, daß sie dem Grafensohn als Gemahlin versprochen ward, die schlimme Ahnung gehabt, es würde nichts daraus werden. Natürlich hatte sie das für sich behalten. Doch die ganze Zeit über quälte sie der Gedanke, sie selbst träfe dabei die Schuld; und wenn es tatsächlich so kommen würde, müsste sie sich eingestehen, sich nicht mit ganzem Wesen, mit Haut und Haar, mit Herz und Seele dieser Verbindung hingegeben zu haben, wie es ihre heilige Pflicht gewesen wäre.

Hermann war nicht anzumerken, ob ihm Elisabeths Zurückhaltung zu schaffen machte. Er hatte unter den Wachleuten ein paar neue Freunde gefunden und mit ihnen stromerte er nicht nur im Wald umher, sondern sie unternahmen auch manchen Streifzug in die Stadt, und obwohl das niemand erfahren sollte, wusste Elisabeth doch, daß die jungen Männer sich auch in Gassen herumtrieben, die zu betreten der alte Landgraf seinem Sohn niemals erlaubt hätte.

Vielleicht hatte es ihm jemand zugeflüstert, jedenfalls schickte er Hermann vier lange Wochen zu den Mönchen nach Reinhardsbrunn, wo er Unterweisungen bekam, die ihn gar nicht ergötzen konnten. Übrigens sollte Elisabeth ihn dort besuchen, aber das schlechte Wetter machte es unmöglich. Sie vertrieb sich die Zeit mit Stickereien, die Britta ihr beibrachte, und sie versuchte sich an einem Motiv mit dem aufrecht schreitenden Löwen, dem Wappentier der Thüringer.

Einmal verlor sich Britta in merkwürdigen Betrachtungen. "Schau' her, Lisbeth", sagte sie und wendete den Stickrahmen von der Ober- zur Unterseite hin und her. "Genau betrachtet ist auf beiden Seiten eine Stickerei, nur mit dem Unterschied, daß man auf der Unterseite kein Motiv erkennen kann. Die Fäden verlaufen hier völlig durcheinander, sie kreuzen sich scheinbar zufällig, sie folgen keiner Ordnung und zwischen Anfang und Ende herrscht bloße Willkür. Wir legen natürlich nur Wert auf die obere Seite, und wenn die Stickerei fertig ist, verbergen wir die andere."

Elisabeth dachte eine Weile darüber nach, dann sagte sie "Auf den ersten Blick magst du recht haben. Aber ist es nicht so, daß die eine Seite sich immer aus der andern ergibt? Wenn ich mit der Nadel genau an dieser Stelle durch den Stoff steche - sie tat es mit besonderer Sorgfalt - und den Faden durch das Loch ziehe, dann kommt er - sie drehte den Rahmen um - genau an derselben Stelle wieder heraus, nur eben auf der andern Seite." "Du hast recht", sagte Britta, "so gesehen ist da überhaupt kein Unterschied, und man könnte sogar sagen, die Unordnung auf der Unterseite ist genausogut eine Ordnung, nur daß es uns schwerfällt, sie zu erkennen."

Sie schwiegen beide. Dann fragte Elisabeth "Ist das schon alles, weswegen du damit angefangen hast?" "Eigentlich ja. Man könnte vielleicht noch ergänzen: wenn wir so eine Stickerei mit unserm Leben gleichsetzen, durch das sich ja auch ein Faden, der Lebensfaden, zieht, dann hat es ebenso eine Oberseite, deren Motive wir oftmals leichter erkennen können, weswegen wir uns auch damit begnügen. Die andere Seite, die verborgene, lassen wir lieber außer Acht, weil es uns schwerer fällt, ihr Geflecht zu entwirren, um es zu verstehen."

* * * * *

An dem Tag, als das Unglück geschah, war Elisabeth mit Britta in die Stadt gegangen. Als sie wieder auf der Burg waren, hatte man Hermanns Leiche bereits weggebracht. Was genau geschehen war und vor allem, warum er es getan hatte, das konnte niemand mit letzter Gewissheit sagen. Aber bald schon mehrten sich die Stimmen, die von Leichtsinn, Übermut, sogar von Todessehnsucht sprachen.

Aus dem obersten Fenster des hohen Turms hatte er ein Seil herabgelassen, oben befestigt und unten mit einem dicken Knoten versehen; das hing etliche Meter herab. Daran war er in der Schwindel erregenden Höhe hinabgeklettert, über dem Felsen, der tief unten schroff und hart empor ragte. Es gab niemand, der ihn dabei sah, und er hatte vorher kein Wort darüber verloren. Am Seil abwärts zu gleiten, war ihm wohl noch leichtgefallen. Auch hatte Hermann, wie man wusste, keinerlei Höhenangst. Aber wieder hinauf, der einzige Weg zurück, der muss ihm zum Verhängnis geworden sein. Irgendwann hatten ihn wahrscheinlich seine Kräfte verlassen, er konnte sich nicht mehr halten, war abgestürzt und mit einem grässlichen Schrei unten auf dem Felsen aufgeschlagen.

Elisabeth weinte Tag und Nacht, sie hätte ihr eigenes Leben dafür geopfert, wenn dadurch Hermann in seines zurückgekehrt wäre. Aber er kam nicht wieder. Er sollte am Landgrafenhof in der Stadt beigesetzt werden, und die Trauerfeier hatte noch gar nicht angefangen, als schon darüber gemunkelt wurde, ob dem Jungen ein Begräbnis mit dem heiligen Sakrament zugestanden werden könne, wenn sein Tod vielleicht kein Unfall war, sondern von eigener Hand herbeigeführt worden sei. Der alte Landgraf donnerte nur einmal mit Bärenstimme und außer sich vor Zorn in das unselige Geflüster drein, und in seinen Augen konnte man Tränen sehen, aber danach herrschte Ruhe, wie sie für diese schwere Stunde angemessen war. Man ersparte Elisabeth die Zeremonie, sie hatte sich vorher an Hermanns Sarg allein und still von ihm verabschiedet.

Hedwig von Flossenburg, jene Ordensschwester, die Hermann seinerzeit über das Hochzeitsorakel ausgefragt hatte, spielte dem Landgrafen ein paar Gerüchte zu, wonach es angeblich zwischen dem unglücklichen Hermann und Elisabeth zu einer geheimen Absprache gekommen war, nach welcher Elisabeth von dem Jungen eine Art Mutprobe verlangt hätte zum Beweis seiner Stärke und Verlässlichkeit als ihr zukünftiger Gemahl. Und damit ihrer, Elisabeths, Unverschämtheit nicht genug - sie habe Hermann auch noch mit Verachtung und Spott gedroht, wenn er sich weigerte. Der Landgraf konnte nicht anders, als die Vorwürfe zur Sprache zu bringen, auch um dem verlorenen Sohn und sich den Frieden zu bewahren.

Elisabeth brach unter den Anschuldigungen ohnmächtig zusammen. Schon der Anblick Hedwigs, ihre fürchterlich hagere Gestalt und ihr totenbleiches Gesicht mit den tief in ihren Höhlen lauernden Augen hatten sie vor Schreck erstarren lassen. Der Landgraf zeigte sich unerbittlich und sie musste gleich, als sie sich halbwegs erholt hatte, Rede und Antwort stehen. Aber was sollte sie sagen? Was wollte der alte Hermann von ihr hören? Sie zitterte bloß am ganzen Körper. Britta wollte ihr helfen und mischte sich ein, aber man verbot ihr das Wort. Da geschah etwas Seltsames. Ludwig, welcher bei dem Begräbnis anwesend war, trat ein und erklärte, er habe mit seinem Bruder Hermann darum gewettet, wer es wage, sich über einem Abgrund am Seil hinabzulassen und wieder hochzuziehen. Hermann habe dafür offenbar seine Geschicklichkeit erproben wollen.

Hedwig ließ nicht locker. Wie es dann zu erklären sei, daß Hermann - wohlgemerkt der stärkere der Brüder - es für nötig hielt, seine Kräfte zu erproben, während er, Ludwig, so ganz gelassen dieser Wette entgegensah? Und auf wessen Seite dann Elisabeth wirklich stand, wenn es eine solche Wette gegeben habe? Anscheinend nicht auf seiten Hermanns, wie es sich gehört hätte. Hedwig wollte schon die nächste hochnotpeinliche Frage aufwerfen, als der alte Landgraf sie unterbrach und Ludwig fragte, wann diese Wette abgemacht worden wäre. Und da geschah abermals etwas Merkwürdiges: als Ludwig daraufhin erwiderte, dies sei in Reinhardsbrunn geschehen, wo auch er für ein paar Tage geweilt hatte, da bekam des alten Landgrafen Gesicht einen Ausdruck, wie wenn es für einen Moment versteinert ist und das Blut in seinen Adern versiegt, dann fragte er zur allgemeinen Verblüffung der Anwesenden "Was für ein Reinhardsbrunn?"

Auch wenn Elisabeth mit Ludwig später nie über diesen Vorfall sprach, um seine Erklärung zu erfahren, so deutete sie ihn im Nachhinein als eine der ersten Ankündigungen jenes furchtbaren Dämons, der den Grafen gegen Ende seines Lebens in seine Gewalt brachte. Und in Ludwigs fassungslosem Blick, den er ihr zuwarf, konnte sie seine Befürchtung ablesen, der Verlust des Sohnes habe dem Vater das Herz gebrochen, so sehr hing er an ihm.

Ob Ludwigs Behauptung nun der Wahrheit entsprochen hatte oder nicht, er bewirkte damit, daß der Bruder mit Würde ins Reich der Seligen verabschiedet und Elisabeth von jedem Verdacht entlastet wurde. Ludwig reiste bald nach Weißensee ab, er und Elisabeth wechselten diesmal nur wenige Worte. Erst etliche Wochen später sahen sie sich wieder.

Auf der Wartburg machten sich einige Umbauten erforderlich, und so zog Elisabeth mit ihren getreuen Mädchen und Frauen auf die Creuzburg, die hoch auf dem Hügel über einer Biegung der Werra lag und wo es ihr bald ebenso, und was den wunderschönen Garten betraf, sogar noch besser gefiel als auf der Wartburg. Kleine Parzellen waren mit niedrigen Buchsbaumhecken eingefasst, wo Kräuter aller Herkunft und für jeden Zweck, ob in der Küche oder für die Heilkunde, wuchsen. Die meisten waren ziemlich unscheinbar, einige strömten einen aromatischen Duft aus, und andere hatten niedliche Blüten, die man erst aus der Nähe richtig bestaunen konnte. Es gab an einer Seite einen Rosenhag, wo eine besondere Sorte an Holzgittern emporrankte. Jemand sagte ihr, diese Rosen wären mit den heimkehrenden Kreuzfahrern aus der Levante gekommen, wo sie an einem besonderen Ort gezüchtet werden.

Weiter hinten stand ein Kastanienbaum, welchem vor vielen Jahren die Krone abgebrochen war (manche sagten durch Blitzeinschlag) und der eigentlich danach gefällt werden sollte, was man aber Gott weiß warum unterlassen hatte, und die Baumkrone hatte im Laufe der Zeit eine ganz eigentümliche Form angenommen, die im Sommer wirklich das buchstäbliche Blätterdach bildete, in dessen Schatten Elisabeth so gern verweilte. An einer Ecke des Gartens war in der Mauer ein kleiner Durchschlupf, und dahinter führte eine schmale Steintreppe hinunter fast bis zum Rand des Dorfs, das direkt am Flussufer lag. Dieser Durchgang konnte natürlich verriegelt und verrammelt werden, wenn der Burg und ihren Insassen Gefahr drohte, und auch die Treppe konnte man dann angeblich unbegehbar machen, obwohl Elisabeth niemanden fand, der ihr erklären konnte, wie das geschieht.

Eines Tages tauchte zu Elisabeths Überraschung das Mädchen auf, mit dem sie seinerzeit in Eisenach hinter der Bäckerei Kling gespielt und mit dem sie sich angefreundet hatte. Sie hieß Valeria. Was sie denn hierher führte, fragte Elisabeth, und die andere erwiderte in wichtigem Ton, das habe gleich zwei Gründe: zum einen will sie Elisabeth besuchen, nachdem sie erfahren hat, daß sie sich hier aufhält; und zum anderen hat sie hier im Ort Verwandte. Übrigens sei sie zu Pferde hergekommen. Als sie auf der Wartburg nach ihr gefragt und gesehen hatte, daß Elisabeth nicht da ist, gab ihr der alte Gregor das Pferdchen Salto, das ihr ganz prima gehorchte und mit dem sie für den Weg bloß eine gute Stunde brauchte. Elisabeth freute sich auch, Salto wiederzusehen, aber im ersten Moment war sie ein bisschen eifersüchtig, daß sich das liebe Tier so mir nichts dir nichts mit einer anderen anfreundet.

Elisabeth nahm Valeria an die Hand und zeigte ihr alles, und sie besuchten auch die Verwandten, eine Familie mit unzähligen Kindern jedes Alters, von denen ständig zwei oder drei krank waren. Es gab unter ihnen auch einen Jungen, den man den Finkenmichel nannte, wegen seiner schrecklich hohen Stimme und weil er auch meistens nichts weiter von sich gab als irgendwelche Laute, die einem Vogelzwitschern ähnelten.

Aber er konnte herrliche Grimassen schneiden, daß man annehmen musste, er sei nicht mit einem, sondern mit vielen verschiedenen Gesichtern auf die Welt gekommen, die er abwechselnd aufsetzte, und man wollte sich bei seinem Anblick ausschütten vor Lachen. Außerdem war er so mager und gelenkig, daß er Arme und Beine auf das erstaunlichste verrenken konnte. Der Finkenmichel gab immer regelrechte Vorstellungen, bei denen man ihm Beifall klatschte, und seine Mutter sagte einmal zu Elisabeth, sie befürchte, die Zigeuner, wenn sie hier durch ziehen, könnten ihn mitnehmen, weil sie so einen Spaßmacher für Geld vor den Leuten auftreten ließen.

An manchen Tagen fühlte sich Elisabeth sehr allein, oder sie fand keine Ruhe und wäre am liebsten fortgelaufen, irgendwohin, nur damit sie spürte, wie sie vorwärtskommt. Sie blieb lange wach und schaute nach der untergehenden Sonne, und wenn längst alles dunkel war, träumte sie immer noch mit offenen Augen vor sich hin. Dann wieder erwachte sie frühmorgens noch vor Tagesanbruch, stand auf, kämmte sich lange das Haar und wartete auf die Morgendämmerung und darauf, daß die ersten Strahlen über dem Horizont hervorbrechen und das gleisende Licht ihre Stirn und Wangen erwärmt.

"Britta! Sing' mir etwas vor", sagte sie, um sich zu zerstreuen. "Etwas Lustiges oder etwas Trauriges?" Elisabeth überlegte. "Gibt es ein Lied, das beides ist? Ach Britta", sagte sie mit gespielter Schwermut, "mich verlangt nach einem geheimnisvollen Lied, das meine arme Seele einen ganzen Tag lang und noch bis hinein in die Nacht beschäftigen kann." "Nun denn", erwiderte Britta und hub an und sang das Lied von dem Reiter am Tor, und wenn Elisabeth auch nicht gänzlich verstand, wovon es handelte, meinte sie doch im Nachhinein, Britta hatte wohl genau das Richtige getroffen.

 
.......................................Es zog ein Reiter zum Tore hinaus,
.......................................Ade!
.......................................Feins Liebchen schaute zum Fenster hinaus,
.......................................Ade!
.......................................Und wenn es denn soll geschieden sein,
.......................................So reich' mir dein goldenes Ringelein,
.......................................Ade! Ade! Ade!

.......................................Es scheidet der Liebste zur falschen Stund,
.......................................Ade!
.......................................Es macht mir der Abschied das Herze wund,
.......................................Ade!
.......................................Schickt er einen Gruß von ferne her,
.......................................Wenn er nur bald wieder bei mir wär'
.......................................Ade! Ade! Ade!

.......................................Und der uns scheidet, das ist der Tod,
.......................................Ade!
.......................................Er scheidet so manches Mägdelein rot,
.......................................Ade!
.......................................Sie wär' doch geworden der süße Leib,
.......................................Der Liebe entzückender Zeitvertreib,
.......................................Ade! Ade! Ade!


 
* * * * * * * *
Ritter zwischen Kreuz und Krone
 

Sie waren der Vortrupp. Vierzehn Mann. Landgraf Hermann war ihr Anführer, Gunther von Mühlberg sein Adjutant. Die anderen kamen aus Friedrichswerth, Tonna, Eisenach, Gotha, manche waren Lehnsherren des Grafen. Es war eine Handvoll junge Burschen dabei, die kräftig, mutig und verwegen waren und die bis vor die Tore der Verbotenen Stadt gezogen wären, um ihr Glück zu machen. "Man konnte sich auf sie verlassen wie auf einen Hund, den man aus dem Wurf genommen und mit eigener Hand großgezogen hat", sagte Hermann und schränkte gleich ein: "solange man mit ihnen gemeinsam im Kampf war. Wenn es aber nichts zu kämpfen gab und ihre Schwerter nur einen Vormittag lang in der Scheide stecken blieben, dann verließen sie jede Pflichttreue und Anhänglichkeit, wie als wenn der Wind plötzlich ihren Namen weggeblasen hätte, und sie erinnerten sich an nichts mehr, das sie jemals an ihren Herrn gebunden hätte."

"Hatten sie denn keinen Schwur geleistet?", fragte einer aus dem Kreis der Zuhörer. "Natürlich hatten sie den geleistet. Aber jeder, der sich einmal auf einem Kreuzzug befunden hat, weiß, daß spätestens hinter Konstantinopel ein Schwur keinen Pfifferling mehr wert ist, und wenn man sich darauf beruft, wird man höchstens ausgelacht. Es ist, wie wenn man eine Frau heiratet: man weiß nie, was einen nach der Hochzeitsnacht erwartet, man will es wahrscheinlich auch gar nicht wissen, denn so viele abschreckende Beispiele von Frauen, welche die Ehe gebrochen haben, können einen Mann offenbar nicht davon abhalten, ihr Glauben zu schenken, wenn sie ihm die ewige Treue schwört." Der Landgraf lachte, und seine holde Gemahlin warf ihm (nicht zum ersten Mal) einen Blick zu, der ihn daran gemahnen sollte, Rücksicht auf die Kinder zu nehmen, die auch seiner Rede lauschten und die von jedem seiner Sätze beeindruckt waren, wie immer, wenn der Alte von seinen Erlebnissen im Wüstenkrieg erzählte, über seine "Kameljahre", wie es der junge Ludwig manchmal nannte.

Er und sein Bruder Hermann hatten meistens in einer Ecke des weißen Zimmers gesessen, das wegen der hellen Kalksteine der Wände so hieß, die zum großen Teil von dunklen roten und blauen Teppichen bedeckt waren, welche im gedämpften Licht eines schwindenden Nachmittags ihre Muster den Blicken zu öffnen schienen, die darin träumerisch versinken konnten.

Als sie noch jünger waren, bevorzugten die beiden Brüder ein Fleckchen nicht zu weit ab von den anderen, zum einen, um den Grafen möglichst gut beobachten zu können und damit ihnen keine der Gesten und Mienen entginge, die seine Worte noch anschaulicher machten; zum anderen aber auch deshalb, weil manche Geschichte oder auch nur manches Detail darin so schaurig war, daß man es mit der Angst bekommen konnte und befürchtete, es würde womöglich keiner merken, wenn jetzt einer von diesen teuflischen Kriegern, von denen der Graf erzählte, sie nach hinten wegschnappt und gleich in einem groben Sack verstaut, um sie auf den Sklavenmarkt zu schaffen.

Hermann hatte ein Messer mit einem schön verzierten Griff geschenkt bekommen, und an den besonders aufregenden Stellen von des Grafen Bericht wechselte es unter den Brüdern unbemerkt von einer in die andere Hand. Später ließen sie sich nicht mehr so leicht ängstigen, Hermann saß fast lässig zu des Landgrafen Füßen, und Ludwig stand manchmal am Fenster, lehnte sich dort auf den breiten Sims und beobachtete aufmerksam die Szenerie.

"Was hatten diese Burschen eigentlich vor?", fragte ein junger Ritter. "Frag' sie mal danach", erwiderte der Graf, "du wirst nicht schlau aus ihren Antworten, und noch weniger aus ihren Absichten, wenn sie über ihre Zukunft sprechen. Ich will nichts Schlechtes über sie sagen, denn sie waren alle hervorragende Kämpfer und ohne diese Draufgänger hätte unser hochgelobtes Heer nur halb so viele Siege errungen. Im Sturm zu Pferde preschten sie gegen den Feind mit geballter Kraft, daß kein Auge den einen vom andern unterscheiden konnte. Wie sich ein vielköpfiger Drachen voran wälzt, nur daß statt der Köpfe unzählige Lanzen bewehrte Arme durch die Luft schwenken, so stürzten sie sich auf den Gegner.

Und im Kampf mit dem Schwert Mann gegen Mann - ach was sage ich - einer gegen ein halbes Dutzend, da verteilten sie sich geschickt, sah man einen hier, einen dort, und manchmal im Kriegsgetümmel gaben sie sich untereinander irgendwelche Zeichen, kamen sich für einen Moment näher, brüllten sich was zu, das kein anderer begreifen konnte, und dann schlugen sie scheinbar im Handumdrehen eine Bresche in die feindliche Menge oder schafften Platz für unsere schweren Waffen.

Es waren die reinsten Naturtalente auf dem Schlachtfeld, stark wie Bären, erbarmungslos wie Löwen, verschlagen wie Wölfe. Dabei hatte ich zuvor nie von ihnen gehört. Sie kamen aus irgendwelchen gottverlassenen Nestern in Sachsen; Bauernburschen womöglich, die zu Hause anstelle des Ochsen den Pflug gezogen hatten. Einer hieß Hans Rust, einen anderen nannten sie bloß die "Eisenfaust". Sie hatten soviel Bildung wie ein Nachtwächter und Manieren aus der Abfallgrube, aber sie waren nicht dumm, sie ließen sich nicht übers Ohr hauen. Und - das musste man ihnen zugestehen - sie hatten ihren eigenen Stolz, und wer sie beleidigte oder sich abfällig über ihre Familie äußerte, der musste zusehen, daß er schleunigst davonkam, bevor er verprügelt wurde. Ihren Sold sparten sie auf, und abgesehen davon, daß sie stets den Teil forderten, der ihnen zustand, waren sie genügsam. Nun gut, gehungert haben wir alle des öfteren in diesem vermaledeiten Wüstenland. Dafür gab's immer wieder Tage, wenn wir eine Festung oder eine reiche Stadt eines Emirs erobert hatten, wo man fressen, saufen und huren konnte nach Herzenslust."

"Was ist huren, Onkel Hermann?", fragte einer der Jungen aus des Grafen Verwandtschaft, und seine Gemahlin zog eine Augenbraue hoch. "Huren? Das ist ... Singen, mein Junge, Lieder singen, wenn man einen Sieg über die Heiden feiert." "Hast du auch gehurt?" "Ich? Nein, ich sagte ja eben: wo man essen und trinken und singen kann. Also den Bauch habe ich mir schon tüchtig vollgeschlagen, da kannst du dich drauf verlassen, aber singen ... da hab' ich gar nicht die Stimme dafür. Nun, was ich sagen wollte, unsere jungen Burschen jedenfalls hielten sich auch da zurück." "Vielleicht konnten sie auch nicht gut singen." "Ja, ja, schon möglich, jetzt lass' mal gut sein mit dem Singen. Dabei standen sie sozusagen in der Blüte ihrer Männlichkeit, ja, ich muss zugeben, wenn man sie so ansah, hätte man wirklich neidisch werden können auf ..." Die Gräfin sagte "Hermann, was ist denn nun weiter geschehen?" "Unterbrich' mich nicht, sonst verliere ich den Faden. Ich wollte nur feststellen, daß manche unserer kühnen Kämpfer für einen Fremden so aussahen, als wären sie die Anführer der Truppe und nicht ... na sagen wir ... beispielsweise der Gunther von Mühlberg, den ihr ja kennt und der bestimmt an die drei Zentner aufs Pferd bringt, auch ohne sein mächtiges Schwert und sein Kettenhemd.

Diese Gesellen waren gewissermaßen unsere Leibgarde, dafür hatte sie der Gunther von Mühlberg vorgeschlagen und ich war damit einverstanden. Und weil wir es uns nicht leisten konnten, armselig zu erscheinen, hatten wir die Jungs ganz hübsch ausstaffiert und ich gebe es zu, wir schmeichelten uns ein wenig mit ihrer Gefolgschaft und mit dem Eindruck, den wir mit ihnen machten. Wenn wir mit irgendeiner Abordnung eines Emirs oder mit dem Gesandten eines Stammesfürsten zur Verhandlung zusammentrafen, habe ich es mehr als einmal erlebt, daß nicht ich oder der Mühlberger oder einer von unseren Herren als erster begrüßt und angeredet wurde, sondern einer von den Burschen, meistens der Hans Rust, der auch alle um Haupteslänge überragte.

Und er konnte nicht mal was dafür, er musste sich sehr überwinden, einen zusammenhängenden Satz zu reden, war er es doch gewohnt, mit wenigen Worten auszukommen, um sich mit seinen Kameraden zu verständigen, und ansonsten auf alle Fragen nur einsilbig zu antworten. Das längste, was ich Hans Rust in den ersten sechs Wochen habe sagen hören, war, als er einmal abends beim Feuer mit einem Bratspieß zu mir kam und sagte 'Herr Graf, diese Springratte schmeckt vorzüglich', und das klang wie ein Ausspruch, den jemand nachträglich zum Spaß in eine Tragödie des Aischylos eingeschoben hatte."

"Was tat er, als er von den Unterhändlern angesprochen wurde?", wollte einer der Zuhörer wissen. "Beim ersten Mal wollte er gleich das Schwert ziehen, als der andere ihm zu nahe kam, und er dachte, sein schrilles Gehudel wäre nichts als eine bösartige Beleidigung seiner Familie. Aber wir gaben ihm schnell ein Zeichen, und er ließ es mit versteinerter Miene über sich ergehen, wie dieser arabische Stammeshäuptling ihn umarmte und willkommen hieß. Ich bin mir nicht sicher, ob er es als Ehrerbietung oder als Demütigung auffasste, zumal seine Kumpane sich ein Grinsen nicht verkneifen konnten. Doch der Mühlberger versicherte ihm, es sei eine Geste der Friedfertigkeit gewesen, und er habe recht daran getan, dem andern nicht gleich an die Gurgel zu springen. Er solle es beim nächsten Mal nur genauso machen. Und mir flüsterte der Mühlberger zu: 'Wenn dieser arabische Hurensohn annimmt, unser Ritter Rust sei der Kommandeur, so lassen wir ihn in dem Glauben, umso besser können wir ihn ablenken.'"

Da sagte der kleine Neffe des Grafen, der sich schon vorhin zu Wort gemeldet hatte "Warum hat er ihn so genannt?" "Wer?" "Der Herr Gunther." "Wen?" "Ach Hermann", sagte seine Gemahlin, "fahre nur fort in deiner Erzählung." Aber der Kleine ließ nicht locker. "Warum hat er ihn einen Hurensohn genannt? Konnte er etwa gut singen?" "Richtig", rief der Landgraf, "er war ein ganz eifriger Sänger, er konnte gar nicht oft genug singen, schon am frühen Morgen, gleich nach dem Aufstehen ..." "Hermann!", sagte die Gräfin scharf.

"Jedenfalls ließen wir, wenn das geschah, und es geschah wie gesagt mehrmals, den Hans Rust unseren Kommandeur spielen, 'Rustikus von Reinstein' nannten wir ihn zum Spaß, und er brauchte nichts weiter zu tun, als was er immer tat, nämlich seine unergründliche Miene aufzusetzen, welche die Heiden so stark beeindruckte und die wahrscheinlich bloß der vollendete Ausdruck seiner Einfältigkeit war. Doch nein, ich wollte nichts Schlechtes über unsere Leute sagen.

Ihr müsst wissen, daß wir uns zu der Zeit auf dem Marsch von Antiochia nach Akkon befanden, nachdem unser großer Kaiser plötzlich auf so unglückselige Weise umgekommen war und sein Sohn, der Herzog von Schwaben die Führung unseres Heeres übernommen hatte. Ich habe euch, wenn ich mich recht entsinne, davon schon berichtet." Einige der Zuhörer riefen ein Ja, andere ein Nein.

Den Landgrafen überkam seine Erzähllust meistens ganz spontan oder wenn er meinte, er habe beim vorigen Mal etwas Wichtiges vergessen. Er hatte ein lebhaftes Gemüt, das er sicherlich seinem Sohn Hermann vererbte, und wenn es ihm einfiel, eine Episode seiner Kreuzfahrerzeit zu verbreiten, dann musste alles, was zwei Ohren hatte und nicht wirklich unabkömmlich war, sich im weißen Zimmer zusammenfinden und ihm zuhören.

Das wurde mit zunehmendem Alter immer kurioser, und wenn mitten in der Nacht, als er zudem von Schlaflosigkeit geplagt wurde, niemand aufzutreiben war, dem er sich mitteilen konnte, so stieg er die Treppen hinab und schlurfte, manchmal nur im Nachthemd, zu den Wachen, die in ihrer Stube im Burgfried hockten, und die ebenso wie er die Zeit totschlagen mussten. Ganz am Ende aber, als er sich nicht mehr aufraffen konnte, sprach er nur noch zu sich selbst und ähnelte kaum mehr dem Hünen mit der wallenden Haarmähne, der er einmal gewesen war.

Jetzt, als die Rede von dem Marsch nach Akkon ging, war der alte Hermann noch in großer Form, und es war ihm egal, ob er das nun schon erzählt hatte oder nicht, er würde sich sowieso nicht wiederholen, weil so viel passiert war, daß er unmöglich alles auf einmal wiedergeben konnte, ganz zu schweigen von den Details, die er einflocht und die höchstwahrscheinlich gerade im selben Augenblick erfunden worden waren, als die Ereignisse im trockenen Wüstensand eine Auffrischung benötigten.

"Der Teufel muss uns geritten haben, als wir uns entschlossen, der Truppe vorauszueilen und das Gebiet zu erkunden, und ich will gar nicht mehr wissen, wer den Einfall hatte und ich werde auch nur ungern daran erinnert, daß ich ihm zustimmte. 'Die Wege des Herrn sind unergründlich' heißt es. Eine Regel im Heiligen Krieg lautet: Wo der Herr keinen Weg gebahnt hat, da sollst du ihm auch nicht folgen. Und es gibt ein einfaches und zuverlässiges Zeichen, woran man einen Weg erkennt: nämlich an seinen Wegrändern, die ihn säumen. Wo man aber links oder rechts nicht erkennen kann, daß dort der Weg aufhört und die unwegsame Weite anfängt, tja, dort ist auch gar kein Weg vorhanden und man sollte stehenden Fußes umkehren.

Ihr könnt euch vorstellen, daß da, wo wir uns befanden, weit und breit kein Weg war, geschweige eine Straße, von der man annehmen konnte, sie kommt von irgendwoher und führt irgendwohin. Nein, da war ringsum ein und dasselbe Bild, das sich dem Blick darbot, dieselbe endlose, eintönige, steinige Gegend, arm an Schatten, reich an Hitze. Es ist mir bis heute ein Rätsel, wie der liebe Herrgott bei der Welterschaffung zwischen zwei Orte, wo Menschen wohnen, solche Einöde für nötig hielt, wo nichts ist außer todbringender Leere und Lufterscheinungen, die einem den letzten klaren Verstand rauben.

Dennoch machten wir uns auf, und - halt, ich glaube, es war die Überlegung, unser Heer durch ein Gebiet zu führen, das Kahal ed Manuk hieß und wo es ein fruchtbares Tal geben sollte, in dem unsere Soldaten sich ausreichend mit Wasser und Nahrung versorgen konnten. Außerdem hätten wir den Sarazenen ausweichen können, von denen behauptet wurde, sie marschierten uns entgegen. Nun, nicht daß wir feige gewesen wären, aber wir wollten unsere Kräfte schonen für Jerusalem.

Dem, was ich eben über die Suche nach dem richtigen Weg gesagt habe, möchte ich noch hinzufügen, daß der Herrgott, als er eingesehen hatte, wie nutzlos die Wüste ist, wahrscheinlich deshalb dem Menschen das Wissen und die Mittel gegeben hat, sich am Himmel zurechtzufinden, wenn es ihm auf der Erde nicht mehr gelingt. Ich meine natürlich die Sternenkunde, die übrigens nicht nur auf dem Lande, sondern auch auf dem Meere hilft, das in gewisser Hinsicht der Wüste gleicht; nur heißen die Dünen nicht Dünen, sondern Wellen und sind aus Wasser anstatt aus Sand; aber man nennt ein Kamel manchmal auch ein Wüstenschiff und es gibt einen vortrefflichen Reisenden in den Orient, sein Name ist mir gerade entfallen, der eindrucksvoll beschrieben hat, wie man auf dem Rücken eines Kamels regelrecht seekrank werden kann. Aber das nur nebenbei.

Die Nächte dort unten sind sternenklar und es wäre für einen, der die Zeichen am Himmel zu lesen versteht, nicht schwer, den Aufenthaltsort und die Marschrichtung zu bestimmen. Wenngleich der Herrgott einem Menschen diese Gabe verleiht, so kann es ihm immer noch einfallen, den kundigen Mann selber zu sich zu holen, vielleicht um ihm Gelegenheit zu geben, den Himmel aus nächster Nähe zu studieren.

So widerfuhr es unserm wackeren Bruder Eugenius, der bei einem Scharmützel von einem Pfeil getroffen und getötet wurde, obwohl er der friedfertigste Mensch war, den man sich vorstellen kann und zudem ein erstklassiger Sterngucker. Und das geschah, als wir einen guten Tagesritt von unserem Heer entfernt waren, in einem Hinterhalt, in dem uns eine Bande von Räubern aufgelauert hatte. Natürlich hatten sie es auf unsere Waffen abgesehen, denn ansonsten führten wir nichts Wertvolles bei uns.

Ich will nicht sagen, daß Hans Rust und seine Kameraden uns Edlen bei diesem Überfall das Leben gerettet haben, aber ohne die tapferen Männer hätten bestimmt zwei oder drei andere den Bruder Eugenius ins Jenseits begleitet, und das wäre zweifellos noch beklagenswerter gewesen, als es sein Verlust allein war. Unsere Leute leisteten jedenfalls ganze Arbeit, keiner der Räuber entkam und was von ihnen übrig blieb, konnte man nicht eben ansehnlich nennen. Dem einen war mit einem einzigen Schwerthieb der Kopf abgeschlagen und an die zwanzig Schritt weit fortgeflogen, das Blut war im hohen Bogen aus seinem Rumpf gespritzt. Einem anderen fehlten beide Arme und ein halbes Bein, dem dritten klaffte auf der Brust ein Loch, in dem man sein gottloses Herz sehen konnte, wie es zum letzten Mal zuckte. Wieder einer war auf seine eigene Lanze aufgespießt, die ganz durch ihn hindurchgestoßen war und an deren Spitze ein schlabbriger Haufen Gedärme hingen, und einen hatten, als er am Boden lag, die Pferdehufe das Gesicht so breitgeschlagen, daß es wie eine Schüssel voll Wurstmasse beim Fleischer Willfreit aussah, nur mit einem Paar Augen obenauf. Ein einziger war nur leicht verletzt, aber entwaffnet. Wir banden ihn mit Armen und Beinen zwischen zwei Pferde und ..." "Onkel Hermann", meldete sich da zögernd ein Junge zu Wort. "Was ist, Johannes?" Der Landgraf konnte sich erstaunlicherweise fast alle Namen der zahlreichen Kinder seiner Verwandtschaft merken, allerdings verwechselte er sie manchmal. "Ich bin Bernhard und mir ist schlecht."

Der Landgraf wollte seinem Ärger über die neuerliche Unterbrechung Luft machen, als seine Gemahlin Sophia seinen Arm berührte und ihm in einer eigentümlichen Weise zunickte, mit zusammengepressten Lippen und halb gesenkten Augenlidern, wie sie es immer dann tat, wenn ihr werter Gemahl bei seinen Schilderungen die Grenzen des guten Geschmacks überschritten hatte; und ihre Geste bedeutete ihm, daß er, wenn er auch nur noch ein einziges Wort darüber fallen lasse, unweigerlich damit rechnen müsse, von ihr eine Buße auferlegt zu bekommen, die meistens darin bestand, daß er einen nicht unbeträchtlichen Geldbetrag in die "Kasse der Polyhymnia" einzahlen musste, die nach der Muse der Erzählkunst so hieß, und sie dafür entschädigen sollte, daß ihr Name durch zuviel Blut und Grauen besudelt worden war.

Der kleine Bernhard bekam einen Schluck frisches Wasser zu trinken, und Hermann sagte "Nun überspringe ich einige unwesentliche Kleinigkeiten und komme zu unserem Abenteuer in der Stadt des Nasr Abu Anibar, wohin wir durch unseren Vormarsch gekommen waren. Diese Stadt erhob sich so plötzlich vor unseren Augen, daß wir so lange für eines jener Trugbilder der heißen Wüstenluft hielten, bis wir wahrhaftig an das große Tor klopften und uns aufgetan ward. Die Stadt hatte nicht so viele Einwohner wie beispielsweise Akkon, aber in ihrem Innern gab es große Palmenhaine, die von den Mauern miteingeschlossen waren und die wir von außen nicht gesehen hatten.

Niemand von uns hatte auch jemals den Namen Nasr Abu Anibar gehört, der sich uns jetzt als Schwager des Sultans und als der Stadtoberste vorstellte. Das heißt, genau gesagt stellte er sich dem Hans Rust vor und es sah tatsächlich so aus, als würde er in ihm einen alten Bekannten begrüßen. Der Gunther von Mühlberg war aber misstrauisch wie ein Fuchs, und er flüsterte mir zu, er hege den Verdacht, dieser Araber sei womöglich in Wahrheit gar nicht der Nasr Abu Anibar, für den er sich ausgibt, denn für einen Mann von seinem Rang habe er eindeutig nicht das Format.

Wirklich war nicht zu übersehen, daß dieser Kerl etwas klein geraten war, sich äußerst schwerfällig bewegte und eine mehr als undeutliche Aussprache hatte. Aber man konnte ihn schlechterdings deswegen nicht vor den Kopf stoßen, und so entgegnete ich dem Mühlberger, selbst wenn dieser nicht Nasr Abu Anibar und nicht der Stadtfürst sei, so würde er uns damit keineswegs überlegen sein, denn andererseits ist ja Hans Rust auch nicht unser Anführer.

Abu Anibar lud uns ein, seine Gäste zu sein und wir hätten uns gern vorher beraten, ob wir seiner Einladung folgen sollen. Doch uns fiel kein Vorwand ein, unter dem wir uns zurückziehen und Bedenkzeit ausbitten konnten. Wenn man der Einladung eines Arabers nicht unverzüglich und möglichst mit dem Ausdruck größter Freude nachkommt, sondern zögert oder gar ablehnt, so zieht man sofort seinen Zorn auf sich und könnte es bitter bereuen. Außerdem waren wir von den Strapazen hungrig und durstig, und wir hätten womöglich den kürzeren gezogen, wenn wir uns mit Abu Anibars Leuten angelegt hätten.

Da brach der Siegfried von Plauen, mein zweiter Adjutant, plötzlich zusammen, und die Araber auf Abu Anibars Seite zückten blitzschnell ihre Dolche, so erschrocken waren sie. Der Plauen hatte aber seine Schwäche nur vorgetäuscht, damit wir uns doch zuerst Gelegenheit verschaffen konnten, die Lage zu besprechen. Wir brachten ihn in einen großen, kühlen Raum in einem Haus gleich an dem Marktplatz, wo wir dem Stadtobersten begegnet waren, und ein paar Frauen kümmerten sich um den Plauen, der mir unauffällig zugezwinkert hatte, während ich mit dem Mühlberger und den anderen Edlen sprach.

Hans Rust beschäftigte sich mit Abu Anibar, um ihn abzulenken, aber er brachte natürlich kein Wort heraus, und der andere schöpfte gleich Verdacht, als er sah, wie sich meine Leute um mich scharten. Es gehörte nicht viel Verstand dazu, um zu erkennen, daß ich das wahre Oberhaupt der Truppe bin. Wir verständigten uns darüber, daß es nicht viel Sinn hatte, die Araber anzugreifen und die Stadt erobern zu wollen, obwohl zwei oder drei von den Heißspornen das forderten.

Aber andererseits bestand die Gefahr, daß wir die Stadt nicht mehr lebend verlassen würden und der Araberfürst uns nur deshalb eingeladen hatte, um uns satt, träge und betrunken zu machen und uns im Schlaf die Kehlen durchzuschneiden. Auch mussten wir damit rechnen, daß die Räuberbande, die wir draußen in der Wüste geschlagen hatten, zu Abu Anibar gehörte. Dieser kam auf mich zu und wiederholte seine Aufforderung, nun schon mit mehr Entschiedenheit. Und da uns seine Leute umringt hatten und ihre Hände auf den Dolchgriffen lagen, blieb mir keine Wahl, als eine freundliche Miene aufzusetzen und dankend anzunehmen.

Nasr Abu Anibar veranstaltete ein Fest zu unseren Ehren, wie man es sich kaum großartiger vorstellen kann. Ochsen, Hammel, Ziegen wurden geschlachtet und ihr Fleisch auf so vielerlei Art zubereitet, daß man einen ganzen Tag gebraucht hätte, um nur allein die Rezepte vorzulesen. Auf der Tafel häuften sich Schüsseln, Teller, Schalen mit den köstlichsten Gerichten, warm vom Herdfeuer in großen Mengen den Hunger zu stillen, oder ausgekühlt und hübsch verteilt in winzigen Portionen; mild oder kräftig gewürzt, knusprig oder zart, in natürlicher Anmut belassen oder im Gemisch mit den Ingredienzen des Orients verfeinert. Ach, und erst die Süßigkeiten, die tausend kleinen Gebilde zum Naschen, jedes wie ein Lobgedicht auf den Wohlgeschmack, wenn es auf der Zunge zergeht.

Nicht weniger als vier Stunden dauerte das Essen und wollte kein Ende nehmen. Man glaubte, alle Vorratskammern dieser Stadt würden leergeräumt und füllten sich doch im Nu wieder auf, damit man immer noch mehr auftischen konnte. Unsere Befürchtung, wir könnten durch dieses Fest verführt und in eine Falle gelockt werden, musste sich angesichts der Freigebigkeit und des Überflusses, mit denen uns die Araber, die offenbar alle unbewaffnet waren, verwöhnten, vorerst als unbegründet erweisen.

Dann, zu vorgerückter Stunde, vollführte man vor uns die wundersamsten und erstaunlichsten Darbietungen. Tänzerinnen in luftigen Schleiern aus farbiger Seide wiegten und wanden sich zu betörender Musik. Magier und Zauberkünstler verblüfften das Publikum mit unglaublichen Verwandlungen. Athleten und Akrobaten wagten atemberaubende Sprünge durch die Luft und aus der Höhe. Ein halbnackter Mann mit geflochtenem Bart spielte auf der Flöte seltsam erstickte Töne und lockte eine neugierige Schlange, dick wie ein Arm, aus dem Korb. Ein Spaßmacher versuchte eine kreischende Schar bunter Vögel zu bändigen, die sich beständig über ihn hermachten. Und hatte man genug gestaunt und gelacht, trat ein Mädchen auf, das mit engelhafter Stimme und begleitet von zart gezupften Saiten ein Lied voller Sehnsucht und Liebesschmerz sang, bei dem selbst unseren stärksten Rittern vor Rührung die Tränen in die Augen traten. Die ganze Nacht dauerte das fröhliche Gelage, bis alle in der Morgendämmerung in erquickenden Schlaf fielen.

An dem folgenden Tag konnte man nicht viel mit uns anfangen. Nachdem ich aufgestanden war und mich erfrischt hatte, schaute ich nach meinen Kameraden, erblickte aber nur den Mühlberger schnarchend auf seinem weichen Lager. Ich fand heraus, daß Hans Rust und zwei seiner Freunde sich bereits aufgemacht hatten, die Stadt zu erkunden, und das deutete ich schon als ein Zeichen dafür, daß sie sich von uns absetzen würden, sobald sie etwas Besseres gefunden hatten, als weiter in unserem Heer zu dienen. Für diesmal kamen sie zurück und es war kaum etwas aus ihnen herauszubringen, was sie in der Stadt gesehen hatten.

Ich hatte in dem Haus geschlafen, in dem der Siegfried von Plauen versorgt worden war, als er seinen Schwächeanfall vortäuschte. Es gehörte einem Juden namens Isaak, der es uns zur Verfügung gestellt hatte und der sich selber mit seinen Hausgenossen so lange zurückzog, um uns nicht zu stören. Einige von uns waren in Nasr Abu Anibars Palast nahe des Palmenhains untergebracht, was mir nicht gefiel, weil wir dadurch getrennt waren. Ich wollte alsbald eine Versammlung einberufen, aber ich konnte nicht alle finden.

Gegen Nachmittag lungerte eine Menge Volk vor dem Haus herum, und ich bemerkte, daß sie wegen uns gekommen waren. Die meisten waren einfache Leute, nur ein paar von Abu Anibars Männern waren darunter, die er wohl zum Ausspähen hergeschickt hatte. Ich schaute die Menge eine Weile an und man schaute mich an, und endlich traute sich einer vor und fragte mich, was für Arznei ich bei mir hätte. Ich wusste nicht gleich, was er meinte, dann sah ich unter ihnen etliche Versehrte, die Verbände hatten oder deren bloße Haut an Armen oder im Gesicht einen Aussatz zeigte. Einer litt offenbar an Krämpfen und eine Mutter hielt ihr Kind im Arm, das beinahe ganz leblos wirkte und mit mattem Blick vor sich hin starrte. Der mich gefragt hatte, machte sich unversehens zum Sprecher der Kranken und nannte mir, indem er auf jene deutete, die mir eben aufgefallen waren, deren Gebrechen und Leiden, freilich mit Bezeichnungen, mit denen ich noch weniger anzufangen wusste, als wenn ein Doktor medicus aus unseren Landen sich darüber geäußert hätte.

Wir hatten eine kleine Reiseapotheke bei uns, mit ein paar Essenzen und Wässerchen und Pülverchen, die hauptsächlich nach den Rezepten der Hildegard hergestellt waren. Ich hieß den Mühlberger, der inzwischen neben mir aufgetaucht war, das Kästchen zu holen. Wir stellten es auf den Boden vor uns hin und öffneten es, und die Araber glotzten hinein, als wäre es eine Schatzkiste voller Juwelen. Es gab ein Mittel gegen Durchfall und eins gegen Fieber, aber wir konnten sie nicht unterscheiden; der Bruder Eugenius, unser Sterngucker, der kannte sich bestens damit aus, aber er weilte leider nicht mehr bei uns. Es gab ein Näpfchen mit einer Wundsalbe, die ich selbst schon verwendet hatte, gegen meine Hämorrhoiden. Ich hielt das Näpfchen hoch und fragte in die Runde, ob jemand Hämorrhoiden hätte, aber alle redeten laut durcheinander. Hinterher machte mich der Mühlberger darauf aufmerksam, daß sie es vielleicht missverstanden haben, aber das konnte nicht sein, denn ich gab mir alle Mühe, ihnen anschaulich zu erklären, wofür man diese herrliche Salbe gebraucht. Als sie der, welcher vorhin zuerst geredet hatte, an sich nehmen wollte, sprangen zwei von Abu Anibars Männern dazwischen und rissen ihm das Näpfchen aus der Hand.

Am nächsten Tag erschienen die beiden und noch einige mehr in Begleitung eines Mannes mit Namen Hamud, der sagte, Nasr Abu Anibar habe ihn beauftragt, mehr von mir über meine Heilkunst zu erfahren. Ich dachte, warum kommt er nicht selbst, und ist dieser Hamud wohl wirklich Abu Anibars Vertrauter? Er stellte auch ganz merkwürdige Fragen. Er probierte die Mittel und Medikamente aus unserem Kasten aus, als würde er alle nur denkbaren Krankheiten am eigenen Leib haben; dabei sah er kerngesund aus, nur daß er ungefähr doppelt so dick war wie unser Gunther und fürchterlich aus dem Mund stank. Er fragte jedesmal 'Was ist das? Was ist das?' und probierte eine Fingerspitze voll davon. Dann drehte er die Augen nach oben und sagte 'Es schmeckt wie ...', aber er fand nie den passenden Ausdruck.

Es war ein anderer Mann bei ihm, der noch merkwürdigere Fragen stellte, jedenfalls schien es uns so, denn wenn er redete, lachten die anderen. Aber er sprach in einem Dialekt, oder vielleicht war es auch eine ganz andere Sprache, die uns völlig fremd war, und sogar der Siegfried von Plauen, der sich sonst mit jedem Bauern hier unterhalten konnte, war ratlos. Aber plötzlich sagte der andere ganz deutlich 'Ihr seid alle unsere Feinde!' und er machte dabei eine so drohende Miene, daß wir wirklich zurückschreckten. Aber dann lachte er aus vollem Hals über seinen dummen Streich, und Hamud, der inzwischen alle Arzneien durch hatte, beachtete ihn gar nicht, sondern fragte uns, ob wir nicht dieses Hm-hm, dieses Hm-hm hätten, und er machte dabei eine Bewegung mit beiden Händen, die unmissverständlich war. Ich erwiderte ihm ..."

"Onkel Hermann", unterbrach den Landgrafen abermals ein Junge, es war der Sohn einer Küchenmagd aus des Landgrafen Dienst, der wie andere aus seinem Gesinde auch seinen Erzählungen lauschen durfte. "Was für eine Arznei verlangte der Mann?", fragte der Junge. "Ähm", machte der alte Hermann, und ein anderer rief "Etwas, womit man besser singen kann." "Genau, etwas, das die Stimmbänder strafft und den Hals gut durchblutet, ein Stärkungsmittel." "Hattet Ihr so was dabei?" "Wozu denn? Deshalb erwiderte ich dem Hamud: Guter Mann, diese Arzneien sind nach den Rezepten der Hildegard von Bingen hergestellt worden, und Ihr würdet diese ehrbare Frau schwer verkennen, wenn Ihr annehmt, daß sie auch nur einen Augenblick lang die Zubereitung eines solchen Mittels erwogen hätte."

Der Junge von der Küchenmagd sah den Landgrafen scheel an, und dieser fügte hinzu "Denn jedermann weiß, sagte ich zu Hamud, daß der Gesang der Hildegard und ihrer jungfräulichen Gefährtinnen eine Emanation der göttlichen Stimme selbst ist, oder zumindest eine Art Echo davon, und daß die Sängerinnen solcherart zweifelhafte Präparate weder selbst benötigen noch sie anderen verschreiben.

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob Hamud meine Erklärung zufriedenstellte, denn er schien lange zu überlegen, und die Pause nutzte der andere, der uns als seine Feinde betrachtete, um zu verkünden: 'Wir werden euch angreifen und Rom erobern!' 'Tatsächlich?', sagte ich daraufhin, weil mich seine Ankündigung ein wenig belustigte. 'Ja, wir werden Rom niederbrennen, wie ihr es mit Jerusalem getan habt.' 'Aber wir haben Jerusalem nicht niedergebrannt, nur ein Dummkopf würde eine so großartige Stadt zerstören, ein weiser Mann tut dies nicht.'

'Ach so? Und was tut ein weiser Mann Eurer Meinung nach?' 'Er erobert die Stadt, lässt sie aber stehen und macht sich zum König über ihre Bewohner; damit ist allen geholfen.' 'Beim Propheten' murmelte der andere, dann fragte er 'Hat Rom ein Tor, durch das man es betritt?' 'Natürlich hat Rom Stadttore', antwortete ich, 'sogar mehrere.' 'Mehrere?' Das schien ihn zu beunruhigen. 'Man müsste alle gleichzeitig angreifen', meinte er, 'sonst dringen wir zu einem Tor ein und die Römer fliehen zu einem anderen hinaus.' 'Das kann passieren', sagte ich, und er weiter: 'Was nützt es, ein König zu sein, wenn er keine Untertanen mehr hat, über die er herrschen kann.' 'Freilich, das nützt wenig.'

Dann sagte ich 'Aber es gibt auch noch jede Menge Katzen in Rom.' 'Katzen?' 'Ja, ich habe gehört, das Kolosseum wimmelt nur so von Katzen.' Ich bemerkte, daß keiner von diesen Leuten mit der Bezeichnung Katzen etwas anzufangen wusste, und wie mir der Siegfried von Plauen hinterher sagte, gibt es den Begriff Katzen oder gar die Bezeichnung 'Dachhase' in ihrer Sprache nicht. Aber das Kolosseum kannte der kühne Rom Eroberer offenbar aus Berichten von Reisenden. 'Kolosseum? Kämpfen dort nicht die heldenhaften Gladiatoren mit allen Ungeheuern der Erde?' 'Ja, und um ihr Leben.' 'Hast du sie selbst gesehen?' fragte er mich. 'Nein, denn die Gladiatoren kämpfen schon eine ganze Weile nicht mehr im Kolosseum.' 'Sind sie tot?' 'Ich glaube ja, sie sind alle tot.' 'Das ist unmöglich', schrie er, als wären darunter seine besten Freunde gewesen. 'Niemand kann sie besiegen, jedenfalls nicht alle auf einmal.'

Ich versuchte ihm zu erklären, daß es wohl einen gibt, der alle besiegen kann und daß das fortschreitende Alter eines Mannes diesem unüberwindlichen Gegner Vorschub leistet und selbst die einst so gewaltigen Wände des Kolosseums schon lange bröckelten. Aber er war außer sich vor Erregung und ich befürchtete bald, er werde in seinem Zorn noch uns Kreuzritter als Gladiatorenmörder ansehen und die Opfer rächen wollen, deshalb sagte ich etwas unüberlegt: 'Bedenkt, mein Freund, jetzt sind dort die Katzen, und sie stehen den alten Gladiatoren in nichts nach.'

Der Siegfried von Plauen dachte, ich wäre übergeschnappt und würde uns alle mit meinem Geschwätz um Kopf und Kragen reden, und er rief 'Hermann!', und der andere bemerkte seine Sorge und sprach zum Plauen 'Ist das wahr, was er sagt?' Der Plauen war jedoch geistesgegenwärtig genug, um zu sehen, daß es besser war, mir zuzustimmen als zu erklären, ich würde lügen, und so sagte er 'Nun ja, was die Katzen betrifft, so haben sie freilich eine etwas andere Kampftechnik als die Gladiatoren, dafür haben sie etwas, das diesen fehlte, und zwar scharfe Krallen und spitze Zähne.'

Der Araber zog die Augenbrauen hoch und sah Siegfried ungläubig an. 'Das liegt daran', fuhr er fort, daß ihre Fingernägel schon im Säuglingsalter, oder jedenfalls, sobald sie dies zulassen, von einem Hufschmied zugeschnitten und geschärft werden, freilich muss das ein besonders feinfühliger Hufschmied sein, wie sie nur in der Gegend von Rom zu finden sind. Und er muss auch etwas von Zähnen verstehen, denn die Zähne der Katzenkinder, die später Gladiatoren werden oder genauer gesagt, die Gladiatoren ablösen sollen, müssen täglich geschliffen werden, bis sie lang und spitz genug sind. Und das sind sie, ich versichere es Euch, denn der Senat von Rom hat extra ein Gesetz erlassen, daß die Katzen verpflichtet, außerhalb des Kolosseums nur mit geschlossenem Mund umherzulaufen und nur unter vorgehaltener Hand zu sprechen, weil der Anblick ihrer Zähne einen braven Bürger zu Tode erschrecken könnte.'

'Was für Schwächlinge sind die Römer, daß sie den Anblick so wunderbarer Waffen nicht aushalten.' 'Oh, es sind ganz erbärmliche Schwächlinge, diese Römer', sagte ich, 'und glaubt mir, es ist kein Vergnügen, ihr König zu sein, denn sie wollen ständig einen neuen, sie ermorden hinterrücks den alten, und keiner hat genügend Zeit, um auch nur eine große Tat zu vollbringen.' Der Araber überlegte und mir schien, wir hätten ihn von seinen Eroberungsplänen abgebracht. 'Dann wird es besser sein', sagte er, 'wenn ich sie doch zu dem anderen Tor hinausjage und in Ruhe regieren kann.' Glücklicherweise fiel in dem Moment Hamud mit einem Schmerzensschrei auf die Knie und presste sich beide Hände gegen den Unterleib. Seine törichte Gier, alle Arzneien durchzuprobieren, hatte ihm einen ordentlichen Bauchkrampf beschert und er stöhnte und jammerte und atmete nur noch stoßweise.

Daraufhin hatten wir einen ganzen Tag lang keinen Besuch, aber als abends Hans Rust mit seinen Kameraden aus der Stadt zurückkam, meinte er, sie wären die ganze Zeit heimlich verfolgt worden und an Abu Anibars Palast wäre eine seltsame Stimmung, als würde man etwas gegen uns im Schilde führen. 'Dann dürfen wir keine Minute verlieren und müssen unsere Flucht vorbereiten', sagte ich, und Hans Rust nickte verständnisvoll, forderte dann aber für sich und seine Kameraden den ausstehenden Sold, und als ich zögerte, meinte er nur 'Falls wir uns verlieren sollten.' Es war tatsächlich das letzte Mal, daß wir uns sahen.

Auf einmal sollte mir auch klarwerden, warum den Araber das Thema Stadttore so beschäftigte, denn mit den Toren in Nasr Abu Anibars Stadt hatte es etwas auf sich, das uns Isaak, der Jude, in dessen Haus ich schlief, verriet. Abu Anibar ließ keinen Menschen hinaus, weder einen Einwohner noch einen Gast, der einmal hereingekommen war, und sogar die Viehherden weideten in den Palmenhainen, die wie gesagt, innerhalb der Mauern lagen. Diese jedoch würden Tag und Nacht scharf bewacht, und wer es auch nur wagte, daran hochzuklettern, dem werde der Kopf abgeschlagen und zur Abschreckung auf einen Pfahl aufgespießt, wo er dann wie zum Hohn über die Mauer hinwegblickt.

Er, Isaak, habe schon einige Reisende erlebt, für die Abu Anibars Stadt die Endstation bedeutete und deren Leichen den Aasgeiern zum Fraß vorgeworfen wurden, nachdem sie an den Haaren zu Tode geschleift worden waren. Abu Anibar sei nämlich ein Wahnsinniger, dem das Töten eine Lieblingsbeschäftigung ist und der niemanden entkommen lässt, aber immer erst dann zuschlägt, wenn sein Opfer einen angenehmen Eindruck von ihm gewonnen hat, denn noch mehr als das Töten liebt er die Schmeichelreden, die seiner Person gelten.

Ich fragte Isaak um Rat, wie wir dennoch Abu Anibars Anschlag entgehen könnten, und er sagte, das wäre unmöglich, denn es sei nun einmal offenkundig unser Schicksal, das uns hierher geführt habe, damit wir auf diese Weise umkommen sollen. Ich entgegnete, ein solches vermeintliches Schicksal sei doch vollkommen sinnlos, und Isaak verneinte das und erklärte, in der Geschichte seines Volkes habe es dergleichen Ereignisse auch gegeben, und ihr Gott haben den Juden manchmal Jahrhunderte Zeit gelassen, über ihren Sinn nachzugrübeln, aber entweder sei die Frist noch nicht abgelaufen, an deren Ende man den Sinn erkennt, oder aber ... 'oder aber sie haben eben keinen Sinn', fiel ich ihm ins Wort.

'Aber nicht doch', schüttelte er den Kopf, wir sollen bloß warten, bis wir sehen, daß sie von noch rätselhafteren Ereignissen übertroffen werden. Denn nichts ist so aufschlussreich wie die Suche nach der Wahrheit.' Ich sagte, ich könne seiner Rede nicht mehr folgen, und er meinte 'Nun, wenn ihr in dem Schicksal, das euch hier erwartet, schon keinen Sinn erkennt, wie könnt ihr dann glauben, es wäre abwendbar? Ich frage euch: warum und wodurch sollte etwas, das keinen Sinn hat, ersetzt werden? Und angenommen, es geschehe dennoch, was müsste man, besäße man auch nur einen Funken Vernunft, davon halten? Darüber lohnt es sich doch nachzudenken, meint ihr nicht? Und so muss alles Sinnlose letztendlich doch unweigerlich einen Sinn haben.'

Mit diesen Spitzfindigkeiten brachten wir geschlagene zwei Stunden zu, das heißt, Isaak überhäufte uns damit, und es schien ihn überhaupt nicht zu stören, daß wir immer unruhiger wurden und anfingen, uns besorgt umzusehen, ob nicht schon Abu Anibars Männer sich heranschlichen. Steckte der Jude vielleicht mit ihnen unter einer Decke und wollte uns nur aufhalten? Schließlich sagte ich ihm das geradeheraus ins Gesicht, und er war sehr betroffen. Bei seinem Gott schwor er, daß er mit Abu Anibar nicht mehr gemeinsam habe als die Luft zum Atmen, und selbst davon würde sich jeder seinen eigenen Teil nehmen. Dann soll er uns verflucht nochmal helfen, von hier fortzukommen, herrschte ich ihn an. Er hob hilflos die Arme. Wie könnte er, ein armseliger Jude unter lauter Arabern das Schicksal eines Christen beeinflussen?

Allerdings, gab er dann zu, habe er als einer der wenigen die Möglichkeit, die Stadt zu verlassen. 'Was?' rief ich, halb erleichtert halb verächtlich, 'Du kannst das, was niemandem hier gelingt: zu fliehen?' 'Aber wer redet denn von Flucht? Ich kann so wenig hier weg wie meine Väter aus Babylon.' 'Dann sprich, wie es sich verhält.' 'Wie Ihr vielleicht wisst', sagte Isaak, 'bin ich ein Getreidehändler, der Weizen und Hirse aus der Gegend von Kahal ed Manuk holt und hier verkauft; im Gegenzug bringe ich allerlei Waren, welche hier gefertigt werden, auf den Markt, der an dem Karwanenweg liegt. Einmal im Monat belade ich meinen Karren und die Maulesel und bin dann für eine Woche unterwegs.'

'Aber warum nutzt du nicht selber die Gelegenheit, um dich davonzumachen?' 'Warum sollte ich das tun? Du siehst doch, ich lebe und habe mein Auskommen, soll ich das eintauschen gegen ein Verhungern in Freiheit? Außerdem ist Abu Anibar nicht so dumm, daß er mich einfach so gehen lässt. Jedesmal, ehe ich losziehen darf, vergewissern sich die Wachtposten, daß meine Frau und meine Kinder im Haus zurückbleiben, und Abu Anibar weiß, daß ich meine Familie niemals im Stich lassen würde.'

'Könntest du uns in deinem Lastgepäck hinausschmuggeln?' fragte ich ihn. Er druckste erst herum, sagte etwas von Risiko und Gefahr, in die er sich selbst bringen würde, aber ich bot ihm dreißig Goldstücke an, ein Betrag, für den man fast ein Dutzend Kamele kaufen konnte. Das sei eine viel zu geringe Summe für das, was er selbst dabei verlieren könnte. Aber die Christen sollten ihn keinen Unmenschen nennen, und deshalb würde er uns helfen, sagte er. Ich fragte, ob wir gleich bei Einbruch der Dunkelheit oder erst später in der Nacht aufbrechen würden, da erwiderte er seelenruhig, seine nächste Reise ginge in zwei Wochen, bis dahin müssten wir zusehen, wie wir überleben, und vor allem nicht versuchen, auf die Mauer zu klettern.

So feilschten wir eine Weile hin und her, bis ich ihn auf die folgende Nacht herunter- und er mich auf fünfundvierzig Goldstücke hochgehandelt hatte, das war tatsächlich alles, was wir bei uns trugen. Ich gab unauffällig allen meinen Leuten Bescheid, und bis auf Hans Rust und seine Gesellen, konnte ich auch alle ausfindig machen.

Wir mussten uns in Leinensäcke und Körbe verkriechen, die Isaak fest verschloss, so daß ich plötzlich befürchtete, er würde uns doch an Nasr Abu Anibar ausliefern, der uns dann in der Sonnenhitze darin vertrocknen ließ, um unsere Leichen zu einem heilkräftigen Pulver zu vermahlen. Aber Isaak verstaute uns unter den anderen Sachen auf seinem Karren so, daß wir noch Luft bekamen, und das ließ mich wieder hoffen. Ein paar schnürte er als Bündel auf Holzgestellen an den Mauleseln fest, und da es gerade vor Tagesanbruch und noch dunkel war, fiel die außergewöhnliche Fracht nicht auf. Aber als wir an das Tor kamen, fing einer der Wachtposten an, in Isaaks Ladung herumzuschnüffeln und im Schein einer Fackel alles anzugrapschen, und ich glaubte, wir würden jeden Augenblick entdeckt.

Auf einmal konnte man die Stimme eines Mannes hören, der dem zudringlichen Wachmann einen Befehl gab, woraufhin dieser wie erschrocken die Finger von Isaaks Waren zurückzog. Ich weiß nicht, ob ich mir das nur einbildete und heute noch einbilde, oder ob es wirklich so war, aber ich hätte schwören können, daß die Stimme dieses Mannes klang wie die von unserem Hans Rust. Leider konnte ich nichts sehen und verhielt mich mucksmäuschenstill, bis wir das Tor passiert und eine ganze Strecke zurückgelegt hatten."

Damit beendete Landgraf Hermann für dieses Mal seinen Erlebnisbericht von dem Kreuzzug. Die halbstarken Knaben wie Ludwig und Hermann (die nichts von Polyhymnias Kasse wussten) hätten sich ein bisschen mehr Gefecht und Blut und Siegesjubel gewünscht, aber die Stelle mit dem abgeschlagenen Kopf, der durch die Luft fliegt, war auch schon nicht übel. Überhaupt reichte des Vaters Erzählung wieder einmal aus, um den Spielen der Jungen neuen Stoff zu geben, in denen sie den Kreuzrittern nacheiferten und sich wie wahre Helden des Abendlandes fühlten. Zu den Kindern von der Burg kamen welche aus der Stadt oder aus den Dörfern, die in der Nähe lagen, hinzu.

Besonders in der warmen Jahreszeit blieben etliche Bauernknaben auch mal zwei, drei Tage und Nächte hier, schliefen im Freien oder in einer kleinen Höhle, deren Eingang man mit einem Holzgatter sicherte. Wahrscheinlich waren sie von zu Hause fortgelaufen, um nicht auf dem Acker oder im Stall schuften zu müssen. Es waren manche freche, rohe Lümmel darunter, immer für Streiche aufgelegt; aber für die Truppe taugten sie allemal, wenn es darum ging, dem Feind eins auszuwischen oder das eigene Gebiet zu verteidigen.

Ihre Abenteuer fanden meistens auf einem Gelände unterhalb der Burg statt, wo die Kulisse dafür besonders echt war. Es gab einen Hang, an dem oben eine verfallene Hütte stand, die ein Steinfundament und ein Stück Mäuerchen außen herum hatte. Das Dach war zwar an einer Seite eingebrochen, aber mit den Brettern und Latten, die aus den Wänden ragten oder kreuz und quer umher lagen, konnte man andere feste Verstecke bauen. Auch waren dahinter drei riesige Bäume, und auf dem einen, einer weit ausladenden Eiche, hatten die Jungen ein Baumhaus zwischen die Äste gezimmert, von dem man beste Sicht auf den ganzen Hang hatte.

Weiter unten wuchsen Sträucher, hinter denen sich der Feind verbergen konnte, und auf einer ebenen Wiese, die bis an den Weg von der Burg ins Tal reichte, kam es des öfteren zum offenen Kampf, bei dem keiner ohne blaue Flecken und Schrammen im Gesicht davon kam. Einmal wurde sogar einem Jungen ein Zahn ausgeschlagen, einem anderen ein Finger gebrochen. Davon abgesehen, endete die Schlacht fast immer mit Waffenstillstand und Friedensverhandlung, in der in einer richtigen Urkunde festgehalten wurde, daß dem Sieger soundso viele Körbchen Kirschen oder Brombeeren oder sonstige Leckereien überbracht werden sollten. Darüberhinaus mussten die Unterlegenen die kaputten Waffen, zersplitterte Holzschwerter, zerbrochene Speere, gerissene Bogensehnen reparieren oder ganz neue anfertigen.

Lange Zeit waren Mädchen nicht geduldet. Aber irgendwann kamen die jungen Ritter in ein Alter, wo man sich davon überzeugen lässt, daß Mädchen manchmal gute Einfälle haben und auch sonst ganz nützlich sein können, zum Beispiel, um die Brombeeren zu pflücken, die man als Tribut abliefern musste. Meistens wurden sie dann von allen gemeinsam verzehrt. Und wenn die Jungen mitunter genug hatten vom ewigen Kämpfen, und die Mädchen sowieso schon längst viel mehr Vergnügen an ihren lustigen Reigenspielen fanden, von denen sie immer neue ersinnen konnten, da legten die Helden die Waffen ab und gesellten sich zu ihnen, und eine friedliche Zeit brach an.

Es war Ende September, als frühmorgens das Gras schon mit Raureif überzogen war und kein Bauernjunge mehr in der Höhle übernachtete, und auch von den anderen sich kaum noch einer blicken ließ. Hermann und Ludwig und zwei Jungen, von denen der eine Friedrich hieß und der andere bloß Hasse gerufen wurde, saßen auf dem Mäuerchen an der Hütte, als unten auf dem Weg aus dem Tal ein Pferdewagen mit Verdeck ziemlich schnell heraufkam. Der Kutscher trieb die Gäule die Steigung hinauf, und davor und dahinter ritten ein paar Mannen von des Landgrafen Truppe. Sie verschwanden zwischen den Bäumen, und etwas später hörte man, wie das Burgtor aufging und der Wagen über die Brücke ratterte. Die Krähen auf dem Turm wurden aufgescheucht und flogen an der Seite hinunter über die Köpfe der Jungen hinweg, die den Lärm im Hof verfolgten. Die Männer riefen laut durcheinander, aber einer krakeelte am lautesten, und die ganze Szene spielte sich so lange auf dem Innenhof ab, daß die vier Jungen es schafften, hinauf zu rennen und alles mit eigenen Augen zu beobachten.

Von dem Wagen war ein Mann gestiegen, genauer gesagt, hinabgestoßen worden, denn seine Hände waren auf dem Rücken gefesselt und seine Augen waren mit einem schwarzen Tuch verbunden, das fast das halbe Gesicht bedeckte. Er war hart auf den Pflastersteinen aufgeschlagen, hatte sich aber aufgerappelt und beschimpfte die Männer mit den unflätigsten Ausdrücken, daß die Jungen, die oben hinter einer Brüstung hockten, sich gegenseitig verwundert und auch beeindruckt zuzwinkerten; von dem konnte man sich was abhorchen. Seine Kleidung war eingerissen, offenbar hatte man ihn mit Gewalt gefangengenommen. Aber warum? Und wer war er, daß der Landgraf ihn auf die Burg verschleppen ließ? Ludwig sagte "Wenn mich nicht alles täuscht, so landet der gleich im Wirtshaus zum letzten Tropfen."

Das war nicht etwa ein Wirtshaus im herkömmlichen Sinn, sondern ein Verlies unten im Grünen Turm, in dem die Gefangenen eingesperrt wurden, und das deswegen so hieß, weil es dort unablässig von der Decke tropfte, welches Geräusch einen, der drinnen saß, zum Wahnsinn treiben konnte und weshalb er sich bald den letzten Tropfen herbeiwünschte, bei dem er seine Seele aushauchen würde.

Manche sagten auch, es hätten wiederum welche drin gesessen, die die Tropfen gezählt haben und wären darüber ebenfalls verrückt geworden. Es gab nur einen einzigen Lichtschein, der da hineinfiel, und der kam auch nicht direkt herein, sondern durch einen Spalt aus dem Raum darüber, der selbst durch eine kleine Maueröffnung erhellt wurde. Bedachte man nun, daß der Grüne Turm so bezeichnet wurde wegen der dichten Efeuranken, die ihn außen bedeckten und auch die Maueröffnung zum Teil mit ihren Blättern überwucherten, so konnte man sich vorstellen, welch schwacher Schimmer Licht in dem Kerker ankam, der kaum ausreichte, die eigene Hand vor Augen zu erkennen.

Die Waffenknechte des Grafen standen immer noch im Kreis um den Mann herum, der nicht aufhörte zu toben, und sie lachten und machten sich lustig über ihn, der wie blind nur ein paar Ausfallschritte machen und die Schultern schütteln konnte, und einer piekste ihn mit der Lanze in den Hintern, worauf der Ärmste noch wilder wurde und nach dem Frechling hin ausspuckte. Man wartete wohl noch auf weiteren Befehl, und dann erschien Ulrich von Kranichfeld, ein Vertrauter des Landgrafen, den die Jungen vorhin auch unter den Reitern erkannt hatten, und gab eben jene Weisung, die Ludwig vorausgesehen hatte. "Runter mit ihm in den Kerker!", brüllte er, und der Mann zeigte sich offenbar wenig eingeschüchtert und rief zurück: "Kranichfelder, du dreckiges Schwein, ich habe dich längst erkannt. Ich weiß, daß der alte Hermann dahinter steckt, ihr könnt euch die Augenbinde sparen, ihr müsst mich schon töten und verscharren, wenn eure niederträchtige Tat nicht entdeckt werden soll."

Und dann wandte er seinen Kopf hinauf zu den Fenstern des Grafenhauses. "Hermann! Was glaubst du denn, was du damit gewinnst, daß du mich hier einsperrst. Du bist noch viel dümmer, als ich dachte, der Erzbischof wird dich ..." Ulrich schlug ihm mit einem eisernen Gegenstand ins Gesicht. Die Jungen schraken zusammen, als sofort das Blut heftig aus seiner Nase spritzte. Sie sahen, daß es der Schlüssel zur Kerkertür war, mit dem Ulrich zugeschlagen hatte. Der Mann war auf die Knie gegangen, und zwei packten ihn unter den Armen und schleppten ihn fort zum Grünen Turm.

Der junge Hermann drehte sich um und lehnte sich mit dem Rücken an die Brüstung, dann sagte er "Leute, da unten liegen ein paar Sachen von uns, es wäre nicht gut, wenn sie das finden." "Im Kerker?", fragte Friedrich, "Was soll das sein, das da liegt?" "Na, Mensch, erinnerst du dich nicht an unsern kleinen Raubzug im Frühjahr?" "Das war kein Raubzug, es war eine Vergeltung", sagte Hasse. "Wie auch immer", entgegnete Hermann, "wenn sie das Zeug finden und dem Alten davon berichten, sind wir dran." "Ich hab' gleich gesagt, wir sollten es so schnell wie möglich verkaufen", ereiferte sich Hasse, aber Friedrich meinte höhnisch "Na freilich, und das hätte ja auch keiner gemerkt, woher es stammt, nicht wahr?"

"Hört auf, 'rumzustreiten", unterbrach sie Hermann, "wir müssen uns was überlegen." Ludwig hatte den Rittern nachgesehen, bis sie mit dem Gefangenen im Eingang verschwunden waren, jetzt fragte er seinen Bruder "Hast du's direkt unten ins Verlies gelegt?" "Obendrüber in dem Raum, in die Ecke." "Dann ist's doch nicht so schlimm", sagte Friedrich, "da gehen sie eh' nicht rein." Aber am nächsten Tag sah Hermann, wie sich drei Knechte an dem Efeu am Turm zu schaffen machten, und als er sie fragte, sagte einer, man müsste die Fenster freilegen, denn da drin wäre es dunkel "wie in einem Bärenarsch". Der Gefangene saß unten im Kerker. Ausgerechnet bei der Öffnung in dem betreffenden Raum kamen die Knechte nicht richtig heran, und einer sagte, sie müssten die Ranken von innen her abschneiden.

Bei dem Gefangenen handelte es sich um Waldemar von Aulach, der ein Herr und Junker war über einen kleinen Flecken Acker und Wald mit drei Dörfern nordwestlich von Erfurt. Das war zumindest sein ursprünglicher Besitz bis zu der Zeit, als der Stauferkaiser Rotbart starb und der Welfe Otto von Braunschweig daraufhin nach der Königskrone gegriffen hatte.

Der Landgraf Hermann, der bis dahin den Staufern treu gewesen war (und sie auf dem Kreuzzug begleitet hatte), bandelte plötzlich mit König Otto an, was unter anderem seinen Grund darin hatte, daß der König dem Landgrafen einige Gebiete als Lehen gegeben hatte, darunter welche im Leinetal sowie einige größere Felder, die an einer Seite an des Aulachers Besitz grenzten, und die er nach irgendeinem alten Gewohnheitsrecht oder auch nach einer Urkunde, von der er immer sprach, sie aber nie zeigte, bewirtschaftete. Und natürlich auch am Ertrag beteiligt war.

Es waren dies aber äußerst üppige Waidfelder, und der Waid war eine Pflanze, die den Rohstoff zum Färben der Stoffe lieferte, weshalb man sie auch Färberwaid nannte. Der Aulacher verdiente daran mehr, als wenn er die dreifache Menge Rüben, ja selbst Getreide, angebaut hätte. Denn in Erfurt am Gerafluss befanden sich die Waidmühlen und vor allem standen dort riesige Speicherhäuser, die fast noch wichtiger waren, um die getrockneten und gepressten Ballen bis zum Weiterverkauf zu lagern.

Die Erfurter Waidmüller verdienten also ebenfalls an der reichen Ausbeute der Aulacher Felder; und die Händler verdienten an den Margen, und die Fuhrleute verdienten am Transport, und die Stadträte von Erfurt verdienten an den Steuern und an der Vetternwirtschaft. Und der Landgraf verdiente am Zoll. Aber warum sollte er nicht auch direkt an der Quelle, an der Ernte verdienen, wo der Anteil noch besonders hoch war?

Deshalb hatte er seine politische Stimme im Kreis der deutschen Fürsten in die Waagschale geworfen und sie dem König angeboten, falls der sie in seiner Fehde gegen den Staufer Gegenkönig gebrauchen könnte; und daß der sie gebrauchen könnte, daran bestand kein Zweifel. Otto zeigte sich erkenntlich und gab ihm das besagte Lehen. Und weil Hermann damals bereits über so viel Einfluss verfügte, daß seine Stimme die Waagschale ganz beträchtlich nach unten gezogen hatte, legte der Welfenkönig seinerseits noch ein paar andere Ländereien drauf, und zwar eben das von Hermann nicht ohne Grund begehrte Leinetal. Denn dort befanden sich, welch' Zufall, die ausgezeichneten Leinenwebereien, die ihre Stoffe im ganzen Deutschen Reich und sogar ins Römische Reich, nach Genua, Sizilien, Venedig verkauften. Der Leinenstoff eignete sich hervorragend zum Färben, und so fand der rotblaue Saft aus dem Waid in den Webereien an der Leine seine Bestimmung. Und für die Transporte, die ohnehin auf Thüringischem Gebiet lagen, brauchte der Landgraf keinen Kreuzer zu bezahlen, er musste sie lediglich sichernd geleiten.

Alles hätte für ihn nach einem glänzenden Geschäft ausgesehen, wenn sich Waldemar von Aulach damit abgefunden hätte, der ihm diesen Gefallen jedoch nicht tat. Der Aulacher war noch die geringste Schwierigkeit, man hätte ihn über Nacht beseitigen können. Aber er war ein gerissener Bursche, und als er die Sache spitzbekam, verbündete er sich sogleich mit den Erfurter Räten und sie setzten einen neuen Handelsvertrag auf. Der konnte zwar mit Hilfe von Ottos Ministerialen angefochten werden (weil der Aulacher nie die Urkunde vorzuweisen vermochte), aber mit den Erfurtern saßen ein paar Gegner im Boot, die nicht so leicht überrumpelt werden und die ihrerseits alles aufbieten konnten, um einen Rechtsstreit durchzuziehen, deren endlose Verschleppung nur ihnen zugute käme.

Überdies mischte sich der Erzbischof von Mainz in die Angelegenheit ein. Warum? Weil der ein gläubiger Mensch war und sich immer überall dort einmischte, wo er seinen Einfluss und seine Pfründe in Gefahr glaubte. Und weil er seit Urzeiten und unangefochten die kirchliche Herrschaft in der Stadt Erfurt innehatte. Und weil, wie es schien, zwischen ihm und den Thüringer Landgrafen ein Dauerstreit entbrannt war, der längst nicht nur um die Stadt Erfurt geführt wurde. Der Erzbischof sagte es zwar nicht von der Kanzel herab, aber wahrscheinlich betrachtete er Hermann und seine Leute als Ketzer, die des Heiligen Bonifatius nur wegen der Tatsache gedachten, daß er damals bei seiner Missionierung aus Thüringen erfolgreich vertrieben worden war. Die Thüringer waren immer verkappte Heiden geblieben, die sich nur überzeugend fromm stellen konnten, und die schrecklichen Orgien, die auf Hermanns Burgen gefeiert wurden, mit diesen heruntergekommenen Spielleuten und Gauklern à la Walther von der Vogelscheiße, der dort für jede warme Mahlzeit katzbuckelte, waren nur ein Indiz für ihre Gottlosigkeit.

Wie auch immer, der Erzbischof stellte sich wieder einmal gegen den Landgrafen, der natürlich nicht lange gezögert und Tatsachen geschaffen, sprich, seine (oder des Aulachers) Felder mit eigenen Truppen gesichert und unverzüglich mit dem Waidgeschäft angefangen hatte, woraus bereits bares Geld floss, was die anderen erst richtig zornig machte. Unglücklicherweise weckte das bei Otto von Braunschweig ebenfalls Begehrlichkeiten, als er sah, daß Hermanns Unternehmen florierte.

Plötzlich berief sich der König auf ein Gesetz, das kurioserweise ein Staufer, nämlich Barbarossa höchstpersönlich, beschlossen hatte, wonach die Reichsgüter und Reichsrechte, die im Laufe der Zeit und durch das ständige Schachern der Könige und Fürsten an die Städte gefallen waren, zurückgegeben werden sollten, was natürlich ein vollkommen aussichtsloses Unterfangen war, weil sich die Städte inzwischen erfolgreich dagegen wehren konnten.

Wiederum zeigte sich, wie raffiniert Waldemar von Aulach war, jedenfalls glaubte Hermann, daß er den Plan ausgeheckt hatte. Er und seine Verbündeten, die er selbstverständlich nie beim Namen nannte, brauchten weiter nichts zu tun, als des Königs Forderung zu unterstützen: die Stadt Erfurt sollte ihren Reichsbesitz zurückgeben. Das ergab dann einen Sinn, sobald man sah, um welche Güter es sich drehte. Barbarossas Verordnung lag fünfzig Jahre zurück, das hatte an ihrem Inhalt nichts geändert. Aber keine königliche Kanzlei war in der Lage, sich über alle die Rechtsverhältnisse betreffs der beweglichen und unbeweglichen und sonstigen Güter, die in den vergangenen fünfzig Jahren und vor allem in den hundert Jahren davor ihren Eigentümer gewechselt hatten, einen Überblick zu verschaffen.

Und gerade die Kanzlei war daran auch gar nicht interessiert, denn eine ministeriale Kanzlei existiert dadurch, daß sie ihre Listen und Verzeichnisse, Urkunden und Abschriften, Verträge und Rückübertragungen und was sich alles bei ihr stapelt, immer wieder wie zum ersten Mal durchforstet, ohne auch nur irgendwann einmal damit fertig zu werden. Also verlangte Otto sein Reichseigentum zurück, wusste aber nicht, woraus es besteht. Und die Erfurter waren so entgegenkommend, ihm eine Liste der in Frage kommenden Ländereien zu übergeben, auf der natürlich auch die Aulacher Felder standen, die, wie Waldemar auf einmal behauptete, gemäß der Urkunde längst der Stadt gehörten.

Das Missliche an des Landgrafen Lage war, daß er seine Interessen letztlich immer nur mit Waffengewalt durchsetzen konnte, die einzige Sprache, in der man nach seiner Ansicht auch mit den so kultivierten Stadträten reden sollte und der sie gehorchen mussten, weil keine Stadt über eigene Heerscharen verfügte. Und auch der Erzbischof nicht, und ein Waldemar von Aulach erst recht nicht. Nicht einmal der König hatte eigene Ritter und Söldner, sondern musste sie sich von den Fürsten zusammenkaufen.

Aber die Zeiten waren andere als jene von Hermanns Großvater, als man noch regelmäßig zweimal im Jahr gegen den König zu Felde zog und sich zwischendurch mit den einheimischen, zänkischen Kleingrafen herumschlug. So lächerlich König Ottos Verlangen nach Rückgabe der ehemaligen Reichsgüter auch auf den ersten Blick schien, so verbarg sich dahinter doch sein ernstzunehmender Willen und der erste Versuch, dem Reich eine vollkommen neue Ordnung zu verschaffen, mit deren Verwaltung die Ministerialen, die so übereifrig ihre Urkunden hüteten, betraut wurden und gegen die mit dem Schwerte vorzugehen ungefähr so klug war, als ob man Blutegel mit dem Blasebalg ausmerzen wollte.

Trotzdem Hermann dies alles ziemlich klar erkannte, hatte er von seinen Vorvätern, und besonders von dem "Springer", eine Wesensart geerbt, mit der jene überhaupt erst zu der Macht und der Würde gelangt waren, auf die er sich heute stützen konnte, und das war eine Unerschrockenheit gegen alles, was sich einem in den Weg stellt, eine Eigenschaft, die man vielleicht sogar Barbarentum nennen konnte, wenn man darunter etwas versteht, das einen mit naturgewaltiger Kraft ausgestatteten und mit einer gewissen unwiderstehlichen Selbstüberschätzung begabten Mann in der Gemeinschaft von Seinesgleichen stets zum Ersten unter ihnen aufsteigen lässt.

Und so war er gegen den Waldemar von Aulach auch nicht zimperlich. Ob es nun eine solche fragliche Urkunde gab oder nicht, das war zweitrangig; die Rechtsverhältnisse mussten jetzt ein für allemal geklärt und festgeschrieben werden. Die Aulacher Felder gehörten seit jeher zum Grund und Boden der Landgrafen, und es war am einfachsten, sie nachträglich zu einer Schenkung des Kaisers Konrad zu machen, der dies nicht leugnen konnte, weil er seit vielen Jahrzehnten tot war. So etwas hatte man seinerzeit schon beim Reinhardsbrunner Kloster praktiziert, und es war gutgegangen. Der Walter von Vargula, der wie so oft mäßigend auf Hermann einwirken wollte, äußerte, daß man zu einer solchen Beurkundung des Herrn von Aulach eigentlich nicht bedürfe. Ob er ihn schonen wollte, sei dahingestellt. Aber Hermann, und noch mehr Ulrich von Kranichfeld, der sich stets der alten Schule der ritterlichen Raufbolde zugeneigt fühlte, hörten nicht auf ihn.

Und Ulrich hatte auch die nötige Brutalität, um den Anschlag auszuführen. Natürlich legte er selber nicht dort Hand an, wo er Gefahr liefe, sich und den Landgrafen zu verraten. Er warb für ein paar Groschen und ein fettes Essen eine Handvoll Halunken aus Erfurt an, die dem Waldemar von Aulach seinen Herrensitz niederbrannten, nachdem Ulrichs Mannen ihn vorher festgenommen und sein Haus, allerdings vergeblich, nach der Urkunde durchsucht hatten. Ulrich hatte schon immer an ihrer Existenz gezweifelt; immerhin konnte der Aulacher sie sicherheitshalber auch in Erfurt hinterlegt haben, das würde man noch aus ihm rauskriegen. Die gedungenen Brandschatzer ließ er hernach umbringen, und das Geld, das noch in ihren Taschen steckte, konnten die Mörder behalten. Das war die Art, ein Verbrechen mit dem anderen zu finanzieren, die Ulrich in Ordnung fand.

So saß der Herr von Aulach nun im Burgverlies und wusste auch in welchem, wie er auf dem Hof ausgerufen hatte. Daß er so unbeherrscht war, lag wahrscheinlich an der Hoffnungslosigkeit, die ihn befiel, als er ahnte, er werde hier nicht mehr lebend wegkommen. Dann sollte der alte Hermann wenigstens wissen, daß er erkannt und durchschaut war, und daß der Aulacher einer jener - in Wahrheit zahlreichen - Männer war, welche der Alte auf dem Gewissen hatte, und die ihm vielleicht dereinst, wenn er mit zittriger Hand das Schwert nicht mehr halten kann, als Gespenster erscheinen werden.

Als die Knechte anfingen, das Grünzeug kurzzuschneiden, mussten Hermann der Sohn und die drei anderen etwas unternehmen, um ihren "Schatz" aus dem Turm zu holen. Sie konnten es so aussehen lassen, daß sie den Knechten helfen wollten, weil sie gerade nichts Besseres zu tun hatten und weil sie sich schon immer mal in den Kellerräumen umschauen wollten. "Aber Junggraf, Ihr wart doch voriges Jahr erst da drin", sagte einer der Knechte zu Hermann und erinnerte ihn daran, wie man ihn aus dem Kerker befreien musste, weil er sich selber darin eingeschlossen hatte; dieses Schloss war das einzige (von denen, die er probiert hatte), das sich nicht mit seinem Geheimschlüssel öffnen ließ. Also hatte er sich den richtigen Schlüssel besorgt (es musste aber mindestens zwei geben, denn es war nicht der, mit dem Ulrich jetzt dem Gefangenen eins auf die Nase gegeben hatte).

Als Hermann dann in dem Kerkerraum war, fiel, wodurch auch immer bewegt, die Tür ins Schloss, und der Schlüssel steckte von außen. Der Kerker war an der Seite wie von einem großen Käfiggitter begrenzt, aber der Teil mit der Tür war so konstruiert, daß man von innen nicht ans Schloss heran reichte. Er rief so laut er konnte um Hilfe, aber davon wurde er nicht entdeckt. Es war Ludwig, der ihn suchte, und der wahrscheinlich auch ahnte, wo er ihn finden würde, und ihn herausholte.

Aber dann erwischten sie die beiden doch noch, und Hermann hatte den Schlüssel und musste alles gestehen. Sophia, die Landgräfin war am meisten darüber beunruhigt, daß der Junge womöglich verhungert wäre, denn zu der Zeit wurde der Kerker nicht benutzt und niemand kam da hinunter. "Außerdem", sagte jetzt der Knecht, "ist da einer drin." "Den können wir uns ja mal angucken", meinte der Hasse, aber die Knechte lachten nur. "Kein schöner Anblick", sagte einer. "Oh nein, kein schöner Anblick." Und dann erfuhren sie, daß man in der Nacht den Mann übel zusammengeschlagen und wahrscheinlich auch gefoltert hatte, um irgendetwas aus ihm herauszupressen. Das lockte sie nur noch mehr, ihn zu sehen.

Es klappte bis dahin alles gut. Der Eingang lag auf der Rückseite. Hermann sollte in den Raum über dem Kerker gehen, dort aus der Fensteröffnung heraus für die Knechte die Triebe abschneiden, und im Hinausgehen den Sack mit dem Schatz mitnehmen. Er würde ihn draußen an Hasse übergeben, der ihn schnell fortschafft. Ludwig und Friedrich würden solange die Knechte ablenken. Auf den Stufen zum Keller hinab war es feucht und glatt, und dunkel war es hier auch, nur durch die offene Tür kam Licht, das aber verschluckt wurde, weil die Treppe gleich um die Ecke ging, und schon nach dem ersten von den drei Absätzen war es fast finster. Erst aus dem Kerker selbst schimmerte es dann wieder heller heraus.

Hermann rutschte zweimal aus und hielt sich an dem Eisengeländer fest, das an den Steinen entlanglief. Von draußen hörte man die anderen, aber die Mauern waren so dick, daß ihre Stimmen weit entfernt klangen. Im Kerker war es still, für einen Moment dachte Hermann, der Gefangene wäre vielleicht schon tot, und das ließ ihm einen kalten Schauer über den Rücken fahren. Ihm fiel ein, daß man direkt an dem Gitter des Kerkers vorbei musste, um wieder eine halbe Treppe aufwärts in den Raum darüber zu gelangen. Er machte einen großen Satz an dem Gitter vorbei und hastete die Stufen hinauf; ihm war, als hätte er in der Ecke einen zusammengesunkenen Körper wahrgenommen. Eigentlich hatte er doch kein so großes Verlangen, ihn näher zu betrachten.

Die Tür zu dem Fensterraum war nicht abgeschlossen, und Hermann vergewisserte sich zuerst, ob das Bündel mit der Beute noch da war. Er legte es gleich neben den Ausgang. Dann rief er den Männern draußen etwas zu und fing an, mit dem Messer, das sie ihm gegeben hatten, die Zweige abzuschneiden und nach draußen fallenzulassen. Sie waren zwar nicht sehr dick, aber zäh und knotig und ineinander verwachsen, und unter den Blättern konnte er die Klinge schlecht ansetzen, doch es gelang ihm, das Fenster frei zu machen. Er horchte zwischendurch immer wieder nach unten und obwohl alles still blieb, begann sein Herz doch heftiger zu schlagen. Dann warf einen Blick durch den langen schmalen Spalt im Boden, konnte aber nichts erkennen. Er musste jetzt noch mal am Gitter vorbei.

Er nahm das Bündel. Auf der untersten Stufe blieb er stehen, warum wusste er nicht, aber es war, als müsste er über einen tiefen Graben springen. Plötzlich regte sich da drin etwas und ehe sich's Hermann versah, rüttelte es am Gitter. Er schreckte zurück, stieß mit der Ferse an die Stufe und verlor das Gleichgewicht. Er wollte sich umdrehen, aber im Schwung zog ihn der Beutel über seiner Schulter nach unten und er fiel genau vor dem Gitter auf die Seite. Er wollte sich im Fallen an den Eisenstäben festhalten, aber da bemerkte er, daß er das Messer noch in der Hand hielt, vielleicht hatte er es vorsichtshalber nicht wieder eingesteckt. Jetzt wurde es ihm zum Verhängnis. Sein Handgelenk kam zwischen zwei Eisenstäbe und wurde so verrenkt, daß er vor Schmerz aufschrie. Er ließ das Messer fallen, aber er hörte es nicht auf dem Stein klingen. Er zog die Hand heraus, rollte sich vom Gitter weg, kam auf die Füße und rannte die Treppe zum Ausgang hinauf.

Draußen stand Hasse. "Wo ist das Zeug?", fragte er. "Verflucht", sagte Hermann und blickte die dunkle Treppe hinab. "Es liegt da unten." "Es liegt da unten? Wieso?" "Hast du mich nicht schreien hören?" "Nein. Wieso hast du geschrien?" "Ach komm', lass den Kram jetzt da liegen, ist sowieso nicht viel wert." "Klar ist das jede Menge wert. Was ist denn los? Warum willst du's auf einmal nicht mehr." "Wenn du's unbedingt willst, kannst du's ja holen." "Wo liegt's?" "Genau vor der Gittertür vom Kerker." Hasse schwieg einen Moment. "Ist der da drin?" "Glaub' ja." "Hast du ihn gesehen?" "Undeutlich." "Sieht er schlimm aus?" "Weiß nicht." Hasse schwieg wieder, dann sagte er "Ich hol's raus." Und da war er schon auf der Treppe und hinter dem ersten Absatz verschwunden. Hermann ging um den Turm herum zu den anderen, die Knechte waren zufrieden. Er redete schnell über irgendeine Wasserrinne oben am Dach, damit keiner nach dem Messer fragte.

Er flüsterte Ludwig und Friedrich etwas zu, das die beiden nicht verstanden; sie fragten ihn, ob alles geklappt hat. Es verging wohl eine halbe Stunde, und Hermanns ungutes Gefühl wurde immer stärker. "Ich muss noch mal kurz nach hinten", sagte er zu Ludwig. Einer der Knechte rief ihm zu "Graf Hermann ... !" Er dachte, jetzt will er das Messer wiederhaben. Er sagte "Ich muss bloß mal pinkeln, bin gleich wieder da." Er schaute die Treppe hinab, dann rief er nach Hasse, es kam keine Antwort. Er stieg vorsichtig hinunter, und lugte um die letzte Ecke, vor dem Gitter lag kein Bündel mehr, und im Kerker war auch alles ruhig. Er schlich sich am Turm zurück, winkte Ludwig her und flüsterte "Alles bestens, ich komme später wieder." Damit ließ er sich eine Weile nicht blicken.

Ludwig beschäftigte die ganze Geschichte mehr als die anderen. Der Krempel in dem Sack interessierte ihn weniger, er wollte auch von dem Geld nichts haben, wenn Hasse, wie er gesagt hatte, alles zu barer Münze gemacht habe; sollte er seinen Anteil ruhig behalten. Seine Gedanken drehten sich um den Gefangenen, der so brutal und unwürdig behandelt worden war. Was hatte er verbrochen? Und warum gab man ihm nicht die Möglichkeit sich zu rechtfertigen? Ulrich von Kranichfeld würde ihm ein solches Recht nie zugestehen, das wusste Ludwig; er hatte früher schon erlebt, wie der Kranichfelder mit Leuten umsprang, die ihm hilflos ausgeliefert waren. Aber Ulrich, so schön er seine eigene Bösartigkeit an seinen Opfern auslassen konnte, handelte doch stets auf Befehl von Ludwigs Vater, dem Landgrafen. Und der alte Hermann hatte etliche Männer in seinem Dienst, die er mit solchen Angelegenheiten beauftragen konnte, und die ihm dafür dankbar und ihm treu ergeben waren.

Einer der wenigen, von denen Ludwig wusste, daß sie sich nicht für jedes zweifelhafte Vorhaben einspannen ließen, war der Walter von Vargula. Ludwig überlegte, ob er ihn fragen sollte, was es mit dem Gefangenen auf sich hat. Er hatte schon öfter mit Walter geredet, zwanglose und, wie Ludwig meinte, angeregte Gespräche geführt. Und obwohl Walter nicht mehr ganz so jung war, konnte er sich gut in Ludwigs Verstand und Gemüt hineinversetzen und hatte ihm stets Antworten und Erklärungen auf seine Fragen gegeben, die einfach und leicht begreiflich waren und ihm dabei auch wahrhaftig schienen. Aber das waren Fragen über Gott und die Welt. Worum es hier ging, das war nicht einmal mehr das Schicksal des Gefangenen und die Ereignisse, die damit zusammenhingen, sondern es war der Landgraf und seine innersten Beweggründe, die in Wirklichkeit hinter allem standen. Daher konnte nur Ludwig selbst mit dem Vater sprechen.

Er suchte ihn in seinem Zimmer auf und erbat sich eine Unterredung. Hermann war hocherfreut, ließ Ludwig auf einem der großen Lehnstühle, die dem seinen gegenüber standen, Platz nehmen und sagte, er benötige sowieso dringend eine kleine Pause, da er sich schon seit drei Stunden mit diesen Plänen zur Erweiterung des Seeberger Sandsteinbruchs befasse. Er habe aber davon so wenig Ahnung, und die Leute, die er dafür herbestellt hat, sind noch nicht angekommen. Er redete wie wenn er eins von seinen Abenteuern erzählte, und Ludwig sah, wie froh er war, daß ihm jemand, und noch dazu sein Sohn, Gesellschaft leistete.

Er schritt vor Ludwig bedächtig und stolz hin und her, die Hände auf dem Rücken und manchmal mit dem Arm in der Luft gestikulierend. Hermann war von wahrhaft ritterlicher Statur, groß, kraftvoll, breitschultrig, voluminös und schlank zugleich, wie der Stamm einer mächtigen Buche. Sein Haupt saß fest auf dem kurzen Hals. Er trug keinen dichten Bart, nur über dem Mund und am Kinn dünne Streifen. Seine Augen waren klein und beweglich, und nichts entging ihren Blicken, die abwechselnd argwöhnisch waren oder großmütig, wie jetzt, wenn er guter Laune war.

Aber es waren doch nie die Blicke, die sein wahres Ich verrieten, sondern sie hatten immer etwas Berechnendes an sich, als bediente Hermann sich ihrer, um bei den Menschen, auf die er sie richtet, eine Wirkung nach seinem Willen hervorzurufen. Und auch das war Ludwig bei den Geschichten, die der Vater in erwartungsvoller Runde zum Besten gab, aufgefallen: es behagte dem Alten, wenn ihm alle zuhörten und er konnte sanft wie ein Reh sein, obwohl das nicht recht zu seiner Figur passte.

Aber im Grunde sah er auf die anderen herab wie auf ein willfähriges Publikum, das von seiner Rede ergriffen sein musste, wenn er im Pathos der Ergriffenheit sprach, das lachen musste, wenn er einen Witz erzählte, das es mit der Angst bekam, wenn er das Böse an die Wand malte. Und mit den Blicken aus seinen unruhevollen Augen behielt er die Kontrolle über jede Regung und Äußerung seiner Zuhörer, selbst dann, wenn er so tat, als würde er von ihnen selbst angetrieben oder angestachelt werden. Und das Sonderbare daran war der Eindruck, Hermanns allseits gepriesene Gefasstheit könnte jeden Augenblick umschlagen in den unbegreiflichsten Jähzorn, mit dem er die anderen erschrecken würde.

"Ich wollte dich etwas fragen", sagte Ludwig in eine winzige Pause zwischen Hermanns Worten hinein. "Ja, natürlich. Ich rede und rede und habe darüber ganz vergessen, weshalb du gekommen bist. Nun, was hast du auf dem Herzen?" Ludwig ahnte seltsamerweise, wie der Vater reagieren wird, als er ihn jetzt nach dem Gefangenen im Grünen Turm fragte. Er blieb stehen und blickte auf Ludwig herab, als habe er einen seiner ärgsten Feinde vor sich, besann sich dann und entgegnete in herrischem Ton "Das geht dich nichts an!" Und auch die folgenden Worte hatte Ludwig zumindest sinngemäß erwartet.

"Ich bin sehr verärgert darüber, daß du dich in solche Dinge einmischst." "Das tue ich nicht", sagte Ludwig und zwang sich zu fester Stimme, "ich wollte bloß wissen, was da vorgeht." Das war nicht glücklich formuliert und es reizte Hermann noch mehr. "Was da 'vorgeht', wie du dich ausdrückst, das ist allein meine Sache und die meiner Männer, denen ich sie anvertraue. Sollte ich der Auffassung sein, es wäre nötig, dich über irgendetwas zu unterrichten, das die Angelegenheiten Unseres Hofs betrifft, werde ich dich das wissen lassen. Indessen finde dich endlich damit ab, daß dein Platz hinter deinem Bruder ist. Er ist der künftige Landgraf und ihn allein werde ich in alle Unsere Geschäfte einweihen, wenn es soweit ist."

Ludwig hatte sich erhoben und stand vor dem Vater, der, obwohl er ihn immer noch überragte, davon einen Moment lang beeindruckt schien. Dann fügte er hinzu "Ich sage dir das nicht etwa, weil ich deine Fähigkeiten und Talente nicht schätzte oder dich gar gering achtete. Alle meine Kinder sind mir gleich lieb, du, deine Brüder, deine Schwester, ich versichere: alle sind mir ans Herz gewachsen, sie sind Leib von meinem Leib und Blut von meinem Blut, und ich würde mich für jeden von euch aufopfern, wenn das von mir verlangt würde. Aber die Rangfolge in unserer Sippe ist keiner Laune von mir geschuldet und keine Willkür der Natur, sondern sie ist eine göttliche, eine heilige, eine unabänderliche Bestimmung, der ich mich fügen muss und in die zu fügen ich jeden meiner Angehörigen zwinge, ob mir und ihm das gefällt oder nicht. Gefühle spielen dabei nicht die geringste Rolle. Hast du das begriffen, Ludwig?" "Ja, Vater."

"Selbst wenn du dir über manche Geschehnisse bei uns den Kopf zerbrichst, um ihren wahren Sachverhalt zu ergründen, kann ich dir dabei nicht helfen. So viel Zeit habe ich gar nicht und ich will dich auch nicht unnötigerweise damit behelligen. Ich möchte ... wir, deine Mutter und ich möchten, daß du zu einem gesunden, ansehnlichen und verständigen Mann heranwächst, und was den Verstand betrifft, so müsste ich deine Frage eigentlich als gutes Zeichen werten. Dennoch solltest du deine Wissbegierde auf das richten, was sich der Ausbildung eines Jünglings und jungen Grafen von deinem Schlage geziemt, wofür ich immerhin verantwortlich bin."

Hermann machte eine Pause, und Ludwig war im Begriff zu gehen, da sagte der Landgraf "Ich will dir trotzdem noch eine Maxime mit auf den Weg geben, an die du denken solltest, wenn du die Handlungen und Entscheidungen eines Menschen beobachtest, die du vielleicht nicht nachvollziehen kannst. Würde dieser Mensch nicht so handeln, sondern das unterlassen, was er gerade tut, dann würde unweigerlich und sofort ein anderer an seine Stelle treten und eben dasselbe machen. Es gibt immer weit mehr Menschen als Taten, die vollbracht werden können, und jeder reißt sich darum, sie auszuführen, gute oder schlechte, ganz einerlei.

Aber der Einzelne, egal, welchen Ruf oder Ruhm er sich erwirbt, ist doch immer nur ein Handlanger des Schicksals. So wie man den Ruhmvollen verehrt und sein Verdienst würdigt, so sollte man den Niederträchtigen, der seiner Schandtat wegen verurteilt wird, mit Nachsicht beurteilen, denn nicht er selbst, sondern das Gesetz, nach dem er handelt, bewirkt allen Gang der Dinge, und es bewirkt - hoffentlich - daß die Menschen, die an sich unvollkommen und oftmals ihres eigenen Glücks unwürdig sind, so lange und so verträglich wie möglich zusammenleben können."

Das waren Worte aus des Landgrafen Mund, die so ganz anders klangen als jene abenteuerlichen und vor derben Übertreibungen strotzenden Geschichten, mit denen er seine Nächsten stundenlang unterhalten konnte, und Ludwig wusste nicht recht, aus welchem geheimen Winkel seines Innern sie kamen.

Hasse hatte tatsächlich den Sack aus dem Verlies geholt, aber vielleicht wollte er die anderen ein bisschen in Ungewissheit zappeln lassen, denn er ließ zwei Tage lang nichts von sich hören. Hermann und der Friedrich suchten ihn überall, und sie vermuteten schon, er habe sich mit der Beute aus dem Staub gemacht. Da tauchte er wieder auf, freudestrahlend und mit einem Beutel voll klingende Münzen. Er war alles losgeworden bei einem Händler, wahrscheinlich einem Zigeuner, wie er meinte, dem er einen guten Preis gemacht und der ihn bezahlt hatte.

Er musste den Handel haarklein erzählen, und Friedrich gestand ein, daß sie in diesem verrufenen Winkel der Stadt, wo Hasse seinen Kunden fand, nicht nach ihm gesucht hatten. Aber nicht nur damit konnte er prahlen, er überraschte auch noch mit einem kleinen Nachtrag zu dem Tag, als er das Bündel schließlich aus dem Keller geholt hatte. Und er plauderte jetzt so gelassen darüber, daß die anderen gar nicht fassen konnten, was da unten noch passiert war; und in ihrem Erstaunen entging ihnen auch, welche fatalen Folgen dies haben sollte.

Als Hasse nämlich hinabgestiegen war, um den Sack zu ergreifen, da hörte er eine Stimme aus dem Kerker, die leise zu ihm sagte: "He, Junge, bleib stehen, ich tue dir nichts." Klar, der Gefangene war hinter dem Gitter, was hätte er Hasse antun können, dennoch bekam er weiche Knie, und er gab das vor den anderen auch zu, denn es machte die Geschichte noch spannender. "Was ist?, fragte ich ihn, und er kam aus der Ecke hervorgekrochen, ja ich kann es nicht anders beschreiben, auf Knien kam er bis an das Gitter gerutscht und Blut tropfte von seinem Gesicht."

"Blut?", fragte einer. "Oh ja, jede Menge. Sie haben ihn ganz schön zugerichtet." "Der Kranichfelder?" "Na, die Fledermäuse waren's bestimmt nicht." "Und dann?" "Ich dachte, er will, daß ich ihn befreien soll, aber er konnte sich ja denken, daß ich keinen Schlüssel habe." "Du hättest zuerst einen Schritt zurücktreten müssen, falls er nach dir greifen will." "Vielen Dank für den Rat, was glaubst du, was ich gemacht habe."

Hermann dachte an das Messer, das er fallengelassen hatte. Ob der Gefangene Hasse damit bedroht hat? Sollte er sagen, daß es sein Messer war? Lieber abwarten, was Hasse noch berichtet. "Ich stehe also da mit dem Sack in der Hand, und er klammert sich am Gitter fest und zieht sich so halbwegs dran hoch. Er sagt: Was ist da drin? Ich antworte: Nichts. Er: Ich habe es klappern hören, es klang wie Metall. Ich sage: Kann sein." "Du hast gesagt: Kann sein? Weshalb?" "Wie, weshalb? Kann sein, hab' ich gesagt, na und, das kann alles mögliche heißen, meinst du, ich hätte damit verraten, was wirklich in dem Sack war?" "So'n Sack, da unten im Keller, wo's drin klappert, das kann ja nur ..."

"Ach so, ja? Und dann war ich wohl so blöd und bin noch mal runtergegangen und habe das Zeug raufgeholt. Und soll ich dir was sagen: der Hermann hat nämlich da was verloren." "Was soll ich verloren haben?", rief Hermann. Hasse sah ihn einen Moment lang an und Hermann schien es, als wüsste er genau Bescheid wegen dem Messer, dann sagte er: "Den silbernen Leuchter, den dreiarmigen, den hat er verloren." Hermann atmete auf. "Ach den, ja, der war aus dem Sack gerutscht, als ich hingefallen bin." "Du hättest es mir wenigstens sagen können", meinte Hasse. "Auf den Leuchter kommt's doch wirklich nicht an."

Hasse schüttelte den Kopf. "Soll ich dir was sagen: für den Leuchter hab' ich mit das meiste Geld gekriegt." "Also hast du ihn aufgehoben und eingesackt?" "Na, freilich hab' ich das. Sonst würde er jetzt noch da liegen, und das wäre 'ne ganz schöne Scheiße für uns." Hasse lachte auf einmal. "Ist schon komisch, der arme Kerl hat's mir erst gesagt." "Was?" "Der hat gesagt, vergiss' nicht den Leuchter da drüben." "Das hat er gesagt?" Hasse nickte. "Wieso?" "Keine Ahnung." "Vielleicht war er schon nicht mehr ganz richtig im Kopf." "Schon möglich", sagte Hasse, "aber dann kann's uns nur recht gewesen sein." "Stimmt." "Ich meine, nicht nur wegen dem Leuchter." "Wegen was denn?"

"Soll ich euch was sagen: Ich hebe den Leuchter auf und stopfe ihn in den Sack, da sagt der: 'Und das hier geb' ich dir auch noch dazu', und hält mir so was Glänzendes hin. Ich denke, der will mich reinlegen. Ich sage: 'Was ist das?' Er sagt: 'Das ist eine Gürtelschnalle, vergoldet, ziemlich viel wert.' Ich sage: 'Lass' sie fallen', er sagt: 'Nimm' sie dir.' 'Lass' sie fallen, dann nehm' ich sie.' 'Ich geb' sie dir in die Hand', und er streckt sie mir hin. 'Nein', sag' ich, 'da fall' ich nicht drauf rein.' Da lässt er sie tatsächlich fallen, und ich schnappe sie mir, und er lacht wie ein Irrer, daß ihr das nicht gehört habt." "Ich hab' nichts gehört", sagte Ludwig und Friedrich meinte "Mir war mal kurz so."

Die Jungen waren sich nicht ganz sicher, ob sie Hasse glauben sollten. Hermann fragte "Und was für eine Gürtelschnalle war das?" "Eine echte, vergoldet. War wie ein kleiner Schild mit einem Wappen vorn drauf, das war außerdem noch mit Edelsteinen." "Jetzt übertreibst du aber, eben hast du gesagt, der Silberleuchter war am wertvollsten." "Das hab' ich gar nicht gesagt, sondern dafür hat mir der Zigeuner allerhand gezahlt, aber die Schnalle hab' ich woanders verkauft, und dafür hab' ich noch mehr gekriegt."

"Ich frage mich nur, warum er sie dir gegeben hat." "Warum, warum? Wozu braucht der noch eine Gürtelschnalle? So wie der aussah, kann er sich sowieso nicht mehr unter die Leute trauen. Sitzt der überhaupt immer noch da unten?" Hermann zuckte mit den Schultern und Ludwig sagte "Wissen wir nicht, hat keiner nachgeschaut." "Na Gott sei Dank müssen wir da nicht noch mal rein", sagte Hasse und meinte dann großzügig: "Ich schlage vor, wir teilen uns jetzt das Geld und wenn ihr einverstanden seid, krieg' ich einen Bonus für meine Arbeit." Die anderen stimmten zu, und sie waren sich einig, daß dies der beste Raubzug war, den sie bis jetzt geführt hatten.

Landgraf Hermann hatte dem Ulrich von Kranichfeld freie Hand gelassen, was den Gefangenen betraf, und Ulrichs Männer hatten den Aulacher wiederholt verprügelt, um zu erfahren, wo die Urkunde ist. Waldemar von Aulach sagte nur immer wieder, es gebe keine Urkunde, und er ertrug die Schläge sehr standhaft. Ulrich beredete sich mit dem Grafen; entweder der Aulacher sagt die Wahrheit oder er lügt, in beiden Fällen schien es aussichtslos, etwas Brauchbares aus ihm herauszuprügeln.

Was sollten sie dann mit ihm machen? Sie konnten ihn ja schlecht wieder in Aulach vom Pferd schmeißen, und ihm andernfalls die Kehle durchzuschneiden und ihn im Wald zu verscharren wäre ein zu hoher Preis für so wenig Ausbeute gewesen. Wenn man ihn aber zwingen würde, die Eigentumsverhältnisse, so wie sie sich Hermann wünscht, durch seine, Waldemars, Unterschrift zu bestätigen, dann käme man gut aus der Sache heraus, und könnte den Aulacher sogar laufen lassen, denn wie sollte er seine eigene Erklärung anfechten? Und er würde auch niemanden finden, der ihm Gehör schenkt, wenn er behauptet, er habe sie unter Zwang abgegeben, denn was hätte er denen noch zu bieten, die er um Beistand anruft. Zur Not, meinte Hermann, kann man ihm ein Stückchen Land mit einer Behausung lassen, wo er sein Dasein fristen kann.

Gesagt, getan, Ulrich holte sich einen Schreiber, der ihn, mit Pergament, Tintenfass und Feder ausgerüstet, in den Kerker begleitete. Man öffnete die Gittertür, und Ulrich weckte den in der Ecke liegenden Aulacher mit ein paar kräftigen Fußtritten. Aber Waldemar von Aulach schlief nicht, sondern war tot. Er hatte sich mit dem Messer, das dem jungen Hermann abhanden gekommen war, selbst umgebracht.

Da war guter Rat teuer. Die Urkunde ganz und gar zu fälschen, schien ein zu gewagtes Unterfangen, denn in Erfurt kannte man Waldemars Unterschrift, ganz zu schweigen von seinem Siegel, dessen Fehlen man mit seiner eigenen handschriftlichen Bemerkung immerhin hätte begründen lassen können; aber dem Toten dazu die Schreibhand zu führen, das hätte nicht einmal Hermanns Urahn, Ludwig der Springer, fertiggebracht. Dem Landgrafen, dem Ulrich die fatale Mitteilung machte, blieb nichts weiter übrig, als ihn zu beauftragen, Waldemar von Aulachs Leiche im Wald zu vergraben. Ob es nicht besser sei, sie zu verbrennen, meinte Ulrich, aber vor so viel Frevel schreckte Hermann zurück. Also taten sie, wie er ihnen befohlen hatte.

Was der Hasse für eine Gürtelschnalle gehalten hatte, war aber nichts anderes als ein Siegel des Aulachers, das er stets bei sich trug und das der Kranichfelder und seine Schergen an ihm nicht beachtet hatten. Das sollte sich nun bitter rächen. Durch unglückliche Umstände kam es, nachdem Hasse es verkauft hatte, noch in Eisenach in die Hände eines Erfurters, der es sofort erkannte und sich nicht schlecht wunderte, daß er den Besitzer nicht mehr ausfindig machen konnte, dagegen jedoch Waldemars Haus und Hof in der Hand des Thüringer Landgrafen fand. Er hatte nicht viel Mühe, den kurzen Weg des Siegels zurückzuverfolgen und erfuhr von einem ganzen Sack voll wertvoller Sachen, der irgendwie von der Wartburg kam. Der Mann unterrichtete die Erfurter Ratsherren, die zwar richtig vermuteten, was geschehen war, sich aber skeptisch zeigten, ob man daraufhin gegen Hermann vorgehen könnte.

Allein der Hildebrand Behringer schlug mit der Faust auf den Tisch und forderte den Rat auf, endlich mal wieder etwas gegen Hermanns Willkür zu tun und ihm wenigstens eine Lektion zu erteilen. Er konnte die Ratsherren dazu bewegen, und sie taten, was sie in solchen Fällen immer tun: sie engagieren einen Mann, der seinen Lebensunterhalt damit verdient, mit Waffengewalt die Interessen von Leuten durchzusetzen, die dabei gern ungenannt und unerkannt bleiben wollen. Dieser Mann suchte sich eine zuverlässige und schlagkräftige Truppe zusammen, die er bei den Schwarzburgern fand, welche seit der Reinhardsbrunner Großen Rodung die Grenz- und Erzfeinde der Thüringer Landgrafen waren.

Es wurde ein Abdruck von dem Siegel gemacht und an den Landgrafen geschickt, mit der Aufforderung, über den Verbleib Waldemars Auskunft zu geben. Nun hätte sich Hermann ahnungslos stellen können und es wäre wahrscheinlich nichts weiter geschehen. Aber Ulrich von Kranichfeld war manchmal eben doch nicht der eiskalt berechnende Schurke, der niemals einen Fehler machte. Er meinte nicht anders, als daß Waldemars Leiche gefunden worden war, mitsamt dem Siegel, das sie übersehen hatten. Und er war geradezu dämlich, als er sich mit ein paar seiner Schergen noch einmal zu der Stelle im Wald aufmachte, wohin ihm die Schwarzburger Söldner, die am Ausfallweg von der Wartburg lauerten, heimlich folgten.

Fast gleichzeitig bemerkte Ulrich, daß das Grab unversehrt war und gewahrte die Reiter, die ihnen hinterher gekommen waren. Er fühlte sich bedroht und beging einen weiteren Fehler, als er seinen Männern den Befehl gab, die Verfolger anzugreifen, obwohl die in Wirklichkeit noch gar nicht über den säuberlich abgedeckten Erdhaufen da Bescheid wussten. Sie konnten auch nicht so schnell gucken, wie zwei von ihnen durch Armbrustbolzen der Wartburger vom Pferd geschossen wurden. Sie flüchteten, und Ulrich mit seinen Leuten verschwand ebenfalls und erreichte auf einem für solche Zwecke angelegten versteckten Pfad die Burg.

Man machte sich auf einen Angriff gefasst. Die Schwarzburger, als sie ihre toten Kameraden holten, entdeckten das Grab und die Erfurter ließen kurz danach durch einen Hilfstrupp, der unter dem Schutz des Mainzer Erzbischofs stand (schließlich handelte es sich hier auch um den Tod eines christlichen Ehrenmannes) Waldemars Leiche exhumieren. Man konnte ihn gerade noch wiedererkennen.

Hermann, als ihm der Kranichfelder alles berichtet hatte, vermutete sehr richtig, daß die Söldner versuchen werden, ihnen hier auf der Burg ein bisschen die Hölle heiß zu machen. Sie würden sie zwar nicht einnehmen können, dafür waren es viel zu wenige, und das war ihnen wohl selber klar, aber sie taten genau das, was Hermann schon von ähnlichen Versuchen, ihn zu ärgern, her kannte. Nachts schossen sie Brandpfeile auf die Dächer der Gebäude, tagsüber lauerten sie den Leuten auf, welche ihre Waren zur Burg schaffen wollten, obwohl die rein gar nichts damit zu tun hatten. Sie blieben fern, und in der Küche wurde das Essen reduziert. Was unbedingt nötig war, besorgten bewaffnete Reiter und Gregor, der immer noch irgendeinen Schleichweg kannte, auf dem er gefahrlos hin- und zurückkam.

Ein paar Mal warfen die Angreifer auch schwere Kugeln aus einer gewaltigen Steinschleuder, die sie mit viel Kraftaufwand den Silbergraben hinaufgezogen und an der Südflanke in Position gebracht hatten, von wo aus sich eine günstige Wurfbahn ergab, weil die Stelle fast die gleiche Höhe wie die Maueroberkante hatte. Eine der Kugeln krachte in das Stallgebäude, eine andere ins Waschhaus, eine fiel sogar genau in den Brunnen und zerschlug das Bretterdach mit der Seilwinde. Mit diesem und ähnlichen Würfen erkundeten die Schützen wohl die Abschusswinkel, denn viele Geschosse gingen auch daneben.

Trotzdem war es nicht ungefährlich, und in diesen Tagen beschloss Landgraf Hermann, daß seine Familie für eine Weile anderswo untergebracht werden soll. Bei Nacht und Nebel verließen Sophia, der junge Hermann und Ludwig die Burg. Die beiden ersteren zogen auf die Neuenburg, Ludwig ging nach Weißensee, wo er auch noch blieb, als die Wartburger nicht mehr bedrängt wurden und die anderen zurückgekehrt waren. Die Steinschleuderer hatte Ulrich von Kranichfeld und seine Männer eines Morgens überfallen und das Kriegsgerät erst einmal lahmgelegt. Einer von Ulrichs Leuten, der für technische Bauten zuständig war, fertigte eine Skizze an, und der Landgraf plante, sich auch irgendwann einmal so ein Ding anzuschaffen.


 
* * * * * * * *
Gleichnisse und Rätsel
 

Elisabeth fühlte sich wohl auf der Creuzburg. Fast hätte man sagen können, sie habe die ganze Burg für sich allein. Es gab den Burgvogt Wendelin Wacker, der so war, wie er hieß, ein wackerer Mann, der zugleich Burghauptmann war und eine winzige Truppe von bewaffneten Söldnern befehligte, die alle aus dem Dorf unterhalb der Burg kamen und von denen die beiden ältesten, Sauer und Pätzoldt, schon zum Inventar der Burg gehörten.

Es gab sogar ein Grab irgendwo auf der Rückseite, wo ein Ritter p.m. Soundso (den Namen konnte man nicht mehr entziffern) lag, der über siebzig Jahre zur Creuzburger Wachmannschaft gehört hatte und der erst nach seinem Tode (deshalb das p.m. für post mortem) wegen seiner Treue zum Ritter geschlagen wurde. Elisabeth wollte sich von jemandem, der es wusste, erzählen lassen, wie das geht: einem Toten den Ritterschlag zu geben, und sie fand auch tatsächlich einen alten, rüstigen Knecht, der es ihr sogar vormachte, aber Elisabeth musste schrecklich darüber lachen, es sah aus, als würde ein erfrorener Hund vom Blitz getroffen.

Die Söldner hatten natürlich nicht viel zu kämpfen, denn die Creuzburg war kein strategisches Objekt, obwohl hier eine brauchbare Brücke über die Werra führte. Zuletzt war sie belagert worden, als Landgraf Ludwig (der Vater des jetzigen Landgrafs) sich hier verschanzt hatte, weil ihm der König auf den Fersen war. Man hatte damals in Windeseile einen Graben ausgehoben und die Nordwestflanke verstärkt, indem man ein Stück vor der alten Mauer eine neue baute. Das Heer des Königs war aber unterwegs zerfallen, die Fürsten, die ihre Männer dem König geliehen hatten, waren mit ihm in Streit geraten und hatten sich von ihm abgewendet. Glück für Ludwig, der beinahe ungeschoren davon gekommen wäre, hätte ihn nicht am Burghang einmal, als er die Befestigung inspizierte, eine Viper gebissen, von deren Gift er über Wochen ziemlich krank und geschwächt wurde.

Als klar war, daß niemand die Burg angreifen würde, machte man sich wieder an die Tagesarbeit und die alte Mauer wurde abgebrochen und der breite Streifen Boden wurde dem Burggelände hinzugefügt. Der Lärm ging aber dem Landgrafen auf die Nerven, und so zog er aus und ging nach Waltershausen auf den Tenneberg, wo es seit alters her eine Burg gab, die eigentlich nur ein hoher, dicker Turm um einen Innenhof herum war, und die ein wunderschön klingendes Glöckchen über dem Tor hatte, von dem niemand wusste, woher es stammte. Auf der Creuzburg wohnte für die nächsten Jahrzehnte kein Landgraf. Aber Sophia, die Gemahlin des jetzigen und Wahlmutter Elisabeths hatte hier zwei ihrer Kinder zur Welt gebracht, und für diesen Anlass, meinte Elisabeth, war die Creuzburg wie geschaffen.

Elisabeth wählte, nachdem sie tagelang alles gründlich in Augenschein genommen hatte, ein Zimmerchen für sich aus, das ihr Refugium war und in das sie niemanden herein ließ außer Britta, ein anderes Kammermädchen, den Pfarrer und den Doktor, die aber beide höchst selten erschienen. Die Kemenate hatte zwei Fenster, die mit handtellergroßen, bleigefassten Scheiben verglast waren, und die meisten dieser Scheiben (nicht alle) waren so klar, daß man hindurchsehen konnte.

Man blickte auf das Tal, in dem sich die Werra schlängelte, die unter der Brücke über ein wildes Geröllfeld ging und sich danach allmählich wieder beruhigte, bis sie weiter entfernt glatt und langsam dahin strömend den Blicken entschwand. An ihren Ufern lagen stellenweise Boote und Kähne, manche waren halb auf die Böschung gezogen, und auf den Wiesen mit saftigem Gras fraßen sich Kühe satt, um dann regungslos und zufrieden dazuliegen.

Die Berge auf der gegenüberliegenden Seite erschienen niedriger als sie in Wirklichkeit waren, und bei gutem Wetter konnte man auch die Türme und Gebäude der Wartburg erkennen, wie kleine aufgehäufte Spielsteine. An manchen Tagen zogen wunderschöne weiße Wolken am Himmel entlang, und Elisabeth begleitete sie mit verträumten Blicken. Aber selbst wenn regnete oder stürmte, fand sie immer noch etwas, das ihr gefiel, und war es auch nur der komische Wasserstrahl, der in regelmäßigem Abstand an dem Dachziegel über ihr hinweggluckste, als würde ein kleiner, übermütiger Drachen auf dem Dach sitzen und ihn ausspucken.

Oder an den frühen Morgen, wenn der Nebel am Fluss wie ein weißer Schleier wallte und emporstieg und sich auflöste, da fand es Elisabeth angenehm, im wärmenden Mantel überm Nachthemd am Fenster zu stehen und sich von den zerfließenden Nebelschwaden wie von schummrigen Gefühlen einen Atemzug lang hinreißen zu lassen.

Die Tage waren oft ausgefüllt vom Unterricht, den Meister Immenberg erteilte, der sich alle Mühe gab, dem Mädchen etwas so zu lehren, daß sie nicht immer schon vorher erkannte, worin die Ur- und Hauptsache dabei lag und wie man sie am besten beschreiben konnte. Er hatte kaum seine Erklärung begonnen, als Elisabeth ihm bereits die Antwort auf die Frage gab, die er höchstwahrscheinlich am Ende stellen würde. Er war einerseits natürlich glücklich über ihre außerordentliche Begabung, andererseits hatte er bald Zweifel, ob er der richtige Lehrer wäre, um ihr noch etwas Neues beizubringen. Er war unendlich geduldig und gütig und aufrichtig, und er äußerte seine Bedenken selbst Elisabeth gegenüber, auch auf die Gefahr hin, daß seine Autorität dadurch Schaden nehmen könnte.

Elisabeth tat so, als könnte sie nicht ganz nachvollziehen, was er meint, und dann richtete sie sich nach ihm, ohne daß er es merkte. Sie stellte sich manchmal ein bisschen begriffsstutzig, so daß Meister Immenberg etwas drei- oder viermal wiederholen musste, ehe sie sich mit der Hand an die Stirn klapste und rief "Ah, jetzt habe ich es verstanden."

Oder sie stellte ihm Fragen über besonders knifflige Probleme, aber doch immer so, daß sie wusste, er würde sie ihr erklären können, und dafür musste er etwas weiter ausholen und zunächst einige Voraussetzungen heranziehen und diverse Begleitumstände berücksichtigen, um dann auf einem kleinen Umweg über einige Hypothesen, welche aufgestellt und ebenso viele Einwände, die erhoben werden können, zum Wesen der Sache vorzudringen und es von den nichtessentiellen Akzidenzien zu bereinigen und in seiner ganzen Evidenz zu charakterisieren.

Elisabeth nickte dabei eifrig und manchmal klatschte sie sogar in die Hände und sagte "Meister Immenberg, ich glaube, sie verstehen nicht nur die Welt bis in alle Einzelheiten, sondern sie könnten sie sogar noch verbessern." Das meinte sie durchaus ehrlich, und sie bedauerte es bloß, daß der Lehrer nicht viel berühmter werden und sich an einer bedeutenden Schule einen Namen machen kann. Aber dann hätte er sie verlassen, was vielleicht noch bedauerlicher gewesen wäre, so wie das mit dem Pfarrer geschehen war.

Auf der Burg war eine kleine Kapelle. Im Innern bildeten vier Steinsäulen ein Rechteck, und darin gab es sieben Reihen mit Bänken, die so dicht standen, daß man Mühe hatte beim Hinsetzen und Aufstehen, und wer zu dick war, musste sich hineinzwängen. Die Beine konnte man nicht ausstrecken, und wenn man sich beim Gebet zu weit vor beugte, stieß man gleich an die Schulter des Vordermanns. Nur in der ersten Reihe war es besser. Auf eine Bank passten höchstens sechs bis acht Leute, aber Elisabeth hatte es erlebt, wie zu einer Ostermesse einmal zwölf Kinder nebeneinander gesetzt wurden. Zu beiden Seiten der Bänke war ein Zwischenraum, und die Wände der Kapelle hatten oben jeweils drei kleine Fenster. Die Decke war gewölbt wie ein Fass, kalkweiß und mit einem rotbraunen Rautenmuster bemalt, das an der Wölbung nicht gut wirkte.

Aber man konnte ja nach vorn schauen, wo seitwärts zwei hohe, schmale Fenster das Licht genau auf den kleinen Altar warfen, der aus dem schönen ockerfarbenen Sandstein war und oben von einer Holzplatte bedeckt wurde, auf der eine weiße Kerze auf einem schlanken silbernen Leuchter stand. Hinter dem Altar war ein Kruzifix, ein wahres Meisterwerk eines Holzschnitzers. Das Gesicht des Heilands lag gerade an der Grenze von Licht und Schatten, und man konnte den schmerzvollen Ausdruck des Gekreuzigten erkennen, kurz bevor er von der Hand seines göttlichen Vaters himmelwärts hinweg genommen wird.

Man möchte ihm geradezu folgen, dachte Elisabeth manchmal bei dem Anblick, so verheißungsvoll war sein Antlitz und auf so viel Schönes schien er gefasst zu sein. Aber jedesmal bemerkte Elisabeth, wie sie im Grunde die Meisterschaft des Künstlers bewunderte, der so etwas fertiggebracht hatte. Wäre es nicht besser gewesen, weniger über das Stück Holz nachzudenken, als vielmehr über Christus selbst, den es verkörperte? Und jedesmal nahm sie sich vor, mit dem Pfarrer darüber zu reden.

Pfarrer Elger Rudolphi gehörte nicht zum Personal der Creuzburg, er stammte aus Hersfeld und hielt in der Kapelle die Messen zu den Feiertagen und zu den besonderen Anlässen, seitdem der vorherige Pfarrer seines Amtes (manche sagten wegen Trunksucht) enthoben worden war. Der Landgraf hatte Rudolphi auch angeboten, ihn dauerhaft für die Creuzburg anzustellen, ja er hatte sogar davon gesprochen, eine größere Kapelle zu errichten, aber Rudolphi hatte abgelehnt, genauer gesagt, er hatte sich eine Frist zum Überlegen erbeten.

Als dann aber in Eisenach die ersten Predigerbrüder und die Minoriten auftauchten, und man anfing, über die Einrichtung eines Konvents für sie zu beraten, da verzichtete der Creuzburger Pfarrer auf die angebotene Stelle, wohl auch, weil er wusste, daß die meisten Mittel langfristig sowieso nach Eisenach fließen würden. Und auf welche Zuwendungen oder testamentarische Vermächtnisse sollte man in dem Dorf an der Werra zählen können?

Dabei war dem Rudolphi, der übrigens noch gar nicht so alt war, die kleine Kapelle beinahe ans Herz gewachsen. Und auch die Gemeinde, zu der neben der Prinzessin und den Burgleuten, die ja gewissermaßen Mitglieder des landgräflichen Hofs waren, auch die Gläubigen aus dem Ort gehörten, hatte ein gutes Verhältnis zum Pfarrer; nicht zu vergessen die Herrschaften von Cobstedt, einer nahe liegenden Vogtei, und sogar die Zisterzienserinnen von Weinbehringen, die, wenn auch nur zu den hohen Festtagen, hierher kamen, um mit den anderen gemeinsam zu beten und Andacht zu halten.

Vielleicht war es gerade die Einfachheit, fast hätte man sagen können, Dürftigkeit der Kapelle, ihre zwar nicht abgeschiedene, aber doch im guten Sinn abseitige Lage, welche diese Menschen schätzten. Fern vom Hofleben und -treiben der landgräflichen Residenz, fern vom Dorfalltag mit seinen Mühen und Plagen, fern vom strengen Reglement des Klosters, das mitunter den Rückzug ins Gebet erschwert, und fern auch von der Einöde und Langeweile, der die Cobstedter zeitweise ausgesetzt waren, fanden alle hier die Gesellschaft der Menschen, mit denen sie sich in ihrem Glauben verbunden fühlten.

Diese Aufzählung soll jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, daß an etlichen Sonntagen, wenn Pfarrer Elger Rudolphi die Kerze auf dem Altar entzündete und sich anschickte, eine kleine Messe zu lesen, meistens nur eine Handvoll Zuhörer auf den Bänken saß, von denen vielleicht der eine auch noch schlief und seine tiefen Atemzüge das Holz unter seinem Hintern eintönig zum Knarren brachten. Wenn es nicht zu kalt war, ging Elisabeth auch gern zu dem Gottesdienst hin, und Rudolphi freute sich über jeden Gast, und versuchte, meistens mit Erfolg, die Sache so kurzweilig und interessant wie möglich zu machen.

Wenn einer die Heilige Schrift, das Alte und das Neue Testament und die Briefe des Apostels und die Offenbarung des Johannes und all' das, wenn einer das kannte, dann der Elger Rudolphi; und Elisabeth dachte, er muss doch früher Tag und Nacht ununterbrochen gelesen haben, um nicht nur das Leben von Jesus Christus zu kennen, sondern auch die Unterschiede in den vier verschiedenen Beschreibungen. Oder um zu wissen, was der Prophet Jesaja über den Hochmut des Königs von Assyrien und über den "Stolz seiner hoffährtigen Augen" gesagt hat. Manches davon beeindruckte Elisabeth mehr als alles, was sie bis dahin gehört hatte (ausgenommen vielleicht Brittas Geschichten).

Immer, wenn sie soweit war, über Christus und nicht mehr länger über die kunstvolle Skulptur von ihm nachzudenken, wurde sie von solchen Beschreibungen wie eben der Stolz in den hoffährtigen Augen des assyrischen Königs in Bann gezogen, und sie schaute den Pfarrer durchdringend und mit fast unheimlicher Konzentration an, um eventuell bei ihm diesen Ausdruck, den er gerade wiedergegeben hatte, zu erkennen. Aber Rudolphi, als er Elisabeths verkrampfte Miene bemerkte, wurde ein bisschen unsicher und dachte, es wäre ihr unwohl geworden von dem Weihrauchduft, der sich besonders an warmen, windstillen Tagen übermäßig entfaltete.

Dabei ging es ihr lediglich darum, zu erfahren, was das bedeute, wenn etwas hoffährtig ist und wie sich das zeige? Es gab immer mehr solcher merkwürdigen Stellen, die Elisabeth sich einprägte und von denen sie eine Sammlung anlegte wie ein Album, in dem man eigentümlich geformte Baumblätter aufbewahrt. Wonach sie die Sätze auswählte, hätte sie nicht sagen können; es war jedenfalls weniger der Sinn oder das löbliche oder tadelnswerte Exempel, dessen Erwähnung zur Erbauung oder als Warnung dienen sollte. Denn darunter war ebenso der sprachlose Geist des besessenen Jungen mit dem Schaum vorm Mund und den knirschenden Zähnen, den Jesus hernach heilt, als auch die amüsante Formulierung aus einem Psalm, wo Gott der Herr den Libanon wie ein Kalb hüpfen lässt und den Sirjon wie einen jungen Stier.

Elger Rudolphi erläuterte ihr, daß der Libanon und der Sirjon Gebirge seien, und daß diese Landschaft ungefähr dort liege, wohin unsere heldenhaften Kreuzritter den Glauben an Christus und an den Gottvater trügen, und Elisabeth fragte sich, ob die Ritter tatsächlich Land und Berg wie Kalb und Stier umherspringen sahen, als Gott sie bei ihrer Ankunft begrüßte?

Übrigens saß auch oft der Finkenmichel, der alberne Grimassenschneider aus dem Dorf, in der Kapelle, obwohl er sichtlich Schwierigkeiten hatte, seine langen, dürren Beine zwischen zwei Bankreihen unterzubringen. Pfarrer Rudolphi hieß ihn wie jeden anderen willkommen, der zu ihm kam, obwohl er den Finkenmichel mehrmals zwischendurch mit einem überdeutlichen Blick oder mit einem nachdrücklichen Räuspern ermahnen musste, weil er ständig seine Predigt, deren zahlreiche moralische Maßregeln er stets effektvoll vorzutragen wusste, mit seinem unnachahmlichen Mienenspiel begleitete, wobei er sich, da er den Sinn kaum erfasste, einfach von Rudolphis Stimme leiten ließ und dementsprechend einen erfreulichen, traurigen, verzweifelten oder hoffnungsvollen Ausdruck aufsetzte, was aber erstens nicht immer mit Rudolphis Intention übereinstimmte, wodurch beide durchaus widersprüchlich und komisch gegeneinander wirkten, und die anderen Zuhörer, die nicht selten eher des Finkenmichels Schauspielereien als die Predigt selbst verfolgten, ihr Gelächter unterdrücken mussten, und weil zweitens sich zwischen dem Pfarrer und dem zappeligen Knaben eine Art Schlagabtausch entwickelte, in welchem Rudolphi im Verlauf seiner Rede die Reaktion des anderen geradezu provozierte, um ihn dann sozusagen vor sich her zu treiben, und er schließlich seine Sätze so rasch, die Moral daraus so überraschend äußerte und seine Stimme so kurios durch Höhen und Tiefen jagte, daß der im Aufnehmen ungleich trägere Junge nicht mehr mithalten und am Ende einer solchen Parforce nur noch verständnislos den Kopf schütteln konnte. Aber vielen aus dem Publikum zuckte es danach in den Händen, den beiden für die Auflockerung Beifall zu zollen. Nur Elisabeth bemerkte, wie todunglücklich der Finkenmichel daraufhin war, seine Hände auf den Knien krampfhaft zusammenpresste und leise vor sich hin murmelte. Alles, was er tat, entsprang nämlich einem guten Willen, und nur die anderen, die dies nicht gewahrten, hielten es oft für Schabernack und Ungehörigkeit.

Rudolphi richtete sich selbstverständlich nach dem Jahreskreis der Fest- und Heiligentage, und bei seinen Predigten war außerhalb dieser Abfolge kein zwingendes System zu erkennen, nach welchem er ein einzelnes Thema wählte. Wahrscheinlich machte er sich, da er bei der Fülle seines Wissens niemals in Verlegenheit kam, darüber auch keine Gedanken. So sprach er diesmal über die Barmherzigkeit, ein andermal über die Erlösung, an einem dritten Tag über das Jüngste Gericht, dann wiederum über eine einzelne Person aus dem Alten Testament.

Manchmal, und dieses Verfahren erstaunte Elisabeth immer am meisten, nahm Rudolphi nur einen einzigen Satz, ja womöglich nur einen Halbsatz aus der Heiligen Schrift als Ausgangspunkt seines Vortrags, und es war kaum zu glauben, was er alles daraus gewinnen und wie er gut und gerne eine halbe Stunde darüber sprechen konnte ohne sich zu wiederholen.

Dann geschah es einmal, daß sich die Kunde über einen Fürsten verbreitete, einen sächsischen Herzog, der sehr reich war und in Saus und Braus lebte. Der hatte, so hieß es, zu seiner Geburtstagsfeier eintausend Gäste aus allen Himmelsrichtungen, viele aus Frankreich und Italien, eingeladen und ein rauschendes Fest veranstaltet, bei dem die gebratenen Tauben sogar mit echtem Gold überzogen gewesen sein und in den Weinkelchen auf dem Boden funkelnde Edelsteine gelegen haben sollen. Die Pracht der Details steigerte sich bald ins Unermessliche, je öfter man sich davon erzählte. Pfarrer Rudolphi nahm diese Nachricht zum Anlass, um über Vermögen und Armut des Menschen zu predigen.

Man müsse sich zwischen zwei Dingen entscheiden, sagte er, "denn niemand kann den Fuß auf mehr als eine Stelle setzen. Keine Weinrebe kann auf zwei Stöcken gleichzeitig wachsen, niemand kann zweierlei Brei in einem Topf kochen, und kein Kranker kann mit Wasser und Feuer zugleich geheilt werden, eins muss immer weichen, damit das andere gedeihe. Kein Mensch hat mehr als ein einziges Herz. So auch kann niemand Gott lieben und ihm dienen und dennoch von seinem Reichtum, seinem Geld und Gut abhängig sein. Manche aber vertrauen auf ihr Geld mehr als auf Gott; sie unterwerfen sich ihrem Vermögen und dienen ihm bei Tag und Nacht, im Wachen und im Schlafen, zu Hause und auf dem Feld, zu Lande und zu Wasser, und sie tun dies mit dem höchsten Fleiß, mit der größten Sorge, mit dem vornehmsten Ernst - aber kaum den zehnten Teil ihrer Anstrengungen wenden sie auf für den Dienst an Gott."

"Ich will euch berichten von dem reichen Mann", fuhr Rudolphi fort, "der sich in Purpur und kostbares Tuch kleidete und lebte alle Tage herrlich und in Freuden. Derweil lag vor seiner Tür ein Armer mit Namen Lazarus, der hungerte und sein Körper war voller Geschwüre, daran die Hunde leckten. Er bettelte bei dem Reichen, damit er sich von den Brosamen nähren konnte, die von dessen Tisch herabfielen, aber der reiche Mann gab ihm keinen Bissen und jagte ihn davon. Da starb der arme Lazarus und die Engel trugen ihn in den Himmel. Wenig später starb auch der Reiche und fuhr hinab in die Hölle. Und wie er im Höllenfeuer brannte, da schaute er auf und sah den Lazarus im Himmel und rief zu Gott: Herr, erbarme dich meiner und schicke den Lazarus zu mir, damit er die Spitze seines Fingers ins Wasser tauche und mir die Zunge befeuchte."

Pfarrer Rudolphi deutete hierbei mit seinem rechten Zeigefinger zuerst nach unten, dann nach oben, und er ließ offen, ob der Lazarus dem geizigen Reichen Linderung verschafft habe, sondern ermahnte die Gemeinde: "Lasst dies nicht zu, daß ihr dahin geworfen werdet, wohin der reiche Mann geworfen und wo er gepeinigt wird! Ihr sollt keine Schätze sammeln und kostbare Kleider kaufen, da sie vom Rost und von den Motten aufgefressen und von den Dieben gestohlen werden. Das Irdische ist vergänglich; heute besteht es, morgen zerfällt es; heute ist es eine blühende Blume, morgen ein welkes Blatt; heute ein leuchtendes Feuer, morgen graue Asche, ein unnützer Abfall, ein Rauch, der zum Schlot ausfährt, während wir allein und verlassen zurückbleiben. Was euer Schatz ist, das ist euer Herz, und wo einer seinen Schatz hinlegt, da legt er auch sein Gemüt hin. Oh ja, deshalb muss sich der habgierige, eigennützige Mensch so kunstreich stellen, als ob er den Schatz besitzen könnte und dennoch sein Herz und sein Gemüt bei Gott liege. Allein mit dem Munde stellt er sich, als wäre er frommen Glaubens, aber mit dem Herzen trachtet er nach Eigennutz und Vermögen; das ist der Götzendiener!

Wenn ihr aber fragt, wie das ginge, alles Eigentum aufzugeben und loszuwerden und dabei nicht umzukommen, so denkt an Christus, wie er spricht: Schaut auf die Vögel des Himmels! Sie säen nicht und sie ernten nicht, sie haben auch keine Scheunen, darin ein jeder Vorrat sammelt für den Fall, daß es ihnen an Speise mangelte. Sie tun nichts dergleichen - und Gott ernährt sie dennoch! Nun frage ich euch: Wieviel mehr seid ihr, als die Vögel?

Danach trachten die Heiden, wie ein jeder sich selbst versorge ohne Rücksicht auf den anderen. Ihr aber sollt das Reich und den Schatz Gottes suchen und seine Gerechtigkeit, dann wird euch alles andere zufallen wie der Regen auf die Erde fällt, auch wenn ihr keinen Vorrat angelegt habt. Christus hat uns gelehrt, nicht um das eigene Brot zu bitten, sondern um das Brot für die Gemeinschaft. Es heißt nicht: Gib' mir mein täglich Brot, sondern gib' uns unser täglich Brot."

Aller Glaube, so Rudolphi, baue auf der heiligen Gemeinschaft der Gläubigen und auf der Gemeinschaft der Heiligen auf, und wo die Gemeinschaft fehlte, da sei auch keine wahre christliche Kirche. Das wären die Götzendiener, welche behaupten, die Gemeinschaft sei nicht notwendig und sei nicht die Gewähr des Glaubens. Denn ihnen sei das gemeinschaftliche Leben wie eine zu enge Pforte, und sie scheuten sich vor dieser engen Pforte und meiden den schmalen Weg hindurch und meinten, es sei zu hart und töricht, alles aufzugeben und loszuwerden, und sie könnten nicht glauben, daß man alles Irdische ablegen müsse, bevor man durch die Pforte zu Gott hindurch gehen kann.

"Es ist das Nadelöhr", sagte Rudolphi, "durch das keiner hindurch passt, der zu viel Besitz und Reichtum mit sich herumschleppt wie eine Last, die ihn am Fortkommen hindert. 'Die Vögel des Himmels haben Nester', sagt Christus zu dem, der ihm nachfolgen und sein Jünger sein wollte, 'und die Füchse haben ihre Gruben, aber des Menschen Sohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlegen kann'." Pfarrer Rudolphi hob noch einmal den Zeigefinger in die Höhe und wiederholte langsam "Des Menschen Sohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlegen kann."

Die Vögel in den Nestern und die Füchse in den Gruben, sie gefielen Elisabeth, und obgleich sie wusste, daß der Vergleich nicht Pfarrer Rudolphis eigener Einfall war, so bewunderte sie doch sein Geschick, stets zu allem die passende Stelle aus der Heiligen Schrift parat zu haben, als hätte er sie bei dem Verfasser selber in Auftrag gegeben, um seine Predigten genau nach seinen Vorstellungen damit zu würzen. Die Sache mit dem Schatz gab ihr allerdings zu denken, und hernach hatte sie nichts Eiligeres zu tun, als in ihrer Kemenate die kleine Kiste aus dem Schrank zu nehmen und den Schmuck zu betrachten, der ihr gehörte.

Es war eine silberne Kette mit Anhängern in Form von winzigen Ahorn- oder vielleicht auch Weinblättern, kaum größer als ein Fingernagel, die in Wirklichkeit in Silber gefasste grün schimmernde Edelsteine waren; in gleichen Abständen reihten sie sich an der ganzen Kette auf. Es waren drei Gewandfibeln, zwei wie Adler mit geschlossenen Flügeln und eine runde, auf deren Fläche lauter kleine bunte Steinchen ein Muster bildeten, das einer Rosenblüte ähnelte, die sich bereitwillig dem Blick öffnete. Einige Ringe waren darunter, manche mit großen Juwelen, viel zu groß für Elisabeths Finger, weshalb sie selten etwas davon trug. Außer einem schmalen Goldring mit einem blauen Stein, den sie auf einen der weißen Seidenhandschuhe schob, die an den Ärmeln eines ihrer Kleider fast nahtlos angeknüpft waren.

Es lagen auch noch weitere Halskettchen darin, auch eine, die Elisabeth schön fand, bei der aber leider der Verschluss kaputt war. Auch hatte sie Schmuck, den man an den Ohren tragen konnte, und sie hatte das ein paar mal ausprobiert, fand es aber störend. Überhaupt lag alles die meiste Zeit in der Kiste verwahrt, und die Tatsache, daß sie es weder allenthalben zur Schau stellte noch ständig oder gar mit zehrender Sorge daran dachte, gab ihr die Gewissheit, daß es sich dabei nicht um einen von jenen ängstlich behüteten Schätzen handelte, die nach Pfarrer Rudolphis Worten dem rechten Glauben abträglich wären, so wenig wie sie ja andererseits eine etwaige Gier nach Besitz nicht im mindesten steigerten.

Im Gegenteil, wenn ihre Finger die strahlenden Kleinode berührten, dann spürte sie in ihrem Herzen eine Wärme, welcher kaltes Verlangen nach Hab und Gut völlig fremd waren, und die vielmehr eine milde Dankbarkeit erzeugte; vielleicht die Dankbarkeit gegenüber denen, von welchen sie diese Schmuckstücke einst erhalten hatte. Und über die Dankbarkeit hinaus schien eine edle Gleichgültigkeit zu wachsen, die Elisabeth jeden Augenblick veranlassen konnte, diesen ihren ganzen Schmuck einfach wieder weiter zu verschenken und nicht ein einziges Stück zu behalten, nicht mal als Andenken, wenn sie nur sicher wäre, daß sie damit jemandem eine Freude machen würde. Wäre es die Bedingung, sich von ihrem Schatz zu trennen, um durch das besagte Nadelöhr zu gehen, dann wäre sie noch heute dazu bereit.

Möglicherweise war es das, was ihren Schatz von denen jenes Reichen und der Götzendiener unterschied: er war nicht aus Unersättlichkeit zusammengerafft oder gar geraubt, sondern er war seinerseits schon aus Liebe und mit Wünschen für Glück in ihre Hände gegeben worden, und bestimmt war das auch der Grund dafür, daß er selbst in der lichtlosen Kiste, wo er auf unabsehbare Zeit ruhte, seinen tief inneren Glanz bewahrt hatte.

Etwas anderes, das Pfarrer Rudolphi ebenfalls erwähnt hatte, fand sie dagegen nicht so leicht zu bewältigen. Angeblich forderte Christus, man solle nicht nur dem irdischen Besitz entsagen, sondern sogar alle Bindung an die Menschen, die einem nahestehen und denen man sich verpflichtet fühlt, aufgeben. Denn wie anders sollte man das verstehen, was er seinen angehenden Jüngern auferlegte. Wer Vater und Mutter mehr liebe als Christus, der sei seiner nicht wert. Und ebenso, wer seine Söhne und Töchter und alle, mit denen jemand verwandt sei, über Christus stelle, der könnte ihm nie und nimmer wahrhaft dienen.

Das wäre nun aber wirklich hart, dachte Elisabeth. So schwer sollte es einem gemacht werden, wenn man den rechten Glauben annehmen will? Und doch haben es viele bereits getan, haben sich auf den schmalen Weg begeben und sind durch das Nadelöhr gegangen, unbeschwert und mühelos, geradeso wie sich der feine Zwirn einfädeln lässt. Und alle jene sind nicht nur ihren Besitz losgeworden, was manchen von ihnen vielleicht nicht ganz so leicht gefallen sein könnte wie ihr, wenn es soweit wäre, nein, sie haben auch ihre Familie verlassen, unter Tränen und großem Abschiedsschmerz, wie man sich denken kann. Und trotzdem: hat man je von einem dieser Angehörigen gehört, der dem Fortgegangenen etwas Schlechtes nachgesagt hätte? Hat man je von der Familie eines der Jünger, die Christus nachgefolgt sind, über sie schimpfen hören?

An diesem Punkt ihrer Grübelei musste Elisabeth unwillkürlich an ihre eigene Familie denken, an ihren Vater Andreas, Mutter Gertrud, an Maria, Koloman und Bela, ihre Geschwister, auch an Onkel Emerich, der gestorben war, als sie noch klein war. Auf einmal kamen ihr hundert Erinnerungen in den Sinn, die vorbeiflogen wie ein Schwarm bunte Vögel. Wie sie auf Andreas' Knien saß, als er gerade König geworden war und die Ärmchen nach seiner Krone ausstreckte. Wie sie bei den Tokajer Weinbauern war, wohin sie irgendein anderer Onkel mitgenommen hatte, und wie die Bauern sie immer in einer Butte umher trugen, aus der sie stehend kaum herausgucken konnte.

Und wie sie Katalin kennengelernt hatte, das Mädchen, das immer angezogen war wie ein Junge und das richtige Gedichte auswendig hersagen konnte, Gedichte über das Müdesein am Abend oder über die erste Hummel im Frühling. Und an Vencel, den Hütehund, der an einem Knochen erstickte. Und wie sie einmal ihre neuen Schuhe verloren hatte, Schuhe aus Rindsleder, mit kleinen aufgestickten Perlen und goldenen Schnallen. Verloren ist gut gesagt: sie hatte sie vergessen, stehen gelassen, nachdem sie barfuß in irgendeinem Bach herumgelaufen war.

Oh je, was hatte Gertrud geschimpft und sogar die Geschwister hatten mit ihr geschimpft, weil sie doch so schön darin ausgesehen hatte. Sie waren verschwunden und alle Suche blieb erfolglos. Und oh Wunder, nach einem Jahr kam ein junger Bursche, der sie gefunden hatte, zumindest einen, den er zurückbrachte. Groß war die Freude, und er wurde reichlich belohnt, ihr schien es reichlicher, als die Schuhe selbst wert waren, aber sie gönnte es dem Burschen, und erst später überlegte sie, wie er herausgefunden hatte, daß sie ihr gehörten.

Als sie aus ihren Erinnerungen geweckt wurde, sah sie, daß alle ihre Finger geschmückt waren mit den zierlichen und den protzigen Ringen; in Gedanken vollkommen abwesend hatte sie einen nach dem anderen aufgeschoben. Sie musste lachen, es sah aus, als wollte sie sich mit dem Geschmeide ein bisschen schwerer machen. Sie legte alles rasch in die Kiste. Was sie eigentlich aufgeschreckt hatte, war ein Lärm, der vom Fluss heraufkam, wo sich einige Männer so laut stritten, daß man es bis hierher hören konnte. Zwei Boote waren zusammengestoßen, oder lagen so nahe beieinander, daß ihre Insassen gegeneinander handgreiflich wurden. Die Leute sahen ganz klein aus, und wie sie miteinander rauften, wirkten sie eher spaßig als gefährlich.

Elisabeth beschloss, hinunter ins Dorf zu gehen, sie brauchte Zerstreuung nach so viel Nachdenken; sie könnte auch beim Finkenmichel und seiner Familie vorbeischauen. Sie ging noch schnell in die Burgküche und ließ sich ein paar Stücke von dem Hefezopf mit Rosinen in einen Korb tun. Sie machte einen kleinen Umweg an der Stelle mit den Booten vorbei, aber sie hatte, obwohl sie schnell gelaufen war, eine Viertelstunde gebraucht, und die Aufregung auf dem Fluss war vorbei. Die Boote lagen am Ufer, die Männer hatten sich anscheinend versöhnt. Elisabeth sah, daß sie ziemlich betrunken waren, vielleicht waren sie bloß aus Übermut aufs Wasser gegangen. Es waren auch noch andere da und manche winkten ihr zu, als sie vorbeiging.

Ein Mädchen kam angerannt, es war Liese, sie hatte ganz dreckige Füße und auch im Gesicht Schlammspritzer. Sie fragte Elisabeth, wohin sie will. "Zu deinem Bruder", sagte sie. "Zum Finkenmichel?" "Genau." "Was hast'n da?" "Hefezopf." "Kann ich was haben?" "Klar." Sie gab ihr ein Stück. Liese mampfte gierig den Kuchen und hüpfte dabei nebenher. "Was war denn da los?" "Wo?" "Mit den Booten?" "Die wollten um die Wette fahren. Ist aber nichts geworden. Sie versuchen's vielleicht nachher noch mal. Gibst du mir noch 'n Stück?" "Das ist für deine Geschwister."

Liese schwieg, dann pfiff sie eine Melodie vor sich hin. "Kannst du auch pfeifen?" "Ja. Aber nicht so gut." "So gut wie ich?" "Nicht mal so gut." "Na ja, ist auch nicht so einfach", sagte sie und pfiff mit doppelter Kraft weiter. Dann sagte sie "Der Finkenmichel ist gar nicht mein Bruder, wusstest du das?" "Wirklich? Nein, das wusste ich nicht. Von wem ist er denn dann der Bruder?" "Wie, von wem?" Elisabeth überlegte, Liese sagte "Der ist von gar niemand der Bruder." "Ach so." Liese fand wohl, daß das irgendwie enttäuscht klang, denn sie sagte ganz warmherzig "Aber er ist für uns wie ein richtiger Bruder." "Deshalb." "Was deshalb?" "Gefällt es ihm bei euch so gut." "Hm." Sie fing wieder an zu pfeifen, und Elisabeth dachte, so schön ist es auf Dauer auch wieder nicht.

Liese redete gleich wieder. "Mir gefällt's bei uns auch gut." "Aha." "Gefällt's dir bei dir auch gut?" Also wirklich, so dumme Fragen. "Weißt du denn, wer dem Finkenmichel seine Eltern sind?" "Nö", sagte Liese und setzte hinzu "vielleicht hat er gar keine." "Na ja", entgegnete Elisabeth, "irgendwie ein paar Eltern muss er schon haben." Liese schaute sie verschmitzt an. "Du meinst, damit die den Finkenmichel gemacht haben?" "Genau." "Solche wird's schon geben." Weiter ging's mit der Pfeiferei, bis ihr noch was einfiel. "Gehört ja nicht viel dazu, so jemand zu machen, oder?" "Wie meinst du das?" "Nur so. Besonders hübsch ist er nicht, ich meine so als Junge. Oder findest du den hübsch?" Elisabeth zuckte mit den Schultern.

"Jetzt mal ehrlich, wen würdest'en du hübsch finden?" "Von euch?" "Überhaupt. Von allen." Sie sprach das aus, als wäre dieses Dorf der einzige Ort auf der Erde, wo Menschen leben. Elisabeth fand sie zu einfältig, um mit ihr darüber zu reden, trotzdem sagte sie "Du bist doch ganz hübsch." Liese sagte voller Überzeugung "Stimmt." Sie waren fast bei dem Haus von Lieses Familie angelangt, sie bahnten sich den Weg durch eine Gänseschar, und Elisabeth achtete darauf, daß sie nicht in den Kot trat. "Ich hab' dich aber nicht gefragt, bloß weil ich das hören wollte", sagte Liese. "Was?" "Ach nichts. Danke für den Kuchen." Sie sprang hinters Haus.

In dem Häuschen war es dunkel, weil an der Vorderseite keine Fenster waren. Elisabeth brauchte nicht zu rufen, sie hörte die anderen Kinder aus dem hinteren Raum; auch Liese war dort hineingegangen, hatte aber zu Elisabeth nichts gesagt. Hier war es hell und geräumig, allerdings lagen, genauso wie vorn, in den Ecken alle möglichen Gerätschaften herum, sogar ein Holzpflug mit Zaumzeug für einen Ochsen. An einer Wand waren Strohlager auf dem Boden, die tagsüber zusammengeräumt und übereinander gestapelt wurden. In der Mitte stand ein großer Tisch mit Bänken an den Längsseiten. Auf dem Tisch waren Reste einer Mahlzeit liegengeblieben. Es ging noch in einen weiteren Raum, wo auch geschlafen wurde. Eine andere Tür führte in den Schuppen; um in den Stall zu kommen, musste man außen entlang gehen. Draußen gackerten ununterbrochen die Hühner.

Die kleinen Kinder waren den ganzen Tag hier, die größeren arbeiteten irgendwo beim Bauern. Ein Mädchen verkaufte auf dem Markt alles, was die Natur gerade hergab, Beeren, Kräuter, Obst, Pilze, die sie gesammelt hatten. Was Liese machte, wusste Elisabeth nicht, und der Finkenmichel, der lungerte eben so rum. Einen erwachsenen Mann gab es im Hause nicht, die Mutter hatte erzählt, er wäre gestorben; aber dann war er auch in die Ferne gezogen, um für alle ein besseres Heim zu suchen; schließlich war er Söldner beim König, jedenfalls war er nie da. Die Mutter war sehr dick, hatte langes ungepflegtes Haar und schlechte Zähne, und dabei lachte sie auch noch ständig mit breitem Mund. Sie lachte viel, und manchmal ganz grundlos, als hätte sie einen Lachanfall.

Sie konnte das Durcheinander um sie herum mit der größten Seelenruhe aushalten. Wenn zwei der kleinen Kinder an ihren Haaren zerrten wie an der zerschlissenen Decke, die sich nachts teilen sollten, so dauerte es lange, bis die Mutter mal unwillig knurrte. Sie durften auch sonst überall herumturnen, außer auf dem Tisch. Es gab nur eins, das die Kinder nicht anfassen geschweige denn beschädigen durften, das war ein schöner tönerner Krug mit farbiger Bemalung, aus dem immer ein Strauß mit Wiesenblumen hervorquoll, der dann den ganzen Winter über langsam vertrocknet war, dann hatte er freilich alle Blütenblätter verloren. "Ich hab' uns Hefezopf besorgt", sagte Liese, nachdem alle Elisabeth begrüßt hatten. "Du, Liese?", rief die Mutter, "Die Jungfer Hoheit hat ihn mitgebracht." "Sie meint, sie hat euch was übriggelassen", sagte Elisabeth lächelnd. Die Mutter redete sie stets mit "Jungfer Hoheit" an und es klang sehr ergeben.

Finkenmichel war nirgends zu sehen. Ein Junge trat zu Elisabeth, er hielt eine große Rattenfalle in Händen, um sie ihr zu zeigen. Sie hatte keine Ahnung, was das sein soll. Er erklärte es ihr und zeigte auch, wie der Mechanismus ging, stellte sie auf den Boden und ließ sie zuschnappen, daß sie hoch hüpfte und ein bisschen Staub aufwirbelte. Die Mutter sagte "Die hat uns mein Mann geschickt, der handelt damit." "Er ist Rattenfänger?", fragte Elisabeth. "Was?" "Ja, der ist'n richtiger Rattenfänger", sagte Liese, die anfing, von allen Hefezopfstücken etwas abzuzupfen, "hast du noch nie von ihm gehört?" "Doch, ich glaube ja." "Ich zeig' dir noch welche", sagte der Junge und zog Elisabeth an der Hand in die andere Schlafstube. Auf dem Boden lagen ungefähr ein Dutzend Rattenfallen, gleichmäßig verteilt, daß man aufpassen musste, wohin man tritt. Sie waren alle gespannt. Elisabeth war sprachlos, und beinahe wäre sie in eine hineingetreten, als jemand rief "Vorsicht, Lisbeth! Hier ist nämlich der Rattenkreuzzug ausgebrochen. Ich denke, du bist bei Pfarrer Rudolphi im Gottesdienst." "Britta? Was machst du hier?"

Britta kniete an der Seite neben dem Strohlager, auf dem jemand mit ausgesteckten Beinen und aufgerichtetem Oberkörper saß. Er beugte sich vor und schaute an Brittas Busen vorbei auf Elisabeth. Es war der Finkenmichel, sein Gesicht war blass und eingefallen, unter den Augen waren dunkle Flecken. "Der Michel ist krank", sagte Britta. "Michel nicht krank", sagte der mit seiner hohen Fistelstimme. Aber da musste er fürchterlich husten, und Britta hielt ihm eine Holzschale unter das Kinn, in die er hineinspuckte. Elisabeth sah, daß es blutiger Schleim war. "Bei Rudolphi war ich, muss den Kopf mal ein bisschen frei kriegen, schwirrt mir alles so drin herum", sagte sie.

Plötzlich gab es hinter ihr einen harten Knall, daß sie zusammenfuhr. Michel lachte laut auf. Der Junge hatte auf eine seiner Fallen einen Stein geworfen und sie ausgelöst. "Ratsch! Die wäre erledigt", sagte er zufrieden. Michel konnte sich in seinem Spaß gar nicht wieder beruhigen, bis ihn ein neuer Hustenanfall schüttelte. Als er vorüber war, legte er sich hin, Britta deckte ihn zu, und er schlief gleich. Er musste sehr geschwächt sein.

Britta ging hinaus, über den Hof bis an die Stelle, wo Gras und Gestrüpp wuchsen und wo keiner lang laufen konnte; wegen der Disteln kamen nicht einmal die Hühner dahin. Dort leerte sie die Schale in ein Erdloch und wischte sie mit grünen Blättern aus, die sie hinterher warf. Dann scharrte sie mit dem Fuß Erde darauf. Elisabeth war mitgegangen, und sie fand das ziemlich abstoßend, aber so richtig übel wurde ihr nicht. "Ist er schlimm krank?", fragte sie Britta. "Das kommt und geht, es steckt bei ihm drin. Wenn es kommt, ist es heftig." "Wo steckt das drin?" "Hier, in den Lungen." "Kann man das nicht auskurieren?" "Wenn ich das wüsste", meinte Britta, "wir haben Kräutersaft bereitet, Umschläge, Salbe und lauter so was, manches hilft. Wenn du das erst mal hast, wirst du's nie wieder los." Dann sagte sie noch "Der Michel ist ein zäher Bursche, der hat bis jetzt noch alles überstanden."

'Wie ungerührt sie über ihn spricht', dachte Elisabeth, 'beinahe mitleidlos.' Britta sagte "Kennst du den Spruch: Er ist immer krank und stirbt doch nicht?" "Nein, nie gehört." "Das ist der Zustand, in dem sich unser lieber Michel befindet, schon sein Leben lang, schon als er auf die Welt kam." "Warst du dabei?", fragte Elisabeth und ihr fiel auf, wie schwer der Finkenmichel auf sein wirkliches Alter zu schätzen ist. "Ob ich dabei war? Ja, kann man sagen." Sie machte eine Pause und fuhr dann entrüstet fort "Die Hebamme hat sich kaputtgelacht, als sie ihn sah."

"Er war eben von Anfang an ein rechter Spaßmacher", meinte Elisabeth. "Ha! Freilich, die Leute mögen die Blödsinnigen, nur eben nicht im eigenen Haus." "Er ist doch nicht blödsinnig, er ist bloß ein bisschen anders." "Als wer?" "Als du, oder als ich, oder als die kleine Liese. Und die lebt auch mit ihm zusammen." "Die kleine Liese! Natürlich. Die hat ihm gestern eine Erdkröte zu essen gegeben." "Wem?" "Dem Finkenmichel, über wen reden wir denn hier." "Igitt, eine echte Kröte? Lebendig?" "Über so was kann sich die kleine Liese köstlich amüsieren; und dieser Trottel macht es ihr zur Freude."

"So was gemeines, das ist ein kleines Biest." "Ach, sie ist ein Kind, nur ziemlich ungezogen. Guck dir doch die ganze Sippe an: ein Vater, der nie da ist, eine Mutter, die den Branntwein über alles liebt, ein kleiner Bruder, der mit den Ratten spielt, und Liese, die treibt sich hinterm Georgentor in der Leiergasse herum." "Was macht die dort?"

Britta sah Elisabeth komisch an, dann besann sie sich. "Trotzdem halten sie alle hübsch zusammen, wenn's drauf ankommt. Und den Michel haben sie auch nicht nur aus reiner Nächstenliebe bei sich aufgenommen, die Alte kassiert dafür." "Bei wem?" Britta zögerte. "Beim Landgrafen." "Bei Hermann?" "Er weiß bestimmt nichts davon, aber ja, das Geld stammt aus seiner Kasse. Es sind aber nur ein paar Groschen", setzte sie hinzu.

"Ah, jetzt verstehe ich: dafür hast du gesorgt." "Es ist alles rechtens. Der Rispach hat es bestätigt." "Ja, ja, ich glaub' dir's. Kümmerst du dich auch noch um andere?" "Was?" "Ich meine, um andere ... Bedürftige." Britta stieß einen Lacher aus. "Gott bewahre, nein." "Warum lachst du da?" "Weil mich solche Leute nichts angehen, der eine hier reicht mir."

Elisabeth schwieg. "Was ist?", sagte Britta, "Bist du jetzt enttäuscht?" "Nein. Ich musste nur grade daran denken, was Pfarrer Rudolphi gesagt hat." "Was denn?" "Er sagte: Die Vögel haben ihre Nester, die Füchse haben ihre Gruben, aber des Menschen Sohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlegen kann." "Ich dachte, das wäre von Jesus." "Na ja, Rudolphi hat es aus der Heiligen Schrift, da hat er ja letzten Endes alles draus."

"Und? Was ist damit?" "Man müsste so einen Ort schaffen können, wo Menschen aufgenommen werden, die sonst nirgends unterkommen. Und wenn es nur ein schöner Garten wäre, in dem man Erquickung fände, oder ein kleines Haus, in dem ein armer Landstreicher übernachten kann." "Das kannst du beides machen, wenn du willst." "Ja, aber warum sagt Jesus, daß man keinen Ort hätte, wo man sein Haupt hinlegt, warum sagt er das so ... so entschieden. Genau das wäre doch ein solcher Ort. Warum sagt er nicht wenigstens: sucht so lange, bis ihr diesen Ort findet, und wenn es am Ende der Welt ist?" "Tja", machte Britta, "wahrscheinlich soll man erst selber draufkommen."

Sie ließ Elisabeth stehen und ging zwischen den Hühnern hindurch zum Haus zurück. "Ich denke, du wolltest den Kopf frei bekommen von solchen Gedanken?", rief sie ihr zu. Elisabeth stand da und ließ ihren Blick über den Hof und über die schiefen und halbverfallenen Gebäude streifen. "Ach, nicht weiter schlimm." Der Junge kam aus der Tür auf Britta gestürzt. "Ich weiß jetzt, wo sie stecken." "Wer?" "Die Ratten. Komm' mal mit." "Ja, gleich. Lisbeth! Hast du schon gehört, dein Onkel Ekbert ist auf der Wartburg." "Wirklich? Kommt er her?" "Jedenfalls will er dich sehen, soviel ich weiß." "Jetzt komm' endlich", sagte der Junge und zog Britta ins Haus.

Ekbert war der Bruder von Elisabeths Mutter. Er war seit einiger Zeit Bischof in Bamberg, stammte aber aus einer Gegend weiter südlich. Er war Gertrud, ihrer Mutter, in manchem ähnlich, in anderem weniger, und sie bezeichnete ihn immer als einen bayerischen Ochsen, als wäre das der Einschlag ihrer Familie, auf den sie mit Argwohn blickte. Er war kräftig, untersetzt, immer gutgelaunt, gesellig und nie in Eile. Er war sehr gescheit und keiner konnte ihm etwas vormachen. Er war verständnisvoll, sogar für die meisten seiner Gegner, aber er konnte unerbittlich sein, wo einer mutwillig gegen die Regeln des christlichen Zusammenlebens verstieß. Er kümmerte sich um alles, womit er behelligt wurde, und er half auch den Ärmsten in der Not, ohne die Standesunterschiede, die es zwischen den Menschen gab, zu missachten.

Wenn er nicht Dienst an der Kirche und seines Bistums tat, dann pflegte er sein bescheidenes aber ordentliches Heim, und auch hier hatte er immer ein liebes Wort übrig für alle, die bei ihm wohnten. Elisabeth wusste auch, daß ihr Onkel Ekbert für sein Leben gern Bier trinkt und am liebsten etwas isst, das man "Weißwurst" nennt, die Elisabeth leider noch nie gesehen hat, die aber, so wurde ihr gesagt, mit der hiesigen Thüringer Bratwurst nicht das mindeste zu tun hätte.

Was Elisabeths Mutter an ihm unausstehlich fand, das war seine Zufriedenheit, welche sie zuweilen unterschiedlich bezeichnete: faul und träge sei er, dickköpfig und gleichzeitig leichtsinnig, weil er nie bemerke, von wo die Gefahr wirklich drohe und er nichts dagegen unternehme. Ja, freilich, in dieser Hinsicht war Gertrud allen überlegen, sie war so misstrauisch, daß sie davon Gallenkoliken bekam und brechen musste und nichts essen konnte, während Ekberts Beschwerden immer nur vom übermäßigen Genuss von Speis und Trank herrührten. Bei aller Verschiedenheit waren sich die beiden dennoch treu verbunden geblieben und hatten niemals etwas gegeneinander im Schilde geführt, was man nicht von allen ihren Blutsverwandten sagen konnte.

Als Elisabeth am übernächsten Tag auf die Wartburg kam, begrüßte Ekbert sie auf das Allerherzlichste, und Elisabeth wurde bei dem Wiedersehen von einem Gefühl aus Freude und Traurigkeit ergriffen, das sie ganz unerwartet traf. Er überbrachte liebe Grüße von ihrer Familie und hatte auch einige Geschenke für sie. Er unterhielt sich mit ihr, fragte sie alles Mögliche, berichtete nur ein paar Nebensächlichkeiten von sich und ließ sie stattdessen reden, da er meinte, ihr Herz sei übervoll von tausend Dingen, die sie ihm mitteilen will. Später dachte sie, er habe sich selbst auch deshalb zurückgehalten, weil er vielleicht in Anwesenheit des Landgrafen und von Sophia nicht allzu offen sprechen wollte.

Denn am Nachmittag, nach dem Mittagsmahl und einer Ruhepause, die Onkel Ekbert niemals überging, hatte er es wie zufällig so arrangiert, daß er mit Elisabeth allein war; sie machten einen kleinen Spaziergang im Burggarten, saßen dann in der Laube, und Ekbert erinnerte daran, wie es war, als Elisabeth aus Ungarn hierher gekommen war und wie alle dieses große Ereignis gefeiert hatten. An vieles konnte sich Elisabeth auch entsinnen, aber diese feierliche Stimmung, die der Onkel jetzt schilderte, die war ihr damals wohl nicht aufgefallen, vielleicht, weil sie nicht ganz verstehen konnte, was da eigentlich vor sich ging.

Dagegen bemerkte Elisabeth jetzt sofort, daß in Ekberts Stimme eine leise Wehmut lag, als habe sich nach seinem momentanen Eindruck die große Erwartung, die damals an die kommenden Ereignisse gestellt wurde, nicht erfüllt; oder als müsste er einsehen, daß sie sich nach Meinung anderer nicht erfüllt hätte. Denn für ihn stand fest, daß es seinerzeit der richtige Schritt gewesen war.

"Was für ein Schritt?", fragte Elisabeth, die spürte, daß der Onkel begann, um etwas herumzureden. "Daß du den Wechsel von zu Hause in die Fremde gewagt - und, wie ich mich überzeugen kann, offenbar auch vertragen hast." Dann zählte er allerlei Umstände auf, die Elisabeths derzeitiges Leben begleiteten, alles Sachen, über die sie selbst eigentlich viel besser Bescheid wusste als er, und es schien ihr, als wollte er ihr wie ein Händler etwas zum Erwerb anpreisen, das sie bereits besitzt. Sie sagte geradeheraus "Onkel Ekbert, kann ich dir eine Frage stellen?" "Aber natürlich, meine liebe Nichte, jede, die du willst." "Was ist der Hauptgrund deines Besuchs?"

Eine so direkte Frage hatte der gute Onkel denn doch nicht erwartet, und er erhob sich sogar jäh von seinem Platz und machte ein paar Schritte hin und her. Elisabeth sah, wie ihm Schweißperlen auf die Stirn traten, was sonst nur bei zu üppigen Mahlzeiten geschah. Daß sein Gemüt so in Wallung geraten konnte, war an ihm ganz ungewohnt. Dann sagte er etwas von "Wendung" und neuer Situation, von Bedenken und Änderung der Pläne, und zwischendurch blieb er stehen, wandte sich ihr zu und sprach mit aller Unbekümmertheit, die er aufbringen konnte "Aber glaube mir, meine liebe Elisabeth, es ist noch gar nichts verloren, es ist noch nicht zu spät, ach was sage ich, es ist noch früh am Tage, alles ist möglich, alles wird sich fügen."

Obwohl Elisabeth sah, wie ernst es ihm war und wie er sich geradezu abquälte, musste sie ein Lächeln unterdrücken. Eben noch hatte sie den Onkel an der Mittagstafel mit seliger Befriedigung den Rehbraten verspeisen und den Muskateller von der Saale genießen sehen, und jetzt musste er sich mit diesen Familienangelegenheiten herumplagen, die zu klären ihm übertragen worden war, die ihn aber eindeutig überforderten.

"Sieh' doch, mein Kind", sagte er und setzte sich wieder neben sie, "der Junggraf Hermann, der ist doch nun leider ... ich meine, es war vorgesehen, daß ihr beide ... den heiligen Bund der Ehe eingehen solltet." "Ach so?", entgegnete Elisabeth wie verwundert, und dafür schämte sie sich danach ein wenig, aber das Gebaren des Onkels reizte sie dazu. "Na ja, nun tu' nicht so, als hättest du das nicht gewusst." "Mir hat keiner was gesagt." "Mir hat auch vorher keiner was gesagt." "Und jetzt?" "Was, und jetzt?" "Jetzt bist du gekommen, um rechtzeitig zu erfahren, wie es weitergehen soll?" Ekbert schaute sie zweifelnd an, und sie lenkte ein. "Oh, entschuldige, Onkel, ich habe dich missverstanden. Aber kläre mich bitte über die Tatsachen auf."

Ekbert fand zu seinem Auftrag zurück. "Tatsache ist, daß es mit der Heirat nichts wird, alle Verabredungen von ehedem sind also hinfällig geworden. Wir ... deine Familie, allen voran deine lieben Eltern haben die Ereignisse mit großer Bestürzung aufgenommen, aber auch mit Fassung", fügte er hinzu, um nicht Elisabeth ihrerseits zu beunruhigen. "Sei dessen gewiss, sie haben jederzeit dein Wohl im Auge und sie sind jederzeit entschlossen, dir uneingeschränkt Beistand zu leisten oder dich zu schützen, wenn es nötig ist." "Mich schützen? Wovor?"

Ekberts Gesichtsausdruck veränderte sich, als spräche er plötzlich über ganz andere Dinge, von denen er mehr verstand. "Oh, meine Liebe, was denkst du denn, wovor man ein so liebreizendes Geschöpf wie dich alles schützen muss. Diese Welt ist voll des Bösen, und es vergeht kein Tag, an dem nicht hundertmal und überall die Gebote Gottes missachtet und die schlimmsten Verbrechen begangen werden, und das womöglich auch noch in seinem Namen. Glaube mir, was ich allein in der Beichte an begangenen Sünden zu hören bekomme, übersteigt jede Vorstellung; und die wirklich furchtbaren Taten bleiben im Dunkeln, die werden nicht gebeichtet und wahrscheinlich auch nicht gesühnt, bevor nicht das Jüngste Gericht tagt ... Aber ich will dich nicht ängstigen, Elisabeth, ich bin nicht gekommen, um dir zu sagen, wie schlecht die Welt ist. Du hast dein Leben noch vor dir, und deshalb solltest du jetzt ... deshalb sollte jetzt eine Entscheidung darüber getroffen werden, mit der deine, unsere Familie, und vor allem natürlich du selbst glücklich wirst."

Elisabeth schwieg einen Moment, dann sagte sie "Lieber Onkel, ich kann nicht sagen, daß ich mich unglücklich fühle." "Das ist gut, das freut mich, nun wollen wir dafür sorgen, daß es so bleibt." "Und was sollte ich deiner Meinung nach tun?" "Um mich geht es nicht, nur um dich. Dein Vater, König Andreas, lässt dich wissen, daß, wenn du eine Rückkehr nach Ungarn erwägst, er dich unverzüglich hier abholen lässt und nach Hause geleitet." "Was ist, wenn ich mich dafür entscheide, hier zu bleiben?" "Natürlich, wir würden das respektieren, obwohl ..." "Obwohl was?" "Obwohl ..."

Ekbert überlegte. "Aber ja, das ist allein deine Entscheidung. Ich habe eben gar nicht bedacht, daß du ja inzwischen alt genug bist, ich meine, du bist fast eine erwachsene Frau - Elisabeth wurde rot im Gesicht - niemand sollte und darf dir in die Entschlüsse, die du fasst, hineinreden. Betrachte also alles, was ich oder deine lieben Angehörigen dir sagen, als wohlmeinende Ratschläge, die dir deine Entscheidungen nicht etwa erschweren, sondern erleichtern sollen." "Ich danke euch allen von ganzem Herzen, übermittle das bitte auch meinen Eltern." "Das werde ich tun", erwiderte Ekbert, lächelte gütig, umarmte Elisabeth und küsste sie auf die Stirn. "Ich bin froh, daß wir darüber gesprochen haben."

"Ich kann jedoch nicht immer so allein hier leben?", meinte Elisabeth, und Ekbert zuckte beinahe zusammen, als er sah, daß die Unterredung alles andere als abgeschlossen war. "Nein, das sollte nicht sein", sagte er vorsichtig. Elisabeth bemerkte, wie erschöpft der Onkel war; sollte sie ihn nun mit etwas behelligen, das für sie vielleicht viel bedeutsamer war als die Frage ihres weiteren Aufenthalts, hinsichtlich dessen in Wahrheit vorläufig gar nichts überstürzt werden musste?

Und war Onkel Ekbert, so viel Menschenkenntnis und auch Verschwiegenheit er zweifellos besaß, überhaupt der Richtige, dem sie ihre Herzens Angelegenheiten offenbaren kann? Sie sahen sich zu selten. Andererseits war er der einzige ihr verwandte Mensch, der sie daraufhin angesprochen hat, der extra deswegen hergekommen war und dem sie, das sagte ihr ein untrügliches Gefühl, vollkommen vertrauen konnte.

Aber der Onkel war derartige Gespräche auch nicht gewöhnt und er versuchte auf umständliche und rührende Weise, sich seines Auftrags zu entledigen. Elisabeth war noch in Gedanken damit beschäftigt, eine nächste Frage an ihn zu formulieren, als er schon von der Gartenpforte her rief "Elisabeth, führst du mich ein wenig herum und zeigst mir die Sehenswürdigkeiten auf eurer Burg?" Sie stand auf, strich ihr Kleid glatt und sagte "Mit Vergnügen, lieber Onkel. Wir haben in dem Südraum zwei neue Pfeiler einbauen lassen, mit Kapitellen, auf denen ganz wundervolle Adler und Löwen in Stein gehauen sind. Schau sie an und sage mir, ob ihr in Bamberg auch so etwas Schönes habt."

Sie berichtete ihm über ihr alltägliches Leben auf der Creuzburg und von den Studien, in welchen sie unterwiesen wird. Er war darüber höchst erfreut, und er sagte auch etwas über Frauen, die ihr Leben der Kirche weihen, die ein Ordensgelübde ablegen oder sich sogar endgültig in eine Klause zurückziehen und sich dem Gebet und der Gottesschau widmen, und wie manche dabei beachtlich weit fortgeschritten seien. Elisabeth ließ das jedoch gleichgültig. Sie sagte bloß, ihre Stiefmutter, die Landgräfin Sophia, will auch irgendwann diesen Schritt tun und in das Katharinenkloster ziehen.

Ekbert wollte noch mehr über die Motive solcher Frauen für ihre schwerwiegende Entscheidung anfügen, da er natürlich von Hause aus einiges miterlebt hatte, doch Elisabeth unterbrach ihn und erzählte ihm von dem Pfarrer Rudolphi und von seinen klugen Predigten und von dem Anklang, den er bei seiner Gemeinde fand. Sie sprach so anschaulich und mit Begeisterung von ihm, daß Ekbert sagte, er wünschte, er könnte diesem Elger Rudolphi auch einmal zuhören.

"Nichts leichter als das", rief Elisabeth hocherfreut, "ich sage ihm Bescheid, daß du ihn kennenlernen willst, und übermorgen ist er hier." Das brauche sie nicht selbst zu tun, sondern Landgraf Hermann kann nach ihm schicken lassen, meinte Ekbert, der ihren Vorschlag gern annahm. Aber Elisabeth ließ sich nicht davon abbringen. "Ach was, ich muss doch sowieso wieder hinüber. Ich nehme mir Gregors Pferdchen, damit bin ich in einer guten Stunde drüben." "Aber du kommst doch selbst noch mal wieder?", fragte Ekbert, "Denn wenn ich es recht bedenke, steht deine Entscheidung noch aus." "Was für eine Entscheidung? Ach so, ja ich weiß, welche du meinst. Genau, die überlege ich mir inzwischen."

Der Onkel schüttelte den Kopf, lächelte aber dabei. "Nimm' es nicht auf die leichte Schulter. Ich verstehe dich ja, und ich freue mich über deine Unbekümmertheit. Aber nimm' auch auf mich ein wenig Rücksicht, denn ich muss deiner Familie Rechenschaft geben, und da kann ich nicht mit irgendwelchen vagen Zukunftsaussichten aufwarten, so daß sie sich am Ende noch mehr Sorgen machen. Außerdem würde dann wohl bald wieder jemand von uns hier auftauchen." "Das wäre doch gar nicht so übel", erwiderte Elisabeth, und Ekbert lachte.

Pfarrer Rudolphi ging nur zögernd darauf ein, und erst Elisabeths Hinweis, er könne einem Bischof seinen Wunsch nicht abschlagen, bewog ihn, ihr zu folgen. Es geschah sogar, daß er sie um Rat fragte, über welches Thema er vor dem Bischof predigen sollte, und sie sagte, das wäre ganz egal, er würde ja aus allem etwas Ordentliches machen, und er sollte bloß nicht immer dran denken, daß es der Bischof ist, sondern einfach ihr Onkel Ekbert. "Das ist leicht gesagt", meinte Rudolphi, und Elisabeth fügte hinzu "Hauptsache, es gefällt ihm und er schläft nicht dabei ein." Rudolphi warf ihr einen erschrockenen Blick zu, und sie ermunterte ihn "Seien Sie nicht so zaghaft, Herr Pfarrer, ich hätte Sie nicht so lobend erwähnt, wenn ich nicht vollkommen von Ihnen überzeugt wäre."

Er wählte einen Satz aus dem Lukas Evangelium: Beati oculi, que vident, quod vos videtis. Und er machte seine Sache wirklich gut. Er schlug einen weiten gedanklichen Bogen, äußerte sich zuerst über das Auge als Sinnesorgan, seinen Aufbau, seine Funktionsweise, ohne jedoch in einen trockenen Vortrag über Physiologie oder gar Optik abzugleiten. Denn im Anschluss daran stellte er die Frage nach dem wahren Zweck und Sinn dieses Organs, mit dem Gott der Schöpfer den Menschen auszustatten für notwendig hielt.

Es sei nicht bloß die Wahrnehmung der äußeren Welt, das Sehen und das Schauen aller Dinge, auch wenn dies, wie per exemplum bei der Farbenpracht der Blumen allein schon etwas Wunderbares ist. Doch das Auge sei uns gegeben, um das Nicht-auf-den-ersten-Blick-Sichtbare zu schauen, das Innere, das Verborgene, das Geheimnisvolle und das Wahrhaftige. Und damit würden unsere Augen ihren Blick auf das Göttliche selbst richten, sie wären Organe, Werkzeuge im eigentlichen Sinne, mit denen wir das Göttliche erkennen können, wenn wir sie denn richtig gebrauchen.

Beati oculi, que vident, quod vos videtis, sagte Jesus zu seinen Jüngern: Selig sind die Augen, die sehen, was ihr seht! Die so sehen, wie ihr mit ihnen sehen könnt, heißt das, und es bedeutet, daß die Jünger über eine andere, bessere, vollkommenere Sichtweise verfügen als jene, die Jesus noch fern und fremd gegenüberstehen und gleichsam als noch mit Blindheit Geschlagene durch die Welt gehen.

Dann unternahm Rudolphi den Versuch, herauszufinden und festzuhalten, worin diese besondere Sichtweise der Jünger besteht und wie man sie selbst übernehmen könnte, und Elisabeth, die ihm von der ersten bis zur letzten Minute aufmerksam zuhörte, war ihm einmal mehr dankbar für seine Ausführungen, die tiefsinnig waren und doch verständlich, so daß man meinte, sie auf der Stelle bestätigt zu finden und dazu ermuntert wurde, dem guten Beispiel der trefflichen Jünger Jesu zu folgen.

Der Bischof war ebenso sehr von Rudolphis Predigt beeindruckt, daß etwas geschah, das Elisabeth nicht bedacht hatte: Er bot ihm eine Stelle in seinem Bistum an, natürlich nur 'wenn man auch hier, in seiner bisherigen Gemeinde damit einverstanden ist und ihn nicht zurückzuhalten versucht.' Er war so von ihm eingenommen, daß er ihnen gar keine andere Wahl ließ als ihn gehen zu lassen, ja, mit seiner scheinbaren Rücksichtnahme verhinderte er nolens volens, daß jemand etwas gegen seinen Vorschlag einzuwenden hatte, denn wer wollte dem Rudolphi einen Stein in den Weg legen, zumal es, was seine privaten Verhältnisse betraf, natürlich eine Verbesserung für ihn bedeutete. Elisabeth wusste nun nicht, ob sie sich mit ihm freuen oder traurig über seinen Weggang sein sollte, und so war sie eine Zeit lang abwechselnd beides.

Fortan ging sie ganz für sich in die menschenleere Kapelle, die sauberzuhalten die beiden Alten von der Burgmannschaft, Sauer und Pätzoldt, abkommandiert worden waren. Es fand sich auch so schnell kein Nachfolger für Rudolphi. Elisabeth, wenn sie allein auf einer der Bänke saß, rief sich seine Worte und alle die schönen Gleichnisse, die sie behalten hatte, ins Gedächtnis, und das war wie ein Strauß herrlicher Blumen, die niemals verwelken und deren himmlischer Duft niemals verfliegen würden. Und manchmal, wenn sie des Nachsinnens müde wurde, schaute sie auf den Heiland am Kreuz und bewunderte einmal mehr die Meisterschaft, mit welcher der Künstler diesen unbeschreiblichen Ausdruck ins Holz geschnitzt hatte.

Hedwig von Flossenburg, die Ordensschwester, die seit des jungen Hermanns Tod in Elisabeths Leben getreten und nicht wieder verschwunden war und die zu ihrem Ärger auch noch immer über erheblichen Einfluss am Landgrafenhof verfügte, streute ein neues Gerücht aus, als sie nach Onkel Ekberts Abreise behauptete, Elisabeths Familie habe sie auch deswegen nicht unverzüglich nach Ungarn zurückgeholt, weil sonst ein Streit um ihre beträchtliche Mitgift, die ihr seinerzeit mit auf den Weg gegeben worden war, entbrannt wäre.

Sie behauptete natürlich nicht, daß der Landgraf Elisabeth deswegen hierbehalten hätte und er gegenüber dem Bischof beteuert habe, es verlaufe alles wie geplant und für einen Ersatz für den dahingeschiedenen Hermann sei auch gesorgt (Namen wurden nicht genannt, aber jeder konnte sich denken, wer gemeint war), denn damit hätte sie sich wohl in des Grafen Familienpolitik eingemischt, was er ihr übelgenommen hätte. Sie war raffiniert genug, ihre Andeutungen immer so kundzutun, als stammten sie nicht von ihr selbst und als wäre sie selber darüber empört.

Auch Elisabeth fühlte sich dadurch unangenehm berührt, ließen doch die seinerzeit angeblichen oder tatsächlich getroffenen Absprachen zwischen dem Landgrafen- und dem Königshaus auf beide ein schlechtes Licht fallen, und womöglich wurde dadurch auch Elisabeths Ansehen in den Augen der Menschen geschmälert, die ihr besonders viel bedeuteten, schließlich wollte sie ja kein lebendes Handelsobjekt sein. Sie wandte sich an Britta, aber die wollte oder konnte darüber nichts sagen, nur soviel: ja, eine Mitgift gäbe es, von der Elisabeth damals freilich nichts erfahren hatte, und dieser ziemlich wertvolle Besitz sei, soweit sie, Britta, wüsste, bislang treuhänderisch verwaltet worden, was bedeutete, daß niemand Zugriff darauf hatte, solange bestimmte Umstände nicht eingetreten und diesbezügliche Bedingungen nicht erfüllt wären. Aber welche Vereinbarungen oder eventuelle Klauseln (wie das ja bei solchen Verträgen üblich sei) außerdem in Frage kamen, darüber wusste am Hof wohl nur eine Handvoll Personen genau Bescheid. Kein Wort mehr davon aus Brittas Mund, die sich gegen Elisabeths weitere Fragen taub stellte. Man konnte an alldem nichts ändern, und auch über Hedwig von Flossenburgs heimtückische Ohrenbläserei nur rätseln.

Was hatte nun Elisabeth ihrem Onkel mit auf den Weg gegeben? Die glaubwürdige Versicherung, daß es ihr hier am Thüringer Hof gut geht, daß sie keinen Mangel zu leiden hat, weder an dinglichen oder leiblichen Gütern noch an den ihr Seelenheil pflegenden und fördernden Zuwendungen. Alle Menschen ihrer Umgebung sind freundlich und bemüht, es ihr recht zu machen (die es nicht waren, erwähnte sie gar nicht). Elisabeth und auch Onkel Ekbert fanden ihre Idee ausgezeichnet, von den Eltern eine weitere Frist von fünf Jahren zu erbitten, innerhalb derer sich, wie man mit großer Gewissheit annehmen kann, Elisabeths Leben zur Zufriedenheit aller entwickeln werde.

Onkel Ekbert meinte lediglich, daß der Ausdruck "Zufriedenheit" bei Elisabeths Mutter womöglich nicht die gewünschte Wirkung habe, weil sie genau das an ihrem Bruder immer kritisierte und es daher besser: "Beglückung" heißen sollte, worüber sich Elisabeth so amüsierte, daß es dem Bischof schon peinlich wurde. Und wenn sie noch jetzt an seine Miene dachte, musste sie ihn mit seinem fast kindlichen Gemüt gegen jeden Verdacht, er könnte sich hinter ihrem Rücken unredlich verhalten haben, in Schutz nehmen.

Zwei Wochen später kam Britta aus Eisenach, wo sie tagsüber Besorgungen gemacht hatte, zurück auf die Creuzburg und brachte für Elisabeth einen Brief von Ludwig aus Weißensee mit. Sie setzte sich ans Fenster in ihrem Zimmer, öffnete und las das Schreiben und spürte mit jeder Zeile, wie Ludwig ihr näher kam und auch sie sich zu ihm hingezogen fühlte.

Daß er ihr aus heiterm Himmel einen Brief schickte, der erste überhaupt von ihm, kam ihr gar nicht merkwürdig vor, und wenn zuvor jede Woche einer angekommen wäre, hätte Elisabeth diesen hier mit der gleichen Freude und Erregung empfangen. Denn in Wirklichkeit hatte sie fast jeden Tag an ihn gedacht, und oftmals war es ihr, als empfinge sie in Gedanken Ludwigs Nachrichten, unsichtbare Mitteilungen, ein Windhauch, ein Huschen, manchmal so kurz wie eine plötzliche Drehung der Wetterfahne hoch oben auf der Turmspitze.

Die Ankunft solcher Zeichen ging meistens mit einem schwachen Stich im linken Unterarm oder häufiger noch mit einem Kribbeln auf dem Handrücken einher, nicht unangenehm oder gar schmerzhaft, sondern anregend und reizvoll und vor allem unverkennbar. Im selben Moment musste sie an ihn denken, hatte sie seinen Anblick vor Augen, hörte ihn reden, ihn lachen, einmal auch singen, ja sogar einen schrecklichen Fluch ausstoßen, den er ihr, als sie zu zweit waren, beigebracht hatte und den sie nicht einmal leise zu murmeln sich traute, so unanständig war er.

In ihrem Geiste tauchten nicht nur einzelne Bilder aus den Tagen auf, die sie gemeinsam verbracht hatten, nein, Elisabeth vermochte seltsamerweise Worte und Sätze zu vernehmen, die sie ihn wie zum ersten Mal sagen hörte. Und es waren auch wortlose Gesten oder nur ein Lächeln, ein Blick, eine wie zufällige Berührung dabei, die etwas Unausgesprochenes, etwas Tieferes und Gemeinsames in ihnen beiden hervorzauberten. Alles war so klar und deutlich fühlbar, als wäre es nicht eine Erinnerung, sondern würde jetzt in diesem Moment geschehen. Nur eines war daran war wie verhext: es brach immer gleich ab und war vorbei, gerade wenn sie versuchte, es festzuhalten und auszukosten. Wie sehr wünschte sie sich, daß die geheimnisvolle Verbindung zwischen ihnen beiden einmal länger anhielte.

Kurioserweise war es diese Hoffnung, die Elisabeth davon abgehalten hatte, sich aufzuraffen und Ludwig auch einfach mal einen Brief zu schreiben, und wenn sie darin auch nur eben diese seine Erscheinungen in ihrem Geiste mitgeteilt hätte. Aber würde er sie daraufhin nicht für verrückt halten können? Und womöglich wollte er in Zukunft nichts mehr mit ihr zu tun haben, weil er ihre sehr ungewöhnlichen und manchmal ein bisschen verworrenen Zeilen ganz falsch aufgefasst, vielleicht sogar gedacht hätte, sie wollte sich über ihn lustig machen. Und dann wären, sobald er ihn gelesen hatte, künftig all die schönen Zauberzeichen ausgeblieben, es hätte nicht mehr gekribbelt und gestochen und jede Hoffnung, daß es einmal länger dauert als nur einen Augenblick, geschweige denn, daß es sich einmal verwirkliche, wäre verloren gewesen.

Als sie jetzt seinen Brief las, erschien alles wie in einem Märchen, in einem von denen, die Britta erzählte, in denen sich zwischen den Menschen Dinge abspielen, die nicht für jedermann sichtbar sind und für die man besonders empfindliche Sinne braucht. Sie konnte sich kaum beherrschen vor Enthusiasmus.

Ludwig schilderte ihr genau das gleiche Empfinden, das ihn so oft überkam und das ihm Elisabeth fast leibhaftig, "mit Haut und Haar" wie er sich ausdrückte, in seine Vorstellung versetzte. Nur daß es sich bei ihm durch einen leichten Druck in der Magengegend ankündigt, so als wäre eine "große Kastanie unter meine Jacke gerutscht". Elisabeth fiel auf, wie er versuchte, im unterhaltsamen Ton zu reden und allem scheinbar eine witzige, ja fast kuriose Note zu geben - genau das, womit sie immer befürchtet hatte, ihn zu verschrecken. Er schrieb auch, daß er ihr darüber lediglich berichtet, weil es ansonsten hier (bei ihm in Weißensee) an aufregenden Ereignissen mangele.

Doch Elisabeth ließ sich nicht täuschen. Wie konnte er über etwas angeblich so Belangloses reden, um damit noch Belangloseres zu übermalen? Er benutzte - so schien es ihr - manche Wörter und Formulierungen auch nur deshalb, weil er sich ebenso unsicher war, wie sie es aufnehmen würde, und sie spürte genau, daß er etwas verharmlosen will, was ihm in Wahrheit ziemliches Kopfzerbrechen und wahrscheinlich - wie ihr - auch so plötzliche Gefühlsaufwallungen bereitet. Nein, nein, mein lieber Ludwig, das Thema beschäftigt dich viel zu sehr, als daß du es mit ein paar spaßigen Bemerkungen abhandeln könntest!

Seine Fragen, ob es möglich sei, daß man etwas, also zum Beispiel eine Person, "die man vor sich sieht", zugleich für eingebildet und wahrhaftig halten müsse; wie es sein könnte, daß man von einem Gedanken oder einem Gefühl nicht mehr loskommt; warum man dauernd überlegt, was man unternehmen soll und dabei von großer Angst gepeinigt wird, etwas falsch zu machen, und noch vieles mehr, von dem Elisabeth jetzt nicht genug zu lesen bekommen konnte; all' das verriet nur allzu deutlich seinen innigen Wunsch, jemandem seine Lage zu schildern, damit ihm in seiner Drangsal geholfen werde. Natürlich nicht irgend jemandem, sondern - was läge näher? - der Person selbst, die das lebende Vorbild all' seiner Visionen ist, die Sonne seines Himmels, um die sich für ihn alles zu drehen scheint!

Oh, wie begann Elisabeths Herz zu klopfen, da sie bei jedem seiner Sätze, bei jeder seiner Beschreibungen, bei jeder Andeutung ihre eigenen Gefühle bei ihm wie in einem Spiegel wiedererkennen konnte, und es war ihr, als hätten in der verstrichenen Zeit ihrer beider Gedanken aneinander sich immer gegenseitig hervorgelockt und just im selben Moment heraufbeschworen, als hätten sie an beiden Enden einen Faden zwischen sich straff gezogen.

Auf jede seiner Fragen hatte Elisabeth eine Antwort parat, so als ob er sie ihr vorher schon im Geiste gestellt hatte. Manchmal konnte sie nicht weiterlesen ohne zunächst, erst leise, dann laut und ungehemmt zu ihm zu sprechen und seine Worte zu erwidern, als säße er ihr leibhaftig gegenüber. Sie bestätigte seine Ahnungen, zerstreute seine Zweifel, löste seine Verwirrung auf; sie fand für alles den treffenden Namen, den wahren Grund, die einzige Richtung, wohin es fortschreiten muss. Alles nur Angedeutete, Ungewisse, Unentschiedene konnte sich nicht länger in der Schwebe halten und musste aufgelöst werden in einer Gleichung, ja in einer Harmonie zwischen ihnen beiden, wie sie perfekter nicht hätte sein können. Elisabeth, die Königstochter, fühlte sich eins mit dem jungen Grafensohn.

Es klopfte an ihre Tür, und Elisabeth ließ Britta eintreten, die sagte "Was ist denn los, um Himmels Willen? Machst du Stroh zu Gold? Ich klopfe schon eine Ewigkeit." "Wirklich? Ich habe nichts gehört." "Wie ist das möglich?", sagte Britta bedeutsam und ein bisschen ironisch. Sie wollte die Geschenke, welche Bischof Ekbert für Elisabeth mitgebracht und die sie sorgsam ausgepackt hatte, in Schrank und Truhe ablegen; darunter war auch ein blaues Kleid. "Ach, Britta", seufzte Elisabeth, die Ludwigs Brief festhielt, "dies hier ist doch das beste Geschenk." "So? Da bist du ja leicht zufriedenzustellen."

Elisabeth bemerkte nicht den feinen Unterton und verwahrte sich dagegen: "Aber das ist viel mehr wert als alle die kostbaren Sachen zusammen. Allein damit - sie strich mit den Fingern sanft über die Schrift - bin ich zum reichsten Mädchen der Welt geworden." "Na, nun übertreibe nicht, was steht denn so Aufregendes drin?" Sie drückte schnell das Blatt an die Brust und sagte "Es ist ein Geheimnis, nicht einmal dir Britta, kann ich es verraten." "So, na ja. Aber es ist hoffentlich etwas Gutes. Nicht daß ich mir Sorgen machen müsste." "Sorgen? Worüber?" "Um dein Herz, mein Fräulein, daß es nicht in Flammen steht." "Das kann vielleicht geschehen."

Britta erwiderte nichts und lächelte, Elisabeth fragte ernsthaft "Was kann man dann tun?" "Tja, es gibt da ein paar Mittel, mit denen man das Feuer löschen kann." "Löschen?", rief Elisabeth, "Ach nein, ich glaube, so weit ist es noch nicht, daß das nötig wäre." "Nun, man könnte ja zunächst ..." Elisabeth hörte ihr nicht zu, sie wandte den Kopf zum Fenster und schaute hinaus, sie nahm Ludwigs Brief an ihren Mund und ihre Lippen gaben ihm einen zarten Kuss. "Oh, Britta", sagte sie nach einer Weile, "du weißt ja gar nicht, wie schön das ist."

"Bischof Ekbert hat dir dieses Kleid mitgebracht, ich glaube, es würde dir hervorragend stehen." "Was denn für ein Kleid?", entgegnete Elisabeth unwillig. "Hier dieses blaue, sieh es dir wenigstens mal an." Sie warf einen kurzen Blick darauf. "Das ist mir viel zu groß." "Zu groß? Ich bitte dich, du bist kein Kind mehr, das ist für eine junge Dame grade recht." "Was?", sagte Elisabeth schnell und betrachtete das Kleid abermals. "Probier' es an und schau in den Spiegel, dann wird es dir auch gefallen."

Sie gab nach. "Könntest du vielleicht den Brief für einen Moment aus der Hand legen?" "Niemals." "Na bitte, wenn du damit durch die Ärmel kommst." "Das ist überhaupt kein Problem, ich halte ihn einfach mit der anderen, siehst du." "Könnte passieren, daß du noch mit ihm zusammenwächst", sagte Britta, während sie das Kleid auf Elisabeths Rücken zuschnürte. "Umso besser."

Sie betrachtete sich im Spiegel, sie war selber überwältigt; das Kleid passte wie für sie geschneidert. Es war aus blauem, samtartigem Stoff und an den Ärmelaufschlägen sowie am Kragen hatte es Streifen aus weißem Hermelinpelz. "Das ist wirklich entzündend", lachte Elisabeth. "Entzückend, ja", sagte Britta und faltete die Hände vor Staunen. Das Sonnenlicht, das durchs Fenster hereinfiel, entwarf ein verlockendes Wechselspiel von hellglänzenden und dunkelweichen Stellen an Elisabeths Hüften und um ihre Brust. Der Stoff fiel in langen schmalen Falten über ihre Beine hinab bis fast auf den Boden.

Sie drehte und wendete sich, und im Schwung schauten ihre zierlichen Füße unter dem Kleid hervor, das leicht nach allen Seiten wallte. Mit der freien Hand lockerte sie ihr Haar, das sich auf ihren Schultern ausbreitete. Sie verzog keck den Mund, spitzte die Lippen, wackelte mit dem Näschen, hob die Brauen mit einem Anflug von Hochmut und machte einen verführerischen Blick, auf den sie fast selbst hereinfallen wollte. Sie spürte, wie ihr Puls bis zum Hals hinauf pochte. Es drängte in ihr nach draußen, sie spürte eine schier unendliche Freiheit, sie hätte sich auflösen, verflüchtigen wollen. Sie drehte sich und tanzte, bis ihr schwindlig wurde und sie in Brittas Arme fiel.

"Jetzt muss ich ihm unverzüglich antworten", rief sie und setzte sich an den Tisch. Sie achtete nicht mehr auf Britta oder auf die anderen Geschenke, sondern versank wieder in Ludwigs Brief. Doch als Britta mit einem hörbaren Räuspern das Zimmer verlassen wollte, sagte Elisabeth zu ihr, als würde sie sie damit zu einer ihrer Schwestern machen: "Über dich steht auch etwas drin." "Herrje, was denn?"

Elisabeth suchte die Stelle. "Ähm, hier, ich verstehe das nicht ganz, vielleicht kannst du mir weiterhelfen. Ludwig sagt etwas von irgendeinem Rätsel, nein, also, er kennt da jemand, der unheimlich gute Rätsel stellen kann, und dann sagt er, ich soll dich nach dem Rätsel von dem Offendinger fragen." "Ofterdinger?" "Ja, genau. Was ist das?" "Das Rätsel, das Heinrich von Ofterdingen beim Sängerwettstreit gestellt wurde. Darauf hat er seinen Kopf verwettet." "Erzähl mir das. Wenn Ludwig das kennt, will ich es auch wissen."


 
* * * * * * * *
Ein Sängerkrieg
 

Landgraf Hermann war weithin bekannt für seine Liebe zur Kunst. Es war eher eine Vorliebe. Der Unterschied ist: bei letzterer lässt man sich weit mehr beeindrucken von ihrer äußerlichen Prächtigkeit. Er hatte, wie wir bereits gehört haben, selber ein Talent zur kunstvollen Rede, und die Literatur hatte es ihm vor den anderen Künsten angetan. Er beschäftigte zeitweise Dichter, die für ihn Ovid und andere antike Autoren in seine Muttersprache übersetzen sollten. Aber die Geschichten Ovids waren zu fremdartig und auch (wie ihr Titel schon verriet) zu verschlungen, als daß er sie mit Vergnügen gelesen hätte. Und dieses Vergnügen, das Delectable an einem literarischen Stück, das konnte für ihn, der eine Vorliebe für die Kunst hatte, nie groß genug sein.

Als er eingesehen hatte, daß sein Können nicht ausreicht, um seine Erlebnisse in die rechte dichterische Form zu bringen, engagierte er berühmte Sänger, um sie damit zu beauftragen. Da zeigte sich, daß es eine langwierige Sache werden konnte, seine, Hermanns, Abenteuer von einem Dichter verarbeiten zu lassen, der nicht selber dabei gewesen war. Es gab immer irgendetwas daran auszusetzen.

Zudem nahmen sich die Herren Sänger oft viel zu viel Zeit, was eigentlich nicht verwunderlich war, wenn man bedenkt, daß sie, solange sie noch nicht fertig waren, des Landgrafen Gastfreundschaft genießen durften, Kost und Logis frei hatten, am Hofleben teilnahmen, als gehörten sie zur Familie, bei allen Festen und Feiern selbstverständlich dabei waren, sich nach schwerer geistiger Arbeit den Kopf mit Wein freispülen, respektive sich besaufen und sich mit den Burgfräuleins und Damen nach Herzenslust vergnügen konnten. Es waren unter ihnen auch einige, die am liebsten bei den Knaben weilten.

Hermanns Vertraute, aber auch seine Gemahlin Sophia, machten ihm schon Vorhaltungen, daß er das Geld unnötig an Leute verschwenden würde, die am Ende doch nichts Rechtes zustande bringen würden, und tatsächlich nutzten ihn manche, die sich bei ihrem Antritt als hochgerühmte Dichter ausgegeben hatten, schamlos aus und vertrösteten ihren Auftraggeber, wenn er nun endlich etwas von dem Kunstwerk sehen wollte, mit teilweise grotesken Ausreden; einer behauptete einmal, einer von den Eseln, auf denen die Vorräte zur Burg hinauf geschafft wurden, hätte sein Manuskript gefressen, weil darin eine blühende Frühlingswiese mit fettem Gras beschrieben war, und nun müsse er alles neu machen.

Solche Scharlatane wurden dann freilich irgendwann rausgeworfen und konnten nicht damit rechnen, jemals wieder einen Fuß über die Schwelle des Landgrafenhofs zu setzen. Seinen Kritikern hielt Hermann übrigens entgegen, daß die Dichtkunst weniger Ausgaben verursache als beispielsweise die Jagd, der die meisten anderen Fürsten bekanntlich frönten, worauf der Mundschenk Meerbach erwiderte, die Jagd liefere wenigstens noch reichlich Wildbret für die Küche, während man sich mit dem Geschmiere dieser Schreiberlinge nicht einmal den Arsch abwischen könnte, wegen der Tintenflecken, die es auf ihm hinterlässt.

Man kann schon sagen, daß es fast ein ganzes Jahrzehnt dauerte, bis sich am Thüringer Hof eine ausgesuchte Schar von Sängern um Hermann etabliert hatte, die in deutschen Landen zu jener Zeit wirklich einmalig war, und welche eben dafür sorgte, daß sich des Landgrafen Ruf als Freund und Förderer der Kunst im Deutschen Reich verbreitete.

Damals zogen bekanntlich die Dichter im Lande umher, die meisten waren aus dem Haufen der fahrenden Spielleute hervorgegangen, und die besten unter ihnen wanderten nicht mehr länger von Jahrmarkt zu Jahrmarkt wie jene, sondern von einem Fürstenhof zum nächsten, überall dorthin, wo man ihre Sangeskunst zu schätzen wusste oder wo es für sie Anlass und Gelegenheit gab, ein nagelneues Werk zu dichten und es den hohen Herrschaften oder einer edlen Frau zu widmen und an ihrem Thron kniend mit minniglicher Pose und Pathos vorzutragen.

Walther von der Vogelweide war einer derjenigen, die regelmäßig nach Thüringen kamen, zum einen, weil er die Freigebigkeit des Landgrafen zu schätzen wusste, zum anderen, weil durch das Zusammentreffen mit anderen Sängern die Kunde einer solchen Versammlung weit über die Grenzen der Landgrafschaft hinaus getragen und damit sein eigener Name bekannt wurde, was wiederum Einladungen nach anderen Fürstenhöfen nach sich zog.

Nun, sicherlich, es war zum dritten auch die eine oder andere Anregung, welche Walther von seinen Kollegen empfing, wenn er ihnen bei ihrem Vortrag zuhören konnte, was übrigens auf Gegenseitigkeit beruhte, denn bei aller Konkurrenz unter ihnen musste man andererseits stets auf dem Laufenden sein, was die neuesten Formen, Sujets, Ausdrucksmittel oder musikalischen Stile betraf. Und da man sich ansonsten völlig auf sich allein gestellt durchschlagen musste, so war kaum eine zweite Möglichkeit zu finden, wo man seine eigene Kunst schätzen lassen und sich mit seinesgleichen messen konnte. Vielleicht war das oft sogar der Hauptgrund dafür, sich in die Gesellschaft so vieler Gleichgesinnter zu begeben, was an sich töricht genannt werden konnte, denn stand nicht geschrieben: Wer sich in Gefahr begibt, wird darin umkommen. Aber keiner von ihnen hätte das je zugegeben.

So waren die Treffen an Hermanns Hof im Laufe der Jahre zu einer schönen Tradition geworden, und um die Aufführungen auf immergleichem hohem Niveau zu halten, wurden sie im Rahmen eines Wettstreits veranstaltet, bei welchem der Sieger, über den Beifall hinaus, mit dem allen Beteiligten gedankt ward, mit dem Kranz aus Eichenblättern gekrönt und mit einem kostbaren Präsent - ein Pelzmantel, ein Pferd oder ein Kelch aus purem Silber - belohnt wurde.

Auch kam fast jedesmal ein weiterer berühmter Sänger hinzu, was die Erwartung des Publikums und die Spannung des Programms natürlich erhöhte und was in der Rückschau tatsächlich ausnahmslos dafür gesorgt hatte, daß man den jüngst stattgefundenen Sängerwettstreit für den besten halten konnte, der je ausgetragen worden war.

In diesem Jahr war es Heinrich von Ofterdingen, der zum erstenmal auf die Wartburg kam. In den Wochen davor war er bei Leopold, dem Herzog von Österreich gewesen, der ihn angeblich über die Maßen gut behandelt hatte, und Ofterdingen verkündete, auf der Wartburg angekommen, lauthals, wie ungern ihn der Herzog hatte von dannen ziehen lassen und ihm versichert habe, daß, wenn er bei den Thüringern nicht angemessen aufgenommen werde, er jederzeit nach Österreich zurückkehren könnte. Das zu hören missfiel den Leuten auf der Wartburg, und man fragte sich, wieso dieser Sänger, noch bevor er seinen Einstand gegeben und sein Können unter Beweis gestellt hatte, sich mit seiner Überheblichkeit derart in Misskredit bringen konnte.

Bloß den Walther von der Vogelweide, der wie stets als erster zum Treffen angereist war, konnten solche Äußerungen nicht beeindrucken. Er beobachtete den Ofterdinger zunächst einen ganzen Tag lang aus allen möglichen Verstecken, verbarg sich hinter Pfeilern und Möbeln, angelehnten Türen und sogar hinter einem breiten Vorhang neben dem Fenster, um sich von dem andern, dem er zuvor noch nicht begegnet war, ein Bild zu machen. Selbst in sein Zimmer, in dem er untergebracht war, schlich sich Walther hinein und nahm seine Sachen in Augenschein.

Als er Heinrichs Harfe entdeckte, konnte er sich nicht beherrschen und ließ die Finger über die Saiten gleiten, um zu hören, wie sie gestimmt war, denn unter den Sängern ging das Gerücht, der Ofterdinger habe ein System von Terzen und gebrochenen Quinten ausgeklügelt, nach dem er sein Instrument temperierte. Wie aber Walther die ersten Töne aus ihm hervorlockte, da sprang ihn zum Teufel aus welcher Ecke heraus eine pechschwarze Katze an und versetzte ihm einen furchtbaren Kratzer auf der linken Wange, daß er hinaus rannte und das Blut mit einem Tuch auffing.

Er wollte schnell zu den Frauen im Wirtschaftshaus und sich etwas auf die Wunde legen lassen, da begegnete ihm, als er auf dem Gang um die Ecke bog, ein Mann, mit dem er beinahe zusammengestoßen wäre. "Ihr seid Herr Walther von der Vogelweide, wenn ich nicht irre", sagte der andere, und Walther bedeckte seine Gesichtshälfte noch mehr mit dem Tuch. "Ich bin Heinrich von Ofterdingen, der Sieger des diesjährigen Wettstreits." Daß dieser Wettstreit noch gar nicht angefangen hatte, kümmerte ihn wenig, er krankte wirklich nicht an Selbstunterschätzung. "Aber sagt, was ist mit Euch?" "Zahnschmerzen", presste Walther unter dem Tuch hervor, durch das schon das Blut durchsickerte; dieses Katzenbiest (es war, wie sich später herausstellte, ein Kater) hatte ihm einen gehörigen Streich verpasst.

"Oh, wie schrecklich", sagte Ofterdingen und streckte die Hand nach Walthers Wange aus; der zuckte zurück, und der andere meinte mit geheucheltem Bedauern "So werdet Ihr gar nicht singen können?" "Doch, natürlich", entgegnete Walther, aber seine Worte wurden halb im Tuch erstickt. "Wie bitte? Man kann Euch so schlecht verstehen. Bei allem Respekt, Vogelweide, mit dieser Artikulation werdet Ihr zur Witzfigur." Walther nahm das Tuch zur Seite und erwiderte "Verehrter Ofterdingen, seid unbesorgt, ich habe nicht die Absicht, Euch diese Rolle streitig zu machen." Damit ließ er ihn stehen und ging davon. "Arschloch", zischte der Ofterdinger ihm nach.

Die beiden übten jedoch, wie das oft zwischen Rivalen gleichen Formats geschieht, aufeinander eine solche Anziehungskraft aus, daß sie sich nicht einfach aus dem Wege gehen konnten, und am Nachmittag machte sich Ofterdingen auf die Suche nach Walther. Der hatte sich blutstillende Blätter auflegen und mittels eines kleinen honiggetränkten Leinenstreifens an der Wange befestigen lassen.

Er hatte, als er sich verarzten ließ, hinter dem Wirtschaftsgebäude eine Bank entdeckt, auf der man im Halbschatten sitzen und eine hübsche Aussicht auf eine Streuobstwiese und die Hügel über der Stadt genießen konnte. Dort hatte er sich mit dem Manuskript eines Liedes oder Gedichts niedergelassen, um es zu studieren, als der Ofterdingen scheinbar ganz zufällig um die Ecke kam.

Auf seinen Armen trug er den schwarzen Kater, der bei Walthers Anblick sofort fauchte, ihm die scharlachrote Zunge herausstreckte und seine spitzen Zähnchen bleckte. "Ho ho, in Gottes Namen, haltet das Tier zurück!", rief Walther und wollte schon flüchten, aber Ofterdingen sagte "Bleibt ruhig, er tut Euch nichts. Darf ich Euch ein wenig Gesellschaft leisten?" "Nein, nicht mit dieser Bestie." "Erlaubet mal, er heißt Konstantin und ist mitnichten eine Bestie. Nun gut, wenn Ihr wollt, setze ich ihn ab. Geh' Konstantin, lass uns allein, dieser Mensch ist ein Tierhasser." Er ließ den Kater auf den Boden gleiten, wo er einen Buckel machte, Walther einen mörderischen Blick zuwarf, den dieser mit einem lächerlichen "Gsch, gsch!", beantwortete, woraufhin der Kater sich fast verächtlich abwandte und in Richtung Burghof davonmachte.

"Ist das Euer neues Werk?", fragte Ofterdingen und setzte sich neben ihn. Walther faltete rasch das Blatt zusammen und schob es unter die Knopfleiste vor seiner Brust. "Nein." "Schade", meinte Ofterdingen, "ich wollte Euch nämlich gerade mein neues Gedicht vortragen." "Wieso sagt ihr dann schade?" "Nun, ich dachte, ich könnte dafür Eures hören." "Ich bin nicht der Emir von Edessa, daß ich Ansprachen mit Euch austausche." Ofterdingen lachte, und Walther gefiel dieses Lachen so sehr, daß er selber schmunzelte.

"Ich sehe schon, Ihr wollt uns alle damit überraschen." "Wovon handelt Euer neues Gedicht?", fragte Walther ihn. "Von einem Mann, der in Liebe zu einer Frau entbrannt ist." Walther sah ihn misstrauisch an. "Ist das Euer Ernst? Was soll daran neu sein?" "Fast alles." "Gebt eine Passage zum Besten." "Das ist schwierig, es macht seine Wirkung nur im Ganzen." "Dann tragt es ganz vor." "Ach so? Und Ihr verheimlicht mir Euer Lied? Das wäre ein einseitiger Vorteil, den Ihr Euch verschafft."

Nach einer Pause sagte Ofterdingen "Zum Beispiel gibt es da einen Vergleich, wo es heißt, die Zitronen an den Bäumen waren von so blassem Gelb wie das Gesicht des Liebenden, der die ganze Nacht schlaflos unter dem Fenster seiner Angebeteten verbracht hat. Ist dies nicht ein ganz wundervolles Bild?" Walther sah ihn wieder an, nur noch misstrauischer. "Das ist aus einem sizilianischen Gedicht." "Ihr kennt es?" "Ich kenne so ziemlich alles, was gut genug ist, daß man es kennen sollte." "Ha, gut gesagt. Und ihr habt recht, es ist von dort. Ah, Italien", sagte Ofterdingen, streckte die Beine aus und verschränkte die Arme hinterm Kopf, "was für ein Traum. 'Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn?'" "Das ist auch nicht auf Euerm Mist gewachsen", sagte Walther, und Ofterdingen lachte wieder.

"Mein lieber von der Vogelweide, warum begegnet Ihr mir so grimmig? Ich wollte Euch nur ein wenig auf die Probe stellen." "Wozu? Wollt Ihr Euch zum Musenrichter über mich aufschwingen?" "Beileibe! Ich wollte bloß wissen, ob es stimmt, was man über Euch erzählt, daß Ihr Euer Handwerk versteht, und daß man Euch fürchten muss." "Mich fürchten? Seit wann fürchtet man einen Dichter? Bis jetzt wurden alle wahren Dichter immer nur verachtet." "Man fürchtet Euch unter Euresgleichen, weil Ihr immer so gut Bescheid wisst über das, was die anderen machen." "Wenn man als Sänger bestehen will, muss man immer darauf achten, was die anderen machen, schon allein, um besser zu sein als sie. Oder wonach richtet Ihr Euch, Ofterdingen?" "Ich muss mich nicht nach etwas richten; meine Kunst kommt aus mir selbst."

Walther sagte nichts darauf, und Ofterdingen fragte gleichgültig "Habt Ihr gehört, woran Wolfram neuerdings arbeitet?" "Man sagt, an einer Gralsdichtung." "Mehr als zehntausend Verse." "Wisst Ihr mehr darüber?" Ofterdingen spitzte die Lippen und wiegte den Kopf. "Zum Teil." "Wie ist es?" "Schauerlich! Darin reimt sich Lanzenstoß auf herrenlos." "Tatsächlich?" "Ja. 'Gar mancher fiel vom Lanzenstoß / Und manches Ross lief herrenlos'." Sie mussten beide lachen.

Ofterdingen fuhr fort: "Er trug ein Schwerte schön und stark / Die Scheide kostet' tausend Mark'." Sie schütteten sich beide aus vor Lachen. "Dann brachte man das Abendbrot / Das war dem hohen Gaste not." "Unglaublich", prustete Walther und setzte selber fort "Ein Badelaken ward gebracht / Er nahm sich aber nicht in acht." Ofterdingen stutzte, dann rief er lachend "Doch teilten sich vor Parzival / Die Spuren bald und wurden schmal.' Na, wie geht's weiter?" Walther holte Luft und sprach: "Die eine, die noch vor ihm war / Verschwand im Walde ganz und gar." Mehr brachten sie nicht heraus und es dauerte eine Weile, bis sie sich erholt hatten.

Gegen abend kam Wolfram von Eschenbach an. Er beschwerte sich sofort, daß er nicht vom Landgrafen persönlich begrüßt worden war, sondern nur von Heinrich von Rispach, der Hermanns Kanzleischreiber war und selbst auch dichtete. Er hatte auch ein kleines Willkommensgedicht verfasst, das er in den letzten Strahlen der untergehenden Sonne vortrug, aber der ungehaltene Wolfram fiel ihm ins Wort und wartete das Ende nicht ab, sondern fragte nach dem Landgrafen, weil er angeblich mit ihm noch nicht über die Konditionen einig geworden war, unter denen er am Wettstreit teilnehmen würde. Rispach versuchte ihn zu beruhigen, er konnte sich dazu nicht äußern und erging sich in belanglosem Geschwätz, als von oben aus einem offenen Fenster eine Kinderstimme laut rief "Nie kam der Ritter in den Schweiß / Ob's ihm nun kalt war oder heiß." Danach war ein unterdrücktes Gelächter zweier Männer zu hören, und Wolfram reckte zornentbrannt den rechten Arm hinauf und schrie "Oh, fing' euch diese Faust!", worauf das Fenster zugeschlagen wurde und Rispach meinte "Es sind alberne Kinder, gebt nichts auf ihre dummen Sprüche." Ein bisschen fühlte er sich aber entschädigt dafür, daß Wolfram ihn nicht hatte ausreden lassen.

Kurz nach Wolfram trafen auch die beiden Sänger Reinmar von Zweter und Biterolf ein, die, wie sich der Ofterdingen ausdrückte, um Wolfram herumscharwenzelten. Freilich reichten die beiden nicht an ihre berühmten Kollegen heran, aber die Tatsache, daß sie sich offensichtlich gut vertragen und daß namentlich der Biterolf des öfteren ein Gespür für Themen gezeigt hatte, die gerade in aller Munde der feinen Gesellschaft waren, war Grund genug, sie nicht zu unterschätzen. Zumal, wie Walther wusste, die beiden letzthin in Worms zwar nicht vor dem Kaiser selbst, aber doch gelegentlich seines Aufenthalts dort gesungen hatten, und zwar im Duett, was eine unerhörte Neuheit war, die, wie Augenzeugen berichteten, besonders auf das weibliche Publikum einen geradezu unwiderstehlichen Eindruck gemacht hatte.

Leider - oder Gott sei Dank - handelte es sich dabei nicht um einen Wettstreit, sonst hätten sie zweifellos den Sieg davongetragen. Sie sollten ihren Vortrag auch beim Kaiser wiederholen, aber der musste kurzfristig abreisen, weil der Krieg gegen den Lombardischen Bund ausgebrochen war. Man konnte nur hoffen, daß ihr Beispiel nicht Schule machte, denn die Vorstellung, Walther von der Vogelweide müsste beispielsweise mit dem Ofterdingen als seinem Partner auftreten, war für beide abscheulich.

Das Originelle von Biterolf und Zweter war der Wechselgesang, in welchem jeweils der eine (und praktisch beide mit derselben Absicht) um die Zuneigung der edlen Frau buhlten. Damit kam zu der üblichen Werbung um die Liebenswürdige der erbitterte Kampf zwischen den Kontrahenten hinzu, was die ganze Sache nicht nur auflockerte, ja, unter Umständen sogar lustig machte, sondern indirekt auch Ansehen und Tugend der Frau, um die gestritten wurde, steigerte. Vielleicht lag darin der Erfolg der beiden begründet.

Sie kamen selbst als Kandidaten der umworbenen Dame natürlich nicht in Frage, aber sie konnten dafür sorgen, daß die Menge der wankelmütigen Freier sich mehrheitlich auf eine Auserkorene stürzte und ihr die erwünschten Anträge machte. Denn die, welche durch den Gesang am meisten Beachtung erworben hatte, ragte über die anderen hinaus. Ein Lied, das möglichst viele begeisterte, war somit zugleich eine Aufwertung der Dame, welcher es gewidmet war. Und vielleicht war der Argwohn, den die Sänger gegeneinander hegten, noch eine Art Verbundenheit im Vergleich zu der Feindseligkeit, die zwischen den edlen Frauen herrschte.

Walther hatte dem Ofterdingen die Ereignisse von Worms mitgeteilt und sie waren die Liste der vom Landgrafen geladenen Gäste durchgegangen, um zu sehen, welche Damen anwesend sind, die auf das Duett Biterolf und Zweter wahrscheinlich ansprechen würden. Da war die Gräfin von Zweibrücken, dreifach verwitwete Mutter von elf Kindern (die bis jetzt alle überlebt hatten), die sich notorisch einbildete, ihre Lebensblüte stünde ihr noch bevor und die sich von allen Männern einnehmen ließ, die ihr das bestätigen.

Da war Frau von Sternheim, gewissermaßen das Gegenstück zu der anderen, welche schon mehrere Liebschaften hinter sich hatte, die alle mehr oder weniger katastrophal endeten, und die nun um ihre Ehefähigkeit bangte, was von immer häufigeren Gemütsstörungen begleitet war. (Solche Anfälle, das wussten Walther und Heinrich aus eigener Erfahrung, konnten den besten Vortrag ruinieren.)

Und da war Eleonore, die Tochter des Herzogs von Hollerbusch, eines verarmten Landadligen, der sein Kind um alles in der Welt unter die Haube zu bringen suchte. Dieser Herzog war, wie alle in jenem Landstrich, aus dummen aber fleißigen Bauern hervorgegangen, und die Töchter dieser emporgekommenen Herren konnten auch nach drei und vier Generationen ihre Herkunft nicht ganz verbergen. Der Ofterdingen, der sich selbst einmal im Hollerbuscher Herzogshaus aufgehalten hatte, pflegte mit bösem Spott zu sagen, die Mädchen dort - und würden sie sich noch so sehr herausputzen - sähen doch immer aus, als hätten sie vergessen, den Melkschemel vom Hintern abzuschnallen.

Oh Graus, das waren nur drei von den Damen, die Biterolf und Zweter höchstwahrscheinlich auf ihre Seite bringen konnten. Und jede davon hätte Grund genug gehabt, zwei Sänger auf einmal besser zu finden als einen, und wenn er noch so bekannt wäre. "Wenn die anfangen, ihr 'Leitersprossenduett' zu singen", meinte Walther, "dann Gute Nacht für uns." Was es damit auf sich habe, wollte Ofterdingen wissen. "Das Leitersprossenduett? Nun, selbst habe ich's noch nicht gesehen, Gott sei Dank, sonst hätte ich womöglich meine Harfe schon an den Nagel gehängt, aber vom Hörensagen weiß ich, wie sie es anstellen. Sie haben zwei Leitern, die sie an der Spitze schräg gegeneinander lehnen, und dann fangen sie an, auf beiden Seiten hinaufzuklettern, immer der eine eine Sprosse höher als der andere, und dabei singt jeder immer eine Strophe von dem Lied, in dem sie der Geliebten huldigen und zugleich den anderen schlechtmachen. So steigert sich das, bis sie beide oben ankommen." "Und wer gewinnt?" "Oben stehen sie gleichauf, und es bleibt der Dame überlassen, ein Urteil zu fällen."

"Leitersprossenduett, das ist ja der größte Unsinn, den ich je gehört habe, eine Schande für die Sangeskunst und für die deutsche Dichtung überhaupt", wetterte Ofterdingen. "Allerdings. Aber das Publikum liebt es." "Das Publikum! Das schert mich einen Dreck." "Ach so? Da habt Ihr Glück, daß Ihr Euch das leisten könnt", sagte Walther kühl, aber kaum überzeugt von des anderen Ignoranz. "Ich für mein Teil brauche jedenfalls dringend einen neuen Mantel, der nächste Winter kommt bestimmt, und wenn in den Sälen welcher Fürsten auch immer der Frost einzieht, hat niemand mehr Muße, sich bei meinem Vortrag die Ohren abzufrieren und keiner wird an mich denken." "Herrje, mir kommen gleich die Tränen", sagte Ofterdingen mitleidslos, "ich dachte, Ihr hättet Euer Auskommen und in den letzten Jahren ein hübsches Sümmchen zusammengekratzt. Dabei tut Ihr so, als würdet Ihr am Hungertuch nagen. Dann scheint's mit Euerm Erfolg nicht weit her zu sein, und mit Eurer Kunst demnach auch nicht."

"Spottet nur, Ofterdingen, Ihr seid ja bekannt für Eure Schadenfreude. Ihr habt kein großes Herz wie ich, der ich Euch Euern Wohlstand gönne; obgleich ich da an Euerm Rock einen Flicken sehe, der wohl eine abgewetzte Stelle bedeckt." "Da hat mich ein Hund angefallen, vor dem ich meinen lieben Konstantin retten musste." "Ach so? Und das Loch daneben? Da hinein hat sich wohl eine Maus vor Euerm Kater gerettet?" "Was für ein Loch?", fragte Ofterdingen erschrocken und versuchte, auf sein Hinterteil zu schauen. "Das da." "Wo denn nur, ich sehe nichts, wollt Ihr mich foppen?" Walther steckte seinen Zeigefinger in den Riss im Stoff.

Dummerweise kam in diesem Moment Wolfram vorbei, überdies in Gesellschaft von Biterolf, Zweter und Heinrich von Rispach, der den anderen den geplanten Ablauf des Wettstreits erläuterte. "Ah, seht einmal", rief Wolfram beim Anblick der beiden, die tatsächlich gerade in einer vieldeutigen Pose verharrten, "steckt da nicht der Vogelweide seinen Finger in des Ofterdingers Hinterpforte? Oh, wie praktisch, da hat der Schneider extra ein Löchlein gelassen, damit unser Freund den Rock nicht raffen muss, wenn's mal schnell gehen soll." Er und das Sängerduo brachen in schallendes Gelächter aus, während Rispach, der sich gegenüber dem Landgrafen für die Betreuung der Gäste verantwortlich fühlte, versuchte, einen Streit zu verhindern. Walther rannte rot vor Zorn fort, Ofterdingen machte eine unflätige Geste gegen Wolfram, der sie fast spiegelbildlich erwiderte.

"Lasst uns die weiteren Einzelheiten besprechen", sagte Rispach beschwichtigend, und Wolfram meinte "Auf weitere Einzelheiten kann ich verzichten." "Ich rede von dem Programm." "Ach so, ja, lieber Rispach, sorgen Sie außerdem dafür, daß der Eichenkranz genau auf mein Haupt passt, nicht zu weit und nicht zu eng, denn das ist beides unansehnlich; nehmen Sie am besten noch einmal Maß."

Ofterdingen eilte in die Nähstube und ließ seinen Rock ausbessern. Die junge Näherin fand sofort sein Interesse, sie war sehr gesprächig, und die kleine Unterhaltung entschädigte ihn ein wenig für den Ärger von vorhin. Walther von der Vogelweide war zutiefst beunruhigt, daß Wolfram und die beiden anderen Sänger in so trauter Gemeinschaft umherwandelten. Er war sich sicher, daß Wolfram den Biterolf und den Zweter am liebsten an Kreuze genagelt gesehen hätte, aber falls er von dem "Leitersprossenlied" nichts wusste, dann würde er wahrscheinlich Ofterdingen und ihn selbst für seine Hauptfeinde halten und sich mit Biterolf und Zweter gegen sie verbünden.

Was freilich ein verhängnisvoller Schritt für ihn wäre, weil die beiden ihn ihrerseits nur ausnutzen würden. In seiner Arroganz würde Wolfram ihnen auf den Leim gehen, und wenn er seinen Irrtum bemerkte, wäre es zu spät. Zwar würde er auf diese Weise aus dem Rennen gedrängt werden, aber die Übermacht der beiden wäre dann wohl nicht mehr zu brechen. Sollte Walther den Wolfram über das Kunststück der Sänger aufklären? Damit würde er die Gruppe zerteilen, aber andererseits müsste er dann gegen zwei gleichzeitig fechten, wenn man Biterolf und Zweter zusammenrechnet. Und dabei ist der Ofterdingen noch außer acht gelassen, der niemals sein wahres Gesicht zeigt und von dem man bis zum letzten Augenblick noch Überraschungen erwarten musste.

Tags darauf ging Walther zu Heinrich von Rispach und fragte ihn zuerst nachdrücklich, weshalb nur die anderen über das Programm unterrichtet worden seien. Rispach rechtfertigte sich, indem er Walther (anhand einer Liste) Punkt für Punkt davon überzeugte, daß er diese Informationen ihm bereits einen Tag früher gegeben hatte. Rispach war klug genug, um sich gegen solche Einwände abzusichern, es war schließlich nicht das erste Mal, daß er so eine Veranstaltung organisierte. Doch leider sollte auch er diesmal in arge Bedrängnis geraten.

Walther ließ sich vorerst beschwichtigen, dann fragte er ihn, ob er vielleicht beobachtet habe, daß Biterolf und Zweter "gewisse Vorbereitungen" treffen. Was er damit meine, fragte Rispach zurück. Ob sie zum Beispiel nach Leitern verlangt haben, die sie angeblich für ihren Auftritt benötigten. Rispach schüttelte den Kopf, aber nicht verneinend, sondern verwundert. "Dasselbe hat mich heute früh der Ofterdingen auch schon gefragt", sagte er. "Was hat es denn mit diesen Leitern bloß für eine Bedeutung?" "Nichts Besonderes", sagte Walther, verließ den Rispach und machte sich erneut daran, Ofterdingen zu beschatten, der scheinbar seelenruhig im Burggarten spazierenging.

Aber plötzlich überkam Walther so etwas wie ein Schwächeanfall und er hatte das Gefühl, er wäre nicht mehr Herr der Lage und würde ein Opfer der allgemeinen Verwirrung. Er begann am ganzen Körper zu schlottern, und als er Ofterdingen zurufen wollte, er sollte sich ja nicht so sicher fühlen, da versagte ihm beinahe die Stimme, und Ofterdingen schaute zu ihm hinüber und rief "Vogelweide, Ihr kräht wie ein alter Hahn, mit so einem kläglichen Gekrächze wollt Ihr mich herausfordern? Das muss ich fast als Beleidigung auffassen." Walther zog sich zurück, er wollte niemand mehr sehen. Er ging in die Badestube und ließ sich einen Zuber voll heißen Wassers mit wohltuenden Kräuteressenzen bereiten, darin lag er und entspannte sich, bis es ihm kühl wurde.

Der Sängerwettstreit war der Höhepunkt eines Festes, das fünf Tage dauerte und bei dem Landgraf Hermann dafür sorgte, daß es seinen Gästen, die aus nah und fern angereist waren, gefiel und sie es in angenehmer Erinnerung behielten. Einige waren auf der Burg untergebracht, andere logierten in der Stadt im Landgrafenhof, ein paar auch auf der Creuzburg, für deren Besatzung es eine besondere Ehre war, des Landgrafen Freunde zu beherbergen. Die Wachmannschaft holte dafür extra ihre Feiertagsmontur aus den Schränken und präsentierte sich als schmucke, wenn auch nicht mehr ganz so agile Truppe. Sogar Sauer und Pätzoldt, die beiden ältesten, schafften es, bei der täglichen Wachablösung ganze zehn Minuten ohne Zittern stramm zu stehen.

Von dort wurden einige nach der Wartburg abkommandiert, die den berühmten Steinmarkt beaufsichtigten, welcher unterhalb der Burg auf einem ebenen Plateau stattfand, das seinen Namen von dem riesigen Felsbrocken in der Mitte hatte, der aus dem eigentümlichen Porphyr bestand und dessen Oberfläche wie der versteinerte Panzer eines alten Drachen aussah.

Was für die Sänger die Darbietung ihrer Kunst vor den fürstlichen Herrschaften war, das war der Steinmarkt für die Händler und Handwerker aus ganz Thüringen und Franken, ja selbst aus Sachsen oder Bayern, die ihre Stände aufbauten und ihre Waren feilhielten. Dazwischen traten Gaukler und Spielleute auf, mit Wolfram und den anderen nicht zu vergleichen, aber trotzdem immer vor einem zahlreichen, staunenden Publikum; und in diesem Jahr war sogar eine Theatertruppe aus Venedig da, deren Schauspieler ganz wundervolle Masken aufhatten.

Wenn von den adligen Gästen jemand Lust hatte, über den Steinmarkt zu schlendern, dann machten die Wachleute vor ihnen den Weg frei, verscheuchten die Kinder, Hunde und Bettler, und wenn einem der Herren oder einer Dame etwas gefiel, das ein Händler offerierte, dann konnten sie es sich einfach nehmen und des Landgrafs Schatzmeister, der stets dabei war, bezahlte es und sagte "Landgraf Hermann lässt Sie wissen, daß es ihm ein Vergnügen ist, Ihnen diese Kleinigkeit als Geschenk zu überreichen."

Kein Wunder, daß der Steinmarkt bei den Händlern so beliebt war, konnten sie doch bei der Gelegenheit ihre Preise fast beliebig nach oben schrauben. Allerdings durften sie es nicht übertreiben, denn man erzählte sich, daß in der Vergangenheit einige Händler auf dem Nachhauseweg überfallen und ausgeraubt worden waren, und es waren jedesmal die besonders unverschämten gewesen. Bestimmt hätte ein Ulrich von Kranichfeld mehr darüber erzählen können, aber der schwieg, und während des Festes trat er so gut wie gar nicht in Erscheinung.

Ging man vom Steinmarkt um die Burg herum, erreichte man auf der andern Seite eine künstlich angelegte Steinterrasse, auf der für das leibliche Wohl der Gäste (und nur diese hatten hier Zutritt) gesorgt wurde. Da steckten Ochse und Schwein an Spießen und wurden gebraten; da kochte das Rindfleisch im Topf, und die Würste brutzelten in der Pfanne. Was nicht überm offenen Feuer oder auf eisernen Gestellen über der Glut zum Essen fertiggemacht wurde, das bereitete man in der Küche zu und trug es draußen auf. Wein und Bier flossen in Strömen, und die Knechte liefen unentwegt in den Keller, um ein leeres Fass wegzuschaffen und ein neues heraufzuholen. Wenn es dunkel wurde, beleuchteten Fackeln den Platz, und ein paar Musikanten spielten auf Leier und Fidel. An einer Seite der Terrasse, wo ein Holzzaun war, hinter dem man stehen konnte, drängten sich die Schaulustigen, einfache, auch arme Leute, die hergekommen waren, um sich am Treiben der Wohlgeborenen zu ergötzen und zu sehen, wie unbeschwert und verschwenderisch das Leben sein kann.

Endlich kam der Tag, an dem der Wettstreit der Sänger stattfinden sollte. Genau zur Mittagsstunde fingen die Bläser auf dem Turm an, mit Hörnern, Schalmeien und Posaunen weithin hörbar ihre Signale zu schmettern, und immer, wenn der Sand durch das Halbstundenglas, das wirklich von einem Schiff stammte, hindurchgerieselt war, wiederholten sie den Lärm, dreimal, und beim vierten Mal hatten sich alle Gäste im großen Rittersaal versammelt, wo vor dem Teppich an der Stirnseite Landgraf Hermann und Landgräfin Sophia auf ihren Thronsesseln saßen.

Dieser Teppich war allein schon eine Augenweide. Er war von sieben Meistern in sieben Jahren Arbeit geknüpft worden und er leuchtete in den prächtigsten Farben. Man konnte kaum auf einmal alle Motive erfassen, die auf ihm untergebracht waren. Da gab es Landschaften mit Bergen und Tälern, Himmel und Wolken, eine Burg mit wehenden Fahnen auf den Dächern, eine Stadt mit unzähligen Häusern, eine Kirche mit Türmen so hoch, daß sie die Vögel im Flug überragen. Es gab Flüsse mit Kähnen, Wiesen mit Apfelbäumen, Felder mit Bauern, welche die Ernte einbringen. Es gab Jagdszenen mit Jägern zu Pferde und Treibern zu Fuß, die den Hirsch hetzen, und Hunde, die sich über den Bären hermachen, dem schon der Pfeil tief im Fleische steckt. Es gab Ritter, die im Turnier ihre Kräfte messen, und Frauen, die ihnen zuwinken. Es gab den Hirten, der die Herde weidet, den Schmied, der den Hammer schwingt, das Mädchen, das am Spinnrad die Wolle zum Faden zieht, und dazwischen, daneben, darüber und darunter waren noch hundert andere Dinge zu sehen, als wäre die ganze Welt in diesen Teppich hineingewebt worden.

Rechtzeitig vor Beginn hatte ein Ausrufer damit angefangen, die Namen der hohen Gäste zu verkünden, und wer es in den zurückliegenden Tagen noch nicht mitbekommen hatte, der wusste spätestens jetzt, wer alles hier versammelt war. Dann gab der Landgraf ein Zeichen, und zuerst wurde ein Hymnus angestimmt auf Hermann und Sophia. "Heil! Heil! Thüringens Fürsten Heil! / Der holden Kunst Bewahrer, Heil!", hieß es, und die Turmbläser schmetterten im rechten Augenblick ihre Fanfaren.

Als sie verklungen waren, trat Heinrich von Rispach zwischen Landgrafenpaar und Publikum und hielt eine Versrede, in der er die jüngste Vergangenheit Revue passieren ließ und die wichtigsten Ereignisse im Land und im Reich in Erinnerung rief. Er sparte nicht mit manchem Seitenhieb auf den einen und anderen politischen Gegner Hermanns und der mit ihm verbündeten Fürsten, und überhaupt verstand es Rispach, auch die ernstesten und unerfreulichsten Dinge immer noch mit einer Prise Humor zu präsentieren, was die Stimmung unter den Gästen merklich anhob.

Nun wurden die Sänger vorgestellt: Walther von der Vogelweide im knallbunten Kostüm und mit herrlichen blonden lockigen Haaren (das Pflaster auf seiner Wange hatte er entfernt und des bösen Katers Kratzer mit einer Salbe überdeckt). Wolfram von Eschenbach, äußerlich der vollendete Kontrast, im dunkel schimmernden Pelzmantel, mit Hut mit breiter Krempe über dem schmalen Gesicht mit dunklen Augen, aus denen er einen feurigen Blick in die Runde schickte, der die Damen entzückte.

Biterolf und Zweter, farblich aufeinander abgestimmt und doch jeder mit eigenem Stil, wie Brüder, die es an voneinander weit entfernte Orte verschlagen hat. Sie sprühten fast noch mehr als Walther vor Lebensfreude, schienen aber dessen Ausstrahlung nacheifern zu wollen. Schließlich Heinrich von Ofterdingen, elegant, gewandt und mit einer Spur Überheblichkeit, der manche Frau nicht widerstehen konnte. Walther staunte selber über Heinrichs Ausdruck, der wirkte, als wäre er frisch verliebt.

Alle erhielten reichlich Applaus, aber sie waren noch nicht dran. Denn zuvor kam der Nachwuchs zu Wort oder besser gesagt zu Ton. Heinrich von Rispach war ein rühriger Organisator, der viele Wochen lang im Thüringer Land umherreiste, um junge Talente aufzuspüren und sie dann, sozusagen unter Hermanns Ägide herangewachsen, hier vorzustellen. Das war eine schöne Idee, und Rispach hatte stets Glück bei seiner Suche und Erfolg beim Auftritt seiner auserwählten Jungen und Mädchen. Meistens sangen sie mehrstimmig im Chor, und ein Kantor aus Arnstadt hatte diesmal mit ihnen einen sizilianischen Choral einstudiert, der beinahe einen orientalischen Klang hatte und großen Eindruck auf die Zuhörer machte. Rispach prophezeite, daß man sicher den einen oder anderen Knaben später hier als Minnesänger wiedersehen werde, was die Mädchen, die sich genauso viel Mühe gegeben hatten, ungerecht fanden, aber sie lächelten trotzdem niedlich.

Dann wurde der Landgräfin der bunt bemalte Fayencekrug gereicht, damit sie das Los mit dem Namen des Sängers zieht, der mit seinem Lied beginnt. Fast lautlos hatte sich inzwischen in den Reihen des Publikums eine Veränderung vollzogen, denn nun standen und saßen (welche einen der wenigen Stühle ergattert hatten) eben jene Damen ganz vorn, die nach den heimlichen Regeln, welche hier galten, zu den Favoritinnen der Sänger und damit vor allem der Freier, die sich nach dem Lob der Sänger richten würden, zählten.

Während die Männer sich auf der linken Seite etwas abseits gruppiert hatten, als hätten sie sich zufällig dort zusammengefunden, waren die Damen aus allen Richtungen zu sehen, und die Gräfin von Zweibrücken behauptete sich in vorderster Front gegen Frau von Sternheim oder gegen Eleonore von Hollerbusch und ein Dutzend andere Edelfrauen, die sich mehr oder weniger Chancen ausrechneten.

Wieder trat Walther als erster auf. Er begleitete seinen Gesang mit der Harfe. Sein Lied handelte von einem Traum, den er gehabt hatte, in dem ihn ein grässliches feuerspeiendes Ungeheuer überwältigt und in eine finstere Höhle entführt hat, und Walthers Stimme und die beklemmenden Akkorde, die er dazu zupfte, als würden ihn gleich die Kräfte verlassen, verunsicherten die Gäste; einen solchen Anfang hatte keiner erwartet. Auch war keineswegs sicher zu entscheiden, ob Walther seinen bedrohlichen Zustand wirklich nur spielte, oder ob womöglich gerade zu diesem Zeitpunkt seiner Sängerlaufbahn ein schrecklicher Fluch, der längst auf ihm lastete, sich erfüllen und ihn seines fröhlichen Lebens berauben würde. Einige dachten schon darüber nach, was Landgraf Hermann mit dem Wintermantel macht, den er bestimmt für alle Fälle besorgt hat, wenn Walther ihn nun nicht als Preis gewänne. Nach acht qualvollen Strophen, in denen das Ungeheuer ihm die schier unvorstellbarsten Torturen angetan hatte, sank Walther verstummend auf die Knie und sein Kopf neigte sich zu Boden.

In die bedrückende Stille hinein hörte man Eleonore von Hollerbusch schluchzen und für einen Moment zog sie alle Blicke der Freier auf sich. Sollte das dramaturgisch geplant gewesen sein, dann war es grandios. Wie von Engeln wiedererweckt, die ihm gut zureden, hob Walther das Haupt, schaute auf und in Richtung Eleonore, und seine Augen zeigten wieder Leben, seine Finger zuckten, seine Stimme kehrte zurück und mit einem kraftvollen Schrei, der alle zusammenfahren ließ, bäumte er sich gegen das Ungeheuer auf; mit vier, fünf kühnen Streichen, als wäre die Harfe eine tödliche Waffe, zehnmal gefährlicher als Excalibur, machte er ihm den Garaus, und die Zuhörer, die zurückgewichen waren, drängten sich wieder vor und bejubelten seinen Sieg. Über das Monstrum wohlgemerkt, denn seine Inszenierung war damit auf dem Höhepunkt, aber noch nicht zu Ende. Was folgte, war der süßeste Dank, der wohl je einer unsichtbaren Retterin gesungen wurde, und es war unerklärlich, wie Walther selber seine heldenhafte Fassung bewahren konnte, da rings um ihn die Tränenwogen der Rührung hochschlugen.

Nur bei Ofterdingen waren es Lachtränen, und er dachte bei sich selbst, wieviel Walther wohl dafür vom Hollerbuscher Herzog bekommen hat. Immerhin, schlau war er, das musste man zugeben, hätte er umgekehrt Eleonore aus den Klauen des Ungeheuers befreien wollen, wer weiß, wie viele von den Edelfrauen ihm dann ihre Unterstützung versagt und sie lieber sterben gesehen hätten. So aber war durch seine Errettung auch die Herzogstochter gefeiert, und dennoch konnte niemand dem Sänger nachsagen, er sei voreingenommen, gar bestochen gewesen. Tja, von Walther von der Vogelweide konnte man sich immer noch was abgucken, auch wenn damit nicht eben sein Kostüm gemeint war.

Um die Emotionen wieder abzukühlen, entschloss sich Heinrich von Rispach, die Knaben und Mädchen einen weiteren Choral, diesmal eines norddeutschen Meisters, singen zu lassen. Und als die Kinder aus glockenhellen Kehlen trällerten, da ging Eleonore von Hollerbusch über die freie Fläche hinweg auf sie zu, und man musste eingestehen, daß sie sich viel Mühe gab, einen Hauch von Grazie zu verbreiten. Die Kinder beobachteten sie zwar, ließen sich aber nicht aus dem Takt bringen, und Eleonore bückte sich andeutungsweise und legte eine Gabe vor ihnen ab, und jeder, der bereits früher einmal an Hermanns Fest teilgenommen hatte, wusste, daß dies ein Donativ für das landgräfliche Kloster war. Wer bis dahin gemeint hatte, Eleonore könnte nur durch fremde Kunst und Gunst beeindrucken, der war mit ihrem gleichermaßen bescheidenen wie reizenden Auftritt nun eines Besseren belehrt worden.

Das nächste Los traf Biterolf und Zweter, und damit fing der Schlamassel an. Als Heinrich von Rispach die beiden aufrief, bekam er keine Antwort; alles schaute um sich, aber niemand konnte sie sehen. Da stürzte Biterolf herein und bat die Menge, sich noch ein wenig zu gedulden. Die Kinder fragten, ob sie noch eins singen sollten, aber Rispach winkte ab; was denn los wäre, fragte er Biterolf. Er würde den anderen bis jetzt vergeblich suchen, gab der zurück. Da fragte ihn Ofterdingen, ob er in Zweters Zimmer nachgesehen habe, und Biterolf schien von der Frage ganz überrascht, an das Naheliegendste hatte er nicht gedacht? Und wirklich war Zweter eingeschlossen gewesen und hatte natürlich lautstark von innen gegen die Tür getrommelt, worauf aber offenbar auch niemand aufmerksam geworden war.

Daß er mit Absicht eingesperrt wurde, daran bestand kein Zweifel, und Rispach, der freilich längst die Zwietracht unter den Sängern bemerkt hatte, schaute von einem zum anderen, ob ihre Mienen sie vielleicht verrieten. Walther hatte sich von seiner Darbietung wieder völlig erholt, er konnte es nicht gewesen sein. Auch Ofterdingen war die ganze Zeit hier. Nur Wolfram, das fiel dem Rispach jetzt auf, war vorhin für eine Weile verschwunden; und Biterolf selber auch, aber der war von jedem Verdacht frei, oder? Zweter war inzwischen da und wurde mit Beifall wieder aufgenommen, wobei man die Frau von Sternheim sogar mit einigen Hurra-Rufen heraushörte.

Auch die anderen Sänger machten Biterolf und Zweter nach dieser kleinen Verzögerung Mut, wenn auch mehr aus Höflichkeit, denn aus wahrem Vergnügen. Nur Wolfram schien so hoffnungsvoll, als wären die beiden seine Söhne. Und als Walther und Ofterdingen beinahe erstarrten, weil Biterolf einige Bedienstete anwies, die zwei Leitern aufzustellen, die hinter dem Vorhang bereitstanden, da war es wiederum Wolfram, der in das "Ah" und "Oh" des Publikums miteinstimmte.

Sollte er den anderen ihren Triumph etwa gönnen? Das war von einem Wolfram nicht zu erwarten. So gab es nur zwei mögliche Gründe für seine scheinbare Begeisterung: entweder er war sich Biterolfs und Zweters Misserfolg, der unweigerlich eintreten werde, so sicher; oder (das raunte Walther jetzt dem Ofterdingen zu) Wolfram machte mit den beiden gemeinsame Sache und sie teilten sich hernach wahrscheinlich die Siegesprämien und Präsente. "Der und teilen?", flüsterte Ofterdingen höhnisch, "Der hätte selbst Jesus beim Abendmahl das ganze Brot aus der Hand gerissen."

Wieder trat gespannte Ruhe ein, Biterolf und Zweter hatten sich zu beiden Seiten der Leiterpyramide postiert und stellten sich mit einem munteren Liedchen selbst vor, das bereits bei den Einzelstrophen als Wechselgesang gestaltet war, während sie beim Kehrreim immer wieder zusammenfanden. Die Melodie war ziemlich eingängig. Dann stiegen sie eine Sprosse nach der anderen immer weiter hinauf, so wie es Walther von der Vogelweide beschrieben hatte, und er musste sich doch sehr wundern, welchen kolossalen Eindruck diese alberne Kletterei auf die Zuschauer machte; es war kaum zu glauben, daß dieselben Leute, welche vorhin bei seiner eigenen, wirklich dramatischen Szene so ergriffen waren, sich jetzt an solchen Plattheiten amüsierten.

Auch der Text ihres Liedes war fürchterlich gekünstelt und an den Haaren herbeigezogen, es ging um das "Heim", das man verlassen musste, weil ein Blick an den "Stern"himmel einen in die Ferne zog, wo man die edle Dame, die einem auf so überwältigende Weise am Firmament erschienen war, zu finden hoffte. "Meinen die den Großen Bären?", fragte Ofterdingen sarkastisch, aber seine Bemerkung ging unter, weil die beiden Sänger etwas taten, wovon Walther auch schon gehört hatte und was ihn eine der größten Banausien der Sangeskunst dünkte: sie animierten die Gäste, den Refrain ihres Liedes mitzusingen. "So kehre ich in Sternheim ein / Nur hier kann meine Dame sein" - was zu dem ursprünglichen Motiv, das die Sänger erst von dem Ort weg getrieben hatte, überdies im Widerspruch stand. Oder vielleicht auch nicht, wer konnte das bei dem Kuddelmuddel sagen.

Die Fröhlichkeit nahm kein Ende, sogar der Landgraf hatte sich erhoben und winkte den beiden zu, die es geschickt verstanden, sich im Wettklettern immer noch um einen Fußbreit zu übertreffen. Auch streckten sie die Arme aus und reckten die Hände nach oben, wie wenn sie nach den Sternen greifen, und Biterolf war dem andern gerade ein Stück voraus, als Zweter sich anschickte, mutig die letzte Sprosse zu erklimmen. Er setzte seinen Fuß darauf, hielt den andern frei in der Luft, war so verwegen, beide Hände zu erheben, als würde Goldregen auf ihn herabfallen - da krachte die Sprosse durch und er purzelte die Leiter hinab und blieb unten reglos liegen. Die Gäste schrien auf, hielten sich die Hände vor die offenen Münder, und Biterolf, der seinen abgestürzten Mitstreiter keines Blickes würdigte, wollte zum Finale ansetzen, als die Gräfin von Zweibrücken mit hysterischer Stimme rief "So helft ihm doch! Tut endlich was!"

Einige beherzte Männer sprangen hinzu und griffen Zweter unter die Arme, während Biterolf oben seine Frisur und Kleidung ordnete, seine Haltung straffte und mehrmals versuchte, wenigstens einen Teil der Gesellschaft für den krönenden Abschluss zu gewinnen. Zweter war aus seiner kurzen Ohnmacht auferstanden, hatte sich offenbar auch weiter keinen Schaden zugefügt, machte sich aus den helfenden Armen frei und schrie mit heftiger Kopfbewegung zu Biterolf und zum Publikum "Halt! Ich gebiete Einhalt! Sofortige Unterbrechung! Nichts ist entschieden." Er rannte zum Landgrafenpaar hin, warf sich auf die Knie und rief, den Kopf wieder zu den Gästen gewandt: "Ich fordere eine Wiederholung!"

Biterolf verfolgte alles von seiner erhöhten Warte aus. Jemand rief "Genugtuung für Zweter!", und Hermann, der über den Zwischenruf in seiner Halle gar nicht erfreut war, winkte den Rispach heran und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Daraufhin sagte dieser zu Biterolf "Komme er sofort herunter." Der gehorchte, und Zweter wollte sich auf ihn stürzen, aber die Männer, die bei ihm standen, hielten ihn zurück. Dann verkündete Rispach: "Unser gerechter Landgraf Hermann befiehlt, daß der eben auf unvorhergesehene Weise abgebrochene Sangesvortrag von Anfang an wiederholt wird."

Zweter verlangte selbstverständlich eine neue Leiter. "Woher soll ich die so schnell nehmen?", entgegnete Rispach, und man sah, wie sich Biterolfs Gesicht erheiterte. "Es wird doch auf dieser Burg eine Leiter aufzutreiben sein", rief Zweter. "Keine, die auch so lang ist", wandte Rispach ein, und Biterolf ließ einen Lacher los. "Dann nehme ich seine", sagte Zweter und zeigte auf seinen Partner. "Mit welchem Recht?", fuhr Biterolf ihn an. "Ja, mit welchem Recht?", meldete sich plötzlich Wolfram dazwischen.

Rispach befürchtete, die Kontrolle zu verlieren, und auch die Gäste zeigten bereits ihren Unmut über die Stockung im Programm. Da sagte Rispach kurzerhand "Es wird entschieden, den nächsten Vortrag vorzuziehen und alles andere in der Zwischenzeit zu klären." Alle fügten sich seiner Weisung, und die meisten waren damit auch zufrieden. Man schaffte die Leitern fort, und die Landgräfin zog von den beiden verbliebenen Losen dasjenige, das des Ofterdingers Namen trug.

Alle, die sich später über diesen unvergesslichen Wettstreit äußerten, stimmten, bei durchaus unterschiedlicher Meinung darüber, was ihnen am besten oder was ihnen überhaupt nicht gefallen habe, darin überein, daß sich mit Heinrich von Ofterdingens Auftritt eine Wendung im ganzen Geschehen vollzog, und keiner der Befragten konnte eigentlich sagen, worin ihre Ursache lag.

Ofterdingens Gesang war so gänzlich anders und sein Ausdruck so persönlich, daß man zuerst gar nicht genau sagen konnte, wovon er handelte. Aber es musste Liebe sein, die ihn innerlich bewegte. Das Wort ist hier mit Bedacht ohne Artikel geschrieben, denn sein Lied umkreiste, umschwebte gleichsam unbestimmt, ohne Festlegung, ohne bindende Ordnung dies Thema; das Thema, welches auch seine Vorgänger besungen hatten. Aber bei ihnen wusste man, woran man war. Ofterdingen konnte man schwerlich folgen, und vielleicht lag das auch in seiner Absicht: zu verhindern, daß jemand außer ihm allein seiner wonniglichen Gefühle teilhaftig wird.

Dann nahmen seine Verse, oder genauer gesagt, die poetischen Bilder, die er in seinen Versen malte, nach und nach Konturen an, bekamen Form und Farbe und es tauchte der ein oder andere Vergleich auf, mit Blumen auf einer Frühlingswiese, mit lieblichem Gezwitscher der Vögelchen, mit dem klaren Quell, der dem Fels entspringt, mit dem Haar, auf dem sich Sonnenglanz ausbreitet. Das Haar der Geliebten war damit natürlich gemeint, und Ofterdingens Metaphern wurden zusehends deutlicher und es blieb keinem verborgen, daß er mit ihnen etwas beschrieb, das dem Körper eines Mädchens glich, und zwar dem Körper, wie Gott und die Natur ihn geschaffen hatte, bevor er den Schneider geschaffen hat, der seinerseits die Kleider schuf, mit denen man den Körper verhüllen kann.

Da sah man Haut hell wie Alabaster, Lippen rot wie Himbeeren, Augen blau wie die Kornblumen am Feldrain. Da war ein Hals glatt wie bei einer phrygischen Silberkanne, Hände schlank wie die Flügel des Sperbers, Brüste fest wie Freyas Äpfel - an dieser Stelle wurde das Gemurmel, das im Publikum bereits zu hören gewesen war, stärker und es verlauteten einige grobe Wörter, während etliche der Damen Stoßseufzer gen Himmel schickten, als riefen sie um Hilfe. Aber Ofterdingen war wie von Sinnen und mit jeder Strophe wanderten seine liebestrunkenen Blicke weiter abwärts an der jungfräulichen Gestalt.

Walther, der vielleicht als einziger seine Poesie zu schätzen wusste, fiel auf, daß die Beschreibungen ziemlich gut auf eine Person passten, der Ofterdingen ganz zufällig begegnet war und mit der er, das hatte Walther beobachtet, zweimal ein Stelldichein, eins im Burggarten und eins um halb zwei Uhr nachts in der Küche, gehabt hatte - nämlich die junge Schneiderin aus der Nähstube, die ihm offensichtlich den Kopf verdreht hatte.

Ofterdingen war beim Bauchnabel angelangt, der für ihn wie die Knospe an der Weinranke war, und er schickte sich, unter wütenden Protesten des echauffierten Publikums an, in die allerheiligsten Regionen vorzudringen, als Wolfram von Eschenbach vortrat und mit seinem donnernden Bariton in des Ofterdingers Gesang einfiel. Ofterdingen war anscheinend von der eigenen Erregung so mitgenommen, daß er sich kaum gegen den Übertöner zur Wehr setzte, sondern ihn beinahe wie einen gestrengen Vater betrachtete, der ihm Anstand und Moral lehren will.

Wolframs Verse hatten, so meinte zumindest Walther, bei weitem nicht die Qualität jener des Ofterdingers, sie waren teilweise wie Sentenzen aus dem Sittenkodex in Reimform, damit man sie sich besser einprägen und natürlich auch befolgen kann. Aber die Gäste, vornehmlich die edlen Frauen, nahmen sein Hohelied auf die Keuschheit und Tugend mit Erleichterung auf.

Wolfram hatte auch unbestritten die beste Stimme von allen, und es schien, als käme sie aus seiner Brust empor wie aus dem hallenden, schallenden Innern der Erde. Vielleicht bewies er auch einen freundschaftlichen Zug, denn obgleich es ihm leichtgefallen wäre, Ofterdingen zum Schweigen zu bringen, ließ er ihm die Gelegenheit zur Erwiderung, selbst auf die Gefahr hin, sie würde zur Verteidigung. Und Ofterdingen stellte sich gegen alle, er verspielte auch seine letzte Chance, mit einem Rest von Anerkennung hier herauszukommen, er lachte über Wolfram, er lachte ihn aus, und er setzte zu einer weiteren Strophe an, in der von einer Spalte die Rede war, welche den Eingang bildete zu einer Höhle, die ... mehr konnte man nicht verstehen, denn sein Gesang ging im Geschrei der Gäste verloren.

Heinrich von Rispach kam mit einer Garde Bewaffneter herbeigeeilt, und es gelang ihm nur mit großer Anstrengung, die Ruhe wiederherzustellen. Aber einige forderten unverholen Ofterdingens Kopf, vor allem wegen der barbarischen Beleidigung aller Frauen hier im Saal und im Grunde auch anderswo, die ihm niemals verziehen werden könne. Ofterdingen und Wolfram standen sich nach wie vor gegenüber, halb in sich gesunken der eine, aufrecht, aber etwas unschlüssig der andere. Landgraf Hermann und seine Gemahlin Sophia hatten bei dem Tumult ihre Plätze verlassen und kehrten nun, nachdem Rispach die Lage wieder unter Kontrolle hatte, auf ihre Thronsessel zurück. Walther konnte nicht anders, als sich Ofterdingen zu nähern und ihm die Hand tröstend auf die Schulter zu legen, und von beiden Seiten kamen sogar Biterolf und Zweter (ohne Leitern) hinzu und blickten schweigend zu dem Verdammten hin.

Da wandte plötzlich Wolfram den Kopf zur Tür, und auch der Landgraf merkte auf und schaute in die Richtung. Die Menge teilte sich, und vom Gemurmel und Geflüster begleitet, kam die junge Schneiderin gelaufen, die im Hintergrunde offenbar das ganze Geschehen beobachtet hatte. Sie war barfuß, im wollenen Rock und mit weißer Bluse, die Haare halbbedeckt mit einem roten Tuch. Sie hatte ein rundliches, hübsches Gesicht mit zwei rosafarbenen Wangen, und obwohl sie verständlicherweise etwas aufgeregt war, wirkte sie doch zugleich selbstbewusst, als hätte man sie gerufen, damit sie hier Ordnung schaffe. Sie ging auf Ofterdingen zu, der sie schwach anlächelte, und sie kniete vor ihm nieder und küsste seine rechte Hand, ihr Mund hielt daran fest; oh, wie lange dauerte dieser Kuss? Die, welche eben noch lauthals den Kopf des Sängers gefordert hatten, waren verstummt.

Dann erhob sie sich und ging weiter bis zum Landgrafenpaar. Alle, die Gäste, Rispach mit seinen Rittern, die Sänger, Ofterdingen selbst, alle blickten dorthin, und die junge Schneiderin sprach: "Hochwohlgeborener Fürst, gepriesener Landgraf! Edle Herrin, sanftmütige Frau! Ich bitte um Gnade für diesen bedauernswerten Mann, dessen Geist und Gemüt von einem besinnungslosen Wirbel mitgerissen wurden und dessen beschämende Rede Euch Ungemach bereitet und Eure Gäste verhöhnt hat.

Ich weiß, daß Eure Güte und Weisheit zu groß sind, als daß sie dadurch Schaden nehmen könnten und nicht mehr imstande wären, seinen Frevel mit Nachsicht unschädlich zu machen, seine Schuld mit Vergebung zu tilgen und den ruchlosen Sünder mit Euerm unendlichen Großmut auf den rechten Weg zurückzuführen. Er hat Bestrafung verdient, aber ich flehe Euch an, sein Leben zu schonen. Lasst nicht zu, daß aus diesem Fest das Leben flieht und der Tod Einzug hält. Lasst die herrliche Kunst dieses Wettstreits siegen über alle Niedrigkeit und allen Hass und auch über die Verfehlungen aus Lust, über die zu richten keiner von uns Menschen von Gottes Gnaden berufen ist."

Hermann schwieg und war offensichtlich von ihren kühnen Worten berührt, aber auch ein wenig verwirrt; was erwartete dieses Mädchen von ihm? Was erwartete seine Gemahlin, die Herren Sänger, was erwartete das Publikum von ihm? Er war Richter über die Kunst, sollte er nun auch Richter über die Moral sein? So fragte er denn die junge Schneiderin "Was schlägst du vor, daß wir tun sollen, um dieses Fest doch noch zu einem guten Ende zu bringen?" "Ob es schon das Ende bedeutet, was ich Euch vorschlage und ob es gut ist, vermag ich nicht zu sagen." Man konnte sehen, daß ihre Anspannung nachließ, jetzt, da der Landgraf ihre Rede und ihre Bitte mit gnädiger Miene aufgenommen hatte, und sie nicht befürchten musste, sofort aus dem Saal wieder hinausgeworfen zu werden. Aber sie strahlte weiter jene Natürlichkeit und Bescheidenheit aus, mit denen sie sich gerade eben Gehör verschafft hatte.

Auch meinte sie, nicht mehr in so beschwörendem Ton sprechen zu müssen, da der arme Heinrich (der sich übrigens wirklich in sie verliebt hatte) vorerst dem Henker entrissen ward. Sie holte, weil sich nach der emotionalen Anstrengung ein Druck auf ihre Augen und Nase gelegt hatte, aus ihrer Rocktasche ein Tuch hervor und schneuzte sich erstmal. "Verzeihung", sagte sie, steckte das Tuch wieder ein und fuhr fort: "ich glaube, wir könnten hier im Saal eine ganze Menge von der gereizten Stimmung loswerden, wenn die Herren Sänger aufhören, von der Liebe zu singen."

Einige Gäste murrten, manche schüttelten den Kopf; Wolfram erinnerte mit Nachdruck daran, daß der Wettstreit noch keineswegs entschieden sei, und daß man ihn unmöglich, wollte man nicht auf Jahre zum Gespött im Reich werden, so abrupt abbrechen könne. "Ganz Ihrer Meinung, werter Herr Wolfram", sagte die Schneiderin, "aber ich bitte zu bedenken, daß wir, um unter euch einen Sieger zu küren, jemanden brauchen, der eure Kunst ohne jedes Vorurteil bewerten kann." Zweter rief "Wer anders als unser glorreicher Fürst, Landgraf Hermann, könnte dies tun?" Und viele stimmten ihm zu.

Hermann hielt sich noch zurück, und die junge Schneiderin sagte halb zu ihm und halb an das Publikum gewandt und sehr freundlich: "Zweifellos ist der Landgraf unter uns derjenige, dessen Urteil allein höchste Geltung hat. Wer von uns jedoch möchte ihm die Last auferlegen, von den Sängern einen auszuloben, wo er gerade eben durch seine Barmherzigkeit und Gnade den Geringsten unter ihnen (damit meinte sie natürlich Ofterdingen) vor der Ächtung bewahrt hat? Es wäre eine Aufgabe, die niemand von uns übernehmen würde, ohne seine eigene Urteilskraft und seinen Gerechtigkeitssinn zu verleugnen. Um wieviel weniger dürfen wir dies also auf den edlen Fürsten abwälzen. Es kann nur jemand von draußen der Richter sein."

"Wie stellst du dir das vor, Mädchen?", sagte Rispach, "Wir können nicht einfach jemanden vom Markt wegholen und ihn schiedsrichten lassen; ich glaube kaum, daß die Herren Sänger sich das gefallen lassen, sie sind schließlich nicht irgendwelche Gaukler, und selbst ein Heinrich von Ofterdingen hat, wenn auch nicht heute, seine Meisterschaft schon oft unter Beweis gestellt. Der gute Ruf nicht nur der Sänger, sondern unseres Fürstenhofs steht auf dem Spiel. Wir haben lange gebraucht, um ihn zu erringen."

Für einen Moment schien die Lage vollkommen ausweglos. Da hatte Walther von der Vogelweide eine Idee. Er zog unter seiner Jacke ein Manuskript hervor, hielt es dem Landgrafen hin und sprach "Dies hier ist etwas, das allem gerecht werden könnte, was wir gerade verlangen." "Was ist das?", fragte Hermann und schöpfte Hoffnung, daß die Sache doch endlich geklärt werde. "Es ist ein Rätsel."

"Ein Rätsel?", ging es durch die Menge. Walther sagte "Ein Rätsel ist kein Lied über die Liebe, so wie es das kluge Mädchen hier verlangt hat. Wenn Ihr es, edler Fürst, uns Sängern zum Lösen stellt, so wird sich einer finden, der es errät. Oder auch keiner." "Oder zwei", warf Rispach ein. "Und wenn", entgegnete Wolfram, "dann gibt es zwei, die sich den Sieg teilen, die Idee ist nicht übel." "Die Idee ist nicht übel", wiederholte Hermann. Biterolf sagte "Aber was ist, wenn Ihr, Walther, die Lösung kennt, da Ihr dies Rätsel selber mitgebracht habt?"

Walther legte seine rechte Hand aufs Herz. "Bei meiner Sängerehre, ich schwöre, daß dieses Rätsel nicht von mir stammt." "Das ist der rechte Schwur", sagte Ofterdingen und meldete sich erstmals wieder zu Wort, "nur wenn Walther der Verfasser wäre, kennte er die richtige Lösung. Anderenfalls aber wäre seine Lösung gleich viel wert wie jede andere, und jede von uns so viel wie seine."

Biterolf war nicht restlos überzeugt. Die junge Schneiderin meinte "Der, welcher uns allen die richtige Lösung verkünden kann, der wird auch die wahre Herkunft des Rätsels kennen, und ist unter den Beteiligten ein Betrüger, wird er erkannt werden." "Ist das so?", fragte Biterolf. "Davon habe ich auch gehört", sagte der Landgraf schnell. Zweter sagte "Wir könnten Walther ausschließen, dann wären wir sicher, daß er uns nicht übervorteilt."

Walther erhob Einspruch und erinnerte an den eben geleisteten Schwur; auch Wolfram wandte sich dagegen, und der Landgraf sagte "Kommt nicht in Frage, entweder alle oder keiner. Ich beschließe, das Rätsel soll gestellt werden. Jeder Sänger erhält eine gleichlautende Abschrift und kann bis morgen Mittag auf einem Zettel, auf dem auch sein Name steht, die Lösung in diesen Krug legen. Außerdem verlängere ich das Fest um zwei Tage und weise Euch, Heinrich von Rispach an, für diese Zeit alles Nötige zum Wohl unserer Gäste zu besorgen." Das Publikum brach in Jubel aus und ließ den Landgrafen hochleben.

Die Landgräfin Sophia konnte nicht mehr länger sitzen, sie erhob sich lächelnd, nahm das übriggebliebene Los aus dem Fayencekrug, hielt ihn hoch und sagte "Der Krug steht für euch bereit, meine lieben Sänger." Dann besann sie sich und fragte ihren Gemahl "Wer soll denn nun derjenige sein, welcher die richtige Lösung kennt?" Sofort war es noch einmal still im Saal. Da kam Heinrich von Rispach, der schon zur Tür hinaus wollte, zurück, stellte sich in die Mitte und sagte: "Es gibt einen, der jedes Rätsel kennt und lösen kann." "Wer ist es?", riefen alle wie aus einem Munde. "Das ist der Zauberer Klingsor in Ungarnland." "Meint Ihr, er würde her kommen?", fragte Biterolf. "Schon möglich, aber einer von Euch müsste zu ihm reisen und ihn darum bitten."

"Ich werde das tun", sagte Ofterdingen. Die anderen zögerten, ihm ihr Placet zu geben, aber Hermann sprach: "Wir werden Euch schicken, Ofterdingen. Aber ich sage Euch, solltet Ihr diesen Auftrag nicht erfüllen oder nicht wiederkehren in der Frist, die ich Euch setze, dann wird die härteste Strafe über Euch verhängt werden und ich sorge dafür, daß Ihr niemals wieder an einem deutschen Fürstenhof Einlass erhaltet, sondern für vogelfrei erklärt werdet, auf daß Euch jedermann töten und den Raben und Füchsen zum Fraß vorwerfen kann, wenn es ihm einfällt."

Ofterdingen fiel vor ihm auf die Knie und sagte "Ich habe Eure Warnung verstanden, edler Landgraf, ich gebe Euch mein Wort und schwöre bei Maria und Christus, daß ich zu Meister Klingsor reisen und mit seinem Bescheid hierher zurückkehren werde, so wahr ich Heinrich von Ofterdingen, ein Knecht Gottes bin." Der Landgraf nickte gnädig, aber Ofterdingen, als gäbe er sich damit selbst noch nicht zufrieden, fügte hinzu: "Und wenn ich des Rätsels Lösung nicht aus eigener Kraft errate, so lege ich mein Haupt und mein Leben in Eure Hände, auf daß Ihr darüber verfügen möget, wie es Euch beliebt." Der Landgraf nickte nochmals, die Gäste spendeten ihm Beifall und die anderen Sänger reichten ihm die Hand.

Das Rätsel war in Versform verfasst und lautete so:
 
.........................................Ich komme mir selber entgegen,
.........................................Ich schreite voran und zurück.
.........................................Was mir begegnet auf meinen Wegen,
.........................................Verschlinge ich Stück für Stück.

.........................................Ich bin das Grab der größten Taten,
.........................................Die unzählige Menschen vollbracht.
.........................................In mir ist der Boden mit Saaten
.........................................Der kühnsten Ideen, die je gedacht.

.........................................Ich bewahre Zeiten und Räume.
.........................................Und habe doch selbst keinen Ort.
.........................................Ich belebe Sagen und Träume;
.........................................Was mir heute noch fehlt -
.......................................................................trage ich morgen mit fort.


 
* * * * * * * *
Im Land der Magyaren
 

Der Kreisel aus Buchsbaumholz sah aus wie eine große Kirsche mit einem etwas zu dick geratenen kurzen Stiel. Der Meister nahm ihn wieder zwischen Daumen und Zeigefinger und ließ ihn losschnellen. Er drehte sich auf der großen glatten Schiefertafel, und man konnte sehen, wie sein Umfang scheinbar immer weiter wurde und sich seine Drehachse neigte, bis er plötzlich einen kleinen, kaum merklichen Hüpfer machte und sich auf dem Stiel, der eben noch nach oben zeigte, weiterdrehte, bis er sich schließlich verlangsamte, umfiel, einmal hin, einmal her rollte, wie ein unruhig schlafendes Kind im Bett, und dann liegen blieb. Der Meister wiederholte es noch einmal und noch einmal, und er glaubte zu erkennen, daß die Drehachse, entgegen dem ersten Eindruck, aufrecht blieb, aber sie wanderte zugleich durch den Kreisel hindurch, oder genauer gesagt, der Kreisel wanderte selbst im ganzen durch die Drehachse, und zwar einen Halbkreis weit, so daß die Stelle, die anfangs die Schiefertafel berührte, am Ende oben, und das Stielende unten waren.

Das bedeutete aber, daß sich der Kreisel in zweifacher Bewegung um sich selbst drehen musste, einmal horizontal und einmal vertikal. Der Meister nahm eine Nadel und pikste ein winziges Loch in das Holz, dann gab er dem Kreisel wieder neuen Schwung. Und er stellte sich vor, welchen Weg der Punkt, den das Loch markiert, nimmt. Er saust unzählige Male auf der Kreisbahn um die Drehachse und zugleich wandert er sozusagen schräg auf der Oberfläche des Kreiselkörpers hinweg, bis er, wenn man sich diesen Körper als eine Kugel denkt, genau an dem gegenüberliegenden Punkt ankommt, dem Punkt, der sich ergibt, wenn man eine gerade Linie vom Anfangs- durch den Mittel- zum Endpunkt zieht. Und was für diesen Punkt auf der Oberfläche gilt, das müsste für jeden Punkt des Kreisels gelten, also auch für jeden "inneren" Punkt, den man sich wiederum als das winzigste Holzteilchen vorstellen kann, aus dem der Kreisel besteht, ein hölzernes Staubkörnchen gewissermaßen, das wie alle anderen Körnchen, die mit ihm in diesem Kreisel vereint sind, gezwungen ist, seine zweifache Wanderung auszuführen, wenn jemand das ganze Ding auf der Schiefertafel dreht.

Wobei die Bahn jedes Körnchens zwar das gleiche Aussehen hat, aber die einzelnen Bahnen verschieden lang sind, denn es ist klar, daß die äußersten Körnchen einen längeren Weg haben, als die, welche dicht am Mittelpunkt des Kreiselkörpers liegen. Und es müsste sogar ein Körnchen geben, nämlich jenes, das sich genau in der Mitte, in der mittigsten Mitte, befindet, das sich nur um sich selbst dreht. Aber wie wäre das möglich, ohne daß dieses Mittelkörnchen eine Oberfläche und einen Mittelpunkt hätte und somit eigentlich dasselbe darstellte wie der ganze Kreisel? Und es demnach selbst wiederum seinen Bewegungen unterworfen ist? Würde das nach innen niemals ein Ende nehmen? Das einzige Ende der ganzen Geschichte wäre ein vollkommen ruhendes Körnchen, das sich überhaupt nicht dreht. Für einen Augenblick versuchte der Meister, sich dieses absolut ruhende Körnchen vorzustellen, aber er wurde aus seiner Phantasie herausgerissen, als jemand die Tür zu seinem Laboratorium aufmachte, hereintrat, mit einem Blatt wedelte und sagte "Meister Klingsor, Königin Gertrud fragt, was sie mit diesem Horrorskop anfangen soll."

Der Meister fasste einen Holzschemel am Bein und schleuderte ihn gegen den frechen Störer, der konnte schnell in Deckung gehen und der Schemel landete draußen an der Wand ohne kaputt zu gehen; er hätte ihm den Schädel eingeschlagen. "Vielen Dank, Meister, für Eure freundliche Antwort", sagte der junge Mann, "ich habe eigentlich Wichtigeres zu tun, als für Euch und die Königin den Boten zu spielen." "Warum tust du's dann, Lajos?", brummte Klingsor. "Weil ich unserer Herrin nun mal nichts abschlagen kann, so bin ich." "Selber schuld. Hast du dich auch schon um den Wein gekümmert?"

"Wollt Ihr Euch ernsthaft mit mir anlegen? Ich schufte seit Wochen im Hinteren Berg, in fünfundsechzig Raden hab' ich fast allein die Rühre erledigt und jetzt bin ich bei der Hälfte mit Anheften fertig. Und Ihr sprecht so, als wenn ich gerade aus dem Bett aufgestanden wäre." "Und was ist das?" Klingsor war auf Lajos zugegangen, hatte mit der Hand über sein Haar gestrichen (Lajos hatte sogar seine speckige Mütze abgenommen, so höflich war er!) und hielt drei kleine Daunenfedern zwischen seinen Fingern; sie waren schneeweiß und die weichen Flaumhärchen schwirrten in der Luft. Klingsor sagte, als hätte er einen Dieb erwischt "So ein Federbett haben, so viel ich weiß, nur die Herrschaften und die Kammerzofe der Frau Königin; ich vermute, Lajos, du hast ..." "Vermutet, was Ihr wollt, Eure Zauberkunststücke verfangen bei mir nicht mehr."

"Oh, schade", sagte Klingsor echt enttäuscht und ging zu seinem großen Tisch zurück, der über und über mit allem möglichen Kram und Geräten bedeckt war. "Aber ich habe da was erfunden, Lajos, das dich interessieren wird." "Ich hab' jetzt wirklich keine Zeit für so was, ich wollte Euch nur von der Frau Königin ausrichten ..." "Man kann damit die Süße der Trauben feststellen." "Was?" "Wie süß der Wein ist, das müsst ihr doch wissen, wenn ihr ernten wollt, oder?" "Na, ja, sicher. Wie soll das gehen?" "Hier, dieses Rohr, was lachst du denn, du Dummkopf." "Ich lach' ja gar nicht, also das Rohr, und weiter?" Lajos lachte aber doch, während Klingsor seine Erfindung vorführte.

"Also hier in die Öffnung steckt man eine reife Traube hinein und schließt diese Klappe, dadurch wird sie zerquetscht." "Aha." "Und der Saft rinnt in diese kleine Kammer, eigentlich nur ein Zwischenraum zwischen zwei Scheiben. Und dann guckt man hier zu dem Ende hinein und - am besten gegen das Licht halten - dann kann man den Brechungswinkel bestimmen." "Den was?" "Eine natürliche Eigenschaft, die der Traubensaft hat, also im Grunde genommen jede Flüssigkeit." "Ihr wollt mich nicht schon wieder auf den Arm nehmen, von wegen Brechungswinkel?" "Du Dummkopf, du brauchst bloß hier durchzuschauen." "Aber ich sehe nichts außer einer gelben Scheibe."

"Das ist eine hauchdünne Kristallscheibe, und hinter dem Zwischenraum mit dem Saft befindet sich eine zweite und wenn ..." "Aber da ist jetzt kein Saft drin, oder?" "Nein, ich habe ja auch keine reife Traube zur Hand." "Ah so, deshalb." "Was, deshalb?" "Deshalb sehe ich nichts. Wie habt Ihr das überhaupt erfinden können, ich meine, so ohne Saft? Das ist ja, als würde man den Durst ohne Wasser löschen." "Das ist ein saudummer Vergleich, Lajos, jedenfalls an dieser Stelle. Ich habe es mit Vergleichsflüssigkeiten ausprobiert." "Aha, zum Beispiel?" "Mit Sonnenblumenöl und mit Urin." "Pfui Teufel."

"Es geht nun mal nur mittels Vergleich, wie fast immer, wenn in der Physik etwas gemessen werden soll." "Wo?" "In der Physik, Menschenskind, hast du noch nie was von Aristoteles gehört?" "Hat der auch so was erfunden?" "Aristoteles hat nichts erfunden, stattdessen hat er alles erklärt." "Ah so, dafür kann man ihm sicher dankbar sein. Übrigens, Meister, nichts gegen Eure Erfindung, aber wenn ich feststellen will, wie süß der Wein ist, dann esse ich eine Traube, dann schmecke ich's." "Dummkopf."

Lajos nahm's gelassen und fügte sogar hinzu: "Aber ich möchte Euch nicht beleidigen, Meister, der Gabor hat gemeint, was Ihr ihm letztens über diese Helferpilze ..." "Hefepilze?" "Ja, richtig, was Ihr über die Hefepilze gesagt habt, das kann er alles aus eigener Erfahrung bestätigen. Er hat's auch überall 'rumerzählt." "Na, gut so. Ich glaube, ich muss sowieso noch was daran verbessern", sagte Klingsor und schob das Rohr in eine hohle Stelle unter dem Gerümpelberg auf seinem Tisch. "Also, ich wollte Ihnen das jetzt bloß ausrichten, und dann einen schönen Tag noch, Meister." "Ja, dir auch, Lajos", erwiderte Klingsor.

Königin Gertrud war das, was man eine deutsche Maid nennt, was nicht verwunderlich war, wenn man ihre Herkunft bedachte. Der allmächtige Schöpfer hatte sie mit allen Gaben der Weiblichkeit reichlich ausgestattet, ohne es dabei zu übertreiben. Die deutschen Frauen seien wie die Bäume in den germanischen Wäldern, meinte Andreas. In der Jugend rank und schlank und "saftig" bis in die Spitzen; trutzig und fest verwurzelt im Sturm auf der Höhe des Lebens; knorrig und ächzend unter der eigenen Gebrechlichkeit im Alter. Solche Bemerkungen machte er freilich nur in feucht fröhlicher Runde unter seinen getreuen Recken. Seiner Gemahlin gegenüber ließ er es an Komplimenten nicht fehlen, obwohl er darin ungefähr so geschickt war wie ein Schmied im Häkeln.

Gertrud trug gern bunte Kleider aus leichten Stoffen, darüber aber oft schwere Jacken aus Schaffell oder aus Filz, der mit Stickereien verziert war. Sommers wie winters, vornehmlich im Herbst, wenn die ersten Nachtfröste Reif hinterlassen hatten, ging Gertrud in solchem Aufzug - leichtes Kleid, schwere Jacke - aus dem Haus; und sie hatte eine sonderbare Gefühlseigenschaft, von der ihr Gemahl Andreas nicht recht wusste, ob sie vorteilhaft oder nachteilig wäre: sie fror nie. Sie bekam nicht einmal kalte Füße, was bei einer Frau wirklich ungewöhnlich ist.

Andreas sagte einmal im Spaß, für Gertrud könnte man das Märchen von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen umdichten in eine, die auszog, das Frieren zu lernen. Sie konnte darüber nicht übermäßig lachen, doch sie schmunzelte ihm zur Freude. Es sei beides, das Fürchtenlernen wie das Frierenlernen eigentlich überflüssig, und nur der törichten Forderung geschuldet, etwas am eigenen Leibe erfahren zu müssen, von dem andere behaupten, es sei fürs Leben unverzichtbar, belehrte sie ihn, der das gar nicht so tiefsinnig gemeint hatte.

Dummerweise erkältete sie sich regelmäßig einmal im Jahr und manchmal musste sie dann auch mit Fieber und Mattigkeit das Bett hüten, während Andreas ihr kräftige Fleischbrühe herbeischaffen ließ, die er selbst servierte, und er stundenlang bei ihr saß und aus einer alten Handschrift vorlas, die einer seiner Urahnen von einem Fürsten in Kiew geschenkt bekommen hatte und die von einem Helden namens Igor und von den Mönchen im Höhlenkloster handelte, welche in diesen Erzählungen auf nicht immer ganz plausible Weise miteinander verknüpft waren; aber gerade das gab Stoff für lange Erwägungen. Gertrud schlief darüber ein und atmete hörbar, und den Rest der Fleischbrühe trank Andreas dann selber.

Solche vorübergehenden Attacken konnten Gertrud nicht viel anhaben, und ansonsten war sie kerngesund und auch charakterlich außerordentlich stark, entschlossen, manchmal jähzornig, und wenn etwas geschah, das ihr missfiel und sich dazu womöglich auch noch ihrem Einfluss entzog, dann wurde sie erst wütend, dann gehässig und dann verbittert. Das schadete ihr mit zunehmendem Alter immer mehr und führte zu jenen Gallenkoliken, die wir bereits früher einmal erwähnt haben.

Andreas war die Ruhe in Person, und es schien, als habe bei ihm die gegenläufige Entwicklung stattgefunden. Denn früher, in jungen Jahren, war er ein Hitzkopf und Draufgänger gewesen, waghalsig, ungehorsam und ungerecht. Als Königssohn glaubte er, alles tun und lassen zu können, was ihm in den Sinn kam, ohne auf die Ansichten, Ansprüche, ja nicht einmal auf das Leid anderer Rücksicht zu nehmen.

Er prügelte sich sofort mit allen, die nicht schnell genug zur Seite traten, wenn er des Weges kam. Und er war so stark, daß er fast immer als Sieger aus den Keilereien hervorging. Natürlich prahlte er damit, vor allem auch vor seinen Brüdern, und vor allem vor Emerich, dem ältesten. So wie Gertrud später außer sich vor Zorn geraten konnte, wenn sie sich übervorteilt oder hintergangen fühlte, so ließ Andreas als junger Mann keine Gelegenheit aus, um zu zeigen, wie viel besser er ist als andere und ihnen in jeder Hinsicht weit überlegen.

Schöpfte Gertrud am Ende ihre Kraft nur aus ihrer Eigenliebe, so trieb früher Andreas die Gewissenlosigkeit voran. (Wohlgemerkt geschah das bei beiden sozusagen zu entgegengesetzten Zeiten.) Als Andreas in seinem Bruder den Todfeind sah, den es zu beseitigen galt, da war Gertrud, fast noch ein Kind, voller überschwänglicher Träume und Wünsche, und auf der Suche nach jemandem, der sie ihr zu erfüllen versprach. So passten die beiden recht zueinander, und es war Gertruds eigener Wille, aus ihrer Heimat, aus ihrem Elternhaus, das immerhin an der Achse zwischen den römischen Metropolen und den deutschen Fürstensitzen lag, ins ferne Land der Magyaren zu ziehen und die Werbung des Andreas (den sie unter Ausnutzung aller diplomatischen Beziehungen geschickt auf sich aufmerksam gemacht hatte) freundlich zu erwidern und sein Heiratsangebot, das alsbald folgte, anzunehmen.

Andreas' Bruder starb früh (eines natürlichen Todes) und kinderlos, und Andreas wurde Emerichs Nachfolger auf dem Königsthron. Wahrscheinlich hätte er Emerich niemals umbringen können, wenngleich er zu seinen Lebzeiten einiges unternommen hatte, um ihn vom Thron zu stürzen, das durch nichts weniger als durch verwandtschaftliche Gefühle gebremst wurde.

Irgendwann, als Andreas das erreicht hatte, was er wollte und was ihm, wie er bis dahin schmerzlich geglaubt hatte, das Schicksal immer vorenthalten würde, da geschah jene Wandlung mit ihm, und wer ihn gut genug kannte, der hätte meinen können, er wäre ein anderer Mensch geworden. Aber was heißt das, ein anderer Mensch werden? Ist es nicht eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit? Woher soll diese Andersartigkeit denn kommen, wenn nicht aus dem Innern selbst, wo sie bloß lange und tief verborgen war? Nichts kann sich wirklich von Grund auf wandeln, wenn es nicht die Bestimmung dafür längst in sich trüge.

Andreas hatte viel Muße, darüber nachzudenken, und er kam zu der Erkenntnis, daß es sein ganzes bisheriges Leben lang die Angst war, zu verlieren, unterlegen zu sein und auch von den anderen gemieden, ja von seiner eigenen Sippe verlacht zu werden, daß es diese Angst war, die ihn gepeinigt und zur Schlechtigkeit angestiftet hatte. Und wie nicht selten bei den Menschen die Angst, in ein Unglück zu geraten eben dieses Unglück heraufbeschwört, so hatte Andreas, ohne sich dessen bewusst zu sein, in Wirklichkeit alles unternommen, das ihn von den anderen nur noch mehr entfremdete und ihn isolierte. Und leider ("leider" als Ausdruck für eine zweifelhafte Hilfe) war es seine Gemahlin Gertrud, seine Liebe zu ihr und ihre Liebe zu ihm, die ihm über jedes Gefühl der Reue hinweggeholfen hatte.

Gertrud dagegen wurde, nachdem sie Königin geworden war, in ihrem Ehrgeiz noch mehr angestachelt, und indem sich ihre Mädchenträume erfüllt hatten, erschienen sie ihr gar kümmerlich und infantil. Sie strebte nach Größerem und Höherem und sie konnte nicht recht begreifen, wie Andreas mit seinem Leben so zufrieden war, nachdem er sein altes Wesen abgelegt hatte wie einen zerschlissenen Mantel. Er ließ sie schalten und walten nach ihrem Willen. Eigentlich führte sie die Herrschaft im Königreich, und man konnte wahrlich nicht behaupten, daß ihr misslungen wäre, was sie anpackte.

Vielleicht schielte auch sie insgeheim auf ihre Geschwister, die Brüder, die beide Bischof, gar Erzbischof waren; die Schwester Agnes, die jüngst Königin von Frankreich geworden war; die andere Schwester Helgard, die es schon jetzt zu Ruhm, sollte sie sagen: zur Unsterblichkeit? gebracht hatte. Gertrud schenkte ihrem Mann eine stolze Anzahl gesunder Kinder, und aus welchen hehren oder dunklen Motiven auch immer, plante sie besonders für die Mädchen eine glänzende Zukunft, deren Grundstein sie durch die kluge Entscheidung legte, sie mit jungen, prächtigen Männern aus bedeutendem Hause zu vermählen, denen selber alle Wege offenstanden.

"Was ist denn mit dem Horoskop, wolltet Ihr es nicht haben?", fragte Klingsor die Königin. "Mein Gott, Klingsor, habt Ihr nicht selbst einen Kalender erfunden, der angeblich genauer sein soll als andere? Und trotzdem findet Ihr Euch nicht in der Zeit zurecht. Das ist das Horoskop, mit dem Ihr Elisabeths Geburt vorhersagt." "Ja und? Zweifelt Ihr etwa an der Richtigkeit meiner Prophezeiung?" "Dafür habe ich keine Veranlassung, zumal sie sich tatsächlich bewahrheitet hat, allerdings schon vor sieben Jahren." Klingsor tat verlegen oder war es wirklich. "Oh, dann bin ich in der Zeitrechnung ein wenig durcheinander gekommen."

"Sag' ich ja, und es ist nicht das erste Mal. Nun nehmt das Blatt wieder mit und lasst Euch von dem Irrtum nicht zu sehr beunruhigen, ich weiß, was für seherische Gaben Ihr besitzt. Nur daß Euch manchmal alles so ... so gleichgültig ist, das gefällt mir nicht. Ich meine gleichgültig im buchstäblichen Sinn, denn ich will Euch keine Nachlässigkeit unterstellen, die Euch ganz bestimmt fremd ist. Aber für Euch sind die Zeitläufte immer alle gleich wichtig und bedeutend, Menschen und Ereignisse gelten Euch immer gleich viel, und das mag für jemanden, der über den Dingen steht, auch ganz richtig sein.

Doch für jemand wie mich, die ich mich nun mal immer um mein eigenes Leben und das meiner Angehörigen kümmern muss, gibt es zwischen den Sachen, die in der Welt passieren, eben doch gewisse Unterschiede und manches ist für mich wichtiger als anderes, das mich nichts angeht. Und manches bedeutet mir so viel, daß ich mir sogar etwas darauf einbilde. Und wenn nun ein Meister Klingsor, ich betone, ausgerechnet ein solcher Meister mir die Geburt meiner Tochter - ich verschweige hier das Wort Lieblingstochter - als eine Neuigkeit ankündigt, dann frage ich mich doch, welchen Rang das Mädchen in seinen Augen hat, gar nicht zu reden von meiner ich-weiß-nicht-was, die ich nach seiner Überzeugung seitdem Elisabeth auf der Welt ist, für sie gehegt haben muss."

"Herrin, ich wollte Euch ..." "Ich weiß, was Ihr wolltet, oder besser, was Ihr nicht wolltet. Ich hatte lediglich das Gefühl, ich müsste das einmal ansprechen, und ich möchte, daß wir es dabei belassen, denn schließlich ist es nur eine Lappalie und ich halte zu große Stücke auf Euch, als daß ich mich nicht irgendwie doch dafür schämen müsste, Euch zu kritisieren. Ich bin es daher, die Euch bittet, mir meine Offenheit nicht übelzunehmen." Klingsor kniete vor ihr nieder und küsste ihre Hand, und das war zugleich die Geste für seine Ehrerbietung und dafür, daß er Ihre Bitte annahm.

Zurück in seinem Laboratorium war er unentschlossen, was er als nächstes tun soll, so sehr beschäftigte ihn sein Missgeschick. Aber er kam nicht mehr dazu, weiter darüber nachzudenken, denn plötzlich stürzten aus allen Ecken und Winkeln die Kinder hervor, die sich versteckt hatten und ihn erwarteten. Das war die einzige Möglichkeit, in diesen Raum zu kommen, nämlich ohne seine Erlaubnis sich einzuschleichen. Alles Fragen und Bitten derart: "Meister Klingsor, dürfen wir dich heute mal besuchen?" stieß bei ihm auf schroffe Ablehnung und wurde mit einem "Nein!", hart wie Granitstein, abgeschmettert.

Irgendwann hatten es die Rangen geschafft, sich Zutritt zu verschaffen und seltsamerweise hatte Klingsor (als hindere ihn daran eine geheime Vorschrift) sie nicht umgehend wieder hinausgejagt, sondern sich sogar, wenn auch sehr unwillig, dazu herabgelassen, ihre unzähligen naiven Fragen zu beantworten und dann auch noch damit angefangen, ihnen allerlei Sachen zu erklären, die da herumstanden und lagen und mit denen er sich irgendwann einmal befasst hatte.

Er wusste jedenfalls bei allem noch, warum es Gegenstand seiner Überlegungen gewesen war, auch wenn sie meistens zu keinem handfesten Resultat gediehen waren. Die Kinder zeigten sich sehr verständig. Das überraschte ihn und auch wieder nicht, und die Fragen fand er nach kurzer Zeit überhaupt nicht mehr naiv. Viele waren sehr originell, manche waren hinterlistig, und wieder andere waren keine Fragen, sondern eigentlich die Antworten.

Einmal meinte er, diese Frage, die der Junge (Klingsor gab sich keine Mühe, die Namen zu behalten) gerade geäußert hat, die habe er sich, als er klein war, auch gestellt. "Warst du denn auch mal ein Kind?", wollte ein Mädchen wissen. "Natürlich, jeder Mensch war mal ein Kind." "Das stimmt nicht, Adam war vorher kein Kind", wandte ein anderer ein. "Hast du da auch schon gezaubert?" "Ja, damit angefangen, so kleine Sachen." "Und was hat deine Mutter dazu gesagt?" "Meine Mutter? Das weiß ich nicht mehr, könnte sein, daß sie mich ausgelacht hat, weil es nicht immer das geworden ist, was ich zaubern wollte." "Meine Mutter hat mir das Zaubern verboten", sagte einer mit struppigen Haaren. "Du kannst doch gar nicht zaubern", rief ein Mädchen, die dafür bekannt war, daß sie nie etwas glauben wollte. "Kann ich doch!", erwiderte der Struppige, "Sonst würde sie mir's ja nicht verbieten."

"Meister Klingsor, wenn ich mir's wünschen könnte, würdest du mir dann was zaubern?" "Oh, ja, mir auch." "Das ist nicht immer so einfach, wie ihr euch das vielleicht denkt, man muss ..." "Würdest du mir eine schöne Halskette zaubern?" "Und für mich jeden Tag einen Teller voll Palatschinken mit Quark und Aprikosenmarmelade." "Du bist wohl noch nicht fett genug", lästerte eine. Klingsor sagte "Das sind aber alles Dinge, für die das Zaubern eigentlich nicht da ist." "Und meinen kleinen Bruder, der letztes Jahr gestorben ist, wenn du den zurückzaubern könntest, würdest du's für mich tun?"

"Man kann nicht so einfach in Dinge eingreifen, die das Schicksal nun einmal bestimmt hat." "Was ist das Schicksal?" "Ist das dein Oberzauberer?" "Mensch, es gibt keinen, der besser ist als unser Meister Klingsor, nicht wahr?" "Oh, das weiß ich nicht, aber ich hoffe es doch. Nein, das Schicksal ist, tja ..." "Das ist vielleicht alles, was ohne Zauberei entsteht." "Ja, das könnte man so sagen."

"Mein Schicksal ist es zum Beispiel, daß ich eine Tänzerin bin", sagte das eine Mädchen und machte vor den anderen eine kunstvolle Drehung. "Pfff, das kann ich auch", sagte eine andere und machte es nach, und zwei weitere ebenfalls, darunter ein blondes Mädchen, kaum zwei oder drei Jahre alt, das offenbar froh war, daß jetzt endlich was anderes gemacht wurde als unverständliche Gespräche zu führen.

Ein andermal zeigte Klingsor den Kindern den Kreisel, über dessen zweifache Bewegung er nachgedacht hatte. "Es ist kein gewöhnlicher Kreisel", sagte er bedeutsam, nachdem er sie alle um die Schiefertafel herum platziert hatte. "Dies ist ein Überschlagkreisel, passt einmal auf." Er schnippte ihn zwischen den Fingern los, und der Kreisel drehte sich auf den Kopf, den Kindern gefiel es. Er machte es noch mal und noch mal, dann wollte es ein Junge selber probieren und der Kreisel drehte sich auf den Kopf.

Dann machten es alle der Reihe nach, und am Ende wollte Klingsor wissen, wie sie sich das erklärten. "Was?" "Daß er vom Fuß auf den Kopf springt, welche Ursache hat das?" Sie sahen ihn alle verständnislos an, aber keiner antwortete, bis ein Mädchen fragte "Zeigst du uns noch was anderes?" Klingsor war verärgert und sagte "Nein. Schluss jetzt, geht nach Hause."

Einige Zeit später, als sie wieder einmal sein Laboratorium unsicher machten (aber in Wahrheit nahmen sie sich sehr in acht, nachdem Klingsor einmal richtig böse geworden war und sie ausgeschimpft und sogar gedroht hatte, er werde sie alle in Mistkäfer verwandeln) hatte einer eine alte Waage entdeckt, mit zwei Schalen an Schnüren, deren Aufhängung man oben auf dem Waagebalken verschieben konnte.

Sie interessierten sich alle dafür und nachdem Klingsor ihnen erklärt hatte, was man damit macht, wollten sie wiegen. Er fand einige Gewichte aus Messing, die Prägestempel mit Ziffern hatten, welche das jeweilige Gewicht bezeichneten. Einer erfand auf der Stelle ein Spiel, wo die Gewichte per Zufall verteilt wurden und dann nach einer bestimmten Regel gewogen wurde; die Regel war nicht ganz eindeutig und so wurde das Spiel bei jedem Durchgang etwas abgewandelt.

Die Gewichte waren so schön, daß es allen Spaß machte, damit zu hantieren. Ein Junge, der anfing, die Waagschalen auf dem Balken hin- und herzuschieben, meinte plötzlich zu Klingsor "Wenn man will, kann man damit auch rechnen." "Wie, rechnen?", fragten die anderen. "Also, guckt mal hier auf dem Balken sind doch so Striche drauf, das hab' ich eben schon ausprobiert, aber es hat keiner mitgekriegt." "Was denn?" "Leg' ich hier drei drauf und in die andere Schale ... gib' mir mal dein Gewicht Dénes ... also und hier fünf, und dann schieb' ich die Schalen oben die linke jetzt auf fünf und die rechte auf drei und was passiert?" "Sie sind gleich schwer." "Sind sie aber eigentlich nicht, denn fünf ist nicht gleich drei."

Der Junge schaute alle an und sagte dann mit leicht vor Aufregung zitternder Stimme "Aber drei mal fünf ist gleich fünf mal drei." Die anderen klatschten in die Hände und Meister Klingsor sprach ein Lob aus. Dann rechneten sie alle möglichen Aufgaben, sogar drei mal sechs ist gleich zwei mal neun, und vier mal drei ist gleich zwei mal sechs, und sie fragten Klingsor, ob er gewusst habe, daß seine Waage eigentlich ein Rechengerät ist. Aber Klingsor verscherzte sich seinen pädagogischen Erfolg, als er erklärte, dies sei im Grunde genau das gleiche wie ein Archimedischer Hebel, woraufhin die Kinder bloß lachten.

An dem Tag, als Klingsor mit dem Horoskop von der Königin zurückkam, fragten ihn die Kinder, ob er sich auch selber verwandeln könnte. "In was anderes", sagte ein Junge. Selbstverständlich könnte er das, erwiderte der Meister, tat aber nichts dergleichen. "Das glauben wir dir nicht", sagte das Mädchen, das nie etwas glauben wollte. "Dann lasst es." "So ist das immer", meinte ein anderer, "mein Vater sagt, die Zauberer können gar nicht richtig zaubern, sie malen immer bloß so Bilder in die Luft, daß man denkt, das wäre wirklich da, aber man braucht es bloß mal anzufassen, da merkt man, daß es gar nicht echt ist."

"Stimmt das, Meister Klingsor, was Oszkárs Vater sagt?" "Sicher gibt es solche Leute, die behaupten etwas zu können und dann ..." "Meinst du damit jetzt dich?" "Ich bin seit über zweihundert Jahren der berühmteste Zauberer, über mich erzählt man in allen Landen die erstaunlichsten Geschichten, wahre Geschichten. Ich muss mich nicht von einem Schweinehirten einen Schwindler nennen lassen." Klingsors Stimme hatte wieder einen bedrohlichen Ton angenommen, und Oszkár, dessen Vater eben gemeint war, fing an zu heulen. Ein Mädchen sagte "Das war aber jetzt nicht sehr nett von Ihnen."

Klingsor dachte daran, was die Königin ihm gesagt hatte, daß ihm immer alle Leute gleichgültig wären. Er sagte zu Oszkár "Ich wollte deinen Vater nicht beleidigen, als ich ihn einen Schweinehirten nannte." "Aber Oszkárs Vater ist ja ein Schweinehirt." "Warum heulst du dann?" Alle schwiegen, nur Oszkárs Schluchzen war zu hören.

"Also gut", sagte Klingsor, "ich zeige euch eine kleine Verwandlung, aber nur dieses eine Mal, verstanden?" "Ja", antworteten alle wie aus einem Mund. "Und ihr dürft es auch nicht weitererzählen." "Warum nicht?", fragte eine, bekam aber einen Knuff in die Seite. "Nein." "Ihr geht alle da hinüber an die Tür und hockt euch hin und haltet die Klappe." "In was verwandelst du dich?" "In einen Riesenwurm." "Iiihhh!", riefen einige. "Damit euch das ein für allemal reicht", murmelte Klingsor in seinen Bart. Er verschwand hinter dem Tisch. Die Kinder drückten sich an die Wand bei der Tür, ein paar hielten sich die Hand vor die Augen.

Es fing mit einem Brummen an, das den Fußboden vibrieren ließ, dann rumpelte es und ein eigenartiger Geruch verbeitete sich. Dann kamen wie von weit her Geräusche, Stimmen von Tieren, Quietschen, Kreischen, Wortfetzen wie Beschwörungsformeln, ein paar mal krachte und knallte es und vom Tisch fiel etwas herunter. Das Brummen vom Anfang kehrte zurück und schwoll an, es klang wie eine Geröll Lawine in einem hohlen Gefäß. Weißer Rauch stieg auf und erfüllte den Raum und dazwischen zuckten gelbe Blitze.

Der Rauch verzog sich, und es wurde ein graugrüner, schuppiger Leib sichtbar, der Stellen hatte, die wie Regenbogen schillerten und Stacheln und Fladen von gelblichem Schleim, die herabtropften, und es wurde immer größer und größer, die schrundige Haut platzte überall auf und darunter quoll neue Haut hervor und aus Löchern pfiff stinkender Dampf heraus und der Wurm wälzte und wand sich, bis er zwischen Fußboden und Decke fast eingeklemmt war.

Die ganze Einrichtung des Laboratoriums war unsichtbar geworden, es war völlig leer, aber der Wurm wuchs so gigantisch, daß er gleich keinen Fingerbreit Platz mehr finden würde, um sich auszubreiten. Einer der Jungen rief "Sofort raus hier!" Und ein anderer: "Wir gucken von unten weiter zu." Sie drängelten sich alle durch die Tür, rannten die Treppe hinab, stellten sich vor der Mauer auf und schauten nach oben.

Tatsächlich hatte der Wurm, der offenbar auch Luft zum Atmen brauchte, sein Haupt an das offene Fenster gepresst, wo zwei feuchte Nüstern wie zwei Schlammlöcher zu sehen waren. Er atmete schnell und zischend und der Sog war so stark, daß ein kleiner Spatz, der vorbeiflog, wie an der Schnur gezogen in einem der Nasenlöcher verschwand. Aber davon juckte es dem Ungetüm und es musste fürchterlich niesen, was außer dem Spatz, der in einem Wölkchen seiner Federn wieder herausgepustet wurde, eine Ladung grünen, klebrigen Brei hinaus spritzte, vor dem die Kinder schreiend zurückwichen, damit er nicht auf sie klatschte. Es fiel alles ins Gras, wo es mit widerlichem Gestank verdampfte.

Ob er wohl gleich den ganzen Turm zerreißen wird, fragte ein Mädchen ängstlich, und Dénes kam angerannt und rief "Kommt auf die andere Seite, hinten guckt sein Arsch raus." So war es, und in der Längsausdehnung zwischen den beiden gegenüberliegenden Fenstern spannte sich der Wurm und drohte entweder selber zu platzen oder die Wände zu zersprengen, oder beides zugleich. Das Ende des Wurms bot einen noch viel ekelhafteren Anblick als sein Gesicht (und es ist an dieser Stelle mit Rücksicht auf die Zensur geboten, auf die Beschreibung zu verzichten). Dénes hielt sich die Handflächen an den Mund und rief "Riesenwurm! Furz' mal!" "Bist du verrückt", schrie ihn das Mädchen an, das eben beinahe was von der grünen Masse abgekriegt hätte, "damit kann er uns in Stücke reißen."

Aber einer rief Dénes zu "Du musst es ihm vorne sagen, mit dem Hintern kann er dich nicht hören." Das Mädchen hielt Dénes am Kragen fest. "Du bleibst hier." "Spielverderber", meckerte er. Da konnte man sehen, wie der Wurm schrumpfte und immer kleiner wurde, und hinter dem Fenster war es auf einmal leer. Sie rannten alle wieder die Treppe hinauf, die Tür stand offen, und Meister Klingsor saß mit übergeschlagenen Beinen auf seinem großen Lehnstuhl und las in einem Buch. Nicht das kleinste Stäubchen im Laboratorium war in Unruhe, alles war an seinem Platz, auf Klingors Kopf putzte sich eine Fliege sorgfältig ihre Flügel. Den Kindern hatte es restlos die Sprache verschlagen, und obwohl rein gar nichts auf das hindeutete, was eben geschehen war, hätte keiner von ihnen gewagt, es für bloße Einbildung zu halten.

Sie ließen sich eine Woche lang nicht blicken, schließlich kamen immer mal einige vorbei. Es waren alles Kinder aus der Gegend, und jetzt, als in den Weinbergen, die sich über das Land um die Königsburg erstreckten, jede Menge zu tun war, mussten sie mithelfen. "Solltet ihr nicht bei den Erwachsenen arbeiten?", fragte Klingsor, als gegen Mittag fünf oder sechs von ihnen bei ihm hereinschauten. "Machen grade Pause", antwortete die Größte kurzangebunden. "Wer?", fragte er, als müsste er sich einmischen. "Die andern", sagte das Mädchen und setzte schnell hinzu: "und was machen Sie, Meister?" "Nichts." Sie sahen ihn nicht nur enttäuscht, sondern vorwurfsvoll an.

Dann fiel ihm ein: "Wer von euch hat vorhin gesungen?" "Das war ich." "Hübsch, mein Junge, es hat mir gefallen, ich kenne dieses Lied von früher." "Ich heiße Katalin." "Oh, das hätte ich nicht gedacht, ich hielt dich für einen Jungen. Ach, übrigens, ist die Elisabeth auch da?" "Das bin ich." Die Große schob, als Klingsor ihren Namen genannt hatte, Elisabeth nach vorn, vielleicht wollte sie von sich selbst ablenken. "Was ist mit Lisbeth?" "Du bist also noch hier", murmelte er. "Lisbeth braucht nicht im Weinberg zu helfen."

"Ich habe mir dein Horoskop angesehen", sagte Klingsor zu ihr, und Elisabeth drehte sich zu den anderen um, hielt die Hand vor den Mund und kicherte. Katalin zog die Augenbrauen hoch und fragte "Was hast du dir angesehen?" "Ihre Nativität." "Meine Mutter hat gesagt, wenn Sie irgendwas Unanständiges sagen, sollen wir lieber wegrennen", meinte die Große und legte die Hand auf Elisabeths Schulter. "Meinetwegen kannst du dich zum Teufel scheren", rief Klingsor.

Sie blieben alle stumm stehen, bis er brummte "Das meinte ich nicht im Ernst." Die Große behielt sich vor, für alle zu sprechen. "Also, was ist das nun? Wenn es Lisbeth gehört, dann geben Sie es ihr gefälligst und wir verschwinden." "Das hier, siehst du?", fauchte er sie an, "Ein Blatt mit einer Zeichnung, du Neunmalkluge." "Woher soll ich das wissen?" "Das ist von mir?", fragte Elisabeth. "Ja. Gewissermaßen."

Die Große beugte sich zu ihr und fragte "Willst du's wiederhaben?" Elisabeth zuckte mit den Schultern, Klingsor sagte "Das ist wie eine Geschichte über jemanden, nur daß sie nicht erfunden, sondern wahr ist." "Lies mal vor." "Das würdet ihr nicht verstehen." "Wenn du's zweimal liest." "Es würde zu lange dauern, euch alles zu erklären." "Och, wir machen sowieso grad' Pause." "Ja ja, freilich, dann könnt ihr sagen, Meister Klingsor hat euch aufgehalten mit seinem dummen Geschwätz." "Na, das liegt ja nicht an uns", sagte die Große, und dann: "aber interessieren würde's mich schon, auch wenn es nicht meine Geschichte ist."

Klingsor hielt ihnen das Blatt hin und sie schauten alle darauf. Dann wies er mit dem Finger auf einzelne Zeichen und sagte, was sie bedeuten. Er nannte die Planeten und sagte, daß es darauf ankommt, wie sie zueinander stehen, zum Beispiel zusammen an einem Fleck oder gegenüber, und was die Tierkreiszeichen für eine Rolle spielen, und daß man mehrere Felder hat, die man Häuser nennt. Katalin fragte, ob sie in Elisabeths Horoskop auch als ein Zeichen eingezeichnet wäre als ihre beste Freundin, und Elisabeth verteilte daraufhin die Häuser an alle, und ein Junge betrachtete alles ganz genau und fragte Klingsor dann, was ein Bernstein ist.

"Es ist nämlich so, alles ist in Bewegung", sagte Klingsor, "und wenn man älter wird, wandern auch die Planeten immer weiter hier rundherum. Aber sie laufen unterschiedlich schnell, manche sind langsamer als andere und werden von denen überholt, die schneller sind, aber irgendwann hängen die schnellen wieder hinter den langsamen zurück, merkwürdig, aber wahr, alles holt sich selbst immer wieder ein.

Und dann befinden sie sich zu einem Zeitpunkt, also zum Beispiel in diesem Jahr, an ganz bestimmten Stellen, das nennt man Konstellation. Wenn ihr richtig gut seid im Horoskop lesen, dann braucht ihr nur dieses eine von der Geburt und ihr könnt euch daraus die Konstellation für jeden beliebigen Zeitpunkt vorstellen, habt ihr das verstanden?" Zwei nickten zaghaft, die anderen schüttelten den Kopf.

"Und bei dir, liebe Elisabeth, gibt es gerade eine Konstellation, aus der ich ablesen kann, daß du ..." Klingsor schaute sie an und dann hatte er plötzlich Bedenken, ob er Elisabeth überhaupt etwas davon verraten sollte, womöglich würde sich Gertrud, ihre Mutter, maßlos darüber aufregen? Aber Elisabeth fragte gespannt: "Was werde ich, Meister Klingsor?" "Es wird Besuch kommen aus einem fernen Land." "Es wird mich jemand besuchen? Wer?" "Ähm, du kennst diese Leute nicht, aber sie kennen dich. Ich meine, sie kennen dich auch noch nicht, aber sie haben von dir gehört und ... sag' mal, Königin Gertrud hat darüber noch nicht mit dir gesprochen?" Elisabeth verneinte.

"Tja, ich glaube, es ist besser, wenn sie dir das sagt." "Kann Königin Gertrud denn auch Horoskope lesen?", fragte ein Junge. "Gewiss doch, sie macht mich zum Beispiel immer darauf aufmerksam, wenn ich mich einmal geirrt habe." "Aber jetzt irrst du dich nicht, oder?", fragte Elisabeth. "Mit dem Besuch? Nein, ich bin mir ganz sicher."

Es klopfte an die Tür und Lajos trat ein, die Mütze in der Hand. Als er die Kinder erblickte, sagte er "Hier steckt ihr Faulpelze!" Die Große zog Elisabeth an der Schulter heran und schob sie nach vorn. "Elisabeth ist auch hier." Lajos machte eine ehrerbietige Verbeugung und entschuldigte sich. "Verzeihung, Prinzessin, ich habe Euch nicht gleich gesehen." Klingsor sagte "Ich habe sie hergerufen, sie sollten mir behilflich sein." "Ach so, na dann. Meister, ich wollte Euch bloß mitteilen, daß da jemand angekommen ist, der Euch sprechen will, ich war natürlich wieder der erste, der ihm übern Weg gelaufen ist, das hält mich alles von meiner Arbeit ab."

Die Kinder wandten sich zu Klingsor um und Katalin fragte "Ist das der Besuch für Elisabeth?" "Ich weiß nicht", erwiderte er unsicher. "Nee, der will zu Euch, Meister, nicht zur Prinzessin." "Vielleicht doch", sagte das große Mädchen. "Hat er seinen Namen genannt?" "Offenklingen oder so ähnlich." "Ofterdingen?" "Ja, der war's." "Ach, den hatte ich ganz vergessen. Nein Kinder, der will wirklich zu mir." "Und ihr kommt jetzt mit", befahl Lajos ihnen. "Und ich?", fragte Elisabeth den Meister. "Was? Geht, geht, kommt später wieder", sagte er zerstreut. Lajos setzte seine Mütze auf und scheuchte alle vor sich her.

"Ist es gestattet einzutreten?", fragte Ofterdingen, der an der Tür erschien. "Kommt herein, Heinrich von Ofterdingen." "Ihr habt mich gleich erkannt?" "Sicher. Aber wie seht Ihr denn aus?" Ofterdingens Kleidung hatte arg Schaden gelitten, war an mehreren Stellen eingerissen und beschmutzt, auch hatte er zwei verschiedene Stiefel an. "Ich hatte damit gerechnet, daß es eine beschwerliche Reise werden könnte", sagte er, "aber daß ich unterwegs befürchten muss, mein Ziel gar nicht mehr zu erreichen, das hätte ich nicht gedacht."

"Was ist denn passiert?" "So ziemlich alles, was geeignet ist, einen Reisenden am Weiterkommen zu hindern. Noch in Thüringen stürzte ich vom Pferd, genauer gesagt, es warf mich ab und lief davon. Im Steigerwald wurde ich von Räubern überfallen, Gott sei Dank konnte ich mein wichtigstes Gepäck und mich selbst retten.

In Regensburg hielt man mich für einen feindlichen Spion, einen Engländer, stellt Euch das vor! Ich und ein Anhänger von Johann Ohneland! Aber vielleicht sollte ich mich sogar darum bemühen, er würde mich womöglich besser behandeln als der Herzog von Bayern." "Konntet Ihr die Anschuldigungen abwehren?" "Mit Hilfe meiner Gönner aus Österreich, es befand sich glücklicherweise gerade ein Kurier in Regensburg. Er verschaffte mir auch ein Schiff, auf dem ich die Donau hinabfahren konnte.

Allerdings hatte uns der Reeder betrogen, der Kahn war so morsch, als hätten sich tausend Generationen Holzwürmer daran sattgefressen. Er hielt bis Linz, allerdings nur, weil wir seit Passau ununterbrochen das Wasser ausgeschöpft haben. Immerhin bis Wien kam ich gut durch, wiederum mit Hilfe meiner Freunde. Aber der Baron Vranitzky, der mich begleitete, erkrankte schwer und musste sich in Neusiedl in ärztliche Obhut begeben. In einem Gasthof, in dem ich übernachtete, machte man mich betrunken, wo ich doch nicht mehr als einen halben Becher vertrage, und am nächsten Morgen fand ich mich in einem Graben am Wegesrand wieder, Gott sei Dank mit meinem wichtigsten Gepäck.

Auf einem Pferdewagen mit Rüben beladen musste ich bis Wieselburg aushalten, weiter fuhr der Bauer nicht, und eigentlich war ich froh darüber, denn es ist kein Vergnügen, stundenlang auf harten Rüben durchgeschüttelt zu werden. In Wieselburg wohnen sehr freundliche Menschen. Ich fand ein Obdach bei einem Viehzüchter und blieb dort drei Tage. Zwei seiner Brüder nahmen mich sogar mit zum Angeln. Ich fragte sie, ob sie mir helfen könnten, weiter zu kommen Richtung Theiß, und sie sagten, sie wüssten eine Verbindung bis Gran.

Wir fuhren auf einem Mauleselkarren bis an einen Seitenarm der Donau, wo schrecklich viele Mücken waren und wo wir auf ein Boot warteten, das von Pressburg herkam. Ich glaube, ich habe dort die Hälfte meines Blutes verloren, bis endlich dieses Boot kam; es hatte Schmuggelware an Bord, die aus Polen kam und in das Erzbistum Gran geliefert werden sollte, was es genau war, wollte ich gar nicht wissen. Es ging plötzlich so schnell mit dem Einsteigen, daß ich beinahe mein wichtigstes Gepäck liegengelassen hätte, einer der Brüder warf es mir noch zu.

Glücklicherweise fand ich in Gran gleich ein weiteres, sogar ziemlich großes Schiff, mit dem ich bis Buda kam. Da war mein Geld alle, und ich konnte nur auf die einzige Art, die ich gelernt hatte, mich vor dem Hungertod bewahren: indem ich anfing zu singen. Ich fand einen Instrumentenbauer, der mir eine Harfe lieh, allerdings stellte er einen finsteren Gehilfen an meine Seite, der mich keinen Augenblick allein ließ, aber das störte mich nicht weiter.

Ich sang auf dem Wiesenhügel am Donauufer und bei den Schwefelthermen auf der Insel, und dort hatte ich an drei herrlichen Sonnentagen hintereinander so viel Erfolg und Einnahmen, daß ich meinem Bewacher die Harfe in die Hand drückte und mir ein Pferd nahm, mit der Option, es auf die nächsten dreißig Meilen an der Station jeweils gegen ein anderes, frisches umtauschen zu können. Diese Pferdestationen bei den Magyaren sind wirklich hervorragend, das muss ich schon sagen."

"Ihr seid nicht der erste, der sich lobend darüber äußert, ich selbst habe sie leider noch nicht benutzt; es wird behauptet, diese Einrichtung hätten die Mongkolis mit ins Land gebracht, aber die Magyaren haben sie schon seit mehr als fünfhundert Jahren", sagte Klingsor. "Es sind schnelle, ausdauernde Pferde, dabei fügsam unter jedem fremden Reiter, und sie haben auch zwei große Ledertaschen an den Flanken, wo man sein wichtigstes Gepäck verstauen kann."

Ofterdingen machte eine kurze Pause und sagte dann: "Meister Klingsor, ich will gleich zur Sache kommen und Euch in Kenntnis setzen, weshalb ich hergekommen bin." Klingsor wehrte freundschaftlich ab. "Das hat doch Zeit, Verehrtester." "Oh nein, es pressiert fürchterlich. Ich übertreibe keineswegs, wenn ich sage, daß mein Leben auf dem Spiel steht." "Ihr sollt mich aufsuchen und um etwas bitten, lautet so Euer Auftrag?" "Ja." "Nun, dann habt Ihr ihn doch so gut wie erfüllt."

"Ich befürchte dagegen, es war lediglich der erste Schritt." "Meint Ihr die Bitte? Die schlage ich Euch nicht ab, was immer es sein möge." "Und dann muss ich auch erst wieder zurück an Landgraf Hermanns Hof gelangen, was mir noch große Schwierigkeiten bereiten könnte." "Keine Schwierigkeiten, lieber Ofterdingen, ich verspreche es Euch. Zuerst müsst Ihr Euch ausruhen und neue Kraft schöpfen."

Ofterdingen war irritiert von Klingsors Ruhe; konnte er nicht begreifen, wie verzweifelt seine Lage war und daß seine Rückkehr keinen Aufschub duldete? Oder war es womöglich des Zauberers Absicht, ihn hier festzuhalten, erfüllte er, Klingsor, seinen eigenen Auftrag, den ihm jene gegeben hatten, die sein, Ofterdingens, Verderben herbeiwünschten. Doch wer waren die? Hatte man ihn nicht mit einer Geste der Begnadigung, zumindest der Anteilnahme, verabschiedet? Oder sollte er bloß auf ihr Mienenspiel und ihr mitleidiges Getue hereingefallen sein? Wollte man auf diese Weise nur ein für allemal loswerden, damit er ihnen fürderhin bei keinem Sängerwettstreit mehr in die Quere kommen konnte?

Ofterdingen wurde aus seinen Bedenken gerissen, als Klingsor sagte "Als erstes müsst Ihr ein Bad nehmen und neue Sachen anziehen, denn in diesem Aufzug könnt Ihr keinesfalls vor den König und die Königin treten. Dann werde ich Euch bei Hofe vorstellen. Morgen können wir damit beginnen, daß Ihr unser schönes Sárospatak kennenlernt, ich bin sicher, es wird Euch hier gefallen, wenn Ihr Euch erst eingelebt habt."

"Was meint Ihr mit 'einleben', Meister Klingsor?" "Oh, das ist vielleicht nicht ganz der richtige Ausdruck. Ich meine, wenn Ihr von den Ereignissen, die Euch zuletzt widerfahren sind, Abstand gewonnen habt." Ofterdingen prüfte genau des Zauberers Antlitz, konnte jedoch keinen Zug von Täuschung oder Hinterhältigkeit erkennen. Abstand gewinnen, das könnte allerdings auch heißen: vergessen. Davor musste er sich hüten! Er musste sich selbst dauernd an seinen unseligen Auftritt und seine schmachvolle Niederlage beim Sängerkrieg gemahnen und daran, daß dessen Ausgang noch offen war. Er musste allen Ablenkungen und Zerstreuungen widerstehen und wacker an seinem Vorhaben festhalten. Ein heißes Bad und neue Kleider konnten ihm indes einstweilen nicht schaden.

König Andreas und Königin Gertrud empfingen Ofterdingen wie den Gesandten eines Fürsten. Er erwiderte ihre Wertschätzung und wies voller Demut alle Ehre von sich; er sei nur ein unbedeutender Sänger, der aber gleichwohl die hohe Kunst der Minne auf seine Fahne geschrieben habe, in der Hoffnung, sie möge anderen Menschen Freude bereiten oder auch Trost spenden. "Wir hörten", sprach der König, "Ihr selbst könnt beides zur Zeit vertragen." Andreas redete so unprätentiös, daß den Ofterdingen ein Gefühl der Sicherheit erfüllte. "Ihr seid Unser Gast, und alles, was Uns zu Diensten steht, soll auch Euch während Eures Aufenthalts dienstbar sein. Bleibt so lange Ihr wollt und gebt Uns Bescheid, wenn Ihr einen Wunsch habt." Heinrich dankte ihnen.

Die Königin sagte "Einen Wunsch haben Wir selbst an Euch, den Ihr Uns gleich erfüllen möget." Er zuckte unmerklich zusammen und schaute zu ihr auf. "Ich bitte Euch, Uns ein Lied zu singen, damit Wir endlich mit eigenen Ohren vernehmen, wovon wir schon so viele haben schwärmen hören." Ofterdingen lächelte erleichtert (was hatte er denn anderes erwartet?) und erbat sich eine Harfe, die ihm sogleich gebracht wurde. Er überzeugte sich, daß sie wohltemperiert war, als wäre gerade eben noch auf ihr gespielt worden.

"Königin Gertrud ist ganz begeistert von Eurer Kunst", sagte Klingsor zu Ofterdingen, als sie sich am Nachmittag wiedertrafen. "Soll ich Euch verraten, daß sie mich gebeten hat, auf Euch einzuwirken, Ihr sollt möglichst lange in Sárospatak verweilen." "Meister Klingsor", entgegnete Ofterdingen, der die Angelegenheit nun klarstellen wollte, "ich darf mich überaus glücklich schätzen, hier die vortrefflichsten und freundlichsten Menschen zu finden, die mir seit langem begegnet sind ..." "Neben den Wieselburgern." "Bitte? Ach so, ja, aber das kann man nicht vergleichen, jene sind nur einfache Dörfler, hier wohnen Menschen von Adel und edlem Geblüt."

"Seid Ihr übrigens schon unten im Dorf gewesen? An unserem hübschen Flüsschen?" "Meister, ich bitte Euch, lenkt nicht vom Thema ab, es ist mir sehr ernst. Ich bin hier, um Euch zu ersuchen, den Streit zu schlichten, der weiland auf der Wartburg unter uns Sängern entbrannt ist und den verursacht zu haben ich zum meisten die Schuld auf mich nehme. Sie zu sühnen, habe ich mein Leben auf die Lösung des Rätsels gesetzt, das ich Euch hier übergebe und zugleich Eurer Antwort harre." "Antwort worauf? Habt Ihr eine Frage gestellt?" "Die Antwort auf die Frage, ob unter den fünf Lösungen, die auf dieser Liste stehen, die richtige dabei ist oder nicht."

Er hatte Klingsor die beiden versiegelten Briefe ausgehändigt, in deren einem das, was Ofterdingen eben gesagt hatte, etwas ausführlicher geschildert ward, mit dem Zusatz, daß im anderen Brief der Wortlaut des Rätsels sowie die fünf eingereichten Lösungen stehen, und zwar ohne die Namen derer, die sie in Landgräfin Sophias Krug gelegt haben. In einem zweiten Zusatz wurde der Zauberer gebeten, den Empfang der Briefe zu vermerken. Er nahm den anderen und hielt ihn nahe an seine Augen. "Sehe ich richtig, daß das Siegel gebrochen ist?", fragte er, ohne Ofterdingen anzuschauen.

Der trat herzu und vergewisserte sich selbst. "Es scheint so. Das ist durchaus möglich. Ich habe Euch von den Widrigkeiten meiner Reise erzählt, kann sein, daß irgendwo unterwegs der Brief so sehr gedrückt wurde, daß das Siegel brach. Aber ich versichere Euch, daß er ansonsten unversehrt geblieben ist." Weiter ging Ofterdingen nicht darauf ein, und Klingsor öffnete ihn so behutsam, als wollte er dabei feststellen, daß der Riss das Siegel doch nicht ganz zerteilt habe und an einer Stelle die Masse heil geblieben sei. Für Ofterdingen schien dieses Gebaren bloß ein Versuch zu sein, alles unnötig in die Länge zu ziehen.

Es wurde immer unerträglicher, mitansehen zu müssen, wie langsam und umständlich Klingsor das Schreiben zur Kenntnis nahm, das doch eigentlich nur wenige Zeilen umfasste. Als wäre es in einer ihm bis dahin unbekannten Sprache verfasst. Er schaute sogar zwischendurch auf die Rückseite, als suche er da eine Fortsetzung oder Erläuterung, und er hielt das Blatt so dicht vor sein Gesicht, daß Ofterdingen es nicht sehen konnte, was ihn inmitten des angespannten Schweigens nur noch mehr zermürbte.

Wie Blitze zuckten in seinem Geist grässliche Bilder auf, die ihn unterm erhobenen Schwert des Scharfrichters zeigten; das Blut, das aus seinem kopflosen Rumpf strömt; die Menge, die johlt, als sein Haupt hochgehalten wird und sein Körper auf die Bretter des Podests fällt. "Hmhm, hmhm", machte Klingsor hinter dem Pergament, und als Ofterdingen die Beine versagten und er sich setzen musste, da warf ihm der Meister wie erschrocken einen Blick zu, als müsse er aufpassen, daß der Delinquent nicht flieht.

Nach einer Ewigkeit ließ er das Blatt sinken und sagte fast vergnügt "Der Tod, hat da jemand geschrieben, sei damit gemeint; wart Ihr das?" Ofterdingen verneinte. "Und ein anderer sagt, es sei Das Leben, das es hier zu erraten gilt. Eure Lösung?" "Nein, Meister." "Nun, dann ist Eure eine von den drei übrigen. Kennt Ihr sie noch?" "Selbstverständlich, meine Lösung heißt: Die Vergangenheit."

Klingsor schaute wieder auf das Blatt, seine Blicke gingen von oben nach unten und von unten nach oben, dann sagte er "Ach da, ja tatsächlich, da steht: Die Vergangenheit. Wie kommt Ihr darauf?" Ofterdingen antwortete nicht, sondern sprang auf und rief: "Ich halte es nicht länger aus, Klingsor! Sagt mir, wie die richtige Lösung lautet!" "Ihr habt sie doch schon, sie lautet: Die Vergangenheit."

Ofterdingen stand bleich und stumm wie eine steinerne Figur da, er stierte den Meister an, und ganz langsam kehrten Farbe und Leben in sein Antlitz zurück. Er fing an zu beben und zu zittern, dann fuchtelte er mit den Armen in der Luft, hüpfte von einem Bein aufs andere und vollführte einen Freudentanz im Zimmer. Beide Männer redeten gleichzeitig und aneinander vorbei: Kein schlechtes Rätsel, es war mir nicht mehr ganz gegenwärtig - Erst wollte ich etwas anderes schreiben, nämlich, oh nein, das spreche ich lieber nicht aus - Aber es ist mir bei den ersten Worten wieder eingefallen - Allmächtiger, ich fand es, vor allem die zweite Strophe hat es mir verraten - Der weise Fu Hi hat gesagt: 'Das Vergehende zu zählen beruht auf der Vorwärtsbewegung' - Nun muss ich sofort wieder zum Landgrafenhof, oh, wie werde ich glänzen - 'Das Kommende zu wissen, beruht auf der rückläufigen Bewegung' - Ich habe mich tapfer geschlagen, mit meinen eigenen Waffen, ich habe meine Ehre wiederhergestellt - Insofern ist die Zeile: 'Ich komme mir selber entgegen' zu verstehen - Ich habe mich nur lauterer Mittel bedient und ich war bereit, mein Leben zu opfern - Ach, dieses ewige Vergehen und die ewige Wiederkehr - Ich spüre, daß mir eine große Zeit bevorsteht - Wie lange wird das noch dauern?

Ofterdingen warf sich auf den Zauberer, umschlang ihn, küsste ihm Stirn und Hände. "Nicht so stürmisch, mein Freund." "Oh doch, Ihr habt mich gerettet, Meister." "Es war deine Weisheit, dein Verdienst." "Oh nein, Euch allein verdanke ich mein Leben." "Aber was ist denn?" Ofterdingen verfiel jäh in einen völlig entgegengesetzten Gemütszustand, die Euphorie wich einem Schwall von Selbstvorwürfen. Er brach in Tränen aus, rutschte an Klingsor herab, legte sein Haupt auf seinen Schoß und schluchzte ganz jämmerlich, wie ein Blinder, der eben durch ein Wunder seine Sehkraft wiedererlangt hat, aber glaubt, er habe es nicht verdient.

"Ich war so töricht! So ein unausstehlicher Narr; ich habe mich benommen wie ein Wilder, der alle Regeln des Anstands bricht, der sich lustig macht über die Gefühle anderer, der mit seiner wilden Gier einbricht in jede friedliche, fröhliche Runde glücklicher Menschen und sie stören, ja zerstören will, weil ihn der Neid zerfrisst - ja, das war ich, oh, Allmächtiger, wahrscheinlich bin ich es noch." "Ihr übertreibt", versuchte Klingsor ihn zu beruhigen und strich ihm sogar mit der Hand übers Haar, etwas, das er bestimmt in den letzten hundertfünfzig Jahren nicht getan hatte.

Ofterdingen weinte und fand immer noch mehr, das er sich anlastete, als würde er von einem sprechen, der die Moral des ganzen Abendlandes schon sein Leben lang untergräbt, mit der gemeinen Absicht, sie zum Einsturz zu bringen. "Vergesst nicht, es war ein Wettstreit", sagte Klingsor, "da geht es manchmal etwas rabiat zu. Und schließlich habt Ihr niemanden verletzt." "Niemanden verletzt?", presste er hervor. Augen und Nase waren von Tränen verquollen.

Klingsor sagte "Ihr seid es doch nicht etwa gewesen, der die Sprosse angesägt hat?" "Was? Welche Sprosse?" "Die von Zweters Leiter." "Bei Gott, soll ich das auch noch auf mich nehmen?" "Aber keiner verlangt, daß Ihr etwas auf Euch nehmt, Ihr bezichtigt Euch nur selber, ich verstehe das ganze Theater gar nicht, es ist alles überstanden."

"Ihr habt gut reden, Meister. Ihr müsst nicht jedes Jahr aufs neue Euch gegen alle Neider und Winzlinge behaupten, die Euch zur Strecke bringen wollen, von denen, die mir ebenbürtig sind, ganz zu schweigen." "Seht Ihr, Ofterdingen, dann ist es doch ganz natürlich, wenn Ihr den ein oder anderen Streich austeilt, der auch mal die empfindlichen Stellen trifft. Warum seid Ihr jetzt so weichlich? Wenn ich bei allem, was ich getan habe, jedesmal solche Skrupel gehabt hätte, dann würde ich vor lauter Reue zu gar nichts mehr kommen. Ihr solltet die Vergangenheit (er lachte, weil das die Lösung des Rätsels gewesen war) dort ruhen lassen, wo immer sie hingegangen ist und stattdessen an heute und noch mehr an morgen denken und nicht Eure kostbaren Kräfte in einem Tränenbach aufgelöst fortschwemmen." "Meint Ihr wirklich?"

Später dachte Klingsor, Ofterdingen habe in Wahrheit vielleicht in Sárospatak bleiben wollen, zuerst, um der Bedrohung zu entgehen, und dann, weil er von dem Gefühl überwältigt wurde, das ihn erfasste, als diese Bedrohung von ihm abfiel. Und die Schuldzuweisungen an sich selber wären bloß Ausreden gewesen, um länger den Zustand neugewonnener Freiheit auskosten zu dürfen und nichts Anstrengendes mehr unternehmen zu müssen.

Ofterdingen hatte aufgehört zu heulen, sein Kopf lag, das Gesicht zur Seite, noch immer auf Klingsors Beinen, der einige Sätze zu seiner Erbauung angefügt hatte und ihm dabei, eher mechanisch, übers Haar strich. "Ihr habt so wundervoll weiche Hände", murmelte Ofterdingen und dann noch etwas, das der Zauberer nicht verstehen konnte. Dann bemerkte er, daß der Sänger eingeschlafen war.

Er stand vorsichtig auf und legte Ofterdingen dabei langsam auf den Boden nieder. Er rief drei Diener des Königs, die ihn in sein Zimmer tragen und zu Bett legen sollten. Einer fasste ihn unter den Achseln, einer unter den Kniekehlen, der dritte machte die Türen auf und zu.

Drei Tage später betrat Ofterdingen zum letzten Mal Klingsors Laboratorium, um sich zu verabschieden. Er sah frischerholt und gutgelaunt aus. "Ich habe sechsunddreißig Stunden geschlafen", sagte er und lachte, "und was für Träume ich hatte, unbeschreiblich schön." "Das macht die Luft hier, der Ostwind, der ist bei uns mild und manchmal um diese Jahreszeit voller betörender Aromen." "Dann war ich gerade zum rechten Zeitpunkt hier." "Im Herbst ist es auch ganz angenehm, dann gibt es den heurigen Wein." "Vielleicht komme ich wieder einmal her. König Andreas und seine Gemahlin haben mich schon eingeladen. Übrigens hat mich die Königin auch der Prinzessin vorgestellt." "Welcher?" "Wie, welcher? Ihrer Tochter." "Sie hat mehrere Töchter." "Prinzessin Elisabeth." "Ah ja. Prinzessin Elisabeth", sagte Klingsor und besann sich dabei auf irgendetwas. "Sie ist ganz hinreißend." "Ja, das ist sie, ein allerliebstes Geschöpf."

"Königin Gertrud hat mich gebeten, dieses Schreiben mit nach Thüringen zu nehmen und es dem Landgrafenpaar zu übergeben." "So so. Was ist sein Inhalt?" "Ich kenne nicht den Wortlaut, nur so viel deutete die Königin an, daß darin auch Prinzessin Elisabeth erwähnt werde und ich, der ich ihre Schönheit und, soweit es die Zeit gestattete, ihre außergewöhnliche Persönlichkeit bewundern durfte, dem Landgrafen und seiner Gemahlin sicherlich die trefflichste Beschreibung geben kann." "Das ist Euer Metier."

"Und ich werde ein Bild von ihr zeichnen, das ... ach, Meister Klingsor, manchmal bedaure ich es zutiefst, daß ich nicht ein Fürst bin oder eines Fürsten Sohn und nicht auch um die edlen Damen freien kann, denen ich meinen Gesang widme." "Aber lieber Ofterdingen, Ihr wollt mir doch nicht weismachen, es würde in Eurer Heimat kein Mädchen auf Euch warten?" "Oh gewiss, sie heißt Margarete, sie ist Schneiderin und sie passt derweil auf Konstantin auf." "Das ist Euer Söhnlein?" "Nein, mein Kater."

"Hier sind die beiden Briefe, die Ihr wieder mitnehmt, ich habe alles darin vermerkt, worum man mich bat." "Vielen Dank, Meister Klingsor, ich möchte Euch ..." "Das erspart mir lieber, ich bin kein Freund von Abschiedsszenen, dafür habe ich manche Leute zu oft wiedergetroffen. Wann wollt Ihr los?" "Ich dachte, ich lasse mir für Mittag ein Pferd besorgen, damit komme ich heute noch ein gutes Stück weit, und ich habe auch nur das wichtigste Gepäck dabei." "Ihr wollt tatsächlich diese strapaziöse Reise noch einmal machen?" "Heimwärts laufen die Pferde schneller", sagte Ofterdingen lachend.

"Ich kann Euch meinen Teppich zur Verfügung stellen." "Den fliegenden Teppich des Zauberers Klingsor?", fragte Ofterdingen voller Ergriffenheit. "Damit seid Ihr noch heute in Eisenach. Und das schönste ist, man wird sagen, Ihr seid gestern erst fortgegangen." "Und wie kommt er zurück?" "Von alleine natürlich, der Teppich kennt den Weg." "Allmächtiger, welche Ehre! Und welches Abenteuer, wie könnte ich das ablehnen!" "Dann macht Euch bereit, oder müsst Ihr noch etwas erledigen?" "Nein, ich habe mich offiziell schon verabschiedet. Ja, jetzt kann ich es kaum erwarten."

Klingsor holte den zusammengerollten Teppich aus der Ecke, breitete ihn aus und öffnete das Fenster. "Auch wenn es nicht so aussieht, er passt genau durch." "Was muss ich beachten?" "Nur wenig. Ihr könnt einfach mit den Armen steuern, indem Ihr sie ausstreckt, bloß nicht beide zugleich. Seht Euch ein wenig vor, wenn Ihr einem Flusslauf folgt, darüber ist die Thermik manchmal schlecht." "Die was?" "Es gibt da Luftlöcher, wo Ihr absackt." "Aha, verstanden." "Beugt Euch nicht zu weit über den Rand und versucht nicht, nach irgendwas zu greifen, Blättern von Bäumen oder ähnlichem. Wenn Ihr landen wollt, holt so tief Luft wie Ihr könnt, haltet sie an, während Ihr bis zehn zählt und atmet dann langsam aus, dann setzt Ihr weich auf."

"Phantastisch. Oh, wie kann ich Euch danken!" "Wenn Ihr wieder mal herkommt, sprecht nicht Lajos als ersten an, sonst muss ich mir das ganze Jahr über anhören, daß meine Besucher ihn von der Arbeit abhalten würden." "In Ordnung, Meister." "Und nun los. Sitzt Ihr gut?" "Alles bestens, mein Gepäck klemme ich zwischen die Beine." "Macht das. Alles Gute, Ofterdingen." "Euch auch alles Gute und vieeeelen Dank!" Klingsor hatte mit einer kurzen Reihe von Handbewegungen den Teppich mitsamt seinem Passagier in die Luft gehoben und ihn durchs Fenster hinaus ins Freie geschickt. Er sah ihm noch nach. Dann ging er zurück zu seinem Lehnstuhl.

Es klopfte an die Tür und Lajos trat ein, die Mütze in der Hand. Als er die Kinder erblickte, sagte er "Hier steckt ihr Faulpelze!" Das große Mädchen zog Elisabeth an der Schulter heran und schob sie nach vorn. "Elisabeth ist auch hier." Lajos machte eine ehrerbietige Verbeugung und entschuldigte sich. "Verzeihung, Prinzessin, ich habe Euch nicht gleich gesehen." Klingsor sagte "Ich habe sie hergerufen, sie sollten mir behilflich sein." "Ach so, na dann. Meister, ich wollte Euch bloß mitteilen, daß da jemand angekommen ist, der zum König möchte, aber den kann ich nicht finden, deshalb bin ich zu Euch gegangen."

Die Kinder wandten sich zu Klingsor um und Katalin fragte "Ist das der Besuch für Elisabeth?" "Ich weiß nicht." "Nee, die wollen zum König." "Es sind mehrere?" "Ja, eine ganze Gesandtschaft, sehr ansehnlich, wenn Ihr mich fragt, man sollte Sie gebührend empfangen." "Danke, Lajos, ich kümmere mich darum." "Und ihr kommt jetzt mit", befahl Lajos den Kindern. Im Hinausgehen drehte er sich zu Klingsor um und sagte "Komisch, mir ist so, als hätte ich das alles schon mal erlebt." Klingsor erwiderte "So etwas kommt vor, die Franzosen haben auch einen Ausdruck dafür, aber der fällt mir grade nicht ein."

Kaum waren sie weg, kam eine Kammerzofe der Königin angerannt. "Meister Klingsor", sagte sie ganz atemlos, "Ihr müsst schnell kommen, die Königin ist außer sich, die Gesandten aus Thüringen stehen vor der Tür." Er folgte ihr. Sie nahmen einen Gang, der von seinem Turm hinüber zu den Königsräumen führte, auf dem man nicht außen entlang musste. Alle Türen hatte die Zofe offen gelassen, und Königin Gertrud rief Klingsor schon durch drei Zimmer hindurch entgegen, verstummte dann aber gleich, weil sie befürchtete, man könnte sie draußen hören.

"Klingsor", sagte sie dann im scharfen Flüsterton, "Ihr habt gesagt, die Thüringer kämen in einem Monat, und was ist das?" Sie winkte mit der Hand in Richtung Hof. "Vielleicht haben sie eine Abkürzung genommen." "Sehr witzig, Klingsor, Ihr seid wohl jetzt der Hofnarr. Mir ist überhaupt nicht nach Scherzen zumute." Sie tippte mit dem Zeigefinger, an dem ein breiter goldener Ring mit einem großen blauen Juwel prangte, durch seinen Bart hindurch an seine Brust und fauchte "Eines sage ich Euch: Wenn da irgendetwas schiefgeht mit der Vermählung, dann hat das auch für Euch ernste Konsequenzen!"

Dann fasste sie sich an die Stirn. "Wenn ich nur wüsste, wo Andreas steckt. Was sollen wir jetzt tun?" "Wozu die Aufregung, Königin? Wir empfangen die Leute einfach." "So wie wir sind?" "Die sind auch so wie sie sind." Gertrud wagte einen Blick hinterm Fensterrahmen hervor auf den Hof. Sie waren wirklich gerade erst angekommen, die letzten passierten das Tor, wo die Wachen in strammer Haltung ihren Einzug säumten. Zoltán von Temesvár, der Erste unter Andreas' Rittern und Prinz Béla begleiteten den Anführer des Zuges; sie hatten die Ankömmlinge offenbar bereits draußen vor der Burg begrüßt. Sie redeten miteinander, und der Thüringer lachte freundlich über irgendeine Bemerkung Zoltáns.

Es war Walter von Vargula, den Landgraf Hermann und seine Gemahlin Sophia zum König der Magyaren entsandt hatten, damit er um die Prinzessin Elisabeth als zukünftige Ehefrau des jungen Hermann werben sollte. Neben Walter von Vargula waren ungefähr ein Dutzend weitere Ritter dabei. Man war auch mit zwei Kutschen gekommen, die jeweils von vier Pferden gezogen wurden und die einfach, aber sehr stabil gebaut waren. Wie man nachher sehen konnte, befanden sich in der einen die Geschenke für den König und die Königin, während die andere die Reisekutsche für die Prinzessin sein würde, wenn die Verhandlungen zum Erfolg führten, womit alle insgeheim rechneten.

Auch wenn es jetzt, als Königin Gertrud erschrak, ganz danach aussah, aber die Thüringer kamen nicht wie aus heiterem Himmel und keineswegs ohne Vorankündigung nach Sárospatak. Klingsor musste eine leichte Verärgerung darüber unterdrücken, daß die schlechte Vorbereitung auf die Ankunft ihm angelastet werden sollte.

[Das Leben eines Zauberers schlägt in anderem Takt als jenes der Normalsterblichen, selbst wenn sie von Adel oder gar Könige sind. Was diesen Menschen nämlich wie eine Abfolge von Ereignissen erscheint, die man sozusagen an den Fingern ab- oder aufzählen kann, das ist für einen wie Klingsor eine Menge von sichtbaren Erscheinungen, spürbaren Impulsen, Auswirkungen im wörtlichen Sinn, die von einer untergründigen, dauernden Verwandlung alles Existierenden, ob stofflich oder geistig, ausgehen und dann an der Außenseite, an der Oberfläche der Wirklichkeit wahrnehmbar werden. Klingsor hatte dafür einmal den Begriff "Weltfluss" geprägt.

Aber dieser Vorgang unterliegt oder gehorcht keiner Zeit (übrigens auch keiner Räumlichkeit), wodurch es geschieht, daß jemand, der zwar imstande ist, dies zu beobachten, oft, ach was, in den allermeisten Fällen, nicht genau sagen kann, welches dieser "Ereignisse" vor oder nach welchem anderen stattfindet oder wie lange es dauert oder wieviel Zeit zwischen zwei Ereignissen liegt.

Für den Zauberer Klingsor war das eigentlich kein Problem, denn wer auf der Suche nach dem Wesen der Dinge und Ereignisse ist, für den ist es unerheblich, wann dieses Ding oder Ereignis auftritt, denn ihn interessiert nicht die Erscheinung, die immer bloß vorübergehend ist, sondern die Verursachung, die dem einzelnen Phänomen zugrundeliegt. Es ist aber auch klar, daß sich nur ein Zauberer mit solcher Betrachtung abfinden kann, während für andere Menschen, wie zum Beispiel Königin Gertrud, ein Ereignis, und erst recht ein bevorstehendes, immer ein Teil ihres Lebens ist, ja strenggenommen etwas, wodurch sich das eigene Leben erst verwirklicht.

Es ist, als würde man einen Kalender spiegelverkehrt lesen. Und deshalb, und weil im wirklichen Leben die Ereignisse nun mal nicht in beliebiger Reihenfolge stattfinden, geraten diese Menschen in arge Bedrängnis und auch in Panik, wenn sie von ihnen überrascht werden, wie das eben jetzt bei der Ankunft der Gesandtschaft geschah.]

Klingsor hatte sich lediglich (allerdings wie schon so oft) im Zeitpunkt vertan, oder nein, genauer gesagt, hatte er eine Zeitspanne übersprungen, nämlich jene, die zwischen dem ersten Kontakt des ungarischen mit dem thüringischen Fürstenhause und eben der jetzigen Begegnung lag. Nachdem Heinrich von Ofterdingen offenbar wohlbehalten auf die Wartburg zurückgekehrt war und man den Streit unter den Sängern gütlich beigelegt hatte, da war man am Landgrafenhof (nicht zuletzt durch Ofterdingens Bericht) auf die Prinzessin Elisabeth aufmerksam geworden, denn Landgraf Hermann und Sophia taten eigentlich das gleiche wie die Ungarn: nämlich immer Ausschau nach einer guten Partie für ihre Sprösslinge zu halten.

Elisabeths Mutter hatte längst angefangen, ihre Fühler auszustrecken, und es gab landauf, landab immer bestimmte Ereignisse oder genauer gesagt: Veranstaltungen, bei denen die hoffnungsvollen, heiratsfähigen Kandidaten in Erscheinung traten und man sie sich näher anschauen konnte. Das betraf in erster Linie die jungen Männer (von denen manche mitunter noch Knaben waren), und die Bühne ihres Auftritts waren meist Ritter Turniere, die zu irgendeinem Anlass, der dafür herhalten musste und eigentlich nur Vorwand war, ausgetragen wurden und bei denen ebenjene Jünglinge meist als stolze Knappen im Gefolge der Ritter namentlich vorgestellt wurden und sich dem Publikum zu präsentieren hatten wie die Hasen auf dem Bauernmarkt.

Der junge Hermann hatte auch zwei- oder dreimal an einem solchen Treffen teilgenommen, und es war gut möglich, daß ein ungarischer Gesandter ihn dort "entdeckt" hatte. Da die Fürsten (oder ihre Gemahlinnen) nicht selbst überall dabeisein konnten, hatten sich einige Edelleute (und solche, die sich dafür ausgaben) darauf spezialisiert, für ihre Auftraggeber auf Braut- und Bräutigamschau zu gehen und ihnen hernach Bericht zu erstatten, was übrigens ein einträgliches Geschäft sein konnte.

Manchmal machte man sich auch die Mühe, die Abstammung der Söhne und Töchter zu überprüfen, was jedoch im allgemeinen schon bei der zweiten oder dritten Generation der Vorgänger endete, denn eine Fürstenfamilie mit all' ihren Angehörigen und den Verflechtungen und Verzweigungen zu kennen oder auch nur zu überschauen, das gelang meistens nicht einmal denen, die selbst dazugehörten.

(Dies sei nur am Rande mitgeteilt: Walter von Vargula hatte bei seinem Aufenthalt in Sárospatak Gelegenheit, mit Meister Klingsor zu sprechen, er wollte sich - auch im Namen Heinrich von Ofterdingens - bei ihm bedanken. Er wusste, welchen Einfluss Klingsor beim Königspaar hatte. Die Rede kam dabei auch auf die beiden jungen Leute, die zum ewigen Bund der Ehe auserwählt worden waren, und Walter zeichnete mit Worten ein treffliches Bild des Landgrafensohns Hermann und pries dessen Eigenschaften. Er sagte auch, was er bisher über die Königstochter gehört und was er gerade eben mit eigenen Augen gesehen habe, das überträfe alle Erwartungen, Prinzessin Elisabeth gleiche einem Engel an Gestalt und Wesen! (Das gleiche wiederholte er dann in Gesellschaft von Andreas und Gertrud.)

Klingsor hörte sich alles mit verständnisvoller Miene an und nickte auch wohl an der ein und anderen Stelle - allein, da war ein Ausdruck in seinem Blick, gleichsam ein dunkler Schimmer, welcher ihn trübte, den Walter, der ihn wohl bemerkte, ein wenig irritierte. Und dann fing Klingsor an, von Elisabeths Horoskop zu sprechen, und er bemühte sich sehr, seine Worte zwischen Freude und Trauer zu lancieren, so daß Walter nur zum Teil verstand, was er eigentlich sagen wollte.

Es gebe da, so meinte Klingsor, ein paar "Ungereimtheiten", die er sich selbst noch nicht ganz erklären könne und die ihm - da er natürlich am Schicksal der Königstochter innigsten Anteil nehme - schon einige unruhige Stunden verursacht habe, in denen er darüber nachgrübelte. Klingsor vermied es zu sagen, worin diese Ungereimtheiten genau bestünden, und Walter von Vargula dachte bei sich, der alte Zauberer sei in Wahrheit bloß im Innern hin- und hergerissen bei der Vorstellung, daß die liebreizende Tochter des Königspaares fortan aus dem Hause verschwunden sein werde und er auf ihren beglückenden Anblick verzichten müsse.

Im übrigen war Walter keineswegs ein Freund der Sternendeuterei, ganz im Gegenteil, er hatte es oft genug erlebt, daß sie sich als reine Spekulation entpuppte, schlimmstenfalls sogar als Scharlatanerie, mit der die Astrologen ihr Publikum an der Nase herumführten. Er war weit davon entfernt, solche Machenschaften dem berühmten Meister Klingsor zu unterstellen, und deshalb beschloss er, ihn in seiner offensichtlichen Wehleidigkeit ein wenig zu trösten, indem er ihm freundschaftlich die Hand auf die Schulter legte und sagte "Meister! Sobald Ihr mehr darüber herausgefunden habt, dann lasst es mich wissen.")

Doch damit waren wir bei der Schilderung der Ereignisse etwas abgeschweift. Während nämlich die Reiter im Burghof von ihren Pferden absaßen und Klingsor nach unten eilte, wechselte Königin Gertrud mit rascher Unterstützung ihrer Zofen die Garderobe. Des Königs Kammerdiener und der Marschall Benedek waren noch vor dem Meister bei den Besuchern, um sie zum König zu führen, der inzwischen aufgetaucht war. Ritter Zoltán blieb zurück, und auch einige von Walters Mannen kümmerten sich mit Hilfe der herbeigeeilten Knechte um Pferde und Fahrzeuge.

Prinz Béla begleitete Walter und vier weitere Thüringer zu König Andreas, der tatsächlich auf seinem Thronsessel saß, allerdings mit Rändern von lehmiger Erde an seinen Stiefeln. Gut möglich, daß er bis eben bei seinen Weinbauern gewesen war, als ihn die Nachricht von der Burg erreichte.

Er stand auf, ging Walter entgegen, empfing dessen Gruß und umarmte ihn, schon fast wie einen guten Bekannten. Walter von Vargula war um einiges jünger als Andreas und wirkte eher gleichaltrig mit Prinz Béla. Aber der König und der Gesandte hatten in etwa die gleiche Statur, und wie sie da standen, die Rechte einer dem anderen auf die Schulter gelegt, sahen sie aus, als müssten sie morgen bei Tagesanbruch gemeinsam zu einem Kreuzzug aufbrechen. Dabei wollte Walter doch die Tochter des anderen mit fortführen, und Andreas sie in sichere Obhut übergeben.

Fürs erste hatten sie voneinander einen guten Eindruck gewonnen. Da erschien von der hinteren Seite Königin Gertrud, und die Thüringer verneigten sich alle sofort vor ihr und blieben in devoter Haltung, als sie an ihnen vorbeischritt und ihre Hand, die mit einem roten Seidenhandschuh überzogen war, zum Kuss darreichte. Man wechselte ein paar floskelhafte Sätze, und Walter von Vargula gab seinem Nebenmann ein Zeichen, welcher sich zur Tür umwandte, wo ein anderer der ihrigen stand, bereit, auf ebendiesen Wink hin die Geschenke hereintragen zu lassen.

Es war ein fein gewebtes Leinentuch und blütenweiße Deckchen mit Spitzenrändern. Es war ein Schwert aus vollendetem Stahl, von einem meisterhaften Schmied gefertigt, die Klinge hart und biegsam. Es waren Glasgefäße, Flaschen und bauchige, fast kugelförmige Vasen, sie waren alle in Kisten, mit trockenem Gras gepolstert, verpackt, aus denen sie jetzt herausgenommen wurden. Ein Kästchen für Schmuck war darunter, das man mit einem kleinen goldenen Schloss sichern konnte. Ein großes, dickes Buch mit vielen Seiten aus feinstem Pergament aus Hirschleder, in das die Reinhardsbrunner Mönche Texte der Kirchenväter geschrieben hatten; die Buchdeckel zierten filigrane Schnitzereien aus Elfenbein. Einige tiefviolette Amethyste und geschliffene Achate, wie man sie in den Thüringer Wäldern finden konnte. Ebenfalls aus einem wunderbaren Stein der heimischen Erde geschaffen, einem Kristall, den man wegen seiner Klarheit und seines Glanzes Marienglas nennt, war ein Reliquienbehälter in Form eines Kelchs mit gewölbtem Deckel, in dem sich ein Stück Stoff vom Mantel des Heiligen Bonifatius, des Apostels der Deutschen, befand. Das waren nur einige der Geschenke, welche jetzt überreicht und auf einer eilends aufgestellten, mit rotem Samt bedeckten Tafel abgelegt wurden. Aller Augen konnten sich kaum sattsehen an den herrlichen Gaben.

Nach der Begrüßung, die mehr als zwei Stunden dauerte, zeigte man Walter und seinen Leuten ihre Gemächer, wo sie schlafen, sich umkleiden oder zur Ruhe zurückziehen konnten, und sie waren beeindruckt von der Großzügigkeit und dem geschmackvollen Ambiente der Einrichtung. König Andreas lud alle zum Abendessen im großen Rittersaal ein; bis dahin konnte man sich ein wenig von der Reise erholen oder die königliche Burg besichtigen.

Das ist nicht bloß so dahingesagt; es gab hier zum Beispiel einen tiefen Brunnen, wenn man in den etwas hineinflüsterte, so wurde ein einwandfrei verständliches Echo zurückgegeben, und zwar dreimal nacheinander, das war der berühmte "Flüsterbrunnen von Sárospatak". Meister Klingsor beteuerte stets, er habe damit nichts zu tun, es sei ein reines Naturschauspiel, aber manche hielten es für eine seiner Erfindungen auf dem Gebiet der Hydrodynamik - oder wenigstens ein Überbleibsel davon.

Walter von Vargula machte sich ein wenig frisch und überzeugte sich dann, ob der Tross untergebracht und versorgt war. Es geschah alles zu seiner Zufriedenheit. Als er das Stallgebäude verließ, kam ihm Prinz Béla entgegen, der ihn offenbar gesucht hatte. Vom ersten Augenblick an waren sich die beiden sympathisch, und Walter fühlte sich in Gesellschaft Bélas sogar noch wohler als beim König und seinen Vertrauten, wo ihn zuerst eine gewisse diplomatische Zurückhaltung etwas befangen machte.

Béla war, wie bereits angedeutet, etwa so alt wie Walter, er war Andreas' erstgeborener Sohn aus seiner Beziehung zu einer Frau, die er als junger Mann sehr geliebt hatte und die bei Bélas Geburt gestorben war. Sie waren nicht verheiratet gewesen, aber das war kein Grund, Bélas Thron- und Erbfolge in Frage zu stellen. Gertrud hatte übrigens trotz aller Erkundigungen vor ihrer Ehe mit Andreas weder von der Mutter noch vom Sohn gewusst. Als sie es unmittelbar nach der Hochzeit erfuhr (Andreas dachte wirklich, sie wäre darüber informiert), war sie keineswegs verärgert (am meisten vielleicht noch über ihre mangelhaften Nachforschungen) und sie betrachtete Béla von Anfang an wie ihren eigenen Sohn. Er war seinerzeit bereits ein Jüngling, halberwachsen und sehr selbständig.

Er war ein schöner Mann, dessen anmutiges Äußere lediglich durch eine Narbe vom linken Mundwinkel quer über die Wange beeinträchtigt wurde. Diese Wunde hatte er abbekommen, als er, noch ein Kind, mitsamt seinem Vater in einen Hinterhalt geriet, bei dem Andreas von einer mörderischen Bande überfallen wurde. Er war damals noch nicht König, und es war dies wahrscheinlich ein Anschlag, der auf die Rechnung seines Bruders Emerich ging oder auch von dessen Verbündeten geplant worden war. (Denn Emerich nahm natürlich die Anfeindungen seines jüngeren Bruders nicht tatenlos hin.)

Als sich abzeichnete, daß König Emerich ohne Nachkommen bleibt, gab es genug Leute, die Andreas als potentiellen Nachfolger gern aus dem Weg geräumt hätten, um selbst die Herrschaft zu übernhmen. Und weil er wiederum auch schon einen Sohn hatte, konnte man davon ausgehen, daß jene Verwundung, die Béla damals erlitt, nicht bloß ein abseitiger Hieb auf einen kleinen Jungen war, der zwischen die Klingen geraten war, sondern daß er vielmehr seinem kurzen Leben ein jähes Ende bereiten sollte, was zum Glück misslang.

Die Verletzung war vielmehr tief in Bélas Seele eingedrungen und hatte das Kind mit Angst und Hass erfüllt. Beides Eigenschaften, die es - so möchte man meinen - auch unversehrt womöglich von seinem Vater geerbt hätte. Aber Béla war mit einem wundersam sanften Herzen auf die Welt gekommen, und man war sich bei Hofe und im Land, wo Béla übrigens beliebt war wie kein anderer aus der königlichen Familie (selbst Elisabeth nicht), einig, daß es von seiner Mutter stammte, die ihm ganz ähnlich gewesen sein soll.

Er hatte immer mal wieder damit zu kämpfen, daß ihn urplötzlich, gleichsam wie ein stechender Schmerz dieses unerträgliche Angstgefühl, gepaart mit unbändigem Hass überfiel, und anfangs war es ihm schier unmöglich, diesem Zustand zu entkommen, bis ihm eines Tages eine heilkundige Hexe oder Zigeunerin (er schwieg sich darüber aus) einen Spruch oder eine Art Stoßgebet verraten hatte, mit dem sich die Verkrampfung lösen ließ, allerdings immer nur für dieses Mal.

In den Tagen seines Hierseins freundete sich Walter mit Béla an und sie unternahmen oft weite Ausritte, bei denen Béla dem anderen die Gegend und die Schönheit der Landschaft zeigte, wie er sie selbst empfand. Béla war hier aufgewachsen, aber seit vielen Jahren nur hin und wieder in Sárospatak. Die lange Abwesenheit und auch der beträchtliche Altersunterschied waren Gründe dafür, daß er zu Elisabeth vielleicht nicht das innige Verhältnis von Geschwistern hatte; daß sie eigentlich Halbgeschwister waren, spielte dagegen keine Rolle, was nicht zuletzt der ausgleichenden Gerechtigkeit Gertruds im Umgang mit ihren Kindern gedankt war. (Bei Béla freilich hatte sie bald nicht mehr viel auszurichten gehabt.)

Dennoch war Béla (was keiner der Thüringer wusste) im Vorfeld der Entscheidung über Elisabeths Vermählung mit herangezogen worden. Er hatte von den Landgrafen in Mitteldeutschland gehört und wusste auch um ihren guten Ruf, besonders was ihre Tüchtigkeit und ihren Sachverstand (manche sprachen sogar von Weitblick) im Regieren ihres beschaulichen Ländchens betraf. Sie waren kein sehr altes und kein reiches Geschlecht, doch sie verfügten über ertragreichen Besitz und über einige andere Einnahmequellen, von denen es hieß, daß sie in den nächsten Jahrzehnten einen ansehnlichen Gewinn abwerfen würden. Zudem führten die Thüringer eine sehr geschickte Politik in ihrem Verhältnis zum König und zu den mächtigen Fürsten im Lande, und es war durchaus möglich, daß sie in absehbarer Zukunft zu größerer Macht gelangten.

Elisabeths Leben und ihre Zukunft lagen Béla sehr am Herzen, und auch wenn er mit ihr selbst wahrscheinlich nur wenige Unterredungen darüber geführt hatte, so offenbarte alles, was er zu ihren Gunsten oder in ihrem Interesse forderte und beförderte, eine wahrhaft brüderliche Sorge und eine in ihrer Art sehr mannhafte Obacht. Elisabeth sagte später einmal zu ihrem Gemahl, sie habe es immer bedauert, daß sie und Béla nicht zu gleicher Zeit Kinder gewesen sind, denn sie sei sich ganz sicher, daß ihrer beider Träume, über die sich hätten austauschen können, jedem von ihnen wunderbare Momente einer glückseligen Welt geschenkt hätten.

Von dem jungen Hermann konnte sich Béla natürlich nur eine sehr vage Vorstellung machen, und überhaupt, er kannte ja keinen der Thüringer persönlich. Er war daher froh (und wohl auch ein bisschen erleichtert), als er in Walter von Vargula einen von ihren Repräsentanten kennenlernte, mit dem er sich auf Anhieb gut verstand, und das gab ihm die Gewissheit, daß er und seine Familie für Elisabeth die richtige Wahl getroffen hatten.

Seit ungefähr zwei Jahren hielt sich Prinz Béla überwiegend in Zagreb auf, der Stadt im Südwesten von Andreas' Königreich, die auch Bischofssitz war. Von dort war es um das nördliche Ende der Adria herum bis nach Venedig näher als nach Sárospatak. Béla hatte einen scharfen Verstand und ein weltoffenes Denken. Viehzucht, Bauernwirtschaft oder Weinbau wie in seiner Heimat interessierten ihn nicht (obwohl er darin einige Kenntnis besaß). Der Levantehandel, zu dessen führenden Metropolen das freie Venedig zählte, übte seit jeher großen Reiz auf seinen Unternehmungsgeist und seinen Tatendrang aus. So hatte er angefangen, sich als Geschäfts- und Handelsmann zu betätigen und fast sofort Erfolg dabei gehabt.

Die Einkünfte waren zunächst mäßig und er investierte das meiste sofort wieder in weitere Transaktionen. Nach und nach konnte er seine Aktivitäten auf immer solidere Basis stellen und schrittweise ausweiten. Er war noch weit davon entfernt, unter den Großhändlern eine bedeutende Rolle zu spielen und in Venedig hätte wohl kaum einer der auswärtigen Kaufleute seinen Namen gekannt, wenn man ihn danach fragte, allenfalls als König Andreas' Sohn von Ungarn. Doch das kümmerte ihn nicht, im Gegenteil, solange man ihn noch nicht auf der Rechnung hatte, solange blieb er auch von Missgunst und Neid noch unbehelligt und brauchte die Ränke und Attacken der Konkurrenz nicht zu fürchten. Außerdem hatte er stets eine ausgeglichene, wenn auch nicht opulente Bilanz aufzuweisen, was ihn davor bewahrte, sich in unkalkulierbare Risiken zu stürzen, die manchen andern schon Kopf und Kragen gekostet hatten. Vielleicht war das auch ein Grund dafür, daß ihm seine Geschäfte so leicht von der Hand gingen und er dabei frohen Mutes blieb.

Auch davon berichtete er Walter von Vargula freimütig, und dieser, für den Venedig bis jetzt eine geheimnisvolle Stadt gewesen war, die er sich nicht recht vorstellen konnte, fragte Béla darüber aus. Bereits nach kurzer Zeit sagte Béla lachend "Ihr könntet mein Partner im Levantehandel werden, was haltet Ihr davon, Walter?" Walter erwiderte den Scherz. "Seid nicht so leichtsinnig, Prinz, Ihr kennt mich nicht, ich würde Euch womöglich Eure Kasse stehlen." "Wenn Ihr Gefallen an einer leeren Blechkiste findet, die überdies auch schon einige Dellen hat, bitteschön, bedient Euch. Mein ganzes Vermögen segelt derzeit in Form von drei Barken auf dem Meer."

"Seid Ihr selbst schon zur See gefahren?" "Bis jetzt noch nicht. Ich weiß nicht genau, was mich davon abgehalten hat, vielleicht meine Herkunft hier aus dieser vergleichsweise gewässerarmen Gegend." Er lachte, und Walter entgegnete "Dieses Land hat auch seine Vorzüge - und seine Schätze." "Ihr meint den Wein? Unseren guten Tokajer. Habt Ihr ihn probiert?" "Ja, gestern, er ist einzigartig." "Ich werde Euch einige Fässchen mitgeben. Hat Landgraf Hermann nicht auch Weinberge?" "Ja, an der Unstrut." "Welche Traube?" "Bei uns gibt es praktisch nur den Klevner, ein Weißburgunder, Ihr würdet wahrscheinlich davon das Gesicht verziehen. Aber man kann ihn mit Wasser mischen, und zum Essen ist er sehr bekömmlich."

Sie waren mit ihren Pferden auf einer kleinen Anhöhe angelangt, Béla deutete auf die vor ihnen liegende Landschaft mit Hügeln, manche mit Sträuchern und niedrigen Bäumen bewachsen, andere mit Grasflächen überzogen, auf mancher Höhe ragten helle Kalkfelsen empor, die von Wind und Wetter stark zerklüftet waren. Es gab Flecken mit alten knorrigen Eichen oder andere mit hohen Kiefern, deren Stämme rötlich schimmerten. "Das dort ist Kerékhegy", sagte Béla und streckte den Arm aus, "und das gegenüber Vöröshegy." Walter sah zwei sanft geschwungene, langgestreckte Bergrücken, deren Hänge fast vollständig mit Wein bepflanzt waren; die gleichmäßigen Reihen boten einen reizvollen Anblick.

"Da drüben ist das Hajagos Tal, da sind etliche Wassermühlen, und es gibt dort prachtvolle Forellen, wir könnten welche fangen?" "Gern." "Dahinter sind ein paar Berge, ziemlich wilde Gegend. Da ist eine Stelle, die heißt Andorforrás, die Andorquelle, es soll ein Ort sein, wo die Berggeister wohnen."

Béla drehte sich abermals auf seinem Pferd herum und zeigte wieder in eine andere Richtung. "Da unten liegt Fenyöfás, ein Bauerndorf. Und das da, wo man die Dächer sehen kann, ist Nagyesztergár, dort hat man vor Jahren Gold gefunden." "Tatsächlich? Viel?" "Ein paar Körner im Fluss, keine große Ausbeute. Aber es heißt ja immer, solche Krümchen könnten von einer mächtigen Goldader stammen, die sich durch den Berg zieht." "Ja, solche Vermutungen hegen die Goldsucher bei uns auch."

Plötzlich hörten sie von rechts Reiter näherkommen. Noch bevor sie auftauchten, rief Bèla in das Föhrendickicht hinein "Immer langsam, Ritter Zoltán, daß Ihr uns nicht umrennt." Er meinte dann, er habe des Ritters Pferd am Schnauben erkannt. "Ah, Prinz, Ihr seid uns also schon voraus. Herr Walter, Eure Leute sind auch da." Walter hatte sie schon gesehen, Giselher von Langenhain, aufrecht und beinahe unbeweglich saß er auf seinem Ross. Veit von Wechmar, der Mühe hatte, das Pferd still zu halten, das sich im Kreis drehte.

Hinterher kam noch Horus Schedlich, welcher der Schreiber war, und der mit nach Ungarn gekommen war, um die Verträge aufzusetzen. Der war ein Tausendsassa, der von allem und von nichts eine Ahnung hatte und immer überall dabei sein wollte, so auch hier, obwohl er klein, dick und unbeholfen war; aber er ließ es sich nicht verdrießen.

Sie hatten alle Jagdausrüstung bei sich, und Ritter Zoltán und Marschall Benedek wurden von fünf hiesigen Jägern begleitet, die kein Wort sprachen und so aussahen, als wären sie bis gestern Wilddiebe gewesen. "Wir wollen hoch zum Pápalátóköi", sagte der Marschall, und Horus Schedlich rief "Wir wollen einen Bären fangen!" Er fuchtelte mit einem Spieß in der Luft. Ritter Zoltán lachte, die Jäger schenkten Schedlich keine Beachtung. "Es mag auch ein Hirsch angehen", meinte Zoltán, und weiter: "Ihr könnt eine Waffe von uns nehmen, Prinz Béla, und Ihr auch, Herr Walter." Er machte zu einem der Jäger eine Kopfbewegung, der kam heran und reichte eine schwere Armbrust herüber.

Béla winkte ab. "Behalt sie, die braucht ihr vielleicht für den Bären." Horus Schedlich rief von hinten "Prinz Béla, Ihr könnt sie mir solange geben." Walter sagte schnell "Meister Horus, Ihr müsst die Hände frei haben, um den anderen Zeichen zu geben, wo sich der Bär versteckt." "Meint Ihr?", fragte Schedlich und war sich nicht sicher, ob Walter ihn damit bevorzugt oder hintangestellt hatte. "Reitet weiter", sagte Béla, "wir holen Euch ein, ich besorge uns vorher Waffen." Er nickte Walter zu, Ritter Zoltán gab einen Befehl, und sie ritten rasch weiter über die Anhöhe hinweg und verschwanden drüben in einem jungen Lärchenbestand.

Béla schlug einen Pfad ein, der ein Wildwechsel und gerade breit genug war, um durch das Dickicht zu kommen. Walter folgte ihm. Dann ging es zwischen hohen Buchen weiter, und es wurde steil und steinig. Die Pferde waren vorsichtig und behielten sicheren Tritt. Die beiden ritten in einer Schlangenlinie immer hin und her bis in den Grund hinunter. "Müssen wir hier auch wieder hinauf?", fragte Walter, und Béla sagte, es gebe dann einen besseren Weg. "Diese Leute haben hier unten eine Hütte." "Wer ist das?" "Es sind Zigeuner." "Ich dachte, Zigeuner haben kein Zuhause." "Wenn wir Pech haben, sind sie auch nicht da. Es sind Waldzigeuner, sie haben hier ihre Schmiede, schon seit Urzeiten."

Da konnte Walter eine Lichtung sehen, auf der ein paar krumm und schief zusammengezimmerte Hütten standen, aus zweien stieg Rauch vom Dach auf. Menschen waren keine zu sehen, nur ein paar Ziegen waren angepflockt und ein Hund bellte. Béla rief vom Pferd herab "Ist jemand da?" Es kam keine Antwort. Der Hund bellte sich heiser, offenbar zerrte er an einer Leine, die ihm den Hals zuschnürte. Die Ziegen meckerten, sie hatten alles um sich her abgegrast. Die beiden stiegen ab, und Béla ging zu einer Hütte, deren Eingang offen war, er schaute hinein, dann schüttelte er zu Walter hin den Kopf. Er ging zur nächsten, zur dritten, er winkte Walter heran.

Sie betraten das Innere, auf dem Dach waren zwei Abdeckungen beiseite geschoben und durch die Öffnungen fiel Sonnenlicht herein. In der Mitte saß auf dem Boden eine sehr alte Frau und flocht aus trockengelben, schmalen, langen Blättern einen Korb. Sie hatte dicke, wollene Sachen an, es sah aus, als hätte sie sich Teppiche umgeschlungen, und sie waren bedeckt mit allen möglichen bunten Mustern. Über das Haar trug sie ein Tuch. Ihr Gesicht war ein einziges Feld von Falten und Runzeln. In Eisenach war einmal ein Händler mit exotischen Tieren gewesen, der hatte Schildkröten dabei; so wie deren Beine, dachte Walter, sieht ihre Haut aus. An den Ohren hing türkisfarbener Schmuck an langen, ineinander verhakten Messingringen, an den Handgelenken klapperten breite Reife. Das Sonderbarste an ihr, das Walter beim ersten Anblick leicht schaudern ließ, waren ihre Augen. Sie quollen zwischen den Lidern hervor wie halbe Hühnereier, und was noch schrecklicher war: sie konnte damit in verschiedene Richtungen blicken und die beiden Pupillen ruckten hin und her wie ein Vogel sein Köpfchen bewegt.

"Guten Tag Polya", sagte Béla. Sie hielt inne und schaute zu ihnen hoch, auf jeden ein Auge gerichtet. "Prinz Béla, mein Junge, schön, dich zu sehen, wie lange warst du nicht hier." "Eine ganze Weile." "Wer ist das?", fragte sie und das Auge auf Walters Seite musterte ihn von oben bis unten. "Das ist ein Freund von mir, Walter von Vargula, er kommt aus Thüringen." "Immer noch keine Frau für dich da?" Béla überhörte die Frage und stellte die Alte Walter vor. "Das ist Polya Parikha, die Mutter aller Zigeuner." Walter sagte etwas zu ihr, aber sie schenkte ihm kein Gehör. "Heb' dir deine Schmeicheleien lieber auf, wirst sie noch brauchen."

Das Walter-Auge schaute ihn nicht besonders freundlich an, es missfiel ihr wohl, daß Béla ihn als Begleitung hatte. "Die Kischalyi haben mir Kunde gebracht." "Polya, wir haben nicht viel Zeit, ich brauche eine Waffe für die Jagd. Hat Romero etwas da?" "Also, du bist ein garstiger Schett!", rief sie und schickte ausnahmsweise beide Augen zu ihm hin, "Kommst seit hundert Jahren wieder mal her und willst gleich wieder weg, noch dazu mit einem Deutschen." "Wo sind Romero und die anderen?", fragte Béla, um wenigstens ein paar Sätze mehr zu plaudern. "Sie haben gesagt, die Prinzessin heiratet." "Wer?" "Die Kischalyi." "Das stimmt. Einen Deutschen." "Oh, du dreimal gottloser Schett, willst du mich umbringen!" "Nein. Aber ich gebe nichts auf deine Kischalyis."

Die Alte verfiel plötzlich in einen klagenden Singsang "Ana, Ana, nasch lipiye - Hast du sie rufen hören, Fremder?" Walter war gemeint. Béla sagte "Sie redet von der Königin der Kischalyis, sie nimmt manchmal die Gestalt einer Kröte an, und wenn du ihr begegnest, musst du schnell einen Frosch oder einen Käfer fangen und ihn weg werfen, sonst zerschmettert sie dich mit einem Stein." "Und sie heißt Ana?", fragte Walter. "Nein, das heißt soviel wie 'Bringe es zu mir!'" Die Alte lachte.

Béla hatte an der Wand eine Armbrust entdeckt und sie abgenommen. "Schaut Euch das an", sagte er zu Walter. Der Bogen war aus mehreren Streifen Stahl zusammengesetzt, man konnte ihn mittels eines Knickhebels spannen. "So was macht Romero da drüben in seiner Schmiede." Er zeigte hinüber zu der großen halboffenen Scheune, wo ein dünnes Rauchfähnchen von der Esse aufstieg.

Polya Parikha hatte ihre Flechterei fortgesetzt. "Woher hat Romero das?", fragte er sie. "Woher hat er was?" Ein Auge sah ihn an, eins begutachtete die Armbrust. "Diese Technik, den Bogen aus mehreren Stücken zu fertigen." "Romero kann alles, und seine Jungen können auch schon fast alles. Ist es ein guter Mann?" "Wer?" "Einer der besten, die ich kenne", erwiderte Walter, der verstanden hatte, daß sie Elisabeths Gemahl meinte. "Hoho, das sagst du." "Du kannst es glauben", sagte Béla.

"Wie heißt euer König?", fragte sie Walter. "Wie haben gerade zwei." Sie lachte schallend und sperrte dabei den Mund auf, daß man ihre Zahnstummel sehen konnte. "Einer reicht euch wohl nicht, was?" "Sie heiratet keinen König", sagte Béla, und dann: "ich nehme sie mit, hier, gib' das Romero." Er warf ihr einen Lederbeutel voll Münzen in den halbfertigen Korb. "Er schenkt sie dir, er hat sie für dich gemacht." "Gib' ihm trotzdem das Geld. Sag' ihm, ich komme bald wieder vorbei."

Er nahm einen Lederköcher mit ungefähr einem Dutzend Bolzen, der ebenfalls an der Wand hing. "Leb' wohl, Polya." "Warte", rief sie ihnen nach. "Was ist?" "Du doch nicht. Der Deutsche." Sie hatte unter ihren vielen Röcken einen kleinen Gegenstand hervorgeholt, den hielt sie Walter hin. Es war eine aus Holz geschnitzte menschliche Figur; um ihren Körper war ein schmales Band gewunden. "Nimm' das und gib' es der Prinzessin, es soll sie beschützen." "Danke", sagte Walter und behielt es in der Hand. Polya rief noch "Das nächste Mal bring' deine Frau mit, Prinz Béla." Er überhörte es wieder. Er warf einen Blick auf den Glücksbringer und sagte "Dieses Band ist wahrscheinlich ein getrockneter Rattendarm." Walter steckte ihn ein.

Sie stiegen auf die Pferde. Béla reichte Walter die Armbrust, er war erstaunt, wie leicht sie ist und hängte sie sich an dem Riemen quer über den Rücken. "Romero und seine Leute machen hauptsächlich Kupferkessel zum Schnapsbrennen. Es sind die besten Kupferschmiede, die je hier gelebt haben. Habt Ihr unseren Obstbrand auch schon probiert?" "Nein." "Seid vorsichtig, er reißt Euch die Kehle auf, als würdet Ihr einen Igel gegen den Strich verschlucken. Und bei manchen Sorten denkt Ihr, er wäre steckengeblieben." "Schade, daß sie nicht da sind, ich hätte sie gern gesehen. Aber die Alte war auch nicht schlecht." "Ja", sagte Béla und gab seinem Pferd die Sporen. "Wir sollten uns sputen, damit wir miterleben, wie Euer Schreiber den Bären aufscheucht."

Sie gelangten aus dem Grund hinauf zu einem Streifen mit niedrigen Tannen, durchquerten ein weiteres Tal und ritten längs eines Bergrückens weiter. Zwei-, dreimal sprangen Rehe neben ihnen davon und alle möglichen Vögel flogen erschreckt auf. Dann vernahmen sie etwas entfernt die Rufe der Jäger, die offenbar ein größeres Wild aufgespürt hatten. "Warum haben Eure Leute keine Hunde dabei?", fragte Walter. Béla zuckte mit den Schultern. "Da müsst Ihr Ritter Zoltán fragen. Ich glaube, unsere Hundezucht liegt zur Zeit am Boden und die paar guten sollen geschont werden." Wieder hörte man die anderen, sie hatten sich verteilt. "Ich denke, wenn wir da hinüber reiten, treffen wir ihre Mitte", sagte Béla. Aber kurz darauf waren die Rufe noch weiter weg.

"Wir sollten einen Bogen machen", schlug Walter vor, "da vorn liegt jede Menge umgebrochenes Holz." "Einverstanden. Lass uns hier lang reiten." Walter bemerkte, wie Béla vom Jagdeifer erfasst wurde und daß er ihn duzte. "Kannst du die Armbrust noch mal entbehren?" "Selbstverständlich", sagte Walter und gab sie ihm; den Köcher hatte Béla. Er trieb sein Pferd vorwärts und kam trotz des unwegsamen Geländes scheinbar mühelos an allen Hindernissen vorbei.

Walter hatte es nicht so leicht, und sein Abstand zum anderen wurde größer. Zwischendurch verlor er Béla aus den Augen, dann tauchte er plötzlich viel weiter links auf und Walter dachte schon, es wäre jemand von den anderen. Einmal wurde Béla wohl von etwas aufgehalten und er winkte Walter zu, bevor er irgendwo zwischen den Bäumen verschwand. Mag sein, daß Walters Pferd auf eine wilde Jagd weniger erpicht und dieser schier undurchdringliche Wald nicht sein Terrain war, es scheute jedenfalls dauernd, und Walter ließ sich davon beirren und hatte bald jede Orientierung verloren.

Hier war es still, kein Laut von den Jägern mehr; nur die Zweige streiften Ross und Reiter mit schwachem Geräusch. Walter dachte daran, nach Béla zu rufen, aber erstens war ihm klar, daß in solchem Dickicht die Stimme nicht allzu weit dringt, und zweitens wollte er ihm gegenüber nicht hilflos erscheinen. Ihm fiel auch ein, daß er außer einem Messer, keine Waffe bei sich hatte. Und es konnte immerhin sein, daß es hier tatsächlich Bären gibt, oder sogar einer in seine Richtung getrieben würde, der besonders verärgert wäre.

Da glaubte er, die anderen wieder gehört zu haben, und verflucht, das kam von da hinten. Er beschloss umzukehren, aber er konnte nicht einmal die Stellen wiederfinden, an denen er eben vorbeigeritten war und sich ein paar markante Zeichen eingeprägt hatte.

Ein paar Schritt seitwärts schimmerte es heller durchs Gehölz, dort würde er vielleicht besser voran kommen. Da rief jemand um Hilfe, aber sehr zaghaft, als wollte er sich zugleich nicht verraten. Walter lenkte sein Pferd dorthin, und als es auf einen Ast trat, der zerbrach, verstummten die Hilferufe sofort. Aus dem dichten Wald heraus kam er auf eine kleine, fast kreisrunde Fläche, in deren Mitte eine dicke Eiche stand. An einem der weit ausladenden unteren Äste hing straff ein Seil (wie er dann sah, war es sogar ein Drahtseil) herab, an dem am Fußgelenk ein Mann aufgehängt war, der dadurch so weit in die Höhe gezogen wurde, daß er sich mit den Händen gerade noch auf den Erdboden aufstützen konnte. Aber er drehte sich durch sein Gewicht langsam im Halbkreis und musste dabei sozusagen auf Händen mitlaufen. Es war niemand anderes als Horus Schedlich, der kühne Bärenjäger.

Sein Pferd stand abseits und kam, als Walter erschien, gleich herangetrabt. Es sah aus, als könnte es sich überhaupt nicht erklären, was mit seinem Reiter geschehen war. "Meister Horus, ist alles in Ordnung?", rief Walter, sprang ab und lief herzu. "Soweit so gut", rang sich Schedlich eine Antwort ab. Man konnte sehen, daß sein Gesicht tiefrot war und sein Hals war angeschwollen. "Das ist eine Fallenschlinge, in die Ihr da geraten seid." Walter prüfte den Eisendraht.

"Wer macht denn so was und stellt mir eine Falle", quetschte Schedlich hervor. "Seid still, strengt Euch nicht an." "Das ist ein guter Rat." Der Draht ging an dem unteren dicken Ast vorbei durch das Blattwerk weiter nach oben, um einen anderen herum von dem Baum weg und war endlich an einer Tanne befestigt, die weit herübergebogen war und die Schlinge hochgerissen hatte, nachdem sie sich durch einen Spannmechanismus, den Walter jetzt nicht durchschauen konnte, vom Boden gelöst hatte.

Walter sah ein, daß er den Draht nicht mit dem Messer durchschneiden konnte. Er überlegte. Schedlich krächzte: "An meinem Pferd hängt ein Strick." "Ja, und?" "Legt ihn über den Ast und gebt mir das Ende in die Hand, dann ..." Er konnte nicht weitersprechen, weil seine Stimme erstickte.

Walter verstand, was er meinte. Er warf den Strick oben drüber, ließ die Enden über Schedlichs Körper baumeln und versuchte ihn anzuheben, daß er danach greifen konnte. Schedlich erfasste zitternd den Strick. "Nicht loslassen, Walter", schnaufte er. Er war offenbar so geschwächt von seiner Qual, daß er sich nicht halten konnte. Walter stemmte ein Bein unter seinen Rücken und hielt ihn unter den Achseln.

Schedlich rührte sich nicht, und die Last wurde Walter nach und nach zu schwer. "Was ist?", fragte er. "Gleich. Ich muss nur etwas Kraft schöpfen." "Ich kann Euch nicht mehr lange so stützen." "Oh, versucht es, Walter, lasst mich nicht wieder hängen." "Ich habe Euch noch nie hängen gelassen, Horus", versuchte Walter zu scherzen. Dann sagte Schedlich "Jetzt können wir." Er packte den Strick, der anfing zu knarren, und zog sich daran hinauf, während Walter von unten schob. Schedlich erreichte den Ast, legte beide Hände darum, und Walter rief "Haltet Euch einen Moment fest."

Er rannte zum Pferd, saß auf, stemmte sich in die Steigbügel und half Schedlich, den Ast zu umklammern. Dann lockerte er die Schlinge um sein Fußgelenk, die sich nicht ganz und gar festgezogen hatte, weil er sich abstützen und so das Gewicht mindern konnte. Er befreite Horus Schedlich, der sich an dem Strick herunterließ und auf dem Boden zum Sitzen kam.

"Oh, Walter, was für ein Jammer", sagte er, während sein Gesicht allmählich wieder normale Farbe bekam, "ich hatte ihn dicht vor mir." "Wen?" "Den Bären natürlich. Seht nur, hier ist er langgelaufen." Er zeigte auf Fußabdrücke, die er aber auch selbst oder das Pferd hinterlassen haben konnten. "Ihr glaubt mir nicht? Dann schaut hier." Es war eine feuchte Stelle auf der Erde, und Walter erkannte deutlich die Tatzen eines Bären, die sich auf dem Boden abzeichneten.

Da knackte es im Unterholz, und gleich darauf erschien Prinz Béla auf seinem Ross, das fürchterlich schwitzte. Auch Béla hatte eine kräftige Gesichtsfarbe bekommen, und seine lange, schmale Narbe leuchtete ganz weiß. Er sah die Schlinge, und die Bärenspuren hatte er offenbar auch schon bemerkt. Horus Schedlich flüsterte Walter zu "Bitte schweigt über den Vorfall." Béla rief "Ich habe ihn gesichtet, aber er war zu schnell verschwunden, und ich habe mir Sorgen um Euch gemacht." "Das war nicht nötig, ich ..." "Das war sehr aufmerksam von Euch, Prinz", sagte Walter, "die Falle hier ist ausgelöst worden, aber der Bär ist nicht hineingetappt." "Es sind schlaue Tiere."

"Und wie steht's bei Euch?" "Ich hatte die anderen eingeholt, als ein junger Hirsch vor mir flüchtete, ich setzte ihm nach und schoss auch, ich befürchte, ich habe ihn nicht gut getroffen. Ich habe ein paar von den Jägern zur Nachsuche losgeschickt, um selber nach Euch zu sehen." "Dann sollten wir auch dahin reiten." Horus Schedlich hatte inzwischen die Schlinge untersucht. "Oh ja", sagte er, "Ihr habt recht, es sind sehr schlaue Tiere, wenn sie solche Fallen bauen können." Béla und Walter sahen ihn verständnislos an, und Walter dachte, daß der Blutstau in Schedlichs Kopf womöglich doch Schaden angerichtet hatte.

Der Hirsch war nicht weit gekommen und nach ein paar Sprüngen zusammengebrochen; Bélas Schuss war besser, als er angenommen hatte. "Mit dieser Waffe muss man treffen", sagte er, und Walter erzählte den anderen, wo sie die Armbrust geholt hatten. Während die Jäger den Hirsch aufbrachen, machte man ein Zielschießen, und auch hier war Romeros Armbrust unschlagbar.

Am Abend wurde auf der Burg ein kleines Jagdfest veranstaltet. König Andreas hatte drei befreundete Herzöge und den Bischof von Eger eingeladen, der sich gerade in der Nähe aufhielt. Den Hirsch hatte man der Küche übergeben, und es wurde ein leckeres Essen bereitet. Dazu gab es Wein, und Walter kostete auch den Obstbrand, von dem Béla gesprochen hatte; er schmeckte vorzüglich, aber den destillierten Alkohol hielt Walter für besser geeignet, damit Arznei herzustellen.

König Andreas forderte alle in der Runde auf, ein Jagderlebnis zu erzählen und machte den Anfang. Einer der Herzöge hatte so viele gute Geschichten auf Lager, daß die Reihe bei ihm hängenblieb und später musste er die eine nochmal erzählen.

Er erklärte auch, wie die Fabel des Äsopus vom Fuchs und den Trauben auf wahren Tatsachen beruht und er vor etlichen Jahren in seinem Weinberg tage- und nächtelang einem Dieb nachstellte, der sich als ein Fuchs entpuppte. "Aber kein gewöhnlicher Rotfuchs, sondern ein Silberfuchs, der von irgendwoher eingewandert sein muss", erzählte der Herzog. "Anstatt ihn zu erlegen, hatte ich die Idee, ihn zu fangen und zum Stammvater einer Silberfuchszucht zu machen. Schon sah ich die herrlichen Pelze vor Augen, die ich für gutes Geld verkaufen würde. Ich konnte ihn wirklich überlisten und in einen Käfig sperren.

Nun weiß aber schon jedes Kind, daß einer allein keine Kinder kriegen kann, und ein Männchen schon gar nicht; um ein solches handelte es sich bei meinem Fang. Also tat ich folgendes: ich gab ihm täglich eine hübsche Menge bester Trauben zu fressen, und nach einer Woche, als ich sie ihm mit Absicht vorenthielt, wurde er ganz wild und begierig, und ich dachte bei mir, jetzt kann er nicht mehr davon lassen. Ich fütterte ihn nochmals reichlich und ließ dann den Käfig offenstehen.

Er reißt natürlich aus, aber drei Tage später taucht er wieder auf, und er macht sich nicht etwa an den Rebstöcken zu schaffen, nein, das wäre ja viel zu anstrengend gewesen, er schleicht sich geradewegs in den Käfig, wo ich eine gute Portion Trauben bereitgestellt habe, und zwar eine doppelte Portion, denn ich dachte mir, wenn er merkt, daß er hier versorgt wird und wenn er, wogegen mir nichts zu sprechen schien, da draußen eine Fähe hat, dann wird er sie schon überzeugen können, ihn zu begleiten.

Und so geschah es auch, und ich war begeistert, was für ein Prachtexemplar er da anschleppte. Sie kamen fortan jede Nacht zu zweit, fraßen meine Trauben und hatten es gar nicht eilig, wieder weg zu kommen. Schließlich machte ich eines Nachts die Klappe zu und ließ die beiden nicht mehr fort. Und sie schienen zufrieden damit. Das währte viele Tage, sie vertrugen sich blendend, balgten und vergnügten sich miteinander, und ich hatte extra den Käfig erweitert und Erde aufgehäuft und Holz darübergelegt, daß sie sich einen richtigen Bau anlegen können. Allein, es wollte kein Nachwuchs kommen.

Bis mir der Verdacht kam, daß die Fähe gar keine Fähe ist. Ich rief einen alten, erfahrenen Jäger, wir fingen die vermeintliche Braut und ihm genügten ein paar gezielte Handgriffe und Blicke, um mir zu sagen, daß mit diesem Paar schwerlich eine Silberfuchszucht zu begründen ist, es sei denn, ich begnügte mich mit diesen zweien, die allerdings ein schönes Fell hatten. Er wollte mich bloß ein wenig trösten, aber ich entschloss mich, die Füchse in den Wald zu schaffen und auszusetzen."

Die Zuhörer amüsierten sich über des Herzogs vergebliche Mühen und bedauerten ihn auch wegen seines zerplatzten Traums vom einträglichen Pelzhandel. Béla ergriff nach des Herzogs Bericht das Wort und meinte "Ersetzt man die Füchse durch unseresgleichen, so kann man die Fabel auch dahingehend deuten, daß die Verbindung zweier Menschen miteinander manchmal im völligen Widerspruch zu den Vorstellungen und Erwartungen der anderen steht und dieses Paar trotzdem für sich glücklich sein kann. Ich finde es sehr großmütig von Euch, Herzog, daß Ihr ihnen die Freiheit gelassen habt." Der Herzog winkte bescheiden ab, und ein anderer wurde aufgefordert, eine Geschichte zu erzählen.

Der Bischof von Eger, ein besonnen wirkender Mann, der schon in fortgeschrittenem Alter war und an der Tafel mehrmals zwischendurch für einige Minuten schlief, hatte nie gejagt und berichtete deshalb davon, wie er einmal beinahe den Teufel erwischt hätte, als er sich in seiner Kirche herumgetrieben hatte.

Der Bischof war damals noch ein junger Mann und hatte gerade seine Pfarrei übernommen. Deshalb konnte er dem Leibhaftigen, als er vor ihm wegrannte, auch auf der Ferse bleiben und die Kirche von Szentistván ist ziemlich geräumig, so daß sich die beiden auch so etwas wie eine Jagd lieferten. Der Teufel konnte nicht hinaus, weil es nirgends ein Schlupfloch gab, aber leider kam die Dorina Fekete zur Tür herein, weil sie wie jeden Mittwoch beichten wollte, und diese Gelegenheit nutzte der Böse, um an ihr vorbeizuhuschen und zu entkommen.

"Man muss vielleicht noch dazu sagen", meinte der Bischof, "daß die Dorina Fekete in diesem Ort eine sehr bekannte, aber auch, nun, wie soll ich mich ausdrücken, eine eben nicht immer löblich beleumundete Person war, deren Beruf es mit sich brachte, daß sie stets reichlich Grund zur Beichte hatte, der sie allerdings auch immer gehorsam und pünktlich nachkam. Nur bei diesem Mal hatte das leider dem Falschen genützt.

Ich glaube, ich verletze nicht meine Schweigepflicht, wenn ich hinzufüge, daß mich die Dorina, nachdem sie die Beichte abgelegt hatte, fragte: 'Hochwürden, wer war denn der Herr, der vorhin so eilig Euer Haus verließ?' Ich erwiderte: 'Das war jemand, vor dem man sich in acht nehmen muss.' 'Er hatte so einen ungewöhnlichen Duft an sich, mir wurde ganz, ich weiß nicht wie ...' Ich sagte ihr darauf, ich wüsste zwar, wo der Herr zu Hause ist, aber ich werde ihr die Adresse nicht mitteilen, zu ihrem eigenen Heil. Sie nahm es hin, wenn auch etwas zerknirscht, wie mir dünkte.

In der darauffolgenden Woche, als sie wieder zur Beichte erschien, bemerkte sie danach beiläufig: 'Übrigens, Hochwürden, ich bin dem fraglichen Herrn von letzter Woche wiederbegegnet, leider hatte er nicht viel Zeit, aber er gab mir dies hier - sie drückte mir ein Goldstück in die Hand - und lässt Euch bitten, für ihn eine Seelenmesse zu lesen.'" "Was für ein gerissener Bursche er doch ist", waren sich die Zuhörer einig, und der Marschall Benedek überlegte laut, was gewesen wäre, wenn der Bischof den Teufel gefasst hätte. "Dann wäre mit Eurer Hilfe das Böse ein für allemal aus der Welt geschafft worden."

Der Bischof schwieg, und König Andreas meinte "Aber wohin hätte das geführt? Unser guter Herr Bischof hätte nicht mehr gegen den Satan zu Felde ziehen und nicht länger die Gnade des Allmächtigen für seine Gläubigen erbitten müssen, denn die wären nicht mehr in die Kirche gekommen und hätten auch keinen Ablass mehr gebraucht, weil sie sich nicht schuldig gemacht haben.

Schließlich wäre auch niemand mehr zur Beichte erschienen, und nach einer Weile hätte man sich gefragt, warum eigentlich dieser Mann da vorn an die Holzbalken genagelt wurde. Denn es ist doch eine Tatsache, meine Herrschaften, daß die Menschen sehr schnell alles vergessen, das sie nicht mehr gebrauchen können." Da wollte man den Bischof fragen, ob er vielleicht ähnliche Überlegungen gehabt habe, aber er war nach der Anstrengung seiner Erzählung gerade wieder vorübergehend eingeschlafen.

Die anderen redeten noch über den Teufel und wie man sich am besten vor ihm schützen könne, und dann fand sich irgendein weiteres Thema, zu dem alle etwas beitragen konnten. Die Nacht war mild und klar, und später stiegen die Männer hoch auf den Burgturm, von dem aus man den Sternenhimmel betrachten und dem Gesang der Nachtigall im nahegelegenen Wäldchen lauschen konnte.

Walter von Vargula fielen drei Feuer auf, die in der Ferne loderten und er fragte den König danach. Andreas antwortete, dies sei das Lager der Mongkolis, die seit etlichen Jahren, allerdings mit Unterbrechungen, in denen sie sich zurückziehen würden, hier einen ihrer Vorposten errichtet hatten. "Die Mongkolis?", fragte Walter einigermaßen erstaunt, "Etwa jene Heerscharen, die aus den Steppen des fernsten Ostens kommen und deren Anführer der berüchtigte Tschingis Khan ist." Andreas bejahte dies, und Walter fragte weiter, ob denn von ihnen keine Gefahr ausginge und sie versuchen würden, des Königs Burg oder gar sein Reich zu erobern?

König Andreas sagte "Zweifellos haben sie das vor, und wir haben uns auch schon einige Gefechte mit ihnen geliefert. Aber die Sache ist die: es sind nur wenige im Vergleich zu der ungeheuren Anzahl von Kriegern, welche, wenn man den Berichten glauben kann, und das sollte man besser tun, viele hunderte Meilen weiter im Hinterland ihre Kriegszüge führen. Das hier ist nicht das Hauptheer, nicht einmal die Spitze davon. Ihr Ziel ist klar, und sie wollen sicher nicht nur mein Reich erobern, sondern auch das Reich, wo Euer König herrscht, und wenn sie niemand aufhält, werden sie eines Tages am Rhein stehen und auch da noch nicht Halt machen. Aber vorerst haben sie den Befehl dafür noch nicht bekommen, und deshalb befinden sie sich hier sozusagen in Wartestellung."

"Zum anderen", ergänzte Marschall Benedek, der ebenfalls neben Walter stand, "muss man wissen, daß die Mongkolis Nomaden sind, das heißt, ihre Lebensweise ist es umherzuziehen, und es ist ihnen unerträglich, zu lange an einem Ort zu verweilen. Deshalb sind sie auch manchmal eine Zeit lang verschwunden. Aber sie kommen immer wieder, und das heißt, daß sie ihre Eroberungspläne keineswegs aufgegeben haben."

Walter sagte "Ich könnte mir vorstellen, daß Ihr Euch gegen ihre Übergriffe verteidigen müsst, auch wenn sie nicht das Ausmaß eines großen Kampfes annehmen." "Ihr habt recht", erwiderte der König, "sie können einem ganz schön zusetzen, und es gab auf beiden Seiten schon Tote, wobei die Verluste, die wir erlitten haben, uns natürlich ungleich mehr schmerzen; es heißt, bei den Mongkolis zählt ein Menschenleben so viel wie ein Schluck Wasser, nur wenn man dürstet, ist es etwas wert.

Wir behalten sie ständig im Auge, seht, da drüben ist unser Beobachtungs Posten, der Tag und Nacht besetzt ist und der Alarm schlägt, sobald die Mongkolis irgendetwas Verdächtiges unternehmen. Bis jetzt waren es, ungeachtet der Toten und Verletzten, nur kleine Scharmützel, aber wir leben doch ständig in einer gewissen Unruhe und dauernden Bereitschaft.

Freilich sind wir nicht so töricht, sie anzugreifen und vernichten oder zumindest vertreiben zu wollen, denn wie gesagt, hinter ihnen stehen gigantische Heere, wie sie noch keines Europäers Auge je erblickt hat. Man sagt, daß allein Tschaghatai, der Sohn Tschingis Khans, zweihunderttausend Mann befehligt. Und der Khan hat vier Söhne und überdies ein eigenes Heer."

"Wenn sie, wie Ihr sagt, Nomaden sind, wovon leben sie dann hier? Oder haben sie ihre Viehherden dabei?" "Nein. Man kann nicht zugleich Krieg führen und eine Viehherde beaufsichtigen. Es sind ja auch nur Männer, die von ihren Familien getrennt sind, neben denen, welche selbst noch keine Frau und Kinder haben, und das sind nicht wenige; sie haben nichts zu verlieren. Alles, was sie bei sich führen, sind ihre Zelte und ihre Waffen, und natürlich ihre Pferde, die ihnen mehr wert sind als alles auf der Welt.

Sie haben zwar inzwischen auch etwas Vieh, aber nicht soviel, wie vergleichsweise ein Stamm oder auch nur eine Familie benötigt, um sich zu erhalten. Deshalb handeln sie mit uns." "Ihr handelt und kämpft zugleich mit ihnen?", fragte Walter verwundert. "Ja. Und im Moment ist es so, daß der Handel sogar überwiegt, was freilich nichts bedeuten muss und morgen schon wieder ganz anders sein kann."

"Also gebt Ihr ihnen Nahrungsmittel, Brot, Fleisch, Wein?" "Richtig. Wobei sie erstaunlich zurückhaltende Weintrinker sind. Aber Fleisch nehmen sie jede Menge ab. Sie essen es fast ausschließlich gekocht, und ich muss sagen, die Fleischbrühe, die sie zubereiten, ist ganz außergewöhnlich. Wenn meine Frau einmal krank ist, gebe ich ihr die Fleischbrühe der Mongkolis, und sie hat bis jetzt immer geholfen."

Walter musste lächeln. "Das klingt, als hätte dieser unliebsame Besuch auch seine Vorteile." "Ja, aber es sind wenige und mindern nicht die Bedrohung, die von ihnen ausgeht." "Und wenn sie Eure Waren nehmen, was bekommt Ihr dafür, außer Fleischbrühe, meine ich?" Marschall Benedek antwortete auf Walters Frage. "Sie bezahlen mit den Dingen, die sie auf ihren Feldzügen bis hierher erbeutet haben, Gold- und Silbermünzen, Schmuck, wertvolle Gefäße, Pelze und so weiter. Ich will es gar nicht leugnen, es ist für uns ein einträgliches Geschäft, die Mongkolis sind Krieger, keine Kaufleute, sie feilschen nicht einmal, oft bezahlen sie ohne Bedenken, was man verlangt." "Vielleicht", ergänzte König Andreas, "denken sie sich: wir holen uns alles bald wieder." Er lachte, und aus seinem Lachen klang eine stolze Unüberwindbarkeit. Walter erkannte, daß Andreas seinen Besitz nicht für alle Goldschätze der Welt eintauschen würde, und daß er selbst bis zum letzten Atemzug seine Burg und sein Reich gegen die fremden Horden verteidigt, wenn sie gegen ihn anstürmen.

Die Verhandlungen über die bevorstehende Vermählung wurden in allen erforderlichen Einzelheiten zwischen Königin Gertrud mit zwei ihrer engsten Vertrauten (eine war ihre Kammerzofe, die andere eine Schwester aus dem Benediktinerorden) und auf der anderen Seite von Giselher von Langenhain und Ottilie von Haselgau geführt, die seit vielen Jahren der Thüringer Landgrafenfamilie in privaten Angelegenheiten beratend zur Seite standen und große Sachkenntnis besaßen, was die Gesetze im Kaiserreich betraf. Sie wussten, wie die Verträge formuliert werden, damit später keine Unstimmigkeiten oder Streitereien daraus erwachsen konnten und wie einige Klauseln dafür sorgten, daß man mit unvorhersehbaren Ereignissen zurechtkäme.

Giselher von Langenhain war ein zuverlässiger, wenngleich etwas pedantischer und manchmal mürrischer Mann. Und er hatte eine sehr eigene Art zu sprechen, die mitunter zu Verständnisproblemen führte. Ottilie von Haselgau hatte seit Jahren mit ihm zu tun und kannte seine Eigentümlichkeiten, es fiel ihr nicht schwer, zwischen ihm und den Verhandlungspartnern zu vermitteln, um Missverständnisse aus dem Weg zu räumen. Horus Schedlich auf thüringer und ein Schreiber namens Zakariás auf ungarischer Seite hielten alles genau im Protokoll fest.

Am Tag nach dem Jagdfest, als die eben beschriebenen Zusammenkünfte fortgesetzt und die Festlegungen mit den letzten Unterschriften vollendet werden sollten, bevor sie dann in einer majestätischen Feierstunde mit den Siegeln ihre letzte Bestätigung erhielten, an diesem Vormittag also, als die Unterhändler zusammenkamen, bemerkte man, daß einer fehlte, nämlich unser guter Meister Horus.

Walter von Vargula, den man darüber informierte, glaubte zuerst, Schedlich habe noch an den Folgen seines Unfalls (von dem allein Walter wusste) zu leiden, aber dann hätte er sich entschuldigt. Und was noch merkwürdiger war: Horus Schedlich war nirgends zu finden. Eher zufällig sah Walter, daß seine Armbrust, das Meisterstück Romeros, fehlte. Und da erinnerte er sich daran, daß Schedlich gestern Abend zu vorgerückter Stunde etwas von 'den Bären jagen' und sogar von 'nicht eher von hier abreisen, ehe der Bär erlegt ist' gefaselt hatte, was Walter darauf zurückführte, daß der Schreiber vom Wein besäuselt war.

Man unternahm zunächst nichts und wartete die Mittagsstunde ab, daß er bis dahin wieder erschiene, doch er blieb weg. Man befragte den Wachtposten, und der hatte Schedlich bereits im Morgengrauen aus der Burg reiten sehen, in jene Richtung, wo sie tags zuvor im Wald waren; ja, er habe eine Armbrust auf dem Rücken gehabt. Sollte man ihm nach? Sollte ihm Walter ein weiteres Mal aus der Klemme helfen müssen? Andererseits war Schedlich für sein Handeln selbst verantwortlich, und wenn er meinte, den Bären unbedingt erlegen zu müssen und sich mit seiner Trophäe zu schmücken, dann war er sicher auch bereit, dies aus eigener Kraft zu tun, zumal er offenbar auf jede Hilfe verzichtete. Der Tag verstrich, es wurde Abend, es dunkelte, die Nacht brach herein, Horus Schedlich war nicht zurückgekehrt. Man machte sich Sorgen. Im Dunkeln zu suchen hatte keinen Zweck.

Da geschah am nächsten Morgen folgendes: Ganz früh schlug der Wachtposten Alarm, als drei Mongkolis sich auf die Burg zubewegten. Das war kein allzu schlimmes Zeichen, und Prinz Béla, der schon auf war, untersagte es, den König zu wecken und redete von der Mauer herab mit den Mongkolis. Er fragte nach ihrem Begehr, und der mittlere der Reiter sagte etwas. Auf der Mauer hatten sich Bogenschützen postiert, die jede Bewegung der Besucher im Auge hatten. Auch Walter von Vargula hatte sich eingefunden und verfolgte interessiert die Szene. Prinz Béla redete noch mehr mit den Mongkolis, und Walter entnahm dem Tonfall, daß man irgendeine Angelegenheit klärte; jedenfalls klang es nicht wie Streit.

"Was wollen sie?", fragte Walter ihn. Béla lächelte unmerklich und sagte "Euer Schreiber ist im Lager der Mongkolis gelandet, er hat sich anscheinend verirrt und war auf der Suche nach der nächsten Siedlung." "Geht es ihm gut?" Béla redete wieder zu den Reitern und dann zu Walter: "Ja, es ist alles in Ordnung mit ihm. Sie sagen, er würde sich nicht eben wie ein Gast benehmen." "Oh, dieser Trottel, er riskiert noch Kopf und Kragen mit seiner Unvorsichtigkeit. Sagt ihnen, sie sollen ihm nichts tun." "Man ist gut beraten, den Mongkolis keine Vorschriften zu machen", meinte Béla gleichmütig.

"Warum haben sie ihn nicht gleich mitgebracht?" Béla redete wieder mit ihnen. "Angeblich weigert er sich, auch nur einen Schritt mit ihnen zu gehen." "Er weigert sich, ihr Lager zu verlassen, verstehe ich das richtig?" Béla sagte "Mir scheint, die Mongkolis rechnen mit einer Gegenleistung." "Ach so, natürlich", gab Walter nach, "darauf hätte ich auch selber kommen müssen." "Seid Ihr bereit, für Euern Mann ein Lösegeld zu zahlen?" "Selbstverständlich. Wieviel fordern sie?"

Béla und die Mongkolis redeten miteinander, und Walter hatte den Eindruck, als unterhielten sie sich über die Aussichten für die diesjährige Weinernte. Sie lachten sogar zwischendurch, und Walter fielen die Worte des Königs ein, daß man diese Leute keinen Augenblick unterschätzen dürfe; sie würden mit ihrem Feind scherzen und ihm dennoch gleich darauf die Kehle durchschneiden. Béla meinte "Wir haben darüber gesprochen, was ihnen wohl der Bär wert wäre, wenn sie ihn von uns abkaufen würden." "Der Bär?", fragte Walter erstaunt, "Hat ihn Horus Schedlich tatsächlich erlegt?" "Nein. Aber wir müssen ihnen ein Angebot machen." "Ich begreife nicht ganz, Ihr sagtet, die Mongkolis wollten ihn kaufen." "Versteht es so: Wir bezahlen ihnen den Preis für einen Bären, den wir ihnen nicht liefern können, eine Art Ersatzleistung sozusagen." "Ah ja. Und eigentlich nicht für einen Bären, sondern für einen thüringischen Schreiber, mit dem sie nichts anfangen können. Wieviel sollte er ... der Bär kosten?" Béla nannte eine Summe, Walter stimmte zu.

Béla gab den Reitern Bescheid, dann sagte er "Sie wollen, daß wir sie begleiten und Meister Horus selbst abholen, kommt Ihr mit?" "Wer noch?" "Ich." "Natürlich komme ich mit. Aber sagt mir, kann es gefährlich werden?" "Ihr meint, ob es eine Falle sein könnte?" Walter nickte. "Nein. Die Mongkolis sind undurchschaubar, was ihr Denken und ihre Motive zum Handeln betrifft, aber wenn sie einmal unter Zeugen ihr Wort gegeben haben, dann müssen sie es auch halten, das gehört zu ihrer Mannesehre."

Man konnte schon von weitem hören, wie Horus Schedlich krakeelte und sich über seine Behandlung beschwerte. Man hatte ihm die Hände auf dem Rücken gefesselt und ihn an einen gefällten Baumstamm gebunden. Das Lager der Mongkolis umfasste ungefähr zwei Dutzend große, runde Zelte, die mit Stangen errichtet und rundherum mit Filz verkleidet waren. Walter sah die Feuerstellen, die in der Nacht weithin geleuchtet hatten.

Die Mongkolis bemerkten die beiden Besucher sofort, schienen sich aber nicht weiter darum zu kümmern, ein paar standen bei dem aufgebrachten Schedlich und lachten über sein komisches Gezeter. Viele werkelten an ihren Waffen herum, und man konnte sehen, mit welchem Geschick und mit welcher Sorgfalt sie dabei hantierten. Béla hatte auch erzählt, daß sie bestimmte Kampftechniken haben, die sie ständig vervollkommnen.

Manche mussten auch ganz unkriegerische Arbeiten verrichten, die Kleidung oder die Stiefel ausbessern, Wäsche waschen oder sich gegenseitig die Haare schneiden, andere kümmerten sich um die Pferde oder ums Essen. Es war eine Gemeinschaft von Männern, die ohne Frauen auskommen mussten, ja ohne Familie, und Béla meinte, der schlimmste Feind wäre für viele dieser Barbaren das Heimweh. Aber keiner wagte, fortzulaufen, denn das wurde streng bestraft.

Walter versuchte, Horus Schedlich zur Vernunft zu bringen und gebot ihm zu schweigen. Es war zu hoffen, daß sie die Schimpfwörter nicht verstanden, mit denen er sie beleidigte. Man führte Béla und Walter in das Zelt des Anführers, der ein mittelgroßer, kräftiger Mann war, mit dunklem Gesicht und einem Bart aus langen, dünnen Haaren um den Mund. Er trug einen Mantel, der aus Teilen wie große Schuppen zusammengenäht war und auf der Brust beiderseits ornamentale Stickereien hatte. Der Mantel war kurzärmelig, und darunter schaute ein karminrotes wollenes Gewand hervor. Er hatte Lederstiefel mit weiten Schäften an, und auf dem Kopf eine Pelzmütze. Überhaupt schien es Walter, daß seine Kleidung viel zu warm war für die Jahreszeit. Er hieß Tschamucha, und als er sprach, konnte man silberne Zähne in seinem Mund glänzen sehen. Er forderte die beiden auf, sich zu setzen, und Béla redete mit ihm, während Walter Gelegenheit hatte, sich unauffällig das Innere von Tschamuchas Zelt anzusehen.

Sie nannten ein Zelt Yurte. Schon von außen konnte man erkennen, daß dies die größte Yurte war. Innen hatte sie mehrere separate Bereiche, fast wie Zimmer, aber ohne trennende Wände; die Teppiche lagen kreuz und quer auf dem Boden. An mehreren Stellen standen Betten, flache Pritschen mit Filz und Felldecken. An einer Seite waren reich verzierte Kisten der Größe nach übereinander gestapelt, oben darauf standen Vasen, Krüge und Becher. Zwei Masken aus Leder waren zu sehen, eine für einen Mann, die andere für ein Pferd, aus den hohlen Augen schienen sie einen anzustarren. Die Teppiche an den Wänden hatten aufwändige Muster in leuchtenden Farben. Sie waren aus Wolle gewebt und wirkten rauh; aber ein paar waren aus Seide und glänzten im Licht. An der umlaufenden Wand hingen Waffen: Bogen, Köcher, Schilde, Schwerter. Daneben, an einem Holzbügel, der wie die Schultern eines Mannes geschwungen war, ein Gewand für einen Kämpfer, es hatte mit Metall verstärkte Teile. Außerdem prangte dort über der Bettstatt eine schwere hölzerne Figur, welche, wie Béla dann erklärte, eine Schutzgottheit darstellte. Béla erwähnte auch noch andere religiöse Zeichen, die in und an der Yurte angebracht waren und die Walter nicht bemerkt hatte, so zum Beispiel am Eingang ein aus Knochen geschnitztes Amulett.

Walter fand es durchaus gemütlich in Tschamuchas Yurte, lediglich der strenge Knoblauchgeruch machte ihm zu schaffen. Tschamucha und Béla wollten gar nicht mehr aufhören zu plaudern, und er sagte dann, Tschamucha habe ihn nach seinen Handelsreisen gefragt, da er bemerkt habe, daß Béla längere Zeit fort gewesen war. Wie hatte er denn davon erfahren? Béla sagte, die Mongkolis behaupten, sie verfügten über ein hervorragend organisiertes Netz von Kurieren, ja, sie nannten sie selbst "Spione", die angeblich über das ganze Abendland verteilt wären. Béla lachte darüber und meinte bloß "So wie die aussehen, würden sie ja auch überhaupt nicht auffallen." (Über die Mongkolis wusste er übrigens so gut Bescheid, weil ihn der Kaiser höchstpersönlich mit einem Bericht über sie beauftragt hatte, als es so aussah, daß die asiatischen Horden demnächst sogar vor den Toren von Wien stehen könnten, was den Kaiser natürlich in höchste Aufregung versetzte.)

Walter fragte, ob er sich die Pferde anschauen dürfe, er hielt es hier drinnen nicht mehr länger aus. Béla gab die Bitte an Tschamucha weiter, und der ging sofort darauf ein und führte die beiden hinaus, wo sich ihnen vier schwer bewaffnete Mongkolis anschlossen, die offenbar zur Leibgarde des Anführers gehörten. Als er so plötzlich von ihnen umringt war, erschrak Walter und seine Hand fasste unwillkürlich den Griff seines Schwertes. Taki nannten sie die Pferde, eine kleinwüchsige Rasse, sehr genügsam, sehr schnell und - noch mehr als Pferde ohnehin - sehr furchtlos.

Tschamucha zitierte aus einem Gedicht, in dem diese Pferde besungen werden und wo es heißt, sie hätten Wolfsohren, Augen wie der Morgenstern und Nüstern wie Perlmutt, und Walter konnte dies haargenau nachprüfen. Die meisten Takis waren übrigens Passgänger, und Tschamucha sagte, man könne mit einer Schale voll Milch in der Hand auf ihnen reiten, ohne einen Tropfen zu verschütten.

Tschamucha lud die beiden ein, mit ihm Tee zu trinken. Walter befürchtete, gleich wieder in der Knoblauchwolke zu sitzen; er schlug vor, an einem Plätzchen vor der Yurte zu bleiben, wo ein Teppich lag und drei oder vier dieser praktischen Stühle standen, die man wie ein X aufklappen konnte, es gefiele ihm da so gut. Er war sich wohl bewusst, daß es eigentlich unhöflich war, dem anderen zu sagen, wo er seinen Gästen den Tee servieren sollte, aber Tschamucha lächelte nur und seine Silberzähne blinkten und er gab einem seiner Leute eine Weisung. Nur das mit den Stühlen war keine gute Idee von Walter, und Béla konnte ihn gerade noch zurückhalten, denn es waren in Wirklichkeit Koranpulte und nicht dafür gedacht, seinen Hintern darauf zu platzieren.

Béla wusste zwar, daß keineswegs alle Mongkolis Muslime sind, auch Buddhisten und Christen, meist Nestorianer, konnte man unter ihnen finden, sogar Angehörige schamanischer Religionen, alle waren bei den Eroberungen der Mongkolis in ihre Horde aufgenommen worden; sie selbst waren ja ursprünglich auch nur irgendein Volk von vielen in den grenzenlosen Weiten des Ostens gewesen. Gut möglich, daß Tschamuchas Leute die Pulte selber zum Sitzen benutzten, aber Béla war sich nicht sicher und wollte die anderen nicht beleidigen. Zwei Männer schafften dann die "Stühle" beiseite und brachten sehr bequeme Sitzkissen herbei.

Da meldete sich Horus Schedlich wieder zu Wort, der die Szene aus einiger Entfernung beobachtet hatte, und Walter, der zuvor schon Béla das "Lösegeld" in die Hand gedrückt hatte, weil der hier auf jeden Fall besser verhandeln konnte als er, gab ihm jetzt einen Wink, und Béla regelte sogleich mit Tschamucha die Sache. Einen Moment später führte man den Schreiber heran, seine Fesseln hatte man abgenommen, die Armbrust zurückgegeben und ihm überdies mit einem Paar Stiefel ausgeholfen, weil er, wie er hinterher berichtete, mit dem einen im Schlamm steckengeblieben war und "ihn aufgeben und zurücklassen" musste. Walter ermahnte ihn, sich nicht weiter so unmöglich aufzuführen, am besten ganz zu schweigen, und Schedlich nickte bloß und murmelte etwas, das wohl sogar eine Entschuldigung für sein Verhalten war.

Sie tranken Tee und verzehrten dazu Gebäck, als einer zu Tschamucha hinzutrat und ihm etwas ins Ohr flüsterte, woraufhin er eine Handbewegung machte. Da kam von der Seite ein junger Mann, seinem Äußeren nach zu urteilen keiner von den Mongkolis. Zwar trug er teilweise deren Tracht, aber seine Gesichtszüge waren eindeutig die eines Europäers, man konnte sagen, eines Mitteleuropäers, ja, eines Deutschen!

Er machte Tschamucha seine Ehrerbietung, der ein paar freundlich klingende Worte zu ihm sagte und dabei auch ganz kurz auf Walter deutete, dann wandte sich der Jüngling an die Besucher und begrüßte zuerst Prinz Béla. Dann sprach er zu Walter: "Ritter Walter von Vargula, es ist mir eine große Freude, Euch hier zu treffen." Walter erwiderte dies und fügte hinzu "Aber sagt mir bitte auch, wer Ihr seid."

Der andere lachte. "Oh ja, wie dumm von mir, verzeiht, auch Ihr Prinz Béla kennt mich nicht, obwohl ich schon einige Male drüben auf der Burg Eures Vaters war. Ich heiße Hans Rust." "Hans Rust?", fragte Walter und entsann sich auf jemanden. "Der Hans Rust, der mit Landgraf Hermann auf Kreuzzug im Morgenland war?" Er schaute ihn zweifelnd an, der andere sagte "Das war mein Vater, er gab mir seinen Namen. Und von ihm kenne ich auch die Geschichte vom Kreuzzug."

"Aha, die war dann sozusagen vor Eurer Geburt?" "Wenn Ihr damit fragt, wo ich geboren wurde, so vermutet Ihr richtig, ich kam in Tyros zur Welt, meine Mutter ist eine Christin, die Tochter eines Ordensritters. Wie Ihr vielleicht wisst, sind mein Vater und ein paar seiner Kameraden damals im Morgenland geblieben." "Ja, Landgraf Hermann erzählte des öfteren davon, und auch darüber, daß Ihr ... also Euer Vater ziemlich plötzlich verschwunden war." "Er nimmt es ihm nicht etwa immer noch übel?", lachte Hans Rust.

"Ich glaube nicht. Graf Hermann ist nicht nachtragend. Sie gehörten zu Hermanns tapfersten Kämpfern", sagte Walter zu Béla gewandt, "aber eines Tages sind sie auf eigene Faust weitergezogen, um ihr Glück zu machen." "So war es", bestätigte Hans Rust, "mein Vater blieb eine Zeit lang an jenem Ort und da hat er auch meine Mutter kennengelernt. Wir lebten ziemlich glücklich dort. Aber ich weiß nicht, von wem ich das habe, jedenfalls, als ich zwölf war, erfasste mich eine ungeheure Abenteuerlust und mit vierzehn zog ich fort."

Alles, was Hans Rust und Walter miteinander sprachen, übersetzte Béla derweil für Tschamucha, der aufmerksam zuhörte. "Ich fand, ähnlich wie mein Vater, einige Gleichgesinnte und wir beschlossen, zuerst nach Damaskus zu gehen. Da hielt es uns auch nicht lange und wir zogen weiter nach Osten. Eines Tages waren wir in Bagdad, ein halbes Jahr später in Hamadan und wieder anderthalb Jahre später in Nissa." "Das ist schon jenseits des Kaspisches Meeres?" "Allerdings. Aber wir kamen sogar bis über den Amu Darja und nach Buchara, wo wir endlich blieben." "Dort haben sie uns getroffen und wir haben sie in unsere Goldene Horde aufgenommen", übersetzte Béla Tschamuchas Bemerkung.

Hans Rust sagte "Wir waren noch nicht lange dort, als die Mongkolis das Reich der Choresmien - er unterdrückte mit einem Blick auf Tschamucha ein Wort und sagte stattdessen: in Buchara einmarschierten." Tschamucha rief begeistert: "Große Schlacht! Mongkolis großer Sieg an allen Fronten. Buchara kapuuutt. Kaswin kapuuutt. Nischapur kapuuutt." Er ließ seine silbernen Zähne im Sonnenlicht blitzen.

Hans Rust sagte "Tolui, der Sohn Tschingis Khans eroberte Buchara." "Tolui erobert Gurgendsch auch. Vollkommen kapuuutt!", ergänzte der andere. "Die Hauptstadt von Choresmien", kommentierte Rust. Tschamucha erklärte, daß die Mongkolis von jedem ihrer Krieger gefordert haben, er soll einhundertfünfzig abgeschlagene Köpfe beibringen. "Ist das wirklich wahr?", fragte Walter. "Manche sprechen nur von hundert", meinte Hans Rust. Tschamucha weiter: sie hätten den Amu Darja aufgestaut und die ganze Stadt geflutet, und wo der Schah von Choresmien seinen Palast hatte, war danach ein großer See. Walter unterließ es zu fragen, auf welcher Seite Hans Rust eigentlich gestanden habe.

Der sagte "Viele Bewohner wurden getötet, viele wurden versklavt. In Buchara gab es eine Menge guter Handwerker, die Mongkolis schätzten ihre Arbeit und ließen sie am Leben, aber die Stadt ist fast unbewohnbar geworden." "So habt Ihr sie verlassen müssen?" "Wir haben uns Tolui angeschlossen, der uns als Europäer erkannte und uns gut gebrauchen konnte. Wir haben die nördliche Route genommen, die Wolga überquert und sind bis Kiew gekommen. Tolui musste mit dem Hauptheer zurück, warum, weiß ich nicht." Rust machte eine ehrenvolle Geste zu dem Anführer hin. "Tschamucha und seine Krieger erhielten den Befehl, bis hierher zu marschieren, wir haben sie begleitet."

Tschamucha schaute auf ihn, als wartet er, daß er weiter spricht, aber Hans Rust schwieg einen Moment lang, und auch Tschamuchas Blick bekam plötzlich einen etwas verklärten Ausdruck, als wähnte er sich gerade anderswo, vielleicht in seiner fernen Heimat. Dann sagte Rust: "Übrigens, Prinz Béla, ich habe Meister Klingsor versprochen, ihm ein Manuskript zu geben."

Er rief einem von den Männern, die sich inzwischen bei ihnen eingefunden hatten und die offensichtlich seine Kameraden waren, zu: "Ibn Usman, bring' mir bitte das Buch für den Zauberer." Er gab es Béla. "Es ist eine medizinische Abhandlung, ich glaube über Gallenkoliken, sie stammt von einem Arzt aus Buchara." Béla sagte "Oh, das mag meiner Mutter nützen, sie hat manchmal solcherart Beschwerden." "Hoffentlich. Es ist allerdings in Arabisch verfasst, aber ich bin sicher, Meister Klingsor weiß sich zu helfen."

Als Tschamucha sah, wie Hans Rust das Buch übergab, glaubte er wohl, er dürfe nicht dahinter zurückstehen und schenkte Prinz Béla einen Dolch in einer reich verzierten Messingscheide und Walter einen Bogen, dessen Bauart der von Romeros Armbrust ähnelte. "Daher hat er also die Konstruktion", stellte Béla erstaunt fest.

Da Horus Schedlich wieder einigermaßen wohlbehalten nach Sárospatak zurückgekehrt war und auch keine weiteren Anstalten machte, auf Bärenjagd zu gehen (wie es ihm dabei ergangen war, bis er unter die Mongkolis geriet, erfuhr niemand), konnten die Schriftstücke bezüglich der Vermählung der Königstochter endlich fertiggestellt werden. Genau eine Woche nach Ankunft der Thüringer wurden die Dokumente übergeben. Bereits zwei Tage vorher hatte man begonnen, Elisabeths persönliche Sachen sowie ihre Mitgift in den Wagen zu verladen.

Der Marschall Benedek war vor allem um die Kassette mit den Gold- und Silbermünzen besorgt, die insgesamt einen Wert von über tausend Mark hatten. (Über die gleiche Summe lautete einige Jahre später die Option König Ottos für den Kauf einer ganzen Stadt!) Der Marschall und Walter versteckten die Kassette schließlich in einem Hohlraum hinter der inneren Wagenverkleidung; man hätte schon das ganze Fahrzeug mitnehmen müssen, wollte man sie rauben, abgesehen davon, daß niemand an dieser Stelle einen solchen Schatz vermutet hätte.

Elisabeth sollte von dem ganzen Theater möglichst wenig mitbekommen, man stellte sie dann vor vollendete Tatsachen. Königin Gertrud versuchte immerhin, ihr die dramatische Veränderung in ihrem Leben zu erklären, zumindest soweit, daß sie darüber nicht in Ohnmacht fiel, aber ihre Worte waren wenig geeignet, einem Mädchen in ihrem Alter die Vorgänge begreiflich, geschweige denn, deren Tragweite bewusst zu machen. Sie war nicht die erste Tochter, die auf diese Weise verheiratet und "auf eine weite Reise" geschickt wurde, und Gertrud hielt sich streng an ihr Ritual, mit dem sie in der Vergangenheit jede solche Trennung vollzogen hatte. Schließlich musste sie auch selbst damit weiterleben.

So kam es, daß Elisabeth weder etwas Genaues über das Ziel der Reise noch über die Dauer ihres Aufenthalts erfuhr, denn was Gertrud ihr darüber, ebenso wie über diesen Prinz Hermann, "ihren Zukünftigen", mitgeteilt hatte, klang eher, als würde sie eine Geschichte nacherzählen wollen, die sie nicht genau behalten hat und deren Ausgang in einigen wichtigen Punkten offenblieb. Und so war es im Grunde auch verständlich, daß Elisabeth das Ganze eher mit einer naiven Freude und gespannter Erwartung aufnahm, was wiederum die Erwachsenen beruhigte, mussten sie sich doch (zumindest zu diesem Zeitpunkt, an dem alles andere wichtiger schien) keine Sorgen um ihr Wohlbefinden machen.

Wie unbekümmert sie war, zeigt vielleicht die folgende Kleinigkeit am Rande: Als sich Elisabeth von ihren Freundinnen verabschiedete, meinte sie zu Katalin, sie könne die Elfenbeinwürfel solange behalten, bis sie wieder da wäre und sie weiter Schwarze Sieben spielen würden.

Die Ungarn stellten einen zusätzlichen Wagen zur Verfügung, denn es kam mehr Gepäck zusammen, als man gedacht hatte. Als Kutscher meldete sich ein Knecht namens Strakosch, den zuerst anscheinend niemand kannte, aber Marschall Benedek ließ in den Lohnlisten nachsehen, wo er tatsächlich unter den Stallburschen aufgeführt war. Die Pferde, die man dem dritten Wagen vorspannte, befanden sich bis dahin in seiner Pflege.

Man setzte ihm einen der Thüringer zur Seite, dessen Pferd am Wagen angebunden hinterher trottete, und als dem Marschall plötzlich einfiel, daß der Name Strakosch einst zu einem berüchtigten Räuber gehörte, war der Zug schon längst unterwegs. Indes deutete nichts darauf hin, daß es wirklich ein Bösewicht war, vielmehr erledigte er seine Arbeit sehr ordentlich und gab sogar einige hilfreiche Ratschläge, damit man schneller vorankam oder bestimmte "unsichere Wege" meiden würde.

Elisabeths Wagen hatte einen Aufbau ganz aus Holz, und außer der Tür, die man von innen fest verriegeln konnte, an der gegenüberliegenden Seite zwei verschließbare Öffnungen, durch die Licht hereinkam. Darunter befand sich ein Bett wie ein schmaler Kasten, längs mit einer erhöhten Leiste, damit man nachts im Schlaf nicht Gefahr lief herunter zu fallen. Die Leiste konnte man nach unten klappen, so daß man auf dem Bett auch sitzen und die Beine baumeln lassen konnte.

An der Rückwand war ein halbhohes Schränkchen eingebaut, und darüber hing ein Spiegel. An der Vorderwand war eine gepolsterte Sitzbank. Die Kammerzofe, die Elisabeth begleitete, schlief auf dem Boden. Der Wagen war aus massivem Holz gebaut und dadurch schwer, schaukelte weniger beim Fahren, bestimmte aber das Tempo der ganzen Reisegesellschaft, und die Pferde hatten es nicht leicht.

Als der Knecht Strakosch vorn auf dem Kutschbock einmal für eine Weile schlief und sein Nebenmann die Zügel übernommen hatte, passierte prompt ein Unfall, die Kutsche fuhr in einen Graben und kippte zur Seite. Sie blieb halb geneigt hängen, und auf den Rädern, die unten im Schlamm steckten, lastete das ganze Gewicht. Es knarrte und krachte schon bedenklich.

Unter den Anweisungen Strakosch's, der sofort hellwach war, drückten und schoben die Männer den Wagen wieder in die aufrechte Position. Er kroch sogar darunter und verkeilte einen Baumstamm zum Anheben, obwohl er selbst dabei hätte zerquetscht werden können. Auch Walter von Vargula hatte mit Hand angelegt und auf der anderen Seite an den Stricken gezogen. Er war dabei einmal ausgerutscht, hatte den Halt verloren und war ein paar Meter die Böschung hinabgefallen.

Er tat sich nicht weh, aber aus seiner Manteltasche war die kleine Holzfigur herausgerutscht, die ihm das alte Zigeunerweib gegeben und die er ganz vergessen hatte; sie kullerte noch ein Stück abwärts und blieb zwischen Steinen und Kraut liegen. Elisabeth bekam sie nie in die Hand, und wer weiß, ob ihr Leben anders verlaufen wäre, wenn der Glücksbringer der alten Polya Parikha darauf Einfluss genommen hätte.


 
* * * * * * * *
Frauenzimmer
 

Seit Tagen hing Elisabeth wie eine Klette an Britta. Sie ließ sie nicht aus den Augen und folgte ihr überallhin. Sie tat es scheinbar zufällig, grundlos, aber eben doch so, daß Britta es merken musste. "Ist irgendwas?", fragte sie, und Elisabeth schaute überrascht zu ihr hin. "Was?" "Willst du was von mir?" "Nö, wüsste nicht was. Oder doch, warte ... jetzt fällt es mir nicht mehr ein."

Wenn Britta Sachen in die Wäscherei schaffte, war Elisabeth auch dort; wenn sie in Sophias Gemach sauber machte, tauchte Elisabeth auch da auf. "Oh, schau mal, Britta", sagte sie und zeigte auf irgendein Kunstwerk, das Sophias Raum schmückte, "ist das neu?" "Das steht seit Ostern vor drei Jahren da", murmelte Britta. Wenn sie mit den Wachleuten schäkerte, guckte Elisabeth um die Ecke; sogar wenn sie den Abfall in die Grube warf, stand Elisabeth auf der anderen Seite und winkte ihr zu.

Britta fiel auf, daß sie immer besonders hübsch angezogen war, sie hatte Kleider herausgesucht, die sie sonst nicht besonders bevorzugte, weil sie ihrer Meinung nach zu damenhaft aussähen oder weil man sich mit ihnen so in acht nehmen musste. Sie standen ihr ausgezeichnet. "Ich dachte, das gelbe Kleid magst du nicht", sagte Britta. "Och, ich hab' heute morgen kein anderes gefunden. Hast du in meinem Kleiderschrank alles durcheinandergebracht?" "Ich? Ich habe seit drei Wochen keinen Finger in deinem Kleiderschrank gehabt." "Da müsste mal aufgeräumt werden." "Dann tu's doch", sagte Britta. "Keine Lust. Oder wir machen es zusammen?" "Fräulein, ich habe alle Hände voll zu tun, vielleicht am Donnerstag."

Dann kam Elisabeth eines Tages an und hatte sich von der Schlämmkreide auf Stirn und Wangen aufgetragen. Sie ging an Britta vorbei und sah aus wie der Vollmond im Februar. "Was hast du denn gemacht?" "Bitte?" "Du siehst aus, als hättest du die Schwindsucht." "Du dumme Gans", entgegnete sie hochnäsig, "für dich soll es ja auch nicht sein." Britta unterdrückte ein Lachen. "Für wen dann, wenn ich fragen darf?" "Siehst du nicht, daß es mich noch entbehrlicher macht." "Das kannst du nicht meinen, entbehrlicher." "Was denn sonst?" "Vielleicht begehrlicher", flüsterte Britta, "ist es das, worauf du aus bist?" "Kann sein. Und?" "Was und?" "Bin ich's nun?" "Ich weiß nicht, für mich siehst du so aus, als müsste man achtgeben, daß man sich nicht bei dir ansteckt." "Oh, du ... du Hexe. Du bist bloß neidisch."

Am übernächsten Tag hatte sie immer noch vereinzelte weiße Flecken im Gesicht. "Sag mal, Britta, was ich dich fragen wollte, wie ist das eigentlich, wenn man ..." "Wenn man was?" "Ach nichts, du weißt das bestimmt nicht." Und sie ging weg. Sie schwänzte auch die Unterweisungen bei Meister Immenberg. Und ständig schlich sie um Britta herum wie die Katze um den heißen Brei. "Hast du keinen Unterricht?" "Meister Immenberg hat mich fortgeschickt." Britta sah sie zweifelnd an, Elisabeth sagte schnell "Ich soll die Natur beobachten. Was guckst du mich so an? Die Vögel, die Bäume, Wolken, du weißt schon, Libellus naturääähhh, das Buch der Natur, davon hast du ja keine Ahnung."

Dann lauerte sie ihr regelrecht auf. "Wohin gehst du?" "In die Stadt." "Zu Len... zum Bäcker?" "Auch." "Ich komme mit." "Nein", sagte Britta, "du bleibst hier und gehst du Meister Immenberg." "Aber der hat ..." "Der hat mir gesagt, wenn du wieder gesund bist, sollst du zum Unterricht kommen." "Ich bin gar nicht krank." "Eben. Und ich bin zwar nicht klug, aber von mir kannst du auch einen weisen Spruch kriegen, der heißt: Lügen haben kurze Beine!" "Das ist ja doof. Wieso haben Lügen kurze Beine?" "Denk' mal drüber nach." Sprach's und machte sich auf den Weg. Elisabeth rief ihr hinterher, aber Britta reagierte nicht. "Alte Hexe."

Für Elisabeth war das eindeutig: Britta war öfter bei Lenhart Kling als sonst irgendwo. Sie besuchte den Bäckersohn nicht nur, wenn sie zum Brotholen in die Stadt ging, sondern auch, wenn sie eigentlich nur andere Besorgungen auf ihrer Liste hatte. Sie nannte das "einen Abstecher machen", was in Elisabeths Ohren entsetzlich klang. "Warum kommst du so spät zurück?" "Ich habe noch einen Abstecher zu Klings gemacht", sagte sie dann, und einmal fügte sie hinzu "außerdem, was geht dich das an, wo ich hingehe." "Man wird ja noch fragen dürfen." "Fragen ja, aber nicht wie bei einem Verhör."

Elisabeth verstand nicht. "Was meinst du damit?" "Ich glaube manchmal, du missgönnst mir das." "Aber was denn?" "Daß ich gern mal zu Klings gehe." "Unsinn. Von mir aus kannst du das Apfelmännchen besuchen. (Das war ein Eisenacher Obsthändler, der mit seiner Körpergröße einer gewissen Sorte seiner Früchte ziemlich ähnlich sah, die darauf warteten, entsaftet zu werden.) Der ist natürlich nicht so ansehnlich wie Lenhart Kling." "Nee, allerdings nicht." Mit diesem "allerdings" hatte sich Britta für die scharfe Frage von eben gerächt, obwohl sie es gar nicht wollte. Aber dieses Mädchen war in letzter Zeit unausstehlich, da musste man einfach mal dagegenhalten. Und es hatte gesessen.

Elisabeth schnappte nach Luft, dann äffte sie Britta nach "Allerdings nicht. Allerdings gehe ich nicht einfach mal so zu Klings." Auch diese Formulierung war der reinste Witz: "zu Klings", als ob sie dem alten Bäckermeister ihre Aufwartung machen würde. "Allerdings weiß alle Welt, daß ich nur wegen Lenhart da hin gehe." Britta wurde zornig, sie hätte ihr am liebsten eine runtergehauen. Aber sie schwieg, obwohl sie beinahe vor Wut platzte. Ihr Schweigen reizte dagegen Elisabeth noch mehr. Und sie verriet auch unbewusst, worum es ihr eigentlich ging. "Was ist denn so Besonderes an ihm?" Britta schwieg, sie konnte sehen, wie Elisabeth an ihrer Schnur zappelte wie ein Fisch. "Na sag' schon."

Britta tat, als wäre sie taub, sie widmete sich ihrer Arbeit, ohne Elisabeth noch mal zu beachten. Die rief "Weißt du auch, daß du nicht die einzige bist, mit der Lenhart was hat!" Das war gemein, und Elisabeth fühlte sich, als hätte sie einen vergifteten Pfeil auf Britta abgeschossen, aber es interessierte sie doch, ob sie getroffen hatte. Britta drehte ihr den Rücken zu und dann entfernte sie sich wortlos. Sie war ihr nicht länger böse, im Gegenteil, sie sah ja, wie Elisabeth sich damit quälte, etwas zu erfahren, das sie ungeheuer beschäftigte, und wofür Britta die einzige Person war, die es ihr erklären konnte.

Aber dann trieb sie es auf die Spitze. Sie war Britta nachgeschlichen. Natürlich ging sie wegen Lenhart zu den Bäckersleuten, und obwohl sich die beiden anfangs alle Mühe gaben, ihr Techtelmechtel zu verheimlichen (zumindest die Tatsache, daß es bereits weit mehr als der Austausch eines freudestrahlenden Lächelns und vielsagender Blicke war), hatten nicht nur Klings Nachbarn längst Wind davon bekommen. Und daran, so muss man sagen, waren Britta und Lenhart selber schuld, denn ihre Beziehung hatte sich so heftig entwickelt, daß sie darüber alles um sich her vergaßen und unvorsichtiger Weise dem Gerede der Leute Vorschub leisteten.

Nun war Lenhart schon seit langem, eigentlich seitdem er Britta zum ersten Mal sah, in sie verliebt, und es war ihm vielleicht bloß nicht richtig gelungen, ihr das deutlich genug zu zeigen; oder Britta hatte ihn, wie das umworbene Frauen zu tun pflegen, erst ein bisschen schmachten lassen. Wie auch immer, eines Nachmittags, als sie beide in der Backstube allein waren, wurden sie plötzlich von ihrer Liebe und Lust überwältigt, ließen ihren Gefühlen freien Lauf und trieben es auf dem Boden so ungestüm, daß das Mehl aufstiebte und von der Erschütterung die Brote vom Regal rutschten.

Da war es endlich passiert, und sie waren beide ein bisschen erschrocken gewesen. Lenhart hätte zum Vater gehen sollen, um ihm zu sagen, daß er um Britta gefreit habe und sie sich verloben werden, und er hätte das Einverständnis des Alten erbitten sollen. Denn andernfalls würden sie es weiter heimlich tun müssen, was natürlich ein schlechtes Licht auf Lenhart und auf die ganze Bäckersfamilie geworfen hätte, wenn sie dabei erwischt worden wären, und daran wollten sie beide nicht schuld sein.

Aber es war so schön gewesen! Und nichts konnte sie davon abhalten, es wieder zu tun - und wieder und kaum, daß sie sich einen Tag lang nicht gesehen hatten: wieder! Und keiner dachte dabei mehr an das Gerede der Leute und auch nicht an Verlöbnis oder irgendwelche Konventionen, keiner von beiden dachte an irgendetwas anderes als daran, ihre Begierde zu stillen und neue Begierde zu wecken - wenn man das überhaupt als "denken" bezeichnen kann, denn eigentlich geht dabei ja alles wie von selbst und wie im Rausch, wie in einer übersinnlichen Ohnmacht.

Und Lenhart sagte bloß "Ach, lass' die Leute doch reden! Was kümmert uns das." Und noch bevor Britta etwas einwenden konnte, bedeckte er ihre Lippen mit heißen Küssen. In Wahrheit hatte Britta nur das hören wollen, und sie fand, daß die gehörige Portion Übermut und Dreistigkeit ihn noch schöner und noch männlicher machte. Sie waren nur noch auf der Suche nach einem Örtchen, wo sie sich verstecken und ihrer süßen Wollust frönen und im holden Liebesspiel versinken konnten. Das war es, was Britta "einen Abstecher machen" nannte!

Die Bäckerei hatte drei aneinander gereihte Häuser, von denen das mittlere das eigentliche Wirtschaftshaus war, das andere zum Wohnen diente und in dem dritten sich die Lagerräume befanden. Sie waren durch Brandmauern voneinander abgegrenzt, hatten aber untereinander Verbindung durch winzige Türen, durch die man nur gebückt gehen konnte. Die Rohstoffe fürs Backen mussten ausschließlich auf der Hofseite außen entlang unter einem überdachten Vorbau herangeschafft werden und wurden auch auf dem Hof angeliefert. (Man konnte ihn durch ein großes Tor zur Straße hin erreichen.)

Einige Kammern wurden so gut wie nie betreten und vor allem der Dachboden der Bäckerei blieb lange ungenutzt. Bis zu dem Zeitpunkt, als Britta und Lenhart ihn für sich in Beschlag nahmen. Man konnte über eine schmale, steile Treppe hochsteigen, die gleich links hinter der Haustür war. Sie knarrte zwar fast auf jeder Stufe, aber wenn man sich vorsah und auf leisen Sohlen ging, konnte man unbemerkt hinauf schleichen.

Elisabeth, die es vor Neugier nicht mehr aushielt, war Britta schon einige Male gefolgt, hatte auch Klings Bäckerei betreten, wo man sie freundlich begrüßte, aber auf die Frage nach Britta bloß mit den Schultern zuckte. "Britta ist nicht hier." "Und Lenhart?", fragte Elisabeth und musste ihre Aufregung verbergen. "Lenhart ist in die Stadt gegangen, irgendwas erledigen. Was wollt Ihr von ihm, Prinzessin?" "Ach nichts", sagte sie und verabschiedete sich schnell.

Es war zwar eine Menge Leute auf der Gasse, aber sie hätte schwören können, daß sie gesehen hatte, wie Britta ins Haus geschlüpft war. Und Lenhart in der Stadt? Da war etwas faul! Und es passte andererseits alles hübsch zusammen: die beiden Turteltauben ausgeflogen und der alte Kling hatte keinen blassen Schimmer. Und wie sie die Bäckerei verlassen wollte, da sprang ihr die Katze vor die Füße und sie war diese morsche, verstaubte Treppe herab gekommen. Sie strich um Elisabeths Beine herum und hob den Schwanz wie zum Achtung-Zeichen, wollte sie ihr etwas mitteilen? Elisabeth konnte sich nicht zurückhalten und stieg hinauf und - Himmelherrgott, was musste sie erblicken!

Britta hatte nichts gesagt. Und Elisabeth hatte auch nichts gesagt. Wenn sie vorher ständig an ihr dranhing, so scheute sie jetzt ihre Nähe. Aber es lag etwas in der Luft zwischen ihnen, fast wie ein Gewitter, das sich zusammenbraut, bis es sich entladen muss. Elisabeth beobachtete Britta aus den Augenwinkeln heraus, und Britta würdigte sie keines Blickes. Wenn sie nicht umhin konnte, in Elisabeths Anwesenheit ihre Stube zu betreten, dann tat sie so, als wenn Elisabeth verreist wäre; es hätte nicht viel gefehlt und sie wäre auch noch über ihre Füße gestolpert.

Einmal fing sie sogar an, vor sich hin zu pfeifen, es klang zwar nicht besonders vergnügt, eher angestrengt, aber es versetzte Elisabeth einen Stich ins Herz und sie glaubte ganz genau zu spüren, wie ihr Britta damit eine Abfuhr erteilen und ihr deutlich machen wollte, daß sie ein freches, hinterlistiges und neugieriges Ding ist und zugleich ein unreifes und naseweises Mädchen, das glaubt, alles zu wissen, alles besser zu können und in Wahrheit doch nur darauf aus ist, anderen etwas nachzumachen und so sein zu wollen wie sie. So fühlte sie sich jedenfalls. Aber das durfte niemand merken.

Das Donnerwetter, das über ihnen drohte, hätten sie nur beide gemeinsam abwenden können, wenn eine von ihnen endlich den ersten Schritt dazu getan hätte. Elisabeth saß stundenlang in ihrem Zimmer, aß nichts, sprach nichts, beschäftigte sich mit nichts anderem als darüber nachzugrübeln, wie sie über Britta triumphieren könnte, wie sie sie gefügig machen könnte - Ha! - nicht bloß gefügig, sondern geständig! Wie sie alles aus ihr herausquetschen könnte, das sie, Elisabeth Königstochter, über diese ungeheuerlichen Vorgänge erfahren muss.

Wenn Britta nicht da war, wenn sie in die Stadt gegangen war, oh, wie ballte Elisabeth die Fäuste zusammen und war fassungslos darüber, daß sie offenbar auf nichts mehr Einfluss nehmen konnte (da war sie übrigens wie ihre Mutter Gertrud). Es war, als wäre sie durch das Schweigen, das zwischen ihnen herrschte, gleichsam ihrer Handlungsfähigkeit beraubt worden. Sie saß hier und guckte Löcher in die Luft, und drunten vergnügte sich Britta mit ihrem Liebhaber und scherte sich keinen Deut um die anderen. Oh, das war so gemein von ihr, sie jetzt im Stich zu lassen, gerade jetzt, wo sie, Elisabeth, dringend jemanden brauchte, mit dem sie sich mal richtig aussprechen könnte.

Und wenn das so weiterging, würde sie sich nicht anders zu helfen wissen, als Britta die Treppe hinabzustoßen oder allen Leuten zu erzählen, was sie gesehen hatte, so eifersüchtig war sie auf Britta. Oder auf Lenhart. Oder auf alle beide. Ach! Arme Elisabeth. Nie im Leben hätte sie ihr etwas angetan, nicht Britta, nicht dem liebsten Menschen, den sie auf der Welt hatte. Warum zum Teufel war sie aber auch so stur wie ein Esel!

Als Britta in ihrer Stube war, sagte Elisabeth "Ich habe überhaupt nichts gesehen." "Gut so", gab Britta zurück und verschwand wieder, als sie mit ihrer Arbeit fertig war. Zwei Tage lang kein Wort. Beim nächsten Mal gab sich Elisabeth einen Ruck und sagte "Ich habe auch niemandem etwas davon erzählt." "Danke", sagte Britta und wandte sich dabei sogar kurz zu ihr um. Dann ging sie wieder. Elisabeth atmete auf, dieses "Danke" klang schon anders, nicht mehr so abweisend, fast schon wie ein Angebot.

Beim dritten Mal wusste sie aber nicht mehr, was sie sagen sollte und saß bloß da, knetete die Finger im Schoß, schaute aus dem Fenster und horchte auf die Geräusche, die Britta machte, während sie den Fußboden fegte. Dann kam sie in ihre Nähe. "Einmal Füße heben", sagte sie, "und oben lassen." Sie kehrte mit dem Besen um ihren Stuhl herum und darunter hinweg und machte es ganz besonders gründlich.

"Kann ich wieder runterlassen?", fragte Elisabeth, als Britta schon bei der nächsten Ecke war. "Was?" "Kann ich die Füße wieder absetzen?" "Na klar, wenn du nicht ewig da sitzen bleiben willst." "Hatte ich nicht vor." "Das trifft sich gut." "Wieso?" "Ich dachte, du kommst mit in die Stadt." "Etwa zu Lenhart?", fragte Elisabeth schon wieder höhnisch und bereute es sofort. "Wenn du willst." "Nicht unbedingt." "Dann gehen wir nicht da hin." Elisabeth war ein bisschen verdutzt, Britta sagte "Du entscheidest, was wir machen."

"Ist heute Markt?" "Ja." "Dann holen wir uns frisches Obst und ein paar Süßigkeiten und machen es uns hier gemütlich." "Gute Idee." "Und dann", fuhr Elisabeth fort, "kann ich dich ausfragen." "Über was?" "Du weißt schon über was." Britta zog die Stirn in Falten. "Das gehört nicht zu meinen Aufgaben." "Dann erweitern wir eben deine Aufgaben. Außerdem hast du gesagt, ich entscheide." "Aber dann reden wir nie mehr davon." "Ist gut." "Und du läufst mir auch nicht mehr nach." "Nein." Elisabeth machte eine lammfromme Miene. "Dann lass' uns gehen." "Sofort."

An dem Obststand vom Apfelmännchen war keiner zu sehen, obwohl seine Waren ausgebreitet und aufgehäuft da lagen. "Hallo!", rief Britta und drehte sich nach allen Seiten hin um. "Warten Sie, meine Dame, laufen Sie nicht weg", kam es von unten hervor, "ich musste nur schnell etwas aufräumen", sagte das Apfelmännchen und erschien hinter seinem Stand; es ragte auch so kaum über seinen Ladentisch hinaus.

Es war tatsächlich rund wie ein Apfel, und seine Stummelbeinchen konnte man nur erahnen. Sein Kopf war wie die verkleinerte Kopie seines Körpers, nur die Haare waren ganz kraus und standen ab, als wären eben alle vier Winde gleichzeitig hindurchgebraust. Es hatte zwei Mäuseaugen, die eng beieinander standen und die außerordentlich gutmütig dreinschauten. Wahrscheinlich stammte das Apfelmännchen selber von irgendeinem Baum, der es abgeschüttelt hatte, als es reif war und so aussah, als könnte es auf seinen zwei Beinchen stehen.

"Ah, gleich zwei schöne Damen beehren mich", sagte es, "womit kann ich Ihnen dienen?" Elisabeth hatten es die frischen Erdbeeren angetan. "Sie beweisen einen guten Geschmack, mein Fräulein", sagte das Apfelmännchen, das die Prinzessin offenbar nicht erkannte, "die kommen aus den besten Lagen." "Woher kommen die?", fragte Britta. "Von sehr gut gepflegten Beeten." "Haben Sie die selbst gepflückt?", fragte Elisabeth. "Oh, nein, mein Fräulein, dafür fehlt mir weiß Gott die Zeit, daß ich das auch noch selber machen könnte. Aber ich versichere Ihnen, daß diese Erdbeeren erst heute früh geerntet wurden, sehen Sie, diese hier bewegt sich noch."

Es nahm eine große reife Beere und mit einem geschickten Schnippen sah es aus, als würde sie aus seinen Fingerchen fortspringen und nur den Stiel mit den Blättchen zurücklassen. Aber es fing sie in einem sauberen, weißen Tüchlein, das es in der anderen Hand hielt, auf, reichte sie ihr dar und sagte "Probieren Sie." "Eine halblebendige Erdbeere soll ich verschlingen?", sagte Elisabeth, und das Apfelmännchen wusste nicht, ob sie es ernst meinte oder nicht.

Es schaute mit seinen Mäuseaugen auf die Frucht, und die beiden beugten sich ebenfalls darüber. Das Apfelmännchen sagte beschwichtigend "Ich glaube, sie spürt nichts mehr", und Britta bestätigte "Sieht ganz so aus." "Na dann", sagte Elisabeth und steckte die Erdbeere in den Mund. "Schmeckt köstlich." "Ich fülle Ihnen ein Körbchen damit."

Während es das tat, sagte es leiser, als würde es etwas Vertrauliches ansprechen "Ich habe da einen hervorragenden Apfelwein, wenn die Damen ein Schlückchen gustieren mögen?" "Was meint es damit?", flüsterte Elisabeth, und Britta zuckte mit den Schultern. Es schenkte den Wein, der hellgolden wie ein Sonnenstrahl an einem Frühsommertag war, in zwei kleine Becher ein und reichte sie ihnen. Dann sagte es "Ach was, ich werde zur Feier des Tages ein Becherchen mittrinken."

"Aber natürlich", sagte Elisabeth, und Britta fragte "Was für ein Feiertag ist denn heute?" "Der Tag, an dem ich das Vergnügen habe, mich mit Ihnen zu unterhalten, meine Damen, das passiert nicht jeden Tag." "Dann wär's ja auch langweilig", sagte Elisabeth, die sich an den Erdbeeren aus dem Körbchen gütlich tat. "Also dann, auf Ihr Wohl", sagte das Apfelmännchen und erhob den Arm mit dem Becher, der dennoch gerade mal den beiden bis zu den Schultern reichte.

"Oh", rief Britta nach dem ersten Schluck, "der schmeckt ja gut, so ... ich weiß nicht, so ..." "Spritzig", sagte das Apfelmännchen und kicherte. "Ja, genau, spritzig. Was meinst du, Elisabeth?" "Ähm, ich bräuchte vielleicht noch eine Probe, um mir ein Urteil zu bilden." "Aber selbstverständlich", beeilte sich das Apfelmännchen und schenkte beiden noch einmal ein. "Wir bezahlen die Flasche auch", sagte Britta. "Sie dürfen sich ruhig auch noch mal nehmen", sagte Elisabeth, der schon nach dem ersten Becher so zum Lachen zumute wurde. "Oh, vielen Dank", sagte das Apfelmännchen, "welche Ehre, von zwei so schönen Damen eingeladen zu werden." Sie tranken alle drei aus, und es füllte abermals die Becher.

Dann fiel ihm etwas ein. "Wenn ich eben recht gehört habe, ist Ihr Name Elisabeth? Doch nicht etwa Prinzessin Elisabeth?" "Und wenn ich nun ...", sagte sie und lachte, aber Britta fiel ihr ins Wort: "Nein, das ist sie leider nicht." Sie schaute Britta überrascht an. Das Apfelmännchen wollte doch gern ihre Antwort hören. "Und wenn Sie was?" Britta machte ein lautloses Zeichen, und Elisabeth sagte, nachdem sie sich selber noch mal eingegossen hatte, "Und wenn ich nun bloß eine arme, arme - sie knickte plötzlich ein und musste ihre Hand auf dem Brett aufstützen - eine arme, arme, arme ... Gänsemagd wäre, die heute ausnahmsweise an Ihrem Stand vorbeikommt, würden Sie mich dann auch so nett mit Ihrem Apfelwein bewirten?" "Ich mache keine Unterschiede bei den Menschen, ob Prinzessin oder Gänsemagd, sie sind mir gleich willkommen. Aber Ihnen, meine Damen würde ich meine letzten Erdbeeren und die letzte Flasche Wein anbieten, und wenn sie der Kaiser persönlich für sich reserviert hätte." Britta lachte. Elisabeth sagte "Das war Ihre letzte Flasche?" "Aber nein, das war bloß eine Annahme."

Es hatten sich schon weitere Kunden angestellt, und Britta sagte "Dann nehmen wir noch eine Flasche davon und die Erdbeeren - Elisabeth hielt ihr das leere Körbchen hin - und noch eine Portion Erdbeeren, und diese Flasche berechnen Sie uns bitte auch." "Nicht doch", wehrte das Apfelmännchen ab, "die übernehme ich." "Kommt gar nicht in Frage", entgegnete Britta. "Dann müssen wir sie aber auch austrinken", sagte Elisabeth und drehte sich zu den Leuten um, die hinter ihr standen, "oh Gott, wo kommen die denn her?"

Britta und das Apfelmännchen stritten sich ums Bezahlen, schließlich sagte es "Gut, dann teilen wir uns darein." Britta war einverstanden. Sie nahmen Wein und Erdbeeren und zogen davon. Das Ende fand Elisabeth kläglich. "Die ganze Zeit spielt es sich auf wie ein Verehrer, und dann reitet es auf der halben Zeche herum wie ein Krämer." "Aber es hat doch die Hälfte übernommen."

Elisabeth winkte ab. "Wenn es richtigen Stil besäße, hätte es nicht gewagt, dir zu widersprechen." "Sicher hast du recht, aber hast du schon mal ein Apfelmännchen mit einem richtigen Stil gesehen?" Sie fing an zu lachen, und Elisabeth wusste nicht ganz worüber, aber dann wurde sie davon mitgerissen und sie lachten beide so sehr, daß die Erdbeeren im Körbchen hüpften.

Wie abgemacht holten sie sich ein paar Süßigkeiten dazu und verließen den Markt durch die Grüne Gasse und am Jakobsbrunnen vorbei, bis sie auf einen Weg kamen, der durch das Heutal zur Burg führte und der zunächst bis zu den Hangwiesen anstieg, wo sie an einem Platz, der "Am Katzenbuckel" hieß, eine Pause einlegten und sich ins Gras setzten.

Es war herrliches Wetter, und die Vögel sangen auf den Zweigen und die Blumen und die Bäume dufteten, und es war so warm, daß Elisabeth Schuhe und Strümpfe auszog und mit den Zehen im Sonnenschein wackelte. "Hier übernachten wir", befahl sie. Der kleine Schwips, den sie sich auf dem Markt angetrunken hatte, hatte sich beim Laufen verflüchtigt, von den Erdbeeren hatte sie auch erst mal genug, und die Süßigkeiten, von denen Britta jetzt naschte, waren ihr zu klebrig.

Kaum, daß sie es sich bequem gemacht hatte, bedrängte sie Britta von neuem, ihr endlich alles über Lenhart zu verraten. "Was ist denn alles?", fragte Britta und stellte sich dumm. "Eben alles." "Da musst du schon ein bisschen genauer fragen, ich meine, daß er Lenhart heißt und ein schöner Mann ist, das braucht man nicht extra zu sagen." "Na ja, schön", machte Elisabeth und wiegte den Kopf. "Was?", sagte Britta, "Findest du ihn etwa nicht schön?" "Doch. Schon." "Aber?" "Es gibt eine ganze Menge schöner Männer." Britta sah sie verwundert an: das klang ja beinahe so, als hätte sie sich schon eine Liste davon angelegt.

Elisabeth fuhr fort: "Wie ich dich kenne, gefällt dir an Lenhart noch etwas anderes als nur sein Aussehen." "Ja, er ist schlau, geschickt und bringt mich zum Lachen." "Wie bringt er dich zum Lachen?" "Er erzählt lustige Sachen. Er hat auch schon viel erlebt, er ist mal die Werra entlang gewandert bis zur Elbe." "Bis zur Elbe?" "Oder nein, bis zur Donau." "Bis zur Weser vielleicht." "Genau, bis zur Weser, was du alles weißt." Elisabeth knurrte bloß. "Nicht der Rede wert."

"Und die Weser ist er weiter gelaufen bis ... zur Nordsee? Kann das sein?" "Er hat's doch dir erzählt." "Die Namen kann ich mir immer schlecht merken." Elisabeth zog die Augenbrauen hoch; sie hatte sich etwas mehr erwartet als einen Vortrag über Flüsse. Sie hatte den Verdacht, daß Britta ablenken will, sie redete auch so komisch daher. "Und dafür verkriecht ihr euch auf dem Dachboden?" "Wer verkriecht sich denn?" "Jetzt mal raus mit der Sprache, Britta, was macht ihr da oben? Ganz ehrlich." "Hui, du brennst darauf, es zu erfahren, was?"

"Behandel' mich bitte nicht wie ein Kind", sagte Elisabeth und blickte vor sich hin auf den Boden, "es ist mir wichtig, und ich rede mit dir, weil du der einzige Mensch bist, der mir die Wahrheit sagt." "Woher willst du das wissen?", fragte Britta. "So ist es eben. Manche Dinge spürt man doch, ohne sie erklären zu können." "Das stimmt. Und genauso ist es mit meinem Verhältnis zu Lenhart. Ich mag ihn eben, und ich kann es auch nicht bis in die kleinste Einzelheit hinein begründen. Will ich auch gar nicht. Warst du denn schon mal so richtig verliebt?"

Schlagartig schoss Elisabeth das Blut in den Kopf und ihr Herz schlug doppelt so schnell. Es war ihr, als hätte sie eine Stimme sagen hören: "Liebst du mich?" Und sie wusste auch, zu wem diese Stimme gehörte. Daß jetzt, gewissermaßen stellvertretend, Brittas Stimme und Worte Auslöser für ihre Gefühlswallung waren, das war wie eine Bestätigung dessen, was Elisabeth schon längst für sich festgestellt hatte, daß nämlich die Liebe zwischen zwei Menschen auf unsichtbare Weise schwebte und webte und sich beliebiger Vermittlungen und Vermittler zwischen Himmel und Erde bedient, um sich bemerkbar zu machen. Oh ja, es gab eine dauernde Verbindung zwischen ihnen.

Es war möglich, aus den sichtbaren, fassbaren Dingen so etwas wie untergründige Botschaften herauszulesen, wenn man es nur richtig anstellte. Es musste nicht mal etwas Besonderes sein, es genügten ganz alltägliche Dinge, die einen an den andern erinnern. Sie hatte da leeres Schneckenhaus, das Ludwig ihr seinerzeit in Weißensee geschenkt hatte. Angeblich hatte es ein Pilger aus Spanien von der Küste des Ozeans mitgebracht, es hatte eine wunderschöne Färbung und es sah immer aus wie neu.

Sie musste es bloß in die Hand nehmen und die Augen schließen - und schon war Ludwig ihr ganz nah und redete mit ihr. Und dann hatte sie noch etwas daran entdeckt. Als sie einmal nicht schlafen konnte und der Vollmond zum Fenster herein schien, da hatte dieses Schneckenhaus, das auf dem Tisch lag, einen zauberhaften Glanz bekommen, und sie hatte ganz deutlich das Gefühl, daß gerade in diesem Moment auch Ludwig schlaflos in seinem Bett liegt und an sie denkt.

Als Britta Elisabeths Erregung bemerkte, sagte sie: "Was ist? Geht es dir gut? Wollen wir uns lieber in den Schatten setzen?" "Ja, ich war schon mal verliebt, und ich bin es noch, bin es mehr denn je." Britta lachte, umarmte sie und gab ihr einen Kuss auf die Wange, und Elisabeth konnte nicht anders, als sie wiederzuküssen, so überschwänglich war ihr. Dabei musste Britta doch eigentlich am besten wissen, wie es um ihre Gefühle stand, denn sie war ja die ganze Zeit in ihrer Nähe gewesen, und sie konnte unmöglich vergessen haben, was Ludwigs Brief damals bei ihr ausgelöst, und wie sie einen wahren Freudentanz vollführt hatte.

Sie kniete sich neben Britta und heftete ihren Blick auf sie. Sie musste nicht länger bitten und betteln, und Britta sagte ihr, soweit sie sich selbst darüber im klaren war, warum sie Lenhart mehr liebte als irgendeinen anderen Mann, der vielleicht ebenso ansehnlich wäre, aber bestimmt nicht so rücksichtsvoll und einfühlsam und zärtlich und verlässlich und auch so stürmisch und hemmungslos und aufregend und unersättlich wie er. "Wie meinst du das: unersättlich?", fragte Elisabeth. "Unersättlich in der Liebe."

"Warum ist das schön?" "Weil man von allem, was passiert, nicht genug bekommen kann. Man möchte die Zeit anhalten, damit es nicht vorbeigeht, damit es nie endet. Es ist, als würde man immer noch mehr Durst leiden, je mehr man trinkt. Oh ja, es ist über alle Maßen schön, so sehr, daß man sogar den Schmerz als angenehm empfindet." "Tut es denn weh?" "Nein. Na ja, vielleicht beim ersten Mal ein wenig. Aber ich will dir etwas verraten: zwei- oder dreimal hat mich Lenhart gebissen, und es war phantastisch."

Elisabeth schreckte zurück. "Gebissen? Wie ein Hund?" "Vielleicht, ja. Aber er hat schönere Zähne, und er knurrt nicht so grimmig dabei", lachte sie. "Wo hat er dich gebissen?" Sie zeigte auf ein paar Körperstellen. "Hier und hier, ah, und hier auch mal."

Elisabeth hatte alles erwartet, aber nicht das. Eben schwante ihr noch etwas von heimlichen Zeichen und Botschaften der Liebe, die wie von Engeln überbracht werden, und nun hörte sie von solchen Gewalttätigkeiten. Sie würde ja noch nicht mal jemanden beißen, wenn sie böse auf ihn wäre, wieviel weniger, wenn sie ihn liebte. "Beißt denn jeder Mann?", fragte sie. "Ach wo. Es gehört nicht unbedingt dazu, es ergibt sich eben manchmal. Bisse reimt sich auf Küsse, sagt man doch. Und was ist dabei? Solange einer den andern nicht auffrisst." "Dann sag' mir lieber, was unbedingt passieren muss." "Gar nichts. Bei der Liebe gibt es doch kein Gesetzbuch mit Vorschriften, das ist kein Haus, das man nur von unten nach oben baut. Genauso gut kann alles schiefgehen und es wird ein einziger Krampf."

"Ist bei euch schon mal was schiefgegangen?" "Das hatte ich jetzt so auf die Ehe insgesamt bezogen, nicht alle Paare werden glücklich." "Ja, ja, ich weiß. Aber ich meinte, ob dabei irgendwas Dummes passiert ist." Britta sagte "Oh, ja, einmal hat uns jemand überrascht." "Wer war das?" "Na, wer war das?" Elisabeth stupste sie in die Seite. "Mensch, ich hab' dir doch gesagt, ich konnte gar nichts erkennen, das war viel zu dunkel." "Wie hast du uns dann überhaupt gefunden?" "Ähm, da war die Katze und, na ja, irgendwie hat man euch gehört. Muss man ... gibt man immer so komische Laute von sich." "Dagegen kann man nichts tun." "Wenn's beide machen, ist es vielleicht nicht so albern." "So ist es, und es steigert auch die Lust." "Wenn man keucht, als wäre man fünfmal durch die Werra geschwommen?" "Nicht nur das, alles kann die Lust steigern. Man flüstert sich auch schöne Worte ins Ohr, man küsst sich, man streichelt sich ..." "Wo?" "Am Hals, am Arm, an der Brust." "Wo, hier?" "Ja. Großer Gott, du willst wirklich alles ganz genau wissen, was?"

"Puh", machte Elisabeth und fächelte sich mit beiden Händen Luft zu, "ich glaube, mir wird schon bei dem Gedanken ganz anders." "Ach Unsinn. Du kriegst jetzt vielleicht ein bisschen Angst, weil das alles so ungewöhnlich klingt." "Grauenhaft! Stöhnen wie ein Kranker, sich beißen lassen, ich mache das nie." "Musst du auch nicht, achte gar nicht darauf, lass' es einfach geschehen, alles kommt wie von selbst, wenn ihr euch wirklich gern habt." "Was hast du da eigentlich für einen Fleck an der Seite?" "Ach so? Aber nichts gesehen haben wollen."

"Das war das einzige, ich schwöre es. Hat dich Lenhart da auch gebissen?" "Nein. Das ist ein Muttermal, das habe ich von Geburt an." "Stört das Lenhart?" "Wieso sollte es?" "Mir wäre es lieber, wenn man sich nicht dabei ausziehen müsste." "Na ja, das stelle ich mir ein bisschen umständlich vor." "Meine Knie sind nicht besonders ideal gebaut." "Die Liebe, von der ich spreche, macht man jedenfalls nackt wie Adam und Eva. Keiner hat vor dem anderen etwas zu verbergen. Keine Bange, ihm werden deine Knie schon gefallen."

Britta schmunzelte. "Obwohl du natürlich irgendwie recht hast, man schämt sich auch ein bisschen und deshalb sucht man sich ein Plätzchen, wo man nicht entdeckt wird." "Mein' ich doch." "Sonst würde man auch jede Menge Leute sehen, die es auf der Gasse treiben." "Wie, treiben?"" "Oh, Verzeihung! Was für ein schmutziges Wort, das brauchst du dir nicht zu merken." "Ach, komm' schon, wofür sagt man das?"

Britta sagte, das wäre die "Vereinigung beider Liebenden", wenn sie sich körperlich ganz nahe sind, und sie erklärte auch, daß es etliche Wörter gibt, die den Vorgang benennen, obwohl sie scheinbar ganz was anderes sagen, und davon fand Elisabeth die Bezeichnung "vögeln" besonders niedlich. Aber wie sich das nun genau abspielt, damit wollte Britta nicht so richtig herausrücken. Elisabeth fragte "Und kopulieren, ist das auch wie vögeln?" "Kenne ich nicht." "Das hat Ludwig benutzt, als er mir seine Frettchen gezeigt hat." "Klingt wie ein Fremdwort, musst du mal ganz nebenbei Meister Immenberg fragen."

"Hab' ich schon, aber was der darüber gesagt hat, das passt überhaupt nicht." "Hm." "Wie geht denn das? Wenn du mir's beschreibst, kann ich vielleicht sagen, ob das kopulieren ist." Britta seufzte tief. "Ich habe dir jetzt schon allerhand verraten, denk' da erstmal drüber nach, und den Rest erkläre ich dir ein andermal." "Ja, aber ich hab' das Gefühl, der Rest ist das Wichtigste, stimmt's?" "Ach, Lisbeth, ich bin so müde." "Du wirst doch jetzt nicht schlappmachen, bei Lenhart machst du doch auch nicht schlapp." "Da muss ich auch nicht so viel reden", sagte Britta und fügte eindringlich hinzu "Jedenfalls - das bleibt alles unter uns, hast du verstanden!"

In diesem Moment fielen plötzlich ein paar dicke Tropfen herab. Wie aus heiterem Himmel ergoss sich ein Sturzregen auf die Erde und im Nu waren die beiden durchnässt. Elisabeth zog schnell Strümpfe und Schuhe wieder an, und sie rannten los und kamen klitschnass und außer Atem auf der Burg an. Elisabeth sagte "Ich warte auf dich." "Zieh dir trockene Sachen an", entgegnete Britta und verschwand in ihrer Kammer.

Als Elisabeth auf dem Gang zu ihrem Zimmer war, kam Landgräfin Sophia auf sie zu, hinter ihr Meister Immenberg. "Elisabeth, ich muss mit dir reden", sagte Sophia streng und achtete gar nicht darauf, daß von ihren Haaren und ihrem Kleid das Wasser triefte. "Ja, was ist?" "Ich habe vernehmen müssen, daß du dem Unterricht ferngeblieben bist." "Ja, ähm ..." "Warum?" "Es war so schönes Wetter, da habe ich die Natur studiert, wie es mir Meister Immenberg empfohlen hat."

Sophia drehte sich zum Lehrer um, und Elisabeth machte ihm ein Zeichen, aber Immenberg sagte "Ich sollte das empfohlen haben? Darauf kann ich mich nicht entsinnen." "Nein?" Wie konnte er so unfreundlich sein! Wahrscheinlich hat ihn Sophia unter Druck gesetzt. Aber dann soll er gefälligst standhalten. Elisabeth hätte ihm am liebsten eine Gemeinheit an den Kopf geworfen.

"Außerdem", sagte Sophia, "ist mir das ungeheuerliche Gerücht zu Ohren gekommen, daß du einen Bäckerburschen besucht hast." "Lenhart Kling?", sagte Elisabeth unvorsichtig. "Aha, du kennst ihn also." "Er ist der Kling-Sohn, ich meine, der Bäckersohn, wir holen doch dort ... Wer hat das eigentlich behauptet? Schwester Hedwig?" "Das tut hier nichts zur Sache." "Und ob das was zur Sache tut", rief Elisabeth und geriet auf einmal in Rage. "Seitdem dieses Scheusal hier ist, versucht sie, mich schlechtzumachen." "Das ist mir nicht aufgefallen." "Aber Meister Immenberg kann es bestätigen, sie kann mich nicht leiden und hinter meinem Rücken verleugnet sie mich, stimmt doch, oder?"

Sie schaute auf Immenberg, der keine Miene verzog und nur entgegnete "Ihr meint verleumden, Prinzessin. Aber ich muss mich eines Urteils hierüber enthalten, tut mir leid." "Es tut Ihnen leid?" Sie kochte vor Wut. "Und ich? Ich tue Ihnen wohl nicht leid? Und dir auch nicht, Sophia. Glaubst du anderen mehr als mir?" Sophia wurde unsicher. "Ich habe lediglich ..." Da kam Britta hinzu. Obwohl es anmaßend war, sich einzumischen, sagte sie "Elisabeth, um Himmels willen, du stehst da in den nassen Sachen herum, willst du dich erkälten?"

Nun schien Sophia erst darauf aufmerksam zu werden. "Was ist hier los? Was soll das?" Britta sagte "Ich habe Elisabeth draußen gesehen, als sie gerade Baumblätter gesammelt hat, sie sagte, die wären für ihren Unterricht, da habe ich sie reingeschickt, weil es anfing zu regnen." "Aha", sagte Sophia, als würde sie froh sein, die Wahrheit zu erfahren. Doch Meister Immenberg fragte "Und wo sind die Blätter?"

Elisabeth fröstelte, Sophia bemerkte es und sagte "Geh' rasch und zieh' dich um. Rubbel dich richtig trocken. Am besten, du nimmst ein heißes Bad." "Ja." Sie lief schnell davon, drehte sich aber noch mal um und sagte zu Immenberg: "Und was kopulieren bedeutet, das können Sie auch nicht richtig erklären." Britta folgte ihr.

Sophia schaute den Lehrer fragend an. "Was meint sie damit?" Er zuckte mit den Schultern. "Sie hat mich letztens gefragt, was 'kopulieren' heißt." "Und? Was haben Sie geantwortet?" "Daß es die Verbindung zwischen Subjekt und Prädikatsnomen in einem Satz bezeichnet." Sophia schüttelte den Kopf. "Manchmal frage ich mich, ob sich Elisabeth wirklich immer damit beschäftigt, was für ein Mädchen in ihrem Alter normal ist."

"Hast du die Flasche Wein mitgebracht?", fragte Elisabeth, während sie sich die Haare mit einem Tuch trocken rieb. "Jetzt lass' erst mal Ruhe einkehren, Fräulein." "Danke, daß du mir eben geholfen hast." "Du hättest Meister Immenberg nicht beleidigen sollen." "Und Schwester Hedwig?" "Die ist mir egal." Elisabeth sagte nach kurzem Bedenken "Ich werde mich bei ihm entschuldigen." "Was machst du da?" "Ich ziehe doch lieber das andere Kleid an."

Sie lief ein paarmal halbnackt vor Britta hin und her und murmelte "Wo hab' ich es nur hingelegt?" "Das Leinenkleid? Dort auf dem Stuhl. Jetzt zieh' dir endlich was über." "Ach ja, da ist es. Holst du den Wein?" Britta schaute zur Tür hinaus, Elisabeth sagte "Ist die Luft rein? Ich leg' mich inzwischen ins Bett, und dann erzählst du mir den Rest." Sie zog die Decke über sich und strampelte darunter und lachte. Britta warf ihr einen Blick zu, sie wusste nicht, was sie sagen sollte, dann ging sie hinaus. Elisabeth fing an zu zittern, aber es war nicht nur wegen der Kälte.

Im letzten Vierteljahr hatten sich Elisabeth und Ludwig regelmäßig Briefe geschrieben, und Ludwig war auch für zwei Wochen auf der Creuzburg gewesen, wo er selbstverständlich zu den wenigen Auserwählten gehörte, die ihr Zimmer betreten durften, und am liebsten hätte sie ihn gar nicht wieder hinausgelassen. Elisabeth hatte das Gefühl, es wäre schon wieder eine Ewigkeit her und zu allem Unglück zeichnete sich auch keine Gelegenheit ab, bei der sie sich wiedersehen würden. Sie hatte schon den Verdacht gehabt, man wollte verhindern, daß sie zusammen wären.

Aber wer sollte etwas dagegen haben? Das schlimmste, was passieren konnte, war, wenn Sophia oder Landgraf Hermann den Plan ins Auge fassten, für sie einen neuen Ehemann auszusuchen, einen fremden wohlgemerkt. Über diese Möglichkeit hatte sie mit ihrem Onkel Ekbert gar nicht gesprochen, denn es war ihr erst später eingefallen; man könnte versuchen, sie an einen anderen Fürstenhof zu vermitteln, wenn hier nicht bald klare Verhältnisse geschaffen werden.

Man hatte Ludwig, als er bei ihr war, ziemlich unvorbereitet wieder nach Weißensee geholt, gerade in dem Moment, wo sie eine kleine Reise nach Reinhardsbrunn unternehmen wollten, und Elisabeth schien es, als hätten alle gesehen, daß sie und Ludwig sich mit jedem Tag näher kamen. Sollte es leichtsinnig gewesen sein, dies so offen zu zeigen und dadurch den Argwohn wessen auch immer zu erwecken?

Angeblich musste Ludwig zurückkommen, weil er die "Schwertleite" empfangen, also in den Stand eines Ritters gesetzt werden sollte. Was auch tatsächlich geschah, wie er ihr im nächsten Brief voller Stolz mitteilte. Warum aber hatte man Elisabeth nicht gebeten, daran teilzunehmen? Für Ludwig selbst kam es überraschend, sonst hätte er wohl darauf bestanden, daß sie dabei ist. Sie wurde das Gefühl nicht los, ausgeschlossen worden zu sein, und darüber wurde sie ganz traurig.

Dann, wie um es sich auszureden, sagte sie zu sich, es könnte auch eine eilige Maßnahme gewesen sein, um für Ludwig die nötigen Voraussetzungen zu schaffen ... Voraussetzungen wofür? Damit er heiraten kann natürlich! Das war eine treffliche Erklärung, die Elisabeth sich ein paar Tage lang im stillen wiederholte. Bis sie plötzlich dachte, es könnte zwar stimmen, daß er heiraten soll, aber womöglich irgendein Mädchen, das man bereits für ihn ausgewählt hatte. Dieser Gedanke stürzte Elisabeth in noch tiefere Kümmernis.

Sie überlegte. Wenn es ein solches Mädchen, das für ihn bestimmt worden war, gibt, dann musste es Bescheid wissen. Mit anderen Worten, es muss eine geben, die weiß, daß sie Graf Ludwig heiraten wird. Und daß andererseits noch keine Entscheidung über ihr eigenes weiteres Schicksal getroffen worden war, bestätigte doch indirekt nur die Vermutung, daß diese Braut - nicht sie sein sollte! Und deshalb hielt man sie auch bis zur letzten Minute davon ab, in die Vorgänge eingreifen zu können. Oh Gott, sie musste etwas unternehmen.

Sie musste ihm eilends einen Brief schreiben, in welchem sie ihn danach fragte. Doch wie sollte sie es formulieren? Es gab fast nichts, über das sie nicht gesprochen hätten, außer Heiraten. Warum eigentlich nicht? Darüber nachzugrübeln hatte sie jetzt keine Zeit. Sie konnte es aber auch nicht rasch nachholen, ohne sich verdächtig zu machen. Sie könnte schreiben, sie habe gehört, daß in naher Zukunft seine Hochzeit ... aber es widerstrebte ihr, in dieser Weise mit Ludwig zu reden.

Und ihn direkt zu fragen? Gibt es da ein Mädchen, das dir versprochen ist? Auch das hätte ihrer Beziehung einen Knacks verpasst, er könnte ihr vorwerfen, eifersüchtig zu sein, über ihn wachen zu wollen, ihn beeinflussen zu wollen, ihn ... ach, das war alles genau das, was sie auf keinen Fall tun wollte.

Blieb nur noch eine Variante: ihm offen ihre Liebe zu geloben und ihn zu fragen, ob er sie zur Frau nehmen will, um einfach allem zuvorzukommen oder - wie immer die Dinge in Wahrheit lagen - sich Klarheit darüber zu verschaffen. Das konnte nur direkt zwischen ihnen beiden geschehen. Ja, aber es war ganz undenkbar, daß sie als Frau ihm einen solchen Antrag machte. Man hätte sie für verrückt erklärt, man hätte sie von ihm weggezerrt und weggesperrt, jawohl, weggezerrt und weggesperrt! Und wenn sie sich noch so sehr an ihn geklammert hätte.

Sie fühlte sich wie gelähmt. Britta war auch gerade nicht da, die sie um Rat hätte fragen können. Sie schrieb Ludwig vom Garten, wie schön es jetzt dort sei, alles in wundervoller Blüten- und Farbenpracht; sie beschrieb jede Einzelheit, und mit jeder Blume, jedem Kräutlein und Blättchen, jedem Käfer und Schmetterling schickte sie ihm einen Herzensgruß, und bei jedem Wort wünschte sie sich: 'Wenn ihn das doch nur ans Heiraten denken ließe!' Zuletzt schwenkte sie den Brief ein paarmal über das Schneckenhaus und brabbelte dabei einige beschwörende Worte. Dann schickte sie ihn ab.

Da kam eines Tages vom Landgrafenhof die Nachricht, daß man Dietrich, dem Markgrafen von Meissen und seiner Gemahlin Jutta einen Besuch abstatten werde, und Graf Ludwig sowie die "ungarische Königstochter" Elisabeth den Landgrafen und seine Frau begleiten sollen. Das war eine gute und schlechte Nachricht. Ludwig und Elisabeth wurden in einem Atemzug genannt (sie allerdings mit dem ganz unüblichen Titel "ungarische Königstochter", der zwar korrekt war, aber auch ein wenig befremdlich).

Man wollte sie jedenfalls zusammen auftreten sehen. Wenn nun aber - oh Graus! - dies der Anlass sein würde, zu dem man Ludwigs Vermählung mit jener anderen unbekannten Frau verkünden will? Und man Elisabeth, die bei der Versammlung kaum würde einen Einspruch wagen können, als eine lediglich "freundschaftlich verbundene junge Dame" vorstellte, die man schlechterdings bei so einem Jubelfest nicht in ihrer Creuzburger Kammer hatte sitzenlassen können?

Sie war nahe daran, schon wieder in die todunglücklichste Traurigkeit zu verfallen, als sie die Nachricht wenigstens zu Ende las und den eigentlichen Grund des Besuchs beim Markgrafen erfuhr. Seine Gemahlin Jutta hatte einen Sohn zur Welt gebracht, der die Taufe empfangen soll. Jetzt fiel ihr auch ein, daß Jutta die, allerdings viel ältere, Schwester Ludwigs war, der Neugeborene mithin sein Neffe. Ludwig hatte den Markgrafen Dietrich auch schon erwähnt und er hatte von dessen Burg Neufels an der Mündung der Unstrut in die Saale geschwärmt, wegen ihrer beschaulichen Lage und wegen der Weinberge ringsum.


 
* * * * * * * *
Auf dem Weg zum Glück  ( mit Hindernissen )
 

Der Termin für die Abreise stand fest, Elisabeth sollte mit Sophia und einigen Hofleuten zunächst nach Gotha kommen, wo sich Landgraf Hermann aufhielt, bevor sie weiter nach Weißensee fahren würden. Elisabeth bestand darauf zu reiten; Walter von Vargula blieb an ihrer Seite. Landgraf Hermann weilte mit Unterbrechungen seit fast einem Jahr auf dem Grimmenstein in Gotha, an den Elisabeth keine angenehmen Erinnerungen hatte, ohne daß ihr recht klar war weshalb.

Die Wahrheit war, daß sich Hermann sehr schlecht fühlte, seine geistigen Kräfte hatten besorgniserregend nachgelassen, Gedächtnisschwäche und Orientierungsverlust plagten ihn, und kurzzeitig versagten auch bestimmte Organe ihren Dienst. Seine chronischen Beschwerden hatten seine Persönlichkeit bereits arg in Mitleidenschaft gezogen, und wir greifen der Geschichte nicht voraus, wenn wir sagen, daß zu dem Zeitpunkt schon zu befürchten war, Hermann werde an geistiger Insuffizienz zugrundegehen. An anderer Stelle mehr davon.

Zumindest Sophia überraschte es nicht, als es Hermann ablehnte, zu Markgraf Dietrich zu reisen, obwohl er schon einige persönliche Vorbereitungen dafür getroffen hatte. Jetzt war es ihm zu anstrengend mitzukommen. Sophia wusste, was zu tun war und würde sein Daheimbleiben vor den anderen entschuldigen und ihnen seine besten Grüße und Glückwünsche ausrichten, aber es fiel ihr auch schwer, ihn hier zurückzulassen.

In dieser Situation legte sie offenbar großen Wert auf Elisabeths Auftreten, und sie sagte zu ihr "Ich hoffe, du bist dir bewusst, daß auch du nach außen hin unser landgräfliches Haus repräsentierst." Das gab Elisabeth zuerst eine gewisse Zuversicht zurück, obwohl sie sich fragte, warum Sophia sie nicht eher darauf hingewiesen hatte, zumal sie um Hermanns Zustand längst wusste. Sophia hatte gar überlegt, ob sie selbst auf die Reise verzichtet und bei ihrem Gemahl bliebe, aber das hatte er sich wohl verbeten. Vielleicht gingen ihre eindringlichen Worte auch auf ihn zurück, er hatte immer noch einige lichte Momente.

Beinahe hätte Elisabeth sich getraut, sie geradeheraus zu fragen, wie es eigentlich um Ludwigs Heiratspläne gestellt sei, aber, so seltsam das klingen mag, sie hatte Angst, daß, wenn sie fragte, Sophia sie kurzerhand zurück auf die Creuzburg schicken würde, damit sie kein Theater macht. So fügte sie sich in alle Anweisungen und hoffte, daß Sophia mit ihr zufrieden wäre.

Dennoch gab es Augenblicke (und nicht wenige), wo Elisabeth der Sache nicht traute und sie immer wieder von dem Gedanken an Ludwigs Heirat mit der anderen gequält wurde. Und sie hatte auch ihren Plan noch nicht aufgegeben, im geeigneten Moment in das Geschehen einzugreifen, um jene "Katastrophe", wie sie es für sich bezeichnete, zu verhindern, obwohl das unweigerlich zu einer anderen Katastrophe führen würde.

Der kleine Täufling hieß Balthasar und war ein wonnigliches Kind. Er schaute die Erwachsenen aus blauen Augen an, als wäre er sehr erstaunt darüber, daß sie alle schon vor ihm da sind. Er bewegte seine Fingerchen ohne Unterlass in der Luft umher und manchmal schniefte er seltsam durch die Nase. Elisabeth durfte ihn auf den Armen halten, und sie herzte und küsste ihn und hätte ihn am liebsten gleich mitgenommen.

Jutta, die Mutter, freute sich über den Besuch. Sie sah nach der Schwangerschaft ein bisschen abgehärmt aus, und man überhäufte sie zur Zeit regelrecht mit allerlei leckeren Speisen, damit sie ihre gewohnte Munterkeit wiedererlangte. Doch es ging nur langsam voran; sie hatte oft Rückenschmerzen und legte sich dann hin, und Elisabeth blieb mit der Amme beim Kind und schaute zu, wie sie es versorgte.

Markgraf Dietrich war mittelgroß und kräftig, und wenn er ging und stand, hatte er die Hände fast immer auf dem Rücken gefasst und guckte herum, als schreite er über einen Jahrmarkt. Oft stellte er sich auch an die Wiege seines Sprösslings, um sich zu vergewissern, daß es ihm gut gehe, dann sagte er "Nun, mein kleiner Freund! Wissen wir schon, was wir heute unternehmen?", und er schenkte ihm ein glucksendes Lachen. Wenn es aber ans Windelwechseln ging oder ans Füttern, machte er sich von dannen.

Dietrich pflegte eine Kultur des würdevollen Nichtstuns. Er hatte die Verwaltung seiner Markgrafschaft in die Hände von fähigen Untertanen gelegt, nur dann und wann regelte er mal eine Angelegenheit selbst. Seine Herrschaft war unangefochten und für ihn ebenso selbstverständlich wie beispielsweise die Tatsache, daß seine Barthaare ganz von selbst wuchsen. Er hatte für all' das sorglose Leben rings um ihn her nie auch nur einen Finger rühren müssen.

Er war fast zehn Jahre älter als seine Frau Jutta, und er stammte aus einem angesehenen Grafengeschlecht, das seinen Stammsitz seit eh' und je in Sachsen hatte. Im Osten erstreckten sich riesige Wälder, die der Markgraf niemals gesehen, geschweige denn jemals betreten hatte. Und doch war, mit dem Geld des Kaisers, dort irgendwo eine Grenze mit Grenzsteinen markiert worden, und es gab auch einige Soldaten im Dienste Dietrichs, die diese Grenze bewachen sollten. Jenseits davon siedelten die Slawen, die eine Sprache voller unaussprechlicher Zischlaute hatten, aber ganz passable Handwerker und auch fleißige Bauern waren.

Der Landgraf Hermann hatte sich natürlich etwas dabei gedacht, als er dem Dietrich seine Tochter Jutta zur Frau gab, denn mit den sächsischen Fürsten, die ja seine Nachbarn waren, wollte er sich gutstellen. Er hatte auch den Bau, oder genauer gesagt, den Ausbau der Burg Neufels gefördert, auf der sich Dietrich dann mit seiner Familie überwiegend aufhielt. Das Gebiet der beiden zauberhaften Schwestern Unstrut und Saale war eine der anmutigsten Gegenden im ganzen Reich, und es war nur verständlich, daß der Markgraf Dietrich sich lieber am Anblick der Weinhänge ergötzte, welche die glitzernden Wasser säumten, als sich Gedanken über ein finsteres Sumpfloch im Urwald an der Oder zu machen.

"Meine liebe Elisabeth", sagte Dietrich, "weißt du eigentlich, daß wir miteinander verwandt sind?" Sagte es und nahm ausnahmsweise seinen Arm vom Rücken und legte ihn um ihre Hüfte. "Mein Onkel, der selige Dedo, war dein Großvater." Elisabeth hatte den Namen schon gehört, aber der Großvater war vor ihrer Geburt gestorben." "Ach was", erwiderte sie und versuchte ganz ungezwungen, sich aus seiner etwas aufdringlichen Umklammerung zu befreien. "Dann bin ich ja auch mit euerm kleinen Balthasar verwandt?" "Ja, im Grunde schon, aber nun frage mich nicht, in welchem Grade."

Beim Essen saßen die beiden nebeneinander, besser gesagt, Dietrich hatte sich mit Bedacht neben Elisabeth gesetzt. Er fragte ihr Löcher in den Bauch, wollte alles über ihr Leben am Thüringer Hof erfahren, und sie dachte, so sehr hat sich bisher noch keiner von den Älteren für sie interessiert. Und er konnte wirklich gut unterhalten, das musste man ihm lassen, auch wenn er dabei keine Gelegenheit ausließ, Elisabeth ziemlich nahe zu kommen oder ihr (da er bei Tisch sowieso seine Hände vorne hatte) bei seinen Pointen des öfteren ihren Arm zu drücken.

Obwohl er eigentlich nur so in den Tag hinein lebte und kaum irgendeine ernsthafte Beschäftigung hatte, fand er doch Vergnügen daran, über Gott und die Welt nachzusinnen, als würde er darin seinen großen Vorbildern, den antiken Philosophen und namentlich dem Seneca nacheifern, von denen auch Meister Immenberg immer sagte, nichts habe sie in ihrem unerschütterlichen Gleichmut wanken machen können.

Offensichtlich reflektierte er sogar über seinen eigenen Müßiggang. Er sagte "Was ist das Leben anderes als eine Folge von Schlafen, Arbeiten, Fressen und - entschuldigt den Ausdruck - Scheißen? Tagein, tagaus derselbe Trott. Woher kommt das, frage ich. Ist es Gottes Wille? Ist es sein Reglement, das er uns auferlegte?" Jutta meinte "Wenn es so ist, dann sollte man auch 'das Beten' nicht vergessen." "Oh ja, natürlich, wie recht du hast. Das Beten sollte man nie vergessen. Aber da sind wir schon wieder bei demselben Problem: wir danken Gott für die Gaben, die er uns beschert, aber wir beten auch dafür, daß er uns aus diesem irdischen Jammertal befreien möge. Ist das nicht ein Widerspruch?"

Elisabeth sagte "Wenn unser Leben in dieser Welt perfekt wäre, dann könnten wir damit zufrieden sein und müssten nicht danach streben, in den Himmel zu kommen. Aber das ist doch unser Wunsch, und der erfüllt sich nur, wenn wir vorher ein tugendhaftes Leben führen, was wiederum nur mit Gottes Hilfe möglich ist." "Hm", machte Dietrich, "eigentlich bin ich ja ganz zufrieden mit meinem Leben. Was sollte mich im Himmel noch Besseres erwarten?"

Sophia sagte "Vielleicht verwechselst du Zufriedenheit mit innerem Frieden." "Und worin bestünde der Unterschied?", fragte er, und sie erwiderte "Zufriedenheit kann man sich verschaffen, indem man seine Bedürfnisse stillt, wenn man isst und trinkt und sich bildet, indem man all' die Dinge tut, die unsern Leib und Geist erhalten. Aber das heißt nicht, daß wir damit den Frieden erlangen würden, der allein von Gott ausgeht und der an keines dieser 'irdischen' Dinge gebunden ist. Im Gegenteil, man wird höchstwahrscheinlich den göttlichen Frieden nur erlangen können, wenn man sich von diesen Dingen löst. Und wenn du Gott für Speis' und Trank dankst, dann zeigst du ihm, daß du in seiner Schuld stehst und auch, daß du dich damit in gewisser Weise schuldig gemacht hast, denn all' das kommt zwar von Gott, aber es fällt nicht vom Himmel."

Ob Dietrich diese letzte Bemerkung als leichten Seitenhieb auf seinen etwas unfrommen Lebenswandel auffasste, sei dahingestellt; vielleicht hatte Sophia es auch gar nicht so gemeint. Er erhob das Glas mit dem Wein und sprach ein Hoch aus auf die Landgräfin Sophia, die "ihrem Namen wieder einmal alle Ehre gemacht" habe. Elisabeth gefiel es auch, was Sophia gesagt hatte, es erinnerte sie an die schönen Predigten des Pfarrers Rudolphi, dem sie so gern zugehört hatte. Ach, wie lange war das her!

Am andern Tag fühlte sich Sophia nicht ganz wohl und ließ sich beim Mittagsmahl entschuldigen. Elisabeth bemerkte, daß Dietrich darüber nicht wirklich betrübt war. Er hatte ein paar Gäste eingeladen, von denen er Elisabeth einige persönlich vorstellte, und an der Tafel herrschte eine heitere Stimmung.

Als Elisabeth eine lustige Geschichte erzählte, amüsierte sich Dietrich köstlich darüber. "Elisabeth, mein Engelchen", lachte er und tätschelte ihre Wange, "du hast einen feinen Sinn für Humor; das wäre ein Glück für Hermanns Haus, wenn es damit bereichert würde." Elisabeth bemerkte sofort, daß er dem alten Landgrafen damit nicht eben schmeichelte, und wäre Sophia da gewesen, hätte er sich die Bemerkung wohl verkniffen. Sie entgegnete "Wie kannst du behaupten, es würde Landgraf Hermann an Humor mangeln? Ich habe ihn davon schon übersprühen sehen."

Das war freilich ein bisschen übertrieben, aber weil sie hier jetzt beinahe die einzige der "Wartburger Sippe" war - Ludwig war noch nicht eingetroffen, und Walter von Vargula hatte irgendwas zu erledigen - meinte sie, den alten Grafen in Schutz nehmen zu müssen. Dietrich lachte noch mehr, und Elisabeth neigte sich ganz nach der andern Seite, um vor seinen Grabschfingern zu weichen.

Dietrich legte nochmal nach. "Was hatte der Alte denn Lustiges zu erzählen außer seinen Kreuzfahrergeschichten? Da konnte er froh sein, daß er damals von zu Hause fortgekommen ist und mal was anderes erlebt hat. Der arme Kerl, er tut mir wirklich leid. Siehst du, mein Herzeliebchen (eben war sie noch sein "Engelchen", und nun schon das "Herzeliebchen") deinem Schwiegervater ging es ganz genauso, auch er war in dem Trott gefangen: Arbeiten, Fressen, Schlafen, Scheißen, zwischendurch Beten, er hat seinen Lebtag nichts anderes gelernt und gemacht. Ich bin sicher, er würde mir recht geben, und wir wollen einen Augenblick seiner gedenken." Er schlug betulich die Augen nieder und murmelte etwas, und Elisabeth dachte, er sei womöglich falsch informiert und glaubte, Hermann wäre bereits tot.

Aber er hatte ihn ihren "Schwiegervater" genannt! Obwohl das keineswegs ausgemachte Sache war. Vielleicht sollte sich Elisabeth seines, Dietrichs, Beistand versichern, falls die Angelegenheit hier zur Sprache kommen oder gar darüber verhandelt werden sollte. Allerdings - wenn das mit seinen Kosenamen und wie zufälligen Berührungen so weiterginge, musste Elisabeth befürchten, ihn in die Schranken weisen zu müssen und ihn als Verbündeten gleich wieder zu verlieren. Wenn doch nur Ludwig endlich hier wäre!

Sie wollte etwas entgegnen, aber da riss Dietrich die Augen wieder auf und sagte mit lüsternem Blick "Übrigens hat der Alte auch keine von den Abwechslungen verschmäht, mit denen man der Eintönigkeit für eine Weile entrinnen kann, aber darüber hat er wohl nicht so freimütig erzählt wie über seine Abenteuer bei den Kameltreibern." "Du meinst die Dichtkunst und den Gesang, denen er anhing?", sagte Elisabeth wie über einen seiner edlen Charakterzüge. "Häh?", machte Dietrich und war für einen Augenblick völlig perplex.

Dann brach er wieder in Lachen aus und rief "Das einzige, an dem Hermann wirklich dran hing, das waren die Rockzipfel von den Weibern. Oh, Elisabeth, mein Täubchen, was bist du doch für ein hinreißendes Geschöpf, so unbedarft, so erfrischend unschuldig." Er kam ihr wieder näher, und beim Lachen spritzte es aus seinem Mund, und Elisabeth ließ auf der andern Seite ihr Taschentuch fallen, um sich hinabbeugen zu können. Aber das verführte Dietrich um so mehr. Er fasste sie mit beiden Händen und eine davon befühlte doch tatsächlich ihre rechte Brust. "Vorsicht!", rief er. "Nicht, daß du mir vom Stuhl kippst."

Sie richtete sich schnell auf und stieß ihm dabei den Ellenbogen wie aus Versehen gegen die Augenbraue. Es machte ihr richtig Spaß zu sehen, daß er einen Schmerzensschrei unterdrücken musste. "Oh, Verzeihung, habe ich dich verletzt?" Er setzte eine weinerliche Miene auf, und obwohl es wahrscheinlich zu seiner Taktik gehörte, hatte Elisabeth sofort Mitleid mit ihm, als er auf einmal aussah wie der vergrößerte Säugling Balthasar.

"Warte, ich puste mal", sagte sie und blies auf seine Braue, die gleich etwas angeschwollen war. "Ach, Elisabeth, du bist wirklich ein Segen für das Thüringer Fürstenhaus", murmelte er. "Ja, ja, ich tue, was ich kann. Aber bitte nenn' mich nicht Täubchen." "Wenn du es nicht willst, dann nicht. Wie soll ich dich dann nennen?" "Einfach Elisabeth." "Was für ein schöner Name", sagte er, als hätte er ihn gerade zum erstenmal gehört, "so jungfräulich."

Er war eigentlich ein netter Mensch, und trotz seiner plumpen Annäherungsversuche auf seine Art unwiderstehlich. Dennoch passte Elisabeth auf, daß sie nicht überrumpelt wurde, wobei sie die ganze Zeit über rätselte, inwieweit sie wirklich Eindruck auf ihn machte oder er sie bloß für zukünftige Pläne in der Zusammenarbeit mit den Wartburgern für sich gewinnen wollte. Aber sie führte ja selber was im Schilde.

Sobald Jutta in seiner Nähe war, verhielt er sich wie ihr ergebenster Diener und gehorchte ihr aufs Wort. Sie übertrug ihm manchmal Aufgaben, die eigentlich Sache des Personals waren, weil sie überzeugt war, keiner könnte das so gut bewerkstelligen wie ihr Gemahl. Jutta bat ihn, den Wein aus dem Keller zu holen, weil er sich am besten damit auskennt, und er sagte sofort "Aber natürlich, meine Liebe" und forderte Elisabeth auf, ihn zu begleiten. Oh Gott! In den Keller! Wo wer weiß was geschehen kann.

Aber Dietrich benahm sich wie ein Ehrenmann und stieg mit ihr und mit einem ganzen Bündel Fackeln unterm Arm hinab, die er zunächst eine nach der anderen entzündete und verteilte, damit das Gewölbe beleuchtet war. Dann gab er ihr einen Schnellvortrag in Weinkunde und empfahl ihr, unbedingt seine Weinberge zu besichtigen, was sie ihm auch versprach zu tun, sobald Ludwig eingetroffen sei. "Ja ja, dein Ludwig", sagte er, "wenn du den nicht hättest." Und das klang ein bisschen so, als habe er eine Chance bei ihr verpasst.

Jutta freute sich ehrlich darüber, daß Elisabeth an dem kleinen Balthasar so viel Gefallen fand. Bei der Taufe wurde sie zu seiner Patin, und er Junge schlief und ließ alles ungerührt über sich ergehen. Als das Wasser über seine Stirn plätscherte, kniff er einmal die Augen zusammen, wachte aber nicht auf. Dafür war er sonst die meiste Zeit putzmunter, und wenn sich Jutta nicht wohl fühlte, klopfte sie Elisabeth auf die Schulter und meinte, sie und die Amme würden jetzt sicher mal ein Weilchen ohne sie auskommen.

Und dann tauchte auf einmal der Markgraf auf und beugte sich (die Hände auf dem Rücken) über seinen Sohn und sagte zufrieden "Er ist schon wieder gewachsen. Ein strammer Bursche, der liebe Gott mag ihn beschützen. Und du, liebe Elisabeth", wandte er sich zu ihr, "hast nun auch eine Verantwortung für ihn übernommen, vergiss das nicht."

"Ich weiß", sagte sie und war ganz schön stolz darauf. Dietrich konnte sich nicht beherrschen, seinen Arm um sie zu legen, und seine Finger suchten Bekanntschaft mit ihrem Po zu machen, aber als sie, unter den Hinweisen der Amme, anfing, den Kleinen zu windeln, da suchte Dietrich schnell das Weite, und die beiden Frauen mussten grinsen.

Ludwigs Ankunft hatte sich derweil verzögert. Als man auf dem Grimmenstein den alten Hermann in schlechter Verfassung vorfand, war Sophia einen Tag länger dort geblieben und hatte dann beschlossen, Ludwig in Weißensee Bescheid zu geben, daß sie sich auf direktem Weg zum Markgrafen machen, und er schon losreiten solle, damit sie sich pünktlich zur Taufe dort treffen.

Elisabeth wollte dem Boten ein paar Zeilen für Ludwig mitgeben, aber der war schon fort. Auf Neufels angekommen, war von ihm nichts zu sehen, und auch zur Taufe fehlte er. Sophia sagte zu den anderen, er habe ihr eine Nachricht zukommen lassen, derzufolge er unterwegs gestürzt sei, aber hoffe, noch rechtzeitig da zu sein, doch Elisabeth war sich nicht sicher, ob das stimmte.

Man konnte die Taufe nicht verschieben, und sie fand ohne ihn statt. Und dann (das war einen Tag, nachdem Dietrich Elisabeth den Weinkeller gezeigt hatte) machten sich Sophia und Walter von Vargula auf, um angeblich Ludwig irgendwo bei einem Herrn von Rastenberg abzuholen. Warum er sich dort aufhielt, sagten sie nicht. Als Dietrich den Namen Rastenberg hörte, sagte er zum Spaß, der Herr von Rastenberg habe drei Töchter, eine hübscher als die andere, die ganze Schar eine Zierde des Thüringer Landes, und es sei kein Wunder, daß ein junger Graf wie Ludwig dorthin einen Abstecher macht.

Elisabeth wurde kreidebleich und wankte und diesmal war sie Dietrich dankbar, daß er blitzschnell seine Hände vom Rücken nahm und sie auffing, bevor sie hinsank. "Ei-jei-jei", murmelte er und ließ sie in einem Sessel niedersetzen, "das hat doch wohl nichts zu bedeuten?" Man fächelte ihr frische Luft zu, und als sie wieder beisammen war, kamen ihr die Tränen, und Dietrich konnte sich das nicht erklären und sagte "Du solltest dich ein wenig hinlegen, vor morgen früh sind die sowieso nicht zurück."

Einen Abstecher! Oh, wie dieses Wort sie gleich einem Keulenschlag niederstreckte. Ihr wurde ganz jämmerlich zumute. Wenn nun alles so geschickt eingefädelt worden war, daß man sie bloß hierher zum Markgrafen verfrachtet hatte, damit anderen Orts Ludwigs Vermählung vollzogen werden kann. Jetzt meinte sie auch gesehen zu haben, wie Sophia mit einer großen Tasche fortgegangen war, in die ohne weiteres ein Brautkleid gepasst hätte. "Aber das würde sie doch von ihren Eltern bekommen", faselte sie wie geistesabwesend, und Dietrich fragte "Wovon redest du denn?"

Mit letzter Kraft schlich sie in das Zimmer, das für Ludwig vorbereitet worden war. Sie hatte, als man ihn erwartete, heimlich das Kissen auf sein Bett gelegt, das sie für ihn gefertigt hatte und ihm schenken wollte. Es war dafür gedacht, daß man es unter den Kopf schiebt, damit man einen süßen Schlaf hat; es war gefüllt mit weichen Daunenfedern, die Elisabeth selbst besorgt hatte und war bestickt mit einem Ritter auf einem Pferd, der einen Habicht auf dem Arm trägt.

Das Motiv hatte sie sich aus einer der Handschriften in Graf Hermanns Bibliothek abgeguckt, und es sogar noch verschönert. Sie hatte zwei Wochen fast pausenlos an dem Kissen gearbeitet, manchmal sogar nachts, was man sehen konnte an dem Zaumzeug des Pferdes, wo die Fadenstiche nicht immer ganz auf einer Linie waren. Oh, sie hatte all' ihre reinsten und erhabensten Gefühle für Ludwig miteinfließen lassen, und sie war sich ganz sicher, daß er begeistert wäre. Nun wollte sie es wieder an sich nehmen, aber was jetzt damit geschehen sollte, wusste sie nicht. Am besten hätte sie es verbrennen sollen, damit all' die seligen Hoffnungen zu einer Asche werden, mit der gleich auch ihr Herz angefüllt sein würde.

Sie fiel der Länge nach aufs Bett, presste das Gesicht ins Kissen und weinte bittere Tränen. Sie heulte und schluchzte, und der arme Reiter wäre unweigerlich ertrunken, wenn die Bäche nicht unter ihm im Daunengrund versickert wären. Und nach einer Weile schienen der Schmerz und die Verzweiflung nachzulassen und es überflog sie ein milder Hauch, als habe eine gute Fee mit sanfter Geste ihr übers Haar gestrichen. Sie zog das Kissen unter ihren Wangen hervor, damit es nicht länger entweiht würde, sie ließ ihren Kopf sinken und war einen Moment später eingeschlafen.

Sie träumte irgendwas Wirres, und der kleine Balthasar quäkte sie dabei von der Seite an, das war aber echt. Als sie die Augen aufschlug, war es früher Tag, und Jutta stand mit dem Kind auf dem Arm neben dem Bett und sagte "Aufwachen, meine Liebe, es ist Besuch für dich da." Niemand anderes als Ludwig stand vor der Tür! Elisabeth sprang aus dem Bett (sie hatte sich im Schlaf unter die Decke verkrochen) mit zerknittertem Kleid und aufgelöstem Haar und rannte hinaus und fiel Ludwig in die Arme, der beinahe hintenüber gefallen wäre.

Sie rief "Da bist du ja endlich, ich habe dich so sehr vermisst." "Ich dich auch", erwiderte er lachend. Lange, lange hielten sie so einander und drückten sich. Dann machte sie sich los, rannte ins Zimmer und holte das Kissen. "Das ist für dich. Hab' ich selber gemacht." "Meine Güte, ist das schön." "Ach, guck' nicht so genau hin, die Flecken, das war der Regen unterwegs, das geht wieder weg." Er sagte "Das stört mich nicht. Es ist so schön." Er hielt es ans Gesicht. "Es duftet nach dir." Sie fragte ihn "Was war denn los?"

Er berichtete, daß er in Rastenberg von einem Arzt erfahren hatte, der wegen seiner Heilerfolge gerühmt wurde und sich gerade hier aufhielt. Er hoffte, ihn überreden zu können, nach Gotha zu kommen und den alten Hermann zu behandeln, und der Arzt schien auch gewillt, dies zu tun. Aber er verlangte einen Vorschuss an Geld, das Ludwig nicht bei sich hatte. Daher waren Sophia und Walter von Vargula auf seine Nachricht hin herbeigeeilt, um mit dem Arzt zu verhandeln, und Walter sollte ihn nach Gotha geleiten. "Dann wird der Graf wieder gesund werden?", fragte sie. "Wir werden sehen", sagte Ludwig, "was er für ihn tun kann."

Dann gab er ihr einen Kuss und sagte "Und jetzt musst du mir erzählen, was hier alles passiert ist." Das machte sie liebend gern. Aber mitten in ihrem Bericht platzte es aus ihr heraus: "Sag' mal, stimmt es eigentlich, daß dieser Herr von Rastenberg so hübsche Töchter hat?" Ludwig erwiderte "Oh ja, sie sind ganz reizend." Sie sagte "Ich habe gehört, sie sollen verheiratet werden." Ludwig lachte "Was? Wer sagt das? Na ja, sie finden ganz sicher jemanden. Aber die älteste ist gerade neun Jahre geworden, die spielt noch am liebsten mit ihren Puppen."

Elisabeth schlug die Hände vors Gesicht. "Was ist denn?", fragte er sie erschrocken. "Oh, Gott! Ich bin hier völlig durcheinander gekommen, als du nicht da warst." Sie schaute ihn an und sagte "Bitte, Ludwig! Sag' mir, daß wir uns nie mehr trennen werden. Schwöre es mir beim heiligen Sebastian!" Er nahm sie in die Arme. "Aber ja doch, meine Liebe, ich schwöre es dir hoch und heilig. Ab jetzt bleiben wir immer zusammen."

Ludwig musste natürlich seinen kleinen Neffen bewundern, und als sie bei ihm waren, fasste er Elisabeth an der Hand und flüsterte, er habe dummerweise das Geschenk vergessen und sie, Elisabeth, möge ihm doch dabei behilflich sein, eins zu besorgen. "Wir werden schon etwas Passendes finden", flüsterte sie zurück.

Mit seiner älteren Schwester Jutta verstand er sich ganz gut. Früher, so sagte er zu Elisabeth, hätte sie ihn immer ein bisschen "von oben herab" behandelt und wollte ihn bevormunden, vielleicht wollte sie auch nur ihre Mutter nachahmen. Und er erinnerte sich auch, daß sie seinen Bruder Hermann lieber mochte als ihn. Es hatte übrigens verhältnismäßig lange gedauert, bis sie heiratete, und da gab sie die Schuld dem alten Landgrafen, dem bis dahin kein Freier recht gewesen war. Sie sei sicher heilfroh gewesen, als sie endlich aus dem elterlichen Haus ausziehen konnte. Immerhin hatte sich der Alte nicht knausrig gezeigt mit ihrer Mitgift.

Ein bisschen fremd - oder sagen wir besser: ein wenig distanziert - waren die beiden Geschwister aber doch zueinander, sie konnten sich auch nicht so richtig ungezwungen unterhalten, da waren sie zu verschieden in ihren Ansichten und überhaupt in ihrem Wesen, es blieb ein eher höfliches Verhältnis. Doch Ludwig war durchaus bewusst, daß die familiäre Verbindung zum Markgrafen von großer Bedeutung für die Thüringer war, und durch die Geburt des Nachkommen noch mehr gefestigt wurde. (Übrigens ließ auch Jutta manchmal durchblicken, daß man ihr auf der Wartburg dafür dankbar sein konnte.)

Sein Schwager Dietrich spielte manchmal die Rolle des väterlichen Freundes und dann wieder des guten Onkels. Er gab ihm auch Ratschläge "von Mann zu Mann", aber das waren eher frivole Sprüche mit ziemlich derben Wörtern, und er erzählte auch gern mal eine Geschichte aus dem "Harems-Büchlein", das er angeblich von einem Kreuzritter erhalten habe, der bei ihm auf der Durchreise Station gemacht hatte.

Ludwig lachte und meinte, er glaube, daß sich Dietrich diese Sachen selber ausgedacht habe, weil er, Ludwig, nämlich dieses "Harems-Büchlein" nie zu Gesicht bekommen hat. "Was für Geschichten sind das denn?", wollte Elisabeth wissen, und da druckste Ludwig auf einmal herum, und es schien, als würde er meinen, es wäre besser gewesen, das nicht zu erwähnen. Er sagte "Ach, nichts Besonderes, nur so von fernen Ländern und fremden Bräuchen." "Ja, aber es heißt doch bestimmt nicht umsonst 'Harems-Büchlein', da geht es doch sicher auch um Frauen." "Na ja, um Frauen geht es da schon. Aber es ist mehr so ... mehr so ..." "Jetzt tu' nicht so komisch. Gib' mir mal ein Beispiel." "Was? Nein! Das kann ich nicht." "Wieso nicht?" "Das ist ... na, sie sind unanständig." "Wie, unanständig?" "Sehr unanständig." "Du gibst mir jetzt sofort ein Beispiel oder ich frag' ihn selbst." "Nein! Mach' das bloß nicht. Wenn Jutta das mitkriegt, sind wir geliefert." Elisabeth sagte fast drohend "Dann-erzähl'-mir-so-eine-Geschichte!" "In Ordnung. Aber nicht jetzt." "Wann?" "Heute abend." "Wo?" "Bei dir, oder nein, besser bei mir. Oder doch besser bei dir." "Gut. Aber wehe, du kommst nicht." "Natürlich komme ich." "Wenn du nicht kommst, komme ich." "Nein, ich komme auf alle Fälle. Aber sag' zu niemandem was davon." "Nein, ich behalt's für mich."

Das wäre was geworden, wenn Elisabeth den guten Dietrich nach seinem "Harems-Büchlein" gefragt hätte! Als Ludwig da war, unternahm er fortan nicht mehr den kleinsten Versuch, Elisabeth anzugrabschen, und das machte ihn ihr noch sympathischer, auch wenn sie nicht davon erfuhr, wie er Ludwig gegenüber äußerte, "das Mädchen" habe ein paar hübsche "Rundungen", und klar war, daß er damit nicht ihre Ohrmuscheln meinte. Er sorgte dafür, daß die beiden auf Burg Neufels eine schöne Zeit hatten.

Sie waren von früh bis spät unterwegs, und das Wetter spielte jeden Tag mit. Die Landschaft an Unstrut und Saale war einzigartig, wie ein Stückchen der Welt, das der Herrgott bei seiner Schöpfung hier als Muster hinterlegt hat, damit er, sollte er einmal in die Verlegenheit kommen, irgendwo etwas nachzubessern, darauf zurückgreifen könnte.

Markgraf Dietrich hatte dem Ludwig einen Falkenzüchter genannt, den sie besuchten. Ludwig hatte zwar das Geschenk für den kleinen Balthasar vergessen, aber an seine Ausrüstung für die Beizjagd hatte er gedacht und vor allem an seinen "Lieblingshandschuh". Der Falkner gab ihm zwei, drei Vögel zur Auswahl, und Ludwig nahm einen nicht mehr ganz jungen Habicht, der hervorragend abgerichtet war. Elisabeth begleitete ihn, und sie waren stundenlang damit beschäftigt, Kaninchen zu jagen.

Nach zwei Tagen fragte sie ihn vorsichtig, ob sie beide nicht auch noch etwas anderes unternehmen wollen. Ludwig war überrascht von ihrer Frage (er hatte den Habicht gerade von seiner Faust auffliegen lassen). Er kam auf sie zu und sagte "Aber natürlich, Elisabeth. Ich dachte nur, das macht dir Spaß." "Macht es ja auch, ehrlich. Ich will dich nicht davon abhalten." "Du bist so lieb zu mir, und ich will es auch zu dir sein."

Er pfiff nach dem Vogel, der sofort gehorchte und wieder auf seiner Faust landete. "Ich gebe ihn bloß zurück." "Ja, ja, das hat Zeit, du hattest doch gerade etwas vor." "Das ist nicht wichtig", sagte er und lächelte sie an, "wichtig ist, daß wir etwas zusammen machen. Und du hast völlig recht, ich war jetzt schon viel zu lange mit meinen Gedanken woanders." Sie lachte. "Na dann denke gefälligst wieder mal an mich." "Jawohl, meine kleine Herrin."

Sie gingen zu dem Falkner, und bevor Ludwig etwas sagen konnte, meinte Elisabeth "Wir hatten vergessen, daß wir eine Verabredung beim Markgrafen haben, wir kommen später bestimmt wieder." "Immer gern", sagte der Falkner und nahm Ludwig den Habicht ab. "Nun hoffe ich, du hast einen guten Vorschlag", sagte Ludwig, der ihr folgte, während sie vorneweg marschierte. "Sehnst du dich schon nach deinen Vögeln zurück? Das war ja nicht lange durchgehalten." "He", rief er und kniff sie hinten hinein. Sie schrie auf und rannte davon.

Es war alles so wie damals in jenen Tagen in Weißensee, als sie sich kennenlernten, so unbeschwert und immer ein bisschen aufregend, weil ungewiss, was geschehen würde. Und eigentlich, da beide spürten, wie sie sich immer noch näher kamen und sich eng und enger aneinanderschlossen und das Gefühl hatten, sie könnten gemeinsam die ganze Welt erobern, war es noch viel abenteuerlicher als je zuvor.

Eine von Dietrichs großen Maßnahmen war es, an dem Weinberg von Rossdorf Stufenterrassen anzulegen. Mindestens einmal wöchentlich inspizierte er den Fortgang der Arbeiten, und selbst Jutta staunte über sein Engagement. Er hatte sogar Pläne mitgebracht, die er ihr zeigte und erklärte. Er fragte Ludwig und Elisabeth, ob sie sich die Anlage gern einmal anschauen möchten, er würde ihnen einen seiner verantwortlichen Weinbauern zur Seite geben, der sie herumführen und ihnen alles zeigen kann, und wenn sie möchten, können sie auch ein paar Sorten verkosten. Die beiden fanden den Vorschlag prima, und Elisabeth ließ sich von Dietrich einen großen Rucksack geben, den er für die Jagd benutzte, und sie wollte auch ein paar richtige Bauernstiefel, "falls der Boden dort aufgewühlt" sei, aber Dietrich meinte, so schlimm wäre es nicht und in den klobigen Stiefeln käme sie wahrscheinlich nur mühsam vorwärts.

"Nehmt ordentlich Proviant mit", empfahl ihnen Dietrich noch, "falls ihr euch unterwegs stärken müsst." Sie meldeten sich in der Küche, und dort bekamen sie ein Riesenpaket mit Brot, Schinken, Käse, hartgekochten Eiern und anderen Sachen. Zu trinken hatte man natürlich den Wein an Ort und Stelle, und Elisabeth sagte "Ich trink' aber nur ganz wenig davon." "Wie willst du das machen? Bei einer Weinverkostung muss man alle Sorten probieren." "Ja, dann krieg' ich davon einen Schwips und dann ..." "Was dann?" "Dann nutzt du das vielleicht aus, um mich zu verführen." Er sagte "Aber ich doch nicht! Man nennt mich nicht umsonst auch 'Ludwig der Schüchterne'." Sie musste lachen. "Ja ja, die Betonung liegt auf: auch! Vielleicht haben sie dir auch noch andere Beinamen gegeben." "Was du mir nur unterstellen willst!", sagte er und stupste sie an der Schulter.

Der Weinbauer erwartete sie schon, aber er wusste nicht recht, wo er mit seinen Erklärungen anfangen sollte. "Lassen Sie sich von uns nicht stören", sagte Elisabeth, "wir schauen Ihnen nur ein bisschen zu." "Wobei?", fragte er, der übrigens Roland hieß und irgendwie ziemlich streng aussah. "Beim Winzen. Sagt man so?" Roland hatte keine Ahnung, was das Fräulein meinte. Er streckte die Hand aus und sagte "Also hier will Seine Hochwohlgeboren, der Markgraf von Meissen, Terrassen anlegen." "Aha. Das sieht man." "Was?" "Die Terrassen, sie sind schon gut zu erkennen." "Lass ihn ausreden", flüsterte Ludwig. "Oh ja, Entschuldigung." "Was ist denn nun wieder?" "Nein, ich meine, ich wollte Ihnen nicht reinreden."

"Die Überlegung Seiner Hochwohlgeboren, des Markgrafen von Meissen ist an sich ..." "Herr Roland", sagte Elisabeth vorsichtig. "Ja bitte?" "Sie müssen ihn nicht immer mit seinem vollen Titel nennen." "Den Grafen", fügte Ludwig hinzu. Roland schaute sie beide an, als hätten sie gerade ein Lied gesungen, das ihm gar nicht gefallen hat. Aber als er mit seinen Erklärungen fortfuhr, wurde er ein bisschen lockerer. "An sich hat Sei... der Herr Graf damit durchaus recht, weil dieser Berg ziemlich steil ist und dadurch am Fuß viel verschlemmte Erde hat."

"Ist das die Erde, die heruntergespült wird?", fragte Elisabeth. "Richtig. Und die dann oben fehlt, wodurch der Boden mager wird und nur noch mittelmäßig trägt. Schauen Sie", sagte er und wies mit dem Arm auf einen Hügel, "unsere Weinberge sind oben auf dem Grat alle bewaldet, manchmal nur mit niedrigen Föhren, aber das genügt, um die Hänge vor den Nordwinden zu schützen, und auf den Höhen gedeihen größtenteils die besseren Sorten: Riesling, Traminer, Weißburgunder, Schönedel."

"Gibt es bei Ihnen auch Tokajer?", fragte Elisabeth, "Dort wo ich herkomme, ist alles voll davon." "Wir hatten bis vor ein paar Jahren einen Roten Tokajer", sagte er, ohne sich genauer für Elisabeths Herkunft zu interessieren, "das war an sich auch eine Art Gutedel, aber da hat uns in einem Jahr der Frost alles kaputtgemacht, sogar die Stöcke."

"Wieviel ernten Sie denn so im Jahr?", erkundigte sich Ludwig, und Elisabeth sagte zu ihm "Du musst fragen: Wieviel lesen Sie?" "Was?", machte der Weinbauer und setzte schon wieder seine strenge Miene auf. "Mein Freund möchte wissen, wie groß Ihre Ausbeute ist." "Das ist unterschiedlich, in einem guten Herbst können es fünfhundert Butten sein, manchmal auch mehr." "Eine Butte ist das Ding, wo man die Trauben hineintut, stimmt's?" "Richtig." "Und wieviel fertigem Wein entspricht das dann?", fragte Ludwig. "Eine Butte hat ungefähr fünfunddreißig Kilo, daraus wird Zwei Drittel Wein. Wir verwenden den Erfurter Wein Eimer, der hat siebzehneinhalb Liter. Da können Sie selber zusammenzählen, wieviel Wein wir aus einer Butte kriegen."

Elisabeth machte eine betretene Miene wegen der komplizierten Rechnung, die er ihnen so hingeworfen hatte. Ludwig fragte "Wieso sagten Sie vorhin, es wäre eigentlich eine gute Idee von dem Markgrafen, die Terrassen zu bauen? Das klang so, als gäbe es noch eine bessere." Elisabeth nickte ihm wegen der schlauen Frage anerkennend zu. "Seine Hochwohlgeboren, der Markgraf von Meissen, hat beliebt, meinen Einwand nicht zu beachten, daß nämlich drüben am Gellerthain und beim Eulengeschrei die Hänge weniger steil sind, aber noch besseren Boden haben und mehr Ertrag versprechen, wenn man sie auf gleiche Weise anlegen würde."

Er machte eine Pause und räusperte sich, dann fügte er hinzu "Außerdem stehen dort die edelsten Sorten, die allerdings auch die meiste Arbeit machen. Wenn ihr mich fragt, dann ist hier vorn in ein paar Jahren der Ofen aus, da nützen auch die besten Terrassen nichts, da kann der Herr Graf vielleicht im Winter Schlitten 'runter fahren, aber Wein wird keiner mehr zu holen sein, so wahr ich Bartel heiße." Elisabeth flüsterte Ludwig zu "Ich denke, er heißt Roland?" "Das ist nur so ein Spruch: wissen, wo Bartel den Wein holt." "Aha."

"Da drüben", sagte Roland und zeigte wieder mit der Hand in die Ferne, "am Zeugfeld, da ist überhaupt der beste Weinberg, das wollte ich Ihnen zum Schluss noch zeigen, der gehört seit eh' und je den Grauen Brüdern, das waren schon immer die besten Winzer." Elisabeth fragte "Wer sind die Grauen Brüder?" "Die vom Kloster Sanctä Mariä ad Portam." "Kann man die besuchen?" "Warum nicht. Wenn ihr klopfet, so wird euch aufgetan. Aber wenn ihr mich fragt, besonders unterhaltsam sind die nicht."

"Danke für Ihre ehrliche Meinung", sagte Elisabeth und überlegte, dann fragte sie "Und das 'Eulengeschrei', was hat es eigentlich damit auf sich?" "Das heißt bloß so." "Ja ja, aber gibt es da wirklich Eulen?" "Das kann ich jetzt nicht so genau sagen, schön möglich." "Wie kommt man da hin?" Sie warf Ludwig einen Blick zu, ob er einverstanden wäre, und er nickte. Der Weinbauer beschrieb ihnen den Weg. "Ist es weit?" "Nein." "Dann können wir auch laufen", meinte sie zu Ludwig.

"Klar, du trägst den Proviant." "Och, nö." "War nur ein Scherz. Können wir die Pferde hier lassen?", fragte er den Mann. Der zeigte ihm einen Unterstand an einer geschützten Stelle, mit Dach und sogar einem Haufen Stroh und einer Kiste voll Hafer. Sie banden die Pferde an und schütteten ein paar Hände voll Hafer hin. Dann machten sie sich auf zum Eulengeschrei, und Elisabeth versuchte unterwegs schon, den Ruf der "geheimnisvollen Waldeule" zu imitieren.

"Weißt du", sagte sie nach einer Weile, "daß ich ewig so mit dir laufen könnte." "Wohin?" "Nirgendwo genau hin, nur einfach so laufen, immer weiter, an deiner Seite." "Aber jetzt laufen wir hintereinander." "Ach, sei doch nicht so pedantisch, du weißt genau, wie ich es meine." "Ja. Vorhin hast du mich deinen Freund genannt." "Ja und?" "Wie soll ich dich nennen, meine Freundin?" "Wie du willst, bloß nicht Täubchen, das hat Dietrich zu mir gesagt."

Ludwig lachte. "Gefällt dir das nicht?" "Finde ich blöd." "Vielleicht siehst du aus wie ein hübsches, weißes Täubchen." "Was soll denn an mir so aussehen? Guck dir bloß mal meine Knie an." "Was ist damit?" "Ganz komisch gebaut." "Ach, das kann man richten. Zeig' mal." Sie blieb stehen und hob ihren Rock. "Da! Und verschieden groß sind sie obendrein, ich schäme mich fast dafür." "Es gibt schlimmere." Sie ließ sofort den Rocksaum los.

Sie schwiegen eine Zeit lang. "Bei wem?", fragte sie unvermittelt. "Was?" "Bei wem hast du hässlichere Knie gesehen?" "Das habe ich nicht gesagt." "Aber ich habe es herausgehört." "Und wenn, sie waren eben hässlicher. Deine sind dagegen schön." "Oh, oh, oh, warte mal, mein Freund. Es ist ein Unterschied, ob etwas schön ist oder ob es bloß weniger hässlich ist." "Das ist wahr", sagte er und lief unbekümmert weiter. "Und?" "Was und?" "Ich will jetzt wissen, was bei mir der Fall ist."

"Meine liebe Freundin, wer hat denn eigentlich angefangen mit deinen Knien?" "Ich. Und ich will ..." "Pssst!", machte er, "Horch! Ich glaube, da schreit eine Eule." Elisabeth flüsterte "Ich will wissen, ob du mich ständig mit jemandem vergleichst." "Ob es noch ein Paar andere Knie gibt in meinem Leben?" "Jetzt machst du dich auch noch über mich lustig", rief sie. "Du hast sie verscheucht." "Ach was, das war gar keine Eule, die gibt es nur nachts." "Dann leben sie nur halb so lange wie andere Wesen?" "Häh?" "Wenn es sie nur nachts gibt, leben sie bloß die Hälfte der Zeit." "Du weichst mir dauernd aus!" "Ja, und du stellst dich mir dauernd in den Weg."

Dann sagte er "Ich habe eine Gegenfrage: Was ist mit den Eulen während der anderen Hälfte?" "Keine Ahnung", sagte Elisabeth kühl, "da sind sie tot. Was weiß ich." "He, bist du vielleicht eingeschnappt?" Sie schüttelte den Kopf. Sie war stehen geblieben. Er ging zu ihr. "Ich finde deine Knie schön. Es würde mir nichts ausmachen, wenn du dazu auch noch krumme Beine hättest." "Pfui! Schäm' dich. Ich hätte bei diesem Roland bleiben sollen, der war wenigstens ehrlich." Ludwig machte den Weinbauern nach: "Und da drüben wächst der Krachsauer Geißborn. Wenn ihr mich fragt: den sollte man nur beleidigten Mädchen zu trinken geben."

Elisabeth musste kichern. Der Pfad, auf dem sie gingen, war schmal und steinig. Sie wollte etwas sagen, da rief Ludwig hinter ihr "Huuaahh!" Er hatte einen Schritt zu weit über den Rand gemacht und kullerte den Abhang hinunter. "Ludwig!", schrie sie und wusste sich nicht anders zu helfen, als ihm hinterher zu springen.

Er war in einem Strauch hängengeblieben und hatte ein paar Kratzer an Gesicht und Händen abgekriegt. Sie fiel ziemlich unsanft auf ihn drauf. "Aua", rief er, "hätte nicht gedacht, daß du so schwer bist." "Hab' ich dir weh getan?", fragte sie erschrocken. "Nicht so schlimm. Hauptsache, du bist in Ordnung." "Ja, nichts passiert." Sie mussten beide lachen, er sagte "Jetzt hängen wir hier im Gestrüpp wie zwei Katzen nach dem Hochwasser." "Wenn schon, dann wie eine Katze und ein Kater."

Er blickte an ihr vorbei nach oben. "Was ist das?" Wo der Pfad, auf dem sie herabgekommen waren, über die Höhe ging, waren zwei Reiter erschienen, die im vollen Galopp angehalten hatten und sich umsahen, als wären sie unschlüssig, wo entlang es weitergehen sollte. "Das sind unsere Pferde", stellte Ludwig überrascht fest, und Elisabeth meinte "Was wollen die damit? Suchen sie uns?" "Das sieht mir eher danach aus, als hätten sie sie gestohlen."

Er schaute kurz umher. "Geh' da rüber, versteck' dich hinter dem Stein." "Was hast du vor?" "Bleib' dort, ich komme gleich wieder, mach' schon." Er schob sie beiseite. "Halt' dich geduckt", flüsterte er ihr nach, aber sie verstand es nicht. Er kroch den Abhang hinauf bis zu dem Pfad. Er behielt die Reiter im Auge. Als er oben war, kamen sie den Pfad herab. Er sprang hinter ein paar Büsche, es war so steil hier, daß sie ihn nicht sehen konnten. Er schlich weiter bis zu dem großen Stein. Dahinter kauerte Elisabeth, die Hände vorm Mund.

Sie schrak zusammen, als er sich neben sie niederwarf, aber sie blieb still. Er hatte die Tasche mit dem Proviant geholt, die oben liegen geblieben war. Er legte seine Hand auf ihre Schulter. Sie flüsterte "Du denkst immer bloß ans Essen" und zwang sich zu lächeln, sie wollte ihm und sich Mut machen. Ludwig schüttelte den Kopf. "Es hätte uns verraten."

"Aber was wollen die denn noch mehr als die Pferde?" "Ssssttt!" Er lugte über den Stein hinweg. Die Reiter preschten vorbei. Die Pferde waren gut, selbst auf einem so schmalen, steinigen Pfad hatten sie keine Probleme. Die Männer waren eindeutig Räuber, Ludwig konnte ihre Waffen erkennen, und der eine hatte sein Gesicht verhüllt.

"Sind sie vorbei?", fragte Elisabeth und ihre Hand krallte sich in seinen Arm. "Ich glaube ja." Er wagte noch einen zweiten Blick und sah sie auf der linken Seite in einem kleinen Wäldchen verschwinden. Es befand sich fast am Fuß des Hügels in einer Senke, die nicht gerodet war. Das Walddickicht machte einen finsteren Eindruck, ein Bach kam daraus hervor und schlängelte sich unterhalb von ihnen durch ein Tal. An diesem Abhang war offenbar nie Wein gewachsen, deshalb war er auch so wild überwuchert und die großen Steinbrocken lagen herum.

"Was machen wir jetzt?", fragte sie leise. Er antwortete nicht, und sie sagte "Sieh mal, da drüben ist ein Häuschen." Ludwig hatte es auch schon entdeckt. Es stand am gegenüberliegenden Hang, der auf der Sonnenseite lag und mit Wein bepflanzt, aber einen vernachlässigten und verwilderten Eindruck machte. Es war ein kleines Weinberghaus, aus Sandsteinquadern gebaut, mit einem Schindeldach und einem Fensterchen über der rotgestrichenen Tür. Zum Haus führte eine Steintreppe hinauf, und wegen des Steilhangs hatte man Zutritt nur über dieses Treppchen.

"Wir gehen da hinüber", sagte er, "aber wir müssen uns unauffällig bewegen, ich vermute, die stecken noch da drin." Er deutete auf das Wäldchen, man hätte die Männer gesehen, wenn sie wieder herausgekommen wären. "Sind es Räuber? Haben sie dort ihr Lager?" "Räuber ja, sieht ganz so aus. Aber für ein Räuberlager ist der Wald zu klein, da könnte man sie leicht aufspüren." "Dann kommen sie wieder?" "Sie werden jedenfalls nicht ewig da drin bleiben." Elisabeth sagte "Wenn wir in dem Häuschen sind, können wir uns einschließen." "Hm. Vorausgesetzt, die Tür hat ein Schloss und der Schlüssel steckt."

Sie fasste ihn wieder am Arm. "Aber dann ist es womöglich sowieso zugeschlossen, und wenn wir drüben sind, kann man uns sehen." "Hoffen wir einfach, daß wir reinkommen." Sie nickte. "Du brauchst keine Angst zu haben." "Hab' ich nicht." Unnötigerweise setzte er hinzu: "Wir haben nichts Wertvolles bei uns, und die Pferde haben sie schon, sie können uns höchstens ..." "Was denn?", fragte sie mit einem bangen Ausdruck in ihren Augen. "... von unserer gefährlichsten Seite kennenlernen", sagte er, aber seine Stimme zitterte auch ein bisschen.

Es war schwieriger als angenommen, in das Tal hinabzusteigen. Zwischen den Sträuchern konnte man regelrecht in die Enge geraten und musste ständig nach einem Ausweg suchen. Auf den kahlen Stellen dagegen lösten sich unter den Füßen kleine Geröll Lawinen, die herunterkullerten und Staub aufwirbelten. Außerdem machten Scharen von Drosseln und einzelne Elstern Geschrei über ihren Köpfen. Ludwig fluchte "Mit Eulen haben die wahrlich nichts gemeinsam."

Dann konnte sich Elisabeth nicht mehr halten, rannte Hals über Kopf das letzte Stück hinab und platschte in den Bach, glücklicherweise an einer seichten, sandigen Stelle. Vorsichtshalber versteckten sie sich für einen Moment hinter einem umgestürzten dicken Baumstamm, bevor sie zu dem Weinberghaus hochkletterten. "Lieber Gott, lass' es offen sein", flehte Elisabeth, und Ludwig sagte, sie solle unten an der Treppe bleiben.

Er klomm die Stufen hinauf, und Elisabeth sah, daß seine Hose einen langen Riss hatte, aber das war jetzt unwichtig. Die Tür war nicht verschlossen, und so schnell war Elisabeth noch nie eine Treppe hinaufgesaust.

Im Innern war es angenehm kühl, aber es roch ein bisschen modrig. Das Häuschen war halbrund gebaut und ein Stück weit in den Berg geschoben. Unter dem Fußboden befand sich ein Kellerloch, in das man durch eine Luke gelangte. An den Wänden waren oben noch mehrere kleine Fensteröffnungen, die man von weitem nicht gesehen hatte. In einer Ecke standen Kisten, an der anderen Seite drei größere Fässer, die hohl klangen, als Ludwig dagegen klopfte. Es gab einen Tisch, aber keine Stühle. Dafür so etwas wie eine Pritsche aus Holz, mit Seilen bespannt und einer Decke darauf, die stockig und löchrig war.

Unter der Pritsche stand ein Paar riesige Schuhe mit hohen Schäften. Sie sahen aus wie aus Ton gebrannt, aber die Nähte waren teilweise gerissenen. Einer war umgekippt und daraus huschte eine Maus fort. Sie fanden einen Stapel leere Säcke, die noch ganz gut in Schuss waren und breiteten sie auf der Pritsche aus. Als sie sich darauf setzten, krachte das eine Bein durch und sie plumpsten nach unten. Sie konnten beide wieder lachen. Elisabeth atmete tief durch, als würde sie alle Aufregung von sich abstreifen. "Mann, habe ich einen Hunger", sagte sie.

Sie holten alles aus der Tasche heraus und legten es auf ein Leinentuch, das auch dabei war. Ludwig schnitt mit seinem Messer vom Brot und von dem Schinken ab. Elisabeth schälte die Eier und dachte, mit dem Messer hätte Ludwig sie bestimmt verteidigt, wenn's dazu gekommen wäre. Sie futterten munter drauflos, und da kam zwischen den Kisten die Maus hervor und reckte ihre Nasenspitze nach oben, und Elisabeth warf ihr ein Krümelchen von dem Käse hin, und nachdem sie daran geschnuppert hatte, verschwand sie blitzschnell damit.

Sie hatten nichts zu trinken, und es war auch kein Gefäß da, womit man Wasser aus dem Bach holen konnte. "Bist du verrückt", sagte Elisabeth, "du wirst doch wohl nicht noch mal da hinunter gehen." "Irgendwann müssen wir sowieso wieder hier weg." "Aber jetzt noch nicht." "Im Dunkeln finden wir den Weg nicht, und ehrlich gesagt habe ich auch wenig Lust, hier zu übernachten." "Ach, nun sei doch erst mal froh, daß wir's bis hierher geschafft haben", sagte sie, als würden sie ein hohes Gebirge überqueren wollen, und sie streichelte seine Wange.

"Vielleicht ...", sagte Ludwig, sprach aber nicht weiter, sondern stand auf und zog an dem Eisenring auf der Luke. Sie klemmte an einer Stelle, und mit einem Ruck ging sie auf. Da kam noch mehr Modergeruch hoch. "Glaubst du, da unten ist was?" "Kann sein, daß sie wenigstens etwas von dem Wein da gelagert haben." Er blickte hinab. "Verflucht, ist das finster." Er setzte sich auf den Rand. "Ich schau mal nach." "Aber komm' wieder", sagte Elisabeth. "Ja. Und falls nicht, sollst du wissen, daß ich dich immer geliebt habe." "Das ist nicht lustig!"

Er sprang hinein, und sie überlegte, wie er wieder herauskommen will, vielleicht muss sie ihn hochziehen. "Kannst du was sehen?", rief sie in das Loch hinein. Durch ein paar Steinritzen kam Licht und unter der geöffneten Luke wurde es ein bisschen hell. Sie legte sich hin und hielt ihren Kopf nach unten. "Wo bist du denn?" "Na hier, du siehst mich doch." "Ach das bist du. Du hast eben so komisch ausgesehen, wie irgendein Tier." "Ja, das ist der Weinkellerwolf. Er schläft." "Mach' mir nicht Angst." "Ich hab' was."

Er hielt eine Tonkruke in der Hand, ungefähr für fünf Liter Inhalt. Sie war mit einem Pfropfen verschlossen, um den ein ölgetränktes Gewebe gewickelt war. Sie nahm ihm den Krug ab. Er zog sich mit Händen am Rand hoch, stützte sich auf, kniete mit einem Bein auf den Boden und kam aus der Öffnung heraus. "Ist da noch mehr?", fragte sie. "Das reicht doch." "Ja stimmt, das ist ja mehr als genug. Mann, ist das schwer."

Er machte die Luke wieder zu. Dann holte er den Pfropfen heraus und probierte einen Schluck. Er spuckte ihn aus. "Ist er schlecht?" "Kann man trinken. Willst du?" "Klar, ich bin ausgetrocknet wie eine Ofenbank." Er half ihr den Krug zu halten, es gluckste in ihrer Kehle. "Nicht so viel, vielleicht ist er schon etwas verdorben." "Was kann dann passieren?" "Dann kriegst du die Scheißerei." "Also bitteschön, du kannst dich ruhig ein bisschen gewählter ausdrücken, auch wenn wir unter uns sind." Er lachte und trank selbst.

"Jetzt ist mir jedenfalls erstmal besser", sagte sie, rutschte auf der Pritsche nach hinten und lehnte sich an die Wand, "und du hast selber so einen Zug drauf." "Na ja, da können wir nachher um die Wette scheißen." Sie haute mit der Faust auf sein Bein. "Mäßige deine Rede, oder ich schmeiß' dich 'raus, zu den Räubern." Er machte es sich auch bequem. Sie schauten vor sich hin. Sie sagte "Du kannst auch deinen Arm um mich legen, wenn du willst." "Ist gut." Er machte es.

Sie schauten weiter vor sich hin, vom Wein wurden sie träge. "Deine Hose ist übrigens zerrissen", murmelte sie. "Ach so?" "Ja, hier innen am Bein." Sie befühlte mit der Hand den Riss. "Der geht ganz schön weit hoch." "Scheint so." "Oh, entschuldige", sagte sie und zog die Hand schnell weg. "Macht nichts", knurrte er, "bloß alles an seinem Platz." Sie schaute ihm ins Gesicht, er hatte die Augen zugemacht. Sie wollte von dem Apfelmännchen auf dem Eisenacher Markt erzählen, wo sie auch Wein getrunken haben, aber sie war zu faul und dann schlummerte sie ein.

Er blinzelte. Ihm war, als hätte ihn etwas am Kopf getroffen. Dann sah er, wie ein Steinchen durch eine der Fensteröffnungen hereingeworfen wurde und auf dem Tuch mit dem Essen landete. "Wach' auf", flüsterte er Elisabeth zu, und als sie die Augen öffnete, legte er ihr die Hand auf den Mund. "Sei still." Er horchte. Draußen ging etwas vor sich. "Ich glaube, da ist jemand."

Sie nahm behutsam seine Hand weg, da landete ein weiteres Steinchen auf dem Boden. Er sagte kaum hörbar: "Die wollen wohl wissen, ob sich hier drin was regt." Die Tür wurde gerade noch von der Sonne beschienen, und die dünnen Linien Licht, die durch die Ritzen auf den Boden fielen, verschwanden plötzlich: jemand war vor der Tür. "Wir müssen den Tisch davor stellen", sagte Ludwig, und Elisabeth nickte. Sie erhoben sich von der Pritsche und das Holz knarrte. "Mist", sagte Ludwig und sie hörte, wie sein Atem schneller ging. "Dein Messer!", sagte sie, und er hatte es im selben Augenblick schon gezückt.

Da flog krachend die Tür auf, und Ludwig erkannte einen der Räuber, der sich auf ihn stürzte. Elisabeth schrie und sprang zur Seite. Der Räuber hatte das Messer sofort gesehen und mit einer Keule schlug er es Ludwig aus der Hand. Als er zum zweiten Mal ausholte, rammte ihn Ludwig mit seinem Kopf in den Bauch. Die Keule traf ihn auf dem Rücken, aber nicht mit voller Wucht.

Der Räuber wurde gegen die Wand geschoben, Ludwig packte sein Bein und versuchte, ihn umzuwerfen, der Mann zerrte ihn an den Haaren. Da kam der andere zur Tür herein. Anstatt ihm hinterrücks einen Schlag zu versetzen, der sein Ende bedeutet hätte, zog er Ludwig mit beiden Händen um den Bauch von seinem Kumpan weg, offenbar wollte er ihn lebend haben.

Aber plötzlich gab es einen donnernden Knall und die Weinkruke zerbarst auf dem Schädel des Räubers und der Wein spritzte nach allen Seiten. Elisabeth hatte ihm von hinten eins verpasst. Er sank mit dem Gesicht über Ludwigs Allerwertesten hinweg zu Boden. Elisabeth machte einen Satz zurück, sie konnte nicht fassen, was sie da angerichtet hatte. Wie sie jedoch Ludwig verzweifelt mit dem anderen ringen sah, schaute sie umher, wo das Messer liegt, fand es, ergriff es und wusste nicht, ob sie es Ludwig in die Hand drücken oder dem Räuber - mein Gott, sie konnte doch nicht ... sie stand da und zitterte und hörte Ludwig unter der Anstrengung ächzen.

Sie erhob den Arm mit der Klinge und ging auf den anderen zu, da wurde sie plötzlich weggerissen und taumelte. Drei Männer waren hereingestürmt, einer drückte mit seinem Schwert den Hals des Räubers gegen die Wand, ein anderer hieb mit dem Streitkolben voll auf seinen Unterarm, und Elisabeth musste sich unwillkürlich abwenden, als sie sah, wie der blanke Knochen aus dem Ärmel heraus platzte.

Der Räuber ließ Ludwig los, der fiel auf die Knie, Elisabeth beugte sich über ihn und hielt seinen Kopf. Er wandte sich ihr zu. "Ist dir was passiert?", keuchte er. "Es geht mir gut. Was ist mit dir?" "Meine Hand, ich glaube, sie ist gebrochen."

"Mein Name ist Witlof von Benshausen", sagte einer der Männer, "wir waren auf der Jagd nach diesen Halunken, es sind Diebe und Betrüger, und der da - er zeigte auf den am Boden - ist sogar ein Mörder." Ludwig erhob sich mühsam. "Den hat sie erledigt, das ist Prinzessin Elisabeth von Ungarn." Witlof war etwas verwirrt, daß er eine solche Person hier vorfand und noch mehr, daß sie über derartig gewaltige Kräfte verfügte.

Er wollte vor ihr niederknien, aber sie sagte "Lasst das, Ihr habt unser Leben gerettet." "Wie habt Ihr uns gefunden?", fragte Ludwig. "Ein Weinbauer drüben hinter dem Hügel hat uns gesagt, daß Ihr in diese Richtung gelaufen seid." Die beiden anderen von Witlofs Männern hatten den Räuber gefesselt und brachten ihn hinaus. Dann holten sie auch den zweiten. "Ist er tot?", fragte Elisabeth zaghaft. "Leider nicht", erwiderte der Ritter und man sah, daß er sich eine hässliche Bemerkung über ihn ersparte, weil Elisabeth von dem Anblick so erschüttert war.

"Eure Pferde stehen draußen", sagte Witlof. "Fehlt Euch sonst irgendetwas?" "Nein", sagte Ludwig. "Könnt Ihr bitte seine Hand verarzten?", fragte Elisabeth. "Wir können sie notdürftig schienen und verbinden, mehr haben wir leider nicht dabei." "Das reicht völlig", meinte Ludwig, "wir machen uns gleich auf den Weg nach Hause." Dann sagte er "Herr Witlof, ich bitte darum, daß Ihr mit Euern Männern zu Markgraf Dietrich kommt, damit wir Euch für Eure Hilfe gebührend danken können." Der andere nickte ihm zu.

Es stellte sich heraus, daß Ludwigs Hand nicht gebrochen, sondern nur geprellt war, wie der Arzt befand, den Markgraf Dietrich sofort herbestellt hatte. Dietrich war entrüstet über das verbrecherische Treiben der Räuber. "Ich werde das Weinberghaus unverzüglich abreißen lassen." "Aber es hat uns doch Schutz geboten", wandte Elisabeth ein und Ludwig sagte "Es scheint mir nicht so, als ob es die Räuber zum Unterschlupf nehmen." "Nein? Hm."

Der Arzt legte einen stützenden Verband an und gab Ludwig eine Salbe, mit der er den Bluterguss auf seinem Rücken einreiben soll. "Wenigstens ist es noch einmal glimpflich ausgegangen", sagte Dietrich. "Ja, wir sind eine starke Truppe", sagte Ludwig und lächelte Elisabeth an.

Natürlich mussten die beiden auch Jutta, Sophia und den anderen alles haargenau erzählen, und sie taten es sogar mit Vergnügen, immer abwechselnd, ohne daß einer dem anderen ins Wort gefallen wäre, und Elisabeth konnte es sich hier und da nicht verkneifen, die Geschichte ein bisschen auszuschmücken, wobei Ludwig dachte: 'Sie redet schon manchmal wie der Alte.'" Dietrich fragte "Und es sind keine Stühle da?" Sie verneinten. "Ich werde unverzüglich welche hinschaffen lassen. Auf dieser Pritsche, das ist ja kein Zustand!" Man sah, daß er unbedingt etwas gutmachen wollte.

Ludwig hatte Sophia um Geld gebeten, damit er für Balthasar ein Geschenk kaufen kann. Jutta hatte ihm empfohlen, mit Elisabeth der schönen Stadt Naumburg einen Besuch abzustatten, von der sie selber schwärmte und wo es einmal in der Woche einen großen Markttag gebe. (Elisabeth hatte zum Vorwand gesagt, sie bräuchte unbedingt ein paar neue Sachen.) Es gefiel ihnen dort, und auf dem besagten Markt gab es alle möglichen Waren und darunter auch schöne Holzschnitzereien aus den sächsischen Werkstätten, kunstvolle Stickereien aus den slawischen Gebieten oder feines Glas aus Böhmen. Es gab sogar Heiligenbilder, die von Kiewer Mönchen geschaffen worden waren, und Elisabeth meinte, eines davon aus ihrer Kindheit in Sárospatak zu kennen. Aber sie kaufte für sich ein "Räuchermännchen" aus dem Erzgebirge, eine kleine Holzfigur mit Hut und Mantel und mit einer langen, herabhängenden Tabakspfeife, in die ein Pulverklümpchen "gestopft" wurde, das man schwelen lassen musste und das einen aromatischen Duft und ein weißes Rauchfähnchen verbreitete.

Sie fand ein Paar niedliche Schuhchen für Balthasar, aus feinem Ziegenleder mit Fellbesatz. Man konnte sie so schnüren, daß sie auch noch passend waren, wenn die Füße größer wurden. Dazu gab es hübsche Socken aus Schafswolle in verschiedenen Farben, von denen sie gleich fünf Paar mitnahm.

"Das gefällt mir auch", sagte Ludwig, "aber ein Paar Schuhe und Strümpfe sind vielleicht doch zu wenig für einen kleinen Grafen." Sie gab ihm recht, und sie gingen zu einem Juwelier in einer der Seitengassen und suchten einen Schmuck aus, den der Grafensohn später einmal tragen könnte. Ludwig ließ sich eingehend beraten, er stellte eine Frage nach der anderen: was für Material das sei, wieviel Goldanteil dieser Ring habe, wie dieser Edelstein heiße und was er wert sei.

Der Juwelier wusste über alles Bescheid, jedenfalls hatte er auf alles eine Antwort, und Elisabeth fing an, diverse Ketten und Armreife anzuprobieren, und irgendwann bemerkte sie plötzlich, daß die beiden Männer sie die ganze Zeit schweigend und staunend angesehen hatten. "Hast du etwas gefunden?", fragte sie Ludwig, und er zeigte ihr eine goldene Gewandspange, die mit Rubinen besetzt war und von der sie ganz begeistert war.

Dann gingen sie in den großartigen Dom, um aus Dank für den glücklichen Ausgang ihres Abenteuers und für das Heil aller ihrer Lieben zu beten, ein Lichtlein zu spenden und eine Opfergabe zu entrichten. Der Domherr war gerade anwesend, und im Vorübergehen gewahrte er die beiden, die sich andächtig niedergelassen hatten. Vielleicht fielen sie ihm auf, weil sie zusammen so wundervoll aussahen, und als sie ihr Gebet beendet hatten, kam er auf sie zu und stellte sich vor, und sie erwiderten seine freundliche Begrüßung.

Es waren zur selben Zeit die Herrschaften da, welche der Kirche eine beträchtliche Summe Geldes gestiftet hatten, das waren ein Herr namens Ekkehard und seine Gemahlin Uta (mehr als ihre Vornamen wollten sie aus Zurückhaltung nicht preisgeben), und der Domherr fragte Ludwig und Elisabeth, ob sie einen Blick in die Dombauhütte werfen wollen, wo die genannten Stifter sich gerade einige von den Skulpturen ansehen, die kurz vor ihrer Vollendung stünden und im Kirchenschiff an einer Stelle zwischen Chor und Sanctuarium aufgestellt werden sollen. Die Begegnung der beiden Paare verlief sehr wohlgefällig, und Elisabeth sprach hinterher sogar von einem "bewegenden Moment".

Der kleine Balthasar bekam nicht viel mit von seinen Geschenken, auch bei den Schuhchen hatte sich Elisabeth verschätzt, sie waren noch zu groß. Aber Jutta meinte, das werde sich schnell ändern, und die Wollsöckchen sahen putzig aus, obgleich sie bis auf die Oberschenkel reichten. Jutta und Dietrich bedankten sich für die schöne Spange, und Jutta umarmte ihren Bruder so herzlich wie nie zuvor.

Elisabeth hatte wieder ihren Spaß daran, den Jungen zu versorgen, wusch und windelte und fütterte ihn, und vor dem Einschlafen sang sie ihm ein ungarisches Lied vor, das so gut wirkte, daß sie niemals über die zweite Strophe hinauskam. Sie rieb Ludwig auch immer den Rücken mit der Salbe ein; der große, blaue Fleck, den ihm der böse Räuber zugefügt hatte, war seitlich ein Stück über dem Po, und es tat sehr weh, wenn er sich daran stieß.

Elisabeth machte es jedoch so sanft, daß Ludwig das Gefühl hatte, sie könnte die Verletzung mit ihren bloßen Fingern wegheilen. Er lag dabei bäuchlings auf dem Bett und sie saß auf der Kante, und es ist gewiss nicht anstößig, wenn verraten wird, daß sie die Decke über seinem Po manchmal ziemlich weit herabstreifte, "um besser hantieren zu können", wie sie behauptete. "Weißt du eigentlich, daß du einen süßen Po hast?", fragte sie ihn, und er sagte "Ach ja? Ich hab' ihn noch nie gesehen." "Ja, kannst du mir glauben. Und ich werde dafür sorgen, daß ich die einzige bin, die ihn zu sehen bekommt." "Oh, gut", erwiderte er, "das gönn' ich dir gern."

Sie verstrich die Salbe auf seiner Stelle und sagte wie nebenbei, "Übrigens, so unanständig fand ich die Geschichte aus dem Harems-Büchlein gar nicht." "Nein? Na, da bin ich ja froh, ich habe schon befürchtet, ich würde dir damit einen Schreck einjagen." "Ach, wieso denn! Ich bin da gar nicht so schreckhaft wie du denkst." Er schwieg. Sie sagte "Kennst du eigentlich noch so eine?" "So eine Geschichte?" "Na, was mein' ich denn." "Ja." "Auch so unanständig?" "Ja, ziemlich, vielleicht sogar noch mehr." "Du lieber Himmel, die müssen es ja wirklich ganz schön doll getrieben haben, da in ihrem Harem." "Woher hast du denn den Ausdruck?", fragte er. "Ach, mal irgendwo gehört." Er schwieg. Sie sagte leise "Erzählst du sie mir?" Er zögerte. "Ähm ... sie ist aber wirklich unanständig, ich möchte nicht, daß du schlecht von mir denkst, weil ich solche Geschichten kenne." "Nein! Weiß ich doch, daß du so was lieber für dich behälst. Aber mir kannst du's ruhig sagen." "Na gut. Heute abend?" "Ja. Ich komm' zu dir." Nach einer Weile fragte sie noch "Kann man dein Zimmer eigentlich abschließen?"

Dann ging die Zeit ihres Aufenthalts auf Neufels zu Ende und sie kehrten heim. Aber für Elisabeth und Ludwig war das kein trauriger Anlass, denn Ludwig wohnte fortan auf der Creuzburg, und seine Stube war, wie Elisabeth es sogleich ausgemessen hatte, nur fünfundzwanzig Schritte von ihrer entfernt, und wenn sie große Sprünge machte, waren es fünfzehn, und nur wegen einer Ecke musste sie einmal abbremsen.

Während der alte Hermann fast ständig auf dem Grimmenstein hauste und ihn kaum noch verließ, besorgte Sophia mit Unterstützung der Ritter, Herren und Bediensteten die Regierungsgeschäfte für die Landgrafschaft. Lediglich seine Unterschrift wurde jedesmal eingeholt, wenn sie vonnöten war. Sophia hatte sich über den Besuch beim Markgrafen nicht eben ausführlich geäußert, und mit einigen offiziellen Protokollnotizen, wie sie unter fürstlichen Familien üblich sind, war die Sache abgetan.

Zu Elisabeth sagte sie aber unter vier Augen, wie beglückt (sie gebrauchte tatsächlich dieses Wort, das Elisabeth zuletzt aus Onkel Ekberts Munde gehört hatte) wie beglückt sie über ihr, Elisabeths, Auftreten gewesen sei, und sie habe mit Vergnügen festgestellt, wie selbstbewusst und doch voller Anmut sie sich inmitten der Leute bewegte. Sie meinte damit vor allem einen Empfang, den der Markgraf zum Anlass der Taufe gegeben hatte und zu welchem eine ganze Reihe hochgestellte Gäste auf Burg Neufels erschienen waren. In der Tat war Elisabeth überall mit Wohlwollen und bedacht worden.

Elisabeth bedankte sich für das Lob und wollte schon gehen, da sagte Sophia: "Halt, meine liebe Tochter, das war erst das, was ich vorausschicken wollte." Für einen Moment befürchtete sie, Sophia würde dem positiven Urteil nun das kritische folgen lassen oder vielleicht gar auf ein paar Dinge zu sprechen kommen, für die Elisabeth sich rechtfertigen sollte, weil sie nach Ansicht der strengen Frau dem Verhalten des jungen Mädchens nicht ganz angemessen gewesen wären. Und warum war eigentlich Ludwig nicht hier, um ihr wenn nötig beizustehen? Hatte sie ihn aus gutem Grund ferngehalten?

"Komm zu mir", sagte Sophia und machte eine Geste, Elisabeth solle sich neben sie setzen und ihr die Hand reichen. Sophia nahm ihre Rechte und streichelte sie. Ihr wurde dabei ganz seltsam zumute. "Ich frage dich, meine Liebe", sagte Sophia, "was denkst du dir, wie es nun weitergehen soll?" Elisabeth wusste wirklich nicht genau, worauf Sophia hinauswollte. "Womit?", fragte sie beklommen. "Mit dir und Ludwig natürlich", erwiderte Sophia und setzte dabei ein Lächeln auf, das Elisabeth überhaupt nicht von ihr kannte.

Sie lief rot an, merkte es selber und dachte: 'Wenn dies nun eine Fangfrage ist, und Sophia bloß herausfinden will, wie sehr sie, Elisabeth, sich bereits an Ludwig gebunden fühlte und wie gewaltig ihr Widerstand dagegen wäre, wenn sie von ihm getrennt werden sollte? Wenn Sophia jetzt auf ihre samtweiche Art versuchte, sie ein für allemal loszuwerden, sie vielleicht mit einer großzügigen Geste abzufinden und sich dafür zu versichern, daß Elisabeth es hinnimmt und schweigt und sich in ihr Schicksal fügt?'

Aber wie sie über ihre Hand strich - so liebevoll, so wahrhaftig, so - als hätte sie sich sehr sehr lange auf diesen Augenblick gefreut - das konnte, so musste Elisabeth zugeben, nie und nimmer mit falscher Absicht sein. Da kamen ihr plötzlich die Tränen in die Augen geschossen. Sie fiel Sophia um den Hals und musste weinen. "Aber was ist denn jetzt los?", fragte Sophia eher erschrocken als missbilligend.

Elisabeth schluchzte. "Ich ... muss ... dir gestehen, daß ich so schlecht von dir gedacht habe ... es tut mir so leid ... ich bitte dich um Verzeihung ... ich bin ein schlechter Mensch!" "Um Gottes willen! Kindchen, was ist mit dir!", rief Sophia und legte beide Hände an ihre Wangen, "Wovon redest du da?" "Ich habe die ganze Zeit gedacht, ihr wollt Ludwig verheiraten." "Ja, das wollen wir auch." Elisabeth entfuhr ein kräftiger Schluchzer. "Aber mit wem denn?", rief sie, als würde sie auf einem sinkenden Schiff zurückgelassen werden. "Mit wem?" "Ja, mit wem? Sag' es mir endlich offen heraus, damit meine Qual endlich ein Ende hat." Sophia schüttelte sachte den Kopf. "Na so was. Habe ich irgendwas falsch gemacht?" "Bitte?" "Ist irgendetwas zwischen euch vorgefallen?"

Elisabeth wischte sich die Tränen fort und sagte "Was meinst du?" "Was quält dich denn, Liebes? Sag' mir's nur!" "Ach! Ich liebe Ludwig. Und er liebt mich. Wir lieben uns. So sehr. Und meine größte Sorge und die größte Angst war ... ist ... daß Ludwig nicht mich, sondern eine andere zur Frau bekommen soll." Sophia verschlug es die Sprache, dann fragte sie "Hat er denn so etwas geäußert?" "Nein, niemals." "Aber was hat dich ..." Elisabeth fasste Sophia an den Schultern. "Es ist nicht wahr, stimmt's? Sag', daß es nicht wahr ist!" Sie schüttelte sie fast dabei. "Nnnnneeeeiiiiinnnn."

Elisabeth sprang auf, sie schlug die Hände vors Gesicht, sie drehte sich im Kreis, sie war außer sich vor Freude. Sie ging zu Sophia, fiel vor ihr auf die Knie und bat sie abermals um Verzeihung. "Wofür denn", entgegnete Sophia, "ich hatte doch keine Ahnung, daß du ... warum hast du nichts gesagt?" "Ich weiß nicht", gestand sie, "es war immer alles so ... so unvorhersehbar." "Ja, so ist das Leben nun mal. Und die Liebe auch."

Elisabeth richtete sich auf und fragte "Weiß Landgraf Hermann darüber Bescheid?" "Na, was denkst du denn. Natürlich muss er das wissen." "Ja, natürlich." Sophia seufzte. "Aber ich bin mir nicht ganz sicher, ob er es noch richtig verstanden hat." Elisabeth fasste ihre Hände. "Das hat er, ganz bestimmt, und es wird ihn mit großer Freude erfüllen, auch wenn man es ihm vielleicht nicht ansieht." Sophia strich ihr übers Haar. "Du meinst es gut mit allen. Das gefällt mir und ich liebe dich dafür." "Und was ist mit Ludwig?" "Er wartet draußen. Er will dir ... na, geh' schon und sieh' selber!" Elisabeth erhob sich und küsste Sophia auf die Stirn, sie sagte "Danke."

Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer, noch am selben Tag wussten es alle auf der Burg, am Ende der Woche die ganze Stadt. Es dauerte nicht lange und ein Mitarbeiter des Erzbischofs von Mainz besuchte Sophia und erkundigte sich danach. Sophia bestätigte die Hochzeit, und der Mainzer sprach seine Hoffnung aus, daß die Sache wohl nach dem kirchlichen Zeremoniell vonstatten gehen möge. Sophia erwiderte tatsächlich, das wäre im Moment eine der kleinsten Sorgen, und als sie sah, daß es dem Geistlichen bedenklich um die Mundwinkel zuckte, versprach sie ihm, den Herrn Erzbischof rechtzeitig zu unterrichten. Die Mainzer Katholiken und die Thüringer waren nicht die dicksten Freunde.

Es gab so viel vorzubereiten, und Sophia stellte einen Stab von Leuten zusammen, von denen jeder die Verantwortung für einen bestimmten Teil der Feierlichkeiten übernahm, den er organisieren sollte. Auch Elisabeth selbst wollte unbedingt daran beteiligt sein, und sie bekam - darüber waren sich alle einig - den Part zugewiesen, der ihr logischerweise am nächsten lag: die Ausstattung der Braut. Britta unterstützte sie aus Leibeskräften und heuerte noch vier weitere Mädchen an, die ihr zur Seite standen.

Der früheste mögliche Termin lag Anfang Oktober. Bis dahin mussten alle Einladungen verschickt, der genau Ablauf geplant, die erforderlichen Um- und Ausbauten für das Fest abgeschlossen und natürlich alle Vorräte herangeschafft werden. Die Hochzeit sollte drei Tage dauern. Am ersten machten sich Braut und Bräutigam bereit für das große Ereignis und sie empfingen die Grüße und Glückwünsche aller Menschen, die zu ihnen kommen, um ihre Freude mit ihnen zu teilen.

Am zweiten Tag würde die eigentliche Hochzeitsfeier stattfinden, und der dritte Tag steht ganz im Zeichen des Turniers, das aus diesem Anlass veranstaltet wird und zu dem die tapfersten Ritter aus Nah und Fern geladen sind. Gleich bei einer der ersten Maßnahmen, dem Ehegelöbnis, gab es Unstimmigkeiten. Elisabeth wollte, daß der einstige Creuzburger Pfarrer Elger Rudolphi nicht nur die Verlobung, sondern am besten die Trauung und alles andere leiten soll.

Heinrich von Rispach, der erstaunlicherweise auch auf diesem Gebiet sachkundig war, wandte ein, daß das Verlöbnis zwar nicht unbedingt in der Kirche, jedoch vor einem ortsansässigen Geistlichen stattfinden müsse; "es sei denn ...", fuhr Rispach fort, aber Sophia unterbrach ihn und sagte "Wenn wir hier schon mit irgendwelchen Spitzfindigkeiten anfangen, dann werden wir nie rechtzeitig fertig."

Elisabeth sah ein, daß nicht alles nur nach ihren Vorstellungen ablaufen konnte, und so fand man einen Kompromiss, mit dem alle zufrieden waren. Dem Pfarrer von Sankt Katharinen in Eisenach sollte alles Prozedere gemäß den kirchlichen Vorschriften obliegen, und Rudolphi würde den Wortgottesdienst abhalten. Rispach hatte zwar immer noch Zweifel, schloss sich aber der Regelung an.

Die Verlobung musste nämlich so bald wie möglich stattfinden, damit die vorgeschriebene Frist für das Aufgebot eingehalten werden konnte, wie es der Papst jüngst auf dem Konzil verordnet und damit zum Gesetz hatte. Als Elisabeth das hörte, zog sie die Stirn in Falten und sagte "Warum muss denn das alles so kompliziert sein? Wir wollen doch einfach nur heiraten." Die anderen lachten, was sie beinahe noch mehr in Rage brachte. Ludwig redete ihr gut zu.

Man empfahl ihr, sich weiterhin um ihr Hochzeitskleid zu kümmern, und sie ging unter der Bedingung, über alles auf dem Laufendem gehalten zu werden, zurück zu ihren Gehilfinnen. Zur Verlobung trug sie dann ein schlichtes, beigefarbenes Kleid mit einem Rüschenkragen, und Ludwig eine Art Jägertracht mit einem kecken Hut. Sie gaben vor dem Zeremonienmeister ihr beiderseitiges Versprechen die Ehe eingehen zu wollen.

Normalerweise musste der Muntwalt des Mädchens, also Elisabeths Vater, spätestens zur Trauung anwesend sein, aber man wartete immer noch auf Nachricht aus Sárospatak, und man konnte die Verlobung nicht verschieben. Weil andererseits der alte Hermann krank darniederlag, ernannte man kurzerhand Walter von Vargula und Britta Valgardstochter zu Zeugen, und das Verlöbnis konnte beurkundet werden. Danach wurde in Sankt Katharinen dreimal hintereinander das Aufgebot gestellt, und es zeigte sich, daß niemand einen Einwand gegen die Ehe des Grafensohnes mit der Königstochter vorbringen konnte, so daß der Hochzeit nichts mehr im Wege stand.

Je näher der große Tag rückte, um so aufgeregter wurde Elisabeth, sie konnte kaum mehr stillsitzen, war ständig unterwegs und nirgends anzutreffen. Selbst bei den Anproben für das Kleid konnte sie kaum ruhig stehen und unzählige Male wurde sie von den Nadeln gepikst. Sogar Ludwig gegenüber war sie oft schnippisch und hatte gerade angeblich keine Zeit für ihn.

Dann sollte sie sich auch noch einem Braut Examen unterziehen, für das extra ein geistlicher Gelehrter aus dem hohen Norden (aus Lund) anreiste, der Elisabeth über das Wesen und den tieferen Sinn der Ehe aufklären sollte. Sie musste sich zwei Wochen lang jeden Tag für zwei Stunden seinen Vortrag anhören. Der Mann war außerordentlich klug und belesen, keine Frage, aber er hatte eine sehr monotone Sprechweise und war fast taub.

Als erstes hatte er Elisabeth das Glaubensbekenntnis abgefragt, das sie fehlerfrei hersagen konnte. (Sie hatte es zuletzt bei der Taufe Balthasars abgelegt.) Sodann ging er zu den capitalia delicta über, womit die Todsünden gemeint waren. Und dabei kam eine weitere unangenehme Seite seiner Lehrmethode zur Geltung, nämlich die endlosen Aufzählungen lateinischer Begriffe, deren eine junge Frau wie Elisabeth natürlich nicht im gleichen Maße mächtig war wie ein hundertjähriger Bücherwurm.

Falsum testimonium und blasphemia brachte sie noch zusammen, aber da fehlten fünf weitere, und idololatria und stuprum klangen zwar irgendwie interessant, hatte sie aber noch nie gehört. Als sie dann nachfragte, was denn unter "Unzucht" zu verstehen sei, da kam die Frage akustisch nicht bei ihm an und sie hörte dann auf, es noch lauter zu brüllen.

In der zweiten Woche sprach er über die Ankunft Christi, den er als Bräutigam bezeichnete, was Elisabeth ganz gut gefiel. Er sagte (Gott sei Dank nicht auf lateinisch) die Ankunft Christi geschehe, wenn der Mensch eines von den heiligen Sakramenten empfängt, also auch die Ehe. Dann erhält man dank seiner eigenen Demut, die dafür Voraussetzung ist, und dank der heimlichen, tätigen Anwesenheit Christi (die Formulierung gefiel ihr noch mehr) neue Gnaden, Liebessorglichkeit, Tugend und Fruchtbarkeit an guten Werken.

"Das ist die Ankunft Christi des Bräutigams, die nun vor der Tür steht und auf welche die Braut mit begehrlichem Herzen lauert, auf daß sie ihr widerfahre, um einzugehen in das ewige Leben." Für einen kurzen Moment nahm in Elisabeths Vorstellung Ludwig wirklich die Gestalt Christi an, und auch noch danach blieb ein Abglanz dieser wunderbaren Anwandlung in ihrer Seele haften.

Eines Nachmittags fand Ludwig sie, wie sie zusammengesunken dasaß und Tränen in den Augen hatte. "Was ist mit dir?", fragte er und legte seine Hand auf ihre Schulter. Elisabeth berichtete ihm, daß Andreas und Gertrud geschrieben haben, sie könnten leider nicht zur Hochzeit kommen. Irgendwelche politischen Wirrnisse hielten den König in Atem und machten seine Anwesenheit dringend erforderlich.

Ludwig versuchte, ihre Traurigkeit zu teilen und sie zugleich aufzumuntern, aber wie? Dann sagte sie, daß ihr Bruder Béla anstelle des Vaters als Muntwalt der Braut auftreten werde, und Ludwig war darüber sehr erfreut und meinte, Prinz Béla würde ihre Eltern zweifellos würdevoll vertreten, und sie wäre doch gewiss auch glücklich, ihn wiederzusehen. Sie nickte mit einem Schluchzen und sagte, sie sei auch froh, daß er kommt, und zwischen ihren Fingern drückte sie ununterbrochen eine Falte ihres Kleids, und Ludwig dachte bei sich, wie verloren sie sich eben gefühlt haben musste, als sie die Nachricht von den Eltern erhielt, und warum denn nur niemand es ihr schonend übermittelt habe.

Er nahm sie in die Arme, und nach einem weiteren, kleinen Tränenausbruch beruhigte sie sich und ihr freundliches Lächeln kehrte auf ihr Gesicht zurück. "Ach, Ludwig", sagte sie, "wenn ich dich nicht hätte." Er legte ihr den Finger auf die Lippen und flüsterte "Sei nicht bang, alles wird noch viel schöner werden, als wir es uns wünschen."

Sie zerbrach sich den Kopf darüber, wie ihr Bruder am besten empfangen werden sollte, sie hatte ihn so lange nicht gesehen, war nur brieflich mit ihm in Verbindung geblieben, was immerhin für beide erquicklich und auch, was sie betraf, oftmals sehr aufschlussreich gewesen war, wenn Béla über seine Aufenthalte in fernen Ländern und Städten berichtete. Elisabeth wusste auch, daß Walter von Vargula damals in Sárospatak mit Béla zusammengetroffen war. Jetzt ging sie zu ihm, um ihn über ihren eigenen Bruder auszufragen. Walter fand das überhaupt nicht merkwürdig; auch freute er sich ebenfalls, Prinz Béla wiederzusehen. Er sagte ihr alles, was ihm erinnerlich war und vertraute ihr auch einige persönliche Eindrücke an. Sie war ihm dafür sehr dankbar und Walter stieg in ihrer Gunst eine weitere Stufe nach oben.

Ihr Kleid war fast fertig, und das Brautexamen wurde mit einer Urkunde erfolgreich beendet; der nordische Gelehrte blieb natürlich bis zur Hochzeit. Er verbrachte ganze Nächte im Gespräch mit dem Abt des Reinhardsbrunner Klosters über Glaubensfragen. Dieser Abt war übrigens auch etwas schwerhörig, vielleicht konnten sie deswegen so endlos debattieren. Auch Onkel Ekbert war eingeladen und hatte zugesagt. Der Mainzer Erzbischof stand mit Ekbert nicht eben auf freundschaftlichem Fuß, und mit Landgraf Hermann sowieso nicht. Er schickte deshalb als seinen Abgesandten den Bischof von Hildesheim, und die beiden Bischöfe waren einander sehr verträglich. Auch Pfarrer Rudolphi war schon eingetroffen, und Elisabeth sprang ihm entgegen und in seine Arme, und er hob sie hoch und wirbelte sie zwei, dreimal herum wie ein allerliebstes Kind.

Der Arzt, den Sophia in Rastenburg für Hermanns Behandlung verpflichtet hatte, konnte einen beachtlichen, wenn auch sicher nur vorübergehenden Heilerfolg verbuchen, und es war ein Moment tiefster Ergriffenheit und auch von Tragik erfüllt, als der alte Landgraf auf der Burg aus der Kutsche stieg, gehalten von zwei edlen Männern, welche ihn bis zu Sophia geleiteten, die ihm einen Kuss auf das greise Haupt gab und ihn an die Hand nahm, um ihn in zu seinem angestammten Ehrenplatz im Grafensaal zu führen. Er zitterte sehr, aber er hatte für jeden ein kleines Lächeln übrig.

Er gab Ludwig und Elisabeth seinen Segen, und in seinen Augen konnte man einen Schimmer von Stolz und Hoffnung lesen. Obwohl einige davon abrieten, entschloss sich Sophia, mit Hermann an ihrer Seite zumindest das letzte Stück Weges zur Kirche zu beschreiten, und es erfüllte sich alles so, wie sie es sich erhofft hatte.

Zur Linken des Landgrafen ging Ludwig, und hinter ihnen Hermanns treueste Ritter in blitzblanker Montur: Heinrich von Rispach, Ulrich von Kranichfeld, Gunther von Mühlberg, Walter von Vargula, um nur einige zu nennen. Vor der Kirchentür traten die Gefolgsleute zur Seite und die landgräfliche Familie schaute der Braut entgegen, die sich engelsgleich an Prinz Bélas Arm näherte. Doch wir wollen dem Geschehen nicht vorgreifen.

Die Trauung sollte am Dienstag stattfinden, der zwanglose Empfang und die Entgegennahme der Glückwünsche am Montag. Gegen Ende der vohergehenden Woche war man mit der Zubereitung der Speisen für die festliche Tafel noch vollauf beschäftigt und man geriet in Zeitnot. Natürlich konnte die Burgküche und auch der Landgrafenhof in der Stadt nicht alles allein bewältigen.

Eine Vielzahl der lukullischen Kostbarkeiten, mit denen die Gäste bewirtet werden sollten, hatte man bei anderen Köchen, Metzgern, Bäckern in Auftrag gegeben. In der Bäckerei Kling herrschte Hochbetrieb, und Britta half dort beinahe rund um die Uhr mit; die Katze auf dem Dachboden fing schon an sich zu langweilen, weil keiner mehr heraufkam. Dennoch standen manche Gerichte vorerst nur auf der Liste, weil die Zutaten fehlten. Man wartete seit einer Woche auf die Muscheln und Austern, und mit dem türkischen Honig aus Konstantinopolis schien es wohl gar nichts zu werden.

Sophia konnte nicht anders als selber in der Küche mit Hand anzulegen, und Elisabeth wollte nicht untätig sein und folgte ihrem Beispiel. Aber über dem Herdfeuer versengte sie sich die Haare an der Stirn, und die Kammerfrauen beschworen sie, damit aufzuhören und sich lieber noch ein paar Stunden Ruhe zu gönnen. Sie gab nach, und sie sah trotz des kleinen Malheurs bildschön aus, als die Feierlichkeiten am Montag begannen.

Auf der Burg hatte man die Tür, durch die das Brautpaar heraustreten werde, mit Tannengrün und bunten Bändern geschmückt. Auf dem Hof war ein Brautbaum aufgestellt worden, der ebenfalls mit allerlei Tand verschönert war. Es hingen auch niedliche Häubchen, Hemdchen, Strümpfe und Kleidchen daran, die natürlich für allerlei lustige Bemerkungen sorgten.

Im Laufe des Tages kamen unentwegt Leute aus der Stadt und aus der Umgegend, um zu gratulieren. Sogar aus dem Osterland, aus dem Hessischen und von jenseits des Waldes strömten sie herbei. Die meisten waren Bauern und Handwerker, und Elisabeth wurde mehrmals zu Tränen gerührt, als sie sah, wie viele Menschen von ihr wussten und sich auf den Weg gemacht hatten, sie zu sehen.

Aber am meiste Freude empfand sie angesichts der Ehrerbietung und der Huldigungen, die Ludwig entgegengebracht wurden, und es schien ihr, daß ganz Thüringen die Vermählung bejubelte. Es kamen Mägde, Ratsherren, Schwestern und Mönche, Schankwirte, Weberinnen, Pilger, Bettler, eine Gruppe Juden, die berühmteste Hebamme, auch schon Musikanten, die es nicht erwarten konnten, zum Tanz aufzuspielen.

Einige Kornschnitter brachten ein Gebinde von der frischen Mahd, und einer warf Elisabeth einen Strauß von Weizen, Hafer und Hirse zu, den sie auffangen musste. Er rief "Ich geb's euch auf die Ehe!", und Ludwig flüsterte ihr zu "Du musst jetzt 'Angenommen' rufen", und sie tat es und lachte, und die Männer warfen ihre Hüte hoch. Dann kam eine Schar Kinder gesprungen, drehte sich im Reigen und alle sangen:

 
...............................................Petersilie, Suppenkraut
...............................................Wächst in unserm Garten.
...............................................Elisabeth ist uns're Braut,
...............................................Und soll nicht länger warten.
...............................................Roter Wein, Weißer Wein,
...............................................Morgen soll die Hochzeit sein!

Dann traten zwei Hochzeitsbittsteller auf, deren Aufgabe es war, für den Bräutigam bei der Auserwählten zu werben. Aber Ludwig versicherte ihr, daß er sie nicht herbeigerufen habe. Sie brachten den folgenden Wechselgesang zu Gehör:

 
......................................Hier komm' ich lang geschritten,
......................................Hätt ich ein Pferd, wär' ich geritten.
......................................Zur holden Jungfer komm' ich her,
......................................Um Hochzeit sie zu bitten sehr.

......................................Schürzet das Röcklein und schnüret die Schuh.
......................................Eilet geschwinde dem Bräutigam zu.
......................................Ihr Frauen seid wacker und stellet euch ein,
......................................Denn ohne euch kann keine Lustbarkeit sein.

......................................Ihr Mädchen setzet auf euren Kranz,
......................................Und seid bedacht auf einen lustigen Tanz.
......................................Kommt alle und helft mit Freuden verzehren,
......................................Was Gott uns gibt und wird Gutes bescheren.

 

Da erkannte Elisabeth auf einmal, daß es Sauer und Pätzoldt, die alten Wachleute von der Creuzburg waren, die sich verkleidet hatten. Als die Kinder bemerkten, daß es gar keine jungen Burschen waren, neckten sie sie mit ihren Singsprüchen, aber die zwei Wachleute hielten tapfer dagegen. Die Kinder kamen noch mehrmals wieder, zuletzt spät in der Nacht, um ein paar freche oder besinnliche Verse aufzusagen, für die sie Belohnung erheischten.

Am nächsten Tag wurde die Morgensuppe ausgegeben, und Elisabeth brockte in die ersten zwei Dutzend Schüsseln persönlich das Glücksbrot, das man ihr gestern dargebracht hatte. Zwischen dem Johannisgarten und der Bleiche war ein großes Zelt aufgebaut, in dem die Armen und Bedürftigen aus der Stadt und jene, die von außerhalb hergekommen waren, mit der Suppe beköstigt wurden.

Elisabeth war frühmorgens in die Stadt geritten, um mit der Verteilung zu beginnen. Lange konnte sie sich freilich nicht dort aufhalten, denn man wartete im Landgrafenhof bereits auf sie, um ihr das Brautkleid und den Schmuck anzulegen. Im Unterschied zu den vorangegangen Tagen war sie jetzt die Ruhe in Person, und es ging ihr und den Mädchen alles leicht von der Hand, ja, es blieb ihr sogar noch etwas Zeit, um bei Ludwig nach dem Rechten zu sehen.

Der hatte, wohl verursacht durch irgendeinen der Herbststräuße, einen fürchterlichen Niesanfall bekommen, der ihn bei jedem Mal durchschüttelte wie eine Gliederpuppe. Elisabeth sagte forsch: "Wenn du dich nicht zusammenreißt, dann überlege ich mir die ganze Sache nochmal; die Leute da draußen wollen keinen Bräutigam sehen, der seine Hochzeit verniest." Für einen Augenblick wusste Ludwig nicht, ob es Ernst oder Spaß war, aber die Schrecksekunde reichte aus, damit das Niesen schlagartig verschwand. "Na also, es geht doch", sagte Elisabeth so wie in ihrer Mädchenzeit, wenn sich etwas genau nach ihrem Willen gefügt hatte.

Ludwig hatte eine ockerfarbene, enganliegende Hose an, die in Stiefeln aus Wildleder steckte, mit glänzenden Kupferbeschlägen an den Fesseln, Absätzen und Spitzen. Er trug einen Mantel, der bis fast zu den Knien reichte, aus dunkelgrünem, festen Stoff, und der innen ein rotes Futter hatte, das am Kragen und an den Ärmelaufschlägen nach außen gelegt war. Unter der Manteljacke sah man ein gelbes Wams mit einem Streifenmuster, und um den Hals hing eine Kette mit dem Löwenwappen.

Elisabeths Kleid war weiß und hatte einen feinen wollenen Unterrock, den ein Seidenstoff, leicht und luftig wie eine verwehte Wolke aus Milch umhüllte, der mit seinen tausend kunstvoll gebauschten Falten und Überwürfen doch wie aus einem einzigen Ganzen gewirkt schien. Auch das Oberteil war daran so harmonisch angefügt, als ginge eine zauberhafte Sphäre in die andere über, und die Arme, die Hände, die Finger waren vom selben hellen Glanz überzogen, auf dem eine Stickerei mit Goldfaden das Sonnenlicht wie auf einem Geflecht von sprießenden Ranken einfing und widerspiegelte.

Elisabeth hatte um das Haar einen Kranz, der war vom selben Grün wie Ludwigs Mantel, denn er war aus Blättern von Efeu und aus Blättchen von Buchsbaum zusammengefügt. Darin steckten strahlendgelbe Ringelblumen Blüten, und winziger Lavendel und vier oder fünf zinnoberrote Hagebutten machten die Farbigkeit perfekt. (Die Blumen kamen übrigens aus einer Gärtnerei in Langensalza, wo sie bis in den Winter hinein gehalten und geschnitten wurden.)

Vor der Kirche hatte sich eine riesige Menschenmenge versammelt, und der Weg für den Brautzug war mit bunten Bändern abgegrenzt worden. Zuerst hatten die Fanfarenbläser und die Trommler das Brautpaar und die hohen Herrschaften angekündigt und zugleich mit ihrem alles übertönenden Schall für Ruhe bei den Leuten gesorgt.

Dann musizierte ein Ensemble von Flöten und Harfenspielern, deren Melodie ganz sanft zu Ende ging, worauf der Chor der Knaben und Mädchen mit mehrstimmigem Gesang einsetzte; und da wurde es den Zuschauern das erste Mal warm und weich ums Herz und manche Augen füllten sich mit Tränen. Alles ging so herrlich und prachtvoll und ergreifend vonstatten, wie man es sich nur in den süßesten Träumen ausmalen kann.

Als die Braut und der Bräutigam vor den Priester traten, herrschte eine fast überirdische Stille, und es war, als ob die Zeit selbst für ein paar Augenblicke anhielt. Er fragte sie und fragte ihn, ob sie einander ehelichen wollen, und beide antworteten mit einem klaren "Ja". Ludwig gab Elisabeth zwei alte römische Taler in einem Seidentuch. Dann steckte er ihr den Ring an die Hand, den er seinerzeit in Naumburg bei dem Juwelier erstanden hatte (Ludwig war unter einem Vorwand ohne Elisabeth noch einmal zurückgegangen und hatte ihn gekauft). Der Priester legte ihre rechten Hände ineinander und sprach "Weil denn Ludwig, Graf von Thüringen, und Elisabeth, Prinzessin von Ungarn, einander zur Ehe begehren und solches hier öffentlich vor Gott und der Welt bekennen und sie sich die Hände und den Ring gereicht haben, so spreche ich sie ehelich zusammen im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes, Amen."

Der Chor setzte wieder ein, und danach legte der Priester einen Schleier über beider Häupter und darauf das rotweiße Band, über dem er mit erhobener Hand und halb singender, kräftiger Stimme den Segen erteilte. Und der wirkte so stark, daß er über ihr Leben und ihren Tod hinaus bis auf den heutigen Tag gehalten hat.

Es soll auch Rudolphis Festpredigt nicht unerwähnt bleiben; er schlug wieder einen weiten Bogen von der Hochzeit zu Kanaan bis zu den frommen Ermahnungen des Apostels Paulus an die Epheser, und die Zuhörer staunten ein um das andere Mal, wie kunstvoll und treffend er seine Worte wählte und setzte, auch wenn er diesmal ungeheuer ins Schwitzen kam. Übrigens leistete der Wettergott, wer immer es war, seinen vornehmen Beitrag zum Gelingen des Festes, und so buntleuchtende Herbsttage hatte man kaum je erlebt.

Da konnte es am Nachmittag ans Feiern gehen, und die Musikanten begleiteten mit Schwung und Schmiss den Einzug der Gäste in den Festgarten. Er war hinter dem Landgrafenhof hergerichtet worden, mit Ehrenplätzen und Reihen von Tischen und Bänken, mit einer Fläche, wo man tanzen konnte und sogar mit einem Bretterverhau für die Notdurft, denn jedermann sollte alles unbeschwert genießen können.

Oh, es reichte aus, um etliche Seiten mehr dieses Buches zu füllen, wenn man alles nennen wollte, was den Leuten an Gaumenfreuden geboten wurde. Rehrücken am Spieß oder Wachteln in Weinblättern, Hammelkeule oder Kalbsbrust, Lachs in Kräutersauce oder Krebstorte. Hasenpastete, Käsekrapfen, Ochsenzunge und Semmelknödel und noch viel viel mehr.

Auch die Austern waren angekommen und wurden auf Spinatblättern in ihren heißen eigenen Schalen serviert, mit saftigen Zitronenscheiben und knusprigen Schinkenwürfeln. Und dann meldete einer der Gehilfen dem Mundschenk Meerbach, daß ein Fuhrwerk mit fünf vollbeladenen Wagen vor dem Landgrafenhof steht, unter anderem einer nur mit Bierfässern. Das waren die Lieferanten, welche sich verspätet hatten, weil sie sich beeilen wollten und deshalb den Weg über die Fahner'sche Höhe und durch den Wald nahmen, wo an einem der Wagen die Achse brach. Sie kamen alle aus dem Thüringer Land, aber die Berichterstatter jener historischen Tage lassen sich nicht weiter über sie aus und es ist zu vermuten, daß die unglücklichen Fuhrleute nicht genannt werden wollten, damit ihr guter Ruf keinen Schaden nähme. Was sie mit sich brachten, war jedenfalls von allerhöchster Güte, namentlich das vorzügliche Bier.

Das Brautpaar überredete die Landgräfin Mutter, sie möge Speisen und Trank der Menge freigeben, welche sich am Festgarten versammelt hatten. So wurde der Zaun nach einer Seite hin geöffnet und alles auf einer provisorischen Tafel kredenzt; und selbst der erbärmlichste Landstreicher benahm sich so vornehm, als ginge er auf die Abendschule der guten Manieren.

Apropos Tisch und Tafel: alle Geschenke, welche dem Brautpaar überreicht worden waren, konnte man am Rande der Festwiese bestaunen. Sie waren natürlich bewacht von der landgräflichen Garde, aber man konnte ziemlich nahe herangehen, was die Leute auch ausnutzten, außer bei dem Präsent, welches der Kaiser Friedrich hatte überbringen lassen. Das war nämlich ein junger Panther, schwarz wie die Nacht und mit furchtbaren weißen Zähnen im Rachen und Krallen an den Tatzen.

Er befand sich in einem Käfig und war noch sehr jung, aber wie er die Leute anfauchte, die ihm zu nahe kamen, das jagte ihnen einen ordentlichen Schauer über die Haut, und die meisten machten einen großen Bogen um dieses sonderbare Geschenk. Elisabeth tat er leid, denn es war offensichtlich, daß ihn die Gefangenschaft zugrunde richten würde, und sie bat ihren Bruder, das Tier mitzunehmen und ihm an geeigneter Stelle die Freiheit wiederzugeben. Sie stellte auch extra einen Posten ab, der verhindern sollte, daß die Kinder weiterhin das Tier mit langen Stöcken ärgern. Sie ließen davon ab und suchten sich eine andere Zerstreuung. Freude und Frohsinn nahmen kein Ende, das Fest dauerte Stunde um Stunde, und die Stimmung ließ kein bisschen nach.

Als alle gesättigt waren, drängten die Gäste zur Tanzwiese, wo sich die Musikanten abwechselten und jeder von ihnen bis fast zur Erschöpfung spielte, weil er nicht weichen wollte. Es war ein Juchzen und Kreischen, ein Hüpfen und Drehen. Am Rande standen viele, die dem ausgelassenen Treiben zuschauten und nicht geringe Gefahr liefen, im nächsten Moment mitgerissen zu werden. Prinz Béla und Walter von Vargula waren die meiste Zeit zusammen und sie redeten ohne Unterlass miteinander und das schien beiden das größte Vergnügen zu bereiten.

Auf einmal trat ein hübsches Mädchen zu ihnen und sagte zu Béla "Ich heiße Valeria und ich bin Elisabeths allererste beste Freundin." Béla erwiderte, er sei erfreut, daß seine Schwester eine so anmutige junge Dame zur Freundin habe (Sie trug übrigens ein Kleid, das ihr Elisabeth geborgt hatte). Und sie war gar nicht schüchtern, als sie ihn daraufhin fragte, ob er mit ihr tanzen würde. Béla schaute zu Walter, der lachte bloß. "Sehr gern", sagte er dann, und sie mischten sich unter die anderen.

Irgendwann spätabends zogen sich die Braut und der Bräutigam zurück, denn zur vollendeten Hochzeit fehlte noch eine Zeremonie, von der manche sagen, sie wäre der eigentliche Höhepunkt der Vermählung, nämlich das Beilager. (Der Erzähler der Geschichte enthält sich einer diesbezüglichen Bemerkung, und er bittet zugleich darum, von der Schilderung des weiteren Geschehens dieser Nacht absehen zu dürfen, ungeachtet dessen, was er darüber etwa wüsste oder wie schwer es ihm fiele, die richtigen Worte zu finden.)

Nun zum Schluss noch ein kurzer Bericht über das Turnier, das am folgenden Tag stattfand. Dafür war eine Freifläche unterhalb der Burg ausgewählt und präpariert worden, und die Bauarbeiten hatten mehr als vier Wochen gedauert. Die Rennbahn verlief auf schnurgerader Strecke über eine Länge von ungefähr zwanzig Fuß und war längs durch eine Mittelplanke in zwei Streifen geteilt.

Die Tribüne bot Platz für an die hundert Personen, wobei der nochmals besonders herausragende mittlere Teil für die Edeldamen reserviert war und sich wie ein breiter Balkon nach vorn streckte. Auf der Vorderseite hingen mehrere schmale Teppiche herab.

Den Ehrenbaum zierten die Wappen der Ritter, welche zum Turnier angetreten waren, und seitab standen hohe, runde Zelte mit kegelförmigen Dächern, ebenfalls mit den Zeichen ihrer Besitzer geschmückt. Dazwischen flatterten überall Fahnen und Fähnchen im Winde, die Vielfalt der Motive war unerschöpflich, keines glich dem anderen.

Auf dem Platz war ein Seil straff gespannt, das der Herold als Signal für die Eröffnung des Turniers mit der Axt über einem schlanken Holzklotz durchhieb, wodurch die beiden Stücke schlangenartig zur Seite schnellten. Es gab auch einen Turniervogt, der als oberster Schiedsrichter fungierte, und Landgräfin Sophia war zur Turnierkönigin erkoren worden.

Man konnte sich rühmen, einige der besten Ritter im Tjost, dem Zweikampf, auf die Wartburg geholt zu haben. Dietrich von Schönebeck, der schon manchen Preis gewonnen hatte; Balduin von Hennegau, der wegen seiner sagenhaften Kampftechnik bewundert ward; Walter von Ehlingen, der fünf lebensgefährliche Verletzungen überstand; Eilhart von Ohberg, der öfter von sich Reden machte, weil er unversehens die Lanze wegwarf und den Gegner im Ringkampf zu Pferde attackierte, was zwar nicht ganz Regel konform war, aber immer für Unterhaltung sorgte; Jörg von Rechenwald, der angeblich früher ein berüchtigter Halsabschneider gewesen war; und Gilbert von St.Denis, der so schön war, daß die Damen und Fräuleins lautstark forderten, er möge ohne Helm kämpfen.

Jetzt ritten sie (und noch ein Dutzend weitere) stolz auf ihren prächtigen Pferden zur Begrüßung an der Tribüne vorbei und empfingen den Jubel des Publikums, das ihnen Mut machte und sie anspornte. (Diese Turniere waren immer auch wie eine Messe, auf der die neueste Ausrüstung und Kleidung präsentiert wurden, die Ringelpanzer und Plattenharnische, die Helme und Beinlinge und alle Arten von Schutzvorrichtungen, bis hin zur Ausstattung der Pferde, die eigens geschneiderte Umhänge trugen und deren Kruppe und Oberschenkel reich verzierte Gewebe bedeckten, wie große Zungen oder wie Federschwingen geformt, mit groben Schlingen aus festem Hanf oder mit engmaschigen Netzen.)

Gekämpft wurde mit der Lanze, die vorn mit einem Krönlein abgestumpft war sowie mit dem Schwert, das ebenfalls entschärft war und meistens eine Fischbeinklinge hatte, die mancher Besitzer hatte versilbern lassen. Als Siegerpreise winkten ein Kelch, mit Edelsteinen besetzt, aus dem ein Büschel Straußenfedern heraus ragte, und ein Helm aus einer Florentiner Werkstatt.

Dieses Turnier, darin waren sich hinterher alle Gäste einig, war das spannendste, das sie je erlebt hatten. Auch Elisabeth und Ludwig schauten selbstverständlich von der Ehrenloge aus zu, aber im Unterschied zu den Damen und Fräuleins durfte sich Elisabeth keinen Favoriten unter den Rittern wählen, denn das hätte ihn natürlich außer Konkurrenz erhoben.

Es gab mehrere Durchgänge, und das erste Rennen ging im Einzelkampf gegen eine Puppe auf einem Pfosten, die, wenn sie mit der Lanze an der richtigen Stelle getroffen wurde, eine Drehung machte wie eine Wetterfahne im Windstoß. Sie bot aber einen gehörigen Widerstand, und sie war ausstaffiert wie ein Sarazene. Doch am Ende war davon nicht mehr viel übrig, und sie taugte kaum noch als Vogelscheuche auf dem Acker.

Zwischen den Rennen marschierten die Trommler und Pfeifer über den Platz, und dazwischen hopsten Narren im albernen Kostüm umher: knallrotes Röckchen über grasgrünen Strumpfhosen und eine Kappe, die nur das Gesicht frei ließ und oben zwei lange Eselsohren hatte. Überall am Körper hingen Schellen. Einer dieser Eselsteufel war besonders tollkühn und schlug Räder oder machte irrsinnige Sprünge durch die Luft. Als Elisabeth in einem Augenblick sein Gesicht erkennen konnte, sah sie, daß es kein anderer als der Finkenmichel war, und er winkte ihr begeistert zu.

Beim Tjost, dem Zweikampf, ging es hart auf hart, des öfteren musste der Platz von Lanzensplittern und -stücken gesäubert werden und einmal bekam sogar die dicke Mittelplanke einen Knacks weg. Walter von Ehlingen wurden drei Zähne ausgeschlagen, Eilhart von Ohberg nahm seinen Kontrahenten in den Schwitzkasten und drückte so lange zu, bis dessen Dame laut um Gnade bat und ihr Tüchlein als Pfand hingab.

Gilbert von St.Denis hatte merkwürdigerweise nur ganz schwache Gegner, was ihm erlaubte, zwischendurch den Helm abzusetzen und sein lockiges, blondes Haar zu schütteln. Der beste aber war Balduin von Hennegau, der nicht aufhörte, einen atemberaubenden Angriff nach dem anderen vorzuführen, und die Fräuleins fielen vor Aufregung reihenweise in Ohnmacht, aus der sie durch Luftzufächeln und mit kühler Limonade, mit der man ihre Lippen benetzte, ins Leben zurückgeholt wurden.

Balduin nahm unter tosendem Beifall den Siegerpreis aus den Händen der Turnierkönigin entgegen, und er versäumte nicht, auch dem Brautpaar seine Ehrerbietung zu erweisen, wobei sein schwarzes Ross das Haupt senkte und mit dem Huf aufstampfte, als wollte es den Grafen seines heimlichen Beistands versichern.

Fast ebenso viel Aufmerksamkeit wie dem Erstplatzierten und seinen Nächststehenden wurde übrigens dem Ritter Schildhard von Singenfeld zuteil. Er hatte nämlich beim Aufeinandertreffen einen so heftigen Schlag erhalten, das sein Helm völlig eingedrückt wurde, und man konnte ihn erst von seinem Haupte ziehen, nachdem der Schmied ihn auf dem Amboss wieder einigermaßen in die rechte Form gebracht hatte, welches Schauspiel die Gäste mit großer Anteilnahme verfolgten.

Die Tage des Oktobers vergingen unter dem gleichen milden Glanz, der auch über der Hochzeitsfeier ausgebreitet war. Danach wurde es kälter und trüber, und Ende November fielen die ersten weißen Flocken. Das Leben auf der Landgrafenburg bekam einen langsameren Gang und vieles versank ganz und gar für eine Zeit in Schlaf und verharrte still und starr wie manche Gerätschaft auf dem Hof, mit einer dicken Schicht Schnee überzogen.

Ludwig und Elisabeth hatten sich in ihrem Gemach eingerichtet, um den Winter zu überdauern. Es war gemütlich, sauber und bequem; sie litten keinen Mangel und hatten miteinander die größte Freude. Sie verließen das Haus oft tagelang nicht oder nur ganz kurz, um dann schnell wieder in die Wärme und Geborgenheit zurückzukehren. In einem Schuppen lagerte ein immenser Holzvorrat, und Ludwig befeuerte jeden Tag selbst den Kamin, daß die klobigen Buchenscheite darin prasselten und anschließend die ganze Nacht hindurch glühten.

Manchmal konnten die beiden ganz auf die Zudecke verzichten, und sie lagen nebeneinander im Bett und erzählten sich Geschichten oder vergnügten sich beim Würfelspiel. Aber dann wieder zogen sie das große Tuch bis über die Köpfe über sich und liebten sich darunter im goldenen Dämmerschein der Kerzen.

Nach Mariä Lichtmess bemerkte Elisabeth, wie die Tage spürbar heller wurden, und einige Wochen darauf schien es, als müsste sich der Winter sputen und rasch noch ein paar Wolken voll Schnee abschütteln, um sich ohne unnötigen Ballast davonmachen zu können.

Endlich hielten die linden Frühlingslüfte Einzug im Land und ermunterten die Vögel, ihren Gesang anzustimmen und lockten Mensch und Tier und alles was da kreucht und fleucht ins Freie hinaus.

Ende der Ersten Buchs



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