Alexander Fuchs : Kleine Werkeausgabe : Band 08


Susanne Riedinger

Der Sternenhimmel im Juni




Weltgeschichte am Firmament

Der gestirnte Himmel weist jetzt ganz das schöne sommerliche Bild auf, das sich in den Abendstunden durch den hohen Stand der bekannten polnahen Konstellationen, das Heraufrücken von Adler und Schwan und den Wegfall der unteren Sterne des sonst so auffallenden Großen Sechsecks kennzeichnet.

Der bemerkenswerteste der Fixsterne ist jetzt Wega, der weiße Hauptstern der Leier. Um 22 Uhr steht sie hoch im Osten, ein rechtwinkliges Dreieck mit Atair und Deneb, den hellen Sternen der oben erwähnten Vogel-Figuren bildend. Tief im Osten erblickt man unter dem Schwan das hübsche kleine Viereck des Delphins, und unter dem Adler das des "Sobieskischen Schildes".

Dieser Sternbildname, der anläßlich der Befreiung Wiens von den Türken in den Atlas von J. Hevelius (1690) erstmalig aufgenommen wurde, ist der einzige, der am Himmel an geschichtliche Ereignisse der letzten Jahrhunderte erinnert, während andere dynastischen Ursprunges wie das "Herz Karls II.", das "Brandenburger Szepter", der "Poniatowskische Stier" und die "Friedrichs Ehre" (an der Grenze von Andromeda und Eidechse zum Ruhme Friedrichs des Großen konstruiert) bald wieder aus den Sternverzeichnissen verschwanden.

Aus einer deutschen Tageszeitung des Jahres 1938

* * * * *

Morgens war es kühl, klar und sonnig, und es sah so aus, als würde das schöne Wetter den ganzen Tag anhalten. Eckart Weber fuhr mit der Bahn bis Georgensmühl. Unterwegs stiegen Grüppchen von Männern zu, frohgelaunt, scherzend, manche ein munteres Lied anstimmend. Viele hatten altmodische Hüte auf, an denen Blumen steckten: Margeriten, Akelei und Primelchen, Nelken und Anemonen, oder welche aus Papier, wie es sie an den Schießbuden auf dem Jahrmarkt gibt.

Passend zu den Hüten und Westen, zur sommerlich frischen Kleidung, schwenkten viele einen Spazierstock mit gebogenem Griff und daran befestigt eine Fahrradklingel oder ein Glöckchen, das bei jedem Schritt bimmelte.

Schwere Rucksäcke trugen sie auf dem Rücken, in denen Flaschen klapperten. Sie zogen kleine Bollerwagen hinterher, die mit vereinter Kraft in das Zugabteil gehievt wurden, und auf denen volle Holzbierkästen geladen waren, auf manchen auch ein mittelgroßes Fass, und dazu allenfalls ein Korb mit Proviant, denn feste Nahrung war heute nur halb so wichtig.

Obwohl es gerade acht Uhr vorbei war, hatten einige der Ausflügler schon ordentlich einen in der Krone, und Eckart dachte, sie müssten wohl vor Sonnenaufgang und auf nüchternen Magen den ersten Schluck genommen haben. Sie hielten halbgeleerte Bierflaschen in der Hand oder hatten sie griffbereit in der Tasche stecken, um alle paar Minuten daraus zu trinken.

In jeder Gesellschaft kursierten Flaschen mit Schnaps, wasserklarer Korn, rotbrauner Branntwein, dunkelfarbiger hochprozentiger Kräuterlikör, und war die Pulle drei, viermal herumgereicht worden, machte sich einer den Spaß daraus, den letzten und den allerletzten Tropfen auf die Zunge fallen zu lassen, als lechze er wie ein Dürstender nach Flüssigkeit.

Man rief sich lauthals zu, begrüßte die Hinzukommenden mit albernen Sprüchen, sang spontan eine Strophe, erzählte einen unanständigen Witz und prostete sich unentwegt zu. Der Zug füllte sich, der Schaffner hatte alle Hände voll zu tun und musste vor allem den dauernden Aufforderungen zum Trinken widerstehen, denn schließlich befand er sich im Dienst, und auch am Männertag muss ein Dienstmann Haltung bewahren.

Eckart wollte sich in Georgensmühl mit Freunden treffen, und gemeinsam würden sie zunächst den Albertsgrund hinauf bis zum Farnsteiner Kreuz wandern, wo man über die weitere Wanderroute entscheiden werde. Im Zug sah er ein paar bekannte Gesichter, und er machte hier und da ein Schwätzchen und tat sich im übrigen an seiner Flasche Gothardauer Bier gütlich, die für die ganze Fahrt reichte. Er wollte nicht, daß es ihm so ginge wie jenen hastigen Gesellen, die ihren ersten Rausch schon vor dem Frühstück auf der Parkbank oder im Schatten am Wegesrand überstehen mussten.

"Wo geht's bei euch hin?", fragte der dicke Wiesner, den Eckart vom Rangierbahnhof in Ohrafurt her kannte, wo er angefangen hatte, als er vor einem halben Jahr zum Arbeitsdienst gegangen war. Eckart sagte es ihm, und der andere meinte, da könnte man sich womöglich auf dem Wege wiedersehen, oder in der Taubacher Hütte, die extra zum heutigen Männertag nach gründlicher Renovierung neueröffnet ward, einen Humpen kühles Bier trinken.

"Klar", erwiderte Eckart, "Hauptsache, der Wirt hat vorgesorgt." "Ich habe gehört, er hat dreißig Fässer in den Keller geschafft", sagte der Wiesner und wischte sich, obwohl es noch früh war und die Sonne gerade erst die Luft erwärmte, mit dem Taschentuch den Schweiß von der Stirn. "Na, dann treffen wir uns am besten gleich dort im Keller, Prost."

Die Freunde erwarteten Eckart, und nach einer Begrüßungsrunde, für welche einer sogar kleine Schnapsgläser aus Blech mit aufgeprägten Wappenbildchen von Thüringer Ortschaften austeilte und dazu auch einen zünftigen Trinkspruch parat hatte, marschierten alle Mann durch das schattige Waldtal, auf dem Weg am Bach entlang, und wenn Pinkelpause angesagt war, gab's auch gleich einen Grund, den Flüssigkeitsverlust wieder auszugleichen.

Man redete über die Arbeit, über abwesende Kollegen, über Autos, über Fußball. Die deutsche Auswahl hatte gegen Aston Villa in Stuttgart zwei eins verloren, aber nur, weil der Straf-Elfmeter in der zweiundvierzigsten Minute völlig ungerechtfertigt war. Außerdem, so bedeutsam war das Spiel gar nicht, viel wichtiger war, daß die zweite Mannschaft von Grünengottern wegen einer Absage an den Gegner von den Meisterschaftsspielen der dritten Klasse gestrichen worden war, worüber sich der Brandau, dessen Bruder bei Grünengottern Mittelstürmer war, herrlich aufregen konnte.

"Das ist eine Sauerei", rief er und nahm einen langen Schluck aus der Bierflasche, "die Eisenacher Borussia schickt zu jedem Spiel von Grünengottern Spitzel, die sich alles aufschreiben, wer welche Technik hat und welche Strategie gespielt wird. Und nachher verhökern sie die Informationen an die Mühlhausener Neunundneunzig und an Wacker, das weiß ich, weil es mir jemand von Wacker verraten hat. Die füllen ihre Kasse damit, was sie sich bei Grünengottern abgucken. Ist doch klar, daß die irgendwann sagen: da spielen wir eben diesmal nicht, da können die andern sehen, was ohne Grünengottern von der Meisterschaft übrigbleibt."

So wurde schwadroniert und gelacht, getrunken und gestänkert. Und der Kosekirche ging wie immer allen auf den Geist mit seinen Spintisierereien. "Hör' mal", sagte er, als er neben Eckart an den Büschen stand und das Wasser ließ, "wenn wir am Tag ein Telegramm nach Amerika schicken, ist dort Nacht und alle Leute schlafen. Wer soll's dann lesen?" "Was weiß ich, der Präsident." "Der Präsident, der schläft auch." "Dann lesen sie's später." "Später ist es eh' zu spät, 'n Telegramm, was man erst nach 'n paar Stunden liest, das ist 'rausgeschmissnes Geld, da kann man gleich 'n Brief schreiben." "Kannst du ja." "Was soll ich denn nach Amerika schreiben? Hey, wartet auf mich." Das einzige, was der Kosekirche gut konnte, war Vogelstimmen zu imitieren, und weil man am Morgen einen Kuckuck gehört hatte, musste er bis zum Farnsteiner Kreuz immer mal den Kuckuck nachahmen. So blieb man gleichzeitig von seinem Gefasel verschont.

Am Farnsteiner Kreuz gab's Bratwurst vom Rost, gleich zwei Fleischer aus Gothardau und aus Taubach waren zu Gange. Daneben war ein kleines Bierzelt aufgebaut, in dem sich die Theke mit Ausschank befand, während die Gäste sich überall unter den Bäumen platziert hatten. Jemand spielte auf dem Akkordeon. Es ging auf die Mittagszeit zu, und es war sehr warm geworden. Die ersten unausweichlichen Streitigkeiten brachen aus, und so plötzlich, wie einer den andern beleidigte oder eine Beleidigung mit einem Faustschlag erwiderte, und die beiden Streithähne sich zum Vergnügen der anderen eine Weile herumbalgten, so plötzlich hörte das kleine Spektakel auch wieder auf, man versöhnte und umarmte sich und trank auf das gegenseitige Wohl.

Nach der ausgiebigen Erholungspause wurde die Wanderung fortgesetzt, doch einen Kilometer weiter bemerkte man, daß einer der Kumpane fehlte, also kehrte die Truppe um und kam diesmal aus der anderen Richtung am Farnsteiner Kreuz an. Und weil die Bratwurst immer noch so lecker duftete, und der Durst schon wieder unerträglich war, stärkte man sich abermals. Bis zur Taubacher Hütte brauchten sie anderthalb Stunden, und die letzten Flaschenvorräte wurden unterwegs aufgebraucht. In dem Gartenlokal tobte das Leben, ein Kommen und Gehen war da, abgesehen von jenen, die seit dem Vormittag hier saßen und die keine zehn Pferde mehr weggebracht hätten.

Eckart traf hier tatsächlich den dicken Wiesner, der auf der Bank am langen Tisch saß, etliche leere und halbvolle Humpen vor sich. "Du sitzt hier und nicht im Keller?", fragte Eckart, und Wiesner glotzte ihn aus glasigen Augen an und raunte "Ich bin nicht der Kellner, Alter. Hol' dir gefälligst selber." Dann erkannte er ihn doch und hob schwerfällig den Arm. "Du bist's, Heil Eckart", lallte er, "ich geb' dir einen aus." "Ich komme sofort", meinte Eckart und wollte vorher mit jemand anderem plaudern, aber den verlor er in dem Gedränge aus den Augen und landete schließlich bei den Freunden.

Der Kosekirche redete schon wieder Stuss. "Mit der Bibel, das ist doch alles total unglaubhaft. Adam und Eva waren die ersten Menschen, und von denen stammen Kain und Abel ab. Der Kain hat den Abel erschlagen, und danach, so steht es in der Bibel, ging er in ein anderes Land und nahm sich ein Weib zur Frau. Nun soll mir mal einer erklären, wo dieses Weib herkommt." "Das möchtest du gerne wissen, was? Damit du dir dort auch eine holen kannst, hier kriegst du ja keine." Kosekirche plusterte sich auf und schimpfte, und die anderen lachten ihn aus, und einer sagte "Mach' den Kuckuck, Mann." Und er imitierte wirklich den Kuckuck, und so gut, daß die Gäste um ihn herum staunten.

Auch eine Gruppe von Jungen war stehengeblieben und lauschte Kosekirches Gezwitscher, der dem Kuckuck die Stimmen einiger anderer Vögel folgen ließ. Die Jungen hatten HJ-Uniformen an, und ein erwachsener Bursche war offensichtlich ihr Kameradschaftsführer. "Heute dürft ihr auch mal 'n Bier trinken, Jungens", rief ihnen jemand zu, "immer bloß Limonade, da kriegt man die Krätze von." Die Hitlerjungen lachten, ließen sich jedoch nicht überreden, schwenkten ihre Limonadeflaschen und gingen weiter.

Der Brandau winkte Eckart zu und bedeutete ihm herüberzukommen. "Ich hab' zwei Mädchen aufgerissen, ich geb' dir die eine ab, wir gehen hinten in den Wald." Eckart fand den Vorschlag nicht eben berauschend. "Wieso ich?" "Na, weil ich 'n Kumpel bin, und außerdem hat die eine gesagt, sie will's mit dir machen." "Wer ist sie?" "Du kennst sie vom Sehen, ich weiß jetzt nicht genau ihren Namen, nun komm' schon."

Die beiden Mädchen waren zur Stelle, Eckart kannte die eine tatsächlich, aber auch er wusste nicht, wie sie heißt. Sie gingen im Wald den Abhang hinunter bis zu einem kleinen Teich, an dessen gegenüberliegendem Ufer dichte Büsche standen. Brandau ging vorneweg, die Mädchen folgten ihm Arm in Arm und tuschelten und kicherten unablässig, Eckart stolperte hinterdrein. "Kommen Sie?", sagte die eine. "Ich bin schon da. Wie weit willst du denn noch?" "Nicht weiter", sagte Brandau, schnappte sich die eine und verschwand mit ihr im Gebüsch, wo es sofort zur Sache ging.

"Woll'n wir hier, oder da drüben?", fragte das Mädchen Eckart. "Lieber dort", erwiderte er. Sie legten sich auf den weichen Waldboden, sie küssten sich ein bisschen und zupften an der Wäsche herum. Es wurde nichts Richtiges. Sie sagte, als wollte sie ihn trösten "Ich bin auch nicht in der richtigen Stimmung." "Ich habe zuviel getrunken", sagte er. "Ist ja auch Männertag." "Gehen wir wieder zurück?" "Ich warte auf meine Freundin." "Gut, ich warte mit." Sie unterhielten sich eine Weile über alles Mögliche, bis Brandau mit seinem Mädchen auftauchte. "Ihr seid schon fertig? Mann oh Mann, ihr habt's aber eilig gehabt." "Eigentlich nicht so sehr."

Sie kletterten den Hang hinauf. Am Rand des Kneipengartens sah Eckart die Hitlerjungen, die sich im Kreis unter einem Ahorn niedergelassen hatten. Einer sprach, und die anderen hörten ihm aufmerksam zu, als er fertig war, bekam er einen kleinen Applaus. Eckarts Blick traf sich mit dem eines Jungen, der neben dem Kameradschaftsführer saß.

Der Junge hatte einen glatten, braunen Haarschopf, der in schönem Schwung über den Ohren kurzgeschnitten war und auf dem es von einem Sonnenstrahl glänzte. Er hatte muntere, beinahe freche Augen und ein sanftes Lächeln um den Mund, von dem Eckart für einen Moment glaubte, es gelte ihm. Aber sie kannten einander nicht, und als wäre der Junge ebenfalls von Eckarts Anblick irritiert, wandte er mit einer Spur von Verlegenheit den Kopf zur Seite. Auch Eckart schaute weg, und obwohl er sich gern vergewissert hätte, ob ihn der Junge auch wirklich wahrgenommen hatte, sagte er eher abwesend irgendetwas zu Brandau und den Mädchen, die jetzt die Männer aufforderten, ihnen etwas zu spendieren.

Zwischen den Tischen liefen sie Wiesner in die Arme, der wieder in guter Verfassung war. "Ich such' dich überall, ich will dir einen ausgeben." "Ich bin aber nicht allein", meinte Eckart und zeigte auf die anderen. "Na, dann für alle, heute bin ich nicht knausrig, was darf's denn für die Damen sein?" Die Mädchen hakten sich links und rechts bei dem Dicken ein, und so gingen sie schnurstracks zur Theke. "Ich glaube, die haben uns abgehängt", sagte Eckart. "Mehr wollte ich auch gar nicht von der", entgegnete Brandau.

Die Truppe war zerfallen. Einige waren anderswo untergekommen, Kosekirche saß an einen Baum gelehnt im Gras und schlief, eine Hand voll Tapferer ließ die Gläser klingen und die ganze Welt hochleben. Einer hatte im Tornister die eiserne Reserve, eine Flasche Rhöntropfen, gefunden, die dreimal reihum ging, bevor sie leer unterm Tisch landete.

* * * * *

An dem Freitag nach Himmelfahrt hat Eckart zwar nicht arbeitsfrei, doch man reißt an diesem Tag keine Bäume aus, zumal in dem Reichsbahn-Ausbesserungswerk, in dem er seinen Arbeitsdienst leistet, ohnehin fast ausschließlich Männer beschäftigt sind; die haben alle am Vortag tüchtig gefeiert. So nimmt auch keiner daran Anstoß, daß Eckart erst gegen zehn zur Arbeit erscheint, er ist bei weitem nicht der späteste.

Doch der Branntwein und die verschiedenen Biersorten mit ihren Nachwirkungen haben seinen Kopf ordentlich strapaziert und gelegentliche Schwindelanfälle zwingen zu Ruhepausen. Als dann zum Feierabend ein Kumpel bei ihm vorbeischaut und seinen Rucksack von ein paar übriggebliebenen Flaschen entleert, ist Eckart noch vor Sonnenuntergang so müde und erledigt, daß er sich ins Bett legt und durchschläft bis Samstagmittag.

Er schlurft nur in Unterwäsche in die Küche, um sich einen Kaffee zu überbrühen. Therese, die regelmäßig den Haushaltsdienst bei der Familie Weber versieht, bereitet das Essen vor. Er wünscht einen Guten Morgen, und sie wechseln ein paar Worte. Aber Therese kann dann nicht umhin, ihm zu sagen, er möge bitte etwas anziehen, bevor er hier Kaffee trinkt. "Ich habe doch was an", meint er. Sie erwidert darauf nichts und verleiht mit geringschätziger Miene ihrer bekannten Abscheu darüber Nachdruck, daß jemand in Unterwäsche die Speiseküche betritt.

Eckart kennt das, trotzdem legt er sich mit ihr an. "Es ist gar nicht sicher, daß ich meinen Kaffee hier trinke." "Aber es würde mich freuen", entgegnet Therese herzlich, "dann hätte ich jemand zur Unterhaltung." "Ist Papa nicht da?", fragt er, obwohl er weiß, daß Doktor Weber, selbst wenn er im Hause wäre, etwas anderes zu tun hätte, als mit Therese zu tratschen, denn auf Tratsch und Klatsch läuft ihre Unterhaltung meistens hinaus. "Der Doktor holt Anna vom Bahnhof ab. Das hättest du eigentlich machen sollen." "Ach, kommt sie heute schon?", fragt er scheinbar ahnungslos und schlürft vom heißen Kaffee. Wie Therese das Geräusch hört, dreht sie sich vor der Anrichte um und wirft ihm einen erbosten Blick zu. "Schon gut, Therese, ich muss sowieso erst mal pinkeln gehen."

Zur gleichen Zeit ist Doktor Richard Weber am Gothardauer Bahnhof. Er verfrachtet gerade Annas schwere Reisetasche auf den Rücksitz seines silbergrauen Hanomag 900. "Willst du dir nicht ein größeres Auto anschaffen, Papa? Leisten könntest du dir's doch." "Das wäre schon möglich", meint er, während er den Beifahrersitz wieder nach hinten klappt und Anna beim Einsteigen höflich die Hand darbietet, "aber diese Kiste ist mir ans Herz gewachsen. Und da ich euch nicht mehr umherkutschieren muss und Christine so selten fährt, reicht er völlig aus." "Machst du immer noch so viele Hausbesuche?" "Natürlich, ich bin ja der Landarzt. Und auch da hat mich mein 'Hanomäxchen' nie im Stich gelassen."

'Hanomäxchen' - solche kindischen Bezeichnungen mag Anna nicht, und seitdem sie in Berlin studiert und nur in den Ferien zu Hause ist, fällt ihr manchmal richtig auf, wie unernst, man könnte fast behaupten, ein bisschen ungehörig Richard erscheint, als habe er seine vorbildliche Vaterrolle nun abgelegt, nachdem er seine Pflicht getan hat.

Dann macht er auch gleich eine Bemerkung über Annas feine Strümpfe, die ihm offenbar sofort aufgefallen sind. "Tragen so was die jungen Mädchen in Berlin?" "Auch ältere Mädchen tragen das", meint sie lachend. "Gefällt mir, wünschte, deine Mutter würde ..." Anna gibt ihm ein Küsschen auf die Wange. "Ach Papa, du weißt doch, was für einen Schatz du an Mama hast, auch wenn sie nun mal so ist wie sie ist." Er klopft ihr lächelnd aufs Knie. "Das ist wahr, ich bin vielleicht der glücklichste Mann weit und breit. Ich brauche bloß immer jemanden, der es mir bewusst macht."

"Übrigens kann ich ja mal mit ihr sprechen, wegen der Strümpfe und so." "Das würdest du tun? Aber sage nicht, ich hätte ..." "Nein. Aber im Ernst, wie geht es Mama?" "Besser." "Wirklich?" "Oder man sollte sagen: unverändert besser. Diese Art von Depression lässt einen Menschen nie mehr ganz los, man kann lediglich versuchen, mit ihr umzugehen. Und ich glaube, das gelingt Christine ganz gut."

Sie fahren durch die Stadt, vorbei an der Orangerie und dem Friedrichspalais, die breite Straße der SA entlang und an der Bürgeraue hinauf auf die Straße, die stadtauswärts nach Weilershausen führt. Die Webers wohnen in einem schmucken Einfamilienhaus in der Gemeinde Borsberg, zehn Fahrtminuten von der Stadt entfernt. Doktor Weber war einer der ersten, die auf dem idyllischen Fleckchen am Waldrand, etwas abseits der Siedlung, gebaut hatten.

Mittlerweile sind vier weitere Häuser hier erstanden, aber es ist nach wie vor ein sehr beschaulicher Ort. Hinter dem Haus erstreckt sich bis zum Wäldchen ein Garten, er ist Christines Reich und Refugium, und im ganzen Landkreis gibt es wahrscheinlich keinen schöneren. Schon oft sind Besucher hergekommen, nur um Frau Doktor Webers Garten zu besichtigen und zu bestaunen.

Das Auto hält vorm Haus, Richard Weber hupt zum Zeichen, daß sie da sind. Anna steigt aus und geht ein paar Schritte. Sie streckt sich und atmet tief durch. Sie genießt den Anblick der Thüringer Berge, die sich sanftwellig und blaugrün in einiger Entfernung erheben. Oh, und diese frische, reine Luft, sie ist das einzige, was Anna in der Großstadt vermisst.

"Schau hierher", ruft Doktor Weber und zeigt auf die Hausseite. "Ja. Ich sehe, es steht." "Es steht? Fällt dir sonst nichts daran auf?" "Hm." "Das Dach ist neu, ganz neue Ziegel." "Ja, jetzt sehe ich's. War das alte denn schon zu alt?" "Was heißt zu alt. Mal was Neues, das kann nichts schaden." "Mensch, Papa, mir scheint, du wirst selber wieder jung." "Na na, nun übertreibe nicht, schließlich ist es bloß ein neues Dach überm Kopf." "Nee, auch sonst so, ich befürchte ... ah' da ist Therese!"

Eckart hatte gefragt, was es zu essen gäbe, Kaninchenbraten mit Klößen und Rotkohl und zum Nachtisch Apfelkompott. "Klingt gut", hatte er gesagt, und Therese hatte hinzugefügt "Schmeckt auch gut." Dann war ein Freund von Eckart gekommen, und die beiden sind auf und davon. "Du wirst doch wohl mit uns essen, wenn deine Schwester da ist", hatte Therese fast drohend gemeint. "Sie bleibt ja ein paar Tage, und von deinem Essen probiere ich heute abend was." Therese war eingeschnappt. "Wenn dann noch was da ist."

Mama schläft oder hat sich jedenfalls in ihr Zimmer zurückgezogen. Alle kennen das, keiner möchte sie stören. "Sei nicht traurig", sagt Anna zur Haushälterin und Köchin, "dann speisen wir eben zu dritt." Dann kommt Lothar Aufhaus, der Schultheiß der Borsberg-Gemeinde, um irgendetwas mit Doktor Weber zu besprechen. Gern nimmt er das Angebot an, sich mit zu Tisch zu setzen, und so hat Therese das Gefühl, daß ihre Arbeit und Mühe nicht vergebens war.

Bei der Unterhaltung dreht sich natürlich alles um Anna und ihr Studium in Berlin am Konservatorium. "Kaum daß du weg bist, ist das erste Jahr auch schon um", sagt Therese, und der Schultheiß möchte wissen, was sie denn nun schon so spielen kann. Anna nennt ein paar Werke und Komponisten, und die anderen staunen und raunen ehrfurchtsvoll. "So weit her ist das alles nicht", schwächt sie ihr Können ab.

Der Schultheiß sagt "Es ist kein Meister aus allen Wolken gefallen." "Vom Himmel gefallen", verbessert Therese. "Bitte? Sagte ich doch." "Nein, Sie gebrauchten den Ausdruck: aus allen Wolken gefallen, und das bedeutet eher soviel wie unangenehm überrascht sein." "Therese, Sie legen heute wieder jedes Wort auf die Goldwaage. Doch ich lasse mich gern belehren." Nach dem Essen gehen Doktor Weber und der Schultheiß in das Arbeitszimmer.

Anna hilft Therese beim Abräumen und in der Küche beim Abwasch, und nun kann die gute Frau endlich alle Begebenheiten, die sich ereignet haben und die Gerüchte, die sich darum ranken, loswerden, und Anna hört zu, fragt nach, will alles haarklein wissen, lacht, spottet und wundert sich ein ums andere Mal, woher Therese das alles bloß weiß. "Man hat eben so seine Quellen", meint sie nicht ohne Stolz. "Ich schaffe die Apfelschalen gleich weg, kommen die auf den Kompost im Garten?" Therese bejaht es, und Anna geht mit der Schüssel durch die hintere Tür nach draußen.

Dieser Garten ist wirklich eine Augenweide und an manchen Stellen, zum Beispiel hinten am Zaun oder an der alten Laube, in berauschender Fülle und in sonderbarer Ordnung bewachsen wie ein Zaubergarten. Als Kind traute sich Anna nicht, bestimmte Ecken und Winkel zu betreten, blieb beim Spielen lieber vorn auf dem kleinen Wäscheplatz, der immer einen flachen Rasen hatte, und auf dem sie von drinnen, durchs Fenster gesehen werden konnte.

Denn wer weiß, ob Eckart nicht doch Recht hatte, wenn er davon sprach, daß hinter der Hecke und dort, wo der wilde Wein im Herbst seine Blätter blutrot werden ließ, ein scheußliches Ungeheuer haust, das es, von Zeit zu Zeit jedenfalls, auf kleine Mädchen abgesehen hat. Wenn der Ball mal in die Büsche rollte oder im hohen Bogen irgendwo jenseits der Sträucher landete, konnte sich einer von den Jungs Ansehen erwerben, wenn er ihn wiederholte und dabei noch alle Körperteile dran hatte.

Zwischen den grünen Stauden der Blumenbeete zeigt sich ein blauer Stoff, jemand ist dort am Werke. Anna will etwas zurufen, doch dann erkennt sie die Person. "Mama! Du treibst dich hier herum, und wir denken, du sitzt in deiner Kemenate." Christine richtet sich auf, sie trägt ein himmelblaues Kleid mit kleinen Rüschen an den Ärmeln, darüber eine Schürze aus grobem Leinen. Sie hat volles, blondes, lockiges Haar, das sie sehr jugendlich erscheinen lässt. An ihren Fingern haftet Erde, und mit dem Handrücken streicht sie sich eine Haarsträhne aus der Stirn.

"Kind, Anna, du bist schon da?" Das ist typisch Mama, diese theatralische Bestürzung. Dabei könnte Anna wetten, daß sie ihre Ankunft längst bemerkt, ja wahrscheinlich sogar beobachtet hat. Aber der Berg kommt natürlich nicht zum Propheten. "Ich bin heute ganz früh in den Garten gegangen, es gibt jetzt so viel zu tun, die Zeit rennt einem davon, alle diese Blumen wollen umsorgt sein, es ist schlimmer als eine Schar hungriger Vögel." Sie breitet die Arme aus und zeigt im Umkreis auf ihre ganze Pracht.

"Es ist herrlich hier." "Das meiste kommt erst, wir haben gutes Wetter dieses Jahr." Sie bittet Anna, die Pumpe zu bedienen, die versteckt neben einem Schneeballstrauch mit weißen Blüten steht. Die Pumpe reicht nicht ins Grundwasser, sondern in eine unterirdische Wasserkammer, die vor Jahren angelegt und in der warmen Jahreszeit über eine Leitung ständig aufgefüllt wird.

Christine säubert sich die Hände unter dem Strahl. "Ist das nicht zu kalt?", fragt Anna. "Huh, grade richtig, es fördert die Durchblutung." "Betreibst du jetzt auch einen Gesundheitsgarten?" "Jeder Garten dient der Gesundheit." Sie trocknet die Hände an der Schürze ab. "Nun lass dich begrüßen, mein Liebes."

Sie drückt und küsst Anna und fährt ihr mit der Hand über Rücken und Hüften. "Du wirst doch nicht immer dünner, oder? Isst du auch richtig? Ihr Studenten führt ein Lotterleben und treibt Raubbau mit euerm Körper." "Mama! Sehe ich aus wie ein verlottertes Gerippe?" Sie lachen. "Oh, nein, du siehst blendend aus. Wenn du nicht ausgerechnet meine Lieblingstochter wärst, würde ich direkt neidisch auf dich werden." "Das brauchst du gar nicht, du ..."

Mama winkt ab. "Ach, lass gut sein mit den Komplimenten. Du bleibst doch diesmal länger und fährst nicht gleich wieder weg." "Nein, erst mal bleibe ich ein paar Tage." "Ein paar Tage?" "Ich will meine alten Freundinnen und Freunde besuchen und ..." "Einen neuen Freund hast du wohl nicht dabei?" Anna ist verdutzt. "Nö, eigentlich nicht." "War bloß so eine Frage." "Die Auswahl in der Stadt ist so groß, weißt du, ich konnte sie nicht alle mitbringen." "Na, jedenfalls hoffe ich, daß du dich nicht abkapselst." "Was meinst du denn mit abkapseln?" "Nein, das habe ich damit nicht gemeint. Ich bin auch gar nicht neugierig auf deine Verehrer."

Anna mag jetzt nicht über so was reden, deshalb sagt sie schnell "Zeig' mir deinen Garten, Mama. Gerade habe ich daran gedacht, daß ich mich früher nie weiter vorgewagt habe als bis zu dem Steintreppchen, weil Eckart immer von dem schrecklichen Drachen geredet hat." Christine lacht. "Der Drachen? Ja, der ist jetzt auch schon alt." "So ein Quatsch, Drachen sind ihr ganzes Leben lang alt." "So? Dann liegt es wohl doch an mir." "Beschützt er dich nicht mehr richtig?" "Ach, doch, das tut er. Aber ich glaube, er vermisst dich auch."

Sie gehen das besagte Treppchen hinauf, fünf oder sechs Stufen sind es nur, die an den Seiten von der Spornblume überwuchert sind, die sich auf dem Kalkstein wohlfühlt und beginnt, ihre kleinen rosa Blüten zu treiben, die dann im Sommer wie dicke Himbeergrütze hervorquellen werden. Oben auf dem Halbrund ist eine schöne Rabatte angelegt, mit der dreifarbigen Winde, in deren violetten Blütenklecksen ein weißer Fleck und darin ein gelber leuchtet.

Daneben wächst Fäberkamille und eine Schafgarbe mit zitronengelben flachen Blütenschirmen sowie gelbe Iris, deren Blüten viel kleiner und zarter als die der großen Lilienschwestern sind und eher an Forsythien erinnern. Mama sagt, es sind gute Schnittblumen, aber man müsse sich ein bisschen gedulden. Der Rittersporn schießt seine purpurnen und tiefblauen Blütenkerzen in die Höhe; der war im vorigen Jahr ein Opfer der Nacktschnecken geworden, sagt sie, und heuer bewirtet sie die schleimigen Wesen mit einer Mixtur von Bohnenkaffee, den sie offenbar verabscheuen. Sie mit kochendem Wasser zu übergießen oder einzeln mit einem Ziegelstein zu zerquetschen, wie es die Nachbarin geraten hat, würde Christine nicht fähig sein, schon aus Furcht vor schlimmen Träumen.

An der Rabatte vorbei, die mit porösen Tuffsteinen eingefasst ist, führt ein schmaler Pfad, der sich sogleich in einem Blumenbeet verliert, das extra wildwachsend belassen wurde, denn auch auf die tausenden von Insekten und Käfer und unscheinbaren Nützlinge, die über und zwischen den grünen Halmen schwirren und krabbeln, gibt die Fee des Gartens acht.

Die Stauden der hellblauen Ochsenzunge stehen da, und der scharlachrote Klatschmohn, dessen Blütenblätter wie seidene Unterwäsche und auch ein bisschen lappig wirken, orangefarbene Ringelblumen versammeln sich am Boden und die Löwenmäulchen lachen in allen Farben. Links breitet sich ein großes Beet mit Petunien aus, von denen Christine die pastellfarbenen bevorzugt, mit den vollen, salatblättrigen Blüten mit den deutlich gezeichneten Äderchen. Sie nimmt sie zum Verschenken.

Ebenso die Astern, die auch einen Platz für sich allein haben. Davon gibt es hier verschiedene Sorten, am liebsten sind der Gärtnerin aber jene mit den dichten, winzigblättrigen Blüten wie kleine runde Kissen, die innen weiß und außen von einem karminroten, breiten Rand umgeben sind. Doch diese Astern lassen noch ein Weilchen auf sich warten.

Wo die Blumenbeete aufhören, stehen die aufgeschichteten Reste einer alten Steinmauer, nur drei oder vier Schritte lang und über und über bewachsen. Am Boden schmiegt sich eine Schar von Kapuzinerkresse daran, von deren Blättern Therese im Frühjahr Salat macht. Und in halber Höhe darüber wachsen Fuchsien, Seidelbast und einige seltene Kräuter.

An der Mauer, im Schatten des Ahorns und der Kastanie steht eine elegante Johannisbeere, die mitten im Winter blüht. Eine Clematis verbreitet einen aromatischen Duft von Vanille und daneben, so sagt Christine und zeigt dahin, stand bis vor kurzem eine Glyzinie, die auch schön geduftet hat, die aber irgendwann wie ein altmodischer Lumpen herunterhing. Dafür hat sie eine gewöhnliche Feuerbohne hingesetzt, die rosa und weiß blüht, und von der man dann vielleicht sogar ernten kann.

Jenseits der Mauer, in der Sonnenecke ist eine Pergola halbfertig gezimmert, und es stehen Tisch und Gartenstühle da. Von einem Balken herab hängen drei Ampeln mit Lobelien mit zahlreichen, kleinen Blüten. "Schau nur", sagt Anna, "mit so einem Blumenmuster hatte ich mal ein Kleid." Christine bestätigt es, kann sich aber nicht mehr so genau daran erinnern.

"Da, von den Pfingstrosen hatten wir Unmengen", sagt sie und weist auf die Reste der buschigen Staude mit den glänzend grünen Blättern. Einige pralle, rote Blüten leuchten obenauf. "Ich habe bestimmt zwei Dutzend dicke Sträuße gemacht, mit dem Farn dort hinten, das sah recht hübsch aus." "Hast du dich auch als Blumenfrau in der Stadt auf den Markt gestellt?" "Ach wo, alles verschenkt. Nachher kamen sie schon von der Stadtverwaltung und haben gefragt. Dann habe ich auch andere Sträuße gemacht.

Die Irmtraud Wächter, die kennst du doch auch." "Nicht daß ich wüsste." "Die ist Ortsgruppen-Sachbearbeiterin beim Luftschutzbund. Die haben im 'Mohren', also was jetzt 'Haus der Deutschen Arbeitsfront' heißt, einen Frauenabend veranstaltet und mich gebeten, ob ich ein bisschen Blumenschmuck beisteuern könnte. Na, wo soll ich denn sonst hin damit, die Pfingstrosen blühen wie verrückt. Dafür haben sie mich eingeladen. Da hat auch der Herr Kellner gespielt und der Iske." "Der alte Iske, bei dem ich schon Geigenunterricht hatte?" "Ja, ja, was denkst du, flott haben die musiziert. Und die Frau Boilmann-Runde hat gesungen, Ich war in meinen jungen Jahren und das Lied vom armen Wandergesellen und Dort in grünen Höfen."

"Was hatte das mit Luftschutz zu tun?" "Das war nur die Umrahmung. Einer aus Weimar von der Gauleitung hat einen Vortrag gehalten und sinngemäß gesagt, daß mit dem Fortschreiten der Kultur auch die Entwicklung der modernen Technik Schritt gehalten hat, und deshalb ... du, nicht auf den Stuhl, der ist gestern gestrichen worden." "Ich wundere mich schon, was hier so nach Farbe riecht." "Setz' dich auf den hier." "Ich setze mich auf den Stein." "Aha, wie Walther von der Vogelweide. Also hat er gesagt, deshalb wird sich ein künftiger Krieg nicht mehr gegen die Wehrmacht richten, sondern gegen das ganze Volk, ohne Unterschied sozusagen."

"Du liebe Zeit, und für solche Prophezeiungen gibst du deine Blumen her." "Das hat doch damit nichts zu tun. Außerdem war es dann auch ganz unterhaltsam, als ein kleines Lustspiel aufgeführt wurde. Das hat die Laienspielgruppe von der Volkswohlfahrt gemacht. Der Hellmich, aber den kennst du ..." "Ja, gewiss." Der hat den Deppen gespielt, der sich eben um Luftschutz und all' so was keine Gedanken macht, und natürlich hat er alsdann den Schaden und Spott davontragen müssen. 'Ach hätt' ich dem Blockwart nur geglaubt, hätt' ich dem Blockwart nur geglaubt ..." Christine ahmt den einfältigen Hellmich in seiner Rolle nach und geht fluchend unter den Lobelienampeln hin und her.

"Aber Mama, das scheint dich ja sehr beeindruckt zu haben." Sie bleibt stehen und sieht Anna an, als würde sie sich besinnen. "Na, so viel wie in Berlin ist hier in Gothardau freilich nicht los." "Ich freue mich ja für dich. Geht ihr denn auch oft ins richtige Theater." Christine lässt sich mit einem unmerklichen Seufzer auf einem Stuhl nieder. "Ach, das ist so anstrengend. Die Stücke sind alle so lang. Ja, letztens waren wir in Eisenach in Maria Stuart, mein Gott, mehr als drei Stunden." "Es ist doch mit Pause." "Na wenn schon. In der Pause wird man aus der Atmosphäre herausgerissen. Und so spannend ist es nun auch wieder nicht. Dann habe ich nach der Pause schon keine richtige Lust mehr." "Und wie ist es mit Kino? Den neuen Film mit Hans Albers." "Die gelbe Flagge?" "Genau. Oder den Tiger von Eschnapur, der soll gut sein." Christine steht jäh auf, streicht die Leinenschürze glatt und sieht sich um, als suche sie ihre Gartengeräte. "Theater, Kino, Ausgehen, Richard bedrängt mich auch immer, ich brauche das alles nicht." "Du würdest Papa damit eine Freude machen."

Christine lässt ihren Blick durch den Garten schweifen, wahrscheinlich ist sie in Gedanken schon wieder mit anderen Sachen beschäftigt. Dann fragt sie "Meinst du?" Und diese Frage ist für Anna ein deutliches Zeichen, daß es müßig wäre, mit Mama über ihre Zerstreuungen und Vergnügungen zu diskutieren. Nie in der Vergangenheit war es Anna jemals gelungen, mehr als jene stereotypen, unverbindlichen Bemerkungen aus ihr herauszulocken, wenn es um ihre Gefühle ging. Und doch ertappt sie sich immer wieder dabei, wie sie versucht, der Mutter zu mehr Frohsinn und Heiterkeit zu verhelfen. Doch seitdem sie aus dem Haus ist, merkt sie auch, wie wenig sie im Grunde über die Seelenlage Christines weiß, und das was sie weiß, sind Beobachtungen aus ihrer eigenen Kinderzeit und Jugend, die selbst von nicht immer ganz klaren Empfindungen eingefärbt sind.

Anna verspricht, der Mutter in den kommenden Tagen bei der Gartenarbeit zur Hand zu gehen; es ist eher eine Ankündigung und Selbsteinladung, über die sich Christine nichtsdestoweniger freut. "Und wann gibst du das erste Konzert?" "Oh ja, bald, lass mich nur ein wenig akklimatisieren." "Bitte, es soll dich nichts behindern, du bist nach wie vor hier zu Hause." "Ich weiß, Mama. Jetzt bringe ich erst mal die Schüssel zurück in die Küche. Wir sehen uns nachher zum Kaffee?" Sie geht mit beschwingtem Schritt davon. "Kesse Strümpfe hast du an", ruft Christine ihr nach. "Gibt's auch in deiner Größe." "Meine Größe ist deine Größe, so weit sind wir nicht auseinander." "Um so einfacher, Mama."

Abends kann Anna auch endlich den Bruder begrüßen, der erst ziemlich wortkarg ist und sie über die Lage in Berlin ausfragt. "Welche Lage meinst du, die politische?" "Unsinn, was sonst so los ist dort? Was machst du nachts?" "Nachts? Da schlafe ich." "Jetzt erzähl' mir nichts vom braven und fleißigen Mädchen, ich weiß doch, daß dort der Bär tanzt. Wahrscheinlich ist deine Violine total verstimmt, weil sie so lange außer Gebrauch war." "Du bist ja ganz wild darauf, heiße Geschichten zu erfahren." "Na und. Hier in dem Kaff ist doch nichts los." "Meine Güte, ich komme mir bald vor wie eine Gesandte, die von der Familie in die große Welt geschickt worden ist, um davon zu berichten. Jetzt erzähle du mir gefälligst, was du im letzten Jahr gemacht hast." Eckart knurrt ein bisschen, findet dann aber doch das ein oder andere Ereignis erwähnenswert, und schließlich quatschen die beiden den ganzen Abend lang ohne Pause.

* * * * *

In der darauffolgenden Woche besucht Anna ihre alten Bekannten und fühlt sich bald wieder richtig heimisch in Gothardau, natürlich persönlich bereichert um die Lebenserfahrung der jungen Studentin, die sie wie nebenbei in die Unterhaltungen miteinflechten kann und die durchweg Eindruck machen. Als sie an einem Nachmittag mit der Straßenbahn fährt, sieht sie Ulrike Friedewald, neben der sie in mehreren Jahren auf einer Schulbank gesessen hat.

Ulrike hat eine Zeitung so gefaltet, daß man nur einen Artikel auf der Vorderseite lesen kann. Sie schaut abwechselnd darauf und aus dem Fenster der fahrenden Bahn, und Anna scheint es, als würde sie mit dem Kopf schütteln und leise vor sich hin murmeln. "Hallo Ulrike. Wie geht's?", sagt Anna. Ulrike ist so mit dem Artikel beschäftigt, daß sie sich überrascht zu Anna umdreht und sie fragend ansieht. "Ich bin's, Anna Weber, erkennst du mich nicht?" Ulrike antwortet immer noch wie abwesend. "Doch." Dann ist es plötzlich, als würde bei ihr ein Licht aufleuchten und sie fängt an zu reden, die Worte sprudeln nur so hervor und sie macht ihrer offensichtlichen Verärgerung über den Zeitungsartikel Luft, ohne darauf Rücksicht zu nehmen, ob Anna überhaupt nachvollziehen kann, wovon sie spricht.

Sie klatscht mit dem Handrücken auf das Papier. "Komm' Gisela, hier ist noch eine Bank frei, da sitzen wir zusammen." "Häh? Was meinst du damit? Ich bin nicht Gisela." "Nee, ich bin Gisela." "Ulrike, ist alles in Ordnung?" Sie legt ihr die Hand auf die Schulter. Sollte Ulrike nach der Schulzeit etwa geistesgestört geworden sein? Früher war sie eine der schlauesten, wenn auch nicht immer ganz vorbildlich. "Das ist nur der Anfang", ereifert sich Ulrike und liest weiter vor "... erst war ich in Rendsburg Studienreferendarin, nun bin ich hier Assessorin, das ist aber eine Weile her, daß wir uns nicht gesehen haben." "Du bist jetzt Assessorin? Was ist das genau?" "Unsinn, ich bin doch nicht Assessorin, oder sehe ich etwa so aus?" "Weiß nicht, aber es stimmt, wir haben uns lange nicht gesehen." "Na, das steht auch hier."

Sie wedelt mit der Zeitung, als wollte sie schlechten Geruch wegschieben. "Und das dollste, pass auf - sie liest - außerdem sag' mal, was hast du da für ein blaugerändertes Frauenschaftsabzeichen?" Anna schaut unwillkürlich an sich herab. "Du doch nicht. Das sagt Gisela zu Inge. Und die sagt: Kennst du das nicht? Das ist das Ortsgruppen-Amts-Walterinnen-Abzeichen."

Ulrike reißt die Arme hoch und stößt eine Lachsalve aus. "Ein blaugerändertes Ortsgruppen-Amts-Walterinnen-Abzeichen!", ruft sie, und Anna schaut unsicher um sich, ob Ulrike nicht die anderen Fahrgäste aufschreckt. Dann sieht sie Anna mit finsterer Miene an und sagt, als handele es sich um eine Kriegserklärung "Das hat die Kielgass geschrieben, die ist nämlich Redakteurin beim Tageblatt, verstehst du." Dieses 'verstehst du' klingt fast wie eine Aufforderung an Anna, ab sofort auf ihrer Seite zu stehen, und für einen Moment bereut es Anna schon, die alte Klassenkameradin angesprochen zu haben, aber nun kann sie sich nicht einfach aus dem Staub machen.

"Und du bist darin die Inge?" "Die Gisela." "Wie kommst du darauf?" "Weil die Kielgass letzte Woche mit mir in der Straßenbahn gefahren ist, so wie du jetzt. Und dann hat sie in dem Artikel die Namen verteilt." Ulrike beruhigt sich allmählich. "Da hatte sie die ganze Zeit davon geschwatzt, daß sie jetzt mit einem von der Deutschen Bank zusammen ist. Der würde sie beim Kauf von Aktien und sowas beraten, und der hätte ihr auch einen ganz heißen Tip gegeben, nämlich Aktien von IG-Farben zu kaufen, weil die in Zukunft wahrscheinlich ungeheuer viel wert wären. Aber das würde sie nur mir verraten, weil ich immer eine ihrer besten Freundinnen gewesen bin. Hätte nicht viel gefehlt, und sie hätte gleich mit zu dem Bankheini geschleift, damit ich auch Aktien kaufe."

"Von den Aktien steht da aber nichts, oder?" "Natürlich nicht. Seitdem sie beim Tageblatt ist, glaubt die Kielgass, sie müsse Gothardau zur neuen Hauptstadt der Bewegung machen, ständig wirbt sie um Mitglieder bei allen möglichen Vereinen. Wir haben nur ganz kurz über die Frauenschaft geredet, weil da jetzt die Martina Schönborn zum Reichsmütterdienst hingegangen ist, und die kennen wir beide. Und da macht die Kielgass so ein Schauerstück draus, mit Gisela und Inge und einem blaugerändertem Abzeichen, daß die so ein Geschmiere überhaupt drucken." "Du kannst sie nicht ausstehen, stimmts?" "Wen? Die Kielgass? Die ist mir pupsegal." Die Straßenbahn nähert sich einer Haltestelle, Anna schaut auf und sagt "Ich muss aussteigen." "Schon? Das war ja ein kurzes Vergnügen", sagt Ulrike und Anna meint "Ach, ich fahre eine weiter, das macht gleichviel."

Sie ist jetzt froh, daß sie Ulrike getroffen hat, sie konnte sie immer prima leiden, und dieses Geschimpfe über den Zeitungsartikel zeigt Anna, daß sich Ulrike kaum verändert hat. Sie war eigentlich mehr ein stilles Mädchen, aber nicht aus Einfalt, sondern eher aus Vernunft, und doch konnte sie sich damals schon wunderbar aufregen, wenn es sie überkam. Auch scheint ihr, daß Ulrike sich ihrerseits über ihr Wiedersehen freut, vielleicht wünscht sie sich das aber bloß. Ihr fällt ein, daß ihr Bruder Eckart mal was mit Ulrike angefangen hatte, jedenfalls hatte es so ausgesehen. Deshalb erwähnt ihn Anna jetzt schnell und sagt "Ich soll dich übrigens von Eckart schön grüßen." Das war freilich dumm, denn wie konnte es vorauszusehen sein, daß Anna und Ulrike sich überhaupt begegnen.

Und als habe sich Ulrike in Wahrheit doch zu einer lästerlichen Meckergöre hin entwickelt, entgegnet sie "Aha. Hat er immer noch Tripper?" Anna wird knallrot im Gesicht. "Was sagst du?" Ulrike spricht etwas leiser, wie um sich für ihre schroffe Frage nachträglich zu entschuldigen. "Damals hat Eckart gesagt, er habe Tripper, und deshalb müsste er vorsichtig sein." "Wie, vorsichtig?" "Keine Ahnung, vielleicht dachte er, daß zwischen uns was ist." "Da war aber nichts?" "Nicht daß ich wüsste." Sie flüstern beide wie früher als Mädchen auf der Schulbank. "Wo soll er'n sich das geholt haben?" "Hat er zu dir nie was gesagt?"

Anna verneint. "Dann ist er zu deinem Vater gegangen." "Kann ich mir nicht vorstellen. Würdest du mit so was zu deinem Vater gehen, selbst wenn er Arzt ist, ich meine, das ist doch total peinlich." "Du meinst, du würdest nicht hingehen." "Niemals. Lieber zu jemand anderm. Wahrscheinlich hat er's gar nicht gehabt, das war bloß so eine Schutzbehauptung." Ulrike sieht Anna erstaunt an. "Eine Schutzbehauptung? Wovor denn?" Anna weicht aus, sie will die andere nicht beleidigen. "Eckart ist ziemlich sensibel in so was. Womöglich hat er Angst gehabt, sich vor dir zu blamieren." "Dann hat er sich aber 'ne komische Ausrede einfallen lassen." "Das stimmt." Dann fügt Anna hinzu "Auf alle Fälle ist Eckart jetzt völlig in Ordnung." "So?" Sie gucken sich beide an und müssen lachen, obwohl sie nicht recht wissen, weshalb.

Anna fährt mit bis zur Salzmannstraße. Sie hat vorsichtig gefragt, ob sie Ulrike demnächst mal besuchen darf, und die war einverstanden. Allerdings könne sie jetzt nicht versprechen, ob und wann sie sicher zu Hause anzutreffen wäre, und Anna erwidert darauf, auch sie wisse nicht genau, wann sie käme, schließlich wären da eine Menge andere Leute, die sie schon eingeladen hätten. Sie geben sich die Hand. Ulrike schaut ihr nach. Anna läuft über den Myconiusplatz und biegt dann in die Ladenstraße ein, die zum Hauptmarkt führt. Es ist viel Verkehr um diese Tageszeit in der Stadt, die Menschen machen ihre Besorgungen, und das Wetter ist dazu angetan, im Cafe Löschner oder bei Wollenberger an den Stühlen und Tischen, die vor der Fassade auf der Straße aufgestellt sind, eine Weile auszuruhen und bei Kaffee oder Eis miteinander zu plaudern oder Zeitung zu lesen. Apropos Zeitung, als Ulrike ausgestiegen ist, wirft sie das Blatt mit dem unsäglichen Artikel der Kielgass in den nächsten Papierkorb. "Gisela", sagt sie verächtlich, "mir so einen Namen zu verpassen, dafür sollte ich mich rächen."

* * * * *

Dann verschwindet die Kielgass jedoch vorerst aus ihrem Sinn, und die arme Ulrike muss sich mit einem anderen Problem herumplagen, für das sie ebensowenig verantwortlich ist wie für den Mitgliederzuwachs bei der Frauenschaft. Es geht wieder mal um Erich Oschatz und seinen Jungen, das Karlchen. Würde jemand Ulrike fragen, könnte sie wahrscheinlich gar nicht mehr genau sagen, wie sie an die beiden geraten ist, sie wohnen nicht mal in der Nachbarschaft. Kann sein, daß es war, als Ulrike den Karl auf der Straße, genauer gesagt, auf dem Bordstein aufgelesen hatte, wo sie zufällig vorbeikam, als er mit dem Fahrrad schlimm gestürzt war. Er hatte sich beide Knie aufgeschlagen und den Arm geprellt, und weil sich weit und breit keiner um ihn kümmerte, hatte ihm Ulrike geholfen, ihn nach Hause begleitet und dort seine Schrammen versorgt.

Dabei hat sie gleich bemerkt, daß die Verhältnisse bei den Oschatz' nicht eben zum Besten standen und zumindest mal ordentlich aufgeräumt und durchgelüftet werden musste. Sie verspürte jedenfalls kein großes Verlangen, über die Erste Hilfe hinaus sich mit Karl und seinem Vater, der stark nach Schnaps roch, abzugeben, doch Erich Oschatz bestand darauf, sich für ihre Gefälligkeit dankbar zu zeigen und sie einzuladen. "Wozu?", hat Ulrike gefragt. "Wozu? Ich bin ein anständiger Mensch, der weiß, was sich gehört, und ich bin Ihnen etwas schuldig."

"Sie meint bestimmt, für was du sie einladen willst, zum Essen oder so", sagte Karl. "Selbstverständlich zum Essen", sagte Erich schnell, und Karl hatte gemeint "Das wird wohl nichts werden." "Und warum nicht", hatte Ulrike voreilig gefragt, eigentlich mehr deshalb, weil ihr aufgefallen war, daß der Junge ziemlich vorlaut war. "Guck' doch in die Küche, die ist nämlich stillgelegt." Erich musste schmunzeln bei dem Ausdruck, den der Junge gebrauchte, aber Ulrike erkannte, daß er sich in Wahrheit dafür schämte und es bloß mit einem Grinsen zu überspielen versuchte. Es fiel ihm schon nichts mehr ein, was er vorschlagen könnte.

Dagegen wusste Karl Rat. Er wandte sich an Ulrike. "Wir beide könnten was einkaufen, also ich habe an Eier, Schinken und Brot gedacht, und dann kochen wir einen Strammen Max." Erich nickte zustimmend. "Das ist gut. Aber, Karl", fügte er in lächerlich wirkendem Lehrerton hinzu, "einen Strammen Max kocht man nicht, den brät man." Karl hielt die Hand auf. "Was ist?" "Na, Geld her." "Kann ich vielleicht auch was dazu sagen", meinte Ulrike leicht aufgebracht. Karl sagte "Magst du keinen Strammen Max?" "Ich mag nicht so Knall auf Fall bei fremden Leuten in der Küche aushelfen." Erich schaute den Jungen an und sagte "Das Fräulein hat recht, wir können sie nicht einfach so überreden." Karl holte Luft, um etwas einzuwenden, doch dann sah er den hilflosen Ausdruck auf dem Gesicht seines Vaters, und es schien ihm besser, nicht zu widersprechen. "Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben", sagte Karl eher fragend zu Ulrike. "Na, mal sehen", meinte sie, und fürs erste war sie froh, wieder aus der Wohnung herauszusein.

Es war Karlchen gewesen, der in der Folgezeit wie zufällig Ulrike immer mal auf der Straße begegnete und sie grüßte, ihr etwas zurief oder ein paar Worte mit ihr wechselte. Er hatte auch rasch herausgefunden, daß sie in dem Fotogeschäft von Herrn Bierloch arbeitete, aber anfangs war er bloß draußen am Schaufenster vorbeigeschlendert und hatte einen kurzen Blick nach innen geworfen, war jedoch nicht hereingekommen. Dann wurde tatsächlich das Stramme-Max-Essen nachgeholt, und Ulrike brauchte dafür keinen Finger zu rühren, sondern wurde von den beiden regelrecht bewirtet, auch wenn sie über die dilettantische Ehrerbietigkeit lachen musste. Irgendwie kann sie Erich und Karlchen immer besser leiden. Es ist eine seltsame Gefühlsmischung aus Anteilnahme und einem gewissen Vergnügen an der unkomplizierten, direkten und trotz allem Ärger und aller Misere immer noch heiteren Art von Vater und Sohn, die Ulrike als wohltuend ehrlich und aufrichtig empfindet.

Erichs Frau ist seit einigen Jahren nicht mehr in der Familie (übrigens ist auch Ulrikes Mutter schon gestorben), und Erich hat in seinem Beruf, wenn man bei ihm überhaupt von einem Hauptberuf sprechen konnte, nie genug verdient. Lange Zeit hat er von der Wohlfahrt gelebt, regelmäßig abgewechselt und aufgebessert von Saisonarbeiten im Sommer im Freien, auf dem Acker oder auf einer Baustelle, im Winter, wenn in einer Fabrik Sonderschichten gefahren werden mussten.

Sein größtes Übel ist der Alkohol, der ihm mit der Zeit natürlich immer mehr schadet. Und das kann ja Ulrike nun überhaupt nicht gutheißen. Aber ihn andererseits deswegen zu ermahnen oder zu belehren, findet sie unter ihrer beider Würde. Immerhin ist er auch darin, wie bei den anderen Schicksalsschlägen seines Lebens ein großer Dulder. Wenn er besoffen ist, so gerät er nicht, wie viele Trinker, in Zorn und Rage, sondern wird eher gleichgültig, fast teilnahmslos. Und nicht ein einziges Mal, gesund oder krank, nüchtern oder betrunken, hatte er sich Karl gegenüber böse oder auch nur grob verhalten.

Nach und nach hat sich Ulrike immer öfter um Karl gekümmert und nimmt manche Angelegenheit in die Hand, die eigentlich Erichs Sache wäre, der zwar stets lauthals davon spricht, was unbedingt zu tun sei, damit Karl "eine anständige Erziehung genießt", wie er sich ausdrückt, und der auch wirklich den letzten Pfennig dafür aufbringt, der aber Ulrike nicht daran hindert, wenn sie in einer ungewöhnlich energischen Art bestimmte Maßnahmen ergreift, um für Ordnung zu sorgen oder irgendein drohendes Unheil abzuwenden.

So ist sie auch dieses Mal wieder zur Stelle, als es Schwierigkeiten mit Karl in der Schule gibt. Karls Vater soll sich um dreizehn Uhr in der Aufbauschule einfinden und beim Klassenlehrer Herrn Kleinsteuber vorstellig werden, wegen einem Erziehergespräch. "Der Junge hat wieder was ausgefressen", sagt Erich zu Ulrike, die jetzt schon meistens ahnt, was los ist, wenn Erich zu ihr kommt. "Hör' mal, das geht so nicht weiter", sagt sie zu ihm. "Mir kommt es so vor, als hättest du dich damit abgefunden, daß ich mich um dein Kind kümmere, aber da irrst du dich. Es ist immerhin dein Kind." "Du weißt, in welchen Schwierigkeiten ich stecke", entgegnet er.

Ulrike sieht ihn zornig an. "Das ist immer das erste, was du vorbringst. Warum sagst du nicht wenigstens erstmal, daß es dir auch um ihn geht. Verstehst du das? Du bist zuallererst Karls Vater und dann kommen deine eigenen Probleme, aber bei dir ist es umgekehrt." "Ich will es ja. Schließlich arbeite ich dafür, daß ich für ihn sorgen kann. Soll ich dir was von Vaterliebe vorsäuseln, wo ich nicht weiß, wie ich nächsten Monat über die Runden kommen soll?" "Dann sauf' weniger und es bleibt mehr Geld übrig." "Ich habe mich schon eingeschränkt, das weißt du. Es ist eben ein Teufelskreis. Du kennst das nicht, du bist jung." "Willst du mir das zum Vorwurf machen?" "Im Gegenteil, ich beneide dich sogar drum." "Ach hör' doch auf mit dem Mist." "Ich habe zuviel falsch gemacht in meinem Leben."

Ulrike hebt die Arme und ballt die Fäuste. "Oh, ständig diese Litanei, der reinste Schwachsinn ist das. Warum tötet dieser verfluchte Schnaps nicht wenigstens die Gehirnzellen ab, mit denen man sowieso nur ans Saufen denkt? Nein, es werden ausgerechnet die zerstört, die es verhindern könnten." Erich lacht. "Du hättest Psychologe werden sollen mit deinen verschraubten Theorien." "Dann würde ich dich in die Anstalt stecken." "Du, sage nicht so was", meint Erich sichtlich erschrocken. "Das nehme ich zurück", sagt Ulrike leiser. "Zum Teufel", sagt Erich und haut mit der Hand auf den Tisch, "er hat jedenfalls wieder was ausgefressen." Sie kann Erich nicht böse sein. Schon wie er sagt "ausgefressen", es klingt fast lustig, als würde er von dem Jungen reden wie von einer kleinen, buntgesprenkelten Raupe, die im Sommer hastig am Baum herunter krabbelt, nachdem sie ein schönes Blatt runddrum angeknabbert hat.

Also geht Ulrike zu Herrn Kleinsteuber in die Aufbauschule. Ob er mitkommen solle, fragt Erich, doch sie meint, besser nicht, wenn sie zu zweit erscheinen, sähe es so aus, als ob sie beide nicht in der Lage wären, den Karl zu erziehen. Ulrike würde sagen, daß der Vater arbeiten muss, das macht einen besseren Eindruck. Erich ist erfreut und findet ihre Begründung überzeugend. "Ich lade dich auch wieder zum Kaffeetrinken ein", sagt er. "Aber nur mit Kuchen." "Streuselkuchen." "Einverstanden. Ach, Erich, du bist wahrscheinlich das größere Kind von euch." "Das muss ich mir von so 'nem jungen Hüpfer sagen lassen."

In der Aufbauschule war sie schon einige Male. Herr Kleinsteuber ist in Raum 5, dem Fachraum für Chemie, der sich im Erdgeschoß und ganz hinten befindet, wegen der Sicherheitsbestimmungen. Er hat dort ein kleines Kabuff, wo er zwischen dem Unterricht Klassenarbeiten durchsieht oder Zeitung liest oder sein Brot verzehrt. Ulrike hat selber bei Herrn Kleinsteuber Unterricht gehabt, aber nur im letzten Schuljahr, als er von Meiningen hierher kam. Er hat den Krieg mitgemacht, von Anfang bis Ende. Er war Kompanieführer beim Landwehrregiment und später Kommandeur einer Radfahrerkompanie. Er hat das EK I und EK II und eine Reihe anderer Auszeichnungen. Er verliert darüber nicht viele Worte und schon gar nicht prahlt er damit wie andere mit ihren Kriegserlebnissen. Ulrike hat seine Geschichte nach und nach erfahren, wenn sie ins Gespräch gekommen sind, als sie wegen Karlchen hier war. Sie kann nichts Nachteiliges über ihn sagen, wenn er ihr auch nicht sonderlich sympathisch ist, er wirkt meistens so, als würde er sich unwohl fühlen, in seinem Anzug, im Chemieraum, in der Schule, in dieser ganzen Stadt, unerfindlich, woran es liegt. Er gilt als guter Lehrer, in den Naturwissenschaften fachlich hervorragend, eine Autorität bei den Schülern, streng, gerecht, nicht ohne Humor, der aber nur dann aufflackert, wenn er irgendwie vergisst, wo er sich befindet.

Er begrüßt Ulrike und kommt gleich zur Sache. Er nimmt keinen Anstoß mehr daran, daß sie an Stelle von Karls Vater erscheint, er kennt die Verhältnisse, er hat sich dafür eingesetzt, daß Ulrike quasi als Vertreterin bei der Schulleitung angesehen wird, wenn auch nur eingeschränkt. Karl hat die Wandtafel im Erdkunderaum mit Margarine eingeschmiert, jedenfalls bis über die Hälfte. Es war noch jemand daran beteiligt. Sie sind gestört worden bei ihrem frevelhaften Tun und getürmt, aber Karl wurde erwischt. "Er ist eben nicht so flink", sagt Ulrike, als könnte das irgendetwas entschuldigen. "Ich verlange auch nicht, daß Sie das Weglaufen mit ihm üben", sagt Kleinsteuber. "Letzten Monat hat einer während des Unterrichts die Tür von diesem Klassenraum versperrt, von außen einen Holzkeil untergeschoben. Wir mussten hier durchs Fenster hinaussteigen und dem Hausmeister Bescheid geben. Das ist kein Spaß mehr, so ein Chemiekabinett kann zur tödlichen Falle werden, wenn die Fluchtwege abgeschnitten sind."

Er macht eine Pause, Ulrike sagt ungerührt "Woher wollen Sie wissen, daß Karl die Tür verrammelt hat?" "Das hat niemand behauptet. Wir haben den Täter noch nicht ermittelt. Es ist nur so: dieser Holzkeil lag danach auf dem Lehrertisch, und von dort wurde er entwendet. Ich habe sofort eine Taschenkontrolle durchgeführt, und Sie ahnen vielleicht, bei wem wir ihn wiedergefunden haben." "Warum lassen Sie das Ding auch so offen herumliegen." Kleinsteuber durchzuckt es. "Fräulein Friedewald, das ist doch überhaupt nicht die Frage." "Ja aber die Tatsache, daß Karl den Keil gemopst hat, beweist auch nicht, daß er das mit der Tür war." "Welchen Grund könnte es denn Ihrer Meinung nach für eine solche Handlung geben?" "Welche meinen Sie jetzt?" "Den Holzkeil zu stehlen." Ulrike zuckt mit dem Schultern. "Ich weiß ja nicht, wofür so ein Holzkeil gut ist. Ein Junge kann damit sicher irgendwas anfangen."

Kleinsteuber schaut Ulrike an, als würde er einsehen, daß es vergeblich ist, von ihr eine plausible Erklärung zu erwarten; er rätselt bloß darüber, ob sie keine hat oder sie nur verschweigt. "Könnte Karl denn - rein von den Möglichkeiten her - so was herstellen?" "Zu Hause? Kaum. Da braucht man doch mindestens eine Säge und einen Schraubstock." "Und ein Stück Holz, das würde dann schon genügen. Der Herr Oschatz hat doch das alles in seinem Keller." "Ich kenne nicht Herrn Oschatz' Keller." "Ist er nicht gelernter Schreiner, da ..." "Herr Kleinsteuber, wollen Sie behaupten, Karls Vater hat den Holzkeil angefertigt?" "Aber nein, selbstverständlich nicht. Nur, bei der Vernachlässigung, die Karl widerfährt, wäre es dann so verwunderlich, wenn er sich mit Dingen beschäftigt, von denen der Vater - und leider auch Sie - keine blasse Ahnung haben." "Ich finde, Sie übertreiben ein bisschen. Man kann doch nicht wegen einem ziemlich harmlosen Streich jemanden zu einem vorsätzlichen Übeltäter abstempeln. Und wie gesagt, er könnte so was zu Hause ganz bestimmt nicht basteln."

"Hm", macht Kleinsteuber, beugt sich nach hinten, holt aus einem Fach einen Katapult hervor und legt ihn auf den Tisch. Er ist sorgfältig aus einer Astgabel gebaut, mit dicken Gummibändern, die mit Kupferdraht befestigt sind und hinten in der Mitte ein breites Stück Leder zum Festhalten der Geschosse haben. "Das habe ich bei der Gelegenheit auch in Karls Ranzen gefunden." Ulrike schaut sich den Katapult an und muss im Stillen zugeben, daß er ihr gefällt. Auch Kleinsteuber sagt "Erstaunlich solide Arbeit für einen Elfjährigen, finden Sie nicht auch?" Ulrike erwidert "So was habe ich zu meiner Zeit auch hingekriegt." "Tatsächlich. Wollen Sie damit andeuten, daß er ebenfalls nicht von Karls Hand stammt."

"Die Jungs bauen dauernd so'n Zeug, das wissen Sie doch selbst, Herr Kleinsteuber, manchmal sogar im Werkunterricht. Und dann tauschen sie es untereinander oder sie klauen sich's gegenseitig. Ist irgendjemand in der Schule damit beschossen worden?" "Das nicht, Gott sei Dank." "Na also. Es ist doch nicht verboten, so was ..." "Es mit in den Unterricht zu bringen, das ist allerdings untersagt." "Untersagt, na ja. Karl wird vergessen haben, es vorher herauszunehmen." "Wie kommt es dann überhaupt in den Ranzen?" "Irgendwie eben. Finden Sie nicht manchmal auch Sachen in Ihrer Aktentasche, die da nicht reingehören?" Kleinsteuber durchzuckt es wieder. "Ich meine, sind wir denn wirklich alle solche Ordentlichkeitsfanatiker, daß nicht mal was durcheinander kommt? Was glauben Sie, wieviel Zeit ich damit verbringe, was zu suchen, wovon ich nicht mehr weiß, wo ich es hingetan habe." "Das geht mir auch so." "Sehen Sie. Und wenn es dann an einer Stelle wieder auftaucht, wo es nicht hingehört, das ist doch nicht weiter schlimm, Hauptsache, es ist wieder da, oder?" Kleinsteuber lacht jetzt sogar, aber wohl mehr über Ulrikes erfrischende Art. "Dann sollten wir uns ja alle freuen, daß sich dieses Ding wiedergefunden hat."

Dann setzt er abermals zu einer Belehrung an. "Fräulein Friedewald, ich kann das bestimmt alles nachvollziehen, und ich bin der letzte, der gegen Dummejungenstreiche große Geschütze auffährt. Es ist nur folgendes, und das möchte ich Ihnen und Herrn Oschatz ans Herz legen: an unserer Schule werden zukünftig keine Verstöße gegen Ordnung und Disziplin mehr geduldet, auch keine harmlosen, wie Sie sie nennen würden." "Das klingt ja, als wären Sie mit Ihrer eigenen Arbeit nicht mehr zufrieden, Herr Kleinsteuber? Die Aufbauschule hat doch bisher stets einen guten Ruf gehabt." "Es freut mich ehrlich, wenn Sie meine pädagogischen Leistungen zu schätzen wussten. Doch ich bin hier nur ein Fachlehrer von vielen und nicht einmal einer, der das Sagen hat."

Ulrike hat für einen Moment das Gefühl, als wollte er ihr sein Leid klagen. Aber sie denkt an Karlchen und untersagt sich jedes falsche Mitgefühl. "Sie wissen, daß wir einen neuen Schulleiter, Studiendirektor Doktor Kettner, bekommen haben. Des weiteren wurde die Schulordnung gründlich überarbeitet, und die Einführung neuer Lehrpläne steht bevor." "Da haben Sie jede Menge zu tun", sagt Ulrike. "Und das ist nicht alles. Der Oberstudiendirektor Staatsrat Hille ist zum Schulinspektor für den Bezirk Gothardau berufen worden." "Kennen Sie ihn persönlich?", will Ulrike wissen. Kleinsteuber winkt ab. "Wir haben mal miteinander geredet." Und wie er das sagt, merkt sie, daß ihn das alles viel mehr belastet als er zugeben würde.

"Staatsrat Hille plant die Einrichtung von vier Musterschulen, die zwei höheren stehen schon fest, die Arnoldi und die Westschule. Bei den beiden Volksschulen ist die Entscheidung noch nicht gefällt." Er sagt 'gefällt' wie bei einer Verurteilung. "Und nun sieht es so aus, daß die Aufbauschule eine davon werden soll", errät Ulrike. "Richtig. Aber dafür stehen uns einige Anstrengungen bevor." "Ah, ich verstehe, woher der Wind weht. Sie brauchen jetzt nur noch Musterschüler." Kleinsteubers Ton wird immer persönlicher und zugleich zurückhaltender. "Es ist nicht allein der Titel, den es zu erringen gilt, womöglich ist das ohnehin nur eine Art Wanderpokal. Wenn Staatsrat Hille die Meldung nach Berlin an den Minister weitergibt, dann werden Geldmittel bewilligt, und die brauchen wir dringend für die Sanierung und für den Neubau des Seitenflügels."

Er steht auf und tritt ans Fenster. "Dort drüben - nein bleiben Sie ruhig sitzen, von hier aus kann man es schlecht einsehen - auf dem Gelände soll der Anbau erfolgen. Das Planfeststellungsverfahren ist abgeschlossen, man könnte sofort loslegen, was fehlt, ist das nötige Geld." Sie schweigen eine Weile. Kleinsteuber steht am Fenster und schaut hinaus, dann sagt er wie zu sich selbst "Staatsrat Hille hat gesagt: 'Die alten gemütlichen Zeiten der kollegialen Schulverwaltung sind, Gott sei Dank, vorüber'." Er dreht sich zu Ulrike um. "Wortwörtlich: Gott sei Dank. Verstehen Sie das auch so leicht?" Ulrike sagt nichts. "Und wissen Sie, was er außerdem gesagt hat? 'Der Lehrer jeder deutschen Schule muss in erster Linie Nationalsozialist sein und dann erst Fachlehrer'." "Na ja, Sie können doch ganz gut beides sein", meint Ulrike, und Kleinsteuber sieht sie ungläubig an.

Dann findet er zu seiner alten Förmlichkeit zurück. Er hebt den Katapult hoch und knallt ihn auf den Tisch, als wäre er an allem Schuld. "Solche Sachen, so lächerlich sie sein mögen, die wird es hier nicht mehr geben, das wird rigoros bekämpft. Und das wollte ich Ihnen mit auf den Weg geben. Nutzen Sie Ihren Einfluss auf Karl und auf seinen Vater, Fräulein Friedewald, ich weiß, daß Sie darüber verfügen. Sorgen Sie dafür, daß Karl in Zukunft keinen Blödsinn mehr anstellt. Nennen Sie es von mir aus einen Musterschüler, das wird er sowieso nicht, aber es genügt mir, wenn er begreift, daß er andernfalls die allergrößten Schwierigkeiten bekommt." "Sie können ihn doch nicht von der Schule jagen, oder?" "So weit will es niemand kommen lassen."

"Haben Sie mit ihm auch gesprochen?" "Ja." "Dann weiß er über alles Bescheid." "Ja. Natürlich nur was ihn selber betrifft. Übrigens habe ich bemerkt, daß ihm sehr viel daran liegt, ins Jungvolk der Hitlerjugend aufgenommen zu werden, vielleicht kriegen wir ihn über die Schiene." "Ich weiß das, aber ich möchte ihn damit nicht ..." 'erpressen' wollte Ulrike eigentlich sagen, doch dann sagt sie "... überfordern." "Der wird nicht überfordert, keine Bange, genauso wenig wie er sich kleinkriegen lässt." "Wollen wir's hoffen." "Ich muss wieder was tun, Fräulein Friedewald. Ich wollte Ihnen Klarheit in der ganzen Angelegenheit geben. Ich hoffe, Sie kommen mir auch etwas entgegen." "Ja, das will alles bedacht sein." "Bitte?" "Ich meine, wir wollen doch alle das Beste, wenn möglich für jeden." Kleinsteuber lächelt. "Den Königsweg. Der ist schwer zu finden."

"Was wird denn nun aus diesem Instrument?", fragt Ulrike und zeigt auf den Katapult. "Die Zwille? Hm, die muss ich vernichten." "Wie machen Sie das?" Kleinsteuber nimmt sie in die Hand. "Das Gummi schneide ich ab. Das Holz breche ich hier entzwei. Damit ist sie dann schon mal unbrauchbar. Und dann schmeiß ich den Kram in die Mülltonne." "Wie schade", sagt Ulrike. Er wickelt behutsam die Gummibänder um die Astgabel. "Da können Sie wohl auch keine Ausnahme machen." "Ich komme in Teufelsküche, es wissen schon andere davon." "Das möchte ich nun auch nicht." "Danke, daß Sie mit dem alten Kleinsteuber ein Nachsehen haben."

Karl ist tatsächlich über alles im Bilde. Ulrike redet eindringlich mit ihm, aber sie ist mit ihrer Moralpredigt nicht recht zufrieden. Er sieht alles ein und gelobt, sich zu bessern. Aber je mehr sie sagt, um so hohler findet sie ihre eigenen Worte; und außerdem muss sie sich beim Anblick von Karls in Demut verzerrtem Gesicht das Lachen verkneifen. Wenigstens ist die neuerliche Gefahr erst mal gebannt, und alle haben wieder ihre Ruhe, für einige Zeit zumindest.

* * * * *

Anna Weber hat ihr Versprechen eingehalten und besucht Ulrike, nachdem sie vorher kurz Bescheid gesagt hat, wann sie kommen würde, damit sie nicht vor verschlossener Tür stünde. Dann erscheint sie aber doch völlig überraschend, als habe sie gerade mal eine Viertelstunde frei, in der sie sich Ulrike widmen kann. Ulrike ist etwas früher von der Arbeit weg gegangen, um einen kleinen Einkaufsbummel zu machen. Der Fotograf Bierloch, ihr Chef, ist in dieser Hinsicht sehr kollegial. Ulrike bittet Anna herein und sagt gleich "Dreh' dich mal um, ich habe mir was gekauft, das will ich dir zeigen." Anna schaut aus dem Fenster über den verwilderten Garten hinüber zu dem Dach der Wäscherei. Auch hier, mitten in der Stadt kann man vielerorts einen Blick aus dem Fenster ins Grüne haben, so wie draußen am Wäldchen auf dem Borsberg.

"Du kannst", sagt Ulrike. Sie hat einen hellblauen Schal um den Hals geschwungen. "Hey, der sieht klasse aus." "Gab's bei Ackermann, im Preis heruntergesetzt." Sie nimmt das eine Ende mit den Fransen zwischen die Finger. "Das ist echte Schurwolle, normal kostet so was das Doppelte." "Steht dir wirklich gut", meint Anna und zupft Ulrikes blonde Strähnen tiefer in die Stirn. "Da müssen deine Wuschelhaare mehr zur Geltung kommen." "Ach Mensch", seufzt Ulrike, geht an den Spiegel und fährt heftig mit der Hand durchs Haar. "Mit meiner Frisur, das ist auch so eine Sache, ich brauche da echt mal einen Rat."

Dann hält sie den Schal hoch und fragt "Findest du nicht, daß die Farbe zu grell ist?" "I wo. Ist doch für den Winter, da kann was Knalliges nicht schaden." "Meinst du, das ist ein Winterschal?" "Na dachte ich. Trägt man denn im Sommer auch Schals?" "Nein, eigentlich nicht. Bloß, weil's den jetzt gab? Deshalb war er vielleicht auch so billig." "Jedenfalls sieht er ganz schön teuer aus, richtig schick." Ulrike lächelt und wiegt sich vor dem Spiegel wie beim Tanz. "Da gibt's auch einen Velourmantel, so kurz und mit Jabotkragen, mit so einer Biesengarnitur." Ulrike hat ihn sich genau angesehen. "Der ist wirklich was für den Winter, eventuell kaufe ich ihn mir." "Aber kann ich dir was sagen?" "Was denn?", fragt Ulrike ein bisschen erschrocken. "Die Hosen, die stehen dir nun wirklich nicht besonders." "Ach was soll's", sagt Ulrike schroff, nimmt den Schal ab, legt ihn zusammen und schiebt ihn ins Schrankfach. "Wieso ziehst du überhaupt immer die Hosen von deinem Bruder an? Das hast du früher schon immer gemacht."

Ulrike schweigt und räumt ein paar Sachen weg, die herumliegen, dann sagt sie "Die sind bequem." "Das sind doch Armeehosen." "Es sind Sporthosen." "Du machst keinen Sport", beharrt Anna und weiß selbst nicht genau, weshalb sie sich mit den komischen Hosen beschäftigt. "Sollte ich wohl mal machen", erwidert Ulrike und schaut abermals in den Spiegel. Anna sagt "Wir wollen nächste Woche eine Radtour machen, da kannst du gleich mitkommen." Ulrike scheint interessiert, hält sich aber zurück. "Wer ist wir?" "Lorenz mit seiner Freundin, mein Bruder und ich. Eventuell auch Martin, er wußte nicht genau, ob er Zeit hat. Hast du Lust?" "Das wären dann drei gegen drei." "Häh?" "Drei Jungs, drei Mädchen, wenn ich mitkomme."

Dann fasst sich Anna plötzlich an die Stirn. "Ach Mist, mein Fahrrad ist ja kaputt." Ulrike lacht. "Du bist eine Nudel. Organisierst eine Radtour und hast selber kein Fahrrad. Dann wird wohl nichts draus." "Ich habe allen schon Bescheid gesagt, jetzt kann ich doch keinen Rückzieher machen." "Tja, hättest du nicht so überstürzt handeln dürfen." "Das war nicht überstürzt, das habe ich mir schon vor drei Wochen in Berlin ausgedacht. Außerdem habe ich mich auf dich verlassen." "Auf mich?" "Ja, daß du mitmachst. Du kennst dich viel besser aus hier, weißt, wo man langfahren kann und so." "Ich habe auch schon einen festen Wohnsitz, glaubst du das", sagt Ulrike spitz, um Anna zu verstehen zu geben, daß sie keine Hinterwäldlerin ist. Aber sie muss sich eingestehen, daß sie zu den Leuten, von denen Anna eben gesprochen hat, seit mindestens einem Jahr keinen Kontakt mehr hatte, wogegen es Anna in ihrer spontanen Art anscheinend leichtfällt, alle möglichen alten Bekannten zu mobilisieren.

Weil Anna schweigt und obwohl sie es wahrscheinlich aus Berechnung tut, meint Ulrike "Bei uns im Keller steht ein Fahrrad, das ist aber seit einer Million Jahren nicht benutzt worden, ich glaube, es ist auch kaputt", fügt sie hinzu. "Kann das Hans nicht reparieren?" "Kannst ihn ja fragen; ich würde jedenfalls ganz gern mitkommen." "Dann will Hans womöglich auch mit?" "Der? Mit uns auf eine Radtour? Eher würde er zur Sonntagsmesse gehen." "Macht er denn nichts mit anderen zusammen?" "Und ob. Er hat seine Arbeitsgemeinschaft, lauter solche Funkfanatiker. Die legen kilometerweise Drähte aus und bauen Antennen auf und dann telefonieren sie über Berge und Täler hinweg. Letztens haben sie auf dem Inselsberg eine Station aufgebaut und dann bis wer weiß wohin telefoniert, bis nach Afrika." Ulrike lacht. "Da hat er bestimmt Ahnung von dem ganzen Kram?" "Klar, deshalb haben die von der HJ ihn auch zu sich geholt. Und weil er zu seinen Jungs ein gutes Verhältnis hat, sagen sie jedenfalls. Obwohl er manchmal ein richtiger Arsch sein kann." Anna scheint, das letzte habe Ulrike nur gesagt, um sie vor Hans zurückzuhalten.

"Vielleicht findet er nicht zu allen den richtigen Draht", meint Anna. "Nee, ganz gewiss nicht. Außerdem brütet er ständig über seinen verschrobenen Plänen." "Was für Pläne?" "Was für Pläne? Ich sage dir Anna, der Hans hat den ganzen Krieg schon im Kopf, von Anfang bis Ende. Ich habe manchmal richtige Angst hier mit ihm." "Welchen Krieg denn?" "Na den nächsten. Anna, tust du jetzt nur so oder begreifst du nichts mehr. Den Krieg, den Deutschland führt, und wenn es nach Hans geht, natürlich auch gewinnt." "Hans sieht den Krieg schon voraus?" "Was heißt voraussehen. Er weiß über alles genau Bescheid. Wenn du ihn nur erleben würdest, wie er über Truppenstärke und Bewaffnung und Mobilmachung und Reserven und all so was redet, dir würde ganz schwindlig werden. Der kennt jedes Kaliber von jeder bescheuerten Pistole, die irgendein polnischer Muschkote mit sich rumträgt. Ich wette, wenn der Krieg erst losgeht, dann kommen sie in unser Haus und holen ihn, es ist nur die Frage, ob es die Wehrmacht ist oder der Feind. Der Hans kann genau sagen, was am besten zu tun ist. Pass mal auf, ich zeige dir was."

Ulrike holt aus dem Schreibtischfach eine Mappe, aus der lose Blätter herausragen. Sie schlägt sie auf und faltet ein Blatt auseinander, es ist eine Karte mit Ländern von Osteuropa. Einzelne Flächen sind farbig ausgemalt oder schraffiert, breite Pfeile weisen in verschiedene Richtungen, Orte sind durch fette Punkte hervorgehoben, und anderes mehr ist darauf eingezeichnet. Ulrike zeigt mit dem Finger. "Zuerst wird Österreich an Deutschland angegliedert, hier, alles was dunkelrot ist, die 'Ostmark' nennen sie das. Danach kommt Polen dran, die Pfeile hier sind die Stoßrichtungen der deutschen Truppen. Und wenn Polen besetzt ist, dann geht es weiter, immer hübsch dem Morgenrot entgegen." "Hinter Polen? Da kommt doch nur noch Russland." "Na klar, die Sowjetunion, das nennst du 'nur noch'?"

"Das ist ja unglaublich", sagt Anna halb entsetzt. "Wenn dir Hans das alles beschreibt, dann siehst du's schon direkt vor Augen." "Glaubst du es denn?" "Na ja, weiß nicht." "Und was sagen die Jungs bei der HJ dazu?" "Die meisten finden es ..." Die Tür geht auf und Hans kommt herein, er sieht die ausgebreitete Karte. "Was macht ihr denn hier? Hab' ich dir nicht gesagt, du sollst die Karten niemand Fremdes zeigen!" "Das ist Anna Weber, die kennst du wohl nicht mehr?" Hans schaut sie ein bisschen verwundert an, Ulrike fügt bissig hinzu "Brauchst nicht gleich rot zu werden." Er nimmt die Karte vom Tisch und faltet sie zusammen. "Du hast gesagt, ich soll sie ausmalen und beschriften", verteidigt sich Ulrike. "Wann beginnt denn Deiner Meinung nach dieser Krieg?", fragt ihn Anna. Er mustert sie von oben bis unten. "Die Anna Weber, die Tochter vom Doktor Weber?" "Ja." "Lange nicht gesehen." Er reicht ihr die Hand, sie gibt ihm etwas zögerlich ihre. Ulrike sagt "Mein Gott, Anna ist grade mal ein Jahr weg." "Im August werden es anderthalb."

"Wirkst irgendwie verändert." "So? Wie denn?" "Erwachsener." "Jetzt ist aber gut mit der Wiedersehensballade, mir kommen gleich die Tränen vor Rührung." "Was mischst du dich denn ein." "Sie besucht mich, nicht dich! Zu dir Grobian kommt nämlich nie ein Mädchen." Hans trägt es mit Fassung. "Weil du sie immer verjagst. Du willst mich nur für dich allein haben." Anna wird rot im Gesicht. Ulrike sagt "Das muss ich mir nicht anhören." "Warte, willst du gehn?", fragt Anna schnell. "Ich denk' ja nicht dran, das hier ist genauso meine Wohnung wie seine."

Hans winkt mit der Hand ab, dann sagt er zu Anna "Kannst du mir einen Gefallen tun und über die Karten mit niemandem sprechen?" Sie schaut ihn an. Er ist groß und hat schöne dichte blonde Haare, eine starke Nase und einen entschlossenen, aber auch gutmütigen Gesichtsausdruck. Er hat breite Schultern und kräftige Arme, die bis zum Ellenbogen frei sind, da er das Hemd hochgekrempelt hat. "Ja klar."

Ulrike sagt "Du kannst ihr auch einen Gefallen tun." "So? Was denn?" Anna sagt schnell "Könntest du Ulrikes altes Fahrrad für mich reparieren? Wir wollen eine ...", Ulrike schüttelt hinter Hans' Rücken den Kopf, Anna sieht sie verwundert an, "... eine Radtour machen." "Wer wir?", fragt Hans, und Anna denkt 'Die beiden sind sich doch ganz schön ähnlich'. "Ein paar Freunde von mir, kennst du bestimmt nicht." "Und Ulrike will mitkommen?" Er dreht sich zu seiner Schwester um und schaut sie an, als hätte jemand gesagt, ihr sei ein zweiter Kopf gewachsen. "Na, was gibt's da zu gucken? Ich bin schon mehr Rad gefahren als du." Hans lacht. "Nee, ganz gewiss nicht." Anna denkt 'Das hat Ulrike vorhin auch so gesagt'.

"Was für'n Fahrrad soll denn das sein?" "Deine Schwester hat gesagt, die Kette ist bloß kaputt." "Das von Tante Gertrud." Hans lacht wieder. "Da wäre es besser, du läufst neben den anderen her." "Rede keinen Mist, und mach' Anna nicht schlecht." "Ich mach' sie nicht schlecht, ich bewahre sie bloß davor, sich zu blamieren?" "Was ist denn mit dem Rad?" "Tante Gertrud ist damit immer zum Cumbacher Teich gefahren, mit mir auf dem Kindersitz." "Hui, das weißt du noch?" "Natürlich. Ich habe gebadet, und Tante Gertrud hat im Strandanzug am Ufer gesessen und Zigaretten geraucht und in einem Groschenroman gelesen, und zwischendurch hat sie mir zugewinkt, damit es so aussah, daß sie hauptsächlich meinetwegen da ist."

"Das sieht ihr ähnlich. Wahrscheinlich hat sogar einer angebissen." "Was, geangelt hat sie auch dabei?", fragt Anna. Jetzt lachen die beiden Geschwister. "Klar. Nach einem kapitalen Karpfen oder einem jungen Hecht." "Ach so." "Der Rosenbaum aus Weilershausen, der hat uns mal in seinem Auto heimgefahren, an einem schönen Sommertag." "Das hab' ich mir fast gedacht, daß ihr nicht im Winter dort gebadet habt." "Das Fahrrad hat er hinten so quer ans Auto festgebunden, und Tante Gertrud hat auf dem Beifahrersitz gesessen, und ich hatte hinten alles für mich alleine, so richtig tolle Polstersitze. Und alles offen, ich meine ohne Dach." "Was für'n Wagen war das?" "Mensch, das weiß ich doch nicht, war mir auch pupsegal. Oder doch, warte mal, vorne auf dem Motordeckel war so eine kleine Figur, ein Zyklope drauf, der ist so vorwärtsgestürmt." "Ein Zyklope?" "Na so einer, halb Mensch, halb Pferd." Anna schnaubt lachend durch die Nase. "Was du meinst, ist ein Zentaur." "Ach ja? Bin ich mitgefahren oder du?" "Anna hat recht, das war ein Dixi." "Was denn nun?" "Das Auto von dem Rosenbaum, ein Dixi aus Eisenach, nachher haben sie auch welche in ... " "Jedenfalls, wie wir in Gothardau die Magdalenenstraße langfahren, da laufen da Christine und Heidi, wie auf Bestellung, und ich winke denen so zu - Ulrike macht eine unglaublich mondäne Geste wie eine Dame - als würde ich sagen: jetzt ist es vorbei mit der blöden Schule! Leider war der Rosenbaum nicht Tante Gertruds Typ, außerdem hatte er Familie." "Und das nicht zu knapp", sagt Hans.

"Also gut, komm' mit in den Keller." "Willst du's jetzt gleich reparieren?" "Wozu aufschieben, später habe ich keine Zeit." Ulrike sagt, sie käme gleich nach, Hans und Anna steigen in den Keller hinunter. "Geh' ein Stück beiseite, damit dein hübsches Kleid nicht staubig wird", sagt Hans und räumt mit Leichtigkeit ein paar Kisten aus dem Weg. 'Hübsches Kleid hat er gesagt', denkt Anna, 'er macht sich bestimmt mehr aus Mädchen, als es den Anschein hat'. Er holt das Fahrrad aus der hintersten Ecke hervor und stellt es verkehrt herum auf den Kellerboden. Dann betrachtet er es eingehend.

Anna fragt "Was meinst du? Kannst du es wieder in Gang bringen?" Hans knurrt nur. Er sucht Werkzeug aus einem Wandschrank und legt es neben das Rad. Die Kette liegt auf den Zahnrädern, in der Mitte hängen die beiden Enden herunter. Durch das kleine Fenster fällt Licht herein, auch ein wenig durch die offene Tür. Hans macht ein paar gezielte Handgriffe, als würde er jeden Tag Fahrräder instand setzen. Eine breite Strähne seines blonden, zur Seite gekämmten Haares fällt vor der Stirn herab. Er steht gebückt, manchmal hockt er sich hin, dann wieder holt er etwas aus dem Werkzeugschrank. Anna sieht ihm zu. Dann sagt sie "Aber du hast dich kaum verändert." Er murmelt "Ich habe nur ein gebrauchtes Verschlussglied." "Was?" Er zeigt mit dem Schraubenzieher auf die Kette. "Hier, wo sie geschlossen wird, das ist nicht mehr das jüngste." "Wird schon halten, wir wollen ja nicht bis ... bis werweißwohin fahren." "Sondern?"

Ulrike kommt die Kellertreppe herabgesprungen und bleibt in der Tür stehen. "Ich gehe dann, tschüss ihr beiden." Anna ruft ihr hinterher "Ulrike, was ist los?", aber sie ist schon fort. Anna schaut fragend Hans an. "Wo will sie hin?" "Wenn ich das wüsste", sagt Hans und sucht ein Ölfläschchen und einen Lappen. "Ich glaube, sie macht bei der Frauenschaft mit." "Unmöglich. Über die hat sie sich nur lustig gemacht." "So ist sie eben manchmal. Ich hatte dich was gefragt." Anna weiß es nicht mehr. "Wohin ihr fahren wollt." "Wahrscheinlich über den Krahnberg." "Richtung Sonneborn?" "Ja. Nein. Eher die andere Richtung, was liegt dort?" "Kommt darauf an, welche andere Richtung." Er richtet sich auf und weist mit den Händen in die Luft. "Wenn du so geradeaus über den Krahnberg fährst, dann liegt da Sonneborn oder vorher Goldbach, und hier drüben die Eisenacher Landstraße mit den ganzen Nestern."

"Da wollen wir hin, genau." Hans lacht. "Ich sage doch gerade, daß da ein Haufen Dörfer sind, eins am anderen." Anna lacht zurück. "Na ja, wir fahren immer in eins hinein und durch und hinaus und ins nächste. Ist das so schwer zu verstehen?" Hans sagt nichts daraufhin. Er lässt etwas Öl auf den Lappen tropfen, dann sagt er "Kannst du die Pedale drehen?" "Ja, klar." "Nee, nicht nur die Pedale, das ganze Zahnrad, ich will die Kette ölen." "So?" "Ja so, bisschen langsamer." Er lässt die Kette durch den Lappen rutschen, dann tränkt er ihn abermals mit Öl und wiederholt es. "Noch die Reifen aufpumpen und dann geht es." "Soll ich das machen?" "Gut, dann kann ich mir die Hände abwischen." Er reicht ihr die Luftpumpe. Sie dreht die Kappe vom Ventil, drückt die Luftpumpe daran und bewegt den Holzgriff. "Ist total platt." "Hat auch ewig hier gestanden", erwidert Hans.

Er putzt seine Hände mit Waschbenzin ab. "Was ist mit eurer Tante Gertrud?" "Ist im Moment nicht da." "Von wem ist das die Schwester?", fragt Anna und pumpt angestrengt. "Von Ulrikes Mutter." Er drückt mit dem Daumen auf den Reifen. "Das genügt schon." "Vorn auch? Blöde Frage." "Ich kann es machen, du bist schon ganz außer Atem." "Lass nur, jetzt mach' ich das auch zu Ende." "Spielst du eigentlich immer noch Geige?" "Spielen? Ich studiere sogar Geige." "Macht es Spaß?" "Ja, sehr." "Ich glaube, ich habe dich nie spielen hören." "Glaub' ich auch." Dann sagt sie, eigentlich ohne es zu wollen "Was du über den Krieg denkst, kannst du mir davon was genaueres erzählen? Irgendwann mal, wenn's passt", setzt sie schnell hinzu. "Du kannst bei uns bei der Kameradschaft vorbeikommen." "Wo du mit deinen Funkerjungen trainierst? Das ist nichts für mich, ich telefoniere so schon nicht gern, ist so unpersönlich." "Wie du meinst."

* * * * *

Zu fünft starten sie zur Radtour: Ulrike, Anna, ihr Bruder Eckart, Martin und Lorenz (ohne Freundin). Den kennt Ulrike auch einigermaßen, weil er seine Filme zum Entwickeln ins Fotogeschäft bringt. Es sind immer Naturaufnahmen: Landschaften, Pflanzen, Steine, merkwürdige Gebilde. Einer war voll mit Wolken, auf einem anderen waren nur Frösche und Kröten drauf. "Wo ist dein Fotoapparat?", fragt ihn Ulrike, "willst du nicht eine neue Naturserie machen?" "Das wird zuviel", entgegnet Lorenz, "ich muss die Bilder erst alle archivieren. Aber im Winter werde ich Schneekristalle fotografieren." Anna stöhnt auf. "Jetzt, wenn der Sommer anfängt und alle Welt nur Sonnen und Baden im Kopf hat, da denkst du an Schneekristalle." "Na und?" "Hast du Badesachen dabei?", fragt Ulrike. "Wofür?", gibt Anna keck zurück, "Wenn ich bade, dann ohne alles, wie in Mutter Natur." Sie schwingt sich auf das Fahrrad, das Hans repariert hat. "Er hat sogar Sattel und Lenker für mich eingestellt." "Und was hast du Hans dafür gegeben?", will Eckart wissen. "Gar nichts, es gibt eben Leute, die was aus reiner Gefälligkeit tun."

Das Wetter ist prima, es ist trocken, warm, einige rasch vorüberziehende Wolken sorgen dafür, daß die Sonne nicht zu heftig strahlt, und ein leichter Wind bringt sanfte Frische. Sie fahren die Waldstraße zum Krahnberg hinauf und oben entlang an der alten Schwedenschanze vorbei, bis sie auf die offene Gras und Sträucherlandschaft kommen, über der die Lerchen hoch oben in der Luft flatternd verharren und trillern, während am Boden die Grillen zirpen. Anna fragt ständig nach dem Weg, Martin sagt ihn ihr voraus, und sie fährt in rasantem Tempo vorneweg, gefolgt von den beiden Jungen. Ulrike und Eckart haben sich etwas zurückfallen lassen und radeln gemütlich nebenher. Ulrike stellt fest, daß man sich mit Eckart gut unterhalten kann und sie fragt sich, weshalb in der Vergangenheit ihr Umgang miteinander abgebrochen war.

An dem Nordhang geht es zum Hörselberg hoch, der Weg ist weniger steil, dennoch schieben sie aus Bequemlichkeit die Räder. Oben angekommen wird Brotzeit gehalten. Sie suchen sich ein Plätzchen im Halbschatten, wo man den Ausblick auf den Inselsberg und weiter drüben nach Westen zu auf die Wartburg hat. Anna holt ein Riesenglas mit Kartoffelsalat, den Therese, die Haushälterin, zubereitet hat, aus ihrem Rucksack. "Das fette Glas hast du mitgeschleppt?", fragt Martin erstaunt, "ich überlege schon die ganze Zeit, warum dein Rucksack so schwer aussieht, dachte, du willst auswandern." "Selbstgemacht. Von unserer Köchin. Wir müssen alle aus demselben Glas essen, hier sind ..." Sie wühlt im Rucksack, Eckart sagt "Die Gabeln habe ich." "Gottseidank." "Und belegte Brote."

Martin hat einen Kringel hausschlachtene Wurst dabei. Lorenz' Rucksack ist voller Äpfel. Ulrike hat einen Rührkuchen gebacken. "Ah, und das hier habe ich auch noch", sagt sie und schwenkt eine Flasche roten Wein. "Aber ich habe was zum Aufmachen vergessen." Lorenz will mit seinem Taschenmesser versuchen, den Korken herauszupulen. Eckart schaut sich um, ihm fällt ein, daß es in der Nähe einen Quellbrunnen gibt. "Wo willst du das Wasser reintun?", fragt Martin. Alle überlegen. "Vielleicht in Lorenz seine Schuhe, die sehen so dicht aus", sagt Anna. "Hilfe." "Ich gehe mal hin, früher stand da auch eine alte Kanne oder so was herum." Nach einigen Minuten kehrt er zurück, tatsächlich mit einem Topf voll Wasser. "War der auch sauber?" Sie überzeugen sich davon, wie klar das Wasser ist und dann trinken sie davon.

"Wie geht's weiter?", fragt Anna ungeduldig. "Das Emsetal aufwärts Richtung Schwarzhausen", antwortet Martin. "Geht das schlimm bergauf?" "Fast gar nicht, es ist richtig gemütlich." "Ist es hier auch schon", sagt Ulrike und legt sich faul ins Gras. "Lasst uns vorher zur Venushöhle." "Was willst du denn da?" "In der Venushöhle?" "Von was hast du gerade gesprochen." "Von der Venushöhle." "Hast doch wohl keine Hintergedanken." "Ich kenne nur einen Venushügel." Alle seufzen gelangweilt auf. "Mensch Martin, damit hätte jetzt wirklich keiner gerechnet." "Also doch Hintergedanken." Lorenz, genüsslich kauend, bemerkt "Wusstet ihr, daß die Venushöhle einen Hinterausgang hat." "Dann ist ja alles umsonst." "Was?" "Na, die ganze Aufregung im Dunkeln, das Gruseln und so." "Du meinst, man müsste lieber bis zum Ende kommen, wo es nicht mehr weiter geht." "Zumindest, daß man weiß, daß es irgendwo nicht mehr weiter geht." "Das ist doch ein schrecklicher Gedanke." "Nein, wenn man besser sagt: wo es sich nicht mehr steigern lässt, verstehst du den Unterschied." "Ich denke schon."

Sie klettern hinab zu dem Höhleneingang, einer schmalen, durch das Sickerwasser von Jahrtausenden gebildeten Felsspalte im Kalkstein. Anna ruft etwas hinein, dann sagt sie enttäuscht "Kein Echo. Allzu groß kann sie nicht sein." "Das wird gedämpft", erklärt Lorenz, "es sind nur schmale, krumme Gänge, der Schall kann sich da nicht ausbreiten." "Und was sonst?" "Der Grottenolm. Er kann überall hineinkriechen." "Quatsch, das sagst du jetzt so, um dich wichtig zu machen. Zeig' ihn uns doch." "Er ist scheu, sogar lichtscheu." "Der Ärmste. Wie kann man nur in die Welt gesetzt werden, wenn man Angst vor dem Licht hat." "Es ist Gottes Beschluss." "Das klingt aber ziemlich zynisch, wie du das sagst." "Das ist es auch. Überlege nur, wie dieses Geschöpf die Heilige Nacht feiern muss, mit dem Lichterbaum und so, was für Qualen es auszustehen hat." "Genug davon. Anna, traust du dich rein?" "Nee."

Lorenz und Martin fertigen eine Fackel aus einem trockenen Ast und einem harzigen Tannenzapfen, sie brennt und rußt. Dann gehen sie hinein, der Rauch zieht nach außen ab. Anna tapst zaghaft hinterher. Ulrike und Eckart wollen nicht dumm dastehen und folgen. Lorenz und Martin reden laut miteinander, Lorenz erzählt etwas über den Muschelkalk und wie man die Höhle entdeckt hat. Anna fragt dauernd "Seid ihr noch da?", wenn sie ihre Stimmen nicht mehr hört. Dann ruft Martin "Kehrt Marsch, die Fackel geht gleich aus." Anna jauchzt auf. Ulrike wendet sich um. Der Untergrund ist glitschig, sie rutscht aus. Obwohl es dunkel ist, fasst Eckart sicher ihren Arm und hält sie. Sie spürt, wie er fest zugreift und doch so, daß es ihr nicht wehtut. Sie kommen sich sehr nahe, Ulrike kann den Hauch seines Atems wahrnehmen. "Danke", sagt sie. "Es staut sich", sagt Anna von hinten mit erhobener Stimme.

Das Flüsschen Emse hat an einer Stelle ein Wehr, wo man es auch überqueren kann wie auf einer Brücke. Abwärts schlängelt es sich durch ein Stück Aue mit Pappeln, deren Blätter bei der kleinsten Brise rauschen. Zwischen den Bäumen geht das Grasufer flach bis ans Wasser, hier und da reicht eine Schotter und Kieselzunge hinein. Dort machen sie Rast. "Kann man in dem Wehr Fische angeln?", fragt Anna. "Ich denke, du wolltest baden?" "Zu kalt. Aber Fisch würde ich essen, wir könnten ihn überm Feuer braten, Lorenz, kümmer' dich doch mal darum." Der winkt ab, selbst wenn Forellen drin wären, könnte es eine Stunde dauern, bis sie eine fangen. "Ich habe gehört, den ersten Fisch fängt man auf Anhieb. Komm' wenigstens mit gucken." Die beiden gehen durch das hohe Gras gemächlich zum Wehr. Anna pflückt ein paar Margeriten und steckt sie sich ans Kleid.

"Warum sitzt du so weit weg", sagt Ulrike zu Eckart, "hier ist viel mehr Sonne." "Wirklich?" Eckart steht auf, eher mühsam und ein bisschen unwillig und gesellt sich zu Ulrike und Martin, die Rücken an Rücken gelehnt sitzen. Eckart findet nicht seinen Platz. "Hier ist es steiniger als dort." Ulrike klopft mit der Handfläche neben sich auf die Erde. "Hier ist es ganz weich. Wir beißen nicht, stimmt's Martin?" Der hat die Augen geschlossen und brummt nur. "Wenn du willst, kannst du auch deinen Kopf auf meine Beine legen." Nach einer Weile sagt sie "Wie das Wasser gluckst, hört ihr?" "Ich könnte was auf der Mundharmonika spielen", brummt Martin. Ulrike wirft ihm über die Schulter einen Blick zu. "Sie findet es angenehm, das Wasserglucksen", klärt ihn Eckart auf, und Ulrike nickt.

Dann sagt sie "Spiel' trotzdem was, ich habe jetzt genug gelauscht." "Spiel' das Forellenquintett." Lorenz und Anna sind wieder da, aus dem Fischfang wird wohl nichts werden. Martin dudelt eine Melodie. "Er soll das Forellenquintett spielen", sagt Ulrike zu Anna. "Ist das nicht von Schubert?" Martin bricht ab. "Schubert ist auch der, der die Unvollendete Sinfonie komponiert hat. Anna, du hast doch Ahnung, sag' mir endlich mal, warum er diese Sinfonie nicht vollendet hat?" Eckart sagt "Es war was dazwischengekommen. Oder die Noten waren alle." "Schlaumeier!" Anna sagt "Darüber rätseln die Experten." "Und was meinst du?" "Schwer zu sagen. Manchmal fängt ein Komponist mit etwas an, und das entwickelt sich dann bis zu einem Punkt, wo er nicht mehr weiter weiß." "Es entspringt doch alles seiner Vorstellung, da müsste er am besten wissen, was passiert." "Das ist so wie mit den Geistern bei Goethes Zauberlehrling, man ruft sie, und dann tanzen sie herum und man kann ihrer nicht mehr Herr werden." "So ähnlich. Jede Komposition hat auch eine bestimmte Logik, eines ergibt sich aus dem anderen, und bei der Musik ergibt sich zwangläufig das Folgende stets aus dem Vorhergehenden."

"Das klingt ja ganz schön kompliziert. Und du durchschaust das?" "Niemals. Ich könnte auch Schuberts Sinfonie nicht vollkommen durchschauen, das ist zu tiefgründig." "Was? Nicht einmal das, was davon fertiggeworden ist? Dann ist klar, daß man das was noch fehlt, sich erst recht nicht zusammenreimen kann." Anna lacht. "Es ist ohnehin ziemlich traurige Musik, oder?", fragt Ulrike. "Die Unvollendete?" Anna neigt abwägend den Kopf. "Eigentlich weniger. Dramatisch ja, aber traurig oder genauer gesagt würde es tragisch heißen müssen, nein, das ist sie nicht. Der zweite Satz hat sogar etwas Liedhaftes." "Hört, hört", meint Lorenz, "liedhaft ist nicht dasselbe wie liederlich." "Ungefähr so", sagt Anna und summt die Melodie. Martin horcht aufmerksam. "Das klingt hübsch, sing' es nochmal." Sie erfüllt seine Bitte, und Lorenz setzt alle in Erstaunen, als er aus dem Stehgreif einen Text dazu singt. "Gib' mir zum Abschied noch einmal dein Händchen. / Sing' mir zuliebe noch einmal das Lied." "Bravo", rufen die anderen und applaudieren. "Von wem verabschiedest du dich denn da?", fragt Eckart. "Nur so, habe ich mir ausgedacht." "Es ist das Geheimnis des Künstlers." "Das Ende eines schmerzvollen Liebeserlebnisses." "Jetzt ist mir auch klar, warum deine Freundin nicht mitgekommen ist."

Ihre Unterhaltung wird unterbrochen von dem Motorengeräusch eines Autos, das von der Straße ab und bis an den Rand des Auenwäldchens gefahren ist. Auf einem kleinen, ebenen Platz hält es an. Unter der Motorhaube zischt weißer Dampf hervor. Auf beiden Seiten steigen junge Männer in HJ-Uniform aus. "Bei denen ist wohl was heißgelaufen", meint Martin. "Was sind'n das für welche, kennt die jemand?" "Nie gesehen. Das ist ein Opel Einsdreier, an und für sich kein schlechtes Auto." "Vorausgesetzt, die Kühlung funktioniert." Der Fahrer hat beide Hälften der Haube hochgeklappt, es dampft weiterhin. Der andere hat die Radausflügler gesehen und winkt kurz hinüber. "Will der was von uns?", fragt Lorenz. "Das sah eher bloß aus wie 'n Gruß", meint Eckart. "Vielleicht brauchen sie Hilfe", sagt Anna. "Werden sich schon melden."

Tatsächlich läuft der Beifahrer zum Flüsschen und auf die Gruppe zu, die sich allerdings am jenseitigen Ufer befindet. Der andere fummelt am Motor herum, dann lässt er es bleiben und geht seinem Kumpel nach. Er holt ihn ein, am Ufer bleiben sie stehen und er ruft hinüber "Heil Hitler, Freunde." Die anderen murmeln etwas zurück, Martin fragt "Habt ihr eine Panne?" "Nur eine Kleinigkeit, müssen ein wenig Wasser auffüllen." "Habt ihr was zum Schöpfen?", fragt Anna an den Beifahrer gewandt. Er mag nur wenige Jahre älter sein als sie. Er hat braune Haare und breite Schultern, obwohl er ansonsten von schlanker Gestalt ist. Seine HJ-Uniform steht ihm ausgezeichnet, und die halblangen Hosen geben ihm etwas Bubenhaftes. Er lächelt zu Anna hin. "Nichts Brauchbares, könnt' ihr uns was leihen." Anna schaut sich suchend um. Ulrike fällt ein, daß sie den Wein gar nicht getrunken haben. "Wer hat denn die Weinflasche?" "Ich", sagt Martin, "der Korken ist erst halb raus." Anna ruft "Wenn ihr die Flasche Wein mit uns leer macht, könnt ihr die nehmen." "Ist das eine Einladung?", fragt der Braunhaarige. "Da am Wehr geht's herüber."

"Darf ich vorstellen: das ist Konrad Schulte, Hauptbannführer der HJ für den Gau Thüringen, er kommt gerade aus Spanien." "Aus Spanien?", fragt Anna überrascht, "Aber nicht mit dem Auto, oder?" Sie erntet Gelächter, nur Schultes Begleiter bleibt ernsthaft und sagt, als ginge ihre törichte Frage auf sein Konto "Ich wollte sagen ..." Schulte erklärt selbst. "Ich hatte die Ehre, an einer Reise nach Nationalspanien teilzunehmen, wir sind letzte Woche zurückgekommen." "Und du?", fragt Ulrike den anderen. "Ich heiße Wolfgang, Wolfgang Dressel, meine Freunde nennen mich nur 'Wolf'." "Kann ich dich auch Wolf nennen?", fragt Anna schelmisch und diesmal gibt es ein verhaltenes Pfeifen der Jungens. Die anderen nennen ihre Namen. Eckart sagt "Wir müssen euch aber jetzt nicht unsere HJ-Verdienste berichten?" Schulte erwidert lachend "Ja, wenn deine so großartig waren, dann nur heraus damit." "Wir wollen eigentlich nach Friedrichsthal", sagt Wolf, "um zu sehen, wie weit es mit der Bannführerschule ist, die dort eingerichtet wird." "In Friedrichsthal?", fragt Lorenz, "wo soll die da sein?" "Wo's zum Finkenstein hochgeht." "Das Haus am Hang?" "Genau. Es soll diesen Sommer fertig werden, damit in den Ferien die ersten Kinder hinkommen können."

"Martin, was ist denn nun mit dem Wein." "Ist schon lange offen, ihr quatscht ja dauernd." "Dann probier' du zuerst." "Nee, Ulrike darf zuerst, sie hat ihn mitgebracht." "Ach du liebe Güte, das ist nur ganz einfacher." "Zeig' mal", sagt Anna und schaut auf das Etikett. "Das ist spanischer, ist das nicht putzig." "Das ist nicht Spanisch, das ist Italienisch." "Na, gucken Sie mal ... guck du mal, Herr Schulte." "Konrad. Ja, es ist Italienisch." "Na egal, mit denen sind wir auch verbandelt."

Die Flasche geht reihum. "Und wo warst du da in Spanien?" "Wie gesagt, in der nationalen Zone." "Was weiß ich, wo die ist. Was liegt'n dort?" "Sagt dir Malaga etwas? Cadiz, Sevilla." "Das ist im Süden?" "Richtig." "Und wie war es?" "Wundervolles Land, herrliche Landschaft, interessante Menschen." "Ist es heiß da? So wie jetzt hier." "Noch viel heißer." "Ist da Krieg im Moment?" "In der nationalen Zone nicht, aber wir haben die Auswirkungen gespürt, es gab viele Flüchtlinge aus den roten Gebieten. Manchmal war es schwierig, ein Hotelzimmer zu bekommen, und die Züge hatten Verspätung. Aber wir konnten uns nicht beklagen, und die Versorgung war auch prima." "Habt ihr auch Stierkampf gesehen?" "Ja, einmal." "Richtig, wie der Stier erlegt wird?" "Ja, es ist wirklich ein beeindruckendes Schauspiel, man muss das einfach hautnah miterleben." "Aber du warst nicht mit in der Arena? Na, was lacht ihr da, das gibt es, daß man ganz dicht an den Stier heran darf." "Das stimmt, für manche Einheimische ist das der reinste Volkssport." "Seht ihr." "Aber das ist meistens vorher, wenn die Stiere durch die Straßen getrieben werden."

"Ist der Krieg dort wirklich so brutal?", fragt Ulrike. "Allerdings. Es passieren schlimme Dinge." Ulrike sagt "Da war letztens ein Bild in der Zeitung, wo die Rotspanier die abgeschnittenen Köpfe von den feindlichen Soldaten hochgehalten haben." "Ja, so was machen die, es sind Barbaren." "Bei dem einen Kopf haben sie irgendwie einen Strick durch's Ohr gezogen, und der hat ihn dann so dran hochgehalten." Ulrike hebt die ausgebreiteten Arme. "Iiihhh", macht Anna, "das siehst du dir an." "Das war in der Zeitung." "Habt ihr so was auch gesehen?", fragt Anna. "Nein, zum Glück nicht, aber wir haben Berichte gehört von Kämpfern, die den Bolschewisten in die Hände gefallen waren und dann fliehen konnten."

Lorenz reicht demonstrativ die Weinflasche weiter und sagt "Nun wollen wir das Thema wechseln und in unseren friedlichen Thüringer Gau zurückkehren. Wusstet ihr, daß man früher hier in der Emse Perlenmuscheln gezüchtet hat?" "In dem Bach?", fragt Schulte und schaut hinter sich. "Jedenfalls hat man es versucht, aber die Bedingungen waren ungünstig, zuviel Geröll." "Ist die Flasche leer?", fragt Wolf. "Hast du's eilig?", fragt Anna. "Nö, überhaupt nicht. Ich wollte bloß das Wasser auffüllen." "Weiter unten ist eine flache Stelle, habe ich vorhin gesehen, da kannst du gut reinhalten." "Geh' am besten mit", sagt Eckart. Anna streckt ihm die Zunge heraus. "Mach' ich auch." "Das ist gut, ich kenn' mich hier gar nicht aus", sagt Wolf.

Sie gehen ein Stück flussabwärts. "Wo bist du her?", fragt Anna. "Auch aus Gothardau, also genau gesagt bin ich der zweite Leiter von dem Bann." "Der Führer?" "Na ja, der Leiter, der Führer, ja." "Herrje, da musst du aber 'n bisschen schneidiger auftreten als Führer." "Von der Hitlerjugend." "Dachte ich mir. Und da kennst du die Gegend hier nicht?" "Nicht jeden Weg und Steg. Außerdem stamme ich aus Plaue." "Aus Plauen? Wo die Spitzen herkommen?" "Nein, aus Plaue bei Arnstein." "Ach so. Wenn ich ehrlich bin, ich wüsste auch nicht, wo das Flüsschen hier hinfließt." "Jedenfalls ins Meer, soviel ist sicher." Sie lachen beide.

Als sie wieder bei den anderen sind, reden die gerade über Autos. Lorenz sagt, wenn er könnte, würde er sich auch einen Opel anschaffen, den Kadett achtunddreißig. "Den Spezial?", fragt Schulte. "Nein, das Modell mit Halbfedern." Er weist mit dem Kopf hinüber. "Eurer hat ja die Synchronfederung, das ist nicht unbedingt mein Fall." "Wie schnell fährt der?", fragt Ulrike. "So um die neunzig Kilometer pro Stunde, aber wir haben auch schon hundertfünf damit geschafft." "Wie habt ihr das festgestellt?", fragt Martin. "Wir haben auf der Autobahn die Zeit gestopt." "Wollt ihr ein Stück fahren?", meint Wolf. "Selber?" "Warum nicht." "Oh ja." "Nehmt mal die Mädchen mit", sagt Lorenz und schaut zu den Freunden, Martin winkt ab und Eckart meint "Ich kann jeden Tag fahren."

Wolf schüttet das Wasser in den Kühler. "Das Dach aufmachen?", fragt Schulte. "Klar doch", meint Ulrike, "sonst hocken wir hier hinten drin wie im Kaninchenstall." "Aha, du bist wohl besseres gewöhnt." Anna sagt "Ihr seid nicht die ersten, die uns spazierenfahren." "Hoffentlich auch nicht die schlechtesten." "Wird sich zeigen." "Bringt sie uns wieder", sagt Eckart. Sie fahren auf die Straße und dann in Richtung der Berge. Die Mädchen winken. Etwa eine halbe Stunde später kommt der Wagen nur mit Wolf zurück. Er sagt, die anderen sind bei der Bannführerschule, man kann dort Kaffee kochen und auf der Terrasse sitzen. Die Mädchen wollen, daß sie auch hinkommen sollen, er kann die beiden Fahrräder einladen. Sie helfen ihm dabei.

Als die Jungs bei dem Haus ankommen, sitzen Schulte und Ulrike auf der Rückseite auf Gartenstühlen und trinken Kaffee. Wolf und Anna sind spazierengegangen. Vor dem Gebäude ist ein Appellplatz mit Fahnenstangen und einem Streifen Blumenbeet als Umgrenzung, auf dem aus hellen Kieselsteinen der Schriftzug "HJ Bann 95" gelegt ist. In der Küche hantieren zwei Mädchen, im Treppenhaus wird gestrichen, ein Elektriker verlegt Leitungen, irgendwo wird gehämmert. Es ist angenehm kühl hier drin. Sie werfen einen Blick in eine Gemeinschaftsunterkunft mit Doppelstockbetten und Spinden. Schulte geht durch das Zimmer bis zum Fenster, der Holzfußboden knarrt. Ulrike wäscht sich im Waschraum an einem der langen Steinbecken mit den blanken Wasserhähnen die Hände. Im Garten ist ein Armeezelt aufgebaut, später sitzen alle eine Weile dort. Schulte revanchiert sich mit einer Flasche Wein, die er aus der Küche geholt hat. Sie sagen, Martin soll sie einstecken und für die nächste Radtour aufheben.

* * * * *

Die nationalsozialistische deutsche Reichsregierung unter ihrem Führer Adolf Hitler hat Österreich annektiert. Der österreichische Bundeskanzler Schuschnigg ist abgesetzt, und Seyß-Inquart als Reichsstatthalter eingesetzt worden. Das österreichische Bundesheer wird Bestandteil der deutschen Wehrmacht, die österreichische Nationalbank von der Reichsbank übernommen. Die Reichskleinodien, die Zeichen der Macht und Herrschaft der deutschen Kaiser seit jeher, die der napoleonische General Jourdan nach Wien geschafft hatte, gelangen wieder zurück in großdeutschen Besitz. Hitler besucht das Grab seiner Eltern bei Linz. In Wien macht er die größte Vollzugsmeldung seines Lebens, er sagt: "Als Führer und Kanzler der deutschen Nation und des Reiches melde ich vor der Geschichte nunmehr den Eintritt meiner Heimat in das Deutsche Reich." In den darauffolgenden Wahlen wird Hitler in Deutschland und Österreich mit über 99 Prozent Ja Stimmen in seinem Amt bestätigt. Von den tausendfachen Huldigungen lautet eine:

........................................Von Deiner Größe werden künden
........................................Die Völker auf dem Erdenrund -
........................................Das Licht aus Dir wird Feuer zünden,
........................................Den Weg zum Aufstieg machen kund!

Auch in Gothardau wird gewählt. Bereits am Vortag des Wahlsonntags wird auf dem Hauptmarkt eine eindrucksvolle Großkundgebung stattfinden. An den Fassaden der Häuser werden Girlanden hängen und unzählige leuchtend rote Fahnen mit dem schwarzen Hakenkreuz auf dem weißen Rund wehen. Alle Schaufenster der Geschäfte werden feierlich gestaltet, Autos, Omnibusse und Straßenbahnen mit Fähnchen geschmückt sein, über den Straßen hängen Spruchbänder. Das Musikkorps der Fliegerhorstkommandatur wird aufspielen, das Musikkorps der Flak Abteilung an anderem Ort, der Musikzug der SA Standarte musiziert im Orangengarten, der SS-Musikzug vor dem Bahnhof. Der Spielmannszug und die Werkkapelle der Firma Böldner werden mit schmetternden Weisen durch die Straßen ziehen. Fahrzeuge des NS Kraftfahrtzeugkorps werden Propagandafahrten durch die Stadt machen, und um 11 Uhr 57 wird man sich in die Vorrede zum Tag des Großdeutschen Reiches einschalten.

Dann rückt die Zeit des Aufmarsches heran, und die Stunden bis zum Abend verfliegen in fiebernder Geschäftigkeit. Ab 18 Uhr werden sich die Formationen und Gliederungen der Partei, der Behörden und Betriebe sammeln und von der Schönen Allee, der Moßlerstraße, der Eisenacher Straße, vom Schützenberg, von der Goldbacher -, Augustiner - und Lucas Cranach Straße aus zum Hauptmarkt marschieren. Ein Marschblock nach dem anderen wird an dem ihm zugewiesenen Punkt Aufstellung nehmen, und in dichten Reihen werden die Gothardauer den Platz umsäumen. Um sieben wird das Kommando zum Fahnenaufmarsch erschallen, und hunderte Fahnen werden durch eine lange Gasse, vorbei an den Fackel tragenden Absperrmannschaften, gebracht werden, um an den beiden Seiten der großen Säule ein wogendes Flaggenmeer zu bilden. Der Badenweiler Marsch wird erklingen, die Gothardauer Sängerschaft wird in Aktion treten, und wuchtig wird ihr Lied "Deutschland, mein Deutschland" zum Himmel emporsteigen.

Unzählige Lämpchen an den Häusern werden die Nacht in ein phantastisches Licht tauchen, die Front des Rathauses wird im festlich hellem Glanz schimmern. Aber über dem Schlossberg wird ein roter bengalischer Schein magisch auflodern, und plötzlich wird über den Häuptern der Massen eine lichte Strahlenkrone, erzeugt von sechs Scheinwerfern der Wehrmacht erstehen, unwirklich schön in ihrem Anblick. Beim Kommando "Heißt Flagge!" wird langsam das Symbol des ewigen Dritten Reiches, das hehre Zeichen eines wiedererstarkten Deutschlands und eines einigen Volkes am hohen Fahnenmast aufziehen, und die Kundgebung wird ihrem Höhepunkt zustreben. Aus den Lautsprechern wird, klar und deutlich, unerschütterlich und fest entschlossen, unmittelbar und lebendig, als käme sie von einer Stelle am oberen Hauptmarkt, dort von der Sandsteinbrüstung über den wasserspeienden Löwenköpfen, die Stimme aus Wien ertönen. Und dann spricht der Führer.

Alle Schulkinder helfen fleißig mit bei der Vorbereitung des großen Wahltages. Der Parteigenosse und Blockwalter Hehring ist stellvertretender Aufmarschleiter und beweist einmal mehr sein organisatorisches Geschick. Karlchen Oschatz und vier andere Jungen sowie zwei Mädchen gehören zu einem Trupp, der unter Hehrings Aufsicht und seinen Anweisungen folgend die Geschäftsleute bei der Ausgestaltung ihrer Ladenschaufenster am Hauptmarkt tatkräftig unterstützt. Karl hat sich sogar freiwillig gemeldet, nachdem Ulrike gesagt hatte, er könne damit seine Einsatzfreude unter Beweis stellen und für die Aufnahme in das Jungvolk der Hitlerjugend Pluspunkte gewinnen, da er doch so gern ein Pimpf werden will. Karl meint, dafür lohne es sich, dem Hehring, den er ansonsten überhaupt nicht riechen kann, zu Diensten zu stehen.

Vier von den Jungs fahren mit ihm und dem alten Krumholtz in dessen kleinem Frachtlastwagen in den Wald, um Tannenzweige zu holen. Einer der Jungen bleibt bei den Mädchen, die einen Stapel hübsche, farbige Zeichnungen mit Blumenmotiven anfertigen; der Junge schaut ihnen zu, er ist nur wegen der Mädchen dageblieben. Währenddessen hauen der Krumholtz und Hehring mit der Axt dichte grüne Tannenzweige von den Bäumen, die Jungen legen sie zu Bündeln und schleppen sie zum Wagen. Es ist frische Luft im Wald, aber das Gras ist nass und sie bekommen feuchte Schuhe und Strümpfe. Nach zwei Stunden machen sie Pause, und der alte Krumholtz will ein Feuerchen anmachen, doch Hehring sagt, dafür habe man kein Zeit, man müsse schleunigst mit dem Tannengrün zurück in die Stadt, und er macht sich damit noch unbeliebter bei den Kindern.

Die Mädchen sind fertig mit Malen. Die Menge Zweige wird aufgeteilt auf die einzelnen Läden. Endlich werden auch die Führerbilder gebracht, ein eindrucksvolles Konterfei Adolf Hitlers im braunen Holzrahmen. Hehring betrachtet es lange und inbrünstig, dann erklärt er, wie Führerbild, Tannengrün, Mädchenzeichnungen und das kleinere Schmuckwerk in den Schaufenstern arrangiert werden sollen. Er krabbelt selbst in die Auslage beim Bäcker Backhaus und platziert alles so, wie er es sich vorstellt, er nennt dies die Musterauslage. Der Bäcker Backhaus flucht, weil Hehring einen Teller mit aufgetürmten Kuchenstückchen umschmeißt.

Der Kindertrupp richtet sieben Schaufenster ein, als sie beim letzten sind, dämmert es schon. Es ist ein Fleischerladen, und eigentlich rechnen die Kinder, die wirklich gute Arbeit geleistet haben, damit, daß der Metzger eine Lage Würstchen zum Abendbrot spendiert, oder daß der Hehring etwas springen lässt. Aber der sagt nur kurz Danke, und der Metzger sagt gar nichts und wartet darauf, daß sie aus dem Laden verschwinden. Draußen fällt dem Hehring auf, daß das Porträt des Führers in seiner Wirkung beeinträchtigt wird durch den Schweinekopf, der ein paar Handbreit daneben liegt. Der ist zwar künstlich, aber gerade dadurch irgendwie lebensecht, und das eigentümliche Grinsen um die Schnauze lässt den Betrachter fast erschauern. Er trommelt den Metzger noch mal raus, der muss den Schweinekopf entfernen, und der Hitler wird samt Grünzeug und bunten Bändern in die Mitte gerückt.

Am Wahlsonntag vormittags bildet sich beim Metzger vor dem Schaufenster ein Pulk von Passanten, von denen sich die meisten über etwas belustigen. Von den anderen, den verärgerten, alarmiert irgendwann einer den Parteigenossen Hehring, der zum Glück schon gefrühstückt und seine Parteiuniform angelegt hat. Er möge doch gefälligst einen Blick in die Auslage des Fleischerladens werfen. Hehring ist sogleich vor Ort und sieht, was alle sehen: unter dem Bildnis des Führers, inmitten des rankenden Tannengrüns, das mit zwei roten Schleifen gebunden ist, hängt ein Papierschild, auf dem steht "Fröhliche Weihnacht". Hehring trommelt den Metzger raus, der noch geschlafen und von der Ansammlung vor seinem Laden nichts mitbekommen hat. Die Passanten werden zerstreut, das Schild wird weggenommen, und Hehring will es zerreißen, doch schon haben sich zwei Beamte von der Sipo eingefunden, die es beschlagnahmen.

Die Kinder vom Hilfstrupp werden herangeholt. Der Junge, der die ganze Zeit bei den Mädchen geblieben war, behauptet, Karl habe das Schild geschrieben. Gesehen habe er es nicht, doch den Mädchen fehlt ein dicker Stift. Ob das stimmt, wird das eine Mädchen gefragt. Es zuckt mit den Schultern, fragt, was für ein Stift das sein sollte. Das andere Mädchen fängt an zu weinen. Der Metzger sagt, das Schild sei nicht mit einem normalen Stift, sondern mit Holzkohle beschrieben worden. Ob die Mädchen auch Holzkohlestifte besitzen, die schütteln den Kopf. Holzkohle, so meint der Metzger, habe er hinten im Laden, für den Bratwurstrost. Alle sehen ihn an. Er sagt "Ihr glaubt doch nicht etwa, daß ich das blöde Schild geschrieben habe. Hätte ich dann was von der Holzkohle erzählt?" "Vielleicht, um den Verdacht auf die Kinder zu lenken", entgegnet Hehring, dem wieder einfällt, daß der Metzger sie alle gestern fast hinausgeworfen hatte.

Der Metzger muss die Holzkohle sofort wegschließen. "Das sind acht Säcke, wo soll ich denn hin damit?" "Lassen Sie sich was einfallen", sagt der Sicherheitspolizist, und Hehring zischt ihn an "Warum bist du auch so dumm und zählst sie alle auf." Dann fällt ihm wieder was ein. "Halt Kinder, hiergeblieben. Zeigt alle mal eure Hände." Zu den Sicherheitsbeamten meint er "Die Holzkohle hinterlässt Spuren." "Aber es muss schon gestern passiert sein." "Na, das sind doch Schmutzfinken, die keinen Tropfen Wasser an sich heranlassen, geschweige denn Seife." Das eine Mädchen ist darüber sehr empört. Die Hände der Kinder sind sauber. Hehring tatscht auch unsanft an den Hosentaschen herum, bei Karl glaubt er fündig zu werden. "Aha, was haben wir hier", sagt er und ist schon wieder so in Rage, daß er gleich selbst in Karls Tasche greift. Er bringt eine Schachtel mit Zündhölzern zum Vorschein. "Gehört sich das?", fragt Hehring drohend. "Die habe ich gefunden", sagt Karl.

"Danach suchen wir nicht", meint der eine Sipo Mann, dem das zu umständlich wird. "Herr Hehring", ruft das Mädchen, "Sie haben ja selber 'ne ganz schwarze Hand." Und alle betrachten seine Hand, mit der er aus Karls Hosentasche die Zündholzschachtel geangelt hat. Karl sagt "Ich habe zu Hause ein Stück Seife, wenn Sie das mal brauchen." Da gibt Hehring ihm eine schallende Ohrfeige, daß Karl aufschreit und er minutenlang auf dem Ohr taub ist. Der Sipo Mann beendet das Verhör, und in Anbetracht des feierlichen Tages werden die weiteren Ermittlungen zunächst auf den Montag verschoben, an dem der Metzger und Hehring auf der Polizeiwache zu erscheinen haben, um das Protokoll zu bestätigen.

* * * * *

Das grandiose Ergebnis zur Wiederwahl Adolf Hitlers kann der kleine Streich selbstverständlich nicht im geringsten trüben. Dann stellt sich heraus, daß Hehring in der Aufbauschule gewesen ist und erklärt hat, der Karl Oschatz sei als einziger beim Wahlvorbereitungshilfstrupp äußerst negativ aufgefallen. Damit steht Karls Aufnahme in die Hitlerjugend wieder sehr in Frage. Ohne irgendetwas näheres über das provokante Schild zu erwähnen, klagt er Ulrike sein Leid, und die sagt, sie kennt seit kurzem jemanden von der Gauführung, vielleicht könnte sie bei dem ein gutes Wort für ihn einlegen. Später muss Karl sie daran erinnern, und sie verspricht, sich schnellstens darum zu kümmern. Den Wolf Dressel persönlich anzusprechen findet sie nicht ratsam. Erstens weiß sie gar nicht, wo sie ihn finden könnte und zweitens wäre das Anna gegenüber nicht in Ordnung, denn auch ein Blinder mit Krückstock kann erkennen, daß sich zwischen Anna und Wolf etwas anbahnt. Also beschließt sie, zuerst mit Anna darüber zu sprechen.

Als sie auf dem Weg zur Straßenbahn ist, hupt es hinter ihr von der Straße her. Es ist Doktor Webers Auto, Eckart fährt und der Doktor sitzt daneben. "Zu euch wollte ich gerade", sagt Ulrike. "Dann steig ein", fordert Eckart sie auf, "warte, du musst auf meiner Seite einsteigen, der Herr Papa hat sich den Fuß verstaucht, deshalb spiele ich auch den Chauffeur." Sie begrüßt den Doktor. "Was macht der Fuß?" "Ach, geht schon wieder. Das kommt davon, wenn man sich in den Garten wagt, der allein der Hausherrin vorbehalten ist." "Du wolltest Kirschen klauen, gib's zu, Papa." "Bei euch wachsen schon Kirschen?" "Mama bewahrt das Eingemachte im Schuppen auf. Erzähl' ruhig weiter, Papa", und zu Ulrike gewandt sagt er "er war gerade bei der Einweihung des neuen Krematoriums auf dem Friedhof. Damit ist unsere Stadt um eine Sehenswürdigkeit reicher."

"Es ist kein neues Krematorium, sondern lediglich ein neuer Verbrennungsofen, und von Einweihung kann man auch nicht sprechen, man hat uns die Technik erklärt." "Auch vorgeführt? Hat sich ein Freiwilliger gefunden?", fragt Eckart wieder mit einem Seitenblick auf Ulrike. "Unsinn." "Wie funktioniert das?", fragt Ulrike, die sich über so etwas bisher keine Gedanken gemacht hatte. "Das ist durchaus beeindruckend", sinniert Doktor Weber, "bislang wurde mit einem stinknormalen ... also mit einem einfachen Heizölofen eingeäschert, jetzt wird das mit Gas gemacht." Während er redet, dreht er sich auch öfter zu Ulrike um. "Wissen Sie, dieser Ofen hat den Vorzug, daß nach einer einmaligen Hochheizung mittels Gas die Einäscherung der Leiche bloß durch die hocherhitzte Luft erfolgt." "Sie wird also eigentlich belüftet", meint Eckart. "Es ist keine zusätzliche Brennstoffzufuhr nötig." "Aber die Luft selber wird doch aufgebraucht", fragt Eckart etwas ernsthafter. "Es wird immer neue Luft mit einem Druckluftgebläse eingeblasen. Die Leichenasche fällt dann auf den Rost. Der ist mit einer Drehplatte versehen, die umgedreht wird, und dadurch fällt die Asche auf einen darunterliegenden Rost und wird nochmals nachverbrannt." "Doppelt hält besser."

Ulrike tippt Eckart an die Schulter. "Sei nicht so pietätlos." "Na, habe ich den Ofen gebaut?" Doktor Weber nimmt das als echte Frage auf und antwortet "Den Ofen hat eine Erfurter Firma gebaut, die versprechen sich natürlich damit ein gutes Geschäft." "Wieso das? Es sterben dadurch doch nicht mehr." "Nein das nicht, aber die ganze Prozedur geht viel schneller und reibungsloser." Ulrike fragt "Stimmt es eigentlich, was man erzählt, daß die Leiche sich beim Verbrennen noch mal aufbäumt?" "Wie denn aufbäumen?" "Na, ich kann das hier schlecht demonstrieren, eben so den Oberkörper aufrichtet, mit Schwung." "Warum sollte sie das tun?", fragt Eckart. "Keine Ahnung, aber weißt du genau, was in einem Toten vorgeht?" "Gehört habe ich das auch schon", meint Doktor Weber. "Du hast gehört, wie sie sich aufbäumt?" "Was man darüber erzählt, Junge. Es kann durchaus mit der Spannung in den Muskeln zusammenhängen, die durch die Hitze erzeugt wird."

"Es muss ganz schön gruselig aussehen." Eckart fragt den Vater "Hätte sie denn in dem neuen Ofen überhaupt so viel Platz, um sich aufzurichten?" "Darauf habe ich nicht geachtet." "Hättest du mal fragen sollen." "Da haben schon die andern dauernd was gefragt. Da war ein Sturmbannführer aus Weimar, der wollte alles ganz genau wissen." "Ein SS Mann?" "Es waren sogar drei. Wie lange eine Verbrennung dauert, wie lange man warten muss, bis die nächste Verbrennung erfolgen kann, wie lange der Ofen maximal in Dauerbetrieb sein kann, lauter so was, man hätte denken können, die reden vom Brotbacken. Nur gut, daß wir uns noch den Luftschutzkeller ansehen wollten, sonst hätte die Fachsimpelei kein Ende genommen." "Einen Luftschutzkeller gibt es da auch?" "Direkt unter dem Krematorium." "Ach, Papa, das ist die Grabkammer für die Gothardauer Ehrenbürger." "Unsinn. Riesig groß ist der Raum, man kann auch Särge drin abstellen." "Wieso hat man dich eigentlich dazu eingeladen?" "Weil ich zur Zeit die Vertretung für den Doktor Haugk mache. Die aus Weimar wussten das übrigens nicht, und zum Schluss haben sie dumm geguckt." "Weshalb?" "Na, wegen ihrer ganzen Fragerei. Die taten so, als ginge es um irgendwas Geheimes." Eckart schüttelt den Kopf. "Dabei blieb das größte Geheimnis ungeklärt." "Welches?" "Ob sich die Leiche nun aufbäumt oder nicht."

Anna ist nicht da. Eckart sagt "Sie muss gleich zurück sein, warte ruhig die paar Minuten, ich leiste dir solange Gesellschaft." Sie gehen in die Gartenlaube. Eckart schaut nach, ob die Mutter im Garten ist, aber es ist niemand zu sehen. "Was willst du von Anna?" Ulrike berichtet ihm von Karlchens Wunsch, endlich in die HJ aufgenommen zu werden. "Alle seine Klassenkameraden sind schon drin." "Schafft er die Pimpfenprobe?", fragt Eckart. "Mit dem Rennen und Weitsprung und das? Er ist ziemlich sportlich." Aber wie Eckart jetzt so gefragt hat, ist sich Ulrike ein bisschen unsicher und beschließt, Hans wegen der Anforderungen zu konsultieren.

"Ich hatte auch ganz schön zu kämpfen." "Du? Wo du so athletisch gebaut bist, ich meine ..." "Danke für das Kompliment." Ulrike merkt, wie attraktiv Eckart wieder auf sie wirkt, oder immer noch. Es ist wahr: vor zwei Jahren wären sie beinahe fest miteinander gegangen, aber Eckart hatte dann plötzlich nichts mehr von ihr wissen wollen, er hatte sich genau genommen sogar richtig schäbig verhalten und so getan, als würde er Ulrike nicht oder jedenfalls nicht so gut kennen, wie es tatsächlich der Fall gewesen war. Es schien, als wollte er ihr die Schuld dafür geben, daß es nicht geklappt hatte, und dabei hatte er nicht einmal selbst eine triftige Erklärung gehabt.

Er sagt "Wirklich, ich war ein dickes kleines Kind, so ein Pummelchen." Er bläht die Backen auf und hält die Handflächen seitlich im Abstand von den Hüften. Ulrike lacht. "Das muss aber schon lange her sein." "Bevor wir uns kennengelernt haben." Es ist ihm also auch noch in Erinnerung, denkt Ulrike. "Und was hat die wunderbare Veränderung bewirkt?" "Als ich in die Pubertät kam, wurde alles anders. Alles wird immer durch die Pubertät anders." Er blickt vor sich hin. "Ich glaube, man überbewertet das", wirft Ulrike ein, "nicht alles wird zwangsläufig anders, das klingt, als würde man ein völlig anderer Mensch werden." "In entscheidenden Punkten schon." "Ja, aber wo soll das denn plötzlich herkommen? Es muss schon irgendwie im verborgenen in einem drin gelegen haben. Es ist dann eben der rechte Zeitpunkt, daß es zur Entfaltung kommt."

Eckart schweigt , als würde ihm das was Ulrike gesagt hat, zu denken geben. Deshalb fragt sie "Was willst du machen, wenn du mit dem Arbeitsdienst fertig bist." "Weiß ich nicht genau." "Wohl was Technisches." "Meinst du, das liegt mir?" "Dachte ich. Jungs spielen doch immer gern mit Maschinen oder Autos." "Die meisten." "Du nicht?" "Warum willst du das eigentlich wissen?" "Wenn du in Gothardau arbeitest, sehen wir uns vielleicht wieder öfter." Sie schauen sich an. "Wäre ganz schön", meint er. "Hm." Nach einer Pause sagt er "Am liebsten würde ich weggehen." "Warum? Gefällt es dir hier nicht?" "Um was neues, was ganz anderes zu erleben. Nach Berlin zum Beispiel." "So wie Anna." "Ach, Anna, die kommt auch bald wieder zurück."

"Was willst du in Berlin finden, das dir hier fehlt? Du kennst dort niemand." "Da lernt man schnell welche kennen. Und außerdem kann es spannend sein, ganz anonym in einer Metropole zu leben. Du kannst tun und lassen was du willst, es geht niemanden was an, keiner weiß, wo du dich aufhälst." "Das ist aber nicht gerade das, was man jetzt vom Leben in der Volksgemeinschaft predigt." "Scheiß' auf die Volksgemeinschaft. Ich lebe mein eigenes Leben." "Und als was willst du da arbeiten?" "Man muss nicht unbedingt arbeiten, der Mensch ist ein Kulturwesen, der auch ohne Arbeit auskommt." "Ja, aber ohne Arbeit hat man kein Einkommen, du musst schließlich von irgendwas leben."

"Gelegenheitsarbeiten. In so einer Stadt kann man sich damit über Wasser halten." Er streckt sich, als wäre er gerade aus einem erquickenden Schlummer erwacht. "Ich würde zum Beispiel Modell stehen, stundenweise." "Was?" "In den Kunstschulen, als männliches Aktmodell, so was wird immer gesucht. Wieso lachst du da? Glaubst du, ich wäre dafür nicht geeignet?" Sie spürt, daß in seiner Frage ein kleiner Zweifel mitschwingt, den er offenbar für sich selber nicht ganz ausräumen konnte. Sie findet ihn niedlich. "Ach doch, ich glaube, die Statur hast du." "Es kommt auch auf die Muskeln an, das ist fast wie Anatomieunterricht, die müssen alles genau kennen und benennen können."

Er berührt ihren Hals. "Dreh mal den Kopf zur Seite. Dieser Muskel da, der so vorsteht, das ist der große Halswender, man kann ihn bei Michelangelos 'David' sehen." "Du weißt ja genau Bescheid, bist ein Künstler, wie's scheint. Das liegt bei euch in der Familie." "Nein, ich habe mich bloß ein bisschen damit beschäftigt, eigentlich mehr mit mir selbst." "Das ist sicher eine Voraussetzung dafür." "Wofür?" Sie zuckt mit den Achseln. "Für das, was du machen willst. Und du würdest dich da einfach so hinstellen? Wäre dir das nicht peinlich?" "Es klingt vielleicht komisch, aber ich hätte ein richtig gutes Gefühl dabei, fast so etwas wie Lust." "Wie wunderbar, wenn man auf so einfache und natürliche Weise sein Leben genießen könnte und trotzdem etwas Nützliches dabei leistet." "Das hast du schön formuliert", sagt er und sieht sie an.

Ohne es zu wollen, wird Ulrike rot im Gesicht. Sie macht sogar für einen Moment die Augen zu, weil sie glaubt, Eckart würde ihr näher kommen. "Störe ich?", fragt Anna, die an der Laube steht. Ulrike zuckt zusammen. Sie schaut auf Eckart und wünscht sich, er würde eine ganz gemeine Bemerkung zu Anna machen, einen von seinen sarkastischen Pfeilen abschießen. Aber er tut nichts dergleichen, und Ulrike denkt, sie hatte sich diesen Funken, der zwischen ihr und ihm geknistert hatte, nur eingebildet.

* * * * *

Anna sagt, sie werde mit Wolf reden wegen Karlchens Aufnahme in die Hitlerjugend. Ulrike berichtet Karl davon, und der freut sich, sagt dann aber, er wolle keine Vorzugsbehandlung, er werde die Pimpfenprobe auf alle Fälle aus eigener Kraft schaffen. Erich findet es außerordentlich freundlich, was Anna tut, und Ulrike denkt, daß eigentlich sie es war, die die Sache angeschoben hat, aber sie merkt auch den Unterschied, wenn Erich von der Anna Weber redet wie von einem Fräulein auf irgendeinem Amt im Vergleich zu dem beinahe familiären Ton, mit dem er zu Ulrike spricht; und damit ist sie zufrieden. Anna wird zu seiner Geburtstagsfeier eingeladen, die, weil Ulrike und Hans arbeiten müssen, in einer (etwas längeren) Mittagspause stattfindet. Ulrike hat einen Kuchen für ihn gebacken.

"Rhabarberkuchen", sagt Erich, "Ulrike, du bist ein richtiger Schatz. Woher weißt du, daß ich den so gern mag." Sie behält den Kuchenlöffel im Mund und überlegt, dann sagt sie und bewegt dabei den Löffel in der Luft, als klopfe sie damit an eine unsichtbare Scheibe "Du hast mal erzählt, wie du dir welchen gewünscht hast." "Er hat es erzählt?", fragt Anna und wundert sich, "Man erzählt von etwas, das man sich gewünscht hat, aber man wünscht es sich nicht? Wie ist das zu verstehen?" Erich schaut sie an, und Ulrike antwortet für ihn. "Nun, das ist so, liebe Anna: Wie kann man von einem Wunsch, der zurückliegt, anders sprechen, als daß man ihn einmal gehabt hat? So wie man mal Glück hatte. Zumal wenn es ein Wunsch war, der nicht in Erfüllung gegangen ist. Es ist ein großer Unterschied, ob man sagt: Ich wünsche mir das, oder: ich hatte einmal diesen Wunsch. Bei dem ersten hat man Hoffnung, daß der Wunsch auch erfüllt wird, also zum Beispiel wie sich ein Kind etwas vom Weihnachtsmann wünscht. Und bei dem zweiten hat man die Enttäuschung erlebt, weil nichts daraus geworden ist."

Anna versucht, die etwas verworrene Erklärung nachzuvollziehen. "Das eine gehört sozusagen zu der Gruppe der Weihnachtsmannwünsche, und das andere sind die, ja wie nennt man die am besten?" Den anderen fällt nichts ein, dann sagt Hans "Das sind auch Weihnachtsmannwünsche, aber die vom letzten Jahr." "Stimmt", meint Anna, "das sind die, die dem Weihnachtsmann so viel Kopfzerbrechen machen. Denn normalerweise sagt jedes Kind 'Lieber, guter Weihnachtsmann, ich wünsche mir zu Weihnachten ein Puppenhaus oder ich wünsche mir einen Flitzebogen.' Mit solchen Kindern hat der Weihnachtsmann wenig Mühe, weil er ihnen einfach ihre Wünsche zu erfüllen braucht. Doch da gibt es manchmal ein Kind, wenn er das fragt 'Und was wünscht du dir?', dann antwortet es 'Genau dasselbe, was ich mir schon letztes Jahr gewünscht und nicht bekommen habe.' Und dann kommt der Weihnachtsmann ins Schwitzen, weil er natürlich nicht mehr weiß, was sich dieses Kind gewünscht hatte, und weil er auch ungern seine Weihnachtsmann Allwissenheit angekratzt sehen möchte. Es bleibt ihm nichts weiter übrig, als zu sagen 'Na, dann erzähle mal, was du dir letztes Jahr gewünscht hattest, nur damit ich ganz sicher bin, daß ich es mir richtig gemerkt habe'."

"Aber ich habe mir den Rhabarberkuchen doch nicht vom Weihnachtsmann gewünscht", sagt Erich. "Das war vielleicht dein Fehler, und so hast du ihn nicht bekommen." "Und von wem haben Sie sich ihn gewünscht?" "Das war eben das Problem, es war keiner da." "Dann war es sogar ein unausgesprochener, unerfüllter Wunsch." "Ein ausgesprochen unerfüllbarer Wunsch, und das nennt man auch eine Sehnsucht." "Wie die Elisabeth noch da war, meine Frau und Karlchens treusorgende Mutter, da hat sie jedes Jahr Rhabarberkuchen gebacken, ein Kuchen, sage ich euch. Hefeteig mit einer Schicht Vanillepudding, nicht zu dünn und nicht zu dick, denn das darf auch nicht sein, der Vanillepudding hat sich dem Rhabarber unterzuordnen, ihm als Beigeschmack zu dienen." "Der Pudding wird darübergegossen und nicht untergeschichtet." "So? Kann auch sein. Und darauf zuckersüßer Rhabarber, ein ganzes Blech voll, eine Hälfte für den Jungen, eine für mich." "Und die treusorgende Mutter?" "Hat alles uns überlassen, angeblich hat sie Rhabarber nicht vertragen.

Aber sie hatte ihren Spaß daran, uns zuzusehen. Jede Woche ein Blech voll. Ich dachte manchmal, der liebe Gott hat vorgesorgt und es so eingerichtet, daß der Rhabarber nur eine Zeit lang genießbar ist, denn sonst würde sich bestimmt eine Menge Leute ohne weiteres daran überfressen. Warum er unsere Elisabeth hat weggehen lassen, der liebe Gott, meine ich, das habe ich mir nicht erklären können, aber seitdem gibt es keinen Rhabarberkuchen mehr bei uns. Freilich habe ich es selbst versucht, schon allein, um dem Jungen darüber hinwegzuhelfen, daß die Frau in der Familie fehlt. Leider habe ich zum Backen und Kochen zwei linke Pfoten, und so ist es nur noch mehr aufgefallen, daß sie weg war." "Darf ich mal fragen", sagt Anna, "was mit Ihrer Frau geschehen ist? Ist sie gestorben?" "Nee, damals nicht und soviel ich weiß, lebt sie heute noch. Sie ist durchgebrannt mit einem anderen Mann."

"Und Karl hat sie einfach zurückgelassen?" "Was soll das heißen, einfach zurückgelassen", entgegnet Erich etwas aufbrausend, aber nicht böse, "das klingt ja, als wäre er bei mir in schlechten Händen." "So war es nicht gemeint, entschuldigen Sie." "Sie brauchen sich bei mir nicht zu entschuldigen, Fräulein Anna. Sie hätte Karl mitgenommen, aber Ehebruch ist ein Vergehen, um nicht zu sagen, ein Verbrechen, und wer sich seiner schuldig macht, der kann ja wohl nicht Anspruch auf das Kind erheben. Kurz und gut, ich habe dafür gesorgt, daß ich ihn behalte." "Ich wünschte, wenn ich verheiratet bin, müsste ich mich niemals scheiden lassen", sagt Anna nachdenklich. "Die einzige Garantie, daß sich dieser Wunsch erfüllt, ist, daß Sie niemals heiraten", erwidert Erich und setzt fort "so kommt es, daß ich manchmal, und zwar genau zur Rhabarbersaison den Wunsch nach einem solchen frisch gebackenen Kuchen habe. Wenn ich eurer Philosophie vorhin auch nicht ganz folgen konnte, so gebe ich doch zu, daß es meistens nicht nur der bloße Wunsch nach Rhabarberkuchen ist, der mich heimsucht und quält, sondern in Wahrheit die Traurigkeit darüber, daß mir der liebe Mensch fehlt, der ihn zu meiner und zu Karlchens Freude backen würde." Erich räuspert sich, und man merkt, wie ihm ein Gefühl im Hals festsitzt.

Anna schaut ihn mitleidig an, dann fragt sie Ulrike "Das hast du alles gewusst?" Ulrike isst das letzte Stück Kuchen von ihrem Teller und sagt "Der Rhabarber in Erichs Garten hat es mir zugeflüstert." "Du beherrscht die Rhabarbersprache?" "Mit dem Sprechen hapert es." "Wo haben Sie Ihren Garten?" "Ulrike übertreibt, es ist lediglich ein schmaler Streifen hinterm Haus." "Schmal aber lang, Erichs Gemüsebeet geht bis zu Möllers Schuhmacherei." "Dahinten ist es aber sehr schattig, um nicht zu sagen dunkel. Außerdem liegt da in der Ecke der Hund begraben." "Ich denke, der liegt in Winterstein begraben." "Es gab zwei Hunde. Der hier ist nicht so berühmt geworden und wurde von einem Lastwagen überfahren." "Steht da auch ein Grabstein?" "Nein, es ist ein anonymes Grab." "So hat er es wohl gewollt?" "Man kann dort aus dem Fenster in den Garten gucken."

Anna, die auf der Sessellehne bei Ulrike gesessen hat, steht auf, stellt ihr Tellerchen auf den Tisch und geht zum Fenster. "Oh ja, ich sehe das Hundegrab. Wie hieß er denn? Oder war es eine sie?" "Puck, ein Rüde." Anna macht das Fenster auf. "Darf ich?" "Natürlich." Sie schaut von oben in alle Winkel des kleinen Gartens. "Ist da noch mehr vergraben? Dort ist so ein merkwürdiger Hügel." "Ein Hügel?", fragt Erich scheinbar überrascht. "Ach so, ja, da liegt die Lisbeth", sagt er und lacht. Anna fährt herum und sagt entrüstet "Herr Oschatz, das finden Sie lustig? Eben haben Sie ganz anders von ihr gesprochen." Er entschuldigt sich, schmunzelt aber dabei. "Das war nicht so gemeint." "Das was sie zuerst gesagt haben oder das jetzt?"

"Wahrscheinlich beides. Anna, Sie sind ein sentimentaler Mensch." "Ich und sentimental?" Ulrike belehrt ihn. "Erich, du meinst bestimmt sensibel." "Verflixt, das verwechsel ich immer, wann ist man denn nun was?" Anna hat die Arme aufs Fensterbrett gestützt und wiegt sich leicht vor und zurück, ihre Waden unter den Strümpfen spannen sich dabei an und man kann ihren runden Po bewundern. Sie horcht auf Ulrikes Erklärungen. "Sentimental ist jemand, wenn er den Kopf zur Seite neigt und sich an die Brust fasst und seufzt 'Ach mein armes Herz, welch' schlimme Welt hast du zu ertragen'." "Nee, so kann ich mir die Anna nicht vorstellen." Anna nickt zustimmend zum Fenster hinaus. "Sensibel hingegen bedeutet, einen feinen Sinn zu haben für die Seele und die Kunst und alles solche Sachen, die den groben Empfindungen entgehen."

"Herrje, Schwesterchen, du übertriffst dich mal wieder selbst." "Das tut sie oft", sagt Anna ohne sich umzudrehen, "sie macht bloß nicht das Richtige draus." Ulrike wirft ihr einen scharfen Blick zu, aber da Anna es nicht wahrnimmt, sagt sie weiter nichts dazu. Anna fragt "Und wann ist man romantisch? Kannst du das auch erklären?" "Romantisch? Gott, das ist ja nun wieder ganz was anderes." Anna meint "Wenn man in einer warmen Sommernacht den Mond anschaut und sich dabei der eigenen Winzigkeit bewusst wird." "So klein sind Sie gar nicht", sagt Erich. "Was?" "Sie, Fräulein Anna." "Das war auch als Metapher gesagt, bezogen auf die allgemeine menschliche Winzigkeit."

"Vielleicht sollte man es eher 'Vergänglichkeit' nennen." "So sind sie, die Frauen", sagt Hans, "sie glotzen in den Vollmond und denken dabei ..." "... ans Sterben?" "... wie romantisch das ist." "Und was macht ihr Männer?", sagt Anna. "Ihr glotzt mit dem Fernrohr darauf, wie dieser Garibaldi, und dann malt ihr es aufs Papier, zunehmend, voll, abnehmend, unsichtbar, zunehmend ... wie langweilig." "So ist nun mal der Lauf. Im übrigen hieß der Mann Galilei, und er ist dafür als Ketzer verdammt worden." "Das hatte er davon. Warum musste er den romantischen Zauber zunichte machen mit nackten und trostlosen Tatsachen. Was für ein gefühlloser Charakter muss das gewesen sein. Den Menschen die märchenhaften Vorstellungen wegzunehmen und sie durch fade Selbstverständlichkeiten zu ersetzen, die sich wissenschaftlich nennen."

"Er hat den Menschen auch Erkenntnisse über die Welt vermittelt." "So? Was denn? Daß der Mond verschiedene Phasen hat? Das sieht man mit bloßem Auge." "Und daß dies auch auf die Venus zutrifft. Er sagte: die Venus imitiert die Phasen des Mondes." "Na ja, zugegeben, das klingt recht hübsch. Aber es ist typisch Mann. Die Venus macht angeblich dem Mond alles nach. Und dabei ist es bewiesen, daß der Tannhäuser ohne die Frau Venus nur ein mickriger Pimpf gewesen wäre, das weiß ich nämlich zufällig genau durch meine Musik." "Es lag noch was anderes im Garten vergraben", sagt Erich, dem die Debatte damit beendet scheint. "Aber bitte keine Verwandten", meint Anna.

"Nein, es war meine alte Luger P null acht." "Ist das eine Lederhose oder so etwas?" Nur Hans weiß gleich, was damit gemeint ist. "Eine Parabellum?" Erich nickt. "Neun Millimeter, stammte aus der Gewehrfabrik in Erfurt." "Eine Flinte", sagt Anna in fachmännischem Ton. "Eine Pistole", verbessert Hans. "Ich hab' sie sogar noch." "Wieder ausgegraben?" "Das war nur sicherheitshalber in der Zeit nach der Revolte. Damals konnte es einem nachträglich den Kopf kosten, wenn man so'n Ding im Küchenschrank hatte." "Zeigen!", rufen die beiden Mädchen. Erich murmelt "Wo ist sie bloß? Ah, ich glaube im Schlafzimmer." "Auweia, unterm Kopfkissen, geladen", flüstert Anna.

Erich geht nach nebenan und kommt mit einem in ein Baumwolltuch gewickelten Gegenstand zurück. Er legt ihn auf den Tisch und schlägt das Tuch auf, die anderen stehen drumherum. "Ui, sieht die toll aus", sagt Anna, "kann ich sie mal nehmen?" "Bitte sehr, ist aber ein bisschen ölverschmiert." Er wischt sie mit dem Tuch ab und gibt sie Anna. "Mann, ist die schwer." Sie dreht sich zum Fenster und hebt die Pistole mit ausgestrecktem Arm, kann sie jedoch vor Anstrengung nicht ruhig halten. "Damit soll man schießen können?" "Ist schon öfters vorgekommen." "Wo drückt man ab, hier?" "Vorsicht!", ruft Erich. Anna erschrickt. "Was denn?" Erich lacht. "So was gehört nicht in zarte Frauenhände." "Willst du auch mal, Ulrike?", fragt Anna. "Nee, lass mal, ich will ja nicht in der Buffalo Bill Show auftreten." Anna streift sie mit einem Blick. "Denkst du ich? Ich habe nicht mal echt geschossen." Sie hält sie mit beiden Händen geradeaus, wackelt aber dabei.

"Ich glaube, die wird jetzt gar nicht mehr hergestellt", sagt Erich zu Hans, "eine Zeitlang kamen sie aus dem Simsonwerk in Suhl, das waren ja die einzigen, die nach dem Krieg Waffen bauen durften. Die Simsons sind nun enteignet." Hans sagt "Das macht jetzt der Krieghoff. Ich habe mit einem gesprochen, der hat erzählt, daß sie die Dinger sogar in den Iran verkaufen." "Du musst fester drücken", sagt Erich zu Anna und vergisst, daß er sie eigentlich siezt. Anna zieht mit beiden Zeigefingern den Abzug nach hinten. "Noch mehr." "Ich schaff' das nicht. Mit mir hätten sie den Krieg ..." Plötzlich gibt es einen Knall, daß das Kaffeegeschirr auf dem Tisch klappert. Auf der Möller'schen Schumacherei zerspringt ein Dachziegel in hundert Stücke, und die Tauben, die dort saßen, stieben auseinander. Anna schreit auf und lässt die Waffe fallen, sie schlägt wie ein schwerer Stein auf den Holzfußboden auf. "Das war wohl die letzte Kugel", sagt Hans trocken, und Erich fügt hinzu "Ja, die hatte ich eigentlich für mich selber aufgehoben." Anna taumelt, Ulrike sagt "Ist dir nicht gut? Du wirst ganz blass." "Kann ich mich irgendwo hinlegen?" "Drüben, bei Karl auf's Bett." "Ich bringe dich hin", sagt Ulrike.

Die Männer bleiben ziemlich ungerührt von Annas Schwächeanfall. Hans hebt die Pistole auf und betrachtet sie eingehend. "Ein schönes Stück." "Sie ist mir auch richtig ans Herz gewachsen", erwidert Erich, "obwohl manche sagen, sie hätte erhebliche Mängel, schon allein die vielen Einzelteile. Aber ich nehme sie nicht auseinander." "Bei Walther in Zella Mehlis testen sie gerade eine neue Pistole, Kaliber siebenfünfundsechzig, es heißt, wenn die sich bewährt, soll sie die Parabellum ablösen." "Ich brauche keine neue mehr." "Weißt du das so genau." Ulrike kommt zurück. "Erholt sich das Fräulein vom Schreck?", fragt Erich. "Ja ja, sie ist ja nicht getroffen worden." Erich schaut hinüber auf Möllers Dach, die Tauben haben sich schon wieder niedergelassen. "Wenn es bei ihm reinregnet, werde ich den Ziegel ersetzen müssen." "Ich denke, Doktor Weber wird für den Schaden aufkommen." "Wenn sie es zugibt." "Freilich, Anna ist ehrlich." "Nur kein besonders guter Schütze. Wenn sie wenigstens eine von den Tauben erwischt hätte, gäbe es heute ein leckeres Abendmahl." "Von der wäre wohl kaum was zum Essen übriggeblieben."

"Wofür besitzt du überhaupt die Waffe?", fragt Ulrike. "Habe ich doch gesagt, von der Revolte nach dem Krieg." "Hast du da mitgemacht?" "Das kann ich wohl behaupten. Um ein Haar wäre ich vors Standgericht gekommen." "Die haben sich damals in der Stadt ganz schön gerauft? Ich war gerade mal fünf, aber ich kann mich erinnern, daß unser Vater davon erzählte", sagt Hans. "Das ging los mit dem Generalstreik in der Waggonfabrik. Und im Fliegerkorps haben sie einen Soldatenrat gebildet, alles nach Berliner Vorbild. Und die Nationalen haben mit Gegenstreik reagiert. 'Wirtschaftliche Arbeitsgemeinschaft' nannten die sich, das waren hauptsächlich die von der Deutschen Volkspartei. Und dann haben der Liebetrau und seine Leute die absolute Mehrheit bei den Wahlen gekriegt, und die Arbeiterkomitees haben Hungerdemonstrationen gemacht und solche Aktionen.

Dagegen wurde eine Einwohnerwehr aufgestellt, aus ehemaligen Soldaten." "Du warst auch einer." "Ich bin gleich im ersten Jahr verwundet worden, und dann war ich kriegsuntauglich. Bei dem Freiwilligenkorps haben sie mich wohl vergessen zu fragen, nee, da hätte ich auch nicht mitgemacht, ich war ja damals schon bei den Kommunisten. Und dann kam der Maercker mit seiner Truppe in die Stadt einmarschiert, und da wurde es richtig ernst. Straßenkämpfe wie bei der Pariser Kommune. Wir hatten eine Barrikade in der Schwabhäuser Straße, da hat es Tag und Nacht geknallt."

Anna erscheint in der Tür. "Na, Fräulein, geht's wieder?" "Tut mir leid wegen der Pistole." "Wir haben gerade nachgeladen, wollen Sie noch mal?" Anna hebt abwehrend die Hände. "Um Himmels Willen, nie wieder fass' ich so'n Ding an. Aber ich wollte Sie nicht unterbrechen." "Und du hast die Barrikade mit der Parabellum verteidigt?", fragt Hans. "Wir hatten Karabiner, die Mauser achtundneunzig, die hatte praktisch jeder damals. Und dann hatten wir ein schweres MG, Modell null acht, kennst du das?" "Was aussieht wie das Knochengerüst von einem Riesenmops?" "Auf dem Vierbeingestell, genau." Erich lacht. Das war ein Apparat, mindestens dreißig Kilo schwer, und dann das Kühlwasser dazu. Mit rechts musste man am Höhenrad kurbeln und mit links entsichern und abdrücken. Der einzige Vorteil war, daß man die Mauserpatronen verwenden konnte. Zweihundertfünfzig Schuss, in einem Stoffgurt.

Wir haben der Reichswehr ganz schön eins auf den Ranzen gebrannt. Aber eines Nachts haben die anderen das Feuer eingestellt und sich zum Schein zurückgezogen, und für zwei Stunden war Ruhe. Aber es war Winter, bitterkalt, und das hat gereicht, damit das verfluchte Kühlwasser von dem MG gefroren ist. Darauf haben die natürlich spekuliert, und dann haben sie uns angegriffen." "Und was ist passiert?", will Anna wissen. "Von den vordersten konnten wir ein paar abknallen, aber ohne schwere Waffe hatten wir keine Chancen, also sind wir geflohen. Fünf oder sechs von uns haben sie erwischt, die Barrikade haben sie in die Luft gejagt, und später haben sie zwei gegriffen, den Fritz Bender und den kleinen Stelling, und die haben sie gleich an die Hauswand gestellt und erschossen." "Großer Gott, das waren doch auch Einwohner aus der Stadt, oder?" "Na klar, da haben viele gegeneinander gekämpft, die Nachbarn waren."

"Soviel ich weiß, ist die Reichswehr mehrmals in die Stadt einmarschiert." "Ja, ich glaube insgesamt dreimal, 'Reichsexekution' nannte sich das, da waren auch Freikorps dabei." "Sie konnten sich in Sicherheit bringen?" "Wir? Wir sind nach Taubenroda gegangen und haben uns im Wald versteckt." "Da haben Sie bei Schnee und Kälte im Wald gehaust?" "Wie die Wilderer. Nachher hatte sich die Lage beruhigt, jedenfalls ist nicht mehr soviel geschossen worden. Und dann haben der Zangenmeister und der Hennicke und einige andere die NSDAP gegründet. Die kamen aus dem Jungdo." "Woher?" "Aus dem Jungdeutschen Orden, da waren viele angesehene Bürger drin. Und nach und nach haben sie sich in Faschisten verwandelt. Da haben wir einen Antifaschistentag organisiert, das weiß ich noch wie heute. Wir sind richtig militärisch aufgetreten, in Formation und sogar bewaffnet, keiner hat sich an uns herangewagt. Und dann kam die KPD an die Regierung und daraufhin marschierte wieder die Reichswehr ein.

Und Fünfundzwanzig, bei der Kommunalwahl hatten die Völkischen ziemlichen Erfolg, die hatten einfach den längeren Atem, da hat sich der ganze Mittelstand gesammelt, die Gewerbetreibenden und Handwerker, das war ja im Grunde auch eine Opposition gegen die Regierung. Und fünf Jahre später war die NSDAP obenauf und Fritze Schmidt ist schnell eingetreten und zum Oberbürgermeister aufgestiegen. Er hat gleich ein Pamphlet verfasst: 'Mein Weg zur NSDAP'" "Und was war mit dem Kommunisten?", fragt Ulrike. Erich kratzt sich am Hinterkopf. "Die haben sich nicht kleinkriegen lassen. Aber es hat schlicht und einfach das Geld gefehlt. Eine Partei braucht Geld wie die Kuh das Gras. Womit sollten denn die ganzen Aktionen, der Wahlkampf, die Funktionäre bezahlt werden? Im Kommunistischen Manifest steht, die Proletarier haben nichts zu verlieren außer ihre Ketten. Das stimmt nicht ganz, sie können ihre Arbeit verlieren, und dann ist es Essig mit Partei und Klassenkampf, wenn man nicht mal mehr die hungrigen Mäuler in der Familie sattkriegen kann."

Damit hat den guten Erich die Gegenwart wieder eingeholt, und man zerbricht sich den Kopf darüber, wo man eine gutbezahlte Beschäftigung für ihn finden könnte. "Gutbezahlt? Mir würde es reichen, wenn ich überhaupt einen Lohn bekäme." "Aber Herr Oschatz", meint Anna, "Sie haben genauso ein Recht auf eine einträgliche Arbeit wie jeder andere. Sie sind doch kein Krüppel oder so etwas." Er schaut sie fast ein bisschen dankbar an. Hans sagt "In der Zeitung stand, daß die Stadt beschlossen hat, am Myconiusplatz eine weitere Bedürfnisanstalt zu bauen, vielleicht brauchen sie da Leute. Ich kenne jemand vom Bauamt, den könnte ich mal fragen." "Das wäre nicht schlecht. Gemauert habe ich früher schon, mit Zement kann ich umgehen, und mit Schaufel und Schubkarre sowieso." "Und was ist mit der Autobahnbaustelle?", fragt ihn Ulrike. "Da geh' ich jede Woche hin und frage nach. Sie sagen immer, im Moment haben sie genug, aber ich soll wiederkommen." "Siehst du, das klappt bestimmt demnächst." "Wollen wir's hoffen."

Am Abend schaut Ulrike noch mal bei Oschatzens vorbei, Karl hat sich über den Rhabarberkuchen hergemacht, der übriggeblieben ist. Wo Erich sei, fragt sie, und Karl murmelt "In der Küche", und er macht eine Geste, die bedeutet, daß der Vater dem Schnaps wieder reichlich zugesprochen hat. "Ist ja heute sein Geburtstag", meint sie, und an Karls Gesichtsausdruck merkt sie, wie wenig ihn das überzeugt. "Wenn ich Geburtstag habe, besaufe ich mich doch auch nicht", sagt Karl. "Was soll's, lass' dir den Kuchen schmecken." "Mache ich." Dann fragt er sie in einem Ton, an dem Ulrike immer schon erkennt, daß er sie um etwas bitten will, "Du? Ulrike? Wir machen da jetzt in der Schule so ein Theaterstück." "Oh, toll", erwidert sie und sagt dann gleich halb erschrocken "Du hast nicht irgendwas Böses vor?" "Ich? Was denn? Nee." Er lacht listig. "Karl, du weißt, daß die Schule um so einen Titel kämpft, und wenn du noch einmal ..." "Wirklich nicht, im Gegenteil." "So?" "Ja. Ich soll da mitspielen."

Ulrike bezweifelt das, doch er erzählt alles sehr glaubhaft. Zur Einweihung des neuen Festsaals wird von den Schülern ein lustiges Spiel aufgeführt, genau gesagt sogar zwei. Das eine heißt "Beim Zahnarzt" und stellt in komischer Weise die Praktiken eines Kurpfuschers dar, der seine Patienten nach Strich und Faden behumpst. Das andere handelt "Vom klugen Bauern". Ulrike wundert sich, daß Karl nach seinen eigenen Worten nicht beim ersten, wie sie es erwartet hätte, sondern bei dem Bauernspiel mitmacht. "Das mit dem Zahnarzt stelle ich mir viel lustiger vor, da könntest du richtig aus dir rausgehen." "Na ja, schon möglich. Aber ich habe mich nun mal für das andere entschieden. Also ich spiele den Bauern, der Rolf spielt den Juden, wir haben ja eigentlich den Weisskopf in der Klasse, der den Juden spielen könnte, aber der ist jetzt dauernd krank, deshalb macht es der Rolf. Und die Monika ist meine Frau."

"Welche Monika?" "Welche Monika? Es gibt nur eine." "Ach, die spielt wohl beim Zahnarztspiel auch nicht mit." Er zieht die Augenbrauen hoch. "Natürlich nicht, wir können immer nur in einem Stück mitspielen, und so ist eben die Besetzung." "Die Besetzung, hui. Da habt ihr auch einen Regisseur?" "Wer ist'n das?" "Jemand, der sagt, wie alles ablaufen soll." "Der Herr Michel macht das und die Frau ..." "Moment mal, ihr habt doch gar keine Mädchen in der Klasse." "Deshalb macht auch die Frau Ortlieb vom Lüzejum mit." "Und von dort ist auch die Monika?" "Ja, warum?" "Frage nur so. Und wovon handelt das Stück?"

"Also da ist der Bauer, und der muss in die Stadt fahren, und da sagt er zu seiner Ollen, also zu seiner Frau, sie soll artig sein und keine Dummheiten anstellen. Und die zwei Kühe, die verkauft werden sollen, die soll sie nur für einhundert Taler verkaufen, wenn der Viehhändler kommt, und ja nicht für weniger, aber die Frau ist ein bisschen einfädelig ..." "Einfältig." "Meine ich doch, was bedeutet das überhaupt?" "Eben so trottelig." "Hm. Na ja. Sie verspricht dem Bauern jedenfalls, auf keinen Fall trottelig zu sein. Und dann kommt der Jude, und sie gibt ihm die eine Kuh ganz ohne Geld, weil er sagt, er würde ihr dafür die andere als Pfand dalassen. Und dann kommt der Bauer zurück und sieht, daß die Kuh weg ist und wird so sauer auf seine Olle, daß er fortgeht und sich eine andere sucht." "Hat der Bauer da viel zu spielen?" "Am Anfang und am Ende 'ne Menge, wie er mit seiner Ollen streitet." "Wer hat euch denn die Bezeichnung 'Olle' beigebracht?" "Der Michel; war das der ganze Rhabarberkuchen?" "Ja."

"Aber weißt du was?" "Nein." "Ich spiel' das bloß, daß ich mich mit der Monika streite und daß ich fort gehe und so, das ist nur im Theater. Die ist nämlich überhaupt nicht einfältig, und sie ist sogar auf'm Lüzejum, obwohl sie zu Hause kein reiches Elternhaus hat." "Wie alt ist die Monika?" "Wird fünfzehn. Hat mich schon eingeladen zum Geburtstag." Er springt vom Stuhl auf. "Na, genug jetzt von dem Theater, ich wollte dir bloß die Neuigkeit sagen." "Finde ich toll, daß du, daß ihr das macht. Und kann man sich's dann auch anschauen?" "Ich könnte dir eine Eintrittskarte besorgen." "Das ist mit Karten?" "Nee, nicht direkt, aber du musst wissen, wo du dich hinsetzen kannst." "Natürlich."

"Aber wir müssen vorher proben, und deswegen werde ich in den nächsten Tagen weniger Zeit haben und ..." "Und was?" "Wir werden wahrscheinlich auch zu Hause proben, mal bei ihr, mal hier bei mir, die Rollen durchsprechen und so." "Da kann ich euch nicht helfen." "Ach, nicht so schlimm. Es ist nur besser, wenn du uns dabei nicht belauscht oder so, denn es soll ja dann erst richtig aufgeführt werden." "Ich? Belauschen? Das habe ich nun weiß Gott nicht nötig." "So, jetzt muss ich meine Rolle lesen." "Das ist ja richtig was Ernsthaftes." "Macht aber auch Spaß, und ist jedenfalls besser als das beim Zahnarzt. Stell dir vor, da spielt die Nollhauer mit, die sieht zwar auch ganz gut aus, aber die stinkt so aus'm Mund."

* * * * *

Eine Woche nach Erichs Geburtstag, als Ulrike nach Hause kommt, findet sie einen Zettel, auf den Hans geschrieben hat "Komm' bitte in den Parkpavillon". Es ist sonst nicht seine Art, Nachrichten für sie zu hinterlassen. Und was soll im Parkpavillon sein? Das ist die Gaststätte am Rand des Schlossparks, ein nettes und in der warmen Jahreszeit gut besuchtes Lokal. Ulrike hatte einmal einen Freund gehabt, mit dem sie an einem furchtbar heißen Sommersonntag dort eingekehrt war, nachdem sie im Park spazierengegangen waren. Wie sie unter den Kastanien gesessen, geredet und gescherzt hatten, war die Zeit vergangen, und dann waren sie fast die letzten Gäste gewesen, die gingen. Aber sie war selten dort, und den Namen des Freundes weiß sie auch nicht mehr genau. Zum Feiern gibt es keinen Anlass. Manchmal sind Veranstaltungen im Pavillon, Vorträge und so etwas, gut möglich, daß Hans sie dazu bewegen will hinzukommen.

Weil sie nichts Besseres vor und ein unbestimmtes Gefühl hat, sie würde noch heute eine aufregende Bekanntschaft machen (warum nicht im Parkpavillon?), beschließt sie, Hans' Aufforderung zu folgen. Sie macht sich ein wenig frisch, zieht sich um und geht die Hohenlohestraße hinab und am Rathaus vorbei den Schlossberg hinauf und dann die ganze Lindenauallee entlang, an deren Ende und auf der gegenüberliegenden Straßenseite der Schlossallee sich die Gaststätte befindet: ein Fachwerkbau mit ein paar Schnitzereien und Ziegeldach, vieles nachträglich an und ausgebaut; im Garten hängen an warmen Abenden Laternen.

Sie geht durch den Schankraum in den angrenzenden kleinen Saal, die zweiflügelige Tür ist offen, und Ulrike sucht sich einen freien Stuhl an der Seite. Der Ober tritt leise an sie heran, und sie bestellt einen kalten, gesüßten Tee mit Zitrone, aber der Ober flüstert, daß sie nur heißen, frisch überbrühten Tee hätten, und so nimmt sie ein kleines Glas Bier. Als er es bringt, sagt er "Ich stelle es hier auf das Fensterbrett", und sie sagt "Danke".

Es sind ungefähr dreißig Leute anwesend, von ihrem Platz aus sieht Ulrike die meisten nur von hinten. An der gegenüberliegenden Seite erkennt sie den Lokalreporter Dromm, der seine Filme immer im Fotoatelier entwickeln lässt. Neben ihm sitzt die Kielgass, die damals jenen unsäglichen Artikel über die Begegnung in der Straßenbahn verfasst hatte. Sie hat Ulrike bemerkt und lächelt zu ihr her. Drei, vier andere kennt sie vom Sehen. Hans sitzt in der ersten Reihe neben einer Dame mit auffälligem Hut, dessen Krempe so breit ist, daß ihr Hintermann sich zur Seite beugt, um den Redner zu sehen. Dieser ist ein Herr in fortgeschrittenem Alter mit einem kantigen, ausdrucksstarken Gesicht und wachen, klaren Augen. Seine Haltung ist tadellos, und obgleich er einen zivilen Anzug trägt, hat er etwas Militärisches an sich.

Tatsächlich erfährt Ulrike, daß es der Major a.D. Nachtwey ist, der zu einem Vortrag über seine Erlebnisse in Deutsch Südwestafrika eingeladen hat, bei dem er zugleich sein Buch über dasselbe Thema vorstellt. Er spricht frei und mit wohlgesetzten Worten. Seine Erinnerungen scheinen ungetrübt und ihm sehr nah zu sein. Er verbindet die Eindrücke einer jüngst zurückliegenden Reise in die ehemalige Kolonie mit den Ereignissen vor und während des Krieges. Als Ulrike eintritt, hat er schon eine gute halbe Stunde geredet. Jetzt kommt er auf den Völkerbund zu sprechen, aus dem der Reichskanzler Deutschland nach sieben Jahren Mitgliedschaft "herausgeholt" hat, weil unserem Land nicht nur die Gleichberechtigung in der Wehrfrage versagt blieb, sondern auch in der Kolonialfrage.

"Lassen Sie mich daran erinnern, meine Damen und Herren", sagt der Major, "daß der Artikel zweiundzwanzig der Völkerbundsatzung das Wohlergehen und die Entwicklung der kolonialen Völker als eine - so wörtlich: heilige Aufgabe der Zivilisation betrachtet. Desgleichen wird gefordert, die fortgeschrittenen Nationen sollen als Mandatare des Bundes die Vormundschaft über jene Völker übernehmen, die unter den heutigen schwierigen Bedingungen sich nicht selbst leiten können. Ich frage Sie, welche, wenn nicht die deutsche Nation, sollte man eine fortgeschrittene nennen dürfen? Der Versailler Vertrag, eines der bedeutendsten Dokumente der neueren Geschichte, wäre ohne Deutschland gar nicht möglich, ja nicht einmal denkbar gewesen.

Zweifellos hat Deutschland die Menschheit in diesem Jahrhundert um Riesenschritte vorangebracht, oder sollte man das etwa von Kurdistan behaupten wollen? (Einzelne Lacher sind zu hören.) Es liegt auf der Hand, daß eine große Kulturnation, die zudem auf kolonialem Gebiet so Gewaltiges geleistet hat, es nicht dulden und nicht hinnehmen kann, aus dem Kreis der kolonisierenden Nationen ausgeschlossen zu sein. Nur die Rückübertragung unseres Kolonialbesitzes, und damit ist außer Deutsch Südwest natürlich auch Ostafrika, Togo, Kamerun, Neuguinea, Samoa gemeint ..." "Kiautschou", ruft einer der Zuhörer. "Kiautschou, natürlich, nur durch die Rückgabe würde Deutschland für seine unwürdige Behandlung seitens des Völkerbundes Genugtuung widerfahren."

Der Major erntet zustimmendes Gemurmel, dann erhebt er den Finger und sagt "Aber wenden wir den Blick nicht nur zurück, um zu sehen, was man uns weggenommen hat. Schauen wir voraus, auf die Zukunft des deutschen Volkes. Der deutsche Bodenraum ist zu klein, als daß eine gedeihliche Entwicklung unseres Volkes gewährleistet wäre, und besonders für die deutsche Jugend ist ein weiteres, größeres Feld der Betätigung erforderlich, als es der zu enge heimische Boden zu bieten vermag." Die Kielgass, die Artikelschreiberin, ruft "Bravo" und klatscht in die Hände, aber es scheint ein wenig so, als wollte sie den politischen Exkurs des Redners abkürzen.

Dann fragt sie "Herr Nachtwey, soviel ich weiß, leben in Südwest die Hottentotten. Mich würde interessieren, ob bei denen wirklich die sprichwörtliche Unordnung herrscht." "Keineswegs, jedenfalls nicht in dem uns geläufigen Sinne", erwidert der Major. "Die Hottentotten sind eine ernstzunehmende Rasse in dieser Kolonie, allerdings sind sie zersplittert in einzelne Stämme, die sich zum Teil untereinander bekriegen. Überhaupt sind die Eingeborenen alle selbst irgendwann von außerhalb zugewandert, bis auf die Buschmänner, über deren Herkunft man aber auch spekuliert.

Übrigens ist die Tatsache interessant, daß die Buschmänner keine Bezeichnung für sich selbst haben." "Wie meinen Sie das?" "Nun, jedes Volk nennt sich beim Namen, wir nennen uns Deutsche, die Engländer bezeichnen sich als Briten, die Franzosen als Franzosen, die Buschmänner haben keinen eigenen Volksnamen."

Diese Feststellung ruft Verwunderung hervor. "Dann wissen die Buschmänner gar nicht, daß sie die Buschmänner sind?", fragt einer der Gäste. "Wahrscheinlich nicht", sagt der Major, "der Begriff Buschmann ist ihnen fremd, er kommt in ihrer Sprache nicht vor." "Für wen halten die sich dann?", will eine Frau wissen. "Hauptsache nicht für Thüringer", meint ein anderer, und man lacht.

"In dem Kampf gegen die Hottentottenbanden ist auch viel deutsches Blut geflossen", fährt Nachtwey fort. "Hauptmann von Erckert starb den Heldentod. Übertroffen wurden diese Kämpfe nur von dem Aufstand der Hereros, der hinterhältigerweise gerade in dem Augenblick angestiftet wurde, als die deutsche Schutztruppe durch eine Strafexpedition gegen die Bondelswart Hottentotten gebunden war. Der Tapferkeit unserer Soldaten unter General von Trotha war es zu verdanken, daß die Hereros geschlagen wurden und in die Omahekewüste fliehen mussten, wo sie bedauerlicherweise zu Grunde gingen."

"Wie kam es dann", fragt ein Gast, "daß unsere Truppe später im Krieg überrumpelt werden konnte?" "Das lag an dem, man muss es so sagen, barbarischen Charakter des Gegners. Die Fronten waren in Südwest niemals so eindeutig gewesen wie in Europa, wo man wusste, mit wem man es zu tun hatte. Den größten Schaden haben in Südwest die Buren den Deutschen zugefügt, denen es gar nicht um den Krieg ging, sondern nur um die Durchsetzung ihrer eigenen Interessen. Man mag über die schwarze Rasse denken wie man will, Tatsache ist, daß die Buren kulturell weit unter den Negern stehen, wenn man überhaupt von Kultur bei ihnen sprechen kann." Dann berichtet Major Nachtwey davon, wie er auf der Farm seiner Tochter in Otjimbingwe den Einmarsch der Buren miterleben musste, die sich wie die Vandalen aufführten.

"Ich befand mich bei Ausbruch des Krieges auf Privatreise bei meiner Familie, und Sie können sich vorstellen, daß für mich die Gefahr bestand, als deutscher Offizier gefangengenommen und interniert zu werden. Ich könnte Ihnen ein paar hübsche Geschichten erzählen, wie ich den Feind an der Nase herumgeführt habe. Doch angesichts der Plünderungen und Verwüstungen, die die Buren auf unserem Grund und Boden anrichteten, konnte ich mich natürlich nie ganz zurückhalten. Einmal fragte ich den General Meyburgh, der sich schamlos in unserem Haus einquartiert hatte, warum er und seine Leute sich so viel Mühe geben, um dieses Land voll Sand, Steine und Dornen zu erobern, wo sie doch an der Union viel besseres Land und genug davon für sich hätten. Doch er grinste nur und erwiderte frech 'Wy willen ons Land noch een bitje groter maaken'. Damit entlarvte er seine wahren Absichten."

Nachtwey und die Seinen waren gezwungen gewesen, von der Farm zu flüchten und sich nach Karibib beziehungsweise nach Windhuk in Sicherheit zu bringen. Er selbst hatte vor, das Land zu verlassen und nach Deutschland zu gelangen, aber der Kommandeur der Schutztruppe hatte ihm gesagt, er solle nichts auf eigene Faust unternehmen und abwarten. So versuchte er wenigstens, die deutschen Besitzungen zu schützen. Als er auf die Farm zurückkam, bot sich ihm ein Bild des Grauens.

"Es herrschte Totenstille. Kein Hahn noch Huhn war mehr zu sehen, alles Vieh war geschlachtet oder fortgetrieben worden. Sie waren überall eingebrochen und bis in die äußersten Winkel vorgedrungen, weder Schloss noch Riegel boten ihrer Raubgier Hindernisse. Die Lagerräume waren ausgeraubt. Werkzeuge, Schrauben, Nägel, Hämmer, Zangen, besonders Eimer fanden begierige Abnahme. Sogar zwei emaillierte Toiletteneimer aus der Schlafstube wurden gestohlen und zum Kochen benutzt. Alles war durchgewühlt, Bilder von den Wänden gerissen, die Rückwände aufgeschnitten, um Papiergeld zu suchen, Wanduhren auseinander genommen, die Uhrwerke weggeworfen und die Gehäuse zerbrochen. Kreuze und anderer Zimmerschmuck wie die Alabaster und Marmorbüsten, Fotografien, Glas und Porzellan, lagen zerschlagen zwischen zerrissenen Büchern und Kleidungsstücken. Matratzen, Betten, Leinenzeug waren aufgeladen und abgefahren worden. Die Schränke waren geleert und umgeworfen, die Schreibtischfächer ausgeräumt. In die Schubladen hatten die Eindringlinge ihre Notdurft verrichtet, sogar auf der Klaviatur des Pianos hatten sie ihre Schnell-Katrinen hinterlassen."

Nachtwey macht eine Pause, als würde er warten, bis sich die Bilder vor seinen Augen wieder ordnen, dann sagt er "Es ist wohl wahr, jedes Volk hat seine besonderen Eigenschaften: der Russe im Mordbrennen, der Franzose in der Revanche, der Belgier im Fanatismus, der Engländer im Prahlen und Lügen. Der Bure aber in dem, was sie das 'Vernücken' nennen, ihre primitive Lust daran, anderen durch Gemeinheit und Hinterlist Schaden zuzufügen. Sie rühmen sich, mit ihrer Falschheit und Schläue selbst einen Juden übertreffen zu können. Leider sind auch wir Deutsche von den Buren arg getäuscht worden, so wie sie es ebenfalls verstanden haben, die ganze Südafrikanische Union für ihre niedrigen Ziele einzuspannen. Der Engländer hat sich ins Fäustchen gelacht, daß Deutschland in Südwestafrika geschlagen wurde. Ich sage aber, es geschah nicht durch Englands eigene Stärke, sondern dadurch, daß wir von Louis Botha verraten wurden. England war dabei der lachende Dritte."

Nachtwey trinkt ein Schluck aus dem Wasserglas. Hans dreht sich um und schaut in das Publikum. Als er Ulrike sieht, macht er eine Handbewegung, die besagt, daß sie unbedingt hierbleiben soll, und er deutet unbemerkt auf die Dame mit dem Hut neben ihm. Ulrike nickt beiläufig und nippt an ihrem Bier. Sie findet den Vortrag sehr politisch. Wie lange mag das zurückliegen, worüber der alte Mann spricht, mindestens zwanzig Jahre. Inzwischen werden auch die Klaviertasten wieder von den Fäkalien gereinigt worden sein. Sie überlegt, ob zwanzig Jahre in Afrika die gleiche Zeitspanne bedeuten wie hier. Nicht von den Jahren, die sind natürlich genauso lang, aber von dem, was in dieser Zeit geschieht.

Sie hat einmal ein Foto gesehen mit schwarzen Afrikanern, die auf einer Bank an einer Hauswand saßen, als würden sie auf einen Bus warten, der nie kommt. Jeder der sechs oder sieben Männer schaute anderswo hin, nur ein einziger blickte direkt in das Objektiv. Ulrike hatte sich gefragt, was diese Leute gerade sehen würden. Sie hatte sich alle möglichen Sachen ausgedacht, die in diesem Moment geschahen, aber die der Fotograf nicht ablichten konnte, als er die wartenden schwarzen Männer auf der Bank fotografierte. Jetzt ist sie sich nicht mehr ganz sicher, ob das Foto nicht in Afrika, sondern in Amerika aufgenommen war.

Die Kielgass tuschelt mit ihrem Nachbarn, dem Lokalreporter vom Tageblatt. Der meldet sich zu Wort, doch die Kielgass hält seinen Arm fest und sagt dann selber "Herr Major, soviel ich weiß, macht sich der Frauenbund der deutschen Kolonialgesellschaft unter dem Vorsitz der Frau von Boemcken stark für eine Rückgabe unserer Schutzgebiete."

Nachtwey weiß nicht recht, ob das als Frage gemeint war. Er sagt "Tut mir leid, über den Frauenbund weiß ich nicht Bescheid." "Ach, Sie kennen Frau von Boemcken nicht?" "Wir sind uns noch nicht begegnet." "Schade", meint die Kielgass.

Dann sagt Hans "In Windhuk gab es damals einen Funkenturm. Haben Sie im Krieg Nachrichten damit empfangen?" "Oh ja", sagt Nachtwey, "die Telegramme kamen via Togo, wir waren immer auf dem laufenden. Ah, warten Sie, ich habe auch ein Bild von den beiden Funkentürmen. Ich schlage vor, ich zeige Ihnen ein paar Lichtbilder von meinem Aufenthalt." Die Gäste sind einverstanden, und Nachtwey bietet, mit Erläuterungen begleitend, einige zum Teil wirklich gelungene Aufnahmen von Land und Leuten dar.

Eine Ansicht des kleinen aber schmucken Hafenstädtchens Lüderitz mit der Kirche auf den Granitfelsen. Von Lüderitz aus hatte einst die Besiedlung des Landes durch die Deutschen und durch den Mann gleichen Namens begonnen. Swakopmund, in der Walfischbucht gelegen, der zweite bedeutende Ort an der Atlantikküste. Nachtwey zeigt und beschreibt das Ausladen von Passagieren von einem angekommenen Schiff. Die Leute stehen bloß auf einem Brett, das an einem Kran hängt und frei über das Wasser schwenkt. Sie halten sich an den Seilen fest, und zwischen ihren Beinen klemmen die Koffer.

Zwischen den beiden Hafenstädten liegt der breite Wüstenstreifen der Namib Dünen. "Auf hunderte Kilometern Länge ist die Küste praktisch unbegehbar", sagt Nachtwey, "unzählige Schiffe sind hier gesunken. Man muss es sich vergegenwärtigen: woher sollten die ersten Europäer, die diese öden Gestade erblickten, wissen, wie weit sich die Wüste ins Land erstreckt? Vielleicht hätte der ganze Kontinent eine einzige Sandwüste sein können. Zum Glück ist es nicht so."

Und man sieht Bilder aus den nordwestlichen Gegenden, wo es Grasland und Savannen gibt. Nachtwey zählt die Vegetation auf: Mopane Bäume, Tambuti, Blutfruchtbäume, viele Akazienarten. Dann die Tiere: Springböcke, Kudus, Steppen Zebras, Strauße, Giraffen, die Oryx Antilopen mit ihrem merkwürdigen Streifengesicht und den langen, geraden Spießhörnern.

"Diese Elefanten habe ich selbst fotografiert", sagt er stolz. "Nashörner habe ich leider nicht zu Gesicht bekommen." "Was ist mit Löwen?", fragt jemand. "Habe ich gesehen, allerdings nur von fern. Der Löwe ist beinahe ein heiliges Tier bei den Eingeborenen, zumal der Kalahari Löwe mit seiner sagenhaften schwarzen Mähne.

Ah, hier sehen Sie eine Horde Buschmänner, die Pfeilspitzen sind mit einem tödlichen Gift präpariert. Man nimmt übrigens an, daß die Buschmänner früher größer und athletischer waren, denn auf den uralten Felsenbildern sind sie so dargestellt." "Wie kommt es dann, daß sie jetzt kleiner sind?" "Sie sind geschrumpft, eine Folge der anhaltenden Trockenheit", beantwortet ein Herr die Frage.

Nachtwey wiegt vorsichtig den Kopf. "Ob das der wahre Grund ist?" "Warum nicht. Bei uns passt heute auch niemand mehr in die Ritterrüstungen aus dem Mittelalter." "Na, das ist doch aber etwas anderes", wirft eine Frau ein, "da ist es ja gerade umgekehrt." "Natürlich", beharrt der Herr auf seiner Erklärung, "bei uns hat sich das Klima wachstumsfördernd ausgewirkt."

"Ich glaube eher, die Buschneger sind nicht mehr so groß geworden, weil auch die Büsche, hinter denen sie sich verstecken, nicht mehr so hoch wachsen, kann das sein, Herr Major?" "Tja, möglich wäre es schon. Tatsache ist, sie werden kaum über einssechzig groß." "Vielleicht schämen sie sich auch deswegen und tun so, als würden sie sich selbst nicht kennen." "Wie meinen Sie das nun wieder?" "Er hat doch vorhin gesagt, die Buschneger hätten keinen Namen für sich selber." "Lügen haben eben kurze Beine." "Wie auch immer, lassen Sie uns die übrigen Bilder anschauen, dann stehe ich für weitere Fragen zur Verfügung."

Es folgen Aufnahmen vom Kreuzkap mit Blick auf die zahllose Schar von Zwergpelzrobben. Dann die erwähnten Funktürme bei Windhuk, die einfache Maste sind. Das hübsche Farmhaus von Nachtweys Tochter und ihrer Familie. Einer der Zuhörer erkundigt sich nach dem derzeitigen Befinden, und der Major meint, es gehe ihnen nun endlich besser denn je, "aber es war ein langer und entbehrungsreicher Kampf".

Die Polizeistation von Okaukuejo, der Köcherbaumwald bei Keetmannshoop, eine Bahnstation an den Kupfergruben im Khangebirge. "Bevor die Eisenbahn gebaut wurde", sagt Nachtwey, "musste alles auf Ochsenkarren durchs Land transportiert werden, hier ist so ein Gespann, ein Dutzend Ochsen und mehr sind keine Seltenheit. Dies ist der Gouverneur Leutwein, und die Herren in den weißen Anzügen sind Herero Häuptlinge, ziemlich stolze Gesellen und manche auch sehr vermögende Land und Viehbesitzer."

Dann kommt ein Bild, das Ulrike besonders gefällt. Es zeigt Eingeborene, offenbar eine Familie, wie Nachtwey dann bestätigt. "Es sind Angehörige der Himba, ein Hirtenvolk, das einmal zu den reichsten in Afrika gehörte. Wie andere auch, sind sie in den Strudel der historischen Ereignisse geraten und wurden umhergetrieben. Seit einigen Jahren leben sie in einem Reservat, das ihnen die Union zugewiesen hat. Was man auf diesem Foto nicht erkennen kann, ist ihre wundervolle Hautfarbe. Sie reiben Körper und Haar mit einem Gemisch aus pulverisiertem Laterit, der alte Goethe hätte ihn wahrscheinlich als Roteisenstein bestimmt, mit Fett und gewissen Kräutern ein, es schützt gegen die Hitze und vor Austrocknung. Es sieht sehr beeindruckend aus, als würde die menschliche Haut eine Art Rost bilden, der vor jeder schädlichen Einwirkung schützt."

Ulrike glaubt, die Farbe sehen zu können. Die Frau hat ihre Haare zu dicken Schnüren gerollt, die gerade herabhängen. Sie sitzt auf der Erde vor einem mäßig großen, kuppelförmigen Zeltbau, der mit einer Lehmschicht überzogen ist. Neben ihr steht ein Mann in entspannter, fast lässiger Haltung. Er trägt nur einen Lendenschurz und einen weißen und bunten Schmuck auf der Brust. Er lächelt, er sieht sehr zufrieden aus. In der Öffnung, die den Eingang zu der Behausung bildet, stehen zwei Kinder, ein nackter Junge mit kahlgeschorenem Kopf und seine etwas größere Schwester im gemusterten Rock. Sie hat glänzende Reife um Hand und Fußgelenke und Hals. Ihre Haare biegen sich wie zwei Ziegenhörner vor das Gesicht. Auch sie lächelt. Wie frohgelaunt sie wirken, denkt Ulrike, eine glückliche Familie. Zu Füßen des Mannes liegt ein gescheckter Hund, ein anderer hockt bei den Kindern. Im Hintergrund an einem felsigen Hang tummeln sich Ziegen mit hellem oder dunklem Fell.

Ulrike fragt sich: Was für ein Leben führen diese Menschen? Es scheint, als wäre es dasselbe wie vor tausend Jahren schon, und als wollten sie niemals ein anderes führen. Ein Leben, das von Anfang an, seit seinem Ursprung in endgültiger Weise verläuft, in vollkommener Harmonie, bis in alle Ewigkeit.

Der Major sagt, die Himba hätten ein heiliges Feuer, das unentwegt geschürt wird, damit es nicht verlöscht. Durch diese Flamme halten sie Verbindung zu ihren Ahnen. Dann ist vielleicht für sie die Zukunft in Wahrheit die Vergangenheit? Und jeden Moment des Weiterlebens beziehen sie aus dem Gewesenen. Ulrike wundert sich über die seltsamen Gedanken, die ihr bei diesem Anblick kommen. Womöglich hat sie wirklich, wie manche behaupten, ein Talent, in Fotografien einen tieferen Sinn der Wirklichkeit zu erblicken, die darauf festgehalten ist.

Mit dieser Überlegung beschäftigt, merkt Ulrike kaum, daß Nachtwey seinen Vortrag beendet hat, und erst der herzliche Applaus holt sie wieder in den Raum zurück. Es schließen sich auch keine in der großen Runde gestellten Fragen an, stattdessen schart sich um den Redner ein Grüppchen Interessierter, während die meisten Zuhörer angeregt schwatzend den Parkpavillon verlassen.

Sie geht nach vorn zu Hans, der ihr entgegenkommt. An seiner Seite ist die Dame mit dem Hut, unter dem blondes Haar hervorwallt, und als Ulrike ihr Gesicht sieht, traut sie ihren Augen nicht. Die Dame strahlt mit einem fast aristokratischen Ausdruck, ihr Teint ist rosig, Lippen und Augen dezent geschminkt, ihr Blick ist großmütig, verständnisvoll, als würde er sagen: Kindchen, was hast du angestellt? Na macht nichts, das kriegen wir wieder hin. Ulrike bleibt der Mund offen, sie schlägt die Hände aneinander und ruft "Tante Gertrud! Ich fasse es nicht. Bist du es wirklich?" "Rike, mein Mädchen. Gott, wie lange haben wir uns nicht gesehen."

Sie fallen sich in die Arme, und beiden stehen die Tränen in Augen. Hans fängt den Hut auf, der ihr vom Kopfe rutscht. "Was in aller Welt machst du hier? Warum hast du nicht vorher Bescheid gesagt? Wie geht es dir? Bleibst du ..." "Nur langsam, Mädchen, erst musst du mal aufhören, mich zu zerdrücken." "Entschuldige, aber ich freue mich so wahnsinnig, dich wiederzusehen. Hans, war das etwa deine Idee, daß wir uns hier bei diesem komischen Vortrag treffen?" Hans weist jede Beteiligung von sich, Tante Gertrud sagt "Das kam von mir. Ich bin heute nachmittag bei euch gewesen, nachdem wir einen halben Tag gebraucht haben, um eure Adresse herauszufinden.

Zum Glück war Hans daheim, ha, der Hans im Glück, wie das passt." Sie fasst ihn kräftig an die Backe wie einen rechten Kerl. "Wer ist wir?" "Ja, eben deshalb sind wir in diesem Lokal, Oswald ist nämlich mein Bekannter, der mich auf diesem Teil der Reise begleitet." "Oswald?" Tante Gertrud zeigt auf den Redner, der von einigen Leuten, überwiegend Frauen, umgeben ist und kurz zurückwinkt. "Major a.D. Oswald Nachtwey, ein alter guter Freund." "Hey, Tante Gertrud", sagt Ulrike und stubst sie in die Seite, "oder soll ich besser das 'Tante' weglassen." "Ach, du machst Scherze." "Hans, warum hast du nicht wenigstens eine Andeutung auf den Zettel geschrieben, dann hätte ich mich ein bisschen schöner gekleidet." "Aber Mädchen, du bist hübsch, so wie du bist. Lass dich anschauen. Ich habe immer gewusst, daß was aus dir wird, ich meine, auch äußerlich, denn im Kopf und im Herzen, da war ja schon als Kind alles drin, was man sich wünschen kann." "Oh, jetzt übertreibst du." "Allerdings", sagt Hans. "Und du warst schon immer der olle Brummbär. Aber auch er - sie stößt ihn an die Brust - hat einen weichen Kern."

Dann betrachtet sie Ulrike eindringlich und sagt "Du kommst ganz nach Irmgard." "Meinst du?" "Hundertprozentig." Ulrike freut sich darüber, wie selbstverständlich der Name der Mutter fällt, für einen Moment ist es so, als wäre sie dabei. "Auch die Grübchen am Mund, wenn sie lacht, wie süß!"

Ulrike wird rot im Gesicht und senkt den Kopf, dann entgegnet sie "Tante Gertrud, wollen wir doch mal sehen, ob du's auch wirklich bist, schließlich könnte ja jede hier plötzlich auftauchen. Also: warum schabt man den Käse?" "Bitte?" "Warum schabt man den Käse?" "Spinnst du jetzt?", meint Hans. "Wenn es unsere Tante Gertrud ist, dann kennt sie die Antwort. Oder erinnerst du dich nicht? Du hast mir früher haufenweise Rätsel gestellt." Tante Gertrud schließt die Augen und legt den Kopf zurück. "Ah ja, natürlich weiß ich es: weil er keine Federn hat, sonst würde man ihn nämlich rupfen."

Hans muss lachen. "Richtig!", jubelt Ulrike. Tante Gertrud zwinkert ihr zu und fragt Hans "Welche Steine sind im Rhein am meisten?" "Keine Ahnung." "Die nassen", sagt Ulrike. "Aber wo kommen alle Säcke zusammen?" "Bin ich jetzt Ödipus, der eure Rätsel lösen soll? Alle Säcke? Vielleicht in der Mühle." "Falsch. An der Naht!"

Die beiden lachen so laut, daß die anderen herüberschauen. "So was hast du ihr damals beigebracht?" "Und einiges anderes", meint Ulrike, "damals, wie das klingt. Wenn ich dich so vor mir stehen sehe, scheint es vorige Woche gewesen zu sein." "Ein bisschen was ist schon passiert in der Zwischenzeit", sagt Hans. "Du hast recht", gibt Ulrike zu, "vor lauter Aufregung habe ich gar nicht gefragt, was dich hierher treibt."

Tante Gertrud will etwas erwidern, doch Ulrike fasst sich an die Stirn. "Ah, jetzt wird es mir klar, dieser ... wie heißt er noch mal ... der Herr Nachtwey hat die ganze Zeit von Südafrika geredet. Von dort kam auch deine letzte Karte, das war vor ungefähr fünf Jahren." "Genau, Südwestafrika." "Da wohnst du immer noch?" "In einem Ort namens Seeheim." "Seeheim. Das ist ja fast wie Seebergen, gleich hier das nächste Dorf." "Ich kenne doch Seebergen. Wir beide sind oft zum Löns Denkmal gewandert, du entsinnst dich wohl nicht mehr?" "Wo die Apfelbäume waren, auf denen man so gut herumklettern konnte. Und einmal haben wir Maikäfer gefangen." "Und haben sie Rudolf und Irmgard ins Bett gelegt, wie bei Wilhelm Busch."

Dann fragt Ulrike "Lebst du mit ihm zusammen?" "Mit Oswald? Nein. Er ist ein guter Freund, aber ein notorischer alter Offizier." "Reden die Damen über mich?", sagt Nachtwey, der überraschend hinter ihr steht. Tante Gertrud lächelt ihn an. "Ich habe gerade von deinem unausstehlichen Militärgeist gesprochen." "Sie hat Ihre strategischen Fähigkeiten gelobt", sagt Ulrike, "Ihr Vortrag hat mir übrigens gefallen, vor allem das Foto mit der Negerfamilie." "Die Himbas." "So hießen sie wohl." "Und Sie sind Gertruds Nichte." "Ulrike Friedewald, ja." "Kommt doch mit herüber an den Tisch, ein paar Gäste möchten, daß ich ein bisschen über Afrika erzähle. Und du auch, Gertrud."

Ulrike sieht, wie Tante Gertrud eine bedenkliche Miene macht und leise sagt "Oswald, wir hatten vereinbart, daß niemand weiter erfahren soll, wer ich bin." Ulrike ist verwundert, und Gertrud legt die Hand auf ihre und flüstert "Euch sage ich morgen alles." "Ihr reist doch nicht so bald schon wieder ab?" "Keine Sorge, wir bleiben mindestens für eine Woche. Nun lasst uns zu den anderen gehen."

"Warte", sagt Ulrike, "ich muss dich erst noch mal drücken, ich bin überglücklich, daß du wieder da bist." "Ich freue mich auch. Heute nachmittag, als wir vor eurer Wohnung standen, haben mir richtig die Beine gezittert. Und überhaupt, das alles wieder zu sehen, meine alte Stadt, mein geliebtes Gothardau, ach." Sie seufzt tief, wischt sich eine Träne weg und greift schnell nach ihrem Hut, den Hans immer noch in der Hand hält. "So, nun wollen wir uns Oswalds afrikanischen Abenteuern zuwenden."

Die Dagebliebenen haben mit Hilfe des Kellners zwei Tische aneinandergerückt und drumherum Platz genommen. Man hat zu trinken bestellt, und zwei oder drei wählten einen Imbiss aus. Der Lokalreporter und die Kielgass sitzen zu beiden Seiten Oswalds, der, ein großes Glas Bier vor sich, aus seinem bewegten Leben erzählt. Wie schon im zweiten Teil seines Vortrages lässt er auch jetzt seine politischen Ansichten beiseite und unterhält die Zuhörer mit landeskundlichen Details.

Jemand möchte etwas über die Eisenbahnen erfahren, ein anderer über den Caprivi Zipfel, jenen schmalen Landstreifen im Nordosten, der bis an den Sambesi heranreicht und ursprünglich sogar eine Verbindung zu den Schutzgebieten in Ostafrika herstellen sollte. "Nach dem Krieg gehörte er den Briten, seit kurzem steht er unter dem Mandat der Südafrikaner", sagt Oswald und enthält sich jedes Kommentars über den Verlust.

Dann beschreibt er die tropische Vegetation am Lauf des Okavango und berichtet, wie einer seiner Bekannten an Malaria erkrankt und durch einen eingeborenen Medizinmann geheilt worden ist. Eine Dame, der die Einzelheiten des Krankheitsbildes nichts ausmachten, fragt nach den Essensgewohnheiten und Speisen, und ein junger Mann mit Namen Lippert, von dem Ulrike weiß, daß er als Assistent beim Perthesverlag arbeitet, und der hier kürzlich mit dem berühmten Sven Hedin zusammengetroffen war, erkundigt sich über den gewaltigen Eisenmeteoriten, den man vor einigen Jahren bei Grootfontein entdeckt hatte.

Oswald war selbst nicht dort gewesen, kennt ihn aber aus Beschreibungen. "Er soll an die fünfzig Tonnen schwer sein." "Wie ist er da hin gekommen, Schatz?", fragt Lipperts hübsche Frau, die sich bei ihm untergehakt hat. "Vom Himmel gefallen natürlich, Liebling." "Da war er sicher zu schwer geworden."

Ulrike schaut zu Tante Gertrud, die ihr zulächelt. Dann fängt sie in Gedanken an, Pläne zu machen, was sie mit Gertrud in den nächsten Tagen unternehmen wird, gleich morgen soll es losgehen. Hätte Gertrud doch vorher Bescheid geben können, dann wäre Ulrike jetzt viel besser vorbereitet gewesen.

Oswald fragt die Gäste, ob sie sie Geschichte hören wollen, wie der Löwe eigentlich König der Tiere geworden sei, und alle fordern ihn auf, sie darüber aufzuklären. Nun zeigt sich, daß der Major auch eine schauspielerische Ader hat, denn er spricht mit verteilten Rollen und ahmt die beiden Tiere, den Strauß und den Löwen in herzerfrischender Weise nach. "Früher", so beginnt er, "war nicht der Löwe, sondern der Strauß der König der Tiere. Dennoch waren die beiden die besten Freunde und gingen gemeinsam auf die Jagd. Sie hatten bloß wenig Erfolg, eines der anderen Tiere zu erlegen, weil der Strauß mit seinen Flügeln so einen ungeheuren Lärm machte." Dabei bewegt Oswald die angewinkelten Arme und lässt ein schauerliches Schnaufen dazu ertönen. Er macht es nach links und nach rechts und setzt eine ebenso majestätische wie tölpelhafte Miene auf.

Dann spricht er den Löwen, mit tiefer Stimme, aber mürrisch und ungehalten, als sei er den andauernden Hunger leid. "Wenn du ständig mit deinen Flügeln flatterst wie eine aufgescheuchte Krähe, werden wir nie etwas zur Strecke bringen. Darauf sagte der Strauß: Pass auf, wir machen es so: du bleibst hier, und ich treibe diese Antilopenherde dort direkt auf dich zu. Dann fangen wir genug, daß es für uns beide reicht.

Der Löwe war einverstanden, und als die Antilopen auf ihn zurasten, rief der Strauß: Töte sie für mich, denn ich habe keine Zähne." Oswald zieht bei diesen Worten die Lippen tief in den Mund hinein, und es klingt wirklich wie mit dem blanken Zahnfleisch gesprochen. "Ich abe cheine Kähne", sagt er in die Runde und wackelt noch mal zaghaft mit den Armen.

"Der Löwe tötete eine Antilope und wartete ab, was der Strauß tun würde. Der Strauß sagte: Du musst das Fleisch für mich herausreißen. Der Löwe tat wie ihm befohlen, denn der Strauß war sein Gebieter. Der fraß alles weiche Fleisch und das Herz, die Nieren, Leber. Der Löwe durfte fressen, was übrig blieb. Dann waren sie satt und schliefen ein.

Am nächsten Tag wachte der Löwe als erster auf, und er betrachtete den schlafenden Strauß, dem der Schnabel offensteht. Er lachte und sagte: Wahrhaftig, du hast keine Zähne. Und deine Flügel taugen auch nicht zum Fliegen. Daraufhin ging er allein auf die Jagd. Als der Strauß erwachte, rief er nach dem Löwen, aber der kam nicht wieder, und fortan musste der Strauß Gras fressen und der Löwe war König."

"Eine lehrreiche Geschichte", sagt die Dame, die sich fürs Essen interessiert hatte, "wenigstens hat der Löwe den Strauß nicht gefressen, von Straußenfleisch soll man angeblich schmackhafte Steaks machen können." "Oh ja, aber dann gibt es keine Straußeneier mehr." "Und auch keine Straußenfedern." "Und keine Straußenbahnen." "Was ist das denn?" "Weiß ich auch nicht, es ist das Geheimnis, das der Strauß mit in den Tod nimmt." "So was albernes. Dann sind Sie wohl der Straußenbahn Schaffner."

"Ist es wahr, daß der Strauß den Kopf in den Sand steckt?" "Das hat man schon beobachtet." "Warum macht er das?" "Man sagt, um der drohenden Gefahr nicht ins Auge sehen zu müssen." "Ich sage Ihnen warum: er sucht sein Gebiss, das ihm herausgefallen ist." "Sie sind wirklich zu albern." "Und Sie haben wahrscheinlich keinen gültigen Fahrschein für die Straußenbahn." "Jedenfalls danken wir Ihnen, Herr Nachtwey für den sehr informativen Abend." "Jawohl."

Er wird nochmals mit einem kleinen Applaus bedacht. Der Lokalreporter möchte ein Foto für die Zeitung machen. "Ich soll mich allein hinstellen?", sagt Oswald. "Wie ein Offizier, der seine Truppe verloren hat? Auf keinen Fall." Er winkt die Lipperts heran, die Kielgass meldet sich freiwillig. "Fräulein Friedewald." "Nein, ich sehe immer so komisch aus." "Na, Gertrud, dann tu du uns den Gefallen."

Die Kielgass macht einen Schritt zur Seite und lässt Gertrud neben Oswald. Der Reporter knipst. Dann fragt die Kielgass, die nur auf die Gelegenheit gewartet hat, zu Gertrud gewandt "Sind Sie seine Frau, wenn ich fragen darf?" Gertrud lächelt und verneint, doch Oswald kann nicht still sein. "Sie ist die Tante von dem Fräulein." Gertrud sieht ihn scharf an. "Was? Ulrike, deine Tante? Ich wusste gar nicht, daß du so weitläufige Verwandtschaft hast." Weitläufig, was sollte das heißen? "Sie ist meine einzige Tante."

Ulrike weiß, daß die impertinente Person jetzt nicht locker lässt, bis sie alles erfahren hat, so ist sie nun mal. "Sie sind nicht von hier?" Obwohl Gertrud kein Mitteilungsbedürfnis hat, will sie auch nicht unhöflich sein. "Ursprünglich schon." Das reizt die Neugier der anderen freilich nur noch mehr. "Dann wohnen Sie jetzt in Erfurt oder bestimmt in Weimar?" Raffiniert ist sie jedenfalls. Gertrud macht unwillkürlich eine etwas abfällige Geste. "In Weimar? Gott bewahre." "Aber wieso? Sie sehen ein bisschen so aus wie die Frau von Stein." Oswald ist amüsiert. "Gertrud von Stein, meine Beste. Dann bin ich wohl entweder Goethe oder Hemingway. " "Ja wirklich, die feine Nase, man kennt die Stein ja nur aus den Profilzeichnungen", sagt die Kielgass, als handelte es sich um Fahndungsfotos.

Gertrud schüttelt heftig den Kopf, als wollte sie sich jedem weiteren Vergleich entziehen. Ulrike würde wetten, daß die Kielgass nie im Leben sich das Profil der Frau von Stein angesehen hat. "Verraten Sie uns doch bitte, woher Sie kommen?", fragt sie, als wenn das auch die anderen interessierte. "Aus England." Die Kielgass bekommt große Augen. Das soll genug der Auskunft sein. "Oswald, lassen Sie uns austrinken, ich bin ganz schön müde." Oswald, dem die Kielgass offenbar nicht ganz unsympathisch ist, murmelt "Tja, da kann man nichts machen."

Es werden ein paar belanglose Worte gewechselt. Der Ober kommt, und man bezahlt. "Ist das englisches Geld?", fragt die Kielgass, als Gertrud ihr Portemonee öffnet. Ulrike würde jetzt am liebsten etwas Grobes zu ihr sagen, und auch Gertrud zuckt unmerklich zusammen und will die Börse unter der Hand verstecken.

Doch die andere sagt dreist "Darf ich mal sehen?" Gertrud reicht ihr widerwillig einen Schein, die Kielgass hält ihn hoch und befühlt ihn wie ein Stück Stoff, an den man sich erst gewöhnen muss. "Wieviel ist das?" "Ich nehme an, fünf Pfund, nach dem was drauf steht." "Ha, Sie haben sogar schon etwas von dem britischen Humor."

Frau von Stein, britischer Humor, was sie alles glaubt zu kennen, denkt Ulrike. "Gilt das hier eigentlich auch als offizielle Währung? Herr Ober?" Sie wedelt mit dem Geldschein. "Kann ich auch mit englischem Geld bezahlen?" Der Ober ist gerade beschäftigt und hat nur halb verstanden. Gertrud zieht ihr den Schein aus den Fingern und sagt "Mit englischem sicher, aber nicht mit fremdem."

Auf dem Weg kommt Ulrike auf die Kielgass zurück und sagt zu Tante Gertrud "Glaub' nicht, sie wäre meine Freundin." "Nicht einen Moment hätte ich das vermutet. Nun Herr Major, sind Sie zufrieden mit dem Abend?" "Ein dankbares Publikum, aufgeweckt und wissbegierig." "Sie hoffen doch nicht, daß sie mit denen die deutschen Schutzgebiete zurückerobern können?", sagt Hans, der mit Ulrike Arm in Arm hinter den beiden anderen hergeht. "Da mache ich mir keine Illusionen, und zwar in mehrfacher Hinsicht nicht. Ich komme zwar aus Hannover, aber ich kenne meine Pappenheimer, respektive Thüringer, und mögen sie auch sonst so viel für die menschliche Kultur geleistet haben, was unbestreitbar ist, so taugen sie doch nicht als Soldaten und Krieger."

"Warum nicht?", fragt Ulrike, "sind sie zu feige oder können sie nicht gut schießen?" "Das Schießen lässt sich lernen, und auch zu Mut und Tapferkeit kann man erzogen werden. Aber der Thüringer schätzt Ruhe und Frieden über alles. So wie der Sachse die Gemütlichkeit liebt, und der Angelsachse den Wohlstand, so liebt der Thüringer die Arbeit, dieses Bosseln und Tüfteln und Vor-sich-hin-Wursteln, das ist seine Welt. Und so wie er auf niemanden neidisch ist, jedenfalls so wenig als irgendjemand, so will er auch andererseits nicht gestört oder gar geärgert werden. Mit dieser Mentalität kann man keinen Krieg führen. Thüringen hat einige ganz große Leute hervorgebracht, und zwar auf allen Gebieten, nur keinen großen Feldherrn."

"Sie scheinen uns ziemlich gut zu kennen", meint Hans. "Das sind meine bescheidenen Einsichten. Und ich bewundere den Großherzog Karl August, der für mich nach wie vor einer der glücklichsten Politiker in Europa gewesen ist. Leider lässt sich aus der Geschichte nichts lernen, andernfalls sollte ihn sich jeder in einer vergleichbaren Position zum Vorbild nehmen."

Gertrud fragt ihn "Warum meinst du, die Geschichte lehrte uns nichts?" "Das habe ich nicht gesagt, sie lehrt uns sehr viel. Aber auch, daß die Menschen immer wieder dieselben Fehler machen, im Großen und Ganzen meine ich." "Im Kleinen ebenso." "Ja mag sein." "Vielleicht hängt das zusammen. Das Leben des Einzelnen läuft doch auch nach dem immergleichen Schema ab. Man wird geboren, geht zur Schule, verliebt sich, heiratet, gründet eine Familie, dann sorgt man dafür, daß es wieder von vorn anfängt.

Die ganze Welt ist eine Ansammlung solcher kleinen, unscheinbaren Menschenkinder, die sich alle Mühe geben, heil über die Runden zu kommen und dabei eventuell etwas hinterlassen, woran sich andere erinnern können. Und so ist auch die Weltgeschichte so etwas wie eine Sammlung aller Einzelleben, aller Einzelschicksale. Man kann sie alle lesen, diese kleinen, mehr oder weniger spannenden Geschichten, aber es wird niemals ein ganzer Roman daraus." "Und wenn ich ergänzen darf: eben auch kein Lehrbuch."

Sie sind vor dem Hotel Coburger Hof angelangt, in dem Gertrud und Oswald wohnen. "Wollt ihr mit hinaufkommen? Ich habe eine Flasche guten Cognac, wir könnten uns einen als Schlaftrunk genehmigen", sagt Gertrud. Hans lehnt ab. "Lieber morgen oder in der Woche." "Ich wollte mal wissen, wie die Zimmer hier aussehen", sagt Ulrike und schaut Hans bittend an. Der meint "Dann geh' mit hoch, ich warte. Aber mach' nicht zu lange." "Nein, nein, wir lassen was in der Flasche."

In dem kleinen Foyer leuchten zwei Lampen in Kerzenform. An der Rezeption sitzt ein älterer Mann und liest in der Zeitung. Als sie eintreten, steht er auf und sagt "Madame Kirchner, Herr Major, ich wünsche einen guten Abend." Sie erwidern seinen Gruß. Gertrud sagt "Meine Nichte möchte nur ganz kurz mit auf mein Zimmer." "Kein Problem." Er gibt ihnen die Schlüssel. "Möchten Sie morgen früh geweckt werden?" "Also ich für meinen Teil nicht. Oswald?" "Ich wache jeden Tag Punkt sechs Uhr auf, egal ob ich auf dem Feldbett oder im Hotel schlafe." "Ist er nicht herrlich anspruchslos." "Frühstück gibt es wie gesagt ab sieben Uhr, Sie hatten - er schaut auf seine Liste - Tee gewünscht." "Schwarzen, ja. Das heißt, haben Sie auch Kräutertee? So eine echte Waldkräutermischung?" "Selbstverständlich." Dann zählt er an den Fingern auf. "Da sind drin Melissenblätter, Hibiscusblüten, Akazienblüten, Malven und Königskerzenblüten und ..." Hans klopft von draußen an die Scheibe. "Das ist mein Bruder, ich soll mich beeilen." "Er kann doch solange hier drin warten", sagt der Concierge. Gertrud gibt ihm ein Zeichen, aber er winkt ab. "Irgendwas war da noch drin, ich komme nicht drauf." "Es fällt Ihnen bestimmt wieder ein."

Sie steigen die Treppe hoch, über deren Stufen ein roter Läufer liegt, der mit dünnen Messingstangen in die Winkel gedrückt ist. An der Wand hängen Fotografien mit Motiven aus dem Gothardauer Land und dem Wald. Gertrud zeigt auf eins und meint "Sag' mir mal, wo das ist?" "Das Gasthaus auf dem Borsberg." "Wo früher der Wirt mit der Hasenscharte drin war?" "Ja. Es ist fast ganz neu aufgebaut worden. Meine Freundin Anna Weber wohnt dort." "In dem Gasthaus?" "Nein. Gegenüber am Waldrand stehen ein paar Häuser, große Grundstücke mit Garten und so." "Ah, ich weiß. Ist das der Doktor Weber?" "Genau."

Oswald wünscht eine gute Nacht und zieht sich in sein Zimmer zurück. "So sieht es hier aus, ganz nett, was?" Ulrike gefällt es. Ein Bett mit dicken blaugelb gestreiften Kissen, eine kleine Nachttischlampe, die ein gutes Leselicht gibt, ein Tischchen, zwei schmale Sessel und ein Schrank. Hinter der Tür ist eine Waschkommode mit Spiegel. An der Wand hängt auch eine Waldansicht, darunter ein Gedicht von Julius Ephraim Günther:

.............................................Über allem Streit der Tage,
.............................................höher als des Lebens Tand,
.............................................sollen steh'n in eigner Schöne
.............................................Heimat dir und Vaterland!

"Ist das dein Koffer?", fragt Ulrike. "Was dachtest du denn." "Ist der schön." "Büffelleder. Hätte sich der alte Ochse nicht träumen lassen, daß er mal so weit in den Norden kommt." "Das mit England, was du vorhin gesagt hast, stimmt das?" "Ich habe die englische Staatsbürgerschaft beantragt." "Das finde ich toll." "Aber es muss nicht jeder wissen." "Klar, ich behalte es für mich. Oh, das ist Hans, der da pfeift. Also Tante Gertrud, dann bis morgen. Du kannst mich doch im Geschäft besuchen oder abholen, ich arbeite bis fünf." "Gern." Sie umarmen sich. Ulrike springt die Treppe hinab, der Concierge sagt bedeutungsvoll "Verbenen Blätter." "Wie bitte?" "Die sind auch in dem Tee." "Köstlich."

Am nächsten Morgen, als sie in den Laden kommt, sagt ihr Chef, der Fotograf Bierloch "Ulrike, du siehst ja heute ganz verteufelt gut aus. Gibt es einen besonderen Anlass?" "Nein, höchstens den, daß Ihnen das zum erstenmal auffällt." "Da werden die Kameraden im Fliegerhorst diesmal merken, daß du ein Mädchen bist, letztens bist du ja als mein Lehrjunge durchgegangen."

Ulrike wird erst jetzt wieder daran erinnert, daß Bierloch heute die technischen Fotos machen will, und sie ihm dabei assistieren soll. Mit dem rosa Kleid ist sie wirklich denkbar schlecht dran. Soll sie den Chef fragen, ob er auf sie verzichten kann? Es muss auch jemand im Laden bleiben.

Doch da kommt Stolle zur Tür herein, ein mittelgroßer Junge mit Pickelgesicht und schlechten Zähnen, den Bierloch aushilfsweise engagiert, wenn sie außer Haus zu tun haben. Stolle ist zwar keine Schönheit, aber ein netter Mensch, der stets irgendeine verrückte Geschichte auf Lager hat, die ihm angeblich selber widerfahren ist.

Die heutige ist geradezu unglaublich. Auf dem Gelände hinter der Gasanstalt, zur Enckestraße hin, hatte er Fährten in der feuchten Erde entdeckt, die eindeutig von einem Wolf stammen müssen. "Warum nicht von einem Hund?", fragt Bierloch skeptisch. "Ich kenne Hundespuren, und das waren keine."

Dann hat er ein Eisen ausgelegt. "Solche Eisen sind verboten", sagt Bierloch. "Na und, der Wolf weiß das doch nicht", entgegnet Stolle. "Und was ist dann passiert?", fragt Ulrike. "Er ist reingetappt." "Du hast ihn gefangen? Lebendig?" "Man kann ihn in den Tierpark geben, der allerletzte Gothardauer Wolf, das wird eine Attraktion."

"Haben sie ihn genommen?" "Es ist was schiefgegangen, er hat sich losgerissen." "Aus der Falle?" "Denkst du, als ich ihn an der Leine hatte? Der Vorderlauf ist drin steckengeblieben, den hat er sich abgerissen." "Igitt, ist das eklig." "Ja, wenn's wahr wäre." "Was soll das heißen? Es ist wahr." Und er holt aus seiner Umhängetasche eine Wolfspfote hervor, mit einem Stück Bein dran, an dessen Ende der Knochen herausguckt. "Buh, bleib mir vom Leib mit dem Kadaver." "Zeig' mal her", sagt Bierloch. "Ist schon präpariert, habe ich selbst gemacht." "Ist die wirklich von einem Wolf?" "Sieht so aus." "Ich habe doch grade erzählt, wie es sich zugetragen hat." "Fühlt sich ganz rauh an", meint Ulrike, nachdem sie nicht widerstehen konnte. Bierloch gibt sie ihm zurück und sagt "Nicht schlecht", und Stolle grinst stolz. Dann fügt Bierloch hinzu "Vielleicht erwischst du demnächst ja auch ein Stück vom Rotkäppchen." Ulrike lacht, Stolle raunt ihr entrüstet zu "Mann, ist der brutal."

"Herr Bierloch, kann nicht der Stolle für mich mitgehen zu den Fliegern." Doch der weigert sich gleich. "Nee, ich bleibe im Laden, für alles andere habe ich keine Lust. Was ist denn mit dir? Ihr macht doch keine Luftaufnahmen." Ulrike macht einen ärgerliche Miene. "Ich habe nicht dran gedacht und mein gutes Kleid angezogen, weil meine Tante zu Besuch da ist." "Gertrud ist wieder im Lande?", fragt Bierloch, während er die Fotoapparate einpackt. "Ja. Sie kommt am Nachmittag vorbei." "Das freut mich. Trude Kirchner, die hat früher auch fotografiert, Porträts und Landschaften." "Ich weiß, durch sie bin ich dazu gekommen." "Was denn für Landschaften?", fragt Stolle, "Mit Hügeln und Tälern und so?" "Mensch Stolle, was du gleich denkst." "Er hat nicht so unrecht, es waren auch Aktfotografien dabei." "Siehst du, also doch." Ulrike staunt. "Wen hat sie denn da fotografiert?" "Das weiß ich nicht. Ich glaube, ich habe im Keller noch ein paar alte Abzüge." "Die kann ich ja dann schon mal rauskramen." "Nix da, Stolle, du bleibst hier oben."

"Haben wir denn nicht irgendeine Kluft, die ich anziehen könnte?", fragt sie. Bierloch überlegt. "Nur so einen Kittel, aber der passt dir schlecht." "Mist." Stolle sagt "Ich würde dir meine Latzhose borgen." "Ich soll deine Hose anziehen?" "Du ziehst doch auch die von deinem Bruder an." "Woher weißt du das?" "Spricht sich 'rum. Soll übrigens gar nicht übel aussehen." "Dummkopf. Was für eine Größe hast du überhaupt?" "Welche meinst du?" "Haha, bestimmt nicht die, die du meinst."

Bierloch hat den Kittel geholt. "Den kann Stolle im Laden anziehen. Probier das mit der Hose." "Wir könnten auch ganz tauschen, ich ziehe solange dein Kleid an." "Ich glaube, du drehst jetzt total durch." "Wieso? Beim letzten Karneval hab' ich mich als Haremsdame verkleidet, war ein voller Erfolg." "Der Sultan würde mir aber leid tun." "Also los, nimm den Kittel und gib mir die Hose. Na, zieh' dich gefälligst hinten um."

Stolle trottet ins Hinterzimmer und kommt dann mit der Hose überm Arm wieder. Ulrike verschwindet für ein Weilchen. Bierloch ruft ihr nach "Im Schrank muss ein alter Pullover sein." "Ja, für obenrum", ruft Stolle. Sie findet auch eine Ballonmütze, unter der sie die Haare verstecken kann, sie sieht wirklich fesch aus. "So, jetzt kann's losgehen." Stolle pfeift durch seine morschen Zähne. "Du weißt mit allem Bescheid", sagt Bierloch, "was abgeholt wird, liegt da drüben. Und geraucht wird nicht, verstanden." "Ich doch nicht." Als die beiden hinausgehen, sagt er "Wo hast'n dein Kleid hingetan?" "Du rührst das nicht an, sonst jage ich dir ein paar Jungs auf den Hals, die dich verprügeln." "Aua. So hübsch und kann so bösartig sein."

Wie sich herausstellt, soll Bierloch keine technischen Fotos machen, sondern welche vom Musikkorps des Fliegerhorstes. Man bringt die beiden in die Kantine, die jetzt, zwischen den Mahlzeiten, leer ist. Zwei Jungen in Küchenkleidung sind mit Saubermachen fertig. Durch die Ausgabefenster sieht man, wie aus den großen Kochtöpfen der Dampf entweicht. Von draußen klingt Marschgesang und Gleichschritt von Stiefeln herein, bis die Kolonne zwischen den Kasernen eingebogen ist.

Einer der Köche steckt den Kopf durch die Luke und sagt "Hey, wollt ihr einen Kaffee?" Und schon schiebt er zwei Tassen über das Brett. Ulrike holt sie ab. "Danke." "Macht'n ihr hier?", fragt der junge Koch, der ein freches Gesicht und schöne blaue Augen hat. "Sollen ein paar Fotos von den Musikanten machen." "Vom Musikkorps? Die sind gar nicht da." "Uns wurde gesagt, wir sollen ..." "Hey, wie heißt'n du?" Ulrike erwidert ein bisschen unsicher "Ulli."

"Ulli. Wovon kommt'n das, von Ulrich?" "Erraten. Danke für den Kaffee." "Hast dich schon bedankt." "Dann eben noch mal." "Vielleicht im voraus für den nächsten." "Schon möglich." "Hey", sagt er dann und fasst sich ans Ohrläppchen, "trägst du die immer, Ulli?" Sie greift erschrocken an ihre Ohrringe, die hat sie völlig übersehen. "Nur heute", meint sie und macht sie schnell ab. Sie steckt sie in die Hosentasche, stößt dort aber auf ein zusammengeknülltes, hartes Taschentuch und steckt sie in die andere.

Der junge Koch sieht zu, und sie sagt "Die rechte hat ein Loch, hätte ich beinahe vergessen." "Wäre doch schade, wenn du sie verlierst, selbst wenn du sie so selten trägst." "Ich glaube, der Kaffee wird kalt." "Na dann. Wenn ihr wieder was bei uns zu knipsen habt, hier gibts den besten Standortkaffee." "Mal sehen."

Sie nimmt die zwei Tassen und geht zu Bierloch zurück. "Hey", ruft er ihr nach, und Ulrike hebt die Augenbrauen und denkt 'Hey, hey, hat wohl früher Viehherden getrieben, der Bursche', "ich heiße übrigens Franz." "Franz, lässt sich merken", sagt sie ohne sich umzudrehen. "Ja, kommt von Franz."

"Was hat er gesagt?" "Er meint, die Musiker wären nicht da." "Sollen wir etwa die Suppenküche fotografieren. Hm, der Kaffee ist jedenfalls gut." "Den kriegt auch nicht jeder." "Kennst du hier jemand?" "Einen von den Hilfsköchen." Dann kommt ein Leutnant herein und stellt sich vor. Bierloch steht auf, Ulrike bleibt sitzen. "Wir sind dann soweit", sagt der Leutnant, "trinken Sie ruhig erst aus."

Dann fragt er Bierloch, wie lange er diese Tätigkeit schon ausübt, und der antwortet, daß sein Geschäft eines der ältesten am Ort ist, anscheinend ist der Leutnant neu hierher versetzt worden. Er schaut ständig auf seine Armbanduhr. Dann gehen sie hinaus. Sie legen das Fotozeug in den offenen Wagen des Leutnants, steigen ein und fahren über das ganze Kasernengelände.

Sie kommen an ein Tor im Zaun, die Schranke ist geschlossen, und aus einer Hütte tritt ein Gefreiter mit Waffe über der Schulter. Er macht dem Leutnant kurze Meldung. Dann öffnet er Schranke und Tor und lässt sie durchfahren. Ulrike denkt: sind wir jetzt draußen oder drin?

Der Leutnant bremst plötzlich und hält an. "Was wir vorher erledigen müssen", sagt er und holt aus seiner Aktentasche eine Mappe heraus. Er gibt Bierloch ein Blatt. "Sie müssten da bitte unterschreiben, daß Sie über Ihren Auftrag hier Stillschweigen wahren." 'Ein richtiger Auftrag, wie spannend das klingt', denkt sie. Bierloch fragt verwundert "Es handelt sich doch um das Musikkorps? Die auch über den Hauptmarkt marschieren." "Freilich", entgegnet der Leutnant, "nichts Geheimes." Ulrike ist enttäuscht. Ein Kinderauftrag.

"Das ist lediglich die Vorschrift für alle Zivilpersonen, das muss sogar die Jaucheabfuhr unterschreiben." 'Das wird ja immer erbärmlicher', denkt Ulrike. Bierloch unterschreibt. "Was ist mit dem Jungen?", fragt er. Der Leutnant dreht sich um, Ulrike guckt zur Seite. "Wie alt ist er?" "Siebzehn." Der Leutnant winkt ab. Er startet den Wagen. "Stecken Sie's bitte da in die Tasche."

Sie fahren am Rand vom Flugfeld entlang. Als Kind war Ulrike bei einer Vorführung mit Segelfliegern und Ballonfahrern hier gewesen. Es war beeindruckend, aber in die Lüfte zu steigen, dafür könnte sie sich nicht begeistern. Im Flugzeug würde ihr schlecht werden und im Ballon bekäme sie Platzangst. Außerdem musste man immer befürchten abzustürzen.

Der Leutnant fährt nach rechts und hält. Er steigt aus und hebt die Motorhaube an. "Ist was nicht in Ordnung?", fragt Bierloch. Der Leutnant schaut in die andere Richtung. Von dort kommt ihnen ein Auto entgegen. "Müssen wir jetzt zurück laufen? Da lass' ich mich lieber gleich mitnehmen", meint Ulrike. Bierloch zuckt mit den Schultern.

Das Auto braust vorbei, es sitzen einige Piloten in Uniform drin. Sie winken dem Leutnant zu und rufen etwas, es klingt ausländisch. In dem Moment lässt der Leutnant die Klappe wieder zufallen und macht den anderen ein Zeichen, daß sie ruhig weiterfahren sollen. Er steigt ein. "War bloß so'n komisches Geräusch, macht der öfters."

Sie halten vor einer der Hallen, die verstreut auf dem Gelände liegen. Es ist schon ein ganzes Stück von der Stadt entfernt, man sieht das Schloß mit den zwei Türmen und weiter links den Seeberg. Der Leutnant probiert an einer Tür, die jedoch abgeschlossen ist. "Nanu?", sagt er.

Ulrike und Bierloch wechseln einen ungläubigen Blick. "Hier ist das Musikkorps untergebracht?" "Hier spielen sie", erwidert der Leutnant und fügt hinzu "die jungen Musiker müssen immer tüchtig üben, da klingt es oft nicht so gut, deswegen gehen sie hier raus." "Dann bilden Sie auch Musiker aus?" "Wie meinst du das, Junge?" "Nur so."

Sie gehen um eine Ecke, die Stirnseite der Halle ist auf ganzer Breite offen. Davor, auf dem Gras, stehen drei Flugzeuge. "Kommt hier lang." Im Innern ist die Halle sehr geräumig, am hinteren Ende sind Türen. Der Leutnant schaut sich um, als würde er etwas suchen oder genauer gesagt feststellen, daß niemand da ist.

An der Seite stehen fünf Klappstühle nebeneinander. Er deutet darauf und sagt "Für das Orchester." Dann macht er einen Pfiff auf zwei Fingern, der am Blechdach widerhallt. Durch eine der Türen treten genau fünf Uniformierte herein und platzieren sich auf den Stühlen. "Ein Quintett also", meint Bierloch, den nichts mehr überrascht.

"So ist es", murmelt der Leutnant und sieht angestrengt nach draußen zu den Flugzeugen. Kein Mensch ist dort zu sehen. "Wenn Sie die Herren fotografieren könnten." Bierloch und Ulrike bauen die Kamera auf. "Haben die keine Instrumente?", fragt er den Leutnant. Er ahnt, daß ihm die Männer die Frage schwerlich beantworten können. Der Leutnant ist bis ans Hallentor gegangen und kommt zurück. "Bitte? Ach so. Doch natürlich." Er flüstert dem einen, einem Feldwebel, etwas ins Ohr. Der verschwindet wieder durch die Tür und lässt sich für eine Weile nicht blicken. Dessenungeachtet sagt der Leutnant "Ist es was geworden? Das Licht ist vielleicht nicht gerade günstig." "Es geht. Wie viele Abzüge brauchen sie." "Sechs. Oder machen sie zehn." Bierloch drückt den Auslöser. Ulrike fragt ihn, ob er nicht lieber warten will, bis der andere mit den Instrumenten da ist. "Ach was", erwidert er, "den können wir auch einzeln aufnehmen. Außerdem schätze ich, daß es noch dauern wird." Ulrike fragt ihn leise "Was soll das Ganze?" "Kann ich dir erst sagen, wenn ich's weiß."

Da tritt der Leutnant plötzlich und ein wenig aufgeregt an ihn heran und sagt. "Solange der Feldwebel fehlt, können Sie bitte ein Foto von dem Flugzeug da draußen machen, ist das möglich?" "Selbstverständlich. Welches?" Er zeigt auf das mittlere. Bierloch schnappt seine Kamera und sagt Ulrike, was sie mitnehmen soll. "Die große Zeiss auch."

"Was für Maschinen sind das?", will er wissen. "Verstehen Sie was von Flugzeugen?" "Nein." "Die da drüben ist eine Fi hundertsechsundfünfzig, der 'Storch', wie man sie auch nennt. Die beiden anderen sind He einundfünfzig. Am besten, ihr vergesst das gleich wieder", sagt er, als bereute er seine Auskunft. Bierloch sieht aber einen Unterschied. "Das ist nicht beides derselbe Typ." Der Leutnant wird misstrauisch. Er sagt entschieden "Da können Sie sich drauf verlassen", und Bierloch weiß nicht recht, wie er die Antwort auslegen soll. "Wo wollen Sie hin? Die hier meine ich, und ein bisschen Beeilung, wenn ich bitten darf." 'Also doch nicht egal', denkt Bierloch und fragt "Von welcher Seite?" "Am besten von allen, machen sie nur." "Ist das ein Zirkus", sagt Ulrike und schleppt den Koffer hinter dem Chef her, der mit dem Leutnant auf die Maschine zu eilt.

Er stellt die Kamera auf und Ulrike misst die Einstellungen für Zeit und Blende. Der Leutnant schirmt seine Augen ab und blickt über das Grasfeld, in der Ferne bewegt sich als kleiner Punkt ein Auto. Er verfällt in Hektik. "Noch ein paar Detailaufnahmen, schnell, so viele sie schaffen. Ich glaube, der Feldwebel ist gleich da." "Was für Instrumente bringt er mit?" "Das werden Sie schon sehen, ich hoffe, alle."

Sie fotografieren das Fahrwerk, die Räder sind wie mit Hauben abgedeckt. Dann hinten das Leitwerk und die Maschinengewehre in den Tragflügeln. Unter dem Rumpf hängt eine kleine braune Tonne. Ulrike fragt den Leutnant, was das sei. "Ballast, zur Stabilisierung, macht davon auch ein Bild." "Gucken Sie mal, Herr Bierloch, der kleine Propeller." "Fass das bloß nicht an, nachher fällt noch was runter." "Und die Kabine", ruft der Leutnant, nachdem er sich wieder über das herannahende Auto vergewissert hat.

Am Rumpf lehnt eine kurze Leiter. Der Leutnant macht einen Sprung hinauf, schreckt aber zurück und landet wieder auf dem Boden. Über den Kabinenrand schiebt sich träge der Kopf eines Technikers, der offensichtlich gerade ein Nickerchen gemacht hat. Seine Haare sind zerzaust, auf seiner Wange ist der Abdruck der Kopfstütze. Er schaut die drei an wie die Könige aus dem Morgenland, die viel zu spät gekommen sind.

"Scusi", sagt der Leutnant mit gespielter Freundlichkeit, "buon giorno. Sono Leutnant Keil, questo è Signore Bierloch. Tutto bene?" Der Techniker sagt nur "Ciao" und schaut Ulrike an. "Ein Italiener?", fragt Bierloch. "Er ist zur Ausbildung hier." Ulrike fragt "Was für ein Instrument spielt er?" "Unsinn. Er ist Flugzeugtechniker." "Spezialisiert auf die Heinkel", ergänzt Bierloch. "Die Italiener sind unsere Verbündeten."

Der Techniker hat die Fotoapparate entdeckt und wird auf einmal lebendig, er sagt etwas, aus dem die Wörter Fotografie und Mama und der Name Cecilia herauszuhören sind. "Was hat er gesagt?" "Ich glaube, Sie sollen ihn fotografieren. Tun Sie ihm den Gefallen, schreiben Sie es mit auf die Rechnung." "Selbstverständlich."

Der Leutnant winkt den Techniker herunter, er springt leicht wie ein Kater aus der Kabine und stellt sich in Pose. Das Auto kommt immer näher, man sieht schon die Abgasfahne durch die Luft wirbeln. "Gehen Sie auf die andere Seite", drängt der Leutnant, "da ist die Sonne besser." Er schiebt den Mann um den Bug herum. "Mehr Sonne, besseres Licht. Nein, Bierloch, bleiben Sie, das kann der Junge machen, nur ein paar Fotos, unser italienischer Kamerad vor seiner CR zweiunddreißig."

Ulrike gibt sich Mühe. Der Techniker lacht und schneidet Grimassen, hebt die Arme wie ein Akrobat. Sie bedeutet ihm, er solle sich die strubbeligen Haare glattstreichen. Er versteht nicht oder tut vielleicht so. Er denkt, er soll ihre Mütze aufsetzen. "Oh nein, das geht wirklich nicht", sagt sie.

Dann versucht er ein Gespräch anzufangen. Sie erfährt, daß er aus Piacenza stammt, und daß Cecilia seine Verlobte ist. Er beschreibt sie, ihre Figur, er küsst seine Finger, er deutet ihren Busen an und zeigt auf Ulrike. 'So wie deiner', heißt das, ohne daß es ihm auffällig erscheint. Er guckt nach den beiden anderen. Ulrike sieht, wie sich Bierloch mit dem Apparat über die Kabine beugt, und der Leutnant weist ihn an, was er fotografieren soll. Ulrike lenkt ihn ab. "Hierher schauen, Signore - und Spagheeeetti."

Da setzt ein Geräusch ein wie ein elektrisches Schnurren. Der Techniker fährt herum, die beiden sind auf der anderen Seite abgetaucht. Er murmelt etwas, macht einen Satz über die Tragfläche in die Kabine und betätigt einen Schalter, das Geräusch hört auf. "Gehen wir zurück", sagt der Leutnant und wirft dem Italiener ein "Arrivederci" zu. Der will sich nach seinen Fotos erkundigen, aber da kommt das Auto mit den anderen Piloten angefahren, die wahrscheinlich beim Mittagessen waren. Es gibt gleich ein großes Palaver, und der Leutnant kann gar nicht schnell genug in die Halle kommen.

Und siehe da: als sie in das warme, staubige Dämmerlicht treten, hebt die Musik an und ein zünftiger Marsch schmettert hinaus ins Freie. Aber er kommt von einem Plattenspieler über die Lautsprecher an den Wänden. "Soll ich das Gerät auch fotografieren?", fragt Bierloch. "Nicht nötig", sagt der Leutnant. "Wie lange brauchen Sie zum Entwickeln?" "Wenn Sie wollen, können Sie sie heute nachmittag abholen." "Sehr gut." Er bringt die beiden wieder zurück. Als sie zum Auto kommen, springt ein Unteroffizier auf und steht vor dem Leutnant stramm. Obwohl er sich mächtig zusammenreißt, schwankt er ein wenig. "Unteroffizier Greibel meldet sich zum Dienst." Über seiner Schulter hängt eine Fototasche. "Zu spät Greibel, Sie Schnapsdrossel. Das wird ein Nachspiel haben. Kümmern Sie sich um die Italiener." "Zu Befehl."

Bierloch und Ulrike müssen ohne Pause durchmachen, um die Fotos fertigzustellen. Stolle soll daher auch am Nachmittag vorn im Laden bleiben, was ihm sehr missfällt. Ulrike sagt, er bekäme seine Hose erst zum Feierabend zurück, er könne ja im Kittel weggehen, wenn er sich das Gelächter der Leute gefallen lassen will. Er willigt knurrend ein, und Bierloch bezahlt ihn für eine Stunde mehr. Stolle will ihm auch die Wolfspfote für fünf Mark verkaufen, aber Bierloch lehnt ab. "So was bringt Unglück", meint er. "Ich habe dagegen gehört, es würde die Liebeskraft steigern." "Warum behälst du's dann nicht." "Das ist nur dummes Geschwätz", sagt Stolle geringschätzig.

"Du musst erst die Wirkung abwarten." Er schweigt. Nach einer Weile fragt er "Wann setzt die Wirkung denn ungefähr ein?" "Das ist ganz verschieden, es hängt von mehreren Faktoren ab. Ich weiß darüber nicht genau Bescheid, aber es soll früher in Friedrichsthal eine Frau gegeben haben, die es angewandt hat." "Wie angewandt? Bei sich?" Bierloch lacht. "Nee, oder hast du je gehört, die Männer würden nach Friedrichsthal fahren, um ihren Spaß zu haben, das kriegt man in der Stadt leichter." "Dann war das so eine Art Hexe." "Na ja, Junge, ich weiß doch auch nicht, ob das alles überhaupt stimmt." "Warum nicht. Hexen hat es hier immer gegeben. Der olle Herzog hat sie sogar verbrennen lassen." "Eben." "Was eben?" "Sollte ihm die aus Friedrichsthal durch die Lappen gegangen sein?" "Sie war vielleicht anders, es gibt solche und solche Hexen." "Stolle, du bist darin ja richtig bewandert." "Sie lachen, ich kenne einen Heilpraktiker, der regelmäßig die Waldwiesen abgrast, um seine Kräuter zu sammeln. Soll ich Ihnen was sagen, der Mann kann sich vor Patienten kaum retten." "Kräuter sind aber auch häufiger als Wolfspfoten." "Arnika ist auch selten." "Du könntest deine Pfote ja verleihen, stundenweise sozusagen, vielleicht an Touristen."

Stolle geht darauf nicht ein, stattdessen fragt er "Lebt diese Frau in Friedrichsthal noch?" "Keine Ahnung. Aber ich kenne den Pfarrer, der hat so etwas wie eine Ortschronik, vielleicht steht da was drin. Wenn du dich kundig machst, kannst du einen Artikel für die Heimatblätter schreiben, die nehmen so was gern. Außerdem kannst du auch Honorar verlangen."

Ulrike kommt die Treppe aus der Dunkelkammer herauf. "Wer kann Honorar verlangen? Ich muss alles allein machen." "Entschuldige, ich komme sofort." Ulrike hat auch die Fotos von dem Italiener entwickelt. "Ein lustiger Vogel war das", meint sie. "Ja, aber irgendwas war faul an der Sache, es war eine italienische Maschine." "Meinen Sie?" "Das konnte man am Hoheitszeichen erkennen." "Ich frage mal meinen Bruder."

Später kommt der Leutnant selbst vorbei und nimmt die Tüten mit den Bilder entgegen. Bierloch verdient daran soviel wie sonst in zwei Wochen. Der Leutnant will auch die Negative haben. Im gleichen Augenblick betritt Tante Gertrud den Laden. Sie und Bierloch begrüßen sich wie alte Bekannte. Gertrud lässt zwei, drei Anekdoten aus alten Zeiten vom Stapel, und Bierloch fallen auch ein paar witzige Geschichten ein. Dem Leutnant gefällt das so sehr, daß er dableibt und zuhört.

Ulrike kommt abermals aus dem Keller, der Leutnant erkennt sie nicht. "Ich höre deine Stimme, hallo Gertrud." "Hallo Rike. Hier sieht es aus wie vor fünfzehn Jahren." "Oh nein", sagt Bierloch, "wenn du aus dem Fenster schaust, drüben das Haus gab es damals nicht."

Stolle erscheint in der Tür zum Hinterzimmer, er ist immer noch in Gedanken bei der Friedrichsthaler Hexe. Als er Gertrud sieht, schreckt er zusammen und stammelt irgendetwas. Sie stutzt auch. "Deine Verkäuferin?", fragt sie Bierloch. "Er? Nein, nur Aushilfe. Mehr kann ich mir nicht leisten." Stolle wird puterrot. Gertrud sagt "Ich war vorhin schon mal hier, da hat ... da war ..." Stolle verdrückt sich unauffällig nach hinten. "Ich könnte schwören, ein Mädchen hat mich bedient." "Wie sah sie denn aus?" "Rosa Kleid und ... das Gesicht ..." Gertrud deutet mit dem Zeigefinger auf - "Wo ist sie ... wo ist er denn hin?"

Ulrike wird zornig. "Stolle, du Scheusal! Du hast mein Kleid angezogen, gib's zu." "Nur ganz kurz", hört man ihn kleinlaut sagen, "es ist bald wieder Karneval, und da muss ich mir was ausdenken. Und außerdem hast du dich selber ..." Gertrud muss lachen. Der Leutnant prüft vorsichtshalber die Bilder in den Tüten.

"Ich gehe, mir reicht's", sagt Ulrike. "Gertrud, wartest du bitte, ich bin gleich soweit." "Kann ich noch etwas für Sie tun, Herr Leutnant?" "Danke, für diesmal nicht. Und bitte: die Angelegenheit bleibt vertraulich. Heil Hitler." "Auf Wiedersehen." "Ja, das war es", sagt Gertrud, als Ulrike in ihrer eigenen Tracht erscheint. Sie murmelt "Kein Wort mehr davon. Gehen wir ins Cafe Löschner, Eis essen?" "Einverstanden." "Wünsche den Damen viel Spaß, und beehren Sie uns bald wieder."

Als sie weg sind, traut sich Stolle wieder hervor. "Konnte ich doch nicht ahnen, daß sie schon vorher kommt." "Ich glaube, da hast du was gutzumachen." Stolle steckt trotzig die Hände in die Taschen und guckt durchs Schaufenster den Frauen hinterher. "Sie sieht in dem Kleid sowieso besser aus. Ach, was ist denn das? Ulrikes Ohrringe", und er denkt 'Bestimmt wird sie froh sein, wenn sie die wiederkriegt.'

Im Cafe Löschner setzen sie sich an einen Tisch am Fenster, das zu dem Arkadengang vorm Gebäude weist. Es duftet nach frischgebackenem Apfelkuchen und süßer Schlagsahne. Stühle und Tische sind im Biedermeierstil, und an den Wänden hängen auf der gestreiften Tapete Scherenschnitte aus schwarzem Papier. Sie bestellen Kaffee und Eis, "Obwohl Heißes und Kaltes schädlich ist für die Zähne, wie du immer gesagt hast." "Das habe ich gesagt?" "Ja, sie würden davon Risse bekommen." "Das hatte ich bestimmt selber bloß nachgeplappert." "Und ich habe davon geträumt, wie mir auf einen Schlag die Schneidezähne zerplatzen." "Oh Gott, dafür machst du mich doch nicht verantwortlich, oder?" "Damals schon."

"Ist ja alles heil geblieben. Im Gegensatz zu mir." "Du hast sogar einen Goldzahn, habe ich gesehen." "Nachdem ich jahrelang Huddelei hatte mit irgendwelchem Ersatz, der bei der nächstbesten Gelegenheit wieder herausgebrochen ist." "Hast du das Gold selbst bezahlt?" "Wer sollte es der Gertrud Kirchner schenken?" "Und wo hast du es her?" "Vom Juwelier natürlich." "Also nicht selber geschürft." Sie lachen. "Na, ich dachte, aus einem afrikanischen Fluss gefischt." "Die meisten Flüsse in Südwest trocknen aus." "Für immer?" "Nein, aber regelmäßig." "Und wie ist es dort überhaupt? Ist es sehr warm?" "Im Sommer ja. Und sehr sonnig, es gibt nur wenige Regentage." "Das ist angenehm, man könnte immer in leichten Kleidern herumlaufen", sagt Ulrike, als würde sie sich mit ihrer Freundin das Leben dort ausmalen. "Zu Hause mache ich das auch, die ganze Woche über." Ulrike sieht sie lange an, dann sagt sie "Ich kann das immer noch nicht richtig begreifen, daß du in so einem fernen Land lebst."

Das Eis und der Kaffee werden serviert. Gertrud betrachtet die Eisschale mit den drei Kugeln, Vanille, Schokolade und Zitroneneis, garniert mit Apfel und Birnenstückchen und ein paar Erdbeeren. "Was ist?", fragt Ulrike, "gefällt es dir nicht?" "Doch. Das ist ein Früchteeisbecher El Paraiso?" "Ja. Gibt es da bei euch auch Geschäfte, wo man einkaufen kann?" Gertrud schaut sie fragend an. "Du meinst Kaufhäuser? Oder einen Markt?" "Beides." "Markt ist bei uns in Seeheim wöchentlich, wo man alles Frische bekommt, Gemüse, Fleisch, Obst, Eier und so weiter. Kaufhäuser gibt es in Keetmanshoop, lass' mich überlegen, drei, vier, mir fallen jetzt fünf große ein, aber es sind bestimmt mehr."

"Dieses Ketmannshof ist wohl die nächstgrößere Stadt?" "Ja. Dort kriegt man eigentlich alles. Und dort kann man auch bestellen." "Was bestellen?" "Buah, die Erdbeere war faul." "Wir lassen uns ein neues Eis bringen." "Ach wo, es war ja nur die eine, muss bloß den Geschmack wegspülen." Sie trinkt eine Schluck Kaffee.

Dann holt sie aus ihrer Handtasche einen Klappspiegel und einen Lippenstift und fährt damit ein paar mal über den Mund. "Das ist eine schöne Farbe", sagt Ulrike, die sie im Stillen schon wieder bewundert. "Krapplack." "Es glänzt richtig." "Eigentlich soll es sogar ein bisschen glitzern." "Macht es auch." "Willst du ihn ausprobieren?" Ulrike schreckt fast zurück und hebt die Hände. "Ich? Oh nein." "Schminkst du dich nie, Rike?" "Nein. Ja. Weiß nicht. Selten. Ich glaube, das letzte Mal zur Tanzstunde, beim Abschlussball." "Fantastisch." "Ach, das war nichts besonderes. Die Jungs sind uns auf den Füßen herumgetreten, und nachher waren wir alle besoffen." Gertrud lacht. "Das gute Gothardauer Bier." "Und der Nordhäuser Korn."

Ulrike schaut aus dem Fenster. Tanzstunde. Es kommt ihr auf einmal so lachhaft vor. "Den habe ich übrigens auch bei 'Lavoisier' gekauft", sagt Gertrud und steckt den Lippenstift wieder ein. "Wo?" "Lavoisier, das Modehaus in Paris." "Da bist du extra deswegen nach Paris gereist?" "Aber Kindchen, das könnte ich mir nun doch nicht leisten. Nein, in Keetmanshoop im Kaufhaus aus dem Sortiment ausgewählt und bestellt." "Und dann liefern die das aus Paris?" "Natürlich. Es dauert allerdings ein paar Wochen, deshalb ist es besser, man bestellt gleich andere Sachen mit." "Kann man da auch von woanders her bestellen?" "Wenn du willst, freilich. Aus London, New York. Eine Bekannte von mir hat kürzlich geheiratet, da haben sie sich Teppiche aus Teheran liefern lassen." "Ins Haus?" "Nicht ganz, das wäre wohl zu teuer geworden. Es gibt einen Teppichhändler in Windhuk, einen Perser, dort kann man sich die Teppiche anschauen. Der bringt sie auch ins Haus, damit man sehen kann, ob sie passen." "Der fährt also mit dem Auto und den Teppichen zu den Leuten?" "Mit der Eisenbahn." "Wie weit ist das von euch bis nach Windhuk?" "Ungefähr fünfhundert Kilometer." "Jetzt willst du mich veralbern." "Bitte?" "Der kutschiert mit einem Teppich fünfhundert Kilometer weit, nur um ihn mal in einem fremden Wohnzimmer auszubreiten?" "Na ja, sie haben ihn schließlich auch gekauft, und nicht nur den einen. Das ist natürlich ein Geschäftsmann und macht nichts umsonst, aber im Prinzip ist das so wie du sagst."

"Fünfhundert Kilometer! Das ist von hier bis an die Ostsee. In Afrika ist alles viel weiter weg." "Nein, nur die Zwischenräume sind etwas größer. Du kannst tagelang durch die Savanne fahren, ohne einen einzigen Menschen zu treffen." "Ist das nicht schrecklich einsam." "Nicht unbedingt. Man weiß doch, wo sie zu finden sind, und dort sind sie eben. Hast du dich nie inmitten einer großen Menschenmasse einsam und verloren gefühlt?" Ulrike überlegt. "Vielleicht, aber es ist mir nicht bewusst geworden." "Siehst du. Ich habe da so eine Macke, nenn' es meinetwegen eine Psychose. Zwischen zu vielen Leuten bekomme ich Platzangst, ich kriege keine Luft mehr und verliere die Orientierung. Und wenn sie dann alle rufen und schreien und johlen, dann ist es ganz aus. Wenn ich mit meinem alten Ford nach Lüderitz fahre und stundenlang nur eine gerade, leere Straße vor mir habe, und ab und zu mal einer entgegenkommt, und man sich zuhupt, und zu beiden Seiten unberührte Landschaft, auch wenn es nur Steppe ist, dann fühle ich mich wohl, ich fühle mich frei. Ich kann ungestört meinen Gedanken nachhängen und werde dabei voran bewegt. Man darf nur nie vergessen, genügend Wasser mitzunehmen."

"Und wo liegt dieses Lüderitz?", fragt Ulrike und merkt, wie sie in Gedanken eine provisorische Karte entwirft, auf der sie die Orte, die Gertrud nennt, mit Punkten markiert, wie Hans auf seinen Generalsplänen. Und als würde Gertrud ihre Gedanken lesen können, skizziert sie die Lage auf der Tischplatte. "Hier ist Seeheim, wo wir wohnen. Windhuk ist in gerader Linie nach Norden. Lüderitz ist an der Westküste, ungefähr hier." "Am Atlantischen Ozean also." "Genau." "Nach Lüderitz ist es nicht so weit wie nach Windhuk." "Ach, das ist ein Katzensprung", sagt Gertrud und lacht, weil es doch ein wenig untertrieben ist. "Und was hast du in Lüderitz gemacht?", fragt Ulrike, und es klingt so, als hätte sie Gertrud dort verlorengegangen geglaubt. "Wann?" "Na, als du dort warst." "Ich bin so oft dort. Es gibt da die deutsche Schule, das Krankenhaus vom Roten Kreuz, die Kayser'sche Buchhandlung. Ah ich weiß, das letzte Mal war ich dort, um den Pyjama für Simon abzuholen."

Ulrike lacht. "Wer ist Seimen?" "Simon Plaut, mein Mann, habe ich noch nichts über ihn erzählt." "Kein Wort." "Dann wird es Zeit. Also Simon wünscht sich seit Urzeiten einen Seidenpyjama, so einen zweiteiligen, mit dem man auf die Party gehen könnte, so elegant ist er. Reine Seide bekommst du in China oder in Hongkong, und von dort hat Simon auch den Pyjama her." "Ihr habt ihn ausgesucht, bestellt, und dann ist er von Hongkong nach Lüderitz geliefert worden." "Ja? Warum sagst du das so komisch?" "Ach Gertrud, ich weiß nicht, das klingt alles so merkwürdig." "Glaubst du mir etwa nicht?" "Natürlich. Es ist mir nur so unbekannt. Bis jetzt dachte ich, in Afrika hüpfen nackte Neger im Kreis herum und beten um Regen." "Simon trägt den Pyjama nicht Tag und Nacht."

"Verstehe schon. Der Seidenpyjama interessiert mich auch eigentlich weniger. Erzähle mir von Simon, seid ihr verheiratet?" "Nein, dann hieße ich ja Gertrud Plaut, aber ich heiße nach wie vor Gertrud Kirchner." "Gott sei Dank, es beruhigt mich ein bisschen." "Es ist wie Ehe, es geht ganz vorzüglich. Er ist ein feiner Mensch und ein guter Mann, schön, galant, sogar treu." "Das weißt du genau?" "Hundertprozentig. Du siehst doch, ich kann ihn bedenkenlos allein zu Hause lassen." "Wenn das kein Beweis ist", lacht Ulrike. "Habt ihr euch dort kennengelernt?" "Ja. Eine lustige Geschichte, die ich dir ein andermal erzähle. Oder Simon muss dir das erzählen, er kann es am besten." "Oh ja", sagt Ulrike, zupft an ihrem Kleid und streicht sich das Haar hinters Ohr.

Gertrud beugt sich zu ihr hin und sagt etwas leiser "Er ist Diamantenhändler." "Du lieber Himmel, das ist wie aus Tausend und eine Nacht." "Ja, manchmal ist es wirklich so. Wenn man sich andererseits mit dem begnügt, was man nötig zum Leben braucht." "Ist denn das eine gute Gegend für Diamanten?" "Rike, wenn ich dir sage, an der Westküste gibt es das Zeug in Hülle und Fülle, man muss sie bloß finden." "Ist das wahr?" "Wusstest du, daß es ein Deutscher war, der zuerst dort Diamanten gefunden hat?" "Nein." "Ich auch nicht. Aber es kommt noch besser: es war ein gewisser August Stauch." "Nie gehört." "Obwohl er aus Eisenach stammt." "Aus welchem Eisenach?" "Aus welchem Eisenach? Aus dem Eisenach, wo die Wartburg steht." "Hier bei uns?" "So ist es. Leider hat er sein ganzes Vermögen wieder verloren, durch die Wirtschaftskrise und so. Inzwischen haben die großen Diamond Mine Companies die Förderung in ihren Händen. Das meiste wird an der Kolmanskop herausgeholt, wo der alte Stauch die ersten Glitzersteine gefunden hat. Aber wahrscheinlich nicht mehr lange.

Simon hat in diesem Jahr unten am Oranjefluss ein paar Claims gekauft, es heißt, daß dort ... na mehr kann ich nicht sagen." "Claims, das sind diese Felder, wo man schürfen darf, nicht wahr? Ich kenne das von Jack London." "Richtig. Zwischen Gold und Diamanten ist meistens kein großer Unterschied was das Geschäftliche betrifft. Aber ich muss sagen, ich halte mich da völlig raus." "Jetzt weiß ich auch, warum du hier bist", sagt Ulrike aufgeregt. "So? Warum denn?" "Du sollst von diesem Herrn Strauch einen alten Claim abkaufen, den er besitzt, und auf dem die sagenhafte große Diamantenader vermutet wird. Wirst du es schaffen? Und mit dem Kaufvertrag zu Simon zurückkehren?" Gertrud lacht. "Rike, Kindchen, so liebe ich dich. Nein, ich glaube, der Mann lebt schon gar nicht mehr." "Aber weshalb bist du dann gekommen?" "Wegen dir." "Wegen mir?" "Das war nur ein Scherz. Wollen wir gehen?"

Sie gehen durch die Hansenstraße. Unterwegs kaufen sie bei Delikatessen Riemer eine Flasche Weißwein. Gertrud möchte einen Silvaner von der Unstrut. "Das saure Zeug?", meint Ulrike. Der Verkäufer lächelt höflich. Gertrud behauptet, die Thüringer wüssten gar nicht, was sie Gutes an diesem Wein hätten. Der Verkäufer lächelt freudig. "So? Wenn du das sagst, will ich ihn mal versuchen. Wo ist eigentlich Oswald?", fragt sie dann. "In Weimar, alte Freunde besuchen." "Lebt er auch in Afrika?" "Nein, er wohnt in der Lüneburger Heide. Er hat erwähnt, daß seine Tochter in Otjimbingwe eine Farm hat. Er besucht sie fast jedes Jahr. Sie und ihr Mann Raimund waren mit die ersten Deutschen, die ich dort kennenlernte, als ich nach Südwest kam. Wir sind gute Freunde. Und dort habe ich auch Oswald getroffen."

"Ist das wahr, was er da über die Bauern gesagt hat, daß sie alles geplündert haben?" "Die Buren?" "Ja, meine ich doch." "Weißt du, Ulrike, du findest in jedem Land Menschen, die auf ihre Landsleute schimpfen, genauso wie du welche findest, die stolz sind auf ihresgleichen. Eine Nation ist auch letztlich nur ein bunter Haufen von Männern, Frauen und Kindern, manche mögen sich untereinander mehr und manche weniger, und manche hassen sich sogar. Wie heißt es im Evangelium: 'Des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein'. Meistens bestimmen doch die persönlichen Erfahrungen darüber, welches Verhältnis man zu seinem Nächsten hat. Oswald hat eben sehr schlechte Erfahrungen mit den Buren gemacht. Auch die Familie seiner Tochter hat großen Schaden erlitten, aber sie haben sich davon erholt. Oswald dagegen hat das nicht völlig überwunden, man sollte es ihm nachsehen, er kann trotzdem ein herzensguter Mensch sein, auch wenn er manchmal mit dem Säbel rasselt."

Hans ist auch schon daheim. "Ich brüh' euch einen Tee auf", sagt er, "du kannst Gertrud inzwischen die Wohnung zeigen, und deine Chaosbude. Die liebe Ulrike ist nämlich so unordentlich wie früher." "Das ist überhaupt nicht wahr." "Na gut, ein bisschen besser ist es schon geworden." "Ich finde es sehr hübsch hier." "Wenn uns Vater nicht die Wohnung überlassen hätte, müsste ich mir was anderes suchen, und es gibt nicht viel zur Auswahl." "Die haben doch an der Reinhardsbrunner Straße neu gebaut?" "Ja ja, und am Lindenhügel auch, aber die Wohnungen sind nicht billig, und ich allein, soviel verdiene ich nicht."

"Ah, das ist also dein Reich. Sag' mal, soll ich die Schuhe ausziehen?" "Ach Quatsch, komm' nur rein. Alles, was man braucht: Bett, Tisch, Schrank. Na, es ist nicht gerade das Bernsteinzimmer." "Du sollst ja auch nicht für alle Zeiten drin eingeschlossen sein." "Genau, außerdem bin ich sowieso viel lieber im Freien." "Im Freien?" "Ja, draußen, in der Natur." Gertrud zieht die Augenbrauen hoch. "Das ist mir aber neu. Früher hast du dich oft stundenlang in irgendeinen Winkel zurückgezogen und dich nicht blicken lassen."

Ulrike setzt sich auf die Bettkante, schiebt die Hände unter die Beine und schaut aus dem Fenster in die Abenddämmerung. Dann sagt sie "Das war früher, Tante Gertrud. Man entwickelt sich." "Selbstverständlich. Würde mich freuen, wenn du richtig lebenslustig geworden bist." Ulrike sieht sie an und fragt "Aber ich war doch nicht verschlossen, oder?" Gertrud lacht. "Verschlossen? Was verstehst du denn darunter?" "Na irgendwie ..." "Unnormal?" "Für mein Alter." "Gott nein. Vielleicht warst du was Besonderes." "Inwiefern?" "Die besonderen Menschen sind oft auch ein bisschen seltsam." "Oh, also doch." "Ach, jetzt hör' auf damit, bin ich denn deine Amme." Sie lachen. "Hans, bringst du den Tee in mein Zimmer?", ruft sie.

"Die Liese", sagt Gertrud und klatscht in die Hände, "die gibt es noch." Sie nimmt eine Puppe von dem Regal über dem Schreibtisch. Sie hat strohblonde Haare mit Korkenzieherlocken und ein glänzendes Gesicht aus Biskuitporzellan mit großen, braunen Augen und dicken Bäckchen. Sie hat ein Matrosenkleid an und trägt weiße Kniestrümpfe. Ein Schuh fehlt. Die Fingerspitzen sind abgenutzt und haben schwarze Stellen. "Die hat dir deine Mutter bei Kämmer und Reinhardt aus dem Musterverkauf besorgt." "Du irrst dich, Tante Gertrud." Gertrud schaut sie fragend an und will darauf bestehen, doch Ulrike sagt "Liese kommt von einer Insel im Meer, du siehst es doch am Matrosenkleid." "Ja, natürlich, was rede ich da, Kämmer und Reinhardt sind ja bloß ihre Onkels." "Sie ist auf dieser Insel geboren, und solange sie denken kann, hat sie nur einen Schuh." "Deshalb hat sie sich wohl auf die Reise gemacht?" "Richtig, auf die Suche nach dem anderen. Sie wusste, daß ihre Onkels in Weilershausen leben und etwas von Puppenschuhen verstehen, deshalb kam sie zuerst hierher." Gertrud glättet das Haar und rückt das kleine weiße Halstuch zurecht. Sie wendet sich zu Ulrike um und flüstert, als könnte jemand mithören "Sie kann wirklich denken?" Ulrike nickt, dann flüstert sie zurück "Seit der Sache mit dem Schuh." "Was für ein denkwürdiges Ereignis."

Sie setzt Liese wieder ins Regal, und von dort lacht sie die beiden Frauen an. Dann meint Gertrud "Aber schwimmen kann sie nicht. Weißt du, wie sie im Cumbacher Teich abgegluckert ist? Du hast fürchterlich geschrien, und irgendein Mensch vom Schwimmverein hat sie wieder hochgeholt." "Dagobert Scholz war das", entgegnet Ulrike trocken. Gertrud schüttelt sich vor Lachen. "Genau. Ritter Dagobert." "Im schwarzweißroten Badeanzug", ergänzt Ulrike. Gertrud kann sich nicht mehr halten und plumpst neben Ulrike aufs Bett. "Hast du mit dem was gehabt?" "Ich? Mit Dagobert? Niemals", ereifert sie sich und fügt hinzu "und wenn, habe ich's wohl vergessen." "Du warst ein ganz schön kesses Mädchen damals." "Also hör' mal, das klingt, als wäre es vor der Entdeckung Amerikas gewesen. Manche haben mich für Irmgards Tochter gehalten, lach' nicht, ich hab' immer gesagt, du bist meine kleine Schwester."

Hans bringt den Tee, entschuldigt sich jedoch, daß er nicht dableiben kann, er muss für seine Funkerjungen etwas besorgen. "Mach' uns wenigstens den Wein auf", sagt Ulrike. Dann fragt sie Gertrud "Was willst du dir ansehen? Jetzt, wo du nach so langer Zeit wieder hier bist." "Alles, die ganzen alten Orte, meine alten Lieblingsplätze und ... nein, Kindchen, dafür reicht es nicht. Ich muss mich um eine wichtige Sache kümmern. In Ilmfeld gibt es eine kleine Fabrik, wo Hanfschläuche hergestellt werden." Ulrike sieht die Tante komisch an. "Hanfschläuche? Was in aller Welt hast du damit zu tun, oder willst du mich zum Narren halten?" "Keineswegs, das ist eine sehr ernste Sache, und sie könnte noch ernster werden. Simon hat alte Anteile an der Fabrik, na es ist wohl eher eine größere Werkstatt. Der Inhaber ist Jude und muss das Geschäft abgeben." "Verkaufen sich Hanfschläuche so schlecht?" "Ich glaube nicht, Simon behauptet sogar, es wäre ziemlich zukunftsträchtig, wegen der Feuerwehr und der Wehrmacht und so. Es hat andere Gründe, weshalb der Geschäftsführer den Laden aufgibt. Jedenfalls soll ich Simons Interessen geltend machen."

"Du willst seinen Anteil abkassieren." "So einfach geht das nicht. Er hat mir ... du erzählst das bitte keinem weiter, nicht wahr?" "Nein." "Also, Simon hat seine Rechte auf mich übertragen." "Dann bist du Teilhaberin einer Hanfschlauchfabrik." "Sozusagen." "Wieviel Geld ist das denn?" "Weniger als du vielleicht denkst, aber zumindest soviel, daß es sich lohnt, hierher zu kommen." Ulrike schweigt. Gertrud sagt "Das war aber wirklich nicht der Hauptgrund." "So? Und welcher war es dann?" "Rike! Was erwartest du von mir, das ich dir sagen soll?" Es gibt wieder eine kurze Pause, in der Ulrike nachzudenken scheint, dann sagt sie "Es ist seltsam, seit dem ersten Moment, als ich dich wiedergesehen habe, geht mir so ein Gefühl im Innern herum, so ... ich weiß auch nicht genau." "Hm", macht Gertrud wie eine Kinderärztin bei unklaren Symptomen.

"Kannst du das Geld überhaupt mit nach Hause, ich meine, mit nach Afrika nehmen?" "Das ist ein weiteres Problem. Angenommen, ich erhielte meinen Anteil ausgezahlt, dürfte ich einen solchen Betrag nicht ausführen. Ich werde versuchen ..." "Es zu schmuggeln?" Gertrud lacht. "Oh nein, denkst du, ich möchte Bekanntschaft mit den Herren vom Volksgerichtshof machen? Nein, ich werde es in der Reichsanleihe anlegen, die ist kürzlich aufgestockt worden, nachdem sie überzeichnet worden war." "Ihr seid ja da unten ganz schön auf dem Laufenden, was hier vor sich geht." "Das muss man auch, es stehen unruhige Zeiten bevor." "Wo?" "Na hier vor allem, bei dir, mein Mädchen." "Bei mir? Was soll hier schon passieren." "Das wirst du noch früh genug merken, hoffentlich früh genug." "Du machst einem ja richtig Angst." "Ach geh', du bist nicht die Ulrike, die sich ins Bockshorn jagen lässt." "Das stimmt. Doch manchmal mache ich mir auch ernsthafte Gedanken um meine Zukunft", beteuert sie und nickt dabei kräftig mit dem Kopf. "Na dann, lass uns darauf trinken, auf deine Zukunft." "Und auf deine Geschäfte."

Gertrud möchte unbedingt das Schloss Reinhardsbrunn besuchen, die alte Grabstätte der Thüringer Landgrafen seit ihrem berühmten ersten Sprössling und sagenumwobenen Helden Ludwig der Springer, der einst mit einem Bekenntnis zur Reue und aus Buße für einen von ihm zumindest angestifteten, wenn nicht selbst begangenen Mord an einem Pfalzgrafen, dessen Witwe er hernach ehelichte, das Kloster an diesem Orte gegründet hatte, das allerdings in den Tagen der Bauernaufstände niedergegangen war. Heute steht dort ein hübscher, maßvoller, herzoglicher Bau im neogotischen Stil, in dem die Gebeine der alten Recken aufbewahrt sind.

Der urwüchsige, für die Waldeslage recht weitläufige Gartenpark und mehrere Teiche, die von den einstigen Mönchen planvoll angelegt wurden, verbreiten, wie Tante Gertrud meint, eine Atmosphäre von Stille, Frische und einen Hauch Vergänglichkeit zugleich, was Ulrike, die Mühe hat, sich Gertruds oft jäh wechselndem Schrittempo anzupassen, nur teilweise nachzuempfinden vermag. Aber sie hat für Gertrud auch eine Überraschung. Der Major wollte die Damen hinausfahren, doch Ulrike schlägt vor, daß sie die neuerbaute sogenannte Thüringer Waldbahn benutzen, eine Art elektrifizierte Straßenbahn, deren Strecke erst vor wenigen Jahren gelegt und eröffnet wurde und die auch Gertrud ein Wort des Staunens und der Anerkennung wert ist.

Einen anderen Tag verbringen sie in Eisenach, wo Gertrud nicht, wie Ulrike vermutet, nach den Spuren des ersten Diamantenschürfers August Stauch suchen will, sondern sich das Geburtshaus des Johann Sebastian Bach anschaut und dabei von einem Orgelkonzert in der Kirche von Lüderitz schwärmt, bei dem ein blutjunger Organist, ein Japaner zudem, letzthin einige Stücke des hochberühmten Komponisten gespielt hat. Dann steigen sie zur Wartburg hinauf, und Gertrud ist fassungslos über das riesige metallene Hakenkreuz, das auf der Spitze des Bergfrieds statt des alten christlichen Kreuzes installiert worden ist. "Meine Güte, ist das geschmacklos", meckert sie. Ulrike meint, so schlecht sähe es nun auch wieder nicht aus, es passe irgendwie da oben drauf. Gertrud sieht sie an, als habe sie über einen bekanntermaßen unausstehlichen Vorfahren der Familie ein gutes Wort verloren, und sie murmelt "Du hast dich wohl schon an derlei Anblick gewöhnt?" Sie nimmt ihr die Stichelei nicht übel und muss lachen, als Gertrud sagt "Hoffentlich schlägt demnächst der Blitz ein."

Der Major hatte sie am Anfang des Fußwegs abgesetzt und sie wollen sich auf der Berg Lichtung der "Hohen Sonne" wieder treffen. Dorthin führt der Weg durch die Drachen Schlucht, ein tief von urzeitlichen Wassern ausgewaschenes Felsental, das stellenweise so eng ist, daß sich zwei entgegenkommende Personen seitwärts aneinander vorbeiquetschen müssen, doch meistens drückt sich einer von ihnen in eine Nische im Stein. Dunkelschattig und feucht ist es hier, und unter dem Holzsteg gluckst das Bächlein, zu dem der einst meterhoch rauschende Strom zusammengesunken ist.

Oswald sitzt im Gasthausgarten und raucht eine Zigarre, und seine Besorgnis wirkt wenig überzeugend, als er sagt "Ich dachte schon, der alte Drachen hätte euch weggeschnappt." Gertrud fängt eine Duftfahne vom Holzkohlenrost auf und bekommt Heißhunger auf eine Thüringer Bratwurst, die hier überdies von einem Gothardauer Fleischer im Freien gebraten und feilgeboten wird. Auch die gibt es als Spezialität natürlich in einem Restaurant in Lüderitz, aber, so versichert Gertrud, es ist dort nicht die echte, allein schon weil ihr die unverwechselbaren Gewürze fehlen. Der Fleischer, dem sie das erzählt, lacht stolz und befriedigt, bedauert aber sogleich, über die Rezeptur nichts verraten zu dürfen. Das sei nicht weiter schlimm, meint Gertrud, wenn sie nur gut schmeckt, und außerdem sei sie kein Spion in Sachen Bratwurstpatent.

Auf der Rückfahrt nach Gothardau kommen sie am "Waldschlösschen" vorbei, einem alten Chausseehaus, das Tante Gertrud aus früheren Tagen bekannt ist. Sie schlägt vor, dort einzukehren, aber es sieht wie unbewirtschaftet aus. Oswald erkundet die Hinterseite, und einige Minuten später hört man in der Eingangstür einen Schlüssel im Schloss und die Wirtin erscheint. Wegen einer Familienangelegenheit ist keiner außer ihr im Hause, aber sei es, weil sie aus Gewohnheit Gäste, die vor der Tür stehen, nicht wegschickt oder weil sie selber über ein bisschen Belebung froh ist, bittet sie die Besucher in den Gastraum und improvisiert einen kleinen Imbiss. Man lässt das Gesehene und Erlebte der letzten Tage Revue passieren, Ulrike gesteht, seit Jahren nicht mehr so weit weg von Gothardau gewesen zu sein. Tante Gertrud kramt in Erinnerungen, und Oswald trägt mit der einen und anderen Anekdote zur Unterhaltung bei.

Ob Ulrike nun schon einen Gegenbesuch bei Gertrud geplant habe, fragt er dann. Ulrike tut überrascht wegen dieser abwegigen Idee, Gertrud schweigt zunächst und schaut sie aus den Augenwinkeln an. Nein, das wäre ja undenkbar. "Wenn es undenkbar wäre", meint Oswald, "hätte ich nicht danach fragen können." "Für Sie, Herr Major, ist so was vielleicht möglich, aber wie soll ein armes Mädchen wie ich ernstlich erwägen, nach Afrika zu reisen." Oswald widerspricht. Wenn sich das überhaupt jemand zutrauen könnte, dann doch zweifellos ein junges Fräulein, das es in jeder Hinsicht mit den Überraschungen des Lebens aufnehmen kann. Und würde denn nicht überall und allenthalben in Deutschland das neue, enthusiastische Lebensgefühl propagiert, die "Kraft durch Freude", welche den Menschen - und gerade der Jugend - so einen Schwung verleihen soll. Wie bekäme man mehr Kraft durch Freude als auf einer Reise?

Gertrud schaltet sich ein und fragt, in welchem Sinne Ulrike von sich als dem "armen Mädchen" spreche, aus mangelndem Vermögen oder aus geistiger Beschränkung? Ulrike zuckt daraufhin mit den Schultern. "Wahrscheinlich beides. Obwohl, dumm bin ich nicht." Und was das Geld anlangt, so mutmaßt sie, könnte man übers Jahr vielleicht genug zusammensparen. "Na bitte", frohlockt Oswald, "das klingt schon viel optimistischer." Ulrike schweigt und dann will sie sagen, daß das kein Versprechen gewesen sei und daß Gertrud sie auch gar nicht ausdrücklich eingeladen habe, aber Oswald fällt gerade eine lustige Geschichte ein, und die Wirtin hat sich zu ihnen gesellt, und Ulrike sagt nichts. In der Nacht hat sie den allerverrücktesten Traum, doch am Morgen ist alles entschwunden.

Tante Gertrud und der Major haben sich nach Ilmfeld begeben, um ihre Sache mit der Hanfschlauchfabrik zu regeln. Ulrike geht ihrer gewohnten Arbeit nach, und alles ist wie immer, aber in ihrem Innern begleitet sie ein undefinierbares Gefühl, so als würde in einem verschlossenen Kasten ein kleines Licht brennen, das darinnen eigentlich ganz unnütz ist, und nur der Gedanke an dieses geheime Leuchten lässt sie nicht los. An dem Donnerstag kommen die beiden nicht wie vorgesehen zurück, und Ulrike denkt, es wird sicherlich eine Verzögerung wegen dem Papierkram über die Eigentumsverhältnisse der Fabrik geben. Dann vergeht das Wochenende, und Gertrud und Oswald lassen weiter auf sich warten. Allmählich kommt es Ulrike spanisch vor. Gäbe es Probleme, könnte Gertrud anrufen. Weil sie es nicht tut, ist wohl weiterhin täglich mit ihr zu rechnen.

* * * * *

Eines Abends klingelt es und der Portier vom Coburger Hof, wo Tante Gertrud logiert hatte, teilt "im Auftrag des Herrn Major Nachtwey" mit, daß die Herrschaften abgereist und die beiden einzigen Gepäckstücke, die sich hier befanden, an eine genannte Adresse nachgeschickt worden seien. "Wohin?", will Ulrike wissen. "Nach Hannover." "Und sonst? Keine Nachricht oder so etwas?" "Nein", erwidert der Portier, und setzt dann zögernd hinzu "allerdings hat der Herr Major gesagt, ich könnte vielleicht von dem Fräulein für meine Mühe einen kleinen Obolus erhalten ..." Er zieht die Mütze und senkt untertänig das Haupt wie ein russischer Lakai. Ulrike gibt ihm ein Geldstück, und er bedankt sich vielmals, er stehe jederzeit zu ihren Diensten. Sie berichtet es Hans, der meint, es werde sich schon aufklären.

Dann erhält Ulrike einen Brief, in dem sie aufgefordert wird, sich in der Erfurter Straße 2, im Zimmer 210 zum genannten Termin einzufinden, sie solle ihren Reisepass mitbringen. In der Erfurter Straße 2 befindet sich bekanntlich die Polizeiwache, aber in dem großen Gebäude, das sich nach hinten bis zur Mönchelstraße erstreckt, sind eine Reihe von Ämtern und Behörden untergebracht, und neuerdings, was Ulrike jedoch nicht weiß, auch eine Außenstelle der Gestapo. Sie kramt ihren Pass heraus, den sie seit Jahr und Tag nicht gebraucht hat. In der Vorladung steht, es ginge um die "Klärung eines Sachverhalts", was kann damit gemeint sein? Für einen Moment schießt ihr ein unglaublicher Gedanke durch den Kopf: sollte Tante Gertrud Ulrikes Reise nach Südwestafrika still und heimlich organisiert haben? Und wären jetzt alle erforderlichen Reisedokumente bei der Behörde hinterlegt, wo Ulrike sie in Empfang nehmen soll? Sie sieht sich dem Beamten gegenüber, der einen großen Stempel auf ein Schriftstück drückt und ihr irgendwelche Merkblätter über die Zollbestimmungen aushändigt. Oder vielleicht eines über die häufigsten Krankheiten, denen man für jene Region unbedingt vorbeugen sollte. Wie würde sie so schnell ihren Koffer packen können? Und das nötige Geld? Sie müsste es sich borgen, etwa bei ihrem Chef Bierloch?

Um Geld geht es dann tatsächlich, allerdings in völlig anderem Zusammenhang. Auch der Beamte sitzt ihr gegenüber, aber auf seinem Schreibtisch sind keine Papiere zu sehen, er ist geradezu leer, wie ein glatt gehobeltes, matt lackiertes altes Brett, das so abstoßend wirkt, daß man sich nicht traut, die Hand darauf zu legen. Der Mann verlangt ihren Pass und blättert in den paar Seiten vor und zurück, als wäre es ein Kalender und er suche einen bestimmten Tag. Einmal wirft er ihr einen Blick zu, offenbar vergleicht er das Foto. Er sagt lange nichts, und dann, während seine Fingerkuppen penetrant über die Kanten der kleinen Seiten rutschen, sagt er "Sie hatten Besuch von ihrer Tante, Fräulein Friedewald?"

Irgendetwas hatte sich mit dem Eintritt in dieses Zimmer auf Ulrikes Stimme gelegt, sie hatte es sofort gemerkt, als sie "Guten Tag, ich komme wegen der Vorladung" sagen wollte und der Mann ihr ein "Heil Hitler" entgegenwarf. Deshalb bleibt sie auch jetzt stumm und nickt nur kurz, und der Mann, dem das anscheinend nicht genügt, vergewissert sich über etwas, das ihm wahrscheinlich ohnehin bekannt ist. "Ist das die Schwester Ihrer Mutter oder Ihres Vaters?" "Der Mutter natürlich", entgegnet sie. "Natürlich", sagt der Mann, und sein Herumgefummel in dem Pass macht Ulrike immer nervöser. "Darf man fragen, was der Grund ihres Besuchs war?" Ulrike sagt, daß sie immerhin von hier stammt und nach langer Zeit wieder einmal herkommen wollte. Der Mann grinst unverfroren. "Ja ja, es zieht einen immer in die alte Heimat zurück. Ihre Tante lebt jetzt, soviel ich weiß, in Südwestafrika." "In dem ehemaligen deutschen Schutzgebiet." "Ehemalig, in der Tat, zur Zeit gehört es nicht zu Deutschland." "Kann sein." "Nein, Fräulein Friedewald, das kann nicht nur sein, das ist so. Für uns ist das Ausland." "Na ja."

Eine Tür an der Seite geht auf und ein zweiter Mann tritt ein. Er hat eine schiefe Schulter und sein Gesicht ist eingefallen und von gelblicher Farbe, er sieht aus, als würde er zuviel Zigaretten rauchen. Der am Tisch sitzt, strafft sich bei seinem Eintreten, und es scheint sogar, als wollte er aufstehen, besinnt sich dann jedoch; es könnte der vorgeladenen Person womöglich Aufschluss über die Dienstverhältnisse geben. Der Gelbgesichtige schließt hinter sich die Tür, sagt keinen Ton und stellt sich ans Fenster. Er schaut hinaus, und verhält sich so, als wäre er ganz allein im Raum, aber man spürt, daß er angespannt lauscht und lauert wie ein Fuchs, der auf seinem Streifzug ein Rascheln vernommen hat.

"Ihre Tante ist unvermutet abgereist", stellt der erste fest und legt endlich den Pass hin. "Wie kommen Sie darauf?", fragt Ulrike, die sich längst insgeheim gesagt hat, sie darf so wenig wie möglich verraten. "Sie hat sich jedenfalls nicht von Ihnen verabschiedet, oder?" "Warum sollte sie das nicht getan haben?" "Ja, warum. Fräulein Friedewald, ich habe Sie hergebeten, damit ich von Ihnen Antwort auf meine Fragen bekomme und nicht umgekehrt." Ulrike verzieht das Gesicht. "Ich weiß nicht." "Was?" "Was sie außerdem vorhatte, wir haben darüber nicht gesprochen." "Und weshalb sie nach Ilmfeld gefahren ist, haben Sie darüber mit ihr gesprochen?" Der Mann am Fenster hat sich vor dem letzten Wort der Frage umgedreht, um Ulrikes Reaktion zu beobachten. "Nach Ilmfeld?", sagt sie scheinbar ahnungslos, "Vielleicht hat sie dort alte Bekannte."

Der am Tisch lehnt sich zurück und schnauft, als würde er erkennen, daß er so nicht weiterkommt, er schaut zu dem anderen. Der hat sich, wie es nicht anders zu erwarten war, eine Zigarette angezündet. Er zieht den Rauch tief ein und an der Zigarette rückt ein feuerroter Ring das Papier entlang. Ulrike überlegt, woher diese Leute ihre Informationen haben, aber jetzt hat sie nicht genügend Zeit, um darüber zu spekulieren, wenn sie sich auf ihre Antworten konzentrieren muss. Der Mann gegenüber hakt nach. "Die Ilmfelder Firma Feinberg und Co ist Ihnen bekannt." Ulrike lacht wie über eine dumme Bemerkung, aber es klingt nicht echt. Wem gegenüber hat sie diese blöde Schlauchweberei erwähnt? Hans weiß davon, und ihrem Chef Bierloch hat sie gesagt, wohin Gertrud gefahren ist, aber nicht weshalb. Und der Major kennt alle Einzelheiten.

Warum fragen diese Männer überhaupt immer nur nach Gertrud und erwähnen den Major mit keinem Wort? Was soll sie sagen? Kennt sie die Firma angeblich nicht, wissen die beiden, daß sie lügt, dann kann es eng für sie werden. Sagt sie, sie hat davon gehört, muss sie sich was ausdenken. "Ich müsste mal austreten, wo ist hier die Toilette?", fragt sie. Die beiden sind ein bisschen verdutzt, und es scheint, als würde der Gelbgesichtige dem anderen leicht zunicken. Der sagt, da müsse sie hinunter in den Keller und beschreibt den Weg. "Das finde ich", sagt sie, und er schaut sie eindringlich an. "Aber sie werden uns nicht abkrauten wollen, Fräulein Friedewald." "Wie bitte?" "Schon gut, gehen Sie."

Sie steigt die Treppen hinab und läuft über die Gänge mit tausend Türen. Dann geht sie an einer Fensterfront entlang, wo man auf einen Innenhof blicken kann. Wieder eine Treppe nach unten und um zwei Ecken, und dann merkt sie, daß sie falsch ist. Sie will an einer der Türen klopfen, "Referat III. Personalangelegenheiten" steht auf einem Schild, da kommt ein Mann den Gang entlang. "Kann ich Ihnen helfen?", fragt er, und als er bei ihr ist, sagt er "Ulrike?" "Ach, Herr Baumbach. Ich suche die Toilette." "Die Damentoilette? Da müssen sie die von der Putzfrau benutzen, im Keller." Sie freut sich, einem Bekannten in diesem unheimlichen Gemäuer zu begegnen; die Toilettensache war sowieso nur ein Vorwand.

"Was machen Sie denn hier?", fragt sie Herrn Baumbach. Er rümpft die Nase. "Tja, ich arbeite jetzt hier." "In der Polizeiwache? Da sind sie sozusagen aufgestiegen und müssen nicht mehr Streife laufen wie früher." "Nein, das nicht mehr." "Ich weiß noch, wie sie uns damals immer in den Schrebergärten von den Kirschbäumen heruntergeholt und ordentlich ausgeschimpft haben." Herr Baumbach lacht. "Ja, ihr wart eine ganz schöne Rasselbande." "Der Horst war auch dabei." "Zu meinem Leidwesen." "Deshalb haben sie uns immer laufenlassen, stimmt's?" "Nicht immer." "Ach ja, einmal haben wir die Runde machen müssen, zu allen Eltern hin, und dann gab's die Tracht Prügel, als Sie weg waren." "Wie sich's gehört."

"Wie geht es dem Horst, wollte er nicht auch Polizist werden?" "Er ist in Berlin, in Bernau auf einer Spezialschule." Baumbach schaut sich um, der Flur ist leer, aber ihre Stimmen sind laut. "Vom SD", sagt er. "Ist das eine Spezialeinheit?" "Gewissermaßen, es ist die Vorbereitung auf einen Posten in der Prinz-Albrecht-Straße." "Sitzt da nicht der Himmler mit der SS?" (Das wusste sie von Wolf Dressel.) "Richtig." Sie bläst durch die Lippen. "Da können Sie ja mächtig stolz sein auf ihren Sohn." Baumbach wiegt den Kopf. "Ja. Aber ich muss dafür jetzt hier in dem Bau arbeiten. Es gibt jede Menge neue Umstrukturierungen, die Kripo wird der Sicherheitspolizei unterstellt, und die Sipo Leute werden in die SS aufgenommen, mein Aufnahmeverfahren läuft zur Zeit. Glaub' mir, Ulrike, manchmal sehne ich mich nach den Schrebergärten zurück, wo ich euch von den Obstbäumen verjagt habe. Und warum bist du hier?" "Ach, bloß so was wegen meinem Reisepass, da muss ich gleich wieder hin. War schön, Sie mal wiederzusehen, und sagen Sie dem Horst einen Gruß von mir." "Mache ich. Dort ist die Treppe zum Keller, ich glaube, die Putzfrau ist unten."

Auf dem Steinfußboden steht ein Wassereimer, ein Schrubber mit Wischlappen lehnt an der Wand. Ulrike ruft "Hallo?", die Putzfrau taucht aus einer kleinen Nische auf, sie hat ein Kopftuch umgebunden und sieht aus wie die Witwe Bolte. "Ich wollte nicht stören, ich suche bloß die Toilette, ich hätte nicht gedacht, daß das so schwierig ist." "Das ist auch keine Bedürfnisanstalt", entgegnet die Putzfrau. Da sieht Ulrike, daß sich in dem Durchgang, aus dem die Frau hervorgetreten ist, drei Zellen mit Gittertüren befinden. Eine steht offen, und auf dem heruntergeklappten Wandtisch, nicht größer als ein Tablett, steht ein Blechteller mit blassgrüner Erbsensuppe, in die ein Löffel getaucht ist. Die Putzfrau bemerkt Ulrikes Blick und schaut ebenso in die Zelle, die kein Fenster hat und durch eine nackte Glühbirne beleuchtet wird. Zwischen den Metallstäben der Gittertür hängt ein Gürtel oder Lederriemen. Der Boden der Zelle hat einen großen feuchten Fleck, wo offenbar gerade gewischt wurde.

"Da drüben die rechte Tür. Müssen Sie Groß?" "Bitte?", fragt Ulrike, die noch mit dem Anblick der Zelle beschäftigt ist. "Brauchen Sie Papier?" "Nein danke, eigentlich ..." Sie will sagen, daß sie gar nicht so dringend muss, aber im selben Moment ist ihr, als würde sie in die Hose machen, irgendetwas da unten gehorcht nicht mehr ihrem Willen. Sie rennt zu der Tür und schafft es gerade bis zum Abort. Sie ist fest entschlossen, den Männern oben in Zimmer 210 zu sagen, daß sie nichts weiß und daß sie das Haus unverzüglich verlassen wird. Sie sieht die Putzfrau, die in der Zelle auf dem Schemel sitzt und die Erbsensuppe löffelt. Ihre Blicke treffen sich. Die Putzfrau murmelt "Ist doch schade drum", und Ulrike stürzt hinaus.

Sie erwartet, daß der Mann hinterm Schreibtisch sagt 'Hat ganz schön lange gedauert' oder so etwas ähnliches, aber er wartet seelenruhig. Statt des Passes hält er ein Formular in Händen. Der Gelbgesichtige ist weg, die Tür zum Nebenzimmer ist halb auf. Ulrike will ihren Spruch loswerden, doch der Mann sagt in fast lockerem Ton "Tut mir leid, daß wir uns so lange mit Ihnen beschäftigen. Ich bin verpflichtet, Sie über unsere gesetzlichen Devisenbestimmungen zu belehren, Sie sehen ja selbst, wie schnell man in Kontakt mit Ausländern und ausländischer Währung kommen kann." Dann liest er im Schnelldurchlauf die wichtigsten Punkte vor und am Ende die Strafen, die einem drohen, wenn man dagegen verstößt. "Sie müssen bitte hier unterschreiben", sagt er, dreht das Blatt zu ihr und legt einen Stift daneben.

Sie macht einen schrecklichen Krakel und greift nach ihrem Pass, aber der Mann ist schneller, hält seine Hand darauf und sagt "Den müssen wir zwecks Überprüfung noch eine Weile einbehalten, Sie bekommen Bescheid, wenn Sie ihn abholen können." Sie wird wütend und ist drauf und dran, dem Mann Willkür und Amtsanmaßung und was ihr sonst einfällt vorzuwerfen, da erscheint der Gelbe in der Tür, in der einen Hand eine glimmende Zigarette, in der anderen, mit zwei Fingern am äußersten Zipfel haltend, ein Taschentuch. "Haben Sie das unten im Keller liegenlassen?", fragt er Ulrike. Sie schüttelt den Kopf. Es ist ein verschmutztes, altes Männertaschentuch, und sie will gar nicht genau hinsehen und erkennen wollen, ob diese roten Tupfen zwischen den Falten halbgetrocknetes Blut sind. "Dann gehörte das wohl unserem letzten Gast." Der am Tisch lehnt sich zurück, verschränkt die Arme hinterm Kopf und sagt "Sie dürfen jetzt gehen, Fräulein Friedewald."

* * * * *

In der Goldbacher Straße hat der Viehhändler Heilbrunner sein Geschäft. Soweit sich Ulrike erinnern kann, wird er nur "Vater Abraham" genannt. Man geht durch den Eingang, der eine Tür in einem großen Holztor ist, das der Viehhändler aufmacht, wenn eine Lieferung ankommt. Das Tor hat einen dunkelgrünen Anstrich, die Farbe ist stellenweise abgeblättert, das Holz vertrocknet und rissig, die Eisenbeschläge verrostet. Neben der Tür hängt ein Schild mit den Verkaufszeiten, der Laden, wenn man es so nennen will, hat dreimal wöchentlich geöffnet, ein Fleischerladen.

Das Hauptgeschäft mit dem Vieh wickelt Vater Abraham zwar auch hier ab, aber es sind nirgends lebende Tiere zu sehen, außer einem alten Hofhund. In dem Laden gibt es Frischfleisch, preiswert und in annehmbarer Qualität, doch nicht annähernd in der Auswahl wie bei den anderen Fleischern in der Stadt. Dagegen waren sein Laden und sein Vieh im Unterschied zu manchen anderen bisher nicht von Trichinen im Schweinefleisch oder von Fällen der Maul und Klauenseuche betroffen gewesen, obwohl man sagt, daß bei ihm immer besonders streng kontrolliert werde. Gerade das ist eine gute Reklame, und viele fragen sich, warum der Heilbrunner nur so ein dürftiges Angebot hat.

Die anderen Juden kaufen bei ihm koscheres Fleisch und man bekommt hier auch Fleisch als Hundefutter. Die Juden und die Hundehalter kommen zu jeder Zeit, und wenn er nicht da ist, haben sie Pech gehabt. Der Laden befindet sich auf dem Hinterhof, er ähnelt einer Werkstatt mit einer breiten Fensterfront mit vielen kleinteiligen Scheiben, die auf beiden Seiten, besonders am unteren Rand, verstaubt sind. Vor dem Laden ist ein Regendach aus Blech, das im Sommer Schatten spendet. Aber es hat keine Dachrinne, und bei Regen tropft das Wasser auf den Hofboden, und es bildet sich ein schlammiger Streifen. Das Grundstück dehnt sich nach hinten aus, von der Straßenseite aus vermutet man kaum, wie langgestreckt die Schuppen sind, und daß der Garten am Ende schon an den Drahtmühlenweg grenzt.

Der Viehhändler Heilbrunner hat ein weiteres Gelände an der Straße nach Goldbach, neben der Gärtnerei Bruckner. Dort sind Ställe und dort stellt er seine Fuhrwerke unter. Wenn man auf dem Feldweg entlang und an den Ställen vorbeigeht, hört man die Schweine grunzen und quieken und die Kühe muhen. Manchmal liegt ein dickes Schwein, eine Sau, an der Bretterwand in der Sonne, und eine Menge Ferkel wetzen herum und beißen sich gegenseitig in den Schwanz. Als es noch keinen Tierpark gab, haben die Leute am Sonntagnachmittag oft einen Spaziergang zu Vater Abrahams Haustierzoo gemacht und sich über die Schweinefamilie amüsiert. Er hielt dort auch jede Menge Federvieh, aber nur, was am Boden blieb, also keine Tauben. In dem Laden gibt es Hühnerfleisch, Eier, Butter und frische Milch, die immer rasch ausverkauft ist.

Vater Abraham hat eine sehr hübsche Frau, die fast orientalisch aussieht, denkt Ulrike immer. Er selbst ist klein, dick und hässlich. Er hat rostrotes Haar und einen stachligen Bart über den dicken Lippen. Er hat dicke, fleischige Finger und eine gepresste, quäkende Stimme. Wenn er sich fein macht, zwängt er sich in einen grauen Anzug, der ihm mindestens eine Nummer zu klein ist, und es scheint, er würde ihn nur anziehen, weil er zu geizig ist ihn abzulegen und sich einen neuen zu kaufen.

Aber seine Frau Rebekka ist die Schönheit in Person, und es umgibt sie ein zauberischer Hauch, der nicht in Worte zu fassen ist, eine fast geheimnisvolle Aura. Selbst jetzt im Alter, da ihr Haar silberweiß und ihre Haut nicht mehr glatt sind, strahlt sie von innen her eine frische und stolze Anmut aus, und wenn sie auf der Straße geht, dann trägt sie wundersame Kleider aus Seide und Samt, Wolle und Leinen und aus Stoff, den man ebenso wenig kennt wie den Schneider, der diese kunstvollen Verhüllungen schuf. Mit ihrem goldenen Geschmeide an Händen, Handgelenken, Hals und Ohren, im Haar einen elfenbeinernen Kamm, mit den funkelnden Stickereien und den kleinen, schmuckvollen Ornamenten, die den Kragen und die Ärmelaufschläge zieren oder sich in den tiefen Falten des Rockes verbergen, gleicht sie jener Tochter aus dem Vaterhause, das einst in Jerusalem oder irgendwo an den Küsten des Mittelmeers stand.

Jakob Heilbrunner ist der Sohn von Abraham und Rebekka, ein schneidiger ehemaliger Reichswehroffizier, kaisertreuer Soldat, Kriegsfreiwilliger, Träger des EK Erster Klasse, deutschnational, aktives Mitglied im Reichsbund jüdischer Frontsoldaten, ein schöner Mann und ein bisschen eitel, zu schön und zu eitel, um sich in Abrahams Viehhandlung die Hände schmutzig zu machen, weswegen auch feststeht, daß er das Geschäft nicht übernehmen und fortführen wird. Jakob Heilbrunner ist Anwalt und hat sich seinerzeit schon an der Seite von Dr. Leo Gutmann bei dessen Anstrengungen um die Deutsche Demokratische Partei und die Sammlung der nationalliberalen Kräfte der Stadt verdient gemacht. Zeitweise stand er dem Herzog nahe, der selbst SA Gruppenführer ist und damit immerhin im dritthöchsten Rang der SA steht, dem man aber keine Judenfeindlichkeit unterstellen kann, der die Juden toleriert, wo er sie für nützlich hält, so wie er andererseits die Nationalsozialisten und die Demokraten verschmäht, wenn sie gegen die Fürstenherrschaft protestieren, so wie es seit den Tagen des republikanischen November, als man den Herzog enteignen wollte, immer mal wieder vorkommt.

Jakob Heilbrunner verlor seine Stellung beim Landgericht nach dem "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" und dessen Folgebestimmungen, die weniger auf Wiederherstellung als vielmehr auf Entlassung von Leuten seinesgleichen abzielten. Seitdem praktizierte er freiberuflich, was sich mehr und mehr, und das hieß enger und enger auf den Kreis der jüdischen Bürger beschränkte. Er war bis vor kurzem im Stiftungsausschuss der Wartburgstiftung tätig und hatte dort beispielsweise dafür gesorgt, daß jenes protzige Hakenkreuz, das Tante Gertrud so fürchterlich fand, wieder vom Bergfried abmontiert wurde. Der Stiftungsausschuss war kürzlich auf Betreiben des Reichsstatthalters aufgelöst worden, nachdem sich ein anderer Herzog geweigert hatte, dem Aufruf und der Beibringung einer Österreich Spende zur Finanzierung der grandiosen Volksabstimmung nachzukommen.

Und Jakob Heilbrunner hatte schon sein Amt im Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens abgegeben, kurz bevor dieser verboten worden war. Darüber war er allerdings weiter nicht unglücklich gewesen, denn die Tätigkeit war ebenso nervenaufreibend wie unbefriedigend. Vater Abraham und Rebekka waren Großeltern geworden, als der kleine Ludwig geboren wurde. Und nun war es abermals soweit, und es kam Siegfried auf die Welt, und Vater Abrahams Freude über das Familienglück wurde lediglich cum grano salis verdorben wegen des urdeutschen und unjüdischen Namens, den Jakob Heilbrunner und seine Frau wohlweislich bis nach der Entbindung geheimgehalten hatten.

Und auch anderen scheint der Name nicht zu gefallen, oder vielleicht sehen sie darin eine unverschämte Aneignung deutschen Brauchtums und mehr noch: eine Provokation. Als Ulrike eines Tages zum Fotogeschäft geht und an dem Schaufenster vorbei kommt, wo der "Stürmer", das propagandistische Organ der SA, zum Lesen aushängt, fällt ihr ein gehässiger Kommentar ins Auge, der sich auf die vorhergegangene Geburtsanzeige ebenjenes Siegfried Heilbrunner in einem städtischen Tagesanzeiger bezieht. Im "Stürmer" steht, der "vollgefressene Schächter und Viehjude Heilbrunner aus der Goldbacher Straße" habe sich erdreistet, diese Geburtsanzeige in aller Öffentlichkeit zu verbreiten, um damit der deutschen Bevölkerung mit unerträglicher Frechheit eine Fratze zu schneiden. Dann folgt der auszugsweise Nachdruck der Annonce mit den Vor und Zunamen Siegfried Heilbrunner, wobei das "Sieg" und das "Heil" jeweils fettgedruckt sind.

Ulrike muss schmunzeln über den Scherz, auch wenn sie vermutet, daß er nicht in der Absicht der Eltern gelegen haben dürfte. Und wenig später erfährt sie, daß es angeblich die Idee des Anzeigenleiters der Zeitung oder zumindest unter seinen Augen so gesetzt worden war. Er wollte wohl der Konkurrenz eins auswischen. Aber wenn die SA eines nicht hat, dann ist es Humor. So ist Ulrike zwar nicht verwundert, aber doch ein wenig bestürzt über den bösartigen Ton, mit dem über den Viehhändler gesprochen wird. Vater Abraham ist gewiss kein attraktiver Mann, und sie muss daran denken, wie der Zeichenlehrer in ihrer Schule einmal über die typischen Gesichtszüge des Juden gesprochen hatte, mit denen er sich zum Modell für die Schächer eignet, die auf den Kreuzigungsbildern um den Rock Christi würfeln, so wie sie der alte Cranach schon gemalt hat, mit Hakennase und splittrigen Zähnen.

Aber schließlich gibt es auch genug hässliche Thüringer, und genug hässliche thüringer SA Männer mit ihren fetten Bier- und Bratwurstwänsten unter der zu knappen Uniform und mit dem schwabbeligen Doppelkinn, in das sich der Riemen einschneidet, wenn sie ihre Mütze im Sturm befestigen. "Über die macht sich doch auch keiner lustig", sagt Ulrike aufgebracht zum Chef, dem sie berichtet, was sie soeben gesehen hat. "Die verballhornen aber auch nicht ihren eigenen Namen auf solche Weise", entgegnet er, und sie muss zugeben, daß er damit recht hat. "Trotzdem finde ich das unanständig. Außerdem betrifft es ja genaugenommen nicht Vater Abraham, sondern seinen Sohn und Enkel." "Der Jakob macht aber eine bessere Figur, der sieht nicht aus wie ein Viehjude, oder hast du dir die neue Lehrschau in der Ausstellungshalle nicht angesehen?"

Ulrike will fragen, welche Ausstellung er meint, doch da betritt zufällig einer den Laden, der bestimmt zu den Drahtziehern der Stürmerhetze gehört. Es ist der Parteigenosse Schwemmler, selber ein SA Obertruppführer und in der Kreisleitung tätig, wo er es beinahe zum Kreis-Propaganda-Leiter geschafft hätte, wenn ihm nicht der Magdelung zuvor gekommen wäre. So wurde es natürlich nicht gesagt, aber so verbreitete es sich. Schwemmler hat sich seine größten bisherigen Verdienste erworben beim Bau der SA Kampfbahn in der Leinefelder Straße. Obwohl er dafür ausgezeichnet wurde, konnte ihm der Wehrkampf nicht die rechte Befriedigung verschaffen. Schwemmler fühlt sich viel geeigneter für die konspirative Arbeit, für die Observierung, die verdeckte Ermittlung, die Bespitzelung, die bei ihm natürlich "Aufklärung" heißt.

Ulrike kann ihn nicht leiden, seitdem er in irgendeiner seiner Reden bei einer SA Versammlung Karlchens Vater ein "asoziales Subjekt" genannt hat, der ein Schmutzfleck in der Volksgemeinschaft wäre. Dabei kennt er den Erich persönlich, und müsste wissen, daß er ein gutmütiger Mensch ist. Den Schwemmler direkt daraufhin ansprechen, was er gegen Erich Oschatz habe und wie er so was behaupten könne, das hat sich Ulrike nicht getraut, bis jetzt nicht. Aber sie weiß, daß ein Großteil der schlechten Nachreden und infolgedessen der Schwierigkeiten, mit denen Erich zu kämpfen hat, von solchen Leuten wie Schwemmler herrühren, der dafür immer offene Ohren findet.

Er ist nämlich kein Dummkopf und kein Fiesling, wie man glauben könnte, weil er andere ausspioniert. Bei seinen Genossen ist er echt beliebt, weil er ein geselliges Wesen hat, das nach außen strahlt, und er kann zum Beispiel auch hervorragend singen, und viele kennen das Bild von ihm, wie er am Maifeiertag im Berggarten allein auf der Bühne steht oder einfach nur zwischen den Gartentischen und mit einem Humpen Bier in der Hand im herrlichen Bariton die alten Heimatlieder zum Besten gibt. Seiner kulturellen Ader wegen konnte ihm die Betreuung der SA Kampfbahn wohl auch nicht die Erfüllung seiner Zukunftspläne bedeuten. Niemand weiß so genau, was dieser Schwemmler vorhat. Er schafft es stets, genügend Genossen um sich zu scharen, die er mit seinen Ideen und seinen großspurigen Worten begeistern kann, und es heißt oft schon vorher: was hat sich der Schwemmler nun wieder ausgedacht, um unser großes Deutschland noch größer und unser geliebtes Thüringen noch liebenswürdiger zu machen?

Heute, da er Bierlochs Fotoatelier betritt, will er bloß einen Film entwickeln lassen. "Nur entwickeln? Oder auch Abzüge machen", fragt Ulrike scheinbar ahnungslos. "Mein Fräulein", erwidert Schwemmler nachsichtig, "was nützt mir wohl ein halbfertiger Negativfilm, soll ich ihn gegen das Licht halten und mit dem Vergrößerungsglas betrachten?" "Hätte ja sein können, es soll nicht jeder die Bilder sehen", meint sie beiläufig. Der springt sogar darauf an. "Wie meinen Sie das bitte? Ich wüsste nicht, daß ich irgendwelche Geheimnisse zu verbergen hätte." "Sie vielleicht nicht, aber andere." Schwemmler schmunzelt, die Kleine scheint nicht auf den Kopf gefallen zu sein, so was gefällt ihm.

Doch er enthält sich jeder weiteren Bemerkung, und als Ulrike seinen Film entwickelt, kann sie darauf tatsächlich nur total gewöhnliche Familienfotos erkennen. Da ist Schwemmler mit seiner schlanken Frau, die ihn um eine Kopflänge überragt, bei irgendeinem Ausflug zu sehen, wie sie heiter und ausgelassen vor der Linse posieren. Fünf, sieben, zehnmal das gleiche Motiv, höchstens, daß sie mal die Seiten wechseln und er steht rechts, sie links. Auf einem Bild an einem sandigen Kiefernwaldrand heben sie zu zweit eine alte, knorrige Wurzel hoch, wie ein zur Strecke gebrachtes Wildschwein, und auf ihren Gesichtern soll zu lesen sein, wie schwer das Ding ist.

Dann sind die Kinder dran, drei Stück, zwei Mädchen, ein Junge, der jüngste. Die Kinder sind hübsch. Die älteste Tochter ist fast so groß wie Schwemmler, sie steht ein bisschen ungelenk da, einen Fuß komisch zur Seite gestellt, den Unterarm quer über den Bauch gelegt, der andere Arm hängt schlaff herab, eben so, wie Mädchen in der Pubertät dastehen, denkt Ulrike. Die mittlere hat lustige, abstehende Zöpfe und eine mächtige Zahnlücke. Sie hält den Schwemmlerschen Foxterrier an der Leine, und die Fotos sollen beweisen, daß sie die Leine niemals aus der Hand gibt, weil es ihr Hund ist. Der Junge hält sich dicht an Mama, fast verkriecht er sich hinter ihren dünnen Beinen und dem schmalen Rock, unter dem sie sich abzeichnen, und nur einmal, als ein Windstoß den Stoff ausbreitet und der Junge davon halb verdeckt wird, lacht er.

Dann kommen ein paar Schnappschüsse: eine Windmühle, ein Acker mit einem Traktor und einem Storch, ein gerader Weg zwischen Apfelbäumen, die Anlegestelle einer Fähre über den Fluss, manchmal ist jemand von der Familie mit drauf. Auf dem letzten ist Frau Schwemmler im Profil zu sehen, einen breiten Sonnenhut auf dem Kopf, wie sie gerade etwas verträumt in die Ferne schaut. Wer immer von den anderen das Foto gemacht hat, er muss sich herangeschlichen haben, denn in dem Moment, wo es ausgelöst hat, dreht sich die Schwemmler zur Kamera, kurz davor, sich schrecklich aufzuregen über die heimliche Knipserei. Und mit diesem überraschten Ausdruck, der gleich in ein verlegenes Lächeln übergeht, mit dem Blick, der gehemmt herüberschweift aus der gedankenlosen Versunkenheit, mit der sie die spiegelnde Oberfläche des Sees betrachtet hat, überfliegt ein unwiderstehlicher Liebreiz das Gesicht dieser Frau in den besten Jahren, so als habe sie - trotz drei Geburten und aller Mühe und Plage als Haus- und Ehefrau und Mutter und trotzdem am Ende sie sich um den Foxi kümmern muss, wenn die Kleine mit ihrer Freundin weg ist - als habe die Schwemmler bei allen großen und kleinen Sorgen sich ein Flämmchen der Leidenschaft und Lust erhalten, das in ihrem Innern brennt und das sie bei passender Gelegenheit auflodern lassen kann, wenn es danach verlangt und wenn sie sich sicher ist, daß da keiner mit einem Fotoapparat lauert.

Während Ulrike noch über die Frau nachsinnt und sich vorstellt, wie sie die Bilder ins Album kleben und wahrscheinlich mit Kommentaren wie "Achim und ich als Süßwasserpiraten" versehen wird, prüft sie den Rest des Films, und das ist dann ein krasser Bruch. Zuerst weiß Ulrike gar nicht, worum es geht, es sind lauter Aufnahmen von Ladengeschäften in der Stadt, immer die Fassade mit den Schaufenstern und dem Eingang, und überall stehen welche von Schwemmlers SA Kumpanen davor, in Uniform selbstverständlich, breitbeinig, die Arme in die Seiten gestemmt, soweit sie nicht Schilder halten.

Nun hätte ja der Herr Obertruppführer seine Genossen vor besserer Kulisse präsentieren können, aber erst als Ulrike die Schilder liest, wird ihr klar, weshalb die Männer ausgerechnet dort stehen. Es sind nämlich nicht irgendwelche Geschäfte, sondern es ist das Kurzwarengeschäft von Liebermann, die Wäschehandlung von Tauber, Steinhaus' Damenkonfektion, Herrmanns Einheitspreisgeschäft, der Stoffhändler Gutstein, David Blau's Textilwaren, der Fabrikverkauf des Thüringer Kleiderwerks von Rosenblatt und andere, darunter natürlich das Kaufhaus Conitzer. Obertruppführer Schwemmler kam es darauf an, daß man den Namenszug des Inhabers gut lesen kann, und auch was auf den Schildern der SA Leute steht. "Deutsche! Kauft nicht beim Juden." heißt es da, und man solle sich nicht selber schuldig - es klingt wie: strafbar - machen, und es tunlichst unterlassen, diese jüdischen Geschäfte auch nur zu betreten. Ein Boykottaufruf neben dem anderen.

Ulrike überlegt, wie oft sie bei Erich Herrmann einkauft, weil bei dem nämlich wirklich vieles preiswerter ist als anderswo und weil man schließlich auf jeden Pfennig achten muss. Auch der Schwemmler kann es doch nicht so dicke haben, daß ihm seine Haushaltskasse egal ist? Und erst recht seine Genossen. Manche sehen aus wie Hanswurst auf der Kirmes, mit X-Beinen und breitem Grinsen, abstoßend und lächerlich. Für einen Augenblick denkt Ulrike daran, diese doofen Fotos zu vernichten. Sie würde behaupten, der Film sei überbelichtet gewesen oder irgendwie verdorben worden. Sie würde es sogar auf fehlerhafte Entwicklung schieben, die Schuld auf sich nehmen, den Schaden ersetzen, viel wäre das nicht, die Beschwerde ertragen, vielleicht käme der Obertruppführer dann künftig nie wieder mit solchem Schund zu Bierloch, und das wäre gut.

Doch da steht der Chef selbst hinter ihr und schaut auf die Bilder und sagt "Ach da, der Neuwirth, den haben sie auch auf dem Kieker, na das kann für uns nur von Vorteil sein. Wenn der dichtmachen muss, können wir seine Kunden übernehmen." Ulrike will etwas Boshaftes darauf erwidern, wie ihm das Schicksal seiner Berufskollegen so gleichgültig sein könne oder ob ihm der Konkurrenzneid tatsächlich jede Rücksicht genommen habe, aber dann denkt sie, daß Bierloch immer ein anständiger Chef gewesen ist, und daß er sie damals eingestellt hat, obwohl zwei andere sich auch beworben hatten, von denen die eine zweifellos eine bessere Ausbildung hatte, und daß er sich nicht negativ geäußert hat, als Ulrike so lange krank war, ja er hat ihr sogar ohne Murren den Lohn fortgezahlt. Und wenn der Isaac Neuwirth dichtmacht, dann wird dem Obertruppführer Schwemmler gar keine andere Wahl mehr bleiben, als seine Boykottfotos zu Bierloch zu bringen, und wenn Ulrike sie noch so gründlich verpfuscht hätte. Keine guten Erfolgsaussichten also, um sich zu widersetzen. Und so packt sie die Fotos in die Tüte und wartet, daß er sie abholt.

Als wollte er sich für ihre spitze Bemerkung wegen des Geheimnisses revanchieren, fragt Schwemmler "Na, sind sie was geworden?" "Soweit ich das gesehen habe, ja", hätte sie sagen können, aber dann hätte Schwemmler sich womöglich darüber aufgeregt, daß sie offenbar nicht mal genau hinschaut auf das was sie macht, und eine mangelhafte Arbeit will sie sich nicht nachsagen lassen. "Wenn Sie meinen, ob was darauf zu sehen ist, dann können Sie ganz beruhigt sein", antwortet sie. "Ich habe mir auch große Mühe gegeben", sagt Schwemmler, und Ulrike glaubt, er möchte etwas darüber loswerden. Doch sie sagt beinahe kaltschnäuzig "Ihre Kinder sind ja ganz niedlich, Herr Schwemmler." Er ist verdutzt und weiß nicht, ob es ein Lob oder ein Zugeständnis sein sollte.

Er tut so, als hätte er es überhört. "Die kommen ins Schaufenster von der Stürmerredaktion", sagt er nicht ohne Stolz. "Das wird den Leuten gefallen", meint Ulrike und tut ihrerseits so, als wäre sie in Gedanken woanders. "Was wird ihnen gefallen?" "Mir?" "Den Leuten." "Na, die Fotos mit Ihnen und Ihrer Familie." "Ich spreche doch von den anderen, den Propagandafotos." "Ach so, die ... was sollen das sein?" "Ich nenne sie Propagandafotos, sie sollen unsere Volksgemeinschaft aufklären helfen." "Ich dachte, die sind für den Gewerbeverein des Einzelhandels." "Unsinn, Fräulein Friedewald, sagen Sie bloß nicht, Sie hätten nicht erkannt, daß es sich durchweg um Geschäfte von Krämerjuden handelt, die hier an den Pranger gestellt werden." Woher kennt er eigentlich meinen Namen, fragt sie sich. Sicher weiß er auch genau, daß sie sich um den kleinen Karl Oschatz kümmert, den Lausbuben, der schon mehrmals in der Schule aufgefallen ist, den Jungen von dem Asozialen, wie er ihn nennt.

"Ist mir nicht so direkt aufgefallen. Aber jetzt, wo Sie das sagen ..." "Die Redakteure vom Stürmer haben extra eine ganze Schaufensterhälfte dafür reserviert. Der 'Beobachter' hat vor geraumer Zeit schon einen Judenspiegel veröffentlicht, der ..." "Was?" "Einen Judenspiegel, eine sogenannte Liste aller in der Stadt hausenden Juden. Lesen Sie denn keine Zeitung? Sie als junge deutsche Frau." Da ist wieder der provokante Ton, der sie auf die Palme bringt. "Ich benutze meistens einen richtigen Spiegel." Schwemmler schüttelt den Kopf. "Andere Städte sind uns um Nasenlängen voraus, dort prangt auf jeder jüdischen Schaufensterscheibe in unübersehbaren gelben Buchstaben der Name des Inhabers und sie sind damit jedem klar als Judenläden kenntlich gemacht." "Bei Herrmann und bei Conitzer stehen die Namen sowieso groß draußen dran, und bei den anderen auch." "Aber Sie haben ja selbst gesagt, daß Sie die Läden auf den Fotos nicht erkannt haben." Das war ziemlich schlau von ihm gewesen, und Ulrike muss es erst mal hinnehmen. "Warum diese gesetzliche Anordnung in Gothardau nicht durchgeführt wurde, ist mir absolut unklar." "Tja, Herr Schwemmler, das kann ich Ihnen leider auch nicht sagen." "Und deshalb werden wir diese Fotos publizieren, für jedermann sichtbar. Dann kann sich künftig keiner mehr darüber ärgern oder sich herausreden, er habe nicht gewusst, daß er in ein jüdisches Geschäft gegangen ist."

"Ist denn so was vorgekommen?" "Und ob. Sogar beim 'Tageblatt' ist letzte Woche ein Leserbrief eingegangen, wo jemand zu seinem Leidwesen mitteilt, daß er vor einiger Zeit ganz ahnungslos in dem Korsettgeschäft Neumann in der Marktstraße gekauft habe. Das gehört bekanntlich dem Juden Grünbaum." "War das ein Mann?" "Der Jude Grünbaum?" "Nee, der im Korsettgeschäft eingekauft hat." Schwemmler überlegt. "Na ja, der Leser war jedenfalls ein Herr." "Vielleicht hat er sich bloß geärgert, weil er nicht das richtige gefunden hat, das passende Korsett meine ich", sagt Ulrike und kichert. "Weiß ich nicht. Für uns steht nur fest: wer beim Juden kauft, von dem muss man annehmen, daß er sich von der deutschen Volksgemeinschaft zu trennen wünscht, der will mit uns nichts mehr zu tun haben, also soll er das auch so bekommen."

"Moment mal, Herr Schwemmler, wenn ich Sie richtig verstehe, geht es jetzt plötzlich nicht mehr nur gegen die Juden, sondern gegen die Einheimischen. Sie wollen mir doch nicht allen Ernstes vorschreiben, wo ich einkaufen gehen soll." Schwemmler bleibt ganz gelassen und zugleich unerschütterlich. "Niemand will Ihnen etwas vorschreiben, Fräulein Friedewald, es liegt allein in Ihrer Hand, wie Sie sich entscheiden. Sie sind dafür ja schließlich auch selbst verantwortlich. Was ich sage ist lediglich, jeder muss mit der entsprechenden Reaktion seiner Mitmenschen auf sein Verhalten rechnen, und diese Reaktion werden Sie uns doch umgekehrt nicht verwehren können? Jedem das Seine, so lautet der Grundsatz." Ulrike sieht ihn an und in seinen Augen blitzt es furchterregend. Sie schiebt ihm die Fototüte hin und sagt "Das macht vierzehn fünfzig." "Stellen Sie mir bitte eine Quittung aus." "Selbstverständlich." Als er die Tür hinter sich geschlossen hat, kommt Bierloch aus dem Hinterzimmer. "Wenn ich nicht wüsste, daß er auch ganz anders sein kann, würde ich ihn sehr unsympathisch finden", sagt er, und Ulrike bemerkt darauf nur "Wahrscheinlich ist er ganz anders, das ist das schlimme."

Später schaut sie sich beim "Stürmer" die Bilder an. Man hat auf große Papierbogen einen Stadtplan skizziert und an den entsprechenden Stellen rote Davidsterne gemalt und die Fotos daneben geklebt. Das Rot der Sterne sieht aus wie verschmiertes Blut. Alles ist krumm und schief, wie von einem zehnjährigen Kind als Strafarbeit gemacht. Als Ulrike den Aushang betrachtet, geschieht etwas Seltsames. Zwischen den Straßenlinien, Sternen, jüdischen Namen und SA Männern glaubt sie plötzlich das Bild mit der Frau Schwemmler zu sehen, die gerade den Kopf wendet und ihr zulächeln will. Aber mitten in der Bewegung blockiert die Kamera, das Bild bleibt stehen und es ist, als wäre das Geschehen mit einem scharfen Messer mitten durchgetrennt worden.

* * * * *

Karlchen hat die Pimpfenprobe bestanden. Er hat den 60-Meter-Lauf in weniger als 12 Sekunden geschafft, ist 2 Meter 60 weit gesprungen und hat den Schlagball 29 Meter weit geworfen. Er hat auch, obwohl sie freiwillig war, die Mutprobe gemacht und ist im Schwimmbad vom 5-Meter Brett gesprungen. Der Aufnahme in das Jungvolk steht nun nichts mehr im Wege, und über ein verlängertes Wochenende ist in der Bannführerschule Friedrichsthal ein HJ Lager anberaumt, an dem die frischen Pimpfe ihren Treue Eid ablegen und die Ehrenzeichen ihrer Zugehörigkeit erhalten werden. Für Hemd, Koppel, Schulterriemen und so weiter hat Erich seine Geldreserven anzapfen müssen, doch dieser Teil war ohnehin dafür vorgesehen, und Karl hat selbst ein paar Mark gespart.

Konrad Schulte, der Gebietsleiter von Thüringen persönlich hat sich für den feierlichen Appell am Freitagabend angekündigt. Auch Wolf Dressel wird selbstverständlich anwesend sein. Er hat Anna gefragt, ob sie mitkommt, und sie hat eingewilligt. Anna hat es immer noch nicht ganz aufgegeben, Ulrike und den anderen HJ Funktionär mit der samtweichen Stimme miteinander zu verkuppeln. Anna sagt zu ihr, es wäre doch schön für Karl, wenn sie dabei wäre, und Ulrike lässt sich nicht lange bitten. Erst als sie in Wolfs Auto einsteigt und Anna sagt "Das ist übrigens Thomas - ach, ich bin blöd, ihr kennt euch ja schon", da schwant Ulrike etwas von Annas heimlichen Machenschaften.

Für die Jungen beginnt der Ernst des Lebens am Dienstagabend, nachdem alle in der Herberge angekommen sind. Lageraufbau, Herstellung der Lagerordnung, Zuweisung der Betten (geschlafen wird in Zelten), Wacheinteilung, erster feierlicher Flaggenaufzug. Dann hält der Lagerführer eine Rede über Ziel und Zweck des Lagers. Am nächsten Morgen gleich nach dem Wecken: Frühsport, gymnastische Übungen in Turnhose mit freiem Oberkörper; die Kinder tummeln sich auf der taunassen Wiese wie eine Herde geschorener, bleicher Schafe, die aus Übermut übereinander herfallen.

Nach dem Waschen ist Flaggenhissen, und es zeigt sich, daß der Flaggenaufzug vom Vorabend nur eine erste, provisorische Handlung war. Ab jetzt wird der Flaggenaufzug zu jener erhabenen Zeremonie, die in ihrer Bedeutung dem Sonnenaufgang gleichkommt. Bevor der Lagerführer vom Dienst den Befehl zum Flaggenhissen gibt, wird von einem der Zeltältesten ein Tagesspruch verkündet, der den ganzen Tag unter ein bestimmtes Motto stellt. "Unermüdlich stählen wir unseren Körper, erfrischen unseren Geist, um große Taten zu vollbringen", heißt es da zum Beispiel. Oder: "Die Liebe zur Natur, zur Heimat, ist die unversiegbare Quelle unserer Lebensfreude". Und ein andermal: "Mit Kameradschaft, Mut und Disziplin eifern wir unserem großen Vorbild nach: dem Führer Adolf Hitler".

Dann gibt der Lagerführer vom Dienst die Losung aus oder das Feldgeschrei, je nachdem, ob es sich um ein oder um zwei Wörter handelt. Der Tagesspruch und die Losung müssen zueinander passen, und sie geben auch der anschließenden weltanschaulichen Schulung die Richtung vor. Den weiteren Tagesablauf regelt der Dienstplan. Es gibt Unterricht im Kartenlesen, im Skizzenzeichnen, in der Erbgesundheitslehre und Körperpflege. Es werden das Schießen mit der Luftbüchse trainiert, Übungen in Wald und Wiese durchgeführt und Wettkämpfe auf der Hindernisbahn veranstaltet. Man lernt Rettungsgriffe und Erste Hilfe Maßnahmen bei Unglücksfällen, hört von alten Sagen der Gegend oder baut kleine Mühlräder am Bach.

Auch die Funkertruppe, die Ulrikes Bruder Hans sonst betreut, ist in diesen Tagen in Friedrichsthal. Die Jungen gehören durchweg schon zur älteren Garde der Hitlerjugend, sind fünfzehn, sechzehnjährig und übernehmen manchmal das Kommando über die Kleineren oder geben ihnen Anleitung bei der praktischen Ausbildung. Durch Annas Vermittlung hat Eckart auf der Bahnstrecke bei Ohrafurt einen Transport organisiert, der die Jungen zur II. Abteilung des Artillerie Regiments 29 bringt. Das betreffende Bahngleis führt bis auf das Gelände des Truppenübungsplatzes und ist für den regulären Verkehr nicht freigegeben. Eckart kann seinen Vorgesetzten von der Reichsbahn für die geplante Exkursion der HJ Kinder gewinnen, und es wird ein kleiner Sonderzug mit zwei Waggons und einer Rangierlok bereitgestellt.

Der Oberleutnant Rasch empfängt die jungen Kämpfer an einer massiv gemauerten Verladerampe neben den Schienen. Zwei Soldaten stehen dort auf Posten. Alles ist sehr ordentlich, die Wege sind eben, die Ränder geharkt, zwischen den Pflastersteinen der Rampe wächst kein Hälmchen Unkraut, neben der Wachbaracke mähen zwei weitere Soldaten das Gras, der Oberleutnant hat ihnen erlaubt, die Uniformjacke auszuziehen, es ist heiß an diesem Tag. Der Lagerführer und zwei von den hauptamtlichen HJ Funktionären begleiten die Jungen, auch Eckart ist mit im Zug. Während der Lokführer hier bleibt, schließt sich Eckart der fröhlich lärmenden Truppe an.

Er kennt die Funker, da er einige Male bei Hans und in der Werkstatt gewesen war, als sie dort an ihren Geräten herumgebastelt haben. Zuletzt war er mit Anna dort, weil sie nun doch einmal von Hans etwas über den kommenden gewaltigen Krieg wissen wollte, den dieser angeblich so klar vorauszusehen schien. Wie durch Zufall gerät Eckart heute wieder an die Seite Marios, des Jungen, den er zum erstenmal beim Himmelfahrtsausflug gesehen hatte und zu dem er in der Zwischenzeit eine Art freundschaftliches Verhältnis hat, soweit man das bei dem Altersunterschied so sagen kann. Eigentlich haben sie sich bisher bloß nett unterhalten, über dies und jenes geredet, das über Alltägliches nicht hinausging. Mario hat Eckart die Funkempfänger erklärt, so wie er es selbst von Hans gelernt hatte. Eckart wiederum kann etwas von der Eisenbahn erzählen und von den Signalanlagen, die auch irgendwie Ähnlichkeiten mit dem Funkverkehr haben. Trotz der zwar interessanten, doch im Grunde belanglosen Gespräche hat Eckart das Gefühl, als würden sie beide stets ein paar Fragen offenlassen, damit sich leichter ein Anknüpfungspunkt für das nächste Mal ergibt und sie beide einen Grund hätten, sich weiter zu unterhalten.

Er sucht die Nähe Marios und er bedauert es, daß er ihn nur bei den Bastel- und Trainingsstunden antreffen kann, auch wenn er sich einzureden versucht, nicht sagen zu können, wo und weshalb er ansonsten mit dem Jungen zusammensein wollte. Er glaubt auch, daß Mario ihn ganz gut leiden kann, jedenfalls hat er nie irgendetwas unternommen, um ihm aus dem Weg zu gehen oder sich von ihm fernzuhalten. Aber Eckart ist sich dennoch unschlüssig, inwieweit Marios Verhalten bloß auf Höflichkeit beruht oder darauf, daß er ihm in der Funkerwerkstatt schlecht ausweichen kann. Denn andererseits bemerkt Eckart jetzt bei dem Ausflug (mit einer gewissen Beunruhigung), daß Mario ihn mehrmals meidet, sich etwas Beiläufigem zuwendet oder als sie auf das Gelände des Übungsplatzes schwärmen, anscheinend sehr mit seinen Kameraden beschäftigt ist und Eckart keines Blickes würdigt.

Hauptmann Rasch hält eine kurze Begrüßungsrede und sagt, das Artillerie Regiment 29 führt die Tradition des früheren Feldartillerie Regiments 19 fort. Heute stehen zumeist die Söhne der einstigen Weltkriegsteilnehmer unter den Waffen. Dann nennt er einige entscheidende Veränderungen und Fortschritte der Waffentechnik, sagt, daß die motorisierten Zugmaschinen durchweg die Pferdebespannung ersetzt haben, daß es moderne Erfindungen wie zum Beispiel die Spreizlafette gibt, die das dauernde Umschwenken überflüssig macht, und daß bei den Granaten sogenannte Abpraller verschossen werden, die im spitzen Winkel auf die Erde aufsetzen, um dann nochmals in die Luft geschleudert zu werden, wo sie per Zeitzünder explodieren und ihren Splitterhagel auf den Feind niederrasseln lassen. Diese letzte Beschreibung beeindruckt auch die Jungen, die von den vorhergehenden historischen Entwicklungen und technischen Zusammenhängen nicht viel verstanden hatten.

Dann gibt der HJ Lagerleiter nach Absprache mit dem Hauptmann die Marschrichtung vor, und der Hauptmann fährt mit seinem Adjutant im Geländewagen voraus. Er gerät außer Sicht, und an der übernächsten Kreuzung der Betonstraße weiß die junge Truppe nicht mehr, wohin sie sich wenden soll. Man macht eine Rast, verteilt sich im Gras, vertreibt sich die Zeit mit ein paar Raufspielen. Einer der HJ Führer ist auf gut Glück in eine Richtung gegangen und kommt tatsächlich irgendwann an einem zusätzlich eingezäunten Gebäude an, das ein Munitionslager ist, und in dem der Wachtposten per Telefon Verbindung zur Kommandantur herstellen kann.

Inzwischen ist der Hauptmann im Auto umgekehrt und sehr verwundert über die am Wegesrand lagernde Meute. Missverständnis hin oder her, er wird ab jetzt im Schrittempo vorneweg fahren. Aber man muss auf den Mann vom Munitionsdepot warten, und indem sich alles verzögert, schaut der Hauptmann immer wieder auf die Uhr. Die Sache ist nämlich die, daß für zwölf Uhr ein Belehrungsschießen von der Höhe 451 angesetzt ist, an dem die Jungen als Zuschauer teilnehmen sollen. Der Hauptmann will den Zeitplan unbedingt einhalten. Dummerweise hat einer der Posten vom Munitionslager den HJ Funktionär mehr oder weniger eigenmächtig zum Stabsgebäude gefahren, und der Hauptmann, der es versäumt hatte, ein Feldtelefon mitzunehmen, muss erst wieder zur nächsten Station, um Rücksprache mit dem Vorgesetzten zu halten.

Die Jungen marschieren derweil auf der richtigen Straße weiter. Natürlich stehen am Rand keine Bäume wie an einer Landstraße, und die Sonne knallt auf den schattenlosen Beton, alle werden sehr durstig. Dann teilt der Hauptmann mit, daß man den Zeitplan präzisiert und das Schießen von Höhe 451 um eine Stunde verschoben habe. Dafür erfolgt vorher eine Vorführung des leichten Maschinengewehrs siebenkommazweiundneunzig Millimeter. Man läuft bis zum Schießplatz B VII, zu dem ganz ungewöhnlich eine grasüberwucherte Straße führt. Gottseidank gibt es dort reichlich kalten Tee zu trinken.

Mit einer Zweibeinstütze vorn ist das Maschinengewehr aufgebaut, dahinter ist eine Decke ausgebreitet. Ein Feldwebel, der zuerst dem Hauptmann Meldung macht und sich dann als Feldwebel Unger vorstellt, erklärt den Jungen die Funktionsweise der Waffe. Er redet wie auswendig gelernt. "Sobald der Schütze den Abzug betätigt, löst sich das in der hinteren Position festgehaltene Schlagstück aus seiner Arretierung." Feldwebel Unger hat einen dünnen, blanken Haselnußstab in der Hand und zeigt damit auf die erwähnten Teile. "Der Verschluss schnellt nach vorn und verriegelt. Dabei wird die Patrone zugeführt und gezündet." "Ich habe das nicht richtig gesehen, können Sie das bitte nochmal zeigen", meldet sich einer der Jungen. Feldwebel Unger tippt mit der Stockspitze auf die Teile.

"Was ist eine Arterierung?", will ein anderer wissen. "Was? Davon habe ich doch gar nichts gesagt." "Die Arretierung", gibt ihm Eckart einen Wink. "Was ist das?" "... löst sich das in der hinteren Position ... eine Arretierung ... wie soll man das erklären?" "Vielleicht mit Verriegelung", sagt Eckart. "Richtig! Der Verschluss schnellt nach vorn und wird verriegelt." "Oh, Mann!", ruft ein Junge laut und klatscht sich auf die Wade, "diese verdammten Mückenbiester." "Das sind Schnaken, die zapfen unser Blut ab." "Wollt ihr lieber in der Sonne stehen?" "Nee, der Horst kriegt so leicht 'n Sonnenstich, der ist im Lager schon mal umgekippt." "Wer ist der Horst?" Ein kleiner Rothaariger mit blasser Haut und Sommersprossen hebt den Finger. "Geht's dir gut?", fragt der Hauptmann, der die ganze Zeit daneben steht. Der Junge nickt. "Lieber Bienenstich als Sonnenstich", meint einer und die anderen lachen. "Ein Teil der Gase strömt über die Düse in den Gaskanal. Die Pulvergase setzen Kolben und Gestänge in Bewegung, der Verschluss wird zurückgeschleudert."

In der Weise bringt Feldwebel Unger seinen Vortrag zum Ende. "Können wir jetzt mal schießen?" Unger legt seinen Zeigestock beiseite und weist er die Kinder an, wie sich hinter dem Maschinengewehr aufzustellen haben. Dann nennt der die Abfolge der Bewegungen und Handgriffe, die unbedingt einzuhalten sind, es sind ungefähr fünfzehn und keiner kann sie sich so schnell merken. "Gezielt wird auf die Scheibe auf der Bahn acht, halbhohe Feindperson, unter uns auch 'Kackender Schütze' genannt", setzt Unger grinsend hinzu. "Nur zielen oder auch abdrücken?" "Mensch, was frägst du erst noch." "Freilich, wer sich's zutraut, kann auch abdrücken." Alle sind sich einig, daß sie auch abdrücken. "Sind das Platzpatronen oder echte?" Der Feldwebel macht eine vielsagende Miene. "Wird nicht verraten, ihr wisst doch: der Feind hört mit." "Bestimmt nur Platzer", flüstert einer. Das erste Dutzend Schüsse scheint das zu bestätigen, aber dann fällt plötzlich die Scheibe um. "Volltreffer!", meldet der Schütze, ein dicker Junge, der Mühe hatte, mit seinen Wurstfingern den Abzug zu bedienen. Danach kippt das Ziel öfter nach hinten, einmal sogar ganz von selbst. Auch Eckart und die Gruppenführer versuchen sich und sehen dabei gar nicht schlecht aus.

Da taucht der Jungenschaftsführer auf, der beim Munitionsdepot war, in Begleitung von einem Leutnant und einem Obergefreiten. Hauptmann Rasch ist kurzzeitig verschwunden. Der Leutnant sagt, die Jungtruppe soll aufgeteilt werden, eine erste Gruppe soll sich zur Höhe 451 in Bewegung setzen. "Warum nicht alle?", fragt Feldwebel Unger. "Der Zeitplan ist präzisiert worden", gibt der Leutnant zurück. Die Hälfte marschiert ab. Als der Hauptmann zurück kommt, fragt er, was los ist. Dann sagt er "Die können doch nicht einfach durch die Botanik laufen." "Sollen wir sie zurückholen?", fragt einer der Jungen. Der Hauptmann entgegnet "Das könnte euch so passen." Der Junge versteht: 'ihr müsst aufpassen' und geht zu den anderen, um ihnen mitzuteilen, daß sie zu den vorausgeeilten Kameraden hinzustoßen sollen, aber sehr aufpassen müssen, weil hier in der Gegend scharf geschossen wird. "Wo entlang sind die denn gegangen?" "Ich glaube da hin." "Nein, ich habe sie zuletzt dort gesehen." "Lasst uns den Weg hinter der Schranke nehmen, da können wir immer noch umschwenken."

Ehe der Hauptmann die nächste Entscheidung trifft, hat sich der Rest des Trüppchens selbständig gemacht. Man kann einige im hohen Gras davonstürmen sehen. Der Hauptmann beschreibt den zurückgebliebenen Erwachsenen, wo sich die Höhe 451 befindet und sagt, man werde links und rechts im weiten Bogen losgehen, die entlaufenen Jungen einsammeln und ebenfalls dorthin führen, er selbst werde direkt hinter ihnen herfahren und sie einholen. Ob das jetzt jeder verstanden habe? "Jawohl, Herr Hauptmann", erschallt es wie aus einem Munde. Sie zerstreuen sich und nehmen die Verfolgung auf. Die paar Jungen, die nicht rasch genug mit weggelaufen waren, schließen sich an.

"Kann ich mit dir mitgehen?", fragt Mario. Eckart ist beinahe etwas erschrocken, als Mario ihn auf einmal wieder anspricht, und zugleich überläuft ihn ein Schauer freudiger Erregung. Die anderen entfernen sich zu beiden Seiten, und man kann nur noch vereinzelte Rufe nach den Ausreißern hören. Von einem Augenblick zum anderen ist er allein mit Mario, und auch wenn sie sich auf einem militärischen Gelände befinden, das abgesperrt und eingezäunt ist, so scheinen doch Himmel und Erde, die an diesem sonnendurchfluteten Tag in schönster Harmonie miteinander verbunden sind, von grenzenloser Freiheit erfüllt zu sein.

Eckart will etwas erwidern, aber Mario schreitet dicht an ihm vorbei, streift ihn, scheint es, und geht voraus, ohne sich umzuwenden, ob der andere ihm folgt. Eckart ruft etwas von "hier entlang" und "da hinüber" und von der Tambuch Waldung und von Richtung Bittstädt - Ermsdorf, das klingt alles, als entfernten sie sich immer weiter von Höhe 451. Mario dreht sich im Gehen um und lacht und sagt "Du bist wohl so was wie der Standortälteste." "Das nicht", entgegnet Eckart, dann meint er "wir müssen doch nicht gleich zu dieser blöden Höhe hinrennen." Sie laufen schweigend, schauen sich an, halb fragend, halb einander vertrauend, als würde keiner so genau wissen, wohin das geht. Eckart versucht es mit einem Lächeln, er fragt "Wollen wir zurück?", und Mario schüttelt den Kopf.

Dann stehen sie an einem flachen Hang, aber ein ganzes Stück oberhalb des Weges, der an der kleinen Sandgrube vorbeiführt. Weit unten sieht man die Eisenbahnbrücke, die Schienen werden aber überall von Bäumen verdeckt. Links fällt das Dach des Bittstädter Chausseehauses als kleine rote Stelle auf. Hier oben wächst hohes Gras, ein paar Sträucher stehen mit dichten Blättern da: Hagebutten, Faulbaum und an einem Haufen überwucherter Steintrümmer der Holunder. Es gibt überall Dellen im Boden, wie Wannen, gleichmäßig vom Gras ausgekleidet. Wahrscheinlich sind sie entstanden, als die Wurzeln heraus gerissen wurden. Über die Höhe des Hügels ragen die Spitzen von schlanken Tannen empor. Der Wind bewegt leicht ihre oberen Zweige.

Eckart sagt "Hätte nie gedacht, daß man sich in dem offenen Gelände verlaufen kann." Er setzt sich auf einen alten Baumstumpf. "Kleine Pause." Mario bleibt stehen, ein Windhauch spielt sachte mit einer Strähne in seinem Haar. Er schaut hinunter über die Ebene und hinüber zum Seeberg. Dort fährt ein Auto entlang, ein kleiner dunkler Punkt, der sich fortbewegt. Die Scheibe blinkt wie ein Spiegel. Eckart schaut zu Mario, sein Hemd ist an der Seite aus dem Gürtel gerutscht und ist an dem Schulterriemen hängengeblieben. Eine kleine Stelle von seinem Rücken ist zu sehen. Eckart erhebt sich und geht zu dem Jungen hin, er schaut geradeaus in die Ferne.

Eckarts Hand berührt die nackte Stelle an seinem Rücken, er geht mit den Fingerspitzen darüber hinweg. Ein schwacher Luftzug umkreist die beiden. Eckart nimmt den Geruch von Marios Körper wahr. Er legt seine Hand auf die Haut, der Junge senkt kurz den Blick und fährt unmerklich zusammen, dann schaut er wieder nach vorn. Eckart geht mit der Hand unter den braunen Stoff des Uniformhemdes und fühlt Marios Rippenbogen. Er ist warm und kühl zugleich. Er sucht die Vertiefungen zwischen seinen Rippen und legt die Finger längs hinein, seine Hand ist gespreizt, und er spürt Marios Herz schlagen.

"Was machst du", sagt Mario. "Nichts. Nur aus Spaß." Er sagt es vorsichtig, wie um sich die Erlaubnis zu holen. "Dein Hemd ist da rausgerutscht." "Habe ich schon gemerkt." Mario macht eine halbe Drehung, und Eckart zieht seine Hand zurück. Mario stopft das Hemd in den Hosenbund, aber umständlich und komisch, und dann bleibt doch noch ein Zipfel draußen. Er sagt "Ich gehe mal da hoch, vielleicht kann ich von da aus was sehen." "Ja, ist gut." Er verfolgt Mario mit dem Blick. Er geht nach links und rechts langsam den Hang hinauf, als wollte er sich die Zeit vertreiben. Marios bloße Beine streifen durchs Gras, es reicht bis an seine Knie. Er bleibt zwischendurch stehen, hebt etwas auf, einen Stein, irgendein Teil, das von einer Übung liegengeblieben ist. Man hört von jenseits des Hügels vereinzelte Kracher, wahrscheinlich ein Geschützfeuer.

Mario winkt ihm zu, Eckart winkt zurück. Marios braunes Haar glänzt in der Sonne, Eckart sieht deutlich den Wirbel über der Stirn, wo es aufrecht steht, als würde es sich aufbäumen. Dieser Haarwirbel fasziniert ihn, seitdem er den Jungen das erste Mal gesehen hat. Er lässt sich im Gras nieder und lauscht dem Gezwitscher der Lerchen. Er schließt die Augen, etwas durchströmt sein Inneres auf einsamer Bahn. "Weit und breit keine Truppenbewegung", sagt Mario und setzt sich mit Schwung neben ihn. "Vielleicht sollten wir einfach wieder genauso zurückgehen." "Ist doch langweilig." "Dann eben dort entlang", sagt Eckart und zeigt nach rechts, wo die Spur eines Weges erkennbar ist.

Er will aufstehen. Mario sagt "Ich glaube, mich hat da was gestochen." Er schiebt den Strumpf bis hinab zum Knöchel, die Härchen auf seinem Bein richten sich elektrisiert auf und legen sich gleich wieder. "Eine Biene oder was?" "Ja, oder eine Schlange." "Die beißen nicht so weit oben." Mario schaut sich um, während er an seinem Bein reibt. "Ich meine, nicht so weit oben am Bein." "Ach so, ich dachte hier auf dem Hügel." Sie lachen. "Soll ich mal gucken?", fragt Eckart. "Hier." "Vielleicht bloß'n Gras gepikst." Eckart will jetzt aufstehen, aber er wartet ab. Mario sagt "Bei den Funkern, als du da warst, hat dich das interessiert?" "Ja, finde ich toll, was ihr macht." "Was ich da gerade gemacht habe?" Eckart nickt und sieht ihn an. "Weißt du das denn noch?" "Na klar, du hattest gerade festgestellt, daß du die Drähte falsch an die Batterie angeschlossen hast." Mario lacht. "Genau. Ist mir aber gleich aufgefallen."

Sie schweigen eine Weile, dann sagt er "Du warst letztens eigentlich nur bei mir." "Was meinst du?" "Du hast die ganze Zeit bei mir rumgestanden." "Wirklich? Ist mir nicht aufgefallen." "Deine Freundin hat sich überall umgeschaut." "Das ist meine Schwester." "Deine Schwester, ehrlich?" "Wenn ich dir's sage." "Du meinst, es ist nichts, kein Schlangenbiss oder so was?" "Keine Sorge. Ist doch nicht mal rot geworden. Wollen wir gehen?" Mario antwortet nicht sofort, dann sagt er "Wollen wir noch 'n bisschen hierbleiben? Wenn du willst." "Willst du?" "Glaube ja." Sie sagen lange nichts. Dann dreht er sich auf die Seite und wendet Eckart den Rücken zu. "Das ist doch bloß'n Spiel, oder?" "Ja. Findest du's gut?" "Ich kenne das nicht." "Ich kenne das auch nicht. Wir könnten es ausprobieren." "Hier kann uns doch keiner sehen, oder?" "Nein."

Mario löst den Knoten am Halstuch, hakt den Schulterriemen aus und knöpft das Uniformhemd auf. Eckart zieht es über die Schulter. Marios Haut ist glatt und gebräunt. Er streichelt ihn im Nacken und vorn auf der Brust. Seine Finger gleiten über die Brustwarzen, Mario streift den Ärmel herunter, Eckart hilft nach. Sein Oberkörper ist nackt bis auf die Seite, wo er liegt. Er liegt immer noch abgewendet. Er rückt näher an Eckart heran. Er berührt dessen Hand auf seiner Brust, als wollte er sie in Bewegung bringen. "Soll ich auch mein Hemd ausziehen, oder irgendwas?" "Erst mal so", sagt Mario und fängt ein bisschen an zu zittern. "Soll ich noch was machen?", fragt Eckart. "Von mir aus. Frag' doch nicht so viel." Mario zittert immer mehr, und Eckart überkommt es auch.

Der Wind geht über sie hinweg. Mario zieht den Arm unter sich hervor und streckt ihn aus. Er legt den Kopf ins Gras, man hört seinen Atem. Die Vögel zwitschern munter ihr Lied. Da gibt es einen Rumms! und die Erde bebt. Die Vögel sind für einen Moment still, und von jenseits des Hügels kommt fernes Jubelgeschrei herüber. Eckart küsst Marios Hals, seine Zunge fährt am Ohrrand entlang. Über Marios Brust läuft ein Tropfen Schweiß aus der Achselhöhle und bleibt an Eckarts Hand kleben. In seinem Bauch und weiter unten zieht es sich zusammen, als wenn Luft herausgesaugt würde. Mario fasst seine Hand, ihre Finger winden sich ineinander und lösen sich wieder. Er schiebt Eckarts Hand sachte hinab, über die Rippen hinweg und ihr vorspringendes Ende, über den Bauchnabel bis zum Gürtel. Eckart öffnet ihn, und Mario dreht das Gesicht nach oben und flüstert etwas, aber Eckart versteht es nicht. Seine Lippen suchen den Mund des anderen, ihre Hände graben sich in Marios Schoß, und die beiden pressen sich so fest aneinander, daß es scheint, sie würden sich zerdrücken.

Am Abend dieses Tages findet der feierliche Appell zur Aufnahme der Pimpfe in die Hitlerjugend statt, zu dem auch Anna und Ulrike anwesend sind. Das Wetter spielt mit, es soll klar, trocken und warm bleiben. Die Jungen haben den Platz vor dem Heim mit Besen, Rechen und Schaufel fein säuberlich präpariert, die Fahnen und Fackeln zurechtgelegt und Reisig und Brennholz für das Lagerfeuer zusammengetragen und aufgehäuft. Es gibt noch allerhand zu tun, die Aufgaben werden verteilt, alle sind emsig bei der Sache. Beim Abendbrot klagt Mario über heftige Kopfschmerzen, einer von den geschulten Sanitätern misst seine Temperatur und stellt fest, daß er Fieber hat. Er fühlt sich matt und knurrt nur herum. Wolf Dressel meint, es wäre besser, wenn er nach Hause gebracht wird, und Mario ist damit einverstanden, einer von den Gruppenführern übernimmt das, sie fahren mit Wolfs Auto.

Punkt sieben Uhr treten die Jungen in Reih und Glied an. Jemand spielt auf der Trompete eine Fanfare und danach eine Melodie, die in der andächtigen Stille beinahe zu Tränen rührt. Der Gebietsleiter für Thüringen hält eine Rede. Dann sprechen die neu Aufgenommen den Eid, wie sie ihn Tage vorher auswendig gelernt haben. "Ich verspreche, in der Hitlerjugend allzeit meine Pflicht zu tun, in Liebe und Treue zum Führer - so wahr mir Gott helfe." Die Namen werden aufgerufen, und in Zweiergruppen gehen sie nach vorn, um die Zeichen der Vereinigung in Empfang zu nehmen, darunter auch das am meisten begehrte Fahrtenmesser mit der Inschrift "Meine Ehre heißt Treue". Mehr noch als mit Ehre und Treue ist Karls Herz jetzt mit Stolz erfüllt, als er das Messer am Gürtel befestigt. Dann singen alle das Lied "Unsere Fahne flattert uns voran - Vorwärts - schmettern die hellen Fanfaren - Vorwärts - Jugend kennt keine Gefahren - Deutschland, du wirst leuchtend stehn - mögen wir auch untergehen".

Über die beiden letzten Zeilen war in der weltanschaulichen Schulungsstunde diskutiert worden, denn, so hatten einige gefragt, wie kann man gleichzeitig ein leuchtendes Deutschland voraussehen und dabei den Untergang in Kauf nehmen. Der Jungzugführer und Schulungsleiter, ein neunzehnjähriger, sympathischer Bursche, der selber hier in Friedrichsthal wohnt, hatte ihnen erklärt, damit sei gemeint, daß manche, einzelne, möglicherweise im Kampf fallen werden, daß aber die Überlebenden, die Sieger, dieses leuchtende Deutschland errichten werden, und daß das so gewiss und unumstößlich wäre wie die Tatsache, daß jeder von uns Eltern hat. Nach dem Lied, bei dem natürlich auch die Fahne gehisst wird, marschieren die Jungen im Gleichschritt vom Vorplatz hinters Haus. Hier löst sich die strenge Formation auf, und alle beginnen lustig durcheinander zu quasseln und einer verrät dem anderen, wie ihm beim Appell zumute war, und daß er es gern noch mal erleben würde oder daß er sich zwischendurch einen Pups verkneifen musste und so weiter.

Beim Lagerfeuer gibt es Stockbrot. In drei großen weißen Wäscheschüsseln liegt je ein Berg heller Teig. Jeder kann sich davon eine Handvoll nehmen und um einen Stock wickeln und kneten und dann ins Feuer halten, bis es braun gebacken ist. Auch hier wird musiziert und gesungen. Es gibt kleine Vorführungen: einer jongliert mit drei, dann mit vier Bällen. Mit fünfen klappt es nicht, aber er bekommt viel Beifall. Dann macht jemand Musik mit einem Geigenbogen auf einer echten Schrotsäge, es klingt jämmerlich schön und viele summen mit. Drei Jungen führen einen Schwank auf, bei dem es darum geht, wie ein Dompteur mit einem Tanzbären einem Lehrjungen etwas beibringen will, aber der Tanzbär ärgert und beißt den Jungen ständig hinterm Rücken des Dompteurs. Der den Tanzbär spielt, hat ein richtiges Fell an und eine Pappmaske auf. Er brummt und hebt die Pranken und tappt herum und tut so, als sei er blind.

Die großen Jungs und die Gäste haben in einem Zelt einen Plattenspieler aufgestellt, in dem Schulungsheim gibt es eine kleine Schallplattensammlung, und einer hat auch welche mitgebracht. Man hört Schlager, und es wird getanzt. Um zehn Uhr ist Nachtruhe, alles verdrückt sich in die Kojen, und es dauert bis gegen elf, ehe die letzten still sind. Zwei von den Gruppenführern machen abwechselnd die Runde, um zu kontrollieren, ob alles in Ordnung ist. Man kann hier und da Kinderschnarchen hören. Das Lagerfeuer ist heruntergebrannt und von den dicken Holzscheiten knackt manchmal einer, als wollte er platzen.

Die Erwachsenen gehen auch ins Bett, nur Ulrike und der ominöse Thomas bleiben im Tanzzelt sitzen, Ulrike weil sie noch nicht müde ist, und Thomas, um ihr Gesellschaft zu leisten. Er holt für sie sogar eine Decke, als es abkühlt. Sie hüllt sich darin ein und sieht aus wie ein Indianermädchen. Thomas erzählt vom Bergsteigen und wie er zuletzt den Finkenstein an seiner schwierigsten Seite bezwungen hat. Ulrike fragt, ob er es von oben nach unten oder von unten nach oben getan habe, und Thomas versteht nicht recht. "Na, auf den Aschenbergstein im Leumelsgrund, da kann man ganz bequem raufgehen, der Weg hat sogar ein Geländer." "Du meinst, man könnte sich von der Spitze abseilen." "Ich würde mir's zwar nicht trauen, aber jemand wie du kann das bestimmt." "Das wäre ja kinderleicht, das würdest du auch schaffen." Weil er merkt, daß das nicht unbedingt als Kompliment aufzufassen ist, fügt er schnell hinzu "Auf was für Ideen du kommst, das würde mir gar nicht einfallen."

In dem Moment hören sie Geräusche aus einem der Zelte nebenan. Es ist Anna, die stoßweise atmet und seufzt, und dann kann man auch Wolf mit einem knörigen Brummen vernehmen. Ulrike und Thomas horchen beide kurz hin, lassen sich aber nichts anmerken und fahren in ihrem Gespräch fort. Thomas beschreibt detailliert den Aufstieg am Finkenstein, wo sich welcher Vorsprung befindet, an dem man sich festhalten kann und wo man eine Halterung für einen Karabinerhaken einschlagen kann. Die Nachbargeräusche werden immer deutlicher und stärker, Anna keucht wie bei einer sportlichen Übung, und Wolfs knörige Laute werden gedehnter und langanhaltend. Ulrike muss kichern und hält sich die Decke vor den Mund, Thomas wendet den Kopf in die verdächtige Richtung, als könnte er durch die Zeltwand hindurchblicken. Dann fragt sie "Könntest du mir das auch beibringen?" "Was?" "Das Klettern." "Ach so", sagt Thomas mit einem sichtbaren Ausdruck der Erleichterung. "Na ja, man braucht ein paar Muskeln an Beinen und Armen." "Die hab' ich." Sie streckt ihr rechtes Bein hervor, das im Halbdunkel seidig schimmert. "Und man darf keine Höhenangst haben." "Hab' ich nicht."

Es ist kaum zu glauben, aber Wolf und Anna steigern sich immer mehr, und eigentlich müsste man befürchten, daß das halbe Lager davon geweckt wird. "Was ist das?", fragt Thomas mit einer Kopfbewegung. "Keine Ahnung", erwidert sie. "Hört sich an wie der Kampf der Elemente", meint Thomas, und Ulrike steht auf. "Ich gehe noch eine Runde." "Im Dunkeln?" "Na und? Es ist eine lauschige Nacht, und ich will ja nicht klettern." Er zögert, und als Ulrike sagt "Kommst du mit?", springt er hoch. "Klar doch." "Dann versäumst du den Höhepunkt." "Bin ich nicht scharf drauf." Sie gehen den Weg zum Hügel hinauf, Thomas leuchtet mit einer Taschenlampe, und Ulrike nimmt die Decke von den Schultern, weil ihr beim Laufen warm wird und die Luft hier milder ist als unten im Tal.

Auf dem Hügel stehen keine Bäume, nur Sträucher und Gebüsch, und Thomas sagt, man kann von hier Gothardau sehen. "Auch nachts?", fragt sie, und er bejaht es und erzählt, daß er letztens die Scheinwerferübungen vom Flakregiment beobachtet habe, die den Himmel anstrahlten und hin und her schwenkten wie riesige silberne Schwerter. "Da ist jemand", unterbricht sie ihn, und er flüstert "Hier herüber, wir schleichen uns ran." Ulrike staunt, wie mutig Thomas ist, dann sagt er "Duck' dich, die kommen direkt auf uns zu." Daß es zwei Personen sind, hört man, weil sie miteinander reden, und dann erkennt man auch ihre schemenhaften Gestalten, ein kleiner und offenbar älterer Mann, der etwas unterm Arm trägt, und ein junger, der munter um den anderen herumspringt wie ein wachsamer Hund.

Ulrike merkt, wie Thomas nachsinnt, was zu tun sei, da erkennt sie die Stimme des jungen, fasst Thomas bei der Hand und tritt aus dem Gebüsch heraus. "Guten Abend, Stolle", ruft sie, ohne daran zu denken, daß sie die anderen zu Tode erschrecken könnte. Doch die sind kein bisschen überrascht und bleiben stehen. "Ulrike", erwidert Stolle, und als er ihren Begleiter sieht, sagt er fast unwirsch "hier könnt ihr euch jetzt nicht amüsieren." "Wieso nicht?", fragt Thomas. "Wir führen eine wissenschaftliche Untersuchung durch." Er deutet auf den älteren Mann neben sich, der tatsächlich einen großen Kasten mit sich trägt. "Das ist der Professor Kelchmann von der Universität Jena, eine Konifere auf dem Gebiet der Astronomie." "Gibt es heute eine Mondfinsternis oder so etwas?" Der Professor schüttelt verständnislos den Kopf. "Diese jungen Leute! Kaum ist unser treuer Trabant mal nicht zu sehen, denken sie schon, er wäre verfinstert." Stolle lacht auffällig, um zu zeigen, daß er mitnichten diesem Irrtum unterliege.

"Dann klären Sie uns doch auf." Der Professor hebt an zu sprechen, aber Stolle sagt vorlaut "Seht ihr nicht, was für ein klarer Sternenhimmel ist." "Natürlich, deswegen sind auch wir unterwegs." "Aber ihr denkt dabei nur an die irdischen Vergnügungen." "Ach, Stolle, hör' auf mit dem Gesülze, du redest wie ein Pfarrer." "Sie kennen sich?", fragt der Professor und schaut sich im Kreise um. "Vermutlich, ja." "Da ist es gut", sagt der Professor und baut ein paar Schritte weiter das Fernrohr auf, das er nebst Stativ aus dem Kasten hervorholt. Dann dauert es einige Minuten, bis er es für die Beobachtung eingerichtet hat.

Währenddessen verrät Stolle den beiden im Flüsterton, daß der Professor sich zur Erholung in Friedrichsthal befinde, und daß er, Stolle, solange sein persönlicher Assistent sei. "Nicht nur zur Erholung", murmelt der Astronom, während er angestrengt durch das Fernrohr schaut, "ich nehme auch die letzten Korrekturen an meiner Schrift über die germanischen Sternbilder vor, die im Herbst in Jena auf der Tagung der ... ah, da ist es, das Scutum." "Haben Sie es gefunden, Herr Professor?", fragt Stolle und tritt an ihn heran. "Was ist das Scutum? Klingt eher nach irgendwas Anatomischem", meint Ulrike. "Ein Körperteil des Großen Bären, sein unverzichtbares Scutum", setzt Thomas schmunzelnd hinzu. "Scutum kommt aus dem Lateinischen", sagt Stolle besserwisserisch, "und heißt ...", er schaut fragend zum Professor. "Es hieß ursprünglich einmal Scutum Sobiescianum, das Schild des Sobieski." "Genau, es heißt Schild."

"Darf man auch mal sehen?", fragt Ulrike. "Bitte schön. Es ähnelt einem Drachenviereck." "Na ja, mit etwas Phantasie." "Der hellste Stern ist Alpha Scuti." "Den erkenne ich." "Da gibt es auch einen Veränderlichen, R Scuti." "Was bedeutet Veränderlicher?" "Er ändert regelmäßig seine Helligkeit, bei einer etwa fünfmonatigen Periode." "Aha. Wie kommt das? Geht ihm manchmal das Licht aus?" Der Professor kichert wieder wie über einen kindischen Witz. "Köstlich diese naiven Vorstellungen." "Sie sagten, er hieß ursprünglich so. Jetzt nicht mehr?" "Das Sternbild wird gemeinhin nur 'das Schild' genannt, der Name des Königs Johann Sobieski ist weggefallen. Doch das ist nichts Ungewöhnliches. Es gab ein Sternbild, das hieß 'Herz Karls des Zweiten' oder eins: das 'Brandenburger Szepter', sie sind aus der Nomenklatura wieder verschwunden." "Wo raus?" "Aus den Sternenverzeichnissen", sagt Stolle. "Ich dachte schon vom Himmel." "Nein, da kommt so schnell nichts abhanden, sie bestehen weiter unter anderem Namen."

"Können Sie uns noch was zeigen, Herr Professor?" "Mit Vergnügen", erwidert er. Er zeigt ihnen die Leier, den Adler und den Schwan mit den hellen Sternen des Sommerdreiecks. Sodann versuchen sie gemeinsam, die ausgedehnten Bilder des Herkules und des Schlangenträgers zu umreißen und auseinanderzuhalten, und es zeigt sich, daß Stolle als Assistent schon ganz brauchbar ist. "Und über das alles schreiben Sie ein Buch?", fragt Thomas. "Genau gesagt, über die alten germanischen Sternenbilder, sie unterschieden sich von den heutigen, entsprechend dem alten Götterglauben. Damals gab es zum Beispiel den 'Großen Wolfsrachen' mit einzelnen Sternen aus Schwan, Pegasus und Andromeda. Und das bekannte Siebengestirn hieß 'das Ebergedränge'." "Wie?" "Eber-Gedränge, man stellte sich darunter eine Schar von sieben Frischlingen vor, die im Wald herumwetzen." "Das ist ja lustig", meint Ulrike, dann sagt sie "Herr Professor, Sie könnten doch bei unseren Hitlerjungen einen Vortrag darüber halten, das wird sicher alle interessieren. Wäre das nicht was?", meint sie zu Thomas gewandt. Der bestätigt es. Der Professor ist einverstanden, sie verabreden sich für den morgigen Nachmittag, und Stolle bittet sich aus, bei dem Vortrag assistieren zu dürfen, indem er die Sternbildernamen mit Kreide an einer Tafel anschreibt.

Vor den Jungen erwähnt der Professor auch die alte Sternwarte, die auf dem Seeberg gestanden und einen hervorragenden wissenschaftlichen Ruf genossen hat. Er erzählt, wie man das Fundament, einen riesigen Granitblock mit zwanzig vorgespannten Ochsen aus einem entfernten Steinbruch herangeschafft hat. "Man hätte ihn doch auf einen Wagen laden können", meint einer der Jungen dazu. Leider ist heute von der Sternwarte nicht mehr viel übrig, bis auf den Stein mit dem eingezeichneten Meridian. Jemand schlägt vor, eine Exkursion zu dem Standort der alten Sternwarte zu machen, und der Professor soll der Jugend an Ort und Stelle alles zeigen und erklären. Der Professor, der Spaß an der Sache gefunden zu haben scheint, sagt zu und es wird ein Termin vereinbart. Aber dann muss die Exkursion abgesagt werden, weil an diesem Tag die große Gothardauer Jahresjagd auf dem Seeberg stattfindet, zu der auch Annas Vater eingeladen ist.

* * * * *

Richard Weber kommt gegen dreiviertel zehn am Marstall an. Er ist mit dem Auto gefahren. Lothar Aufhaus, der Schultheiß der Borsberg Gemeinde, hatte gesagt, er werde von der Reitschule ein Pferd für ihn mitbringen. Sollte das nicht klappen, wäre Weber auch nicht böse, ihm wäre es ohnehin lieber, er würde bis zum Schlackenhaus, dem Gasthof auf halber Höhe des Seebergs, fahren und dann mit den Hundeführern und Schützen mitlaufen.

Die Jagdgesellschaft ist fast vollzählig. Weil es auf dem freien Platz vor dem Marstall ungemütlich ist, ist ein Teil der Jäger über die Straße und in den Park gegangen, von wo aus man das Geschehen im Blick behält. In kleinen Gruppen stehen die Leute und plaudern, viele der Gäste sehen sich zwei dreimal im Jahr, wobei die Hubertusjagd ein willkommener Anlass ist. Die Pferde werden auf der Wiese zusammengehalten, die Hundemeute balgt sich ein Stück abseits um ein Stück Fleisch, das Wetter verspricht großartig zu werden. Zwischen den Wartenden löst sich aus einer Flinte ein Schuss und geht in eine Baumkrone. Einige werden erschreckt, ein paar Frauen schreien kurz auf. Als man erkennt, daß es ein Versehen war, geht ein Gelächter durch die Menge.

Dr. Ullrich, Direktor der Metallfabrik in Ohrafurt, ist der diesjährige Jagdherr, Oberleutnant Matthies ist Master, und Schulleiter Reckmann Piqueur. Die drei stehen am Marstalltor um einen Feldtisch herum und besprechen den Ablaufplan. Matthies ergänzt laufend die Teilnehmerliste. Es sind einige prominente Personen anwesend. Staatssekretär Ortleb aus Weimar, der Landesbauernführer Staatsrat Plenckert, Landrat Dr. Gille, Oberbürgermeister Dr. Meyer. SA Standartenführer Winckler ist nach längerer Krankheit wieder wohlauf und macht einen sehr guten Eindruck. Der Präsident des Rennvereins Major a.D. von Seefeld ist da, und natürlich auch Kurt "Kurtchen" Hopf, der Kreisjägermeister, der eigentliche Organisator des ganzen.

Etliche sind in Begleitung ihrer Ehefrauen gekommen, von denen manche selbst ganz passable Jägerinnen und vor allem die besseren Reiterinnen sind. Auch die Kreisfrauenschaftsleiterin Margit Fürbitter ist der Einladung gefolgt. Der aus Berlin stammende Schauspieler Oskar Heister, ein Freund von Gustaf Gründgens, hält sich zur Zeit wegen Filmaufnahmen in Georgensmühl auf und nimmt auf Vermittlung der Goethegesellschaft ebenfalls an der Jagd teil. Die Begleiterinnen der Fürbitter, von denen die meisten Mitarbeiterinnen der Mütterschule in der Friedrich Jacobs Straße sind, haben sich bereits um Oskar Heister geschart, der gerade erklärt, wie wenig er vom Jagen, umso mehr aber davon verstehe, was der Waidmann das "Heranpirschen ans Wild" nennt.

Obwohl die Pferde und erst recht die Hunde kaum zu zügeln sind, und die Hubertusjünger darauf brennen loszuziehen, und obwohl die Zeiger der Marstallturmuhr auf zehn Minuten nach zehn stehen, gibt Jagdherr Dr. Ullrich noch immer nicht das Signal zur Eröffnung. Denn es fehlt Herzog Karl Emmanuel, ohne den keine derartige Veranstaltung beginnen kann. Im vorigen Jahr wurde gemunkelt, der Herzog habe zuerst seinen Chauffeur im Auto am Marstall vorbeifahren lassen, um zu sehen, ob die Lage und Stimmung für sein Erscheinen angemessen fortgeschritten seien, aber auf so was achtet man nicht ernsthaft und nimmt es wie selbstverständlich hin, daß Karl Emmanuel nicht nur als letzter, sondern auch einige Minuten später eintrifft. Endlich kommt er doch vom Museum her geritten auf dem edlen Wallach mit Namen "Stahlhelm" und mit einem kleinen Tross, zusammengesetzt aus Angehörigen der Familie, Bekannten, Gästen und ein paar jagdkundigen Begleitern, unter ihnen auch ein ehemaliger Schulkamerad Eckarts.

Nach der Begrüßung und Bewillkommnung durch die Jagdleitung, und nachdem die Herrschaften und Damen von der Parkseite sich wieder vor dem Marstall versammelt haben, gibt Dr. Ullrich den Jagdhornbläsern das Zeichen zum Auftakt. Im Halbrund, in schmucker Lodenuniform mit Hut und Hirschbartschmuck, einen Arm in die Seite gestemmt, erheben die Bläser die glänzenden Hörner zum Munde. Es erklingen der "Gästegruß" und zwei weitere Stücke, die keine regelrechten Hornsignale sind, aber dennoch gefallen, und Dr. Ullrich weist kurz darauf hin, welches Wild geschossen werden darf und daß die Aufteilung der Jägergruppen, Helfer, Treiber und so weiter laut dem Einladungsschreiben gilt. Danach ertönt der "Aufbruch zur Jagd", und einige der Hunde beginnen zu jaulen.

Die Gesellschaft setzt sich in Bewegung, um vom Platz der alten Sternwarte aus zu den einzelnen Abschnitten des Reviers zu ziehen. Lothar Aufhaus hat Doktor Weber das versprochene Reitpferd mitgebracht. "Ich dachte, wir fangen beim Schlackenhaus an", sagt Weber, und Aufhaus erwidert "Ist schon wieder alles umgeändert." 'Warum dann überhaupt auf die Einladung verwiesen wird', denkt Weber und sagt "Dann halte ich mich an dich. Habe sowieso nicht vor, groß was zu erlegen." "Das soll heißen, daß du nichts vor die Flinte kriegst, wenn ich dabei bin." "Aber woher, du hast letzte Woche erst den Hirsch geschossen." "Ein Schmales war es. Den Hirsch hole ich vielleicht heute." "Bitte schön, ich überlasse ihn dir."

An der alten Sternwarte gibt es dann doch eine kleine Verzögerung, weil manche nicht wissen, welcher Gruppe sie sich anzuschließen haben und andere offensichtlich schon in eine Richtung verschwunden sind, die ihnen gar nicht zugewiesen war. Dr. Ullrich nimmt das alles gelassen, denn er weiß, daß sich am Ende alles wie von selbst zurechtfindet. Doktor Weber, Lothar Aufhaus, Herr Sandhorst und ein Mann von der Arbeitsfront namens Kerkwitz, der anscheinend über den Ablauf am besten Bescheid weiß, bleiben zusammen und schlagen den Weg ein, der oberhalb des Töpfleber Grabens entlang führt.

Die Stimmen der anderen, das Getrappel der Pferdehufe und das Gekläffe der Hunde verlieren sich allmählich zwischen den Bäumen des Mischwaldes. Schließlich hört man schon ziemlich entfernt abermals ein Horn den "Aufbruch" blasen und dann nur die Rufe der Treiber, das "Hoho" und "Hola" und "Hussa". Dann fällt der erste Schuss und es folgen bald die nächsten. "Wir müssen zunächst an die Rotspring", sagt Kerkwitz, "das ist unsere erste Hindernisstation." "Hindernis?", fragt Weber, und Aufhaus sagt "Na irgend so ein Holzgestell, Richard, du kennst das doch vom letzten Mal." Kerkwitz sagt "Wenn Sie einverstanden sind, führe ich den Punktezettel für unser Haus." "Wie, für unser Haus?", fragt Lothar. "Sind die Herren denn nicht auch von der Arbeitsfront?" "Nee. Das ist Doktor Weber, das ist der Stadtkämmerer Sandhorst, und ich bin Schultheiß Aufhaus von der Borsberg Gemeinde."

"Oh", sagt Kerkwitz und fährt, sich halb entschuldigend, fort "ich bin erst seit voriger Woche in der Stadt. Versetzt worden. Das hier ist sozusagen mein erster offizieller Auftritt. Ich habe mir das Organisatorische genau eingeprägt, aber meine Kollegen, die habe ich nicht zu Gesicht bekommen." "Und weshalb dachten Sie dann, daß wir es sein könnten?" "Der Jagdleiter sagte zu mir: 'Schließen Sie sich denen dort an'. Aber wahrscheinlich hat er meine Frage überhört." "Naja, dann nehmen Sie mit uns Vorlieb, und übernehmen Sie das ruhig mit dem Zettel." "Es ist jedesmal was anderes", sagt der Stadtkämmerer Sandhorst, der die ganze Zeit geschwiegen hat und schüttelt den Kopf.

Wie der Schultheiß vorausgesagt hat, sind an der Rotspring, auf dem Rasenstreifen zwischen Wald und Brachfeld, hintereinander zwei Holzbarrieren aufgebaut worden, über die man mit dem Pferd hinwegspringen soll. Daß die Jagd mit solchen reiterischen Turnübungen gespickt ist, preist Kurt Hopf, der Kreisjägermeister, als gute alte Tradition, die bisher stets zur Auflockerung beigetragen hatte, und Kurtchen Hopf bildet sich was darauf ein, jedesmal ein paar neue Hindernisse zu erfinden, was ihm jedoch nicht gelingt und lediglich darauf hinausläuft, daß er die alten an neuen Plätzen aufbaut.

Betreut werden sie von jungen Burschen (und Mädchen, die mehr oder weniger die Burschen betreuen), die sich damit ein paar Groschen verdienen. Ihre Hauptaufgabe besteht darin, den Reitern und Reiterinnen zu erklären, in welcher Art und Weise das Hindernis zu überwinden sei und nach dem Durchgang das Ergebnis auf dem besagten Zettel einzutragen. Der Kreisjägermeister hat sie persönlich in diese Aufgabe eingewiesen, ja "geschult" wie er sagt, und er bildet sich auch auf sein pädagogisches Geschick etwas ein. Den größten Wert legt er darauf, daß die Verantwortlichen an Ort und Stelle tadellos auftreten, und sich nicht etwa einen Gaudi aus ihrer Funktion machen, oder gar rauchend oder "trinkenderweise" ihrer Pflicht nachkommen.

Gegen die Mädchen hat er nichts einzuwenden, allerdings müssen sie in BDM Kleidung erscheinen. Zudem lässt er nur solche zu, die wenigstens die dringendsten Maßnahmen der ersten Hilfe bei Unfällen beherrschen, weshalb sie auch mit Sanitätstaschen ausgerüstet sind. Die sollen jedoch nur im Notfall verwendet werden, und am besten auch dann erst zum Vorschein kommen, weil sich nämlich gezeigt hatte, daß manche der Jäger eine Verletzung nur vortäuschten, um von einer der jungen Maiden verarztet zu werden. Den Burschen schärft er ein "Lasst euch nicht auf Diskussionen über die Bewertung ein. Ich kenne meine Pappenheimer, die versuchen natürlich, das beste für sich herauszuschlagen. Wir sind objektiv und gewähren weder Vor noch Nachteil." Die Bewertung erfolgt für die ganze Gruppe nach einem einfachen Punktesystem, und allenfalls lässt man es durchgehen, wenn einer für einen anderen ein zweites Mal über die Barriere oder den Graben springt, was aber selten vorkommt.

Kurz bevor die Gruppe an der Rotspring angelangt ist, kommen von rechts drei andere Reiter aus dem Gebüsch auf den Weg, lachend, als hätten sie sich verirrt und würden sich darüber königlich amüsieren. Überhaupt lassen sie wenig waidmännische Ernsthaftigkeit erkennen. Sie sind so plötzlich aufgetaucht, daß des Schultheißen Aufhaus' Pferd scheut, und von den anderen ihrerseits jemand aufschreit. Es ist eine der beiden Damen, die in des Herzogs Gefolge gekommen waren, und der dritte im Bunde ist kein anderer als Oskar Heister, der Schauspieler aus der Reichshauptstadt, der in Georgensmühl seinen Film dreht.

Der Arbeitsfrontmann Kerkwitz, der um das Abschneiden seiner Jagdgruppe besorgt ist, sagt ruhig aber nachdrücklich "Auch wenn Sie versuchen, uns den Weg abzuschneiden, wir sind zuerst an der Station dran." Oskar Heister braucht einen Moment, um sich vom letzten Spaß zu erholen und erwidert dann "Wer will Ihnen denn den Weg abschneiden, mein Herr? Wo wir doch gar nicht ahnen konnten, daß es hier überhaupt einen Weg gibt." Damit wendet er sich zu seinen Begleiterinnen um, die herzlich lachen. "Noch dazu eine Station", meint die eine.

Die beiden jungen Frauen sind hübsch, sie wirken wie Schwestern, wie Schneeweißchen und Rosenrot in eleganter Tracht aus Loden und Leder, die eine mit Hut mit kühn geschwungener Krempe, die andere mit spitzer Kappe und Vogelfeder über dem Haar. Und Heister zwischen ihnen wie der Königssohn, oder, da er nicht mehr der jüngste ist, besser gesagt, wie der Vater, der für den Sohn auf Brautschau unterwegs ist. Insofern scheint seine Entscheidung noch lange nicht getroffen, welcher der Schönen er den Vorzug geben soll. Und wer weiß, vielleicht nimmt er sie auch für sich, und womöglich sogar beide.

Kerkwitz, der kein Kinogänger ist, und der gerade mal den Rühmann kennt, und von dem auch nur den Nachnamen weiß, und dem diese Turtelei im Walde zuwider ist, der aber an einem der Pferdesättel der Damen das herzogliche Wappen entdeckt und sich einen Reim darauf gemacht hat, will eine fruchtlose Unterhaltung vermeiden und sagt "Dann lassen Sie uns vorbei, und Sie können sich meinetwegen anschließen, wir nehmen Sie das Stück mit." Irgendwie befürchtet er nun, sich unberechtigterweise zum Wortführer der Kameraden gemacht zu haben, deshalb schaut er sie der Reihe nach an und vergewissert sich, daß sie damit einverstanden sind. Den Stadtkämmerer Sandhorst, der auf Fremde nicht gut zu sprechen ist, woher auch immer sie kommen und was sie treiben, reicht der Kerkwitz für heute schon aus, er lässt den Heister und seine Verehrerinnen völlig unbeachtet und ruft dem Arbeitsfrontmann zu "Reden Sie nicht so lange, tun Sie es einfach, damit wir vorankommen. Eine Stunde vorbei und kein Stück Wild vor die Flinte gekommen", sagt er wieder kopfschüttelnd.

"Hoffentlich ist es nicht der falsche Weg", meint Heister mit einem spöttischen Unterton, und als sie ihnen folgen, sagt er "Nun, da wir wieder auf ebener Erde wandeln, und uns die Herren Jäger zu der Station führen, sollten wir uns mit ein wenig Zielwasser stärken, damit das Rohr auch ruhig in der Hand liegt." Er holt eine reich verzierte Pulverflasche hervor, in der sich freilich kein Pulver, sondern Cognac befindet und bietet Schneeweißchen und Rosenrot davon an, und eine von ihnen, die Brünette, nimmt einen Schluck, während die andere dankend ablehnt und sagt "Es ist doch kein Schießstand, sondern ein Hindernis, das es zu überwinden gilt." "Ach, und ich dachte, wir wären auf einer Jagd und nicht beim Springreiten, doch wie dem auch sei, ich liebe es, Hindernisse zu überwinden, wie Sie sich ausdrücken, Dorothea." "Lisa." "Lisa, natürlich, ich habe mich versehentlich zur falschen Seite gewendet."

Doktor Weber, Kerkwitz, Aufhaus und der Stadtkämmerer nehmen die beiden Hürden im ersten Anlauf, und bekommen die Punkte aufgeschrieben. Oskar Heister hat die Situation sofort überblickt und wendet sich vertrauensvoll an das Mädchen, das im Schatten der Linde kniet, neben sich eine Sanitätstasche, ein aufgeschlagenes Buch und eine ausgebreitete Jacke, auf der bis eben ihr Freund saß. "Meine Kleine, was bin ich froh, daß ich Sie hier finde. Ich habe mir den Finger verstaucht, würden Sie mir freundlicherweise einen Stütz- oder einen Streckverband oder wie das heißt anlegen." Das Mädchen freut sich, seine Fertigkeiten anwenden zu dürfen und umwickelt Heisters Zeigefinger - stütz oder streck, hin oder her - mit einer meterlangen Mullbinde, so daß der Finger einer weißen Birne gleicht.

"Sie machen das gut", sagt er, "glücklicherweise ist es der linke und nicht der Abzugsfinger." Dabei schaut er ihr süßlich in die Augen, und sie fragt "Wie ist das passiert?" Doch bevor er ihr den Vorfall schildern kann, hört man Dorothea lauthals rufen "Oskar, helfen Sie mir, 'Güldenstern' macht Sperenzchen." "Herrje, Sie müssen ihn ordentlich an die Kandare nehmen." "Mach' ich ja, aber er will nicht." "Natürlich will er nicht." Die kleine Sanitäterin wickelt fleißig. Dorotheas Pferd dreht sich im Kreis und will partout nicht über das Gerüst springen. "Dann lassen Sie ihn laufen", ruft Heister, "er wird sich schon wieder einkriegen." "Fragt sich nur wo", murmelt Kerkwitz, der wie die anderen die Szene beobachtet hat.

"Danke, meine Kleine", sagt Heister, und das Mädchen meint "Herr Heister, würden Sie mir ein Autogramm geben, schreiben geht doch, oder?" Oskar Heister ist außer sich vor Freude, daß sie ihn erkannt hat. "Aber selbstverständlich, es ginge auch noch anderes", sagt er und wirft ihr einen huldvollen Blick zu, "schade, daß mir's gerade jetzt an Zeit gebricht, aber Sie sehen ja, man muss sich um alles kümmern, wo soll ich hinschreiben, hier?" Sie reicht ihm das Buch. "Gleich vorn, bitte." Er schaut auf den Titel. "Franziska Ebersbach, Die Glocken von Genua, das klingt vielversprechend, ich hoffe, durch meinen Namenszug wird es noch besser." "Bestimmt. Und wenn Sie sich wieder mal was getan haben ...", sie überlegt was dann am besten sein könnte, und Heister ergänzt "Dann denke ich an Sie und gleich tut's nicht mehr weh." "Ja, genau."

Güldenstern ist mit Dorothea auf dem Rücken weit übers Feld davongesprengt, und dann gelingt es ihr, ihn zu zügeln, und im Bogen kommen sie wieder zurück. Kerkwitz sagt schnell "Wir sollten uns fortmachen, bevor die auf die Idee kommen, sich an uns dranzuhängen." "Gott behüte", meint Sandhorst, "als Dianas Gefährtinnen mögen sie ja taugen, aber nicht für eine richtige Jagd, das ist und bleibt Männersache." "Sehen Sie, Dorothea, was habe ich gesagt, er braucht nur ein bisschen Auslauf, um sich abzureagieren." "Aber wovon?" "Können wir jetzt weiter?", fragt Lisa, die anfängt sich zu langweilen, "in welche Richtung?", wendet sie sich an einen der Burschen, und der antwortet "Am besten den anderen nach."

"Meine Herren", ruft Heister, und Sandhorst flucht, "würde es Ihnen etwas ausmachen, uns mitzunehmen?" Kerkwitz dreht sich um und sagt "Eigentlich schon." Doch Dorothea ist an der Gruppe vorbeigezogen und gerade neben dem Schultheiß Aufhaus. Ihr Pferd schnaubt aus weit offenen Nüstern, und die Reiterin hat eine kräftig gesunde Gesichtsfarbe bekommen und ihre Bluse unter dem Lederwams ist bis zum dritten Knopf aufgegangen und bietet einen Anblick, dem Aufhaus nicht widerstehen kann. "Hier entlang?", fragt sie ihn immer noch ein bisschen atemlos und zugleich schon wieder voller Tatendrang. Aufhaus sagt "Ja. Aber Vorsicht, da vorn kommt eine Senke, da geht es steil hinab." "Wo's hinab geht, geht's auch wieder hinauf. Oskar! Wo bleiben Sie denn? Er hat kein Durchhaltevermögen", sagt sie zum Schultheiß, und der erwidert "Im Film lassen sie immer andere reiten." "Da haben Sie recht."

Heister und Lisa trotten auf ihren Pferden hinterdrein. Er holt abermals die Pulverflasche hervor und fragt diesmal Kerkwitz, der seltsamerweise auch am Ende reitet, als wollte er die anderen antreiben, "Ein Schlückchen gefällig?" "Danke, ich trinke nicht." Er nimmt allein einen Zug und sagt leise zu Lisa "Er trinkt nicht, da wird er wohl unweigerlich verdursten." Und dann zu Kerkwitz "Wie kommt es, daß Sie nicht trinken, haben Sie Angst, aus der Rolle zu fallen?" Kerkwitz sieht ihn unschlüssig an, er weiß nicht recht, was der Mann von ihm will und er findet, daß dies Thema nicht hierher gehört. Aber die beiden erwarten offenbar ernsthaft eine Antwort, und wenn er sie schuldig bliebe, könnte es so aussehen, als wollte er etwas verbergen. Also sagt er "Ich bin ich selbst, ich spiele keine Rollen."

"Ich schon", sagt Heister, und Lisa, als sie Kerkwitz' Schulterzucken sieht, erklärt "Herr Heister ist Schauspieler, haben Sie 'Die Rache der fünften Nacht' gesehen'?" "Nicht daß ich wüsste. Und was spielen Sie da? Etwa einen Trunkenbold?" "Na na." Ein "Na na" ist für Kerkwitz ein Zeichen, daß er gleich noch ein Argument nachlegen kann, um sich gegen diesen arroganten Menschen zu behaupten. "Meiner Überzeugung nach ist der übermäßige, ja eigentlich schon der willkürliche Alkoholverzehr eines deutschen Mannes unwürdig, von Frauen ganz zu schweigen." "Ich trinke keinen Alkohol", sagt Lisa. "Ich habe auch niemanden Bestimmten angesprochen."

Heister ist souverän genug, um die Anspielungen gelassen zu nehmen, er reizt Kerkwitz mit hochtrabenden Worten: "Sollte es nicht genauer heißen: der unwillkürliche Alkoholverzehr? Denn es ist doch das unwillkürliche Verhalten, das Fehlen eines festen Willens, das den Menschen wankelmütig und schwach macht, und ihn dazu treibt, in seiner Haltlosigkeit Zuflucht zum Trunke zu suchen?" Kerkwitz beißt an. "Auf den ersten Blick könnte man das annehmen", sagt er, "ich glaube, es gibt zwei Arten von Trinkern." "Doch so viele?", meint Heister, und Lisa sagt "Lassen Sie ihn nur ausreden."

"Die einen sind jene, denen tatsächlich jegliche Entscheidungsfähigkeit abhanden gekommen ist, die sich nur blind und besinnungslos besaufen, damit es, entschuldigen Sie die drastische Ausdrucksweise, nicht aufhört, oben hinein und unten heraus zu laufen. Das sind Kranke, denen allenfalls der Arzt abhelfen kann. Die anderen aber sind jene, die glauben, sie könnten ihre Persönlichkeit und ihr Leben aufwerten, indem sie sich in einen rauschhaften Zustand bringen, von dem sie eine Freisetzung und Steigerung ihrer innewohnenden Kräfte erhoffen." "Von ihrer Potenz", sagt Heister. "Von allem, wovon sie meinen zu wenig zu besitzen."

"Hm", macht Heister, "ich nehme mal an, daß Sie mich zu einer dieser beiden Arten rechnen." "Ist das wahr?", fragt Lisa, und Kerkwitz erklärt "Ich kenne Sie überhaupt nicht und maße mir daher kein Urteil an. Ich denke, als Schauspieler könnten Sie jede Rolle überzeugend darstellen und niemand würde Ihr wahres Gesicht erkennen können." "Oh danke für das Kompliment." Lisa fragt "Gibt es eigentlich eine Schule, wo man die Schauspielerei lernen kann? Oder muss man ein angeborenes Talent dafür haben?" "Eine gute Frage, meine Liebe. Es gibt eine Ausbildung dafür, aber die ist vergebens, wenn man das Talent nicht mitbringt." "Glauben Sie, ich könnte das auch?" "Das passende Äußere hätten Sie jedenfalls schon mal." Kerkwitz meint "Es muss ja nicht unbedingt eine Sprechrolle sein." Lisa strafft energisch die Zügel und sagt "Ich werde einmal sehen, was bei denen da vorn los ist." "Ja, tun Sie das, meine Liebe, und fragen Sie, wann es denn nun endlich zur Jagd geht."

Lisa treibt ihren Braunen an und überholt den Stadtkämmerer, der die ganze Zeit gedankenversunken auf seinem Gaul daherzuckelt und der einen Schreck bekommt, als sie neben ihm vorbeirauscht. Mit ihr zugleich nähert sich der Spitze des kleinen Zuges vom Hang, der zum Schmiedebrunnen hinaufführt, ein Jäger zu Pferde, der kurz mit Aufhaus und Doktor Weber spricht und dabei mit den Armen einige Bewegungen in Waldrichtung beschreibt. Aufhaus dreht sich im Sattel um und ruft Kerkwitz zu "Die Treiber haben eine Rotte Wildschweine aufgescheucht, er sagt, sie könnten hier herüber kommen." "Wildschweine", sagt Oskar Heister erregt und greift nach dem Gewehr, das er wie ein Cowboy in einem Lederschaft stecken hat. "Nur langsam", sagt Kerkwitz, "wahrscheinlich drehen sie ab, wenn sie uns bemerken." "Soll das etwa heißen, wir wären nicht gut genug?" Der andere schaut ihn hoffnungslos an. "Das soll nur heißen, daß Sie sich mit ihrem Gewehr vorsehen, solange Sie auf dem Pferd sitzen." "Sie haben aber etwas anderes gesagt."

Kerkwitz lässt ihn stehen und schließt nach vorn auf, um sich mit Aufhaus zu verständigen. Während sie beratschlagen, hört man Dorothea vom Grund der Senke, von der Aufhaus gesprochen hatte, rufen "Wer holt mich hier wieder heraus?" Lisa schaut zu Heister, der schüttelt den Kopf. Doktor Weber löst sich von der Gruppe und reitet vorsichtig bis zum Rand des Kessels, der ein stillgelegter und verfallener kleiner Steinbruch ist. Dorothea und ihr Güldenstern stehen unten wie gefangen und suchen nach einem Ausweg. "Reiten Sie dort hinüber zu den großen Steinblöcken", ruft Weber ihr zu, "rechts vorbei geht ein schmaler Graben hinaus, da müssten Sie durchkommen." "Und wenn nicht?" "Versuchen Sie's erst mal." Sie sieht ängstlich zu ihm hinauf, während Güldenstern sich anscheinend auf ihre nächste Ungeschicklichkeit freut. "Bleiben Sie da oben stehen, falls mir was zustößt." "Ja." Sie geht zu den Sandsteinen. Weber sagt "Am Ende von dem Graben wenden Sie sich nach links, wir treffen uns auf der Wiese am Waldrand." Heister meint "Ob Sie das allein schafft."

Man hört die Treiber, die ganz in der Nähe durch das Unterholz streifen. Dann fallen mehrere Schüsse. Der Boden wird erschüttert von den Sprüngen flüchtender Tiere, Äste krachen, altes Laub wird aufgewirbelt, eine Wolke strengen Wildgeruchs verbreitet sich. Heister fragt angespannt "Sind das die Schweine?" Kerkwitz peilt durch das Fernglas. "Sieht eher aus wie Rotwild." "Ein Fuchs bloß?" "Unsinn. Ein Hirsch." "Hoffentlich nicht der Hubertushirsch." "Sie sollten wirklich besser auf der Bühne bleiben", meint Kerkwitz. "Wieso? Es ist doch sehr amüsant hier, und man kann die Menschen studieren ohne daß sie es merken."

Da springt ein Schmaltier zwischen den den Bäumen hervor. Kerkwitz hat in Sekundenschnelle das Gewehr im Anschlag. Das Tier bremst ab, knickt in den Vorderläufen ein und macht eine jähe Wendung. Heister sagt auf einmal "Wo ist eigentlich Lisa?" Kerkwitz stutzt, nimmt die Waffe herunter und sagt "Verflucht noch mal, wenn hier jeder rumtanzt wo er will, dann können wir gleich Schnecken einsammeln." Heister lacht. "Schnecken, großartig. Ich habe in Locarno einmal welche gegessen, vorzüglich." Das Schmaltier ist fort, es war nur ein einzelnes. Lisa ist auch fort, sie taucht natürlich später an Dorotheas Seite auf, als diese aus der Grube herausgefunden hat.

Alle treffen sich wieder auf der Wiese. Über Jagdbeute kann man sich nicht freuen, aber der Ausblick über die Landschaft bis hin zu den Fahnerschen Höhen ist herrlich. Man macht eine Pause. Kerkwitz redet etwas von ein Stück zurückreiten, weil man die nächste Station verpasst hat. Aufhaus sagt "Jetzt lassen Sie die albernen Stationen sein, wenn Sie unbedingt wollen, schreibe ich Ihnen die Punkte auf den Wisch." "So machen es alle", gibt Kerkwitz standhaft zurück.

Heister und die Damen sitzen im Gras, er leert die Neige aus seiner Pulverflasche, schüttelt sie dann und meint "An diese Station sollten wir bald mal kommen." "Sind das Schafe da unten?", fragt Lisa und zeigt mit dem Finger auf eine Herde weit unten am Hang. "Lassen Sie sich das Fernglas von dem Herrn Jägermeister geben und Sie können es herausfinden." "Das sehe ich auch so." "Warum fragen Sie dann?" Lisa schweigt, dann sagt sie "Wie ungestört die da grasen. Da sieht man, daß die Welt doch besser geworden ist." Heister schaut sie ungläubig an. "Na ja", sagt sie, "früher musste der Schäfer aufpassen, daß nicht der böse Wolf die kleinen Lämmchen reißt. Heute gibt es die Schafe immer noch, aber nicht mehr die Wölfe, und also ist ein bisschen weniger Schlechtigkeit in der Welt." "Das ist ja richtig poetisch. Man könnte hinzufügen, daß es Gott sei Dank in der Welt auch immer noch solche bezaubernden Geschöpfe wie Sie beide gibt." "Ihr hättet mich doch auch da herausgeholt?", fragt Dorothea, die in Gedanken bei dem letzten Malheur ist. "Unweigerlich", sagt Heister, "und wenn es nicht gelungen wäre, hätte ich gemeinsam mit Ihnen ausgeharrt." "Wenn wir da festgesessen hätten die ganze Nacht", sagt Dorothea fast schwärmerisch.

"Und ich?", fragt Lisa. "Sie auch. Mitgegangen, mitgefangen." "Du hättest niemals allein losreiten dürfen", ermahnt Lisa. "Was kann ich dafür, daß Güldenstern ständig durchbrennt, ich habe zu Rüdiger gesagt gib' mir ein anderes Pferd, aber nein, es musste ja ..." Ihre Stimme wird plötzlich übertönt von einem lauten Motorenlärm. Ein Schatten streicht über die Personen, und über die Baumwipfel kommt in vollem Tempo ein Flugzeug gesaust, lässt sich über der Wiese ein paar Meter sinken und zieht anschließend im Steigflug wieder nach oben. Einige lose Grasbüschel sind aufgeflogen, dem Stadtkämmerer Sandhorst weht es den Jägerhut vom Kopf. Die Pferde schnauben beunruhigt, nur Güldenstern grast seelenruhig weiter.

Oskar Heister macht einen Satz zur Seite, schreit "Fliegerangriff!", und wirft sich flach auf den Boden. Dorothea muss über ihn lachen, und Lisa bleibt fassungslos der Mund offen stehen. "Was ist das?", fragt sie den Schultheiß Aufhaus. "Der Russe!", schreit Heister. "Wirklich? Hat er sich verflogen?" "Warum machen Sie den Frauen solche Angst." "Weil ich selbst welche habe", jammert Heister gespielt. "Er muss immer im Mittelpunkt stehen." "Oder wenigstens liegen."

Das Flugzeug dreht eine zweite Runde und kommt wieder flach über den Wald herüber, aber diesmal nicht so tief herab. Es wippt mit den Flügeln, und Lisa schreit "Es stürzt ab." "Nein", sagt Doktor Weber, "das soll ein Gruß sein." "Für wen?" "Für uns." "Er grüßt uns mit den Flügeln?" "Soll er bei dem Affenzahn vielleicht ein Taschentuch raushalten." "Und was hat er gesagt, ich meine, wie lautet der Gruß?", fragt Dorothea. "Na wie schon", meint Heister, der noch immer auf dem Bauch liegt, "nastrowje towarischtschi." "Häh?" "Oh, Herr Heister, Ihr Repertoire ist unerschöpflich." "Danke."

Der Flieger ist hoch hinauf gestiegen und vollführt ein paar imposante Manöver, schraubt sich steil nach oben, bleibt fast stehen, kippt, trudelt wie im freien Fall und fängt sich im kühnen Schwung, knattert flach über die Felder, gewinnt über Diemelsbrück an Höhe und kurvt im weiten Bogen wieder heran. Zwei-, dreimal überfliegt er die Wiese, als hätte er Bekanntschaft geschlossen mit der kleinen Gesellschaft. Aufhaus winkt ihm zu, und der Pilot erwidert den Gruß wie gehabt. "Jetzt hat er's wieder gemacht", sagt Lisa begeistert, "er hat uns verstanden." "Das ist Assi Hahn", sagt Aufhaus, und den Frauen zur Erklärung fügt er hinzu "das ist unser Starpilot, ein richtiger Draufgänger."

"Was für eine Maschine ist das?", fragt Kerkwitz. Aufhaus schirmt sich die Augen mit der Hand ab und schaut genau hin, dann sagt er "Wenn mich nicht alles täuscht, ist es die neue Go hundertneunundvierzig." Kerkwitz meint "Die soll doch der General Utmers in Frankfurt zum Luftrennen vorführen, soviel ich weiß." "Na, dann sollte dieser Tausendsassi jetzt aber ein bisschen vorsichtiger fliegen", sagt Heister. "Da kennen Sie Assi Hahn aber schlecht." "Das gebe ich zu." "Jedenfalls, Herr Reichsschauspieler, bekommen Sie hier einen Eindruck von der Leistungsfähigkeit des Gothardauer Flugzeugbaus, da können Sie denen in Berlin was erzählen." "Donnerwetter, bin stark beeindruckt."

Lisa meint "Können Sie das nicht in Ihren Film einbauen?" "Eine gute Idee, Fräulein Wengenberg, leider spielt unser Film im Dreißigjährigen Krieg." "Ja und? Ist das denn kein Kriegsflugzeug? Ha, da schauen Sie!" Im selben Moment ist der Flieger über den Siebleber Teich geflogen und hat etwas Schweres abgeworfen, das ins Wasser platscht und eine hohe Fontäne verursacht. "Ist er jetzt etwa abgesprungen?" Kerkwitz meint "Eine richtige Bombe war das aber nicht." "Eine Bombe? Um Gottes Willen." "Könnte eine Atrappe gewesen sein", sagt Aufhaus. Das Flugzeug entfernt sich und zieht als kleiner dunkler Punkt über das Vorland.

Niemand außer dem Stadtkämmerer Sandhorst hat bemerkt, daß durch den rasanten Überflug die Wildschweinrotte im Wald völlig auseinandergetrieben wurde und ein Keiler am Wiesenrand entlang wetzt, den Sandhorst nach einem kurzen prüfenden Blick durchs Fernglas aufs Korn nimmt. Zweimal kracht es aus seiner doppelläufigen Büchse, und diesmal schreckt auch Lothar Aufhaus zusammen. "Das reißt ja gar nicht mehr ab mit der Aufregung", sagt Heister, und Dorothea ruft "Haben Sie ihn getroffen, Herr ... wie heißt der eigentlich?" "Sandhorst." "Darf man Weidmannsheil wünschen, Herr Sandwurst?"

Sandhorst, der ohnehin nicht groß ist, steht halb versteckt im hohen Gras, und nur die Rauchfahne verrät ihn. Das Schwein ist entkommen, aber es scheint getroffen worden zu sein. Die Jäger untersuchen den Anschuss. "Hier ist Schweiß, und hier noch mehr", sagt Aufhaus. Lisa sagt "Weil es so schnell gerannt ist." "Schweiß bedeutet in der Waidmannssprache Blut", erklärt ihr Kerkwitz. "Aha", erwidert Lisa, so als wollte sie sich das genau merken. "Es ist hier entlang." "Könnte sein, es ist zum Eulengrund hinunter." "Ich würde gern wissen, wie Sie darauf kommen, können Sie seine Gedanken lesen?" Heister sagt "Ja, schweinische Gedanken." Aufhaus sagt sachlich "Der Abhang zum Eulengrund ist hier ganz gelinde, das heißt, weniger beschwerlich für ein waidwundes Tier. Unten im Grund gibt es ein paar geschützte Stellen, wo nicht mal die Hunde vordringen können." "Ah, da könnte es sich ausruhen." "Oder sterben." "Ach, Herr Heister, manchmal sind Sie so zynisch." "Wildschweine gehören nun mal nicht zu meinem bevorzugten Umgang. Aber ich möchte freilich nicht Ihre Gefühle verletzen, Lisa, deshalb nehme ich die Vermutung zurück. Wahrscheinlich wird es gar nicht bis in den Eulengrund kommen."

Aufhaus, Doktor Weber, Kerkwitz und Sandhorst beraten das weitere Vorgehen. Sandhorst soll die Fährte verfolgen, die anderen reiten über die Krumme Leite, den alten Zufahrtsweg zu den Sandsteinbrüchen, in den Eulengrund. Falls Sandhorst feststellt, daß das Schwein eine andere Richtung eingeschlagen hat, soll er Zeichen geben. "Und wie?", fragt er. Kerkwitz holt eine Pistole aus der Jackentasche. "Hier nehmen sie die. Geben Sie drei Schüsse ab, zwei hintereinander, und nach einer Pause den dritten, dann kommen wir zu Ihnen." "Die tragen Sie einfach so in der Tasche?" "Das ist eine Walther achtunddreißig, die neueste, die hat diese Drehsicherung, sehen Sie, damit kann nichts passieren." "Hat das einen Grund, daß Sie damit ausgerüstet sind?", fragt Aufhaus. "Gewissermaßen ja. Ich habe den Auftrag, die Schießeigenschaften zu prüfen, die Waffe soll so bald wie möglich in Serie gehen. Wenn Sie wollen, meine Herren, können Sie sie nachher auch gern ausprobieren." Sandhorst wundert sich immer mehr über diesen Mann von der Arbeitsfront, doch einstweilen steckt er die Pistole genauso lässig in die Tasche, wie sie Kerkwitz hervorgezogen hatte.

Dorothea kommt durch das Gras auf sie zu gelaufen, neben ihr ist ein Junge der Hitlerjugend, der ein Fahrrad schiebt. Sie ruft "Der Junge hat gesagt, es gibt Mittagessen , oben am ...", sie sieht fragend zu dem Jungen, und der sagt "Am Schlackenhaus". "Gulaschsuppe aus dem Kessel", sagt Dorothea, "also ich bin dafür, daß wir uns erst mal stärken." "Gehen Sie nur mit", sagt Aufhaus zu Lisa und Heister, "wir kommen so schnell wie möglich nach." "Oh ja", freut sich Lisa, "ich habe auch schon mächtig Kohldampf." Dann dreht sie sich noch mal um und ruft "Vielen Dank für Ihre lehrreichen Unterweisungen." Und Heister sagt "Ich werde Ihnen Freikarten für meinen Film schicken." Kerkwitz brummt "Freikarten. Glaubt er, ich könnte mir den Eintritt nicht mehr leisten."

Sandhorst ist zwischen den Bäumen verschwunden, über den Hügel herüber hört man das Gelächter der beiden Damen und wie wild eine Fahrradklingel schellen. Die drei anderen reiten langsam erst am Waldrand, dann auf einem alten, ausgetretenen Pirschpfad am Berg hinab. Es ist ziemlich schattig und kühl, je tiefer sie in den Grund kommen. Kerkwitz sagt "Es fällt gar nicht auf, daß es hier am Seeberg solche Täler gibt." "Die meisten sind durch den Steinabbruch entstanden", sagt Aufhaus. Dann kommen sie an Haufen von großen Steinblöcken vorbei. Die ältesten sind dunkel verwittert, manche mit Flechten und Moos überzogen, andere haben helle Bruchstellen. An einigen sind die geraden Rohrkanäle der Sprengladungen zu sehen. Welche, die erst vor wenigen Jahren gebrochen wurden, sind ockerfarben, und wo die Sonnenstrahlen durchs Baumlaub auf die Steine fallen, bekommt ihre Oberfläche einen angenehmen, warmen Ton. Es sind auch kalkweiße und rostrote dabei. Sie sind übereinandergetürmt, als sollten sie einmal fortgeschafft werden und sind dann doch liegengeblieben. "Ist das Buntsandstein?" "Zechstein. An manchen der Felsen kann man deutlich erkennen, daß es sich um Ablagerungen wie in einem Gewässer handelt. Übrigens ist dieses Gestein ein begehrtes Baumaterial. Die alten Thüringer Landgrafen haben damit unter anderem die Wartburg gebaut. Er steht dem Elbesandstein in nichts nach."

"Und jetzt wird er nicht mehr abgebaut?" "Im Moment wird Beton, Zement und Schotter gebraucht, das wissen Sie doch selbst, wenn Sie bei der Arbeitsfront sind." Weber fragt Kerkwitz "Haben Sie auch was mit dem Autobahnbau zu tun?" "Nicht direkt. Meine Hauptaufgabe besteht darin, den Kreisschulungswalter bei der Neuordnung der Werkscharen zu unterstützen. Aber ich kümmere mich auch um die Einführung eines Ingenieurstudiums mittels Fernunterricht, das künftig anlaufen soll. Ja, und was die Autobahn betrifft, ich helfe dabei mit, die Sparbrief-Aktion für den neuen Volkswagen anzukurbeln, da haben Sie sicherlich davon gehört." "Den für tausend Mark." "Für weniger als tausend und umgerechnet für fünf Mark im Monat." "Das wollte ich meinem Sohn schon schmackhaft machen", sagt Weber. "Tun Sie das, ich werde Sie auch gern beraten." "Da haben Sie ja alle Hände voll zu tun", sagt der Schultheiß. "Und dann auch noch Pistolen einschießen." "Da bin ich nur durch Zufall dazugekommen, weil ich einen der leitenden Ingenieure bei den Gustloffwerken kenne."

Ein Schuss fällt. Aufhaus macht eine Handbewegung, daß sie stillstehen sollen. Sie lauschen fast eine Minute, und Weber kommt es so vor, als hörte er Stimmen und Geschrei. Dann knallt es zweimal nacheinander. "Dreimal, das könnte Sandhorst gewesen sein", meint Aufhaus. "Aber es war falsch herum", sagt Kerkwitz, "wir hatten vereinbart, zwei zusammen und dann ein einzelner." "Bei Sandhorst kann man damit rechnen, daß er's verwechselt." "Ehrlich gesagt, klang es nicht wie meine Walther." "Hm. Also was machen wir." Weber äußert die Vermutung, die Schüsse seien "aus der Richtung" - er deutet mit dem Arm nach links - gekommen und hätten nur oberhalb des Eulengrundes im Wald widergehallt. "Wie soll Herr Sandhorst dorthin gekommen sein?", fragt Kerkwitz, und Weber zuckt mit den Schultern.

Er ist bereits ein Stück in den Grund hineingeritten, mehr um sich zu vergewissern, als daß er wüsste, wohin sie sich nun wenden sollten. "Willst du jetzt da lang weiter?", fragt ihn Aufhaus. "An den Steinbrüchen kommt kein Schwein durch, da würde es sich höchstens die Knochen brechen." Aus einem der Wege, die nach rechts abzweigen, hört Weber Motorengeräusch, es klingt wie von einem Lastwagen und als würde er festsitzen. Der Motor heult immer wieder auf, ohne daß ein Gang geschaltet wird. Weber macht sie darauf aufmerksam, und Aufhaus sagt "Von uns kann das keiner sein." "Lass' uns trotzdem nachsehen", erwidert Weber.

Als sie um die Kurve des Weges biegen, sehen sie den Lastwagen, der mit einem Hinterrad im Morrast steckt und sich bis zur Achse eingewühlt hat. Es ist ein ziviles Fahrzeug mit einer Verdeckplane über der Ladefläche. Der Fahrer hält die Tür offen und schaut nach hinten, während er Gas gibt. Er trägt SS Uniform. An dem Rad steht ein zweiter SS Mann. Hinten versuchen drei Leute, den Lastwagen anzuschieben und zugleich den Schlammspritzern zu entgehen, die aus dem feuchten Boden aufgeschleudert werden. Diese drei Männer haben Häftlingskluft an, grobe, zum Teil gestreifte Sachen, einfache Kappen auf dem Kopf und alte, klobige Galoschen an Füßen, zwei von ihnen haben breite Lederhandschuhe. Einer stemmt sich mit dem Rücken gegen die Ladewand und verzieht vor Anstrengung das Gesicht, aber das Auto kommt nicht vorwärts.

Der SS Mann am Rad legt Reisig unter, damit es Haftung bekommt. Jetzt erscheint an der anderen Seite ein weiterer SS Mann, die beiden sind Rottenführer, sie tragen Stahlhelme und Maschinenpistolen quer auf dem Rücken. Der Fahrer springt aus dem Wagen, bückt sich unter die Ladefläche und sucht nach einer Möglichkeit, aus dem Schlamm herauszukommen. Der Motor geht aus. "Scheiße", sagt der Mann, der offenbar der Leiter des Trupps ist, "warum fahren Sie mitten da durch, Günzel, daneben ist genug trockene Erde, nein, Sie müssen das einzige Schlammloch weit und breit mitnehmen." "Der Karren ist abgerutscht, die Steine sind nicht gut verteilt." Die Häftlinge verschnaufen, der Kommandeur überlegt, der andere Rottenführer zündet sich eine Zigarette an. Einer der Häftlinge sagt "Wenn wir wieder zurückstoßen?" "Das wäre einen Versuch wert." "Aufpassen, daß nicht das Vorderrad reingerät", sagt Günzel. "Mensch, das weiß ich selber", sagt der Kommandeur und will wieder ins Fahrerhaus steigen.

Der eine Häftling hat die Jäger bemerkt, schaut über den Kommandeur hinweg und macht eine leichte Kopfbewegung. Der Kommandeur dreht sich um. Sie sitzen auf den Pferden. Lothar Aufhaus sagt "Guten Tag, die Herren, gibt es Probleme?" "Heil Hitler", entgegnet der Kommandeur, "wer sind Sie?" "Ich bin Schultheiß Aufhaus." "Hauptscharführer Barkmann, es gibt keine Probleme, Sie können getrost weiterziehen." Da erst bemerkt er ihre Gewehre. "Sind Sie zur Jagd hier?" "Hubertusjagd. Hat Ihnen das niemand gesagt?" "Wir sind nicht zur Jagd hier", erwidert Barkmann, die Frage missverstehend. Aufhaus steigt ab, Weber und Kerkwitz ebenfalls. Der Rottenführer zieht unruhig an seiner Zigarette, einer der Häftlinge späht zur Seite, als habe er dort etwas liegengelassen.

Der Hauptscharführer geht ihnen ein paar Schritte entgegen. Aufhaus sagt "Das ist Gemeindegrund, Sie haben sicher eine Erlaubnis, hier herumzuwirtschaften?" "Sind Sie der Gemeindevorsteher?" "Nicht der von hier, aber ich kenne ihn gut." "Wie schön für Sie, selbstverständlich habe ich eine Erlaubnis." "Kann ich mal sehen?" Barkmann tut nicht dergleichen, und Aufhaus sagt mit einem Blick auf den Lastwagen "Ich meine, was Sie geladen haben." "Wenn es Sie interessiert." Aufhaus tritt zwischen die Häftlinge, deren Klamotten muffig und nach Schweiß riechen. Auf der Ladefläche liegen schöne Sandsteinbrocken. "Die sind für den Reichsstatthalter", sagt der eine Rottenführer, der eine flachgedrückte Boxernase hat. "Halten Sie sich 'raus", zischt ihn Barkmann an. "Sch-sch-schon was geschossen?", fragt der junge Häftling und kneift beim Stottern die Augen zusammen. Der mit der Boxernase tritt ihn unauffällig gegen's Bein. "Nichts Großes", sagt Aufhaus.

"Dann weiterhin viel Erfolg", meint der Kommandeur, "Sie sollten nicht hier stehenbleiben, falls die Kiste noch mal wegrutscht." Aufhaus geht zurück, der Hauptscharführer schwingt sich hinters Lenkrad. Bevor er startet, hört man jemanden leise "Hilfe" rufen. Aufhaus sieht die Leute an, keiner rührt sich. Der SS Mann startet schnell den Motor, aber er springt nicht gleich an. "Warten Sie mal, Herr Hauptscharführer", ruft Aufhaus. "Was ist denn?" "Das kam von da", sagt Kerkwitz. Einer der Häftlinge rennt zur Einfahrt des Steinbruchs, der Boxernasenmann reißt seine Maschinenpistole herum und schreit "Bleib' stehen!" Der Häftling gehorcht sofort und sagt mit verzerrtem Lächeln "Da ist nichts. Gar nichts."

"Idiot", faucht Barkmann und ist mit drei Schritten bei den anderen. "Ist noch jemand hier?" Barkmann schwenkt den Arm zum Steinbruch. "Einer ist da, der kommt auch gleich, musste sich bloß mal erleichtern." Weber denkt 'Warum sagt der das auf einmal so vertrauensselig?'. Da vernehmen sie wieder ein leises schmerzliches Stöhnen. "Dem ist was zugestoßen", meint Kerkwitz. "Wir werden gleich nach ihm sehen", entgegnet Barkmann, ohne sich von der Stelle zu bewegen. Aufhaus sieht zu Weber, der sagt "Ich kann Ihnen helfen, ich bin Arzt." "Vielen Dank, wir kommen allein zurecht."

"Haben Sie die Schüsse gehört?" Barkmann überlegt einen Moment. "Wir haben schon den ganzen Vormittag welche gehört. Es ist vielleicht besser, ihr verschwindet jetzt", sagt er wie zu kleinen Jungen. "Hoppla, nicht in dem Ton. Hier ist kein Militärgelände", sagt Aufhaus sehr selbstsicher und setzt ein bisschen verärgert hinzu "wir gehen erst, nachdem wir uns überzeugt haben, daß da alles in Ordnung ist." "Das kann ich leider nicht zulassen, daß ihr da hin geht." "Duzen Sie uns gefälligst nicht, wir sind Staatsbeamte." "Das ist mir gleich, Sie bleiben wo Sie sind." Er gibt dem anderen SS Mann einen Wink, und der stellt sich mit der Waffe mitten in den Weg. Einer der Häftlinge, der ziemlich grimmig aussieht, hat sich einen Knüppel geschnappt und erwartet offenbar eine handfeste Keilerei.

"Machen Sie sich nicht lächerlich, meine Herren", sagt Aufhaus. "Herr Kerkwitz, bleiben Sie bei den Pferden, ich sehe mit Doktor Weber nach." "Ja." Sie gehen an dem Posten mit der Waffe vorbei. Am Sockel einer Geröllhalde liegt ein Mann in Häftlingskleidung. Er hält die Hand über die Augen, weil die Sonne direkt auf seinen Kopf strahlt; er wimmert leise vor sich hin. Weber kniet sich neben ihn. "Können Sie mich verstehen? Nicken Sie." Der Mann reagiert nicht. Weber sieht an ihm herunter. An den Knien ist die Hose zerfetzt, an mehreren Stellen schmutzig. An der Brust ist auf der Jacke ein roter Winkel aufgenäht. Webers Blick geht über die Halde zu dem Abhang an der Felswand. Man sieht dort eine Spur aufgekratzter Erde, als wäre jemand von oben herabgerutscht. Der Hauptscharführer und die anderen stehen daneben. Er ist Webers Blick gefolgt und sagt "Muss wohl von da 'runtergefallen sein."

Der junge Häftling bringt eine zusammengefaltete Decke. "So-so-sollen wir die unterlegen?" Der Hauptscharführer brüllt ihn an "Was mischt du dich ein, du Blödian! Geh' zur Seite, oder du kriegst eins in die Fresse." "Geben Sie die Decke her", sagt Weber und schiebt sie dem Liegenden unter den Kopf. Der verdreht die Augen und röchelt. "Da drüben liegt seine Mütze." "Her damit", sagt Barkmann, und der Boxernasenmann reicht sie ihm. Er stülpt sie dem Verletzten über. "Wir wollten ihn gerade holen", sagt Barkmann, "Sie haben uns aufgehalten, hoffentlich ist es nicht zu spät." "Was ist vorgefallen?" "Das müssen Sie schon ihn fragen, falls er wieder wird." "Waren Sie nicht hier?" "Nicht in dem Moment, wo es passiert ist." "Und Ihre Leute?" "Darüber werde ich Ihnen nichts sagen. Was soll die ganze Fragerei? Ich denke, Sie können ihm helfen, also tun Sie's."

Weber fühlt seinen Puls und spricht ihn nochmals erfolglos an. Da sieht er, daß sich an seiner Körperseite eine kleine Blutlache auf dem steinigen Boden gebildet hat. Er greift unter ihn und zieht seine blutige Hand wieder hervor. Er versucht, ihn auf die Seite zu drehen, der Mann widersetzt sich nur mit einem schwachen Jammern. Weber beugt sich über ihn und betrachtet seinen Rücken, auch Aufhaus schaut hin. Die beiden verständigen sich wortlos. Die Häftlingsjacke ist hinten fast über die ganze Fläche blutdurchtränkt, und man erkennt zwei Löcher im Stoff. Weber legt ihn vorsichtig zurück und fragt "Woher kommen Sie?" Barkmann ist wohl überrascht von der Frage, deshalb antwortet er prompt "Aus Weimar." "Von Buchenwald?" "Ja. Das ist ein Unglücksfall."

Weber steht auf. "Wir werden ihn nach Gothardau ins Krankenhaus schaffen." "Sie werden ihn nirgends hin schaffen, er gehört zu uns." "Wollen Sie mir befehlen?" "Wenn es nötig ist, ja." "Ich bin zur Zeit der amtierende Kreisarzt. Wenn es um die Rettung von Menschenleben geht, bin ich weisungsberechtigt, und es wird gemacht, was ich sage, so verlangt es das Gesetz des Deutschen Reichs, und auf dessen Gebiet befinden wir uns alle. Wenn Sie sich weigern, machen Sie sich strafbar. Haben Sie mich verstanden? Sie werden jetzt sofort die Steine abladen, und wir werden den Mann so behutsam wie möglich auf den Laster legen." Dem Hauptscharführer zuckt es übers Gesicht, dann schnauzt er die Häftlinge an "Na, macht schon, runter mit den Klumpen." Die Häftlinge und ein Rottenführer schleppen den Verletzten auf der Decke zum Lastwagen. "Wird er das überstehen?", fragt Aufhaus. "Sieht nicht gut aus", meint Weber. "Ich fahre mit, nimmst du mein Pferd?" "Ruf' mich heute abend an." "In Ordnung." Weber setzt sich neben Barkmann auf den Beifahrersitz. Hinten halten sie den Mann fest, damit er so wenig wie möglich durchgeschüttelt wird, als der Laster auf der holprigen Straße aus dem Eulengrund heraus fährt.

* * * * *

Ulrike ist mit Karl zum Einkaufen gegangen, der Junge braucht ein paar Schulsachen. Als sie an der Apotheke sind, sagt sie, er solle kurz warten, sie müsste nur etwas drinnen holen. "Oder willst du mit rein?" "Nee, da stinkt's so." Ein paar Leute sind vor ihr, dann ist sie an der Reihe. Das Apothekenmädchen gibt ihr die Ware, Ulrike will bezahlen, da geht die Tür auf und Karl ruft "Komm schnell raus, da passiert was." "Nun lass' mich erst mal ..." Sie sieht Karls Gesicht, und darauf steht die helle Aufregung, als habe er so etwas nie zuvor gesehen. Sie gibt das Geld hin und folgt ihm auf die Straße. "Er ist dort hinauf", sagt Karl aufgeregt und zeigt in Richtung Querstraße. "Wer denn überhaupt?" "Sie jagen ihn durch die Stadt", ruft ein anderer Junge, und Ulrike erkennt Karls Mitschüler Olaf. Und die Monika ist auch dabei, jene Monika, die als Bäuerin in dem Schultheaterstück aufgetreten ist.

"Ihr seid ja ganz aufgelöst. Wer jagt wen?" "Den Juden", erwidert Monika, und Ulrike kommt die Sache so komisch vor, daß sie fast gesagt hätte "Etwa der, der euch Bauersleute übers Ohr gehauen hat?" Aber da hört sie ein Geschrei aus der Gasse, und kurz darauf kommt eine Meute Männer um die Ecke gerannt, die meisten sind uniformierte SA Männer, aber es sind auch Zivilisten dabei, den einen kennt sie mit Namen. Sie grölen alle wild durcheinander und jeder versucht dranzubleiben und Schritt zu halten. An der Spitze weichen sie auseinander, und Ulrike sieht in ihrer Mitte einen Mann laufen, der ihnen entkommen will, aber es ist zwecklos. Sie lassen ihn ein Stück weit voraus eilen, um ihn dann gleich wieder einzuholen, und sie lachen über seine verzweifelten Fluchtversuche.

Er ist klein und schon älter, sein grauer Anzug ist völlig verrutscht und am Ärmel eingerissen. An den Knien sind Schmutzflecken. Sein Haar ist zerzaust, auf seiner Stirn steht der Schweiß, und am rechten Auge läuft ein Blutrinnsal aus einer Platzwunde. Er keucht und spricht vor sich hin, es klingt wie ein Gebet, und als sie näher kommen, sieht Ulrike, daß es Vater Abraham ist, den sie vor sich her treiben. Man hat ihm einen sechseckigen Stern aus gelbem Stoff mit einer Sicherheitsnadel an die Brust geheftet. Die Männer brüllen "Los, du Saujude, jetzt ergeht es dir wie deinen Schweinen!" "Deinen Brüdern!" "Scher' dich fort ins Jordanland!" "Fahr' zur Hölle!" "Und nimm' deine verlauste Sippe mit."

Manche Leute sind stehen geblieben und beobachten sprachlos das Geschehen, manche rufen ebenfalls Schimpfwörter oder feuern die SA-Männer an. Andere gehen ungerührt weiter, als wären sie so was gewohnt, verschwinden hinter der nächsten Hausecke, gehen in einen Laden. Irgendein Fenster wird geöffnet, eine Frau beugt sich heraus und kreischt "Schmeißt ihn in den Schellenbrunnen!" Doch einer der Männer ruft zurück "Sollen wir das Wasser vergiften? Der gehört in die Jauchegrube." Sie sind jetzt direkt vor Ulrike und den Kindern. Sie kann Vater Abraham ins Gesicht sehen, sie hört deutlich seine Stimme, er murmelt tatsächlich etwas in seiner Sprache. Er stürzt zu Boden, man sieht wie er heftig atmet. "Los hoch mit dir", schreit ihn einer an und packt ihn am Arm, "das Tänzchen ist nicht zu Ende, die Musik spielt noch."

Er zerrt ihn hoch und verpasst ihm einen Tritt in den Hintern. Ulrike spürt, wie Olaf ihre Hand fasst und sie drückt seine. Karl steht ein Stück weiter vor ihnen. Er dreht sich zu ihr um und sagt "Sollen wir mitlaufen?" "Bist du verrückt", schreit Ulrike und ist selbst erschrocken über ihre schrille Stimme. Sie reißt ihn zurück, die Meute ist vorbei. Sie lassen Abraham Heilbrunner ein paar Schritte davonlaufen. Eine Frau mit Kinderwagen kommt ihm in den Weg, er stößt dagegen, der Wagen kippelt und droht umzustürzen. Die Frau ruft Hilfe und hebt die Arme hoch, anstatt den Wagen festzuhalten. Doch der bleibt zum Glück stehen.

Abraham sieht die offene Tür des Bäckerladens Wiegandt, eine Verkäuferin ist auf die Straße getreten, um das Schauspiel zu verfolgen. Er läuft auf sie zu. Sie bemerkt es, springt in die Bäckerei und knallt die Tür zu. Abraham bleibt davor stehen, er ist am Ende seiner Kräfte. Die Männer bleiben auch wie auf Kommando stehen. Er sieht sie an, sie sehen ihn an. Abraham schaut in die andere Richtung, hinter sich. Er könnte nach dort entwischen. Die Männer bleiben in Lauerstellung, einer klopft mit einem Schlagstock in seine Hand. Da macht Abraham Heilbrunner etwas Merkwürdiges, er geht auf die Männer zu, nein, er schreitet, wankend zwar und erschöpft, aber sehr entschlossen, todesmutig, meint Ulrike für sich, als sie das sieht.

Die Männer bilden eine Gasse und lassen ihn tatsächlich hindurch. Sie lassen ihn auch weiter. Er kommt zurück, genau auf Ulrike und die Kinder zu. Sie schaut sich um, sie stehen nicht allein da, eine ziemlich große Menge hat sich versammelt. Und jetzt ahnt Ulrike auch, daß Abraham womöglich auf die Hilfe der Leute hofft. Plötzlich setzt sich der Verfolgertrupp wieder in Bewegung, und als würde eine lange angestaute Wut hervorbrechen, fallen sie brüllend über ihr Opfer her. Ein letztes Mal rafft sich Abraham auf, läuft, stolpert, rennt auf die Passanten zu. Die gehen zur Seite, machen ihm anscheinend den Weg frei, und irgendwie bekommt er einen Vorsprung. Die SA Männer rufen "Haltet ihn auf!", doch Abrahams kurze Beine werden auf einmal flink wie Hasenläufe, und er schreit auch irgendwas, und vier, fünf Leute applaudieren sogar, obwohl nicht ganz klar wird, weswegen.

Die SA Männer verfallen in wildes Gerangel, jeder will der erste sein, der den Juden erwischt. Aber sie behindern sich gegenseitig, und nur dreien gelingt es, ihm auf den Fersen zu bleiben, unter ihnen ist der Blockwalter Hehring, der Karl seinerzeit die Ohrfeige verpasst hat. Wie Karlchen ihn erkennt, macht er sich von Ulrike, die ihn an der Schulter festhält, los und rennt mitten hinein in die Menge. Ulrike schlägt die Hände vor den Mund und sieht Karl schon niedergetrampelt werden von den eisenbeschlagenen Stiefeln. Olaf und Monika ergreifen die Gelegenheit und stürzen Karl nach ins Getümmel. Die drei kreuzen die Bahn der Verfolger ohne die geringste Angst, als würden sie sich einer rasenden Herde Stiere entgegenwerfen.

Der Junge kommt dem Hehring in die Quere, der brüllt "Aus dem Weg, du Rotzlöffel!" Karl erreicht gerade noch die andere Seite, aber er wendet sich um, Ulrike stockt der Atem, Karl streckt das Bein aus und der Blockwalter macht einen Satz durch die Luft und klatscht der Länge lang auf das Straßenpflaster. Die anderen können nicht rechtzeitig abbremsen und purzeln über den Hehring drüber, und gleich darauf liegt ein Haufen SA Männer fluchend am Boden, und wiederum applaudieren einige der Umstehenden. Abraham Heilbrunner ist fort. Die Kinder haben sich zwischen den anderen verdrückt, Ulrike wagt nicht, nach ihnen zu rufen. Sie geht hinter der Menge entlang, 'Bloß weg hier', denkt sie und fühlt einen heftigen Schmerz am Herzen. "Großer Gott, ich halte das nicht länger aus", stammelt sie.

Bei Erich Oschatz ist Karl nicht zu finden, die Wohnung ist abgeschlossen, drinnen hört niemand, gut möglich, daß Erich seinen Rausch ausschläft. Sollte sie bei Olafs oder Monikas Eltern nach ihnen suchen? Es wird ihr zuviel, sie hat jetzt nicht die Nerven dafür, sie geht nach Hause. "Was ist eigentlich los?", fragt sie Hans. Der antwortet "Sie haben einen deutschen Botschafter in Paris ermordet." "Wer? Wer hat ihn ermordet?" "Ein Mann namens Grünspan, offenbar ein Jude." "Verflucht noch mal", schimpft Ulrike und spürt, wie sie mit ihrer Hilflosigkeit nicht mehr fertig wird.

Dann berichtet sie Hans von der Treibjagd auf Vater Abraham. "Ich habe davon gehört", sagt Hans, "in der Erfurter Straße haben sie den Ledermann aus dem Geschäft gezerrt und ihn mit einem Eimer gelber Farbe übergossen. Man will sie loswerden." "Aber weswegen denn nur?", ruft Ulrike verständnislos, "was haben der Ledermann oder der Heilbrunner mit dem Mord an dem deutschen Botschafter in Paris zu tun? Haben die ihn geplant?" "Das wird man ausschließen können", sagt Hans in seinem typischen, halb ironischen, halb überlegenen Ton, dann meint er "vielleicht hat man ihm im Hospital selber den Rest gegeben." "Wie meinst du das? Wer? Etwa die Faschisten?" "Du siehst doch, wie gut sich so ein Opfer macht, um es zu rächen. Das ist doch nun nichts Neues." "Ja, aber bei uns ist so was noch nicht vorgekommen. Wen interessiert denn der Botschafter in Paris! Da muss doch der Heilbrunner nicht drunter leiden."

"Es geht auch nicht um den Botschafter. Man will die Juden aus Deutschland vertreiben, deshalb sucht man nach einem Grund." "Das kapiere ich nicht, es sind genauso Deutsche wie wir." "Die Kommunisten sind auch Deutsche, und sie werden trotzdem verfolgt." "Hat es vielleicht damit zu tun, daß Hitler die Juden nicht leiden kann?" "Damit hat es sicher zu tun, aber ob das der Hauptgrund für ihre Vertreibung ist, mag ich bezweifeln." "Es wird auch behauptet, die Juden hätten die deutsche Wirtschaft ruiniert, durch ihre Schacher und Wuchergeschäfte und so", sagt Ulrike, "der Schwemmler von der SA hat mir letztens einen ganzen Vortrag darüber gehalten."

Hans lacht und sagt "Wenn etwas die deutsche Wirtschaft ruiniert hat, dann war es der Krieg und die Bürokratie. Juden können eine Volkswirtschaft nicht ruinieren, weil sie keine haben. Es ist der blanke Neid, wenn man ihnen Habsucht, Geiz und Raffgier vorwirft, man würde es ebensogut den Chinesen vorwerfen oder den Negern, wenn es genügend davon in Deutschland gäbe. Wir brauchen immer jemanden, gegen den wir zu Felde ziehen können, und solange es kein ausländischer Feind ist, muss einer im eigenen Land herhalten, genauso, wie es Liebknecht gesagt hat."

"Jetzt kommst du auf einmal wieder mit dem Liebknecht, da hast du früher schon immer drauf rumgekaut." "Na ja, wenn man's recht bedenkt, hat er auch nur das eigene Volk aufgehetzt. Außerdem war er selber Jude, am Ende hätte ihm doch keiner mehr vertraut." "Oh Gott", klagt Ulrike, "wohin soll das alles noch führen?" "Zunächst mal in einen neuen Krieg, und dann ..." "Oh, hör' auf, ich will es gar nicht wissen. Ich will jetzt wissen, wo Karl ist." "Hm, sollen wir ihn suchen?" "Bei Erich war ich schon, da ist er nicht." "Wahrscheinlich haben sie Schiss bekommen und sich irgendwo versteckt." "Und dann?" "Werden sie sich wieder blicken lassen, wenn sie Hunger haben. Ach so, bei Erich im Haushalt gibt's natürlich nichts zu mampfen. Am besten, du schmierst ein paar Brote und gehst heute abend zu ihm, vielleicht ist der Junge dann heimgekehrt."

Ulrike befolgt seinen Rat. Sie macht ein Käsebrot und ein Leberwurstbrot, und in ein Einweckglas steckt sie einige saure Gurken hinein. Als es dunkel wird, geht sie zu Erich Oschatz, der ungewöhnlich munter ist. Wahrscheinlich hat er den ganzen Tag geschlafen. Er freut sich über ihren Besuch, dann rümpft er die Nase und sagt "Du riechst so seltsam." "Ich rieche seltsam? Erlaube mal." "Nach Essig." "Mist, das Gurkenglas ist ausgelaufen." Sie stellt die Tasche auf den Küchentisch und holt die Gurken heraus, die darin herumkullern. "Die brauchen wir bloß abzuspülen", sagt Erich, "sind die etwa für mich?" "Und für Karl, aber wie ich sehe, ist er nicht da." Erich hält die Gurken unter den Wasserstrahl, lässt sie abtropfen und legt sie dann auf einen Teller. "Da hast du ja noch mehr mitgebracht. Belegte Brote, Mädchen, solche Umstände."

Ulrike wartet auf eine Auskunft. Er murmelt "Weiß der Teufel, wo der sich rumtreibt." Erich weiß offenbar nichts von dem Vorfall in der Stadt, und Ulrike meint, es sei besser, wenn sie es vorläufig für sich behält. Außerdem muss man erst mal abwarten, ob der Hehring etwas gegen die Kinder unternehmen wird. "Willst du auch 'n Bier?" "Nein danke. Oder doch, ein halbes." Erich sitzt im Unterhemd am Küchentisch und mampft genüsslich das Brot. "Du willst gar nichts davon?" "Ich habe schon gegessen. Du kannst für Karl was übrig lassen." "Wird gemacht." Dann sagt er "Heute haben wir die Gedenktafel am Rathaus angebracht." "Ich dachte, du hast den ganzen Tag verpennt", sagt sie erstaunt. Erich sieht sie vorwurfsvoll an. "Aber Mädchen, was denkst'n du von mir, ich führe jetzt ein geregeltes Leben." "Freut mich zu hören, Erich. Was für eine Gedenktafel ist das?" "Es ist ein Mosaik, von dem Kunstbildhauer Schubert", sagt er bedeutungsvoll, "es soll an das grandiose Ergebnis der Winterhilfe vor einem Jahr erinnern, rate mal, wieviel da zusammengekommen war." "Keine Ahnung, eine Million Mark?" "Na na, wollen wir mal auf dem Teppich bleiben. Es waren exakt zweihundertsiebzigtausend und siebenhundertzehn Reichsmark." "Über eine Viertelmillion, da lag ich doch gar nicht weit daneben. Wie sieht sie aus, die Tafel?"

"Ein Mosaik von einer Tafel, sag' ich dir." "Und was ist auf dem Mosaik zu sehen?" Erich fuchtelt in der Luft umher und versucht zu beschreiben. "Also Menschen. Da sitzen welche, die sehen hungrig aus, so zusammengesunken, eben hilfebedürftig. Und auf der anderen Seite stehen welche, die reichen denen die Hand, und einer von den Hungrigen streckt so die Hand aus, der empfängt was." "Eine Empfängnisszene." "Doch keine Gefängnisszene." "Ich sagte Empfängnis." Erich schaut sie groß an, dann lacht er, und sein dicker Bauch hüpft auf und ab. "Wenn du das so siehst. Dann handelt es sich bei der Winterhilfe wohl um eine Art Alimente." "Ist doch auch so, ein Unterhalt eben." Dann lacht Erich nochmals und meint "Jetzt verstehe ich auch den Sinn von dem Spruch, der über der Tafel steht: 'Zur Mahnung für die kommenden Geschlechter'. Zum Teufel, jetzt habe ich doch alles allein aufgegessen, du hast mich abgelenkt mit deiner Fragerei."

"Freilich, nun bin ich dran Schuld. Machst du dir keine Sorgen wegen Karl?" "Daß er noch nicht zu Hause ist? Er ist ein großer Junge." "Er ist elf." "Und ganz schön weit entwickelt." "Kommt er öfter so spät?" "Nun spiel' nicht den Kapo, das steht dir sowieso nicht. Er wird bei einem von seinen Freunden sein, oder bei der Monika, mit der ist er seit kurzem zusammen." Ulrike staunt, wie gut er informiert ist, dabei tut er immer so unwissend. "Ist das die Tochter von dem Schneider?" "Nein, von der Langässer." "Die Rosie Langässer?" "Ja." "Über die erzählt man sich einiges." "Über jeden von uns erzählt man sich was." "Meinst du, ob das stimmt?" "Manches stimmt und manches nicht. Heutzutage muss man zusehen, wie man sich sein Geld verdient, oder? Und das gehört nun mal dazu." "Womit die sich anbietet?" "Ja. Und daß es andere haben wollen und Geld dafür bezahlen." "Für dich ist das immer alles so einfach." "Das täuscht. Ich mache mir auch meine Gedanken." "Und dann spülst du sie fort." "Die schlechten, ja." "Und die anderen?" "Welche anderen?" "Du wirst schon welche haben, du willst bloß nicht drüber sprechen." "Wenn ich mal einen guten Gedanken haben sollte, bist du die erste, die ihn erfährt." "Da bin ich jetzt schon gespannt. Machst du morgen wieder Bauarbeiten?" "Ja, die Gedenktafel ist nicht ganz fertig." "Tust du mir einen Gefallen und kommst bei mir vorbei, damit ich weiß, ob Karl wieder da ist." "Mach' ich."

In der Nacht hört Ulrike mehrmals die Feuerwehr durch die Stadt brausen. Morgens kommt kein Erich vorbei, und Ulrike hat es eilig, weil sie, wahrscheinlich wegen dem Feuerwehrlärm, schlecht geschlafen hat und zu spät aufgestanden ist. "Guten Morgen, Herr Bierloch." "Guten Morgen, Ulrike. Die Synagoge ist abgebrannt." "In der Hohenlohestraße?" "Gibt es noch irgendwo eine? Hast du nicht die Sirene gehört?" "Das muss nach Mitternacht gewesen sein." "Einer von der Feuerwehr hat mir gesagt, um fünf war das Feuer zurückgegangen." "Dann konnten sie es löschen?" Bierloch zuckt mit den Schultern. "Ob sie es löschen konnten, weiß ich nicht. Jemand anderes hat gesagt, die Feuerwehr hätte nur aufgepasst, daß die Flammen nicht auf die anderen Gebäude übergreifen. Sieht eher nach einem kontrollierten Abbrennen aus."

"Wer behauptet das? Die Feuerwehr muss es doch löschen." "Vielleicht war es zu gefährlich. Niemand kann einen Feuerwehrmann da hineinschicken, wenn Gefahr für sein Leben besteht." "Wieso hineinschicken? Waren Menschen drin?" "Um die Zeit doch nicht, und die das Feuer gelegt hatten, waren schon wieder draußen." "Dann war es Brandstiftung?" "Na, es wird wohl keine brennende Kerze gewesen sein, die zufällig vom Altar gefallen ist." "Sie reden wie mein Bruder, es ist doch schrecklich." "Ich habe das Feuer nicht gelegt. Es ist die Rede von ein paar Demonstranten, die sich wegen der Ermordung von dem Botschaftsrat empört haben, so steht es jedenfalls heute in der Zeitung." "Da steht es auch schon drin?" "Ja, als hätten sie's geahnt, nicht wahr? Diese Zeitungsreporter haben eben einen guten Riecher, die könnten glatt als Feuermelder arbeiten. Was aber auch nicht zufällig scheint ist die Tatsache, daß es in Mühlhausen und Eisenach ebenfalls in den Synagogen gebrannt hat. Es sieht nach einer richtigen Aktion aus."

Ulrike will sich die Brandstätte ansehen, und Bierloch hat nichts dagegen, sie soll einen Fotoapparat mitnehmen. Das Gebäude ist tatsächlich völlig ausgebrannt, die Mauern stehen noch, schwarz verrußt, das Dach ist weg, der größte Teil von der Kuppel in der Mitte ist eingestürzt. Die Scheiben in den großen runden Fenstern sind zersprungen, ebenso die in den Rundbogen. Es qualmt und raucht und stinkt widerlich nach verkohltem Holz und der Asche verbrannter Sachen. Eine von den großen Tannen, die auf dem Grundstück stehen, hat Feuer gefangen und ist ein schwarzweißes Gerippe geworden. Im Garten liegen überall Trümmer herum, kaputte Teile der Einrichtung, Reste von Gegenständen des Gottesdienstes, ein zerrissenes Tuch, zerfetzte Bücher, später erfährt Ulrike, daß man auch geplündert hat und die wertvollen Dinge geraubt wurden. Es ist das erste abgebrannte Haus, das Ulrike gesehen hat.

Sie will fotografieren, aber sie weiß nicht, von welcher Seite. Sie weiß nicht einmal genau, was? Auf der Straße liegt ein rotes Seidenkissen mit Goldbordüre und kleinen Quasten an den Ecken, es ist unversehrt und glänzt in der Vormittagssonne. Seltsamerweise interessiert sich niemand dafür, keiner hebt es auf, keiner legt es an die Seite oder nimmt es an sich. Es sieht aus, als wäre es aus dem Himmel gefallen, als sollte sich jemand da hinsetzen und es unterlegen, mitten auf der Straße. Ein Feuerwehrwagen steht da, ein paar Leute haben Obacht auf das erloschene Feuer, sie unterhalten sich, einer zeigt mit dem Finger auf das Gebäude, wo mal etwas war. Der andere, der ihm zuhört, raucht eine Zigarette. Von den Juden ist keiner zu sehen. Zwei lumpige Männer sind hinten über den Zaun geklettert und wollen durch das Eingangsloch hinein, ein Polizist jagt sie weg, und sie trollen sich schimpfend. Ulrike fragt vorsichtshalber, ob sie ein Foto machen kann. "Für die Zeitung?", will der Polizist wissen. "Für den Obertruppführer Schwemmler von der SA", sagt sie. "Gehen Sie nicht zu nahe dran, es kann noch was umfallen."

Sie setzt mehrmals die Kamera an, lässt sie jedoch wieder sinken. Jemand zupft sie am Ärmel, es ist Karls Freund Olaf. "Hier, das habe ich gefunden", sagt er und zeigt ihr einen kleinen silbernen Kerzenleuchter. Ulrike weiß nicht, ob sie schimpfen oder ihn loben soll, dann sagt sie "Bring' das sofort zurück." "Zu wen denn?" Sie schaut in das Synagogeninnere, wo nur eine schwarze Höhle klafft. "Ich kann's solange aufheben", sagt der Junge, "glaubst du, es ist viel wert?" "Ja, heb's auf, bis du es zurückgeben kannst, bestimmt melden die sich bald." Der Junge will fragen, wen sie meint, aber dann steckt er den Leuchter unter die Jacke und geht. Da ruft Ulrike ihm hinterher "He, weißt du, wo Karl ist?" Er hebt die Schultern.

Auf dem Rückweg hält Eckart im Auto am Straßenrand und sie steigt ein. Auch er weiß das Neueste von dem Brand. Er sagt, Gott sei Dank wären keine Menschenleben zu beklagen, ein Haus könnte wieder aufgebaut werden, selbst wenn es so eine Art Kirche ist. "Das Gebäude war nicht so alt, die Baupläne existieren sicher noch." "Aber was das kostet", wendet Ulrike ein. "Die Juden haben genug Geld, obwohl sie so tun, als müssten sie am Hungertuch nagen. Und wenn es um ihr Gotteshaus geht, halten sie zusammen, auch wenn sie sich untereinander bescheißen. Außerdem bekommen sie von der Versicherung den Schaden ersetzt, am Ende können sie eine viel schönere Synagoge wieder aufbauen." "Aber wer macht denn so was und legt da Feuer?" "Nationale Idioten, der Pöbel, der immer auf irgendwas Jagd machen muss." "Dem fällt das von selbst ein?" "Lass da mal ein paar Leute von dem Wie-heißt-er-noch-gleich die Strippen ziehen, und der propere Joseph stachelt sie ordentlich auf mit seinen Tiraden, dann finden sich schon welche, die sich dafür hergeben." "Beunruhigt dich das nicht?" "Mich? Wieso? Ich bin kein Jude." "Hast du kein Mitgefühl mit denen?" "Ich bin auch nicht Jesus."

Er fährt mit dem Auto in eine Seitenstraße. "Ich muss kurz anhalten und auf jemand warten." "Dauert das lange?" "Nein, er muss gleich kommen." Da fällt Ulrike auf einmal ein, was Hans letztens über Eckart gesagt hat, die beiden hatten sich offenbar fürchterlich in die Wolle gekriegt, und Hans hat ihm untersagt, zu den HJ Funkern zu kommen. Was er eigentlich dort gewollt hat und worum es bei dem Streit genau ging, weiß Ulrike nicht. Doch jetzt, als Eckart davon spricht, daß er auf jemand wartet, hat sie eine seltsame Ahnung. "Ich gehe das Stück zu Fuß", sagt sie und will aussteigen. "Warum denn? Ich kann dich nach Hause fahren, wir wollen sowieso da lang." "Mir ist eingefallen, daß ich was besorgen muss, vielen Dank für's Mitnehmen." "Keine Ursache. Da schau', er kommt schon." "Jetzt bin ich einmal ausgestiegen, also tschüss." Sie läuft davon ohne sich umzuwenden, sie will nicht wissen, wer es ist, mit dem sich Eckart trifft.

* * * * *

Zwei Straßen weiter bleibt wieder ein Auto neben ihr stehen, es sind Wolf und Anna, sie dreht die Scheibe herunter. Ulrike sagt "Bis eben war ich mit Eckart zusammen." "Habt ihr Schluss gemacht?", meint Anna und lacht. "Quatsch, nicht doch so. Wohin wollt ihr denn? Du siehst so schick aus." "Nach Weimar. Wolf hat einen Termin mit so einem hohen Tier von der HJ." "Dann viel Spaß." "Ja, dir auch, melde mich, wenn ich wieder da bin."

Sie fahren aus der Stadt hinaus, und auf der Landstraße dreht Anna wieder die Scheibe herunter, das findet sie toll. Wolf sagt "Pass auf, daß du keinen Zug bekommst." "Meinen Zug?" "Am Auge, einen Windzug, bei mir ist es mal geschwollen, hat sich so ein Weizenkorn unterm Augenlid gebildet." "Gerstenkorn nennt man das." "Ach ja, du bist die Doktorstochter, da musst du es wissen." "Wie sagst du das?" "Habe ich es irgendwie gesagt?" "Es klang fast spöttisch." "Dann entschuldige, warum sollte ich darüber spotten." "Entschuldigung angenommen." "Soll ich das Verdeck wieder schließen?" "Nein, wieso? Alles ist gut so." Sie fahren auf leerer Straße, sie kommen durch die Dörfer. Wolf muss einmal scharf bremsen, als ein anderes Auto unversehens aus einer Toreinfahrt herausrollt.

Unter den Bäumen am Straßenrand ist es schattig. Wolf tritt aufs Gaspedal. Der Wind streicht Anna ums Gesicht und lässt ihre Haare wehen, sie legt den Kopf zurück und schließt die Augen. Wolf sieht zu ihr hinüber und lächelt. "Wenn erst die Autobahn fertig ist, kann man noch viel schneller fahren." "Es ist schnell genug", sagt Anna ohne die Augen zu öffnen, "schön schnell. Du fährst gut Auto." Er zwickt sie in die Hüfte. "Ich mache alles gut." "Hey." Sie klopft ihm auf die Finger. "Hände ans Lenkrad, sonst landen wir im Straßengraben und du verlierst deinen guten Ruf." "Keine Sorge, Wolf Dressel weiß immer was er tut." Sie lacht. "Jetzt hast du aber spöttisch geklungen", sagt er. "Nein, nur ein bisschen ungläubig." "Du glaubst nicht?" "Natürlich, an den lieben Gott, er sieht alles." "Du meinst, wenn ich dich jetzt küsse, sieht er es?" "Hör auf mit dem Quatsch, wir fahren schon ganz krumm, hey, lass' das, oh, du bist unmöglich." "Wollen wir eine Pause machen." "Mit dem Schmusen?" "Mit dem Fahren. Guck mal, da vorn bei dem Hügel können wir anhalten." "Ich glaube, du hast ganz andere Hügel im Sinn."

Sie biegen nach rechts ab auf einen Feldweg, er ist trocken, und sie ziehen eine Staubwolke hinter sich her. Anna dreht sich um und kniet sich auf dem Sitz, sie ruft "Schau' nur, nein schau' nach vorn, wir verschwinden in einer Staubwolke, wie Kara Ben Nemsi vor seinen Verfolgern, das ist aufregend." "Alles eine Frage der Tarnung." Sie halten an einem flachen Wiesenhang, oben stehen ein paar Apfelbäume. "Sind wir schon da?", fragt Anna. Er legt den Finger an den Mund. "Sei still, wir lassen sie vorbeireiten." "Und dann?", flüstert sie zurück. "Nicht und dann, sondern solange." "Häh?" "Solange haben wir Zeit." "Zum Küssen?" "Ja, meine liebe Suleika." Sie kniet noch immer auf dem Sitz. Er schiebt sich unter ihren Körper und legt sein Gesicht an ihren Busen. Sie beugt sich über ihn und sie küssen sich. Er geht mit der Hand unter ihren Rock und streicht über die Strumpfhalter und über den Hintern. Sie drückt seine Hand sanft weg und fragt "Wieso nicht länger?" "Weil sie zurückkommen, wenn sie die Täuschung bemerken." Sie küssen sich. "Werden sie uns gefangen nehmen?" "Ja." "Und auch fesseln." "An Händen und Füßen."

Seine Hand gleitet wieder über ihre Pobacken, ihr Schlüpfer ist seidenweich. "Oder aneinander." "Glaube ich nicht. Sie werden uns trennen." "Ich will nicht von dir getrennt werden, mein Effendi." Er knöpft ihre Bluse auf und bedeckt ihren Busen mit Küssen. Sie streckt den Kopf hoch und zurück. "Bleib' unten." "Was?" "Bleib' da unten, wo du warst, mit der Hand." "Ach so, ja Suleika." Sie drückt seine Hand zwischen Hintern und Waden und geht wieder nach oben, sie macht es mehrmals. Seine Finger gehen unter den Saum des Schlüpfers. "Aber sie werden dich hoffentlich nicht quälen." "Allah verhüte es. Wie kannst du so was denken." "Du wirst mit ihnen fertigwerden, nicht wahr?" Sie bewegt sich schneller auf und ab, seine Hand ist zwischen ihren Schenkel angekommen. Sie seufzt. "Was ist?" "Nichts." Sie küssen sich heftig. Anna murmelt "Wenn wir noch zu Leuten wollen, sollten wir lieber aufhören." "Wieso?" "Sonst ist meine Wäsche nicht mehr frisch." "Bis Weimar trocknet das doch." "Aber man riecht es, lass' es uns für später aufheben." "Also gut, ich befürchte auch, diese Schurken haben gemerkt, daß wir sie angeschmiert haben."

Er lässt von ihr ab und startet den Wagen. Sie holt ein weißes Tuch mit gehäkeltem Rand aus der Handtasche und wischt sich ab, dann macht sie ihre Bluse zu. Wolf dreht eine rasante Kurve, Anna muss sich festhalten. Sie lacht und gibt ihm einen Kuss, dann setzt sich wieder ordentlich hin. "Es macht wirklich Spaß, mit dir Auto zu fahren." Sie gelangen wieder mit einer großen Staubwolke im Rücken auf die Straße. "Müssen wir nicht in die Richtung weiterfahren?", fragt Anna. "Von dort sind wir doch gekommen." "Sicher? Ich hätte jetzt gedacht ..." "Ach Suleika, allein würdest du dich in den unendlichen Weiten der Wüste verlaufen und schließlich verdursten." "Genau. Deshalb verlasse ich mich auch ganz auf deinen Orientierungssinn." "Das ist klug von dir, denn ich weiß, wo die richtigen Pfähle stehen." "Was für Pfähle?" "Na, die im Sand natürlich."

Je näher sie der Stadt kommen, umso reger ist der Verkehr, zwei, dreimal werden sie von einem anderen Auto überholt. "Mach' dir nichts draus", sagt Anna. "Wo draus soll ich mir nichts machen?" "Daß die schneller sind." "Ich habe die absichtlich vorbeigelassen." "So? Weil sie es eiliger haben." "Richtig, aus reiner Höflichkeit." Dann fragt sie "Was willst du eigentlich bei deinem Jugendführer?" "Ich muss was mit ihm besprechen." "Was wichtiges? Geht es um den Krieg?" "Was denn für einen Krieg?" "Von dem Ulrikes Bruder immer spricht, und andere auch." "Davon ist mir nichts bekannt." "Aber du würdest es doch vorher erfahren, oder?" "Das denke ich schon. Der Kunze schickt mich hin wegen einem Traditionsbann, der in Nürnberg gegründet werden soll, das heißt, gegründet ist er schon, er soll richtig aufgezogen werden, es hängt irgendwie mit dem Parteitag zusammen." "Warum macht das Kunze nicht selber?" "Das würde er auch gern, aber er hat diese Magengeschichte bekommen, ein Geschwür oder etwas ähnliches." "In seinem Alter?" "Ah, jetzt spricht wieder die Doktorstochter. Ich weiß auch nicht, ich glaube, er ist schlecht ernährt worden als Kind, die hatten doch nichts und es waren acht oder neun Kinder. Jedenfalls muss ich beim Reichsjugendführer nähere Informationen einholen."

"Weiß er, daß wir ... daß du kommst?" "Kunze hat gesagt, er hätte ihn angerufen." Anna schweigt, dann sagt sie. "Wenn er nun nicht Bescheid weiß, und wir kommen da einfach so hin. Das ist doch nicht irgendwer, ist das nicht schon ein ganz schön hohes Tier?" Wolf lacht. "Genaugenommen kommt er gleich nach dem Führer." "Gleich nach Hitler?" "In seiner Funktion als Reichsjugendführer zumindest." "Du heiliger Bimbam, du hättest es mir sagen sollen." Sie angelt sich ihre Handtasche vom Rücksitz und kramt darin herum. Sie holt einen Taschenspiegel und einen Lippenstift heraus. "Was hätte ich sagen sollen?" "Daß wir mit so jemandem zusammentreffen." "Aber das ist ein ganz normaler Mensch, habe ich von allen Seiten gehört. Und außerdem komme ich als Stellvertreter des Leiters des Bannes fünfundneunzig." "Das willst du doch nicht etwa alles runterrasseln?" "Natürlich, ich muss mich vorstellen."

Anna versucht, sich die Lippen zu schminken. "Kannst du mal ein bisschen langsamer fahren?" "Eben ging es dir nicht schnell genug." "Seien Sie nicht so ungehobelt, Herr Leiter des Stellvertreters des Banns." Er fährt langsam. "Gut. Wie sehe ich aus?" "Reizend. Können wir jetzt wieder einen Zahn zulegen?" "Ich weiß gar nicht, warum du so trödelst", sagt sie und schmeißt die Handtasche wieder nach hinten. "Was bedeutet eigentlich die fünfundneunzig, seid ihr so viele?" "Na, das wäre ja ganz erbärmlich. Wir sind ein Bann mit den meisten Mitgliedern, gerade wenn man es auf die Fläche umrechnet." "Ehrlich? Aber die sind nicht alle so was wie du, ich meine Stellvertreter des Chefs." "Nee, da gibt es außer mir nur noch zwei." Anna scheint zu überlegen. "Du Wolf?" "Was ist, wir sind gleich in der Stadt." "Was mir grade so einfällt. Wenn der Führer, also der Jugendführer, nun einen positiven Eindruck von dir bekommt ..." "Ich werde mir alle Mühe geben."

"Lass mich doch erst mal ausreden - und der Kunze wahrscheinlich einen Ulkus hat." "Was?" "Ein Magengeschwür." "Das klingt ja richtig ulkig, damit trösten sie wohl die Patienten." "Mensch! Ich will dir was wichtiges sagen, und du alberst 'rum. Es ist doch nicht ausgeschlossen, daß du demnächst vom Stellvertreter zum Chef befördert wirst." Er nimmt unwillkürlich den Fuß vom Gaspedal, setzt ihn aber gleich wieder drauf. "Du meinst, wenn er ein Wort für mich einlegt?" "Wenn du ihm gefällst." "Soll ich mir auch die Lippen anmalen?" "Ich meine doch nicht so gefallen. Wenn du ihn beeindruckst." "Schon möglich." "Kriegt man da auch mehr Geld?", fragt sie und er sieht sie merkwürdig an. Sie sagt schnell "Es geht mich nichts an, ich weiß. Es ist mir auch egal, wieviel Geld du kriegst." "Ganz ehrlich, Mademoiselle Weber?" "Ehrenwort. Auf so was habe ich nie Wert gelegt. Ich würde mich nur für dich freuen." "Lassen wir es erst mal soweit kommen." "Du hast recht."

Sie greift wieder nach der Handtasche. Er fragt "Ist schon wieder alles ab?" "Ach Quatsch. Du hast gesagt, wir sind gleich da." Sie macht die Tasche auf und schaut hinein, als wollte sie nachsehen, ob nichts fehlt. Dann sagt sie "Ist der eigentlich verheiratet?" "Der Reichsjugendführer?" Sie dreht sich demonstrativ zum Fenster. "Nee, der liebe Gott." Wolf lacht, dann meint er "Soviel ich weiß, hat er die Tochter von Hitlers Dienstfotografen geheiratet." "Dann kennen die sich alle untereinander ziemlich gut?" "Kann schon sein, du Anna, ich habe bis jetzt auch nicht in diesen Kreisen verkehrt." "Entschuldige meine Fragerei." "Das ist schon in Ordnung, jedenfalls ist mir das zehnmal lieber als jemand, der sich gar nicht dafür interessiert." "Wirklich? Liebst du mich auch wenn ich neugierig bin?" "Ich liebe dich genau so wie du bist. Und nun gib mir einen Kuss, und wir lassen uns einfach überraschen."

Im Stadtinnern kommen sie schlecht voran, eine Menge Fahrzeuge sind auf den Straßen unterwegs, und manche sind gesperrt. Sie müssen einen kleinen Umweg durch die Gassen machen, um zur Parkstraße zu fahren. "Ist heute Zwiebelmarkt?", fragt Anna. "Keine Ahnung, was ist das?" Sie schaut angestrengt in die Durchfahrten zum Marktplatz und murmelt mehr für sich "Wo es die schönen Zwiebelzöpfe gibt und viele andere Sachen, Keramik, Holzwaren, Gewürze ... Können wir nicht mal kurz gucken." "Wo soll ich hier stehenbleiben? Du kannst alleine hingehen, ich hole dich dann." "Nö, alleine will ich nicht. Da drüben ist Platz." "An dem Gartenzaun?" "Neben dem Sandhaufen, da stehst du niemandem im Weg."

Wolf fährt dorthin und hält. Anna freut sich. "Es dauert auch nicht lange. Vielleicht bekomme ich für Mamas Garten einen schönen Blumentopf. Willst du das Dach nicht zumachen?" "Es wird doch nicht regnen in der nächsten Stunde." Sie schaut zum Himmel, er ist klar und heiter, nur ein paar weiße Wölkchen ziehen vorüber. Sie gehen zum Markt. Etliche Stände sind aufgebaut. "Das ist der berühmte Weimarer Zwiebelmarkt?", fragt Wolf. "Der ist anscheinend doch nicht heute. Aber die Stände sind auch ganz nett, lass uns ein bisschen schauen, ja?" Sie hakt sich bei ihm ein, und sie schlendern über den Platz. "Ziemlich voll ist es trotzdem. Warum stehen die alle da drüben?" "Weiß nicht, vielleicht gibt es da die berühmten Zwiebelzöpfe." "Hör' schon auf." "Ich sag' doch gar nichts. Aber da sind wirklich deine Töpfereisachen." "Oh fein."

Es ist ein Stand mit Geschirr aus Ton, Kannen, Krüge, Schüsseln, Backformen, Tassen, Teller, Eierbecher und vieles mehr. Manche sind blau glasiert und haben weiße Muster. Anna nimmt eine Henkeltasse in die Hand. Wolf sagt "Für einen Blumentopf ist die aber zu schade. Außerdem fehlt das Loch im Boden." "Ich könnte auch was anderes gebrauchen." "Ach du grüne neune, meinst du das vierundzwanzigteilige Tonservice?" Anna winkt ab. "Suchst du was Bestimmtes?", fragt die Händlerin, eine füllige Frau mit strohblondem Haar und einer bestickten Schürze. "Eigentlich etwas für den Garten, wo man was einpflanzen kann." "Wie wäre es mit einem Übertopf, da stellste den Blumentopf hinein und es sieht prima aus, und im Winter haste keine Plackerei mit der Frosterde." "Welches sind die Übertöpfe?" "Ich habe hier einen mittelgroßen und den ... hey Mann, sieh' dich mal bisschen vor."

Jemand war an den Ladentisch gestoßen und das Geschirr hatte gewackelt. Wolf dreht sich um und bemerkt, wie sich eine Menschenmenge zusammendrängt. "Was ist da los?", fragt er die Topfhändlerin. "Die weihen den Elephant ein." "Einen Elefanten?", fragt Anna, die einen großen Topf in Händen hält. "Das Haus zum Elephanten", sagt Wolf. "Wo Goethe drin gewohnt hat?" "Goethe nich", sagt die Frau, "aber die Charlotte, die wo seine Juchendliebe war. Und heute hält sich der Führer drin auf." "Der Reichskanzler?" "Er hat die Patenschaft oder so was übernommen, wie sie das alte Haus abgerissen und das neue gebaut haben. Ich glaube, er hat es sogar aus seiner eigenen Führerkasse bezahlt." "Deswegen stehen die vielen Leute da. Hat er sich schon mal blicken lassen?" "Bei mir nich. Vielleicht drüben beim Gemüsestand, der hat's doch so mit dem Grünzeug." "Sie meinen, er ist Vegetarier." "Kann schon sein, wahrscheinlich glaubt er, mit Gemüse kriegt er das wieder weg. Aber ich will dir was sagen, Mädchen. Was ein Mann braucht, ist jede Woche 'ne richtige Thüringer Bratwurst und ein Bier, sonst wird nie was aus ihm. Jetzt wird's mir aber langsam zu bunt. Drängelt nich so rum, Leute."

Auf dem kleinen Platz vor dem Haus zum Elephanten wird es zu eng für die Menschen. Einige Uniformierte, Polizisten und auch SS Männer versuchen, die Ordnung zu wahren. Man ruft zum Balkon hinauf nach dem Führer. Einmal erscheint jemand am Fenster, und ein Hurrageschrei geht durch die Menge, aber es war nur ein Offizier. Dann wird ein Sprechchor angestimmt: "Lieber Führer komm' heraus, aus dem Elephantenhaus". Die Topfhändlerin bangt um die Sicherheit ihrer Ware, ständig stößt jemand gegen den ohnehin wackligen Bretterstand. Sie hat bereits alles in der Mitte zusammengeschoben, einige besonders schöne Stücke in die Kisten gelegt. Als alles nichts hilft und die Aufregung und Begeisterung unter den Leuten immer mehr zunimmt, holt sie einen Schemel hervor und sagt zu Wolf "Hilf mir mal hoch, Herr Leutnant." "Ich bin nur Oberbannführer." "Das ist doch auch schon was." Er stützt sie, und als sie auf dem Schemel schwankt, springt Anna hinzu und hält sie von der anderen Seite. Die Topfhändlerin brüllt "Volksgenossen und Einheimische, wenn ihr jetzte nich sofort zwei Schritte von meinem Stand weggeht, dann schicke ich höchstpersönlich euern Führer ins Gartenhaus, da habt ihr 'ne große Wiese davor, wo ihr meinetwechen 'rumturnen könnt." Einige lachen, einer ruft "Geh' rein, Maid, und sag' ihm, wir wollen ihn begrüßen". "Was geht das mich an."

Plötzlich stehen zwei SS Männer vor ihr. Wolf ist so erschrocken, daß er den Arm zum Gruß hochreißt und dabei fast die Händlerin umstößt. "Steigen Sie bitte da herunter", sagt einer der Männer. "Aber die sollen ..." "Diskutieren Sie jetzt nicht. Bleiben Sie hinter ihrem Ladentisch, solange ..." Er kann nicht ausreden, weil aus der Menge ein Mann hervorprescht, der von einem Polizisten zu Pferde verfolgt wird. Er rempelt Wolf an, daß er gegen den SS Mann prallt und springt über den Verkaufsstand drüber, mehrere Tassen und Krüge zu Boden schleudernd. Der Reiter zieht die Zügel straff, das Pferd bäumt sich auf und wiehert, die Leute schrecken zurück, die Händlerin schlägt die Hände vor den Mund, Wolf nimmt Anna schützend in die Arme. Die Vorderhufe des Pferdes schlagen zwei-, dreimal auf die Töpferwaren, bis es wieder auf dem sicheren Straßenpflaster zum Stehen kommt. Ein Haufen Scherben ist übriggeblieben, auch der Übertopf ist kaputt. Als erster sagt der eine SS Mann etwas, und es ist nicht besonders originell: er fragt die Händlerin "Gehört Ihnen das Zeug?" Sie beugt sich über die Scherben und hebt zwei Einzelteile auf, dann dreht sie sich zu ihm um und sagt bissig "Nee, das gehört dem König Drosselbart." Anna muss lachen, verkneift es sich aber.

Da geht die Balkontür auf. Die Händlerin streckt die Arme empor, zwei halb zerschlagene Krüge in Händen. Der SS Mann tritt an sie heran und drückt sachte ihre Arme nach unten. Er sagt "Der Schaden wird Ihnen vollständig ersetzt, machen Sie jetzt kein Theater." Sie schaut ihn entgeistert an. "Alles?" "Ich sorge dafür." Auf den Balkon tritt ein Mann im braunen, uniformähnlichen Anzug, eine Hand an der Gürtelschnalle, die andere erhoben. Seine große Schirmmütze ist tief über die Stirn gezogen, er macht eine ernste, aber nicht abweisende Miene. Die Leute jubeln. Der Führer lässt seinen Blick einmal übers Halbrund schweifen, dann wendet er sich um und geht wieder hinein. "Hast du gesehen, was für strahlend blaue Augen er hat", sagt Anna später zu Wolf. "Sie waren völlig von der Mütze verdeckt." "Ich habe es gesehen, strahlend blau, fast unnatürlich", als ihr das richtige Wort eingefallen ist, fügt sie hinzu "dämonisch, das sind sie."

Sie kaufen sich Eis und essen es im Wagen. Wolf hat es eilig. "Halte bitte kurz mein Eis. Ich fahre schon mal los, bevor die Straßen wieder voll werden." Er fährt rückwärts und dann die Straße weiter, er nimmt Anna sein Eis wieder ab. "Weißt du, wie wir zur Parkstraße kommen?" "So ungefähr, das ist nicht weit." Sie finden hin, doch Wolf ist sich unsicher. "Welches Haus ist es?", fragt Anna und betrachtet die großzügigen, etwas zurückgesetzten Villen, die meisten mit hellem Putz und rotem Ziegeldach, andere mit Fachwerk und Erkern oder Türmchen mit winzigen Fenstern, wieder andere sind mit anthrazitfarbenen Schieferschindeln verkleidet. Überall sind gepflegte Gartenstreifen davor, und am Gehsteig sind eiserne Zäune gezogen, manche schwungvoll verziert. Auf fast allen Grundstücken steht ein Fahnenmast, an dem die deutsche Flagge gehisst ist.

"Nummer dreiundzwanzig. Oder zweiunddreißig?" "Willst du sagen, du hast es dir nicht genau gemerkt?" "Das schon, aber inzwischen ist es mir wieder ..." "Das gehört aber zum mindesten, was ein Bannführer können muss." "Hier, dreiundzwanzig, das muss es sein." "Sieht ganz schön vornehm aus, hier würde es mir auch gefallen." Dann sagt sie in bedenklichem Ton "Was ist, wenn dein Jugendführer selbst beim Hitler im Elephanten ist." "Daran habe ich auch schon gedacht." "Dann hättest du doch gleich dort nach ihm fragen sollen." Wolf lacht. "Du bist gut. Meinst du, die hätten mich auch nur ins Foyer gelassen." "Ich hätte es versucht." "Ja du, du bist ja auch ein junges, hübsches Mädchen." Sie hängt sich an ihn. "Keine Küsserei, lass uns mal anklopfen." "Ja." Wolf steigt aus. "Na was ist?" "Ach, ich soll mitkommen?", sagt Anna zögerlich. "Natürlich." "Ja, natürlich. Bestimmt ist sowieso niemand da." "Werden wir gleich sehen." "Warte." "Was denn noch? Den Lippenstift? Die sind rot genug." "Wirklich? Und sonst?" "Was sonst?" "Wie sehe ich aus?"

Wolf geht durch das Gartentor und auf die Eingangstür zu. Auf dem Nachbargrundstück harkt ein Mann im Anzug ein Blumenbeet. Als er Wolf in seiner Uniform sieht, schaut er freundlich herüber und macht den Hitlergruß, Wolf grüßt zurück. Anna rennt ihm hinterher und lächelt auch den Nachbarn an. Ein Namensschild ist nicht zu sehen, nur ein Klingelknopf. "Leider nicht dreiundzwanzig", flüstert Anna fast erleichtert. "Abwarten." Wolf klingelt, nichts regt sich. Er klingelt nochmal und nochmal. "Niemand da", sagt Anna, "dann gehen wir wieder." Sie zieht ihn am Arm, und nach einem Blick in den anderen Garten, fügt sie hinzu "Wir fragen einfach mal den Nachbarn." Aber der ist verschwunden.

Die Tür geht auf, Anna verdrückt sich hinter Wolfs Rücken und lugt an seiner Schulter hervor. Eine kleine, dicke Frau (Anna nennt sie nachher "moppelig"), offenbar die Haushälterin, sagt "Guten Tag, Sie wünschen?" "Ich möchte zu ..." Anna stellt sich auf Zehenspitzen und flüstert ihm wie eine Souffleuse ins Ohr "Du musst zuerst sagen, wer du bist." "Oberbannführer der HJ Wolfgang Dressel, ich möchte den Herrn Reichsjugendführer sprechen, in einer dienstlichen Angelegenheit." Anna knufft ihn ermutigend. "Sind Sie angemeldet?" "Ja. Das heißt ... fernmündlich." Die Frau schaut nach hinten in die Wohnung und sagt fast im Plauderton "Ich war die ganze Zeit in der Küche, ich weiß nicht, ob die Herrschaften schon wieder da sind." "Die sind wohl auch im Elephanten?", sagt Anna wissend. "Wie bitte? Kommen Sie erst mal herein, es gibt sonst gleich einen Durchzug."

Sie betreten einen Korridor, der in einen hellen Vorraum führt. Auf dem Parkettfußboden liegen ein großer und zwei kleinere Teppiche mit roten und gelben Mustern und blauen Rändern. In einer Ecke stehen Sessel und ein Sofa bei einem kleinen runden Marmortisch. Auf einer Kommode an der Wand prangt ein riesiger Blumenstrauß in einer schlichten weißen Porzellanvase. An einer Seite ist ein großes, fast bis zum Boden reichendes Fenster. Gegenüber ist ein Durchgang ins angrenzende Zimmer. "Gehen Sie dort hindurch, ich sage der gnädigen Frau Bescheid." "Wo? Da hinein?" "Ja, ja, immer durch bis in den großen Salon."

Anna schaut Wolf an und macht eine bedeutungsvolle Miene. Sie marschieren durch zwei weitere Räume, von denen einer an den Wänden bis unter die Decke mit Büchern vollgestellt ist, und gelangen in den bezeichneten Salon, der eigentlich aus zwei Zimmern besteht, zwischen denen die trennende Ziehharmonikawand zusammengefaltet ist. Es ist niemand zu sehen, obwohl die vom Tisch gerückten Stühle, einige halbgeleerte Gläser, ein voller Aschenbecher und andere Anzeichen darauf hindeuten, daß sich bis eben eine Gesellschaft hier aufgehalten haben könnte. Die beiden bleiben stehen und mustern die sehr stilvolle Einrichtung.

Da entdeckt Anna hinter der offenstehenden breiten Glastür auf der Terrasse einen Herrn, der in einem Korbstuhl sitzt. Sein Kopf ist leicht vornüber geneigt, als würde er ein Nickerchen machen. Sie stößt Wolf an und deutet nach draußen, Wolf räuspert sich laut. Der Herr dreht sich augenblicklich nach ihnen um, aber aus der Helle des Sonnenlichts kann er im Innern des Salons wenig erkennen. "Seid ihr zurück oder habt ihr was vergessen?", ruft er. Wolf fasst Anna bei der Hand und geht zur Terrasse. "Entschuldigen Sie, guten Tag, wir ..." "Guten Tag, junger Freund", sagt der Herr. Er mag die sechzig überschritten haben, sein Haar ist angegraut und die Frisur fällt hinten und an den Seiten gleichmäßig um sein Haupt herab. Er hat einen buschigen Schnurrbart mit Spitzen sowie ein Bärtchen am Kinn. Er hat nicht wie es schien geschlafen, sondern ein Blatt mit Schreibmaschinenschrift gelesen.

Während sich Wolf vorstellt, steht der Herr mit Schwung auf und reicht Anna die Hand, jedoch so, als wollte er sie mit Kusshand begrüßen, was Anna nicht sofort errät und weswegen sie rot im Gesicht wird. Doch der Herr verneigt sich charmant, sein Bart berührt fast unmerklich Annas Handrücken, und er sagt "Leopold von Willmann, habe die Ehre, mein Fräulein ..." Die letzte Silbe hat er angehoben, so daß Anna ergänzend anfügt "Anna Weber." Herr Leopold versucht, sich auf ihren Namen zu besinnen, doch er kommt zu dem Schluss, daß er Anna zuvor nicht begegnet ist, was durchaus der Wahrheit entspricht. Dann wendet er sich wieder an Wolf. "Sie bringen neue Kunde, Herr Oberbannführer?" Wolf versteht nicht, und Anna muss kichern. "Sozusagen, ja, es handelt sich um die Angelegenheit in Nürnberg, den Traditionsbann." "Ah", macht der andere und überlegt wieder, ob er davon schon gehört hat, schließlich sagt er einsichtig "Dann wollen Sie sicher zu Baldur." "Zum Reichsjugendführer von Schirach, jawohl." "Hm", macht der Herr. Anna flüstert Wolf zu "Vielleicht sind wir falsch hier." "Er wohnt doch hier?", fragt Wolf. Herr Leopold schaut ihn an. "Nein, er wohnt in München, genau gesagt in Kochel." "Oh, dann entschuldigen Sie vielmals, wir haben uns wohl im Haus geirrt." "War mir ein Vergnügen."

Die beiden wollen hinausgehen, als sie aus dem Nebenzimmer Stimmen hören. Eine Frau mit unverkennbarem Münchener Dialekt sagt "Also Kreta haben wir erst einmal aufgeschoben, das wird frühestens in zwei Jahren etwas, er hat ja immer so furchtbar wenig Zeit. Dabei will ich mir schon seit ewig den Königspalast von Kronos anschauen." Wolf und Anna sehen zu Herrn Leopold, der vor seinem Korbstuhl steht und murmelt "Sie meint den Palast von Knossos." Wolf nickt. Anna macht einen Schritt zur Seite, um in den Nebenraum hineinzuschauen, aber sie kann weder die Frau sehen noch jemanden, zu dem sie spricht. "Deswegen schieben wir wenigstens im Herbst eine Woche Rom dazwischen, das hat er mir versprochen. Ich habe sogar schon ein Hotel ausgesucht, ganz in der Nähe vom Forum Romanum." Man hört eine freudige Zustimmung. "Es ist nur das Problem mit der Fahrt. Mit dem Auto ist es für die Kinder sehr anstrengend. Ich habe überlegt, mit dem Schiff von Genua, aber das kostet viel Zeit. Was meinen Sie? Mit der Eisenbahn? Habe ich auch daran gedacht, es gibt ja Schlafwagen, da könnte man über Nacht fahren. Das hat außerdem den Vorteil, daß ..."

Sie erscheint in der Tür zum Salon, mit einem Tablett in der Hand. Sie ist eine junge Frau mit einem runden, niedlichen Gesicht und mit dunklen, halblangen Haaren, die sie hinten mit einer Schleife zusammengebunden hat. Sie ist schlank und hat eine auffallend gute Figur. Sie trägt ein blaues Kleid mit weißen Blümchen, das vom Kragen über die Schultern bis zu den kurzen Ärmeln geknöpft ist. Um ihren Hals liegt eine dünne Goldkette mit einem Herzchen. "Ah, noch mehr Besuch, Hilda, warum haben Sie mir das nicht gesagt?" "Habe ich doch", hört man Hilda antworten. "So? Na ja." Sie lächelt und zeigt dabei ihre Schneidezähne, die ein wenig auseinanderstehen, was ihr etwas Lustiges und Mädchenhaftes gibt. "Leopold, was steht ihr denn da wie angewurzelt, setzt euch." Leopold meint "Sie wollten gerade gehen." "Gerade gehen? Sie sind doch eben erst gekommen."

Sie geht an den beiden vorbei und streift dabei mit der Hand Annas Schulter "Kommen Sie, mein Fräulein und der junge Mann, ich räume nur das benutzte Geschirr weg, und dann gibt es gleich eine Tasse frischen Kaffee, oder haben Sie dagegen etwas einzuwenden?" "Ähm", sagt Wolf, und Anna drängt ihn zur Terrasse. Leopold sagt "Und schon sind Sie wieder hier." "Hat er sie etwa fortgeschickt, der alte Griesgram? Er will bloß seine Ruhe haben." "Pah", prustet Leopold und lässt sich in seinen Stuhl fallen, daß das Rohrgeflecht knarrt, "ich habe lediglich gesagt, daß Baldur in Kochel wohnt." Anna sagt "Wir dachten, er wäre hier." "Er ist auch hier", sagt die junge Frau, "aber im Moment in der Stadt." Wolf sagt "Ich wollte ihn in einer dienstlichen Sache sprechen, dann kommen wir besser später noch mal." "Dann ist er vielleicht schon wieder weg", sagt Leopold. "Nun setzen Sie sich endlich, Herr ..." "Dressel." "Und?" "Anna." "Herr Dressel und Anna. Es gibt auch Mohnkuchen." Anna lacht Wolf zu, zuckt mit den Schultern, und sagt "Ja dann, vielen Dank für die Einladung."

Die Frau stellt Tassen und Tellerchen auf das Tablett, sie prüft, ob genügend Zucker und Milch zum Kaffee vorhanden ist und sagt "Ich bin gleich wieder da." Anna nickt, dann sagt sie "Kann ich etwas helfen?" Die andere lacht. "Na, das schaffen wir schon." "Da haben Sie Glück gehabt", sagt Leopold, "daß der Baldur hier ist." Offenbar will er nochmal an die Wohnort Sache anknüpfen, aber Anna fragt ihn geradeheraus "Warum sind Sie nicht mit den anderen mitgegangen?" Er sieht sie etwas verwundert an, als sei niemand auf die Idee gekommen, ihn das zu fragen. "Solche Veranstaltungen sind nicht mein Pläsier", sagt er nach einer Pause. "Der Reichskanzler ist auch da", sagt Wolf, und Anna fügt hinzu "Wir haben ihn gesehen." "Tatsächlich", meint der Herr nicht gerade überschwänglich. "Und wie hat er Ihnen gefallen?" "Mir?" "Ja, und Ihnen, mein Fräulein, es heißt doch immer, er würde so großen Eindruck auf die Frauen machen, können Sie das bestätigen?" "Ach naja ..."

Die junge Frau kommt mit einer großen Kanne, über die eine Warmhaltehaube aus gestepptem Stoff gestülpt ist, darauf ist eine Sonne genäht. "So eine ähnliche haben wir auch", sagt Anna vergnügt. "Die ist noch aus meiner Kindheit", sagt die Frau, "da haben wir früher immer unsere Hände drin gewärmt." "Und dabei ist der Kaffee kalt geworden", meint Leopold. "Wir haben sie uns auf den Kopf gesetzt", sagt Anna. "Stimmt, das haben wir auch gemacht, aber nur heimlich. Auf dieser Seite ist eine Sonne, und auf der ist der Mond und ein Stern." "Drollig." "Abends Kaffee zu trinken kann gesundheitsschädigend sein", belehrt Leopold. "Das bestreitet ja gar niemand, Leo. Es ist doch nur eine Wärmehaube." "Mit einer irreführenden Darstellung, Kinder merken sich alles."

Sie schenkt den Kaffee ein, der dampft und wunderbar duftet. "Milch, Zucker nehmen Sie sich bitte. So, und dir drehe ich extra die Sonne hin, zufrieden?" Leopold brummt. Sie setzt sich, legt die Hände auf die Knie und schaut den beiden zu. Leopold sagt "Und was war mit dem Kuchen?" Sie klapst sich an die Stirn. "Ich wusste, daß was fehlt." Anna sagt "Lassen Sie nur, das ist nicht nötig." "Aber sicher." Als hätte sie es gehört, kommt Hilda mit einem Teller voll Mohnkuchen. "Hilda, ist in dem Sekt noch was drin?" "Ich sehe nach." "Ansonsten bringen Sie bitte eine neue Flasche." "Der Kuchen schmeckt ausgezeichnet", sagt Wolf. "Kaffee und Mohnkuchen, das eine regt auf, das andere beruhigt, was für eine unvernünftige Zusammenstellung." "Was ist daran unvernünftig? Es gleicht bloß aus, man wird weder zu aufgeregt noch schläft man ein." "Dann könnte man gleich auf beides verzichten." "Wenn es danach geht, kann man auf alles verzichten, nicht wahr?", wendet sie sich zu Anna, und Anna sagt "Verzichten kann man auch später." "Genau, da hörst du's, Leo, verzichten kann man nämlich jederzeit. Aber etwas Unvernünftiges tun, das kann man nur, solange man jung ist, denn später bereut man es gleich." "Na, das passt ja wie der Teufel ins Credo."

Hilda bringt eine Flasche Sekt und Gläser. "Soll ich sie aufmachen?" Leopold winkt. "Geben Sie her, ich mache das." Er lässt den Korken knallen, der in hohem Bogen über das Mäuerchen der Terrasse in den Garten fliegt. Dann schenkt er ein. "Sekt?", fragt Anna. "Mögen Sie keinen?" "Doch. Ich trinke so selten welchen." "Er ist ziemlich trocken, von der Saale hellem Strande." "Dann auf Ihr Wohl", sagt Anna. "Nein, lasst uns auf diesen schönen Tag trinken." "Hm, schmeckt ausgezeichnet", sagt Wolf und die anderen sehen ihn an. Anna kichert. "Der steigt gleich zu Kopfe", sagt Leopold. "Nee, ja, ich muss über was anderes lachen." Die junge Frau lacht auch. "Kaffee?" "Ich habe noch." "Ja, bitte." Leopold nimmt das Schreibmaschinenblatt vor ihm in die Hand und legt es gleich wieder hin. "Was soll ich denn nun genau damit machen?" "Du sollst es durchlesen , ob man es so formulieren kann und ob Fehler drin sind." "Ob man die Fehler so formulieren kann?" "Oh, Herr von Willmann, tun Sie nicht so philisterhaft, es ist nur eine Rede. Gefällt Sie dir nicht? Dann sag' es ihm." "Ich kann keine gravierenden Mängel entdecken." "Aber?" "Nichts aber." "Irgendwas behagt dir nicht."

Leopold antwortet nicht sofort, dann meint er "Goethe und immer wieder Goethe, nicht totzukriegen, der alte Knabe." "Es sind nun mal Weimar Festspiele, und in Weimar hat jeder Pups, der gelassen wird, was mit Goethe zu tun." "Das ist nicht artig gesprochen, liebe Jette." "Aber wahr. In Berlin ist der olle Fritz, in München der Ludwig, und in Weimar eben Goethe, da kommt man nicht drumherum." "Kennen Sie sich aus mit Goethe?", fragt er Wolf. "Nicht so sehr, aber meine Begleiterin." Anna schaut ihn entgeistert an, Leopold sagt "Ihre Begleiterin? Ich dachte, sie wäre mehr als nur das." Wolf wird verlegen. "Ja, natürlich, Anna ist meine ... beste Freundin. Ich meinte, was Goethe betrifft." "Sie begleitet also Ihre Entwicklung in punkto Goethe." "So ungefähr." "Wir wissen beide nicht mehr und nicht weniger von Goethe als andere auch", sagt Anna selbstsicher zu Leopold, "und das hat bis jetzt immer gelangt." "Bravo", sagt die Frau, die Leopold Jette nennt. Leopold schaut skeptisch von einem zum anderen.

"Na wenn das so ist, dann frage ich mich, ob Baldur in seiner Rede unbedingt die 'Wahlverwandtschaften' herbeizitieren muss." "Tut er das?", fragt Jette und schenkt noch mal Sekt ein. "Allerdings. Kennen Sie die 'Wahlverwandtschaften'?" "Ich kenne nicht mal meine eigene Verwandtschaft bis ins letzte", sagt Anna. Wolf stupst sie in die Seite, sie sieht ihn verunsichert an, dann meint sie "Ich wollte mich nicht abfällig darüber äußern, tut mir leid. Mir fiel nur grade der Spruch ein 'Die eigenen Verwandten sind oft die größten Unbekannten'." Wolf sagt "Soviel ich weiß, hat Goethe das Buch Alexander von Humboldt gewidmet." Jetzt lacht Leopold aus voller Brust. "Stimmt das etwa nicht?", fragt Anna, als würde sie es bekräftigen. "Gewidmet kann man nicht sagen, aber er hat es ihm überreicht."

"Was zitiert denn Baldur überhaupt daraus?", fragt Jette. "Daß die Männer von Jugend auf Uniform tragen sollten, damit sie sich daran gewöhnen, zusammen zu handeln und im Ganzen zu arbeiten." "Da ist was dran", sagt Wolf. Jette schaut ihn an, und dabei fällt ihr etwas ein. "Apropos Uniform, Herr Dressel, Sie tragen auch die HJ Uniform." "Selbstverständlich." "Ihre sieht irgendwie besser aus." Sie sagt zu Leopold "Jetzt weiß ich, warum Baldur das zitiert hat, wir haben nämlich vor kurzem erst wieder ellenlang drüber gestritten, warum die HJ Uniformen so altmodisch aussehen und kein bisschen pfiffig." Leopold erwidert "Die Mädels in ihren kurzen Kleidchen sehen gar nicht übel aus." "Ja, die Mädchen, die gefallen euch natürlich. Und was ist mit den Jungs? Herr Dressel, kommen Sie mal her." "Bitte?" "Ich will bloß mal ihre Uniform anschauen." Anna sagt "Nun mach' schon." "Und daß sie sich daran gewöhnen zu gehorchen." "Was?" "Die Männer, sagt Goethe. Weil sowieso in jedem Knaben ein geborener Soldat steckt."

Wolf tritt zögernd an Jette heran. Die streckt ohne aufzustehen ihre Hand aus und zupft an seinem Hosenbund. "Das sitzt viel straffer, und nicht so übertrieben weit oben." "Damit sie nicht rutscht, wenn's ernst wird", sagt Leopold. Anna amüsiert sich. "Dreh' dich doch mal, hinten ist sie auch ganz passabel." "Einwandfrei", sagt Jette, "das muss sich Baldur anschauen. Sonst hängen die Hosen entweder immer herunter wie ein leerer Sack oder sie kleben an den Beinen wie Feuerwehrschläuche." "Die sind auch abgenäht." "Abgenäht? Wo?" "Einmal hier am Bund und am Knie, hier sieht man es." "Tatsächlich." Auch Anna beugt sich herüber, und von beiden Seiten begutachten sie Wolfs Hosenbeine. "Tadellose Arbeit, wer hat das gemacht?" "Meine Mutter. Sie hat auch die Ärmel gekürzt, die waren vorher für Affenarme." Leopold sagt "Darf ich darauf hinweisen, daß es sich um die Weimar Festspiele handelt und nicht um eine Modenschau für die Hitlerjugend." "Das ist eben der Irrtum", ereifert sich Jette, "die anderen sehen uns doch." "Welche anderen?" "Die anderen Völker. Da müssen wir einen guten Eindruck machen, es wäre jammerschade, so eine Gelegenheit zu ungenutzt zu lassen." "Kann ich mich wieder setzen?" Anna nimmt seine Hand. "Komm' zu mir." Dann flüstert sie ihm etwas ins Ohr und gibt ihm einen Kuss auf die Backe.

"Ob Baldur auch weitergelesen hat?", fragt Leopold nachdenklich. "Wie weiter?" "An der Stelle, wo von der Männern in Uniform gesprochen wird. Da folgt etwas diesbezügliches für die Frauen." "Doch nicht etwa die kurzen Röckchen?" "Das nicht, aber Goethe sagt, oder vielmehr lässt sagen, daß die Frauen im Unterschied zu den Männern mannigfaltig gekleidet gehen sollten, eine jede nach eigener Art und Weise, damit sie fühlen lerne, was ihr gut stehe." Anna streicht unwillkürlich ihren weißen Rock glatt, und Jette blickt Leopold beeindruckt an. "Das schreibt er?" "Ja." "Na ja, er hat eben von uns Frauen gelernt, weshalb wir uns stets attraktiver kleiden als Männer." "Er hat noch etwas hinzugesetzt." "Ah, jetzt kommt der Haken, die Peitsche." "Er meint, die entscheidende Ursache für den Unterschied zwischen dem Hang zur Uniformität bei Männern und der Neigung zum Außergewöhnlichen bei Frauen liege darin, daß die Frauen dazu bestimmt sind, ihr ganzes Leben allein zu stehen und allein zu handeln." "Das ist nicht wahr?" "Was?" "Hat er nicht gesagt, sie wären dazu bestimmt, am Küchenherd zu stehen und die Kinder zu hüten?" "Aber ich bitte dich, Goethe doch nicht." "Er hat gesagt, wir wären unser ganzes Leben lang allein?" Leopold hebt den Zeigefinger. "Er lässt es sagen."

Alle schweigen, dann fragt Wolf "Für wann können wir denn den Reichsjugendführer zurückerwarten?" Jette ist in Gedanken. "Wie bitte? Ach so." Sie schaut auf ihre Armbanduhr. "Na sie müssten eigentlich gleich kommen." Dann tippt sie Anna aufs Knie. "Soll ich Ihnen bis dahin das Haus zeigen?" Anna ist etwas verblüfft. "Ähm, ja, gern, wenn das nicht zu unverschämt ist." "Aber woher? Sie kriegen sowieso nur das Repräsentative zu sehen, ich führe Sie nicht durch die Schlafgemächer. Interessieren Sie sich für Kunst?" "Sie studiert Musik", sagt Wolf nicht ohne Stolz. "Hier in Weimar?" "In Berlin", sagt Anna. "Dann haben Sie auch einen Sinn für Kunst. Der Besitzer dieses Hauses hat ein paar Bilder der Weimarer Malerschule gesammelt, die ist zu Unrecht in Vergessenheit geraten, dabei haben manche von denen so gut gemalt wie die Impressionisten." "Der Besitzer des Hauses? Wer soll das sein?", fragt Leopold. "Ihr könnt euch inzwischen über Männerangelegenheiten unterhalten." "Oder über Frauen", sagt Anna. "Ganz schön aufgeweckt, das Fräulein."

Jette zeigt ihr alle möglichen Raritäten, die Bilder der Weimarer Maler und andere Gemälde, Skulpturen, Bücher, eine Abhandlung über Bienenzucht, die 1770 in Bautzen gedruckt wurde. Anna bewundert eine chinesische Seidenmalerei und einen indianischen Kopfschmuck, Objekte, die Freunde der Familie von ihren Reisen mitbrachten. "Ah, und hier haben wir wieder Goethe, ich sag's ja, alles trägt seinen Stempel. Das ist angeblich aus seiner Steinsammlung." Es ist ein dunkler Tonschiefer, etwa so groß wie ein Teller, auf dessen Oberseite sich ein Farnwedel in aller Deutlichkeit abzeichnet. Hinten klebt ein Zettelchen dran, auf dem steht ein lateinischer Name und der Fundort: Manebach 1781. Jette sagte "Er hatte ja so furchtbar viele Steine. Wenn ich mir das vorstelle, ich hätte so viele Steine in der Wohnung, man muss glauben, man lebt in einem Steinbruch."

"Was für ein Bild ist das?" "Welches? Was da auf der Kommode steht? Das ist von Paul Klee, es heißt 'Parklandschaft'." Anna sieht es sich von nahem an. Es besteht aus vielen geometrischen Formen, die auf wundersame Weise durch Linien und farbige Flächen miteinander verbunden und verwoben sind. "Es hat schöne Farben." "Finde ich auch." Sie stehen beide vor dem Bild und sagen eine Weile nichts. "Ist der Maler auch manchmal hier zu Besuch?" "Paul Klee? Nein. Er war Lehrer am Bauhaus, aber das gibt es nicht mehr. Er lebt jetzt glaube ich in der Schweiz, man hat ihn hier nicht gemocht. Das Bild soll demnächst verkauft werden." "Warum hat er in Spiegelschrift signiert?" "Nein, das ist nur, weil das Bild verkehrt herum steht." "Oh je, das habe ich gar nicht bemerkt." "Mir hat mal ein Künstler gesagt, ein gutes Bild kann auch auf dem Kopf stehen." Sie dreht es um, und Anna meint "Stimmt, so würde es auch gehen. Das ist praktisch, da hat man gleich vier Bilder in einem, und man kann es immer mal anders herum hängen." "Zu jeder Jahreszeit", sagt Jette lachend.

Man hört Kinderstimmen. "Jetzt kommen die Ausflügler." "Sind das Ihre Kinder?" "Unter anderen." "Frau Jette", sagt Anna. "Was ist?" "Sie müssen mich den Leuten aber nicht unbedingt vorstellen, oder?" "Wenn Sie keinen Wert darauf legen, wir tun so, als wären Sie ..." "Irgendeine Freundin, die ganz zufällig vorbeigekommen ist." "Gut." Ein Junge und ein Mädchen kommen hereingestürmt und fallen Jette um den Hals. "Ich bin drei Runden Karussell gefahren, und Erika ist schlecht geworden." "Das erzählt man nicht." "Nur ganz kurz", sagt das Mädchen, "und du hast gespuckt." "Gespuckt?" "Auf dem Karussell, und das Mädchen hinter ihm hat es abgekriegt." "Die blöde Ziege, weil sie mir das rote Pferd weggenommen hat." "Wer hat dir denn so was beigebracht?" "Onkel Hubert." "Typisch, so haben sie sich beim Radrennen die Nase geschneuzt, das nannten sie russisches Taschentuch", sagt Jette zu Anna. "Max hat ja nicht mal ein Taschentuch", sagt Erika.

"Das haben wir dir mitgebracht, Mama." Der Junge hängt Jette ein Lebkuchenherz um. Es ist mit Zuckergussmuster verziert und es steht "Unserer lieben Mutter" darauf. "Da freue ich mich sehr, vielen Dank ihr beiden." "Wir gehen hinunter." Anna und Jette folgen ihnen. Im Salon sind jetzt eine Menge Leute. Zwei, drei Frauen kommen nacheinander auf Jette zu und jede berichtet ihr irgendeine Neuigkeit. Anna hält sich im Hintergrund und hält nach Wolf Ausschau. Einige der Männer haben sich auf der Terrasse versammelt, es sind etliche in Uniform dabei. Noch mehr Kinder rennen dazwischen herum, verschwinden in den Nebenräumen, kommen durch eine andere Tür wieder herein und verkrümeln sich im Garten. Hilda hat alle Hände voll zu tun. Sie stellt ein paar Getränke und Gläser auf einen Tisch, dazu zwei Teller mit Kuchenbergen und eine Platte mit belegten Broten. Sie muss die Kinder verjagen, die davon stibitzen und die Katze füttern wollen. Anna hört, wie auf dem Klavier Akkorde angeschlagen werden. Sie sieht den Flügel erst jetzt in einer Ecke neben dem Fenster stehen.

Da ist Jette wieder bei ihr, nimmt sie am Arm und sagt "Ich möchte Sie mit jemandem bekannt machen." "Aber wir hatten doch ..." "Keine Angst, das ist ein ganz liebenswürdiger Mensch." Sie führt sie zum Klavier, wo auf dem Lederschemel ein ungefähr zehnjähriger Junge und ein älterer Herr sitzen. Der Herr hat einen fast kahlen, doch schön geformten Kopf, dunkle Augen mit einem tiefen Blick und ein schmales, dünnes Bärtchen über den Lippen. Er begleitet den Jungen bei seinen Übungen und lobt seine Mühe. Jette sagt, als hätte sie gerade das Gespräch mit ihm unterbrochen "Sie studiert Musik in Berlin." "Aha", sagt der Mann sehr gutmütig, nickt Anna freundlich zu und achtet wieder auf den Jungen. Ihr wird das unangenehm, und sie schaut sich hilfesuchend nach Wolf um. "Welches Instrument?", fragt der Herr, und Anna merkt, daß sie im Grunde auf die Frage gewartet hat. "Violine. Und Kompositionslehre", setzt sie hinzu, obwohl sie damit erst im nächsten Semester beginnt. "Bei Professor Stubenhaus?" "Bei Professor Altmann und bei Karol Schmitz." "Versuche das mal so zu greifen." "Wie bitte?" "Ich sprach mit meinem Enkel." "Ah so. Ja dann, ich muss mal nach meinem Freund sehen." Jette sagt "Richard, sei doch so nett, ihr könntet gemeinsam etwas spielen."

Der Enkel wirft ihr einen prüfenden Blick zu, und Anna sagt schnell "Wenn Sie mich meinen, ich bin heute ganz und gar nicht dazu in der Lage." Richard sagt zu dem Jungen "Würde es dir sehr missfallen, wenn wir ein kleines Stück musizieren?" "Meinetwegen macht nur, aber ich darf neben dir sitzenbleiben." "Selbstverständlich." Er schaut Anna an, die immer unruhiger wird. "Sie sehen, der Junge tritt extra für Sie zurück, wollen Sie das Angebot nicht annehmen?" Jette klopft mit den Fingern auf den Flügel. "Oh ja, bitte." "Ich habe meine Geige gar nicht dabei." "Das ist überhaupt kein Problem", ruft Jette, springt in das Bibliothekszimmer und kommt mit einem Geigenkasten wieder. Anna ist begeistert beim Anblick des Instruments. "Was für eine ist das?" "Haben Sie eine Vermutung?", fragt Richard. "Ich bin kein Geigenbauer, aber ich würde auf Tiroler Schule tippen." Richard spitzt die Lippen unter seinem Schnurrbärtchen und pfeift leise. "Alle Achtung, Fräulein Anna, sie stammt aus der Klotz Familie." "Ich habe einmal eine solche gespielt", sagt sie und wendet sie in Händen wie etwas Wiedergefundenes. "Dann wäre es jetzt das zweite Mal."

"Man trifft sich immer zweimal im Leben", sagt Leopold, der sich zu ihnen gesellt hat. Die beiden Herren bilden in ihrem Äußeren einen lustigen Gegensatz, wie zwei ungleiche Brüder. Dann kommen der besagte Onkel Hubert hinzu sowie einige Kinder, die mitgekriegt haben, daß es gleich Musik zu hören gebe, und die ein bisschen neidisch auf den Enkel blicken, nicht zuletzt weil die hübsche Anna wohl auch ihm zuliebe spielt. Doch sie ist furchtbar aufgeregt. "Du darfst dir etwas wünschen, Jette." Sie überlegt einen Augenblick. "Am liebsten Beethoven, etwas Wienerisches." Anna will die Geige in den Kasten zurück legen. "Nein, ich glaube, das wird nichts." Und Jette sagt "Schade. Haben Sie Beethoven noch nicht behandelt?" "Das wohl, bloß ... ich habe ihn lange nicht gespielt." "Er ist ja auch schon lange tot", witzelt Leopold.

"Versuchen wir's", meint Richard und spielt ein paar Akkorde. "Ist das Schubert?", fragt Jette. Es ist Beethoven, Anna hat es zum Glück gleich erkannt und der Enkel nickt ihr erwartungsvoll zu. Richard sagt "Ich werde Ihnen zur Not eine Vorgabe liefern." "Na, ein Notfall wird es hoffentlich nicht werden", meint Anna. Richard fängt noch mal an mit der kurzen Einleitung, und Anna setzt mit dem Thema ein, das ein bisschen zu schnell wird. Der Enkel wechselt mit dem Blick zwischen ihr und Richard, und Anna glaubt, er würde ihr mit den Augen ein Zeichen geben, daß sie etwas langsamer spielen solle.

Das Klavier ist mit dem Zwischenstück dran, und bei der Wiederholung des Themas hat Anna das richtige Tempo drauf. Es folgt eine etwas kuriose Variation, bei der die Violine fast nur auf demselben Ton herumreitet und gerade mal ein Intervall in zwei, drei Teile zerlegt (Anna ist vom Klang des Instruments ganz hingerissen) und dann wechselt der Takt, die Musik wird beschwingt oder besser gesagt beschwipst, als würde der Heurige, von dem die Musiker vorher ein Glas geleert hatten, plötzlich seine Wirkung entfalten.

Und das ist genau jenes Wienerische Flair, das sich Jette gewünscht hatte. Sie strahlt übers Gesicht, läuft hinter dem Flügel hervor zu der Schar der Kinder, die bis dahin fast andächtig gelauscht haben, fasst ein Mädchen an Händen, und sie tanzen durch den Salon, drehen und hüpfen, wiegen und schmiegen sich in der warmen, sonnigen Nachmittagsluft, die über die Terrasse hereinströmt. Die anderen Gäste machen Platz, die anderen Kinder springen um Jette und ihre kleine Partnerin herum, jeder will auch in den Genuss kommen. Den Enkel hält es nicht länger auf dem Klavierschemel, er rutscht hinab, und im Vorbeigehen streift er Annas Rock, 'So ist es schon ganz gut' könnte das heißen. Immer ausgelassener und wilder wirbeln die Zwergentänzer um Jette, die die Arme ausstreckt und selber sich wie ein Kreisel bewegt und ihr Lebkuchenherz mal der mal jenem umhängt. "Nicht abbeißen", ruft sie und schaut zu Anna hinüber. Und die versinkt immer mehr in ihr Spiel.

Richard blickt auf die Tasten, schenkt ihr scheinbar keinen Funken Aufmerksamkeit, doch sie spürt, daß er sie hört, daß die unsichtbaren Fäden, das Gespinst des Klanges sie miteinander verbinden. Jeder weiß, was der andere als nächstes spielen, was er tun wird, und doch erwarten es beide wie eine Offenbarung. Sie wissen, was im nächsten Moment ertönt, welcher Akkord hinauf oder hinabklettert, welches Motiv auftritt wie die Figur auf einer Bühne, neu und verheißungsvoll oder altbekannt und gern gesehen, gern gehört. Sie kennen die Bögen und Schleifen der Melodie, die vorauseilt oder aufholt, die sich zutraulich, ja unterwürfig nähert, die plötzlich aufmüpfig wird und ausbricht, um gleich darauf wieder artig zurückzukehren. Hatte man im Übermut aus der Variation einen Walzer machen können, so wird es nunmehr heftiger, und wenn auch der Takt dabei nicht hinhaut, so jagt jetzt doch eine Art Polka, ein recht bäurischer Tanz über das Parkett. Die Geige spielt Kaskaden von Tönen, das Klavier probiert sich im Klimpern, schnell und schneller hastet die Musik, reißt die Spieler mit, treibt die Tänzer an. Die Kinder stolpern über die Teppichkante, über ihre eignen Füße und schlagen Purzelbäume, lachen und jauchzen. Jette kann nicht mehr, sie ist außer Atem, und als wollten die Zwerge anderswo ihren Spaß fortsetzen, rennen sie johlend aus dem Salon in den Garten.

Gerade eben wandelt sich der Charakter des Duetts abermals. Über ein paar Takte hinweg zupft Anna die Saiten nur an, es klingt wie eine Spieluhr, eine Spieluhr, die abläuft, abgelaufen ist, nur eine Zeit der Erinnerung andeutet, im trivialen, tonlosen Pling Pling der straffen Sehne den längst vergangenen Augenblick noch einmal heraufbeschwört, von dem es heißt, er sei der mächtigste aller Herrscher. Eine Pause folgt, so kurz, daß man indem nicht mit den Augenlider zucken könnte und doch so ewig lang, daß sie einem den Ausblick auf tausende künftige Weltzeitalter eröffnet. Und dann hebt das Thema wieder an, es erwacht wie das Mädchen nach einem süßen Schlummer mit einem noch süßeren Traum.

Jette steht wieder an dem Flügel, die Ellenbogen aufgestützt, den Kopf in die Hände geneigt, das Lebkuchenherz hängt schief über ihrem Busen. Die unendliche Melancholie, die dieses Andante verströmt, wenn es sich dem Schluss nähert, wenn es sein Ende gleichsam dauernd vorweggreift, wenn es voller Dankbarkeit und Freude Abschied nimmt und Abschied gibt, wenn es geht und gehen lässt, wenn es nicht mehr da ist und doch da bleibt, diese Melancholie steigt wie Blütenduft aus dem Spiel der Geige und des Klaviers auf, und Jette, die Augen geschlossen und selig lächelnd, atmet diesen Duft ein, erhält ihn, behält ihn, bewahrt ihn auf für die kommenden Zeiten, die sie erwarten.

Die Musik ist verklungen, Richard schaut ernst und regungslos einige Sekunden auf die Tasten. Anna lässt Geige und Bogen sinken, sie ist merklich erschöpft. Die Gäste applaudieren. Jette, leicht wie eine Fee, geht zu Richard, dann zu Anna und gibt ihnen ein Küsschen auf die Wange. Richard steht auf und reicht Anna die Hand. "Es war mir eine Vergnügen, mein Fräulein." "Ich danke Ihnen, verehrter Meister." Sie legt die Geige in den Kasten und schließt ihn. "Möchten Sie etwas trinken?", fragt Jette. "Ein Glas Wasser, ja." Dann sagt sie "Ich denke, wir müssen dann aufbrechen. Wo ist denn mein Oberbannführer abgeblieben?"

Sie sind rundum glücklich, als sie im Wagen sitzen und aus der Stadt hinausfahren. Wolf sagt wie ein Kompanieführer nach einem siegreichen Gefecht "Hätte ich geahnt, daß sie dort eine Familienfeier haben, wäre ich auf keinen Fall da hereingeplatzt." Anna lobt ihn wegen seines vorbildlichen Auftretens und seines guten Benehmens, und er fühlt sich nicht wenig geschmeichelt. "Meine Unterredung mit dem Reichsjugendführer war sehr erfolgreich. Was für ein außergewöhnlicher Mann ist das! Und dabei doch so natürlich. Bedenke einmal, wie viele HJ Funktionäre von meinem Kaliber er unter sich hat und befehligt, was bin ich einzelner da schon in der großen Bewegung. Und dennoch spricht er mit mir wie mit einem unentbehrlichen Kameraden." Anna zwirbelt ihm das Haar im Nacken. "Ich meine, ich will nicht sagen, daß ich das wirklich bin, aber er gibt einem das Gefühl es zu sein, verstehst du." "Er wird schon wissen, daß er dich braucht." Dann fügt sie hinzu "Und daß auf dich Verlass ist."

"Du hast die Leute ordentlich begeistert mit deinem Geigenspiel." "Na ja, ganz zufrieden war ich nicht, es war da besonders eine Stelle ..." "Bah, eine Stelle, das hat bestimmt keiner gehört." "Doch. Zumindest der Pianist hat es gehört." "Wer war das, etwa Franz Liszt?" Anna lacht laut auf. "Na was denn, ich denke, der ist ein Weimarer Musikus." "Ja ja." Sie lacht immer noch, dann meint sie "Hast du nicht gehört, daß Jette ihn Richard genannt hat." "Wer ist Jette?" "Jetzt halt aber mal die Luft an, die Frau, die uns die ganze Zeit so freundlich bewirtet hat." "Entschuldige, ich musste mich mehr um meine Leute kümmern. Richard? Womöglich Richard Wagner." "Der ist auch schon tot." "Gott, ist denn bei euch Künstlern überhaupt jemand der, für den man ihn hält?" Anna überlegt, dann fragt sie "Hat er nicht gesagt, er käme gerade aus Dresden?" "Ja, war mir auch so." "Du, dann könnte es vielleicht der Richard Strauß gewesen sein, der hat dort nämlich eine Oper aufgeführt." "Der Walzerkönig? Was guckst du jetzt wieder so? Die Jette und die Kinder, die haben doch Walzer getanzt." "Das stimmt. Wo fährst du jetzt lang?" "Ich dachte, wir fahren noch mal da hin, wo wir heute früh waren, auf der Wiese bei dem Hügel." "Hast du was verloren?" "Nee. Es war nur so angenehm, und jetzt könnten wir uns ... ich meine, jetzt drängt uns nichts." "Ach? Drängt dich nichts?"

Wolf hat eine Decke im Auto, die breiten sie im Gras aus, Anna findet es auch herrlich. "Heute früh kam die Sonne von dort, jetzt steht sie da." Wolf dreht sich um. "Das macht die immer so." "Jette hat mir das kleine Paket in die Hand gedrückt, bring' das bitte mal her, ich glaube, es ist von dem Kuchen drin." Wolf holt es, Anna hat Recht. Er sagt "Fabelhaft, sie hat an alles gedacht." "Was meinst du mit 'sie hat an alles gedacht'?" "Na, sie hat sich gedacht, wenn die beiden nachher auf dem Hügel im Gras sitzen und den Sonnenuntergang bewundern, schmeckt ihnen ein Stück von meinem Kuchen doppelt gut." "Spinner." Anna isst zwei, Wolf ein Stück. "Aber niemand weiß, was danach weiter geschah", sagt sie. Wolf schaut sie fragend an, dann scheint ihm ein Licht aufzugehen und er sagt "Außer dir und mir."

* * * * *

Zwei Tage später ruft Anna in Bierlochs Geschäft an und gibt Ulrike einen Bericht von ihrem Weimarer Ausflug. Als Ulrike am späten Nachmittag nach Hause geht, sieht sie am Myconiusplatz Karl mit etlichen anderen Kindern am Brunnen spielen. Die Jungen haben die kurzen Hosen hochgerafft und stolzieren im Wasserbecken herum. Karl sitzt zwischen zwei Mädchen, die Ulrike nicht kennt, auf dem Brunnenrand. Die alte Wanzleben kommt mit ihrem Spitz, dem giftigen Kläffer, vorbeigehumpelt und schimpft wie immer und droht mit der Polizei und erzählt dann wieder irgendeine zotige Geschichte, die sich vor dreißig Jahren in einem Hinterhaus in einer Gothardauer Gasse zugetragen hat. Ulrike hat jetzt keine Lust, sich weder mit der Wanzleben noch mit der lärmenden Bande abzugeben, obwohl sie gern wissen würde, wer die beiden Mädchen sind.

Sie biegt vorher in eine Seitenstraße ein, und daheim beschließt sie, sich einen heißen, süßen Kakao zu kochen und zu lesen. Aber die Milch ist sauer und frische zu holen, ist sie zu faul, also trinkt sie Tee, die gute Rennsteigmischung, mit Honig vom Imker. Sie klopft an Hans' Tür, um ihn zu fragen, ob er auch einen Becher will, aber er ist nicht da. Sie setzt sich in den Sessel am Fenster, wo man am längsten lesen kann, ohne Licht zu machen, und sie liest, bis es dämmerig wird. Und sogar, als sie kaum mehr die Schrift entziffern kann, liest sie weiter.

Hans schaut herein. "Hallo Schwesterchen. Engel hat gesagt, daß heute Nacht Verdunklungsübung ist, ich soll dir Bescheid sagen." "Ist mir doch wurscht." Hans will die Tür schließen, sie fragt "Muss jemand aufbleiben?" "Er hat sich selber bereiterklärt, wahrscheinlich erwartet er, daß er 'nen Orden kriegt, der 'Wachbleibende des Schutzraumbezirks' oder so." "Oder den Offenen-Augen-Orden mit gekreuzten Wimpern."

Sie rappelt sich plötzlich auf. "Hast du Besuch?" "Ja, 'ne Freundin, bleibt heute hier." Ulrike späht in den Flur. "Also tschüss Schwesterchen, und denk' dran: kein Leselicht anmachen." "Ja ja." Hans und das Mädchen gehen in sein Zimmer, er kommt noch mal zurück. "Brauchst du so eine blaue Glühbirne?" "Nee, ich nehme die vom letzten Mal." Dann flüstert sie bissig "Die Müller'n? Gehst du jetzt mit der?" "Warum nicht." "Na ja, einer muss es ja tun." "Eben. Übrigens habe ich vorhin deinen kleinen Lieblingsstrolch am Myconiusbrunnen herumlungern sehen." "Die treffen sich immer da." "Hauptsache, er ist rechtzeitig zu Hause. Engel hat gesagt, sie wollen heute verstärkt Streife laufen. Das wird jetzt von mal zu mal schärfer, und auf Kinder nehmen sie auch keine Rücksicht mehr, ich wollt's dir bloß sagen." Damit verschwindet er.

Engel ist der Luftschutzwart des Hauses, ein Kriegsveteran mit einem steifen Bein, aber auch damit so flink, daß er ständig neue Rekorde aufstellt, wie schnell er das Treppenhaus hoch und runtersteigen kann. Dementsprechend schlägt er unten am Eingang neben den Briefkästen einen Zettel an, wo die Zeiten draufstehen, die jeder Mieter im Alarmfall höchstens benötigen sollte, um von seiner Wohnung bis in den Keller zu kommen. Er meint es gut, er sorgt sich ernsthaft um die Sicherheit der Bewohner. Seit kurzem ist er auch zusätzlich Hausfeuerwehrmann, und seitdem in irgendeiner Richtlinie vom Reichsluftschutzbund empfohlen wurde, daß sich der Hausfeuerwehrmann möglichst immer in der Nähe des Dachbodens aufhalten sollte, um im Falle eines durch Brandbomben verursachten Feuers dasselbe sofort zu bekämpfen, hat Engel die alte Besenkammer an der Bodentreppe zur "Hausfeuerwehrleitstelle" erklärt und mit Tisch, Stuhl und einem Feldbett eingerichtet. Er hat auch mit Hans über ein Feldtelefon verhandelt, und Hans, der ihm zum Schein versprochen hat, sich darum zu bemühen, wird von Engel sein "dickster Freund" genannt und von allen möglichen lästigen Hauspflichten verschont.

Ulrike ertappt sich dabei, daß sie sich nun doch Gedanken um Karlchen macht. Wenn Erich daheim sitzt und allenfalls sein Bewusstsein mit Schnaps verdunkelt, bekommt er womöglich morgen eins auf die Mütze, weil er sich nicht ordnungsgemäß an der Maßnahme beteiligt hat. Und dann fragt wieder jemand nach, wo Karl solange war und stellt fest, daß er sich - der Apfel fällt ja nicht weit vom Stamm - am Vater ein schlechtes Vorbild genommen und aus der todernsten Verteidigungsübung einen Jux gemacht hat. Ulrike sieht den Schlamassel voraus, aber am meisten ärgert sie sich jetzt darüber, daß es wieder an ihr hängenbleibt. Sie zieht ihre Jacke über und geht zum Myconiusplatz.

An der Haustür steht natürlich der dienstbeflissene Engel, der ohne jede Zurückhaltung fragt, was sie jetzt noch vorhabe. "Ich gehe spazieren." Das ist so ungeheuerlich, daß es Engel nicht ernstnehmen kann. Er schaut auf die Armbanduhr und sagt, als würde es sich um eine Mondfinsternis handeln "Also in fünf Minuten beginnt die erste Phase der Verdunklung." "Mir macht das nichts aus, ich bin nachtblind", sagt Ulrike und geht um die nächste Häuserecke. Da jaulen auch schon die Sirenen auf. Karl kommt ihr entgegen. Sie wird wütend. "Sage mir mal, weshalb du dich hier herumtreibst?" "Und du?" Er wird auch noch frech. Ihr bleibt die Spucke weg, aber Karl lenkt ein. "Ich wollte gerade zu dir. Da hätte ich wohl Pech gehabt, du bist ja gar nicht zuhause." "Rede keinen Blödsinn. Heute Nacht ist Verdunklung, wenn sie dich ... wenn sie uns hier erwischen, kommen wir womöglich auf die Wache." "Aber wir haben doch nichts getan."

Sie schnappt ihn am Kragen und sie laufen schleunigst zu Karls Wohnung. Oben bei Erich brennt volles Licht hinter zwei Fenstern. Ulrike seufzt. "Ich habe es geahnt." "Es ist sowieso schon zugeschlossen", sagt Karl. "Na freilich, und den Schlüssel hast du wieder vergessen." Er schweigt. "Los, klingel." "Das hat eh' keinen Zweck, der schläft." "Klingel, sag' ich." Er hält den Klingelknopf gedrückt. "Hör' schon auf", sagt sie nach einer Weile. "Und nun?" "Und nun, und nun. Was weiß denn ich." "Und bei dir?" "Hans hat Besuch." "Wen?" "Das geht dich einen feuchten Kehricht an." "Bestimmt die Müller'n." Sie schleichen sich, von Engel unbemerkt, ins Haus. "Warte hier", sagt sie im Flur zu Karl.

Sie klopft leise bei Hans an und öffnet dann gleich die Tür. Das Mädchen zieht sich die Bettdecke bis zum Hals. "Was ist denn?", fragt Hans mürrisch. "Kann ich dein Fahrrad haben?" "Deshalb kommst du hier reingeplatzt?" "Es ist doch bestimmt abgeschlossen." Hans quält sich aus dem Bett und kramt aus irgendeiner Tasche den Schlüssel hervor. "Seit wann stehst du auf solche Hühnerbrüstchen?", flüstert sie. "Raus!", faucht er und schmeißt die Tür hinter ihr zu. Karl sagt "Vögeln die da drin?" "Nee, die spielen Mensch-ärger-dich-nicht." "Zu zweit? Das macht doch keinen Spaß." Sie sucht aus dem Schrank einen Pullover heraus und gibt ihn Karl. "Anziehen." Karl gehorcht. "Wir gehen jetzt genauso leise in den Keller und holen die Räder." "Und dann?" "Dann machen wir eine Radtour." "Du spinnst." "Kann schon sein." "Ich denke, es ist Verdunkelheitsübung?" "Umso besser, da ist nicht so viel Verkehr auf den Straßen." "Sag' mir wenigstens, wo wir hinfahren." "Zu meiner Freundin Anna." "Zum Borsberg?" "Du kennst wohl auch jeden, was?" Er zuckt mit den Schultern. "Na, so'n hübsches Mädchen." "Ach, gib' nicht so an, immerhin gehörst du erst zum Jungvolk." "Pah. Wenn ich dir erzähle ..." "Ein andermal vielleicht, jetzt komm'."

Engel steht im Hauseingang und wartet, daß die zweite Phase beginnt. "Mist", sagt Ulrike und überlegt. "Soll ich ihm eine überbraten?", fragt Karl. "Geh' rein", sagt sie, lehnt die Tür an und ruft dann nach unten "Herr Engel?" "Fräulein Friedewald? Ich habe Sie gar nicht zurückkommen sehen." "Hier oben riecht es so komisch, irgendwie brenzlig. Ich glaube, es kommt vom Dachboden." Engel steigt in neuer Rekordzeit die Treppe hinauf, und als er die Besenkammer betritt, springen Ulrike und Karlchen abwärts, holen in Windeseile die Fahrräder aus dem Keller und jagen in der Straßenmitte davon. Sie sind schon an der Dampfmolkerei, als Ulrike fragt "Kommst du damit zurecht?" "Der Sattel ist ein bisschen zu hoch, aber sonst geht's." "Das ist eben eins für Erwachsene." "Und wer solche Einfälle hat, ist selber noch nicht erwachsen." "Hast du nie dran gedacht, was total Verrücktes zu machen?", fragt sie. "Jetzt redest du auf einmal wieder wie 'ne alte Tante. Bei dir weiß man nicht, woran man ist." Sie lacht. "Wie hättest du mich denn gern, mein Kleiner." "Nenn' mich nicht Kleiner." "Oh pardon, Monsieur Grande."

Sie radeln nebeneinander her, die Dynamos surren an den Reifen, die Strahlen aus den Lampen huschen über die graue Straße, die Baumkronen an den Seiten heben sich gegen den sternenklaren Himmel ab. Karl sagt "Wenn es wieder hell ist, ziehe ich deinen Pullover aber aus, da sieht man nämlich vorn die Beulen von deinem Busen." "Du könntest ihn ja andersrum anziehen, Buckel haben auch Männer." "Wenn schon, dann richtige." "He, du Großklappe, du meinst wohl ..." "Achtung, da kommt ein Auto." Die Scheinwerfer des Wagens sind mit einer durchscheinenden Blende bedeckt, weshalb die beiden ihn erst im letzten Moment bemerken. Er bremst scharf, und Karl kommt eine Handbreit vor der Stoßstange zum Stehen.

Auf der Beifahrerseite steigt ein Mann aus. "Was ist denn mit euch los", ruft er, "das hätte ins Auge gehen können. Wieso seid ihr mit den Rädern hier unterwegs, und warum fahrt ihr mit hellen Lampen?" Karl beugt sich nach vorn und schaut auf die Fahrradlampe, die erloschen ist, weil der Dynamo stillsteht. "Machen wir doch gar nicht", sagt er. Der Mann mustert ihn. "Wer bist du?" "Ich bin Karl." "Doch nicht etwa der Karl Oschatz?" "Wenn Sie denselben meinen, ja." "Werd' nicht pampig. Und warum hast du ein Mädchenpullover an?" "Das ist meiner, Herr Schwemmler." Der Mann leuchtet ihr mit seiner Taschenlampe ins Gesicht. "Fräulein Friedewald? Sie haben mich erkannt?", sagt er, als wäre ihm eine Verkleidung misslungen. "So dunkel ist es auch wieder nicht." Schwemmler fällt gleich wieder in seinen gewohnten Kommandoton. "Hat Sie der Engel nicht instruiert?" Karl sieht Ulrike an und muss lachen. Schwemmler wischt ihm mit dem Taschenlampenlicht eins aus.

"Herr Engel ist der beste Luftschutzwart weit und breit, ich wollte ihn schon für einen Orden denunzieren", sagt Ulrike und kichert zu Karl zurück. "Darüber wird zu gegebener Zeit entschieden. Jetzt erklärt' mir mal gefälligst, was ihr hier zu suchen habt." "Suchen eigentlich nichts ..." "Du nicht! Sie erklärt mir das, verstanden." "Ähm, wir wollen zu Doktor Weber." "Ausgerechnet jetzt, wo die Aktion in vollem Gange ist?" "Ja, der Karl ist nämlich, der hat geschwollene Mandeln." Sie fasst sich an den Hals, damit es Karl sieht, und der fängt an, fürchterlich zu husten. "Nun kratz' nicht gleich ab", sagt Schwemmler, "ein echter Pimpf kennt keinen Schmerz." Ulrike sagt "Nee, dafür aber einen Arzt, der ihm helfen kann. Ich weiß, daß große Verdunklungsübung ist, aber ich kann ihn doch nicht die ganze Nacht husten lassen, das kann uns ja auch verraten." Schwemmler wirft einen Blick in die Gegend ringsum. "Es ist nicht ungefährlich, hier allein rumzuradeln." "Deshalb sind wir auch heilfroh, daß Sie uns begegnet sind, von Ihnen haben wir natürlich nichts zu befürchten."

"Ich kann das nicht einfach durchgehen lassen, daß ihr mit voller Beleuchtung gefahren seid." "Aber das sieht man doch höchstens auf zehn Schritte", sagt Karl, und als Schwemmler ihn scharf ansieht, rettet er sich in einen Hustenanfall. "Er hat recht, Sie haben uns auch erst im letzten Moment gesehen." "Umso schlimmer, auf diese Weise kann sich der Feind unbemerkt annähern, und dann überraschend angreifen." Karl meint kleinlaut "Sie werden uns doch nicht schlagen?" "Mit dir habe ich bestimmt noch ein Hühnchen zu rupfen." "Vielleicht, wenn ich wieder ganz gesund bin." Ulrike fröstelt. "Ist Ihnen kalt?" "Ein bisschen, von dem langen Rumgestehe." "Borchert", ruft er zum Wagen, "bringen Sie die Uniformjacke her, die da hinten liegt. Und von den Schlitzblenden welche." Der andere tut wie ihm geheißen. "Ziehen Sie die an", sagt Schwemmler. "Puh, die stinkt aber nach Benzin." "Besser ist es, bevor du auch krank wirst", sagt Karl. "Hören Sie auf den Rat von unserm Jungvolkmann. Warum waren Sie eigentlich nicht im BDM?" "Ich hatte da so was." "Ach so. Und die Dinger kleben wir über eure Lampen." "Das soll halten?", fragt Karl. "Die sind selbstklebend." "Und wenn nicht?" "Dann schiebt ihr, verstanden", sagt er gereizt. "Zu Befehl." "Es ist sowieso nicht mehr weit."

Plötzlich wird Schwemmler misstrauisch. "Ihr fahrt auch wirklich zu Doktor Weber?" "Selbstverständlich", erwidert Ulrike, und Karl hustet. "Borchert, das wäre eine gute Gelegenheit, das Feldtelefon auszuprobieren." Borchert nickt. "Rufe den Doktor Weber an und sag' Bescheid, daß die beiden gleich kommen. Sie müssen verstehen, Fräulein Friedewald, ich will Sie so schnell wie möglich aus der Gefahrenzone heraushaben." Borchert bringt den Apparat angeschleppt und fummelt daran herum. "So einen wünscht sich der Engel auch", sagt Ulrike. "Das kann ich mir denken", meint Schwemmler und grinst. "Na, wird's denn nun?", sagt er zu Borchert. "Welche Nummer hat der denn?" "Welche Nummer hat der?" "Welche Nummer?" "Die sechsundzwanzig fünfundfünfzig", sagt Karl. Die anderen sehen ihn erstaunt an, er fügt hinzu "Hat jedenfalls die Anna". "Nun wählen Sie schon." "Mach' ich doch." "Da sind wir ja eher dort", meint Ulrike. Borchert hebt die Hand. "Rufzeichen ertönt. Es ist besetzt." "Besetzt? Mit wem telefoniert der um diese Zeit?" "Jetzt ist es weg." "Wie weg?" "Die Verbindung ist zusammengebrochen. Ah, der Akku ist leer, hier die rote Lampe, die zeigt es an."

"Wir könnten ja Sie von dort aus anrufen und sagen, daß wir angekommen sind." Schwemmler überlegt. "Das geht nicht." "Wieso nicht?" "Das ist ein Apparat für den internen Funkverkehr, ich kann Ihnen nicht einfach die Nummer geben." "Verstehe." "Sie müssen mir versprechen, daß Sie auf dem schnellsten Weg dorthin fahren, keine unnötigen Zwischenaufenthalte, keine Umwege." "Zu Befehl", sagt Karl, und Schwemmler sagt an ihn gewandt "Du bist mir dafür verantwortlich, daß die Ulrike sicher ankommt." "Ich werde mein Bestes tun", erwidert Karl, und Ulrike unterdrückt ein Glucksen. Borchert schaut auf die Uhr. "Günther, die andern sitzen sicher schon in der Gartenklause." In der Stadt hört man eine Sirene. "Man braucht uns", sagt Schwemmler, und sie steigen in den Wagen ein. Ulrike ruft "Denken Sie mal an den Herrn Engel wegen dem Orden." "Ist in Arbeit." Sie fahren langsam davon. "Funktioniert das mit den Blenden?" "Es ist weniger Licht. Hoffentlich kommen nicht noch welche." "Da sorgt der Schwemmler schon dafür, daß er der einzige ist." "Du? Was war das, was du hattest?" "Was?" "Als du nicht beim BDM warst?" "Das interessiert dich wohl brennend?" "Nö, nur so." "Oh, die Jacke stinkt." "Damit hättest du es beinahe vermasselt." "Fahr nicht so schnell, ich muss gucken, wo das Haus ist."

Auf den Grundstücken am Borsberg ist es stockfinster, und die Bewohner der kleinen Siedlung sind der Anweisung nachgekommen und haben ihre Häuschen verdunkelt, daß kein Licht nach außen dringt. Ulrike findet das Webersche Haus und klingelt am Gartentor, doch es hört niemand. Endlich geht die Haustür auf und jemand ruft "Wer ist da?" "Anna? Ich bin's, Ulrike." "Huch, so 'ne späte Überraschung, komm' rein." "Können wir die Fahrräder hier draußen abstellen." "Ja, ja, hier wird nichts geklaut. Hast du noch jemanden bei dir?" "Das ist Karl, der Junge von Erich Oschatz, der alte Kommunist, du erinnerst dich." "Oh, bei dem ich das Dach zerschossen habe?" "Was'n für ein Dach?", fragt Karl. "Vielleicht sagst du erst mal guten Abend." "Hallo, ich bin Karl." Er reicht ihr die Hand. "Ich bin die Anna, einen hübschen Pullover hast du an." "Uns hat eine SA Streife hochgenommen", sagt Karl, um das Thema zu wechseln. "Was?" "Nichts besonderes, ich kannte den Mann." "Gehen wir in mein Zimmer. Oder wir können auch unten im Wohnzimmer bleiben." "Wo is'n es schöner?", fragt Karl. Anna lacht. "Weiß nicht, alles gleich gemütlich." "Sind deine Eltern da? Wir wollen hier nicht so hereinplatzen. Wenn wir stören, hauen wir wieder ab." "Ach wo. Meine alten Herrschaften sind im Theater." "Es ist doch Verdunkelung?" "Gott sei Dank nicht überall. Die sind in Erfurt oder in Meiningen, hab' mir's nicht gemerkt, kommen erst morgen früh wieder."

"Da biste jetzt ganz allein hier?", fragt Karl. "Nein, ihr seid ja auch da." "Wie schön, daß deine Mutter mit ausgegangen ist", sagt Ulrike, "ich denke, sie ist sonst immer ein bisschen zurückgezogen." "Ja, mich freut es auch, daß sie sich endlich mal aufgerafft hat." "Ist das denn bei ihr irgendwie psychisch bedingt?", fragt Ulrike, setzt dann aber gleich hinzu "Es geht mich nichts an." Anna sagt "Jedenfalls nervlich, keiner kann das so richtig sagen. Papa kennt ja eine Menge Spezialisten, aber Mam sagt, die reden immer nur wie die Schafe über die Wolle. Sie würde es einfach selber gern wissen, was mit ihr los ist. Das kannst du dir ruhig anschauen", sagt sie zu Karl, der sich im Zimmer umsieht. "Das sind Elefanten aus Elfenbein, die sind aus Indien. Und das da oben ist ein arabisches Krummschwert. Ich habe gehört, damit säbeln sie den Dieben die Hand ab." Karl sieht sie erschrocken an. "Und dann?" "Dann? Stecken sie es wieder ein." "Oder schärfen es, mit Diamantenstaub." "Ach so?" "Ja. Gehört es deinem Vater?" "Er hat es von einer Reise mitgebracht. Wollt ihr was trinken?" "Hm." "Wir haben versucht, dich anzurufen, aber es war besetzt." "Hatte gerade 'n ziemlich langes Gespräch." "Mit wem denn?" Ulrike wirft Karl einen scharfen Blick zu. "Ansonsten gehe ich sowieso nicht dran, wenn's klingelt." "Wieso nicht?" "Was interessiert mich das? Letztens haben ständig solche Idioten angerufen und gefragt, ob ich mich mal mit ihnen treffen möchte, Eisessen oder Kino und so was, die haben geklungen wie Bübchen. Was ist? Was guckst du so?" "Nichts."

Anna bringt drei Gläser mit Saft und Salzgebäck. "Wollt ihr hier bleiben?" "Gern", sagt Karl. "Nee, geht nicht", sagt Ulrike, "wir warten das Ende von der Verdunklung ab, das wird ja nicht die ganze Nacht dauern." "Doch, das geht noch die ganze Nacht so", sagt Karl und trinkt das Saftglas mit einem mal aus. "Ihr werdet wohl nicht nach Mitternacht wieder zurückradeln." "Habe ich auch keine Lust drauf", meint Karl und knabbert von dem Gebäck. "Du machst, was ich sage. Bei mir würde es ja gehen, Anna, aber Karlchen muss früh zur Schule." "Ich kenne keinen Karlchen." Anna lacht. Er sagt "Und außerdem bin ich immer noch krank." "Wie bitte?" "Hast du selber gesagt gegenüber den SA Leuten, daß ich zu Annas Vater muss." Er hustet. "Das war doch bloß eine Ausrede." "Ach so, weil's dir genützt hat, und jetzt lässt du mich hängen." "Haben die es geglaubt?" "Na klar doch", sagt er und hustet stärker. "Ich hole dir noch ein Glas Saft." "Oh, das ist lieb von dir." Anna schaut zu Ulrike und zieht die Augenbrauen hoch "Er kann ja richtig nett sein." "Wenn er was haben will."

Als Anna wiederkommt, sagt sie "Dann habt ihr doch eine gute Entschuldigung für die Schule, wenn sogar die SA Streife gesehen hat, daß Karl schlimmen Husten hat." "Genau. Du könntest sagen, daß ich gleich hierbleiben musste, wegen Ansteckungsgefahr und so." "Ich soll das wem sagen?" "In der Schule, um mich zu entschuldigen." "Ich sag' dir jetzt zum hundertsten Mal: ich bin nicht deine Mutter." Er schweigt und blickt betreten drein, dann fragt er "Wollen wir was spielen?" "Du kannst dir in meinem Zimmer Schallplatten anhören, und wir können ein bisschen ungestört quatschen." "Was hast'n noch so?" "Karl, nörgel nicht herum, Schallplatten sind doch klasse." "Musik find' ich blöd." "Weiter habe ich nichts für dich", sagt Anna und zuckt mit den Schultern. "Zeigst du mir, wie der Schallplattenspieler funktioniert." "Na komm." Sie gehen die Wendeltreppe an der Wohnzimmerseite hinauf. "Anna, sieh' dich vor", sagt Ulrike, "er ist in einem gefährlichen Alter." "So? Stimmt das?" "Ich weiß nicht, was sie meint."

Ein paar Minuten später klingelt es an der Haustür. "Was ist denn heute abend los?", sagt Anna und öffnet. "Guten Abend Gregor." "Guten Abend, Anna. Ich bin zufällig vorbeigekommen, und da sah ich, daß das Gartenlicht brennt, und weil heute Verdunklungsübung ist, dachte ich ..." "Oh ja, danke für den Hinweis, das muss ich vorhin vergessen haben, natürlich, das machen wir gleich aus. Wissen Sie was, Gregor, ich warte solange, bis Sie wieder auf der Straße sind, damit Sie nicht stolpern, in Ordnung?" Gregor knüllt seine Ballonmütze in Händen, dann setzt er sie auf und sagt "Ja, gut. Dann gehe ich wieder, ich wollte bloß Bescheid sagen wegen dem Licht." "Das war sehr aufmerksam von Ihnen." Er dreht sich noch mal um. "Bleibt es morgen bei der Reitstunde um elf?" "Wie abgemacht. Da fällt mir ein, Gregor, kann morgen mein Neffe mit reiten?" "Kein Problem, Pferde haben wir genug." "Ja, oder er reitet statt meiner, und Sie zeigen es ihm, wir bezahlen das auch extra." "Auch gut. Ist er denn schon mal geritten?" "Ich glaube nicht, aber er ist sehr geschickt." "Wir probieren es einfach aus." "Vielen Dank, Gregor und gute Nacht."

"Wer war das?" "Der Pferdeknecht vom Gestüt. Ist 'n ganz patenter Kerl, aber man muss ihn gleich abwimmeln, sonst wird man ihn so bald nicht wieder los." "Ich wusste gar nicht, daß du einen Neffen hast." "Mensch Ulrike, ich meine doch Karl. Es macht ihm sicher Spaß zu reiten." "Und die Schule?" "Jetzt vergiss das mal und sei nicht so pingelig, dort lernen sie sowieso nur Mist, Rassenlehre und so was, man dürfte die Kinder gar nicht mehr hinschicken." "Du hast leicht reden. Dann stehen die von der Schulbehörde bei Karls Vater vor der Tür und rücken ihm auf die Pelle. Und wenn herauskommt, daß ich davon gewusst und es unterstützt habe, daß er schwänzt, dann kriege ich selber was ab." "Beruhige dich, ich bitte Papa, er soll einen Behandlungsschein ausstellen." "Macht er das?" "Was meinst du, wie ich die Schule überstanden habe?" "Jetzt übertreibst du. Du warst doch immer vornedran." "Das sah vielleicht so aus, ist auch egal."

"Aber ich muss morgen ins Geschäft." "Ich mache das mit dem Jungen, du kannst ihn am Nachmittag abholen. Ach Gott!" Sie fasst sich an die Stirn. "Was ist?" "Ich habe ganz vergessen, daß ich den Badeofen angeheizt habe." "Und wir haben dich gestört." "Halb so schlimm, ich bade sowieso viel zu oft." "Kann man das?" "Hier meine Fingerspitzen werden ganz schrumplig vom vielen Wasser." "Ist doch normal." "Ja, aber wenn du Geige spielst, sollten sie möglichst fest sein, am besten mit Hornhaut." "Tja, da musst du dich entscheiden." "Um das heiße Wasser ist es schade." "Bade jetzt, ich setz' mich solange hier hin oder gehe zu Karl hoch." "Bin zu faul. Willst du nicht baden?" "Ich? Ich bin eigentlich sauber." "Na, dann nimmst du 'n Schönheitsbad." "Was soll das denn heißen?" "Ich habe jede Menge Essenzen und Emulsionen und Salze, was glaubst du, wie wohltuend das ist." "Ich fühle mich auch so schon wohl." "Jetzt zier' dich nicht, ich habe extra den Ofen angeheizt." "Aber doch nicht wegen mir." "In der Zeitung steht: Kampf der Verschwendung! Willst du das etwa nicht unterstützen?" "Du bist unausstehlich."

Sie gehen ins Badezimmer, Ulrike ist sprachlos. "Meine Güte, das ist euer Bad?" "Gefällt es dir nicht? Es ist ein bisschen eng, aber es hält sich auch immer nur einer drinnen auf." "Das ist eng? Wie nennst du da unser Bad?" "Das habe ich noch nicht gesehen." "Doch, du hast es letztens benutzt." "Die Toilette ja." "Das ist unser Badezimmer." "Was? Ach so, na ja, ich achte nicht sehr auf so was." Anna lässt etwas Wasser aus dem Hahn laufen, es dampft, und sie sagt "Superheiß, ich lasse es ein."

Sie stöpselt den Abfluss zu und dreht voll auf. "Und hier haben wir unsere Schönheits- ich meine Pflegekollektion." Sie nimmt mehrere Flaschen von verschiedener Größe und Form aus einem Schränkchen und reiht sie auf der Waschkommode auf. Manche haben grellbunte Etiketten, andere schlichte und exklusive Beschriftungen. "Was willst du nehmen? Hier ist 'Scheherazade', sehr verführerische Kreation." "Scheherazade? Das ist doch 'Tausend und eine Nacht'?" "Das soll eben das Gefühl vermitteln, man würde im Orient sein." "Eine Haremsfrau." "So ähnlich." "Willst du mich vielleicht verkuppeln?" "Klar, nachher hole ich die Männer aus dem Keller." "Was für Männer?" "Jetzt sei nicht so naiv." "Hm, riecht aber gut." "Oder das hier, ist da überhaupt noch was drin?"

Anna schraubt den Verschluss ab und lugte mit einem Auge in die Öffnung. "Kann nichts sehen, ist auch bloß was billiges. Aber das: 'Cool Breeze' oder lieber 'Exotic Dreams', schnupper mal." "Wie Ananas." "Mehr wie Mango." "Weiß ich denn, wie Mango riecht." "Ich ehrlich gesagt auch nicht." "Die sind nicht von hier, oder?" "Aus New York, Papa hat sie mitgebracht, als er auf einem Ärztekongress dort war." "Für dich?" "Für Mam." "Nimmt sie es nicht?" "Doch, hauptsächlich das hier: 'Morning Dew', sie wäscht sich oft mit kaltem Wasser." "Wegen der Verschwendung und so?" Anna lacht. "Wohl eher, weil es gesund für den Kreislauf ist. Jetzt frag' nicht so viel." "Also, ich probiere 'Cool Breeze', einfach hineingeben?" "Ja, na 'n bisschen mehr muss es schon sein, wird nicht gleich ein Tornado draus werden." "Wie meinst du das?" "Hier ist ein frisches Handtuch." "Ich glaube, es ist genug Wasser, sonst läuft es über." "Was überläuft, müssen wir auffangen." "Verstehe, nichts umkommen lassen." "Genau, also bis nachher. Ich guck' dann schon mal nach den Männern." "Du machst Quatsch." "Wirst du schon sehen."

Ulrike legt ihre Kleidung ab, steigt in die Wanne und streckt sich aus. 'Man könnte fast bis zum Hals eintauchen und trotzdem die Beine langmachen', denkt sie. Sie blubbert mit den Händen, damit sich Schaum bildet, aber es ist spärlich. Sie angelt sich die Flasche von der Kommode und schüttet einen dicken Tropfen hinein, dann noch einen und noch einen kleinen. Sie macht eine mächtige Schaumschicht auf dem Wasser. Es duftet wundervoll. Es ist so heiß, daß ihr der Schweiß auf der Stirn steht. Sie findet einen Badeschwamm und reibt sich damit ab. Dann streckt sie sich wieder aus und schließt die Augen. Es ist angenehm ruhig, nur von oben kommt leise Musik herunter, irgendetwas Flottes. Sie hört Karl etwas rufen, Anna antwortet. Die Musik wechselt. Es verstreicht viel Zeit. Irgendwann klopft Anna an die Tür und fragt "Ist alles gut so?" "Toll. Kann ich noch drei Minuten drin bleiben?" "Solange du willst."

Später sitzen sie auf dem großen Sofa. "Mit dir und Wolfgang, ist das etwas Festes?", fragt Ulrike. "Kommt darauf an, was man darunter versteht." "Na, es ist jedenfalls mehr als eine flüchtige Liebelei." "Das stimmt, viel mehr. Obwohl ich natürlich nicht sagen kann, wann eine kleine Affäre zur richtigen Liebe wird." "Ja, das weiß man nicht." "Ist es dir auch so ergangen? Ich meine, geht es dir ähnlich?" "Ich denke schon manchmal darüber nach. Aber wenn du meinst, daß ich gerade in irgendwelchen Romanen mitspiele, muss ich dich leider enttäuschen." "Anderen ergeht es auch so." "Ist mir egal, es bedrückt mich gar nicht, ich bin eben ziemlich wählerisch." Weil Anna schweigt, fügt sie hinzu "Du hast bestimmt großes Glück gehabt, daß du Wolfgang getroffen hast, solche Männer laufen nicht scharenweise herum."

Anna lacht. "Du musst ihn mir nicht schmackhaft machen." "Aber wieso denn, du verstehst mich ganz falsch." "Zugegeben, ich weiß, was ich an ihm habe, und er weiß, was er an mir hat." "Ihr gehört vielleicht wirklich zusammen. Es gibt solche Zufälle, wo einen das Schicksal zueinander bringt." "Ach, ich glaube nicht an so was." "Na ja, du kannst dir deine Freunde auch aussuchen." "Irre ich mich, oder klingst du manchmal ein bisschen neidisch. Dafür gibt es übrigens keinen Grund. Erstens bist du ein tolles Mädchen, und ich bin sicher, du wirst genau das bekommen, was du dir wünschst oder wovon du träumst, du weißt, was ich meine." "Kann sein." "Garantiert, du wirst an mich denken. Und zweitens, glaube nicht, daß mir das alles so leichtfällt wie es aussieht." "Was?" "Na alles, meine Beziehungen, meine Musik, mein ganzes Leben. Ich bin nicht so sorglos und unternehmungslustig wie es scheint, und schon gar nicht oberflächlich." "Das habe ich nicht behauptet."

"Manchmal kommt es mir so vor, die Leute würden denken, ja, die Anna, das ist so ein Wunderkind, der fällt alles von ganz allein zu, und was die Liebe betrifft, da kann sie jeden haben, den sie will. Und dann scheint es, man würde mir daraus einen Vorwurf machen, verstehst du. Einerseits bewundert man mich, na ja, nicht direkt bewundern, das klingt hochnäsig, sagen wir, man erfreut sich an mir, und andererseits habe ich das Gefühl, als müsste ich den anderen dafür etwas schuldig sein." "Inwiefern? Ich zum Beispiel bin froh, daß ich dich kenne." "Es liegt ja auch allein an mir, das ist es gerade, was ich sagen wollte. Da ist so ein Zweifel, ob ich die Achtung und Dankbarkeit, die mir entgegengebracht werden, auch erwidern kann, ob ich den Ansprüchen, die man an mich stellt, überhaupt gerecht werde." "Meines Erachtens sind das verschiedene Dinge. Da ist dein persönliches Wesen, dein Charakter, der ..." "Ja, wie ist der? Sag' es ruhig." "Der ist sanft und feinfühlig und wohl auch leicht zu beeinflussen, was dir vielleicht selbst schon aufgefallen ist." "Das stimmt. Aber es ist nicht immer so."

"Und das ist deine andere Seite, die ehrgeizige, der große Wunsch, etwas zu vollbringen und möglichst besser zu sein als alle anderen. Deshalb willst du wahrscheinlich auch unbedingt berühmt werden, und sei es auch nur, damit du dann sagen kannst: Seht ihr, ihr habt euch nicht in mir getäuscht. Nimm' mir's nicht übel, wenn ich so offen zu dir spreche, du weißt, ich schätze dich sehr." "Ich finde es gut, wenn einem das jemand sagt, was man selber nicht bemerkt, oder vielleicht auch nicht wahrhaben will. Obwohl mir das zum Teil schon bewusst geworden ist. Ein gesunder Ehrgeiz ist ja nicht unbedingt schlecht." "Nein, wenn man etwas erreichen will, braucht man ihn sicher, weil meistens doch nicht alles auf Anhieb gelingt." "Aber ich sage dir, wenn der Ehrgeiz einher geht mit dieser Angst zu versagen, dann kommt nichts Gescheites zustande, man blockiert sich selbst. Ich denke manchmal, ich könnte deshalb nie eine wirklich große Musikerin werden, weil ich zu sehr daran denke, es richtig und schön zu machen, verstehst du. Das klingt auch arrogant, aber wenn man zuviel Rücksicht auf die anderen nimmt, dann ist das bloß hinderlich, man kommt nicht vorwärts." "Dann nimm' einfach weniger Rücksicht, du wirst dadurch nicht gleich zu einem Ungeheuer werden."

"Ich werde deinen Rat befolgen." "Aber du sprichst in Zukunft weiterhin mit mir?" "Nur, wenn du mir schmeichelst. Willst du was trinken? Ich habe noch eine halbe Flasche Rotwein da." "Ja, gern." Anna bringt den Wein und Gläser, sie deutet auf die Flasche. "Die andere Hälfte habe ich mit Wolf getrunken. Weißt du, ihm gegenüber fühle ich mich richtig frei und ungezwungen, ich muss keine fremde Rolle spielen oder mich ständig fragen: Wie wird er das aufnehmen, was ich tue. Er akzeptiert mich einfach so wie ich bin, ohne daß er jedoch genau über mich Bescheid wüsste, denn ein bisschen was muss man noch verheimlichen können. Ich kann ihn immer wieder überraschen, und das mache ich auch." "Kann ich mir vorstellen." "Trotzdem toleriert er das und findet mich nicht blöd oder zickig, wenn ich meine Meinung sage, und die ist oft nicht gerade die charmanteste. Wolf und ich, wir sind eigentlich ziemlich verschieden." "Ach was?", sagt Ulrike erheitert. "Na ja, da sind wir natürlich auch verschieden", entgegnet Anna, wirft den Kopf zurück und macht eine Miene, die bedeutet: solche Witze sind eher etwas für Karlchen.

"Ähm, was wollte ich sagen?" "Du wolltest mir erzählen, was ihr gemacht habt, nachdem ihr die halbe Flasche Wein getrunken habt." "Nee, das ganz gewiss nicht." "Ein Glück war das, der schmeckt mir nämlich gut." Anna schaut gleichgültig auf das Etikett. "Davon haben wir noch mehr." "Und wenn sich das mit Wolfgang und dir entwickelt, was habt ihr dann vor? Wollt ihr hierbleiben?" "Wahrscheinlich gehen wir nach Berlin. Mir gefällt es dort prima, es ist eine Wahnsinnsstadt." "Meinst du das politisch?" "Politisch? Unsinn. Ich bin kein bisschen politisch. Nein, das Leben und Treiben dort, diese großzügige, unbeschwerte Atmosphäre. An jeder Ecke, mit jedem Tag gibt es etwas Neues zu entdecken. Na, und für die Musik, für die ganze Kunst ist es der ideale Ort. Dir würde es sicher auch da gefallen." "Ach weißt du, ich beobachte lieber die Enten auf dem Schlossteich." Anna sieht sie ungläubig an, dann lachen sie beide.

"Nein wirklich, ich bin mehr das Mädchen vom Lande. Guck mich doch an, mit meinen blonden Zöpfen." "Warum du immer an deiner Frisur rummäkelst." "Wird Wolfgang in Berlin auch was finden? Ich nehme an, daß er nicht einfach dasitzen und warten will, bis du nach Hause kommst." "Darüber haben wir schon gesprochen, und Wolf meint, wenn er hier zwei, drei Aktionen richtig groß aufzieht, und die Chefs immer öfter seinen Namen hören, dann könnte er sich auch auf einen Posten beim Reichsleiter bewerben." "Beim Hitler?" "Quatsch, bei dem doch nicht, aber bei der Jugendführung. Es gibt da einen Haufen Organisationen und Ämter und Reichsbehörden, das ist erstaunlich. Wolf hat mir auf Anhieb an zwei Händen aufgezählt, wo er überall unterkommen könnte."

"Oder ihr macht ein Kind." "Bitte?" "Es heißt doch, der Hitler mag Familien mit Kindern, dann bevorzugen sie euch." "Also wie denkst du dir das, ich will doch jetzt noch kein Kind." "War ja bloß so 'ne Idee. Dann Prost auf Berlin und auf euch." "Auf euch." "Auf wen?" "Auf dich und ... Karlchen." "Ach so." "Du wirst sehen, du findest auch bald den richtigen." "Da oben ist es so still", sagt Ulrike und deutet in Richtung Annas Zimmer. "Vielleicht liest er." "Jetzt ist es wirklich fast zu spät, um wieder zurückzufahren." "Um Himmelswillen, ich lass' euch nicht mehr hinaus in die Finsternis. Außerdem hast du was getrunken." "Da fährt es sich noch mal so leicht." "Nein, ihr bleibt hier. Bist du müde?" "Ein bisschen." "Wir sehen mal nach, was Karlchen macht."

Ulrike steht auf, gähnt und streckt sich. "Karl der Große pupst in die Hose. Karl der Kleine macht sie wieder reine." "Bist du betrunken?" "Ich? Niemals." Sie bekommt einen Schluckauf und muss darüber lachen. "Du hast was in den Wein gemischt, gib's zu." "Na klar, und den habe ich auch mit Wolf getrunken." "Ein Afro ... Afrodisia ... ein Aufputschmittel." "Und warum wirst du dann müde davon?" "Weil ich das Mädchen bin, da wirkt es umgekehrt, und bei dir ..." "Psst", macht Anna, als sie ihr Zimmer betreten. "Oh, wie niedlich", sagt sie. Karl liegt, halb zugedeckt, in Annas Bett und schläft. Im Arm hält er einen Stoffhasen, der, wie Anna sagt "Bernhard" heißt und ihr Lieblingskuscheltier gewesen ist. Auf dem Fußboden liegen verstreut die Schallplatten und auf dem Stuhl flüchtig hingeworfen Karls Sachen, Hose, Strümpfe, Hemd. "Wenn er nur nicht so schludrig wäre", sagt Ulrike und legt die Wäsche ordentlich hin.

"Kann er denn da liegen bleiben?" Anna überlegt. "Eigentlich ist es mein Bett. Du willst sicher nicht unbedingt bei Eckart schlafen." "Ist er da?", fragt Ulrike und hat wieder den Schluckauf. "Nein, natürlich nicht." Ulrike schaut auf Karl und sagt "Das ist doch breit genug, da pass' ich mit hinein." "Wenn's dir nichts ausmacht, sonst beziehe ich das Gästebett." "Mach' keine Umstände mehr. Kannst du mich morgen früh wecken?" "Was? Wann denn?" "So gegen halb sechs." "Da schlafe ich grade am besten." "Ihr habt ein Leben." "Ich gebe dir einen Wecker, Karl stört das bestimmt nicht." Nachdem sie sich eine Gute Nacht gewünscht haben, legt sich Ulrike hin. Sie zieht die Bettdecke ein Stück herüber. Karl knurrt, dreht sich um, dreht sich zurück, legt seine Hand mit dem Stoffhasen auf Ulrike drauf. Der Hase sieht sie direkt an, und als sie noch einmal einen Hicks macht, wackelt er mit den Ohren. Dann schläft sie ein.

Den Wecker braucht sie nicht, weil sie mit dem ersten Vogelzwitschern aufwacht, und ihr einfällt, daß sie Erich nicht mitgeteilt haben, wo Karl ist. Sie trifft ihn zu Hause an, als er gerade zur Arbeit auf die Auotbahnbaustelle gehen will. "Gut, daß du mir das sagst", meint Erich, "ich habe mir schon Sorgen gemacht. Und heute früh war auch der Blockwart da und hat ein Theater gemacht, weil angeblich das Licht bei mir gebrannt hat. Na, habe ich gesagt, nachts muss ich nun mal das Licht anmachen, sonst kann ich ja nicht mal ins Klosett pinkeln, aber er hat irgendwas von Verdunklung gefaselt und mir gedroht, daß er ..." "Wann hast du denn mitgekriegt, daß Karl nicht da ist?" "Vorhin, gleich kurz bevor du gekommen bist. Du hast mir vielleicht 'n schönen Schreck eingejagt, das muss ich dir so sagen. Ich dachte, verflucht noch mal, wo der Junge abgeblieben ist, als du grad' hier Sturm geläutet hast."

"Entschuldige, du könntest auch selber auf ihn achtgeben." "Das mache ich auch, falls du das nicht gemerkt hast. Oder was meinst du, warum ich ihn gestern zu dir geschickt habe? Bei so einer Verdunklungsaktion, da kann in dieser Wohnung wer weiß was passieren, so ein Kind, das kann leicht stürzen und sich verletzen, und deshalb habe ich dafür gesorgt, daß Karl in Sicherheit ist." Ulrike kocht vor Wut. Erich sagt "Nun zieh' nicht so ein Gesicht, ist ja alles noch mal gut gegangen, du weißt, auf mich kannst du dich verlassen. Und heute abend lade ich dich zu Leberkäse mit Spiegelei und Bratkartoffeln ein, du musst ein bisschen zu Kräften kommen, Mädel." "Ist das ernst gemeint?" "Na klar, ich kriege nämlich heute Lohn. So, nun muss ich los."

Am Nachmittag radelt Ulrike auf den Borsberg, um Karl abzuholen. Der fühlt sich wie in den Ferien und tut so, als würde er eine ganze Woche bei Anna verbringen. Doktor Weber hat ihn wirklich frühmorgens kurz untersucht und einen Behandlungsschein ausgestellt, auf dem eine leichte Erkältung und plötzliches Fieber diagnostiziert ist. Doch die Krankschreibung gilt nur für einen Tag. Karl erzählt Ulrike begeistert vom Reiten über die Koppel und sogar ein Stück in den Wald und auch von einem Pferd, das seinen Pimmel ausgefahren hat, "so lang wie mein Arm". "Das war wohl das interessanteste", sagt Ulrike. "Nee, aber lustig sah es aus, wie er so 'rumgebammelt hat."

Ulrike sagt Doktor Weber Guten Tag und spricht auch ein paar Worte mit Annas Mutter, die dann bald wieder im Garten verschwindet. Doktor Weber hat Besuch, ein älterer Herr, der sich als Staatsarchivrat Dr. MeyerSewald vorstellt. "Ich bin die Ulrike", sagt sie, und er hält ihre Hand, als würde er denken 'Das kann doch nicht alles sein'. Doktor Weber sagt, der Staatsarchivrat sei Mitherausgeber der wissenschaftlichen Publikation "Die Thüringer Sippe", die sich um die deutsche Familien und Ahnenforschung verdient macht. "Da erahnen Sie wohl gerade Annas Familie?" Wie sich herausstellt, ist er Gast im "Waldblick", dem Lokal ganz in der Nähe, wo der 10. Gerlach'sche Familientag stattfindet. Über einhundert "noch lebende" Nachkommen des 1631 in Tabarz verstorbenen Stammvaters Jeremia Gotthelf Gerlach sind der Einladung gefolgt, und Dr. MeyerSewald muss selbstverständlich über solch ein Großereignis berichten. "Die hier Anwesenden sind nur die in Deutschland wohnenden Familienmitglieder", sagt er, "der Kirchenrat Gerlach hat über den Anschluss zweier Zweige in Nordamerika berichtet, deren einer seine Verbundenheit mit dem Stammvolke durch tadellos geschriebene deutsche Briefe offenbarte, obwohl die Abzweigung schon Siebzehnhundert sechsundachtzig erfolgt ist." "Das ist wirklich erstaunlich", sagt Ulrike, "daß man damals in Amerika schon so gut Deutsch konnte."

Glücklicherweise holt Anna sie aus dem Zimmer, und so bleiben ihr weitere Anekdoten der Gerlach'schen Sippengeschichte erspart. "Karls Vater hat angerufen und gesagt, es würde heute etwas später werden, er meinte irgendwas mit Leberkäse, kann das sein?" "Ich hab's befürchtet. Wahrscheinlich versäuft er gleich seine paar Groschen. Wo ist Karl?" "Der spielt mit den Nachbarskindern auf der Wiese Fußball. Wollen wir ein Stück spazieren gehen?" "Aber nur 'ne kleine Runde." "Bis zur alten Eiche." "Ja gut." Als sie zurückkommen, geht die Sonne gerade hinter den Bergen unter. Die Kinder toben auf der Wiese. Ulrike ruft Karl zu, daß sie nach Hause fahren wollen, er antwortet mit einem lässigen Winken.

"Bleibt wenigstens zum Abendbrot", sagt Anna, "wenn der Erich sowieso sein Versprechen nicht einhält." Nach einigem Zögern lässt sich Ulrike überreden. "Kann ich dir was helfen?" "Ja, das Brot schneiden und die Radieschen putzen." In der Küche sitzt eine Frau am Tisch bei einer Tasse Tee. Ulrike hat sie nie zuvor gesehen. Unwillkürlich und leicht spöttisch fragt sie "Gehören Sie auch zu der berühmten Gerlachsippe?" Die Frau hebt den Kopf, sie wirkt wie abwesend, sie sagt leise "Wie bitte?" Anna stupst Ulrike an und schüttelt wortlos den Kopf. Die Mädchen hantieren mit dem Geschirr und dem Essen. Die Frau beachtet sie nicht weiter, dann sagt sie wie zu sich selbst "Jetzt habe ich niemanden mehr." Anna sagt freundlich "Trinken Sie Ihren Tee, er wird ganz kalt." Die Frau schaut auf die Tasse, als würde sie sie erst jetzt entdecken. "Ja. Danke", sagt sie und nimmt einen kleinen Schluck. "Schon ganz kalt." "Möchten Sie einen neuen?" "Bitte?" "Soll ich Ihnen frischen Tee kochen?" "Ach nein, nicht nötig, ich habe ja noch."

Ulrike betrachtet die Frau von der Seite. Sie mag um die fünfzig sein. Sie hat ein angenehmes, aber blasses, oder genauer gesagt, ergrautes Gesicht. Ihr schwarzes Haar ist sehr gepflegt und streng nach hinten gekämmt, wo es mit einem verzierten Kamm aus Schildpatt zusammengehalten wird. Sie hat ein rotes Kleid mit kleinem weißen Muster und einem breiten weißen Kragen an, auf dem Schoß hält sie mit beiden Händen eine Handtasche bereit, als würde sie im Eisenbahnabteil sitzen und auf den Fahrkartenkontrolleur warten. Doktor Weber kommt in die Küche. "Hier sind Sie. Anna, wie kannst du nur Frau Burmeister in der Küche sitzen lassen." "Sie wollte hier sitzen." "Ich wollte drüben bei Ihnen nicht stören." "Aber nicht doch, kommen Sie bitte ins Wohnzimmer." "Es gibt gleich Abendbrot." "Ja." "Das sind Ihre Töchter? Reizende Mädchen."

"Wer ist das? Eine Verwandte von euch?", fragt Ulrike. "Nein. Das ist eine traurige Geschichte. Vor ein paar Wochen haben Papa und ein paar andere bei der Jagd einen verletzten Mann gefunden, sie sind hinzugekommen, als es gerade passiert war." "Was war passiert?" Anna spricht leiser. "Es war ein Häftling vom Ettersberg, aus dem Buchenwaldlager. Er gehörte zu einem Arbeitskommando. Sie sollten am Seeberg Sandsteine holen zum Bauen." "Da hat er sich verletzt?" "Es war keine richtige Verletzung, sondern er war angeschossen worden." "Wie?" "Wahrscheinlich von einem der SS Leute. Papa meint, hör' mal Ulrike, das bleibt aber unter uns, ja?" "Ich sag's keinem." "Das musst du mir wirklich versprechen."

Ulrike merkt, daß Anna am liebsten nichts weiter verraten würde. "Wenn du nicht drüber reden darfst, dann lass es." "Ach, es ist eigentlich so furchtbar. Und wenn ich jetzt hier die Frau sehe, weiß ich gar nicht mehr, was ich denken soll. Papa vermutet, der Häftling wollte fliehen, er hat die Gelegenheit genutzt, daß sie draußen waren." "Und dann?" "Die SS Leute wollten es vertuschen, er hat auch noch gelebt, und da sind sie von den Jägern überrascht worden. Papa hat veranlasst, daß der Gefangene, also der Mann, ins Krankenhaus gebracht wird, und da ist er dann gestorben. Und dann gab es ein Hin und Her wegen dem Totenschein und so, die SS und die von Weimar wollten das ganz anders darstellen, mit denen hat sich Papa angelegt."

"Und diese Frau?" "Sie ist jetzt hier aufgekreuzt, sie ist die Frau von dem toten Häftling, also seine Witwe. Man hat ihr so was zugeschickt, irgendein amtliches Schreiben, aber sie hat es wohl nicht richtig geglaubt. Und weil sie herausfand, daß Papa mit der Sache zu tun hatte, ist sie hergekommen." "Und was will sie?" Anna zuckt mit den Schultern. "Keine Ahnung. Vielleicht weiß sie das selber nicht so genau. Auf alle Fälle könnte das Papa in Schwierigkeiten bringen." "Wenn sie hier herumschnüffelt?" "So sieht sie eigentlich nicht aus. Sie hat ja auch gar nichts gegen die von Buchenwald in der Hand. Aber allein die Tatsache, daß sie hier ist, wo sie nichts zu suchen hat, das könnte manchen Leuten verdächtig vorkommen."

* * * * *

Ulrike geht zu Erich und hält ihm eine Standpauke. Sie lässt ihn gar nicht zu Wort kommen, sondern dreht sich danach auf dem Absatz um und knallt die Tür hinter sich zu. "Habe ich was Falsches gesagt?", fragt Erich, und Karl schaut ihn bloß an. Er überlegt, ob er ihr hinterherlaufen soll, aber er würde sie für heute nicht mehr umstimmen können, und sein Vater würde es missverstehen, wenn er ihn allein ließe, und ihn womöglich einen undankbaren Sohn schimpfen. Erich holt aus der Jackentasche eine Halbliterflasche Schnaps heraus. "Bring' mir ein Glas", sagt er, "nein, lass' es, ich will dich da nicht mit hineinziehen, sonst meckert sie wieder", dabei macht er mit dem Daumen eine Bewegung zur Wohnungstür. Er trinkt einen Schluck, da klopft es. Er verschluckt sich und verschüttet den Schnaps. "Was ist denn nun noch, zum Kuckuck. Karl, sieh nach. Vielleicht hat sie was vergessen."

Vor der Tür stehen vier Männer in SA Uniform, in der Mitte der Hehring, dem Karl bei der Hatz auf den Heilbrunner ein Bein gestellt hatte. Karl weiß nicht, ob er ihn erkannt hatte. "Ist dein Vater da?" "Nein." "Wieviel Gasmasken habt ihr?", fragt einer der anderen Männer. Hehring wirft ihm einen Blick zu, der bedeutet, daß er am besten allein das Wort führt, dann fragt er Karl "Wieviel Personen seid ihr im Haushalt?" "Wo?" "Na hier, in der Wohnung, wieviel Leute wohnen da?" "Mein Vater und ich." "Ach, das ist ja interessant", sagt der andere, der unbedingt auch etwas beisteuern will. "Nicht acht, nur wir zwei", entgegnet Karl fast zu übermütig, da er die vier Kerle so gut in Schach hält. Aber da ruft der Vater aus dem Wohnzimmer, und Hehring ranzt Karl an "Du hast uns belogen, er ist doch da."

Sie stoßen ihn zur Seite, und der letzte zerrt ihn mit ins Zimmer. "Heil Hitler, Erich." "'n Abend, Paul, was is'n los?" "Wir überprüfen den Bestand an Volksgasmasken in den Haushalten." "Könnt ihr euch dafür nicht eine christlichere Tageszeit aussuchen?" "Tagsüber bist du auch nicht da, oder faulenzt du etwa schon wieder?" "Oder seid ihr gekommen, um den deutschen Volksgenossen zu beleidigen?" "Habe ich dich beleidigt? Oh, das tut mir aber leid", sagt Hehring höhnisch. "Ich meine nicht, daß das eine Beleidigung war", sagt der eine SA Mann, den Erich auch schon irgendwo gesehen hat, "eine Beleidigung wäre, wenn man dich einen arbeitsscheuen Schmarotzer nennen würde." "Genau, da hat er recht. Oder einen versoffenen Bolschewisten, oder einen nichtsnutzigen Rabenvater. Aber das tut hier keiner, oder Leute?" "Nein." "Also kommen wir zur Sache. Wie viele Gasmasken habt ihr?" "Wie viele braucht man denn, um auf einen Gas Angriff vorbereitet zu sein?" "Was soll die Frage? Jeder muss eine haben." "Na siehst du. Ich habe eine und Karl hat eine, und wenn's dir nicht zuviel ausmacht, kannst du das ja zusammenzählen."

"Wer hat die abgeholt?" "Ich." "Ist das ganz sicher? Nicht vielleicht dein Junge?" Erich überlegt, aber er hat keine Lust dazu. Er trinkt einen Schnaps. "Na ja, vielleicht auch Karl, was weiß denn ich, ist das so wichtig?" "Und du weißt genau, daß er nur zwei abgeholt hat." Erich sieht Hehring an, dann Karl. "Frag' ihn doch selbst." Hehring scheint Karl nicht zu beachten, aber der vierte Mann hält ihn fest. "Wir müssen uns eure Gasmasken ansehen", sagt Hehring. "Nur zu, wenn ihr heute Abend nichts Besseres zu besichtigen habt. Ich muss mal überlegen, wo die eigentlich liegen." Hehring sagt schnell "Ich schätze, dein Junge kann sie uns zeigen, stimmts?" Karl nickt zaghaft, ihm wird es mulmig zumute. "Bolle, du bleibst hier bei Erich."

Hehring und die beiden anderen SA Männer führen Karl in den Flur. "Aber macht keine Unordnung", ruft Erich, dann sagt er zu Bolle "kann ich dir auch einen anbieten?" "Na gut, einen trinke ich." Hehring macht die Tür zu. Sie gehen zur Küche, aber der eine öffnet vorher die Kammer. "Da sind sie nicht", sagt Karl. "Schnauze", sagt Hehring, "du kleine Mistkröte, du marschierst jetzt erst mal in den Bunker." Sie stoßen Karl in die Kammer. Einer der Männer verrenkt ihm die Arme auf den Rücken. Hehring stellt sich vor ihn. "Also, raus mit der Sprache, wo hast du sie versteckt?" "Ich weiß nicht ..." "Dann müssen wir wohl ein bisschen nachhelfen." Der hintere presst Karls Arme zusammen, hält sie mit einer Hand fest und schlingt den anderen Arm um seinen Hals. Hehring kneift Karls Nase und dreht die Finger. "Wenn du schreist, du Drecksstück, machen wir dich gleich kalt. Wo sind sie?" Karl schüttelt so deutlich er kann den Kopf.

"Na gut", sagt Hehring bedächtig, "hier haben wir schon mal eine, aber die ist von uns." Er greift nach einer Gasmaske, die ihm der Hintermann reicht und hält sie so vor Karls Gesicht, als wollte er sie ihm aufsetzen. "Jetzt gibt's einen kleinen Gasalarm." Karl ruft "Nein, bitte nicht." Er windet sich und beißt seinen Würger in den Arm. "Aua, das machst du nicht noch mal." Hehring will ihm die Maske überstülpen, aber Karl wirft den Kopf hin und her. "Halt ihn fest", sagt er zu dem andern. "Ich versuch's ja." "Wirst du mit so'nem Ferkel nicht fertig", sagt Hehring und gibt Karl mit dem Knie einen Stoß zwischen die Beine. Der sackt zusammen und jammert vor Schmerz. Der Würger hebt ihn hoch, Hehring zieht ihm die Gasmaske über den Kopf, Karl kann schnell sagen "In der Küche, unten im Schrank." Hehring gibt dem Hintermann ein Zeichen, daß er dort nachsehen soll. Karl hat die Gasmaske auf. Der andere hält seinen Kopf so fest, daß er ihn kein Stückchen bewegen kann. Man hört Karl durch den Filter schnaufen.

Hehring holt eine Rolle Heftpflaster und eine Schere hervor. Er reißt ein Stück von der Rolle, schneidet es ab und klebt es auf die Luftseite vom Filter. Karls Augen werden größer, sein Blick bekommt einen panischen Ausdruck. Er brüllt etwas in die Maske hinein. Die Männer lachen, weil es so komisch klingt. "Wir können dich gaaanz schlecht verstehen", sagt Hehring und klebt einen zweiten Streifen auf den Filter. Dann einen dritten, einen vierten. Karl zittert, er versucht, nach Hehring zu treten, aber der andere zieht ihn zurück. Hehring klebt mit ausgesteckten Armen den letzten Streifen Pflaster darauf. "Und Nummer fünf." Der Filter ist dicht. Karl gelingt es, seine Arme freizubekommen. Er fuchtelt damit wild in der Luft. Hehring packt sie an den Handgelenken und sagt "So, du Kommunistenbrut, das passiert mit solchen kleinen Kreaturen, die einem SA Kämpfer im Einsatz in die Quere kommen und die sich am Gut der Volksgemeinschaft vergreifen. Die sind es nämlich kaum wert, uns unsere schöne Thüringer Luft wegzuatmen."

Karls Widerstand lässt nach, sein Schnaufen wird leiser und stockt. Der Mann kommt aus der Küche zurück und hält einen Stoffbeutel hoch. "Sechs Stück." "Lass' dem Erich zwei davon, den Rest nehmen wir mit", sagt Hehring und gibt dem Mann, der Karl festhält, ein Zeichen. Der lässt ihn los, und Karl stürzt zu Boden. Hehring zerrt ihm die Maske vom Kopf, dann verlassen die Männer die Kammer. Nach einer Ewigkeit kommt der Vater aus dem Wohnzimmer getorkelt. Die Tür zur Kammer steht offen. "Warum sitzt'n du da unten?", fragt der Vater. Karl antwortet nicht, er wischt sich die Tränen fort. "Ist das wahr, daß du zuviel Gasmasken geholt hast? Das ist Diebstahl, damit du das weißt. Warum zum Teufel machst du so was? Wir können nur hoffen, daß der Hehring mich nicht anzeigt. Von rechts wegen müsste ich dir ... blutest du aus der Nase? Großer Gott, Junge, was ist denn nur los? Hier hast du 'n Taschentuch, nein warte, ich hole ein sauberes, bleib' ganz ruhig sitzen, das kriegen wir alles wieder hin."

* * * * *

Ulrike hat sich längst wieder beruhigt. Im Geschäft fragt Bierloch "Hattest du nicht Fotos von der Synagoge gemacht?" "Ja", erwidert sie, "das heißt, ich wollte welche machen, ich weiß es jetzt nicht mehr genau. Warum? Man braucht wohl welche für den Wiederaufbau?" Bierloch sieht sie seltsam an. "Was für einen Wiederaufbau? Nein, ich denke bloß, solche Fotos bekommen wahrscheinlich einen historischen Wert, so wie alte Urkunden." "Ich werde nachsehen, ob welche da sind. Der Eckart, also der Bruder von meiner Freundin Anna, hat gesagt, man würde die Synagoge bestimmt mit Hilfe der Versicherung wieder aufbauen." Bierloch lacht schallend.

"Welche Versicherung soll das sein? Etwa eine Religionsversicherung, gegen die nachteiligen Folgen des jüdischen Glaubens?" "Was gibt es da zu lachen? Eckart hat gesagt, alle großen und erst recht die öffentlichen Gebäude in der Stadt haben eine Feuerversicherung. Und Gothardau ist doch nun mal berühmt für seine Feuerversicherungsanstalten. Hat man hier nicht sogar die erste gegründet?" "Das mag schon sein. Aber die deutsche Assekuranz ist so ungefähr der einzige Wirtschaftszweig, in dem die Juden nicht aktiv sind, die ist sozusagen schon 'judenfrei'. Das liegt vielleicht daran, daß die Juden es nicht gewohnt sind, sich um den Schaden fremder Leute zu kümmern." "Sie haben ja nun auch mit ihrem eigenen genug zu tun."

"Jedenfalls liegt dein Freund Eckart ziemlich daneben. Ich habe gehört, daß die Stadt das Grundstück mitsamt der Ruine aufkaufen will." "Was will denn die Stadt mit einem jüdischen Gotteshaus anfangen?" "Keine Ahnung, der Parteigenosse Schmidt wird wohl kaum zum Judentum konvertieren. Ich habe auch gehört, der Oberbrandmeister Ziegler will das Gebäude für die Feuerwehr umbauen lassen." "Die Feuerwehr soll da einziehen? Wo die keinen Finger krumm gemacht haben, als es abgebrannt ist." "Das lässt sich nun nicht mehr rückgängig machen." "Dann kriegen die Juden aber wenigstens genug Geld, damit sie sich eine neue Synagoge bauen können." "Habe ich auch erst gedacht." "Aber?" "Die Sache ist die: so wie die Ruine jetzt dasteht, kann sie jeden Moment zusammenkrachen, das heißt, sie stellt eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit dar, also muss sie abgerissen werden. Weil jedoch Grundstück und Gebäude Eigentum der Israelitischen Kultusgemeinde sind, hat diese die Kosten für den Abbruch zu übernehmen. Und versichert sind sie eben nicht."

"Was kostet so was?" Bierloch zuckt mit den Schultern. "Ich habe was von sechstausend Reichsmark gehört." "Ob die so viel haben?" "Ach wo. Und selbst wenn sie es hätten. Überleg' doch: wenn du 'n Jude wärst, würdest du dein Geld für einen Synagogenneubau ausgeben? In diesen Zeiten? Da würde ich denen sogar als Protestant und Nachfahre der Kreuzritter abraten. Ganz zu schweigen von der Bezahlung für einen Abbruch. Der Hartmann, was der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde ist, hat an die Stadt geschrieben, daß sie nicht das Geld hätten, und daß die Stadt ihnen das Geld vorstrecken sollte, und zwar gegen eine Hypothek auf das Grundstück Hohenlohestraße eins." "Welches ist das?" "Natürlich das Grundstück mit der Synagoge selbst." "Woher wissen Sie das alles?" "Von dem Pohlmann, dem Grundstücksmakler, der ist mit der Angelegenheit betraut." "Dann reißt die Stadt die Synagoge ab und erhält dafür von den Juden das Grundstück?" "Vielleicht nicht ganz. Der Pohlmann hat gesagt, allerdings mit einem Augenzwinkern, die Abbruchkosten werden sich wahrscheinlich auf fünftausend achthundert siebzig Mark belaufen. Da bleiben voraussichtlich hundertdreißig Reichsmark für die Jüdische Gemeinde übrig, wenn die nicht für die Verwaltungsgebühren drauf gehen, für die ganzen Briefmarken und so."

"Dann ist freilich nicht an Wiederaufbau zu denken." "Jedenfalls nicht in absehbarer Zukunft. Und wenn die Juden alle auswandern, dann braucht keiner eine neue Synagoge." "Ist das nicht schade?" "Na ja, ich bin nicht da hingegangen. Außerdem hat es früher auch Kirchen gegeben, die heute nicht mehr stehen, wusstest du zum Beispiel, daß unterhalb vom Schloss mal eine Marienkirche gestanden hat?" "Natürlich, da ist mein Urururgroßvater drin getauft worden." "Ach ja? Dann kennst du wohl auch noch den Taufspruch?" "Irgendwas aus dem Paulus Evangelium." "Paulus hat gar kein Evangelium geschrieben." "Natürlich. Aber das ist zusammen mit der Marienkirche verschwunden." "Dir fällt auch immer was ein, Mädchen." "Muss ja, wir sehen schweren Zeiten entgegen." "Was soll denn das heißen?" Ulrike deutet nach draußen. "Da kommt die Willmer-Wollenschläger, die wird gleich wieder ein Fass aufmachen, wie hässlich ihre Porträtfotos geworden sind." "Oh, Ulrike, da fällt mir ein, ich muss sofort unbedingt was besorgen, mach' du das bitte mit der Willmer-Wollenschläger, gib' ihr fünf Prozent Preisnachlass, oder rechne ihr's für die nächsten Bilder an. Guten Tag, Frau Staatsrat Willmer-Wollenschläger, habe die Ehre, muss leider eiligst weg, meine Assistentin wird Sie zur vollsten Zufriedenheit bedienen, Ihre Porträts sind übrigens ganz außerordentlich gelungen."

Ulrike rettet Bierlochs guten Ruf zum x-ten Male, und die Willmer-Wollenschläger vermittelt sogar einen weiteren Kunden für eine Familienaufnahme, was den Chef später auch zum wiederholten Male versichern lässt, er wüsste schon, was er an Ulrike hat. "Wie wäre es dann endlich mit einer Gehaltserhöhung?", sagt sie. "Willst du heiraten oder dir ein Auto kaufen?", lenkt er gleich ab. "Das kann ich mir unter meinen derzeitigen Vermögensverhältnissen nicht leisten." "Sehr vernünftig, es wäre bestimmt auch verfrüht. Wenn es dann soweit ist, reden wir selbstverständlich über deine Gehaltserhöhung. Die Autobahn ist sowieso nicht fertig. Und der Mann ..." "Der ist hoffentlich schon fertig, ich will das nämlich nicht noch zehn Jahre aufschieben." "Hm. Es wäre vielleicht gut, wenn du wüsstest, was höhere Priorität hat: der Mann oder das Auto." "Erstens kann man das nicht wissen. Und zweitens gibt es da vielleicht auch einen Unterschied in der Wichtigkeit." "Für manche Leute nicht." "Am besten wäre es freilich, ich würde einen Mann finden, der ein Auto hat." "Ja, das wäre gut. Dann würde sich wohl auch die Gehaltserhöhung erübrigen." "Chef, manchmal denke ich, Sie sind so geizig, daß es Ihnen um das Licht schade ist, das man für die Fotos braucht." "Bei einigen schon."

"Übrigens, wenn ich den besagten Mann finden sollte, ob nun mit oder ohne Auto, dann würde ich mich natürlich ganz meiner Hausfrauen und Mutterrolle widmen." "Heißt das, du würdest kündigen?" "Sie haben es erfasst." "Aber du hast es nirgends so gut wie hier, ich lasse dir alle Freiheit, kommandiere dich nicht herum und behandele dich fast wie einen Geschäftspartner." "Das weiß ich zu schätzen, doch alles zusammen geht nun mal nicht. Sie haben doch sicher selbst schon darüber nachgedacht, daß ich nicht ewig hier im Laden bleibe." "Nein. Ja, nur ganz hypothetisch. Und ich muss sagen, es ist kein angenehmer Gedanke." "Nun fangen Sie nicht wieder an, mich über den grünen Klee zu loben, die Masche ist auch allmählich ausgeleiert." "Oh. Du bist ja auf einmal richtig selbstbewusst. Wenn das so ist, werde ich zu anderen Mittel greifen müssen, um dich hierzubehalten." Sie lacht. "Also doch die Gehaltserhöhung." "Zunächst werde ich darauf achten, daß du keine attraktiven Männer mehr bedienst, die den Laden betreten." "Wenn Sie sich darum selbst so bemühen, könnte das auffallen?" Bierloch sagt entrüstet "Ich bin Fotograf und kein Friseur." "Eben. Die Leute werden sagen: Was ist denn plötzlich mit dem Bierloch los, der wirft sich an die Männer ran." "Ich werfe mich keineswegs an die Männer ran. Ich halte sie lediglich von dir fern, und auch das nur um deinetwillen." "Sie sind wirklich zu großmütig."

Die Ladentür geht auf und Anna kommt herein. "Guten Tag, Herr Bierloch, hallo Ulrike, ich wollte dich was fragen." Ulrike sieht Bierloch an, als erwarte sie von ihm eine Bemerkung, doch er blättert scheinbar aufmerksam im Kassenbuch. "Chef, die Willmer-Wollenschläger hat Fotos von ihrer Mittelmeerkreuzfahrt dagelassen, mit der Bitte, sie sich anzuschauen, welche man vergrößern könnte." "Was? Ach so, ja, vergrößern. Willst du nicht Fräulein Weber fragen, worum es geht?" "Das ist etwas Persönliches." Bierloch trollt sich nach hinten. Dann ruft er "Ging eben eigentlich die Türglocke? Ich habe gar nichts gehört." "Ja, sie ging." "Dann ist's gut. Was sollte ich? So, ja, die Willmer-Wollenschläger vergrößern, nein, das Mittelmeer, ach was, Lichtverschwendung sag' ich da nur."

"Was ist denn mit ihm?", fragt Anna. "Er will auf mich aufpassen. Was gibt es?" Anna berichtet, daß sie sich einen Rundfunkgerät kaufen will, so einen Volksempfänger, den jetzt alle Welt besitzt. "Ich will ihn nicht, weil den alle haben, sondern um die Konzerte zu hören, die übertragen werden. Ich war gerade im Kaufhaus, da bekommt man einen Apparat schon für fünfunddreißig Mark, man kann ihn sogar in Raten bezahlen. Ich würde natürlich nicht die billigste Ausführung nehmen, fünfundsechzig kostet das bessere Modell. Der Verkäufer hat mir lang und breit was erklärt von Mittelwelle und Einkreis-Empfänger und von Freischwinglautsprecher - hier, er hat mir auch einen Prospekt gegeben, da steht alles drin - aber ich habe davon keine Ahnung. Ich dachte, Hans könnte mir einen Rat geben, was ich kaufen soll." "Das macht er sicher gern, kommst du nachher bei uns vorbei?"

"Es muss einer sein, den ich mitnehmen kann, nächste Woche fahre ich wieder nach Berlin." "Hast du Auftritte?" "Das weniger, ich muss mich mit meinem wissenschaftlichen Betreuer konsultieren wegen einer Prüfungsarbeit. Außerdem spielt der Furtwängler mit der Wiener Philharmonie in Berlin." "Wer?" "Wilhelm Furtwängler, der große deutsche Dirigent." "Ist er dein Vorbild?" "Ich hätte jedenfalls nichts dagegen, bei ihm ein Violinkonzert zu spielen." "Frag' ihn doch mal. Ich finde, du kannst wirklich sehr gut spielen." "Wo denkst du hin. Da sitzt die ganze Prominenz in der Ehrenloge, der Hitler und der Goebbels, wer weiß, ob wir überhaupt hineinkommen." "Deshalb brauchst du den Rundfunkempfänger." "Und für die anderen Sachen, die sie senden."

Bierloch kommt aus dem Hinterzimmer. "Das mit der Mittelwelle ... ähm, ich meine mit dem Mittelmeer von der Wollenschläger ist wie immer ganz erbärmlich." "Wir machen trotzdem ein paar davon groß, da freut sie sich." "Großmach-Fotos", brummt Bierloch. "Das ist die Zukunft, Chef, das überdimensionale Format." "Ich werde das nicht unterstützen, die reinste Papierverschwendung ist das." "Sie können ein Schild ins Fenster hängen: Rettet den deutschen Kleinbildfilm." "Übrigens", sagt Anna, "weil du gerade so was sagst, ist euch die komische Anzeige in der Zeitung aufgefallen, wo steht 'Helft dem Kettenhund! Er hat es verdient.' Ich verstehe überhaupt nicht, was damit gemeint sein soll, kannst du dir's denken?" Ulrike schüttelt den Kopf. "Ich hab's gelesen, es ist mit so einem Bild von einem zähnefletschenden Hund." "Genau. Was ist denn mit dem Kettenhund?" Bierloch zuckt die Achseln. "Vielleicht weil er an der Kette liegt, manche Leute meinen, es wäre Tierquälerei." "Dann sollte man sie freilassen?" "Oder wenigstens die Kette lockern." "Oder länger machen." "Jedesmal denke ich drüber nach 'Helft dem Kettenhund'. Ich würde ihm ja helfen wollen, wenn ich wüsste wie." "Das beschäftigt dich?" "Natürlich beschäftigt mich das. Ich finde es unerhört, daß man solche Anzeigen in die Zeitung setzt und die Leser dann damit allein lässt. Man macht sich darüber Gedanken, und weiß nicht mal, ob sie zu etwas führen."

"Ruf' doch mal bei der Zeitung an." "Das habe ich sogar gemacht. Da haben die zuerst gefragt, wovon ich rede, die wussten offenbar selbst nicht mal, was für Anzeigen sie drin haben. Dann habe ich gesagt, hier in der der und der Ausgabe, auf Seite soundso, groß und breit 'Helft dem Kettenhund! Er hat es verdient.' Ja, da stünde doch die Adresse vom Tierschutzverein drunter, und für den Inhalt der Anzeigen wäre die Zeitung nicht verantwortlich. Es steht aber nur drunter, man solle sich an die nächste Stelle vom Tierschutzverein wenden." "Und? Hast du?" "Ja. Der hat mich gleich gefragt, um welches Tier es sich handelt. Ich sage 'Um den Kettenhund'. Um welchen denn genau, er bräuchte die Adresse des Hundebesitzers oder zumindest den Aufenthaltsort des Hundes. Ich sage 'Ich rufe erst mal nur so allgemein an, um mich zu informieren'. Da hat er angefangen, mir zu erzählen, daß der Tierschutzverein demnächst fünfundachtzig Jahre alt wird, und dann hat er mir aus der Satzung vorgelesen und wollte, daß ich eintrete, und wieviel ich bezahlen müsste und welche ehrenamtliche Tätigkeit ich verrichten müsste und so weiter, bis ich gesagt habe, ich muss jetzt Schluss machen, und ich melde mich wieder, wenn mir ein Kettenhund mit Name und Adresse begegnet."

Dann sagt Bierloch, er fand letztens auch die Anzeige ganz nett: "Gedenkt der hungernden Vögel!" "Oh, das ist ja richtig traurig", sagt Anna. "Das seltsame war nur, daß sie mitten im Mai in der Zeitung stand." "Wahrscheinlich in die falsche Ausgabe gerutscht." "Oder man hat nach der Schneeschmelze die vielen Vogelleichen gefunden." "Im Mai ist keine Schneeschmelze mehr." "Da irren Sie sich aber, Herr Bierloch. Als Kinder sind wir mal zu Pfingsten auf dem Inselsberg Schi gefahren." "Wie macht man das eigentlich, der hungernden Vögel gedenken?" "Durch Opfern. Man verbrennt eine Handvoll Sonnenblumenkerne im Vogelhäuschen." "Gott, das ist ja wie im Altertum."

"Zu Ehren der Hornlippigen." "Wem?" "Die Hornlippigen, das ist der poetische Ausdruck für die Vögel in der griechischen Mythologie." Bierloch ist verblüfft von Annas Kenntnissen. "Sie sind ja ungeheuer gebildet, Fräulein Weber." "Das lese ich mir so nebenbei an", sagt sie mit einer gewissen Zufriedenheit, "ich habe mich da mit Nietzsche beschäftigt und mit seiner Schrift 'Die Geburt der Musik aus dem Geiste der Tragödie'." "Bestimmt sehr tiefgründig." "Es geht, manche Stellen sind nur schwer verständlich." "Also meine Lippen sind höchstens gesprungen, wenn das Wetter kalt ist", meint Ulrike. Anna weilt einen Moment in Bierlochs bewunderndem Blick, dann sagt sie "Tja Ulrike, bis nachher bei dir, Adieu Herr Bierloch." "Jetzt schwebt sie wieder über den Wolken", sagt Ulrike, und Bierloch, ihr nachsehend, fügt hinzu "Wie eine Schwalbe." "Eine Schwalbe schwebt nicht, die segelt." "Meine Güte, Ulrike, wie spitzfindig du bist."

Hans rät Anna von dem Kauf des Volksempfängers ab, damit könne man sich die Reden des Führers einverleiben, aber für klassische Musik sei das Ding ungeeignet, zumal wenn sie von anderen Sendestationen außer Berlin oder Leipzig übertragen werde. "Und was nehme ich stattdessen?", fragt sie. "Bei Macheilek gibt es ein Gerät von der Firma Lorenz, das ist zwar gebraucht, aber in einwandfreiem Zustand. Es ist ein Superhet Empfänger mit einem Vier-Röhren-Dreikreis." "Kannst du dich vielleicht ein bisschen verständlicher ausdrücken." "Das ist für dich sowieso nicht so wichtig. Du musst eigentlich nur wissen, an welchem Knopf man dreht, um den Sender einzustellen." "Man kriegt damit mehrere Sender?" "So an die zwei Dutzend." "Phantastisch, Ulrike, meinst du nicht auch, das wäre ideal?" "Wenn ich den Apparat etwas frisiere, wird es noch mal die Hälfte mehr." Anna schaut Ulrike an und flüstert "Was meint er mit frisieren?" "So sagen die, wenn sie daran herumbasteln."

"Der Macheilek hat auch eine Sachs-Anoden-Batterie, da brauchst du nicht mal eine Steckdose." "Da könnte ich auch mitten im Wald damit hören?" "Klar." "Aber du musst die Batterie mitschleppen", meint Ulrike, "und die wiegt mindestens eine Tonne, vielleicht sogar eine Dezitonne." "Was?" "Ach, die spinnt. Na ja, die Batterie ist auch nur für den Ausnahmefall." Anna wendet sich zu Ulrike "Also, ich würde höchstens einmal im Monat damit irgendwohin gehen." "Das ist dann aber kein Training, da kriegst du jedesmal wieder 'n Muskelkater." "Jetzt hör' schon auf, Schwester." "Ich denke bloß an Annas zarte Glieder", sagt Ulrike und betrachtet ihre Fingernägel. "Das ist doch bestimmt sündhaft teuer?" "Wie gesagt, es ist gebraucht, der Macheilek würde dir 'n guten Preis machen." "Und dann kommt noch Hans' Frisieren dazu." "Das würde ich umsonst machen." "Oh, für Anna machst du es umsonst, und mir reparierst du nicht mal die Nachttischlampe." "Du musst es nicht umsonst für mich machen, ich bezahle es." "Ich mach' das gern für dich umsonst." Anna ziert sich. "Ich weiß nicht, ob ich das so annehmen kann." "Ich weiß was", sagt Ulrike, "du bezahlst ihm dafür meine Nachttischlampe." "Was ist denn damit?", fragt Hans aufgebracht. "Die ist kaputt, seit einer Woche schon", faucht Ulrike zurück. "Die ist längst wieder in Ordnung. Da sieht man, wie selten du sie brauchst." "Was?"

Ulrike stürmt aus dem Zimmer, dann kommt sie wieder. "Du hast sie repariert, als ich nicht da war, ich hab' dir schon x-mal gesagt, du sollst nicht bei mir reingehen." Hans schweigt unbeeindruckt, Anna versucht zu schlichten. "Du hast sie sicher repariert, als Ulrike geschlafen hat, stimmts?" "So war's. Ich wollte dich nicht wecken, da habe ich sie kurz mit hinausgenommen." "Soll ich's trotzdem bezahlen?", fragt Anna. Ulrike schaut auf die Uhr. "Ich muss gehen." "Wohin?", fragt Hans. "Was wichtiges erledigen. Keiner geht in mein Zimmer, ich merke das." "Ist denn noch irgendwas kaputt?", fragt Anna. Hans macht eine vorsichtige Handbewegung zum Kopf hin. "Vielleicht hier oben, eine Sicherung." "Jetzt tust du ihr unrecht", sagt Anna leise zu ihm. "Ich höre alles, was über mich gesagt wird", ruft Ulrike vom Flur aus.

Anna klatscht in die Hände. "Ich hab's. Ich lade euch zum Kaffeetrinken ein, weil ich wieder nach Berlin fahre. Ihr dürft euch bei Löschner was aussuchen, Kuchen, Torte, was ihr wollt." "Holst du es?" "Ja. Hans, was willst du?" "Hm." "Nun sag' schon." "Hm. Da gibt es doch diese Dinger mit Blätterteig, oder ist es Biskwit?" "Aber bitte etwas, das schon erfunden ist." "Er meint Nonnenfürzchen", ruft Ulrike. "Was?" "Blödsinn. Es ist gefüllt mit ... ich weiß nicht ..." "Ah, Biskuits mit Mascarpone, wie viele?" "Na eins." "Und für dich, Ulrike?" "Egal, such' du etwas aus." "Ist dir aufgefallen", flüstert Anna, "daß Ulrike immer wegläuft, wenn wir zusammen sind." "Wer?" "Du und ich und sie." "Nein. Hat sie das schon mal gemacht?" "Schon öfter." "Warum?" "Weiß nicht." Hans kocht Kaffee, Anna holt Kuchen, und Ulrike findet sich auch wieder ein.

Sie erkundigt sich nach der Frau Burmeister, der sie im Weberschen Haus begegnet war. "Wer ist Frau Burmeister?", fragt Hans, und Anna erzählt die ganze Geschichte mit dem umgekommenen Häftling, und Ulrike nennt die Ungereimtheiten mit dem Totenschein. Hans verwundert das wie immer wenig. "Gibt dir das gar nicht zu denken?", fragt Ulrike. "Wieso sollte es? Bis vor fünf Minuten wusste ich nicht einmal, daß diese Frau Burmeister überhaupt existiert, muss ich mir jetzt darüber Gedanken machen?" "Wegen der ganzen Art und Weise, wie man den Fall behandelt. Was für Leute sitzen denn da in den Behörden?" "Ganz normale Leute, so wie dein Freund Baumbach bei der Sipo." Anna horcht auf. "Du hast einen Freund bei der Sicherheitspolizei?" Sie schaut Hans an, als habe sie eine mögliche Erklärung gefunden, warum Ulrike immer wegläuft und sie weiß nicht, ob es falsch war, daß sie die Burmeister Geschichte angesprochen hat, aber sie muss darüber reden.

"Was hat denn der Baumbach damit zu tun", ereifert sich Ulrike. "Hast du oder hast du nicht?" Hans sagt "Das ist bloß der Vater von einem alten Klassenkameraden, nicht Freund wie du denkst." Ulrike möchte nicht, daß die Angelegenheit mit ihrer Vorladung und mit dem Reisepass zur Sprache kommt, sie gibt Hans unterm Tisch einen Stoß ans Bein, dann fragt sie Anna "Wohnt die Burmeister noch im Hotel?" Anna, die anscheinend noch mit Ulrikes Verbindungen zur Sipo beschäftigt ist, antwortet nicht gleich, dann meint sie "Das konnte sie sich wohl nicht länger leisten. Papa hat ihr eine Unterkunft in Pfarrstätt besorgt." "Wie lange will sie hier bleiben?", fragt Hans. "Papa sagt, sie will wahrscheinlich gar nicht mehr zu sich nach Hause." "Sondern? Will sie Landstreicher werden?" "Mensch, sprich nicht so." "Na was denn? Es kann sich doch nicht jeder einfach so in der Gegend herumtreiben." "Wenn sie aber nun den Mann verloren hat und alles, und Kinder hat sie wohl auch keine." "Nein." "Das geht auch anderen so." "Aber bei anderen ist der Mann nicht erschossen worden." "Ob das so war, ist nicht erwiesen." "Ich denke, dein Papa hat gesagt, der ist in den Rücken geschossen worden?" "Ja, aber es ist wohl doch nicht so eindeutig, wie es auf den ersten Blick schien." "Das ist nur eine Frage der Anatomie." "Du kannst dich leicht drüber lustig machen." "Und du? Du stellst eine Frage nach der anderen und wirst dabei immer ahnungsloser."

Anna sieht die Geschwister abwechselnd an. "Was streitet ihr euch über Dinge, die euch beide eigentlich nichts angehen." Alle schweigen, dann sagt Anna "Das ist alles ganz korrekt, was Papa festgestellt hat, es waren ja auch Zeugen dabei, die es genauso gesehen haben. Aber da hat sich die SS von Buchenwald oder von der Gauleitung in Weimar in die Ermittlungen eingeschaltet, und aus deren Sicht ist der Vorfall anders abgelaufen." "War der Burmeister ein politischer Häftling?", fragt Hans. Anna ist sich unsicher. "Na ja, denke schon, was für welche kommen denn nach Buchenwald?" "Da gibt es verschiedene. Könnte auch 'n Schwerverbrecher gewesen sein." "Wenn du die Frau Burmeister sehen würdest, dann würdest du nicht im Traum annehmen, daß die mit einem Schwerverbrecher verheiratet war." "Hm, oder einer aus Österreich. Ich habe gehört, sie hätten die Schuschnigg Leute nach Buchenwald gebracht."

"Wieso nicht nach Dachau, das liegt doch viel näher an Österreich?" "Dachau war nur für den Anfang - vielleicht auch schon zu klein. In Buchenwald sollen die Prominenten untergebracht werden." "Nein, Österreicher war der auch nicht, das würde man der Frau anhören." "Was für Gepäck hat sie denn so bei sich? Ich meine, wenn sie eine kleine Druckerpresse mit sich herumträgt und bei euch in der Küche Flugblätter aufstapelt, dann war der Mann sicher ein Politischer", sagt Hans und findet zu seinem alten Sarkasmus zurück. "Bringst du deinen Hitlerjungen auch so eine Sicht auf die Wirklichkeit bei?", fragt Anna vorwurfsvoll. "Das wäre besser als ihnen irgendwelche Schweinereien beizubringen." Ulrike schaut ihn fragend an. Anna trinkt einen Schluck Kaffee und beachtet Hans für eine Weile nicht. Der sagt "Danke für den Kuchen, dann werde ich mich mal um deinen Rundfunkempfänger kümmern." "Muss ich mitkommen?", fragt Anna ohne aufzuschauen. "Nicht nötig. Wie lange bist du noch da?" "Bis Samstag." "Ich bringe ihn dir vorbei." "Und das Geld?" "Machen wir dann, schätze so um die dreißig Mark, ist das in Ordnung?" "Ja, gut."

Eine Woche später steht Eckart bei Ulrike vor der Tür. Sie denkt zuerst, er würde ihr eine Nachricht von Anna bringen, doch von ihr sagt er nur "Sie hat vor ein paar Tagen kurz angerufen, ich glaube, die hat der Großstadtrummel schon wieder vollkommen im Griff." "Willst du hereinkommen?", fragt ihn Ulrike. "Nein, ich wollte dich fragen, ob du mit nach Pfarrstädt kommst, ich soll die Frau Burmeister abholen, weil Papa etwas mit ihr bereden will. Ich habe einfach keine Lust, allein da über die Dörfer zu gondeln." Ulrike hat ein ungutes Gefühl. "Eckart, ehrlich gesagt möchte ich damit gar nichts zu tun haben." "Ich hab' auch nichts damit zu tun. Ich fahre bloß mit Papas Wagen hin und hole die Frau ab. Ich dachte, es macht dir Freude, wenn du mal 'rauskommst aus der Stadt und 'n bisschen frische Luft schnuppern kannst." "Woher weißt du, daß ich heute frei habe?" "Ich war erst bei euch im Laden", sagt Eckart unbekümmert, dann setzt er hinzu "du denkst doch nicht etwa, ich habe irgendwelche Hintergedanken?" Ulrike lächelt, und plötzlich sagt sie frei heraus, was ihr die ganze Zeit nicht richtig bewusst geworden war. "Ach, Eckart, wenn ich zu irgendjemand Vertrauen habe, dann bist du das." "Na also. Dann lass dich nicht lange bitten."

Sie fahren mit Doktor Webers Auto in Richtung Pfarrstädt. Hinter Trableben ist die Straße durch einen starken Regenguss unterspült worden und abgerutscht, und obwohl bereits eine Umgehungsspur übers Feld führt, befürchtet Eckart, in dem weichen Lehmboden zu versinken. Also kehren sie um und nehmen die nächstliegende Ortsdurchfahrt, wo sie an einem Eisenbahngleis wegen einer Rangiererei warten müssen. Eckart steigt aus und spricht mit dem Bahnposten, der die Sicherheit überwacht. Dann kommt er zurück. "Er sagt, es würde ungefähr zehn Minuten dauern." "Macht nichts, es ist schön hier." "Ja, finde ich auch. Die meisten Leute machen ihre Ausflüge in Richtung Wald und Berge und meinen, es wäre langweilig hier zwischen den Feldern." "Unser Vater hat hier irgendwo Verwandte", fällt es Ulrike ein. "So? Wo wohnen die?" "Wenn ich das wüsste, es ist bloß ein Vetter oder der Bruder von einer Cousine." Eckart lacht. "Auf die Art sind hier wahrscheinlich alle miteinander verwandt. Was machen die da jetzt?", sagt er und schaut zu dem kurzen Güterzug mit der Diesellokomotive hin. "Was machen sie denn?" "Der kriegt doch die Luke nicht auf, wenn er von der Seite heranfährt." "Du kennst das von eurer Arbeit?" Eckart gestikuliert mit dem Arm. "Der kommt nie und nimmer da wieder herum, dann müssen sie wieder abladen." "Sag' es ihnen." "Werd' ich auch."

Er steigt aus, geht hin und redet mit dem Mann, der die Sache beaufsichtigt. Der scheint auf Eckart zu hören. Sie gehen an den Güterwagen heran, und Eckart zeigt etwas und wendet sich dann nach rechts, und der andere guckt auch dorthin. Dann gehen sie auf die andere Seite. Ulrike steigt aus und macht ein paar Schritte zum Straßenrand. Dort ist ein Graben, und an der Böschung liegen helle Steine aus Muschelkalk. Sie beobachtet eine Maus, die im Gras umherhuscht. Inzwischen stehen zwei weitere Autos hinter ihnen. In dem einen sitzt ein hagerer Mann mit Hut, der in einer Zeitung oder in Akten liest und eine Zigarre raucht. Dahinter ist ein Pärchen in einem Cabriolet. Die beiden umarmen und küssen sich. Der Mann mit Hut macht einen kräftigen Zug an der Zigarre, dann streckt er den Kopf heraus und ruft Ulrike zu "Wie lange wird's dauern? Ich habe einen Termin." Sie zuckt mit den Schultern. Er schaut nach hinten auf das sich küssende Paar und macht eine Kopfbewegung, die heißen könnte 'Tja, ich würde jetzt auch lieber was anderes machen'.

Die Frau und der Mann werden immer stürmischer, und das Cabriolet beginnt zu wackeln, und dann sieht Ulrike, wie es ganz langsam auf der leicht abschüssigen Straße zurückrollt. Da die beiden nichts merken, ruft sie "Hallo, das Auto!" Der Zigarrenraucher schaut nur kurz auf, als fühle er sich belästigt. Die Frau hebt aufgeregt die Arme, der Mann handelt geistesgegenwärtig. Aber sie ist an das Lenkrad gestoßen und hat es herumgerissen, und der Wagen, der schneller geworden ist, rollt im Bogen auf den Graben zu. Der Fahrer zieht im letzten Moment die Handbremse, daß es kracht und quietscht, und sie stehen so schief an der Böschung, als würden sie bei der geringsten Bewegung umkippen. Er krabbelt vorsichtig heraus und hilft der Frau beim Aussteigen. Er nimmt ihre Hand und sagt, wo sie sich nicht festhalten darf, damit sich das Auto nicht weiter neigt. Sie ist ganz zittrig.

Eckart kommt von dem Gleis her, die Straße ist frei. Der Mann mit Hut und Zigarre, der das Geschehen hinter sich aufmerksam und stumm verfolgt hat, startet seinen Wagen und fährt an Webers Hanomag vorbei. "Alles in Ordnung?", fragt Eckart den Mann, der die Frau stützt, die sich eine lange Laufmasche an ihrem Strumpf besieht. "Ist noch mal gutgegangen", sagt er. "Die sind nagelneu", sagt die Frau, dann wirft sie einen Blick auf das Auto, das halb im Graben hängt, und sagt zu Eckart "Werden Sie das wieder herausholen können?" "Liebling, der Herr ist doch nicht vom Abschleppdienst." "Das hat auch keiner gesagt. Ich will bloß wissen, wie lange wir hier festsitzen." Ulrike fragt "Wohin wollen Sie denn, vielleicht können wir sie ein Stück mitnehmen." Der Mann sagt "Wir können unmöglich das Auto so stehenlassen."

"Ich könnte versuchen, ihn herauszuziehen", schlägt Eckart vor. Die beiden Männer machen sich zu schaffen. Eckart hat bei den Eisenbahnleuten ein Seil geborgt, sie machen es fest. Sie ziehen ihre Jacken aus. Eckart versucht vorsichtig anzufahren, während der andere unklare Handzeichen gibt. Das Seil reißt. Sie knoten es zusammen und versuchen es erneut. Ulrike und die Frau stehen am Straßenrand. Die Frau hat die Arme verschränkt. Dann fragt sie "Warum wollen Sie wissen, wo wir hinfahren?" Ulrike weiß nichts zu erwidern, die Frau befühlt mit den Fingern wieder das Loch im Strumpf. "Die gab es im Kaufhaus zum Sonderpreis, weil die arisch gemacht worden sind. Wo kriegen die die jetzt her?", fragt sie und schaute Ulrike von unten an. "Weiß nicht, aus Apolda, da sind Strumpffabriken." "Hoffentlich ist das kein schlechtes Zeichen, daß sie weniger Qualität haben." "Ach wo, die Strümpfe haben nie viel ausgehalten, und dann erst bei einem Unfall." "Was für ein Unfall? Das war ein Versagen der Bremsen, was Technisches." "Vielleicht können Sie sie umtauschen." "Gegen neue? Das hat schon der Conitzer nicht gemacht, 'überstrapaziert' oder 'unsachgemäße Benutzung' haben die gesagt, als ob man beim Autofahren keine Strümpfe tragen dürfte." "Man sieht es kaum." "Na schönen Dank, und Sie werden es auch keinem weitersagen", meint sie abfällig.

Die Männer haben den Wagen auf die ebene Straße gezogen, das Pärchen setzt seinen Weg fort, sie bedanken sich nicht einmal. "Jetzt fehlt nur noch die Schafherde", meint Eckart, "die uns aufhält." Am Ortseingang von Pfarrstädt kreuzt eine Schafherde die Straße, Eckart muss sie vorbeilassen. Ulrike lacht und streichelt ihm tröstend die Wange. "Nimm's nicht persönlich." "Nur gut, daß ich vor dir nicht angeben will, bei den dummen Sachen, die uns laufend widerfahren." "Nee, das musst du nicht. Außerdem machst du dich ganz gut. Zur Abwechslung könnten wir uns ja mal küssen." Er schaut sie an, weniger mit überraschter als bedenklicher Miene. Sie lacht wieder. "Habe ich dir einen Schreck eingejagt?" Sie wechseln Blicke, als würden sie ohne Worte ihre Gedanken austauschen. Er lacht auch und sagt "Wir können trotzdem Freunde sein." "Ja, echte Freunde." Die Schafe sind weg. Eckart fährt langsam, damit der Kot nicht hochfliegt. "Vielleicht komme ich auch irgendwann auf dein Angebot zurück", sagt er. "Von mir aus immer."

Sie halten vor dem Haus, wo angeblich die Frau Burmeister wohnt. Im Hof streut eine Alte den Hühnern Futter hin. "Das ist oben, die Treppe rauf. Aber achtgeben, eine Stufe ist gebrochen." Es ist dunkel und sehr warm in dem schmalen Gang, es riecht nach Klosett und Terpentin. Eckart klopft an und glaubt, ein Herein zu hören, aber die Tür geht nicht auf. Von drinnen ruft jemand "Fest drücken, sie klemmt." Er stemmt sich dagegen und sie öffnet sich. Frau Burmeister begrüßt die beiden, durch das Zimmer geht ein heftiger Windzug. "Machen Sie nur gleich wieder zu. Ich muss hier beständig lüften, sonst ist es so stickig." Sie bittet sie herein. "Aber sonst ist die Luft auf dem Dorf vorzüglich, vor allem nachts. Na, ich werde mal das Fenster schließen. Was verschafft mir denn die Ehre?"

Eckart ist ihr bekannt, und jetzt glaubt sie auch, in Ulrike Doktor Webers Tochter wiederzusehen. Ulrike stellt die Sache richtig. Frau Burmeister sagt "Sie sehen sich aber auch so ähnlich." Eckart erklärt, weshalb er gekommen ist. "Selbstverständlich fahre ich mit zu Ihrem Herrn Vater", sagt sie, ohne nach einem weiteren Grund zu fragen. "Reicht es, wenn wir in einer Viertelstunde losfahren, ich habe mir gerade etwas zu trinken gemacht?" "Lassen Sie sich Zeit", erwidert Eckart und setzt sich offenbar erleichtert, "ich würde mich auch erstmal von der Fahrerei erholen." "Ja, das ist eine halbe Weltreise hier hinaus", sagt sie. Dann fragt sie interessiert "Was für ein Auto fahren Sie denn?" "Den von meinem alten Herrn, ich habe noch keinen eigenen." "Ach ja, der ist auch so schlecht gefedert, Fritz hatte eine Zeitlang auch so einen." "Wer ist Fritz? Ah, ich verstehe, Ihr Mann." Sie lächelt und schaut Ulrike aus den Augenwinkeln an.

"Damit haben Fritz und seine Freunde immer das Papier transportiert, für solche schwere Ladung ist er gut geeignet." "Aha." "Und außerdem ist er vergleichsweise leise, das ist nachts gut." "Soso." "Ich sage das alles so, als wüsste ich genau Bescheid, aber das ist nur, weil Fritz mir das alles erzählt hat. Setzen Sie sich doch auch, Mädchen." Ulrike wundert sich selbst, warum sie noch steht. Eckart ist in den Sessel gerutscht, als wäre es sein Lieblingsruheplatz. Er legt den Kopf nach hinten und schließt die Augen. Dann schaut er durchs Fenster und lässt den Blick über die Landschaft schweifen. "Einen herrlichen Blick hat man von hier auf den Thüringer Wald." "Nicht wahr?" Sie schlürft ihren Malzkaffee aus einem großen Porzellanbecher. Sie schweigen. Unten hört man die Alte mit einer Nachbarin reden, Ulrike kann den Dorfdialekt kaum verstehen. "Ich bin hier sehr gut aufgenommen worden, kann nicht klagen." Sie schlürft ihren Kaffee. Ulrike glaubt, Eckart wäre eingenickt.

"Woher kommen Sie eigentlich?" "Aus der Nähe von Darmstadt." "War Ihr Mann ein politischer Häftling?", fragt Ulrike unwillkürlich. Sie schlürft ausgiebig, als habe die Beantwortung keine Eile, dann sagt sie "Nach Auffassung gewisser Leute war er das wohl." "Und nach Ihrer Auffassung?" "Fritz war mein einziger Mann und ein guter Mensch." Dann nickt sie wie zur Bestätigung und wiederholt "Ein guter Mensch." "Was hat er verbrochen, ich meine, was hat man ihm vorgeworfen? Macht es Ihnen etwas aus, wenn ich frage?" "Nein, fragen Sie nur, Kindchen. Aber ich weiß es nicht." "Sie haben nicht einmal eine Vermutung?" "Fritz hatte seinerzeit gewisse Geschäfte in Frankfurt, darüber hat er selten gesprochen. Ich denke, da ist irgendetwas schiefgegangen. Hören Sie, es war keine Strafe, die er im Lager abgesessen hat, es war offiziell eine Schutzhaft. Man hatte ihm noch keinen Prozess gemacht, und man sagt immer, solange jemand nicht verurteilt ist, gilt er als unschuldig."

Sie schweigen. Eine große Schmeißfliege prallt von innen gegen die Fensterscheibe. Sie versucht, hinaus zu fliegen, gleitet aber nur summend am Glas herab, läuft ein Stück auf dem Fensterbrett und unternimmt einen neuen Anflug, der genauso endet wie der vorige. Dann fliegt sie durchs Zimmer. "Was glauben Sie, warum Ihr Mann fliehen wollte?", fragt Ulrike. "Das ist mir selbst schleierhaft. Sie hätten ihn kaum länger dabehalten können. Er war zuversichtlich, daß er bald entlassen werde und nach Hause käme." Sie senkt den Kopf und schluchzt. "Wie sie ihn abgeholt haben", sagt sie leise und ihre Hände zittern, als würde es gerade jetzt geschehen, "einfach weggerissen. Als er sich die Schuhe zugebunden hat, haben sie ihn auf den Rücken geschlagen. Alles stand noch auf dem Tisch, das ganze Abendbrot, er hatte nicht mal aufgegessen. Können Sie sich vorstellen, wie es ist, wenn man den Teller von jemandem wegräumen muss, den sie gerade in einen Keller sperren und verprügeln?" "Nein." Eckart sagt nichts und döst vor sich hin. Der Brummer knallt abermals gegen das Fenster.

"Sie sagen, er hoffte entlassen zu werden. Hatten Sie denn Kontakt zueinander?" "Wir konnten uns schreiben, zweimal im Monat. Ich konnte keine Andeutung wegen einer Flucht herauslesen." "Vielleicht hat er befürchtet, man würde die Briefe kontrollieren." "Natürlich hat man sie kontrolliert. Fritz und ich, wir haben uns auf unsere Weise verstanden, wenn wir uns etwas mitteilen wollten, das andere nicht erfahren sollten." "Mit einer Geheimschrift?" Frau Burmeister lächelt nachsichtig. "Eine Geheimschrift, Kindchen, da hätten sie ihn ja gleich hoppgenommen. Nein, wir hatten so unsere Formulierungen, scheinbar ganz belanglose Sätze, die nur für uns etwas Bestimmtes bedeuteten." "Dann war er vorher schon mal inhaftiert?" Sie nickt. "Warum erzähle ich Ihnen das alles, es ist leichtsinnig von mir, aber es ist sowieso vorbei. Wenn er eine Flucht geplant hätte, hätte er zum Beispiel geschrieben, daß sich das Taubheitsgefühl in seinem linken Fuß frühmorgens wieder bemerkbar macht." Ulrike schaut sie ungläubig an. Was für ein ausgeklügeltes System musste das gewesen sein? Und dennoch wollte diese Frau keine Ahnung davon haben, weshalb ihr Mann im Lager war?

Ulrike sieht zu Eckart hinüber, der die Fliege an der Scheibe beobachtet. Sonnenstrahlen fallen durch das Fenster herein. Ulrike schaut sich in dem Zimmer um, es ist primitiv eingerichtet, ein paar Möbel, ein alter Teppich. Bis auf eine Vase mit Wiesenblumen kein Schmuck, nicht mal Gardinen oder eine Tischdecke. "Sie wird die Wahrheit nie erfahren", sagt Eckart plötzlich, und die beiden Frauen sehen ihn verwundert an, als hätte er etwas auf Japanisch gesagt. "Wovon redest du?" Eckart zeigt auf die Schmeißfliege am Fenster. "Die Fliege. Sie wird nie erfahren, was es mit dem Glas wirklich auf sich hat. Sie glaubt, da wäre nichts und sie könnte geradewegs weiterfliegen. Aber Irrtum! Da ist die Glasscheibe, ein Nichts, durch das sie dennoch nicht durchkommt. Wahrscheinlich wird sie niemals auch nur eine blasse Ahnung davon bekommen, um was es sich eigentlich handelt, auch in Millionen Jahren nicht, in denen sich das Fliegenhirn entwickeln wird."

"Seien Sie nicht voreilig mit solchen Voraussagen", meint Frau Burmeister, anscheinend froh darüber, das Thema zu wechseln, "man kann nie wissen, wozu der liebe Gott ein Geschöpf befähigen wird." "Der liebe Gott?", sagt Eckart, "Meinen Sie wirklich, er hat einen Plan? Mal angenommen, es wird so kommen, und alle Fliegen werden das Wesen und die Beschaffenheit der Fensterscheibe erkennen, warum, frage ich Sie, warum war es dann nötig, eine so lange Zeit der Unwissenheit vorausgehen zu lassen? Eine Zeit, in der Millionen und Abermillionen von Fliegen an den Fensterscheiben der Welt elend zu Grunde gegangen sind?"

"Da haben wir einen richtigen Philosophen unter uns", meint Frau Burmeister, und Ulrike sagt "Ich habe zwar gewusst, daß dir manchmal sonderbare Sachen durch den Kopf gehen, aber daß du sogar an einer Naturgeschichte der Fliegen arbeitest, das ist mir neu." "Tun Sie das wirklich?" Eckart macht eine abwehrende Handbewegung zu Ulrike hin und erwidert spöttisch "Ja ja, und wenn ich damit fertig bin, schreibe ich eine Naturgeschichte der Mädchen." "Bis zu welchem Jahr reicht die?" "Bis neunzehnhundert neununddreißig." Frau Burmeister lacht. "Ich dachte jetzt eher bis neunzehn." "Wieso? Was war denn im Jahre neunzehn?" "Der Sieg der Frauenheit über die Männerherrschaft." "Männerherrschaft? Welcher Mann herrscht denn über dich?" "Gar keiner, eben darum, ich habe ihn abgeschüttelt." "Wie alt sind Sie eigentlich?" "Einundzwanzig. Und er ist nicht mal so alt, er ist nämlich noch im Fliegenalter", dann fügt sie zu ihm gewandt hinzu "pass' auf, daß du nicht selbst an so einer Fensterscheibe landest." Er schaut sie so entgeistert an, daß ihr das Lachen vergeht. "Keine Sorge." "Hach, nimm' doch nicht gleich alles so ernst." "Mach' ich gar nicht", sagt er, steht auf, öffnet das Fenster und scheucht die Fliege hinaus, die davonfliegt, als müsste sie sich nun aber beeilen. "Wollen wir dann fahren, Frau Burmeister?" "Ja, natürlich."

Sie räumt die Kaffeetasse weg und holt ihre Handtasche aus dem Kleiderschrank. Es klopft an die Tür. "Die Wäsche", ruft sie aus, "das hätte ich beinahe vergessen. Herein." "Guten Tag allerseits, ich hatte Stimmen gehört, Sie haben Besuch, Frau Burmeister?" Ulrike sagt erstaunt "Stolle? Was machst du hier?" "Tach'chen Ulrike, nichts Besonderes, nur ein paar Botengänge." Frau Burmeister ist in das Nebenzimmer gegangen, Ulrike sieht durch die offene Tür auf einem robusten Arbeitstisch eine Nähmaschine stehen und unbewusst denkt sie an Hans, der von der Druckerpresse gesprochen hatte.

"Es ist alles fertig, nur von dem David an der Hose musste ich etwas abschneiden, damit der Stoff reicht." "Das wird ihn nicht weiter stören", meint Stolle. Dann sagt er zu Ulrike, die gern wissen möchte, was das zu bedeuten hat "Das ist die Arbeitskleidung für die Chaluzzen." Frau Burmeister ergänzt "Hier im Haushalt haben sie eine alte Nähmaschine, und weil ich Nähen gelernt habe, bessere ich die Sachen aus." "Für wen?" "Für die jüdischen Pioniere, sie betreiben hier ein landwirtschaftliches Gut." "Ich nenne sie Chaluzzen", sagt Stolle und stapelt sich die Wäsche auf den Arm. "Sie heißen Chaluzim, sie gehören zu diesem religiösen Bund, in dem sich die Jugendlichen auf die Auswanderung nach Palästina vorbereiten." "Ich denke, nach Südamerika", murmelt Stolle. "Oder so", sagt Frau Burmeister. "Und was machen sie hier? Kampfübungen?", fragt Ulrike. Stolle lacht. "Ja, sie bekämpfen den Kartoffelkäfer und die Schnecken." "Sie erhalten eine Ausbildung, damit sie dann in ihren neuen jüdischen Siedlungen arbeiten können, nicht wahr, so ist es doch."

"Wahrscheinlich, so ungefähr. Ich muss gehen, der Herr Heilbrunner wartet." Ulrike kommt der Name bekannt vor. "Heilbrunner? Etwa der Viehhändler, Vater Abraham?" "Sein Sohn, er ist Anwalt." "Gewesen." "Und der leitet die landwirtschaftliche Ausbildung?" "Einer muss es doch machen." "Versteht er denn was davon?" "Wird wohl niemand nach seinem Zeugnis gefragt haben." "Können wir nun endlich?", fragt Eckart. Ulrike sagt "Kann man die mal besuchen?" "Wen fragst du jetzt? Mich?" "Na, ich weiß ja nicht, machst du denn da auch richtig mit?" "Nee, ich bin weder 'n Jude noch will ich von hier weg, ich mach' das nur aus Gefälligkeit und weil ein Stück von dem Acker zufällig meinem Onkel gehört. Von mir aus kannst du mitkommen." Ulrike schaut Eckart an, der zuckt mit den Schultern und sagt "Mach' nur, ich nehme dich dann wieder mit, wenn ich Frau Burmeister zurückgebracht habe."

Ulrike hat sich völlig falsche Vorstellungen gemacht. Was Frau Burmeister ein landwirtschaftliches Gut nannte, ist auf den ersten Blick ein größerer Gemüsegarten am Weg nach Trautleben, auf dem ein halbverfallenes Stallgebäude und ein paar Schuppen stehen. Jakob Heilbrunner ist alles andere als erfreut darüber, daß Stolle jemanden mitbringt, und nur die Tatsache, daß Ulrike eine junge Frau ist, lässt ihn einigermaßen höflich erscheinen. Stolle bemerkt sein frostiges Verhalten und sagt "Sie hat gefragt, ob sie mithelfen kann". Ulrike verkneift sich einen Einwand gegen diese Unterstellung, und Jakob entgegnet sowieso "Wir brauchen momentan keine Hilfe." Er hat sie nicht einmal durchs Gartentor gelassen. Sie sagt zu Stolle "Wo kann ich denn jetzt am besten warten, bis Frau Burmeister wiederkommt." "Wie lange wird'n das dauern?" "Zwei, drei Stunden." "So lange willst du hier 'rumstehen?", sagt Stolle fast vorwurfsvoll. "Na, hätte ich gewusst, daß man mich hier fortjagt, wäre ich nicht geblieben." "Dich will doch niemand fortjagen, nicht wahr Herr Jakob?" "Es geht mich nichts an, ich muss mich um meine Arbeit kümmern. Bring' die Wäsche in den Gemeinschaftsschuppen." Jakob macht auf dem Absatz kehrt, Stolle flüstert "Ich regel das schon".

Da fährt auf dem ausgewaschenen Sandweg ein Auto heran, Jakob kommt zum Zaun zurück, Stolle bleibt mit der Wäsche stehen. "Guten Tag, Herr Heilbrunner", ruft der Mann laut, als er aussteigt. Man merkt seinem Gruß an, daß er mit Rücksicht, oder genauer gesagt, mit Vorsicht auf die beiden anderen, einen unpersönlichen Ton anschlägt. Jakob, der ohnehin nicht gutgelaunt ist, fragt geradeheraus "Was ist, Kamnitzer, bringen Sie mir wenigstens freudige Nachrichten." "Nun nun, immer langsam", erwidert der Herr Kamnitzer und mustert Ulrike aufmerksam. "Wer sich an einem so schönen Tage in Gesellschaft einer so hübschen Frau befindet, wie kann der noch Freude vermissen. Ich bin ergebenst der Viktor Kamnitzer." "Ich heiße Ulrike Friedewald." "Friedewald?" Er wendet sich zu Jakob. "Es gab vor zweihundert Jahren in Eisenach einen Gelehrten Isaak Friedewald." Dann wieder zu Ulrike "Sind Sie mit dem verwandt?" Stolle mischt sich ein. "Das versuche ich ihr schon lange begreiflich zu machen, daß ihre Wurzeln bis dahin zurückreichen." Jakob schüttelt verständnislos den Kopf.

"Eyeyey", macht Kamnitzer, "einige schöne Formulierungen sind in den Kommentaren des Isaak zu lesen, aber daß er auch für solch' bezaubernde Nachkommen gesorgt hat, das offenbart sich mir erst jetzt." "Eine diesbezügliche Verbindung ist überhaupt nicht nachgewiesen", sagt Jakob, als habe er ein Gutachten über Ulrikes Familiengeschichte erstellt. "Aber auch nicht auszuschließen", meint Stolle. "Ich weiß nicht, um meinen Ahnenpass und den ganzen Kram hat sich mein Vater gekümmert, und der wohnt in Taubach, wir sehen uns nicht oft", sagt Ulrike. Jakob meint bissig "Wenn da ein Isaak Friedewald aufgeführt wäre, hätte man sie schon unmissverständlich darauf aufmerksam gemacht." "Sie können mich ruhig direkt ansprechen, Herr Heilbrunner", sagt sie, und er schluckt. "Da haben Sie's, Jakob. Nun lassen Sie uns mal die Angelegenheit besprechen, weswegen wir eigentlich hier sind." Er legt Jakob den Arm um die Schulter, und sie gehen in einen der Schuppen.

Stolle sagt "Warte eine Minute, dann schaffe ich die Sachen rein und sage Bescheid, daß wir nach hinten gehen." "Wo nach hinten?" Stolle deutet mit dem Kopf an das Ende des Gartens. "Da schließt sich ein Acker an, wo die Chaluzzen arbeiten." "Du musst ihm aber auch sagen, daß ich mit hin gehe, sonst jagt er mich wirklich fort." "Er ist nur misstrauisch, das ist alles." "Wer ist der Kamnitzer?" "Von irgend so einer jüdischen Vereinigung, die die Auswanderung organisiert. Die warten hier alle auf das nötige Geld und die Papiere. Die Burmeister hat übrigens auch was von ihrem Geld gegeben, aber das ist nicht genug. Das ist schon komisch, bei denen reicht es nicht zum Hierbleiben und nicht zum Fortgehen. Für den alten Heilbrunner haben sie wohl alles soweit zusammen, und für ein paar andere auch." "Der Jakob hat doch noch kleine Kinder." "Das ist das Problem, damit kann man eben nicht mal schnell eine größere Reise machen, und da in Südamerika oder wo die hin wollen, da müssen die Kinder auch versorgt sein."

Hinter einer Reihe flachverzweigter Obstbäume erhebt sich ein kleiner, zum Teil mit Gras und Unkraut überwucherter Wall, und jenseits davon, von Hainbuchenhecken, Weiden und kurzen Stücken Bretterzaun gesäumt, erstreckt sich ein Feld, das in Parzellen aufgeteilt ist. Einzelne große Bäume, Walnuss, Linde, wilde Kirsche sowie Geräteschuppen, Komposthaufen, Bohnenspaliere, auch eine dichtberankte Gartenlaube lassen das Gelände wenig übersichtlich erscheinen. "Hier hat man seine Ruhe", sagt Stolle, "da kommt kein Schwein aus der Stadt her." "Und die Leute hier wissen das?" "Das sind Bauern, die haben einen Dickschädel und interessieren sich nur für das Wetter und sorgen sich um ihre Ernte. Die meisten wissen nicht mal, daß es Juden hier gibt." "Und wo sind sie?" "Wer?" "Die Pioniere." "Na da." Er zeigt auf eine kleine Gruppe, die auf einem Gemüsebeet Unkraut zupfen. "Die Kinder?" "Dachtest du, das wäre ein Altersheim?" "Das sind alle?" "Neun Leute." "Und für die kriegt man nicht das Geld zusammen?" "Was denkst du, was allein die Auswanderungssteuer kostet. Und das Vermögen von den Eltern hat man so ziemlich beschlagnahmt. Jedenfalls weiß ich von der Esther, daß sie in Hersfeld die Sachen von ihren Eltern öffentlich versteigert haben." "Ist die Esther auch dabei?" "Ja, die in der kurzen Hose. Wenn du mit ihr redest, wunder' dich nicht, sie hat einen Sprachfehler."

Ulrike sagt Hallo zu den Leuten. Stolle sagt "David, kannst du Ulrike mal die Tomatenstauden zeigen, sie versteht eine Menge von Tomaten." "Ja." "Ähm, ich ..." "Was für 'ne Sorte bevorzugen Sie?" "Keine bestimmte. Du kannst mich auch duzen." "In Ordnung. Ich meine auch, daß man zuviel Theater macht wegen der Züchtung", sagt David, der zwei Köpfe kleiner ist als sie und dessen Augen irgendwie schläfrig wirken. Dabei ist er ganz fidel und springt wie ein Zicklein zwischen den Pflanzen herum. "Höchstens die grünen", sagt er, "die mag ich, wenn sie sauer eingelegt sind." "Ach Gott ja, solche habe ich früher mal gegessen." "Und wie fandest du sie?" "Na ja, wie Gurken." David zieht die Brauen hoch und seine Augen bekommen einen Ausdruck, als hätte er etwas nicht begriffen. "Wie Gurken?", fragt er gedehnt, "das muss ja 'ne seltsame Sorte gewesen sein." "War es auch."

"Hier probier' die", sagt er und reicht ihr eine Tomate, "die sieht zwar so hell aus, aber das täuscht, im Geschmack sind die Klasse, na?" "Hm, fast ein bisschen süßlich." "Stimmt. Also die habe ich selber großgezogen. Und die da drüben - er macht einen Schwenk mit der Hand - da habe ich geholfen." "Man kann sie auf Butterbrot essen, mit Zwiebeln und Salz und Pfeffer." "Kenn' ich. Aber wir haben hier keine Bäckerei, und eine Kuh ist auch nicht da." Ulrike will einwenden, daß man Brot und Butter einfach im Laden einkaufen könnte, aber dann sagt sie nichts. "Zwiebeln und Lauch wachsen dort, Zwiebeln sollen sehr gesund sein." Zwei andere von den Pionieren kommen hinzu, Esther und ein Junge. Er flüstert David etwas zu, dann entfernen sie sich wieder.

David sagt "Gut, daß du da bist, jetzt kann mir endlich jemand erklären, warum Tomaten Nachtschattengewächse heißen." Ulrike beißt in die Tomate, daß der Saft zur Seite spritzt, sie beugt sich nach vorn, um sich nicht zu bekleckern, jedoch will sie nur Zeit gewinnen, um sich eine Antwort zu überlegen. "Weißt du's denn nicht selbst?" "Würde ich dann fragen? So'n merkwürdiger Name: Nachtschattengewächs, nachts gibt es doch keinen Schatten." "Du meinst, weil es sowieso dunkel ist." David schaut sie zweifelnd an. "Kannst du's sagen oder nicht?" "Ja ja, Moment, ich will erst mal die köstliche Tomate aufessen." "Hast du ja nun." "Also. Die Tomatenpflanze stammt aus Südamerika und war hier in Europa ganz unbekannt. Aber auch in Südamerika war sie äußerst selten, so selten, daß in vielen Ländern dort nur Zeichnungen davon existierten, und zwar ganz unterschiedliche Zeichnungen." "Weil sie keiner mit eigenen Augen gesehen hatte." "Genau."

Sie macht eine Pause, um zu überlegen. "Und?" "Was man zuverlässig wusste war, daß am Hof des Königs Quitzkoatl, das war so ein Eingeborenenkönig, in dessen Gemüsegarten eine prächtige Tomatenstaude wuchs. Und den Früchten, die der König davon erntete, sagte man natürlich die wundersamste Wirkung nach, besonders eine Heilwirkung auf das Blut." "Wegen der roten Farbe?" "Ja. Das sprach sich in der ganzen Gegend herum, und es kamen Ärzte und Gelehrte und wollten die Tomatenpflanze besichtigen und studieren. Aber der König Quitzkoatl wollte das verhindern. Einfach wegschicken konnte er die Leute nicht, weil da auch welche darunter waren, die von seinen Freundkönigen und auch von den Feindkönigen kamen, und denen musste man diplomatisch entgegenkommen." "Was heißt diplomatisch?" "Na, sie freundlich behandeln und ihnen trotzdem nichts verraten."

"Ach so, wie der Hitler mit dem Dschemberlein." "So ungefähr. Deswegen hat er zu den Leuten gesagt: Das ist nicht nur eine seltene, sondern auch eine seltsame Pflanze, sie gedeiht nämlich nur nachts, sie benötigt zum Wachsen den sogenannten Nachtschatten, der selbst natürlich sehr rar ist. Ihr könnt sie euch gern ansehen, allerdings nur im Dunkeln, anders ist es leider nicht möglich. Und weil die Leute eine lange Reise gemacht hatten, nahmen sie das Angebot an und sind nachts im Finstern durch den Gemüsegarten gestolpert, und zwar durch den Teil, wo bloß Unkraut wuchs, und sie haben auch nichts gesehen. So blieb das Geheimnis der Tomatenpflanze lange Zeit gewahrt. Interessant, was?" "Und dann hat sich jeder ausgedacht, wie sie aussieht und hat es aufgezeichnet." "Ja, weil keiner zugeben wollte, daß er keine Ahnung hat."

"Aber irgendwann musste sie dieser König doch rausrücken." "Als der Kolumbus kam, dem konnte man nichts verheimlichen. Oh, da sind auch Erdbeeren." "Kannst du nehmen", sagt David, der über die Tomatengeschichte nachsinnt. "Dann war das ja damals schon so was wie eine Verdunkelungsaktion, wie sie's heute machen." Ulrike lacht. "Kann man so sagen, nur daß der Hitler keine Tomatenpflanzen versteckt, auf die es die anderen abgesehen hätten. Mein Bruder sagt, es würde sich sowieso immer alles wiederholen, was so in der Weltgeschichte passiert." "Das hat der König Salomon schon gesagt." "Der auch?" "Deine Erklärung hat mir gefallen." "Freut mich." "Ich will dir auch was erzählen." "Ich höre." "Das habe ich von dem Herrn Wiesen. Also da war ein Jude, der fragte den Rabbi: Rabbi, wie entsteht eigentlich Regen? Der Rabbi antwortete, das ist so: Die Wolken sind wie große, nasse Schwämme. Und wenn der Wind geht, stoßen sie aneinander und werden zusammengepresst, dann kommt das Wasser heraus. Der Jude fragt: Rabbi, wie könnt Ihr beweisen, daß es wirklich so ist? Und der Rabbi sagt: Du siehst doch, es regnet."

Ulrike schaut den Jungen an, als erwarte sie noch etwas, doch der ist fertig, und Ulrike sagt "Lustig. Ich weiß jetzt bloß nicht, warum du mir gerade diese Geschichte erzählst." "Weiß ich auch nicht genau." Ihr Blick fällt auf einen Schuppen, der mit Zweigen und Laub abgedeckt ist. "Wie ich sehe, tarnt ihr euch auch." "Was?" "Der Schuppen da, denn soll man wohl nicht gleich entdecken können." "Ach so, ja." "Kann ich mich denn bei euch ein bisschen nützlich machen?" "Bohnen müssen geschnippelt werden, kannst du das?" "Klar. Oh, da fällt mir was ein, kann man hier irgendwo telefonieren? Ich würde Eckart Bescheid sagen, er soll Brot und Butter mitbringen, da könnten wir schönes Tomatenbrot essen." "Ich werd's mal den anderen sagen."

Die sitzen in gemütlicher Runde und machen Pause. David sagt etwas zu ihnen, das Ulrike nicht versteht, die anderen lachen. David sagt zu ihr "Du kannst uns einen Gefallen tun und dort aus dem Schuppen einen Spaten holen, den brauchen wir zum Umgraben." "Ich denke, es ist Bohnenschnippeln angesagt?" "Ja, danach. Der Spaten ist ganz leicht, du findest ihn gleich." "Also gut." Sie zögert. "Aber ihr wollt mich jetzt nicht auf den Arm nehmen oder so?" "Überhaupt nicht." Ulrike marschiert zu dem Schuppen, dessen Dach mit Blätterzweigen abgedeckt ist. Ihr scheint es, als würden die anderen kichern oder jedenfalls ein Gelächter unterdrücken. Sie macht die Holztür auf, der Schuppen ist vollkommen leer, nicht die Spur von einem Spaten oder sonst einem Gerät. Die Pioniere platzen los vor Lachen, da kommen Jakob Heilbrunner und Stolle vom Vordergarten her. Ulrike steht noch in der Schuppentür, Jakob sagt "Was fällt Ihnen ein, die Hütte zu betreten." "Moment mal, Ihre scheinheiligen Pioniere haben mich veräppelt und hier rein geschickt." "Ist das wahr?", fragt er die Meute. "Wir meinten den anderen Schuppen", sagt ein Mädchen. "Du lügst." "Wir lügen nicht", sagt Jakob. "Sie lügt", beharrt Ulrike, "ich finde das gemein."

"Wenn du lügst Susanna, wirst du das eingestehen und dich sofort entschuldigen", sagt Jakob zu dem Mädchen. Susanna senkt verlegen den Kopf und murmelt etwas. "Das war nicht zu hören." "Wir haben uns bloß einen Spaß gemacht", sagt David und wendet sich zu Ulrike "wir entschuldigen uns alle bei Ihnen." "Was sollten Sie denn da drin machen?", fragt Jakob. "Einen Spaten holen." Alle lachen, auch Jakob lächelt. "Das ist kein gewöhnlicher Schuppen, es ist unsere Sukka, eine Behausung für das Laubhüttenfest." "Woher soll ich das wissen. Schicken Sie alle Ungläubigen da hinein, um sie zu verspotten?" Jakob schweigt, und man sieht ihm an, daß ihn Ulrikes Vorwurf getroffen hat. "Es sind Kinder, die kaspern halt ein bisschen herum", sagt er und in seiner Stimme liegt zugleich ein Angebot, Ulrike höflicher zu behandeln, als er es bis vor wenigen Minuten getan hat. Auch Ulrike lenkt gleich ein. "Ich verstehe, daß Sie eine Menge Probleme um die Ohren haben, mit der Ausreise und so." Sofort legt Jakob wieder die Stirn in Falten. "Was wissen Sie darüber?" "So gut wie nichts." Dann fügt sie herzlich hinzu "Ich glaube, wenn ich in Ihrer Lage wäre, würde ich es genauso machen." "Gartenbau betreiben?" "Ja, und mich vorbereiten." "Das klingt vielleicht verheißungsvoll, aber wenn man nicht sicher ist, worauf man sich vorbereiten soll, kommt es einem manchmal nur unsinnig vor, als würde man Kerzen kaufen, obwohl man weiß, daß man ihr Licht nicht erleben wird."

Ulrike versteht nicht ganz, wie dieser Vergleich gemeint ist, und sie möchte gern mehr darüber erfahren, wohin die Pioniere ihre Auswanderung planen, doch dann erkundigt sie sich besser danach, was es mit der Laubhütte auf sich hat. Jakob erklärt ihr, das Fest werde begangen in Erinnerung an den Auszug des Volkes Israel aus Ägypten, als die Menschen in einfachen Hütten hausen mussten. Daher sei der Schuppen auch leer, zum Zeichen, daß man praktisch keine Habe hat außer das Hemd auf dem Leib.

David kommt hinzu und fragt, wie es es nun stehe mit dem Bohnenschnippeln. Dann sitzen sie auf Bänken zu Seiten eines alten, aber stabilen Holztisches im Schatten einer Hecke und einiger hoher Sträucher. Ulrike ist wirklich recht flink, obwohl sie solcher Beschäftigung lange nicht mehr nachgegangen ist. David erörtert Fragen des Gemüseanbaus und was nach der Tradition eine Mischfrucht sei und was nicht, was demnach zusammen auf einem Feld angebaut werden könne und was nicht, und er zählt Dutzende von Gemüsesorten und Früchten auf und schließlich hält ihm Esther die Hand vor den Mund, damit er aufhöre.

Ulrike fragt nach den Herren, die vorhin da waren, und Jakob setzt ihr auseinander, wie es sich mit den zionistischen Vereinigungen und ihren Auswanderungs Bestrebungen verhält, und Ulrike kommt das alles sehr verworren und unnötig kompliziert vor, und sie äußert das zu Jakob, der ihr teilweise zustimmt. "Das alte Problem ist dieses", meint er, "daß ein Jude, der außerhalb des Landes Israel lebt, etwas Anrüchiges hat, denn es heißt: 'Jeder, der außer Landes wohnt, gleicht einem, der keinen Gott hat'. Im Alten Testament steht: 'sie verstoßen mich von dem Eigentum des Herrn und sprechen: Gehe hin und diene anderen Göttern.' Das ist das Dilemma, wenn wir aus Deutschland vertrieben werden, wird es heißen: warum lebten sie auch dort, wo nicht ihr Gott war und hatten dieses Land zu ihrer Heimat erkoren. Erst wenn ihnen das Wasser bis zum Halse steht, brechen sie auf und wollen zurückkehren in das gelobte Land und zu ihrem Gott."

Ulrike wendet ein, daß die Juden auch hier Gotteshäuser und Gottesdienst hatten. "Allerdings", bestätigt Jakob, "aber es liegt eine fatale Doppeldeutigkeit darin, daß unsere Gotteshäuser nun niedergebrannt werden, denn einerseits wiederholt sich an uns heute das Schicksal der Israeliten unter der Herrschaft Ägyptens, andererseits - da dies zweitausend Jahre zurückliegt - kann es auch als Strafe aufgefasst werden, welche die verlorenen und unbelehrbaren Söhne in der Fremde trifft, und manch einer wird sagen: es geschieht ihnen recht." "Der verlorene Sohn, er wird soviel ich weiß, von seinem Vater mit offenen Armen zu Hause empfangen." "Ja, er verzeiht ihm. Der eine bereut, der andere verzeiht. Aber es wird Millionen verlorener Kinder geben, und ich befürchte, nur ein geringer Teil davon wird zu Hause ankommen." "Und was wird mit den anderen geschehen?" Jakob antwortet nicht und die anderen schweigen alle, und Ulrike bemerkt in Jakobs Augen einen Tränenschleier.

"Es ist seltsam", sagt Ulrike später zu Eckart, als sie nach Gothardau zurückfahren, "als ich dort saß, zwischen den Pionieren, habe ich mich richtig glücklich gefühlt, es war beinahe so, als wären sie zu mir gekommen und nicht ich zu ihnen. Bin ich nicht ziemlich eingebildet, daß ich so denke?" "Vielleicht willst du im Stillen bloß, daß sie dableiben", erwidert Eckart. "Wenn man da sitzt, in dem Garten, wo alles grünt und blüht und Früchte trägt, und es ist ruhig und friedlich, die Luft duftet und die Menschen sind froh und freundlich, da kann man überhaupt nicht begreifen, wie es etwas geben kann, das alles ins Verderben stürzen will." "Du meinst das Böse." "Das Böse? Ja - nein, das klingt wie im Theater. Ich weiß nicht, was es ist und woher es kommt. Ich befürchte nur, man muss immer damit rechnen. Immer wird irgendwo irgendwer gezwungen sein, sich vor etwas zu schützen oder davor zu fliehen." "Man kann sich auch dagegen wehren." "Schon möglich, daß sich das jemand zutraut, ich nicht. Ich würde wahrscheinlich immer den Weg des geringsten Widerstandes gehen." "Der kann auch weit und steinig sein." "Lieber ein armseliger Pilger als ein verzweifelter Gefangener." Eckart schaut sie mit bewundernder Miene an. "Ulrike, in dir steckt was Besonderes."

* * * * *

Erich Oschatz ist angeschmiert worden. Ob es nun die Sache mit den Gasmasken war oder sein sträfliches Verhalten bei der Verdunkelungsübung, seine mangelhafte Arbeitsmoral, seine Trunksucht, die ihn ständig zu spät an der Autobahnbaustelle erscheinen ließ, wenn er überhaupt kommt. Ob es die offensichtliche Hilflosigkeit und Untätigkeit bei der Erziehung seines Kindes ist, für die ihn die Schulbehörde zu einem abschreckenden Beispiel familiärer Verwahrlosung abstempelt, seine zweifelhafte Beziehung zu der unverheirateten Ulrike, von der auf einmal jeder weiß, daß sie bei der Sicherheitspolizei vorgeladen worden war und man ihr den Reisepass abgenommen hatte.

Die Kielgass, die impertinente "Bürgerreporterin", hat einen Artikel über "Schädlinge der Volksgemeinschaft" verfasst, in dem unter anderen der "Erich O. und seine Kollegen von der Schnapstrinker-Fraktion" angegriffen werden, und darin taucht sogar (ohne Namensnennung) ein "Lotterliebchen" von ihm auf, das Beziehungen zu zweifelhaften Personen hat, die "unserer Stadt einst schmählich den Rücken gekehrt haben" und die nun "mit Juden schmutzige Geschäfte machen".

Als am Rathaus von der Gedenktafel für die Winterhilfe ein großes Stück abbröckelt und einem Passanten auf die Füße fällt, der unglücklicherweise ein Mitglied der Kreisleitung der Partei ist, und dieser Vorfall zu einem gezielten Akt politischer Sabotage hochstilisiert wird, da heißt es, Erich Oschatz sei an der Anbringung der Gedenktafel maßgeblich beteiligt gewesen und offensichtlich auch daran, daß sie in skandalöser Weise heruntergefallen ist. Ein schlimmes Donnerwetter braut sich über seinem Kopf zusammen. Es hagelt Schreiben von allen möglichen Ämtern, von der Stadtverwaltung über die Gauleitung bis zur Arbeitsfront und Volkswohlfahrt, in denen die kleinsten Verstöße gegen seine Verhaltensweise als Volksgenosse geahndet werden.

Er muss Geldleistungen, detailliert bis auf die Pfennige, zurückzahlen, die er angeblich unberechtigt erhalten, man schreibt wörtlich "erschlichen" hat. Man listet ihm die Mittel auf, die Karlchen auf Kosten des Reichsbildungsministeriums und letztlich auf Kosten der anderen, vorbildlichen Schüler in Anspruch nimmt, weil sein eigener Vater dafür nicht aufkommen kann oder höchstwahrscheinlich sogar nicht aufkommen will. Schließlich fällt der Verdacht auf ihn, als bei der Autobahn wertvolles Baumaterial abhandengekommen ist, und das in der gegenwärtig äußerst angespannten Lage, wo es an allen Ecken und Enden mangelt.

Das Schlimmste jedoch an allem ist, daß Erich zu schwach geworden ist, sich zu wehren, etwas zu seiner Rettung zu unternehmen, und daß er aus seiner Bedrängnis keinen anderen Ausweg findet als die verhängnisvolle Betäubung mittels des Alkohols, den er aus irgendeiner, leider unversiegbaren Quelle bezieht, und der ebenso billig wie minderwertig ist, ja, eigentlich schon ungenießbar ist. Ulrike geht schon gar nicht mehr gern zu ihm, auch immer seltener, und nur aus Sorge um Karl und aus Mitleid mit ihm, der gezwungen ist, das Drama mitanzusehen, führt sie der Weg zu Vater und Sohn Oschatz hin.

Dazu sein unerträgliches Jammern und Klagen. Ständig tut ihm etwas weh, mal ist es das Bein, dann der Rücken, dann der Kopf, dann fängt es wieder unten an. Ulrike weiß, daß die Arbeit auf der Baustelle schwer ist und die Gesundheit ruiniert, doch für Erich sind alle seine Plagen so etwas wie Rechtfertigungen geworden, mit denen er mit absurdem Fatalismus seinen Verfall begleitet. "Was soll ich dagegen tun?", sagt er zu ihr, "Es ist nun mal beschlossene Sache, daß es mit mir zu Ende geht, lange wird es nicht mehr dauern, dann seid ihr mich los." "Na großartig", braust Ulrike auf, "dann frage ich mich, worauf du wartest." "Worauf ich warte? Verlangst du etwa von mir, daß ich selber Schluss mache? So unmenschlich bist du? Hätte ich das nur eher gemerkt." "Und hätte ich nur eher gemerkt, daß du nicht nur dein eigenes Leben zerstörst, sondern mindestens auch das von deinem Sohn, dann ..." "Was wäre dann gewesen?" "Dann hätte ich nie einen Fuß in deine Wohnung gesetzt, du wärst mir völlig egal gewesen." "Wie kann einem etwas egal sein, das man nicht kennt?" "Häh?" "Du verwechselst immer Ursachen und Folgen. Du glaubst, die Ursache meiner Sauferei ist mein schwacher Willen. Dabei ist deine Abscheu gegen mich nur die Folge meiner Verelendung." "Jetzt nimmst du wohl eure Proleten Masche wieder auf? Ursache oder Folge, das ist einerlei, ich stelle nur fest, daß ihr beide hier völlig verwahrlost - und schieb' das bitte nicht auf mich! Weißt du, wo Karl ist?" "Er muss sich nicht extra bei mir abmelden, ich lasse ihm die Freiheit." "Ha ha. Es interessiert dich gar nicht, so ist es." "Er redet nicht mehr so offen mit mir, das schmerzt mich." "Und du meinst, mit einem Schluck Schnaps kannst du das lindern. Siehst du nicht, daß es Karl viel mehr schmerzt, so ein Wrack zum Vater zu haben?" "Wenn das mit meinem Rücken wieder besser ist, werde ich mit Karlchen was unternehmen, das habe ich fest eingeplant." "Eben wolltest du noch fast auf der Stelle abkratzen." "Das kann freilich vorher passieren. Deshalb wollte ich dich auch fragen, ob du ..."

"Erich, halt die Klappe, bitte." Sie macht eine abwehrende Geste. "Ich habe jetzt endgültig die Nase voll davon." Sie dreht sich um und macht ein paar Schritte, sie verbirgt ihr Gesicht in Händen. Erich nutzt den Moment und nimmt einen Schluck aus der Flasche, dann sagt er leise "Aber du hängst doch viel zu tief mit drin." Sie fährt herum und schreit "Wo hänge ich mit drin? In deinem verdammten Bockmist? Das alles hier geht mir gleich so was von am Arsch vorbei!" "Schrei nicht so laut." "Doch, ich schrei, damit das in deinen dämlichen Schädel eingeht: Du allein bist für das ganze Unheil verantwortlich! Du bist schuld daran, daß alles über dir zusammenkracht und bald nichts mehr übrigbleibt als ein bisschen Müll und leere Flaschen. Und du bist auch schuld daran, wenn sie Karl wegholen und in ein Heim stecken, wo er sich vielleicht noch an dich erinnern kann und an sein Zuhause, das du kaputt gemacht hast." Er schweigt. Sie unterdrückt die Tränen. Er sagt "Mit dem Heim, das ist lange nicht soweit."

Drei Tage später hat Erich einen Herzanfall und man schafft ihn ins Krankenhaus. Ulrike erfährt nichts davon. Als sie es in der darauffolgenden Woche nicht länger aushält und nach dem Rechten sehen will, ist Erich wieder daheim, aber Karl ist nicht da. Erich rückt nur zögernd damit heraus, was ihm widerfahren ist. "Halb so schlimm, geht mir schon wieder besser." Die Wahrheit ist, daß es im Krankenhaus keinen Schnaps gab, weshalb er dort den Gesunden simuliert hat, um entlassen zu werden. Es war auch nicht der erste Herzanfall und bei weitem nicht der heftigste.

Und in dem ganzen Durcheinander in der Oschatz'schen Wohnung taucht mit einem Mal Karl auf, der sich saubere Unterwäsche holen soll. Erich ist genauso fassungslos wie Ulrike. "Frau Überreuther hat gesagt, ich soll Unterhosen und Strümpfe von zu Hause holen." "Wer ist Frau Überreuther?", fragt Ulrike. "Vom Kinderheim in der Seebergstraße, da bin ich jetzt." "Mein Gott." "Hoffentlich benimmst du dich anständig", sagt Erich und massiert sein Brustbein. Karl hat seinen Rucksack aufgemacht. Ulrike schaut in seinen Schrank, in einem Fach liegt ein hingeworfenes Wäscheknäuel. "Und was bitte schön willst du mitnehmen?" "Ich hab' noch meine HJ Uniform, die hängt bei Papa im Schrank." "Ich denke, du brauchst frische Unterwäsche?" "Wenn's geht." "Daß ich da auch nie drauf geachtet habe", brummt sie. "Sonst hast du nirgends was?" Er schüttelt den Kopf. "Hatte ja schon was mitgenommen." "Wieviel?" "Was ich anhatte. Und noch 'n Paar, was Frau Überreuther eingepackt hat." "Die war hier?" "Freilich, die hat mich doch abgeholt. Von dir kann ich ja nich' was nehmen", sagt er und lacht. "Mir ist nicht nach Scherzen zumute." "Ach, so wild ist das nicht, jedenfalls solange ich in der Seebergstraße bleibe."

Ulrike muss sich hinsetzen. "Was soll das heißen? Wo sollst du denn hin?" "Mir haben sie's nicht so genau gesagt. Kommt darauf an, ob ich nach Hause kann oder nicht." "Und wenn nicht?" "Ich habe was von Erfurt aufgeschnappt oder noch weiter weg, ins Erzgebirge." "Hör' mal, das stimmt doch auch alles, was du sagst?" "Warum soll'n das nicht stimmen." Erich sagt "Hier ist ein Brief, Ulrike, ich glaube, da steht alles drin wegen Karl bezüglich. Ich bin jetzt erst dazugekommen, ihn aufzumachen." "Der ist doch gar nicht offen." "Na ja, ich dachte, bevor ich wieder was falsch mache, geb' ich ihn lieber gleich dir." "Guck mal rein", sagt Karl zu Ulrike, "wenn sie mich ins Erzgebirge verschicken, kannst du vielleicht mit." "So? Als was?", sagt Ulrike und liest den Brief.

"Ach du Scheiße." "Was ist?" "Sie schreiben, daß sie von Amts wegen den Antrag stellen, dir das Sorgerecht für Karl zu entziehen und ihn in staatliche Obhut geben wollen." "Und was heißt das im Klartext?" "Lass' sie doch erst mal ganz durchlesen." "Du mischt dich da nicht ein, wegen dir haben wir schon genug Scherereien." "Es wird nicht sofort angeordnet ..." "Gott sei Dank." "... Aber du kriegst bestimmte Auflagen." Karl lacht. "Wo denn hin?" Ulrike winkt ab, als hätte sie sich die Finger verbrannt. "Oh Schitt." "Bei Frau Überreuther darf man so was nicht mehr sagen." "Ich befürchte, das kannst du nicht erfüllen." "Was wäre denn das?" "Eine geregelte Arbeit mit einem Einkommen von mindestens hundertsiebzig Mark monatlich." Ulrike und Karl schauen ihn an. "Hundertsiebzig? Mit Überstunden und Extraschichten komme ich vielleicht auf hundertdreißig." "Außerdem muss Karl mindestens vier Stunden am Tag betreut sein." "Zählt auch Schule?" "Nein, zu Hause." "Was muss ich da machen?" "Du gar nichts, wir müssen was mit dir machen." "Du würdest ...?" "Ich meine, dein Vater müsste sich um dich kümmern." "Aber ich denke, er arbeitet in der Zeit?" "Das ist das Problem. Wahrscheinlich wissen die das genau. Die verlangen auch, daß ihr euch regelmäßig meldet, damit alles überprüft werden kann." "Was?" "Keine Ahnung, wahrscheinlich, welche Fortschritte Karl macht, in der Schule und in seinem Verhalten und so." "Soll ich da vielleicht 'n Gedicht aufsagen?" "Jetzt hör' auf, herumzuspinnen", sagt Erich, "wir müssen uns ernsthafte Gedanken machen, wie wir das hinkriegen."

"Na, ich muss jedenfalls wieder in die Seebergstraße, ich kann nur bis um vier wegbleiben." "Um vier?", sagt Erich. "Jetzt ist es gleich dreiviertel. Du kommst zu spät, und auf mich fällt wieder alles zurück." "Erich", weist ihn Ulrike richtig streng zurecht, "vielleicht bist du ab heute gefälligst etwas freundlicher zu Karl, er hat schon allerhand durchgemacht." Erich schaut ganz reumütig erst sie, dann ihn an, dann sagt er "Also, da nimm' wenigstens meine Uhr, damit du in Zukunft weißt, wie spät es ist." "Danke." "Ich komme mit und rede mit Frau Überreuther", sagt Ulrike, und Erich meint "Das ist gut, da kann ich in Ruhe den Brief lesen und überlegen, was zu tun ist." "Und was ist mit meiner Unterwäsche?" "Wir gehen noch schnell ins Kaufhaus und holen eine Garnitur." "Eine Garnitur? Aber nichts, wo ich damit doof aussehe." Nachdem die beiden hinaus sind, seufzt Erich und sagt "Allmächtiger, auf den Schreck muss ich erst mal einen zur Beruhigung nehmen."

Im Fotoatelier erhält Ulrike einen Telefonanruf, es ist der Major Nachtwey, der sie dringend sprechen will. Sie lädt ihn ein, nach Feierabend zu ihr nach Hause zu kommen, doch Nachtwey sagt "Es ist besser, wenn wir uns in der Stadt treffen, im 'Creutzburger Hof', um halb sieben, ist Ihnen das recht?" Ulrike sagt zu. "Halten Sie in Gothardau wieder einen Vortrag?", fragt sie ihn. "Nein, ich bin nur wegen Ihnen hier. Sicher wollen Sie wissen, weshalb Ihre Tante Gertrud beim letzten Mal so rasch abgereist ist." "Sie hatte mir kurz Bescheid gegeben, aber seitdem habe ich nichts mehr von ihr gehört. Wissen Sie näheres?" "Es geht ihr gut, es ist alles Ordnung." "Hatte denn mit ihrer Angelegenheit, die sie hier regeln wollte, alles geklappt?" "Soweit ja, aber es hatte sich alles etwas verzögert, und deshalb war die Zeit knapp geworden. Ich versichere Ihnen, Fräulein Friedewald, daß Gertrud äußerst unglücklich darüber war, nicht noch einmal hierherkommen zu können." "Ich habe mir schon gedacht, daß nur etwas dazwischen gekommen ist." "Und wie ging es bei Ihnen? ", fragte Nachtwey. "Bei mir? Danke der Nachfrage."

Sie schweigt, und der Major sieht sie an, als wollte er sichergehen, daß sie nicht noch etwas wichtiges mitzuteilen hat. Dann sagt er "Ich habe für Sie einen Brief von Gertrud, na Brief kann man das schon nicht mehr nennen, ein halbes Postpaket ist es." Er holt aus seiner Reisetasche ein dickes, in braunes Papier gewickeltes und verschnürtes Bündel und reicht es ihr. "Das ist für mich?", fragt Ulrike und kann es gar nicht fassen, "das ist das größte Briefpaket, das ich je erhalten habe. Ich kriege nämlich nicht so oft Post, wissen Sie." Sie betrachtet es wie ein Geburtstagsgeschenk und will den Bindfaden aufknoten, doch Nachtwey sagt "Machen Sie es erst zu Hause auf." Sie schaut ihn unentschlossen an, dann meint sie "Sie haben recht." Sie schiebt es zur Seite. "Das wäre auch ein bisschen unhöflich, wenn ich jetzt anfange zu lesen."

Dann fällt ihr etwas ein, sie legt die Hand auf die Briefe und fragt "Und Sie? Da sind doch sicher auch welche für Sie dabei?" Er schüttelt den Kopf. "Haben Sie keine Tasche oder so etwas dabei, wo sie es einstecken können?" "Hm, nein. Ich trage nie eine Tasche, es sieht so altmodisch aus", lacht sie. "Das stimmt, es würde nicht zu Ihnen passen." "Ich habe hier am Kleid so eine kleine Tasche, da ist ein Tuch drin und ein Geldschein, so und das ist alles, mehr findet da auch keinen Platz, das ist natürlich nichts für einen Postboten." Sie lachen beide, dann sagt sie "Ach, Sie meinen, es soll hier nicht so daliegen. Ich lege es einstweilen auf den Stuhl, da sieht es auch niemand." "Gut."

"Es ist ja richtig geheimnisvoll damit. Woher wissen Sie denn so genau, daß Ihnen Tante Gertrud nicht auch was geschrieben hat, Sie sind doch immerhin Ihr guter Freund." "Sie hat es mir doch für Sie selbst gegeben." "Gertrud war selbst hier?" "Wir haben uns in Hannover getroffen." "Wo Sie wohnen?" "Ja, Gertrud war nur einen halben Tag da, sie hatte es sehr eilig." "Was hat sie gesagt?" "Nichts Ausführliches, es blieb keine Zeit, sie hatte eine Menge Dinge zu erledigen, bevor ..." "Bevor was?" "Bevor sie wieder zurückgefahren ist. Ich denke, das steht alles da drin." "Glauben Sie? Tante Gertruds Angelegenheiten sind doch genauso geheimnisvoll." "Jedenfalls auch nicht ganz harmlos." "Nicht harmlos? Wie meinen Sie das? Immer bin ich die letzte, die was begreift." "Manchmal ist es besser, wenn man nicht alles auf einmal erfährt." "Wenn das so gefährlich ist, wird sie darüber doch auch in dem Brief nicht plaudern, oder? Oh, ich kann es kaum erwarten, es zu lesen." "Ja, ja, ich bin schon gleich weg." "Nicht doch, Herr Major, ich bin so froh, daß ich Sie wiedersehe, ich merke das auf einmal selbst erst richtig."

Nachtwey räuspert sich. Ulrike träumt mit offenen Augen vor sich hin, und als der Kellner fragt, ob die Herrschaften noch etwas zu trinken haben möchten, murmelt sie bloß jaja und überlässt es Nachtwey. Dann fragt sie ihn "Und wann fahren Sie wieder nach Lüderitz?" Nachtwey verschluckt sich an seinem Wein. "Sie machen mir Spaß. Das klingt, als könnte ich mal eben das Wochenende dort verbringen." "Ach so, ja, das war mir jetzt gar nicht klar. Tante Gertrud hat mir soviel davon erzählt, daß ich es mir in Gedanken richtig deutlich ausmalen konnte, als wäre es ganz nahe. Soll ich Ihnen was verraten? Ich war zuerst ein bisschen erleichtert, als Tante Gertrud nicht mehr herkommen konnte. Also nicht wegen ihr oder so, aber das war alles zuviel für mich, und ich musste das erst mal verdauen." "Das kann ich verstehen. Als ich das erste Mal in Afrika war, bin ich hinterher ganz niedergeschlagen gewesen wegen der Fülle der Eindrücke, es war alles anders, als es ein Mitteleuropäer, und erst recht ein Deutscher gewöhnt ist."

"Das Merkwürdige für mich ist auch, daß ich Tante Gertrud so liebgewonnen habe. Ich kannte sie ja schon von meiner Kindheit her, aber dann war sie lange weg. Und nun kommt es mir vor, als wäre das alles wie nach einem Plan verlaufen, wie die Vorsehung, von der soviel geredet wird. Diese glücklichen Tage der Vergangenheit, dann eine Zeit, die - na ich möchte sie nicht trostlos nennen." "Aber ich bitte Sie, Ulrike, Sie sind noch ganz jung." "Vielleicht deshalb. Ich habe hier mein eigenes Leben, und ich kann mich nicht beklagen. Doch im Grunde ist es eintönig und leer." "Das fühlen Sie, seitdem Gertrud hier war?" "Dadurch ist es mir richtig bewusst geworden, aber das Gefühl war wohl schon vorher da. Und nun - zeigen Sie mir ruhig einen Vogel - weiß ich irgendwie, daß auf die gute Zeit die schlechte folgte, und nun womöglich wieder eine bessere, die mich die frühere gute Zeit wiedergewinnen lässt."

Sie winkt mit der Hand ab und lächelt. "Erzählen Sie das keinem weiter, das klingt wirklich verrückt." "Ist ja wie im Märchen, wo Sie in einen Schlaf gefallen und von einer dornigen Hecke umgeben sind, und alles darauf wartet, erlöst zu werden." "Nur daß es kein Schlaf ist, sondern meine kostbare Jugend, die ich da verplempere. Na ja, und der Prinz, der lässt auch auf sich warten. Sie haben ja Ihre Familie, von der ich schon gehört habe." "Meine Frau ist vor fünfeinhalb Jahren verstorben. Wir hatten eine sehr glückliche Ehe." "Und außer Ihrer Tochter noch andere Kinder?" "Einen Sohn, er folgt seinem Vater nach im Waffendienste, er ist Kommandeur eines Panzerbataillons." "Da ist er nicht mehr oft zu Hause, bei Ihnen meine ich." Nachtwey schmunzelt. "Nein, aber so ist das mit den Kindern, wenn sie selbst erwachsen sind. Jetzt ist seine Einheit sogar verlegt worden, bis ins hinterste Schlesien."

"Übrigens", sagt Ulrike, "als Tante Gertrud abgereist war, musste ich zur Sicherheitspolizei kommen." "Was? Was wollten die?" "Haben nur ein paar Fragen gestellt, irgendwas wegen ausländischem Geld, aber ich habe keins. Gertrud wird doch nicht selbst Probleme bekommen haben?" "Nein, das glaube ich nicht. Und sonst war da nichts?" "Nee. Doch, meinen Reisepass haben sie einbehalten." "Den Reisepass?", fragt Nachtwey erschrocken. "Den brauche ich doch nicht." "Haben die gesagt, wann Sie ihn zurückerhalten?" "Nein. Aber ich kann ja mal nachfragen." "Unterlassen Sie das." "Ist der nun wichtig oder nicht? Ist sowieso so'n ganz altes Foto von mir drin." Nachtwey lacht. "Na, wirklich, die Fotografen haben von sich selbst die schlechtesten Fotos." Nach einer Weile sagt Nachtwey "Ich gebe Ihnen meine Wohnanschrift, wenn ich Ihnen irgendwie helfen kann, wobei auch immer, sagen Sie mir Bescheid. Nur bitte ich Sie um eins: behalten Sie es für sich, auch daß wir uns hier getroffen und ich Ihnen die Briefe gegeben habe." "Ich verstehe zwar immer noch nicht, weshalb das nötig ist, aber ich werde alles befolgen, was Sie befehlen, Herr Major." "Ach, Fräulein Friedewald, Ihren Humor möchte ich haben." "Nun, der Ernsteste sind Sie doch gerade nicht." "Nein, aber das Alter frisst auch das Lachen auf."

Zu Hause öffnet Ulrike das Päckchen, das so dick ist, weil sich außer dem Brief ein flacher Karton darin befindet. Auf dem Briefumschlag steht lediglich ihr Name. Sie traut sich nicht, den Karton aufzumachen und sieht nach Hans, doch der ist nicht da. Sie liest zuerst den Brief, in dem Gertrud schreibt, welche Erlebnisse sie nach ihrer Abfahrt von Gothardau hatte. Es scheint eine Menge passiert zu sein, aber sie hat alles nur angedeutet, eher um Ulrike eine plausible Erklärung dafür zu geben, weshalb sie nicht noch einmal vorbeikommen konnte. Dann schreibt sie, wie schön es war, "daß wir uns wiedergefunden haben", und damit spricht sie Ulrike aus der Seele.

Sie liest mehrmals die Passage, in der Gertrud ihre Eindrücke in ihrer alten Heimatstadt beschreibt, und was sie über Ulrike sagt, daß sie überglücklich sei, das ehemals kleine Mädchen nun als so liebe Person in die Arme schließen zu dürfen. Irgendwie, denkt Ulrike, klingt das, als würden sie fortan unzertrennlich sein. Woran mag Gertrud in Wahrheit denken? Ulrike möchte ihr am liebsten sofort etwas erwidern, sie fragen, wie sie dies und jenes meint, ob dem allem womöglich doch eine geheime Absicht zugrundeliegt. Sie weiß überhaupt nicht, ob Gertrud auf diesen Brief hin von ihr eine Antwort erwartet.

Wenn es um Wichtigeres geht, warum scheut sich Gertrud dann, es offen anzusprechen? Oder kommt es Ulrike nur so vor, und es genügt, wie man sieht, die Andeutung, eine Ahnung, ein unter und hinter dem Gesagten liegender Hinweis und Gedanke, der sie wie von allein auf die richtige Spur führt? Zwischendurch fragt sich Ulrike, warum Gertrud den Brief, da er doch offensichtlich ganz harmlos ist, nicht mit der Post an sie geschickt habe? Daß der Major ihn hergebracht hat, das kann doch nicht einfacher gewesen sein. Oder hängt es mit dem Karton zusammen, den sie bis jetzt nicht aufgemacht hat?

Sie legt den Brief aus der Hand, steht auf und geht ein paar Schritte im Zimmer auf und ab, schaut aus dem Fenster, öffnet es und atmet die frische Nachtluft ein. Der Himmel ist klar, die Sterne funkeln, die Silhouette des Nachbarhauses mit den drei Schornsteinen, die wie drei unzertrennliche Kumpane auf dem Dach hocken, zeichnet sich gegen das Licht der Straßenlaterne ab, die auf der anderen Hausseite steht. Wie gut Tante Gertrud Ulrikes Leben zu kennen scheint; in ihren Worten fühlt sich Ulrike an jenen Stellen ihres Inneren berührt, die sie selbst beunruhigen.

Und je öfter sie die akkurat beschriebenen und doch jugendlich frisch anmutenden Blätter liest und dann bloß nochmal zu ihrer eigenen Gewissheit überfliegt, desto rascher und endgültiger schwindet die Verwirrtheit, die Ungewissheit, was davon zu halten, was wie zu verstehen sei, und bald erschließt sich ihr der tiefere Sinn der Zeilen und Ulrike kommt es so vor, als wäre Tante Gertrud jetzt hier in diesem Zimmer, würde ihr gegenübersitzen und ihr die alles entscheidende Frage stellen. Aber sie zögert zu antworten, sie weiß noch nicht, was werden soll.

Sie öffnet den Karton, und darin befinden sich zwei Packungen ausländische Zigaretten und eine weitere Schachtel, deren Außenseiten mit einem karminroten Velourpapier überzogen sind, und die wie eine luxuriöse Kosmetikverpackung aussieht. Tatsächlich liegt darin wiederum in hellem Seidenstoff ein Parfümfläschchen, aber nicht irgendein beliebiges, sondern in Form des Pariser Eiffelturms, mit einer silberglänzenden Spitze als Verschluss und einer leicht rosafarbenen Flüssigkeit. Auf dem unteren Teil, der sich wie die vier Stützen des echten Turmes verbreitert, steht in schrägem, silbernen Schriftzug der Name des Herstellers. Ulrike schraubt das Fläschchen auf, es ist ein eher herber, doch sehr angenehmer Duft, der ihm entströmt. Sie macht etwas davon auf die Fingerspitze und tupft es hinter die Ohrläppchen. Für den Bruchteil einer Sekunde schwebt ihr das Bild eines rauschenden Festes vor Augen, in einem Saal mit tausend Lichtern, Spiegeln und tanzenden Paaren, Herren im Frack und Damen in wallenden Kleidern. Sie schließt das Türmchen, und die Vorstellung verschwindet wie der Geist in die Flasche.

Die Wohnungstür ging, und Hans ist da. Sie geht zu ihm hinüber. "Hallo Schwesterchen, du duftest ja höllisch aufreizend", sagt er, "hast du eine Verabredung heute abend?" Sie berichtet ihm von Gertruds Gruß und gibt ihm ihren Brief zu lesen. "Hatte mir schon so was gedacht", meint er dann. "Was?" "Daß ihr die Zeit fehlte, noch mal zu dir zu kommen." "Sie war zu uns gekommen, zu dir genauso." "Freilich. Aber an dir hängt sie besonders." "Sie hat auch an dich gedacht; die Zigaretten sollst du bestimmt haben." "Ich rauche doch gar nicht." "Womöglich ist ihr das nicht aufgefallen." Er zieht die Augenbrauen hoch. "Das glaubst du wohl selbst nicht, daß Tante Gertrud so gedankenlos wäre." "Das stimmt schon, aber für wen sollen sie dann sein?"

Hans nimmt die Päckchen in die Hand. "Es sind französische, ziemlich starker Tabak, soviel ich weiß. Vielleicht sind sie für Erich Oschatz gedacht, hast du ihr nicht von Karlchen erzählt?" "Ja, habe ich, dann kann das sein." "Hoppla, die eine ist schon offen." "Kaputt?" "Nee, nur ganz vorsichtig hier an der Ecke auf und wieder zugemacht." "Wieso denn das?" "Es fehlt aber keine, merkwürdig. Ach da, mich laust der Affe." "Was ist damit?" "Da steckt ein zusammengerolltes Papier drin. Ein Geldschein, zwanzig Pfund." "Wie kommt das da rein?" "Jedenfalls nicht von allein. Da ist noch so eine." "Vierzig englische Pfund, ist das viel?" "Ich glaube, 'ne ganze Menge. Hier." "Nein, ich will das gar nicht nehmen." "Warum nicht?" Sie zuckt mit den Achseln und verschränkt die Arme. "Ob der Erich was damit anfangen kann?", fragt sie. "Denkst du wirklich, das ist für ihn?" "Hast du doch eben gesagt." "Ich dachte wegen der Zigaretten. Mensch Schwesterchen, das soll für dich sein." Sie überlegt. "Dann nimm' du es." "Jetzt stell' dich nicht so an, kapierst du denn nicht?" "Was?" "Hast du nicht begriffen, wovon Gertrud schreibt?" "Doch, ich glaube schon." "Na bitte, und dafür ist das Geld gedacht." "Hast du das auch so aufgefasst?" Hans legt die Zigarettenpackungen und das Geld auf den Tisch. Er nimmt das Parfümfläschchen. "Darf ich?" Sie nickt. Er riecht daran. "Lass' es nicht so lange offen, sonst verfliegt es", meint Ulrike lächelnd, dann sagt sie "also was denkst du?"

Er setzt sich auf die Tischkante. "Sie hat dich wirklich gern." "Sie hatte auch Mama gern." "Ja, sicher. Und wenn sie die ganze Zeit daran gedacht hat, es für ihre Schwester zu tun." "Was?" "Sich um dich zu kümmern." "Warum sollte sich jemand um mich kümmern, ich bin erwachsen und alt genug, damit ich für mich selbst sorgen kann. Das hat sie doch gesehen." "Hattest du das Gefühl, daß sie sich nach so langer Zeit plötzlich in dein Leben einmischt?" "Das ist es ja, was ich nicht verstehe: sie ist mir so nahe, obwohl wir so lange fern voneinander waren. Als ich sie wiedersah, war mir so, als wäre sie ein Jahr oder höchstens zwei weg gewesen, aber nicht über zehn Jahre." "Und ihr ging es wahrscheinlich ähnlich." "Aber es sind über zehn Jahre vergangen." "Und jetzt ist es eben soweit." "Wie soweit?"

Er schiebt den kleinen Eiffelturm ein Stück zur Tischmitte als wollte er die Aufmerksamkeit darauf lenken oder auch bloß nach einer Erwiderung suchen, dann schaut er Ulrike an und sie begegnet schweigend seinem Blick. Er sagt "Tante Gertrud ist ein bisschen spontan, ich meine, manchmal auch verrückt, aber sie ist eine kluge Frau." "Oh ja, das ist sie." "Sie sieht auch, worauf das alles hier in Deutschland hinausläuft." "Du meinst, mit dem Krieg und so? Ja, und?" "Habt ihr darüber gesprochen?" "Eigentlich nicht, jedenfalls nicht direkt. Was soll ich auch dazu sagen, außer, was ich von dir weiß." "Du liebe Güte, jetzt tu nicht so naiv." "Na, was denn? Was wird, wenn es diesen verdammten Krieg gibt? Was wird wirklich passieren? Soll ich mir das etwa ausmalen, so wie es mir gefällt? Es sagt einem ja keiner, wie es kommt. Es heißt, wenn wir den Krieg gewinnen, werden wir wie im Paradies auf Erden leben. Vielleicht in der kaukasischen Steppe, aber auf jeden Fall paradiesisch, ist es so?"

Hans lacht. "Im Kaukasus gibt es hauptsächlich Berge." "Berge. Ist mir auch egal." "Wenn wir den Kaukasus erobert haben, kannst du dich dort mit deiner Familie ansiedeln." "Mit welcher Familie?" "Mit deinem Mann, den du dann haben wirst, und mit dem du mindestens zehn Kinder zeugen wirst, damit das deutsche Blut in den fruchtbaren kaukasischen Tälern und auf den sonnigen Bergeshöhen ewigen Bestand gründen wird." "Du spinnst." "Dann eben nicht. Dann wirst du schwanger hier im Luftschutzkeller sitzen und einen Fliegerangriff nach dem andern überstehen und in der Hoffnung bibbern, daß der Vater deines Kindes noch einmal von der Front nach Hause kommt."

"Was redest du da nur von Mann und Kind und diesem Kram. Siehst du nicht, daß ich allein bin? Vielleicht will ich's ja bleiben." "Ich kenne dich gut genug, um zu wissen, daß du das nicht willst." "Na, aber was hat das mit dem Krieg zu tun? Du hast angeblich immer den Durchblick und redest auch bloß dummes Zeug." "Na, entschuldige mal. Ich meine nur, wenn du nicht bald was änderst, dann wirst du vielleicht wirklich die barmherzige Schwester für die deutschen Soldaten werden." "Ist das so schlecht, anderen zu helfen?" "Ach hör' doch auf. Darum geht es doch gar nicht."

Sie rückt einen Stuhl vom Tisch und setzt sich andersherum darauf, sie legt die Arme auf die Lehne und sagt "Du hast ja recht. Hier habe ich so wenig von meinem Leben, und das bisschen geht auch allmählich zum Teufel. Wenn ich nur wüsste, woran es liegt, daß ich zum Alleinsein verurteilt bin." "Das ist doch kein Fluch, der auf dir lastet. Es ist so eine vorübergehende Phase, du suchst eben noch." "Bis es zu spät ist, Tante Gertrud sagt das auch indirekt." "Sie meint damit bloß, daß es hier zu spät sein könnte, nicht bei dir selbst. Und das meine ich auch." Ulrike legt den Kopf auf die Arme. "Und wenn ich wegginge, mit nichts in den Taschen." "Du hast dich." "Da beißt sich die Katze in den Schwanz. Ich gehe, weil ich hier nichts geworden bin und woanders weiß ich nicht mal, was ich anfangen soll." "Das findet sich. Du bist schlau, fleißig, gesund, und hübsch bist du obendrein. Manche haben es mit einem Viertel davon geschafft." "Oh, du machst mir Mut. Manchmal denke ich das ja selber. Aber was wird dann aus dir?" "Ach, ich komm' zurecht", sagt er, und sie müssen beide lachen.

"Wie weit kommt man mit vierzig Pfund, ich meine, wenn du mir deine Hälfte borgst." "Mit zehn Prozent Zinsen. Ehrlich, ich habe keine Ahnung, vielleicht bis nach Paris." Sie schaut auf. "Paris? Dann ist das Parfümfläschchen ein Zeichen." "Das stelle ich mir nun wieder schwierig vor, so allein in Paris. Willst du im Moulin Rouge auftreten." "Was ist das?" "Ein Varieté." "Ein Nachtclub? So wie Anna von Berlin erzählt hat." "Mir hat sie nichts erzählt." "Die Frauen laufen halbnackt 'rum und die Männer spendieren Champagner, ich glaube, Anna gefällt das sogar." "In den großen Städten ist das beliebt, aber das ist doch alles unwichtig. Wie ich Gertrud verstanden habe, meint sie, daß du bei ihr immer willkommen bist." "In Afrika? Eine weiße Frau in der Negerwüste."

"Erinnere dich, daß du Feuer und Flamme warst, als Gertrud von sich erzählt hat und wie es dort ist." "Das bin ich auch immer noch, und je öfter ich daran denke, umso deutlicher wird es." "Na also." "Trotzdem. Ich kann noch nicht richtig dran glauben. Ein paar Fotografien, ein paar Geschichten, Tante Gertruds sprühende Begeisterung ... wenn ich mir nun ein ganz falsches Bild davon mache?" "Lieber Himmel, ich geb's gleich auf. Eine Urlaubsreise wird es natürlich nicht." "Nee, eher schon eine Reise ins Ungewisse. Und wie soll ich da überhaupt hinkommen?" "Viele Auswanderer fahren bis Marseille und von da mit dem Schiff weiter." "Mit dem Schiff? Ich bin noch nie mit dem Schiff gefahren. Dann werde ich krank?" "Wir können es ja erst mal auf dem Reinhardsbrunner Gondelteich üben."

"Oh Gott. Und wie von Marseille?" "Na Mittelmeer, Straße von Gibraltar und dann auf dem Atlantik bis zur westafrikanischen Küste, schätze, daß ist einfacher als auf irgendwelchen Karawanenwegen über Land." "Auf Kamelen, hui." Sie macht eine schaukelnde Bewegung, dann sagt sie "Meinst du wirklich, die Zigaretten sind sehr stark?" Hans nimmt die Schachtel in die Hand. "Das ist die Marke, die auch in der Armee geraucht wird, kann sein, daß es eine leichtere Sorte davon gibt." "Ist das nicht 'ne Frau, die da drauf ist? Das ist bestimmt die leichtere Sorte." "Möglich." "Wollen wir eine probieren?" Hans sieht sie erstaunt an. "Was wird Papa dazu sagen?" "Er muss es ja nicht erfahren", erwidert sie, und sie lachen. Er hält sie ihr hin. "Nee, du musst sie dir anzünden." "Auch das noch." "Hast du kein Feuer? Warte, ich hole Streichhölzer." Sie verschwindet in die Küche. "Da bring' mir bitte ein Bier mit."

Sie kommt zurück mit den Hölzern und zwei Flaschen Bier. Er zündet die Zigarette an und macht einen Zug. "Und? Stark?" "Geht. Hier, zieh' nicht gleich so doll." Sie hält sie zwischen den Lippen und pustet zuerst, sie kneift die Augen zusammen und zieht ganz kurz daran, einmal, zweimal und stößt den Rauch sofort wieder aus. "Hast du nie heimlich geraucht?", fragt er. "Was soll die Frage, das hättest du doch als erster gemerkt." "Aber ich hätte dich nicht verpetzt." "Weiß ich. Bin ich dir jetzt noch dankbar." "Freches Stück." Sie trinken das Bier und rauchen abwechselnd. "Das Bier, gibt's das eigentlich auch da unten?" "In Afrika?" "Wo doch soviel deutsch ist da." "Beck's Bier gibt's glaub' ich überall, wo Deutsche sind. Aber das Gothardauer, weiß nicht, ob die bis dahin gefunden haben. Warte mal, ich hole Stieler's Handatlas, da kannst du nachsehen, wo das alles liegt." Sie setzen sich auf den Fußboden, Ulrike hat die Zigarette wieder Hans überlassen. Sie schlagen die Karte mit dem südlichen Teil von Afrika auf und suchen alle Orte, die Gertrud und der Major erwähnt haben. Dann meint Ulrike "Und jetzt ziehen wir den ganzen Weg nach, von Gothardau bis Seeheim ... nur aus Quatsch. Man könnte denken, so weit ist das überhaupt nicht."

Aus dem Treppenhaus hört man Schritte, es ist Engel, man erkennt ihn an seinem steifen Bein. "Ist schon wieder Verdunklungsübung?" Hans schüttelt den Kopf, dann springt er auf und geht hinaus. Man hört ihn mit Engel ein paar Worte wechseln und beide gehen nach unten. Hans kommt mit einer Zeitung wieder. "Von Engel geborgt, jetzt schauen wir, wieviel die vierzig Pfund umgerechnet wert sind." Er findet die Tabelle und sagt "Der Kurs ist zwölf Komma vier null fünf", dann zu Ulrike: "das sind fast fünfhundert Mark." Die lässt sich nach hinten fallen und lacht. "Du lieber Himmel, so viel Geld, da bin ich ja reich. Und einfach so." "Den Seinen gibt es der Herr im Schlaf", meint Hans und freut sich mit ihr. Sie richtet sich wieder auf. "Im Ernst, angenommen, ich überlege mir das wirklich ..." "Immer noch unschlüssig?" "... Ich muss mit Papa sprechen." "Was soll der dir raten? Wenn du es für nötig hältst, kann ich das machen." "Das wäre wohl das mindeste, was ich ihm schuldig bin." "Also ist es beschlossen?" "Nein, gar nichts, das war alles nur wegen der Aufregung um Tante Gertruds Brief." Sie macht einen tiefen Zug an der Zigarette und muss fürchterlich husten. Sie wedelt mit der Hand und ruft "Ich mache Sachen, denen bin ich gar nicht gewachsen, gar nicht dafür geschaffen, nein, nein."

* * * * *

Karl konnte gerade noch mal gerettet werden und darf wieder zu Hause wohnen. Ganz ohne ein paar dumme Streiche hat er es dort auch nicht ausgehalten; er hat sich außerdem mit den älteren Jungs angelegt, und irgendjemand hat ihm das neue Unterhemd geklaut, das Ulrike ihm gekauft hatte. "Ich konnte es doch nicht ständig anbehalten", sagt er. Besser, ohne Unterhemd nach Hause geschickt, als gar nicht. Ulrike war auf das Schlimmste gefasst gewesen, als sie hinkommen sollte, doch man wollte nur sichergehen, daß Karl abgeholt wird und nicht irgendwohin abhaut, was er eigentlich nie im Sinn hatte. Frau Überreuther hat prophezeit, daß er bald wieder "antanzen" wird, wie sie sich ausdrückte. "Sie haben ihn wohl ins Herz geschlossen", sagt Ulrike übertrieben freundlich. "Unter Ihrer Aufsicht kommt auch nichts Gutes dabei heraus", gibt die Überreuther scharf zurück. "Zwischen uns ist alles beim Alten?", fragt er Ulrike etwas vorsichtig, als sie bei Erich in der Wohnung sind. "Was soll sich da geändert haben?" "Weiß nicht, irgendwas damit ich anständig bleibe." "Das musst du erst mal werden, kann schon sein, daß ich mir was einfallen lasse." "Das eilt nicht, ich bleibe vorläufig hier."

Die Bemühungen von Doktor Weber im Fall der Frau Burmeister nehmen eine unerwartete Wendung. Der Doktor hatte einen Rechtsanwalt eingeschaltet, der die Interessen von Frau Burmeister vertritt und demgegenüber er, Richard Weber, seine Aussage als Zeuge zu Protokoll gab. Im einzelnen waren das die Schilderung, wie die Jäger am Seeberg auf das Arbeitskommando von Buchenwald getroffen waren, der Wortwechsel mit dem SS Kommandeur Barkmann sowie die Äußerungen der anderen Leute, wie sie dann den verletzten Häftling, oder genauer gesagt, den am Boden liegenden Häftling aufgefunden hatten, und der Doktor, der übrigens bei seiner Zeugenaussage nur für seine eigene Person sprach und sich ausschließlich für seine eigenen Beobachtungen verbürgte, den Häftling eindeutig als schwerverletzt und dringender medizinischer Versorgung für nötig erkannt hatte, daß er darüber hinaus als Zeichen der Verletzung zweifelsfrei Schusswunden (man konnte davon in der Mehrzahl sprechen) festgestellt hatte, die der Häftling aus näher erläuterten Gründen sich nicht selbst hatte zufügen können.

Über die Art dieser Schussverletzungen verfasste der Doktor ein separates Gutachten, in das sowohl die am Unfall- beziehungsweise Fundort der betreffenden Person konstatierten Umstände und Angaben Eingang fanden, als auch die sich anschließende Untersuchung im Krankenhaus, wobei der Doktor hinzufügte, daß er die letztere lediglich bis zu dem Zeitpunkt durchgeführt hatte, bis der verantwortliche Arzt eintraf, dem er alle Einzelheiten mitteilte und den Verletzten zur weiteren Versorgung überließ.

Sodann hatte Richard Weber den Vorgang rekapituliert, der sich nach dem Ableben des Häftlings und speziell beim Ausfüllen des Totenscheins abspielte, zu welchem Geschehen er nur ganz zufällig gekommen war. (Diese Feststellung wurde seitens des Anwalts nicht mit in die schriftliche Aussage aufgenommen. Der Doktor dachte selbst wiederholt darüber nach, weshalb er sich eigentlich weiterhin um den Verletzten gekümmert hatte und noch einmal ins Krankenhaus gefahren war. Er schrieb das seinem Verantwortungsbewusstsein zu und fand es in aller Ordnung. Nur die Tatsache, daß sich hernach in der Geschichte einige üble Ungereimtheiten offenbarten, die jedoch jenseits seines Kompetenzbereichs lagen, brachten ihn in Zweifel, ob es wirklich angemessen und ob es das Ganze auch wert gewesen sei, daß er sich damit befasste, als es ihn von Rechts wegen schon gar nichts mehr anging.)

Als schließlich die Hinterbliebene des Häftlings, die Frau Burmeister, auf der Bildfläche erschien, ahnte der Doktor schon, daß sich die Angelegenheit zu einem Streitfall ausweiten würde, der ihn einerseits überhaupt nichts anginge, in dem er jedoch andererseits eine wichtige Rolle spielt, weil es ja seine Aussagen sind, die zu einer Anfechtung der offiziellen Version des Sachstandes handfeste Argumente, wenn nicht Indizien, liefern.

Um aus dieser unliebsamen Rolle herauszukommen, hatte er im Namen und mit Zustimmung von Frau Burmeister den Rechtsanwalt beauftragt, sich des Falles anzunehmen, wobei zunächst nicht klar war, was eventuell auf dem Rechtswege erreicht werden sollte. Auch die Absichten der Burmeister, wenn sie denn welche hatte, blieben vage. Sie verlangte Aufklärung über den Tod ihres Mannes, das konnte ihr niemand absprechen, und es wollte auch niemand verweigern. Allerdings, von da bis zu einer Klage gegen ein mutmaßlich ordnungswidriges oder gar gesetzwidriges Handeln und Verhalten der Behörden und staatlichen Stellen war es ein Schritt in die ganz andere Richtung, von dem keiner recht wusste, wer ihn gehen wollte. Die Burmeister, die zu des Doktors Vorschlägen doch immerzu nur nickte? Doktor Weber, der sich der Sache entledigen wollte, die doch so zäh an ihm festhing? Der Anwalt, der es im jugendlichen Übermut gewagt hätte, einen Prozess gegen die SS oder die Lagerleitung von Buchenwald anzustrengen?

Hatte Frau Burmeister für einen Rechtsstreit die Motive, die man menschlich ohne weiteres verstehen konnte, so hatte der Anwalt ein ebenso begreifliches berufliches Interesse daran. Nur Doktor Weber war, bei näherem Hinsehen, in die Angelegenheit reingerutscht, ohne daß ihm auch nur der geringste Nutzen, ja nicht einmal ein gewisser Erfolg daraus würde entstehen können. So kann er auch jetzt, nachdem sich alles allem Anschein nach, wenn nicht restlos geklärt, so doch weitgehend beruhigt hat, nicht genau beurteilen, welcher Ausgang der Geschichte ihm der angenehmste gewesen wäre.

In dem Moment, als der zweite, andere Totenschein aufgetaucht und der erste verschwunden war, wurde Doktor Weber klar, daß man es hier mit mehr als nur den offen agierenden Personen zu tun hatte. Andererseits brauchte man keine große Phantasie, um zu erkennen, daß diesen Leuten, wer immer sie sein mochten, sehr daran gelegen war, von den Vorgängen kein weiteres Aufhebens zu machen. Als der Doktor dann auf die Idee kam, einen Blick in die Liste der Abgänge wegen Todes aus dem Krankenhaus zu werfen, war ihm das selbst schon töricht vorgekommen, so als wäre er derjenige, der ungenügend Bescheid weiß, weil er sich nicht ausreichend informiert hat.

Tatsächlich stand dort bei der Eintragung für den Häftling die Bemerkung, der Tote habe nicht namentlich identifiziert werden können. Dabei war von einem Toten die Rede, ganz so, wie es gang und gäbe war, wenn bei einem eingelieferten Patienten der Exitus lediglich amtlich festgestellt wird, was aber zugleich bedeutet, daß er schon vorher verstorben ist. Laut dieser Eintragung hatte also keine medizinische Behandlung mehr stattgefunden, weil es keine Veranlassung dafür mehr gab. Auf einer beigefügten Aktennotiz war vermerkt worden, daß es sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit bei dem Toten nicht um einen Einheimischen handelt, wobei die lokale Grenze um den Gau Thüringen gezogen wurde. Merkwürdigerweise wurde diese Feststellung getroffen nicht trotz der Tatsache, daß die genaue Identifizierung nicht möglich war, sondern eben gerade deshalb.

Und als sich Frau Burmeister wider Erwarten einmischte, konnte die Unbestimmbarkeit der Person des Toten wiederum herhalten für die Vermutung, es könne sich bei ihm auch um einen völlig unbekannten, anderen Mann gehandelt haben, was natürlich niemand, auch die nicht, die ihn zuletzt gesehen hatten, widerlegen konnte. Warum dann Frau Burmeister, so fragte der Rechtsanwalt an, die Nachricht vom Tod ihres Mannes erhalten habe? Und mit dieser Fragestellung offenbarte sich die Unerfahrenheit des jungen Anwalts, der nicht wusste, daß man einer staatlichen Behörde keine Fragen stellt, wenn man sie zu einer Auskunft zwingen will, sondern daß man ihr jedenfalls den Fehler nachweisen muss, den sie gemacht hat. Auf eine Frage an die Obrigkeit erhält man immer eine Antwort, und die kann man sich, so weiß es Doktor Weber besser, an den Hut stecken.

Aus den Listen des Konzentrationslagers Buchenwald, so lautete sinngemäß die Antwort, gehe hervor, daß Georg Burmeister, geboren am soundsovielten in soundso, zuletzt wohnhaft in soundso, in Buchenwald in Schutzhaft seit dem soundsovielten auf Grund der Durchführungsverordnung soundso zum Paragraphen soundso des Gesetzes des Deutschen Reichs vom soundsovielten, am soundsovielten um die und die Uhrzeit verstorben sei. (Ein letztes Abschiednehmen der Angehörigen vom Toten ist nach den gesetzlichen Bestimmungen ausgeschlossen.) Dieser Tod des Georg Burmeister hatte demnach seine Richtigkeit und konnte nicht angefochten werden. Was nun die Vermutung des Anwalts und der durch ihn vertretenen Frau Burmeister betrifft, zwischen dem verstorbenen Ehemann und dem unbekannten Toten könnte ein Zusammenhang bestehen, so ist dieser durch nichts begründet, geschweige denn erwiesen worden.

Auch der Anwalt erkannte, daß, sollten Frau Burmeister und er an der Forderung nach Überprüfung der stattgefundenen Vorgänge festhalten, eine langwierige Verhandlung bevorstünde, deren Ausgang vorher kaum einzuschätzen ist. Zudem stellte der Anwalt die Frage, was nach Frau Burmeisters Meinung dabei überhaupt gewonnen werden sollte, etwa eine materielle Entschädigung für die Hinterbliebene? Eine solche war in jedem Fall undenkbar. Doch an diesem Punkt hakte Doktor Weber wieder ein, und zwar abermals ohne es eigentlich selbst zu wollen und ohne von der Notwendigkeit und dem Erfolg seines Widerspruchs im mindesten überzeugt zu sein. Es trieb ihn ein instinktives moralisches Aufbegehren, das sich gegen alle Unrechtmäßigkeit richtete. So ohne weiteres, meinte er, dürfe man die Sache dabei nicht bewenden lassen, falls man sich auf die ehernen Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit berufen könne, die ja schließlich nach wie vor ihre Gültigkeit hätten und nicht abgeschafft worden wären.

Der Doktor drehte in gewissem Sinn den Spieß um und nahm das rigorose Auftreten und Vorgehen der Behörden und insbesondere der SS Lagerkommandatur von Buchenwald als sichtbares Zeichen einer sauber funktionierenden politischen Gewalt und staatlichen Verwaltung, in der keine Unregelmäßigkeit geduldet würde, erst recht keine, die auch nur den Anschein von Ungesetzlichkeit oder Rechtsbeugung hat. Wenn also alles so einwandfrei und anstandslos abgelaufen war, wie es von der SS in den Darstellungen und Gegendarstellungen des Geschehens betont wurde, dann konnte es davon nur eine Variante geben, nämlich die tatsächliche, der Wahrheit entsprechende, die allein durch Fakten und glaubwürdige Bezeugungen erhellt werde.

Und zu diesen Fakten zählte auch der Umstand, daß die Leiche des Toten nach Weimar überführt worden war und nicht im hiesigen städtischen Krematorium eingeäschert wurde, so wie das die Richtlinien vorsahen. Zumal doch, wie Doktor Weber selbst die Gelegenheit hatte sich zu überzeugen, der Friedhof eine ganz neue Einäscherungsanlage besaß, die jede Überführung nach auswärts unnötig machte. Und wenn es sich bei dem Toten wirklich um einen Fremden gehandelt habe, weshalb sei er dann fortgeschafft worden, wo man ihn auch hier anonym hätte bestatten können? Im übrigen verlangte er eine Befragung des Hauptscharführers und der anderen Einsatzkräfte vom Steinbruch sowie der dabeigewesenen Häftlinge.

Zur Erläuterung muss gesagt werden, daß diese Debatten und Verhandlungen noch nicht im Rahmen eines regulären Prozesses geführt wurden, den anzustrengen oder zu eröffnen im Grunde keine der Parteien sonderlich bemüht war, solange man sich im Vorfelde einigen könnte. Die Unterredungen, Anhörungen und zuweilen auch hitzigen und in gereizter Stimmung geführten Gespräche finden zuerst in der Polizeiwache statt, dann, wie als kurzfristiger Ausweichtermin, im Büro der Parteileitung, und zwar beim Gauobmann Treidler im Zimmer, das geräumig ist und einen Balkon nach den Schrebergärten in der Moltkestraße hat, auf dem man an der frischen Luft rauchen kann. Hier findet man sich auch die folgenden Male ein.

Die Buchenwaldseite wird von einer dreiköpfigen Gruppe vertreten, deren Wortführer ein Obersturmführer der Waffen SS ist, ein sehr diszipliniert und besonnen auftretender Mann, dem niemals anzusehen ist, was er gerade denkt oder wie er die Aussagen von einem anderen aufnimmt. Kommt es zum Streit, bemüht er sich zu schlichten, unterlässt es aber mitunter, sich in den Schlagabtausch der Argumente einzumischen. Die Reaktion auf Doktor Webers Einlassung wegen der Überführung des Toten, von dem man angeblich nicht wusste, wer er gewesen war, lässt auf sich warten. Der Obersturmführer sagt, er werde das prüfen und bald ein nächstes Treffen anberaumen, in dem alle Anwesenden informiert würden. Doktor Weber und der Anwalt werten das zu Recht als Teilerfolg ihrer Strategie. Das ist die Zeit, als Frau Burmeister die kleine Wohnung in Pfarrstädt bezieht und der weiteren Entwicklung der Ereignisse harrt. Drei Wochen lang geschieht nichts.

Eines Tages, als Doktor Weber zu Hausbesuchen unterwegs ist, trifft er den Gauobmann Treidler, der in alle Vorgänge eingeweiht ist. Ob der Treidler scheinbar zufällig den Doktor Weber auf der Straße gesehen hat und froh über die plötzliche Begegnung anspricht, oder ob er ihn nicht vielmehr abgepasst hat, das kann Doktor Weber auf die Schnelle nicht einschätzen, zumindest weiß der Treidler offenbar, daß Doktor Weber gerade mit seinen Hausbesuchen am Schluss angelangt ist und er Treidlers freundlicher Aufforderung zu einem kleinen Plausch in seinem Büro folgen kann. Treidler spricht mit Weber wie mit einem alten Duzfreund, Doktor Weber kann sich nicht genau erinnern, wie eigentlich die Geschichte ihrer Bekanntschaft verlaufen war, aber es gibt keinen Grund, sich ihm gegenüber jetzt abweisend zu verhalten. Treidler ist schon seit Jahren Gauobmann der Partei, der sich bereits in den Anfangsjahren der "Bewegung" um das Erstarken der NSDAP bemüht hat. Von Berufs wegen haben die beiden wenig miteinander zu schaffen, und doch scheint es jetzt so, als habe es in der Vergangenheit zumindest stets ein respektvolles Verhältnis gegeben.

Wie zur Bestätigung gemeinsam durchlebter Zeiten reden sie über alle möglichen Personen der Stadt, ihre Aktivitäten, ihre Schicksale, jüngste Ereignisse, über die Treidler selbstverständlich recht gut Bescheid weiß. Am Ende kommt er auch wie beiläufig auf den Fall Burmeister zu sprechen. In dem Ton des langjährigen, verlässlichen Bekannten redet er Doktor Weber ins Gewissen, er solle sein Engagement in der Sache doch noch einmal gründlich überdenken, denn - er legt ihm tatsächlich den Arm um die Schultern, was Doktor Weber seltsamerweise durchaus bestärkend empfindet - es lohne sich nicht die Bohne, in den Angelegenheiten herumzustochern, die einen nichts angingen und womöglich für wildfremde Menschen den Kopf hinzuhalten.

Wie er das meine, fragt ihn Doktor Weber, den Kopf hinhalten? Das sei ihm jetzt so rausgerutscht und träfe vielleicht nicht den Kern des Problems. Aber es ist doch nun mal so, daß er, der Doktor, ziemlich zufällig, ja gegen seinen Willen da mit hineingezogen worden ist, und er es im guten Sinne gar nicht verdient, dadurch in Gefahr zu kommen. Was für eine Gefahr, will Weber wissen, aber der Gauobmann Treidler meint, daß es jetzt müßig wäre, darüber weiter zu spekulieren und irgendwelche Teufel an die Wand zu malen, und daß dies auch ganz unnötig sei, da er, der Treidler, sich ganz sicher ist, mit ihm, dem Doktor, jederzeit als einem vernünftigen und einsichtigen Manne zu sprechen, dem ein gutgemeintes Wort außerhalb des Protokolls (womit er nichts anderes anspricht als die Streitigkeiten mit den Behörden und der SS) zu mehr Einsicht verhilft, als lange und breite Vorhaltungen oder gar Androhungen.

Und als hätten des Gauobmanns Äußerungen augenblicklich ihre Wirkung gezeigt, nimmt sich Doktor Weber den Ratschlag zu Herzen und unterlässt es danach zu fragen, welche Androhungen damit gemeint seien. Hinterher fragt er sich dann aber doch, weshalb ihn Treidler auf so kumpelhafte Art in sein Büro zitiert habe, um ihn dann unter vier Augen zu ermahnen. Und als wollte er sich vergewissern, daß er nicht hinter dem Rücken der anderen beeinflusst werden soll, sucht er, nun auch schon zum wiederholten Mal Lothar Aufhaus und den Kerkwitz auf, die beide neben ihm die wichtigsten Zeugen der Begebenheit am Steinbruch sind.

Der Schultheiß Aufhaus ist zum Teil der gleichen Ansicht wie der Treidler, indem er betont, daß die Frau Burmeister und der "unbekannte Tote" wildfremde Personen sind, zu denen sie, die Einheimischen, bis vor kurzem überhaupt keine Verbindung hatten. Doktor Weber wendet ein, Aufhaus habe aber doch ebenso wie er selbst und wie Kerkwitz den verletzten Häftling liegen gesehen. Das bestreitet Aufhaus auch nicht, aber nach all dem Theater um dessen Identität scheint es doch sehr fraglich, ob sich irgendjemand ernsthaft Gedanken um die Aufklärung macht und nicht vielmehr die Sache ohnehin im Sande verläuft, ob sie sich nun noch einen Tag länger hinzieht oder nicht. Und sei es wie es sei und der Tote nun der Mann von der Burmeister oder ein anderer Häftling oder sonstwer, er gehörte jedenfalls nicht hierher, nicht in die Gegend. Wenn es einer von hier gewesen wäre, würde sich Aufhaus sicher länger damit aufhalten lassen, aber so wäre es nun mal nicht.

Ach, und was mit dem Kunitzsch sei, den die Gestapo vorigen Monat abgeholt und nach Buchenwald gebracht hatte, fragte Doktor Weber. Wer denn daran Anstoß genommen und gefragt habe, ob das seine Richtigkeit hat, ihn bei Nacht und Nebel fortzubringen? Und der war schließlich einer von hier. Was er den Kunitzsch ins Spiel bringe, meint Aufhaus zum Doktor, das könne nicht damit verglichen werden. Erstens war das mit dem Kunitzsch abzusehen, das Verfahren lief ja schon eine ganze Weile, auch wenn sie ihm bis dahin nichts Offizielles anhaben konnten. Zweitens ist nicht klar, ob er wirklich nach Buchenwald gebracht wurde, zumal seine letzte Nachricht aus der Prinz-Albrecht-Straße kam. Und drittens hatte der Kunitzsch keine Kugeln im Rücken stecken, als sie ihn verhaftet haben, und dadurch ist die Sache viel weniger undurchsichtig als dieser Burmeisterkram, von dem er, Aufhaus, jetzt bald nicht mehr behelligt werden will. Trotzdem werde er selbstverständlich seine Zeugenaussage jederzeit bestätigen, wenn das nötig ist.

Doktor Weber geht zu Kerkwitz, und zwischendurch wird ihm bewusst, daß die beiden anderen zwar Zeugen im Steinbruch waren, daß jedoch bei dem Geschehen im Krankenhaus und im Zusammenhang mit dem Todesfall des Mannes er, Doktor Weber, allein auf der Seite der Frau Burmeister und ihres Anwalts steht, um deren Zweifel und Forderungen durch seine Person Nachdruck zu verleihen. Und abgesehen davon, daß damit ein großer Druck auf seiner Glaubwürdigkeit lastet, den er sicher noch tragen könnte, ist er wieder an dem Punkt angelangt, wo er sich zunächst innerlich, doch um so fester entschlossen dagegen verweigert, in irgendeine Position gedrängt zu werden, in der man sich fast schon verteidigen muss.

Aber der Kerkwitz treibt den angestauten Widerwillen des Doktors, sich auch nur einen Tag mehr mit der Sache herumzuschlagen, auf ein unerträgliches Maß. Er, Kerkwitz, könne das Bemühen des Doktors nur zu gut verstehen, und er selbst würde wahrscheinlich ganz genauso handeln, wenn er in eine solche Situation käme. Allerdings, so gibt er zu bedenken, müsse man, um darin bestehen zu können, selber vollkommen unangreifbar sein und den anderen auch nicht die kleinste Schwachstelle bieten, an der man unweigerlich einbrechen müsste. Was für eine Schwachstelle das sein sollte, fragt Doktor Weber noch halb belustigt, überzeugt von seiner anerkannten Integrität als Arzt und Bürger der Stadt. Die kann, so weiß auch Kerkwitz, niemand in Abrede stellen, und was er über den schwachen Punkt sagte, beziehe sich nicht auf ihn selbst, sondern auf seine Familie. Da reißt Doktor Weber endlich die Geduld, und der Kerkwitz zuckt zusammen, als Weber ihn anschreit, er solle gefälligst seine Familie aus dem Spiel lassen und sich unterstehen, auch nur ein negatives Wort über sie zu äußern.

Er kenne Webers Familie überhaupt nicht und würde sich niemals blindlings zu einem Urteil hinreißen lassen, entgegnet Kerkwitz sehr ruhig. Er gebe lediglich wieder, was er an bestimmter Stelle aus bestimmtem Munde gehört habe, und das - die Wiedergabe meint er - sei schon eine große Gefälligkeit dem Doktor gegenüber und mehr als ihm recht sei. Als Doktor Weber verlangt zu wissen, was man gesagt habe, erklärt Kerkwitz frank und frei, das betreffe die bekanntermaßen homosexuelle Neigung seines Sohnes Eckart, die zuerst nur belächelt und beiläufig erwähnt worden war, die jetzt aber, je länger sich die Auseinandersetzung mit Weber und den anderen hinzieht, an Bedeutung gewinnt.

Doktor Weber trifft die Mitteilung Kerkwitz' wie ein Schlag. Ihm wird schwindelig, er taumelt, Kerkwitz hält ihn und lässt ihn hinsetzen. Doktor Weber macht eine Geste, als will er, daß Kerkwitz das wiederholt, winkt dann aber sogleich ab, und Kerkwitz, halb verunsichert, fragt vorsichtig "Haben Sie etwa nichts davon gewusst?" Weber erwidert mit einer unbestimmten Kopfbewegung, und Kerkwitz, als würde er erst jetzt den Schlag genau platzieren, sagt "Ein Vorwurf wegen Homosexualität kann leicht in eine Klage verwandelt werden, Sie wissen selbst, Herr Doktor, daß solche abartige Veranlagung nach unseren deutschen Gesetzen unter Strafe steht. Und leider soll es in Ihrem Fall auch Beweise dafür geben." In Doktor Webers Kopf dreht sich alles. Er will etwas entgegnen, aber die Worte wackeln auf der Zunge, die Sätze verheddern sich, der Mund wird ihm ganz trocken, er schluckt und krächzt schließlich nur "Haben Sie bitte einen Schluck Wasser?"

Zum erstenmal, seitdem Eckart seinen Arbeitsdienst bei der Reichsbahn leistet, fährt Doktor Weber zu ihm hin. Er muss unverzüglich mit ihm sprechen. Er weiß nicht genau, wo er ihn antrifft; Eckart sagte letztens etwas von der Gleisanlage bei Krähenfeld, die für schwere Güterwaggons ausgebaut werden soll, vielleicht ist er dort. Er nimmt die alte Straße von Hainwald nach Krähenfeld, an den Fischteichen vorbei, und in der Kurve an der Bittleber Buche fährt er auf den kleinen Parkplatz am Aussichtspunkt und hält an. Von hier kann man auf die ganze Südostseite der Stadt blicken, auf die Schar von roten Dächern, die sich zu Füßen und am Hang des Hügels ausbreitet, auf dem das Schloss mit seinen zwei Türmen und den langgestreckten Hauptgebäuden steht.

'Was soll ich zu ihm sagen?', denkt Doktor Weber. 'Was soll ich ihn fragen? Was weiß ich alles nicht, und was will ich überhaupt erfahren? Von ihm selbst. Kann ich ihn dazu bewegen, mir etwas anzuvertrauen, jetzt, nachdem er die ganze Zeit davon geschwiegen, es vor ihm, vor seinen nahesten Verwandten, verheimlicht hat? Sieht er, Eckart, in ihnen nicht schon Menschen, vor denen er sich in acht nehmen muss, weil er sich nicht mehr sicher sein kann, wie sie sich verhalten würden, wenn es zu einer offenen Anklage gegen ihm käme?'

Doktor Weber blickt über die Landschaft zur Stadt und hinüber zum Seeberg, über den dicke, weiße, wie aufgeblasene Wolken langsam hinwegtreiben. Ihn überläuft ein Schauer, als er sich fragt, was da alles schon vorgefallen ist, von dem er selbst nicht die leiseste Ahnung hatte. Er denkt, daß es bestimmt längst zu spät dafür ist, noch irgendetwas ändern zu können, ganz abgesehen davon, was denn geändert werden sollte! Er hat nicht das Recht, Eckart etwas vorzuwerfen oder ihn gar zu verurteilen. Er fühlt sich hilflos, unfähig, erbärmlich, als habe er selber versagt, als wollte er bloß vor der Schmach und dem Schmerz, die ihn tief verletzen können, davonlaufen. Er spürt, daß ihm die innere Festigkeit, das Verständnis - von väterlicher Verbundenheit ganz zu schweigen - fehlen, zumindest in diesem Moment fehlen, die ihn die ungeheuerliche Wahrheit mit dem erforderlichen Gleichmut hinnehmen ließen.

* * * * *

Als Ulrike einige Tage später nach Pfarrstädt radelt und Frau Burmeister besuchen will, ist sie nicht da. Die kleine Wohnung ist abgeschlossen, die Fensterläden am Küchenfenster sind zu. Die alte Frau, die immer die Hühner füttert, zuckt mit den Schultern. Ulrike fährt zu den Pionieren, aber auch hier ist alles still und keine Menschenseele zu sehen. Dennoch muss bis vor kurzem hier gearbeitet worden sein, vielleicht haben die Kinder bloß gerade frei oder haben sich anderswo zu einem wichtigen Vortrag oder einer Schulung getroffen. Sie beschließt, noch einmal zur Burmeister zu gehen, als ihr jemand ein "Pst, hallo Ulrike" zuruft. Es kommt von den Büschen am Schuppen, so leise, daß es niemand außer ihr hört. Dann erscheint Davids schwarzer Lockenkopf, und der Junge macht ihr ein Zeichen, daß sie außen herum gehen und an das hintere Tor am Zaun kommen soll, das ganz selten benutzt wird.

"Wo seid ihr alle?", fragt ihn Ulrike, "und wo ist Frau Burmeister?" "Wo die ist, weiß ich auch nicht", antwortet David. "Ist sie etwa abgereist?" Er schüttelt den Kopf. "Das hätte sie uns gesagt. Es waren Leute hier, mit denen ist sie weggefahren." "Wer war das?" "Keine Ahnung." "Du weißt es, sag' schon." "Gestapo." Ulrike erschrickt, und obwohl es sie nicht überrascht, das der Name Gestapo fällt, kriecht ihr diesmal wirklich ein furchtbares Gefühl unter die Haut. "Mehr sage ich nicht." "Ist schon gut. Wann war das?" Er schweigt. "Ist Stolle da?" "Nein." "Wo sind die anderen?" "Haben sich versteckt." Sie schaut unwillkürlich in den Gemüsegarten, als könnte sie hinter den grünen Blättern und Stauden jemanden entdecken. "Hier doch nicht", meint David. "Wo denn? Na, ist mir auch egal." David presst die Lippen zusammen und macht ein abweisendes Gesicht. "Geh' nicht noch mal hin", sagt er. "Was?" "Komm' einfach nicht wieder her. Hör' auf mich." David spricht das mit solchem Nachdruck aus, daß Ulrike bloß erwidert "Ja, ist gut." "Ich habe noch was, das ich dir schenken will." Er holt unterm Hemd ein Büchlein hervor. "Das sind so Geschichten von dem Herschel Rubiner, die gefallen dir bestimmt, es ist mein Lieblingsbuch." Ulrike nimmt es und blättert darin. "Das ist ja in Hebräisch." "Nicht alles." "Und du kannst es entbehren?" "Wie?" "Ich habe aber jetzt nichts, was ich dir dafür schenken könnte." "Das muss auch nicht sein. War nett, sich mit dir zu unterhalten." "Weißt du was? Ich werde ..."

In diesem Moment ruft es von der Straße her. "Junge Frau, kommen Sie bitte her!" Das gilt Ulrike, sie sieht drei Männer, zwei in Anzügen, einen in SS Uniform, die Hühnerfrau läuft gerade davon. "Sie meine ich, kann ich Sie sprechen", sagt der eine, und es klingt wie ein Befehl. Sie dreht sich zu David um, der ist verschwunden. Es ist ohne Zweifel die Gestapo, aber was wollen sie. Einer der Männer hat ein kleines Pflaster an der Wange, offenbar vom Rasieren. Ohne sich vorzustellen fragt er "Mit wem haben Sie da gesprochen?" "Ich? Mit niemandem." "Was haben Sie dann gemacht?" "Wann?" Der andere Mann tritt einen großen Schritt auf sie zu, er steckt eine Hand in seine Jackentasche. Er sieht sehr grimmig aus. "Ich habe mir die Gemüsebeete betrachtet", sagt Ulrike.

Die Männer wechseln einen Blick, und der eine zieht höhnisch den Mundwinkel lang. Ulrike bekommt plötzlich Angst. Es ist ein schöner Tag, herrliches Wetter, die Sonne scheint, die Vögel zwitschern, es ist warm. Sie steht in einem Dorf, an einem üppigen Gemüsegarten, und vor ihr stehen drei Männer, die zu all dem nicht dazugehören. Es scheint ihr, daß diese Männer sie im nächsten Augenblick aus diesem Tag, von diesem Fleckchen Erde weg auslöschen könnten, einfach herausnehmen aus dem ganzen Bild, spurlos beseitigen, nur mit einem ihrer vernichtenden Blicke, mit einer ihrer Verderben bringenden Handbewegungen. Sie hat nichts verbrochen, und doch stehen die drei vor ihr wie ein hohes Gericht. Nach ihr wird nicht gefahndet, und doch wirken diese da wie Häscher, die ihre tödlichen Dolche verborgen unter der sauberen Jacke tragen. Sie hat sich nichts zuschulden kommen lassen, und doch fühlt sie bereits eine Strafe über sich drohen, ein unausgesprochenes, nie gefälltes Urteil, das umso zwingender vollstreckt werden wird, je unwahrscheinlicher und ungeheuerlicher es ist.

'Die sind wegen der Burmeister hier und wegen der Pioniere', denkt Ulrike, sie darf kein Wort darüber verlieren. "Wollten Sie auch zu Frau Burmeister?", fragt der Mann mit dem Pflaster. "Ja - nein, ich wollte ..." "Sie kennen Sie also." "Nicht gut." "Was heißt gut?" "Ich sagte: nicht gut. Warum wollen Sie das überhaupt wissen?" Sie hätte fragen sollen: Wer sind Sie überhaupt, aber sie ist schon zu eingeschüchtert und zu schwach, um noch ein cleveres Spiel zu spielen.

"Was haben Sie denn da?" Er reißt ihr das Buch aus der Hand. "Du liebe Güte, das sieht mir ja aus wie jüdische Schundliteratur, verbreiten Sie das jetzt unter der deutschen Landbevölkerung?" Ulrike stößt unwillkürlich einen Lacher aus, aber er bleibt ihr im Halse stecken.

Da geht der zweite Mann an das hölzerne Gartentor und tritt mit solcher Wucht dagegen, daß die Staketen zersplittern. Das Schloss kracht auf, die Holzreste hängen lose in den Angeln. Ulrike erzittert vor der rohen Gewalt unter dem korrekten Anzug.

"Lassen Sie uns dort hineingehen, da können wir uns ungestört unterhalten", sagt der Pflastermann und zeigt auf den Schuppen, und der in SS Uniform schaut sich lässig nach allen Seiten um, ob sie auch nicht beobachtet werden, dann spuckt er hinter sich. "Kommen Sie, es wird Ihnen weiter nichts passieren." Er packt sie am Arm. "Ich will nicht da rein", sagt sie. Er ist kurz verblüfft über ihre Gegenwehr, dann sagt er "Ist es Ihnen lieber, wenn wir uns anderswo wiedersehen? Auf der Polizeiwache?" Der SS Mann fügt hinzu "Unten im Keller, da ist jetzt wieder was frei." Der andere schaut ihn an, schnalzt mit der Zunge und schüttelt den Kopf wie zu einem Jungen, der etwas Unanständiges aber Lustiges gesagt hat. Sie reißt sich los. "Lassen Sie mich in Frieden." Er fasst sie schnell wieder am Arm, jetzt fester. "Nur ein paar Fragen, und dann ist alles vorbei." Das klingt in ihren Ohren, als würde dabei ein schwarzer Vorhang zugezogen.

Sie führen sie auf dem schmalen Weg zum Schuppen. Sie knickt mit dem Fuß um, der Mann hält sie fest. Der stechende Schmerz treibt ihr die Tränen in die Augen. Sie muss humpeln. "Gleich geschafft", murmelt der Mann. Der andere geht voraus und öffnet die quietschende Schuppentür. Hinter ihnen hält das Auto, mit dem sie da sind und der Fahrer, ebenfalls in Uniform, steigt aus. Er ruft "Alles erledigt, die Wohnung ist versiegelt." Der eine Gestapomann nickt ihm zu, dann sagt er "Bleiben Sie hier draußen und halten die Augen offen, damit uns niemand stört, Herr Baumbach." "Wird gemacht." Ulrike dreht sich um. "Ulrike? Äh, Fräulein ...", sagt er. "Herr Baumbach", sagt sie, und es kommt heraus wie ein letzter Gruß. "Das ist doch die Ulrike Friedewald, was wollen Sie denn von ihr?" Baumbach ist ein paar Schritte näher gekommen.

Die drei Männer sind auf einmal unsicher, als wäre eine unsichtbare Schutzhülle von ihnen abgefallen und die Sonne würde anfangen, ihre Haut zu versengen. Sie stehen da wie fremdartige Götzen, unecht, mit erstarrtem Blick, mit versteinerter Miene, reglos, hohl, in die Erde gesteckt, wie durch einen versehentlichen Zauberspruch aller Macht und Kraft beraubt. Herr Baumbach und Ulrike schauen sich an, Baumbach streckt unmerklich die Arme zur Seite, als wollte er Ulrike aufhalten, falls sie wegrennen sollte, aber es könnte ebensogut sein, daß er ihr ungeschickt seine Uniform vorführen möchte. Vielleicht lächelt er auch ein wenig. Ulrike stößt den Gestapomann zurück, der beinahe umkippt wie eine morsche Vogelscheuche, und rennt los, ihr Fußgelenk schmerzt, sie beißt die Zähne zusammen. Sie springt an Baumbach vorbei und flüstert "Danke", läuft auf die Straße, schnappt sich ihr Fahrrad, das am Zaun lehnt, schwingt sich drauf und tritt in die Pedalen was das Zeug hält.

Sie fährt sofort von der Dorfstraße herunter, biegt um die nächste Hausecke. Sie hört das Auto, die Reifen drehen auf dem Schotter durch, sie wenden, sie verfolgen sie. Die Gestapoleute haben ihre Sprache wiedergefunden und rufen durcheinander, der Pflastermann gibt Anweisungen. Sie jagt um drei, vier Häuser, zwischen Gärten hindurch, kommt an einem Graben nicht weiter, muss zurück, muss auf die Straße. Das Auto kommt von rechts, Staub und Steine fliegen dahinter hoch, eine Schar Enten zersprengt sich nach allen Seiten. Drüben geht ein Weg hinein, sie überquert knapp vor dem Auto die Straße. Sie manövrieren rückwärts, zwängen sich dann auf dem schmalen Weg entlang, holen auf und nähern sich. Dann beginnt freies Feld, hier hat sie keine Chance zu entkommen, sie werden sie einfach überholen und anhalten.

Da kommt hinter einer Scheune ein Traktor mit vollbeladenem Anhänger hervor, der Bauer winkt wild mit der Hand, versucht zu bremsen, doch der Anhänger schiebt vorwärts. Ulrike weicht aus, fährt drumherum und sieht links eine Reihe Weiden und weiter hinten ein Wäldchen. Das Gestapoauto macht vor dem Traktor eine rasante Drehung und hüpft dann wie ein gefesselter Springbock bis dicht an den Traktor heran. Der Beifahrer knallt mit der Stirn gegen die Scheibe. Der Bauer schaut von seinem Sitz herunter auf die Handbreit Platz zwischen den Fahrzeugen und sagt "Das ist doch hier keine Rennstrecke, ihr Dummbiddel." Baumbach steigt aus, schaut in die Runde und ruft den anderen zu "Sie ist dort hin", dabei zeigt er in die verkehrte Richtung.

Zu Hause angekommen schließt Ulrike die Tür ab, schleudert Schuhe und Sachen in die Ecke und verkriecht sich im Bett. Sie will heulen, aber es fließen keine Tränen, alles ist wie aufgebraucht und ausgeleert. Sie sucht Schutz unter der Bettdecke wie in einer Höhle im tiefen Wald, wohin niemand gelangen, wo sie niemand aufstöbern kann. Das Fußgelenk ist geschwollen und im Kopf dröhnt es und hallt wider wie von Schlägen mit dem Hammer auf Metall. Allmählich lassen die Schmerzen nach. Sie fühlt sich zuerst schwer und unbeweglich, als würde sie nicht fortkommen, als wäre sie mit niederschmetternden Gewichten festgehalten oder als hätte man Arme und Beine mit einem Gift gelähmt. Dann zieht die Schwere ab, verflüchtigt sich langsam, und Ulrike glaubt, klein und kleiner zu werden, sich winzig und unantastbar zu machen: würden sie kommen und die Bettdecke herunterreißen, keiner könnte sie darunter entdecken. Abends klopft es leise an die Zimmertür, sie hört es sofort, doch es verwebt sich in ihren Schlaf, und sie reagiert nicht darauf. Später in der Nacht werden Steinchen an die Fensterscheibe geworfen, auch das dringt in ihre Sinne, aber sie denkt die Frage, wer es sein könnte, nicht bis zu Ende.

Am nächsten Tag erzählt sie Hans von dem Vorfall in Pfarrstädt. Der beruhigt sie; man sollte abwarten, was die Männer unternehmen und ob sie nicht eventuell alles auf sich beruhen lassen, denn nach dem, was bisher passiert ist, könnte es ebensogut sein, die SS und die Gestapo wollen Gras über die Sache wachsen lassen. Und was ist nun mit Frau Burmeister geschehen? Darüber kann Hans auch nur spekulieren. Entweder sie ist Hals über Kopf weggegangen. Oder? Oder man hat sie in Gewahrsam genommen. Aber warum? Vielleicht weiß sie mehr, als es den Anschein hat. Ob sie in die Machenschaften ihres Mannes verwickelt war? "Und wenn", meint Hans. "Du könntest dabei keinem weiterhelfen, weder ihr noch der Gestapo." "Und das heißt?" "Daß sie dich höchstens wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt belangen könnten. Aber auch das ist kaum denkbar, haben die Leute sich denn irgendwie zu erkennen gegeben, ich meine, haben sie dir genau gesagt, wer sie sind und um was es geht?" "Keine Spur." "Siehst du, dann war es sogar dein gutes Recht, wegzulaufen, es war sozusagen Notwehr." "Aber ich habe keine Zeugen, und es steht drei gegen einen, den Herrn Baumbach nicht mitgerechnet." "Der Stolle war nicht dabei?" Ulrike verneint, und Hans sagt "Wenn man ihn schon mal braucht." "Er würde es vielleicht trotzdem bestätigen, mir zuliebe." "Na ja, wie gesagt, warten wir's ab."

Dann kommt, als sollten Ulrikes Bedenken vorläufig zerstreut werden, ein Brief von Frau Burmeister! 'Woher hat sie meine Adresse?' fragt sie sich. Es ist ein gefaltetes Blatt Papier mit zwei Rahmen im Oktavformat, in denen Linien zum Schreiben vorgedruckt sind. In dem linken Kasten ist als Hintergrund eine farbige Zeichnung, eine Landschaft im Sonnenschein, mit Bergen und Wiesen und einem Bauernhaus, alles sehr hübsch gemalt. Daneben ist ein Strauß mit Zweigen von Weidenkätzchen, der mit einer roten Bandschleife zusammengehalten wird. Links oben stehen Hinweise zum Postverkehr, die mit "Der Lagerkommandant" unterzeichnet sind.

Ulrike liest die Bestimmungen. "Jeder Schutzhaftgefangene darf im Monat zwei Briefe oder zwei Karten von seinen Angehörigen empfangen und an sie absenden. Die Briefe an die Gefangenen müssen gut lesbar mit Tinte geschrieben sein und dürfen nur 15 Zeilen auf einer Seite enthalten. Gestattet ist nur ein Briefbogen normaler Größe. Briefumschläge müssen ungefüttert sein. In einem Brief dürfen nur 5 Briefmarken à 12 Pfg. beigelegt werden. Alles andere ist verboten und unterliegt der Beschlagnahme. Postkarten haben 10 Zeilen. Lichtbilder dürfen als Postkarten nicht verwendet werden." Dann folgen Festlegungen bezüglich Geldsendungen, Zeitungen, Pakete. Letztere dürfen nicht geschickt werden, "da die Gefangenen im Lager alles kaufen können". Weiter heißt es, daß Entlassungsgesuche zwecklos und Besuche nicht gestattet sind.

Frau Burmeister schreibt, daß es ihr gut geht und sie sich für die Unterstützung bedankt und daß sie froh ist, daß jetzt alles aufgeklärt ist. Sie grüßt den Doktor und die Kinder von der Kameradschaft (womit sie wahrscheinlich die Pioniere meint). Dann schreibt sie noch mal, daß es ihr gut geht und sie dableiben wird. Die letzten zwei Zeilen sind mit schwarzer Tinte breit überschrieben und unleserlich gemacht worden. Am Ende ist ein Stempel der Post Zensur Stelle aufgetragen. Ulrike versucht, das Durchgestrichene dennoch zu entziffern. Sie hält den Brief gegen die Fensterscheibe, aber der schwarze Streifen bleibt undurchsichtig. Dann überschlägt sie, wieviel Wörter da gestanden haben und sie formuliert zwei, drei Varianten für das, was Frau Burmeister ihr mitteilen wollte. Doch sie kommt zu keinem sicheren Schluss, was es geheißen haben könnte. "Ob ich ihren Brief erwidern soll?", fragt sie Hans. Der meint "Wenn sie das wünschte, hätte sie es bestimmt angedeutet." Eigentlich ist Ulrike froh über diese Vermutung, denn sie hätte nicht richtig gewusst, was sie schreiben sollte. Als Hans sagt, es sei besser, den Brief zu verbrennen, bekommt sie Gewissensbisse, befolgt dann aber seinen Rat.

Mit Erich Oschatz geht es immer weiter bergab. Kommt er spätabends nach Hause, ist er betrunken. Er fällt ins Bett, ohne sich zu entkleiden. Oft zieht er nicht mal die Schuhe aus, erst später im Schlaf streift er sie ab. Er schnarcht wie ein fetter Eunuch, morgens schreckt er hoch, quält sich aus dem Bett und zur Arbeit. Eine halbe Flasche Bier und ein trockenes Brötchen ist sein Frühstück. Er rackert den ganzen Tag wie besessen, nach Feierabend kippt er einen Schnaps nach dem andern in sich hinein und isst dazu Speck und Schwarzbrot. Wenn in seinem Kopf und um ihn herum alles wie in einen diffusen Nebel getaucht ist, schleppt er sich heim, und der Trott fängt von vorne an. Immer öfter wird er krank, die Herzattacken häufen sich, der Magen schmerzt, manchmal bekommt er Sehstörungen. Der Schnaps ist gepanscht und hat höllische Wirkung; der Mann, von dem er ihn kauft, fordert die leeren Flaschen zurück.

Vom Arzt würde Erich ein Attest über seine Arbeitsunfähigkeit erhalten, wenn er ihn darum bittet; er würde Erkältung oder Durchfall darauf schreiben, und Erich könnte zu Hause bleiben. Aber dann bekäme er keinen Lohn, und das Geld ist anscheinend überhaupt das einzige Motiv, das ihn antreibt. Das meiste davon - und das ist herzlich wenig - gibt er Ulrike, die es für den Haushalt und für Karl verwendet. Genauer gesagt, er steckt es in eine leere Kakaobüchse, die im Küchenschrank steht. Es sind nur Papierscheine drin, überwiegend Zehner, und wenn auch manchmal weniger als gewöhnlich dazukommt, so untersteht er sich doch andererseits, etwas davon wegzunehmen. Er schämt sich, darüber mit ihr zu sprechen, und Ulrike scheut ebenfalls eine offene Auseinandersetzung, weil sie befürchtet, sie könnte dahin führen, daß sie ausrastet. So verlässt Erich sich stillschweigend auf sie, und sie besorgt das Allernötigste. Aber von geregeltem Ablauf oder von Planung kann keine Rede sein, und alle beide täuschen sich über den unerträglichen Zustand hinweg und wissen doch, daß es nicht mehr lange so weitergeht.

Was Karl betrifft, so hat der Junge eine Seelenruhe, die einem alten Weisen gut anstehen könnte. Aber Karlchens Seele hat die Unbedarftheit und die Jugendfrische des Knaben, dem stets beizeiten einfällt was zu tun ist, und meistens ist es auch das richtige. Ulrike liebt seinen unerschöpflichen Optimismus, der wahrscheinlich bloß eine gesunde Abneigung ist, sich über Dinge den Kopf zu zerbrechen, mit denen die Erwachsenen glauben, ihre Zeit umbringen zu müssen. Gegen den trägen Sack von einem Vater wirkt der quicklebendige Karl fast wie ein Fremdling, wie ein Quälgeist, der an Erich Oschatz' Seite abkommandiert ist, um ihm wenigstens dann und wann auf die Sprünge zu helfen. Er lässt es an kleinen Sticheleien mit ihrem feinen, beißenden Spott nicht fehlen, den er wunderbar beherrscht, und auf den der Alte weniger beleidigt als stolz reagiert. "Solche Sprüche! Hörst du das, Ulrike? Das hat er von mir."

Ulrike kann gar nicht begreifen, wie unbekümmert Karl die schlimme Lage erträgt. "Ganz schön in den Dreck gefahren, die Kiste, nicht wahr?", sagt er zu ihr. "Ja, und? Was sollen wir deiner Meinung nach tun, um da wieder herauszukommen?", fragt sie zurück. Karl zuckt mit den Schultern. "Ist das meine Aufgabe? Ich kann doch am wenigsten dafür. Außerdem, ich glaube dran, daß du uns retten wirst." Ulrike bleibt der Mund offen. Das grenzt an Unverschämtheit. Sie will ihn zur Rede stellen, was er sich dabei denkt, wenn er so was dahersagt, doch Karl ist schon durch die Tür entschlüpft. Und trotzdem, sie muss über seine hochnäsigen Worte nachdenken, und sie hat das Gefühl, als habe sich Karl sehr genau überlegt, was er sagt.

Aber es hilft alles nichts, keine Vermutungen, keine Einsichten, keine guten Vorsätze, keine edlen Absichten. Alles deutet darauf hin, daß Karl über kurz oder lang wieder ins Heim gesteckt wird. Und wie Ulrike erfährt, geht Karl manchmal nachmittags von selbst dorthin, wegen Anja, sagt er, die er da kennengelernt hat. Frau Überreuther sagt eindringlich zu Ulrike "Wenn die beiden eventuell zusammen ausbüchsen, dann ist das nur Ihrem schlechten Einfluss auf Karl zu verdanken." Ulrike verwahrt sich dagegen. "Ich habe auf Karl keinen Einfluss." "Eben", entgegnet Frau Überreuther, "das kommt auf's selbe heraus: dann ist es nur Ihrem mangelnden Einfluss auf ihn zu schulden." Zum Glück macht die Überreuther Karriere in der Kreisfrauenschaft und wechselt kurz darauf in die Gauleitung des Bundes Deutscher Mädel, und ihre Nachfolgerin im Heim in der Seebergstraße macht zunächst einen sympathischeren Eindruck. Ulrike ertappt sich dabei, daß sie findet, mit der Neuen könnte sich Karl besser vertragen; geht sie denn fest davon aus, daß er - womöglich unwiderruflich - sein Zuhause verlassen muss?

Eines Abends ist Erich Oschatz verschwunden, aus der Kakaobüchse fehlt Geld. Er erscheint nicht zur Arbeit, meldet sich nicht beim Arzt und gibt auch sonst kein Lebenszeichen von sich. Niemand der wüsste, wo er sich aufhält, keiner der ihn zuletzt gesehen hat. Man entdeckt ihn schließlich in einem Waldstück an der Straße nach Friedrichsthal, er liegt auf einer Bank am Wanderweg, völlig verdreckt und kaum ansprechbar. Er hat Karls Rucksack entwendet, um seine Schnapsflaschen zu transportieren. Man alarmiert zuerst den Revierförster Asbach, und der macht nicht viel Aufsehens, denn er kennt den Erich und ahnt, wenn er die Polizei verständigt, könnte das für den Saufbold wirklich unangenehme Folgen haben, erst letzte Woche sind zwei Landstreicher aufgegriffen und nach Buchenwald ins Lager gebracht worden.

Der Revierförster Asbach tut noch mehr für Erich: er schickt ihm seine älteste Tochter, die Krankenschwester ist, in die Wohnung, und sie bringt Karls Vater wieder in einen halbwegs ordentlichen äußeren Zustand, wäscht ihn und seine Klamotten und behandelt die Schürfwunden, die er sich im Wald zugezogen hatte. In seinem Delirium hält er Asbachs Tochter abwechselnd für Ulrike, seine eigene Mutter oder für seine frühere Frau, was dann auch Karlchen für einen Moment die Tränen in die Augen treibt. "Was glotzt du so, geh' raus", fährt ihn Erich an, als er mit schlaffem, nacktem Oberkörper und mit verquollenem Gesicht auf dem Sofa sitzt.

Natürlich ist sein Fernbleiben registriert worden, und als er sich reumütig an der Autobahnbaustelle zurückmeldet, kümmert man sich nicht mehr um ihn. Er schnappt sich schweigend eine Schaufel und macht sich an die Arbeit, und wirklich erscheint mittags der Stellvertreter des Bauabschnittsleiters, ein junger Mann, der nur in Parteiuniform herumläuft, und teilt Erich mit, er solle sich nach Feierabend seine Papiere in der Verwaltungsbaracke abholen, es sei ihm gekündigt, und der Lohn werde bis zur Stunde ausgezahlt. Erich, der seit Tagen keine drei zusammenhängenden Sätze gesprochen hat, überschlägt sich in Entschuldigungen und hochheiligen Versprechungen sich zu bessern, ja er ist sogar mit einer Lohnkürzung einverstanden, doch der Mann von der Aufsicht lässt nicht mit sich diskutieren. Er zeigt nur auf Erichs Füße und bemerkt herablassend "Die Arbeitsschuhe müssen Sie selbstverständlich in der Effektenkammer abgeben, bevor Sie gehen, verstanden?" "Ja, soll ich dann barfuß nach Hause laufen?", fragt Erich halblaut. "Na, wie sind Sie denn hergekommen?", fragt der andere zurück und sein Ton deutet an, daß es ein Leichtes wäre, Erich wegen privater Nutzung von Staatseigentum zu belangen.

Und dann kommt alles anders.

An diesem Tag nämlich findet ein Besuch des Generalinspekteurs für das deutsche Straßenwesen statt. Aus diesem Grunde und damit durch ein arbeitsscheues Individuum wie Erich Oschatz kein Schatten auf die vollbrachten Leistungen der Baukolonne fällt, hat der Bauabschnittsleiter den Erich rechtzeitig vom Platz verwiesen. Der Generalinspekteur ist für elf Uhr dreißig angekündigt worden, er wird eine Ansprache halten, eine fertiggestellte Straßenstrecke einweihen. Es gibt eine kulturelle Untermalung, eine örtliche Trachtengruppe bringt, begleitet von dem Mandolinen Orchester, Tänze zur Schau. Aus dem Sprechchorspiel "Die Straße in das Reich" werden Teile aufgeführt, und auf der neuen Autobahn soll ein kurzes Rennen gefahren werden, bei dem unter anderen ein Wanderer W 25 beteiligt ist, von welchem Typ in den vergangenen zwei Jahren gerade mal zweihundert Stück gebaut wurden.

Die Einfahrt zum Barackenlager ist verbreitert worden, und an der Einmündung zu beiden Seiten die Bühne und gegenüber die Tribüne für den Generalinspekteur, seine Begleiter, die Repräsentanten der Partei und Staatsführung sowie die lokalen Gäste aufgestellt. Alles ist hübsch geschmückt mit Tannengrün und bunten Bändern und Fähnchen. In den letzten zwei Tagen hat fast ununterbrochen geregnet, der Boden ist aufgeweicht und schlammig, an den Erdwällen am Straßenrand sind tiefe Spalten im Sand, durch die das Niederschlagswasser in Strömen abgeflossen ist. Jetzt hat der Regen aufgehört, und als Erich an der Tribüne vorbei zur Baracke für die Arbeitsmittel schlurft, sind ein paar Männer dabei, eine große Pfütze trockenzulegen und mit Kies aufzufüllen.

Einer von ihnen ruft ihm zu "Na, Erich, dir ist wohl das Geld für'n Schnaps ausgegangen, daß du dich mal wieder blicken lässt." Erich nickt zerstreut und ringt sich ein Lächeln ab, dann gibt er zurück "Ja, und außerdem erhalte ich heute einen Orden für meine aufopferungsvolle Arbeit, da gebe ich einen drauf aus." Die anderen lachen, er zwängt sich an dem Bagger vorbei, den sie wie ein Denkmal auf einen Sandhügel direkt neben der Tribüne aufgestellt und sauber geputzt haben. In die Baggerschaufel ist ein Blumenbukett und ein Bild des Führers gestellt, an der Fahrerkabine stecken hüben und drüben Hakenkreuzfahnen, und Erich denkt im Vorbeigehen, der Bagger würde ein bisschen schief stehen, als hätte er leichte Schlagseite.

Er verschwindet zwischen den Baracken. Die Selma Weiher, die normalerweise für die Ausgabe der Arbeitssachen zuständig ist und eigentlich um diese Zeit in dem langgestreckten Holzhäuschen hinter ihrem Tresenbrett stehen müsste, ist nicht da. Sie hat einen Zettel an die Tür geheftet "Bin gleich zurück, Selma". Da er nichts anderes mehr zu tun hat, beschließt Erich zu warten. Nach einer Weile kommt eine Frau um die Ecke geschossen, schließt hastig die Tür auf und sagt "Nur ganz kurz, ich hab' nicht viel Zeit heute." Da erst sieht Erich, daß es tatsächlich die Selma persönlich ist, die sich total aufgetakelt hat, als wollte sie ins Theater gehen. "Selma, hast du Geburtstag?" "Ich? Wieso?" "Weil du dich so fein gemacht hast." "Fein gemacht? Ich sehe immer so aus, du Grobian hast es bloß nicht gemerkt." "Na so was", murmelt er, als wäre er über sich selbst enttäuscht, daß ihm nicht früher aufgefallen ist, wie attraktiv Selma ist.

Dann räumt sie immerhin ein, daß sie sich "dem festlichen Anlass entsprechend" angezogen habe, weil doch auch der Fritz Todt und der Jupp Hussels kämen. Wer denn der Jupp Hussels sei, fragt Erich. "Na, der allseits beliebte Humorist." "Ach so", meint Erich und versucht, Selma klarzumachen, daß er seine Arbeitsschuhe eintauschen wolle gegen ein paar ganz normale Straßenschuhe, die unter Umständen nicht mehr benötigt werden, und die er später zurückbringen würde. "Wann später?", fragt Selma im Ton der Angestellten, die für den Bestand nicht nur jedes Paars Schuhe verantwortlich ist, sondern auch für die dazugehörigen Schnürsenkel (wobei zu einem Paar immer zwei Stück gehören!). "Soviel ich weiß, sollst du nur deine Sachen abgeben." "Aber Selma, soll ich denn nackt nach Hause laufen?" "Das wäre doch spaßig", erwidert sie lachend. "Aber wenn heute hier schon so'n Brimborium los ist, wäre das ja ganz unnütz", fügt sie hinzu, als sei sie auch mit dem Ablauf der Veranstaltung betraut. Trotzdem will sie Erichs Begehren nicht einfach so nachgeben.

Um falsches Mitleid ebenso wie unangemessene Strenge zu vermeiden, verdonnert sie Erich dazu, in ihrer Baracke hinter dem Tresen solange Dienst zu tun, wie sie vorne der Aufführung zuschaut. "Hier ist das Buch, wo alles eingetragen wird, was raus geht und was zurückgebracht wird, aber es kommt wahrscheinlich heute eh' niemand mehr." "Und dann?" "Was dann?" "Wenn ich damit fertig bin. Gibst du mir dann ein Paar andere Schuhe?" "Meine Güte, Erich, das kann ich doch nicht entscheiden, da müssen wir mal sehen, ob du überhaupt Anspruch auf so was hast, jetzt mach' das wie ich's gesagt habe." "Wie lange dauert'n das ungefähr?", ruft er ihr nach, doch Selma ist schon außer Sichtweite.

Erich macht es sich bequem, rückt einen Armstuhl an das Tischchen, auf dem das Telefon steht, setzt sich und legt die Füße auf einen Hocker. Er betrachtet die Tafel über dem Tisch, an der mit Reißzwecken etliche Notizzettel befestigt sind, auf denen irgendwelche Adressen, Termine und Angaben zu den Arbeitsgeräten stehen. Außerdem hängen da ein Dutzend Postkarten, Urlaubsgrüße von der Nordsee, aus den Alpen, aus Italien, Frankreich, sogar eine aus Island. 'Wer ihr die bloß alle geschickt hat?' denkt Erich. Er sitzt eine halbe Stunde so, niemand kommt, genau wie Selma es vorausgesagt hat. Dann hört er von der Bühne an der Straße her Musik erklingen und eine Stimme im Lautsprecher. 'Na, lass es mal 'ne Stunde gehen', denkt er und entdeckt hinter einem Vorhang ein kleines Kabuff, wo eine Kochplatte ist, auf der man Wasser heiß machen kann. Er findet auch Kaffee und eine Kaffeemühle, brüht sich einen Becher voll auf, tut Zucker hinein und trinkt langsam. "Genau das richtige bei dem Wetter", murmelt er und schaut aus dem Fenster auf die dunklen Wolken über den Baumwipfeln.

Eigentlich nur aus Langeweile inspiziert er die Fächer in dem alten Küchenschrank, der da steht, und findet tatsächlich eine angebrochene Flasche Branntwein. Ohne zu zögern, nimmt er einen kräftigen Schluck und murmelt "Genau das richtige bei dem Wetter." Er stellt die Flasche zurück und später tröstet er sich noch dreimal damit über das Wetter, das wirklich schon wieder bedrohlich nach Regen aussieht. Ab und zu kommt ein Schwall von Musik und Redefetzen herüber, und plötzlich geht die Tür auf und der Schwemmler, der SA Mann, der nicht eben zu den engsten Freunden Erichs zählt, tritt ein. Erich springt unwillkürlich auf, wirft den Hocker dabei um, und steht stramm wie einer, der gewissenhaft seinen Auftrag erfüllt.

"Mensch, Oschatz, Sie stinken ja wie tausend Russen. Wohl schon wieder volllaufen lassen, und das während der Arbeitszeit, das kann Sie teuer zu stehen kommen, wenn ich darüber Meldung mache." "Tut mir Leid, Herr Schwemmler, ich bin gewissermaßen bereits entlassen." "So? Weswegen denn? Na, ist mir auch Wurscht. Was haben Sie dann hier zu suchen?" "Ich bin die Vertretung für die Frau Weiher, und was wollen Sie?" "Was ich will?", sagt Schwemmler ziemlich ungehalten. Es stört ihn, daß er den Erich trotz dessen geflissentlicher Haltung um etwas ersuchen muss. Deshalb sagt er nur "Zeigen Sie mir, wo die Regenschirme sind." Erich versteht nicht gleich. "Ist das jetzt eine Parole für irgendwas?" "Parole?" "Weiß nicht. Wolkenbruch?"

Schwemmler zieht die Augenbrauen hoch und sieht ihn scharf an. "Ist mir grade so eingefallen", meint Erich unsicher. "Quatschen Sie schon im Delirium, Oschatz? Ich brauche ein paar Regenschirme. Die Leute vom Ministerium haben ihre vergessen, und es sieht aus, als könnte es gleich wieder losprasseln." "Ah, jetzt kapier' ich. Aber da gibt es ein Problem." "Welches?" "Regenschirme gehören nicht mit zur Arbeitsausrüstung, wenn es regnet, wird untergestellt und gewartet, bis es wieder aufhört." "Kommen Sie mir nicht mit irgendwelchem proletarischen Singsang. Ein Generalinspekteur vom Ministerium stellt sich nirgends unter und wartet auch nicht auf was. Außerdem hat's noch gar nicht angefangen zu regnen." "Nee, dann wären Sie auch schon nass geworden." "Gefällt Ihnen wohl, die Vorstellung. Schluss damit. Es geht lediglich darum, daß die aus Berlin sehen, wie wir hier auf alles vorbereitet sind." "Auf den Regen?" "Ich sage: auf alles." "Ja, die Frage ist nur, wie wir vorbereitet sind, und was das Regenwetter betrifft ..." "Himmelherrgott, Oschatz, schaffen Sie mir auf der Stelle die Regenschirme her, oder ich mache Ihnen Feuer unterm Arsch." "Jawohl, Herr Obertruppführer." "Am besten welche, die gleich aussehen." "Natürlich. Wir hätten hier das Modell 'Plitsch-Platsch', gleichermaßen geeignet für Niesel wie für Dauerregen."

Schwemmler packt Erich am Kragen und zerrt ihn über den Holztresen, stößt ihn jedoch, angewidert von seinem Branntweingeruch, gleich wieder von sich. Erich prallt gegen die Tafel mit den Postkarten. Schwemmler schlägt das Holzbrett, das an einem Scharnier befestigt ist, hoch. Das Registrierbuch rutscht herunter. Er macht mit seinen Stiefeln ein paar stampfende Schritte. Erich will sagen, daß in diesem Bereich betriebsfremde Personen nichts zu suchen haben, aber Schwemmlers furchterregender Blick gleicht dem eines Höllenhundes. "Du hast drei Minuten, um alle Schirme herzubringen, die hier aufzutreiben sind, anderenfalls kriegen wir dich wegen Sabotage dran, verstanden!" Erich nickt, Schwemmler meint es wirklich ernst. "Dann kommst du damit vor zur Tribüne, ich erwarte dich dort - er schaut auf seine Uhr - in exakt zwei Minuten fünfundfünfzig Sekunden." Er knallt die Tür zu, die Postkartentafel fällt von der Wand. Das Telefon klingelt. Erich spürt einen heftigen Stich in der Brust.

Er sieht einen Papierkorb, in dem zwei nasse Regenschirme stehen, das ist die Rettung! Einer ist eindeutig für Damen, wahrscheinlich gehört er Selma. Zwei werden nicht reichen, Schwemmler verlangt mehr. Erich rast wie ein Besessener durch die Effektenbaracke an den Regalen entlang, reißt die Schränke und Spinde auf, durchwühlt zwei dunkle Abstellkammern, findet vier weitere Schirme, von denen einer allerdings angeknackst, ein anderer eingerissen ist. Egal. Er schiebt das Bündel unter den Arm, schmeißt es dann noch mal hin und nimmt einen letzten Schluck aus der Flasche.

Dann rennt er zur Tribüne. Kein Schwemmler zu sehen. Erich schaut zum Himmel, es tröpfelt. Soll er die Schirme selbst verteilen? An wen? Welcher von den Männern ist der Generalinspekteur? Bestimmt der da in der Mitte. Wer kriegt die übrigen? Wem soll er Selmas Damenschirm andrehen? Manche von den Zuschauern haben auch selber welche, wie er feststellt, sie haben sie nur nicht aufgespannt. Wenn er jetzt anfängt, auf die Tribüne hinaufzuklettern, mit einer Schnapsfahne und ein paar schrottreifen Regenschirmen unterm Arm, werden sie ihn gleich überwältigen und festnehmen.

Auf der Bühne gegenüber ist das Programm in vollem Gange. Vor einem Chor steht ein Mann und deklamiert Verse. Dabei bewegt er die Arme wie bei weihevollen, heiligen Handlungen, als würde er mit jeder seiner Gesten den Lauf der ganzen Welt zu seinen Gunsten steuern. "Es ist der Raum, in dem sich deutsches Volk gefunden - vom Fluß zertrennt, von Berg und Fels zerschrunden - zersprengt in soviel Menschen als da wohnen - zerteilt in Länder, Staaten und in Kronen - Da flammte neue Glut - Dampf zischte in den Kesseln - Da löste deutscher Geist - die Bremsen und die Fesseln - Schienen durchstießen die Felsen - Brücken verspannten die Ufer - Maschinen in laufender Fahrt - zerbrachen die Grenzen im Reich"

Das Publikum auf der Tribüne lauscht gebannt und andächtig, und Erich sieht auf den Gesichtern der hohen Beamten und der Männer in straffer Uniform einen stolzen und erhabenen Ausdruck. Er kann sich unmöglich erdreisten das zu stören, obwohl es immer stärker nieselt.

Er entdeckt Selma in der Gruppe der Zuschauer, sie genießt das Schauspiel, und ihre Blicke wandern über die Szene hinweg, von einer Seite zur anderen, hinauf und hinunter und manchmal flüstert sie ihrem Nebenmann etwas zu und stimmt in den Jubel und Applaus mit ein. Erich denkt, wenn sie ihn doch sehen würde, könnte er ihr ein Zeichen geben, und tatsächlich wird sie, als ihr Blick in seine Richtung schweift, seiner gewahr, und sie stutzt kurz, wohl verwundert darüber, daß Erich auch hier statt in der Baracke ist. Er deutet auf seine Schirme, sie erkennt den ihren und ihre Verwunderung weicht für einen Moment der Empörung; auch versteht sie nicht, was er sagen will. Erich schwenkt die Schirme mehrmals hinauf zum Generalinspekteur und seinen Mannen, und beim Wechsel der Darsteller auf der Bühne, kommt eine Auflockerung in die Zuschauer und Gäste, und Erich meint, durch eine kleine Gasse rasch bis zu den Prominenten durchdringen zu können.

Doch da erschallen wieder donnernde Verse, die die Reihen des Publikums fester zusammenzuschmieden scheinen. "Rollende Räder - Ratternde Motoren - Stampfende Kolben - Pflügende Traktoren - Hallende Hämmer - Blinkende Spaten - Säende Bauern - Singende Soldaten - Schaffende Hände - Rastlose Hirne - Ewiges Ringen um Geist und Gestirne"

Und dann, begleitet von einer schmetternden Fanfare aus den Lautsprechern, brüllt der Chor in eins "Deutschland!" Und im selben Augenblick sieht Erich etwas, das offenbar kein anderer bemerkt: von dem frisch aufgehäuften Sandhügel, auf dem der Bagger steht, löst sich eine Ladung Sand und rutscht hinab, als hielte sie es unter dem Druck der Kettenräder nicht länger aus. Der Boden unter dem Bagger gibt nach, zentimeterweise zuerst, doch Erich sieht es deutlich vor dem Hintergrund der drei hohen Fichten, vor denen der Schwenkarm mit der Baggerschaufel sich langsam zu bewegen beginnt. Gleichzeitig bricht der Grund unter der linken Seite ein, und an dem Hügel bildet sich in Sekundenschnelle ein langer, tiefer Riss, der sich rasch verbreitert.

Obwohl seine Aufmerksamkeit und auch seine Reaktionsschnelligkeit vom Branntwein leicht getrübt und gehemmt sind, kann Erich voraussehen, was unweigerlich gleich geschehen wird: kippt der Bagger um, dann schlägt die tonnenschwere Baggerschaufel mitsamt Blumen und Führerbild auf den Brettern der Tribüne auf, und zwar ziemlich genau ganz vorn, wo die hohen Repräsentanten des Staats und der Partei stehen und gerade Beifall klatschen. Er schaut zu ihnen hinüber, und wieder scheint ihm, daß sich eine schmale, freie Bahn bietet, auf der man fast ungehindert bis zu ihnen gelangen könnte.

Er fasst sich ein Herz, wirft die Regenschirme aus den Händen, springt auf die Tribüne, drängt die Leute beiseite, die ihn aufhalten wollen, ja gibt einem, der ihn festhält, sogar einen Kinnhaken und brüllt aus Leibeskräften "Zurück! Alles zurück! Der Bagger stürzt um!" Und alle sehen es jetzt und schreien auf und versuchen nach hinten zu flüchten. Erich macht einen Sprung auf denjenigen, der zweifelsfrei der Generalinspekteur ist. Mit der Wucht seiner Bewegung schmeißt er ihn zu Boden und drückt ihn weg, und drei, vier andere Männer packen den Inspekteur am Anzug und zerren ihn beiseite.

Der Schwenkarm mit der Baggerschaufel trifft auf der Stelle auf, wo sie eben noch gestanden haben, durchschlägt die Holzbretter und bleibt bis zur Hälfte versenkt stecken. Erich spürt einen unvorstellbar starken Schmerz im rechten Bein, es ist als ob es ihm jemand mit der Axt unterm Knie abgehauen hat. Er will um Hilfe schreien, aber es bleibt im Hals hängen, er stöhnt nur "Meine Schuhe, ich brauche meine Schuhe" und fühlt wie ihm die Sinne schwinden. Man kümmert sich um ihn. Wegen des Besuchs ist auch ein Krankenwagen zur Stelle, man verbindet Erich notdürftig, legt ihn auf eine Trage und in den Wagen und schafft ihn mit Sirene ins Krankenhaus.

Beide Beine sind gebrochen, doch der rechte Unterschenkel ist völlig zerschmettert, und man muss ihn amputieren. Erichs Kreislauf ist infolge des Alkoholismus total geschwächt, er erleidet einen Schock, verliert viel Blut, wird bewusstlos, der Arzt und die Schwestern haben nicht mehr viel Hoffnung für ihn. Aber bevor es zu Ende geht, geschieht ein kleines Wunder, nach drei Tagen erwacht Erich aus der Ohmacht. Ulrike wird von der Schwester benachrichtigt, und gemeinsam mit Karlchen macht sie sich sofort auf den Weg ihn zu besuchen.

Erich ist bei klarem Verstand, erkennt alle wieder, nur an den Ablauf des Unglücks kann er sich nicht mehr genau erinnern. Zu beiden Seiten des Krankenbetts auf den Schränkchen stehen riesige Blumensträuße, und die Schwester erklärt, daß das Reichsministerium, der Gauleiter, der Oberbürgermeister und etliche andere politische Führer ihren Gruß und Dank für die aufopferungsvolle Heldentat des Arbeiters Erich Oschatz und die besten Genesungswünsche für ihn geschickt haben. Alle sehen auch, daß die Bettdecke über seinem rechten Bein ganz flach ist, aber keiner erwähnt es. Ob sie ihm eventuell was besorgen würde, fragt er Ulrike, in der einen Flasche im Küchenschrank müsste noch was drin sein, wenn sie die bei Gelegenheit, oder vielleicht heute noch, vorbeibringen könnte.

Die Wunden heilen schlecht, Erichs Organismus macht schlapp, er bekommt Morphium gegen die Schmerzen, er schläft ein. Ulrike und Karl kommen mehrmals vergebens, Erich schläft. Dann wacht er wieder auf, erholt sich nur langsam. Die Autobahnzeitschrift "Die Straße" schickt einen Reporter ins Krankenhaus, der Fotos von ihm macht und ihm Fragen stellt: Wie stolz er darauf wäre, am Autobahnbau mitzuwirken? Wieviel Überstunden er geleistet habe? Wie ihn seine Familie in seiner Arbeit unterstütze? Was da zum Beispiel gefragt sei, will Erich wissen. Na, wie Frau und Kind in Gedanken ständig bei ihm sind, er habe doch auch Kinder, nicht wahr? Ja, einen Sohn. Einen Sohn überdies, prächtig! Ja, ein prachtvoller Junge. Was er sich von der Prämie für seine Heldentat leisten werde? Was für eine Prämie, fragt Erich, und der Reporter sagt, er würde ihn dann anrufen, wenn das klar ist.

Dann kommen ein Ingenieur und sein Assistent vom IfA, dem Institut für Arbeitsforschung. Sie stellen auch Fragen, doch Erich merkt, daß nicht alle davon für die Öffentlichkeit gedacht sind, darunter die, welche Kontrollen durchgeführt wurden bei der Vorbereitung der Veranstaltung und speziell bei der Aufstellung des Baggers. Erich antwortet, daß er mit der Vorbereitung nicht direkt betraut gewesen sei, daß ihm aber die leichte Schieflage des Baggers aufgefallen sei. Ob er darüber mit jemand gesprochen habe? Weshalb er eigentlich vorn an der Tribüne gewesen sei? Wegen der Regenschirme. Was für Regenschirme? Es habe doch gar nicht geregnet? Ja, aber der Schwemmler hätte gesagt, man müsse auf alles gefasst sein. Was der Schwemmler damit gemeint haben könnte? Was der Schwemmler sonst so für ein Mensch wäre? Nun, man muss ihn halt nehmen wie er ist, dann kann man schon mit ihm auskommen. Dann erscheint ein Mann, der auch sagt, er käme vom IfA, und Erich sagt, er habe doch alles schon seinen Kollegen erzählt, worauf der Mann ihm gute Besserung wünscht und wieder geht.

Es kommen immer noch frische Blumen, auch Post vom Reichs Verkehrsministerium. Die Schwester fragt Ulrike, ob sie die Post nicht durchsehen könnte, doch Ulrike lehnt das ab. Karl sagt "Das kann ich machen, es geht bestimmt um das Zeug, das Vater von der Baustelle hat, ich kann das auch hinschaffen." "Das hat Zeit", meint Ulrike, "lass ihn erst mal wieder gesund werden." Karl sieht sie halb misstrauisch halb vorwurfsvoll an, dann sagt er "Du brauchst mir nichts vorzumachen." Dann lässt Erich bei ihr anrufen und sagt, er will mit ihr reden, unter vier Augen. Doch es ist abends, und als sie es Karl sagt, erwidert der, er will dabei sein. Sie gehen hin und keiner sagt ein Wort. Karl bleibt im Krankenzimmer an der Tür stehen, Erich richtet sich ein Stück auf. Er will etwas einwenden, macht dann aber eine Kopfbewegung, sie sollen beide herkommen.

Ulrike setzt sich auf die Bettkante, Karl auf die vom Nachbarbett, das leer ist. In dem Raum brennen nur vorn und hinten zwei schwache Lampen, die ein gelblichfahles Licht abgeben. "Ich muss euch was sagen", beginnt Erich. Ulrike schaut zu Karl und fragt leise "Willst du nicht doch lieber draußen warten?" Karl bleibt stumm und heftet den Blick fest auf den Vater. Der guckt ein bisschen verwundert zurück. "Ihr denkt nicht etwa, ich würde jetzt abkratzen, oder?" Die beiden schütteln wie auf Kommando heftig den Kopf. "Schieb' mir bitte mal das Kopfkissen in den Rücken, ja so, danke. Also, es ist folgendes: Weil ich doch den Generalinspekteur davor bewahrt habe, daß er den Bagger auf die Rübe kriegt, wollen sie mir jetzt irgendeinen Orden verleihen, von höchster Stelle sozusagen." "Au Backe, da kommst du in die Zeitung", sagt Karl erleichtert. "In der Zeitung war ich schon." "So? In welcher?" "In der 'Straße'." "In der Straße? Es muss doch heißen: auf der Straße." "Junge, die Zeitung heißt: 'Die Straße', verstehst du." "Wer liest denn die? Du kommst ins 'Gothardauer Tageblatt' oder in den 'Beobachter'." "Ja, solche Beobachter waren auch schon hier."

"Und was ist nun weiter?", fragt Ulrike. "Richtig. Also wegen dem Orden. Ich muss euch ein Geheimnis anvertrauen, da habe ich bisher nicht drüber gesprochen, weil es sowieso aussichtslos war. Ich habe nämlich schon vor einiger Zeit einen Antrag gestellt für eine Erholungsreise mit einem von den KdF Schiffen." "Mit dem Wilhelm Gustloff?" "Ja, oder mit einem von den anderen, für mich und Karl, nach Norwegen oder nach Madeira." "Madera, wo liegt'n das?" "Das ist jetzt nicht so wichtig. Das war natürlich nur so eine Schnapsidee ... ich meine, ich habe nie damit gerechnet, daß es bewilligt würde." "Und jetzt ist es bewilligt?" "Nicht direkt, aber so gut wie. Ich habe da bei dem Generalinspektariat angefragt, das heißt, Schwester Renate hat das für mich gemacht, du Ulrike, der muss ich noch irgendwas zukommen lassen, also gefragt, ob man den Orden irgendwie umtauschen kann gegen die KdF Reise." "Und? Machen sie das?" "Sie haben gesagt, daß das in Ordnung geht und daß ich sogar beides bekomme, Orden und Reise."

"Juhu", ruft Karl, "'ne richtige Schiffsreise? Aber Ulrike muss unbedingt mitkommen." "Du hast doch gehört, daß es für Vater und für dich ist, für zwei Personen." "Dann rufe an und sage, dir ist eingefallen, daß noch jemand den General mit gerettet hat." "Menschenskind, Karl, ich kann da nicht mitfahren." "Sie hat recht, es gehen wirklich nur zwei Leute." "Wenn Ulrike nicht mitkommt, fahre ich auch nicht." "Jetzt mach' aber einen Punkt. Ihr beide werdet einen wunderschönen Urlaub zusammen verbringen. Wann soll es denn losgehen, wohl sobald du wieder auf den Beinen ..." Sie stockt. Erich sagt "Das ist eben das Problem bei der Sache, die Reise ist schon nächste Woche, die einzige, wo was frei ist." "Mist. Bis dahin bist du nicht wieder gesund." Erich lächelt. "Nee, das schaffe ich beim besten Willen nicht."

Plötzlich lässt er sich nach hinten fallen, legt die Hände auf die Brust und schaut an die Decke. "Was is'n jetzt los?", sagt Karl, und Ulrike fragt "Soll ich die Schwester rufen?" "Nicht nötig", murmelt Erich gegen die Decke gerichtet. "Ja, und?" "Nichts und." Karl springt auf und legt Ulrike die Hand auf die Schulter. "Ich weiß, was er meint: du sollst an seiner Stelle mitfahren." Erich räuspert sich. "Ist das wahr?", fragt sie ihn. "Wäre doch bedauerlich, wenn es verfällt und alles für die Katz' war." Sie schweigen. Nach einer Weile sagt Ulrike "Das ist nicht alles, was du uns sagen wolltest." "Dir wollte ich es sagen, jetzt seid ihr aber beide da." "Karl gehört schließlich dazu." "Ich habe auch gar nichts mehr dagegen, ich denke, es ist gut so." "Was?" Er richtet den Oberkörper wieder halb auf und spricht leise weiter.

Ulrike hört ihn an, und man kann sehen, wie sie eine innere Bewegung ergreift. Mehrmals will sie ihn unterbrechen, doch Erich hebt nur sachte und, wie ihr jetzt deutlich wird, auch ermüdet und kraftlos die Hand, um ihr zu bedeuten, daß sie ihn erst ausreden lassen soll. Karl begreift zuerst gar nichts, wovon zum Teufel redet der Vater da? Ist das jetzt seine Abschiedsrede? Aber er spricht gar nicht von sich, sondern von Karl.

Der setzt sich abwechselnd auf die Bettkante und stellt sich neben Ulrike, als könnte sie ihm irgendeine Erklärung geben. Ulrike schaut ihn nur von Zeit zu Zeit an, um sich zu vergewissern, wie der Junge das aufnimmt, was Erich ihnen mitzuteilen sich anstrengt. Und der hat sich anscheinend alles lange vorher im Kopf zurechtgelegt. Seit wann trägt er sich mit solchen Gedanken? Warum hat er nie zuvor eine Andeutung davon gemacht? Warum hat er gewartet, bis keine andere Wahl mehr bleibt, bis die einzige Person, die für ihn und Karl noch etwas tun kann, praktisch gezwungen ist, seinem Willen zu gehorchen.

Für einen Augenblick macht sich wieder die alte Verachtung gegen Erich bemerkbar, und ganz kurz denkt sie, er habe sich wohl extra selbst verletzt und verstümmelt, um sich noch ein letztes Mal zu behaupten und die andern auf seine Seite zu ziehen. Aber gleich darauf schämt sie sich schon wieder für ihre gemeinen Gedanken. Was hat dieser Erich Oschatz bloß mit ihr gemacht, daß er sie immer wieder dazu bringt, nachzugeben. Durch alle die mehr verworrenen als klaren Worte und Sätze seiner leisen Rede hindurch, die jetzt in einzelnen Gesten, Blicken und in tiefen, erschöpften Atemzügen verendet, klingt die flehentliche Bitte, die zugleich wie eine Zauberformel anmutet, die ihm in seinen armseligen Geist eingegeben wurde, und jetzt, als er Ulrikes Hand fasst und sie unglaublich sanft drückt, über seine trockenen Lippen kommt: "Geht jetzt, und macht es so, wie ich es gesagt habe."

Die Krankenschwester betritt kaum hörbar das Zimmer, sie kommt heran und sagt "Es ist sehr spät, Herr Oschatz, Sie brauchen Ihren Schlaf." Erich nickt brav und lächelt wieder zur Decke hin. "Wir gehen auch", sagt Ulrike. Sie und Karl geben Erich einen Kuss auf die Wange, Ulrike streicht über seinen Arm. "Bis bald." "Bis demnächst", brummt er und schließt die Augen.

Sie gehen durch das nächtlich dunkle Krankenhaus, durch die leeren Flure und ein Stockwerk nach unten. Alles ist kahl und still, fast wie ausgestorben. Karl geht voran, als würde er den Weg weisen. "Haben Sie viele Patienten?", fragt Ulrike die Schwester. "Es reicht", erwidert sie, und Ulrike merkt, daß sie ein Gähnen unterdrückt. Sie ist jung und hat ein niedliches Gesicht, sie hat die Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden, der unter dem weißen Häubchen hervorhängt. "Rechts entlang, Gerd", sagt sie. Karl dreht sich um. "Ich bin Karl." "Ach, Karl, ja natürlich. Wir haben auch einen, der Gerd heißt." Ulrike will sagen, daß die Verwechslung sicher durch das schummerige Licht auf den Gängen kommt, doch dann denkt sie, daß das eine unsinnige Begründung ist, und noch entschiedener denkt sie, daß es nicht mehr länger ihre Gewohnheit sein muss, andere Leute in Schutz zu nehmen. Dieses Gefühl, das wie ein schlechter Vorsatz klingt, überrascht sie selbst ein wenig, und doch ist es, als würde sie sich entschieden haben, es beizubehalten.

"Kann ich bei dir schlafen?", fragt Karl. "Freilich, ich werde dich doch nicht in der leeren Wohnung zurücklassen." "Warum sagst du zurücklassen, als wenn du fortgehst?" "Das habe ich einfach so gesagt, es hat keine Bedeutung. Ich weiß nicht, ich bin ein bisschen durcheinander." "Bist du verliebt?" Sie lacht laut auf, hält sich vor Schreck die Hand vor den Mund, weil es in der Gasse widerhallt. "Ich möchte wirklich manchmal wissen, was in deinem Kopf so vorgeht", sagt sie. Nach einer Pause sagt Karl "Jetzt willst du vielleicht erst mal wissen, was in deinem Kopf vorgeht." "Da hast du auch wieder recht. Ach, mein lieber Bube." Sie bleibt stehen, hält ihn fest und drückt ihn an sich. "Aua, das tut weh."

Später sagt Ulrike, ihr ist im Moment so zumute, als hätte sie alles verloren, was sie besessen hat. "Wie bei einem Brand?", gibt Karl zu verstehen. "Ja, oder wie bei einer Überschwemmung." "Das ist schlimmer, da muss man zusehen, wie die schönen Sachen davontreiben." "Meine Güte, was bist du für ein einfühlsamer Junge. Aber das trifft es alles nicht genau. Ich bin dabei gar nicht todunglücklich. Wie wenn einem was gestohlen wurde, das man selber vorher geklaut hat." "Das kenne ich, ich hatte mal ein Briefmarkenalbum, das haben sie mir geklaut." Bevor sie etwas sagen kann, fügt er hinzu "Aber das hatte ich gefunden, dann zählt das nicht echt." "Na ja, bei mir zählt's auch nicht echt, denn ich habe in Wirklichkeit noch alles." "Hauptsache, du hast auch noch dein Gedächtnis, wir sind nämlich gerade bei dir am Haus vorbeigelaufen." "Oh, das ist ... das kommt ..." "Gib' mir den Schlüssel, ich mache das schon."

Als sie im Bett liegen, lässt sich Karl alles noch einmal wiedergeben, was der Vater gesagt hat, so wie es Ulrike verstanden hat. Warum er aber ursprünglich wollte, daß Karl nicht dabei wäre? Ulrike findet eine mögliche Erklärung, die aber nur sehr vage ist. Und wenn Erich ihr allein alles gesagt hätte, dann hätte sie die schwere Aufgabe gehabt, es Karl beizubringen, und es ist fraglich, ob sie das geschafft hätte. "Also war es gut, daß ich mitgekommen bin", stellt Karl fest. Ulrike muss bitter lachen. "Dich geht es doch am allermeisten an." "Aber dich genauso." "Ja, nur ich habe mir selbst schon so was überlegt, für dich muss das ganz überraschend kommen."

Karl schweigt. "Davon hast du mir nie was erzählt", sagt er dann. "Das ging auch wirklich nur mich was an. Außerdem habe ich mir's ganz anders gedacht. Was ist los? Bist du jetzt beleidigt?" Er schweigt, aber scheint den Kopf zu schütteln, dann sagt er "Wir müssen doch jetzt zusammenhalten." "Das haben wir auch bisher getan." "Und wem zuliebe machst du das nun?" "Was?" "Na, daß du mit mir mitfährst." "Ich denke, hier fährt nicht einer mit dem andern mit, sondern wir machen diese Reise gemeinsam." "Vater will mich von hier weg haben." Ulrike schluckt. Da Karl das so sagt, weshalb soll sie ihm etwas begreiflich machen, wenn es ihr doch nicht gelingt. "Ja, und?" "Du würdest es anders machen, wenn du mich nicht mitschleppen müsstest." Sie fährt hoch. "Jetzt hör' auf, was willst du von mir hören? Daß du mir ewig zur Last fällst? Oder daß ich dich so lieb habe, daß ich dich nie im Stich lassen würde? Mein Gott, wegen mir ist das alles nicht so gekommen, aber nun müssen wir was unternehmen, und ich will auch mein eigenes Leben leben und ... was lachst du?" "Leben leben, wieso sagst du das zweimal?" "Häh? Ich sage es nicht zweimal, das ist die richtige Wortwahl."

Karl macht mit den Lippen ein anerkennendes Geräusch, dann fragt er "Kannst du eigentlich auch englisch reden?" Sie lässt sich wieder aufs Kissen fallen. "Nee, nicht so richtig." "Das müssen wir dann wohl schleunigst lernen." "Ja, ja. Vielleicht schlafen wir jetzt erst mal und morgen früh sehen wir weiter." "Ich will dich etwas fragen." Sie macht eine abwehrende Geste. "Was denn noch?" "Bin ich für dich mehr dein Kind oder dein Liebhaber?" Sie dreht sich so heftig herum, daß die Metallfedern knarren und Karl durchgeschüttelt wird. Sie lässt ihn hinter sich liegen und raunt nur "Du bist der unmöglichste Knallkopf, mit dem ich je das Bett geteilt habe. Und jetzt halt' die Klappe." Am nächsten Morgen sagt sie als erstes zu ihm "Daß das ein für allemal klar ist: Ich werde dich weder adoptieren noch heiraten." Karl wendet sich ab und murmelt "Na, da gibt es ja eine ganze Menge dazwischen."

Erich hat es geschafft, sogar ohne Ulrikes Hilfe, aus dem Krankenhaus heraus alle wichtigen Leute und Behörden von der bevorstehenden Auszeichnungsreise mit dem KdF Schiff zu unterrichten. Und so gibt es keine Probleme, als Ulrike ihren Reisepass abholen will und eine Legitimation für Karl ausstellen lässt. Die selben Leute, die sie vor einem halben Jahr angeschaut und behandelt haben wie eine verdächtige Person, sind jetzt zugänglich und hilfsbereit, ja, es scheint, als würden sie sich zumindest für Karl mitfreuen, und als ihr die Frau auf dem Einwohneramt die Papiere gibt, meint sie, sie fände es wirklich anständig von Ulrike, daß sie den Jungen begleitet; dann fragt sie auch, ob Ulrike dafür eigentlich ihren eigenen Urlaub opfert.

Ulrike verbreitet sich nicht darüber, was sie mit Bierloch, ihrem Chef, abgesprochen hat. Er hat sich auch nicht definitiv dazu geäußert, keinerlei Einwände gehabt und bloß gesagt, Ulrike solle so viele Fotos wie nur möglich machen, von Madeira und von Tripolis und natürlich von Italien. Das wird die Route sein, und das Schiff ist die "Stuttgart", wo angeblich sogar ein Fähnlein Hitlerjungen aus Bayern mitfährt. "Interessiert mich nicht", kommentiert das Karl, "ich mache, was du machst." "Na, wir werden sehen, wenn ich einen netten Herrn an Bord kennenlerne, kannst du nicht ständig an meinem Rockzipfel hängen."

In der Schule, wo Ulrike vorsprechen muss, damit Karl für die Zeit frei bekommt, gibt es auch keine Schwierigkeiten, keiner scheint sich darum zu scheren, im Sekretariat nimmt man es zur Kenntnis und sagt, es sei bereits vermerkt. Man wünscht nicht mal gute Reise. Auf dem Korridor trifft sie Herrn Kleinsteuber, der sie in seinen kleinen Vorbereitungsraum bittet. Sie denkt, er wird ihr nicht etwa Schulaufgaben mitgeben, die Karl in der Zwischenzeit bearbeiten soll. Doch Herr Kleinsteuber ist sehr freundlich, fragt nach ein paar Einzelheiten und meint dann, es wird für Karl bestimmt ein unvergessliches Erlebnis werden. Er selbst, Kleinsteuber, zehre noch heute in der Erinnerung von seiner Italienreise.

"Es wird Karl gewiss auch für die künftige Schulzeit förderlich sein", sagt Ulrike. "Hoffen wir es", erwidert Herr Kleinsteuber, dann fügt er hinzu "Warten Sie mal, ich will Ihnen etwas mitgeben." 'Also doch die Aufgaben', denkt Ulrike. Er geht an einen der Wandschränke und zieht eine untere Schublade auf, dann entnimmt er etwas in Zeitungspapier Eingewickeltes. "Das gehört Karl, vielleicht will er noch was damit anfangen." Ulrike fällt der gutmütige Ton auf, in dem Herr Kleinsteuber spricht. Sie macht das Papier auf und sieht einen selbstgebauten Katapult. "Den musste ich solange für ihn aufbewahren."

"Sie haben ihn nicht weggeschmissen." Kleinsteuber zuckt mit den Achseln. "Ehrlich gesagt, hatte ich ihn vergessen." Ulrike setzt ein erstauntes Gesicht auf. "Ja, aber was soll Karl auf der Reise damit? Und dann auf einer Schiffsreise? Etwa dem Kapitän die Mütze vom Kopf schießen?" "Dann wird man ihn wohl zum Kartoffelschälen verknacken." "Sie werden ihn selbst bald wieder bekommen, Herr Kleinsteuber." "Ja, ja, wahrscheinlich ... oder aber hoffentlich nicht. So, nun hinaus mit Ihnen, Fräulein Friedewald, hat mich immer gefreut, ein Wort mit Ihnen zu wechseln." Sie will etwas Gleiches erwidern, unterdrückt es jedoch, und nur ihrer beider vielsagende Blicke treffen sich zuletzt.

Das allergrößte Problem ist es, Tante Gertrud zu benachrichtigen. Hans warnt Ulrike davor, ein Telegramm zu schicken. Für einen Brief ist es ohnehin zu spät. "Dann müssen wir es allein versuchen", sagt sie. "Freilich, mit einem Kompass in der Hand und einer Adresse im Kopf. Das ist kein Geländespiel, Schwesterchen. Wenn ihr nicht mit Gertrud am vereinbarten Ort zusammentrefft, ist das alles ein aussichtsloses Unterfangen. Was ist mit Major Nachtwey, hat er nicht gesagt, er würde dir jederzeit behilflich sein?" "Aber ob er das damit gemeint hat? Wenn wir uns durch ihn genauso verraten würden?"

"Es ist die einzige Chance, du musst ihn fragen. Ruf' ihn morgen vom Geschäft aus an. Und tue mir einen Gefallen, erwähne mich mit keinem Wort." "Ich verspreche es. Hat das etwas damit zu tun, was ihr da oben auf dem Inselsberg ausprobiert?" "Das ist streng geheim. Sie haben mich nur deshalb hinzugezogen, weil es technische Pannen mit den Sendern gibt, irgendjemand hatte von mir gehört, und die Spezialisten von der Wehrmacht sind anderswo gebunden. Ansonsten weiß ich nicht, was da genau läuft, und wenn ich es wüsste, würde ich ..." "Du hast schon genug für mich getan, für uns. Gebe Gott, daß ich mich einmal dafür revanchieren kann." "Ja, gebe Gott, daß wir das beide erleben. Nun heule nicht." Sie fällt in seine Arme und schluchzt, er streicht ihr übers Haar. "Bis jetzt läuft doch alles gut, man könnte fast sagen, nach Plan, wenn es einen gäbe." Sie boxt ihn gegen die Brust. "Du fehlst mir jetzt schon, du mit deinen blöden Sprüchen."

Sie besuchen jeden Tag Erich, er lässt sich alles berichten. Er fragt, ob sie Karls Sachen finden und ob er alles hat, was er benötigt. Ulrike beruhigt ihn, sie können sowieso nur das Nötigste einpacken, was man für eine Reise eben braucht. "Immerhin ist es eine Mittelmeerreise", sagt Erich. Er erzählt etwas von einer Beinprothese, die er erhalten soll. Aber Ulrike merkt, daß es ihm schlecht geht. Und als sein Bett leer ist, weil er in ein anderes Zimmer verlegt wurde, denkt sie schon, er ist nicht mehr da.

Karl ist mit seinem zum Bersten vollen Rucksack reisefertig und steht am Donnerstagabend in HJ Uniform mit Schultergurt und Fahrtenmesser vor Ulrikes Wohnungstür. "Ab jetzt bleibe ich bei dir", sagt er. "Du willst doch nicht in dem Aufzug reisen?" "Was denkst du denn, da finden mich die Leute ganz normal." "Steck' wenigstens das Messer ein, sieht aus, als wolltest du auf einen Eroberungszug." "Es gibt auch da unten Männer, die scharf sind auf weiße Frauen wie dich, ich kann dich beschützen." "Vielen Dank, ich kann mich allein beschützen. Und jetzt mach das Ding ab." Er murrt, gehorcht aber. "Wir würden viel besser miteinander auskommen, wenn du nicht manchmal so eine eingebildete Zicke wärst."

Sie kann den Major telefonisch nicht erreichen. Sie versucht es sooft sie allein im Laden ist, doch am anderen Ende nimmt keiner ab. Sonntagfrüh wird der Sonderzug nach Hamburg fahren, in den sie in Bebra einsteigen müssen. Die "Stuttgart" wird den Hamburger Hafen die Elbe abwärts verlassen, in die Nordsee steuern, durch den Kanal fahren und dann Kurs auf Madeira nehmen. Karl sitzt bei Ulrike im Zimmer und zieht kaum noch die Schuhe aus. Er guckt verträumt aus dem Fenster, und zwischendurch fragt er sie zum hundertsten Mal nach irgendetwas, das ihr Tante Gertrud erzählt hat. Sie können nichts mehr rückgängig machen. Hans sagt, er werde zusehen, daß er doch noch mit Nachtwey sprechen kann.

"Wie sollen wir das erfahren?", fragt sie. Karl sagt "Du kannst Hans vom Schiff aus anrufen; es gibt Telefon. Steht jedenfalls in dem Prospekt, kostet aber fünf Mark." "Was? So genau habe ich da gar nicht hineingeschaut." "Karl hat recht, du rufst hier an und ich sage dir Bescheid." "Was willst du sagen?", meint Karl, "Du kannst nicht so offen reden." "Du bist ein schlaues Bürschchen." Sie vereinbaren eine Mitteilung für den Fall, daß Gertrud bereit steht und alles organisiert hat. Ulrike hüpft auf einmal ganz aufgeregt umher. "Das ist das tollste Abenteuer, das ich je erlebt habe", ruft sie, und Hans legt die Stirn in Falten angesichts ihres Wechselbades der Gefühle; sollte sie schon den Verstand verloren haben? "Wir brauchen auch eine Nachricht, wenn es nicht geklappt hat", sagt er. Sie schüttelt den Kopf und wehrt ab. "Nein, sei still, das bringt Unglück." Karl verschränkt die Arme und sagt großspurig "Es gibt da schlimmstenfalls immer ein Rettungsboot auf dem Schiff."

Ulrike hat bis spät in die Nacht ihren Koffer gepackt, zuerst alles auf Tisch und Bett ausgebreitet und dann verstaut, nicht mal die Hälfte davon hat hineingepasst. Alles wieder raus, erneut auswählen, manches wandert zurück in den Schrank. Endlich ist alles untergebracht, eine zweite Reisetasche war nötig. Sie fragt Karl, ob er noch Platz habe für Liese, ihre Puppe im Matrosenkleid. "Die willst du mitnehmen? Du spielst doch nicht mehr mit Puppen." "Es ist ein Andenken, und bei dir würde sie nicht so auffallen." "Es würde aussehen, als spiele ich mit Puppen." "Herrje, du kannst sagen, es ist ein Andenken." "Dann kannst du sie auch selber nehmen." Sie stemmt die Arme in die Hüften. "Ja, aber bei mir passt sie eben nicht mehr rein, andernfalls würde ich dich überhaupt nicht fragen. Die kleinste Gefälligkeit ist dir anscheinend zuviel. Ich glaube, das ist die erste und letzte Reise, die ich mit dir mache." "Gib' schon her." Er stopft die Puppe ganz unten in den Rucksack, Ulrike schaut zu mit einer Miene, als müsste die arme Liese den Erstickungstod erleiden. Karl murmelt "Nachher auf dem Schiff kann sie ja wieder draußen sitzen."

Sie verlassen Sonntagmorgen das Haus, es dämmert gerade, und als sie durch den Park zum Bahnhof gehen, fangen die Vögel an zu zwitschern und eine Amsel sitzt auf der Turmspitze vom Teeschlösschen und singt ein wonniges Lied. Ulrike ist am Bahnhof schon durchgeschwitzt. Sie nehmen einen Schnellzug nach Bebra und steigen dort in den Sonderzug um. Ein Bahnbeamter kontrolliert ihre Papiere und weist ihnen die Plätze zu. Der Zug fährt durch, nur in Hannover macht er kurz Halt.

In Hamburg bringt sie ein Omnibus zum Hafen, der einen überwältigenden Anblick bietet. Man sieht den "Wilhelm Gustloff" am Kai liegen, mit seinem elfenbeinfarbenen Anstrich, den Decks übereinander, der haushohen Kommandobrücke, dem mächtigen Schornstein, aus dem von Zeit zu Zeit ein dünner Rauch aufsteigt, als würde ein lustiger Schiffsgeist ihn auspusten. Zu den Masten ziehen sich Fähnchenreihen hinauf, und an der Reling stehen die Passagiere erwartungsvoll und mit glücklichen Gesichtern. Hinter dem "Gustloff" ist die "Stuttgart", etwas kleiner gebaut, doch wie Karl bemerkt "Auch ganz hübsch." Aber er kann seine Aufregung nicht verbergen. Ulrike muss ihn zurückhalten. "Bleib' hier, sonst verlieren wir uns aus den Augen." "Ach, du findest mich dann spätestens auf dem Promenadendeck wieder", entgegnet er und prahlt mit den Informationen, die er dem Prospekt entnommen hat.

Sie bekommen die Kajüte B 47, die hier "Kammer B 47" heißt und in welcher sich vier Kojen befinden. Das Bullauge ist nur wenig oberhalb des Wassers. Karl schläft oben. "Ist das alles für uns?", fragt er, und Ulrike hebt die Schultern. Dann kommt plötzlich ein Mann mit Gepäck hereingestolpert. Er hat eine sehr starke Brille auf und einen Zettel in der Hand, von dem er eine Nummer abliest. "Da ist es", sagt er und verbreitet einen hässlichen Mundgeruch. Er schmeißt sein Gepäck neben Karls Rucksack. "Da liege ich schon", sagt Karl. Der Mann wendet sich nach allen Seiten um, als würde er jetzt erst bemerken, daß noch jemand drinnen ist. "Waaas?" Dann kommt ein Schiffssteward und sagt "Pardon, mein Herr, ich habe Ihnen versehentlich eine falsche Auskunft gegeben, wenn Sie mich begleiten würden, ich führe Sie zu Ihrer Kammer." Karl schaut zu Ulrike und wedelt den schlechten Geruch mit der Hand weg. "Wir hätten ja nicht lüften können." Sie lacht.

Tatsächlich haben die beiden die Kajüte ganz für sich. "Da hätte Vater also auch noch Platz gehabt", sagt Karl wie nebenbei, und Ulrike ist nicht sicher, ob es traurig oder unbekümmert klingt. Auf dem winzigen Klapptisch liegt ein Blatt, das Karl vorliest "Willkommen an Bord! Wir heißen Sie alle herzlich willkommen und hoffen, daß Sie die rechte Ferienstimmung mitgebracht haben und uns so in die Lage versetzen, Ihnen diese Reise zu einem einmaligen Erlebnis zu gestalten. Schiffsleitung und Besatzung. NS-Gemeinschaft 'Kraft durch Freude'." Dann liegen zwei Tischkarten da "Für den hinteren Speisesaal, Gruppe B, Tisch Nummer achtzehn, Stuhl Nummer elf", liest Karl. "Und du hast Stuhl Nummer zwölf, am selben Tisch." "Was für ein Zufall. Und ich brauche dich nicht mal auf den Schoß zu nehmen."

"Pah! Hier sind die Tischzeiten: Frühstück um acht Uhr, Mittagessen - na und so weiter. Speisefolge, häh, nur Abendessen? Ach, das ist bloß heute. Hier ist für morgen: Kaffee, Tee, Kakau, Butter, Marmelade, Brötchen ..." "Was gibt's zum Mittag?" "Mittag: Manöversuppe." "Was?" "Manöversuppe, steht hier. Außerdem Schweinebraten in Burg-und-er-tunke ..." "Burgundertunke, das ist Rotweinsoße." "Ich dachte, den Wein trinkt man extra. Rotkohl, Kartoffeln, Weißbrot, Mandelsulz und Fruchtsaft. Was ist nun schon wieder Mandelsulz?" "Lassen wir uns doch einfach überraschen, Mister Charly Oschatz." Karl lacht und wird rot im Gesicht. "Sag' das bloß nicht nochmal." "Was? Charly Oschatz?" "Hör auf!" Sie packt ihn und kitzelt ihn durch, er wehrt sich und kichert, und sie kullern beide auf die Koje.

Sie hören Blasmusik, die von der Hafenseite kommt. Über den Bordlautsprecher werden sie aufgefordert, sich an Deck zu begeben, das Schiff ist klar zum Auslaufen. Die Kapelle steht im Sonnenschein und spielt "Muss i denn, muss i denn - zuum Städele hinaus ..." Das Schiffshorn ertönt, der Dampfer bewegt sich langsam, schwer und kräftig vom Kai weg, die Gebäude am Hafen schieben sich zur Seite, das Wasser schwappt gegen die Mauer. Die Passagiere winken wie wild, rufen, lachen, singen. Ulrikes Augen füllen sich mit Tränen. Karl beugt sich über die Reling und will hinunterspucken, sie reißt ihn zurück. "Mensch, mach' keinen Mist, ab jetzt wird's ernst." Am späten Nachmittag findet im Wintergarten der Umtausch von Reichsmark in Bordgeld statt. Jeder muss einen Beleg unterschreiben, daß er soundso viel Geld mitführt und umtauscht. Von den zwei Zwanzig Pfund Noten sagt Ulrike natürlich kein Wort, sie versteckt sie ständig irgendwo anders, einmal sogar im Bündchen ihres Schlüpfers.

Sie durchfahren den Ärmelkanal bei Windstärke acht, von den vielgepriesenen Kreidefelsen an der englischen Küste ist nichts zu sehen. Etliche Leute werden seekrank, bei den Mahlzeiten bleiben sie fern. Auf den Atlantik hinaus geht es bei herrlichstem Wetter, das auch an den folgenden Tagen anhält. Zwei, drei Mal schleppt Karl Ulrike mit ins Schwimmbad, aber das Becken ist ziemlich klein, und es geht eng zu. Es baden fast nur Kinder oder fette Männer. Dann verbringt Ulrike die Stunden auf dem Sonnendeck, meistens in ihrem blauen Strandanzug mit dem leuchtend gelben Saum am Brustausschnitt und an den Ärmeln. Sie besorgt sich einen Liegestuhl. Ein junger Mann scharwenzelt die ganze Zeit um sie herum. Er ist mit seinem Vater da, die beiden belegen die Liegestühle neben Ulrike. Der Sohn trägt stets eine halblange, karierte Hose, ein blütenweißes Hemd und darüber einen Westover sowie eine große Ballonmütze, er wirkt wie ein Golfspieler oder ein Rennfahrer. Es hapert bei Ulrikes Liegestuhl mit dem Aufstellen, die Mechanik klemmt. Zufälligerweise ist der Sportsmann gerade in der Nähe und hilft ihr gern.

Das Fähnlein Hitlerjungen stellt sich heraus als eine kinderreiche Familie aus Oberbayern, mit sieben Jungen und zwei Mädchen, von denen eins älter aussieht als die Mutter. Am Nebentisch sitzt eine sehr vornehme Familie mit einem Jungen in Karls Alter. Er hat einen hellen Leinenanzug an und Pomade im Haar, im Vorbeigehen zischt er Karl zu "Meine Eltern haben verboten, daß ich mit Proletenkindern spiele." "Dann lass' es doch", gibt Karl zurück ohne stehenzubleiben. Einmal ist an Backbord ein deutscher Zerstörer zu besichtigen, ein graues, schlankes Schiff wie aus einem Stück Holz geschnitzt. Die langen Rohre der Fliegerabwehrgeschütze ragen in die Höhe. Die Matrosen stehen in Reih' und Glied und bezeigen den KdF Urlaubern die Ehre. Die jubeln zurück, dann erklingt die Nationalhymne und für ein paar Minuten ist es feierlich still. Der Junge im Leinenanzug hat sich dorthin geschlichen, wo Karl steht. Er flüstert "Wollen wir was zusammen machen?" Karl ist so in den Anblick des Schauspiels vertieft, daß er fast erschrickt. Er antwortet "In Ordnung, wir spielen über Bord springen, du fängst an."

Der Sportsmann bemüht sich sehr um Ulrike, aber er ist nicht der einzige, das Schiff scheint voll zu sein von Männern, die Jagd auf junge Frauen machen. Sogar in der Bibliothek stellen sie ihnen nach. Einer empfiehlt Ulrike den neuen Roman von Ernst Jünger "Auf den Marmorklippen" und erzählt ihr etwas von dem Inhalt, das sie nicht gerade scharf auf die Lektüre macht. Schließlich verrät er, daß er, genauso wie der Romanheld, Oberförster sei, aber trotzdem viel Zeit zum Lesen habe. Ulrike macht eine interessierte Miene und meint "Nun, dann haben Sie wahrscheinlich in einer so waldarmen Gegend wie hier viel mehr Zeit."

Dann ist es Ulrike, die Karl bittet, mit ihr in die Sporthalle zu gehen, um sich ein bisschen zu bewegen. Das Essen ist ausgezeichnet und reichlich, selbst um zehn Uhr abends gibt es noch belegte Schnitten. In der Kajüte fasst sich Ulrike kontrollierend an Bauch und Hüften, und sie nimmt die englischen Geldscheine aus dem Schlüpferbund, weil sie anfangen zu drücken.

Karl besucht einen Vortrag mit allerlei Wissenswertem über das Schiff. Der Anker besteht aus Siemens-Martin Stahl Formguss und wiegt 6894 Kilo. Die Ankerkette ist 100 Meter lang, und ein Glied wiegt 30 Kilo. "Deutsche Kilo?", will ein Junge wissen und kassiert dafür spöttisches Gelächter. Auch der Wäschebestand an Bord ist beträchtlich: es gibt 4000 Stück Bettwäsche, außerdem 2000 Wolldecken, 2000 Tischtücher, 3000 Badetücher, 1000 Barbier Servietten, 5000 Matratzen Schonbezüge, 1000 Keilkissen, 7000 Küchentücher und und und. Dann kommen Angaben, bei denen sich Ulrike nicht zu wundern braucht, wo all das bleibt: pro Mahlzeit werden 400 Liter Suppe, 300 Kilo Gemüse, 15 Zentner Kartoffeln zubereitet oder verarbeitet. Dazu kommen 20 halbe Schweine. Die Bratwürste haben eine Gesamtlänge von 250 Metern. Die täglichen 20000 Teller werden maschinell gesäubert, doch die 3000 Tassen werden handgewaschen, desgleichen die Butterteller, Bestecke und Silberkannen. Ob es neunhunderter oder fünfhunderter Silber wäre, will der Junge in einem zweiten Versuch wissen und wird abermals ausgelacht.

Sie nähern sich Madeira, und Ulrike hat immer noch keine Nachricht von Hans. "Du sollst ihn ja auch anrufen", sagt Karl. "Ist das wahr?", fragt sie ganz entgeistert. "Hatten wir das so verabredet?" Karl sieht sie befremdlich an, sie bemerkt seinen Blick, hält die Hand vor die Augen und seufzt "Natürlich, ich weiß es. Ich bin auf einmal so zittrig, ich glaube, ich stehe das nicht durch." Karl sagt nichts, aber er nimmt seine ganze Autorität zusammen und sagt fast befehlend "Und doch wirst du ihn anrufen." Sie wirft sich auf die Koje und starrt nach oben, so wie Erich im Krankenbett, nur nicht so ruhig und zufrieden, sondern bang und verschüchtert. "Ich tu's ja", sagt sie, "gleich morgen, wenn wir auf der Insel sind."

Die Wahrheit ist: sie hat Angst davor, daß die mit Hans vereinbarte Mitteilung ungesagt bleibt. Im Innern hat sie ein schlimmes Gefühl, das mit jeder Seemeile, die sie unterwegs sind, stärker und wahrhaftiger wird. Die heimliche Flucht vom Schiff wird misslingen. Niemand wird da sein, der sie erwartet, ihnen weiterhilft, sie in Sicherheit bringt. Es wird letzten Endes eine lächerliche, idiotische und obendrein selbstmörderische Aktion werden, die nicht nur ihr eigenes, sondern auch Karls Leben so gründlich kaputtmacht, wie es Erich in seinem schlimmsten Suff nicht verbrochen hätte. "Du willst doch nicht etwa bloß mit ein paar Pfund mehr Fett am Hintern wieder in deinen Fotoladen zurückgehen?", hört sie Karl sagen. Sie springt auf und knallt ihm eine auf die Backe, daß sofort die Finger sich rot darauf abzeichnen. Karl wendet sich zur Seite und muss weinen. Ulrike rennt aus der Kajüte.

Eine Stunde später steht Ulrike an der Reling und schaut auf die Küste von Madeira, die schon zum Greifen nahe ist. Karl kommt hinzu. Sie betrachten die sonnenüberflutete Landschaft. Karls Wange hat wieder die normale Farbe, keiner von beiden redet mehr drüber. Zerklüftete Felsen ragen aus dem Meer empor und reichen ein Stück an den Hängen der Insel hinauf. Im Sonnenlicht und unter der Gischt der anbrandenden Wellen hat ihre glatte, blanke Oberfläche einen goldgelben Glanz. Die Gesteine verlieren sich alsbald in der üppigen Vegetation, und den größten sichtbaren Teil des Ufers bildet ein heller Strand, über dessen mittlerem Abschnitt sich ein Ort mit kreuz und quer erbauten Häusern erhebt, mit roten Ziegeldächern, kleinen, blumengeschmückten Fenstern und Balkonen mit Schatten spendenden Schirmen und Markisen. Dazwischen winden sich schmale Gässchen und steinerne Treppen hinauf und hinab, und zum Wasser hin öffnet sich der Hafen mit den zahllosen Booten und Seglern und einer langen, massiven Mole zum Anlegen der Dampfer.

Oben, auf der Höhe der Insel, erkennt man die Bergstation des Torreiro de Lucia, und über die hügelige Gegend erstrecken sich Weingärten und Felder, Pflanzungen von Zuckerrohr und Bananen. Dichte, grüne Wäldchen mit Farnen und Palmen wechseln sich ab mit Gruppen von Drachenbäumen und Magnolien, hier und da stehen krummgewachsene Kakteen. Bezaubernder Duft von tausend Blüten und Früchten, betörender Vogelgesang, verwirrender Lärm vom Markt und Hafen, Musik, Gesang, Hundegebell und das Blöken von Lämmern dringen bis zum Schiff herüber. Es ist als hätte sich die lebendige Fülle der Natur und des menschlichen Geschicks auf dieser Insel ausgebreitet. Für einen Augenblick vergisst Ulrike, auf welcher Reise sie unterwegs sind und kommt sich vor wie im Märchen.

Auf der Uferpromenade spazieren sie an bunten Ständen entlang, an denen einheimische Souvenirs feilgeboten werden, besonders die feinen und in unendlichen Variationen gemusterten Stickereien sind bei den Besuchern beliebt. Sie fahren mit der Zahnradbahn den Berg hinauf, von wo man einen weiten Ausblick über die ganze Insel und über das Meer bis zum Horizont hat. Die "Schlittenstraße" ist eine Attraktion, Ochsenfuhrwerke mit Kufen statt mit Rädern gleiten bergab auf dem Straßenpflaster aus kugelköpfigen Steinen, die das Meer an Land gespült hat. Es gibt so viel zu entdecken, daß die Stunden wie im Fluge vergehen. In der nur ganz allmählich schwindenden Nachmittagshitze liegen schließlich viele der Urlauber faul in den überdimensionalen Hängematten, die zwischen den Palmenstämmen am Strand gespannt sind und erholen sich für den Abend.

Ein Bordfest wird veranstaltet, alles ist wundervoll geschmückt mit Lampions und Girlanden. Büfetts und Bars sind aufgebaut, jeder kann sich nach Herzenslust bedienen oder sich von einem der schmucken Küchenmädchen auf den Teller servieren lassen. Eine Kapelle mit Insulanern spielt südliche Weisen, und auf dem anderen Deck gibt es Tanzmusik mit humoristischen Programmeinlagen. Der Sportsmann im karierten Anzug will Ulrike gerade um einen Tanz bitten, als ein Schiffssteward auf sie zukommt und sagt, es sei ein Ferngespräch für sie angemeldet worden. "Woher weiß der denn, wer Sie sind?", wundert sich der Karierte. "Keine Ahnung", erwidert sie, "aber Sie entschuldigen mich bitte."

Sie folgt dem Steward in die Funkstation, an den zwei Apparaten wird gesprochen. "Sie können warten", sagt ein junger Matrose, "es kann allerdings etwas dauern, es geht der Reihe nach." "Natürlich. Kann ich mich dort hinsetzen?" "Ja. Sie können sich auch etwas zu trinken bestellen, wenn Sie möchten." Der Matrose macht einen sehr freundlichen Eindruck. "Vielen Dank, später vielleicht." "Gut. Ich muss zurück an mein Funkgerät." "Ja. Danke, daß Sie mir Bescheid gesagt haben." "Bitte, gern geschehen." Karl kommt angerannt. Bevor er etwas sagen kann, fragt sie ihn "Na, amüsierst du dich gut?" Dabei klingt ihre Stimme als würde sie gleich versagen, Schweiß steht ihr auf der Stirn und sie hält sich krampfhaft an den Armlehnen fest. "Ja, es ist toll, es ist alles gut, ich habe mich noch nie so wohlgefühlt", sagt er, um sie zu beruhigen.

Sie wiederholt ihm, was der Matrose gesagt hat. Karl schlägt vor, hier zu warten, sie könne zurück auf Deck gehen, er würde sie blitzschnell rufen. Sie schüttelt den Kopf. "Geh' du wieder hoch." "Ich setz' mich auch hierher." Sie sitzen schweigend eine halbe Stunde lang da. Dann sind beide Apparate frei, aber es tut sich nichts. Dann erscheint plötzlich der Matrose und sagt "Apparat zwei, bitte." Ulrike schießt hoch. "Apparat zwei. Welcher ist das?" "Der rechte." "Ach ja, steht ja drüber." Der Matrose lächelt und verschwindet. "Bleib' du hier", sagt sie zu Karl. Sie greift den Hörer und lauscht.

Sie hört eine Stimme, die hallt wie in einer Kirche, es pfeift und rauscht, und dann klingt die Stimme wie das Sirren einer Äolsharfe und entfernt sich in Windeseile. Im nächsten Moment ist sie klar und deutlich. "Ulrike? Bist du dran?" Es ist eine Frauenstimme. "Ja, ich bin's, wer ist denn da?" "Hier ist Anna." "Anna." "Mensch, ist das aufregend. Ulrike, ich wollte dich mal anrufen." "Anna? Von wo rufst du denn an?" "Na, von zu Hause." "Aus Gothardau?" "Du hättest mal was sagen können, daß du verreist." "Das ging so schnell. Ist noch jemand da?" "Was? Das knattert immer so in der Leitung." "Bei mir nicht. Ist noch jemand bei dir?" "Ja, Wolf ist hier. Er grüßt dich, und Karlchen auch." "Grüß' ihn zurück." Karl zupft sie am Ärmel. "Frag' ob sie weiß, wie es Vater geht." Sie nickt. Da hört sie jemand sagen "... und vom Schuppen hat's die Schindeln runtergefegt, als wären es Quoooaaaalsss..." - die weiteren Worte werden durchgeleiert und zerhackt. Dann ist Anna wieder da. "Was war'n das?" "Weiß nicht, war wohl jemand in der Leitung. Anna, hast du mit Hans gesprochen?" "Und bring' mir was mit, muss nichts Großes sein." "Ja, mach' ich, hast du ..." "Wenn du wieder da bist, habe ich auch eine Überraschung für dich, also wir beide, Wolf und ich." "Ach du lieber Himmel." Die fremde Stimme nähert sich wieder wie ein Fisch, der gegen den Strom schwimmt. "... beim Pfarrer ... Sonntag in acht Tagen ..." "Hast du schon jemand kennengelernt? Na, du erzählst mir alles, dann kommst du nicht so leicht wieder weg." "Anna! Warte. Hast du mit Hans gesprochen?" "Ja. Es geht ihm gut. Stell' dir vor, er hat bei uns im Garten eine Antenne gebaut, und ich habe Heifetz gehört." "Was hast du gehört?" "Jascha Heifetz, wie er Tschaikovsky spielt, direkt aus London. Wolf hat erst gemuckt, weil's doch ein Jude ist, aber dann fand er die Musik auch ..." "Anna, hat Hans irgendwas gesagt?" "Nee, ich sollte bloß den Sender wieder wegdrehen. Jetzt muss ich Wolf auch schon Tschaikovsky vorspielen." "Weißt du, wie es Karls Vater geht?" "Nee." Es gibt eine Pause.

"Ulrike, bist du noch da?" "Ja, ich bin noch dran." "Ich will dich nicht länger aufhalten, du hast doch bestimmt 'ne Verabredung oder so was." "Ja, es ist Bordfest", sagt Ulrike und spürt, wie sie gleich umkippen wird. Sie hält sich an der Wand aufrecht. "Ein Bordfest, Gott ist das romantisch, also dann ..." "Ja." "Und denk' an das Mitbringsel, irgendwas Kleines, Originelles. Ach, und übrigens, Hans gibt dir 'nen Tip: in Tunis bei der ..." "Was? Was hat er gesagt? In Tunis? Oder in Tripolis?" "Ja richtig, in Tripolis bei der ... Wolf, wie hieß die Moschee noch mal? ... Bei der Su-ni-zi-ja-Moschee, da soll es einen ganz exotischen Basar geben, den müsst ihr ..." "Anna? Anna?"

Die Leitung ist zusammengebrochen. Karl hält den Hörer ans Ohr. "Die ist weg. Was hat sie von Vater gesagt?" "Es geht ihm besser, er probiert neue Prothesen aus." "Wie will er da bloß die Treppe rauf und runter kommen." "Merk' dir mal: Sunizija Moschee." "Was ist damit?"

"Ein Wunderwerk der Technik, diese Telefone, nicht wahr?" Der Mann steht wie aus dem Nichts vor Ulrike. Er hat eine Parteiuniform an. Er ist hager und hat stark hervorstehende Wangenknochen und dunkle Halbmonde unter den Augen. Er lächelt gekünstelt. Ulrike erkennt ihn wieder, es ist derselbe, der in Hamburg, als sie an Bord gingen, ihre Ausweispapiere umständlich geprüft hat. "Erstaunlich, ja. Und so deutlich", sagt Ulrike und drückt unbemerkt Karls Hand. Hinter ihnen schaut der Matrose durch die Tür, vielleicht will er erklären, weshalb das Gespräch abgebrochen ist. Als er den anderen sieht, verdrückt er sich gleich wieder.

"Sie werden auch immer kleiner", sagt er. "Wer?" "Die Telefonapparate." "So, ja. Sie sind sehr handlich." "Irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft werden die Telefone so klein sein, daß sie in jede Hosentasche passen." "Meinen Sie? Wenn ich das noch erleben sollte, müsste ich mir eine Hosentasche annähen." Er lacht, es ist ein hässliches, schadenfrohes Lachen. "Ja ja, die Frauen und die Technik. Na, oder sie werden nur so groß sein wie ein Knopf, man wird sich so ein winziges Telefon anheften können." Ulrikes Blick fällt auf sein glänzendes Abzeichen der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei, das an seinem Revers steckt. Karl sagt "Wie soll man denn da wählen können?" Er mustert ihn wie einen schmutzigen Hund. "Wählen? Da muss gar nicht mehr gewählt werden, es gibt eine stehende Verbindung zwischen allen Volksgenossen, und natürlich nach oben, zur Führung." Er hebt den Kopf, und man sieht seine knorpelige Gurgel. "Phantastisch sich das auszumalen", sagt Ulrike, "ich würde gern mehr darüber erfahren, doch leider müssen wir wieder nach oben zum Bordfest, man wartet auf uns."

Sie schiebt ihn sachte zur Seite und zieht Karl an der Hand hinter sich her. "Ja, auf ein andermal, Fräulein Friedewald", ruft er ihr nach, "wir sehen uns gewiss." Dann holt er sie ein. "Übrigens, was ich noch sagen wollte, falls Sie meine Hilfe brauchen oder mir irgendetwas mitteilen wollen, hier ist meine Karte mit der Telefonnummer auf diesem Schiff. Selbstverständlich wird alles streng vertraulich behandelt." Auf der weißen Visitenkarte steht ein Name, darunter "Reisebegleiter" und eine dreistellige Nummer. "Was sollte ich Ihnen mitteilen?", fragt Ulrike. "Nur für alle Fälle. Es kann auch auf so einem fröhlichen Schiff manchmal böse Überraschungen geben, wenn Sie wissen, was ich meine." "Tut mir leid." "Nun, man muss immer wachsam sein und auf alles achten, was der Urlaubsfreude und der Volksgesundheit schaden könnte." Ulrike ist versucht zu fragen, was die Volksgesundheit damit zu tun habe, aber sie will ihn endlich loswerden. "Das mit dem Bescheid geben gilt natürlich auch für den Jungen, er kann doch schon lesen, oder?" "Er kann sogar lesen und schreiben." "Umso besser. Er soll ruhig alles aufschreiben, was er so sieht und hört. Aber bitte die Zettelchen mitbringen, die interessieren mich sehr."

"Was wollte der von uns?", fragt Karl. "Scheint so, daß wir als Spitzel für ihn arbeiten sollen." "Kriegt man das bezahlt?" "Weiß nicht, habe ich noch nicht gemacht. Vielleicht bekommt man eine Extraportion Nachtisch." "Das fällt doch sofort auf. Was ist nun mit dieser Moschee?" Ulrike sagt es ihm und erklärt, was es damit auf sich haben könnte. Am nächsten Morgen - draußen ist strahlender Himmel und schönstes Sommerwetter - sitzen sie in der Kabine auf den Betten und bewegen sich in Gedanken durch die Straßen von Tripolis, von denen sie vermuten, daß sie sehr eng und voll von Menschen sind. "Wie kommen wir dahin?", fragt Karl. "Wir nehmen ein Taxi." "Gibt es so was da? Ich denke, da laufen nur Kamele rum." "Dann nehmen wir ein Kamel." "Eins für uns beide?" "Stell' nicht so dumme Fragen, wir werden es sehen, wenn es soweit ist." "Also übermorgen."

Auf einmal fährt Ulrike zusammen. "Mensch, wir sind komplette Idioten, wozu haben wir das ganze Zeug eingepackt, wir können sowieso nicht mit dem Gepäck zu einem harmlosen Stadtrundgang von Bord gehen." "Ich habe nur meinen Rucksack." "Der ist auch noch zu dick." "Wir könnten mehrere Sachen übereinander anziehen." "Klar, bei der Hitze, wie praktisch." Nach dem Frühstück wird alles ausgeräumt und neu auf seinen Rucksack und ihre große Strandtasche verteilt, mit der sie auf Madeira schon an Land gegangen war. Die Straße von Gibraltar ist längst vorbei, sie fahren an der afrikanischen Küste entlang, die manchmal als dünner heller Streifen am Horizont sichtbar war. Dann umschiffen sie die Spitze des alten Karthago und nehmen Kurs südwärts.

Ulrike wird immer stiller und zugleich unruhiger, sie beginnt sogar wieder damit, an den Fingernägeln zu kauen, was sie seit ihrer Kindheit nicht mehr getan hat. Auf Deck geht sie allen Leuten möglichst aus dem Weg, und wenn sie in eine Unterhaltung verwickelt wird, hat sie bald irgendeine Ausrede parat und verschwindet. Einmal sagt sie zu Karl "Wenn es passieren sollte, daß wir uns verlieren, dann ..." "Was dann?" "Tja, wenn ich das wüsste." Zum Abendessen häuft sie auf den Teller, was drauf passt, holt sich nach, stopft alles in sich hinein und nuschelt mit vollem Mund "Man muss vorsorgen, wer weiß, wie lange wir ohne Essen auskommen müssen." "Man wird dich einsperren, weil du mit dem Bild in deinem Pass keine Ähnlichkeit mehr hast." "Oh Gott, der Pass, das Geld!" Sie springt auf und rennt in die Kabine, dann weiß sie plötzlich nicht mehr, wo sie es versteckt hat.

Am Tag bevor sie Tripolis erreichen, plagen Ulrike heftige Bauch- und Kopfschmerzen. Sie nimmt eine von den Tabletten, die gegen die Seekrankheit sind, mittags noch mal zwei. Am Nachmittag muss sie sich mehrmals übergeben. Karl ruft nach dem Bordarzt, obwohl sie es ihm verbietet. Eine Schwester kommt und untersucht sie und äußert den Verdacht auf Lebensmittelvergiftung. Sie will wissen, was Ulrike in den letzten vierundzwanzig Stunden gegessen hat. "Alles", antwortet sie. Dann bekommt sie auch Fieber und Schüttelfrost und in der Nacht redet sie im Schlaf, und Karl überlegt, ob er laut singen soll, um sie zu übertönen, falls sie ungewollt etwas verrät.

Sie legen im Hafen von Tripolis an. Der Bordarzt kommt selbst und überprüft Ulrikes Zustand. Sie liegt blass und schweißnass in der Koje. Der Bordarzt gibt ihr Medikamente und sagt, sie kann leider nicht das Schiff verlassen. Er notiert alles auf einem ärztlichen Formular. "Und ich?", fragt Karl. Der Arzt sagt "Ich werde sehen, ob ich für dich was organisieren kann, warte solange."

Karl sitzt und wartet. Draußen ist das Meer zu sehen und ein paar Gebäude, wo der Hafen anfängt, man kann den Lärm von der Stadt hören. Zum Landgang werden die Passagiere über die Bordlautsprecher aufgefordert, den Anweisungen zu folgen. Ulrike schläft, der Rucksack liegt griffbereit unterm Bett. Der Arzt kommt nicht wieder. Dafür aber schleicht der "Reisebegleiter" auf einmal vor ihrer Kajüte herum, und Karl kommt es so vor, als würde er sie beide beobachten.

Mittags wird Ulrike wach, steht auf, und Karl denkt, es würde ihr besser gehen. Aber sie findet kaum den Weg zur Toilette und den Bissen von dem Brötchen, das ihr Karl hingelegt hat, spuckt sie gleich wieder aus. Auf dem Schiff ist es ruhig, nur die Geräusche vom Land kommen herüber und das Gekreische der Seevögel über dem Deck dringt herein. Dann und wann läuft ein Matrose auf dem Gang und über die Treppe, und irgendwo weit hinten im Rumpf wird an einer Maschine herumgebastelt, die manchmal eine Weile rattert. Karl fragt Ulrike "Was ist denn nun?" Und sie murmelt "Was soll sein? Wir sind in Afrika." "Ja und, machen wir uns jetzt von Bord?" "Na klar, gleich geht's los." Sagt es und dreht sich in ihrer Koje zur Wand.

Die Tür öffnet sich einen Spalt breit und ein Mann steckt den Kopf herein. "Ist Ulli da?" "Nein, ich heiße Karl." Er deutet auf den Hügel unter der Decke. "Und der?" "Das ist mein Zimmergenosse, kommen Sie vom Arzt?" Der junge Mann schüttelt den Kopf. "Seid ihr aus Gothardau?" Karl hält es für besser, irgendwas anderes zu sagen. "Komisch", meint der Mann, "ich hätte schwören können, ich kenne sie ... ihn, den da." Ulrike hebt den Kopf und guckt über die Schulter. "Was ist'n los?" Der junge Mann lächelt. "Wie wär's mit einem Kaffee, wie versprochen." "Versprochen? Wer?" "Ich bin's, der Franz, vom Fliegerhorst. Erinnerst du dich, als ihr Fotos gemacht habt vom Musikkorps, das nicht da war, und du warst der Ulli."

Ulrike setzt sich mühsam auf die Bettkante und fährt sich mit den Fingern durchs Haar. "Und du bist der Franz." "Ja." "Was machst du hier?" "Ich bin Koch, für diese Saison. Kann ich 'n Moment reinkommen?" "Sie ist ziemlich schwer krank", meint Karl, dem das nicht recht ist. "Lass nur", beruhigt ihn Ulrike, "es ist Franz, ich kenne ihn zwar kaum, aber er scheint in Ordnung zu sein." "Und ob", sagt Franz und lächelt wieder. "Du willst nicht bloß spionieren?" "Junge, sehe ich so aus?" "Und warum bist du noch an Bord, wo alle anderen an Land sind?" "Wird schon seinen Grund haben." "Hat sie sich an deinem Fraß vergiftet?" "Karl! Nimm's ihm nicht übel, wir hatten eigentlich was anderes vor, als hier rumzuhängen." Er tritt an das Kabinenfenster und versucht, nach der Seite hin zu lugen. "Ah ja, die fernen Lande rufen", sagt er und in seiner Stimme liegt eine Zufriedenheit, als ob er nach großer Anstrengung kurz vor der Vollendung seiner Arbeit steht.

Karl macht Ulrike hinter seinem Rücken Zeichen, doch sie winkt ab. Dann besinnt sich Franz. "Der Kaffee." Er geht vor die Tür und kommt mit einem Tablett zurück, auf dem zwei Tassen mit Kaffee stehen, der dampft und herrlich duftet. "Junge, an dich habe ich leider nicht gedacht", sagt er entschuldigend. "Wieso? Es sind doch zwei Tassen." "Pfiffiges Kerlchen. Eigentlich wollte ich mit Ulli zum Abschied einen trinken." "Was für ein Abschied? Fährst du nicht mit zurück?" Franz legt den Finger an den Mund. "Pst. Nicht so laut. Nein, der liebe Franz wird diese Reise nur bis hierher machen." "Wissen deine Leute das?", fragt Karl, der wieder misstrauisch wird. Auch Ulrike fängt an zu grübeln.

Franz sagt "Das ist jetzt alles nicht so wichtig. Ich wollte eigentlich nur jemandem aus der alten Heimat Lebewohl sagen." "Warum rufst du nicht an, wir haben auch telefo..." Ulrike wirft ihm einen scharfen Blick zu. Karl sieht an ihrem Gesichtsausdruck, daß sie sich in den letzten zehn Minuten erstaunlich erholt hat, oder sie zwingt sich jedenfalls dazu, einen munteren Eindruck zu machen. Und da ist etwas, das in ihren Augen aufleuchtet wie ein genialer Gedanke, und Karl begreift sofort, was sie meint. Sie schlürft anscheinend genüsslich den Kaffee und fragt, als wäre sie über alles im Bilde "Was willst du tun, so mutterseelenallein in diesem fremden Land? Etwa Thüringer Klöße kochen?" Franz lacht. "Unterschätze mich mal nicht." "Das würde ich nie tun. Ich stelle es mir nur sehr schwierig vor." "Niemand hat behauptet, daß es einfach wäre, aber ich werde es schaffen. Ich schlage mich nach Westen durch, nach Algier und weiter bis nach Casablanca. Dort kenne ich jemand, der hat ein kleines Restaurant, er heißt Rick, bei ihm kann ich als Koch anfangen, und irgendwann werde ich mein eigenes Cafe aufmachen."

"Dann kommen wir dich besuchen." "Ja gern, ihr seid immer willkommen, ihr habt alles frei. Allerdings glaube ich nicht, daß ihr so bald von zu Hause in die weite Welt reisen könnt." "Und wenn schon", sagt Ulrike und trinkt den Kaffee bis auf einen Rest aus, "wir fahren auch nicht nach Hause zurück." Franz erstarrt vor Verblüffung. "Wie?" "Na wie. Glaubst du, du wärst der einzige, der solche Träume hat?" Franz sagt "Ihr wollt doch nicht auch in Casablanca ..." "Dir Konkurrenz machen? Das überlegen wir uns noch, mein Rhabarberkuchen ist ausgezeichnet, damit könnte ich die Gäste verwöhnen." "Und ich bin ein flinker Kellner", meint Karl. "Das ist nicht fair", sagt Franz trotzig wie ein Kind. "Einstweilen gehen wir in die andere Richtung." Er atmet erleichtert auf.

"Aber vorher ..." "Was?" "Wirst du uns dabei helfen, vom Schiff zu kommen." "Ich? Seid ihr verrückt?" "Bist du es? Ich meine, wir wissen doch jetzt Bescheid über das, was wir vorhaben, da sollten wir zusammenhalten." "Ulli, du hast es wirklich faustdick hinter den Ohren, das habe ich damals gleich erkannt. Schade eigentlich, daß wir ..." "Wie ist dein Plan?", unterbricht ihn Karl, der seinen Rucksack unter dem Bett hervorgeholt hat. Franz gibt ein paar Einzelheiten preis, doch angesichts der neuen Situation muss man anders vorgehen. Franz sagt "Ich habe den Auftrag, mit dem zweiten Hilfskoch auf den Markt zu gehen, um Lebensmittel einzukaufen, und dabei wollte ich mich absetzen. Ulli kann als Hilfskoch gehen, im Verkleiden ist sie ja gut. Dich verstecken wir in dem Lieferwagen. So viel ich weiß, müssen wir bloß durch eine Pass und Zollkontrolle, die KdF-Flotte hat hier nie Schwierigkeiten gehabt." "Und was machen wir mit dem anderen Koch?" Franz überlegt. "Überlasst das mir."

"Geht mal beide raus, ich will mich umziehen", sagt Ulrike, und Karl flüstert sie zu "Lass ihn nicht aus den Augen." Sie gehen zur Küche. "Ich werde für Ulli eine Arbeitskluft holen." "In Ordnung, ich komme mit." "Es ist besser, wenn du ..." Da erscheint der zweite Hilfskoch, der eine Kiste schleppt. Er ruft Franz etwas zu. Instinktiv macht Karl einen Schritt hinter einen der großen Spültische und duckt sich, eine innere Stimme sagt ihm, daß er sich nicht blicken lassen darf. Die beiden Köche verschwinden hinter einer Tür, eine Zeitlang ist es still. Dann öffnet sich eine andere Tür und jemand rennt durch den Raum. Karl hebt den Kopf über die Tischkante, es ist jemand Unbekanntes. Auf dem Tisch liegt ein Schreibblock und ein Stift. Auf dem obersten Blatt steht eine Liste mit Zutaten und der Anfang einer Speisenfolge. Die Minuten vergehen. Wenn sich Franz nun aus dem Staub gemacht hat, denkt Karl. Soll er zurück zu Ulrike? Er hätte die Sache vermasselt. Soll er Franz hinterher laufen?

Dann hat er einen Einfall. Er angelt sich den Schreibblock und kritzelt ein paar Zeilen auf einen Zettel, es sieht schrecklich aus. Er steckt ihn ein und erschrickt, als ihm das Bündel mit Wäsche auf die Arme fällt. "Hier", sagt Franz, "und jetzt komm', wir müssen uns beeilen." "Hast du ihn kaltgemacht?", fragt Karl und seine Stimme zittert."Der ist uns nicht mehr im Weg." Karl überfällt die Angst, sein Herz beginnt wild zu pochen, er kann sich nicht bewegen. Franz dreht sich um. "Was ist? Mensch, Junge, halte den Kopf nach hinten, auch das noch." Franz reißt ihm die Wäsche aus den Händen, nimmt ein Spültuch, lässt kaltes Wasser drüber laufen und wringt es aus, dann legt er es Karl um den Nacken. Dem blutet so heftig die Nase, daß es vorn in großen Klecksen auf das Hemd tropft. "Hört schon wieder auf", stammelt Karl und klingt wie ein Ertrinkender, "ist er wirklich tot?" "Quatsch. Nur eingesperrt."

Ulrike ist bereit. Sie zieht sich die Küchensachen an. "Perfekt, wie ein echter Kessel Kommandant", meint Franz, dann sagt er "Wir müssen nach unten auf das Fahrzeugdeck, wir nehmen die Nottreppe." Auf halbem Weg ruft Karl "Ich habe was vergessen, bin gleich wieder da", und bevor die beiden etwas erwidern können, ist er um die Ecke und die Treppe hinaufgesprungen. Nur Sekunden später ist er zurück. "Scheiße! Mach' das nicht noch mal", sagt Franz außer sich vor Zorn. "Was war denn?", flüstert Ulrike. "Hab' nur mein Hemd dagelassen."

Später wird man in der Kabine ein fürchterliches Durcheinander vorfinden. Alles, was nicht in Rucksack und Strandtasche gepasst hat, liegt verstreut umher. Aber noch merkwürdiger ist dies: in der Kaffeeneige der einen Tasse finden sich Spuren einer aufgelösten Schlaftablette. Karls blutbeschmiertes Hemd liegt am Boden, und aus der Brusttasche ragt ein Zettel, auf dem steht:

Hilfe ! der Koch will uns entfüren er will uns als Sklafen auf den Markt Feilbiten
Sagt es meinen Vater!

* * * * *

Ulrike stand in der Küche und bereitete das Frühstück zu. Es war Samstag früh um halb acht. Sie hatte das Radio angeschaltet, und es kam ein Lied, von einer Swingcombo gespielt, das Ulrike kannte, weil sie es zur Zeit fast jeden morgen brachten, und sie konnte es schon mitpfeifen. Sie schreckte die gekochten Eier mit kaltem Wasser ab. Eine junge Frau schaute zur Küchentür herein, kraulte sich in den Haaren und fragte verschlafen "Ist das Bad frei?" "Guten Morgen, Thekla, ja, du kannst." Sie deckte den Tisch, stellte Marmelade, Butter, Weißbrot hin, brühte den Kaffee auf.

Dann kam Thekla, die Mitbewohnerin, sie hatte sich in Nullkommanichts zurecht gemacht, die Haare sorgfältig hochgesteckt, sich sogar geschminkt, nur die Fingernägel hatte sie nicht lackiert. "Ich muss mir dann noch die Nägel lackieren", sagt sie, um anzudeuten, daß ihr dafür genügend Zeit eingeräumt werden müsse, und sie setzte sich an den Frühstückstisch. "Hm, schön hast du das wieder gemacht." Sie nahm einen Schluck Kaffee. Im Radio kam keine Musik mehr, es wurde nur gesprochen. Thekla sagte "Können wir nicht was anderes einstellen?" "Wir müssen das lernen." "Was?" "Was die sagen." "Aber ich verstehe kein Wort." "Eben, das sollst du ja lernen." "Großer Gott, nachher reden sie doch bloß banales Zeug. Wir hatten uns darauf geeinigt, ein Tag so und ein Tag so." "Ja, und heute ist Fremdsprachentag." "Bitte", sagte Thekla und sah Ulrike flehentlich an. "Dir kann man auch nie was abschlagen", sagte Ulrike und suchte einen anderen Sender. "Ja, lass das. Oh nein, das ist englisch, auch nicht besser." Ulrike fand einen, wo sie deutsch redeten. "Keine Musik, aber man versteht es wenigstens. So, und nun lass uns frühstücken."

Nach einer Weile sagte Thekla, während sie kaute "Macht es dir was aus, wenn ich nicht mitkomme?" "Hast du was anderes vor?" "Ja, der eine Mechaniker von der Werkstatt hat gefragt, ob ich mit ihm einen Ausflug mache." "Wann hat er gefragt? Vorhin?" "Nee, vorgestern schon, aber ich wollte eigentlich erst nicht." "Welcher ist es, der kleine mit der Glatze?" "Spinnst du? Der ist doch schon ein Opa. Nein, der lockige, weißt du, der immer 'Ulrickie' zu dir sagt." "Hauptsache, er kennt deinen Namen." "Klar kennt er den." Dann sagte sie "Vielleicht ziehen wir auch zusammen, dann habt ihr hier mehr Platz." Ulrike verschluckte sich am Kaffee. "Du gehst das erste Mal mit ihm aus und willst gleich mit ihm zusammenziehen?" "Na ja, jetzt wo wir uns allmählich hier einleben, muss man an die nächsten Schritte denken, das solltest du auch tun." "Oh ja, gibt es da nicht noch einen Mechaniker?"

Von draußen rief jemand. Ulrike ging hinaus. Thekla schenkte sich noch eine Tasse Kaffee ein. Da kamen im Radio Nachrichten. Thekla hörte genau zu, dann rief sie Ulrike. "Sie haben den Krieg angefangen." "Was ist los?" "Hör' doch, die Deutschen haben Polen angegriffen, in Görlitz ist ein Radiosender angegriffen worden." "Sei mal still." Sie hörten beide hin. Der Empfang war schlecht. "Kommt das aus Berlin?", fragte Thekla. "Das ist das deutsche Radio aus Paris." "Dann wird es schon stimmen, was sie sagen." "In Gleiwitz haben sie den Sender überfallen." "Gleiwitz, Görlitz, irgendwo da."

Ulrike fiel ein, daß sie auf einer von Hans' Karten bei dem Ort Gleiwitz das Zeichen für einen Radiosender eingezeichnet hatte, ein schmales spitzes Dreieck mit zwei Halbkreisen an der Spitze, die die Wellen darstellten. "Polen wird ein Kinderspiel", hatte Hans gesagt, "sechs, höchstens acht Wochen, und es ist vollständig besetzt." "Und dann?", hatte Ulrike gefragt, und Hans war mit dem Finger an der russischen Grenze entlanggefahren. "Dann rückt die Front nach Osten, dann geht es erst richtig los."

"Was ist?", fragte Thekla, "ist dir nicht gut?" "Ich glaube, mir wird schlecht." Sie schwankte und hielt sich an der Tischkante fest, um nicht zu fallen. "Setz' dich, du bist ganz bleich." Ulrike plumpste auf den Stuhl, sprang aber gleich wieder auf und rief aus dem offenen Fenster, durch das die Morgensonne herein schien "Karl! Karl, komm' sofort ins Haus, sofort!" Sie schrie, daß sich ihre Stimme überschlug. "Beruhige dich", sagte Thekla, "es ist alles in Ordnung." Ulrike setzte sich und schöpfte Atem, ihre Hände zitterten. Karl erschien in der Tür. "Was ist? Ich habe schon vorhin gefrühstückt." Thekla machte ihm ein Zeichen. "Ist nichts." Sie schaltete das Radio aus.

Dann plapperte sie irgendetwas, um Ulrike abzulenken, die sich langsam erholte. Thekla nahm das Nagellackfläschchen, schüttelte es, schraubte es auf und strich ganz akkurat mit dem kleinen Pinsel über ihre Fingernägel, wobei sie ununterbrochen redete. Schließlich fragte sie "Stört dich der Geruch?" Ulrike schüttelte den Kopf. "Manche mögen das nicht." "Mach' nur." "Ist dir wieder gut?" Ulrike nickte. Draußen hupte es, und einen Moment später stand Tante Gertrud in der Küche. "Guten Morgen allerseits. Seid ihr soweit?" "Hast du das gehört?", fragte Ulrike. "Der Angriff auf Polen? Ja. Das war doch vorauszusehen." "Ihr könnt immer alles voraussehen." "Ich nicht", sagte Thekla und pustete über ihre Finger, "ich hätte gedacht, sie machen erst was anderes."

Thekla erklärte Gertrud, weshalb sie nicht mitkommen würde, und so stiegen die beiden Frauen und Karl in Gertruds Wagen und fuhren los. Ulrike hatte die Sprache wiedergefunden und es gab nur ein Thema für sie. Gertrud nahm das alles sehr gelassen, und es gelang ihr tatsächlich, Ulrikes Ängste zu vertreiben. Selbst als die Rede darauf kam, ob die Deutschen hier im Land nun Repressalien zu befürchten hätten, meinte Gertrud, daß es allenfalls so ähnlich kommen würde wie im Jahre 1914, als man vorübergehend interniert worden war. "Wir sind freie Bürger, wir haben nichts Ungesetzliches getan, und wir sind Mitglieder dieser Gesellschaft, die ihren Beitrag zum Gemeinwohl leisten, niemand hat hier etwas dagegen einzuwenden, daß du eine Deutsche bist oder ein Jude, wir führen keinen Krieg."

"Gehen wir zu Harper's?", fragte Karl von der Rückbank. "Wenn du willst, ich muss nur vorher auf die Bank wegen ein paar Überweisungen", sagte Gertrud, "und du Rike? Wohin möchtest du?" "Ähm, ich wollte mir das neue Kaufhaus in der Kidmans Road anschauen. Ach nein, zuerst muss ich zum Schuhmacher, ich hoffe, er repariert mir die noch mal." Sie holte ein Paar ziemlich lädierte Lederschuhe aus dem Beutel und betrachtete sie fast ein bisschen wehmütig. Sie blickte kurz nach hinten und flüsterte dann Gertrud zu "Die hat zuletzt der Möller in Gothardau erneuert." Karl sagte "Kein Wunder, daß du mit den Schlumpen keinen Liebhaber gefunden hast." "Die haben mir gute Dienste geleistet." "Natürlich."

"Also, ich setze euch an der Main Street Kreuzung Zwölfte ab, und wir treffen uns dann am Lüderitzdenkmal." "Kannst du bitte kurz anhalten, ich muss mal pullern", sagte Karl. "Kannst du dich nicht 'n bisschen gewählter ausdrücken?", sagte Ulrike. "Wie denn?" "Na, einfach: ich müsste mal dringend." "Das kann alles mögliche heißen." Gertrud stoppte den Wagen am Straßenrand. "Sieh dich vor, hier gibt es Schlangen." "Wirklich? Ulrike, gibst du mir deine Schuhe?" "Ach so, jetzt sind sie auf einmal gut genug." Sie reichte sie ihm nach hinten, er schlüpfte hinein und lief hinter das Auto. "Kann weitergehen. Was soll's in dem Kaufhaus denn geben?" "Das wollen wir ja sehen."

Sie fuhren in die Stadt hinein, und Gertrud ließ sie aussteigen. "Bis gleich." Sie bummelten an den vielen kleinen Läden mit den hübschen Schaufenstern vorbei. "Ich hol' mir ein Eis", sagte Karl, "willst du auch eins?" "Ja, Vanille." "Hätte ich sowieso gebracht, weiß ich doch, daß es deine Lieblingssorte ist." Ulrike lachte, dann rief sie "Karl, wo sind meine Schuhe?" "Die Schuhe? Ach du heiliger Strohsack, die habe ich da an der Straße stehengelassen." "Was?" "Tut mir wirklich leid. Ich gebe dir was von meinem Gesparten für 'n paar neue." Ulrike wusste nicht, ob sie heulen oder lachen sollte. Was für ein Tag sollte das werden? Erst die Kriegsmeldung, dann Gertruds unerschütterlicher Gleichmut, und nun Karl, der die Erinnerungsstücke an vergangene Zeiten beseitigte, auch wenn sie tatsächlich schon unansehnlich geworden waren.

Sie blickte in das Schaufenster einer Konditorei und sah sich im Spiegelbild. Sie zupfte ein wenig an ihren Haaren in der Stirn und zog den Rock ein Stück nach unten, so daß der schöne Schwung ihrer Hüften zur Geltung kam. Karl stand wieder neben ihr, und bei ihm war Isabell. Karl sagte "Isabell fragt, ob ich mit zu ihr gehen kann, ihre Eltern bringen mich heute Abend nach Hause." "Ist es so?", fragte Ulrike, und Isabell nickte. Auf der anderen Straßenseite sah Ulrike Isabells Mutter, die freundlich herüberwinkte. Sie grüßte zurück. "Ist das mein Eis?", fragte Ulrike Karl und zeigte auf das, welches Isabell in der Hand hielt. Isabell war ein so schönes Mädchen, daß Ulrike sich jedesmal dabei ertappte, wie sie eifersüchtig wurde, wenn die kleine Freundin mit Karl zusammen war. "Ich konnte sie doch nicht leer ausgehen lassen", meinte Karl. "Ist Vanille deine Lieblingssorte?", fragte Isabell, und Ulrike bejahte. "Meine auch", erwiderte sie und leckte genüsslich am Eis. "Da haben wir ja schon mal was Gemeinsames." "Dann bis heute Abend. Ach so, hier, für die Schuhe", sagte Karl und drückte Ulrike ein Geldstück in die Hand. "Behalte das mal", meinte sie, "du brauchst es vielleicht auch noch. Passt auf euch auf." "Wird gemacht."

Ulrike berichtete Gertrud die Sache mit den Schuhen. Gertrud lachte und meinte, dann müssten sie schleunigst welche kaufen. Sie gingen in das neue Warenhaus, wo es eine Schuhabteilung gab. Ulrike fand ein Paar Sandalen hübsch, doch dann entdeckte sie flache, weiße Schuhe mit einem schwarzen Streifen ringsherum, die ihr besonders gefielen. Der Verkäufer nahm sie von dem kleinen Podest, wo sie ausgestellt waren, Ulrike setzte sich, und der Verkäufer streifte, nachdem er sie um Erlaubnis gefragt hatte, erst den rechten, dann den linken über ihre zierlichen Füße. "Ich komme mir vor wie Aschenputtel", sagte Ulrike. Der Verkäufer sah sie fragend an, und Gertrud sagte "She feels like Cinderella." "Well, Cinderella, you looks like so pretty", meinte er lachend. Sie behielt sie gleich an.

Sie verbrachten anderthalb Stunden in dem Kaufhaus. Dann machte Gertrud den Vorschlag "Lass uns bei dem Wiener einen Kaffee trinken." "Einverstanden." Sie setzten sich auf die Terrasse, wo ein angenehmes Lüftchen ging und man einen Blick aufs Meer hat. "Gibst du mir deine Sonnenbrille?", fragte Ulrike. "Ja. Wir können uns auch dort in den Schatten setzen." "Nein, nein, lass nur." Dann sagte sie leiser "Ich möchte nur unauffällig herausfinden, ob uns der Mann da drüben anguckt." "Welcher? Der junge Offizier?", fragte Gertrud und drehte sich volle Breitseite zu ihm um. Er lächelte ihnen zu. "Jetzt kannst du deine Sonnenbrille auch wiederhaben." "Sieht ganz fesch aus. Das ist britische Armee, ich glaube, die sind hier stationiert." "Und ich glaube, der kommt jetzt herüber." Er stellte sich vor. "Leutnant John Parker", und dann sagte er noch eine Menge mehr, was Ulrike so schnell nicht verstehen konnte. Gertrud musste dolmetschen. "Er fragt, ob er uns Gesellschaft leisten darf", und Ulrike nickte und versuchte, ihn mit ihrem Englisch zu beeindrucken, und schließlich redeten sie alle durcheinander, und Ulrike fragte ihn aus, nachdem sie ihm über sich erzählt hatte. Er bestellte Kaffee und fragte die Damen, ob sie einen Drink möchten. Ulrike studierte die Karte, dann sagte sie, er solle für sie entscheiden. Er überlegte kurz und dann schien er das Richtige gefunden zu haben.

Gertrud sagte "Ich werde mal am Büfett schauen, was es an Kuchen gibt." "Das steht auch auf der Karte", sagte Ulrike. "Ich will es aber sehen", erwiderte Gertrud, "ihr werdet doch einen Moment ohne mich auskommen." Ulrike und der Leutnant sprachen über das Wetter, über die Aussicht, über das Städtchen und die Freundlichkeit der Leute. Sie führte ihm ihre neuen Schuhe vor, und er fand sie wunderschön, und dabei kam ihm auch gleich ein Kompliment für die ganze Person über die Lippen. Sie wurde ein bisschen rot im Gesicht und sagte, daß ihm seine Uniform auch gut stünde. Der Kellner brachte die Drinks, und sie prosteten sich zu, und es schmeckte phantastisch. Sie redeten und redeten und kamen vom Hundertsten ins Tausendste, und als Gertrud wiederkam, hatten sie den zweiten Drink in Händen, und es kam ihnen vor, als hätte ihre Unterhaltung gerade erst angefangen.

"Ich möchte nicht drängen", sagte Gertrud, "aber wir haben ein Stück Rückweg vor uns." "Ja, natürlich", sagte Ulrike und machte John begreiflich, daß sie leider aufbrechen müssten. Er hatte volles Verständnis und verabschiedete sich sehr galant. "Ein netter Mann", sagte Ulrike. Gertrud meinte "Habt ihr euch verabredet?" "Nein." "Warum nicht?" "Ich kann doch nicht so einfach ... das muss er doch ..." Sie schaute noch einmal zurück, er stand am Tisch und sah ihnen nach. Vielleicht hatte er auf Ulrikes Blick gewartet, jedenfalls holte er sie ein und sagte, daß er zufällig morgen in ihrer Gegend zu tun habe, und ob sie etwas dagegen hätte, wenn er sie besucht. Ulrike hatte alles richtig verstanden, aber sie sah Gertrud an und ließ John einen Augenblick in gespannter Erwartung, bevor sie erwiderte, daß sie sich darüber sehr freuen würde.


ENDE



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99867 Gotha, Germany

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