Alexander Fuchs : Kleine Werkeausgabe : Band 13


Nikolai Novadin

Spion des Zaren




In der Nacht hatte Tauwetter eingesetzt, die Temperatur stieg über den Gefrierpunkt, und das Eis auf den Kanälen bekam Risse und brach, und am Morgen trieben schon die Schollen auf dem Wasser. Den ganzen Vormittag ging das so weiter, aber nachmittags regnete es, und es wurde wieder kalt und das Straßenpflaster überzog sich mit einer tückischen Glätte, aber der Fluss blieb offen.

Kurz nach Einbruch der Abenddämmerung kommt ein Schlitten, gezogen von einem altersschwachen Gaul, aus einer der Nebenstraßen auf die Torgowaja im Kolomenski Viertel und bewegt sich in westlicher Richtung auf die Fontanka Mündung in die Newa zu.

Auf dem Schlitten sitzen drei Männer, ein weiterer vorn hält die Zügel vom Pferd in Händen; außerdem befindet sich ein großes schweres Ding darauf, das mit einer Zeltbahn abgedeckt ist, aus der oben durch ein Loch ein gusseiserner Hebel mit Handgriff emporragt.

Wie der Schlitten auf die breite Straße einbiegt, kommt ihm ein Fahrzeug im flotten Tempo entgegen, da sitzt ein Herr im dicken Mantel drin, mit einer Pelzmütze auf dem Kopf, und er ruft seinem Kutscher zu: "Schneller! Schneller! Wir sind spät dran." Und die mit dem großen, schwerbeladenen Schlitten versuchen auszuweichen und geraten an den Bordstein und da prallt der Schlitten ab und wird erst recht in die Fahrbahnmitte geschoben, und der andere schreit: "Seid ihr verrückt geworden da vorn! Aus dem Weg!"

Der ist in voller Fahrt, und das Pferd, wahrhaftig das reinste Rennpferd, jagt in letzter Sekunde auf der andern Seite vorbei. Aber da auf dem Gehweg steht ausgerechnet ein altes Mütterchen, das macht einen Satz und purzelt auf den Boden, in den schmutzigen Schnee breit hinein und bleibt da liegen und rührt sich nicht mehr.

Oben vom Schlitten flucht einer dem Flüchtigen hinterher "Du Teufel! Du hast sie umgebracht! Bleib' stehn!" Aber der andere sagt zu ihm "Hör auf herumzuschreien, Jakow! Du lockst uns noch den Gendarm auf den Hals." Einer steigt ab und beugt sich über die alte Frau. "Mütterchen, sind Sie verletzt?" "Was fragst du noch, du Narr!", krächzt sie von unten, "Beide Beine hab' ich mir gebrochen, mein Lebtag werd' ich nicht wieder gehen und stehen können!" "Kommen Sie, ich helfe Ihnen auf." "Hast du nicht gehört, was ich gesagt habe, du Schinder!" "Was ist los, Anton?", ruft einer vom Schlitten herab. "Wir müssen weiter. Es ist doch nichts passiert." "Wartet einen Moment." "Herrgott, du gefährdest die ganze Aktion!" "Schschschttt!", macht der Kutscher.

Der unten fasst die Frau unterm Arm, sie richtet sich auf. "Sidonia Timofejewna!", ruft der Helfer, "Ich wusste ja nicht, daß Sie es sind", sagt er kleinlaut. "Ach sieh an! Anton Petrowitsch, du Tunichtgut. Du kommst mir gerade recht. Nun sag' nur noch, daß Pawel auch hier ist." "Ähm ..." Sie zieht sich an ihm hoch und steht mit zitternden Beinen.

"Es ist Sidonia Timofejewna", sagt er zu den anderen gewandt und hält dabei die Handfläche an den Mund, als solle sie es nicht hören. "Beim heiligen Spiridon. Das hat uns gerade noch gefehlt. Sagt mir jetzt mal einer, wie wir hier wieder unbemerkt wegkommen?"

Sidonia Timofejewna späht nach oben, da sitzt einer, der den Jackenkragen hochgeschlagen und die Mütze tief ins Gesicht gezogen hat. "Pawel!", ruft sie, "Du Nichtsnutz! Erkannt hab' ich dich längst. Überall sucht man dich." "Wer sucht ihn?", fragt der Kutscher erschrocken. "Was geht dich das an, du Klotz! Du hättest mich hier liegen lassen." "Ganz bestimmt", brummt er in seinen Bart.

"Ich komme sofort nach Hause, Tante Sidonia", lässt sich Pawel vernehmen, "sobald ich mit der Arbeit fertig bin." "Du sollst nicht nach Hause kommen, sondern bei Dimitri Wassiljewitsch erscheinen!" "Bei welchem Dimitri Wassiljewitsch?" "Bei Dimitri Wassiljewitsch Jasykow, du Faulpelz! Vergessen hast du wohl, daß er dir eine Stelle anbietet." "Das, wovon Papa gesprochen hat?" Sie gibt einen unschönen Laut von sich. "Dein Vater redet seit zwanzig Jahren nur Unsinn. Die Stelle haben wir für dich beschafft, Adwotja und ich, vergiss das bloß nie! Du musst dich bei ihm vorstellen."

"Ja, ist gut, Tante. Ich gehe sofort zu Dimitri Wassiljewitsch, wenn ich hiermit fertig bin." "Also los, Anton, steig auf, damit wir fortkommen." Anton steigt auf. "Was fahrt ihr denn da durch die Gegend?" "Eine Maschine, Sidonia Timofejewna, und jetzt müssen wir wirklich weiter." Sie winkt ab. "Eine Maschine! Wenn's eine Maschine wäre, würdet ihr damit arbeiten und euer Brot verdienen, und nicht auf einem Schlitten damit umher fahren!"

"Puh", macht der Kutscher und bringt den Gaul in Trab, "grade nochmal gutgegangen." "Ja", sagt Pawel und legt seine Hand auf die Zeltbahn über der Maschine. "Meine Tante hat ganz recht, was für eine Dummheit, das schöne Stück in der Newa zu versenken, anstatt sie zu benutzen." "Jetzt fang' nicht wieder damit an", entgegnet Jakow, "willst du vielleicht lieber die nächsten zehn Jahre im Kerker verbringen? Da kannst du deine schöne Druckerpresse auch nicht bedienen."

"Oh ja, ich habe gehört, da gibt es eine Anstaltsdruckerei", sagt Pawel ganz ernsthaft. Der Kutscher dreht sich um. "Kann mal jemand nachsehen, ob der Junge Fieber hat. Ich für mein Teil will jedenfalls nicht bis ans Ende meines Lebens Rechenfibeln und Gesangbücher drucken." Er knallt mit der Peitsche und treibt das Pferd an, daß die andern sich festhalten müssen.

"Und außerdem, Pawluschka, wäre dann die schöne Stelle bei Dimitri Wassiljewitsch futsch." "Mach dich nicht lustig." "Wer ist eigentlich diese Adwotja?" "Meine Cousine, kennst du nicht." "Na, wenn ich sie kennte, würde ich ja nicht fragen." So geht das noch den ganzen Weg. Und dann begegnet ihnen an der Ecke Rodschinskaja doch noch eine Gendarmenpatrouille zu Pferde.

Der Kutscher entdeckt sie trotz der Dämmerung gottseidank noch rechtzeitig, sie biegen in die Twerskaja ein und schleichen sich durch die kurzen Zwischenstraßen, bis sie am Petrowski Platz wieder an den Kanal kommen, und zehn Minuten später sind sie endlich am Kai, ungefähr an der Stelle, wo der Ingenieur Bresanow sein seltsames Rettungsboot ausprobiert hat. Da ein Stück auswärts gibt es nämlich eine ziemlich tiefe Stelle, das wusste Jakow von irgendwoher, und da konnten sie bis an die Kante heranfahren und dann die Druckerpresse vom Schlitten schieben, bis sie zwischen den kleinen Eisschollen ins Wasser geplumpst ist.

So war das, mehr kann ich dazu nicht sagen. Am nächsten Tag sind bekanntlich Petraschweski, Kaschkin, Dostojewski und die andern alle verhaftet worden.

Das ist der Bericht von einem gewissen Michail Pawlowitsch Dubinski. Er befindet sich in dem Konvolut der Dokumente über den Petraschewski Prozess, in einer Mappe mit der Aufschrift LK-78-C4, welche im wesentlichen die Protokolle der Verfahren gegen Maschikow und Sotow enthält. Dubinski hat seine Aussage unterschrieben, aber wann genau er sie gemacht hat, das geht aus den Akten nicht hervor.

Es gibt eine nachträgliche Notiz, genauer gesagt, mehrere einzelne Bemerkungen, sie sind mit einem violettfarbigen Tintenstift geschrieben, wie man sie seinerzeit in der Sektion III verwendet hat und die schon lange nicht mehr im Gebrauch sind. Die eine Bemerkung ist der Name Pawel Filippow. Eine zweite besteht bloß aus dem Namen Jakow und einem Fragezeichen dahinter, was wohl bedeutet, daß man keinen Familiennamen zuordnen konnte.

Die Worte ... gefährdest die ganze Aktion ... sind unterstrichen und mit einem Sternchen versehen, das am Ende wieder aufgeführt ist, dabei steht: "Maschikow hat bestritten, davon überhaupt gewusst zu haben". Eine weitere Erläuterung betrifft die "Maschine", demnach handelte es sich offenbar um eine Hebelpresse der Firma Sutter aus Berlin.

Welche Rolle dieser Dubinski bei der ganzen "Aktion" spielte, hat sich mir nicht erschlossen. Er schildert die Geschehnisse, als wäre er dabeigewesen, aber er hat sich ja nicht mal selber mitgezählt. Wenn er dagegen alles bloß aus anderer Quelle erfahren hat, ist sein Hang zur Ausschmückung überdeutlich, mithin der Wahrheitsgehalt mit Vorsicht zu bewerten. Vielleicht wussten die Kollegen der Sektion III auch nicht so recht, was damit anzufangen sei.

Dieser Pawel Filippow war nachweislich beteiligt. Er war es, der die Idee von Petraschewski, den Brief Belinskis zu vervielfältigen und zu verbreiten, mit Feuereifer aufgriff und unterstützte. Davon spricht auch Fjodor Michailowitsch in seinen Aussagen. Dann hat man angeblich hin und her überlegt, mit welcher Technik man dies am besten bewerkstelligen könnte, manche waren für eine lithographische Vervielfältigung, andere für einen Druck wie bei Flugblättern.

Filippow brachte die Hebelpresse ins Gespräch. So eine Druckerpresse ist sehr teuer, man kann also davon ausgehen, daß sie nicht nur für einen einmaligen Gebrauch vorgesehen war. Aber weder Fjodor Michailowitsch noch einer der andern hat bestätigt, daß eine solche Presse auch tatsächlich vorhanden war. (Das beweist natürlich nicht zwangsläufig, daß es sie nicht gab.)

Fjodor Michailowitsch oder sein Bruder hätten vielleicht die Möglichkeit gehabt, etwas drucken zu lassen, auch ohne daß man eigens dafür eine teure Presse anschaffen musste, aber die Druckereien für die Oteschestweny sapiski oder für den Petersburgski sbornik würden einen solchen Auftrag sicher nicht ohne weiteres ausgeführt haben, wenn sie gesehen hätten, worum es sich handelt. Im übrigen gibt es kein Exemplar des Belinski Briefes, das aus einer Druckerpresse der Petraschewzen stammt. Woher und warum also dann die Geschichte dieses Dubinski?

Immerhin ist es möglich, daß wir, ich meine die damaligen Kollegen der Sektion III, der ganzen Vervielfältigung und Verbreitung zuvorgekommen sind, und nicht nur der Druck des Belinski Briefs unmittelbar geplant war, sondern auch der von zahlreichen anderen Flugblättern und Propagandaschriften, wie sie dann an den Universitäten auftauchten, und vor allem, wie sie während der Bauernunruhen tausendfach im Umlauf waren.

Daß Fjodor Michailowitsch bei den Vorbereitungen oder der Durchführung solcher Aktionen nicht unmittelbar involviert gewesen wäre, muss nicht verwundern. Der Kreis um Petraschewski war völlig inhomogen, sowohl was die politischen Ansichten anbetraf, als auch die Herkunft und die Profession der einzelnen Leute. Fjodor Michailowitsch sagte selbst "Es gab nicht die geringste Geschlossenheit, nicht die geringste Einheit im Denken und in der Richtung der Gedanken." Gut möglich, ja sogar wahrscheinlich, daß Petraschewski im Umgang mit seinen Gästen sehr geschickt und überlegt vorgegangen ist, daß er aber in jedem Fall genau wusste, mit wem er es zu tun hat und wofür dieser oder jener ihm nützlich sein könnte.

In Fjodor Michailowitschs Schilderung über die Abende bei Petraschewski fällt mitunter auf, mit welcher Unbedarftheit er dort verkehrt. Man könnte meinen, er wäre gerade von der Straße hereingekommen, weil ihn jemand vor dem Haus angesprochen und gesagt hat: "Sind Sie nicht der Schriftsteller Dostojewski? Der Autor von Arme Leute? Haben Sie Lust, mit zu einer Versammlung bei Petraschewski zu gehen? Sie werden erstaunt sein, was für außergewöhnliche Menschen man dort trifft."

Es ist pure Neugier, wie er betont, die ihn dorthin treibt, er findet alles überraschend, eigenartig, ja exzentrisch, oder aber, auf der andern Seite, widersprüchlich, nichtssagend, gar (ausgerechnet beim Belinski Brief!) abstoßend. Wenn er selber etwas zum Besten gibt, geschieht dies angeblich spontan oder weil er dazu aufgefordert wurde, ohne Überlegung, unbestimmt oder rein auf die Literatur bezogen.

Es entgeht ihm keineswegs, daß bei Petraschewski eigentlich nur unentwegt gestritten wird, er sagt bei seiner Vernehmung darüber aus: "Es schien ein Streit zu sein, der, einmal begonnen, niemals enden sollte. Um dieses Streites willen versammelte sich denn auch die Gesellschaft; es sollte endlos gestritten werden, denn fast jedesmal ging man mit dem Vorsatz auseinander, den Streit beim nächsten Mal mit frischer Kraft wiederaufzunehmen, weil man spürte, man habe nicht den zehnten Teil dessen gesagt, was man habe sagen wollen."

In der Mappe mit der Aufschrift LK-78-C4 lag noch ein anderes Blatt, das beidseitig beschrieben ist. Leider fehlt jegliche Angabe für seine Zuordnung. Es ist unklar, wer das verfasst hat (die Handschrift habe ich nirgendwo sonst gesehen), es ist auch unklar, ob es sich um eine protokollierte Aussage handelt, oder um einen Kommentar wessen auch immer. Überdies beginnt der Text mittendrin, das heißt, es muss noch ein vorhergehendes Blatt gegeben haben, das jedoch unauffindbar ist.

Ich gebe diese Ausführungen hier wortwörtlich wieder:

"... verlangen danach, wenigstens einen in ihrer Mitte zu einem Schiedsrichter zu machen, zum Richter wohlgemerkt, nicht zum Schlichter. Denn jeder will natürlich Recht behalten, aber dazu muss er Recht bekommen.

In diesen schrecklich hitzigen Diskussionen, die nicht selten mit solchem Zorn und solcher Unerbittlichkeit geführt wurden, daß man, wenn man sich nicht geschlagen gab, Angst haben musste, hinterrücks angefallen zu werden, sobald man das Haus verlassen und in die nächste dunkle Gasse eingebogen ist, da mochte mancher gewissermaßen vorsorglich die Anerkennung eines allseits geachteten Oberhauptes in diesem Durch- und Gegeneinander für sich erkämpfen.

Was mich betrifft, so habe ich mich nie um Zustimmung bemüht, nicht aus Furchtlosigkeit (denn wenn man das Flackern in den Augen dieser anscheinend zu allem entschlossenen Fanatiker sieht, musste man wirklich davor erzittern), nein, ich beharrte auf meinem Standpunkt aus einer, wenn Sie so wollen, naturgegebenen Unanfechtbarkeit heraus, welche mir seit meinen frühesten Tagen eigen ist und die ich mir glücklicherweise bis heute erhalten habe. Mehr möchte ich darüber nicht sagen.

Männer wie Petraschewski, geborene Aufrührer oder Umstürzler, sind meistens in ihrer Kindheit schon kleine Streithammel gewesen, die sich gegen alles auflehnen, alles sabotieren müssen. Mit den andern Kindern mag so einer nicht spielen oder jedenfalls nicht das, was sie spielen wollen; seinen Eltern will er nicht gehorchen, die Geschwister verpetzt er, wo er nur kann, die Verwandten äfft er nach und verleumdet sie.

Was ihm vor allem fehlt, ist die Bereitschaft sich unterzuordnen, die Fähigkeit, einer Gemeinschaft zu dienen. Leider wird auf die Entwicklung dieser Fähigkeit auch in unseren heutigen Schulen viel zu wenig eingegangen. Womit ich nicht behaupten will, daß eine nachlässige Schule leicht einen Querulanten erzieht?

Petraschewski war nicht der erste mit diesem markanten Charakter, den ich kennengelernt habe, während meines Studiums in Moskau und auch in Deutschland habe ich gleichartige Männer getroffen, und ich konnte mir eine eigene Meinung über diesen Typ von Anführer und Aufwiegler bilden.

Er ist auffällig ohne überheblich zu sein, verwegen bis waghalsig, er ist fast immer schlau, manchmal schön, aber meistens etwas kraftlos, niemals gewöhnlich und immer unberechenbar. Er kann einen leicht begeistern, und es passiert oft, daß man glaubt, seine Bekanntschaft würde einem selbst den Anstoß zu etwas Anderem, etwas Ungewöhnlichem und Neuem im eigenen Leben und Denken geben, etwas, wovon man immer schon eine unbestimmte Ahnung hatte, worauf man aber erst durch ihn gebracht wird. Dafür erntet er immer Dank und Zuwendung.

Man lernt diesen Menschen ausschließlich durch andere kennen, die von ihm sprechen wie von einem überaus fachkundigen Arzt oder weitgereisten Forscher. Man würde ihn nie, wie zum Beispiel eine schöne Frau, nachmittags um vier auf dem Newski Prospekt treffen, man trifft ihn immer auf Vermittlung und im Kreise seiner Bekannten in irgendeinem Wohnzimmer, das viel zu eng wirkt für die Tragweite der Dinge, über die darin debattiert wird.

Außerhalb dieser Gesellschaft gibt es offenbar niemand, der zu ihm gehört, anscheinend hat er keine Familie, keine Angehörigen, keine Blutsverwandten, denn niemals erwähnt er sie auch nur mit einem Wort. Es gibt nicht einmal Photographien aus seiner eigenen Vergangenheit. Dennoch ist er niemals allein (obwohl er natürlich in Wahrheit auch, wenigstens zeitweise, allein ist).

Schon die Vorstellung, er könnte allein sein oder sich gar einsam fühlen, ist ein Verrat an ihm, und seltsamerweise gibt es, wenn man so einen Menschen erst einmal zu seinen Freunden, seinen echten Freunden, rechnet, eine ganze Reihe solcher 'falscher' Vorstellungen, für die man alsbald anfängt sich zu schämen. Irgendwann ist man unablässig damit beschäftigt, sein Bild von ihm immer von neuem ins Besondere, ins Außergewöhnliche, ins Gute zu korrigieren.

Das ist der Zeitpunkt, wo er beginnt, einen auszunutzen für seine ureigene Absicht, die er vielleicht 'Sendung' nennt oder 'Vision', und die nur einen einzigen Zweck verfolgt: andere Menschen von sich abhängig zu machen und seinem Willen zu unterwerfen. Viele, sehr viele Menschen lassen sich mit ihm ein, sie mögen ihn, sie beherzigen seine Worte, befolgen seine Ratschläge und schließlich auch seine Befehle, die nicht Befehle genannt werden, sondern Wünsche oder noch gelinder gesagt: Erwartungen.

Seine Ideen sind originell, sozusagen unerhört, aber oft unausgegoren, fast abstrus, meistens archaisch in der Wortwahl, dabei entweder leicht fasslich oder aber sehr bedeutungsschwanger, was kein Widerspruch ist, denn es gibt Menschen, die das Einfache mögen, und solche, denen das Verschlungene besser gefällt. Beide finden sozusagen in seinen Ideen Nahrung für ihr Bewusstsein.

Nicht selten wird ein solches Subjekt wirklich geliebt von seinen Anhängern, und das Verrückte daran ist, daß man ihn sogar liebt um seiner Niederlagen willen, seines Scheiterns wegen und weil angeblich die ganze übrige Welt ungerecht zu ihm ist. Ich weiß, das dies so klingt, als würde man einen solchen im Grunde unguten Menschen in die Nähe eines Heiligen rücken."

Ich habe in Erwägung gezogen, daß diese Ausführungen von Fjodor Michailowitsch selbst stammen, aber mein Vorgesetzter und Führungsoffizier, den ich zu Rate zog, meinte, das sei ausgeschlossen, es sei ja nicht einmal Dostojewskis Handschrift. Das ist ein triftiges, aber kein zwingendes Gegenargument, fand ich.

Dann meinte er, der Verfasser sagt, daß er in Deutschland studiert habe, und das trifft auf Dostojewski nicht zu. Ich nickte zustimmend, ich hatte das glatt überlesen! (Heute würde ich sagen, ich könnte es am Stil erkennen, ob ein Text von Dostojewski stammt oder nicht.)

Mein Vorgesetzter sagte "Wenn Sie sich über das alles wirklich noch eingehender informieren wollen, Novadin, dann sollten Sie den Major K. aufsuchen, der kann Ihnen bestimmt einiges erzählen, was Sie sonst von keinem erfahren können." Ich fragte ihn, wo ich diesen Major K. finde, und er gab mir die Adresse. "Sagen Sie ihm, Preguschin schickt Sie, nennen Sie die Parole 'Belaja goluba', dann lässt er Sie herein - das heißt, wenn er will."

Bevor ich auf meinen Besuch bei Major K. eingehe, sollte ich darauf hinweisen, daß der Prozess gegen Dostojewski und die Petraschewzen fast fünfzehn Jahre zurücklag, als ich jetzt in die Operation "Roulette" einbezogen wurde. Dies geschah für mich relativ überraschend, aber ich hatte keine andere Wahl.

Bis dahin wusste ich über Fjodor Michailowitsch nicht viel mehr als - so will ich behaupten - die meisten anderen meiner Generation (ich bin fast zwanzig Jahre jünger als er). Mir war der Ruf Dostojewskis als Schriftsteller und ehemaliger politischer Häftling unter Kaiser Nikolai zwar bekannt, aber ich hatte bisher nichts von ihm gelesen, und seine Bücher waren auch nicht sehr verbreitet geschweige denn populär.

Als ich zur Sektion VIII kam, einer Sonderabteilung der Geheimen Kanzlei des Kaisers, erwartete man von mir, daß ich mich mit den Ereignissen von damals vertraut mache, mit Fjodor Michailowitsch's Vorgeschichte also. Ich kämpfte mich durch die Prozessakten hindurch, auch durch die nebensächlichen, wovon ich eben eine Kostprobe gegeben habe, und ich begann, nach und nach seine Bücher zu lesen, angefangen von Arme Leute und Weiße Nächte, über Erniedrigte und Beleidigte, das Totenhaus, bis hin zu den Aufzeichnungen aus dem Kellerloch und etliches von den kleineren Stücken. (Die anderen, großen Romane waren zu dieser Zeit noch nicht erschienen.)

Mein Hauptmotiv für die Mühe und den Eifer, die ich dabei an den Tag legte, war: ich wollte bei meinen Vorgesetzten einen guten Eindruck machen, denn ich wusste, daß ich nur auf Bewährung hierher versetzt wurde, und daß über mir gewissermaßen immer noch die unheilbringenden Wolken meines Vergehens schwebten, das ich mir kurz zuvor hatte zuschulden kommen lassen. (Darüber vielleicht später mehr.)

So nahm ich also den Rat meines Chefs bereitwillig an und machte mich auf den Weg zu Major K., um mein Wissen über den Petraschewski Prozess und Dostojewskis Rolle zu vervollständigen.

Er wohnte in Petrowskoje, ich brauchte zwei Stunden bis dorthin. Hier laufen die Gänse auf der Straße, und an den Teichen wird geangelt. Er hatte ein hübsches Häuschen mit einem Vorgarten, den ein scheckiger Hund halbherzig bewachte. Eine Parole war nicht vonnöten, ich sagte ihm, ich käme auf Empfehlung Preguschins, und der Major musterte mich kurz von oben bis unten. Dann sagte er "Lebt der alte Knabe noch, wie geht es ihm?" (Preguschin war Mitte vierzig.) Ich sagte, er wäre wohlauf und lasse ihn grüßen. "Das hat er Ihnen ganz gewiss nicht aufgetragen", entgegnete der Major.

Ihn selbst auf sein Alter zu schätzen, war schwierig. Er war mittelgroß, schlank, man bezeichnet so eine Gestalt manchmal als drahtig (Er war während seiner Militärausbildung bestimmt einer der besten Sportler gewesen). Er trug eine graue Hose und eine bequeme Armeejacke ohne Dienstabzeichen, seine bloßen Füße steckten in Bastschuhen, an denen ein breiter, roter Streifen die Sohlen säumte. Er hatte helles, kurzes Haar und einen dünnen Bart, flinke graue Augen und eine spitze Nase. Seine Hände waren ziemlich mager, aber er hatte einen kräftigen Druck.

Er bat mich hinein, es war einfach, fast rustikal eingerichtet. Wir setzten uns an den Tisch in der Stube, an den beiden Fenstern hingen Blümchengardinen und in einer Nische dazwischen stand ein Porzellanengel mit einer abgebrochenen Schwinge. Auf dem Tisch lagen eine Zeitung, drei Äpfel und eine deckellose Zigarrenkiste mit Utensilien zum Reinigen einer Handfeuerwaffe. (Das letzte Mal, als ich so etwas gesehen hatte, war mir noch in schrecklicher Erinnerung geblieben.)

Eine Frau, die seine erwachsene Tochter sein konnte und die er mit Jelena anredete, brachte uns Tee. "Sie arbeiten also bei Preguschin?", fragte mich der Major und schaute mich dabei an, als hätte er vorhin nicht alles erfasst. Ich bejahte es. "Dann schützen Sie unser heiliges Russland vor den Vaterlandsverrätern", sagte er mit einem Lächeln, wohl wegen der etwas hochtrabenden Worte.

"Ich bin erst seit kurzem in unserer Sektion." "Und wo waren Sie vorher?" "Im Landwirtschaftsministerium." Er zog die Brauen hoch. "Ein ungewöhnlicher Wechsel." "Ja, das kommt nicht oft vor." Ich sah, daß er gern mehr über die Gründe erfahren hätte, aber er fragte: "Da haben Sie Miljutins Reformen unter die Bauern gebracht? Wie war das?" "Eine Herausforderung." Er lachte.

"Ja, das glaube ich gern. Aber vielleicht gerade das Richtige für einen jungen Mann im Staatsdienst." "Eine wichtige Erfahrung auf jeden Fall." Dann sagte er plötzlich "Wie kommt es, daß Sie so einen eigenartigen Akzent haben?" "Habe ich den?" "Ja. Es klingt so etwas Deutsches in Ihrer Aussprache mit." "Meine Mutter ist deutscher Abstammung." "Aha, da haben wir's. Ich weiß nicht, was soll es bedeuten", zitierte er auf deutsch.

"Aus welcher Gegend?" "Aus Mitteldeutschland, genaugesagt westliches Mitteldeutschland." Preguschin lachte wieder. "Jetzt nehmen Sie's aber genau. Aber verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe nichts gegen die Deutschen. Schauen Sie", sagte er und wies hinter mich, ich drehte mich um und sah an der Wand die Kuckucksuhr. "Ein Andenken aus Deutschland, aus dem Schwarzwald." "Sie ist sehr schön." "Ich habe noch etwas, eine Weihnachtspyramide aus Seife." "Bitte?" "So ein Turm mit mehreren Scheiben, auf denen kleine Figuren ..." "Ach, Sie meinen aus dem Ort Seiffen", sagte ich.

"Ja, sie ist sehr lustig anzuschauen, aber sie kommt natürlich nur zu Weihnachten auf den Tisch." Bei diesem Wort fiel sein Blick auf die Zigarrenkiste, er schob sie ein Stück beiseite und fragte "Haben Sie eine Dienstpistole?" "Nein." "Sollten Sie aber, wir leben in gefährlichen Zeiten. Früher war das vielleicht nicht nötig, und trotzdem hatte ich immer eine. Wollen Sie den Kaiser mit Ihren bloßen Fäusten verteidigen?" "Wie meinen Sie das?"

"Vielleicht gibt Ihnen morgen Preguschin den Auftrag, den Kaiser nach Warschau zu begleiten, da müssen Sie auf alles gefasst sein." "Ich denke, dann würde ich mit einer Waffe ausgestattet werden." Der Major K. lachte beinahe höhnisch. "Mit einer Waffe ausgestattet! Das war aber wirklich eine typisch deutsche Formulierung. Das klingt wie: Reichen Sie mir bitte das Feuerzeug, Herr Rittmeister!" "So habe ich es nicht gemeint."

"Ich weiß, mein Junge, ich auch nicht. Aber im Ernst: Glauben Sie, der Kaiser hätte ein gutes Gefühl, wenn er wüsste, was für ein mieser Schütze Sie sind?" "Ich habe schon geschossen." "Aber haben Sie auch Übung?" "Nein", gab ich zu. "Na lassen wir das. Denken Sie darüber nach." "Tue ich." "Weshalb sind Sie eigentlich hergekommen?" Ich atmete erleichtert auf, als er das Thema wechselte.

"Nikita Jefremowitsch hat mir gesagt, Sie wüssten mehr über den Fall Petraschewski." "Mehr als wer?" "Mehr als andere Mitarbeiter, die damit befasst waren." "Dann mag wohl was dran sein, wenn Nikita Jefremowitsch das sagt." "Stimmt es denn?", fragte ich ein bisschen herausfordernd. Der Major schien darauf anzuspringen, er beugte sich vor, legte beide Hände auf den Tisch und sagte, als offenbare er mir ein Geheimnis: "Ich habe Petraschewski und seine ganze Bande zur Strecke gebracht!" "Meine Hochachtung", sagte ich beeindruckt. "Was willst du darüber wissen, Junge?" Er kam mir auf einmal vor, als hätte er auch schon die Dekabristen ans Messer geliefert.

Ich zeigte ihm einige Dokumente, unter anderen die anonyme Beurteilung Petraschewskis und jenen "Bericht" von Dubinski von der Versenkung der Druckerpresse in der Newa. Major K. brauchte nicht lange, um sie mit einem Blick zu überfliegen, er schien sie tatsächlich alle zu kennen. "Dieser Dubinski war ein Spinner", sagte er knapp.

"Das heißt, es hat keine Druckerpresse bei den Petraschewzen gegeben?" "Man hat keine gefunden." "Sie schließen es also nicht aus?" "Was würde das ändern, wenn wir wüssten, daß es eine gab?" "Woran ändern?", fragte ich zurück. Er zögerte einen Moment. "An der Tatsache, daß zum Beispiel der Belinski Brief vervielfältigt wurde."

Ich verstand nicht. "Aber, wenn keine Druckerpresse da war, wie kann man dann ..." "Auch eine Abschrift ist im Sinne des Gesetzes bereits eine Vervielfältigung", schnitt er mir das Wort ab, "entscheidend ist doch, daß eine Kopie eine Weiterverbreitung darstellt, das Gesetz fragt nicht danach, in welcher Anzahl die Vervielfältigung erfolgt, verstehst du, Junge, eine einzige Abschrift genügt. Und du hast sicher auch gelesen, daß der Originalbrief an Mombelli weitergegeben wurde, damit der ihn kopiert." "Aber diese Kopie ist erst sehr viel später aufgetaucht, und meines Erachtens hat niemand überprüft, ob sie von Mombelli stammt." "Es ist damals auch keiner dafür angeklagt und verurteilt worden!", versetzte der Major scharf. Er brachte mich völlig durcheinander, ich sagte "Warum hätte man dann die Druckerpresse beseitigen sollen, wenn sowieso keine ..." "Ich sage doch, dieser Dubinksi ist ein Spinner, er sollte Dubiosi heißen."

Ich schob ihm das beidseitig beschriebene Blatt hin und bat ihn, es zu lesen, dann sagte ich "Ich habe nicht ermitteln können, von wem das stammt." "Da kann Ihnen niemand ein Vorwurf machen", meinte er und siezte mich auf einmal wieder, "das weiß der, der es geschrieben hat." Ich traute mich und sagte "Ich möchte nicht indiskret sein, Herr Major, aber ist das von Ihnen?" Er zuckte nicht mal mit der Wimper. "Nein."

"Sie haben auch nicht die leiseste Vermutung, von wem?" "Anonyme Informationen stammen fast immer von einem Denunzianten, und Denunzianten sind nur eingeschränkt als Zeugen verwendbar." "Wie finden Sie es? Ich meine, trifft es Petraschewski?" "In manchen Zügen schon." "In welchen?" Ich glaubte an seiner Miene erkennen zu können, daß er unser Gespräch hier abbricht, ich bin mir sicher, er dachte daran. Aber dann wurde er sogar noch ausführlich.

"Es gibt drei Typen von politischen Verbrechern. Der erste ist der Verzweifelte - der ist mir übrigens immer noch der liebste. Er besitzt kein besonders hohes intellektuelles Niveau und er kommt auch selten aus gehobenen Kreisen. Er ist ein einfacher Mensch, aber ein leidenschaftlicher. Seine Leidenschaft besteht darin, auf etwas, das er nicht mehr länger ertragen kann, einen unbändigen Widerwillen zu entwickeln und es anzugreifen, um es zu vernichten, um sich von seinem Druck zu befreien, den er nicht länger aushält.

Man könnte es eine natürliche Gegenwehr nennen, wie sie jeder normale Mensch entwickelt, aber das ist es nicht, denn er schlägt auch zu, wenn die Umstände objektiv nicht bedrohlich, nicht einmal belastend sind." Der Major klopfte mit der Faust auf seine Brust. "Hier, hier drin fühlt er die Bedrohung, alles spielt sich bei ihm hier drin ab, und wenn die ganze Welt sich an Sonnenschein und Frühlingsduft erquickt, um es mal metaphorisch auszudrücken, dann sieht er Gewittersturm und kalte Flut. Denn das ist das Wesen der Verzweiflung: daß man mit der Welt nicht übereinstimmt.

Manche von diesen Leuten werden Dichter, natürlich armselige, unbeachtete, was aber nicht heißt, schlechte. Eine Menge Anarchisten sind von diesem Typus. Sie finden keinen Platz, keinen Halt mehr in der Welt; sie haben an nichts mehr Freude, sie verspüren nicht einmal mehr Hunger und Durst. Der Anblick der flanierenden Menschen auf dem Newski Prospekt ist ihnen genauso zuwider wie die marschierenden Kadetten, die ein munteres Lied schmettern.

Die Verzweiflung bringt sie dazu, diese Menschen, ob nun Spaziergänger oder Soldaten oder auch den Kaiser höchstpersönlich, wie er in der Kutsche vorüberfährt, in die Luft zu jagen, nur damit dieser Anblick vor ihren Augen verschwindet. Sie haben fast nie ein Programm oder eine Überzeugung, auch keinen Glauben. Wenn man sie fragt, warum sie die Bombe geworfen oder die Menschen getötet haben, dann zucken sie mit den Schultern, und wenn der Geistliche in ihre Zelle kommt, dann sagen sie bloß 'Fahr zur Hölle!' Im Grunde wünschen sie sich, hingerichtet zu werden, damit ihrer Qual ein Ende gemacht wird."

"Warum mögen Sie diesen Typ?", fragte ich Major K. "Ich sagte nicht, daß ich ihn mag, sondern daß er mir lieber ist als die andern. Warum? Wahrscheinlich wegen seiner enormen Entschlossenheit. Ebenso wenig wie er andere verschont, so wenig verschont er sich selbst, mitunter ist er sogar tapfer und niemals feige, er ist der ideale Selbstmord Attentäter, ich sage, der ideale, denn unter denen gibt es auch andere.

Ich mag den Feind, den ich nicht verachten oder bemitleiden muss. Ich mag den Feind, der unter der Folter nicht anfängt zu heulen und nach seiner Mutter ruft. Oh, Verzeihung, es gibt bei uns natürlich keine Folter. Aber wie viele habe ich gesehen, die beim ersten peinlichen Verhör eingeknickt sind wie eine Papirossa im Aschenbecher. Dieser, der Verzweifelte, bleibt aufrecht bis in den Tod, nichts und niemand kann ihn brechen."

"Was ist mit dem andern Typ?", fragte ich den Major. "Der zweite ist der Freischärler. In ruhigen Zeiten ist er so etwas wie ein Volkstribun, der einen Sack voll ideologischer Schlagwörter hat, die er Theorie oder Weltanschauung nennt, und von denen er bei den politischen Debatten, die er über alles liebt, ganze Hände voll in die Menge wirft wie der Bauer die Saat in die Furche.

Wenn es hart auf hart kommt, oder wenn er die rechte Gelegenheit für gekommen sieht, dann schart er eine Truppe Ergebener hinter sich, schnallt sich einen Säbel um und stürmt das Schloss. Er lässt den Fürsten aufhängen, seine Familie liquidieren, und seine eigenen Leute plündern, damit werden sie ausbezahlt.

Dann macht er sich selber zum Hausherrn, widmet sich mit verdoppelter Kraft wieder seiner Theorie, schreibt ein Pamphlet nach dem andern, in denen allen von einer neuen Gesellschaft die Rede ist. Dieser Typ ist an sich harmlos, man wird leicht mit ihm fertig, man braucht ihn eigentlich bloß abzuknallen, dann zerstreut sich der Pöbel binnen null Komma nichts. Und übrigens: er hat meistens Angst, die ihn auf Dauer krank macht."

"Ich vermute", sagte ich, "Petraschewski gehört Ihrer Ansicht nach nicht zu diesen beiden Typen." "Nein, er gehört zu den Verführern. Er hat mit Politik oder mit dem Staatswesen eigentlich nur wenig am Hut. Er macht sich keine Gedanken über die menschliche Geschichte, über arm und reich, die Lage der Bauern interessiert ihn sowenig wie die Bewaffnung des Heeres oder der Arbeitslohn.

Seine einzige Lebensaufgabe sieht er darin, Zwietracht unter die Menschen zu bringen, sie gegeneinander aufzuhetzen und sich dann mit wahrhaft sadistischer Lust daran zu weiden, wie sie sich gegenseitig zerfleischen. Er ist ein Schwindler und Scharlatan ohnegleichen, er besitzt weder Gefühl noch Verstand, bloß einen todsicheren Instinkt, er ähnelt einem Tier, dem die Natur die Gabe verliehen hat, andere Tiere anzulocken, vielleicht weil sie es reizvoll finden, vielleicht auch, um sich wegen ihm zu streiten.

Ganz gleich, mit welcher Absicht sich die anderen ihm nähern, es gelingt ihm, sie zu manipulieren, sie zu verhexen, ihr Sinnen und Trachten in die gewünschte Richtung zu lenken und sie glauben zu machen, er besitze irgendwelche geheimen Kräfte oder Mittel, um damit das Schlechte und Böse aus der Welt zu schaffen. Dabei hat er nichts dergleichen, er hat nur eine besondere Ausstrahlung, damit kann er den andern seinen Willen aufzwingen und ihnen seine Befehle erteilen."

Ich wies auf das Blatt und sagte "Das sind die Befehle, von denen hier die Rede ist." "Ja", bestätigte der Major K. "Es ist, als hätte dieses Tier einen Giftstachel, mit dem es die anderen sticht und ihnen das Gift einflößt, das sie, ob sie es wollen oder nicht, ob sie es merken oder nicht, ihm untertänig und gehorsam macht."

"Ich nehme an, Sie sind nie ein Opfer dieses Giftes geworden?" "Wie Sie sehen, nein." "Verraten Sie mir, wie Sie sich davor geschützt haben?" "Nein", sagte der Major, und hinter mir kam der Kuckuck aus seinem Türchen und rief zwölfmal; der Major hob den Zeigefinger zum Achtungzeichen und lauschte und freute sich dabei wie ein Großvater beim Anblick seiner Enkelkinder.

Er lud mich zum Mittagessen ein, es gab ein schmackhaftes Gericht mit Fisch, den der Major selbst aus einem der kleinen Teiche geangelt hatte. Jelena gesellte sich zu uns, und nach dem Essen verschwand sie wieder, nachdem sie uns frischen Tee und etwas Gebäck gebracht hatte. Der Major zeigte sich sehr gastfreundlich.

Beim Essen fragte ich ihn "Stimmt es, daß Sie nach dem Tod Seiner Majestät Nikolai um Ihre Entlassung aus dem Dienst ersucht haben?" "Und sie wurde genehmigt", erwiderte er. "Warum? Ich meine, warum sind Sie gegangen?" "Es war an der Zeit für mich."

Das konnte ich ihm nicht abnehmen. Preguschin erzählte mir, der Major hätte sich mit einigen neuen Bestimmungen unter dem Kaiser Alexander nicht einverstanden erklärt, oder aber einige Mitarbeiter im Ministerium und in der Geheimen Kanzlei hätten gewisse Vorbehalte gegen ihn geäußert. Preguschin meinte, obwohl der Major seit seiner Dispensierung keinen Fuß mehr ins Ministerium gesetzt habe, verfüge er immer noch über großen Einfluss, und keiner wüsste so recht, wie er das bewirke. Übrigens nahm Preguschin sich und die Sektion VIII davon aus.

Ich fragte Major K., was eigentlich aus Petraschweski geworden ist. "Haben Sie nicht gründlich genug recherchiert?", entgegnete er. "Ich habe nur sehr wenig über ihn finden können." "Was kann das Ihrer Meinung nach bedeuten?" "Nun ja, entweder, er ist nicht mehr aktiv, oder ... oder er versteht es, sich unauffällig zu machen." "Vielleicht ist er längst tot." "Sein letzter Aufenthaltsort war Irkutsk." "Na also, da haben Sie ihn doch gefunden." "Das ist weit weg."

Der Major lachte. "Ja, das ist ein Teil der Kulisse, vor der sich unser russisches Drama abspielt: die ungeheure Weite." "Manche sagen, diese Weite sei ein Teil der russischen Seele; aus der Weite des Landes sei im Laufe der Geschichte eine Sehnsucht im Menschen geworden, die einen schweren Makel habe, sie könne nämlich niemals ausgefüllt werden." "Darin steckt bestimmt mehr als nur ein Funken Wahrheit. Es gibt kein Land auf der Erde, das seine Verbrecher so fern in die Einöde verbannen kann."

"Es fragt sich, fern wovon?" "Fern von den Metropolen." "Fern vom Zentrum der Macht." "Ja natürlich. Und auch fern von der Gemeinschaft der friedliebenden Bürger, für die jeder Verbrecher, auch nach seiner Verurteilung, eine potentielle Gefahr ist." "Dann dürfte keiner nach Verbüßung seiner Strafe zurückkehren." "Was für eine verdrehte Schlussfolgerung ist das? Wieso denn nicht?

Erstens besteht immer die Möglichkeit, daß ein entlassener Sträfling ein geläuterter Mensch ist, was ich allerdings mit Vorsicht annehmen möchte. Zum andern gibt es Bürger wie Sie und ich, die dafür sorgen, daß solche Leute in Zukunft keinen Schaden anrichten. Wir verfolgen die Staatsfeinde doch nicht nur aufgrund eines Gesetzes, das uns dafür ermächtigt und verpflichtet, wir beschützen auch die Gemeinschaft, unsere Mitmenschen, unsere Familie, die Kinder vor allen inneren Feinden, und zwar jederzeit, auch dann, wenn wir keinem von ihnen unmittelbar auf den Fersen sind.

Und vergiss nicht, mein Sohn, in der Gewährung der Rückkehr eines ehemaligen Sträflings, ja im Grunde schon in jeder Umwandlung eines Todesurteils in Verbannung liegt ein großer Gnadenakt, eine Barmherzigkeit unserer allerhöchsten Majestät des Kaisers, der damit nicht nur seine eigene edle Gesinnung unter Beweis stellt, sondern diesen Geist auf alle seine Untertanen verströmt, auf daß sie von der gleichen Menschlichkeit gegenüber ihrem Nächsten erfüllt werden."

Während der letzten Worte des Majors hatte sich in seinem Antlitz eine seltsame Veränderung abgezeichnet, ich möchte fast sagen, eine schmerzvolle Verzerrung, als mache ihm etwas in seinem Innern zu schaffen, sie auszusprechen. Er schloss die Augen und schluckte, hielt für einen Moment den Atem an und war dann wieder völlig wie vorher.

"Was möchten Sie noch wissen?" "Bitte?" "Den Fall Petraschewski betreffend." "Ach so. Ja. Wenn es demnach keine Vervielfältigung und Verbreitung gegeben hat, dann ist zum Beispiel Dostojewski nur dafür verurteilt worden, daß er den Belinski Brief vorgelesen und weitergegeben hat?" "Hüte dich immer vor Flüchtigkeit bei der Arbeit, mein Junge! Wenn du richtig gelesen hättest, müsstest du wissen, daß Fjodor Michailowitsch Dostojewski nicht wegen politischer Propaganda verurteilt wurde, sondern wegen Unterlassung einer Berichterstattung über die Verbreitung von religions- und regierungsfeindlichen Schriften. Siehst du den Unterschied?"

"Ja", sagte ich bloß. Es war mir tatsächlich bis dahin nicht aufgefallen, daß Dostojewski in Wirklichkeit verurteilt worden war, weil er die Vorgänge bei Petraschewski nicht angezeigt hatte, wie es laut Gesetz seine Bürgerpflicht war. Damit war freilich die Frage, ob er eine Verbreitung unterstützt hatte, zweitrangig, wenn nicht ganz und gar irrelevant (und deshalb hat er bei seinen Aussagen wohl auch seine Ahnungslosigkeit so sehr herausgestellt, weil sie seiner Meinung nach verhindert hatte, daß er solche Pamphlete wie den Belinski Brief überhaupt als staatsfeindlich erkannt hätte; das wäre natürlich alles andere als ein naives Verhalten gewesen).

Ich sagte "Dann hätte Dostojewski sich ja selbst denunzieren müssen." "Wenn man einer strengen Auslegung folgt, ja", erwiderte der Major und fügte hinzu "das wäre natürlich absurd." "Außerdem hätten Sie der Aussage eines Denunzianten nicht viel Wert beigemessen", meinte ich mit Anspielung auf seine vorhin geäußerten Worte. Er überhörte dies jedoch und erklärte "Wenn er es anonym getan hätte, wäre er damit ja nicht automatisch aus dem Spiel gewesen, und hätte er seinen Namen genannt, dann hätte man gesehen, daß er weit mehr als nur ein stiller Zeuge ist."

Major K. schwieg und sah mich aufmerksam an, dann sagte er "Ah, jetzt verstehe ich endlich, worum es Ihnen in Wahrheit geht: Preguschin hat Sie auf die Brüder Dostojewski angesetzt." Ich antwortete nicht darauf, aber dadurch war es auch keine Verneinung. Preguschin hätte mich nicht zu ihm geschickt, wenn er gewollt hätte, daß der Major nichts davon erfährt.

"Die beiden engagieren sich zur Zeit im journalistischen Gewerbe, nicht wahr?", sagte er. "Ja, sie geben eine Zeitschrift heraus, die hier in Petersburg von vielen gelesen wird." "Petraschewski gibt in Irkutsk auch eine Zeitschrift heraus." "So? Das wusste ich nicht." "Sehen Sie, deshalb hat Sie Preguschin auch nicht nach Irkutsk geschickt", sagte er, als wäre es auf seine Veranlassung hin unterblieben.

"Haben Sie Fjodor Michailowitsch's Erlebnisbuch aus der Katorga gelesen?" "Nein, das kann ich mir schenken, ich weiß, wie es dort zugeht, ich war oft genug da. Der Bericht eines Sträflings ist immer subjektiv gefärbt, er gibt die Zustände nur einseitig wieder. Was den literarischen Wert dieser Schilderung angeht - selbst Graf Tolstoi soll sich ja lobend darüber geäußert haben - so liegt das außerhalb meines Urteilsvermögens.

Besteht denn irgendein Anfangsverdacht, daß die Brüder Dostojewski sich auch subversiv betätigen?" "Nein", sagte ich. "So so. Aber er liegt natürlich nahe, der Verdacht meine ich, daß die beiden da weitermachen, wo sie bei Fjodor Michailowitsch's Verhaftung aufhören mussten, das ist doch, was Sie auch denken, oder?" "Es hat sich viel verändert in der Zwischenzeit, die Verhältnisse haben sich weiterentwickelt." "Meinen Sie damit den Regierungswechsel?", fragte er etwas verwundert. "Unter anderem. Ohne darüber urteilen zu wollen, aber ich glaube, unter dem Zaren Nikolai wäre Dostojewski bis jetzt noch nicht zurückgekehrt." "Wahrscheinlich nicht. Aber wäre das so schlimm?" "Nein", antwortete ich ihm zuliebe.

Der Major sagte "Im übrigen: Was für ein seltsamer Zufall, daß dieser verfluchte Belinski Brief genau zu dem Zeitpunkt in der Poljarnaja Swesda erstmals veröffentlicht wurde, als Dostojewski aus dem 'Totenhaus', wie er es nennt, zurückkam." "Aber er hielt sich anschließend in Semipalatinsk auf." Major K. machte eine pfeilschnelle Handbewegung, als hätte ich damit ins Schwarze getroffen. "Richtig, Junge! Da war er in Semipalatinsk und nicht in der Redaktion der Wremja oder wie die Zeitschrift der Dostojewskis jetzt heißt.

Wenn es ihm aber gelingt, so etwas aus der vielbeschworenen Ferne zu organisieren, wieviel mehr könnte er dann hier in Petersburg unternehmen. Und deshalb ist es unbedingt erforderlich, diesen Brüdern auf die Finger zu schauen, das lass' dir gesagt sein, Junge, da hat Preguschin wieder mal den richtigen Riecher!" Irgendwie schien es mir jetzt, als wäre der Major ein bisschen neidisch auf meinen Chef.

Ich will an dieser Stelle nicht alles wiederholen, was wir beredet haben, ich werde gegebenenfalls darauf zurückkommen. Unser Gespräch erstreckte sich über den ganzen Nachmittag, und es war sehr aufschlussreich für mich, auch wenn ich den Major K. heute mit anderen Augen sehe und vieles von dem Gesagten im Nachhinein eine andere Bedeutung bekommen hat. Als der Kuckuck fünfmal rief, meinte der Major, er müsse heute unbedingt noch seinen Spaziergang absolvieren. Ich bedankte mich für seine Bereitwilligkeit, mir Auskunft zu erteilen und für seine Gastfreundschaft, ich bat ihn auch, meinen Dank an Jelena für das gute Essen auszurichten (sie war gerade außer Haus), und er nahm es gern entgegen.

Zum, ich weiß nicht, wievielten Male las ich den Belinski Brief, jenen Brief, den Belinski, der bis dahin ein glühender Verehrer Gogols war, an diesen schrieb, nachdem Gogol Teile seiner Korrespondenz mit Freunden, mehr noch nachdem er eine Neuausgabe der Toten Seelen, mit einem Vorwort versehen, veröffentlicht hatte, die Belinski so abscheulich fand, daß er sich veranlasst sah, diesen bitterbösen Brief an den Dichter zu schreiben.

Die Stellen, in denen er gegen den Staat und die Kirche wettert, sind wahrhaft drastisch formuliert. Er spricht von dem Fehlen jeglicher Garantien für die Unantastbarkeit der Person, der Ehre und des Eigentums in Russland. Es gebe nicht einmal eine Polizeiordnung (womit er sicherlich eine Rechtsordnung meint), sondern nur eine riesige Korporation von beamteten Dieben und Räubern. Es ist verständlich, daß die Beamten, auch in unserem Ministerium, dies als schwerwiegende Amtsbeleidigung auffassen mussten.

Ob Gogol, so fragt ihn Belinski, denn wirklich und wahrhaftig übersehe, daß, so wörtlich: unsere Geistlichkeit in der russischen Gesellschaft und im russischen Volk allgemein verachtet wird? Über wen erzählt sich das russische Volk zotige Geschichten? Über den Popen, die Popenfrau, die Popentochter, den Popenknecht. Ist der Pope in Russland nicht für jedermann der Inbegriff der Gefräßigkeit, des Geizes, der Unterwürfigkeit und der Schamlosigkeit? Und Sie tun so, als wüssten Sie das alles nicht!

Aber warum haben Sie Christus mit ins Spiel gezogen? Was haben Sie Gemeinsames zwischen ihm und irgendeiner, vor allem aber der orthodoxen Kirche entdeckt? Er brachte den Menschen als erster die Lehre von der Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und besiegelte und kräftigte mit seinem Martertod die Wahrheit seiner Lehre.

Sie war nur solange eine Heilslehre für die Menschen, bis sie sich zur Kirche organisierte und die Orthodoxie zu ihrem Grundprinzip erhob. Die Kirche aber trat als Hierarchie in Erscheinung, mithin als Vorkämpferin der Ungleichheit, als Liebediener der weltlichen Macht, als Gegner und Verfolger der Brüderlichkeit unter den Menschen - was sie auch bis auf den heutigen Tag geblieben ist.

Nur der jähe Tod infolge seiner Krankheit bewahrte Belinski fatalerweise vor einer Anklage und zwangsläufigen Verurteilung. Der damalige Chef der Sektion III, so erinnerten sich noch zu meiner Zeit manche dort, bedauerte es zutiefst, dieses "Schwein" nicht in den Kasematten der Festung bei lebendigem Leibe verrotten sehen zu können.

Als ich mir zum ersten Mal Fjodor Michailowitsch's Bücher zu Gemüte führte, von denen ich vorher keines auch nur zur Kenntnis genommen hatte, begann ich mit seinem Roman Arme Leute, und mein Urteil aus Unkenntnis wurde dadurch erst einmal bestärkt: ich fand ihn nicht nur langweilig, sondern auch teilweise unverständlich. Vorausgesetzt, es handelt sich tatsächlich um einen Roman (worüber ich mich dann aufklären lassen musste), so waren meine Vorstellungen von einem Roman davon weit entfernt.

Gut, es gibt eine Reihe Personen, von denen man zwei als Hauptpersonen differenzieren könnte, jenen Makar Alexejewitsch Dewuschkin und jene Warwara Alexejewna Dobrosselowa, welche anscheinend um einiges jünger ist als er, was aber sehr unbestimmt bleibt. Die ganze Geschichte besteht aus dem Briefwechsel zwischen beiden. (Für sogenannte Briefromane hatte ich noch nie etwas übrig, ich finde, man wird beim Lesen nie den Hintergedanken los, daß sie erfunden und gekünstelt sind und immer bloß verblümt und verbrämt die Ansichten des Autors vor dem Leser ausbreiten sollen; denn wer schreibt in Wirklichkeit Briefe, um sie danach in einem Buch zu veröffentlichen?)

Sie schreiben sich Briefe, obwohl beide, wenn ich das richtig verstanden habe, gerade mal durch einen Hinterhof voneinander entfernt wohnen (die Sache mit der Gardine); aber ich kann mich da auch irren, und der Professor Lewitan meinte, auch Goethe und Schiller hätten sich gegenseitig Briefe geschrieben, obwohl nur eine gute Viertelstunde Wegs zwischen ihren Domizilen lag.

Makar Alexejewitsch ist Schreiber in einem Büro, er hat dreißig Jahre Dienstzeit auf dem Buckel und immer noch nicht genügend Geld übrig, um sich ein neues Paar Stiefel zu kaufen. Er leidet unter seiner Dürftigkeit, er leidet vor allem darunter, bei seinen Kollegen als ein vertrottelter und erbärmlicher Mensch verlacht zu werden, ohne jede Chance auf Anerkennung, geschweige denn Wertschätzung. Aber natürlich hofft er unentwegt auf Besserung seiner Lage, Hoffnungen, die sich schließlich, auch weil er anfängt zu trinken, zu regelrechten Hirngespinsten auswachsen. Sein einziger Trost und Halt ist Warwara Alexejewna, um deren Wohl er, auch beinahe krankhaft, besorgt ist.

Warwara Alexejewna ist unverheiratet, unvermögend und stellungslos, dafür aber feinfühlig, lieb und wahrscheinlich auch schwindsüchtig. Makar borgt ihr von dem wenigen Geld, das er besitzt, und behält nur das allernötigste für sich. Er freut sich im tiefsten Herzen, wenn er ihr und Fedora (Warwaras Wirtin oder Tante) helfen kann. Warwara revanchiert sich dafür mit frischer und ausgebesserter Wäsche, lädt ihn zum Essen ein (das Fedora zubereitet), schickt ihm Lektüre, vor allem beglückt sie ihn aber mit ihrer Aufmerksamkeit, die einzige, die ihm zuteil wird.

Am Ende heiratet Warwara Alexejewna einen fremden Mann, während Makar Alexejewitsch offenbar der Trunksucht verfällt. Das ist die ganze Handlung. Der Titel Arme Leute bezieht sich anscheinend auf diese beiden Hauptpersonen. Ich hatte danach nicht das Gefühl, etwas Aufregendes oder Außergewöhnliches gelesen zu haben, und dieser Makar Alexejewitsch ist auch wenig geeignet, Sympathie zu erregen, oder wenigstens Mitgefühl. (Später musste ich erkennen, daß Fjodor Michailowitsch's Bücher voll von Gestalten sind, die alle diesem Makar Alexejewitsch Dewuschkin ähneln, als wäre er ihr Urbild. Man trifft ihn an irgendeiner Stelle in jedem seiner Romane wieder, mit einer Ausnahme, dem Totenhaus.)

Nicht nur die gewöhnlichen Personen und die dürftige Handlung missfielen mir, ich hatte auch den Eindruck, Fjodor Michailowitsch wusste selber nicht recht, wohin die Reise gehen soll, als er mit dem Schreiben begann. Nach den ersten fünf, sechs Briefen beginnt Warwara Alexejewna aus ihrer Vorgeschichte zu erzählen, insbesondere über die Bekanntschaft mit dem (verhinderten) Studenten Pokrowski und dessen Vater. Diese Erzählung lässt sich gut an, ich dachte 'Jetzt wird ein richtiger Roman daraus', aber nach zwei Kapiteln ist damit Schluss!

'Zum Teufel!', dachte ich bei mir selbst, 'Wozu hat er diese Geschichte angefangen, um sie dann gleich wieder fallenzulassen?' Ich war um so mehr enttäuscht, als der Student Pokrowski und sein Vater zwei Gestalten sind, die mich, im Unterschied zu den andern, wirklich berührt haben. Die Szene, wie der alte, herzensgute, aber hilflose Vater (als einziger) dem Leichenwagen mit dem toten Sohn hinterher rennt, weinend, die Jackentaschen voll mit dessen Büchern, die er unterwegs verliert, das ist wirklich ergreifend.

Solche Szenen heraufzubeschwören - auch das fand ich später immer wieder - gehört zu den bewundernswerten Stärken Fjodor Michailowitsch's. Aber sie wiegen kaum jene, manchmal anstrengenden, langatmigen Passagen auf, durch die man sich hindurchquälen muss, oder bessergesagt, durch die man hindurchgequält wird. Und sie entschädigen vor allem nicht für die äußerst befremdlichen Personen, die zuhauf vorkommen und mit denen man sich nur schwer abfinden und schon gar nicht anfreunden kann.

Beim ersten Mal las ich die Armen Leute mit der Erwartungshaltung eines Lesers, der ein Buch gekauft hat (es kostete bei einem Buchhändler am Scharotkin Boulevard zwei Rubel), um Erbauung und Vergnügen daraus zu gewinnen, wie man das von Literatur gewöhnt ist. Nein, das ist nicht ganz richtig, ich versuchte, mich "künstlich" in die Lage dieses Lesers zu versetzen.

In Wahrheit trieben mich Gründe dazu es zu lesen, die ganz verschieden waren von Kunstgenuss und Sentiment. Und ich würde daher auch ungerecht sein, wenn ich abstreiten wollte, daß ich von Anfang an in diesen Büchern etwas gesucht, nach etwas gefahndet habe, das auch nur annäherungsweise auf eine subversive Haltung des Autors hindeutet. Ich weiß nicht, ob ich je aus freien Stücken zu einem seiner Romane gegriffen hätte - ich bezweifle es. Ich kannte niemanden, der mir einen empfahl (und der literarische Funke, der das Lesen von Literatur zu einem tiefen Bedürfnis und Genuss werden lässt, sollte erst viel später auf mich überspringen). Es gab ja selbst in der öffentlichen Debatte - dies soll nicht etwa zu meiner Rechtfertigung dienen - eine äußerst widersprüchliche Resonanz auf die literarischen Aktivitäten der Dostojewski Brüder, von Begeisterung bis Ablehnung war da alles vertreten.

Vielleicht war das für Leute wie uns - damit meine ich im guten Sinne die Aufseher über das Gemeinwohl der Gesellschaft - auch ein Grund, sie nicht aus den Augen zu lassen, denn es gibt eine Art von Einfluss, von Beeinflussung auf die Menschen (zumindest auf die, welche mehr können als lesen und schreiben) die sich auf sehr untergründige Weise vollzieht und die - als würde sie selbst darauf bedacht sein - zunächst gar nicht viel Aufhebens von sich macht. Der Major K. hatte dafür einen Vergleich aus der Kriegskunst herangezogen: das ist jene Taktik, wo der Feind zunächst das Gelände gut vermint, um dann seinen Gegner mit einem scheinbar versöhnlichen Angebot darauf zu locken. Er glaubte in der Tat, Dostojewski würde sich aus dieser Taktik heraus so zahm geben, nachdem er sein "Totenhaus" überlebt hatte. "Denn seien wir doch mal ehrlich", sagte der Major, "welcher von denen, die aus dem Straflager entlassen werden, sinnt nicht auf Rache und Vergeltung?"

Doch zurück zu den Armen Leuten. Ich konnte nur schwer nachvollziehen, weshalb solche klugen Literaten wie Belinski (wie auch Nekrassow und Grigorowitsch, deren Urteil allgemein beachtet wurde) seinerzeit davon so begeistert waren. Noch heute gibt es Experten, die meinen, dieses Buch sei ein großer Erfolg für den Autor gewesen und habe seinen literarischen Rang begründet.

Es wäre natürlich schön gewesen, wenn man Belinski hätte fragen können, wie er zu dem Prozess gegen Dostojewski und die Petraschewzen steht, für den er ja mit seinem Brief zumindest mitverantwortlich war. Aber Belinski war schon einige Zeit nicht mehr am Leben. "So ist das manchmal mit den großen Geistern", sagte der Professor Lewitan, "sie gehen von uns und lassen einen Haufen Fragen zu ihrer Person und ihrem Werk zurück, und die Literaturwissenschaftler mit mehr oder weniger Talent versuchen, die fehlenden Antworten zu rekonstruieren. Aber wer von ihnen wird dem Genie wirklich gerecht?"

Ich sollte ergänzen, daß ich außer den Protokollen aus dem Petraschewski Prozess und der Vernehmungen Dostojewskis selbst, in der betreffenden Aktenmappe ein paar lose Blätter, zum Teil nur Zettel mit Notizen, fand, in denen die Beschreibung der Persönlichkeit Dostojewskis durch verschiedene Zeugen festgehalten worden war, die ihn höchstpersönlich gesehen und erlebt hatten. Wann und wo das genau geschehen war, konnte man nur in zwei oder drei Fällen erkennen, aber es gab meines Erachtens keinen Grund, an der Echtheit der Aussagen zu zweifeln.

Da war zum Beispiel die Schilderung eines gewissen A. W. Leontjew, die mir besonders im Gedächtnis geblieben ist, weil sie mich, als ich sie zum erstenmal las, ungeachtet des Strafprozesses und seiner literarischen Tätigkeit neugierig auf den Menschen und die Person Dostojewski machte und die allem Anschein nach eine frühe Andeutung der charakteristischen Auswirkungen seiner Krankheit (ich meine die Epilepsie) sein könnte. Leontjew sagt:

"Ich verspürte in seiner Nähe manchmal so etwas wie eine, ich muss es so nennen: heilige Ehrfurcht, eine Kraft, einen Bann, der von ihm ausging und der einen trifft, sobald man in seine unmittelbare Umgebung eintritt. Es ist wie eine Strahlung, die durch einen selbst hindurchgeht, wie ein magnetisches Feld, in dem (wie die aufgeladenen Teilchen) die eigenen Gedanken in eine bestimmte Ordnung, auf eine bestimmte Bahn gebracht werden, und dann, solange man in Reichweite bleibt, einen Stromkreis durchfließen, der im eigenen Leib, in der eigenen Seele zirkuliert, der jedoch im gewöhnlichen Fall, wenn man für sich allein ist, niemals in Gang gesetzt wird und sich daher auch nicht bemerkbar macht.

Nur wenn man in die leibliche Sphäre, in das Spannungsfeld dieses Menschen gerät, spürt man eine Erregung, als wollte man auf einmal verborgene, im Zaum gehaltene Kräfte im eigenen Innern freisetzen, ohne daß man im Augenblick wüsste, auf was sie gerichtet sein sollen, und zugleich spürt man eine große Befreiung und ein Vorgefühl von Glücklichsein.

Ich kann nicht sagen, ob diese ganz merkwürdige, ja mysteriöse Wirkung etwas mit religiöser Empfindung oder Empfindlichkeit zu tun hat, aber ich kann mir gut vorstellen, daß das Charisma, welches man Propheten oder Wundertätigen zuschreibt und durch das die Mitmenschen ganz neue, positive und hoffnungsvolle Eigenschaften an sich selbst entdecken (sie zumindest für möglich halten), daß dieses Charisma einen ähnlichen Effekt hat, wie ich ihn im Bannkreis Fjodor Michailowitsch's erlebt habe."

Soweit der Augenzeuge A.W.Leontjew. Übrigens waren unter diesen verstreuten Aussagen auch welche, die einen völlig anderen Eindruck schilderten. Sie nannten Dostojewski einen blassen, unscheinbaren, kleinen Menschen (mir fiel auf, daß keiner das Wort "Mann" verwendete), der einen "unsteten", "seltsamen", ja "abstoßenden" Blick hatte und in Gesellschaft - wenn man ihn überhaupt wahrnahm - von anderen gemieden oder nach einem kurzen, bemühten Gespräch sich selbst überlassen wurde. Jemand fühlte sich von ihm "auf eine unangenehme Weise beobachtet", ein anderer fand ihn "schmierig", und eine Frau bezeichnete ihn einmal als "abnormes Subjekt".

Nochmals zurück zu den Armen Leuten, denn ich musste einsehen (und das bedeutete für mich einen Gewinn!), daß sie mehr Aufmerksamkeit verdienen, als ich ihnen auf den ersten Blick entgegenzubringen vermochte. Ich habe weiter oben bereits jemanden erwähnt, ohne ihn näher vorzustellen, was ich jetzt nachholen möchte. Von meinem Studium an der Universität kannte ich einen Philologen und Kenner nicht nur der russischen, sondern der europäischen Literatur, den Professor Lewitan, der zwar nicht zu meinen Dozenten zählte, dessen hervorragende Gelehrsamkeit aber an der Universität allgemein bekannt war.

Vielleicht ist es möglich, so dachte ich, daß mir Professor Lewitan sozusagen eine Privatkonsultation (wenn nötig gegen Bezahlung) gewährt, durch die ich mehr Einsicht in die literarischen Eigentümlichkeiten von Dostojewskis Schriften erhalte. (Ja, so weit war ich unversehens Fjodor Michailowitsch schon verfallen, daß ich Geld dafür bezahlt hätte, um ihn besser zu verstehen.)

Professor Lewitan empfing mich sehr freundlich in seinem Arbeitszimmer, dessen Wände mit Bücherregalen bis an die Decke vollgestellt waren. Die Wohnung lag in einem Hinterhaus an der Moskowskaja, beinahe ein bisschen abgeschieden, wie es einem Gelehrten wohl gefiel. Er hörte sich mein Anliegen an. Nein, Geld wolle er keins, aber wenn ich mich erkenntlich zeigen möchte, dann sollte ich dem Waisenhaus Nummer 5 ein paar Straßen weiter eine Spende zukommen lassen. Ich sagte es ihm zu.

Arme Leute sei tatsächlich ein typisches Frühwerk, sagte der Professor, ohne sich lange darauf besinnen zu müssen; mit vielen Unvollkommenheiten und sehr melodramatisch, aber auch mit den Kostproben von echtem Können, was allen Erstlingen von Meistern eigen wäre. (Zu einem solchen zählte er Dostojewski wohl inzwischen.)

"Literatur ist Kunst, und kaum ein Künstler fängt mit dem großen Wurf an, irgendetwas muss ja vorausgehen; jeder Anfang ist dürftig. Gemeinhin ist es so, daß sich ein Schriftsteller zu Beginn seiner Laufbahn an Vorbildern orientiert, sich daran schult, indem er versucht, es ihnen gleichzutun. Manche imitieren ihre Vorbilder recht und schlecht, die meisten schaffen nicht einmal das und geben bald auf.

Bei einigen wenigen kommt, ohne daß es ihre Absicht war, etwas heraus, das von ihrem ursprünglichen Plan deutlich abweicht, und auch von dem, was vielleicht als Vorbild gedient hatte. Arme Leute unterscheidet sich von der anderen Literatur. Ich sage nicht, daß es besser wäre als ein Leskow oder ein Turgenjew, nur anders. Der Masse missfällt diese Abweichung, sie will das Immergleiche, die Gewohnheit, das Vorgekaute, auch in der Kunst." (Ich gehörte demnach wohl zu der Masse, denn ich war nach der ersten Lektüre höchst unzufrieden gewesen, aber nun fing ich an, mich davon abzuheben!)

"Einige Kenner mit Urteilsvermögen", sagte der Professor weiter, "finden einen solchen Unterschied erfrischend, belebend, und auch wichtig für die ganze Literatur. Dazu gehörte auch Belinski, der den Roman hochgelobt hat. Solche Leute erkennen sofort, welches Potential drinsteckt.

Allerdings ist Belinskis Urteil nicht ganz frei von Eigendünkel. Er neigte in den Jahren vor seinem Tod zur Verbitterung, und wenn er etwas gelobt hat, dann war das eigentlich gleichbedeutend mit dem Ruf: Seht her! Hier schreibt einer über das, wofür schon immer mein Herz geschlagen, meine Seele gelitten hat! Er sagt es natürlich nicht so offen wie ich jetzt, aber man kann es heraushören."

Er machte eine Pause, als wollte er seine Worte befolgen, und als er fortsetzte, dachte ich, er würde einen nächsten Punkt ansprechen, doch er blieb noch bei Belinski hängen. "Wissarion Grigorjewitsch Belinski ist, was seine literarische Qualität anbetrifft, seinem europäischen Zeitgenossen Heinrich Heine durchaus ebenbürtig. Seine Aufsätze zu Puschkin beispielsweise haben die gleiche Brillanz, den gleichen Witz, die gleiche Schärfe wie bei dem großen Deutschen. Haben Sie etwas von ihm gelesen?" "Ich kam bisher noch nicht dazu", sagte ich (ganz egal, ob er Heine oder Belinski meinte).

"Nun ja, es dauert manchmal seine Zeit, bis man auf etwas stößt, das eigentlich schon lange da ist; und man kann ja einem Schulkind die Schätze der Weltliteratur nicht alle auf ein Mal präsentieren, nicht wahr? Überhaupt sind diese Schätze wahrscheinlich, wie im Märchen, in einer Höhle versteckt, und man müsste, um Zugang zu ihnen zu bekommen, den Kindern zuerst das Zauberwort, das 'Sesam öffne dich' beibringen, das in diesem Fall leider nicht bloß aus einer kurzen Formel besteht."

Er sah mich durch seine Brille prüfend an. "Spreche ich in Rätseln?" "Ich versuche, Ihren Gedanken zu folgen, Herr Professor." Ich nutzte die Unterbrechung und fragte "Hat Belinski sich womöglich auf Dostojewski gestürzt, weil er Gogol, verzeihen Sie den trivialen Ausdruck, damit eins auswischen wollte?" "Ach, Sie spielen auf diesen unseligen Brief an?" "Ja."

"Meiner Ansicht nach wird er völlig überbewertet, ein paar im Ärger hingeworfene Zeilen, ein paar Boshaftigkeiten, im Grunde ist dieser Brief nicht nur läppisch, sondern belanglos!" "Immerhin ist Dostojewski im Zusammenhang damit zum Tode verurteilt worden." "Das ist wohl wahr. In Wirklichkeit hat sich nicht nur Belinski auf Gogol gestürzt, sondern die Masse sich auf Belinski; ein paar Bissen, die er ihr zum Fraß vorgeworfen und auf die sie sich in ihrer blinden Wut gestürzt hat, das ist dieser Brief." (Der Professor fühlte sich der Masse anscheinend nicht sonderlich verbunden.)

"Was wirft er Gogol denn vor? Ein bisschen Sympathie mit den Popen? Es ist nicht einmal Sympathie, allenfalls Nachsicht, wie sie eben im Humor steckt. Er ergreife Partei für die Leibeigenschaft? Unsinn. Gogol ist Schriftsteller, und ein Schriftsteller, ein echter, ergreift niemals Partei für ein System, ob es philosophischer oder politischer Natur sei, er befasst sich allein mit dem Menschen, und wie sagte ein anderer echter Schriftsteller so treffend: Der Mensch ist gut und böse!

Und wenn wir schon dabei sind: viel eher hätte er Gogol den Taras Bulba vor die Füße werfen können. Was für ein Leben führen diese Kosaken da! Arbeiten nicht, zahlen keine Steuern, schicken ihre Kinder in keine Schulen, liegen nur auf der faulen Haut und betrinken sich. Und wenn sie nichts mehr haben zum Leben, steigen sie auf ihre Pferde und überfallen irgendein fremdes Dorf, töten seine Bewohner, plündern es und brennen es nieder bis auf den Grund. Schöne Gesellschaft!

Und das ist Russland! Das sind seine Bewohner, die sich Christen nennen! Jeder zweite Satz in diesem Werk strotzt vor Feindseligkeit gegen die anderen und vor Hass auf die Muselmanen, auf die Tataren und vor allem auf die Juden. Würden die Kosaken Russland regieren, dann fänden Tag und Nacht Pogrome statt, dann würde dauernd irgendwo gebrandschatzt, ermordet, geschändet. Warum hat sich Belinski denn nicht darüber aufgeregt, daß Gogol dies alles mit solcher ... mit solcher Wahrhaftigkeit schildert!"

Ich las daraufhin Gogols Erzählung, und ich fand sie gut und stellenweise sogar spannend. Sicher, es ist nicht gerade ein Stück Erbauungsliteratur der Herrnhuter Brüdergemeinde (ich sage das, weil ich als Knabe in Petersburg ein Jahr lang in deren Schule gegangen bin). Aber es ist ganz bestimmt ein Stück russische Heimat, das darin lebendig und leibhaftig wird, und auch wenn sich höchstwahrscheinlich nur wenige darauf berufen würden als auf ihre eigene Vergangenheit und Herkunft, so würde es andererseits wahrscheinlich keinem einfallen, diese Vergangenheit, wie sie hier verewigt wird, zu verdammen. Wie sich ja bei uns in Russland üblicherweise sowieso niemand an der eigenen Geschichte und ihren Helden vergreift. Und auch nicht an ihren Tyrannen - wenn sie erst einmal tot sind.

Ich meinte im Nachhinein auch Professor Lewitans Aufregung besser nachvollziehen zu können, als er die Scheußlichkeiten aufzählte, die darin vorkommen. Er tat es nicht, weil er sich darüber empörte, sondern um mir begreiflich zu machen, daß ein Dichter die Geschichte (Lewitan gebrauchte hier das Wort Historie) kraft seiner Kunstfertigkeit beschreiben darf allein wie er es für richtig hält, wenn es sein muss, bis ins kleinste und furchtbarste Detail, und man ihn dennoch nicht dafür verantwortlich machen kann, was in der Welt geschieht.

Von ihm lernte ich auch etwas über die doppelte Bedeutung des Begriffs Motiv, wenngleich ich es auch jetzt nicht immer auseinanderhalten kann. Er sagte, wie der alte Taras Bulba seinen Sohn tötet, das ginge auf das alte literarische Motiv des Zweikampfs zwischen Vater und Sohn zurück, wie man es schon in einem uralten deutschen Heldengedicht (ich habe mir den Titel nicht gemerkt) findet.

Vater und Sohn, beide Ritter, treffen als Feinde im Kampf aufeinander und erkennen einander nicht, und der Sohn tötet den Vater. "Eine schreckliche Tragödie", sagte Professor Lewitan, "von der die Menschen (er benutzte diesmal nicht das Wort Masse) so beeindruckt waren, daß sie immer wieder und weiter erzählt wurde." Im Taras Bulba, so der Professor, würde dieses Motiv aufgegriffen, aber gewissermaßen umgekehrt und variiert, denn hier tötet der Vater den Sohn, und zwar in voller Absicht, ja gerade, weil es sein Sohn ist.

"Und nun", versuchte mir Lewitan den Zusammenhang, mit beiden Händen in der Luft unsichtbare Stellen abgrenzend, zu verdeutlichen, "müssen wir unterscheiden zwischen dem literarischen Motiv des Vater-Sohn-Zweikampfs und dem Motiv als Beweggrund des Vaters, seinen Sohn zu töten. Das eine hat eine künstlerische Bedeutung, sie betrifft den literarischen Text, das andere hat eine ethische Bedeutung, sie betrifft den Menschen, verstehen Sie das?" "Beinahe." "Sie können hernehmen, was Sie wollen, ich rede natürlich nur von echter Literatur, immer finden Sie ein literarisches Motiv und daneben oder darüber oder da hinein verwoben die Motive der handelnden Personen. Von diesem Zusammenhang lebt ein literarisches Werk."

Ich möchte an dieser Stelle auf etwas vorgreifen, weil es hierher passt. In Dresden war ich dabei, als auch Fjodor Michailowitsch einmal über die Motive sprach, die man den Figuren in einem Roman ihrem Handeln unterlegt. Ich glaube, das Gespräch drehte sich anfangs um Balzac und seinen Vater Goriot, den Anna Grigorjewna gerade mit großem Vergnügen las, ja "verschlang", wie sie sich ausdrückte. Fjodor Michailowitsch kannte ihn in- und auswendig, und die beiden (das hatte ich gelegentlich bemerkt) tauschten des öfteren ihre Ansichten darüber aus.

Anna Grigorjewna nahm ihre Lektüre auch mit, wenn die beiden im Großen Herzoglichen Garten spazierengingen und dort auf einer Bank oder in der Gastwirtschaft im Freien unter den Lindenbäumen ein, zwei Stunden verweilten. Sie gaben ein stimmungsvolles Bild ab. Fjodor Michailowitsch, ein Bein übers andere geschlagen (manchmal wippte es leicht), einen Arm über der Stuhllehne, beobachtete die Leute oder schaute wie abwesend vor sich hin. (Anna Grigorjewna meinte einmal zu mir, er würde unablässig über etwas nachgrübeln, selbst "wenn er so dumm guckt".)

Sie selbst saß meist aufgerichtet, mit vorgehaltenem Buch, fast wie manche junge Frauen mit dem Gesangbuch in der Kirche, sie las sehr konzentriert und zügig und blätterte blitzschnell um, und dann, nach zehn, fünfzehn Seiten klappte sie es zu, ließ aber den Daumen dazwischen, und schaute ihren Gemahl an, schickte ihm ein Lächeln hinüber oder fragte ihn "Hast du noch einen Wunsch, Liebster?" Und er sagte gewöhnlich "Nein, danke, Anetschka, ich habe ja noch", und wies auf seine Kaffeetasse oder das halbgeleerte Glas Bier.

Wenn jemand hinzukam, widmeten sich die beiden ganz ihrem Gast, und nach einer Weile hatte man bei ihnen stets das Gefühl, gern gesehen und willkommen zu sein, und Anna Grigorjewna, die sich übrigens auch an flüchtige Begegnungen stets erinnern konnte, erkundigte sich nach diesem und jenem und plauderte mit den anderen, und mir schien, daß Fjodor Michailowitsch froh darüber war, daß sie ihm das "Geplänkel" wie er es nannte, abnahm.

Denn mitunter hatten die anderen anfangs eine gewisse Scheu, sich Fjodor Michailowitsch zu nähern oder ihn unvermittelt anzusprechen, vor allem, wenn er so in Gedanken versunken war. Wohingegen Anna Grigorjewna mit ihrem fröhlichen, offenen Wesen sie geradezu anlockte, selbst Fremde. Sie war Anfang zwanzig, nicht von einer überwältigenden, aber von einer besonderen, ausgesuchten Schönheit, und sie zeigte, als Pendant zu der Beflissenheit, mit der sie las und schrieb ohne sich ablenken zu lassen, in anderen Augenblicken ein beinahe überschwängliches Interesse, wenn es darum ging, etwas Neues, Unbekanntes, Aufregendes zu erfahren. Das weckte unwillkürlich die Aufmerksamkeit ihrer Gesprächspartner.

Und wenn sie jemanden zum Spaß ein bisschen auf die Schippe nehmen oder ihm auf lockere Weise widersprechen wollte, dann änderte sich auch der Ton, in dem sie redete, es mischte sich etwas Geschwätziges, Spöttisches, leicht Provozierendes hinein, ungefähr wie es junge Italienerinnen an sich haben, die für ihre Herrschaften auf dem Markt einkaufen und dabei um alles und jedes mit den Händlern feilschen. Sie tun dies zum Vergnügen und machen sich damit keineswegs unbeliebt, sondern erscheinen nur um so reizender; ein gut Teil davon möchte man freilich auch ihrer weiblichen Überredungskunst zuschreiben.

Als Fjodor Michailowitsch über die Motive seiner Romanfiguren philosophierte, sagte er etwas, das mich zunächst verblüffte. "Man kann für jedes Verhalten, für alles, was Menschen tun oder auch unterlassen, ein Motiv finden, und das erstaunliche daran ist, daß es für dieselbe Handlung ganz verschiedene, ja sogar gegensätzliche Motive gibt, die man für sie angeben kann und von denen jedes an und für sich glaubwürdig wäre."

Ich wandte ein: "Aber haben denn beispielsweise Eigenschaften wie Hochmut oder Barmherzigkeit nicht gerade ihre ganz eigene, spezifische Bestimmung und Bedeutung, durch die sie sich voneinander unterscheiden? Was sind denn Tugenden, Laster oder die sogenannten Todsünden anderes als genau definierte Verhaltensweisen?"

"Völlig richtig", nickte Fjodor Michailowitsch, "das gilt für einen Katechismus, anhand dessen Kinder erzogen und Erwachsene ermahnt werden. Tugenden und Sünden werden da anhand von Beispielen vergleichsweise einfach definiert, damit man ein Schema in die Hand bekommt, nach dem man sein eigenes Handeln beurteilen kann. Das ist schon nicht immer ganz einfach. Was ist aber mit solchen Dingen wie Meineid oder Betrug? Dafür sind dicke Gesetzbücher geschrieben worden, die jedesmal herangezogen werden, wenn es erforderlich ist, ein Vergehen der Sache nach zu spezifizieren und gegebenenfalls ein Strafmaß zu bemessen, also eine Handlung oder Tat hinsichtlich ihrer, sagen wir: Frevelhaftigkeit einzuschätzen, wobei die Frevelhaftigkeit wiederum eine Größe ist, die sich aus dem Grad der Abweichung vom Normalverhalten eines Mitglieds der Gesellschaft ergibt. Es werden Kategorien festgelegt, die ein Höchstmaß an dem haben, was die Engländer 'common sense' nennen und worauf sich eine Gemeinschaft verständigen muss, wenn sie zusammengehalten werden soll." Er unterbrach sich und schaute zur Seite, als wäre dort im Gewimmel der Spaziergänger jemand erschienen, den er kannte, doch dann fuhr er zu mir gewandt fort:

"Wir dürfen jedoch, was die Literatur betrifft, nicht die Kategorie mit dem Handeln in Eins legen. Die Kategorie ist etwas Begriffliches, eine mehr oder weniger erschöpfende Beschreibung oder Bestimmung, wie Sie es nennen, Nikolai Alexandrowitsch, sie taugt wirklich nur dazu, eine etwaige, übrigens rein sachliche oder bessergesagt logische, Übereinstimmung mit einem tatsächlichen Geschehen festzustellen.

Die Handlung eines Menschen dagegen ist etwas, das sich im Grunde jeder verstandesmäßigen Bestimmung entzieht, unter anderem deshalb, weil man sie nicht eingrenzen kann, weil sie keinen genau bestimmbaren Anfang und kein Ende hat. Wenn wir von Folgen oder Konsequenzen einer Handlung sprechen, ergibt sich die Frage, wo beginnen diese Konsequenzen? Welcher Moment der Handlung ist noch die Handlung selbst, und welcher ist schon eine Folge und gehört strenggenommen nicht mehr dazu?

Und ebenso wenn wir vom Beweggrund, also dem Motiv der Handlung sprechen, das doch, wie man gemeinhin annimmt, der Handlung vorausgeht Wann ist dieses Motiv so weit gediehen, daß sich daraus zwangläufig die Handlung ergibt? Wann ist etwas noch Gedanke oder Affekt, und wann ist es bereits Handeln und Geschehen? Wir können immer nur einen Teil dieses komplexen Gebildes herausgreifen, es beim Namen nennen und etwas genauer als nur vage beschreiben. Die Frage ist dabei nicht: Ist es ganz sicher das richtige Motiv? Vielmehr: Ist es wahrscheinlich und bedeutsam genug, um als wahrer Grund und Antrieb angesehen werden zu können?

Diesen Teil setzen wir dann für das Ganze, obwohl der weitaus größere Teil im Dunkel bleibt, im Dunkel der menschlichen Seele, wo er sich unserm Zugriff entzieht, weil wir ja nicht unaufhörlich in ihr herumwühlen dürfen, und weil man auch nicht endlos weiterschreiben und alles bereits Geschriebene wieder um- und umschreiben kann, selbst wenn man sich als Schriftsteller oft dazu gedrängt fühlt."

Fjodor Michailowitsch trank einen Schluck aus seiner Kaffeetasse. Anna Grigorjewna hatte sich, entgegen ihrer Art, sich an unseren Gesprächen zu beteiligen, von ihrem Buch nicht losreißen können, aber als Fjodor Michailowitsch weitersprach, meldete sie sich zu Wort, als hätte sie aufmerksam zugehört. Er sagte "Nehmen wir zum Beispiel einen Mord."

"Oh Fedja", rief Anna Grigorjewna und klappte das Buch zu, "immer wenn du von menschlichen Verhaltensweisen sprichst, geht es gleich um Mord! Ich kriege schon richtig Angst vor dir!" "Aber Anetschka, mein Täubchen, ich könnte keiner Fliege etwas antun, das weißt du doch. Es geht hier um eine rein literarische Frage." "Ja, ja, ich weiß das. Trotzdem, ich möchte nicht, daß du dich zu oft mit solchen Gedanken quälst." "Na schön", sagte er, "dann nehmen wir ... zum Kuckuck ... jetzt fällt mir doch auf Anhieb nichts anderes ein."

"Von mir aus nimm' Mord als Beispiel, wenn es partout sein muss, aber steigere dich nicht zu sehr hinein. Nikolai Alexandrowitsch, unterbrechen Sie ihn, wenn er sich zu sehr hineinsteigert, er ist nämlich manchmal nicht zu halten und schließlich - sie machte eine kreisende Handbewegung über ihrem Hut - geht es in seinem Kopf zu wie in einem Hexenkessel, und dann tut er mir so schrecklich leid, mein armer Fedja." Sie hatte sich dabei zu mir gewandt, aber die letzten Worte mit einem unendlich liebevollen Blick an ihn gerichtet.

"Wir werden nur kurz und bündig konstatieren, welche Motive für einen Mord in Frage kommen", versprach er. "Na gut", sagte Anna Grigorjewna und schlug wieder ihr Buch da auf, wo ihr Daumen steckte, "aber danach reden wir über etwas anderes", fügte sie kategorisch hinzu.

Fjodor Michailowitsch lehnte sich zurück und schloss kurz die Augen, dann zählte er an den Fingern ab: "Also, es gibt den Mord aus Rache, den Brudermord, den wegen verletztem Stolz, aus Leidenschaft, aus Trieb, aus kalter Lust oder Berechnung, aus Fanatismus, als Ritual, als Prüfung, auf Befehl, aus Überzeugung ... fällt Ihnen noch etwas ein?" Ich überlegte. Anna sagte ohne aufzublicken "Selbstmord."

Fjodor Michailowitsch ließ sich jäh nach vorn fallen, schlug beide Hände ans Gesicht und rief erschrocken "Um Gottes Willen, Anetschka, meine Angebete! Du trägst dich doch nicht etwa mit solchen Gedanken!" Anna Grigorjewna (und ich ebenso) zuckte zusammen angesichts seiner Bestürzung, für einige Sekunden starrten wir drei uns wie versteinert an, da brach Fjodor Michailowitsch plötzlich in schallendes Lachen aus, er warf den Kopf zurück und klopfte sich auf die Beine; wir beide waren wie erlöst, und Anna Grigorjewna sagte so zornig wie sie konnte (obwohl sie selber ein Lachen unterdrücken musste) "Fedja! Du unmöglicher Mensch! Ich folge treuherzig deinen Gedanken und du stellst mir eine Falle, du ... du ..." "Na? Was bin ich?" fragte er und wischte sich die Lachtränen weg. "Ein Scheusal? Ein Diabolus? Ein Frauen Erschrecker?" "Alles drei! Und wenn du nochmal so was tust, werde ich mir eine Strafe für dich ausdenken."

"Nikolai Alexandrowitsch", wandte er sich an mich, "versöhnen Sie uns wieder miteinander! Hier, Anetschka, gib mir deine Hand und Nikolai Alexandrowitsch erteilt uns den Segen." Anna Grigorjewna zögerte keine Sekunde, ich sagte "Aber ich bin doch kein ..." "Nun machen Sie schon", zischte Fjodor Michailowitsch, "mein Wohlergehen hängt von Ihnen ab." Ich legte meine Hand auf ihrer beide und murmelte etwas. "Was haben Sie gesagt?", fragte Anna. "Er hat gesagt: Möge Euer Bund halten bis ans Ende Eurer Tage." "Es war viel weniger." "Fjodor Michailowitsch hat recht, ich habe eine Kurzformel gebraucht."

Das sollte freilich alles nur ein Scherz sein, allerdings habe ich derart seltsamen Humor bei Fjodor Michailowitsch des öfteren erlebt, und ich glaube, er hat Anna Grigorjewna manchmal auf den Arm genommen, wie man so sagt, weil er befürchtete, er würde sie tatsächlich durch seine todernsten Grübeleien, seine dumpfe Seelenschau und seine mitunter an einen seltsamen Narzissmus grenzende Egomanie dazu treiben, daß sie seiner überdrüssig wird, sich von ihm abkehrt, und er sie (auch nur in irgendeiner Hinsicht) verlieren könnte. Um dies zu verhindern, griff er zu Albernheiten und manchmal recht derben Späßen, was eigentlich überhaupt nicht zu ihm passte, denn er war nicht nur ein mäßiger Schauspieler, sondern verschätzte sich auch, was die Wirkung seines Humors auf andere betraf, die damit oft nicht allzu viel anzufangen wussten.

Übrigens konnte er sich doch nicht beherrschen und musste nochmal darauf zurückkommen, als er sagte "Wir beurteilen dieses ... Delikt stets von einer höheren Warte aus, die wir kraft unserer kulturellen Bildung und Erziehung besetzt haben. Wenn wir von Mord sprechen, dann sprechen wir in Wahrheit über den Mörder und darüber, daß er mit seiner Tat gegen die Normen und Gebote unserer Gesellschaft verstößt. 'Du sollst nicht töten!', heißt es, und: 'Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.'"

Anna Grigorjewna sagte "Ja und, was ist daran auszusetzen!" "Daran ist nichts auszusetzen, mein Täubchen. Doch man sollte berücksichtigen, daß es eine Menge ... nun ja, zumindest einige seltenere Arten dieses sogenannten Verbrechens gibt, die sich nicht so einfach in das gewohnte Schema pressen lassen. Was ist denn mit dem Scharfrichter, der massenhaft Menschen tötet, ohne dafür des Mordes beschuldigt zu werden? Wieso wird ausgerechnet bei ihm das Gebot außer Kraft gesetzt?

Oder anderes Beispiel: Die römischen Feldherren und ebenso die römischen Senatoren und Konsuln haben, wenn sie gezwungen waren, sich für ihr Fehlverhalten zu verantworten, das heißt, mit ihrem Leben dafür zu bezahlen, sich nicht immer die Pulsadern aufgeschnitten, wie das sicherlich bei den meisten gang und gäbe war; manche haben ihrem leibeigenen Sklaven befohlen, ihnen das Schwert in den Leib zu stoßen, und dieser hat gehorcht und dem Wunsch seines Herrn bedingungslos Folge geleistet. War das Mord? Die Absicht des Sklaven war es, seinen Herrn zu töten, wenngleich nicht in meuchlerischer Weise. Im Gegenteil, sie taten es aus Treue und Liebe zu ihrem Herrn - aus Nächstenliebe! Ein Mord aus Liebe, selbst unter Männern, ist dies nicht ein großer Widerspruch zu den Geboten unseres Zusammenlebens?"

Anna Grigorjewna und ich schwiegen und ließen seine Worte auf uns wirken, dann sagte sie "Ich würde es ein Rätsel nennen, ein Verhalten, das die Rätselhaftigkeit des Menschen offenbart - und zugleich vertieft. Niemand von uns kann sich, meines Erachtens, in die Lage eines solchen Menschen versetzen." "Wen meinst du? Den Herrn oder den Sklaven?" "Beide. Das ist wie ... ich weiß nicht ... natürlich gibt es diese Gebote und Gesetze, an die sich jeder zu halten hat, solange er in einer Gemeinschaft mit anderen lebt und handelt. Aber selbst da gibt es doch ... sozusagen unbestimmte Situationen, gewissermaßen weiße Flecken auf dem Plan, wo alle Erklärungsversuche fehlschlagen und wo wir erkennen müssen, daß alle Gebote nur Gültigkeit haben, solange sie zweckdienlich sind, aber niemals der wahren Gerechtigkeit oder auch der Gnade Gottes so entsprechen, wie wir uns das wünschen."

Anna Grigorjewna hatte ihre Worte mit der Hand gestikulierend begleitet und dabei das Buch, in dem sie gelesen hatte, zugeklappt. Jetzt schlug sie es wieder auf und sagte ein bisschen künstlich ergrimmt: "Nun muss ich wegen euch die Stelle suchen, wo ich unterbrochen wurde!"

Doch zurück zu Professor Lewitan. Wahrscheinlich wäre ich noch ein paar Mal mehr hingegangen, ich hörte ihm gern zu, und selbst seine spontanen Exkurse - etwa über die Persönlichkeit des Odysseus, den er einen unsympathischen und gewissenlosen, aber ebenso einfallsreichen und durchtriebenen Burschen nannte, oder über die Frage, warum König Lear eigentlich am Anfang seine Tochter Cordelia verstößt, wo sie doch die einzige ist, die ihm ihre ganze Liebe und Treue schwört, und ob das vielleicht doch nur eine dramaturgische Verrenkung sei - sie hatten immer etwas Originelles und Tiefsinniges.

Aber Nikita Jefremowitsch Preguschin, mein Führungsoffizier, gab mir zu verstehen, daß ich über der Beschäftigung mit "diesem unausgegorenen Zeug" nicht meine eigentliche Arbeit vernachlässigen sollte. Zwar gab es keine Veranlassung, sie zu beanstanden (ich selber war sehr darauf bedacht, allen meinen Pflichten nachzukommen), aber er muss gesehen haben (oder ich konnte es nur halb verbergen), daß ich anfing, mir über all die Sachen, die in der Sektion VIII auf meinem Schreibtisch landeten, mehr Gedanken machte, als nötig war, um die Vorgänge ordnungsgemäß und zügig zu bearbeiten.

"Ich hatte Sie zu Major K. geschickt", sagte er, "damit Sie besser sondieren können, was von den alten Unterlagen für uns überhaupt noch von Belang wäre. Jetzt erfahre ich, daß Sie zu diesem Professor laufen, um ... ich weiß nicht ... um das Werk des Ingenieur-Leutnants Dostojewski, eines ehemaligen Sträflings und immer noch in gewisser Hinsicht asozialen Subjekts zu studieren. Wozu, Nikolai Alexandrowitsch, frage ich Sie, ist das nötig?" Ich konnte nicht sofort antworten, dann bemühte ich mich zu erklären "Ich glaube, ihn und seinen Bruder dadurch besser einschätzen zu können und vielleicht ihre ferneren Absichten zu erraten."

Er entgegnete "Ich will Ihnen etwas sagen: Wer uns hier unter die Finger kommt, der hat sich in irgendeiner Weise verdächtig gemacht, ich sage nicht: strafbar, weil es unsere Aufgabe ist, das erst herauszufinden, aber jedenfalls verdächtig. Und es ist völlig egal, ob derjenige ein Kartoffelbauer, ein Schriftsteller, ein Arzt oder ein Kesselflicker oder sonst was ist, hier, vor dem Gesetz des Kaisers und des Russischen Staats sind zuallererst alle gleich. Es hat uns nicht zu interessieren, was sie tun, solange sie damit keinem andern schaden. Für uns sind diese Leute nur relevant, insoweit sie gegen unsere Gesetze verstoßen haben.

Was Sie von diesem Dostojewski lesen, Nikolai Alexandrowitsch, ist vorher durch die Prüfung unserer Zensur gegangen, was für Erkenntnisse für unsere Arbeit wollen Sie also daraus ziehen? Da müssten Sie schon zu denen nach Hause gehen oder in die Redaktion ihrer Zeitschrift, um etwas herauszufinden, das noch keiner weiß."

Ich dachte schon, dies wäre eine Andeutung auf meinen nächsten Auftrag, aber ich war wohl noch zu unerfahren, als daß man mich direkt auf Intellektuelle dieses Formats angesetzt hätte, dafür war die Sorge zu groß, daß etwas schiefgehen oder ich mich aus Unerfahrenheit von ihren Täuschungsmanövern verwirren lassen könnte. Stattdessen wurde ich für eine Weile im Außenministerium einem gewissen Stepan Iwanowitsch Werenzew zugewiesen, es hieß: zur Vorbereitung auf meine künftige Tätigkeit, mehr erfuhr ich vorläufig nicht.

Werenzew hielt mir einen langen Vortrag über die aktuelle Situation an der deutsch-dänischen Grenze und die Lage in den Elbherzogtümern Schleswig und Holstein. Es ging dabei, zumindest vordergründig um die Frage, wer als regierender Herzog dort erbberechtigt wäre. Aber dahinter stand der Streit um die Kompetenz für dieses so bedeutsame Territorium zwischen dem Königreich Dänemark und dem Deutschen Bund.

Bedeutsam war die Gegend deshalb, weil sie einerseits wie eine Verlängerung Deutschlands nach Skandinavien war, andererseits aber auch, weil sie eine relativ kurze und günstige Verbindung (es gibt in diesem Landstrich weder Höhen noch Vertiefungen) zwischen Ostsee und Nordsee herstellte. Der Hafen von Kiel war handelspolitisch, aber auch militärstrategisch gesehen einer der wichtigsten des ganzen norddeutschen Raums.

Nach den alten Verträgen gehörte Schleswig zu Dänemark, Holstein dagegen zum Deutschen Bund. Im Laufe der Geschichte hatten sich in dem alten Großherzogtum Oldenburg eine ganze Reihe von Nebenlinien gebildet, die mehr oder weniger (es gab wahrscheinlich kaum noch jemand, der die Verhältnisse überschauen konnte) Ansprüche auf Holstein und Schleswig zu erheben berechtigt waren.

Der König von Dänemark hatte sich wegen der künftigen Thronfolge an den russischen Kaiser gewandt, weil der einer seiner nächsten Verwandten war. Danach fiel die Wahl auf Prinz Christian von Holstein Sonderburg Glücksburg, während der Herzog von Augustenburg (eine jener besagten Nebenlinien) gegen eine Abfindung von zwei Millionen Talern auf alle Erbansprüche verzichtete.

Aber man hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Die Deutschen wollten es nicht einfach hinnehmen, daß Dänemark sich die Elbherzogtümer faktisch einverleibt. Die Gesandten des Deutschen Bundes erklärten, Dänemark könne nicht über etwas bestimmen, das ihm gar nicht gehört, und die Erbfolge in einem Bundesland obliege allein dem Bund selbst.

Und dann war da auch noch Friedrich von Augustenburg, der Sohn des abgefundenen Herzogs, der die Entscheidung seines Vaters nicht anerkannte, und der sich unter dem Jubel der Bevölkerung als rechtmäßiger Herzog von Schleswig-Holstein und als Anwärter auf den dänischen Thron feiern ließ.

Da traten die beiden größten deutschen Staaten mit einem Antrag in der Bundesversammlung auf, in dem die dänische Regierung aufgefordert wurde, ihre Verfassung bezüglich der Verhältnisse in beiden Herzogtümern zu ändern und den neuen Gegebenheiten anzupassen - und zwar, falls Dänemark dies ablehnt, unter Androhung der Besetzung des Territoriums durch deutsche Truppen.

Das kam natürlich einer Kriegserklärung an Dänemark gleich. Der Bund gab sein Placet zum Einmarsch in die Elbherzogtümer, nachdem man sich geeinigt hatte, ob man ihn rechtlich als "Okkupation" oder "Exekution" bezeichnen solle; man entschied sich für das zweite, weil es sich eigentlich um bundeseigenes Territorium handelt.

Viele Abgeordnete in der Bundesversammlung, aber auch nicht wenige Politiker im Ausland rechneten damit, daß im Fall eines wie immer bezeichneten Übergriffs zumindest England und Frankreich ihrerseits intervenieren würden. Das hätte den Konflikt gefährlich ausgeweitet.

Werenzew erwähnte auch die Gespräche zwischen König Christian und dem Kaiser. Es wurde gemunkelt, daß Christians Tochter, die Prinzessin Dagmar, unseren Thronfolger heiraten werde. Stepan Iwanowitsch Werenzew erging sich an dieser Stelle seiner Ausführungen umständlich in der Lobpreisung des Charakters und der Stärken des Prinzen Nikolai, er schwärmte geradezu von ihm, was zu seiner ansonsten sehr steifen und förmlichen Rede sehr im Kontrast stand. Überhaupt schien mir, daß Werenzew einige gute Beziehungen zu gewissen Leuten hatte, die in der Nähe des Kaisers verkehrten.

Er war im Außenministerium eher so etwas wie ein Paromdschik, einer, der die Leute von einem Büro in ein anderes, von einer Sektion in eine andere leitet und sie dafür mit allem Erforderlichen ausstattet. Dementsprechend war sein eigenes Arbeitszimmer sehr spärlich eingerichtet, es gab nicht einmal einen Aktenschrank, und der Schreibtisch des Sekretärs war stets so leer, als wäre er eben hereingetragen worden. Umso bedrohlicher wirkte an der kahlen Wand das riesige Porträt des Kaisers.

Alles was ich lesen musste, wurde gebracht und wenn ich es nicht mehr benötigte, wieder mitgenommen. Ich saß von acht Uhr morgens bis halb fünf am Nachmittag dort und widmete mich dem Studium der Akten, ohne wie gesagt genau zu wissen, wozu es diente. Werenzew gab sich alle Mühe, mir die für einen Außenstehenden ziemlich verworrenene Situation in Schleswig-Holstein zu erklären, er nannte mir eine Unmenge von Namen: Deutsche, Österreicher, Franzosen, Engländer, alles Diplomaten oder Ministerialen, er referierte dies ohne irgendwelche Notizen, völlig aus dem Kopf, aber es wurde auch schnell deutlich, daß er keinem davon selbst begegnet war.

Dieser Werenzew hatte ein phänomenales Personengedächtnis; ich fragte ihn einmal, wie er sich alle die Namen merken könne, da fühlte er sich geschmeichelt und verriet mir, er habe seine ganz persönliche Methode dafür entwickelt: er stelle sich vor, die Herren (und Damen) wären zu einem großen Bankett geladen und jeder von ihnen hätte eine zugewiesene Platznummer an einem der vielen Tische, die selbst nummeriert seien. So könne er anhand der Namensschilder an jedem einzelnen Platz den Überblick behalten und wüsste genau, wer wo sitzt. Ich fragte, was er macht, wenn irgendwann alle Tische besetzt sind? "Oh", sagte er, "das ist kein Problem, dann wird ein Tisch einfach erweitert. Außerdem werden auch von Zeit zu Zeit Plätze frei", fügte er sachlich hinzu, "sozusagen durch natürlichen Abgang."

Durch Werenzew hörte ich auch zum erstenmal von dem sächsischen Minister Friedrich Graf von Beust, der dann als Vertreter des Deutschen Bundes zur Konferenz nach London gesandt worden war.

Neben dem Studium der betreffenden Unterlagen hielt ich mich auch (mit Werenzews Unterstützung) über den aktuellen Fortgang der Verhandlungen auf dem Laufenden. Ich hatte weiter oben von dem vordergründigen Streit zwischen dem Deutschen Bund und Dänemark gesprochen und wollte damit andeuten, daß es auch noch um mehr ging, nämlich um die Vormacht von Preußen und den Anspruch Österreichs.

Man konnte den Eindruck gewinnen, die beiden größten Staaten im Bund würden die Rolle des jeweils anderen nicht mehr lange mit Einverständnis oder gar Wohlwollen tolerieren. Allerdings hatten beide noch Anfang des Jahres gemeinsam erklärt, daß, falls es zu Feindseligkeiten in Schleswig käme und die zwischen den Deutschen Mächten und Dänemark bestehenden Vertragsverhältnisse hinfällig würden, die Höfe von Preußen und Österreich sich vorbehielten, die künftigen Verhältnisse der Herzogtümer in gegenseitigem Einverständnis festzulegen.

Ich hütete mich wohl, gegenüber Werenzew meine Ansicht kundzutun, daß solch traute Verbindung gerade an ihrer Festigkeit zweifeln lässt. Man beachte die Formulierung Deutsche Mächte, wo es eigentlich Deutscher Bund heißen müsste; man beachte des weiteren, wie von einer Festlegung der Verhältnisse die Rede ist, wo eben noch ein Vorbehalt geäußert wurde.

Immerhin war auch Werenzew überzeugt, daß es darum ging, wer in Deutschland das Sagen hätte, und daß sich weder Preußen noch Österreich von den Bundesgenossen oder ihrer Versammlung irgendetwas vorschreiben ließen. Werenzew hatte sogar einigen Weitblick, als er sagte: "Wenn Preußen und Österreich mit dem Bund und Dänemark fertig sind, werden sie sich gegenseitig an den Kragen gehen, soviel steht fest."

Soweit war es indes noch nicht. Eines Tages offenbarte mir Stepan Iwanowitsch, daß ich zur Konferenz der Großmächte nach London reisen werde. "Mit wem und als was?" fragte ich. "Als geheimer Sekretär und allein." "Um Himmelswillen, Stepan Iwanowitsch, was soll das bedeuten? Ich weiß überhaupt nicht, was ich dort tun soll!" "Sie tun gar nichts, nur gut aufpassen, Sie merken sich alles, was da vorgeht." "Ich habe doch als russischer geheimer Sekretär keinen Zutritt." "Sie suchen zuerst unseren Gesandten Baron Meridanow auf, stellen sich ihm vor und dann befolgen Sie alle seine Anweisungen, lassen Sie ihn keine Minute aus dem Auge, verstanden! Mehr kann ich Ihnen nicht sagen."

Wahrscheinlich hatte er mir schon mehr gesagt, als er sollte, Werenzew war ja in unserer Behörde nur eine Durchgangsstation. Er schickte mich in ein anderes Büro (ich habe die Stelle, wo es war, vergessen, und auch an den Namen des Mitarbeiters, der mir weitere Instruktionen gab, kann ich mich nicht mehr erinnern). Es dauerte eine gute Stunde, in welcher er mir wesentliche Verhaltensregeln für den diplomatischen Dienst einschärfte und mich mit einigen Hinweisen versah, die ich in brenzligen Situationen beachten sollte. Der russische Gesandte Meridanow war angeblich unterrichtet. Bei allem Vertrauen, das mir in den letzten Wochen entgegengebracht wurde, konnte ich mir nicht recht vorstellen, daß man mich allein mit dieser Mission beauftragte.

Ich erhielt die nötigen Papiere, etwas Bargeld sowie einen Wechsel für alle Fälle, den ich auf einer Londoner Bank würde einlösen können. Außerdem durfte ich zu einem Maßschneider gehen, um mir einen neuen Anzug aus Kaschmirwolle anfertigen zu lassen, welcher zwar (dafür musste ich quittieren) als Eigentum des Russischen Staates deklariert wurde, der aber nichtsdestotrotz noch lange danach in meinem Schrank hing, bis ich ihn letztendlich, nicht ohne Bedauern, bei meiner Flucht zurücklassen musste.

In London angekommen, begab ich mich in das Hotel "Primrose Hill", wo ein Zimmer für mich reserviert worden war, von einer deutsch-russischen Firma mit Namen Viehweg & Kossow. Glücklicherweise lag an der Rezeption ein telegraphisches Schreiben für mich, mit dem fingierten Absender, den das Ministerium für solche Zwecke verwendete und in dem (man hatte wohl selber erst zuletzt daran gedacht) stand, daß die Firma Viehweg & Kossow in Tschitschensk im Nordkaukasus Sorghum anbaut, der zur Spiritusherstellung verwendet wird. Ich bezweifelte, ob diese Firma wirklich existierte, und ich hatte keinen blassen Schimmer, was Sorghum ist (ich tippte richtigerweise auf eine Pflanze) aber es klang so abwegig, daß sich wenigstens niemand darüber den Kopf zerbrechen würde.

Baron Meridanow wohnte in einer ansehnlichen Villa in der Oxford Street, in der Nähe der Nordostecke des Hydeparks. Der Giebel des Eingangsportals stand auf vier dorischen Säulen und war verziert mit antiken Figuren, die dem Schatzhaus der Siphnier in Delphi nachgebildet waren. Im Garten wuchsen Pinien und Magnolien, und es gab eine Gartenlaube, die man im Winter beheizen konnte.

(Dies alles erläuterte mir noch in derselben Nacht einer der Bediensteten, denn als ich ankam, war bereits die Sonne untergegangen und in den Straßen Londons breitete sich der typische Dunst aus, so daß man nicht mehr viel erkennen konnte. Der Grund für meine Verspätung war einfach der, daß ich mich verlaufen hatte, nachdem ich, in einem Anfall von Eroberungslust, dem Kutscher unterwegs gesagt hatte, ab hier finde ich den Weg allein.)

Ich ließ mich bei Meridanow anmelden, und er empfing mich in seinem Arbeitszimmer, das ziemlich geschmackvoll eingerichtet war. "Was kann ich für Sie tun?", fragte er mich, offenbar in der Annahme, ich bräuchte seine Hilfe. Ich erwiderte einigermaßen überrascht, ich sei ihm von der Kanzlei des Kaisers für die Verhandlungen während der hiesigen Konferenz zugeteilt. "Was für eine Konferenz meinen Sie?" "Die Konferenz der Großmächte wegen des deutsch-dänischen Konflikts." "Haben Sie Papiere?" Ich gab ihm das Begleitschreiben, das ich vom Außenministerium erhalten hatte. Über meine Position in der Sektion VIII stand natürlich nirgends ein Wort; ich glaube, niemand außerhalb Petersburgs kannte den Namen Nikita Jefremowitsch Preguschin, und es hätte mich Kopf und Kragen gekostet, ihn auch nur beiläufig zu erwähnen.

"Mir wurde gesagt, Sie wüssten Bescheid, Exzellenz." "Ja, ja", meinte er und gab mir die Papiere zurück, er schien sehr zerstreut. "Was haben Sie vor, hier zu tun?" "Wie bitte? Ich richte mich selbstverständlich ganz nach Ihnen, Exzellenz. Ich bin über die Zusammenhänge soweit unterrichtet." "Soweit?" "Einschließlich der letzten Forderungen Preußens." "Wer hat Ihnen das übermittelt, wenn ich fragen darf?", sagte der Baron etwas ungläubig. "Ich denke, die Depeschen kommen aus Ihrem Büro."

Er schaute nach unten, als überlege er. "Was sagten Sie?" "Die Informationen, die wir erhalten, stammen aus Ihrem Büro." "Ja." "Wären Sie also so freundlich, Exzellenz, mir den Tagesplan für morgen mitzuteilen." "Morgen haben Sie frei." "Ach ja?" "Schauen Sie sich London an, machen Sie einen Ausflug an die Themse. Haben Sie Bekannte hier?" "Nicht daß ich wüsste." "Ich gebe Ihnen ..." Er zog eine Schublade auf und wühlte darin herum, dann schob er sie wieder zu. "Oder noch besser, besorgen Sie sich ... Sie entschuldigen ..."

Jemand pochte an die Tür, sie öffnete sich einen Spalt breit, und ein Mann mit sehr glattem, schwarzen Haar und einem ebensolchen, fein geschnittenen Bart um Mund und Kinn (beides wirkte wie angemalt) lugte herein und wollte etwas sagen, aber als er mich sah, hielt er es zurück. "Und?", forderte ihn Meridanow auf.

Draußen im Treppenhaus ging etwas vor sich, wie wenn ein schweres Möbel herab getragen wird. Der Mann schaute mich immer noch an und zögerte. "Ist schon in Ordnung, Weganski", sagte der Baron mit einem Wink auf mich, aber er zitterte dabei. "Wir bringen die ...", der Baron hielt blitzschnell den Finger an die Lippen, und Weganski fuhr fort: "... die Sänfte jetzt nach unten."

Da rumpelte es draußen und Männerstimmen riefen durcheinander. Weganski wandte sich um und wurde laut, der Baron sagte "Um Himmelswillen, was ist denn nun wieder!" Er ließ sich auf den großen Lehnstuhl hinterm Schreibtisch fallen, bedeckte die Augen mit der Rechten und seufzte tief. Ich war verwirrt von dem Anblick und stammelte "Euer Exzellenz, kann ich Ihnen behilflich sein? Oder soll ich lieber gehen?" Er reagierte nicht gleich, dann hörte ich ein undeutliches "Ja." Aber ich konnte mich nicht entschließen.

Draußen hatte sich der Ton geändert, die Stimmen klangen beinahe besorgt. Die Tür öffnete sich wieder einen Spalt, und Weganskis angemalter Kopf erschien. Aber der Baron fuhr jäh auf, schlug mit der flachen Hand auf den Tisch und rief "Zum Donnerwetter, geht denn das nicht ein bisschen würdevoller!" Weganski sagte vorsichtig "Igor ist gestürzt, es sieht so aus, als hätte er sich verletzt." Der Baron schlug beide Hände an die Schläfen. "Oh, ich werde noch wahnsinnig." "Euer Exzellenz, ich komme dann morgen wieder her, um die gleiche Zeit." "Was? Ja."

Ich wollte zur Tür hinaus. "Nein! Warten Sie, Novadin", er wandte sich an Weganski, der fast aussah, als wollte er mir den Ausgang versperren, "was ist jetzt mit Igor?" Weganski schaute kurz hinter sich. "Er kann nicht mehr stehen." "Mein Gott", murmelte der Baron und überlegte einen Moment. "Bringt ihn ins Hospital." "Jawohl. Aber zu zweit können wir die Selige, ich meine, die Sänfte nicht tragen." "Wieso, Sie können doch selbst ..."

Bei diesem Einwand schob Weganski seinen Arm nach vorn, und man erkannte eine, mit schwarzem, glatten Leder überzogene Handprothese, das gleiche Schwarz wie sein Haar und Bart. "Ach so, ja", machte Meridanow. "Novadin!" "Ja, Euer Exzellenz?" "Könnten Sie mir einen großen Gefallen tun?" "Selbstverständlich", antwortete ich, froh darüber, nicht mehr fehl am Platz zu sein.

"Wir haben da eine ... einen Transport ... auf den Weg zu bringen", sagte Meridanow. "Wenn Sie die Freundlichkeit hätten, mitanzufassen. Sie sind doch in Ordnung, oder?", fügte er hinzu. "Bitte?" "Ich möchte freilich nicht, daß Sie auch dabei zu Schaden kommen." "Steht das denn zu befürchten?", sagte ich und versuchte mit einer leichten Ironie die Stimmung wieder aufzuhellen. Aber das ging daneben; der Baron musste einen neuerlichen Schluchzer unterdrücken, und das Geräusch, das dabei aus seiner Brust und Kehle entwich, klang geradezu schauerlich.

Und da es inzwischen im Zimmer bereits so dämmerig war, daß das Gesicht des Barons schattenhaft ergraute, während zugleich seine Augen der angestauten Tränen wegen rot schimmerten, fand ich unser Beisammensein hier drinnen schon bedrückend und wollte nichts lieber als zur Tat schreiten. "Also, Herr Weganski", sagte ich forsch, "wo soll ich anpacken?" Der aber wich zurück und sagte "Herr Baron, meinen Sie nicht, daß es leichtsinnig wäre, diesen fremden Herrn einzuweihen?" "Aber wieso denn? Er ist ein Russe wie Sie und ich, was für einen besseren Kameraden kann es geben, als einen Russen in der Fremde?" "Nun ja, ich meine bloß ..." "Außerdem sind wir jetzt auf ihn angewiesen." "Das ist vielleicht etwas zuviel Vertrauensvorschuss", schwächte ich ab, aber indem riss Weganski die Tür ganz auf, und der Lichtschein aus dem Vorsaal fiel auf das nunmehr zornige Antlitz des Barons. "Jetzt müssen wir die Sache endlich hinter uns bringen, bevor ich mit meinen Nerven am Ende bin!"

Als wir aus dem Zimmer traten, erhoben sich die beiden wartenden Männer von dem schlichten Holzsarg, auf dem sie sich, nachdem der verletzte Igor mit dem anderen ins Hospital verschwunden war, niedergelassen hatten auf weitere Anweisung Weganskis warteten. Weganski eilte auf sie zu, und nun sah ich, daß nicht nur sein linker Arm in einer Prothese endete, sondern auch der rechte unterhalb der Ellenbeuge fehlte, bis zu dieser Stelle war der Ärmel gekürzt.

Hinter mir folgte Meridanow, der rief "Ist ja immer noch einer zu wenig", und Weganski drehte sich kurz um mit einem Blick, der sagen wollte: Was nützt uns also dieser Fremde bei dem Werk! "Rufen wir Kusmin hinzu, wo treibt sich der Kerl 'rum", meinte der Baron. "Er ist nicht da", erklärte Weganski kurz und bündig. "Fassen Sie mit ihm vorn an", sagte er dann und deutete mit seiner schwarzen Hand auf mich und auf den schmächtigeren der beiden Träger. "Franko, du ans Ende, schaffst du das allein?" "Ja, wenn wir den Sarg umdrehen?" "Bist du verrückt, der Deckel ist nur provisorisch fest." "Ich meine, die beiden müssen das Kopfende nehmen." "Wo ist das Kopfende?", fragte Weganski und betrachtete den Sarg, der vollkommen einförmig war. "Ich glaube hier", sagte der Kräftige und klopfte auf das Holz. "Bist du sicher?" "Nein, aber vorhin war mir so." "Was ist, wenn wir nachschauen?" Alle standen wie ratlos da.

Weganski, der sah, daß der Baron einem neuerlichen Schwächeanfall nahe war, sagte "Kopfende - Fußende! Was für einen Unterschied macht das! Willst du die Selige etwa noch wiegen, du gefühlloser Mensch! Auf damit! Wird's bald!" Dabei schaute er ausgerechnet mich finster an; ich glaube, dieser Weganski (der übrigens seine Verstümmelungen im Krimkrieg erlitten hatte) konnte mich vom ersten Moment an nicht leiden.

Es schellte an der Haustür. "Das ist der Fuhrmann", sagte Weganski gefasst, und die Klingel schlug plötzlich wie ein Sterbeglöckchen und das Wort Fuhrmann bekam einen sonderbar feierlichen Klang. Der Baron selbst schritt zur Tür, aber da ging sie schon auf und eine junge Frau, die ihre blonde Haarmähne unter einem rotgeblümten schwarzen Tuch recht und schlecht verstaut hatte, sagte mit einem gewinnenden Anflug von Herzlichkeit und im hellen, englischen Akzent: "Mister Wygotski? Das Fahrzeug steht für Sie bereit!"

Der Baron stutzte und entgegnete "Ich bin ... es ist für mich bestimmt, Wladimir Nikolajewitsch Baron Meridanow." Er nahm eine straffe Haltung an. "Meine Verehrung, Herr Baron", sagte sie, als wären ihr gerade ein Dutzend Barone vorgestellt worden. Dann besann sie sich. "Oh ... da sind Sie also der ..." - sie wurde etwas verlegen - "mein herzliches Beileid, Sir! Ich kann Ihnen nachfühlen, vor kurzem ist der Mann meiner Cousine Mary gestorben, Knall auf Fall, ich meine, ziemlich unvorhergesehen, eine Woche zuvor haben sie noch einen Ausflug nach Twickenham gemacht, da hat er ... na, er hat manchmal ziemlich über die Stränge geschlagen, Sie wissen vielleicht, was ich meine ..." Sie lächelte auf sehr anmutige Weise, Meridanow wusste nicht, was er davon halten sollte.

Weganski mischte sich ein. "Fahren Sie etwa selber, Madam?" Ihr Lächeln erlosch, und sie runzelte die Stirn, wahrscheinlich gefiel ihr die Anrede nicht. "Nein, Mister, natürlich nicht, der Wagen steht vor dem Tor, übrigens ziemlich schlecht beleuchtet bis hierher, da kann man sich ja das Genick brechen." "Holen Sie ihn her, hier vor den Eingang. Alexej", sagte er zu dem kleineren Träger, "geh' mit und schließ' das Tor auf."

Draußen war es inzwischen dunkel. Der Fahrer hieß Tibbs, und als die junge blonde Frau einsah, daß Weganski hier das Sagen hatte, überließ sie es ihm, Tibbs einzuweisen. Der rangierte sein Fahrzeug, das ein Brauereiwagen war, wie man im schwachen Lichtschein an der bunten Reklame und an dem süßlichen Maischegeruch erkennen konnte, rückwärts bis an die Vortreppe, und mit vereinten Kräften, Tibbs fasste auch mit an, hoben und schoben wir den Sarg in den Wagen.

Tibbs sicherte ihn mit Gurten gegen Verrutschen, und Weganski gab alle möglichen Hinweise, der Baron aber stand schweigend dabei und starrte mit bangem Blick auf das Geschehen. "Sind Sie auch ein Angehöriger?", sprach mich die Blonde an, die mich offenbar nicht recht einordnen konnte. "Nein, ich bin nur zufällig hier." "Kein komischer Zufall, oder?" "Bitte?" "Ich meine, eine tragische Sache, dies hier." Fast hätte ich sie gefragt, ob sie mir sagen kann, wer denn nun die Verstorbene eigentlich sei, aber das hätte mich wahrscheinlich noch mehr abgesondert.

"Ich heiße Emily Jones", sagte sie und reichte mir ihre schlanke, zarte Hand. "Nikolai Novadin." "Sie sind nicht aus London?" "Nein, aus Petersburg." "Pietersbörg? Wo liegt das?" "In Russland." Sie schien erleichtert. "Ich mache das bloß nebenbei." "Was?" "Solche ..." sie machte eine Handbewegung "... ausgefallenen Sachen." "Sie meinen, solche Überführungen?" "Nennt man das so?" "Was machen Sie sonst?"

Sie kam nicht dazu, mir zu antworten, denn Tibbs und die andern waren mit dem Verladen fertig. Der Baron wandte sich ab, um ins Haus zu gehen, aber indem Tibbs die beiden Wagentüren schließen wollte, sprang plötzlich, niemand hatte bemerkt, woher er gekommen war, ein schneeweißer Pudel hinten auf und schlüpfte zu der traurigen Fracht hinein.

Tibbs bekam einen Schreck und Emily lachte hell auf. Der Baron rief "Simson! Wo zum Kuckuck kommst du denn her?" Aber Simson ließ sich nicht noch einmal blicken. "Ich hab's ja gesagt, Euer Exzellenz", meinte Franco der Breitschultrige, "das Hündchen hat sich in dem Kleiderschrank von der Seligen versteckt, die Natschenka hat's nämlich gesehen, wie es reingesprungen ist zu der Stunde, und hat die Tür offengelassen." "Was soll damit werden?" erkundigte sich Tibbs. "Alexej, hol ihn raus", sagte Weganski. "Nicht doch", versetzte der Baron, "lasst ihn drin, bei seinem Frauchen. Der Ärmste!" "Aber ... was soll nachher mit ihm geschehen?" "Wir werden sehen", sagte der Baron und dann an mich gewandt: "Sie kommen mit!" "Jawohl." Emily flüsterte mir zu "Na denn, hinab in Londons Untergrund!"

Weganski, der Baron und ich fuhren in einer zweiten Kutsche voraus, Emily saß vorn und wies den Weg. Tibbs kam mit den beiden andern nach. Es hatte angefangen zu nieseln. Zuerst ging es Straßen entlang, wo das Pflaster vom Schein der Gaslaternen glänzte, ab und zu begegnete uns jemand. Dann bogen wir ab und durchquerten einen Park, kamen auf der andern Seite über eine Brücke, deren Holzbohlen dumpf unter den Pferdehufen und Rädern erzitterten, in ein Viertel mit engen Gassen, aus dessen Häuschen vereinzelt das Licht einer Ölfunzel in die rabenschwarze Nacht flackerte.

Der Baron saß uns gegenüber, und obwohl ich sein Gesicht nur undeutlich erkennen konnte, war mir, als würde er Weganski und mich anschauen wie die Gesandten einer geheimnisvollen Macht, die ihn auf seinem schweren Gang begleitet und beschützt. Dabei war er der Gesandte, der Gesandte des Kaisers, und ich war nur ein kleiner russischer Beamter, der angeblich wegen einer Konferenz hier ist. Aber ich fühlte mich sehr unwohl bei dem Gedanken, daß ich ihn (und Weganski auch) über meine wahre Identität getäuscht habe, ich war wohl noch lange nicht professionell genug. Ich verscheuchte meine Bedenken, indem ich mir überlegte, wie ich eigentlich wieder zurück in mein Hotel käme, wahrscheinlich nicht mit dem Bierwagen.

Ich spürte, wie Weganskis Handprothese immer weiter auf mein Bein rutschte und mir wurde mulmig zumute, weil ich das nicht zu deuten wusste. Mir kamen schon ganz seltsame Ahnungen, als der Wagen holperte und Weganski mit einem Räuspern hochfuhr, er war nur eingeschlafen. Er drehte sich rasch um und versuchte, durch das tellergroße Fensterloch im Verdeck hinter uns etwas zu sehen, dann rief er nach vorn "Madam, halten Sie an!"

Der Wagen fuhr weiter. Er wiederholte es zwei-, dreimal. Ich rief "Miss Jones! Halten Sie bitte an." "Was ist denn?", kam es von vorn. "Sehen Sie nicht, daß wir sie verloren haben", sagte Weganski aufgebracht. "Wen?" "Sind Sie noch bei Trost, Madam? Der Wagen folgt uns nicht mehr!" Der Kutscher zügelte die beiden Pferde. Weganski beugte sich vor, schlug mit der Holzhand auf den Türgriff und kletterte hinaus. Emily war ebenfalls abgestiegen. "Beruhigen Sie sich, Wygotski, wahrscheinlich hat Tibbs einen anderen Weg genommen." "Wohin?" "Wohin? Da wo wir auch hinfahren." "Madam! Ich mache Sie persönlich haftbar für jeden Schaden, den der Transport eventuell erleidet." "Der Wagen gehört Ihnen überhaupt nicht." "Werden Sie nicht noch frech, Sie wissen genau, was ich meine." "Was ist denn los? Warum halten wir?", rief der Baron. Da ertönte etliche Schritt vor uns ein Pfiff, und man sah die Umrisse von Tibbs Brauereiwagen, er war aus einer Seitengasse gekommen. "Na bitte", meinte Emily leicht genervt. "Eine unverschämte Person", ereiferte sich Weganski im Wagen.

Eine Weile später passierten wir steinerne Brückenbögen, unter denen ein paar Vagabunden lungerten, an einigen Stellen brannten Feuerchen. "Möchte mal wissen, was die verbrennen?", sagte ich, um das unangenehme Schweigen zu beenden. Weganski zischte "Nicht zu glauben, was Sie so beschäftigt." Er war immer noch beleidigt, daß ich Emily beim Namen genannt hatte. Doch der Baron murmelte in fast philosophischem Ton "Es kommt ein Haufen Zeug den Fluss herunter, wenn man das alles sammelt, würde es wahrscheinlich für einen ganzen Winter reichen."

Wir bogen links ein, der Kutscher verlangsamte das Fahrzeug, weil es hinab ging. An der Seite gluckerte es im Rinnstein. Dann durch ein Gittertor, das ein Mann hinter uns schloss, und vorbei an Fässern und Kisten und allerlei unter Blechdächern gestapelten Sachen. Es roch nach Petroleum und Tran und nach nasser, frischer Asche. Man hörte in einiger Entfernung Stimmen, Emily war dabei, sie musste abgesprungen sein, als wir am Tor hielten.

Ein Stück weiter blieben wir stehen. Alexej kam heran. "Herr Baron, Euer Exzellenz, wir sind da." Weganski sagte barsch "Wird auch Zeit." Alle waren ausgestiegen, Tibbs hatte seinen Wagen geöffnet, und vier Männer waren dabei, den Sarg herauszunehmen. Aus einem großen Eingang drang Licht heraus. Emily redete mit einem Chinesen, der offenbar das Kommando über die Männer führte. Ich staunte nicht schlecht, als ich sie Chinesisch sprechen hörte, aber ich bin mir nicht sicher, ob es korrekt war, der andere lächelte bloß und schaute uns dabei aus den Augenwinkeln übervorsichtig an.

Er trug ein fast bis auf seine Schuhe reichendes glattes Gewand, das seinen mageren Leib eng umschloss, und seine hellen Hände ragten aus trichterförmigen Ärmeln mit scharlachrotem Bund. Er hatte eine Haartracht wie die Mihong Chinesen: rundherum rasiert, oben eine "Kappe" und hinten ein langer kunstvoll geflochtener Zopf; einen solchen Chinesen hatte ich einmal in Kasan getroffen, er handelte dort mit asiatischen Arzneien, hauptsächlich potenzsteigernde Mittel; im ersten Moment glaubte ich sogar, es wäre derselbe. Aber der hier war, wie sich herausstellte, kein Apotheker.

Man schaffte den Sarg durch halbdunkle Gänge nach links, nach rechts, wieder nach links bis in einen matt beleuchteten Kellerraum. Es war furchtbar kalt hier. An einer Wand standen nebeneinander lange Zinkwannen auf stabilen, etwa kniehohen Holzgestellen. Sie waren übervoll mit Eis, das zu kieselgroßen Stücken zerhackt war. Es glänzte und glitzerte wie in einer Kristallgrotte, als wir uns mit Laternen den Trögen näherten.

Offenbar war ich der einzige, der nicht über deren Zweck Bescheid wusste, und als ich herantrat, konnte ich nur mühsam einen Schrei des Entsetzens unterdrücken: aus den Haufen von Eis lugten hier und da Köperstellen von Leichen hervor: eine Hand mit verkrampften Fingern, ein nackter Fuß mit bläulichen Zehen, ein Kinn mit langen Stoppeln, ein hart geschwollenes Knie, ein weit aufgerissenes, glasiges Auge. Aber in der letzten Wanne lag, tiefgefroren, eine Schweinehälfte. Ich fing an zu schlottern, und wusste nicht, ob vor Kälte oder vor Grausen.

Der Chinese hatte den Baron mit einer höflichen Geste in angemessenem Abstand zurückgehalten, und Meridanow war auch nicht darauf erpicht weiterzugehen. Vor einer der Wannen stand eine große Schubkarre, aus der man bereits so viel Eis geschaufelt hatte, daß der Boden der Wanne mit einer Schicht bedeckt war. Sie stellten den Sarg dort ab und entfernten den Deckel.

Ich warf einen Blick auf die Tote, sie war mit einem hellen, dünnen Tuch umhüllt, die Hände gefaltet auf dem Leib, Gesicht und die Haare frei. Sie war dem Anschein nach keineswegs in vorgerücktem Alter, ihre Haut war glatt, ihr Haar noch voll und von dunkler Tönung. Aber sie hatte, trotz geschlossener Augen, einen strengen, beinahe verbitterten Ausdruck.

Zu viert: an Kopf und Füßen und zwei auf der Seite, hoben sie die Tote aus dem Sarg und legten sie in die Wanne; der Baron hatte sich abgewandt, mit zitternden Fingern hielt er ein Taschentuch unter der Nase. Im Nu war das Eis über die Leiche gehäuft, der leere Sarg fortgeschafft. Alle verließen den Keller, einer der Männer verriegelte die massive Tür.

Als es ans Geschäftliche ging, gab es ein Problem: der Baron hatte vergessen, seine Geldbörse einzustecken. Der Chinese lächelte nachsichtig, ließ uns aber keinen Schritt weichen. Meridanow bat Weganski und mich, ihm auszuhelfen, jedoch hatten wir beide nicht genug dabei. Schließlich erklärte Emily, ihm das Geld zu borgen, und er versprach, nachdem er sich aufrichtig bei ihr bedankt hatte, es ihr, sobald sie wieder in der Oxford Street angekommen wären, zurückzuzahlen.

Miss Jones zog einen Packen Geldscheine aus der Tasche, der, einmal geknickt, mit einem silbernen Metallbügel zusammengehalten war; es musste eine beträchtliche Summe sein. Sie nahm den geforderten Betrag und gab ihm dem Chinesen, der das Geld in eine unsichtbare Tasche an seinem Kleid verschwinden ließ. Er faltete die Hände zum Gruß, lächelte den Baron an, verbeugte sich und wünschte eine gute Nacht.

Wieder hatte niemand an Simson gedacht. Wir saßen schon in unseren Fahrzeugen, als einer der Männer aus dem Keller mit dem Pudel auf dem Arm angelaufen kam, er habe drinnen bei den Wannen ein Winseln gehört und daraufhin nachgesehen, er könne es sich nicht anders erklären, als daß der Hund sich mit hereingeschlichen hatte. "Simson! Mein armer, treuer Gefährte", sagte der Baron, als würde er ihn nach einer verlorenen Schlacht wiedertreffen. Simson hatte Mühe sich zu bewegen, so sehr hatte ihm die Eiseskälte schon zugesetzt, er konnte nicht mal mehr mit dem Schwanz wackeln.

"Keine Angst, wir werden dich wieder aufpäppeln", versprach der Baron, dann sagte er zu mir "Novadin, würde es Ihnen etwas ausmachen, mit Simson in die Küche zu gehen und ihm eine ordentliche Mahlzeit zu verabreichen." "Welche Küche, Euer Exzellenz?" "Welche Küche? Na unsere. Alexej wird sie hinführen, sobald wir zu Hause sind." "Ach so, ja, natürlich." "Danke, sehr freundlich von Ihnen. Und danke auch dafür, daß Sie uns begleitet haben, ich erwarte Sie dann morgen um zwölf Uhr, seien Sie bitte pünktlich." "Jawohl."

Obwohl todmüde, war ich auch noch hungrig, hatte ich doch seit dem Morgen nichts gegessen, was vielleicht angesichts der unappetitlichen Ereignisse eher vorteilhaft gewesen war, aber nun waren meine Kraftreserven am Ende. Es war gegen Mitternacht, als Alexej mich und Simson, der immer noch getragen werden musste, in die Küche brachte, die im Erdgeschoss des Hauses lag. Es war sehr geräumig da unten, und nach dem Besuch im Eiskeller (und Totenhaus) fand ich es hier richtig anheimelnd. Außerdem war die Gesellschaft, die sich da an dem großen Esstisch zusammenfand, äußerst angenehm, und nachdem ich mich gestärkt hatte, war auch meine Müdigkeit gewichen.

Trotz der späten Stunde waren die Köchin und ein Zimmermädchen noch zu gange. Letztere, eine bildschöne junge Russin mit kecker Miene, war hier, weil sie, wie sie sagte, sich allein zu Hause fürchte. Aber einer der Bediensteten mit Namen Rumi (welcher mir auch die architektonischen Besonderheiten des Hauses beschrieb) ließ mit einer vielsagenden Geste durchblicken, daß da bei Natalja daheim wohl etwas nicht in Ordnung sei.

Die Köchin war die Witwe eines englischen Kapitäns, der noch auf einem von Admiral Nelsons Schiffen gedient hatte und sehr alt geworden war. Dennoch lag sein Tod, da sie ihn als blutjunge Frau geheiratet hatte, schon mehr als fünfundzwanzig Jahre zurück. Durch das Erbe ihres Gatten finanziell versorgt, hatte sie eine Hauswirtschaftsschule absolviert, einschließlich eines Kochkurses, der ihr nicht nur die englische Küche, über deren Qualität es geteilte Meinungen gab, beibrachte, sondern auch namentlich die französische und deutsche, deren Unterschiede, wie sie selbst beteuerte, vorzüglich geeignet wären, sich gegenseitig zu ergänzen und für kulinarische Abwechslung zu sorgen. Die Frau Baronin sei jedenfalls über all die Jahre sehr zufrieden mit ihr gewesen und habe sich kein einziges Mal übers Essen beklagt oder auch nur etwas abgelehnt.

Auch Alexej, der mit der Köchin irgendwie verwandt war, blieb in der Küche, und nachdem sich Natalja (sie war es, die Simson zuletzt in den Kleiderschrank der Verstorbenen hatte hineinspringen sehen) um den erschöpften Pudel gekümmert hatte, ließen sich alle am Tisch nieder. Es gab Roastbeef, geräucherten Fisch, Schwarzbrot und Butter, russische Kringel, Tee und Sherry, und Rumi trank ab und zu einen Schluck aus seiner eigenen Flasche Whisky. Alexej musste alles, was geschehen war, haarklein erzählen, aber schon auf die Frage, wo denn dieser ominöse Keller des Chinesen sich befinde, zuckte er mit den Schultern. Ich half ihm, indem ich einzelne markante Punkte des Weges beschrieb, die mir aufgefallen waren, aus denen Rumi und die Köchin sich einen Lageplan zusammenbastelten.

Dann kam auf einmal Tibbs, der Fahrer des Brauereiwagens, in die Küche, und der kannte sich natürlich bestens aus, was allerdings dazu führte, daß Rumi und die Köchin ihre Version nur schwerlich aufgeben und sich gegen Tibbs behaupten wollten, der sich gemächlich zurücklehnte und seinen Schnauzbart zwirbelte. "Was wisst ihr Küchenschaben denn von der Londoner City", lachte er, wohlwissend, daß die Bezeichnung "Küchenschaben" aus seinem Mund tatsächlich wie ein Kompliment klang.

Aus irgendeinem Grund fragte ich Tibbs nach Miss Jones, und er meinte, sie habe bis eben noch mit dem Baron wegen des Geschäfts verhandelt. Dann schaute er mich überrascht an und fragte, ob er sie etwa rufen solle. "Aber nein, weshalb denn", sagte ich schnell, und Natalja fragte, wer diese Miss Jones sei. Tibbs erklärte es ihr, und ich glaubte den rechten Moment zu erwischen, um nähere Auskunft über all das zu bekommen, was ich in den vergangenen Stunden miterlebt hatte.

"An dieser ganzen Schluderei ist nur die Herzogin schuld", sagte Rumi. "Sieh' dich vor, was du sagst, Alter", ermahnte ihn die Köchin. Er verteidigte sich. "Ist doch wahr. Der Herr Baron hätte sich niemals zu so einer Blasphemie hinreißen lassen, wenn ihn die Umstände nicht dazu gezwungen hätten." "Was ist eine Plasfemi?" fragte Natalja. (Rumi war zwar nur ein gewöhnlicher Dienstmann, aber er schien mir durchaus gebildet.) "Die Bestattung einer geliebten Verstorbenen entgegen allem Brauch und Gesetz hinauszuzögern, ja, sie zu verheimlichen - das nenne ich eine Blasphemie", versetzte er und geriet dabei so in Rage, daß er schnell einen Schluck aus seiner Flasche nehmen musste, um sich zu beruhigen.

Da ging die Tür auf und Emily kam hereingesprungen, wirklich, sie machte den Eindruck, als wäre sie putzmunter. Sie hatte das Kopftuch abgenommen, und ihr blondes Haar wallte bis auf die Schultern. Über ihrem dunkelblauen Kleid hatte sie sich jetzt der nächtlichen Kühle wegen eine Lederjacke umgehängt, aber die sah aus, als habe sie sie vorhin einem der Kellerarbeiter abgeluchst.

Ich hätte zu gern von Rumi erfahren, was es mit der Herzogin auf sich hat, aber es wäre unhöflich gewesen, Emily nicht wenigstens zu fragen, ob alles geregelt sei. "Ja", sagte sie, "Baron Meridanow hat sich sehr erkenntlich gezeigt, es war ihm überaus peinlich, aber was soll's, das kann ja mal passieren, dafür muss man sich nicht schämen." Rumi, die Köchin und auch Natalja wussten nichts von der Sache mit der Bezahlung, die Emily jetzt meinte, und dachten, sie spreche derart über den Todesfall. Ich konnte es an dem fassungslosen Gesichtsausdruck der Köchin sehen, und sie wäre gewiss im nächsten Augenblick aufgebraust, wenn ich nicht mit einem kurzen Kommentar zuvorgekommen wäre.

Aber Emily hatte überhaupt ein argloses Gemüt, sie holte jetzt am Tisch abermals ihren Packen Geldscheine aus der Tasche (der übergroßen Lederjacke) und gab Tibbs seinen Anteil für den Transport. "Wir können sie am nächsten Freitag wieder rausholen", teilte sie ihm mit. "Wen denn?", fragte Natalja. Emily schaute die junge Russin an, als würde sie sie erst jetzt bemerken. "Bitte?" "Wen können Sie am Freitag wieder rausholen?" "Die Leiche", sagte Emily und stopfte das Geldbündel zurück in die Jackentasche, aber als sie sah, welche Bestürzung ihre lakonische Antwort bei dem Mädchen bewirkte, fügte sie hinzu: "Die selige Verblichene." Und sie schenkte Natalja ein Lächeln.

"Hat der Herr Baron das angewiesen?", fragte die Köchin, und Emily schaute erst in die Runde, bevor sie meinte "Bin ich jetzt hier diejenige, die euch über die Vorgänge in diesem Haus aufklärt?" "Mitnichten", entgegnete die Köchin stolz. "Dann ist ja gut. Ist das Sherry? Kann ich etwas davon bekommen?" "Freilich", sagte Rumi und griff nach der Flasche. "Kann ich Ihr Glas nehmen, Nikolai?" Ich gab es ihr, Rumi schenkte ein. Dann sagte er, an die Köchin gewandt: "Warum sollte der Baron das nicht so angewiesen haben? Was spricht gegen nächsten Freitag?"

"Was dagegen spricht?", ereiferte sich die Köchin. "Daß die Beerdigung am darauffolgenden Sonnabend anberaumt ist." "Woher weißt du das?" "Ich weiß es eben." "Nun und?", fragte Emily und nahm sich noch einen Sherry, "Dann passt es doch: Freitag raus aus dem Keller, Samstag rein in die Erde." "Miss Jones", sagte Natalja behutsam, "denken Sie bitte daran, daß hier Menschen am Tisch sitzen, die der Frau Baronin sehr nahegestanden haben."

Ich sagte "Verraten Sie mir, woher Sie Chinesisch sprechen können?" Aber für die Köchin war das Thema noch nicht durch. "Wenn sie am Freitag ... entlassen wird, dann ..." Alexej rief "Dann ist sie hart wie ein Brett!" Natalja brach in Tränen aus, sie boxte ihn gegen den Arm. "Du jetzt nicht auch noch! Sie war so ein lieber, guter Mensch!" "Natürlich war sie das", bestätigte Rumi, "aber was jetzt mit ihr geschieht, ist eine Schande." "Und sie glauben, das ist wegen der Herzogin?", fragte ich schnell. Rumi nickte. "Inwiefern?"

Er kratzte sich am Kopf und sagte in leicht suffisantem Ton "Weil für dieses Wochenende der Einzug der neuvermählten Herzogin von Edinburgh in Marlborough House geplant ist, ein Ereignis von nationaler Tragweite. Andererseits werden Trauerfälle im diplomatischen Korps von unserer Regierung stets mit der gebührenden Anteilnahme begleitet. Und der Tod der Gattin des russischen Gesandten verdient zweifellos einige Rücksicht." "Rücksicht", ergänzte die Köchin anerkennend, "die jedoch jetzt der Baron in seiner schwersten Stunde zusätzlich auf sich lädt."

"Hat er ihr Ableben denn gemeldet?", wollte Emily wissen. Rumi schüttelte den Kopf. Emily sagte "Das heißt: es weiß noch gar keiner, daß sie gestorben ist?" "Wir wissen es!" "Na gut, hier lässt es sich ja auch schwer verheimlichen. Aber dann können Sie niemandem einen Vorwurf daraus machen, am wenigsten wohl der Herzogin von Edinburgh." "Wir machen niemandem einen Vorwurf, weil wir anständige und mitfühlende Menschen sind", versicherte Natalja.

"Aber der Termin für die Beerdigung steht schon fest?", fragte ich die Köchin. "Ja, am kommenden Samstag. Nur, wenn es auch schrecklich klingt, aber Alexej hat gar nicht so unrecht, wie soll der Leichnam über Nacht hergerichtet werden, wenn er erst am Freitag aus dem Kühlhaus kommt." "Man kann ihn auftauen", meinte Tibbs, von dem wir dachten, er wäre eingeschlummert, weil er den Kopf nach vorn gesenkt hatte.

Alexej musste grinsen, die andern sahen Tibbs zweifelnd an. "Nein wirklich, ich habe das selbst schon ... erlebt. Es kommt bloß auf das richtige Feuer an." "Ach ja? Und wo bitte schön sollen wir das machen? Hier in der Küche vielleicht?" "Entschuldigung, Madam, das kann ich nicht entscheiden. Aber hier gibt es auf jeden Fall schon mal eine große Herdplatte." "Hört endlich auf", rief Natalja, "das ist ja nicht mehr zum Aushalten!"

Jetzt war es Emily, die ihr beistand. "Sie hat recht. Fürs erste ist die selige Frau Baronin gut aufgehoben. Ich denke, wenn der Herr Baron nach einer Weile zur Ruhe kommt, wird er für alles weitere auch eine Lösung finden, oder? Sie kennen ihn doch am besten", ermunterte sie die Köchin. "Na ja, wahrscheinlich kenne ich ihn am besten. Nach der Frau Baronin natürlich. Ja, ich glaube auch, er wird eine Lösung finden." "Und er wird sie uns rechtzeitig mitteilen", ergänzte Rumi, "es gibt nämlich kaum einen andern Menschen, der so weit und so zuverlässig vorausdenken kann."

Am nächsten Tag fand ich mich Viertel vor zwölf bei Baron Meridanow ein, aber er war, wie mir Weganski mitteilte, bereits zur Konferenz gefahren. Ich fragte Weganski, ob ich einen Wagen bekommen könnte. "Wofür?" "Ich bin mit dem Baron verabredet, ich muss ebenfalls zu dieser Konferenz." "Nein", sagte er daraufhin, "unsere Fahrzeuge sind alle unterwegs." 'Das hättest du mir auch gleich sagen können', dachte ich.

Ich fuhr mit einem öffentlichen Omnibus. Die Konferenz fand in einem Gästehotel der Regierung nahe dem Somerset House statt. Dieses Hotel hatte mehrere große Versammlungssäle, die elegant, aber dem Zweck entsprechend nicht pompös eingerichtet waren. Unser Saal hatte eine Frontseite mit hohen Glastüren, die auf eine Veranda führten, draußen schloss sich ein kleiner Park an. Zwei riesige Kristalleuchter hingen von der Decke herab über dem langen ovalen Tisch. Um ihn herum waren die Plätze für die Vertreter der Regierungen und Institutionen, die an der Konferenz teilnahmen. Hinter jedem dieser mit rotem Samt gepolsterten, golden und weißfarbigen Sessel standen, nach links und rechts versetzt, zwei weitere, einfachere Stühle für die Mitarbeiter der Diplomaten.

Der andere Stuhl bei Merdianow blieb leer. Er hatte zwar, wie ich wusste, einen Sekretär außer Weganski, welcher - man möge mir diese Geschmacklosigkeit verzeihen - zum Schreiber kaum geeignet war, doch augenscheinlich legte der Baron keinen Wert auf dessen Beisein. Meridanow kam auch ganz ohne irgendwelche Unterlagen aus, er hatte nichts zum Notieren, hörte aber gut zu und schien sich alles merken zu können, und wenn er sprach, dann völlig frei, aber dennoch flüssig und und ohne lange überlegen zu müssen.

Mir schien, er verließe sich in diesen Verhandlungen auf die (im Grunde wenigen) unverrückbaren Positionen des Kaisers und der russischen Regierung. Damit konnte er sich unter allen Umständen und Eventualitäten behaupten. Wir - ich meine Russland - hatten bei dieser Konferenz weder etwas zu fordern noch zu verlieren, dabei aber doch in jedem Moment unser ganzes politisches Gewicht einzubringen. Wozu also, so mochte sich Meridanow gedacht haben, sollte er sich mit Vorschlägen, Anträgen, Einlassungen oder Zurückweisungen hervortun und damit womöglich die anderen gegen sich aufbringen; er beschränkte sich auf Feststellungen und machte im übrigen stets eine Miene, als habe er das alles schon zigmal erlebt.

Der Gesandte des Deutschen Bundes, Graf von Beust, erörterte im Zusammenhang mit der Regierungsnachfolge in den Elbherzogtümern den Unterschied in der Bedeutung der Wörter "Vorschlag" und "Proposition". Er war dabei sehr scharfsinnig und sprachgewandt, und man konnte sehen, daß er sich dem Mandat der Bundesstaaten, die ihn hierher entsandt hatten, durch sein vollendetes diplomatisches Geschick würdig erweisen wollte. Aber er ist letztlich mit seiner Strategie gescheitert. Warum?

Meridanow sagte hinterher zu mir "Dieser von Beust ist ein glänzender Politiker, jeder König oder Präsident könnte sich glücklich schätzen, wenn er so einen Mann in seinem Kabinett hätte. Aber als Vertreter oder Beauftragter eines Bündnisses ist er völlig ungeeignet, weil er introvertiert ist und unbestechlich obendrein. Er fühlt sich nur seinem staatsmännischen Gewissen verpflichtet. Das ist grandios, wenn er im Dienst eines autoritären Oberhauptes steht, aber glücklos in einer Bande von mehr oder minder bedeutenden Fürstentümern, wo jeder bloß versucht, dem andern ein Auge auszuhacken."

Übrigens ging es Graf von Beust um die Frage, ob die Untertanen im Herzogtum Schleswig per Volksabstimmung selber über ihren Landesherrn entscheiden sollten. Baron Meridanow sah sich an dieser Stelle veranlasst, eine kurze Stellungnahme abzugeben. Offenbar, so seine Entgegnung, wolle von Beust die Schleswiger Bauern über ein Problem verhandeln lassen, das zu lösen extra dieser Konferenz auferlegt worden ist. Seine, von Beusts Proposition, oder wie immer man es nennen mag, bringe ein ganz neues Prinzip in das öffentliche Recht eines souveränen Staates, ein Prinzip, dessen Geltung und mehr noch seine Durchführung allein das Königreich Dänemark selbst betreffe, dessen Regierung die Legitimation durch das Volk besitzt. Wird, wie es hier geschieht, dieses Begehren von einem auswärtigen Staat oder Bündnis gefordert oder gar als Ultimatum gestellt, so hieße das nichts anderes, als daß die Untertanen Seiner Majestät des Königs von Dänemark zu Handlangern fremder Mächte gepresst werden sollen.

Von Beust wollte hierauf etwas erwidern, aber Lord Clarendon beschwor ihn durch Zeichen, davon abzusehen, denn der Engländer befürchtete (sicher nicht zu Unrecht), daß sich die Debatte endlos in die Länge ziehen könnte, ohne daß man sich am Ende auf ein brauchbares Resultat würde einigen können. (Leider war auch trotz der wohlwollenden Lenkung eines Lord Clarendon, des Fürsten Latour d'Auvergne, ja selbst der dänischen Bevollmächtigten, für die ja so viel auf dem Spiel stand, kein gütlicher Abschluss der Konferenz in Sicht.)

Im weiteren Verlauf standen in Wirklichkeit nur noch die Forderungen Preußens und Österreichs auf der Tagesordnung, die beide, wie ich schon einmal angedeutet hatte, zu dieser Zeit noch einen demonstrativen Schulterschluss an den Tag legten. In den Beratungspausen oder beim Essen sah man die Grafen Apponyi und Bernstorff oft in angeregtem Gespräch, zu dem sich natürlich stets Andere rasch und gern hinzugesellten. Man plauderte und scherzte miteinander, jeder machte eine freundliche Miene, jeder ließ dem andern mit einem "Nach Ihnen, Exzellenz!" den Vortritt, und es schien, als hätte man vergessen, daß man eigentlich hier war, um einen drohenden politischen Flächenbrand auf dem Kontinent zu verhindern.

Mag sein, daß die nachherige Teilung der dänischen Gebiete - oder sollte man besser sagen: die Zuteilung von Holstein und Schleswig an Österreich und Preußen in einvernehmlicher und gleichberechtigter Weise erfolgte, dennoch konnte niemand das Übergewicht Preußens verkennen, das allein schon durch seine militärische Schlagkraft im dänischen Konflikt seine Führungsrolle behaupten konnte.

Nach der Erstürmung eines Areals, das man die Düppeler Schanze nennt, und nach zwei, drei weiteren strategisch wichtigen Eroberungen forderten die Preußen ihre Siegesprämien ein: das Oberkommando über den Kieler Hafen, der Ausbau von Rendsburg zur Bundesfestung, die Hoheit über die wichtigsten Militärstraßen, das Recht auf eigene Postlinien, das Recht auf den Bau eines Nord-Ostsee Kanals und die Aufsicht über denselben; schließlich die Übernahme des Herzogtums Lauenburg.

An einem der ersten Abende in London war ich hinunter in die Hotelbar gegangen. Außer mir saß dort nur ein einzelner Herr. Er unterhielt sich mit dem Barkeeper, der nebenbei Gläser polierte. Da ich mich in England befand, gedachte ich, am besten einen Whisky zu bestellen. "Selbstverständlich, Sir", sagte der Barkeeper, "welche Sorte?" "Nun, einen Malt denke ich." Ich versuchte, wie ein Gentleman zu sprechen, der gerade von einem Pferderennen kommt, aber es kaschierte nur schlecht meine Unsicherheit.

Der Barmann blieb freundlich. "Freilich, Sir, einen Malt, das ist eines klugen Mannes Entscheidung. Und nun fragt sich, welche Sorte würde Ihnen die Gewissheit geben, diese Entscheidung nicht bereut zu haben." "Tja."

Der andere Herr wandte sich zu mir. "Die Sache ist die: Sie könnten wählen zwischen einem Highland, Speyside, Campbelltown, Lowland oder einem Islay Malt. Ist es korrekt, Mister Winston?" "Korrekt, Mister Bentheim. Und ich hätte sogar einen Single Malt aus Tobermory von der Insel Mull." "Gut. Dann nehme ich den", sagte ich, um die Auswahl abzukürzen. (Zu meiner Verteidigung kann ich sagen, daß ich diese Entscheidung tatsächlich nicht bereut habe.)

Der Herr reichte mir die Hand: "Mein Name ist Ludwig Bentheim." "Sehr erfreut, ich heiße Nikolai Novadin." "Sie sind Russe?" "Ja." "Darf ich fragen, was Sie nach London führt?" "Ich bin geschäftlich hier. Meine Firma ist in Moskau ansässig." "Was für eine Firma ist das? Eine russische?" "Ja. Das heißt, es ist die russische Niederlassung einer deutschen Firma namens Viehweg und Kossow."

"Dann sprechen Sie auch deutsch?" "Ja, es ist sozusagen meine zweite Muttersprache." "Und meine Russisch." "Tatsächlich?" Er rezitierte ein paar Verse aus Eugen Onegin im Original. "Ich bin auch Geschäftsmann." "Was für ein Zufall." Ich dachte daran, mich zu verabschieden und zurückzuziehen, aber der Whisky war wirklich gut, deshalb bestellte ich noch einen.

"Ich bin Vertreter für französischen Wein." "Oh ja. Und trinken die Engländer französischen Wein?", fragte ich und warf einen Blick auf den Barkeeper und auf das Spiegelregal hinter ihm. "Ich bin hier, um es ihnen beizubringen", lachte Bentheim. Er trank übrigens aus einem hohen Glas anscheinend gewöhnliches Wasser, vielleicht war es aber auch klarer Schnaps.

"Und welche Art von Geschäften macht Ihre Firma in Russland?" Ich hatte die Frage erwartet; ich war mir ziemlich sicher, daß dieser Herr Bentheim mit dem Gegenstand unserer Arbeit genausowenig vertraut war wie ich. "Wir bauen im Nordkaukasus Sorghum an, das ist eine Pflanze, welche ..." "Ich weiß, was Sorghum ist", sagte Bentheim, "wofür verwenden Sie ihn, als Viehfutter?" "Nein, zur Spiritusherstellung." "Ach ja? Sehr interessant. Was davon verwenden Sie genau?" "Die Wurzelknolle." Bentheim sah mich groß an und verzog das Gesicht, dann lachte er laut los, und auch der Barkeeper lachte, aber über ihn.

Er klopfte mit der Hand auf meine Schulter. "Großartig, Nikolai ..." "Alexandrowitsch." "Nikolai Alexandrowitsch! Sie sind ein echter Geschäftsmann. Immer nach der Devise: Nur nicht zuviel verraten." "Bitte?" "Kommen Sie! Wenn das, was Sie da anbauen, eine Wurzelknolle hat, ist es gewiss kein Sorghum; und wenn es Sorghum ist, dann verwenden Sie nicht die Wurzeln, stimmt's?"

"Ich merke schon, Ihnen kann man nichts vormachen. Es ist ein ganz neues Verfahren, es ist überaus kompliziert und ich bin kein Chemiker; entschuldigen Sie also, wenn ich mich darüber nicht genauer äußern kann." "Schon in Ordnung", sagte Bentheim gutmütig. "Es ist ganz gut zu wissen, daß man in Russland auf neuen Wegen ist, ich meine, was die Spiritusherstellung betrifft." "Ist es das?"

"Es ist da einiges im Gange auf diesem Gebiet. Bestimmt haben Sie mitverfolgt, als vor zwei Jahren hier auf der Industrieausstellung eine Technologie vorgestellt wurde, bei der Alkohol aus Gas, Wasser und Schwefelsäure hergestellt wird." "Ich habe davon gehört." "Es wurde behauptet, man könne einen Hektoliter zum Preis von fünfundzwanzig Franken brennen."

Ich pfiff durch die Zähne, dann sagte ich "Sie beschränken sich also nicht nur auf Wein?" "Ich beschränke mich überhaupt nicht, lieber Nikolai Alexandrowitsch. Ich bin Geschäftsmann wie Sie. Wenn man morgen ein Verfahren zur Herstellung von Wasser erfindet - er hob dabei sein Glas kurz an - würde ich alle meine Ersparnisse aus dem Weinhandel dafür verwenden, um eine Lizenz zu erwerben." "Ja, das wäre bestimmt eine lukrative Investition." "Na ja, vielleicht nicht alle Ersparnisse, denn ich liebe den Wein, ich liebe ihn als ein Geschenk der Natur und des Gottes Dionysos."

"Und dieses Gasverfahren, verspricht das was?" "Es verspricht viel, aber ob es das auch hält, weiß keiner. In Saint Quentin in Paris hat man eine Compagnie d'alcool hydrocarboné gegründet, mit großem Pomp, alle Zeitungen haben darüber berichtet, die Aktien waren vielfach überzeichnet. Natürlich ist es eine großartige Idee, aus den Gasen der Koksöfen Spiritus zu gewinnen, sozusagen aus dem Abfall." "Für die Industrieländer wäre das sicher sehr aussichtsreich." "Ja, und für die anderen Länder würde es bedeuten, daß ihre Spiritusproduktion lahmgelegt würde, weil man ihn viel billiger einführen kann." "Man würde die Zölle erhöhen." "Wahrscheinlich. Aber bis jetzt sieht die ganze Sache noch gar nicht danach aus, als würde sie funktionieren."

"Und diese Compagnie in Paris?" "Die Aktie ist im Keller." "Hatten Sie welche gehalten?" Bentheim winkte ab. "Nicht der Rede wert. Ich bin alt genug, um nicht mehr an jede Neuheit zu glauben. Mister Winston, geben Sie uns bitte zwei Ben Nevis." "Selbstverständlich, Mister Bentheim." "Auf Ihr Wohl, Nikolai Alexandrowitsch, und auf gute Geschäfte!" "Danke gleichfalls, freut mich, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben, Herr Bentheim."

Ich möchte an dieser Stelle anmerken, daß der Herr an der Bar in dem Londoner Hotel derselbe Ludwig Bentheim war, den ich einige Zeit später in der Schweiz wiedertraf, als ich bei der Konferenz der Friedens- und Freiheitsliga in Genf dabei war. Dazu später mehr.

Wir tranken an diesem Abend im Londoner Hotel fast eine ganze Flasche Whisky leer. Ich weiß nicht mehr, wie wir darauf kamen, und ich denke bis heute darüber nach, ob es bloßer Zufall oder ein (von wem auch immer) geplantes Arrangement war, jedenfalls erzählte mir Bentheim von einem russischen Schriftsteller, der seit einiger Zeit in London in der Fremde lebt, nachdem er mitsamt seiner Familie vor den Häschern des Zaren fliehen musste.

Bentheim schlug vor, ihn gemeinsam zu besuchen, das heißt, er behauptete, dieser Mann habe bei ihm, Bentheim, noch eine offene Rechnung, eine Lieferung über fünfundzwanzig Flaschen Wein betreffend (keinen französischen, sondern den roten ungarischen), und er wollte mich dabei haben, "weil es ihm in Gegenwart eines Fremden unendlich peinlich sein würde, mich länger hinzuhalten." Mich überzeugte das Argument nicht recht, aber ich ging mit.

Er wohnte ganz in der Nähe, ebenfalls hinter dem Regent's Park. Er hatte den Salon in der mittleren Etage gemietet, der so groß war, daß man ihn in drei separate Zimmer aufteilen konnte, aber die Wände waren aus dünnem Holz, und es zog. Überall standen kleine Skulpturen aus Gips und Marmor und Bronze herum, manche offensichtlich nach antiken Vorlagen, andere süßlich verspielt, jede Menge neckische, halbbekleidete Frauenfiguren.

Alexander Iwanowitsch Jakowlew (so stellte ihn Bentheim vor) meinte, alle diese Figuren besäßen eine eigene kleine Geschichte, was ich mir vor allem bei den weiblichen Figurinen lebhaft vorstellen konnte. Ansonsten war beinahe jeder freie Platz vollgestopft mit Büchern und beschriebenem Papier: Manuskripte, Briefe über Briefe und auch Bilder, genauer gesagt Karikaturen; Stapel von Zeitungen, die Packen jeweils mit Bindfaden verschnürt, türmten sich, und ich sah auch große, gefaltete Bogen, die aus einer Druckerei stammten.

Ich wollte nicht neugierig sein und streifte alles nur mit flüchtigem Blick, und überall erkannte ich russischen Text. Um mich davon loszureißen, schaute ich auf die besagten Figuren, und dieser Jakowlew schaute auf mich und erklärte, woher sie stammen und was sie darstellen. Mir schien, er wollte mich ablenken, er war offensichtlich nicht besonders erfreut über meinen Besuch, und ich dachte bei mir, er wird Bentheim tüchtig ausschimpfen, wenn sie unter vier Augen sind. (Bentheim sprach übrigens keine Silbe von der offenen Weinrechnung.)

Jakowlew bat uns, Platz zu nehmen und bot uns Tee an; der Mann, der ihn brachte, war jedenfalls kein Diener. "Wo ist Malwida?", fragte unser Gastgeber, und der Mann antwortete "Sie erledigt mit den Kindern Schulaufgaben." Wir tranken den Tee, und Jakowlew wandte sich an mich: "Nun Nikolai Alexandrowitsch (ich hatte mich natürlich gleich eingangs höflich vorgestellt, hatte aber das Gefühl, er wäre sehr vorsichtig mit mir) haben Sie sich schon in London eingelebt?" Meistens war es mir widerfahren, daß die Leute bei der ersten Begegnung fragen, woher man käme? Nun gut, Jakowlew hörte es an meiner Sprache, aber Russland ist bekanntlich so groß, daß es durchaus von Bedeutung ist, ob man aus Petersburg oder aus Moskau oder aus Odessa kommt, und es macht einen gewaltigen Unterschied.

Bentheim meinte "Ich hatte doch erwähnt, daß er auf Geschäftsreise in London weilt", und es klang wie eine Empfehlung. Jakowlew stellte paradoxerweise fest: "Wahrscheinlich gibt es keine andere Stadt auf der Welt, die jemanden mehr vom Umgang mit Menschen entwöhnt und die mehr zur Einsamkeit erzieht, als London." "Nach Ihrer Korrespondenz zu urteilen, sind Sie aber kein allzu einsamer Mensch", entgegnete ich und deutete auf die vielen offenen Briefe; Bentheim musste lachen.

Jakowlew stutzte, und die Narbe zwischen seinen Augenbrauen fing an zu glühen. Ich befürchtete, daß er etwas Grobes erwidern würde, aber er beachtete mich nicht weiter und sagte zu Bentheim gewandt in plötzlich aufbrausendem Ton und als hätte ich ihn mit dem Wort "Korrespondenz" dazu angestachelt: "Dieser Mazzini ist ein Starrkopf und ein Utopist obendrein!

Die Italiener sind unzufrieden mit den Richtlinien, die er ihnen schickt, sie sagen, er sei schlecht informiert über die Situation in Italien. Sie beklagen sich über die revolutionären Höflinge, wie sie sich ausdrücken, die nur aus Liebedienerei zu ihm, Mazzini, versichern, daß alles bereit sei zum Aufstand und man nur noch auf das Signal warte."

Jakowlew warf sich in seinem Sessel zurück und schickte einen Blick nach oben, als wäre da ein Punkt, von dem aus man alles überschauen könnte. Dann beugte er sich wieder vor. "Und im nächsten Satz sprechen sie von inneren Reformen, um dann gleich darauf wieder das militärische Element, das man forcieren müsse, heraufzubeschwören."

Mir war nur teilweise klar, wovon er sprach. Guiseppe Mazzini war ein italienischer Berufsrevolutionär, der seit einem halben Jahrhundert für die nationale Einigung Italiens kämpfte, soviel wusste ich wenigstens. Bentheim fragte "Warum sagen es ihm die Italiener nicht selbst?" "Weil sie meinen, daß Mazzini Vertrauen zu mir hat, was auch stimmt, und weil sie und er wissen, daß ich in einer vollkommen unabhängigen, in einer parteilosen Position bin. Seltsamerweise ist das in ihren Augen mitunter ein hochzuschätzender Vorteil."

"Für einen Unterhändler ist er das bestimmt", sagte Bentheim, "er hat stets ein höheres Ansehen, wenn er sich auf seine Neutralität beruft, das kann schwerlich ein Parteigenosse tun, ohne sich dem Verdacht der Voreingenommenheit auszusetzen." "Ja, aber ich bin kein Unterhändler, für niemanden. Damit verdient man sein Brot, Diplomaten tun das, ich nicht! Und ehrlich gesagt habe ich auch längst keine Lust mehr, zwischen den Leuten zu vermitteln oder sie gar miteinander zu versöhnen, wenn sie selber dazu nicht fähig sind.

Wenn die Italiener meinen, daß Mazzini über die politische Situation in ihrem Land schlecht informiert ist, ist das ihr Problem; und wenn Mazzini glaubt, er kenne die Lage nicht nur in Genua, sondern, wie er selber sagt, in ganz Italien, in jedem kleinen Flecken von den Abruzzen bis Vorarlberg, ganz genau, dann kann und will ich das nicht beurteilen.

Es wäre besser, wenn sich Mazzini erst einmal mit Garibaldi verständigt, der seinerseits behauptet, er würde die italienischen Massen am besten kennen. Vielleicht hat er sogar recht: er hat sein ganzes Leben mit den Plebejern verbracht, während Mazzini - na, er ist wie ein mittelalterlicher Mönch, der über eine gewisse Seite des Lebens vollkommen im Bilde ist, aber die andern Seiten, die schreibt er sich nach seiner Vorstellung. Verstehen Sie etwas von Journalismus, Nikolai Alexandrowitsch?", wandte er sich urplötzlich wieder an mich. Ich war mit meinen Gedanken inzwischen anderswo und überrascht. "Bitte?" Bentheim fragte "Kennen Sie den Kolokol?"

Nachdem dieser Name gefallen war, hatte ich ein unbestimmtes Gefühl, man wollte mich für irgendetwas gewinnen, das damit im Zusammenhang stand. Ich kam nach dieser ersten Begegnung mit Jakowlew schnell zu der Überzeugung, daß er und Bentheim sich zweifellos vorher abgesprochen hatten, ob ich seine Bekanntschaft machen soll. Auch wenn unsere Unterhaltung eher belanglos war, hatte Jakowlew augenscheinlich nichts dagegen, wenn ich wiederkomme. Was mir Bentheim zwischenzeitlich (an der Bar des Primrose Hill) über ihn erzählte, hätte er bestimmt für sich behalten, wenn Jakowlew mir ablehnend begegnet wäre.

Ein andermal erlebte ich Jakowlew in aufgekratzter Stimmung, wie er in der Runde seiner Besucher (es mochten vielleicht acht oder zehn Leute in seinem Salon zugegen sein) gerade über Michail Bakunin sprach, mit dem ihn eine lange, tiefe Freundschaft verbindet.

"Stellen Sie sich vor: er ist elf Monate im Kerker an die Wand gekettet, er hat sowenig Bewegungsfreiheit wie ein Fuchs, der mit der Pfote in der Falle festhängt; elf Monate hat er so ausgeharrt, bis ihm die Flucht gelingt. Er treibt auf dem Amur stromabwärts, durchquert halb Sibirien bis an die Küste, er setzt auf einem Schoner über den Pazifik und geht in Kalifornien an Land, er reist von der Westküste zur Ostküste, überquert den Atlantik, und an einem nebligen Morgen kommt er in London an, mit nichts als den Sachen, die er auf dem Leib trägt; wir fallen uns in die Arme, weinen, schluchzen, schütteln uns durch und schauen uns in die Augen, und seine ersten Worte nach diesem ergreifenden Wiedersehen sind: 'Kann man hier Austern bekommen?'

Das ist er, Bakunin, wie er leibt und lebt. Ein Bär von einem Mann, ein Gigant, mit einem Löwenkopf und so einer wilden Mähne. Er redet, predigt, befiehlt, schreit, lacht, organisiert und debattiert vierundzwanzig Stunden am Tag; er schreibt Briefe, fünf, zehn, fünfzehn Stück hintereinander, seitenlange Briefe nach Semipalatinsk und nach Arad, nach Belgrad und Zargad, nach Bessarabien, an die Moldawier und nach Belokriniza, und er schwitzt dabei unmäßig und raucht soviel wie eine ganze Schwadron, überall liegen Häufchen von Tabak und Asche auf allem, und vom frühen Morgen an zieht der Qualm in dicken Schwaden durch die Wohnung in Paddington Green; aber das Stubenmädchen und die Wirtin lieben ihn abgöttisch."

Mir schien, daß auch Jakowlew ihn liebte, ungeachtet seiner höchst eigentümlichen Art, die sicherlich bei vielen anderen Befremden auslöste. Auch konnte man sich, wenn man Jakowlews Schilderungen hörte, kaum eine größere äußere Gegensätzlichkeit zwischen den beiden vorstellen, aber vielleicht war es ja gerade das, was sie aneinander schätzten.

Ich hatte bereits (aus anderen Quellen) eine Menge über Bakunin gehört und gelesen, er war ein Heroe, eine Gestalt wie Karl Moor aus Schillers Räubern und einer der von unserer Geheimpolizei am meisten gefürchteten und gehassten Landsleute. Er rückte immer stärker in unser Interesse und in unsere Investigationen, was dazu führte, daß ich ihm persönlich begegnete, worüber ich weiter unten ausführlicher berichten werde. Ich möchte aber an dieser Stelle etwas einschieben und vorwegnehmen, das mit jenem Unternehmen namens Kolokol zu tun hat, von welchem Bentheim gesprochen hatte.

Ich erfuhr von der Bedeutung und dem ganzen Ausmaß der Wirkung des Kolokol erst nach meiner Rückkehr aus London. Kolokol ("Die Glocke") hieß jene Zeitschrift, die von London aus in Russland verbreitet wurde und so etwas wie der Seuchenpfuhl der antizaristischen Hetze war. Preguschin hat mich dann darüber aufgeklärt und als Herausgeber und führende Köpfe des Kolokol zwei Männer genannt: Alexander Iwanowitsch Herzen und Nikolai Platonowitsch Ogarew.

Die Überwachung des Kolokol und alle Maßnahmen zur Abwehr seiner Propaganda waren ursprünglich bei der Sektion III anhängig, sie hatten dort die interne Bezeichnung "Orsett House", nach der ersten Wohnung Herzens in London. Orsett House galt als zentraler Punkt für alle Aktivitäten der russischen Exilanten. Aber nicht nur das. Dort verkehrte so ziemlich alles, was in der subversiven Bewegung Europas Rang und Namen hatte: von Bakunin und Marx über Mazzini, Kossuth und Blanc bis hin zu Chojecki, Wetoschnikow und Proudhon (obwohl es bei dem letzteren eher schon eine Legende ist, daß er sich in Orsett House aufgehalten hat, wahrscheinlich ist Herzen ihm nur in Paris begegnet).

Als Preguschin mich über die Londoner Gruppe unterrichtete, fiel es mir wie Schuppen von den Augen, und es überlief mich tatsächlich ein kalter Schauer: Jakowlew konnte niemand anderes sein als Alexander Herzen (Jakowlew war der Familienname seines Vaters).

Ich gestehe, ich musste für einen Augenblick um Fassung ringen, damit ich vor Preguschin nicht den Kopf verliere; und auf die Schnelle konnte ich die Geschehnisse in London, die nun plötzlich, mitsamt einiger wichtiger Akteure, in ganz anderem Licht erschienen, auch gar nicht neu ordnen. Aber ich weiß heute noch genau, wie ich zu mir selber sagte: 'Halt lieber die Klappe, bevor du dich in Widersprüche verstrickst!'

Preguschin dachte immer auch an sein Renommee, er wollte die Knochenarbeit gern der Sektion III überlassen, wo man zeitweise verzweifelt versuchte, den Einfluss der ausländischen Provokateure und Unruhestifter einzudämmen. Er selber konzentrierte sich auf die namhaften Leute. Er zeigte mir einen Brief an Meridanow, den russischen Botschafter, dem ich in London "behilflich" gewesen war. Der Absender des Briefes war Alexander Herzen, und er - nun, wie soll man es nennen? - er empört sich darin über Gerüchte, daß ein "Mordanschlag" auf ihn geplant sei, und zwar in Auftrag gegeben von der Kanzlei des Zaren.

"Wer will mich töten? Auf wessen Befehl?", war in dem Brief zu lesen, "Der Verdacht fällt offenbar auf den Kaiser. Ich glaube aber nicht, daß er es befohlen hätte. Sie werden vielleicht wissen, daß ich in vielen Dingen eine andere Meinung habe als Alexander Nikolajewitsch; ich werde aber nie annehmen, daß er Mörder aussendet. Übrigens liegt das auch weder in seinem Charakter noch in den Traditionen des Herrscherhauses; die Mitglieder desselben sind doch keine Albaner oder Borgias, die meuchlerisch morden würden.

Ich weiß sehr wohl, Herr Baron, daß dieselben manchmal versuchten, den Gang der Dinge nach ihren geheimen Wünschen zu lenken, aber das geschah nur in der eigenen Verwandtschaft, in der Familie, im Geschlecht. Ich stehe dagegen in keinem so nahen Verhältnis zu Alexander Nikolajewitsch, um ein Anrecht auf eine solche Behandlung beanspruchen zu können."

"Finden Sie das komisch, Nikolai Alexandrowitsch?", fragte mich Preguschin, der mein Lächeln beim Lesen dieser Stelle sehr wohl registriert hatte. "Keineswegs", antwortete ich schnell, "ich bin bestürzt über soviel Frechheit." Preguschin nickte, aber er war nicht ganz zufrieden.

In Wahrheit schmunzelte ich über die Ironie, mit der sich Herzen gegen jeden Verdacht verteidigt. Nein, es ist keine Verteidigung, wofür und vor wem sollte er sich verteidigen? Aber es ist doch so: Er verwahrt sich lediglich gegen eine zu enge Beziehung zum Kaiser, als ob dies der einzige Hinderungsgrund wäre, nicht von ihm verfolgt und gar ermordet zu werden. Für Preguschin freilich war das eine Majestätsbeleidigung und Diffamierung der Kaiserlichen Familie.

Ich fragte ihn, ob an dem Mordkomplott etwas dran wäre. Er schien überrascht. "Was soll diese Frage, Nikolai Alexandrowitsch? Darum geht es doch hier gar nicht. Es ist eine ungeheuerliche Verleumdung, die dieser ... Dissident da ausspricht." "Sie glauben also, daß er sich das selber ausgedacht hat?" "Ausgedacht? Das klingt, als würde dahinter ein klarer Verstand stecken.

Falls Sie wirklich so naiv sind, Nikolai Alexandrowitsch, was mich sehr verwundern würde, will ich Ihnen sagen, wie Kreaturen von solchem Kaliber vorgehen: sie setzen ein Gerücht in die Welt, sie würden von der Staatsmacht mit Repressalien bedroht, sie würden ausspioniert, in ihrer Arbeit behindert, drangsaliert oder gar terrorisiert; sie behaupten, man würde sie überwachen, jeden ihrer Schritte, jede ihrer Handlungen protokollieren, jedes ihrer Gespräche mithören, die Namen und Adressen von allen notieren, mit denen sie auch nur in flüchtigen Kontakt treten; sie behaupten, alle Behörden, bei denen sie vorsprechen, hätten geheime Anweisungen, ihre Bitten oder Gesuche restriktiv zu behandeln; sie würden dadurch benachteiligt, diskriminiert, ihr ganzes alltägliche Leben würde in unerträglichem Maß erschwert; ihre Familie, die Frau, die Kinder, die Eltern würden darunter leiden und schließlich krank werden oder sich von ihnen abwenden; alle ihre Aussichten auf beruflichen Erfolg und ein Leben in Würde und Wohlstand würden kraft administrativer und konspirativer Maßnahmen zunichte gemacht."

Preguschin unterbrach seine Ausführungen, um Luft zu holen, "Und was tun sie dann? Sie flüchten ins Ausland, weil sie sich angeblich dort sicherer fühlen. Sie entziehen sich jeder Verantwortung auf die leichteste und billigste Weise; und leider, ja, hier man muss sagen: leider gewährt unser Staat jedem diese Freizügigkeit, welche die allermeisten zu schätzen wissen, die aber einige wenige nur ausnutzen, um ihr schändliches Tun unbeschadet fortzusetzen.

Sie reden den lieben, langen Tag von Mütterchen Russland und davon, daß ihr Herz für ihre Heimat schlägt. Aber bei der nächstbesten Gelegenheit machen sie sich aus dem Staub und lassen alles im Stich. Wie einfach ist das, von Paris aus, von London oder aus dem sonnigen Italien sich über Russland zu echauffieren und dabei die innigste Verbundenheit zu heucheln. Wie bequem und wie egoistisch ist das!

Diese erbärmlichen Figuren leiden an einer psychischen Krankheit, sie glauben, sie wären Opfer einer höheren, einer dämonischen Macht, und in ihrer Verblendung und in ihrem boshaften Neid auf alles Normale fangen sie an, den Staat zu hassen, weil sie meinen, der Staat, die Regierung, ja die ganze Nation hätten sich gegen sie verschworen, und sie beginnen, krankhafte und gemeingefährliche Wahnvorstellungen auszubrüten und schreckliche, fast könnte man sagen: blutrünstige Aktionen zu planen, um der Staatsmacht auf jede erdenkliche Weise zu schaden.

Früher", fuhr Preguschin etwas ruhiger und zugleich entschlossener fort, "hat man mit solchen Leuten kurzen Prozess gemacht, man hat sie geköpft, ihnen die Hände und Zunge abgeschnitten und am Tempeleingang ausgestellt, zur Abschreckung. Aber infolge der Demokratisierung des Gemeinwesens und der Liberalisierung jeglichen öffentlichen Lebens geht das nicht mehr so einfach, was natürlich andererseits auch sein Gutes hat: durch die gründlichen, manchmal vielleicht sogar langwierigen, in jedem Fall aber glasklaren Prozesse gegen die Feinde des Staates wird jedermann vor Augen geführt, daß eben dieser Staat auch noch den ärgsten Widersacher nach menschlichen Grundsätzen behandelt, schon allein dadurch, daß ihm das Recht auf einen Verteidiger zugebilligt wird, etwas, das früher überhaupt nicht in Frage kam."

Zweierlei beunruhigte unsere Kollegen aus der Sektion III am meisten: erstens, daß der Kolokol auf immer neuen Wegen nach Russland eingeschleust wurde, und zweitens, daß offenbar immer mehr junge Menschen (hauptsächlich, aber nicht ausschließlich Studenten) für dessen Verbreitung sorgten. Übrigens war da noch etwas, das mir selber zu denken gab: der berüchtigte Belinski Brief war seinerzeit in einer Zeitschrift von Herzen erschienen, kurz nachdem Dostojewski aus der Katorga entlassen wurde. Darauf spielte auch der Major K. an, der nicht glauben mochte, daß dies ein Zufall ist.

Freilich, wie hätte Fjodor Michailowitsch diesen Brief während seiner Haft bei sich behalten und aufbewahren sollen? Aber vielleicht hatte er ihn zuvor, auf dem Weg nach Sibirien, irgendwo an einem sicheren Platz deponiert, ich meine nicht vergraben, sondern jemandem übergeben, dem oder der er vertrauen konnte. Bekanntlich hatte er unterwegs zum Beispiel Kontakt zu den Dekabristenfrauen, hätte er nicht eine von ihnen bitten können, den Brief an sich zu nehmen?

Andererseits, wie hätte er ihn bereits bei seiner Verhaftung verschwinden lassen können? Ich weiß es nicht. In den Verhör Protokollen heißt es, Mombelli habe ihn eingesteckt, aber er ist dann bei den Ermittlungen nie gefunden worden. Von diesem Brief, um dessen Vervielfältigung und Verbreitung willen so viel Schaden angerichtet und unsägliches Leid verursacht wurde, von diesem Brief sollte angeblich kein Original vorhanden sein!?

Zweifellos gab es irgendwo in London eine Druckerei für den Kolokol und die angeschlossenen Journale, wie zum Beispiel die Stimmen aus Russland, das Swobodnoje Slowo oder einige andere, welche im Kielwasser des außerordentlich erfolgreichen Kolokol fuhren und die ja auch irgendwie mit Informationen und Beiträgen aus dem russischen Vaterland versorgt wurden. Aber diese Druckerei befand sich offenbar nicht in Orsett House, und es wäre wahrscheinlich auch müßig und schließlich vergeblich gewesen, herauszufinden wo sie war, man hätte damit zu viel kostbare Zeit verplempert.

Der Schwerpunkt der Ermittlungen verlagerte sich zunehmend von London auf den Kontinent, und zwar zunächst nach Warschau, Paris und Dresden, welches, sozusagen auf der Ost West Achse, als Verbindungsglied zwischen Polen, respektive Russland und Frankreich, und in anderer Richtung zwischen Preußen und Österreich fungierte. Man wandte sich diesen Orten zu, ohne über die Verhältnisse in London vollends aufgeklärt zu sein, und das hatte seinen Grund darin, daß man auf einmal schneller sein wollte als diejenigen, die man verfolgt. Und es lag wohl auch an einer gewissen Personalknappheit.

Wenn im Königreich Sachsen, in Leipzig, in Dresden, ja sogar in dem vergleichsweise provinziellen Naumburg (der Hinweis stammte von einem informellen Mitarbeiter an der dortigen Fürstenschule und es dauerte eine Weile, bis wir den Ort auf der Karte gefunden hatten) Propagandaschriften für den pro-polnischen und den anti-russischen Untergrundkampf gedruckt und umgeschlagen wurden, dann sollte man nicht mehr länger in London oder in Berlin dem Feind hinterherjagen, sondern ihm dort auflauern, wo er eben jetzt sein neues Lager aufschlägt, um sein Treiben im Keim zu ersticken.

Was die Leute der Sektion III zudem ärgerte, war die erstaunliche Sachkenntnis vieler Artikel, ein deutliches Indiz dafür, daß sie in Russland, also direkt vor Ort verfasst wurden. Sodann die hervorragenden Verbindungen, die der Kolokol besitzen musste, um aus dem Ausland nach Russland hinein geschafft zu werden, selbstverständlich unter Umgehung der Zensur und der Zollbehörden; und nicht zuletzt die scheinbar unversiegbaren finanziellen Quellen, aus denen er gespeist wurde.

Beim Kolokol war anscheinend jedermann willkommen, oder wurde zumindest respektiert, solange er nur gegen die russische Regierung und den Zaren eingestellt war und einigermaßen prägnant formulieren konnte. Vielleicht war das Herzens Verdienst, der bei allen Vorbehalten, welche er gegen bestimmte Leute hegte, so etwas wie eine Integrationsfigur war und der auch ideologische Abweichler in den eigenen Reihen zu Wort kommen ließ. Vielen Journalisten war bewusst, daß sie nicht an ihm vorbeikommen, wenn sie gehört und gelesen werden wollten.

Ich konnte mir nicht vorstellen, daß da großartige Honorare gezahlt wurden, und Herzens Lebensstil in London war alles andere als anspruchsvoll, nicht einmal komfortabel, eigentlich wohnte er dort wie auf gepackten Koffern, eben wie ein echter Refugié. (Bentheim erzählte mir an der Bar des Primrose Hill, daß der versierte Anwalt James Rothschild große Anstrengungen unternähme, um den Besitz der Familie in Russland vor der Konfiskation zu retten. Selbst wenn Herzen Vermögen hatte, konnte er womöglich nicht darauf zugreifen. Andererseits konnte er sich aber einen teuren Anwalt leisten.)

Die antirussischen Pamphlete konnten natürlich unmöglich alle aus der Herzen'schen Redaktion stammen, nicht einmal die meisten davon, sie war lediglich das Sammelbecken und der Umschlagplatz dafür. Aber Preguschin vertrat die Devise, wir müssten uns auf die stürzen und sie mundtot machen, welche unter ihresgleichen am stärksten und einflussreichsten sind. "Denen müssen wir das Genick brechen! Die Kleinen gehen dann von selbst ein, wenn sie sehen, daß die Großen verschwunden sind. Auf einen Leithund kommen zwanzig Pinscher, die ihm am After lecken!"

Die ganze Zeit über sagte ich kein Sterbenswort über meine Londoner Bekanntschaften, ausgenommen den sächsischen Gesandten Friedrich Graf von Beust, weil ich damit bei Preguschin Eindruck machen (und ihn von den anderen Personen ablenken) wollte. Und als er mich fragte, ob mir denn in London irgendetwas aufgefallen sei, das auch nur im entferntesten mit der Tätigkeit der Exilanten zu tun haben könnte, sagte ich nein, ich hätte mich voll auf die Konferenz und die dänisch-deutsche Angelegenheit konzentriert.

Ich habe im Nachhinein daran gedacht, daß es möglich sein könnte, der Sektion sei bei der Vorbereitung meiner Entsendung ein Fehler unterlaufen und man habe vergessen, mich mit dem Fall "Orsett House" vertraut zu machen. Aber alle diesbezüglichen Unterlagen kursierten erst nach meiner Rückkehr in unserer Sektion, ganz so, als hätte man solange gewartet, bis ich wieder da bin.

Ich muss gestehen, ich war während der Londoner Konferenz meinem Dienstherrn, Baron Meridanow, keine sonderlich große Hilfe gewesen (abgesehen vielleicht von dem ersten Abend, was aber auch jeder x-beliebige Andere hätte leisten können, wenn er in dem Moment an meiner Stelle dort aufgetaucht wäre). Er schien mir manchmal etwas kauzig, und seine "Rücksichtnahme" beim Tod seiner Gemahlin bringt mich auch heute noch zum Schmunzeln; was muss er sich dabei gedacht haben? Aber er hielt sich auch nicht für unverbesserlich, er nahm einen ehrlich gemeinten Rat gern an, zumindest nahm er ihn entgegen, und er hörte sogar mir zu, wenn ich ihm meine Meinung zu dieser oder jener Angelegenheit mitteilte.

Freilich, wenn ich es recht bedenke, so tat er das eben auch mit jener nachsichtigen Miene, die zugleich etwas von Ernüchterung hat, und einmal sagte er zu mir: "Nun, junger Mann, wenn Sie sich so lange auf dem diplomatischen Parkett getummelt haben wie ich, dann werden Sie womöglich zu der gleichen Erkenntnis kommen, daß sich das meiste in der Welt von selbst erledigt. Je weniger wir darin eingreifen, umso weniger haben wir hinterher zu bereuen und wiedergutzumachen. Im übrigen ist die Weltgeschichte ein unaufhörlicher Wechsel von Zusammenhalt und Auflösung, Staaten verbünden sich untereinander, wenn es zweckvoll erscheint, und sie trennen sich wieder, wenn Neid und Missgunst die Oberhand gewinnen. Oft gibt es auch gar keinen erkennbaren Grund dafür, daß etwas geschieht und unser begrenzter Verstand kann ohnehin in solche Vorgänge keine wirkliche Einsicht gewinnen, wo wir nicht einmal sagen können, wie das Wetter in der kommenden Woche sein wird."

Der Baron machte mich mit etlichen subalternen Mitarbeitern der anderen Konferenzteilnehmer bekannt, also mit jenen, die in der gleichen Stellung und ähnlichen Funktion wie ich anwesend waren. Und das war wirklich ein Glück für mich. Auf diese Weise lernte ich den Legationsrat Walter Freiherr von Lentzen kennen, der dem Grafen von Beust zur Seite stand und der in Dresden im Ministerium einer seiner engsten Vertrauten war. Ich weiß nicht genau zu sagen, woran es lag, ob am etwa gleichen Alter oder an gewissen gleichen Vorlieben und Aversionen (was wir freilich erst im Laufe unserer Bekanntschaft feststellten), jedenfalls verband uns praktisch vom ersten Moment an eine freundschaftliche Neigung.

Graf von Beust hatte sich über Lord Clarendon um einen Besuch bei der Königin Victoria bemüht. Der Lord zeigte sich, wie mir Lentzen jetzt freimütig erzählte, zunächst wenig zugänglich, hatte aber offenbar Ihre Majestät, die Königin, davon unterrichtet, und übermittelte zwei Tage später von Beust die herzliche Einladung der Queen, die von Beust einen alten, guten Bekannten nannte!

Der Prinzgemahl Albert war vor einigen Jahren gestorben (er war nur 42 Jahre alt geworden). Er stammte bekanntlich aus dem Herzogshaus Gotha und Coburg, das einen sächsisch-thüringischen Ursprung hatte. Die Königin war seit seinem Hinscheiden in Trauer, sie trug nur noch schwarze Kleider und hielt sich die meiste Zeit in Osborne auf der Insel Wight auf. Es hieß, daß viele ihrer Untertanen ihre strikte Zurückgezogenheit als übertrieben empfanden, aber sie war ja der öffentlichen Welt nicht völlig entrückt, und nach Osborne war es beinahe nur ein Katzensprung. Die Queen hatte ihren Gemahl nicht nur geliebt, sondern über alles geschätzt, was für eine Monarchin von ihrem Rang sehr viel bedeutet und noch mehr wert ist.

Lentzen stellte mich Friedrich von Beust vor, wir sprachen über Petersburg, ihm war ein Besuch der Eremitage in schöner Erinnerung geblieben. Ich erwähnte meine deutschen familiären Wurzeln. Dann sagte er von sich aus "Freiherr von Lentzen hat mir gesagt, Sie würden uns gern nach Osborne begleiten?" "Überaus gern, Euer Wohlgeboren." "Kennen Sie die Königin?" "Nein, nicht persönlich." "Wie sollten Sie auch, so jung wie Sie sind." Er lächelte milde.

"Und haben Sie mit Ihrem Kaiser Alexander schon das Vergnügen gehabt?" "Während einer Audienz, ja." "Nun, dann werde ich mich mit Ihnen wohl nicht blamieren." "Ich verspreche Ihnen, Euer Wohlgeboren, das wird nicht passieren." "Gut, Sie dürfen also mitkommen. Und nennen Sie mich nicht Wohlgeboren, ich bin Graf von Beust." Ich bedankte mich artig und freute mich wirklich aus ganzem Herzen auf den Besuch bei der Königin.

Osborne ist ein liebliches Anwesen im ländlichen Stil, dabei mit allem Luxus ausgestattet, der sich für das Königshaus geziemt, nur dient dieser Luxus, wie mir scheint, nicht der Repräsentation, sondern einer gewissen inneren Souveränität der Bewohner. Ich konnte gut nachvollziehen, daß die Königin nur ungern diesen Ort verlassen wollte, denn hier hat sie alles, was ihr wirklich gehört, einschließlich dem Andenken an ihren seligen Gemahl.

Das Wetter war großartig: Sonnenschein, klare Luft, eine angenehme Wärme und eine leichte, erfrischende Brise, die vom Meer herüberwehte. Hinter dem Haupthaus (eigentlich vor seiner Vorderfront, denn man betritt es durch den Eingang auf der Rückseite) erstreckt sich ein parkähnlicher Garten im typisch englischen Stil.

Lord Clarendon (sehr schweigsam und sehr förmlich) führte Graf von Beust und uns Begleiter auf einem mit feinem Kies befestigten Weg über den gepflegten Rasen zu einem offenen, weißen Pavillon, in dem sich die königliche Gesellschaft befand. Weiter unten, in einer flachen Senke war ein Karee mit gelben und roten Bändern eingegrenzt, auf dem einige Herren Kricket spielten, während am Rande die Damen in hellen Kleidern und mit Sonnenschirmen zuschauten.

Königin Victoria saß wie unter einem Baldachin im dunklen Kleid mit dunkler Haube im Kreise ihrer Vertrauten und engen Freunde, welche - immer leicht gebeugt - um sie herum standen. Sie war ein bisschen füllig geworden, pausbäckig und sah sehr zufrieden aus, als wäre sie eins mit sich und der Welt. Sie lächelte Beust an, als er sie respektvoll und galant begrüßte.

"Mein deutscher Freund", sagte sie, "wie geht es Ihnen und Ihren Lieben?" "Ihre Aufmerksamkeit erfüllt mich mit großer Freude und tiefer Verbundenheit, Eure Majestät. Es ist alles zum Besten bestellt, und was etwa zu wünschen übrig wäre, das möge uns, mit Ihrem Segen, die Zukunft bescheren." "Ich, eine Segensspenderin? Wahrlich, ich glaube, Sie überschätzen meine Fähigkeiten, guter Beust. Aber ich würde es Ihnen gönnen.

Lord Clarendon sagte mir, Sie wären der brave Hirte, der die Herde seiner Bundesgenossen beisammen hält." "Der deutsche Bundestag übertrug mir diese Aufgabe." "König Johann ist sicher stolz auf Sie." "Ich bemühe mich, seinen Erwartungen zu genügen." "Und Fürst von Bismarck? Unterstützt er Ihre Ambitionen? Oder ist er ...", die Königin wandte sich an Lord Clarendon: "... wie nennt man diese Rasse?" "Schäferhund", sagte der Lord trocken. "Ja, ist Bismarck Ihr Schäferhund?", fragte sie lächelnd.

Beust erwiderte "Auch die Preußen haben Interesse an einer vorteilhaften Lösung auf der hiesigen Konferenz." "Ein Vorteil für den einen ist meistens ein Nachteil für einen anderen. Wollen Sie alle zufriedenstellen?" "Die Positionen sind zweifellos unterschiedlich, nicht alle haben die gleiche Aussicht auf Erfolg, aber Anspruch auf Gehör.

Unsere Zeit ist voll von Veränderungen und auch von Umbrüchen, sie zwingen uns manchmal schweren Herzens zu Entscheidungen, die unpopulär sind und nicht auf Anhieb jedem gefallen." "Ja, da haben Sie wohl recht, lieber Beust, manches erklärt sich einem erst viel später. Aber oft gefällt es dann immer noch nicht."

Zu beiden Seiten der Königin standen zwei von ihren Töchtern, Helena und Louise, beide noch keine zwanzig, bezaubernde Geschöpfe von feiner Natürlichkeit und goldiger Gelassenheit und in einigen Zügen, zum Beispiel mit dem niedlichen Schmollmund oder den wachen Kulleraugen, ihrer Mutter sehr ähnlich.

Man konnte es der Königin anmerken, daß sie diesen Auftritt kalkuliert hatte, als sie sagte "Graf von Beust, ich möchte Ihnen den zukünftigen Gemahl meiner Tochter Helena vorstellen." Sie machte ein Zeichen ohne sich umzuwenden, und aus der Gruppe hinter ihr trat ein etwa dreißigjähriger, schneidiger Mann hervor. "Prinz Christian von Schleswig Holstein Sonderburg Augustenburg."

Beust gab dem Prinzen die Hand und verbeugte sich ehrerbietig, auch der Prinz ließ eine höfliche Verneigung erkennen. "Es ist mir eine Ehre und ein besonderes Vergnügen", sagte Beust. Es war ihm nicht entgangen, mit welcher Betonung die Königin die Namen Schleswig-Holstein ausgesprochen hatte, gleichsam wie ein Wort.

"Ich schlage vor, Sie unterhalten sich ein wenig und vertiefen Ihre neue Bekanntschaft", sagte die Königin an beide gerichtet, "es würde mich freuen und stolz machen, wenn Wir hier von Osborne aus die Verhandlungen in London befördern könnten." Beust sagte, indem er vor ihr die gleiche Geste wiederholte "Was für ein glücklicher Umstand und welch' günstige Gelegenheit für mich, die Auffassungen des Bundes einem hohen Vertreter des dänischen Hauses direkt vortragen zu dürfen." "Ja, aber hören Sie sich seine auch an", ermahnte ihn die Königin wie einen Schuljungen. Beust lächelte. "Selbstverständlich, Eure Majestät. Ich habe für alle ernsthaften Vorschläge ein offenes Ohr."

Prinz Christian geleitete den Grafen zur Seite, und aus der Gesellschaft löste sich eine Gruppe von Damen und Herren, welche ihnen folgten, auch Lentzen und ich schlossen uns an. Man plauderte sogleich munter durcheinander, manche waren offenbar froh, aus der Staffage bei der Königin entlassen zu sein.

Prinz Christian fragte den Grafen, ob er gern zur Jagd gehe, und Beust antwortete "Leidenschaftlich gern, Eure Hoheit." "Wo denn?" "In der Gegend von Moritzburg, zirka fünf Meilen nördlich der Dresdner Residenz." Dann musste er dem Prinzen ausführlich beschreiben, wie es sich dort jagen ließe, und im Nu begannen die beiden Männer zu fachsimpeln, wie es unter Jägern überall auf der Welt üblich ist.

Lentzen und ich nahmen indes mit den anderen Vorlieb, unter denen keineswegs nur Adlige waren, sondern auch einige Londoner Bürger, wie zum Beispiel der Bankierssohn Richard Maddock und sogar ein Schauspieler vom renommierten Shakespeare Theater am Trafalgar Square. An seinem Arm untergefasst ging seine Frau, wie ich erfuhr, ebenfalls eine Aktrice; die beiden waren sehr schön, vornehm und ein bisschen kostümhaft gekleidet, sie sahen aus wie auf einem Bild eines französischen Rokokomalers.

Irgendwo unterwegs kam von der Seite ein Grüppchen anderer Spaziergänger auf uns zu, und jemand rief "Lensson! Lensson! Wait! It's me, Marek!" Lentzen erkannte die Stimme des jungen Mannes, es war Marek Podbielski, ein Pole, der, wie mich Lentzen dann aufklärte, nach dem polnischen Aufstand in der Nationalarmee unter General Mieroslawski zum Kommandeur eines Freiwilligenbataillons ernannt worden war, in der Woiwodschaft Augustow den russischen Einheiten des Großfürsten Konstantin ordentlich eingeheizt hatte und dann, als eine Art militärischer Berater nach London geschickt worden war, von wo aus der Widerstandskampf gegen die russische Verwaltung wenn nicht koordiniert, so zumindest tatkräftig unterstützt wurde.

Lentzen hatte Marek in Dresden kennengelernt, wo er kurzzeitig zum Kreis eines angesehenen polnischen Schriftstellers gehörte, der auf der Nordstraße sein Haus hatte. Die beiden begrüßten sich überschwänglich, und Lentzen stellte auch mich vor. Marek war stark, lebhaft, mit einem breiten, gutmütigen Jungsgesicht und blonden Haaren, die über die Ohren und in die Stirn fielen. Ich staunte darüber, mit welcher Härte er und seine Kameraden gegen Constantins Soldaten gekämpft hatten, wie mir Lentzen berichtete. Marek selbst sprach, zumindest in meiner Gegenwart, nicht darüber, wahrscheinlich hatte er diesbezüglich einen Vorbehalt gegen mich.

Nichtsdestoweniger legte er mir mehrmals freundschaftlich den Arm um die Schultern, wobei er unter anderem sagte "Nikolai, Nikolai! Der russische Zar wird das polnische Volk niemals unterkriegen, warum lassen Sie uns nicht gleich hier Frieden miteinander schließen und diese unselige Unterdrückung beenden!" Ich antwortete "Ich hätte nichts dagegen, Marek, aber leider bin ich von meinem Kaiser nicht dazu bevollmächtigt."

Er lachte und meinte, ich würde auf ihn den Eindruck machen, als könnte ich durchaus auf eigene Faust Entscheidungen treffen." "Das traue ich mir auch zu", erwiderte ich, "aber keine, die mich wissentlich ins Verderben stürzt." Er schaute mich herausfordernd an. "Nun, dann ist es mit Ihrer Friedensliebe doch nicht weit her." Ich wusste nicht, wie ernst er das gemeint hatte und sagte "Ich habe jedenfalls bisher nur ein einziges Mal eine Waffe auf einen andern Menschen gerichtet, und das war in einer rein privaten Angelegenheit."

Ich konnte nicht vermeiden, daß Marek sich wegen der etwaigen Anspielung auf sein militärisches Engagement brüskiert fühlt, aber er (und übrigens auch der Schauspieler von Shakespeare Theater) rief sogleich "Nikolai, was war da vorgefallen? Das müssen Sie uns unbedingt erzählen!" Gott sei Dank wurden wir von einer Schar Kinder abgelenkt, von denen eins im Vorbeirennen hinstürzte und uns dann unter herzzerreißendem Geheul seine aufgeschürften Knie hin hielt.

Am Ende dieses Aufenthalts in Osborne hatten sich einige Leute (darunter Lentzen und ich) zu einer Schiffspartie auf der Themse verabredet, die dann am Wochenende vom Zollhaus aus startete und mit einem der Dampfschiffe nach Gravesend gehen sollte. Gleich uns unternahmen an diesem Tag hunderte frohgelaunte Einheimische und Besucher Ausflüge auf dem Fluss, die meistens bis zu einem der hübschen Örtchen am Ufer führen, wo man zwei, drei Stunden umherschweifen oder in einem sauberen, netten Gasthof einkehren konnte.

Ein Mann namens Alfred Jemenys, der ein Bekannter von irgendwem war, hatte für uns (wir waren ungefähr zehn Damen und Herren) Plätze auf der "White Eagle" gebucht, aber es stellte sich heraus, daß die Reservierung fehlgegangen war. Während sich Alfred lauthals beschwerte und mit einem der Schiffsleute am Zollhaus herumstritt, machte sich Richard Maddock, der Bankier, auf die Suche nach einem schnellen Ersatz für uns.

Wir landeten schließlich auf der "King George", einem nicht ganz so großen, aber - wie man auf einer Messingtafel lesen konnte - mit einer leistungsstarken oszillierenden Zwei-Zylinder Zwillingsdampfmaschine mit Einspritzkondensation ausgerüsteten Dampfer, auf dem ebenfalls eine andere Gesellschaft unterwegs war. Sie hatte auf dem Deck ein offenes Zelt aus weißem Segeltuch errichtet, unter dem ein opulentes Buffet aufgetischt war. Als wir ein Stück flussabwärts gefahren waren, begann eine kleine Musikkapelle zu spielen.

Alfred hatte sich immer noch nicht wieder beruhigt wegen des Zwischenfalls, er war sichtlich bemüht, jedes Verschulden daran von sich zu weisen. "Das kann schon mal passieren", meinte Richard Maddock, "davon geht die Welt nicht unter." "Und das Schiff auch nicht", meinte die Aktrice vom Theater, die in Begleitung ihres Mannes oder Freundes oder Schauspieler Kollegen mit dabei war. Die beiden hatten ihre "Kostüme" gewechselt: er sah aus wie ein englischer Archäologe auf einer Ägyptenexpedition, mit hohen, engen Wickelgamaschen und einer khakifarbenen Jacke mit zahlreichen Taschen, und sie wirkte wie eine Pflanzertochter aus Neuengland, mit Schlapphut und einer Art Schürze vor dem Kleid, aber beide dabei sehr attraktiv, offenbar hatten sie einen ganzen Koffer mit Garderobe dabei.

"In Ihrer Bank, Richard, wird ja auch nicht vom falschen Konto das Geld abgebucht", sagte Alfred. "Nein, natürlich nicht. Aber was hat das mit den Passagierplätzen auf einem Ausflugsdampfer zu tun?" Jemand hatte allerdings eine diesbezügliche schlechte Erfahrung gemacht. "Auf einem meiner Bankkonten war vor einigen Jahren einmal ein Betrag eingegangen, ich konnte mir nicht erklären, woher das Geld kam." "War es viel?", wollte eine Dame wissen, die ihren leichten, offenen Sonnenschirm an die Schulter gelehnt drehte.

"Oh, eine nicht unerhebliche Summe", sagte er mit britischer Genauigkeit. "Das lässt sich doch zurückverfolgen, oder Mister Maddock?" "Normalerweise ja." "In meinem Fall aber nicht so leicht. Einzig der Einzahlungsort war angegeben: Madras." "Wo liegt das?" "An der indischen Ostküste."

"Vielleicht hatten Sie mal einen Onkel, der dorthin gegangen ist", sagte die Aktrice. Der Herr sah sie erstaunt an. "Woher wissen Sie das?" "Ist mir nur so eingefallen." "In der Tat war es so." Die Dame mit dem Schirm sagte zur Schauspielerin "Sie sollten einen Finderlohn fordern." "Wofür denn?" "Dafür, daß Sie den Absender gefunden haben."

"Nun, er war es nicht selbst, der das Geld überwiesen hatte. Er war, wie sich herausstellte, dort verstorben, hatte keine Hinterbliebenen in Madras, und der einzige Mensch, der offenbar näheren Umgang mit ihm pflegte, war sein Barbier. Dieser Barbier war es auch gewesen, der sich um seine Bestattung kümmerte, seinen Haushalt auflöste und so weiter. Er fand unter den Papieren meines Onkels, übrigens war es ein Großonkel, zufälligerweise meine Londoner Adresse mit Namen und Bankverbindung, es stand alles auf einer meiner Geschäftskärtchen, die der Onkel besaß, ich war eine Zeitlang im Baumwollhandel tätig."

"Alle Achtung, das war aber ein ehrlicher Mann." "Wer?" "Na dieser Barbier." "War es ein Barbier oder ein Friseur?" "Da gibt es doch keinen Unterschied, und in Indien schon gar nicht, da machen sie alles." "Wie, alles?" "Haare schneiden, rasieren, Maniküre, Pediküre." "Manche ziehen auch Zähne heraus." "Um Himmels Willen, wieso denn das?" "Doch nur, wenn es erforderlich ist!"

"Vermutlich war dieser Barbier auch ein guter Freund Ihres Onkels." "Na, das ist doch aus dem Gesagten ziemlich deutlich geworden." "Ich meinte noch etwas anderes." Die meisten der Herren mussten schmunzeln, dann sagte die Dame mit dem Schirm "Mein verflossener Gemahl hatte auch einen Freund in Indien. Er ist sogar mal auf einem Elephanten geritten." "Wer jetzt?" "Mein Mann, ich habe noch ein Photo davon." "Und Sie waren nicht dabei?" "Das war vor unserer Ehe, ich war noch ganz jung." "Mit Verlaub, Madame, Sie wirken auch jetzt noch sehr jugendlich." "Oh danke, aber die Vergangenheit hat doch auch etwas von mir einbehalten." "Das haben Sie schön formuliert", meinte die Schauspielerin.

Marek fragte "War es eigentlich Ihre Bank, Mister Maddock, wo letztes Jahr eingebrochen wurde?" "Nein, zum Glück nicht." "Hat man die Räuber gefasst?" "Nein, soviel ich weiß, noch nicht. Aber die Polizei hält sich bedeckt." "Warum das?" "Vermutlich aus ermittlungstechnischen Gründen."

Eine Dame in einem hellblauen Kleid mit weißen Seidenstrümpfen und ebensolchen hauchdünnen Handschuhen fragte "Ist in Ihrer Bank auch schon mal so etwas vorgekommen?" An ihrer Seite war ein Mann von wahrhaft ritterlicher Gestalt, hochaufragend mit gerecktem Kinn und einem Adlerblick, vielleicht nicht mehr ganz jung, aber offensichtlich von bester Gesundheit.

Richard Maddock antwortete auf ihre Frage. "Über dergleichen Vorfälle herrscht allgemein Stillschweigen, meine Gnädigste. Aber unter uns gesagt, es gab einmal den Versuch, in eine unserer Filialen einzubrechen." "Es hat nicht geklappt?", fragte Alfred. "Nein." "Warum nicht? Waren die Mauern zu dick?", wollte Lentzen wissen. "Die Räuber wurden gestört, durch eine Polizeistreife." "Aber nicht gefasst?" "Sie konnten fliehen, durch die Kanalisation." "Wie bitte?" "Sie waren auf diesem Weg auch bis zu unserem Gebäude vorgestoßen." "Nicht möglich, auf was für Einfälle diese Verbrecher kommen."

Der Begleiter der Blauen Dame sagte "Eine Kanalisation kann manchmal auch einem anständigen Menschen nützen." "Ja, zum Beispiel, um seinen Unrat zu beseitigen", sagte die Schauspielerin, und die Blaue Dame wandte ein "Mein Freund meint etwas anderes, nicht wahr, Heinrich?" Sie schaute ihn an, und er schüttelte sachte den Kopf, als wollte er sich aus Bescheidenheit nicht weiter erklären.

Marek fragte "Was meinen Sie denn?" Die Blaue flüsterte, nicht ohne Nachdruck und Erregung: "Mein Freund ist einmal auf diese Weise der Todesgefahr entronnen." Diesmal musste die Aktrice ein Lachen unterdrücken, es war ihr peinlich, und sie holte schnell aus ihrer Schürzentasche ein Tuch hervor, mit dem sie sich schneuzte.

"Ich konnte während der badischen Revolution", sagte der Ritter, "aus dem eingekesselten Rastatt durch eine Wasserleitung fliehen." "Meine Güte", sagte die Dame mit dem Schirm, "bei Ihrer Größe sicher kein leichtes Unterfangen." "Ich trug ein paar Schrammen davon", erwiderte er gelassen, "das war allerdings, wie Sie begreifen werden, leicht zu verschmerzen, verglichen mit den Kugeln, die meine Brust durchbohrt hätten, wenn ich vor's Standgericht gekommen wäre." "Heilige Johanna! Was für eine Kühnheit."

"Und das war noch gar nichts", sagte die Blaue Dame, jetzt vor Stolz auf ihn ganz rot im Gesicht. "Ach lass' doch, Constanze", wehrte er ab. "Er hat daraufhin einen Kameraden aus dem Kerker befreit", fuhr sie fort, und man sah, daß sie noch jetzt bei dieser Vorstellung um ihn bangte. "Was für ein Kerker war das?", fragte Marek. "Es handelte sich um das Gefängnis in Berlin Spandau", sagte der Ritter. "Eine richtige Festung", ergänzte sie.

"Das war doch nicht etwa der Friedrich Kinkel, den Sie da rausgeholt haben?", rief Lentzen. "Ebenderselbe." "Ach, dann sind Sie Heinrich Kurtz, das Phantom? Es stimmt, man sagte, Sie wären in London untergetaucht." "Na ja, er war ja auch in Deutschland zum Tode verurteilt worden", erklärte Constanze, die offenbar nicht darum besorgt war, daß seine Anonymität aufflog. "Aber man hat mich nicht erwischt", fügte er ebenso freimütig hinzu. Lentzen besann sich. "Allerdings hieß es zuletzt, Sie seien nach Amerika gegangen. Dann war das wohl eine Finte?" "Nein, ich war auch in Amerika."

Daraufhin entspann sich ein lebhaftes Streitgespräch über die Lage auf dem nordamerikanischen Kontinent, und man philosophierte über die Demokratien und die Revolutionen auf dieser und auf jener Seite des Atlantik, über die Emanzipation und den Spekulationsgeist, über religiösen Fanatismus und über modernes Sklaventum, und Heinrich Kurtz erörterte das Prinzip der individuellen Freiheit "bis zu den letzten ihrer Konsequenzen". Aber er suchte nach den richtigen Worten und es schien, als sehnte er sich zurück zu den Zeiten, in denen ein Mann damit glänzte, sich mit bloßen Händen aus allerlei lebensbedrohlichen Situationen zu befreien.

Während der letzten Minuten hatte die Musikkapelle aufgehört zu spielen, und das Stimmengewirr der anderen Gesellschaft übertönte das gleichmäßige Stampfen der oszillierenden Zwei-Zylinder Zwillingsdampfmaschine. Dann kam von der Heckseite ein melodisches Mundharmonikaspiel herüber, und kurz darauf erschien bei uns ein Herr in Frack und Zylinder und mit einem beeindruckenden Schnurrbart, und meinte, die Herrschaften (drüben) würden sich freuen, wenn wir uns zu ihnen gesellen wollen, das Buffet wäre üppig, und bis Gravesend hätte man Gelegenheit, sich "unterzumischen". Er hatte wohl schon ein paar Drinks intus, bewahrte aber tadellose Haltung und bot, mutig voran, der Dame mit dem Sonnenschirm sogleich seinen Arm zum Geleit, worauf sie sich mit einem honorigen Lächeln einließ.

Der Harmonikaspieler war wirklich hörenswert, er schaffte, wie mir schien, sogar mehrstimmige Stücke auf seinem Instrument, und als er in flottere Weisen verfiel, und die Kapelle ihn dezent begleitete, wagten einige Paare ein Tänzchen auf dem Deck. Unsere Leute hatten sich tatsächlich untergemischt, ich stand in Betrachtung der Szene versunken am Geländer und lauschte den Klängen, als jemand zu mir sagte "Spielt er nicht phantastisch?"

Es war Emily Jones, ihre blonde Haarmähne wehte in der sanften Brise und ihre Augen strahlten vor Lebenslust, sie sah hinreißend aus. Auf dem Arm trug sie einen weißen Pudel. "Miss Jones!", rief ich völlig perplex, "Was machen Sie hier?" "Ich habe ihn vermittelt", sagte sie und meinte den Harmonikaspieler. "Eins von Ihren Nebengeschäften?" "Ach, nur ausnahmsweise, der arme Kerl hat letzte Woche noch in der Gosse gelegen, die Mundharmonika haben wir aus dem Pfandhaus geholt, der Anzug ist geliehen. Sein Gebiss konnten wir nirgends auftreiben, aber er spielt auch so wie der Teufel."

"Sie sind wirklich ein gutherziger Mensch. Und das ist, wenn ich nicht irre, der wiedererweckte 'Simson'?" "Wieso wiedererweckt?" "Zuletzt war er doch dem Kältetod nahe." "Natalja hat mich gefragt, ob ich ihn eine Weile aufnehmen kann, beim Baron im Haus ist er nur im Weg oder würde vielleicht vor Sehnsucht nach seinem Frauchen sterben, wenn ihn dort jedes Sofakissen an sie erinnert, nicht wahr, mein Hündchen", sagte sie und kraulte ihn am Nacken.

"Er bringt mir drei Schilling pro Woche. Nicht daß Sie denken, ich wäre nur so tierlieb. Eigentlich bezahlt der Baron fünf an Natalja, aber sie hat ja alle Hände voll zu tun. Außerdem hat sie zuhause trouble mit ihrem Freund, ein furchtbar eifersüchtiger Russe. Sagen Sie mal, Nikolai, sind alle russischen Männer so eifersüchtig auf ihre Frauen." "Meistens, wenn sie besonders hübsch sind", sagte ich.

"Wären Sie eifersüchtig auf mich?", fragte sie, als sollte ich eine Bürgschaft für sie unterschreiben. "Soll das eine Aufforderung sein?" Sie lachte. Ich erklärte "Ehrlich gesagt wusste ich nie genau, was das heißt: eifersüchtig sein. Ich meine, auf wen ist man eigentlich eifersüchtig? Auf die eigene Geliebte oder auf den fremden Liebhaber?"

"Das sind doch Ausreden", sagte sie. "Was für Ausreden?" "Mit denen Sie ablenken wollen von der Tatsache, daß Sie die Dinge nicht im Griff haben." "Oh je, Sie reden mit mir wie mit einem Schwächling. Dabei kennen Sie mich überhaupt nicht." "Ein bisschen schon." Ich schüttelte den Kopf, musste sie aber ungeniert anstarren, sie sah zu gut aus.

"Auf wen ist man eifersüchtig? Auf sie oder auf ihn? Betrogen haben sie Sie beide. Das klingt, als würden Sie zu sich sagen: Einen von beiden muss ich dafür umbringen, aber wen?" "Immer sachte, Emily, ich habe von Eifersucht gesprochen, nicht von Rache." "Es geht um Ihre verletzte Männlichkeit, da ist nur das letzte Mittel das wirksamste."

Das traf mich heftiger, als sie es gewollt hatte. "Was ist denn, Nikolai, ist Ihnen nicht gut? Soll ich Ihnen ein Glas Wasser holen?" "Es ist nichts." "Nein, ein Schwächling sind Sie bestimmt nicht, vielleicht ein bisschen zartbesaitet." "Das wäre mir aber neu. Ich habe außerdem ein dickes Fell." "Und was war das gerade?" "Oh, das kommt vom Schlingern des Schiffs." Wir waren kurz vor Gravesend und der Dampfer begann mit dem Anlegemanöver.

"Gehen Sie auch an Land?", fragte ich. Sie schaute hinüber ans Ufer, Simson hatte einen fremden Hund entdeckt und reckte begierig den Hals nach ihm. "Ich kenne da alles, und ich bin auch nicht zum Vergnügen hier." "Ich auch nicht ganz." "Ja, beim Baron hat mir jemand erzählt, was Sie hier tun." "So? Das ist aber schlimm für mich, denn ich bin in geheimer Mission hier", sagte ich halb im Scherz, aber auch, um mich vor ihr wichtig zu machen. "Keine Sorge, ich werde Sie nicht verraten." "Das sagen Sie jetzt, aber kann ich mich darauf verlassen? Eigentlich müsste ich Sie im Auge behalten."

Sie lachte und zeigte ihre perlengleichen Zähne, aber ich bemerkte, wie sie errötete. "Ich habe schon jemand, der auf mich aufpasst." "Wen? Den Harmonikaspieler?" "Und Simson." Sie fasste seine Pfote und winkte damit. "Dann fahren Sie gleich wieder zurück?" "So sieht mein Plan aus." Warum war sie auf einmal so stur?

Von dem gegenüberliegenden Ponton wurde eine Brücke zum Schiff geschoben. Die Passagiere waren in bester Laune. Drüben standen zwei, drei Cabriolets, aber keiner wollte fahren. Ich sah Lentzen, Marek, das Schauspieler Pärchen und die andern, Lentzen drehte sich nach mir um und rief "Nikolai! Wir treffen uns am Two Color Tree!" Ich machte ein Zeichen, daß ich verstanden habe.

"Was ist der Two Color Tree?", fragte ich Emily. "Ein idyllisches Plätzchen, eine halbe Meile von hier. Dort steht ein Baum, der Blätter mit zwei verschiedenen Farben hat: dunkelrot und hellgrün, er ist sehr alt, manche sagen, über tausend Jahre." "Dann lohnt es sich, ihn zu besichtigen." "Auf jeden Fall, wann sonst kommen Sie dazu?" "In Ordnung. Hat mich gefreut, Sie nochmal getroffen zu haben, Miss Jones, Emily." "Ja, mich auch." Ich ging über die Brücke.

Ein Stück weiter unten am Ufer lagen etwa ein Dutzend Kähne, dazwischen ein paar Segelboote. Ich hörte, wie von dem einen ein Mann zu Emily hinüberpfiff, als er sie entdeckt hatte. Sie winkte ihm zu, und sie wechselten ein paar Worte, die ich nicht verstand. Dann kam sie mir auf einmal nachgelaufen. "Nikolai, haben Sie Lust auf eine Bootsfahrt?" "Ich habe gerade eine hinter mir." "Ach, das war doch gar nichts. Kommen Sie, ich kenne da jemand." "Aber ich bin mit meinen neuen Bekannten hier", entfuhr es mir gegen meinen Willen. "Was soll das denn heißen? Sie wollen doch viel lieber mit mir gehen", sagte sie wie selbstverständlich.

Wir gelangten zu einem der Segelboote. "Darf ich vorstellen: Kapitän Olson - Nikolai Novadin." Er reichte mir seine Hand herüber, ich zögerte, ich befürchtete, er werde meine zerdrücken, so zupackend sah er aus. "Für Sie: Lars", sagte er, als würde er mich nun für drei Wochen zum Walfang begleiten. Er war mindestens einsneunzig groß, braungebrannt, mit einem weißen Vollbart und blauen Augen. Er trug eine Strickmütze und einen Rollkragenpullover aus Schafwolle (ich erkannte das an den vielen feinen Härchen).

"Kannst du uns mitnehmen, falls du nach London fährst?" "Ich fahre dich, wohin du willst, meine Teuerste." Tatsächlich sah es so aus, als wollte er gerade ablegen. Ich verstehe nichts vom Bootsfahren, dieses hier hatte ein großes dreieckiges Segel und ein anderes, das sich nach vorn aufblähte, und damit bekamen wir, wie ich dann erstaunt sah, ein ganz schönes Tempo drauf.

Ich hielt es für besser, zu sagen "Ich kann nicht schwimmen." Lars Olson lächelte in seinen Bart wie über eine bedauernswerte Landratte. Emily sagte "Ach, das hatte ich ganz vergessen, Sie kommen ja aus Russland, da gibt es nur Wälder und Schlitten, stimmt's." Olson gab mir so ein Ding, das bestand aus vier rechteckigen Korkplatten an Stricken, die man sich umhängen konnte, so daß jeweils zwei Hälften Rücken und Brust bedeckten. "Damit bleiben Sie immer obenauf", meinte er und band es mir um, er ruckte so sehr an den Stricken, daß ich jetzt schon beinahe aus dem Boot gefallen wäre.

Emily drückte mir Simson in die Arme, der die Nase in den Wind hielt, und sie sagte "Sie dürfen ihn nicht loslassen, sonst hüpft er womöglich über Bord." Dann wandte sie sich an Olson "Hast du was zum Anziehen für mich?" Er war damit beschäftigt, irgendwelche Leinen festzuziehen und andere zu lockern, und er wies kurz mit dem Arm auf eine Kiste. "Da ist noch der Overall von Little Piper drin, der könnte dir passen."

Sie klappte den Deckel auf und zog ein graues, schlauchartiges Etwas heraus. "Ist der noch beim Zirkus?", fragte sie Olson, der hin- und hersprang und zehn Handgriffe auf einmal ausführte. "Was?" "Little Piper, tingelt er immer noch mit dem Zirkus durch die Lande?" "Zuletzt wo ich ihn gesehen habe, war er in Greenwich auf'm Jahrmarkt und hat Kartentricks vorgeführt, hatte immer noch dieses dicke Negermädchen bei sich."

"Dreht euch mal weg", sagte Emily, und im nächsten Moment hatte sie ihr Kleid aus- und den Overall übergezogen. Und dann ging sie Kapitän Olson zur Hand wie ein richtiger Schiffsjunge, und als ich sie so sah, wie sie sich streckte und reckte und mit einer katzenhaften Eleganz bewegte, kamen mir unwillkürlich gewisse Vorstellungen in den Sinn, und Simson jaulte auf, als ich meine Finger zu heftig in sein Fell grub.

Olson nahm das Steuer in die Hand, und als würde es darauf wie durch ein Zauberwort geweckt, glitt das Boot sanft vom Ufer weg auf die Flussmitte zu. Nach einer ersten Wendung füllte der Wind schlagartig das bauchige Segel, und wir gewannen rasch Fahrt. Olson manövrierte, mit Emilys Hilfe, die jeden Augenblick an der richtigen Stelle zufasste, zwischen den entgegen kommenden Dampfschiffen hindurch.

Beim ersten Schaukeln im Fahrtwasser wurde mir ganz anders, ich wollte mich festhalten, durfte aber Simson nicht loslassen, und so saß ich breitbeinig wie auf der Mitte einer Wippe und versuchte, mich im Gleichgewicht zu halten. Beim dritten Dampfer hatte ich den Bogen schon ganz gut raus. Nur einmal drohte Simson mir aus dem Griff zu schlüpfen, als er aus irgendeinem Grund den Steuermann eines Lotsenbootes ankläffte, der ihn jedoch keines Blickes würdigte.

Übrigens hatte man so flach über dem Wasser einen ganz andern Blick auf die Uferlandschaft, als vom Deck des Dampfers aus. Man konnte zwar nicht in die Weite schauen, dafür wirkte aber alles viel unberührter, wilder, geheimnisvoller: Aus dem Ufersand entwurzelte Bäume, die ins Wasser gestürzt waren und deren kahle Äste sich wie Seeschlangen herauswanden; ein kleiner, glitzernder Bach, der es anscheinend kaum erwarten konnte, sich in den Fluss fallen zu lassen und darin unterzutauchen; große, magere, stolze Vögel, die mit Seelenruhe im seichten Wasser stolzierten; dann undurchdringliche Sträucher, manche mit roten, andere mit gelben, wieder andere mit violetten Blüten; ein steiler Abhang aus hellem Kalk- oder Kreidestein, in dem hunderte schwalbenartige Vögel ihre Nestlöcher gegraben hatten. Alles war ungeheuer beruhigend, wie es so eins nach dem andern vor den Augen vorbeizog.

Kurz bevor wir die Anlegestelle bei Redmond erreichten, die ausschließlich für Segelboote vorgesehen ist, zog sich Emily wieder um. Ich gab Kapitän Olson die Korkweste zurück und bedankte mich bei ihm. Er nickte und meinte "Das nächste Mal könnten wir nach Southend schippern, dort wohnt meine Schwester Kirsten, ich glaube, die würde Ihnen gefallen." Emily lachte, und mir wurde klar, warum er mich unterwegs gefragt hatte, ob ich verheiratet sei.

Emily sagte dann zu mir, falls ich wirklich Kirsten heiraten würde, müsste ich damit rechnen, mit ihr in eine von diesen Holzhütten in irgendeinem norwegischen Fjord zu ziehen, wo man den ganzen Tag Holz spaltet und Heringe räuchert. "Ich habe nicht vor, Kapitän Olsons Schwester zu heiraten." "Ach so? Sie sollten aber nicht zu lange herumsuchen, Nikolai, in Ihrem Alter kann es schnell passieren, daß man keine mehr abkriegt." "Woher wissen Sie das so genau?" "Ich kenne eine Menge dieser Männer, die sich um mich bemüht haben." "Vergeblich, nehme ich an." "Ich bilde mir gar nichts darauf ein, wie Sie jetzt vielleicht denken. Es war nur nicht der Richtige dabei." Sie sagte das durchaus ohne Arroganz.

Ich fragte sie, wie ich am besten zu meinem Hotel in Primrose Hill käme, und sie erklärte mir, welche Kutsche ich nehmen und was ich dem Fahrer sagen müsste. "Sie können aber auch erst mit zu mir kommen", meinte sie, "von dort ist es auch nicht weit bis nach Primrose Hill." Ich tat so, als müsste ich es mir überlegen, dann ging ich auf ihren Vorschlag ein.

Ihre Wohnung sah aus, als würde sie nicht in London, sondern in einem mondänen Viertel in Peking liegen, alles mutete chinesisch an: die Tapeten, die Teppiche, die Lampen (oder besser gesagt: Laternen), die Sitz- und Liegemöbel, die Vasen, das Geschirr, selbst die Uhr hatte einen sanften Gong als Stundenschlag. "Das ist ja unglaublich", sagte ich, "haben Sie hier alle Schätze Chinas zusammengetragen?" "Ach was! Einiges ist japanisch." "Sie haben mir letztens nicht meine Frage beantwortet, woher Sie chinenisch sprechen können?" "Mein Vater war Handelskaufmann in Schanghai, ich bin zeitweise dort aufgewachsen." (Bis nach Schanghai gekommen, aber angeblich nicht wissen, wo Petersburg liegt, dachte ich bei mir.)

"Möchten Sie Tee trinken?" "Ich wette, es ist chinesischer." "Nein, aus Ceylon, den guten chinesischen kann ich mir momentan nicht leisten, und der billige schadet dem Magen." Während sie sprach, bereitete sie den Tee zu. "Was ist das, was hier so duftet?" "Räucherwerk, es besänftigt die Sinne." "Ist das Opium?" "Nein, es stammt von einer Baumrinde. Wollen Sie Opium rauchen?" "Oh nein ... ich meine ... nein, lieber nicht." "Haben Sie Angst, Sie vertragen es nicht." "Womöglich verliere ich die Kontrolle über mich und dann ..." "Was dann? Wollen Sie mich küssen?" "Bitte?" "Dann wollen Sie mich küssen?" "Wenn ich berauscht bin? Nein, ich dachte eher, ich würde Ihnen dann den buckligen Wanja vorspielen." Sie lachte, "Wer ist das?" "Aus dem Märchen von der Großmutter und ihrem Enkel Wanja." Ich erzählte es ihr in Kurzform, während sie, im Schneidersitz auf dem Boden, in kleinen Schlucken den Tee aus der Schale trank. "Ich kann Ihnen auch eine Geschichte zeigen", sagte sie dann und erhob sich. "Es ist sogar viel mehr als nur eine Geschichte, es ist Teil eines Kosmos!" "Das klingt gewaltig." "Ist es auch. Sehen Sie, hier."

An der Wand hing ein großes, auf einen Rahmen gespanntes Seidentuch, das über und über mit wunderlichen Symbolen, Ornamenten, Figuren und Fabelwesen bemalt war, ich konnte auf den ersten Blick gar nicht alles erfassen. "Das ist ein Seelenbanner mit kosmologischen Mythen der Han Zeit", sagte Emily.

"Es stammt aus den berühmten Mawangdui Gräbern, es ist eigentlich ein Grabtuch für eine verstorbene Frau, sehen Sie, hier: das ist die Frau, wie sie in der Küche steht." "In der Küche?" "In ihrem Haushalt besser gesagt, sie war natürlich eine hochgestellte Person, und das sind ihre Angehörigen." Obwohl diese Frau im Zentrum der Darstellung platziert war, hätte ich sie ohne Emily's Hinweis wahrscheinlich übersehen, so übervoll und detailliert war das Ganze.

"Das hier ist die obere Welt der himmlischen Mächte, hier die Erde, und da die Unterwelt oder das Meer. Das hier sind Kraniche, kann man leicht erkennen, hier Leoparden, übergroße Tauben mit Menschenköpfen, das hier sind irgendwelche Katzenartige auf gepunkteten Pferden, das sind Schlangendrachen, die sich durch einen Jadering winden. Da oben, vor der Sonnenscheibe, das ist der schwarze Vogel, den der Jäger Yi erlegt hat, um der großen Dürre ein Ende zu machen. Und das gegenüber ist die dreibeinige Kröte auf der Mondsichel."

Emily schwieg, als würde sie im Geiste eine Verbindung zu dieser Kröte und all' den andern Kreaturen knüpfen, ich sah, wie Emily's Nasenspitze zuckte und sich dann ein entzückendes Lächeln auf ihre Lippen legte. Mich durchfuhr ein angenehmer Schauer. "Man sagt, sie wäre verantwortlich für die Mondfinsternisse, dann verschlingt sie nämlich den Mond und würgt ihn anschließend langsam wieder heraus. Das ist ein bisschen eklig, oder?", fragte sie und schaute mich an. "Ich kann mir nicht helfen, es ist irgendwie erregend", sagte ich. "Ja, nicht wahr, finde ich auch. Man sagt, sie wohnt im Palast des Dunkels und wird dort von wunderschönen Elfen und Feen gepflegt und bewirtet. Sie gilt als ein Wesen, das alle emotionalen Wünsche erfüllen kann."

Ich hatte plötzlich das Gefühl, als würde mich diese mysteriöse, übersinnliche Kröte mit ihren milchigen Glupschaugen, in denen flammend rote Pupillen leuchten, anstieren, und aus ihrem breiten, wulstigen, rosafarbenen Maul schoss eine lange, schwarze, giftig feuchte Pfeilzunge heraus und traf mich ins Herz. Ich sah Emily an, und sie streifte ihr Kleid, das wie ein blauschimmernder Nachthimmel ihren Körper verhüllte, über die elfenbeinhellen Schultern. Nichts konnte mich mehr zurückhalten.

* * * * *

Als ich aus London zurückkehrte, empfing mich Nikita Jefremowitsch Preguschin, mein Führungsoffizier in der Sektion VIII, mit offenen Armen und mit einem Gesichtsausdruck, als hätte er mir Geld geliehen, das ich jetzt zurückzahlen müsse. "Nikolai Alexandrowitsch", sagte er, "ich bin gespannt, was Sie mir mitgebracht haben!"

Ich wurde in ein Dienstzimmer im dritten Stock mit Blick auf den Sowrenskij Park gesperrt (ich gebrauche dieses Wort, weil man tatsächlich "aus Versehen" einmal die Tür von außen abgeschlossen hat). Ich schrieb insgesamt fünf Berichte, jeden mehrere Seiten lang, und übergab sie Preguschin, der sie aufmerksam las, jedesmal zum Feierabend in einem seiner tresorartigen Aktenschränke verschwinden ließ und sie am nächsten Tag wieder hervorholte.

Ich hatte bereits erwähnt, daß ich über meine neuen Bekanntschaften kein Wort verlor, ich beschränkte mich auf das, was mit der Konferenz unmittelbar zusammenhing, so, als wäre ich aus dem Tagungshotel beim Somerset House nicht hinausgekommen.

Ich hatte mir glücklicherweise ein paar Notizen gemacht von den Reden der Gesandten (hauptsächlich der Großmächte) und des Grafen von Beust. Auf ihn ging ich näher ein, und auch auf den Besuch bei der Königin. Preguschin war mit diesen meinen Initiativen zufrieden, aber als ich notgedrungen anfing, mir etwas aus den Fingern zu saugen, warf er die Blätter vor sich auf den Tisch und meinte "Das ist alles gut und schön, aber am Ende wenig Substantielles." "Es entspricht den Tatsachen", erwiderte ich überzeugt.

"Ja, ich glaube Ihnen das. Sie haben sich offenbar bemüht. Wir hätten Ihren Auftrag spezifizieren sollen." "Inwiefern?" Er schaute mich an und schien zu überlegen, ob er auf meine Frage antworten soll, dann sagte er "Einer von unsern Männern in London war kurzfristig ausgef... nicht erreichbar, das konnten wir natürlich nicht vorhersehen. Sie hätten für ihn einspringen können." "Wofür einspringen?" "Hat Sie da im Hotel, wo Sie gewohnt haben, niemand kontaktiert?" Ich strengte mich an, ahnungslos zu wirken. "Nein." "Tja, dann hat das wohl nicht geklappt."

Und dann begann Preguschin, mich über den Fall "Orsett House", über den Kolokol und Alexander Herzen aufzuklären, und ich habe bereits beschrieben, wie es mir kalt und heiß den Rücken herunter lief, als mir schlagartig bewusst wurde, mit wem ich es in London zu tun gehabt hatte und in was für eine fatale Geschichte ich da hineingeraten war, aus der ich mich nicht so leicht herauswinden konnte. Ich bin keineswegs abgebrüht genug, um meine Contenance nicht zu verlieren, wenn sich das Blatt so plötzlich wendet, zumal damit auch meine Stellung in der Sektion in Gefahr geriet. Schließlich gelang es mir, mich auf die neuen Tatsachen soweit einzustellen, daß Preguschin keinen Verdacht schöpfte.

Spätestens da fing ich an, zweigleisig zu denken und zu sprechen. Gegenüber Preguschin hielt ich mich an das interne Vokabular und an die Einschätzungen, wie er sie selbst traf, ich redete ihm häufig nach dem Mund, wie man so sagt, und ich konnte mich hinter meinen Äußerungen verstecken. Denn für mich selbst durchdachte ich die Angelegenheiten nach eigenen Maßstäben und kam zu ganz anderen Schlussfolgerungen, die ich tunlichst für mich behielt.

Ich versuchte, ihn von meinem Londoner Aufenthalt abzulenken, indem ich ihn fragte, ob der Fall "Orsett House" denn nun noch bei der Sektion III, wo er von Anfang an bearbeitet wurde, lag, oder bei uns. Und ungewollt traf ich damit bei ihm auf einen angespannten Nerv, seiner Antwort konnte ich entnehmen, daß er sich sehr beherrschen musste, nicht über die Sektion III herzuziehen. (Ich habe ihn bei anderer Gelegenheit einmal sagen hören, die Sektion III sei ein Haufen unfähiger Dilettanten und verantwortlich dafür, wenn über den russischen Geheimdienst gespottet wird. So ähnlich äußerte sich hinter unserm Rücken die Sektion III über uns.)

Wenn ich hier immer wieder von der Sektion III spreche, obwohl sie niemals die meinige war, dann deshalb, weil es vorkam, daß Vorgänge und Fälle aus dieser Sektion bei uns auftauchten, mit denen wir uns dann zu befassen hatten. Preguschin hat mir einmal diesen sogenannten verlängerten oder erweiterten Dienstweg dargestellt, der in zwei Formen abläuft.

Die eine betraf jene Fälle, welche die Sektion III loswerden wollte, und dafür wurde ein spezieller Dienstauftrag (oder besser gesagt Dienstantrag) gestellt, der von einem Sekretär der Geheimen Kanzlei genehmigt werden musste. Bei der anderen Form delegierter Fälle wurde Preguschin einfach vom Chef der Sektion III angesprochen, der unter vier Augen seine Bitte um Unterstützung äußerte.

Offiziell verblieb der Vorgang bei der Sektion III und sie heimste leider auch die Verdienste und die Anerkennung ein, wenn Erfolge bei der Bearbeitung zu verbuchen waren. Denn es gab eine Reihe von Fällen, bei denen die Sektion III überfordert war und wo wir einspringen mussten. Dennoch bedeutete so ein informell an uns übertragener Fall nicht zwangläufig eine zusätzliche Belastung, sondern war dann von Vorteil, wenn wir mit Informationen versorgt wurden, die wir sonst mühsam an anderen Stellen einsammeln mussten. Darauf hat Preguschin immer wieder hingewiesen, wenn der eine oder andere Mitarbeiter anfing zu murren oder mit dem Kopf schüttelte, weil es sich um "sonderbare" Fälle handelte, die auf den ersten Blick bei uns an der falschen Adresse waren.

Aber mit der Zeit gefiel es Preguschin nicht mehr, daß die Sektion III sich dann damit brüstete, den Fall erfolgreich zu Ende gebracht zu haben und womöglich auch noch schlecht über uns redete. Er forderte den Chef der Sektion III mehrfach auf, solche Anmaßungen seiner Leute zu unterbinden. Der tat scheinbar, was er konnte, damit so etwas nicht mehr passierte, aber beim übernächsten Mal war es wieder genauso, und es würde mich nicht wundern, wenn sie da drüben bloß eine Weile stillhielten, um uns zu beruhigen.

Dann merkten wir auf einmal, daß die Sektion III uns Fälle aufhalste, die sie dort gern loswerden wollten, sie waren ein bisschen aufgebauscht worden, damit es nicht auffiele, daß im Grunde kaum etwas dran war, womit wir unsererseits bei den übergeordneten Stellen hätten glänzen können. Im Gegenteil, da kamen alte Akten in nagelneuen Mappen an, die sich dann beim näheren Hinsehen als Vorgänge entpuppten, die bei uns im internen Jargon als Trup - "die Leiche" bezeichnet wurden und die sich in Wirklichkeit längst erledigt hatten oder aus zwingenden Gründen nicht weiter verfolgt werden konnten.

Wie auch immer. Solche gezielten Attacken, die aus dem latenten Konkurrenzneid erwuchsen, führten zu einem Kleinkrieg zwischen den Sektionen, von dem selbstverständlich niemand etwas wusste, wenn er danach gefragt wurde. Es gab sicher auch Mitarbeiter, die sich da raushielten oder tatsächlich nichts davon mitbekamen. Es gab auch welche, die solche Grabenkämpfe wie eine Art Sport betrieben und sich über jeden "Sieg" freuten. Die Mehrzahl, zumindest was die Sektion VIII betrifft (bei den anderen fehlte mir der Einblick), empfanden dieses Hickhack aber als aufreibend und wären froh gewesen, wenn die Chefs sich untereinander verständigt und dem Unfug ein Ende gemacht hätten. Doch was Preguschin betraf, so schien er um keinen Preis nachgeben zu wollen.

Als ich wieder zurück in Petersburg war, bemerkte ich, daß es jüngst in der Sektion eine Unstimmigkeit gegeben haben musste, die dann von höherer Stelle durch ein Machtwort aufgelöst worden war, und die hing zusammen mit einer Weisung, über deren Inhalt mich Preguschin zwar obenhin informierte, sie mir aber nicht zum Lesen aushändigen wollte. Er wies mich offensichtlich mit einer Ausrede ab, meinte, es würde zuviel meiner "kostbaren" Zeit beanspruchen, und es wäre gerade jetzt vonnöten, zügig die nächsten Schritte zu unternehmen.

Andererseits (und das war meine zweite Beobachtung) schien Preguschin mit dem Ausgang dessen, was immer da vorgefallen war, überhaupt nicht glücklich zu sein, und nur seine tadellose Diszipliniertheit ließ ihn seinen Groll verbergen. Ich kannte ihn inzwischen gut genug, um ihn dennoch zu spüren. Allerdings bin ich ihm, zwischenmenschlich gesehen, nie so nahe gekommen, daß ich es jemals für richtig gehalten hätte, ihm etwas zu entlocken, das er mir nicht von selbst anvertrauen wollte. (Vielleicht war ich sogar froh darüber.)

Es muss um etwas Grundsätzliches gegangen sein, etwas, das für den ideologischen Bestand unserer Arbeit von Bedeutung war. Zuerst dachte ich, es hätte Streit gegeben zwischen unserer und der Sektion III, da doch unterschwellig oft eine, ich will nicht sagen: vergiftete, aber wenigstens eine unfreundliche Atmosphäre bestand. Nun kann ein Russe ja von Natur aus nicht unfreundlich sein, sehr wohl aber ignorant, in einer stupiden, bäuerischen Weise. Die klügsten Köpfe können so zu fürchterlichen Dickschädeln werden, und so abfällig wie jetzt hatte sich Preguschin noch nie über den Chef der Sektion III geäußert.

Dann erfuhr ich, daß ein langjähriger Weggefährte Preguschins beim Kaiser in Ungnade gefallen war, weil er sich angeblich nicht loyal verhalten habe. Dieser Beamte im höheren Staatsdienst, mit Namen Semjatow, habe, so wurde es von Mitarbeitern der Sektion III verbreitet, zu demokratischen Reformen aufgerufen. Worin diese bestehen sollten, darüber konnte aber niemand etwas Genaues sagen.

Nun ist es undenkbar, daß Nikita Jefremowitsch Preguschin selbst auch nur vom leisesten Hauch eines demokratischen Gedankens angekränkelt werden könnte, er ist nicht nur überzeugter Monarchist, sondern hält auch die politische Führung eines Staates durch eine aristokratische Elite (und natürlich durch die mit ihr verbündeten Sicherheitsorgane) für die vernünftigste und beständigste Herrschaftsform.

Er behauptete, es sei immer schon die Aristokratie gewesen, die in der Geschichte die Menschen von einer niederen zur höheren Stufe der Zivilisation und Kultur geführt habe, die überhaupt erst auf die Idee kam, die bestehenden Verhältnisse zu verbessern, denn das läge in ihrem ureigensten Streben nach Wohlstand und Unabhängigkeit.

"Heute schreibt man dieses Unterfangen dem Pöbel zu", sagte Preguschin, "Verzeihung, dem Proletariat, und man nennt es Revolution. Aber man vergisst dabei, auf welchem Niveau wir uns befinden und über welchen Reichtum wir verfügen, wir alle, jeder einzelne, ein Reichtum an kostbaren Bodenschätzen, an fruchtbarer Erde, an wertvollen Nahrungsmitteln, an modernen Maschinen, an Produktionsmitteln, wie Herr Marx es in seinem Fabrikjargon nennt. All diese Dinge sind Errungenschaften, sind das Resultat einer Jahrhunderte langen Entwicklung, in der eine aristokratische Elite stets die Richtung gewiesen hat, auf vernünftigen, vorausschauenden Prinzipien gegründet.

Warum macht man heute die Aristokratie lächerlich? Stellt sie dar als eine heruntergekommene, degenerierte Clique von Lustmolchen und Trunkenbolden? Mag sein, daß es solche Leute gibt, aber es gibt noch viel mehr davon unter den Proletariern. Und die können in ihrer Vorgeschichte auf nichts verweisen, das sie geschaffen hätten, was die Menschheit auch nur um eine Handbreit vorangebracht hätte, es sei denn auf ihre unerschöpfliche Zeugungskraft."

Selbst eine Verfassung, wie sie in Frankreich oder in Amerika zur Grundlage der Gemeinwesens gemacht worden war, hielt Preguschin für nutzlos, er meinte, jede Verfassung sei überflüssig, wo die Gesetze nur exakt genug formuliert seien. Preguschin hatte keine adlige Abstammung, konnte sich also strenggenommen nicht zu der hochgeschätzten Aristokratie zählen. Für die seien allerdings, so seine Überzeugung, Männer wie er unentbehrlich, wenn es darum geht, Recht und Ordnung mittels einer administrativen Staatsgewalt zu gewährleisten. Insofern befand er sich genau auf dem Posten, den er sich wünschte: ein Diener der führenden Eliten (an deren Spitze natürlich Seine Kaiserliche Majestät stand) und zugleich ein Kommandeur über eine Truppe, die für deren Schutz und Sicherheit sorgte.

Es traf ihn deshalb doppelt schwer, wenn man ihn nun mit den Machenschaften dieses Semjatow in Verbindung brachte. Zu seiner persönlichen Enttäuschung über die charakterliche Schwäche des alten Kameraden kam der verbitterte Zorn gegen die falschen Freunde, deren mehr oder weniger offene Angriffe er anscheinend nicht mehr so leicht abwehren konnte wie es ihm vielleicht zehn Jahre früher noch mühelos gelungen wäre. Natürlich gab es einige, die Nikita Jefremowitsch Preguschin gern einmal von seiner verletzlichen Seite sehen wollten, wo er doch nun beinahe über zwei Jahrzehnte als der unerschütterliche Recke unserer Abteilung mit eiserner Hand deren Geschicke gelenkt und dabei keine einzige Niederlage erlitten hatte.

Vielleicht war Preguschins nur schlecht und recht verdeckte Angeschlagenheit für mich in gewisser Hinsicht auch von Vorteil, denn man konnte sehen, daß er oft in Gedanken mit diesem Vorfall beschäftigt war, während er stattdessen Gelegenheit gehabt hätte, mich so lange über meinen zurückliegenden Einsatz zu befragen, bis ich mit der Wahrheit herausgerückt wäre, nur um seiner penetranten und zermürbenden Art, den Fisch zum Schwitzen zu bringen, wie er es nannte, zu entgehen.

So aber geschah es, daß er mir, es war in den Abendstunden eines trüben, verregneten Tages, einen Vortrag über die Schädlichkeit und den "Irrglauben" der Demokratie, wie er es nannte, hielt, bei dem ich natürlich als braver Zuhörer fungierte, sozusagen als Ersatz für die, vor denen Preguschin glaubte, sich ins Zeug legen zu müssen; die waren schon nach Hause gegangen.

Ach, hätte ich zu diesem Zeitpunkt schon jene erbaulichen Gespräche mit Fjodor Michailowitsch geführt, ich hätte Preguschins Hasstiraden auf das "Revoluzzertum" und seine Lobeshymnen auf die Monarchie bestimmt mit mehr Gleichmut über mich ergehen lassen. Im Gegensatz zu Preguschin hat sich Dostojewski nie damit hervorgetan, die Monarchie oder die Aristokraten zu umwerben oder gar zu bewundern - die Adligen in seinen Romanen haben alle einen Knacks weg, das Leben hat sie versehrt und sie sind an einem Punkt angelangt, an dem es sich für ihn als Schriftsteller lohnt, zu fragen, wie es soweit kommen konnte.

Dabei gibt er nur ganz selten den Verhältnissen im allgemeinen die Schuld, er sagt, um Politik in Prosa umzumünzen, müsste man die echten Gestalten zu puren Protagonisten machen, und das habe er immer zu vermeiden gesucht, weil sie dann an Authentizität verlören und "nicht mehr überlebensfähig" wären, wenn sich die Verhältnisse ändern, unter denen sie einst das Licht der Welt erblickt hatten; er sei im übrigen kein Geschichtsschreiber, sondern Erzähler.

Und doch ist er sich bewusst, daß die Politik in jedes Werk miteinfließt und es für einen Autor, der an sich selbst den Anspruch stellt, über das Niveau der Trivialität hinauszureichen, unabdingbar ist, sich mit politischen Theorien zu beschäftigen, und sei es auch nur, um zu erkennen, was ihre Schöpfer so interessant macht. (Diesen Nebensatz ließ er einmal fallen, als er über Platon und sein Buch "Der Staat" sprach, an dem er vor allem das Ende schätzte, in welchem er Sokrates noch ein letztes Mal zu Wort kommen lässt, der seinerseits den Sohn des Armenios zitiert - "Eine hübsche Maskerade, mit der Platon seine eigenen Gedanken verbrämt!", sagte Dostojewski und fügte hinzu "Hier kann man sehen, mit welcher Meisterschaft Platon den Bogen von der Philosophie zurück zum Mythischen schlägt - ja! wenn ich das könnte, würde ich's auch tun, aber ich übe mich in Beschränkung und halte mich an das, was meine Figuren hergeben.")

Platons Vorstellungen vom Staatswesen waren gerade nicht sehr populär, dafür jene aus den Lagern der Sozialisten und Kommunisten, die seit den vierziger Jahren in ganz Europa für Furore sorgten. Wenn man sich deren Ideen zu eigen machen und selbst ein Sozialist oder gar Kommunist sein will, sagte Dostojewski, so müsse man zwangsläufig auch Atheist sein und dann dürfe man sich nicht länger Christ nennen.

Ja, man könne nicht dem Schlachtruf der Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit folgen, ohne dem christlichen Glauben abzuschwören. "Wer dennoch dabei bleibt, wie einige Deutsche, der muss sich selbst verleugnen", sagte er. "Die Franzosen haben die Politik gründlich und unwiderruflich säkularisiert. Die Deutschen sind davor bewahrt geblieben, weil sie Martin Luther hatten, der schon viel früher die Kirche auf den Markt gerückt und den Papst vertrieben hat. Er war der erste echte Politiker, den Europa erlebte, und alle kommen von ihm her."

"Aber gibt denn nicht gerade der reformierte Glauben den Menschen ein Programm, um in der diesseitigen Welt nach den christlichen Grundsätzen zu leben und zu handeln?", wandte ich ein, und er erwiderte "Selbstverständlich! Und es ist ein äußerst effizientes Programm, schon allein dadurch, daß es den Menschen zu einem reinen Gewissen verhilft, egal was für Sünden sie begehen - die Beichte wäscht sie alle weg. Doch ich frage Sie, lieber Nikolai Alexandrowitsch, hat uns Christus ein Programm versprochen, mit dem wir in dieser Welt glückselig werden können? Hat er uns eine Unterweisung erteilt, wie wir geradewegs zu Familie und Vermögen, zu Ansehen und Wohlbefinden kommen?"

Ich sagte "Wenn das so wäre, würden wahrscheinlich noch viel mehr Menschen das Evangelium lesen." Er lachte, "Ja, und wahrscheinlich wären viel weniger davon enttäuscht. Dennoch. Es klingt vielleicht infam, aber mir ist jener, der über das Evangelium verzweifelt, zehnmal lieber als der, welcher sich damit abfindet."

Ein andermal kamen wir auf Platons Ideenlehre zu sprechen (ich hatte mir bei Oswald Kestner auf der Prager Straße eine handliche Ausgabe seiner wichtigsten Werke besorgt, aber ich gestehe, daß das meiste davon immer noch darauf wartet, vom Tageslicht behelligt zu werden. Nichtsdestotrotz hielt ich bei unserer Unterhaltung tapfer mit.

"Eine Idee entspringt immer dem Geist", sagte Fjodor Michailowitsch, "selbst wenn sie die Natur oder die Natur des Menschen oder irgendetwas Reales zum Gegenstand hat, bleibt sie immer nur ein Gedanke, etwas Nichtstoffliches, etwas Flüchtiges, ein Hirngespinst, wenn Sie so wollen." (Er sagte "Gehirngespenst", ihm gefiel dieses Wort, das er für typisch deutsch hielt.)

"Dessen ungeachtet kann sie eine mächtige Wirkung haben", hielt ich dagegen. "Sicher", gab er mir recht, "eine Idee ist vergleichbar mit dem Licht, sie macht die Dinge sichtbar, die wir in der Dunkelheit unseres Geistes nicht erkennen können. Was ich dabei bedenke, Nikolai Alexandrowitsch, ist die Tatsache, daß es nicht nur eine Art von Licht geben mag.

Wir sprechen von dem sichtbaren Licht, das in Wahrheit nur ein Teil dieses Phänomens ist. Ebenso ist die Idee, über die verhandelt wird, vielleicht bloß jene Emanation des Geistes, welche uns bewusst wird." Ich sagte "Dann gäbe es womöglich noch andere 'Emanationen', die uns verborgen bleiben?" "Damit sollte man immer rechnen." "Also Ideen, die wir mit unsern geistigen Mitteln nicht wahrnehmen können? Wäre das nicht ein Widerspruch in sich selbst?" "Durchaus. Und zwar ein unauflösbarer. Aber wer sagt, ob das, was unserer Vernunft widersprüchlich erscheint, nicht dennoch real ist."

Wir saßen im Großen Herzoglichen Garten, Anna Grigorjewna war in der Stadt unterwegs. Fjodor Michailowitsch nahm einen Schluck aus der Kaffeetasse und fuhr dann fort "Ich vermute, daß die Physiker in einigen Jahren andere Arten von Lichtstrahlen entdecken werden, die uns bis jetzt unbekannt waren. Und auch sie wirken seit dem Bestehen der Welt." "Und nun meinen Sie, daß es in Analogie dazu auch immer schon Ideen gab, von denen wir nichts wissen, die aber ..." "Im Verborgenen, im Untergründigen, gleichwohl in irgendeiner Sphäre unseres Geistes - oder vorläufig gesagt: unseres Gehirns liegen."

"Und wir können über ihren Inhalt und über ihren Charakter nichts Treffendes aussagen", führte ich seinen Gedanken fort. "Leider nicht. Das macht sie in höchstem Maße unberechenbar. Und um auf die Idee einer humanistischen Gesellschaft zurückzukommen, welche ja der Ausgangspunkt unseres Gesprächs war, so gehört sie zweifellos zu den 'sichtbaren' Ideen. Aber ich frage mich, warum eine im Grunde so einfache und gute Idee auch nach mehreren tausend Jahren, in denen die Menschheit daran glaubt, nicht in die Tat umgesetzt worden ist, und ob die ganze Wahrheit nicht eher darin besteht, daß eine andere, eine inverse Idee, die sich unserer Vernunft entzieht, entgegen wirkt und gerade die Umsetzung jener verhindert."

Es entstand eine Pause, und ich dachte über Dostojewskis Worte nach, dann meinte ich zu ihm "Ich gehe bestimmt nicht fehl in der Annahme, Sie bemühen sich, Fjodor Michailowitsch, diesen verborgenen Ideen auf die Spur zu kommen." "Ich verrate Ihnen ein Geheimnis meiner schriftstellerischen Arbeit, das eigentlich keins ist für jeden, der ein paar von meinen Büchern gelesen hat: sie handeln alle von diesen ebenso Himmel hohen wie Abgrund tiefen, jedenfalls aber unerschlossenen Bereichen unserer Seele. Denn die Anfangsgründe dieser Ideen existieren nicht im Geist, er ist nur ein Werkzeug unseres Körpers, gewissermaßen sein Befehlsstand.

Die Seele dagegen ist etwas, dessen Impulse wir zwar empfangen, in das wir aber nicht ohne weiteres einzudringen vermögen, es nicht ausleuchten können, etwas Unsichtbares, Unerhörtes, Ungeheures, das uns trotz oder gerade wegen seiner Ungeheuerlichkeit dazu reizt, verführt, antreibt, es zu ergründen und wie ein Forscher Mutmaßungen darüber anzustellen, die sich dann natürlich auch bewahrheiten sollen. Ja, es ist ein Forscherdrang der besonderen Art, der übrigens jede Manie und jeden Wahn an Intensität übertrifft."

Ich hatte anfangs angenommen, daß für Fjodor Michailowitsch, wie für andere Schriftsteller auch, ein Roman in erster Linie eine Erzählung ist, die sich um Ereignisse und handelnde Personen rankt, um eine ungewöhnliche Geschichte, die es wert ist, aufgehoben und dem Vergessen entrissen zu werden, welches sonst alles Gewöhnliche früher oder später wieder zunichte macht. Professor Lewitan hatte darauf hingewiesen, daß von allen menschlichen Werken die Literatur dasjenige ist, das der Unvergänglichkeit am nahesten kommt; er sprach nicht von Ewigkeit, denn die liege allein bei Gott, "wenn es ihn denn gibt", hatte er schmunzelnd hinzugefügt.

Doch damit eine solche Erzählung diese Qualität erreicht, meinte der Professor, müsse sie über die bloße Schilderung des Geschehens hinausgehen und "sozusagen subkutan" Dinge ansprechen und behandeln, "die wir aus einem unabhängig von aller Historie und allen Tagesereignissen vorhandenen Vorrat" schöpfen. Es seien Themen, die gewissermaßen dort überdauern und darauf warten, aufgegriffen und mit den Mitteln der Literatur bearbeitet zu werden, die noch "entkleidet" sind und dann in dem Kostüm zu Tage treten, das ihnen der Autor auf den Leib geschneidert hat.

Ich hatte das Gefühl, daß Dostojewski auch aus diesem mysteriösen Vorrat schöpft, der da irgendwo in der Tiefe lagert. Aber es war, wie mir schien, für ihn auch noch etwas anderes von Bedeutung, nämlich die Frage, wie man sich Zugang zu diesem Vorrat verschafft und wie man es anstellen muss, damit man möglichst die besten, die verheißungsvollsten Stücke herauslösen und an die Oberfläche bringen kann. Wenn er mir jetzt seine Ansicht vortrug über das, was man Seele nennt, so war das auch eine Art Selbstverständnis (im wörtlichen Sinn), eine Reflexion über sein eigenes Vorgehen, als würde ihn das Zustandekommen seines Werks, der Prozess des Schreibens fast genauso interessieren wie das Resultat selbst.

In diesen Tagen arbeitete Dostojewski an seinem Roman Der Idiot, und aus den beiläufigen Bemerkungen Anna Grigorjewnas konnte ich heraushören, daß dieser Roman so etwas wie sein bisheriges Hauptwerk war, das ihm zwangsläufig schwer zu schaffen machte. Sie sagte nicht viel dazu, aber ich konnte sehen, wie sie Fjodor Michailowitsch's Anstrengung aufmerksam verfolgte.

Er selbst schwieg sich über den Fortgang seiner Arbeit aus; er kämpfte verbissen um jeden Satz. Ich hatte die beiden einmal überraschend besucht in ihrer Wohnung in der Johannisstraße. Anna Grigorjewna hatte mir geöffnet, sehr leise, damit die Tür nicht etwa Geräusch machte, sie flüsterte nur und hätte mich am liebsten gar nicht hereingelassen. Ich warf vom Flur aus einen Blick in sein Arbeitszimmer. Er saß, über einem Haufen Manuskriptseiten, ganz vertieft und hochkonzentriert über dem Werk, er schrieb und drehte dabei mit den Fingern der andern Hand unablässig seine Barthaare. Alles um ihn her schien sich im Nichts aufgelöst zu haben, und ich glaube, wenn es jemand gewagt hätte, ihn anzusprechen, dann wäre er entweder wie vom Schlag getroffen zusammengebrochen oder hätte sich wie eine wilde Bestie auf den Störer gestürzt. Anna Grigorjewna hielt mich zurück und machte eine Geste, aber ich hatte auch ohnedies sofort eingesehen, daß ich mich so leise wie möglich wieder entfernen musste.

Sie erledigte, während er schrieb, alle Besorgungen allein, aber dabei mangelte ihr jede Freude, ja selbst die rechte Entschlossenheit. Ich traf sie auf der Straße, als sie gedankenverloren vor einem Schaufenster stand. Ich sprach sie an, und sie erkannte mich erst auf den zweiten Blick. "Ah, Nikolai Alexandrowitsch", sagte sie und fügte gleich hinzu, als wäre das meine einzig denkbare Absicht: "Sie können jetzt nicht zu Fjodor Michailowitsch gehen, er arbeitet nämlich gerade." Dann verriet sie mir, daß er vorgestern zwölf Stunden ununterbrochen geschrieben und "fast dreißig Seiten" geschafft habe. "Und gestern morgen hat er alles wieder zerrissen", sagte sie mit mühsam unterdrücktem Bedauern in der Stimme.

Sie litt jedesmal unsäglich darunter, wenn ihm seine literarische Schöpfung misslungen schien, er alles verwarf und noch einmal von vorn anfing. Und er war nie mit etwas zufrieden, nicht einmal mit dem, was er dann als fertig aus der Hand gab. Er quälte sich noch im Nachhinein damit herum. Übrigens mit einer Ausnahme, wie er selbst eingestand: dem Totenhaus, das ihm von allen seinen Büchern immer das liebste war.

In diesem Punkt hatte der Major K. unrecht gehabt, wenn er vermutete, daß Dostojewski durch die Verbüßung seiner Strafe zu einem hasserfüllten und rachsüchtigen Menschen geworden wäre. Der Major meinte, die Verhältnisse im sibirischen Straflager in- und auswendig zu kennen (und wahrscheinlich war das auch so), deshalb hatte er darauf verzichtet, sich mit einem Buch wie die Aufzeichnungen aus einem Totenhaus überhaupt zu beschäftigen.

Ich habe es gelesen, spät aber rechtzeitig, und ich bin bis heute der Ansicht, daß es zu den am wenigsten dunklen Büchern Dostojewskis zählt. Ja, es hat an vielen Stellen das Dasein bejahende, fast optimistische, Züge. Sicher, manche Szenen sind hart und niemand wünschte sich, mit den Gefangenen und ihrem Los zu tauschen. Aber dieses Totenhaus ist definitiv kein Ort in der Hölle, jedenfalls hat Dostojewski es nicht dorthin verlegt. Und seine Gestalten sind auch keine Toten oder zumindest Todgeweihte, wie man das aus dem Titel vermuten könnte, sondern es sind durchweg trotz ihrer erbärmlichen Lage und Verfassung sehr lebendige, ja kraftvolle Menschen, wie man sie in ihrer Dichte und Ausprägung kaum anderswo versammelt finden könnte.

Der Professor Lewitan stimmte mir darin zu, er meinte sogar "Dieses Straflager scheint, wenn man es mal drastisch formulieren will, für einen Schriftsteller ein gefundenes Fressen zu sein, denn das Leben hier ist so vielgestaltig, daß er es einfach nur zu notieren braucht, ohne sich Gedanken um die Handlung oder die Charaktere zu machen. Außerdem", so Lewitan weiter, "sind hier das Glück und die Tragik, wie sie über den Menschen herrschen, aufs vorzüglichste miteinander verknüpft. Freilich, es ist ein Glück, das nur in Kleinigkeiten, in Banalitäten vorkommt und das gegenüber der Schwere und der Endgültigkeit der Tragik scheinbar kaum ins Gewicht fällt. Und doch ist vielleicht gerade diese Geringfügigkeit das Wertvollste daran. Wie ja überhaupt", fuhr Lewitan fort, "gute Literatur die unauflösbare Verbindung von Tragik und Komik widerspiegelt oder, auf das Leben bezogen, von Scheitern und Hoffnung, zwischen denen der Mensch umhergetrieben wird."

Fjodor Michailowitsch gestand mir einmal (als Anna Grigorjewna nicht dabei war), daß er vielleicht gar nicht so traurig darüber wäre, wenn er infolge seiner unbeglichenen Schulden ins Gefängnis wanderte, dort könnte er dann ein zweites "Totenhaus" schreiben, das bestimmt sehr erfolgreich wäre. Er meinte das sicherlich nicht ernst. (Obwohl ich überzeugt bin, daß ihn Anna Grigorjewna ohne einen Augenblick zu zögern dorthin begleitet und unverdrossen weiter sein Manuskript ins Reine geschrieben hätte.)

Er hatte ein paar "große Entwürfe" im Kopf, manche trug er seit zwanzig Jahren mit sich herum, er träumte davon, diese Gedanken in Romanen zu verarbeiten, welche dann eine ungeheure Bedeutung und Wirkung hätten, und darin ähnelte er wohl einem Balzac, der, wie Dostojewski selbst einmal sagte, "gleich einem Titan mit der Welt gerungen hat."

Er glaubte, er hoffte flehentlich, wenn er all' diese Dinge, die auf ihm lasteten wie ein unerträglicher Alptraum, "in Sätze wie Schwertklingen geschmiedet" und zu Papier gebracht hätte, würde er endlich sorgloser und zufriedender leben und weiterschreiben können. Doch in Wahrheit ließen ihn seine "Dämonen" nicht los, sondern peinigten ihn mit jedem Werk aufs neue. Und er empfand das nicht nur als ein Leiden, welches ihm aus einer schlechten Laune der menschlichen Natur heraus vererbt und mit auf den Lebensweg gegeben ward, sondern vielmehr als eine Art Sühneleistung für eine viel tiefere und ältere Schuld, die beständig gutzumachen ihm ein gerechter, wenn auch nicht unbedingt sanftmütiger Gott auferlegte.

So vertraute es mir Anna Grigorjewna in jenen Augenblicken an, in denen ihr Herz offenbar übervoll war von der Fürsorge, die sie um ihren geliebten Gatten hegte, und in denen ich ihr ein willkommener Mensch war, dem sie es ausschütten konnte; es fiel mir nicht schwer, in ihren Formulierungen auch immer jene zu erahnen, die von Fjodor Michailowitsch selbst stammten. So viel von seinem Wesen blieb wahrscheinlich auch ihr, die ihm doch am nächsten war, rätselhaft. Sie versuchte alles ihr nur Mögliche, um ihn beinahe rund um die Uhr (deshalb stand auch die Tür zu seinem Arbeitszimmer offen) wie ein guter Engel zu behüten und ihn nach außen hin wie mit ausgebreiteten Schwingen abzuschirmen, wenn er schrieb; sie wollte unbedingt so stark sein, dies aus eigener Kraft zu bewältigen.

Es war eine eigentümliche Mischung aus Ehrgeiz, Selbstanerkennung und der Dankbarkeit, die Fjodor Michailowitsch ihr jedenfalls zollte (er wusste nur zu gut, daß er ohne sie längst verlorengegangen wäre), aber es war auch eine Art Eifersucht, mit welcher sie alle Außenstehenden davon abhielt, sich in ihre Beziehung einzumischen oder ihren Gatten auch nur mit zuviel Neugier zu belästigen. Wenn sich dann doch die Gelegenheit bot, eine Unterhaltung mit ihr zu führen, spürte ich andererseits ihre Unsicherheit, ja manchmal sogar Hilflosigkeit, die sie dazu trieb, sich selbst Vorwürfe zu machen, daß sie es dennoch nicht schaffte, ihn vor dem zu bewahren, was ihn immer wieder in die größte Verzweiflung stürzte. Und wenn sie notgedrungen wegen irgendwelcher Besorgungen unterwegs war, plagte sie der Gedanke, daß sie ihn zuhause allein zurückgelassen hatte, als würden zur selben Zeit die bösen Geister unter der Tür durch eindringen und ihn vom Schreibtisch wegholen.

Es gelang mir manchmal, sie zu beruhigen oder wenigstens ein wenig abzulenken und aufzumuntern. Am glücklichsten war sie jedoch an der Seite ihres Fedja! Ich begleitete die beiden zwei-, dreimal auf ihren Ausflügen in die Umgebung von Dresden, und es war tatsächlich eine Freude, mitanzuschauen, wie das Paar dabei regelrecht aufblühte, beinahe als wären sie frischverliebt.

Wir wanderten hinaus nach Schloss Pillnitz und dann oberhalb der Weinhänge entlang im herrlichsten Sonnenschein. Anna Grigorjewna entledigte sich irgendwann ihrer Schuhe und lief barfuß weiter, die groben Steinchen auf dem Weg machten ihr gar nichts aus, sie war flinker als wir, "die beiden Schneckenmännchen", wie sie uns scherzhaft titulierte. Dostojewski sagte "Was willst du? Wir sind auf einem Weinberg, da gehören Schnecken nunmal hin!" Sie rief zurück: "Ich warte im Gasthof auf euch!" und verschwand hinter der nächsten Biegung, um uns dann aus einem Hinterhalt heraus unvermutet zu erschrecken. Fjodor Michailowitsch kam beim Laufen ordentlich ins Schwitzen (er war immerhin fünfundzwanzig Jahre älter als sie) und er stieß einen Jubelruf aus, als wir dann im Gasthof saßen und uns an einem kühlen Glas Bier laben durften.

Anna Grigorjewna liebte die freie Natur, die frische Luft und milde Temperaturen. Sie meinte, das Dresdener Klima sei vorzüglich, viel besser als das trübe Wetter in Genf. Ich wandte ein, daß Dresden aufgrund seiner Kessellage durchaus nicht gesundheitsförderlich sei. Sie entgegnete "Was soll das denn heißen, Nikolai Alexandrowitsch! Kessellage! Daß ich nicht lache. Wenn Sie erlebt hätten, was wir in diesem scheußlichen Genf durchgemacht haben, würden Sie kein schlechtes Wort mehr über die hiesigen Verhältnisse verlieren." Ich verkniff mir jede weitere Bemerkung.

Wenn sie draußen war und ihr geliebter Ehemann war bei ihr, dann konnte ihr nichts und niemand etwas anhaben oder ihr die gute Laune verderben. Natürlich war ihr bewusst, daß Dostojewskis Schriftstellerei das Wichtigste in seinem Leben ist und all' seine Gedanken beständig um sein jeweils aktuelles Werk kreisten. Er hätte sich niemals davon losreißen und mit ihr einen Spaziergang oder gar eine richtige Wanderung machen können, wenn er gerade in einem Kapitel feststeckte, und wenn sie ihn tatsächlich hätte überreden können, den Stift aus der Hand zu legen und seinen Platz zu verlassen, dann hätte sie dauernd Sorge getragen, daß er womöglich unterwegs plötzlich umkehrt und schnurstracks wieder nach Hause läuft, und Anna Grigorjewna hätte sich die Schuld daran gegeben, daß der Wortwechsel eines hochdramatischen Dialogs oder eine überraschende Wendung der Handlung, die ihm eingefallen waren, sich inzwischen wieder verflüchtigt hätten, denn ihr geliebter Gemahl hatte kein besonders gutes Gedächtnis (weshalb er sich auch so vieler "Schmierzettel" bediente, auf denen er alles festhielt, was ihm beim Schreiben spontan in den Sinn kam und welche ihm halfen, beim Fortgang der Geschichte den Überblick zu behalten).

Wenn er "freiwillig" mitkam, konnte sie ganz sicher sein, daß er für eine Weile "abgeschaltet" hatte und seiner lieben Frau einen Gefallen tun wollte. Er unternahm ja seinerseits alles, um ihr genügend Zerstreuung zu bieten, wie es sich für eine junge Dame von Mitte zwanzig gehörte. Man sprach von der Gemäldegalerie, vom Großen Garten, von der Operette, der Pferderennbahn, von der Dampferfahrt auf der Elbe oder einem Picknick in der Dresdner Heide. Aber sie wollte alles nur gemeinsam mit ihm erleben und genießen, und wenn er schrieb und unabkömmlich war, dann verzichtete sie lieber und wartete geduldig, bis es soweit war, daß er eine Pause einlegte und sich ausschließlich ihr zuwandte.

Der Frohsinn, den sie im wahrsten Sinne an den Tag legte, wenn sie mit Fjodor Michailowitsch unterwegs war, hatte auch noch einen anderen Grund. Die epileptischen Anfälle, unter denen er seit seiner Gefangenschaft im Straflager litt, überfielen ihn fast ausschließlich nachts. Anna Grigorjewna hat mir einmal beschrieben, wie so etwas abläuft, ich will das hier nicht unbedingt wiedergeben. Ich staunte bloß, mit welcher Unerschrockenheit sie darüber sprach, sie sagte sinngemäß "Ich kann da ja nicht viel machen, wenn es passiert, es nimmt einfach seinen Lauf, man kann es nicht aufhalten, aber ich habe das Gefühl, als würde ich meinem Mann schon dadurch helfen, daß ich in seiner unmittelbaren Nähe bin und versuche, ihn festzuhalten und zu besänftigen, wenn er so wild um sich schlägt."

Sie wollte nicht von seiner Seite weichen. Aber komischerweise ließ sie ihn ohne weiteres gehen, als ihn wieder einmal seine Spielsucht übermannte. Er glaubte, mit einem Gewinn beim Roulette auf einen Schlag alle seine Schulden begleichen und dann mit seiner Gemahlin nach Russland zurückkehren zu können. Über lange Zeit zehrten die beiden von ihrem Besitz, der (wie ich gewissen Äußerungen entnehmen konnte) teilweise bereits verpfändet war; auch Anna Grigorjewnas Mutter half ihnen aus mancher Verlegenheit, aber sie kümmerte sich gleichzeitig auch um Anna's jüngeren Bruder, der von allen sehr geschätzt wurde.

Wie alle besessenen Spieler grübelte Dostojewski über diversen "Systemen", mit denen man dem Glück oder genauergesagt dem Zufall nachhelfen könnte. Angeblich soll es ja mathematisch begründete Theorien geben, nach denen die Kugel beim Roulette nach einer "Serie" von Spielen auf eine bestimmte Zahl fällt, man musste also nur genau mitverfolgen, welche Zahlen auftraten, um dann den Einsatz im richtigen Moment auf dem richtigen Feld zu platzieren. Fjodor Michailowitsch hat sogar aus dem Casino in der Ferne heraus Briefe an seine Frau geschrieben, in denen er den Verlauf solcher Serien genauestens rekapituliert, sie hat mir das einmal vorgelesen, und ich hütete mich, es zu kommentieren.

Anna Grigorjewna war sich absolut sicher, daß er ungeachtet solcher "Berechnungen", die ihm vielleicht zwischendurch einen Gewinn einbrachten, am Ende alles eingesetzte Geld verlieren und sie beide dadurch in noch mehr Schulden stürzen würde, und genauso geschah es! Er machte den fatalen Fehler aller Spieler, die glauben, die Gesetze des Zufalls zum eigenen Vorteil ausnutzen zu können: er verpasste immer die Gelegenheit aufzuhören! Dennoch ließ Anna Grigorjewna ihn jedesmal gehen, gab ihm Geld, das sie selbst unter größten Entbehrungen irgendwo zusammengekratzt hatte, ja, sie schickte ihn buchstäblich fort, ins Casino, wenn sie merkte (und sie merkte es wie mit der Empfindlichkeit von Insektenfühlern), daß es ihn mit unwiderstehlicher Gewalt dorthin zog.

Und gerade im Kontrast zu ihrer Anhänglichkeit wollte sie ihn weit weg haben, wenigstens nach Baden Baden sollte er reisen und dort das Geld verspielen, denn sie hätte es natürlich keine Stunde ausgehalten, wenn er dreihundert Meter entfernt im Hotel Imperial hinter der Brühl'schen Terrasse am Spieltisch gesessen hätte. So aber war sie gewissermaßen beruhigt, denn sie wusste genau, was geschehen würde, und sie wartete mit der Treue und Beharrlichkeit einer Penelope auf die Heimkehr des einzigen Mannes, dem ihr Herz gehörte. Hätte sie sich darüber mit ihm gezankt und entzweit, dann wäre womöglich ihre Beziehung durch einen Schatten der Missgunst verdunkelt worden. So aber, wenn er als der reuige Sünder sein Haupt in ihren Schoß legte, empfand sie dies als großes Glück und als Bestätigung dafür, daß sie richtig gehandelt hatte.

Als Fjodor Michailowitsch in Baden Baden weilte, fragte mich Anna Grigorjewna, ob ich so freundlich wäre, sie zu einem Symposium von angesehenen Stenographisten zu begleiten, das in einer Dresdener Gewerbeschule stattfand. Sie war in der Stenographie außerordentlich versiert (Fjodor Michailowitsch hatte sie überhaupt nur dadurch kennengelernt, als er einen seiner Romane in kürzester Frist fertigstellen musste und sie ihm zum Diktieren empfohlen worden war - er hätte sich keine bessere Stenographin wünschen können).

Obwohl sie ja noch jung war, hatte sie beachtliche Erfahrung und in Russland bereits mehrere renommierte Wettbewerbe gewonnen. Dadurch war man sogar im Ausland auf sie aufmerksam geworden, und als man hier erfahren hatte, daß der Schriftsteller Dostojewski mit seiner Gemahlin sich in Dresden aufhält, wurde sie kurzerhand zu diesem Symposium eingeladen, ja die Organisatoren schmückten sich geradezu mit ihrer Teilnahme.

Man erwartete von ihr auf die Schnelle keinen Vortrag, legte aber doch, wie ich dann feststellte, großen Wert auf ihr Urteil bei einigen fachbezogenen Fragen, die hier zur Sprache kamen. Die Versammlung fand in einem Saal statt, mit mehreren aneinandergefügten Tischen und entsprechend vielen Stühlen, zwei gewaltige Kronleuchter hingen von oben herab, und an der Stirnseite war eine große Schreibtafel aufgebaut, die ein Pedell zwischendurch auf einen Wink hin mit einem feuchten Schwamm immer wieder abwischte. Man empfing uns sehr herzlich, wobei ein "Gremium" bestehend aus drei Herren die förmliche Begrüßung übernahm.

Dieses Trio war recht originell anzuschauen. Ihr "Anführer" war klein und rundlich, auf seiner Weste klaffte der Stoff zwischen den Knöpfen auseinander, er hatte einen großen Kopf, der von einer weißen Haarmähne umfasst war und sein Gesicht glänzte speckig. Beim Sprechen gingen seine Augen schräg nach oben, als rezitiere er aus dem Gedächtnis eine vielstrophige Ballade, er wollte wohl jeden noch so kleinen Fehler vermeiden, und es zeigte sich, daß er ziemlich gut über Anna Grigorjewnas bisherige Ausbildung und ihre Arbeit in Russland informiert war, als er einige ihrer Referenzen aufzählte.

Der Mann links neben ihm überragte uns alle um mindestens zwei Köpfe und hatte auch sonst eine hünenhafte Gestalt. An seiner Brust prangte ein Orden und an seiner rechten Hand ein Siegelring, offensichtlich beides Insignien, auf die er großen Wert legte. Er unterrichtete anhand einer gedruckten Liste Anna Grigorjewna über den Ablauf der Veranstaltung, aber das wurde dem Kleinen zu lang und er schnitt ihm das Wort ab und meinte, man könne dies in einer Pause besprechen, woraufhin Anna Grigorjewna (dem Langen zuliebe) fragte, wann denn die nächste Pause anberaumt sei.

Der Dritte schien mir ein wenig einfältig, er war sehr jung, vielleicht eine Art Assistent eines der anwesenden Professoren, aber er passte irgendwie nicht dazu. Er hatte rötliche, struppige Haare und Sommersprossen und ein seltsames Grinsen. Anna Grigorjewna sagte mir hinterher, in dem Dorf ihrer Großmutter, bei der sie als kleines Mädchen zu Besuch war, gab es einen Burschen, der ihr immer nachgestellt habe, um sie mit einer Weidenrute zu verhauen, der sah genauso aus. Aber dieser hier entpuppte sich dann geradezu als ein Verehrer, er brachte Anna Grigorjewna in der Pause Kaffee und Russisches Konfekt auf einem Tablett.

Mehrere Herren hielten kurze Vorträge, und jedesmal schloss sich eine lebhafte und zum Teil kontroverse Diskussion an. Ich verstehe nichts von Stenographie, aber ich bemerkte, daß es um die Problematik diverser Systeme ging, die sich in der "Notation" unterschieden, man demonstrierte dies anhand von Beispielen an der Tafel. Mir kamen diese Kürzel aus mehr oder weniger einprägsamen Schlangenlinien alle sehr urtümlich vor, aber ich unterstand mich, irgendetwas zu äußern. Man besprach etliche "Neuerungen" und erwog deren Vor- und Nachteile, als handele es sich um Medikamente aus Doktor Hahnemann's Hausapotheke.

Anna Grigorjewna hielt sich mit Kommentaren nicht zurück, aber sie blieb dabei immer sehr behutsam in ihrem Urteil, und ich sah, daß sie niemandem zu nahetreten wollte, der sich vielleicht viele ernsthafte Gedanken über seinen Beitrag zur Debatte gemacht hatte. Der kleine, korpulente Herr aus dem "Trio" hatte sie in der Pause gefragt, ob sie möglicherweise ein paar Worte an das geneigte Auditorium richten wollte, und ich glaube, sie hatte diese Bitte schon erwartet. Sie griff dann zwei, drei der behandelten Fragen auf und meinte, es sei sehr schön zu sehen, wie in die so nützliche, geistig praktische Errungenschaft der Stenographie immer wieder neue Ideen Einzug halten, mit der edlen Absicht, sie beständig zu vervollkommnen. Damit zollte sie allen gleichermaßen Lob und Anerkennung, und die Anwesenden waren sich ihrer Würdigung wohl bewusst.

Aller Augen waren auf sie gerichtet, man hörte ihr fast mit angehaltenem Atem zu, selbst der Pedell neben der Schreibtafel verfolgte wie bewundernd ihre Rede. Dann sprach sie über die Zusammenarbeit mit dem Schriftsteller Fjodor Michailowitsch Dostojewski und gab ein paar Ratschläge das Diktieren betreffend, welche die tägliche Arbeit eventuell verbessern und zugleich erleichtern können.

Zum Schluss erzählte sie noch die Anekdote, wie im Syn otetschestwo ein Artikel zu lesen war, der von einem "berühmten Romancier" handelte, welcher bei der Fertigstellung eines seiner Werke ein wenig in Verzug geraten war und deshalb eine junge Stenographin engagiert hatte, um den vertraglich festgelegten Abgabetermin einhalten zu können, denn andernfalls drohte ihm eine nicht geringe Konventionalstrafe. Jedoch - so war in diesem leicht humoresken Artikel zu lesen - fiel dem Autor kein passender Schluss der Geschichte ein, es ging um einen reifen Mann, der sich anscheinend hoffnungslos in eine hübsche junge Frau verliebt hatte.

"Der Autor war schon drauf und dran", zitierte Anna Grigorjewna den Wortlaut des Artikels, "einzusehen, daß es am besten sei, die Strafe zu zahlen, als plötzlich die Stenographin, die bislang schweigend ihre Arbeit getan hatte, den Vorschlag machte, diese Frau zu der Erkenntnis zu führen, daß sie die Liebe, die sie in dem Helden entfacht hatte, selber erwidert. 'Aber das ist ganz unmöglich!', rief der Autor, 'Bedenken Sie doch: der Held ist ein eingefleischter Junggeselle ... so wie ich! Diese Frau dagegen steht im vollen Glanz ihrer Schönheit und Jugend ... wie Sie zum Beispiel!' Darauf entgegnete die Stenographin, daß ein Mann nicht durch sein Äußeres eine Frau beeindruckt, sondern durch Beharrlichkeit, Gerechtigkeitssinn und Geist. 'Lassen Sie es ruhig zu', sagte sie, 'daß sie seinem etwas unbeholfenen aber aufrichtigen Werben nachgibt, und ich bin sicher, Ihre Leser werden ihnen für diesen Ausgang der Geschichte danken.'"

Anna Grigorjewnas Tonfall klang bei ihren "wissenschaftlichen" Ausführungen verständig und überzeugend, jetzt zum Schluss bekam ihre Stimme etwas Warmherziges und mir kam es vor, als spürten die Zuhörer das Verdienst - und die Gnade - welche ihr zuteil geworden war, indem sie die literarischen Schöpfungen ihres Mannes sozusagen aus erstem Mund empfing und festzuhalten vermochte. Man wurde sich dadurch auf eine liebenswürdige Weise der Bedeutung des eigenen Handwerks ein Stück mehr bewusst. Und als Anna Grigorjewna für ihren kleinen Vortrag viel Beifall erntete und dann der Hüne vom Gremium ihr zuletzt eine Urkunde überreichte, die an diesen Tag erinnern sollte, da konnte man sehen, daß sie es mit ihrem Auftritt geschafft hatte, die Vertreter der Zunft mit Stolz zu erfüllen.

Ich weiß, was man mich wahrscheinlich schon die ganze Zeit fragen wollte: ob ich all' diese Eindrücke in den Berichten an meinen Führungsoffizier Nikita Jefremowitsch Preguschin ausführlich und wahrheitsgemäß mitgeteilt habe, wie es meine Pflicht war. Ich will die Antwort nicht schuldig bleiben, aber, wenn es mir erlaubt sei, an anderer Stelle etwas darüber sagen. Lassen Sie mich, liebe Leser, in der Folge der Ereignisse ein paar Schritte zurückgehen.

Als ich das erste Mal nach Dresden geschickt wurde, mit dem Auftrag, Kontakt zu Dostojewski aufzunehmen und etwas über seine eventuellen Verbindungen zu subversiven, antirussischen Kräften herauszukriegen, da konnte ich ihn in der Elbe Metropole nicht ausfindig machen. Was mir Preguschin über Dostojewskis Aufenthaltsort mitgeteilt hatte, war schon ziemlich vage gewesen, und in Dresden stellte ich rasch fest, daß er völlig unzureichend informiert war.

Drei Tage lang lief ich mir vergeblich die Sohlen ab, nirgends war er gemeldet oder registriert, niemand hatte von ihm gehört, außer einem Buchhändler namens Oswald Kestner, der seinen Laden auf der Prager Straße hatte und der so tat, als hätte der "Meister" selbst seine Werke zu ihm ins Geschäft gebracht, damit er sie verkaufe. Tatsächlich hatte er so ziemlich alles, was bisher von ihm erschienen war. Herr Kestner klärte mich auch über die starke Russische Gemeinde in Dresden auf, aber trotz meiner Hartnäckigkeit wollte er mir nicht verraten, wo "die Dostojewskis" wohnen, er faselte sogar etwas von einem geheimgehaltenen Ort, und da sah ich ein, daß es aussichtslos war, weiter zu fragen. Mir war auch unklar, wen er mit den Dostojewskis gemeint hatte. Ihn und seine Gemahlin? Oder etwa die beiden Brüder?

Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich hatte mir ein Zimmer auf der Neustädter Seite gemietet, da saß ich und überlegte, aber das führte zu nichts. Ich hätte Preguschin kontaktieren können, aber mir war auch bewusst, was er von mir erwartete, und mein Aufenthalt in London und der Rapport, den ich ihm danach gab, hatten ihn noch keineswegs von meinen Fähigkeiten überzeugt. Das gab er mir auch mehr oder weniger direkt zu verstehen, ja ich glaubte so etwas wie eine sanfte Drohung herauszuhören - und ich war schließlich immer noch "auf Bewährung" bei ihm tätig, er hätte mich jederzeit fallenlassen können.

Außerdem hatte mir Preguschin eingeschärft, daß ich mich nur in einer Notsituation mit ihm in Verbindung setzen sollte. (Jemand in der Abteilung hatte einmal gemeint, wenn es nach Preguschin ginge, dürfe man seinen Namen solange nicht öffentlich aussprechen, bevor er nicht auf einem Grabstein eingemeißelt wäre. Ach, wenn ich mich recht entsinne, hat er das sogar selbst geäußert.)

Als ich eines Nachmittags an der Brühl'schen Terrasse stand und auf die Elbe Dampfer blickte, stand plötzlich ein Mann neben mir und fragte: "Waren Sie letzten Sommer auch in Odessa?" Ich war so überrascht, daß ich einen Moment brauchte, um zu begreifen, dann erwiderte ich "Ich habe mir gerade neue Schuhe gekauft." "Folgen Sie mir in zwanzig Schritt Entfernung", sagte er und ging weiter. Ich gehorchte. Wir liefen in Richtung Johannstadt, und in einer der Seitenstraßen betrat der Mann ein Mietshaus mit einer unscheinbaren Fassade. Als ich den Eingang erreicht hatte, stand er drinnen und hielt mir die Tür auf. Dann stiegen wir zwei Treppen hinauf, er öffnete in Windeseile eine Wohnungstür und schloss sie leise hinter uns. "Zweites Zimmer rechts", sagte er, während er den Mantel auszog. Da fiel ein Revolver aus seiner Tasche und plumpste auf den Dielenboden. "Scheißding", fluchte er und hob ihn umständlich auf, ich hätte schwören können, er wollte mir damit etwas zu verstehen geben.

Er nannte sich Andropow und er redete mich beim Vornamen an. Auf dem Tisch in seinem Zimmer lagen ein paar Handgranaten und ein Ding, das aussah wie eine selbstgebaute Bombe. Ich fragte "Was ist das?" "Unwichtig", erwiderte er, "setzen Sie sich dort drüben hin, Nikolai Alexandrowitsch!" Er holte aus dem Schreibtischfach ein zusammengefaltetes Blatt, platzierte sich mir gegenüber und erklärte mir anhand der Notizen auf dem Schriftstück "Sie werden in die Schweiz versetzt, nach Genf." Ich wandte ein "Ich bin hierher nach Dresden gekommen, um den Schriftsteller Dostojewski zu observieren." "Das ist momentan zweitrangig." (Er verriet mir nicht, ob Dostojewski überhaupt hier wäre.)

"Was soll ich in Genf tun?" "Dort findet eine Konferenz der internationalen Anarchisten statt, Sie werden darüber berichten." "An wen?" "Bitte?" "An wen soll ich meinen Bericht schicken?" Andropow stutzte. "Sie schicken ihn gar nicht, Sie berichten mündlich an Ihren Vorgesetzten, wenn Sie zurück sind." "Wie lange soll ich dort bleiben?" "Solange, bis das vorbei ist. Noch weitere Fragen?" "Nein." "Gut, dann unterschreiben Sie hier ..." Er schob mir das Blatt herüber, deckte aber mit der flachen Hand alles ab, mit der anderen hielt er mir einen Tintenstift hin, den er mit der Zunge angefeuchtet hatte. "Was steht da?" "Daß Sie von Ihrem Auftrag unterrichtet worden sind." Ich sagte "Für gewöhnlich lese ich vorher alles, was ich unterschreibe." "Ja, schon möglich", sagte Andropow und ließ seine Hand liegen. Ich unterschrieb, er faltete das Blatt zusammen und steckte es in seine Jackentasche.

Auf einmal legte er seinen Kommandoton ab. Er machte eine Kopfbewegung zu dem andern Tisch hin. "Wissen Sie, was das ist?" "Es sieht aus wie eine Bombe." "Ja, richtig." Wir standen auf und sahen uns das Ding genauer an. "Woher stammt sie?", fragte ich, denn ich nahm an, daß er sie nicht selbst gebaut hatte. "Die haben wir bei einem polnischen Verschwörer gefunden." "Hier in Dresden?" "Ja." "Wie funktioniert sie?" Andropow beugte sich darüber.

Ein Dutzend Stangen Dynamit war über einen komplizierten Mechanismus mit einem Räderwerk verbunden, das offenbar wie eine Uhr mit einer starken Spiralfeder angetrieben wurde. Er sagte "Das wissen wir noch nicht genau, verstehen Sie was davon?" Ich sagte, ich würde lediglich erkennen, daß es sich um Dynamit handelt, wie es auch zur Sprengung in Steinbrüchen verwendet wird. "Ja, richtig." "Warum fragen Sie den Mann nicht selbst?" Andropow hob den Kopf. "Weil wir ihn nicht haben." Ich verstand, daß sie nur seinen Unterschlupf durchsucht hatten.

Ich konnte mir auch nicht genau erklären, was Andropow mit "polnischem Verschwörer" meinte. Dann gab er mir ein Bündel Geldscheine, darunter Rubel, Deutsche Mark und Schweizer Franken. "Das sollte reichen, Sie machen ja dort keinen Urlaub." Ich sagte "Soll ich dafür quittieren?" "Das haben Sie schon." Dann ließ er mich hinaus mit den Worten "Ich muss Sie nicht darauf hinweisen, wie Sie diese Unterredung zu behandeln haben." "Nein, nicht nötig." "Dann viel Erfolg!"

Vielleicht war ich ein wenig leichtgläubig gewesen, ich hätte mich vergewissern sollen, daß dieser Andropow tatsächlich aus der Sektion VIII kam und befugt war, mir Weisung zu erteilen. Aber immerhin kannte er die vereinbarte Parole, die mir für solche Kontakte mitgegeben worden war, und wer sonst außer jemand von der Sektion VIII konnte so etwas wissen. Im Grunde war ich froh, daß ich einen weiteren Auftrag erhalten hattehatte und meine Untätigkeit vorbei war.

Zwischen den Geldscheinen steckte ein Zettel, auf dem eine Genfer Adresse stand. Das war ein Hotel, und ich nahm an, daß dort ein Zimmer für mich reserviert worden wäre, aber das war nicht der Fall. (Später dachte ich, daß dieser Zettel vielleicht nur zufällig in Andropows Geldbündel gerutscht sei.) Als ich an der Rezeption stand, war da eine junge Frau, die sich nach einem Gast erkundigte. Indem mir der Concierge sagte, es läge keine Reservierung vor, schaute die Frau kurz zu mir herüber. Ich konnte auf Anhieb sehen, daß es sich um eine Russin handelte (man erkennt junge russische Frauen im Ausland sofort).

Der Concierge empfahl mir eine Pension, und ich begab mich dorthin, hatte aber auch hier kein Glück, erst bei der dritten Adresse fand ich ein Quartier, es war ein einfaches, sauberes Zimmer im dritten Stock eines Hauses, in dem sich unten ein Milch- und Käseladen befand. Ich versuchte herauszufinden, wo die Konferenz der Anarchisten stattfand, zu meiner Überraschung war es gar kein Geheimnis. Ich hatte angenommen, daß es sich um ein konspiratives Treffen handelt, doch das war ein Irrtum. Und auch Andropows Bezeichnung "Anarchisten" stammte entweder von ihm selbst oder aus der Sektion VIII. Der offizielle Titel der Veranstaltung lautete: Kongress der Friedens- und Freiheitsliga, und in der Stadt konnte man sogar Flaggen der Länder sehen, die Vertreter hierher entsandt hatten.

Der Andrang des interessierten Publikums war groß, vor allem am Eröffnungstag. Der Zugang war frei, doch man musste sich eine Eintrittskarte besorgen, seinen Namen und den Herkunftsort in eine Liste eintragen. Ich konnte für den zweiten Tag eine Karte ergattern. Ich kam gerade recht zum Auftritt von Michail Bakunin, und mir wurde rasch klar, daß ich seinetwegen nach Genf geschickt worden war. (Bakunin war für mich kein Unbekannter, Alexander Iwanowitsch Jakowlew, alias Alexander Herzen, hatte in London einige Anekdoten über ihn erzählt. Und ich wusste über sein bisheriges Schicksal auch aus einer anderen Quelle, auf die ich gleich noch zu sprechen komme. Aber ich hatte Bakunin nie vorher leibhaftig gesehen.)

Er war wirklich der Koloss, als den man ihn mir beschrieben hatte. Er war fast zwei Meter groß, mit einer Figur wie ein Gewichtheber im Zirkus und einer Zottelmähne wie ein Kaperkapitän. Er sprach frei und gestikulierte nach allen Seiten, er legte seine Ansichten offen und unverblümt dar, er nutzte jeden Moment zu seinem Vorteil aus, selbst die Pausen steigerten die Wirkung. Er war ein charismatischer Redner und sogar seine gelegentliche Eitelkeit gereichte ihm zur Ehre. Manchmal brüllte er wie ein Löwe, wenn es um seine politischen Gegner ging, dann wieder bestärkte, ja betörte er sein Publikum mit der Stimme eines Apostels, als spräche er ihnen direkt aus dem Herzen. Man belohnte ihn mit brausendem Beifall, stellenweise spontan in seine Rede hinein. Man vernahm Jubel und Bravo Rufe. Er schaffte es, die Leute, die aus allen möglichen Ecken und Enden Europas herbeigeströmt waren, wie mit einer alles verbindenden Idee zu beseelen. Genau das hatten sie sich erwünscht und erwartet: einen großen Mann, einen Führer, der ihnen die Richtung weist, in der sie die heilbringende Zukunft zu erblicken glaubten.

Auf Bakunin hatte mich seinerzeit schon der Major K. aufmerksam gemacht. Er bezeichnete ihn ebenfalls nicht als einen Anarchisten. Er passte auch nicht in sein Schema von den drei Typen des politischen Verbrechers. Er nannte Bakunin einen "Vagabunden", einen "ruhelosen Geist", einen "notorischen Störenfried und Neidhammel". Er sah in ihm einen Mensch, dem es nicht vergönnt ist, seine ersehnte Wirkungsstätte, seinen Lebensmittelpunkt und damit den Sinn und die Erfüllung seines eigenen Daseins zu finden und der deshalb von einem Ort zum andern hastet, um sich selbst die Genugtuung zu verschaffen, um die er sich beständig geprellt fühlt.

Diese innere Unruhe hatte ihn zu einem Draufgänger gemacht, ihn mit einer Schonungslosigkeit ausgestattet, welche ans Halsbrecherische grenzte und die wahrscheinlich der Grund war, daß ihn diejenigen "anarchistisch" nannten, die nur sein äußeres Handeln, seine spektakulären Auftritte sahen. In Wahrheit war er geprägt von einem Eskapismus, der seine tiefinnerste Schwäche und Angst in den Augen seiner Zeitgenossen zu seiner größten Stärke erscheinen ließ: seine Fähigkeit, sich aus allen Niederlagen, aus allen Bedrängnissen zu retten, ja selbst aus Todesgefahr zu entkommen und seinen Feinden, wenn er ihnen auch unterlegen war, immer aus der Ferne eine Nase zu drehen.

Er hat überall mitgemischt, wo Barrikaden errichtet und blutige Straßenkämpfe ausgetragen wurden. Er ist in Dresden dabei, in Prag und in Paris. Er wäre gern beim Krakauer Aufstand dabeigewesen, wenn man ihn gerufen hätte. Er bietet den polnischen Emigranten in Versailles seine Hilfe an, aber die brauchen Geld und Waffen, und damit kann Bakunin, selber arm wie eine Kirchenmaus, nicht dienen. Er träumt von einer Föderation slawischer Republiken, aber die Polen halten nichts davon. Er trifft Belinski in Paris, jenen Belinski, dessen Brief Dostojewski angeblich unter den Feinden des Zaren verbreiten half, wofür er zum Tode verurteilt wurde. Doch es funkt nicht zwischen den beiden, und Belinski stirbt wenig später in seiner russischen Heimat. Als in Paris die Revolution ausbricht, verteidigt Bakunin mit der Flinte in der Hand die Stellungen der militanten Proletarier, er nächtigt bei einer Einheit von fünfhundert Kämpfern in einer Kaserne beim Luxembourg Palais. "Das ist seine Welt! Die Reihen der Rechtlosen, aber gleichwohl bis zur Selbstaufopferung Entschlossenen abzuschreiten und vor der Schlacht taktische Ratschläge zu erteilen", sagte Major K. mit einem geringschätzigen Ton der Stimme.

In Prag sind es die Studenten, vor denen er flammende Reden hält, um sie zu ermutigen. Doch nirgends hält es ihn lange, er reist zwischen Paris, Prag, Breslau, Posen, Leipzig, Berlin hin und her, zwischendurch erwägt er, nach London zu gehen, immer auf der schier verzweifelten Suche nach der Selbstbehauptung und der Gewissheit der eigenen Bedeutsamkeit. Aber da ist auch noch ein anderes Moment: er spürt, daß die Begeisterung für ihn nach dem ersten Eindruck verfliegt und man sich rasch von ihm abwendet, denn seine Einfälle und Ideen sind in den Augen der anderen oft schlichtweg undurchführbar, meinte Major K. und gab ein paar Beispiele aus Bakunins Zeit in Dresden, der vorläufig letzten Station seiner umstürzlerischen Aktivitäten.

"Als er sich mit der provisorischen Regierung im Rathaus verschanzt hatte und die feindlichen Truppen heranrückten, schlug er vor, alle Pulverreserven in den Keller zu schaffen und sich im letzten Moment mit dem ganzen Gebäude in die Luft zu sprengen!" Der Major lachte. "Dafür hatten die braven Sachsen wohl nicht ihr Leben riskiert, um es dann wirklich zu verlieren. Auch soll er vorgeschlagen haben, Raffaels Sixtinische Madonna zuoberst auf die Barrikade zu stellen, um die Soldaten am Schießen zu hindern. Tja, ihm gehörte das Bild ja nicht. Seine Selbstlosigkeit rührte immer von seiner Mittellosigkeit her, was hätte es für einen Unterschied zwischen seinem Leben und Tod gemacht, wenn er im nächsten Moment krepiert wäre?"

Ich fragte den Major "Wäre Ihnen das vielleicht lieber gewesen?", doch er verwahrte sich, "Oh nein, das hätte ihn aus der Welt entlassen, ohne daß er für seine Sünden büßen musste. Einen Mann wie Bakunin kann man nur dadurch bestrafen, daß man ihn ins Gefängnis steckt, in eine Einzelzelle, die sich mit drei Schritten durchmessen lässt, so kriegt man ihn klein und macht ihn gefügig! Es ist dann nur eine Frage der Zeit, bis er zahm wird wie ein Meerschweinchen. Glauben Sie mir, Nikolai, ich bin selber dabeigewesen, als man die Haftbedingungen für solchen Abschaum festgeschrieben hat - da brauchen wir gar keine Folter mehr, um diese Halunken auszuquetschen."

Nach der gescheiterten Revolte in Sachsen wird Bakunin auf dem Königsstein inhaftiert, dann nach Prag abgeschoben, wo man ihn in der Zitadelle auf dem Hradschin einsperrt. Weiter geht es nach der österreichischen Festung Olmütz, wo er wegen Hochverrats zum Tod durch Erhängen verurteilt wird. Aber die Österreicher kommen dem Auslieferungs Ersuchen des Kaisers Nikolai nach und schaffen ihn an die russische Grenze. Er kommt in eine Zelle im Alexej-Ravelin-Trakt der Peter-Pauls-Festung. Man muss die Pritsche austauschen, weil sie zu kurz ist, und man muss ihm extra Häftlingskleidung besorgen, weil in seiner Größe keine vorrätig ist.

Das war der Ort, an dem der Major K. sich Bakunin bis ans Ende seiner Tage gewünscht hätte. Aber der neue Zar Alexander zeigte sich großmütig und wandelte die Festungshaft in eine Verbannung nach Sibirien um. Der Major tat so, als wäre er im rechten Augenblick nicht auf seinem Posten gewesen, denn sonst hätte er diese fatale Fehlentscheidung niemals "durchgehen" lassen. Bakunin habe seine angebliche Krankheit vorgetäuscht, "und dieses korrupte Gesindel in Tomsk" (wohin er verbannt wurde) sei prompt auf ihn hereingefallen, man habe ihn daher in der Stadt wohnen lassen und nicht, wie eigentlich angeordnet war, weitab vom Schuss in einer öden Siedlung. Er konnte sich frei bewegen, er bekam eine Anstellung bei einem Irkutsker Kaufmann.

Der Major schüttelte fassungslos den Kopf und sagte "Er heiratete eine Siebzehnjährige! Manche sagten, die beiden sähen aus wie ein Elephant neben einem Pony." Sein Helfershelfer, dieser "jüdische Spitzbube" hatte Bakunin auf eine Handelsmission in die Gegend am Unterlauf des Amur geschickt, in seinen Papieren war der Vermerk "politisch Verbannter" getilgt, stattdessen stand da "Leutnant im Ruhestand".

Ich fragte mich nicht zum erstenmal, woher der Major so detaillierte Informationen hatte, zumindest an dieser Stelle verriet er mir, daß er mit der Polizeiaufsicht in Nikolajewsk Verbindung aufgenommen hatte, leider war zu diesem Zeitpunkt Bakunin bereits über alle Berge oder genauergesagt über alle Wasser. Der Kerl hatte immer ein verteufeltes Glück, er kam bis nach Japan, dort gewann er den russischen Konsul für sich, reiste unbehelligt nach Yokohama weiter und gelangte an Bord eines amerikanischen Schiffes, das ihn nach San Francisco brachte. Ein paar Wochen später traf er in London ein, natürlich nicht ohne sich vorher noch in den Amerikanischen Sezessionskrieg eingemischt zu haben.

Es schien, daß der Major ihm vor allem seine Liebschaft mit einer Minderjährigen übelnahm, in seinen Augen war das Versündigung und Frevel an den heiligen christlichen Geboten, zumal es sich um ein Mädchen aus einer russischen Adelsfamilie handelte. Andererseits sagte er im gleichen Atemzug, es sei ihm ja ganz egal, in wen "dieser Schweinehund seinen beschnittenen Schwanz" steckt. Offenbar hielt er Bakunin für einen Juden, und die Juden waren es angeblich auch, die ihm stets aus der Patsche geholfen hatten. Dabei war Bakunin zweifelsfrei selbst der Sohn eines russischen Adligen (das hatte ihn nebenbei bemerkt auch vor der Hinrichtung bewahrt), kaum anzunehmen, daß Major K. das nicht wusste.

Aber der Major hatte generell etwas gegen die "jüdischen Intelligenzler", zumal gegen jene, die sich für Russen oder gar für Patrioten des Vaterlands hielten. Für ihn befindet sich der Urgrund und die Quelle Russlands im Schoß der Heiligen Kirche, und zwar seit mehr als tausend Jahren. Er selbst, als ein Offizier der Kaiserlichen Armee, ist nur ein demütiger Knecht im Namen der Kirche, so wie auch der Zar und seine Familie in Wahrheit Gefolgsame der Kirche sind, so wie der ganze russische Staat im Dienste der Heiligen Kirche und des rechtmäßigen Glaubens steht. "Nichts und niemand auf dieser Welt", sagte er im Brustton der Überzeugung, "gibt jedem Einzelnen von uns eine größere Gewissheit der eigenen Erlösung, als die Kirche, man muss sich nur darum bemühen."

Dann gab er mir fast wie nebenbei eine kleinen Hinweis, er meinte, es gebe im Archiv der Geheimen Staatskanzlei ein Dokument, das Michail Bakunin während seiner Haft in der Peter-Pauls-Festung verfasst habe und das ungeachtet seines Umfangs nur kurz "die Beichte" genannt wurde. Der Major sagte mit einem süffisanten Lächeln: "Strengen Sie sich ein bisschen an, vielleicht gelingt es Ihnen, da heranzukommen", und es klang, als wollte er sehen, wie gut ich mich als Spion im eigenen Haus durchschlagen könne.

Mein Führungsoffizier Nikita Jefremowitsch Preguschin wusste nichts von einem solchen Dokument, jedenfalls behauptete er, daß es nicht in der Sektion VIII existiere. Als ich dann bei Werenzew die Akten bezüglich der Schleswig-Holstein Problematik und für meinen Londoner Aufenthalt studierte, gab ich dem Gehilfen, der immer brav alles herbei- und wieder wegschaffte, kurzerhand den Auftrag, mir das Bakunin Dokument zu besorgen (der Major hatte mir sogar eine Nummer genannt, unter der es archiviert worden war).

Der Gehilfe kam zurück und sagte, dieses Dokument liege "unter Verschluss" in einem besonderen Schrank, und ob Herr Werenzew denn darüber Bescheid wüsste, daß ich es zur Einsicht bekäme? "Selbstverständlich", antwortete ich mit Bestimmtheit. Wohlweislich hatte ich einen Zeitpunkt abgepasst, als Werenzew nicht anwesend war. Der Gehilfe war skeptisch, ich rief "Nun machen Sie schon! Ich will hier nicht bis in die Nacht hinein herumsitzen." (Das tat ich eigentlich ohnehin.) Er brachte es mir trotzdem erst am nächsten Tag.

Es war ein Manuskript von annähernd hundert Blatt, und ehrlichgesagt lief mir ein Schauer nach dem andern über den Rücken angesichts der Tatsache, daß es nicht bloß von Bakunins eigener Hand stammte, sondern auch mit diversen Anstreichungen und Anmerkungen unseres seligen Zaren Nikolai versehen war. Woraus ich das schließen konnte? Es war ein Zettel beigefügt, mit welchem der Chef der Sonderkanzlei Seiner Majestät, Graf Orlow, Bakunins Beichte an den Zaren persönlich zur Kenntnisnahme übergeben hatte. Außerdem war da eine Notiz von Orlows Nachfolger im Amt, des Kommandeurs der Politischen Polizei, Leonti Wassiljewitsch Dubelt, der offenbar nach dem Tod Nikolais die Authentizität seiner Randbemerkungen bestätigte. Das Ganze trug auf dem Deckblatt den Stempel "streng sekretiert".

Leider konnte ich die Beichte nicht zu Ende lesen, denn ich wurde vom plötzlichen Erscheinen Werenzews überrascht. Er konnte auf die Entfernung an der Farbe der Mappe sehen, woher das Dokument stammt. Aus seinen Augen funkelte es böse, er rief: "Wer hat Ihnen das ausgehändigt?" Ich sagte, ich hätte von Major K. eine "Empfehlung" bekommen. "Welcher Major K?", wütete Werenzew, ich habe ihn nie wieder so zornig gesehen. Er wusste nicht einmal, worum es sich handelte, allein die Tatsache, daß es ein Dokument war, welches "streng sekretiert" war, ließ ihn zu einem Cerberus werden. Ich konnte es ja verstehen, dennoch bedauerte ich, daß er mich daran hinderte, die Beichte bis zum Schluss durchzulesen. Er nahm sie mir augenblicklich weg und warf mich (wenigstens für diesen Tag) hochkant aus dem Büro. Mehr noch als Werenzew war der Gehilfe sauer auf mich, er sprach fortan kein Wort mehr mit mir.

Was ich gelesen hatte, beschäftigte mich sehr, aber ich konnte mir kein rechtes Urteil über dieses Pamphlet, geschweige denn über seinen Verfasser bilden. Ich versuchte, mich in die Lage Bakunins zu versetzen. Er hatte es ohne Zweifel aus freien Stücken, will heißen: ohne Zwang aufgeschrieben. Es war eine Art Resümee seines ganzen bisherigen Lebens, und es war ausdrücklich an Seine Kaiserliche Majestät gerichtet. Es war einerseits eine Rechtfertigung seiner Ideen und seines Handelns (einschließlich seiner Freveltaten im Zusammenhang mit allen möglichen aufrührerischen und gewaltsamen Aktionen in halb Europa), und in diesem Sinne waren seine Aussagen erfüllt von einer erstaunlichen Offenheit und der Bereitschaft sich zu erklären. Es machte nicht den Anschein, als ob er etwas verbergen oder leugnen wollte.

Andererseits sprach aus ihm der Untertan des mächtigen Herrschers, der Diener und Schützling Seiner Majestät, der jeden Gehorsam wenn nicht verweigert so doch missachtet und sich staatsfeindlicher Umtriebe schuldig gemacht hat und der jetzt mit scheinbar stoischer Gelassenheit zu ertragen bereit ist, daß ihn dafür die Härte und Strenge der Gesetze trifft. Nun ja, wenn ich meine, daß er dies alles ohne äußeren Zwang geschrieben hatte, so muss man natürlich bedenken, daß allein der Ort, wo er sich befand, und ein schlimmes Ende vor Augen, für jedermann Zwang genug bedeutete.

In Gedanken verglich ich Bakunins Ausführungen mit dem, was Major K. über ihn gesagt hatte, in manchem schien er recht zu haben, aber die beiden Abbilder, die ich von Bakunin hatte, waren natürlich keineswegs deckungsgleich, und ich ertappte mich auch dabei, daß ich über das Urteils- und Einfühlungsvermögen des Majors mindestens ebensoviel nachdachte wie über die Persönlichkeit Bakunins.

Zum Beispiel hatte er gemeint, es sei doch auffällig, daß, wo immer er auftrat und mit Jubel und Vorschusslorbeeren empfangen wurde, ihm dennoch niemand eine Träne nachgeweint hat, als er fort war, ja daß ihn niemand zurückhalten wollte. Ich fand dies eine interessante Beobachtung, wenngleich ich in Bakunins Bericht schwerlich ein Indiz dafür fand (aber ich habe ihn wie gesagt nicht bis zum Ende gelesen; und er hätte es höchstwahrscheinlich auch selber kaum zugegeben). Der Major sagte auch, wie froh er wäre, daß Bakunin sich gegen alles Mögliche ereiferte und auflehnte, nur nicht gegen die Kirche (wie es seinerzeit Belinski getan hatte), denn das hatte verhindert, daß er zu einem Märtyrer geworden wäre, vor dem sich die Menschen verneigen.

Alles in allem musste auch der Major eingestehen, daß er Bakunin in der Festungszelle nicht kleingekriegt hatte. Angeblich habe man Bakunin, solange er an seiner Beichte schrieb, von höchster Stelle Haftverschonung gewährt. Aber vielleicht musste der Major auch erkennen, daß er ihm nicht gewachsen war, was natürlich seinen Hass auf ihn nur gesteigert hat. (Selbstverständlich behielt ich diese Einschätzung für mich.)

Ich muss gestehen: mit der Kenntnis seiner "Beichte" und dem, was mir aus der Unterhaltung mit dem Majors in Erinnerung geblieben war, verspürte ich jetzt bei seinem Auftritt in Genf einen ziemlichen Schock. Ich hatte einen mürbe gemachten, geschwächten, ja innerlich gebrochenen Mann erwartet, den die Strapazen der Haft und der Flucht schlimm gezeichnet hatten. Stattdessen war da ein unverbesserlicher Bakunin, der bis hierher allen seinen Widersachern getrotzt hatte, ihnen nicht nur entkommen war, sondern sie in Wirklichkeit auch noch zum Narren gehalten hatte. Seine Kraft und Ausstrahlung waren ungebrochen, sein Zorn schien unvermindert zu lodern wie seit den Tagen von Paris und Prag und Dresden, seine Zuversicht war größer als je zuvor, als hätte ihn die Reise um den Globus nur zu neuen Horizonten getragen.

Ich kam zu dem Schluss, daß seine Beichte an den Zaren Nikolai so etwas wie ein geistiger Husarenstreich gewesen war, mit keinem andern Zweck, als sich wie ein Fuchs aus der Falle zu befreien, in welche er in einem Moment der Unvorsichtigkeit geraten war. Dies - eine kleine Unachtsamkeit mit üblen Folgen - war der einzige Fehltritt, den er sich selbst vorzuwerfen hatte.

Als ich am Abend in einem Genfer Restaurant etwas speisen und mir für meinen Bericht ein paar Notizen machen wollte (ich hatte für so was eine Art Geheimsprache entwickelt), da rief es von einem der anderen Tische zu mir herüber: "Nikolai Alexandrowitsch! Wie schön, Sie wiederzusehen! Leisten Sie uns Gesellschaft!"

Im ersten Moment war ich erstaunt, jenen Herrn hier zu treffen, mit dem ich in London an der Bar des "Primrose Hill" eine Flasche Whisky geleert hatte, aber irgendwie überraschte es mich dann doch nicht. "Mister Bentheim!" Er sagte "Wie läuft es mit dem Sorghum?" "Und mit dem Spiritus?", fragte ich zurück. Er lachte. Er war nicht allein, an seinem Tisch saßen zwei Männer, mit denen er mich bekanntmachte: ein Franzose mit Namen Pierre Gobin und ein Italiener, der sich als Signor Tomasi vorstellte. Mich nannte er einen "alten Bekannten". Ich setzte mich zu ihnen und bestellte ein Glas Wein.

"Was führt Sie hierher nach Genf, Herr Novadin?", fragte mich Tomasi. "Ich bin geschäftlich hier." Er pfiff durch die Zähne. "Genf ist ein guter Ort für lukrative Geschäfte, habe ich gehört", sagte er, und Bentheim meinte "Das Besondere an dieser Stadt ist, daß sie mitten auf dem Festland einen Hafen hat, der Zugang zum Mittelmeer verschafft. In der anderen Richtung ist man schnell in Basel und damit auf dem Rhein, der einen bis nach Rotterdam und nach London bringt."

Monsieur Gobin fragte ihn "Befahren Sie diese Route selbst?" Bentheim verneinte, gab dann aber zu "Der Genfer Hafen ist ein Freihafen, er wird viel als Umschlagplatz für den internationalen Kunsthandel genutzt, ich habe dort gelegentlich einige Objekte zwischengelagert - erinnern Sie sich an die Amor Statuette bei Alexander Iwanowitsch Jakowlew? - wandte er sich an mich - die stammte aus Sizilien und lag einige Zeit hier in Genf."

"Ach, Sie kennen sich von London her?", stellte Monsieur Gobin fest (er hatte das wohl aus dem Namen Jakowlews geschlussfolgert). Ich sagte "Ja, wir haben uns dort zufällig kennengelernt." "Und wie war Ihr Tag?", fragte Tomasi unvermittelt. "Wo?" "Na hier, heute?" "Ach so. Ja, es war ein ausgefüllter Tag. Ich war bei der Konferenz der Friedens- und Freiheitsliga", sagte ich ohne es zu wollen. "Tatsächlich? Was hat Sie dorthin verschlagen?" "Ich habe mir die Rede von Michail Bakunin angehört."

Sie waren alle ein bisschen stutzig geworden, als erster fragte Bentheim: "Und wie fanden Sie ihn?" "Ich kannte ihn bisher nur vom Hörensagen, ich wollte ihn endlich einmal selbst sehen." "Eine imposante Erscheinung, nicht wahr?", sagte Tomasi, und ich erwiderte "Ja, er ist nicht leicht zu ignorieren." (Das war freilich eine sehr dumme Feststellung. Irgendwie spürte ich auf einmal ein Misstrauen, aber es war seltsamerweise gegen mich selbst gerichtet.)

Monsieur Gobin lachte und sagte "Man geht ja auch nicht hin, um ihn zu ignorieren." "Nein, ich meinte auch nur, wenn man ihn so hautnah erlebt, ist er doch anders als man ihn oft beschrieben hat." "Dann sind Sie also nicht ganz sporadisch hingegangen?", fragte Tomasi neugierig, während Bentheim an seinem Glas nippte und uns beobachtete. Ich wollte das Thema wechseln, weil ich mich unwohl dabei fühlte, aber Gobin sagte "Sie haben recht, Herr Novadin, ich habe Bakunin nun schon mehrmals reden hören, und jedesmal kommt er mir wie verwandelt vor", aber Tomasi sah ihn komisch an, "Wie kannst du so etwas behaupten, lieber Pierre! Ich kenne keinen anderen Zeitgenossen, der so unverwechelbar und sich selber treu geblieben ist, wie Bakunin."

Gobin schwieg und nahm auch einen Schluck Wein, als wollte er seine verkehrte Bemerkung wegspülen, dann sagte er "Ich wollte Herrn Novadin auch nur ein wenig auf den Zahn fühlen." Ich hätte darauf etwas erwidern sollen, aber Bentheim sagte "Unser Freund Nikolai Alexandrowitsch ist Russe, da sollte es nicht verwundern, wenn er sich für seinen Landsmann interessiert, ist es nicht so?" "Ja, Mister Bentheim." "Und sympathisieren Sie auch mit ihm?", fragte mich Tomasi ganz direkt.

"Nein", sagte ich schnell und fügte hinzu "ich bin eigentlich ein unpolitischer Mensch." "Ein unpolitischer Russe", murmelte Gobin etwas skeptisch, und ich entgegnete "Das soll es geben. Ebenso wie gläubige Franzosen." "Ach ja? Können Sie mir einen nennen?" "Pierre Abaelard." (Den hatte mir auf dem Gymnasium ein Lehrer, aus welchem Grund auch immer, zur Lektüre empfohlen.) Gobin lachte wie über einen Witz, "Der war gut!" Bentheim sagte "Das war gar nicht so untreffend bemerkt." "Inwiefern?" "Ich glaube, unser guter Bakunin leidet auch an unerfüllter Liebe."

Um von mir abzulenken und dem Gespräch eine Wendung zu geben, fragte ich "Ich habe gehört, daß er ein ganz junges Mädchen geheiratet hat, stimmt das?" "Ja." "Haben sie Kinder?" "Ja, zwei oder drei. Aber man sagt, sie wären nicht von ihm." "Bakunin ist nicht der Vater? Wer dann?" "Ein Mann namens Carlo Gambuzzi." "Aber wie verhält sich Bakunin ihm gegenüber?" "Die Sache ist kompliziert. So wie Bakunin selber kompliziert ist." "Die Frage ist ja auch eher: wie verhält er sich ihr gegenüber?" "Man sagt, er liebt sie wie eine Tochter oder wie eine Lieblingsschwester - nein, ich meine natürlich nicht körperlich, sondern auf eine subtile Weise."

"Das hat immer irgendetwas mit einem Defekt zu tun", sagte Tomasi. "Wie meinen Sie das?" "Jeder Mensch sucht das, was ihm selbst fehlt, durch etwas zu ersetzen, das eigentlich nicht zu ihm gehört." "Das ist eine wohlüberlegte Formulierung." "Ich habe schon öfter darüber nachgedacht." "Was ist, wenn man es nicht findet?" "Die meisten Menschen finden es nicht, aber die Suche danach hält einen oft ein Leben lang auf Trab, und bis man dann aufgibt, ist man alt geworden."

Bentheim sagte "Dieser Gambuzzi ist nur drei, vier Jahre älter als Bakunins Frau. Vielleicht denkt Bakunin so: wenn ich sterbe, dann ist Gambuzzi für sie da, und ihre Trauer wird nicht so groß sein. Das ist doch eine edle Gesinnung." "Ja, vielleicht. Aber sie ist ganz untypisch für einen Mann, und für einen Gladiator wie Bakunin erst recht." "Ich sagte ja, er ist kompliziert." "Ein Bekannter von mir hat einmal gemeint, Bakunin wäre ein unruhiger Geist." Gobin sagte "In welchem Sinne? Diesen Begriff verwenden die Buddhisten für einen der Daseinsbereiche. Ist Ihr Bekannter ein Buddhist?" (Ich hätte beinahe laut losgelacht, als ich den Major K. in Gedanken so vor mir sah.)

In höchst ironischem Ton erwiderte ich "Ja, möglicherweise ein russischer Buddhist. Nein, im Ernst, ich glaube, er hat es im landläufigen Sinne gemeint." "Oh, die landläufigen Ausdrücke führen bei diesem Mann nicht weiter. Man hat ihn auch schon einen Spion des Zaren genannt." "Was? Wer hat das getan?" "Das ist doch allgemein bekannt", sagte Bentheim, "wenngleich nicht verbürgt." "Es heißt, der Vorwurf ginge auf Karl Marx zurück." "Na ja", wandte Bentheim nochmal ein, "vielleicht haben es ihm andere auch bloß in die Schuhe geschoben, die sozusagen zwei Fliegen mit einer Klatsche treffen wollten."

Das Gespräch ging noch eine Weile so fort. Bentheim erzählte eine Anekdote (aus zweiter Hand), wie Bakunin in Dresden, wo er übrigens die Bekanntschaft mit Richard Wagner gemacht hatte, nach einer Orchesteraufführung von Beethovens Neunter Sinfonie auf die Bühne gesprungen ist und erklärte: 'Und wenn bei dem großen Weltenbrand, der uns bevorsteht, alle Musik verlorengehen sollte, so mögen wir uns unter Gefahr unseres Lebens dafür einsetzen, dieses grandiose Werk zu retten!' Das sei, so meinte Bentheim, oftmals seine "Masche" gewesen, nämlich die Begeisterung des Publikums im selben Moment für sich auszunutzen, obwohl er, wenn man es recht betrachtete, gar keinen Anteil an dem Verdienst hatte.

Es war nicht ganz leicht für mich, festzustellen, welches Verhältnis Bentheim, ebenso wie Tomasi und Monsieur Gobin, zu Bakunin hatten. Ich habe erst viel später erfahren, daß Bentheim die Rheinische Zeitung, die von Karl Marx herausgegeben wurde, finanziell unterstützte, bessergesagt: er war mit eigenem Kapital daran beteiligt. Deshalb relativierte er auch die Rolle von Marx bei der Anschuldigung, Bakunin sei ein russischer Spion. Allerdings klang das alles so, als wäre das Gerücht auch aus anderen politischen Lagern heraus verbreitet worden, und ich muss gestehen, dieser Verdacht beschäftigte mich nach dieser Unterhaltung am meisten, er stellte Bakunin abermals in ein völlig anderes Licht. Auf alle Fälle war mir klar, daß Ludwig Bentheim und seine beiden Begleiter genausowenig "zufällig" hier in Genf waren wie ich.

Und dann geschah etwas Folgenschweres. "Entschuldigen Sie mich einen Augenblick, meine Herren", rief ich und stand auf. Eine junge Frau hatte das Restaurant betreten, sie war offenbar allein, ich ging zu ihr hin und sagte "Verehrtes Fräulein, sind wir uns nicht vorgestern an der Rezeption des Hotels Burgund begegnet?" Sie schien kurz zu überlegen, dann erwiderte sie "Oh ja, ich erinnere mich, der Mann, für den kein Zimmer reserviert war. Sie mussten doch nicht etwa unter der Brücke schlafen?" Ich sagte "Leider ja. Aber ich hatte kurzweilige Gesellschaft." Sie lachte, "Sie wollen mich veralbern."

"Nein. Ich möchte Sie gern einladen, bei uns ein Glas Wein mitzutrinken", dabei deutete ich hinüber zu Bentheim und den anderen, Tomasi winkte gleich her. "Ich trinke keinen Wein." "Dann was immer Sie mögen." Sie überlegte wieder, aber ich merkte, daß sie mich zappeln ließ. "Kommen Sie aus Russland?" "Ja", sagte ich, "genau wie Sie." "Woher wissen Sie das?" "Das sieht man ... ich meine, ich sehe das." "So! Und woran?" "Das kann ich nicht genau erklären. Ich heiße Nikolai Alexandrowitsch Novadin, verraten Sie mir Ihren Namen?" "Tatjana Iwanowna Jesinska." (Dieses erste Mal, als ich ihren Namen aus ihrem Mund hörte, werde ich niemals vergessen.) Sie sagte "Na gut. Für einen Moment." Ich nahm ihr den Mantel ab, um ihn zur Garderobe zu bringen, aber sie sagte "Den nehme ich über'n Arm." "Regnet es denn draußen?" "Ja, vorhin, das Genfer Wetter kann manchmal richtig mies sein. Woher aus Russland stammen Sie?" Ich sagte es ihr. "Na, da sind Sie aber auch nicht gerade mit Sonnenschein verwöhnt worden."

Sie hatte dunkles Haar mit einem feurig glühenden Schimmer, sie hatte es auf kunstvolle Weise hochgesteckt, und ihr Mantel hatte eine große, spitze Kapuze, unter der sie es sorgsam verhüllen konnte, damit es bei Wind und Wetter nicht durcheinander geriete. Sie hatte ein ovales Gesicht mit einem niedlichen, runden Kinn, einer schmalen, ein wenig spitzen Nase und leicht hervorgewölbten Wangen, die sanft rosafarben getönt waren. Über ihren Augen zogen sich zwei strenge, dünne Brauen hin, und auf ihrer Stirn waren zwei senkrechte Fältchen, die wohl nicht dahin gehörten, sich aber nicht mehr vertreiben ließen.

Ihre Lippen leuchteten in natürlichem Rot und an den Ohren steckten zwei kleine schneeweiße Perlen wie die zarten Beeren einer Schattenpflanze, um den Hals trug sie ein goldenes Kettchen, und wenn man genau hinsah, konnte man das gleichmäßige Pochen ihres Pulses erkennen, es schien, als könnte nichts sie aus der Ruhe bringen. Das schönste (und für mich Unwiderstehlichste an ihr) waren ihre Augen, dunkel, fast schwarz glänzend, aber dabei mit einem starken, lebendigen Ausdruck und einem Blick, der wirkte, als hätte er einen langen Weg zurückgelegt und einen noch längeren vor sich, bis er mit Zufriedenheit erfüllt würde.

Ihre Art, wie sie allen dreien die Hand gab, gefiel mir, als würde sie Blumen aus einem Strauß verteilen, und ich hätte unsere Begrüßung gern wiederholt, nur um nochmal dieselbe freundliche Aufmerksamkeit einzuheimsen. Natürlich sah sie, daß Bentheim der Senior unter uns war, aber sie zollte den beiden anderen - dem am meisten eleganten Monsieur Gobin und dem jugendlich aufgeweckten Tomasi - den gleichen Respekt. Sie setzte sich neben mich, und ich konnte sie fast ungeniert von der Seite betrachten, selbst wenn sie es merkte, es machte ihr nichts aus.

Sie bestellte Tee, und sie umfasste das Glas mit dem fein ziselierten Silberkranz mit beiden Händen und es sah ein bisschen so aus, als würde sie sich daran festhalten. Sie erkundigte sich reihum, aus welchem Grunde man hier wäre, und wir gaben artig Auskunft (aber keiner erwähnte etwas aus dem vorangegangenen Gespräch). Dann stellte sich heraus, daß sie selber gerade einen Kongress besucht hatte, auf dem eine sogenannte Genfer Konvention unterzeichnet und besiegelt worden war, ein wirklicher Fortschritt für Europa sei das, sagte Tatjana Iwanowna. Darüber musste sie uns nun genauer berichten.

Es handelte sich um eine Übereinkunft der wichtigsten europäischen Staaten über die Behandlung der Verwundeten auf dem Schlachtfeld während eines Krieges. "Dann sind Sie Sanitäterin?", fragte Gobin, und sie antwortete "Krankenschwester. Ich habe hier in Genf studiert und stehe kurz vor dem Abschluss." "Waren Sie selbst schon im Einsatz auf einem Schlachtfeld?", wollte Tomasi wissen. "Gott sei Dank noch nicht ... ich meine, ich würde mich natürlich nicht davor drücken, wenn es nötig wäre. Mein Onkel war im Türkischen Krieg bei der Eroberung von Silistria dabei, bessergesagt bei der fehlgeschlagenen Eroberung." "Unter Fürst Gortschakow?", fragte ich. Sie wandte sich mir zu, "Dem General Michail Dimitrijewitsch Gortschakow. Mein Onkel war sein Adjutant, obwohl er bürgerlichen Standes war. Er hat mir viel davon erzählt, es waren sehr erbitterte und blutige Kämpfe, es gab auf beiden Seiten viele Verluste."

Bentheim sagte "Es wäre sicher gut gewesen, wenn diese Konvention damals schon bestanden hätte." "Ja, natürlich", sagte sie, "aber andererseits, so hart das klingt, solche furchtbaren Gräuel haben die Konvention erst auf den Plan gerufen." "Und wie geht man nun künftig vor?", fragte Tomasi.

"Das Personal der Lazarette, also alle Sanitäter und Schwestern und natürlich die Ärzte, aber auch die Transporteure und sogar die Feldprediger genießen Neutralität, solange sie bei der Ausübung ihrer Pflicht zugange sind. Diese Neutralität ist die wichtigste Errungenschaft bei diesem Abkommen." "Das heißt, sie dürfen dabei nicht beschossen werden." "Genau. Sie dürfen nicht einmal behindert werden. Das betrifft auch die Schutzeinrichtungen selbst, die Verbandplätze, Depots und so weiter. Überall muss deutlich und weithin erkennbar eine Fahne angebracht werden, mit einem roten Kreuz auf weißem Grund, das Personal trägt entsprechende Armbinden, und neben der Fahne muss die jeweilige Nationalflagge aufgepflanzt werden. Alles im Grunde recht einfache und leicht durchführbare Maßnahmen, und doch hat es allzu lange gedauert, bis man sich darauf geeinigt hat. Aber jetzt müssen sich alle daran halten."

Tatjana hatte ihre Worte mit den Fingerspitzen auf den Tisch tippend begleitet, als würde sie einer Schulklasse das Verhalten auf dem Pausenhof einschärfen, ihre Wangen hatten dabei noch kräftigere Farbe bekommen, sie wirkte sehr engagiert, sogar eine Locke aus ihrem Haarknoten hatte sich gelöst und hing an ihrer Schläfe herab.

Sie führte auch ein konkretes Beispiel an, von einer Situation, welche der Onkel ihr geschildert hatte. Das war ein Gefecht von Russen und Türken gewesen, bei dem eine Gruppe von Gortschakows Leuten sich leichtsinnigerweise zu weit zwischen den Linien vorgewagt hatte und unter schweren Beschuss des Feindes geraten war. Man versuchte, die Verwundeten zu bergen, aber die Helfer wurden dabei selber unter Feuer genommen und mussten sich zurückziehen. "Man konnte noch stundenlang das Schreien der krepierenden Kameraden hören", sagte sie, als wäre sie selbst dabeigewesen.

Nach diesem Bericht schlürfte Tatjana wieder von ihrem Tee, dann bemerkte sie die ausgebüxte Haarsträhne und steckte sie mit flinken Fingern zurück an ihren Platz. Als sie den Tee ausgetrunken hatte, sagte sie, sie müsse sich jetzt leider verabschieden. Ich fragte, ob ich sie ein Stück begleiten dürfe, sie zuckte bloß mit den Achseln und sagte "Warum nicht." Wir liefen drei oder vier Straßen weit, überquerten einen Platz und schlenderten durch einen Park mit mächtigen Platanen. Am anderen Ende sagte Tatjana "Ab hier gehe ich allein weiter", und ich kam mir vor wie jemand, der einen Blinden über die Straße geführt hat.

Ich sagte "Es hat mich gefreut, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben", und sie erwiderte "Bitte, gern geschehen." Wenigstens konnte ich noch einen Blick aus ihren dunklen Augen erhaschen, und da entfuhr es mir: "Tatjana Iwanowna! Hätten Sie etwas dagegen, wenn wir uns morgen wiedersehen?" Sie tat sehr verblüfft. "Wo sollte denn das passieren?" "Ich meine, wenn wir uns verabreden." Sie neigte den Kopf, als würde sie in Gedanken ihren Kalender durchgehen. "Morgen passt es mir gar nicht." "Dann übermorgen." "Sind Sie denn noch solange hier?" "Würde ich sonst fragen?" "Na weiß ich das?", sagte sie fast patzig, aber es war meine Schuld, denn meine Gegenfrage war ganz unmöglich gewesen, ich sagte "Sie könnten mir etwas über Ihre Arbeit als Krankenschwester erzählen."

Sie zog die Brauen hoch. "Wissen Sie, Nikolai Alexandrowitsch, vielleicht sollten wir es bei unserer Unterhaltung von heute belassen, seien Sie mir nicht böse, aber ich habe wirklich viel zu tun." "Dann verzeihen Sie meine Aufdringlichkeit." "Keine Ursache. Auf Wiedersehen und alles Gute." "Ja, Ihnen auch, Tatjana." Ich schaute ihr nach, sie drehte sich nicht nochmal um.

* * * * *

Zurück in Petersburg war es natürlich meine erste Pflicht, mich umgehend bei Nikita Jefremowitsch Preguschin zu melden, obwohl mir regelrecht davor graute. Ich hatte in den letzten zwei Tagen seit meiner Verabschiedung von Tatjana Iwanowna einen Bericht mehr oder weniger zusammengestoppelt, weiß Gott, ich konnte nichts Rechtes zustandebringen, in meinem Kopf ging alles durcheinander, ohne daß ich mir selber Klarheit verschaffen konnte. Andropow hatte ja gesagt, ich solle den Bericht mündlich abgeben, aber das wäre in meiner Verfassung garantiert schiefgegangen, deshalb hatte ich etwas aufgeschrieben, dennoch beschlich mich ein ungutes Gefühl, wie Preguschin darauf reagieren würde.

Er empfing mich auch sogleich fast ohne Begrüßung und mit den Worten "Wo zum Teufel haben Sie gesteckt?" Ich wollte wahrheitsgemäß sagen, daß ich von jenem Andropow - und also von ihm, Preguschin selbst, nach Genf beordert worden war. Aber er fuchtelte nur wild mit den Armen, lief hin und her, fuhr sich mit der Hand über Stirn und Nacken, stöberte zwischendurch in den losen Akten, die haufenweise auf seinem Schreibtisch lagen (so unordentlich, geradezu chaotisch, hatte ich ihn nie gesehen). Auch kamen und gingen gerade ständig irgendwelche Mitarbeiter, die ihm noch mehr Papiere zuschoben, ich hielt meinen Bericht lieber noch zurück, da ich sah, daß Preguschin ihm momentan sowieso keine Beachtung schenken würde.

Dann erfuhr ich den Grund für die ganze Aufregung: auf den Großfürsten Konstantin und Statthalter des Königreichs Polen war auf offener Straße ein Anschlag verübt worden. Der Großfürst wurde am Arm und am Kopf verletzt, befand sich aber außer Lebensgefahr. Der Attentäter war ein Pole, was unverkennbar aus seinen Parolen hervorging, mit denen er sich lauthals auf den Bruder des Zaren gestürzt hatte, um ihn mit einem Messer zu ermorden. Geistesgegenwärtig war Konstantin zurückgewichen, und einer der bewaffneten Begleiter streckte den Angreifer mit Schüssen aus seinem Revolver nieder. Irgendwie klang dieser Bericht zu glatt, um wirklich glaubhaft zu sein.

Preguschin gab mir das Geschehen in ein paar abgehackten Sätzen wieder, ohne kaum von seinem Papierwust aufzublicken - aber plötzlich hob er den Kopf und fragte mich "Wieso wissen Sie nichts davon?" Ich sagte, ich käme gerade aus Genf, er rief "Na großartig! Meine Leute reisen in der Weltgeschichte umher, während hier Alarmstufe eins herrscht!" Er wurde wieder von jemandem unterbrochen, dem er kurze Weisungen gab.

Nie vorher hatte er den Ausdruck "meine Leute" gebraucht, was mir jetzt zeigte, daß man ihm wohl einige unangenehme Fragen stellen würde hinsichtlich der Aufklärungsarbeit und der Abwehrbereitschaft der Sektion VIII. Man schien ziemlich überrascht worden zu sein, von dem Attentäter wusste man bis jetzt gar nichts, selbst die Tatsache, daß er mit einem Schlachtruf in polnischer Sprache auf den Großfürsten losgegangen war, wurde nur von einem Augenzeugen bestätigt, und das war ein Lumpensammler namens Moische Kaznelson, der zufällig mit seinem Ponykarren vorbeifuhr.

"Ein Jude als Kronzeuge", sagte Preguschin, "das hat mir noch gefehlt." Irgendwie kam es mir so vor, als wäre er auf einmal ganz froh, daß ich hier war. Ich fragte nach zwei, drei anderen Mitarbeitern, die sonst ständig anwesend waren, und Preguschin meinte, er habe sie da und da hin geschickt, damit sie Näheres in Erfahrung bringen. Dann sagte er etwas, das man eigentlich schon an den Schweißtropfen auf seiner Stirn ablesen konnte: "Wir müssen jetzt schnell und entschlossen handeln, Nikolai Alexandrowitsch, bevor noch Schlimmeres passiert!" Es war nicht schwer zu erraten, daß er damit einen Anschlag auf den Zaren selbst meinte.

Nach und nach beruhigte sich die Lage etwas. Preguschins Kundschafter kamen zurück, aber sie hatten widersprüchliche Informationen, der eine sagte, der Attentäter sei getötet worden, der andere behauptete, man habe ihn (unter strengster Bewachung) in das nahegelegene Krankenhaus auf der Sawadskaja gebracht; dann hieß es, es sei der Großfürst, der dort auf die Schnelle behandelt und versorgt worden war, sich inzwischen aber an einem nicht näher benannten Ort aufhalte. Preguschin haute mit der Faust auf den Tisch. "Himmeldonnerwetter! Habe ich es hier mit einem Haufen Waschweiber zu tun, die sich mit ihrem Getratsche die Zeit vertreiben. Verschwindet sofort aus meinen Augen und bringt mir Fakten! Fakten!" Obwohl ich nicht wusste, worum ich mich kümmern sollte, nutzte ich die Gelegenheit und wandte mich ebenfalls zum Gehen, Preguschin rief "Novadin! Sie bleiben hier." "Jawohl, Nikita Jefremowitsch", sagte ich kleinlaut und blieb stehen.

Ich weiß nicht genau, was mich dazu trieb zu sagen: "Ich habe zusammen mit Andropow in Dresden die Wohnung eines Polen durchsucht, dabei haben wir eine selbstgebaute Bombe gefunden." Preguschin fuhr herum und sah mich beinahe entgeistert an. "Waaas? Warum sagen Sie mir das jetzt erst!" "Ich wollte es Ihnen unter vier Augen sagen." "Was für eine Bombe?" "Ein ziemlich raffiniert gebautes Ding", meinte ich, als hätte mein Kennerblick alles sofort durchschaut, "das Dynamit war das gleiche, wie es bei uns zur Sprengung in den Steinbrüchen verwendet wird, der Auslöser war mit einer Art Uhrwerk und einem Funkenschloss verbunden, höchstwahrscheinlich gedacht für eine automatische Zündung zu einem festgesetzten Zeitpunkt."

Preguschin war ganz aufmerksam geworden, aber die Materie war ihm nicht geläufig, er sagte "Ich habe hier eine Notiz von einem unserer Leute, wonach neuerdings Nitroglyzerin verwendet wird." "Ach tatsächlich? Das ist interessant, wir haben zwei Flaschen Nitroglyzerin in dieser Wohnung gefunden, konnten uns aber nicht erklären, wofür sie zu gebrauchen sind." Preguschin, der sonst so klug sein konnte und keine voreiligen Schlüsse zog, rief jetzt "Mensch, Novadin! Das ist das Zeug, womit sie jetzt die Bomben bauen, sie sind sehr simpel, man kann sie mit einem Schuss aus einer Feuerwaffe entzünden, und doch sind sie verheerend in ihrer Wirkung, dreimal so explosiv wie Dynamit!"

Er witterte einen Erfolg, den er seinen Vorgesetzten präsentieren konnte. Er fragte nicht weiter, was Andropow mit der Sache zu tun hatte, und ich ließ ihn ebenfalls außer Acht. Stattdessen sagte er mit einem emphatischen Unterton: "Der Name dieses Polen war nicht zufällig Ryszkiewicz?" Ich überlegte blitzschnell, dann sagte ich wie verwundert "Aber ja! So heißt er - und ich dachte, das wäre ein Deckname." Preguschin schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. "Wusste ich's doch!", rief er und begann sofort, in seinen Akten zu wühlen.

In diesem Moment wurde mir klar, daß Preguschin längst ein Gefangener seines eigenen bürokratischen Apparats geworden war und daß ihm all' diese mehr oder weniger wahrheitsgetreuen, auf jeden Fall aber "hochaktuellen" Berichte, die sich auf seinem Schreibtisch und in seinen Geheimschränken stapelten, nur dazu dienten, seine Überzeugung von einem reibungslos funktionierenden System der Überwachung und der Verhaftung zu stärken und ihn der Gewissheit versicherten, daß nichts aber auch rein gar nichts, das sich eventuell da draußen in der Welt ereignen sollte, irgendeinen Irrtum oder ein Versäumnis seinerseits offenbar machen könnte.

Deshalb war er jetzt auch gegenüber "seinen Leute" so aufgebracht, da sie sich plötzlich von dem Attentat auf den Großfürsten hatten überraschen und verunsichern lassen. Dabei war es doch genau das, womit sie immer rechnen mussten und worauf sie sich in ihrer ganzen bisherigen Arbeit vorbereitet hatten. In Wahrheit war ihnen aber der Überblick und erst recht der Durchblick verlorengegangen, sie waren von den Ereignissen und Entwicklungen überholt worden, und das alte, bewährte Schema, nach welchem Preguschin seine Direktiven und seine Befehle erstellte und erteilte, taugte nicht mehr dazu, den Bedrohungen der Realität erfolgreich entgegenzuwirken.

Ich ließ meinen Bericht hinter dem Rücken verschwinden und dachte, ich müsste die Chance nutzen, ich sagte "Aufgrund gewisser Notizen und eines Briefes, die ich in Ryszkiewiczs Wohnung gefunden habe, bin ich ihm nach Genf gefolgt. Er hat dort an dem Kongress der Friedens- und Freiheitsliga teilgenommen, auf dem auch Bakunin gesprochen hat." "Bakunin, der Lumpenhund!", wetterte Preguschin, als wäre er an der ganzen Misere schuld, ich sagte "Ja, er war in Höchstform, aber ich glaube, er wird es nicht wagen, derzeit nach Russland einzureisen." Preguschin setzte eine mörderische Miene auf und erklärte "Oh, da werden wir ihn eins zwei hoppnehmen, wenn er nur einen Fuß über unsere Grenze setzt! Darauf können Sie sich verlassen!" (Ich musste daran denken, daß Bakunin einmal um die ganze Welt gereist und dabei gewissermaßen noch aus der Haft entflohen war, aber ich verkniff mir jede Bemerkung dazu.)

"Ryszkiewicz hat sich in Genf auch mit mindestens einem anderen Mann getroffen, den ich leider nicht identifizieren konnte, aber es war entweder ein Deutscher oder ein Engländer." Preguschin überlegte angestrengt, dann fragte er "Warum haben Sie Ryszkiewicz nicht festgenommen?" "Wie bitte? Wie hätte ich das anstellen sollen? Ich war allein und wir befanden uns auf Schweizer Territorium. Ich hielt es für besser, ihn zu beschatten." "Ja, gut. Haben Sie noch etwas 'rausgekriegt?" "Wenn mich nicht alles täuscht, wollte er nach Dresden zurückgehen", dann sagte ich, als wäre mir das jetzt erst eingefallen, "glauben Sie denn, daß Ryszkiewicz der Attentäter ist?" "Wir müssen das sofort überprüfen!"

Da unterlief mir beinahe ein fataler Fehler, als ich sagte "Aber er wird doch nicht so dumm gewesen sein und einen Ausweis dabei gehabt haben", worauf Preguschin (Gott sei Dank ohne meinen Lapsus zu bemerken) rief: "Na, Sie wissen doch, wie er aussieht!" "Ja, freilich." "Jetzt machen Sie sich in die Spur und finden den Kerl, und dann sagen Sie mir, ob er's ist." "Jawohl, Nikita Jefremowitsch", ich zögerte, "was ist, wenn er's nicht ist?" "Dann müssen wir dort ansetzen, wo Sie ihn verloren haben." "Aber er war definitiv aus Genf abgereist." "Sie sagten doch, er wollte nach Dresden." "Ja." "Dann müssen Sie da hin. Jetzt schauen Sie erst mal nach, vielleicht haben wir Glück", er rieb sich die Hände, "das wäre ein Trumpf! Ein Trumpf wäre das!"

Um zu verstehen, was mir dann widerfuhr, muss ich etwas nachtragen. Tatjana Iwanowna hatte mir bei unserer Begegnung in Genf bekanntlich einen Korb gegeben, aber das Schicksal wollte es wohl, daß sich am darauffolgenden Tag, als ich mir am Bahnhof eine Fahrkarte lösen wollte, unsere Wege abermals kreuzten. Glücklicherweise sah sie mich zuerst, und so war ich frei von jedem Verdacht, ich würde ihr womöglich nachstellen.

Sie rief mir auch sofort zu: "Nikolai Alexandrowitsch!" Ich sagte "Tatjana Iwanowna, wie es aussieht, müssen Sie erst meiner Einladung Folge leisten, bevor sie wieder freikommen." (Das war eine seltsame Formulierung, die mir über die Lippen kam, und es könnte durchaus sein, daß sich da schon eine böse Ahnung in mein Unterbewusstsein eingeschlichen hatte.) Sie lächelte und sagte "Meinetwegen" und fügte hinzu "ich hatte ehrlich gesagt schon befürchtet, ich hätte Sie gestern traurig gemacht." "Ja, das haben Sie auch. Aber wie konnten Sie das erkennen?" "An Ihrem Ausdruck." "Ach so, das muss wohl deutlich gewesen sein." "Oh, ich kann traurig dreinschauende Männer nicht ausstehen! Aber wenn ich selbst daran schuld bin, muss ich es natürlich wiedergutmachen."

Ich nickte anerkennend und sagte "Wollen wir ein Stück spazierengehen? Das Wetter ist gerade dazu angetan." "Ja, gern." Wir schlenderten so ohne bestimmtes Ziel dahin, sie fragte "War das ernst gemeint, daß Sie etwas über meine Ausbildung erfahren wollten?" "Ja, selbstverständlich, Sie hatten nur soviel gesagt, daß Sie hier in Genf studieren." "Ja, und in Zürich." "Sind Sie eine gute Studentin?" "Auf die Prüfungen bezogen?" "Auf was denn noch?" "Na, auf das Betragen."

Ich musste lachen. "Führen Sie ein ausschweifendes Leben? Das kann ich mir nur schwer vorstellen." "Das nicht. Und trotzdem bin ich in Zürich beinahe 'rausgeflogen." "Was haben Sie angestellt?" "Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, ich war nicht allein. Wir haben die dortige Bibliothek in Beschlag genommen." "Warum?" "Um freien Zugang zu gewisser Lektüre zu bekommen, die man uns vorenthalten wollte." "Etwa medizinische Lehrbücher?" "Nein, politische Literatur und vor allem Zeitschriften."

"Ich dachte, gerade in der Schweiz herrscht ein liberaler Geist." "Ja, das ist auch so. Wir haben uns eigentlich nicht gegen die Bibliothek aufgelehnt, sondern gegen eine Bande unserer eigenen Kommilitonen." "Also auch welche aus Russland?" "Ja. Wissen Sie, Nikolai, da gibt es so ein paar ganz scharfe Hunde, die werden von - na ich weiß nicht genau, von wem die wirklich an die westeuropäischen Universitäten geschickt werden - jedenfalls sollen die dort ihre eigenen Landsleute bespitzeln und dafür sorgen, daß sich da keine ... keine Gruppierungen von Andersdenkenden bilden, verstehen Sie?" "Ja, es geht um Leute, die womöglich neue Ideen ins Land hereintragen?" "Genau. Und die dann bei uns zu Hause eine 'Bedrohung' darstellen."

"Und da wollten Sie denen eins auswischen." "Wir wollten nur zeigen, daß wir uns nicht bevormunden und schon gar nicht einschüchtern lassen. Die haben damit gedroht, uns wie Verdächtige an die russischen Behörden zu melden, das konnten wir uns nicht gefallen lassen." "Und wieso sind Sie dafür beinahe 'rausgeflogen?" "Oh, es gab eine kleine Auseinandersetzung." "Handgreiflichkeiten?" Sie lachte und ich war sehr verwundert, als sie mich fragte "Sie haben sich wohl als Junge nie geprügelt?" "Ich? Nein, nicht daß ich wüsste, wieso fragen Sie das?" "Na, weil Sie sich so vorsichtig ausdrücken." "Sie haben doch selbst von einer 'Auseinandersetzung' gesprochen." "Ja, stimmt. Na ja, wie auch immer, wir haben die jedenfalls ordentlich vermöbelt."

"Das klingt, als hätte es Ihnen gefallen." "Und wie!" Ich schaute sie von der Seite an. "Soll ich das wirklich glauben? Ich kann Ihnen das gar nicht zutrauen, Sie sind so ..." "Wie denn?" "So sanft." Sie lachte und warf dabei den Kopf zurück, ich sagte scherzhaft: "Ist es so, daß Sie die Leute erst verprügeln, um sie dann zu verarzten? Ist das Ihre Taktik?" "Ach nein, jetzt verkennen Sie mich, Nikolai. Außerdem habe ich mich aus Solidarität mit meinen Freunden daran beteiligt."

Sie schwieg, ich fragte "Aber so eine sind Sie doch gar nicht, oder?" "So eine was?" "Entschuldigung, das sollte nicht abfällig klingen, ich meine, Sie sind doch Krankenschwester, Sie interessieren sich für Medizin und nicht für Politik?" "Das war mein früher Wunsch, Medizin zu studieren. Ich komme aus einem kleinen Ort hinter Saratow, da leben fast nur Bauern, na ja, es gibt eine Leinenweberei und eine Schnapsbude. Alle drei Wochen kommt eine Krankenschwester vorbei und hält 'Sprechstunde' im Gemeindehaus, die Leute versammeln sich schon seit dem frühen Morgen da. Es ist überfüllt und es stinkt und die kleinen Kinder jammern, viele sind unterernährt, die Erwachsenen leiden an Rheumatismus, fast alle haben Hautkrankheiten infolge von Unsauberkeit, es gibt Magen- und Darmkatarrhe, Geschwüre und Eiterbeulen ohne Ende, viele Männer haben Syphilis, und die Frauen klagen über Schmerzen im Rücken."

Ich sagte "Ich kenne solche Verhältnisse aus eigener Anschauung, aber ich muss gestehen, sie würden mich kaum darin bestärken, einen solchen Beruf zu ergreifen." "Aber wieso denn", entgegnete Tatjana, "diese Menschen können doch im Grunde nichts dafür, daß es ihnen so schlecht geht, und wenn man sie sich selbst überlässt, ist es bald ganz vorbei. Man kann doch auch die Kinder nicht solchem Verderben aussetzen." "Nein, das wäre unmoralisch", stimmte ich ihr zu, wandte dann jedoch ein: "aber was kann ein Einzelner, was können Sie allein dagegen ausrichten? Hat es Sie nicht eher verzweifeln lassen?"

Sie zögerte einen Moment, dann sagte sie "Oh doch, das hat es. Aber es hat mir andererseits auch die Augen geöffnet und meinen Blick auf die Ursachen dieses Elends gelenkt. Wollen wir da drüben in dem Café etwas trinken?" "Ja, gern." Sie sagte "Ich hab' mir nämlich beim Schattenboxen das Knie verrenkt, deshalb bin ich momentan nicht gut zu Fuß." "Bei was ist das passiert?" "Beim Schattenboxen, kennen Sie das nicht? So eine Mischung aus Gymnastik und fernöstlicher Kampfkunst."

Als wir im Café saßen, sagte ich "Tatjana, mir scheint, Sie haben eine martialische Ader." Sie stutzte. "Was meinen Sie damit?" "Sie prügeln sich mit Männern ..." "Da waren auch Mädchen dabei." "Sie betreiben Kampfsport. Gestern haben Sie von krepierenden Soldaten gesprochen ..." "Das hab' ich nie gesagt!" "Doch. Diese Verwundeten von Silistria." "Ach so, das. Na, Sie merken sich aber alles ganz genau, Nikolai Alexandrowitsch, Sie haben sich das doch nicht etwa notiert!"

Das traf mich nun ziemlich direkt, ich beeilte mich zu sagen: "Nein! Es ist bloß ... ich kann das nicht in Übereinstimmung bringen mit Ihrer ... mit Ihrer sonstigen Erscheinung." Sie erwiderte "Vielleicht habe ich zwei Seiten meines Wesens. Würden Sie das verurteilen?" "Aber nein! Dazu hätte ich kein Recht. Und ... ich glaube, ich würde Sie mir gar nicht anders wünschen." "Aua! Das hat aber jetzt ganz schön getrieft. Sie kennen mich gerade mal drei Stunden und akzeptieren mich schon ohne Wenn und Aber."

Ich hatte das Gefühl, als drehte sie mir die Worte im Mund um und fände Spaß daran, aber ich konnte nicht von ihr lassen. Ich fand es geradezu spannend, immer noch etwas Ungeahntes aus ihr herauszulocken, und wenn sie mir jetzt gesagt hätte, daß sie einen Verein zur Aufnahme streunender Straßenhunde gegründet habe oder daß sie einen Abendkurs im Messerwerfen besucht, hätte ich das ohne weiteres geglaubt.

Aus dem Fenster hatte man einen Blick auf den Genfer See. Tatjana sagte "Wussten Sie, daß das Wasser im Genfer See vom Zufluss bis zum Abfluss durchschnittlich elf Jahre braucht." "Wofür?" "Wie, wofür? Um einmal hindurch zu kommen!" "Elf Jahre für eine Strecke?" "Ja. Ganz schön lange, nicht wahr?" "Was macht es in der ganzen Zeit?" "Hab' ich mich auch schon gefragt. Ich denke, entweder es verirrt sich oder es ruht sich aus." Ich schaute sie an, ihre Augen bekamen für einen Moment einen verträumten Ausdruck.

Dann besann sie sich und fragte "Haben Sie noch Geschwister, Nikolai?" "Nein. Und Sie?" Sie zeigte mir mit erhobenen Fingern: "Drei Schwestern." "Wie heißen sie?" "Lydia, Eugenie und Olga." "Jünger oder älter?" "Lydia ist die älteste, dann komme ich, dann Olga und Eugenie, die sind Zwillinge." "Sehen sie sich ähnlich?" "Die Zwillinge?" "Sie alle vier." "Ja. Nein. Es gibt Unterschiede zwischen uns, am meisten zwischen mir und Olga. Oder, na ja, wenn ich's recht bedenke, es gab früher immer so Phasen, da haben sich Lager gebildet, also die mit der und die gegen die und ... bei vieren ist immer eine außen vor, das ist einfach so. Aber das heißt nicht, daß es immer dieselbe ist, es wechselt ständig, aber eine ist immer außen vor. Na, und wenn dann erst noch ein Junge auftaucht, dann ist eh' alles zu spät."

"Studieren Ihre Schwestern auch?" "Eugenie und Olga gehen noch zur Schule. Lydia war auf einem Institut für Lehrerbildung in Moskau, sie war es auch, die in mir den Wunsch geweckt hat zu studieren, ich glaube, ich wollte es ihr gleichtun, sie war da sowas wie ein Vorbild." "Aber Lehrerin wollten Sie nicht werden?" "Nein. So sehr wollte ich Lydia doch nicht gleichen. Ich hatte dann auch zeitig die Chance, ins Ausland zu gehen."

Es war offenbar Tatjanas Art, von einem Thema zum andern zu springen, sie sagte "Mein Freund ist Nihilist. Verstehen Sie etwas vom Nihilismus, Nikolai?" Ich sagte, daß ich Turgenjews Väter und Söhne gelesen habe, in welchem, so wird allgemein behauptet, der Nihilismus als geistige Strömung seinen Ausgangspunkt genommen hat. "Ja, das stimmt", sagte sie, "obwohl viele Nihilisten von heute darauf keinen Bezug mehr nehmen."

Sie schwenkte die Hand mit einer oberflächlichen Geste. "Hier im Westen wird der Nihilismus sehr oft falsch verstanden." "Ach ja? Inwiefern?" "Man nimmt ihn wörtlich, man glaubt, die Nihilisten propagieren das reine Nichts und täten dies aus absoluter Ablehnung der Realität und aller ihrer Werte. Sie leugneten irgendeine Bedeutung des Seienden, alles sei belanglos, vergeblich und unnütz. Außerdem machen die Intellektuellen im Westen den Fehler, den Nihilismus mit Anarchismus gleichzusetzen, das ist aber ungefähr so, als würden Sie den französischen Aufklärern Verführung der Jugend vorwerfen."

Ich fragte "Und was ist der wahre Nihilismus Ihrer Meinung nach?" "Der Kern des wahren Nihilismus ist die Aufrichtigkeit und ihr Mittel zur Verwirklichung ist die Vernunft. Es stimmt, daß der Nihilismus vieles negiert, aber das sind alles Dinge, die sich durch eine vernunftmäßige Begründung nicht rechtfertigen lassen: Aberglauben, Vorurteile, Laster, Lügen, Spekulationen. Unsere ganze zivilisierte Gesellschaft ist doch voller Täuschung und Lügen. Wir belügen und täuschen beständig uns selbst und andere. Alle Formen äußerlicher Höflichkeit sind nur Heuchelei. Und der Nihilist, dem das zuwider ist, der verhält sich anscheinend rüpelhaft, abstoßend, widerspenstig - nur weil er den falschen Schein, den sich die Gesellschaft gibt, nicht akzeptiert."

"Was ist mit dem Staat? Wie verhält er sich dazu?" "Er lehnt ihn ab, er hält ihn für überflüssig, weil in seiner Konstruktion unzulänglich und von seinem Wesen her widersinnig. Der Staat erschafft ja paradoxerweise seine eigenen Feinde, er züchtet sie erst heran, um sie dann zu vertilgen wie Kronos seine Kinder. Sehen Sie, Nikolai, deshalb sind die Nihilisten keine Anarchisten, die den Staat von außen mit Gewalt zum Einsturz bringen wollen. Man braucht bloß zu warten, bis er von selbst in sich zusammenbricht. Aber nach der Überzeugung der Nihilisten wird danach kein neuer Staat errichtet werden, sondern an seine Stelle tritt nichts Anderes, also Nichts! Verstehen Sie."

Wieder hatte sich Tatjana leidenschaftlich erregt, man konnte ihren Puls am Halse sehen, und wieder war ihr die Locke aus dem Haar gerutscht, und diesmal konnte ich mich nicht beherrschen, sie mit meiner Hand zurückzustecken. "Was machen Sie denn da!", rief sie und wich zurück. "Ich wollte nur Ihre schöne Frisur in Ordnung bringen." "Die ist in Ordnung. Haben Sie mir überhaupt zugehört?" "Selbstverständlich, Tatjana Iwanowna. Es war eine prägnante Lektion in Sachen Nihilismus." "Werden Sie nicht kindisch", fauchte sie mich an. "Verzeihung." "Und entschuldigen Sie sich nicht dauernd." "Ich möchte mich bloß bei Ihnen einschmeicheln", sagte ich mit geradezu verblüffender Offenheit. Sie sah mich an, als hätte sie die ganze Zeit danach getrachtet, mich dieser Absicht zu überführen, dann lachte sie laut auf, fasste meine rechte Hand und sagte "Ach, Nikolai Alexandrowitsch! Welcher kleine Teufel hat Sie bloß hergeschickt!" Ich sagte "Ich weiß es auch nicht. Aber ich finde, es hat sich gelohnt."

"Ich habe Sie noch gar nicht gefragt, was Sie eigentlich beruflich machen." "Ich war einige Zeit an der Petrowsker Landwirtschaftsakademie in Moskau tätig." "Als Lehrer?" "Als wissenschaftlicher Mitarbeiter, ich bin eigentlich Mathematiker, ich habe dort in der Statistischen Abteilung gearbeitet." "Dann sind Sie so ein Zahlengenie?" "Nein, das kann ich nicht behaupten. Bei manchen Zusammenhängen fiel es mir nicht leicht, sie zu verstehen, aber ich habe Geduld und Ausdauer, das sind vielleicht meine beiden besten Eigenschaften, und irgendwann habe ich diesen ganzen mathematischen Kram soweit beherrscht, daß ich ihn in der Praxis anwenden konnte." "Dann war es auch Ehrgeiz, der Sie dazu antrieb." "Ja, wenn Sie das jetzt so sagen - ich wollte mir auch sehr oft selber beweisen, daß ich es kann, das ist wahr." "Das macht Sie mir sympathisch." "Tatsächlich? Hätte ich doch gleich damit angefangen!"

Sie lachte, dann sagte sie "Erzählen Sie mir mal ein Beispiel, was Sie da so berechnet haben." "Als unser Kaiser Alexander das Gesetz über die Aufhebung der Leibeigenschaft auf den Weg brachte, wurde beim Innenministerium ein statistisches Komitee eingesetzt mit der Aufgabe, einen Zensus durchzuführen ... wissen Sie was ein Zensus ist?" Sie sah mich an, als hätte ich sie beleidigt. "Natürlich weiß ich das!" "Wir mussten feststellen, wieviele steuerpflichtige Personen in einem bestimmten Gebiet leben, ich war im Umkreis von Iwanowo unterwegs, um die Daten zu erheben, also eine entsprechende Strichliste zu erstellen. Das hört sich vielleicht einfach an, aber die Leibeigenschaft hat in den letzten zweihundert Jahren dermaßen komplizierte Rechtsverhältnisse angenommen, daß man praktisch auf Schritt und Tritt eine andere Situation vorfindet." "Wer ist eigentlich dieser Mister Bentheim?" "Wie bitte?" "Dieser Mister Bentheim, der gestern an unserem Tisch gesessen hat?" "Ich dachte, Sie wollten ein Beispiel aus meiner beruflichen Arbeit hören?" "Ach, waren Sie noch nicht fertig?"

"Doch, ja", murmelte ich, "Bentheim ist ein Geschäftsmann." "Das hab' ich auch mitgekriegt. Woher kennen Sie ihn?" "Wir sind uns in London begegnet, an einer Hotelbar." "Wann waren Sie in London?" "Zur selben Zeit." "Sie wollen mir also nicht mehr darüber erzählen?" "Damit Sie mich dann wieder abwürgen?" "Ich habe Sie doch nicht abgewürgt!" "Ein bisschen schon." Sie sagte "Hören Sie, Nikolai, sie sagten vorhin, daß eine Ihrer besten Eigenschaften die Geduld sei. Tja, bei mir ist das leider nicht der Fall, ich bin die Ungeduld in Person, und wenn das nicht so offen sichtbar ist, dann nur deshalb, weil ich versuche, mich zu beherrschen ... Ihnen zuliebe." (So sah also ihre Art sich für etwas zu entschuldigen aus.)

Sie sagte "Mir war so, als hätte ich diesen Bentheim schon mal gesehen." "Angeblich macht er auch Geschäfte hier in Genf, ich glaube, der hat an vielen Orten ein Eisen im Feuer." Tatjana lachte, "Ein Eisen im Feuer haben? Das sagt man doch für irgendeine Liebschaft." "Nein, das sagt man auch für andere Angelegenheiten." "Und welches Eisen hatten Sie in London im Feuer?" "Ich habe dort den Russischen Gesandten aufgesucht." "Ach ja? Wie heißt der?" "Baron Meridanow. Glauben Sie mir etwa nicht?"

Sie sagte "Ich weiß nicht, Nikolai Alexandrowitsch, was ich von Ihnen halten soll, Sie rücken immer bloß mit so ein paar trockenen Sätzen 'raus, da ..." "Das liegt vielleicht auch daran, daß Sie mich nicht ausreden lassen und immer gleich zum nächsten Thema springen." "Nun seien Sie mal nicht so nachtragend, das ist ja nicht zu fassen!", regte sie sich künstlich auf, und weil ich schwieg, sagte sie "Also gut, wo waren wir stehengeblieben?" "Bei Mister Bentheim." "Nein, wir waren schon bei dem Russischen Gesandten. Es würde mich brennend interessieren, warum Sie ihn besucht haben, ist er mit Ihnen verwandt?" "Oh Gott, nein!"

"Warum verwahren Sie sich so dagegen?" "Er ist ein bisschen eigentümlich." Tatjana sagte "Sind wir das nicht alle?" "Ich wollte damit nur feststellen, daß sich in meiner Verwandtschaft keine solchen Persönlichkeiten befinden, mal abgesehen davon, daß wir auch keine Barone in der Familie haben." "Ach ja, stimmt, das habe ich gar nicht bedacht." Ich sagte "Wenn Sie wollen, erzähle ich Ihnen, wie ich ihn angetroffen und was ich noch am selben Abend bei ihm erlebt habe." "Oh ja, los!"

Dann erzählte ich ihr die Geschichte mit der etwas makabren "Überführung" des Leichnams seiner werten Gemahlin, und von dem Chinesen und von Emily Jones, die den ganzen Transport organisiert hatte. Tatjana musste sehr lachen, und die Stelle, wo aus den mit Eis gefüllten Zinkwannen die Glieder der Verstorbenen herausragten, fand sie offenbar besonders originell.

Vielleicht hätte ich Emily Jones nicht erwähnen sollen, denn jetzt fragte mich Tatjana über sie aus, damit sie sich "ein Bild von ihr machen" könne. Ich sagte "Aber warum denn? Ich habe sie dort nur zufällig getroffen." "Das will gar nichts heißen", entgegnete Tatjana, "wir haben uns hier auch nur zufällig getroffen." "Ja, aber wo ist da der Zusammenhang?" Und dann fing sie tatsächlich an, mir zu erklären, daß jede Frau, mit der ein Mann mehr als nur zwei, drei unverbindliche Worte wechselt, für ihn als "potentielle Geliebte" in Frage kommt - "natürlich, sofern sie allein unter sich sind." Ich rief "Da haben Sie's, Tatjana, ich war nämlich keine Sekunde allein mit ihr", aber sie entgegnete nur kühl berechnend: "Und wie lange hat es gedauert, bis Sie sich das wünschten?"

In diesem Augenblick verspürte ich so etwas wie panische Angst, die Tatjana Iwanowna in mir erweckt hatte und es traf mich bis ins Mark. Sie provozierte in meinem Innern genau das, was ich, wenn ich mich völlig im Griff zu haben glaubte, einer Frau niemals anzutun vermochte, nämlich sie als bloßes Subjekt einer Liebesaffäre zu betrachten - oder sagen wir es offener: in ihr die Beute meiner Begierde zu wittern. Sie hatte vollkommen recht, schon auf dem Weg zum Chinesen wandte ich Emily Jones meine ganze Aufmerksamkeit zu, und dann später in Meridanows Küche war ich bereits hingerissen von ihrer ungeheuer erfrischenden Art und natürlich ebenso von ihrem bezaubernden Äußeren.

Und jetzt hier war es fast noch unverschämter gewesen. Denn weniger als die "zwei, drei unverbindlichen Worte" hatte es gebraucht - nur einen einzigen Blick in Tatjana Iwanownas Augen - damit ich sie für mich gewinnen wollte. Und doch hatte ich gleichzeitig mit allen Kräften versucht, mich zurück zu halten, mir selbst entgegen zu treten und mir innerlich Einhalt zu gebieten, denn ich wusste nur zu gut, worauf das hinauslaufen würde.

Ich besaß, seitdem ich reif genug dafür war, so etwas wie eine moralische Instanz, die sogar bis in mein Liebesleben hineinlangte - das hatte ich jedenfalls bei mehreren Gelegenheiten an mir selbst wahrgenommen, eine Instanz, die meinen Trieben und meinem Verlangen einen zweifelhaften, ja hässlichen Anschein zu geben vermochte, der mich vor mir selbst erschauern ließ. Denn wenn es darum ging, eine Frau zu erobern und zu besitzen, konnte ich wie eine Sturmflut aufwallen - und ich sage das nicht, um damit zu prahlen, denn es war in den meisten Fällen ein Zustand, den ich nicht einmal wirklich genießen konnte. Doch mindestens einmal hatte mich diese höhere Instanz so schmählich im Stich gelassen, daß ich mich für immer schuldig machte und diese Schuld wohl bis an mein Ende mit mir herumtragen muss.

Mit ihrer Bemerkung traf Tatjana Iwanowna bei mir genau jenen wunden Punkt, an dem die Berührung einen so heftigen Schmerz verursacht, daß man am liebsten mit aller Willkür zurückschlagen möchte, nur um von dem Unheil, das man selbst heraufbeschwört, verschont zu werden. Dennoch empfand ich ihre Frage als eine Gemeinheit, sie war weder amüsant noch feinfühlig, sie nahm die Antwort vorweg, sie ließ mir keine Chance, mich herauszureden.

Ich hatte mir angewöhnt, bei solchen Angstanfällen mit einer bewussten Atmung zu reagieren, tief Luft zu holen, ohne daß es auffällt, die Arme und Hände seitwärts nach unten auszustrecken und zu versuchen, den Ausbruch der Wut von mir wegzulenken und ins Leere gehen zu lassen. Aber Tatjana hatte scharfe Augen, sie fragte (mit wirklicher Betroffenheit): "Was ist, Nikolai? Geht es Ihnen nicht gut?" Vielleicht war das auch nur ihr geschulter Blick der Krankenschwester, ich sagte "Alles in Ordnung, das ist nur so ein komisches Kribbeln in den Armen, das mich manchmal überfällt." "Geht es mit einer Lähmung einher?", hakte sie nach, und ich musste plötzlich lachen, "Nein, Tanja, damit geht es nicht einher."

Wir trafen uns auch am folgenden Tag, das Wetter war uns hold, wir machten einen Bummel über die Promenade am See und setzten uns dann in ein Café. Tatjana trug ein anderes Kleid, modischer geschnitten wie mir schien, sie hatte auch ihre Frisur frisch aufgeputzt und sich ein wenig die Lippen und Augenlider geschminkt, ein dezenter Duft strömte von ihrer Haut - kurzum, sie war noch hübscher als an den Vortagen.

In der vergangenen Nacht hatte ich lange wach gelegen, mich dann im Halbschlaf hin- und her gewälzt und fand erst in den frühen Morgenstunden zur Ruhe. Seit der Begegnung mit Ludwig Bentheim plagte mich eine seltsame Anspannung, die ich zuerst kaum bemerkt hatte. Ich war zwar wirklich erfreut über das Wiedertreffen, aber es dauerte nur wenige Minuten, bis ich mir bewusst wurde, wie vorsichtig ich sein musste, um mich nicht zu verraten. Das war auch damals in London so, und was Bentheim betraf, hatte ich ein zwiespältiges Gefühl.

Einerseits wusste ich so gut wie nichts über ihn, und das, was ich von ihm selbst erfahren hatte, war genau betrachtet - um einen Ausdruck Preguschins zu gebrauchen - kaum zu "verifizieren". Falls Bentheim irgendetwas zu verbergen hatte (und sein Londoner Bekanntenkreis ließ das vermuten), dann gelang ihm das ganz ausgezeichnet. Andererseits bildete ich mir ein, daß ich ihm darin in nichts nachstehen würde. Von Anfang an herrschte zwischen uns eine Art beiderseitige Lauerstellung, die mir nicht behagte. In der Unterhaltung mit Bentheim, Monsieur Gobin und Tomasi hatte ich mehrmals das Verlangen, meine wahre Identität preiszugeben und ich erschrak bei dem Gedanken.

Als Tatjana mich gestern fragte, wie lange ich gebraucht habe, bis mir Emily Jones begehrenswert erschien, hatte ich (ungeachtet der Panik Attacke, die ich abwenden konnte) wiederum das Bedürfnis verspürt, aufrichtig und ehrlich zu sein. Das war nicht jene Aufrichtigkeit, von der sie im Zusammenhang mit dem Nihilismus gesprochen hatte und die ihre Kraft aus der Vernunft schöpft; insofern war ich vielleicht wirklich kein politischer Mensch oder wenigstens ungeeignet für die Politik. Es war eine Aufrichtigkeit, die ich mir sehnlich wünschte, weil ich sie an mir vermisste, nicht erkennen konnte, obwohl mir manchmal so war, als hätte ich sie früher einmal besessen und als wäre sie abhandengekommen.

Ich hatte Tatjana gesagt, ich verfügte über Geduld und Ausdauer, und das stimmte, beides hatte mir oft geholfen. Aber die Aufrichtigkeit war etwas, das mir noch nützlicher erschien, weil sie im Unterschied zu Geduld und Ausdauer (die im Grunde nur antrainierte Eigenschaften waren) und jenseits aller politischen Überzeugung (die man sich auch erst aneignet) eine Gabe war, die einem von Anfang an, ja vielleicht sogar noch vorher, in die Seele eingepflanzt worden war und die verkümmert und irgendwann nicht mehr aufzufinden ist, wenn man sie nicht am Leben erhält, sie nicht praktiziert.

Aber ich wusste nicht, wie ich es anstellen sollte, ohne mich als Betrüger, zumindest als Schwindler selbst zu entlarven, als einer, der sich genau hinter jener Heuchelei versteckt, die Tatjana verabscheute. Ich hielt mich zurück, doch das widersprach meinem ganzen Auftreten und auch meinem offenkundigen Werben um sie. "Nikolai, ich glaube, Sie verschweigen mir etwas", sagte sie, und ich erwiderte "Wieso meinten Sie eigentlich, daß ein Teufel mich geschickt hat?" "Habe ich das gesagt?" "Ja, gestern." "Denken Sie, es war ein Engel?" "Warum nicht?" Sie sah mich sehr direkt an. "Das hätten Sie wohl gern?" "Ich muss Ihnen etwas verraten." "So! Also doch. Na, dann 'raus mit der Sprache." (Eigentlich wollte ich etwas anderes sagen, aber ich war zu feige.)

"Ich kenne Ludwig Bentheim besser, als ich es gestern zugab." "Ha, das wusste ich!" "Bitte?" "Ich habe Ihnen beiden das angesehen, Sie haben sich ständig so Blicke zugeworfen." "Das haben Sie bemerkt?" "Halten Sie mich bloß nicht für naiv. Was haben Sie miteinander zu schaffen?" "Er hat mich in London mit Alexander Herzen zusammengebracht." Sie war mehr als verblüfft. "Mit dem Alexander Herzen? Dem Herausgeber des Kolokol?"

Ich hätte alles verharmlosen sollen, aber stattdessen kostete ich den Eindruck, den ich auf sie gemacht hatte, aus und legte noch eins drauf: "Ja. Und die Zeitschrift war auch der Hauptgrund dieser Vermittlung." "Wie denn das?" "Verstehen Sie, Tanja, ich kann darüber nicht viel mehr sagen, ich wurde von meinen Freunden in Russland dazu beauftragt, eine Verbindung zu Herzen herzustellen; er lebt in London übrigens unter dem Namen Alexander Iwanowitsch Jakowlew."

Sie kam aus dem Staunen nicht heraus. "Nikolai! Ich habe mir in Zürich ein blaues Auge dafür eingefangen, daß wir diese Zeitschrift lesen können ... und Sie sagen mir so ganz nebenbei, daß Sie den Herausgeber persönlich kennen!" "Was heißt kennen. Ich habe ein längeres Gespräch mit ihm geführt." "Oh, was gäbe ich drum, mich nur eine halbe Stunde mit ihm zu unterhalten!", sie unterbrach sich kurz und fragte dann: "Sie helfen also mit, den Kolokol in Russland zu verbreiten?" "Ich kann Ihnen da wirklich nichts ..." "Ja ja, schon gut, ich wollte es bloß nochmal probieren."

Ich lächelte sie milde an - und was hätte ich jetzt darum gegeben, ihr die Wahrheit über mich zu sagen. (Als ob das von irgendetwas abhängig gewesen wäre, außer von mir selbst!) Als wollte sie mir zeigen, daß sie mir ebenbürtig war, sagte sie "Ich kenne Michail Bakunin." Ich verschluckte mich beinahe an meinem Tee. "Wissen Sie, wer das ist?" "Ja, natürlich, er verkehrte auch in Orsett House." "Wo?" "In Herzen's Wohnsitz." "Haben Sie ihn dort getroffen?" "Nein, er war schon wieder weg, er ist ja ständig unterwegs, ich habe ihn noch nie gesehen." "Da haben Sie wirklich Pech gehabt, er war nämlich bis vor kurzem hier." "In Genf?" "Ja, bei dem Kongress der Friedens- und Freiheitsliga." "Tatsächlich? Sie haben ihn dort erlebt?" "Ja. Er hat über die Europäische Panslawische Bewegung gesprochen." "???"

"Er ist ein begnadeter Redner und ein großartiger Rhetoriker, darin ist er vielleicht sogar besser als Karl Marx." (Ich staunte ein ums andere Mal, worüber Tatjana Bescheid wusste; sie hatte, obwohl sie erheblich jünger war als ich, mir vieles voraus.) "Kann man die beiden denn miteinander vergleichen?" "Natürlich kann man, zumal sie schon zusammengearbeitet haben. Karl Marx ist ein deutscher Philosoph ..." "Ich weiß." "Nein, ich betone das Wort deutsch, er kommt vom deutschen Idealismus her, an dem er sich geschult hat, aber er hat sich dort nicht eingereiht. Er hat seine eigene Theorie entwickelt, die Politische Ökonomie, und seine Methode ist die Dialektik." Ich sagte "Meine Güte, Tanja, wann haben Sie sich das alles nur angeeignet?" "Ach, in langen Nächten."

"Und Sie meinen, Bakunin übertrifft Marx, was die Rhetorik anbelangt?" "Na ja, Marx ist kein Redner, ist er nie gewesen. Bakunin ist ein echter Volkstribun, das ist seine große Begabung, er versteht es, die Massen auf seine Seite zu ziehen, ich schätze, im Alten Rom wäre er so jemand wie Cicero oder wie Cato gewesen." "Kein Brutus?" "Sie meinen, ein Zarenmörder? Oh nein. Dafür ist er zu weich." "Aber man sagt, er habe die Konstitution eines Bären oder gar eines Löwen, wenn er zu höchster Form aufläuft."

Tatjana winkte mit der Hand ab. "Nur äußerlich! Klar, er weiß es einzusetzen, um seine Feinde abzuschrecken und seinen Freunden Schutz zu bieten." "Sie meinen, sie können sich hinter ihm verstecken." "Ja, manche tun das vielleicht. Aber er ist ja immer vorne dran, wenn's darum geht, die eigenen Barrikaden zu halten oder die anderen zu erstürmen, und die dicht hinter ihm sind, sind immer noch weit vorn dabei." Ich schmunzelte über ihre Worte, sie sprach so, als hätte sie's mehrfach hautnah miterlebt und als wäre sie auf keinen Fall eine derjenigen gewesen, die hinter Bakunin zurückbleiben wollten. "Wieso sollte er dann zu weich und nicht entschlossen genug für einen terroristischen Anschlag sein?"

Sie sagte "Bakunin ist ein Fabulant. Was Marx über die proletarische Revolution sagt, das begründet er mit der objektiven Entwicklung der Produktivkräfte. Was Bakunin beispielsweise über den Panslawismus sagt, das begründet er mit der Seelenverwandtschaft zwischen den Menschen. Marx sagt den Leuten, was sie wissen sollten, wenn sie sich in den Klassenkampf einmischen wollen; Bakunin malt vor ihren Augen Zustände, nach denen sie sich sehnen. Marx ist Dialektiker, Bakunin ist ein Romantiker." "Wie bitte? Bakunin - ein Romantiker?" "Ja, freilich. Wussten Sie, daß er Bettina von Brentano ins Russische übersetzt hat?"

"Nein. Wer ist das?" "Eine deutsche Dichterin, sie ist vor allem berühmt geworden durch ihren Briefwechsel mit Goethe, der eigentlich eine Fiktion ist, der Briefwechsel, meine ich. Ich bitte Sie, Nikolai! Können Sie sich Bakunin so recht vorstellen, wie er sich Bettina von Brentano zu Gemüte führt." Ich sagte, ich hätte noch nie etwas von ihr gelesen. "Na, da haben Sie nichts versäumt. Es ist der größte Schmalz, den man sich denken kann, es trieft nur so von pubertärer Heldenverehrung." "Was findet Bakunin dann an ihr?" "Keine Ahnung!", sagte sie und schüttelte verständnislos den Kopf, dann fügte sie hinzu "Aber wenn ich mich einmal mit Bakunin so unterhalten werde wie mit Ihnen hier, dann werde ich ihm sagen, daß er dieser Brentano Schnepfe abschwören soll, denn sie verweichlicht ihm bloß seine stärksten Züge." Hier musste ich wieder herzlich lachen, und Tatjana sagte "Na, was denn? Ist doch so!", und sie musste auch lachen, in diesem Moment war sie unwiderstehlich.

Als sie sich wieder etwas beruhigt hatte, sagte sie plötzlich "Aber eins verstehe ich nicht ganz, Nikolai, Sie sagten, Sie hätten bei diesem Statistik Amt gearbeitet, wie kamen Sie dann zum Kolokol?" "Zwischen der einen und der andern Station liegt eine Zeit mit gravierenden Umbrüchen in meinem Leben." "Das klingt ja geheimnisvoll." "Nein, es war eher ... schwierig." "Hm", machte Tatjana. Sie war wohl in Gedanken noch nicht ganz fertig, denn entgegen ihrer Art, rasch zum nächsten Thema zu springen, kam sie noch einmal auf das vorige zurück. "Wenn ich so über Karl Marx rede, dann klingt das vielleicht, als hätte ich ihn gründlich studiert, das stimmt aber nicht, ich habe noch nicht mal das Kapital gelesen." Ich sagte "Da bin ich aber froh, daß wir wenigstens in diesem Punkt beide noch Nachholbedarf haben."

Sie lachte und sagte "Vielleicht will ich Sie auch bloß nicht so dumm dastehen lassen", und ich entgegnete "Dann würde ich irgendwann anfangen mir zu überlegen, wie ich mich dafür rächen kann." "Ach ja? Wenn wir körperliche Gewalt mal ausschließen, meinen Sie, daß Ihnen dann was einfällt, womit Sie mich wirklich treffen können?" "Ja, zum Beispiel, indem ich ganz plötzlich aufstehe, mich von Ihnen verabschiede und Sie einfach hier sitzen lasse." Sie strahlte beinahe vor Vergnügen, als wäre sie ganz sicher, daß sie die besseren Karten auf der Hand hatte.

"Das würde Ihnen doch gar nichts einbringen, Sie würden ja nicht einmal sehen, ob es funktioniert hat." "Ich würde mich noch mal umdrehen, um mich zu vergewissern." "Ha! Und schon wäre die ganze Wirkung verpufft. Ein Mann, der sich nochmal umdreht, verliert immer." "Auch Frauen drehen sich manchmal um." "Ja, und was geschieht dann?" Ich sagte "Er beeilt sich, sie einzuholen." "Ganz genau! Sie sind nicht dumm, Nikolai, Sie haben es wahrscheinlich faustdick hinter den Ohren, aber glauben Sie nicht, Sie könnten mich so leicht ..." "Rumkriegen?" "Rumkriegen! Was für ein primitiver Ausdruck. Nicht mal ein russischer Bauer gebraucht so was."

Und während sie sich abermals künstlich mokierte, dachte ich daran, wo wir ungestört die Nacht verbringen könnten. All' meine Befürchtungen, ich würde in meine alte Rolle des ungezügelten und rücksichtslosen Liebhabers verfallen, hatten sich zerstreut. Mit Bakunins Hilfe waren wir uns sehr viel näher gekommen, ich hatte Tatjanas Vertrauen zu mir verstärkt, und sie war für mich noch interessanter geworden. Ich sah nicht mehr nur ihr attraktives Äußeres, die "barmherzige" Krankenschwester (dieser Ausruck war natürlich ohnehin albern) und die aufmüpfige Studentin, sondern eine durch und durch politisch gebildete - und wahrscheinlich auch geschulte - Persönlichkeit, was mich in meiner Überzeugung bestärkte, etwas für sie zu empfinden, das weit über blindes Begehren hinausging und mir half, mich vor mir selbst zu rechtfertigen.

Ich dachte zwischenzeitlich auch daran, ob sie vieles von ihren Ansichten vielleicht von ihrem "Freund" vermittelt bekommen und übernommen hatte, aber verständlicherweise wollte ich da nicht weiter nachhaken. Dann fuhr sie übergangslos fort: "Sie haben ganz recht, wenn Sie vermuten, daß mir diese fürchterlichen Zustände innerlich sehr wehgetan haben." "Sie meinen die katastrophale medizinische Versorgung der russischen Landbevölkerung?"

"Die Lage überhaupt. Als ich zuerst den Wunsch verspürte, Krankenschwester zu werden, hatte ich - ein in meinen Augen erhabenes - Ziel anvisiert, na ja, es waren wohl so Mädchenträume, aber immerhin sehr ernstgemeint und uneigennützig. Ich habe auch mal Iwan Glebnikow eins über die Rübe gehauen, weil er immer Katzen gequält hat, darüber war ich unsäglich erbost. Später war ich mehrmals auf dem Land tätig, auch in meinem alten Heimatkreis, es hat sich da nichts geändert und natürlich war auch meine Betroffenheit dieselbe geblieben.

Da wurde mir irgendwann bewusst, daß dieser ursprüngliche Beweggrund nur die Absicht war, Wohltätigkeit zu stiften. Ich sage nur, weil ich erkannte, daß dies zwar im Einzelfall möglicherweise hilfreich sei, sozusagen wie für einen Lazarus, daß es aber doch in Wahrheit nur eine Behandlung von Symptomen ist, nur ein Palliativ, das bestenfalls die Schmerzen lindert, aber niemals etwas gegen die Ursachen der Mißstände unternimmt. Ich wollte nicht nur dem Einen helfen mit großer Symbolik, aber mit geringem Effekt, sondern etwas für alle tun, die unter ihrer erbärmlichen Situation leiden. Nun ist es so, Nikolai - vielleicht haben Sie das selbst schon erfahren - man kann den Vielen nur dabei helfen, ihrer Not dauerhaft zu entkommen, wenn man sie befähigt, sich selbst daraus zu befreien.

So kam ich dazu, neben den medizinischen Lehren mich auch mit politischen Lehren zu beschäftigen und glücklicherweise fand ich Gleichgesinnte, denen es ähnlich erging wie mir. Aus meinen Mädchenträumen sind Grundsätze und Maximen meines Denkens und Handelns geworden, Maximen, die auf der Vernunft und auf der Einsicht in objektive gesellschaftliche Zusammenhänge beruhen, das gibt mir eine Sicherheit in meinem Leben, die ich auf keine andere Weise gewonnen hätte."

Ich fragte "Auch nicht durch die Liebe?" Sie verstand nicht gleich, dann entgegnete sie: "Sie meinen Mitleid? Nein, ich habe nie Mitleid als ein überzeugendes Motiv akzeptiert. Ich wehre mich geradezu dagegen, es selbst anzuwenden. Es ist letztlich nur ein Mittel, um der eigenen Resignation zu begegnen, sie wird bloß umgemünzt in Duldsamkeit, die leichter erträglich ist. Es gibt ja sogar philosophische Strömungen, nach denen das Mitleid angeblich zu einer Art Selbstüberwindung, ja Selbstlosigkeit führen soll, wenn man sich nur lange genug darin übt. Aber ich frage Sie, Nikolai, ist das nicht bloß ein bequemer Weg, um sich der Verantwortung zu entziehen, der Verantwortung, die jeder humanistisch gesinnte Mensch auf Erden hat, nämlich mitbeizutragen, daß das Böse und das Übel in der Welt bekämpft und beseitigt werden muss!"

Je mehr und länger sie redete, um so gesetzter klangen ihre Worte, sie steigerte sich auch nicht mehr so hinein, nachdem sie mir offenbar ihre wichtigsten Prinzipien dargelegt hatte und damit der Annahme war, ich könne ihr jetzt ganz nach Belieben widersprechen oder zustimmen, das ändere nichts an ihrer Position. Ich sagte "Eigentlich meinte ich nicht das Mitleid, meine Frage war, ob Sie ... ob man diese Sicherheit im Leben nicht auch durch Liebe gewinnen kann?" "Ach so! Indem man jemanden liebt, der einem Sicherheit vermittelt." "Ja, und indem man selbst wiedergeliebt wird, denn alles ist ja nur halb so viel wert, wenn es einseitig bleibt."

Anstatt direkt darauf einzugehen, fragte sie mich geradeheraus "Und fühlen Sie sich in dieser Hinsicht sicher, Nikolai Alexandrowitsch?" "Nein, leider nicht." "Oh, soll ich Sie jetzt bedauern?" "Bemitleiden wäre besser", sagte ich ironisch, "aber dafür lassen Sie sich ja nicht erweichen." "Es würde Ihnen nicht helfen, glauben Sie mir, denn es käme nicht von hier", und dabei legte sie ihre Hand auf die Stelle beim Herzen, dann sagte sie "man kann einem anderen Menschen doch auch diese Sicherheit - wenigstens zum Teil - geben, selbst wenn die Liebe unerwidert bleibt, oder etwa nicht?"

"Das wäre dann in meinem Fall eine Frau, die mich nicht lieben mag, der es aber gefällt, wenn ich um sie werbe?" Tatjana nickte und fügte hinzu "Sie müssen sich dabei ja nicht gleich zum Affen machen." Ich lachte und sagte "Das war hoffentlich kein schlecht kaschierter Hinweis." "Aber nicht doch! Hätte ich schon so viel Zeit mit Ihnen verbracht, wenn ich Sie lächerlich fände?" Ich wusste nichts darauf zu erwidern.

Aber dann fühlte ich mich doch veranlasst festzustellen "Das soll übrigens nicht heißen, daß ich noch nie eine Frau wirklich geliebt habe." "Das habe ich auch nicht angenommen. Wie war es mit Emma Jones?" "Emily?" "Emily, richtig." "Es war eine Liaison." "Mit Nachwirkungen?" "Ja, vielleicht. Sie war ehrlich gesagt in meiner Erinnerung schon ein wenig verblasst." "Ach, hören Sie auf, Nikolai! Das glaube ich Ihnen nicht. Womöglich machen Sie mir jetzt auch noch den Vorwurf, ich hätte Ihre Erinnerungen an sie wieder unnötig aufpoliert, weil ich danach gefragt habe!" "Das wäre durchaus berechtigt." "Sie sind ein ganz durchtriebener Hund, habe ich den Verdacht. Sie wollen mir etwas in die Schuhe schieben, das Sie selbst belastet!" Sie sagte das alles keineswegs grollend, sondern mit feinem Spott und Kitzel.

"Wie lange waren Sie in London?" "Ein paar Tage." "Haben Sie Miss Jones mehrmals getroffen? Ach, was frage ich, natürlich haben Sie." "Wir haben uns zufällig wiedergesehen, auf einem Ausflugsdampfer auf der Themse." "Und später?" "Sie sind sehr neugierig, Tanja." "Geben Sie's zu, Sie wollen darüber reden!" "Nein, will ich nicht." "Dann ist die Sache ganz und gar nicht abgeschlossen." Ich schwieg, sie sagte "Das mit dem Geliebtwerden betrifft aber nicht nur die Beziehung zwischen Mann und Frau, oder?" "Wenn Sie schon so fragen, haben Sie bestimmt ein Gegenbeispiel." "Mindestens eins." "Sie haben eine gute Freundin." "Eine bessere kann man sich nicht wünschen." "Wie heißt sie?"

Tatjana zögerte. "Nennen wir sie Nadeschda. Sie ist noch viel mehr als eine Freundin, sie ist eine wahre Kameradin." "Wie wird man das?" Sie überlegte kurz, dann sagte sie "Durch Bescheidenheit und Edelmut." "Das klingt nach ritterlichen Tugenden, ein bisschen altmodisch." "Ja, vielleicht. Deshalb ist es in unserer heutigen Zeit auch so selten geworden." "Hält sich Ihre Freundin auch hier in Genf auf?" "Warum wollen Sie das wissen?" "Um zu verstehen, wie Sie sich fühlen." Sie schwieg, dann sagte sie "Mache ich auf Sie den Eindruck, als könnte ich eine Trennung nicht verkraften?" "Nein, Sie können sicher durchhalten." "Allerdings. Außerdem ist es nur vorübergehend." "Umso besser."

Und dann weihte mich Tatjana in etwas ein, das ich lieber nicht von ihr erfahren hätte. Aber es geschah nun einmal dort in diesem Café in Genf und nun hätte ich fragen können, welcher Teufel das arrangiert hatte. Sie senkte ihre Stimme und sagte "Kennen Sie die Vereinigung 'Land und Freiheit'?"

(Ich hatte den Namen einmal flüchtig in einer der Akten Werenzews gelesen. Es handelte sich um eine Organisation, deren Mitglieder auch als "Volkstümler" bezeichnet wurden oder sich selbst so nannten, wohl um ihren militanten Charakter abzuschwächen. Denn sie hatten unter anderem bei der gewaltsamen Demonstration auf dem Kasaner Platz in Petersburg kräftig mitgemischt. Der Anlass war der Tod eines verhafteten Aktivisten im Untersuchungsgefängnis, der nach Meinung der Demonstranten eine Folge der brutalen Verhörmethoden gewesen war. Ich hatte mich nicht weiter damit beschäftigt, weil es mit meiner aktuellen Arbeit nichts unmittelbar zu tun hatte.)

Ich sagte "Gab es da nicht vor einigen Monaten eine Demonstration wegen eines in der Haft verstorbenen Terroristen, der sich zu dieser Organisation bekannt hatte?" "Er hieß Boris Scheljabow, nein, er war kein Terrorist, er war Arbeiter in einer Zuckerfabrik, er war ein Agitator." Ich sagte "Das ist jemand, der unter den Massen für bestimmte Ideen wirbt." "Ja." "Und dafür hat man ihn verhaftet?" "Ja. Der Vorwurf lautete, er habe staatsfeindliche Flugblätter verteilt." "Stimmte das?" "Er hat Flugblätter verteilt, das ist richtig, aber nicht die, die man angeblich bei ihm gefunden hat." Ich fragte "Soll das heißen, man hat ihm etwas untergeschoben, wofür man ihn anklagen wollte?"

Tatjana sagte "Diesen Fall hat sich der oberste Staatsanwalt Liberyn persönlich an Land gezogen, er wollte damit ein Exempel statuieren. Aber er ist bei den Verhören Scheljabows zu weit gegangen, sie haben ihn zu Tode gefoltert." Ich sagte "Laut unseren Gesetzen ist Folter verboten." Sie sah mich merkwürdig an. "Woher wissen Sie das?" Ich wurde für einen Moment unruhig. "Das habe ich irgendwo gelesen, ist es nicht so?" Sie sagte "Was glauben Sie, was ein Mann wie Liberyn unternimmt, um einen Gefangenen zu einem Geständnis zu zwingen, wird er ihm aus dem Evangelium vorlesen, um an seinen rechten Glauben zu appellieren?"

"Aber wenn Scheljabow nicht der Urheber dieser Flugblätter war, was für ein Geständnis hätte er dann abgeben sollen?" "Nikolai", sagte sie beinahe verächtlich, "wollen Sie mich jetzt auf den Arm nehmen? Wissen Sie denn wirklich nicht, daß man von einem Menschen unter der Folter jedes gewünschte Geständnis erpressen kann." Ich sagte nichts darauf. Dann fragte ich "Wie hat man seinen Tod offiziell dargestellt?" "Angeblich hat er sich in seiner Zelle erhängt - obwohl man ihm alles abgenommen hatte, womit er das hätte bewerkstelligen können."

Dann fügte sie hinzu "Können Sie sich vorstellen, wie es einem Menschen in so einer Situation ergeht?" "Nein, nicht annähernd." "Ich auch nicht. Aber ich versuche es immer wieder." "Das muss bedrückend sein." Sie stieß einen kurzen schmerzvollen Lacher aus. "Hah, ja! Es schürt den Hass auf solche Leute wie Liberyn. Dieser Hass ist stärker als die Trauer um den Verlust eines Menschen, der einem nahegestanden hat. Er gibt einem Kraft und den Willen weiterzukämpfen. Aber die Ohnmacht darüber, daß man nichts unternehmen kann, entmutigt zugleich, dazwischen droht einem, zerrieben zu werden und womöglich zu versagen."

Ich fragte "Warum hatten Sie damit angefangen, mir von dieser Organisation zu erzählen?" "Sie hatten mich gefragt, wie ich Nadeschda kennengelernt habe." Ich sagte "Nein, danach hatte ich nicht gefragt." "Nicht? Nun, jetzt wissen Sie's trotzdem. Sie war schon vor mir dabei." (Ich dachte, jetzt hat sie mir auch noch verraten, daß Sie selbst dort organisiert ist, und mir wurde für einen Moment angst und bange bei dem Gedanken, was das für mich bedeuten könnte.)

Wir schwiegen eine Weile. Da erfasste mich eine große Zuneigung zu Tatjana, die - so glaubte ich - aus meinem tiefsten Innern kam. Ich fragte sie: "Tanja, wollen wir heute Nacht zusammenbleiben?" Sie überlegte nicht lange und erwiderte "Ja, warum nicht." In mein Hotelzimmer konnten wir nicht gehen, denn da war "Damenbesuch" nicht erlaubt, darauf hatte mich die Wirtin ausdrücklich hingewiesen. Tatjana schlug vor, zu ihr zu gehen, sie wohnte in einem möblierten Zimmer (eine echte "Studentenbude"), das nicht ihr gehörte, das sie aber nutzen konnte, wenn sie in Genf war. "Normalerweise wohnt hier ein Freund von mir." "Etwa der Nihilist?" "Ja. Aber er ist momentan nicht da."

Das Zimmer war durch ein großes, vollgestopftes Regal in zwei Teile getrennt, auf der einen Seite ging es zu einer Toilette, auf der entgegengesetzten war eine kleine Kochnische, es gab zwei Fenster und ein Bett. "Da liegt eine Matratze drunter, darauf können Sie schlafen", sagte sie, als hätte sie mich eben draußen aufgelesen. "Ich mache uns einen Tee, Sie können sich inzwischen die Bücher anschauen und etwas herauszusuchen, das Sie mir dann vorlesen." "Bitte?" Sie tat überrascht. "Ich dachte, das wollten Sie tun?" Während sie in der Kochnische zu hantieren begann, inspizierte ich die Bücher, es gab eine Unmenge davon, mehrere Regale voll und außerdem stapelten sich überall welche.

"Haben Sie etwas von Dostojewski?" "Ja, da muss irgendwo was dabei sein", rief sie beiläufig, "ehrlichgesagt mag ich ihn nicht besonders." "Nein? Warum nicht?" "Ich weiß nicht, er ist so ... unberechenbar und auch ein bisschen hinterhältig. Ich habe irgendwie immer das Gefühl, als würde er dem Leser auflauern, um ihn dann im nächsten Moment mit diesen ... diesen ganz unmöglichen Personen zu behelligen, die ihre Umgebung mit völlig irrationalen Äußerungen und mit ihrem erschreckenden Verhalten verwirren." Ich lachte und sagte "Da haben Sie wahrscheinlich die kürzeste und treffendste Rezension abgegeben." "Ach ja? Danke", erwiderte sie und fügte hinzu: "Dabei ist er in Wirklichkeit gar nicht so."

Ich wandte mich jäh zu ihr um. "Soll das heißen, Sie kennen Dostojewski persönlich?" Der Tee war fertig, und sie stellte die zwei Gläser auf den Tisch. Tatjana pflanzte sich im Schneidersitz auf das Sofa und ich sah ein, daß ich mit einem der beiden Stühle Vorlieb nehmen musste. Sie sagte "Ach, das ist eigentlich eine ganz traurige Geschichte und ich weiß nicht, ob ich sie überhaupt verbreiten sollte." Ich war begierig darauf, sie zu erfahren, "Ich erzähle es niemandem weiter, versprochen."

Sie schlürfte von dem Tee. "Ich habe hier in Genf bei einer Hebamme ausgeholfen, unentgeltlich, ich wollte meine Kenntnisse erweitern und ein bisschen praktische Erfahrung sammeln, man kann ja nie wissen, wann man das mal braucht." Sie lachte, weil ich mit dem Kopf nickte. "Haben Sie schon mal eine Entbindung mitgemacht, Nikolai?" "Nein." "Das ist jedesmal ein Wunder, es ist, als hätte diese Welt eine Chance, ganz neu anzufangen. Ich frage mich manchmal ... ach so, ja, Sie wollten, daß ich Ihnen von den Dostojewskis erzähle. Na jedenfalls, diese Hebamme, bei der ich öfters war, ist eine Schweizerin, sie spricht auch ein wenig französisch, aber kein Russisch. Und als Anna Grigorjewna - also Dostojewskis junge Frau - schwanger war, da hat mich die Hebamme zu Hilfe gerufen, weil sie sich so schlecht verständigen konnten, 'Oh, ces Russes, ces Russes!' hat sie immer gerufen und die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen.

Ich meine, Anna Grigorjewna hat das alles tapfer ertragen, aber Fjodor Michailowitsch benahm sich wie ein Fünfjähriger, der sich auf dem Nachhauseweg verlaufen hat. Es war ja irgendwie rührend, nur die Hebamme hatte gar kein Verständnis für seine Hilflosigkeit. Na ja, ich habe vermittelt, so gut ich konnte, hauptsächlich habe ich ihn beruhigt und davon abgehalten, daß er seiner lieben Frau nur noch mehr zusetzt. Dann war das Mädchen da, es erhielt den Namen Sofja, aber sie nannten es nur Sonja, es war ein reizendes Baby. Ich bin dann mit Fjodor Michailowitsch zur Behörde gegangen, weil man hier Zeugen braucht, um die Geburtsurkunde zu bekommen, er war überglücklich, wie Sie sich vorstellen können, ich glaube, das war sein erstes eigenes Kind." Tatjana machte eine Pause und trank vom Tee. "Das war Anfang März und im Mai ist Sonja gestorben."

Ich rührte mich nicht, ich war wie erstarrt. (Später, in Dresden, als Anna Grigorjewna von dem schlechten Wetter in Genf sprach und andeutete, daß sie diesen Ort in keiner guten Erinnerung behalten hatte, da dachte ich natürlich an Tatjanas Bericht, behielt es aber verständlicherweise für mich.) Jetzt fragte ich "Sind die Eltern ... sind die Dostojewskis derzeit noch in Genf?" Tatjana schüttelte den Kopf. "Sie sind nach Florenz gegangen, Anna Grigorjewna hat sich extra von mir verabschiedet, das hat mich sehr gefreut, sie ist ja ungefähr so alt wie ich. Sie bekommt bestimmt bald wieder ein Kind. Man muss versuchen, solche Schicksalsschläge zu überwinden. Aber ich befürchte, bei ihm hat es einen Knacks in seinem Herzen verursacht, von dem er sich nie mehr erholt." Ich sagte "Vielleicht gelingt es ihm durch's Schreiben", und Tatjana entgegnete "Ja, vielleicht, aber da müsste er sich erstmal von seinen absonderlichen Figuren verabschieden."

Wir tranken Tee und irgendwann sagte Tatjana "Wissen Sie, Nikolai, das ist ziemlich anstrengend, wenn wir uns so gegenüber sitzen wie Bergmann und Matrose, warum kommen Sie nicht zu mir aufs Sofa, da ist Platz für uns beide." Ich sagte "Sie hatten sich so hingesetzt, als würden Sie mich nicht neben sich dulden." "Ach, Unsinn! Warum haben Sie mich denn nicht drauf aufmerksam gemacht! Sie sind doch sonst nicht so verklemmt." Wir saßen dann die ganze Zeit nebeneinander. Einmal sagte sie "Bakunin ist übrigens auch in Florenz." "Ja, und?" "Ich meine bloß, falls Sie ihn mal in natura erleben wollen." "Ich werde mir's überlegen", und sie ergänzte "Florenz ist ohnehin immer eine Reise wert."

Als ich am nächsten Tag aufwachte, war Tatjana nicht da. Ich schaute auf die Uhr, es war kurz vor zehn, ich hatte in den Morgen hinein fest geschlafen. Ich hatte diesen Traum gehabt, der mich schon lange Zeit verfolgte. Ich spiele den Zettel in Shakespeare's Sommernachtstraum. Es sind noch zehn Minuten, bis sich der Vorhang zur Premiere hebt. Einziges Problem: ich kann nicht einen Satz, nicht ein Wort von meiner Rolle auswendig, und ich bin offenbar der Einzige, der das weiß. Ich denke an Flucht durch den Hinterausgang, aber auch an das Desaster, das dann durch meine Schuld entsteht; doch es ist klar, daß dieses Desaster auch unweigerlich losbricht, wenn ich meinen ersten Auftritt habe (und der ist erst im Verlauf des Stücks, was die ganze Sache noch unerträglicher für mich macht). Aus meiner Lage rettete mich bisher allein rechtzeitiges Aufwachen.

Ich bereitete mir einen Tee, ich nahm an, daß Tatjana beizeiten wiederkommt. Nach über einer Stunde war ich immer noch allein. Ich hatte wahllos ein Buch genommen, um das Warten zu verkürzen. Da klopfte es plötzlich an die Tür, es war ein verhaltenes und zugleich unmissverständliches Klopfen, wie von einem, der ein Zeichen geben will. Ich rief "Wer ist da?" Keine Antwort. Dann fragte eine Männerstimme leise "Grischan? Sind Sie das? Ist Tatjana Iwanowna da?" "Nein, aber sie muss gleich wieder hier sein." Pause. "Kann ich kurz hereinkommen?" Da erst bekam ich mit, daß die Tür abgeschlossen war.

Er drehte den Schlüssel im Schloss und trat ein, er warf einen Blick ins Zimmer und sah das Bett und die Matratze, er sagte "Ich kann mich nicht lange aufhalten." Er holte einen verschlossenen Brief aus seiner Innentasche und reichte ihn mir mit den Worten "Geben Sie das Tatjana und sagen Sie ihr, Korolenko ist draußen!" Offenbar hielt er mich für Grischan. Ich war so perplex, daß ich nichts erwidern konnte, und schon wandte er sich um und wollte gehen, an der Tür sagte er noch "Ich stecke den Schlüssel hier 'rein", dann war er weg. 'Korolenko ist draußen', wiederholte ich in Gedanken. Ich ging zum Fenster, um nach unten auf die Straße zu schauen, aber ich konnte unter den vorübereilenden Passanten weder den Besucher noch irgendjemand anderen erspähen, der dort wartete.

Was sollte ich tun? Der Brief war sehr dünn, es steckte wahrscheinlich nur eine kurze Nachricht drin, aber sie wird wohl wichtig sein, dachte ich. Ich schaute abermals aus dem Fenster, da sah ich einen Gendarmen an der Ecke stehen. Obwohl das nichts bedeuten musste, beunruhigte es mich doch. Ich beschloss, das Zimmer zu verlassen und später unauffällig nochmal wiederzukommen, in der Hoffnung, auf Tatjana zu treffen. Sollte ich abschließen? Aber wo den Schlüssel lassen? Wieso hatte sie mich überhaupt eingeschlossen? Vielleicht war sie bloß zerstreut gewesen, was ich mir aber nicht recht vorstellen konnte. Ich hatte jetzt keine Zeit, weiter darüber nachzudenken.

Am Nachmittag ging ich wieder hin. Ich klopfte an. (Ich hatte den Schlüssel von innen stecken lassen.) Ein Gefühl sagte mir, daß sie nicht da ist. Ich wollte mich dennoch vergewissern und drückte schon auf die Klinke, als zwei Männer die Treppe heraufkamen. Ich verdrückte mich schnell eine Etage höher. Ich konnte sehen, wie sie vor Tatjanas Wohnung stehenblieben, es war ein Mann in Zivil und ein Gendarm (ich war mir nicht sicher, ob es derselbe von der Straße war). Er pochte an die Tür und rief "Öffnen Sie!" Als keine Reaktion erfolgte, gingen sie hinein; sie waren anscheinend ziemlich erstaunt, daß nicht abgeschlossen war.

Ich nutzte diesen Moment, um mich davonzumachen, aber gerade als ich vorbei war, kam der Gendarm heraus und rief mir hinterher "Monsieur! Warten Sie!", ich drehte mich um, "Wohnen Sie hier im Haus?" Ich sagte "Nein, ich habe nur etwas abgegeben." Der Zivile drängte sich vor und fragte "Bei wem?" "Bei Waldegger, eine Etage höher." (Zum Glück hatte ich einen Blick auf das Namensschild geworfen.) Ich ließ die beiden stehen, und als ich das Haus verlassen hatte, rannte ich davon.

Ich löste noch am selben Tag eine Fahrkarte nach Dresden und fuhr von dort weiter nach Petersburg. Meine Gedanken kreisten unaufhörlich um die letzten Ereignisse, vor allem um die Frage, warum Tatjana so plötzlich verschwunden war - und wohin? Dennoch versuchte ich während der Zwischenstationen einen Bericht für Nikita Jefremowitsch Preguschin, meinen Führungsoffizier, zu schreiben. Ich musste mir irgendwas aus den Fingern saugen und feststellen, daß dies nicht das erste Mal war. Um mich dann davon abzulenken, las ich die Zeitungen, die ich an einem Kiosk in Dresden gekauft hatte. Da war von einem drohenden Krieg zwischen Preußen und Österreich die Rede und was da stand, war keineswegs geeignet, mich in Schlaf zu lullen.

Wie ich dann bei Preguschin erschien und was mich dort erwartete, darüber habe ich bereits berichtet. Als er mich losschickte, um den Attentäter des Anschlags auf den Großfürsten zu identifizieren, war ich erst einmal froh, aus seinem Büro heraus zu sein. Ich ging zunächst den Meldungen nach, die nach der Tat verlauteten, aber die waren, wie schon gesagt, widersprüchlich. Ich ging in das Krankenhaus, wohin er angeblich übergeführt worden war, und dort wusste man nichts von ihm. Man war alarmiert worden, um dem Großfürsten zu Hilfe zu eilen, aber auch der war nach einem anderen, geheimgehaltenen Ort verschwunden.

Im Verlaufe meiner Suche befiel mich sogar so etwas wie Eifer und meine Spürnase führte mich auf die richtige Fährte, so daß ich schließlich in einem Leichenschauhaus auf der Wagnerowka am Weißen Graben fündig wurde. Ja, hier sei kürzlich ein Mann eingeliefert worden, der angeblich in ein Gewaltverbrechen verwickelt worden war, sagte mir ein junger Bursche, der einen fleckigen, grauen Kittel trug und eine unförmig gedrehte, brennende Zigarette zwischen den Lippen hatte.

Was heißt, er sei eingeliefert worden, fragte ich ihn, "Ist er etwa noch am Leben?" "Wir sind ein Leichenschauhaus und kein Verletztenschauhaus", erwiderte er und ließ das Ende seiner Zigarette aufglühen, daß es hörbar knisterte. Ob das der Mann sei, der verdächtigt werde, das Attentat auf den Großfürsten verübt zu haben, fragte ich, da fragte er zurück, wer ich wäre, daß ich das so genau wissen will. Ich zeigte ihm meinen Dienstausweis, und er fragte, wieso ich nicht bei den anderen dabeigewesen wäre und jetzt erst komme. "Welche anderen?" "Na, die ihn hergebracht haben." "Um welche Uhrzeit war das?" Er schaute in seiner Liste nach, die Zigarettenasche fiel aufs Papier, er nannte mir die Uhrzeit; das war vor fünf Stunden.

"Ich möchte einen Blick auf die Leiche werfen." "Da muss ich erst meinen Vorgesetzten fragen." "Kann ich ihn nicht selber fragen?" "Nein, nein, ich mach' das schon", meinte er, und ich sah, daß er in solchen Fällen ungern übergangen werden wollte. "Kann ich solange hier warten?" "Eigentlich ... na gut, aber fassen Sie nichts an." "In Ordnung." Während ich wartete, kam ein anderer, kleinerer und älterer Mann, ebenfalls im Kittel, und mit einer Brille mit starken Gläsern, er war viel freundlicher, er fragte, was er für mich tun könne. Ich sagte, ich komme von der Polizeibehörde des Innenministeriums und möchte den Leichnam von Nummer zweiunddreißig sehen (die Nummer hatte ich aus der Liste entnommen).

"Folgen Sie mir", sagte das Männlein, und wir gingen durch eine eiserne Flügeltür und auf einem Gang entlang, im Treppenhaus ein Stockwerk nach unten und durch zwei weitere feste Türen hindurch, bis wir einen langgestreckten, fensterlosen und unterkühlten Raum erreichten. Er drehte an einem Schalter, und etliche Gaslampen leuchteten auf, es war ein grelles, unangenehmes Licht, das mich im ersten Augenblick blendete. An der Seite waren zwei Reihen "Schubfächer" mit Klappen wie bei einem Backofen. Das Männlein ging geradewegs zu einem in der oberen Reihe hin, öffnete mit erhobenem Arm an dem Hebelgriff die Klappe und sagte "Ziehen Sie die Bahre heraus. Aufpassen, daß Ihnen die Stütze nicht gegen das Bein schlägt."

Er konnte gerade so auf den ausgestreckten Körper herabschauen, der mit einem weißen Laken abgedeckt war, nur die nackten Füße ragten hervor. Er schlug das Tuch zurück und entblößte das Haupt des Toten. Bei seinem Anblick wäre mir vor Schreck beinahe das Herz stehengeblieben. Mitten in seiner Stirn war ein inzwischen fast schwarzes, blutverkrustetes Einschussloch, nicht größer als ein Zehnkopekenstück. Aber das war es nicht allein, was mich erschauern und für einen Moment nach Luft ringen ließ. Ich kannte dieses Gesicht und diesen Mann! Es war niemand anderes als der, welcher mir in Genf in Tatjana Iwanownas Zimmer den Brief für sie übergeben hatte.

Als ich mich halbwegs wieder gefangen hatte, fragte ich "Hat er noch andere Schussverletzungen?" "Ja, an der rechten Seite und am Oberschenkel, wollen Sie sie sehen?" "Nein, nicht nötig", ich wollte mir weitere Details seines Körpers ersparen. "Können Sie mir sagen, ob die anderen Verletzungen tödlich gewesen sind?" "Ich glaube nicht", sagte er, "genügt Ihnen das?" Es war eigentlich ausgeschlossen, daß er auf etwas anspielen wollte, und ich sagte "Ja, danke, schieben wir ihn zurück."

Wieder oben angekommen, drohte mir Ungemach. Der Bursche war mit seinem Vorgesetzten erschienen, und in dessen Begleitung befand sich ein weiterer Herr. Er war mittelgroß, schlank, fast zierlich, doch in seinen Bewegungen sehr nachdrücklich, als dulde er keinerlei Widerstand. Er trug einen feinen Anzug aus teurem Stoff, er sah überhaupt sehr gepflegt aus, wie jemand, der viel Wert auf sein Äußeres legt und der sehr bedacht ist auf den Eindruck, den er auf seine Umgebung macht. Er war etwa Mitte dreißig und er hatte ein paar sehr markante Züge im Antlitz, die auf seine Strenge, ja Unerbittlichkeit, aber auch auf seine Selbstdisziplin und unbedingtes Pflichtbewusstsein hinzuweisen schienen. Seine hellen, ungewöhnlich dominanten Augen wirkten, als kämen sie nie zur Ruhe, als bräuchte der Mann keinen oder nur sehr wenig Schlaf.

Als der Vorgesetzte mich aus der Richtung zum Leichensaal kommen sah, rief er ziemlich barsch: "Sie waren angewiesen worden, hier zu warten! Niemand darf eigenmächtig diese Räume betreten." Ich erwiderte, daß mich der Herr (ich wies auf das Männlein) freundlicherweise geleitet habe, aber er wollte nichts gelten lassen. "Der einzige, der hier die Erlaubnis erteilt, bin ich, und kein anderer", versetzte er und blickte mich zornig an.

Da fragte mich der andere Herr "Ihr Name ist Nikolai Alexandrowitsch Novadin?" Ich wollte entgegnen, woher er das wüsste, aber mir fiel ein, daß ich dem Burschen meinen Ausweis gezeigt hatte. "Aus welcher Abteilung kommen Sie?" "Aus der Sektion acht." "Von Preguschin?" Ich wollte tunlichst vermeiden, Preguschins Namen zu erwähnen. Er fragte "Hat Preguschin Sie hergeschickt?" Ich erwiderte "Würden Sie mir bitte sagen, wer Sie sind?" Ein scharfes Lächeln zuckte um seinen Mund, als wollte er mir für meine Unverfrorenheit eine verpassen, doch dann sagte er ganz entspannt "Ich bin Staatsanwalt Liberyn" und fügte hinzu "haben Sie schon einmal von mir gehört?" "Nein", antwortete ich. Ich bin mir sicher, er hat gesehen, daß ich schwindelte.

Er tat dann übrigens sehr nachsichtig, er beschwichtigte den Leiter des Hauses und meinte, er kenne meinen Vorgesetzten persönlich und es habe bestimmt seine Berechtigung, daß ich hier "Erkundigungen" einhole. Der andere murrte widerwillig und sagte, ich müsse dennoch unverzüglich diese Räume verlassen. Ich hatte nichts Eiligeres zu tun, bedankte mich bei allen und ging. "Nikolai Alexandrowitsch", rief mir der Staatsanwalt nach, "sollten Sie über irgendwelche in dieser Sache relevanten Informationen verfügen, dann sind Sie gesetzlich verpflichtet, sie mir zu anzuzeigen - nur daß Ihnen das klar ist!" Ich sagte, ich würde dies gegebenenfalls unverzüglich tun. "Gut", stellte Liberyn fest, "denn andernfalls machen Sie sich selbst strafbar."

Das hatte ich wohl schon getan. Ich lief über die Severin Brücke am Weißen Graben und machte ein paar willkürliche Umwege durch einige Gassen, in der wirren Befürchtung, ich könnte verfolgt werden. Schließlich ließ ich mich in einem kleinen Park auf einer versteckten Bank nieder und besann mich. Wie war das alles möglich? Und wieso hatte es mich so plötzlich erwischt? Natürlich hätte ich in dem Leichenschauhaus niemand weniger vermutet als diesen Mann aus Genf. Und doch schien es mir bereits zu diesem Zeitpunkt so, als würde mich die ganze Geschichte noch einholen, ich meinte damit die Bekanntschaft mit Tatjana Iwanowna Jesinska. Denn mir war vollkommen klar, daß sie da auf irgendeine Weise mit drinsteckte, nur in welcher Rolle und Funktion, das war die Frage.

Zunächst musste ich entscheiden, was ich Preguschin sagen würde. Ich konnte behaupten, ich hätte diesen Attentäter nicht gefunden, hätte vergeblich die halbe Stadt nach ihm abgesucht. Preguschin würde mich genauestens ausfragen, wo ich überall gewesen wäre, und er würde mich wahrscheinlich gleich nochmal losschicken, mit zwanzig Stellen, die ich links liegen gelassen habe. Das würde so schnell nicht aufhören, und ich war jetzt schon am Ende meiner Kräfte.

Ich musste mich ausruhen, über alles nachdenken, das war unter Preguschins Fuchtel unmöglich. Ich musste versuchen, mich ihm wenigstens für einige Stunden zu entziehen. Wenn ich aber bei einem guten Bekannten untergetaucht wäre (wie ich das schon einmal getan hatte), dann wäre Preguschin womöglich auf die Idee gekommen, nach mir zu suchen, weil er sich Sorgen um mich als einen seiner Leute machte; seine gutgemeinte Fürsorglichkeit war manchmal von seiner manischen Kontrollsucht nicht zu unterscheiden.

Ich hätte "bestätigen" können, daß der Tote ebenjener Ryszkiewicz gewesen sei, dem ich von Dresden nach Genf gefolgt war und den ich dort beschattet hatte. Damit hätte ich mir gewissermaßen auch den echten Toten vom Hals geschafft, nach dessen Identität Preguschin nicht weiter geforscht hätte. Nein, Preguschin vielleicht nicht, aber der Staatsanwalt Liberyn ganz sicher! Für ihn war der Fall noch lange nicht erledigt. Preguschin suchte nach einem Fahndungserfolg und er hätte Ryszkiewicz - wer immer das in Wahrheit überhaupt war - nachträglich zu dem Attentäter gemacht, den er um jeden Preis brauchte, um ihn vorweisen zu können.

Dem Staatsanwalt ging es um viel mehr, das konnte man allein an seinen Augen ablesen. Und er stand mindestens zwei Ränge über Preguschin, wie ich dann schon bei der ersten Recherche, die ich über ihn anstellte, schnell erkannte. Wenn ich wider besserem Wissen bei meiner Behauptung geblieben wäre, hätte ich mich selber in Teufelsküche gebracht, und ich brauchte nicht viel Phantasie, um mir vorzustellen, was Liberyn dann mit mir gemacht hätte. Er traute niemandem über den Weg, für ihn war jedermann außer dem Zaren selbst ein potentieller Staatsfeind und er hatte es sich zu seiner geheiligten Aufgabe gemacht, im Namen seiner Majestät und des russischen Vaterlandes deren Widersacher gnadenlos zu verfolgen und zu liquidieren.

Genau betrachtet, blieb mir nur die Möglichkeit, Preguschin zu melden, daß dieser Tote nicht Ryszkiewicz war, mehr vermochte ich nicht über ihn zu sagen. Preguschin würde enttäuscht sein, doch das war ja nicht mein Problem, dachte ich jetzt. Ich glaube, von diesem Moment an hatte ich das untrügliche Gefühl, mich bei Preguschin und in der Sektion VIII wie ein Fremdling zu bewegen. Zuerst hatte ich nach Ausreden gesucht, um meinem Verhalten den Anstrich der Redlichkeit und Beflissenheit zu geben. Ich wollte mich eben in dem Apparat und seinem Betrieb so durchmogeln.

Die Begegnung und Bekanntschaft mit Tatjana Iwanowna hatte alles - ohne daß ich es rechtzeitig bemerkt hätte - verändert. Freilich, ich hatte zwei-, dreimal eine fragwürdige Ahnung, ob ich mich womöglich auf gefährliches Terrain begebe. Doch Tatjanas Erscheinung selbst hatte mich so sehr beeindruckt und angelockt, daß ich mich immer weiter vorwagte. Und jetzt befand ich mich in einem Dilemma. Einerseits wäre es mir am liebsten gewesen, den Toten aus dem Leichenschauhaus ruhen zu lassen und schnellstmöglich zu vergessen, um vor der ganzen Angelegenheit zu flüchten.

Andererseits - nun ja, ich glaube, ich muss nicht hervorheben, daß da ein Interesse in mir entzündet war, zu erfahren, was es mit dieser Frau wirklich auf sich hat. Alles, was wir in Genf besprochen und was wir in den wenigen, für mich unvergesslichen Stunden miteinander erlebt hatten, erschien mir durch diesen entsetzlichen Vorfall mit völlig anderer Bedeutung und anderer Konsequenz geschehen zu sein. Ich hätte mir gewünscht, diese ganze Runde unter dem neuen Aspekt nochmals durchzuspielen, um zu erkennen, an welchen Stellen ich einen Fehler gemacht und mich in ihre Abhängigkeit gebracht hatte.

Ich hatte Tatjana an jenem Abend gebeten, mir mehr über die Organisation Land und Freiheit zu sagen, und sie tat es bereitwillig. Sie legte mir auch ihre Auffassung von der Beschaffenheit der gegenwärtigen politischen Verhältnisse dar, ihre "Theorie der Gesellschaft", wie sie es nicht ohne Stolz auf ihre Einsichten nannte. Ihrer Meinung nach war eine der Hauptursachen für die elende Lage breiter Schichten des Volkes die Tatsache, daß nur eine Minderheit von Personen durch das Recht des Privateigentums über alle Produktionsmittel verfügten. Die überwältigende Mehrheit der Menschen hätten dagegen nur ihre Arbeitskraft, die untrennbar an ihren bloßen Leib gebunden ist.

Diesen, alles materiellen Besitzes beraubten Menschen bliebe nichts anderes übrig, als ihre Arbeitskraft zu verkaufen, um ihre Familie zu ernähren oder nicht selbst Hungers sterben zu müssen. Aber bei diesem ungleichen Handel, der sich Lohnarbeit nennt, wird der Arbeiter um den größten Teil dessen, was er mit seiner Hände Kraft und Geschick schafft, betrogen, denn das meiste davon behält der Eigentümer, der Kapitalist, für sich. Und er streicht auch allen Profit ein, den ihm jegliche Produktion einbringt. Die Masse der Arbeiter sieht davon keine müde Kopeke.

Die Gier nach Reichtum und die unversöhnliche Feindseligkeit der Kapitalisten untereinander führt zu einem unerbittlichen Konkurrenzkampf, in dessen Folge sich alle Produktion und auch der Handel in immer weniger Händen konzentriert, während durch Intensivierung der Produktionsweise sich das Heer derjenigen vergrößert, die der brutalen Ausbeutung nicht gewachsen sind. Sie versinken in Armut, Elend, Krankheit und Suff.

"Davor kann man sie nur bewahren", sagte Tatjana, "wenn man ihnen bewusst macht, daß sie nicht durch eigene Schuld, sondern aufgrund der objektiven Verhältnisse dahin gekommen sind. Kennst du die Definition von Immanuel Kant über die Aufklärung?", fragte sie mich, und ich musste natürlich passen. "Aufklärung ist der Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit. Diese Aufklärung der Massen ist der Schlüssel zu ihrer Befreiung, Nikolai! Sie hat damals in Frankreich dazu geführt, daß die einfachen Menschen die Bastille gestürmt und den König gestürzt haben." Ich sagte "Daher die ganze Propaganda mit den Flugblättern und so weiter."

Sie entgegnete: "Propaganda ist dabei nur ein Bestandteil, sozusagen eine Front, an der vorgegangen werden muss. Um die Massen zu mobilisieren, muss man alle Instrumente des Klassenkampfs anwenden, ideologische ebenso wie radikale." Ich wollte wissen, ob sie damit offene Gewalt meint, und sie antwortete ausweichend, sie wandte für einen Moment sogar ihren Blick von mir ab. "Man muss Zeichen setzen, um die Massen aufzurütteln und um ihnen zu zeigen, daß es entschlossene und mutige Menschen gibt, die die Fackel in die Hand nehmen und sie aus der Finsternis auf den erleuchteten Pfad führen."

Das waren inbrünstige Worte, und obwohl sie sich bemühte, eine gleichsam soldatische Fasson zu wahren, hatte sie doch dabei rote Wangen bekommen. Ich überlegte, ob sie immer schon so war ... so ungestüm, so streitbar, so aufrührerisch und so unzufrieden mit allem, was ihr als Mittel und Möglichkeiten, das eigene Leben zu gestalten und zu genießen, angeboten wurde. Denn anders konnte ich mir ihr Pathos nicht erklären, als daß sie niemals einverstanden war mit dem, was sie vorgefunden hatte, und daß die Unzufriedenheit selbst ihr in Wahrheit immer die größte Wohltat und Selbstbestätigung verschaffte.

"Du hättest Tänzerin werden sollen", sagte ich. "Wie bitte?", fragte sie überrascht, "Wie kommst du denn darauf?" "Ich kannte früher ein Mädchen ... ich kann sie nicht direkt mit dir vergleichen ..." "Niemand ist mit mir vergleichbar." "Ja, stimmt. Aber in gewisser Hinsicht erinnerst du mich an sie. Sie war ... irgendwie ohne jeden Halt, ohne Schwere, ohne eine feste Verbindung zu irgendeiner Sache, die auf dem Boden dieser Welt verwurzelt oder verankert ist." Tatjana sah mich herausfordernd an, ich fügte hinzu "Aber sie war auch ohne Flügel."

"Willst du damit sagen, ich hätte nicht das Zeug dazu, unseren Auftrag zu erfüllen?" "Ich bin sicher, man traut dir allerhand zu und man kann sich auf dich verlassen." "Was soll dann dieser absurde Vorschlag mit dem Tanzen?" "Ich weiß nicht, es kam mir so in den Sinn, es tut mir leid, ich wollte dich nicht kränken. Vielleicht ... wünschte ich mir, daß du eine Tänzerin geworden wärst." "Den Gefallen kann ich dir leider nicht tun", sagte sie ziemlich schroff.

Nach einer Pause sagte ich "Ich habe dieses Mädchen sehr gemocht, obwohl sie mich kaum beachtet hat." Tatjana fragte, wie um mich von ihrem besseren Wesen zu überzeugen: "Ist sie denn Tänzerin geworden?" "Hat man sich erzählt, als sie nach Moskau ging. Ehrlich gesagt, weiß ich nicht mehr so genau, wie's wirklich war, sie war einige Jahre älter als ich, und ich war wohl nicht in der Klasse, die für sie in Frage kam." "Hast du dich oft in ältere Mädchen verliebt?" "Oh ja, ständig!" "Warum? Weil sie weiter entwickelt waren?" "Nein. Weil ich dachte, ich wäre genauso weit entwickelt wie sie."

Tatjana lachte und sagte "Das war ein Irrtum." "Ja. Aber auch eine schöne Einbildung." "Hast du nicht Schwierigkeiten mit den älteren Jungs gekriegt?" "Merkwürdigerweise nicht. Aber ich war ja sowieso kein ernstzunehmender Rivale." Sie fragte "Wie alt bist du eigentlich?" Ich sagte es ihr. "Dann bist du also jetzt alt genug, auch jüngeren Frauen Beachtung zu schenken?" "Ja, ich habe erkannt, daß man seine Aufmerksamkeit auch auf das richten sollte, was nach einem kommt." Sie lachte wieder, dann sagte sie "Aber bitte, Nikolai, fang' nie wieder mit diesem Quatsch vom Tanzen an!"

Ich wusste nicht, warum ich gerade jetzt, als mir noch das krasse Bild des Toten mit dem Einschussloch in der Stirn vor Augen stand, ausgerechnet an diese Stelle unserer Unterhaltung denken musste. Tatjana als eine Tänzerin, die leicht wie eine Frühlingsbrise über die Ballettbühne weht - es war in der Tat eine abwegige Vorstellung. Aber ich dachte, sie könnte sich dadurch über all' das erheben, was ihr zuwider ist oder worüber sie sich so große Sorgen macht, daß sie eines Tages davon aufgezehrt sein wird.

Ich schreckte aus meinen Gedanken hoch, ich saß immer noch auf der Parkbank und dachte, es wären Stunden vergangen, doch nach meiner Taschenuhr zu urteilen, hatte ich gerade fünf Minuten verweilt und war wohl dabei vor Erschöpfung eingenickt. Ich fragte mich, ob die Bemerkung mit der Tänzerin wirklich fiel oder ob sie jetzt eine Ausgeburt meiner angekratzten Nerven gewesen war.

Ich eilte zurück in Preguschins Büro. Der war irgendwie nicht ganz bei der Sache, geradezu gleichgültig. Vielleicht sehnte er sich auch danach, nach der ganzen Aufregung und Anspannung abschalten zu können. Ich berichtete ihm, was ich gesehen hatte und daß dieser Mann definitiv nicht Ryszkiewicz war. Preguschin sagte "Ja, gut. Oder auch nicht. Wenigstens können wir einen Verdächtigen ausschließen", fügte er hinzu, als ob das ein zufriedenstellendes Ergebnis gewesen wäre. Ich sagte "Offensichtlich hat sich der Staatsanwalt Liberyn den Fall an Land gezogen." "Ja, ich weiß." Ich fragte "Hat er mit Ihnen gesprochen?" "Ja." "Haben Sie ihm von Ryszkiewicz erzählt?" "Nein. Aber von Ihrem Einsatz in Dresden. Vielleicht sollten Sie dort noch einmal nachbohren."

Ich sagte, ich würde ganz gern eine Woche Urlaub nehmen. "Das geht jetzt leider nicht", erwiderte Preguschin, "Tomtschin ist ausgefallen, und man hat mir Mikolaikow abgezogen, ich muss erst alles umbesetzen und es gibt etliche offene Angelegenheiten." "Und was soll ich tun?" Preguschin sagte "Staatsanwalt Liberyn hat mich um den Attentats Fall erleichtert. Im Gegenzug hat er uns die Aufklärung bezüglich der preußisch-österreichischen Auseinandersetzung übertragen." Ich wunderte mich. "Ist das nicht Sache der Abteilung fünf? Und wieso kann uns Liberyn einfach so Weisung erteilen?" Preguschin wurde ungehalten. "Mensch, Novadin! Was kümmern Sie sich um Kompetenzen, die Sie nichts angehen!" Ich schwieg, aber ich konnte sehen, daß es ihm selbst nicht gefiel.

"Sie waren doch damals in London, wo es um die Schleswig-Holstein Frage ging." "Ja." "Kennen Sie da vielleicht noch irgendwelche Leute?" Ich sagte "Ja, zum Beispiel von der sächsischen Regierung." "Na, das trifft sich doch großartig! Sachsen spielt in dem Konflikt eine nicht zu unterschätzende Rolle", (offenbar hatte sich Preguschin schon mit Werenzew abgesprochen, denn der war immer am besten informiert), "da können Sie gleich beides miteinander verbinden."

Dann fiel ihm noch ein "Und war da nicht dieser Schriftsteller, der aus der Verbannung zurückgekehrt ist ... dieser ..." "Sie meinen Fjodor Michailowitsch Dostojewski?" "Ja. War der nicht auch in Dresden?" "Ja, aber er ist zur Zeit in Florenz." Preguschin horchte auf, aber es war nur, um mir zu zeigen, daß er trotz seiner enormen Belastung nichts aus den Augen verliert, "Wieso haben Sie mir das nicht gleich gesagt?" "Weil ich es erst noch überprüfen musste. Ich wollte nicht mit Gerüchten bei Ihnen aufwarten." "Hm."

Dann sagte ich schnell "Sie haben recht, Dostojewski hat seine Verbindungen zu Dresden nicht abgebrochen, es ist gut möglich, daß er bald dort wieder untertauchen wird." "Sehr gut!", frohlockte Preguschin, "dann haben wir alles hübsch beisammen und ich kann Sie getrost dorthin abkommandieren, Nikolai Alexandrowitsch. Falls Sie wirklich Verstärkung brauchen, melden Sie sich. Und jetzt gehen Sie nach Hause, ich danke Ihnen für Ihren Einsatz! Kommen Sie morgen vormittag her und wir organisieren alles weitere." Ich verabschiedete mich förmlich und ging.

Ich bewohnte damals ein Zwei Zimmer Quartier im dritten Stock eines Mietshauses. Es war nicht komfortabler als Tatjana Iwanownas, beziehungsweise ihres Freundes Unterkunft in Genf, vielleicht ein bisschen ordentlicher und nicht ganz so vollgestopft mit Büchern. Trotzdem hatte ich eine Menge Sachen in Schränken verstaut und allerhand Kleinkram in den Schubfächern. Als ich jetzt heimkam, erwartete mich eine böse Überraschung. In meine Wohnung war eingebrochen und offenbar alles durchsucht worden. Aber es sah nicht nach dem Werk von gewöhnlichen Einbrechern und Dieben aus. Ich dachte sofort an Liberyn, der seine Handlanger damit beauftragt hatte; und vielleicht sollte das sogar ein Zeichen von ihm sein, daß er mich auf dem Kieker hat. Ob er wusste, daß Preguschin mich erneut nach Dresden schickt, konnte ich nicht sagen, aber es war für mich jedenfalls von Vorteil, aus seinem Bannkreis zu verschwinden.

Als ich anderntags bei Preguschin erschien, hatte der eine weitere Neuigkeit für mich. Das Außenministerium hatte verfügt, den Grafen von Purgwitz nach Hannover zu entsenden, um dort zwischen den beiden Königreichen Hannover und Preußen zu vermitteln, deren Armeen sich bereits bis an die Zähne bewaffnet gegenüber standen. Man hatte mich (auf Preguschins Vorschlag hin) dazu ausersehen, den Grafen auf seiner Mission zu begleiten.

Was ich dazu jetzt kurz referiere, hatte ich größtenteils erst im Verlauf meiner Reise und bei einer überraschenden Begegnung erfahren, doch ich stelle es hier voran. Ich möchte auch daran erinneren, daß Stepan Iwanowitsch Werenzew, unser allwissender Hüter der Archive, seinerzeit, als es um eine Lösung für die Schleswig-Holstein Problematik ging, bereits der Meinung war, daß dahinter ein viel größerer Konflikt schwele, welcher über kurz oder lang offen ausbrechen und das ganze Gefüge des Deutschen Bundes auseinandersprengen werde, nämlich die Auseinandersetzung zwischen Preußen und Österreich.

Als man sich in der Bundesversammlung in der Schleswig-Holstein Frage nicht einigen konnte, schufen preußische und österreichische Truppen kurzerhand mit militärischen Mitteln neue Verhältnisse, die jedoch ebenso willkürlich wie instabil waren und im Endeffekt dazu führten, daß die beiden Großmächte nur noch um die Vorherrschaft im Deutschen Bund stritten. Es bildeten sich zwei ziemlich gleich starke Lager, wobei auf österreichischer Seite so gewichtige Staaten wie Bayern, Sachsen, Württemberg und eben das Königreich Hannover zu finden waren, während Preußen und seine Verbündeten allein schon durch ihre territoriale Größe auftrumpfen konnten.

Als die preußische Armee ihre Mitgliedschaft im Vereinigten Bundesheer aufkündigte, war klar, daß Preußen sich zum Waffengang rüstete, der geniale Fürst von Bismarck brachte die Politik auf Kurs, während sein ebenso ruhmreicher Feldherr General von Moltke die Mobilmachung befahl. Aber einen Zweifronten Krieg konnte sich Preußen nicht leisten, und deshalb ging es zunächst gegen das Königreich Hannover, das sich den Hegemonie Bestrebungen der Preußen tapfer entgegenstellte.

König Georg von Hannover war ein friedliebender Mann, bis zuletzt hatte er in der Bundesversammlung versucht, die Wogen zu glätten und die Streithähne zu bewegen, ihre hochgerüsteten Armeen wieder auf den "Friedensstand" zurückzusetzen. Sein Regierungschef Graf Platen verhandelte unermüdlich mit den Preußen, um den drohenden Krieg abzuwenden, er war ein außerordentlich fähiger Diplomat und ein großer Patriot seines Landes. Aber die Preußen hatten ihren Plan unwiderruflich gefasst und mochten davon nicht mehr abrücken.

Ich weiß nicht, wer den Grafen von Purgwitz in diese Löwengrube geschickt hatte, ich konnte mir kaum vorstellen, daß es auf Befehl unseres Zaren Alexander geschehen war, höchstwahrscheinlich hatte er sich selbst nominiert. Denn ungeachtet seines fortgeschrittenen Alters und der damit verbundenen deutlichen Schwäche in nahezu allen Belangen seines Daseins, hielt er sich für einen Heilsbringer, für den einzigen geeigneten Mann, um dem wackligen Europa in seinen eigenen Banden und Bündnissen seine frühere Statur zurückzugeben.

Doch er überschätzte sich maßlos. Er hatte sich seine Meriten schon in den ersten Türkenkriegen errungen. Er war unvorstellbar reich und hatte sich und seine zahlreiche Familie mit den besten Posten, die unter Kaiser Nikolaus zu vergeben waren, versorgt. Er hatte peinlich darauf geachtet, daß ihm nichts davon unter Nikolaus' Nachfolger verlustig ging und man muss ihm zugute halten, seinem höchsten Herrn auf Erden immer loyal verbunden gewesen zu sein. Er hatte eigentlich nie eine politische Anschauung gehegt, denn seine Persönlichkeit war von Natur aus so stark und von solcher Ausstrahlung, daß sein bloßes Auftreten stets die gewünschte Wirkung hervorrief.

Jedoch: "Ein langes Leben krankt am Alter", besagt ein Sprichwort, und kein noch so überragender Mann wird vom Verfall verschont, er zahlt am Ende das zurück, was er in Jugend und Mannestagen auf Kredit verlebt und verprasst hat. Graf von Purgwitz sabberte beim Essen, während er nebenher noch versuchte, große Tischreden zu schwingen. Er war auch sonst nicht mehr ganz reinlich, aber er merkte es nicht.

Dabei war er unausstehlich wie alle senilen Männer, die sich mit unbezwingbarem Starrsinn an den Ritualen ihrer Vergangenheit festgebissen haben. Und er war geil wie ein feister Bock. Als wir in der thüringischen Kleinstadt Gotha im "Hotel zum Mohren" abgestiegen waren, dauerte es keine halbe Stunde, bis sich eins der Zimmermädchen über die Zudringlichkeit des greisen Gastes beschwerte, sie behauptete, er habe ihr sein "Zepter" zeigen wollen.

Er hatte einen Diener bei sich, der Jacques hieß und ein junger Franzose war, er sollte sich um den Grafen kümmern, aber er drückte sich, wo er konnte. Von Rechts wegen hätte er ihm von früh bis spät behilflich sein sollen, doch die meiste Zeit beruhigte er die Fräuleins und jungen Frauen, denen der Graf vorher an die Wäsche gegangen war. Er tat so, als müsse er sich im Namen seines Herrn entschuldigen, und da er ein sehr hübscher Bursche war, fanden die weiblichen Opfer das nur angemessen. Andern gegenüber (mich eingeschlossen) benahm er sich ausgesprochen arrogant, als wäre er nicht Purgwitz' Diener, sondern sein erbberechtigter Sohn, und es würde mich nicht wundern, wenn er tatsächlich nur auf das Vermögen des Alten scharf gewesen wäre. Ich habe dann die Wege der beiden nicht mehr weiter verfolgt, aber diese Tage, als ich ihnen unfreiwillig Gesellschaft leisten musste, waren wenig amüsant.

Ich glaube, ich hatte viel weiter oben in diesem Bericht einmal erwähnt, daß ich mütterlicherseits Vorfahren habe, die in dieser Gegend, in der ich mich just aufhielt, ansässig gewesen waren. Ich wollte die Gelegenheit nutzen, um ein wenig Nachforschung zu betreiben. Das Herzogtum Coburg-Gotha stand auf Seiten Preußens, aber es war kein besonders enges Verhältnis. Der letzte richtige Gothaer Herzog war vor Jahrzehnten ohne männliche Nachkommen geblieben, und die Regentschaft war durch Heirat an die Sächsisch-Coburgische Linie gefallen; Coburg aber lag auf der Südseite des Thüringer Waldes, eines Gebirges, das schon seit jeher eine natürliche Grenze zwischen den Völkerschaften gebildet hatte. So kam es, daß die einstige Residenz Gotha zunehmend einer schläfrigen Bedeutungslosigkeit anheimfiel.

Als ich durch die Gassen der Altstadt bummelte, in der die Familie meiner Mutter angeblich einmal einen Gemüseladen besessen hatte, sprach mich jemand an und ich war nicht wenig überrascht, als ich ihn erkannte, es war jener Walter Freiherr von Lentzen, den ich in London bei der Konferenz kennengelernt hatte, wo er als Begleiter des sächsischen Ministers von Beust zugegen war. "Nikolai Alexandrowitsch Novadin!", rief er freudig und begrüßte mich herzlich. Ich war ebenfalls hocherfreut, hatte ich doch unsere Bekanntschaft in guter Erinnerung behalten, ja, ich hatte mir sogar fest vorgenommen, ihn bei meinem nächsten Aufenthalt in Dresden zu besuchen.

"Was machen Sie hier?", fragte er mich, und ich erzählte ihm freimütig von meinem Auftrag, den russischen Gesandten bei den Gesprächen zwischen den Hannoveranern und den Preußen zu unterstützen. Lentzen zog die Augenbrauen zusammen. "Wie heißt der Gesandte?" "Graf Leopold von Purgwitz." Lentzen lachte aus vollem Hals. "Der alte Purgwitz lebt noch? Der muss doch schon bald hundert Jahre auf dem Buckel haben!" "Geschätzt noch einige mehr", erwiderte ich. Dann sagte Lentzen "Kommen Sie, Nikolai, lassen Sie uns irgendwo etwas speisen, ich lade Sie ein."

Von ihm erfuhr ich Einzelheiten über den Stand der Dinge. Demnach waren die Gefechte zwischen den hannoverschen und preußischen Truppen bereits im vollen Gange, und zwar gar nicht weit von hier im benachbarten Langensalza. "Haben Sie noch nichts von dem Lärm gehört, den der Wind herüberträgt?" Mir war tatsächlich so gewesen, aber ich hatte es für ein Gewitter gehalten. "Nein, nein", versicherte Lentzen, "da drüben tobt bereits die Schlacht." "Und wie sieht es aus?" "Nach allem, was man berichtet, konnten die Hannoveraner die preußischen Angriffe erfolgreich abwehren, General von Arentschildt leistet gute Arbeit."

Ich sagte "Dann sind ja Graf von Purgwitz' Bemühungen längst hinfällig." "Ja, das sind sie allerdings. Aber ich glaube, der alte Knochen hätte sowieso nichts ausrichten können." Und dann erzählte mir Lentzen ein paar Details über ihn (die ich vorhin bereits wiedergegeben habe). Ich gestand "Ich hatte eigentlich nicht vor, ihm länger Gesellschaft zu leisten", und Lentzen bestärkte mich, "Überlassen Sie ihn seinem Schicksal, wahrscheinlich reist er unverzüglich weiter nach Bad Pyrmont, soviel ich weiß, besitzt er dort etliche größere Etablissements, da kann er sich von seiner schwierigen Mission erholen." "Na, die Küchenmädchen tun mir jetzt schon leid."

Ich fragte ihn, ob er ebenfalls wegen des Krieges hier wäre, und er bejahte es. "Aber nicht unmittelbar wegen der Kämpfe da drüben, ich meine, egal, wie es ausgeht, das ist nur ein kleines Scharmützel, die große Schlacht steht uns noch bevor. Die Preußen sind in Schlesien an der Grenze zu Sachsen aufmarschiert, siebzigtausend Mann, sie warten nur auf den Befehl, in Dresden einzurücken." Ich wunderte mich, "Aber Sie sind doch nicht etwa vor Ihnen geflohen?"

Er lachte, "Nein, soweit ist es noch nicht gekommen! Wie Sie vielleicht wissen, ist unser König Johann ein großer Musaget, und wer solche Kunstschätze besitzt, wie wir in unsern Sammlungen, der sollte Vorsorge treffen, daß sie in unruhigen Zeiten nicht in fremde Hände fallen und auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Deshalb hat der König angewiesen, daß die wertvollsten Stücke ausgelagert werden." Ich sagte "Und jetzt tragen Sie das Kollier mit den vierunddreißig Brillanten in der rechten Jackentasche!" "Und den Goldkelch mit den Rubinen in der andern", ergänzte er. "Sie sind sehr vertrauensvoll zu mir." "Ja, das bin ich und ich kann Sie gut leiden, Nikolai." Ich glaube, ich wurde ein bisschen rot im Gesicht, "Ich kann Sie auch gut leiden, Walter."

Er sagte "Es gibt hier unter dem Schloss ein Gewölbe, das sich hervorragend dafür eignet, solche Sachen für eine Weile einzulagern, es ist trocken und nahezu frei von irgendwelchen Schimmelpilzen oder ähnlichem. Wir hatten von Dresden aus schon Verbindung zu den Coburgern aufgenommen und darum ersucht, dieses Gewölbe zu nutzen, wir hatten auch schon eine Zusage erhalten, aber jetzt stellt sich heraus, daß der Schlosshauptmann nicht da ist, und unsere Gespräche waren natürlich vertraulich, keiner außer ihm wusste Bescheid."

"Wo ist das Zeug jetzt?" "Noch auf der Eisenbahn, es kommt morgen an." "Eine ganze Eisenbahnladung?" "Wir haben alles auf mehrere Orte verteilt, was Gotha betrifft, umfasst es Kisten aus etwa einem halben Waggon, darunter sehr kostbare Stücke." "Werden Sie das bis zum Eintreffen geregelt bekommen?" Lentzen zuckte mit den Schultern, "Niemand konnte mir sagen, wann der Hauptmann zurückkommt. Vielleicht haben sie auch kalte Füße bekommen wegen den Preußen." "Aber Sie können die Ladung doch nicht auf dem Bahnhof stehenlassen." "Nein, das ist ausgeschlossen. Mir wird schon was einfallen."

In diesem Moment machte es ein paarmal Rumms! und der Boden unter den Füßen bebte merklich. "Sehen Sie! Das kommt von Langensalza herüber." Ich fragte "Besteht die Gefahr, daß sich die Gefechte bis nach Gotha verlagern?" "Nein, das glaube ich nicht, das wird wohl in den nächsten Stunden entschieden werden. Entweder die Preußen werden geschlagen, dann ziehen sie sich schleunigst zurück, oder andernfalls jagen sie den Hannoveranern mindestens bis nach Göttingen hinterher." "Soll ich Ihnen morgen beim Entladen behilflich sein?" "Das wäre sehr freundlich von Ihnen, Nikolai. Es gibt eine Zugbegleitung, drei oder vier Mann vom Kronprinzen Regiment, aber ich kenne die nicht, und es wäre mir lieb, wenn Sie die ganze Aktion mit beaufsichtigen würden."

Am nächsten Tag machte ich mich auf, um Lentzen an der verabredeten Stelle zu treffen. In der Stadt verbreiteten sich die neuesten Meldungen von den Kämpfen bei Langensalza. Während der Nacht hatte man die gefallenen Soldaten beerdigt. Die Hannoveraner konnten ihre Stellungen halten, waren aber völlig erledigt. Zudem rückten von allen Seiten neue preußische Verbände an, am bedrohlichsten war die Truppe des Generals von Manteuffel. Trotz ihrer Standhaftigkeit gab man nicht mehr viel auf die Hannoveraner.

Lentzen war bereits am Bahnhof, er sagte, der Zug habe Verspätung; allmählich wurde er doch etwas nervös. Er kaute auf einem Zahnstocher herum, den er vom Frühstück mitgenommen hatte. Wir standen da und warteten. Um ihn ein wenig abzulenken, fragte ich "Wo in Dresden wohnen Sie eigentlich?" "Am Pirna'schen Tor." "Stammen Sie aus Dresden?" "Mein Elternhaus ist in Krostau, das liegt bei Döbeln, dort haben wir ein Herrenhaus mit etwas Land, eine Wirtschaft, Gärtnerei und so weiter - wir haben zwei Kirchen in Krostau, eigentlich nur Dorfkirchen, aber in jeder befindet sich eine Silbermann Orgel, vom Meister selbst eingeweiht." "Tatsächlich?"

Dann sagte Lentzen "Kommen Sie uns doch mal besuchen, Nikolai, Sie sind herzlich eingeladen, meine Schwester Angelika wird mit Ihnen eine Führung machen, sie ist ganz verliebt in diese beiden Orgeln." "Ist sie eine Organistin?" "Nein, das nicht, aber sie hat einen phantastischen Sinn für Musik, so ein besonders feinfühliges Gehör, Sie verstehen. Sie kann Ihnen genau den eigentümlichen Klang dieser beiden Instrumente erklären - und dann hören Sie's auf ganz neue Weise, wirklich, sie ... da kommt er!", rief er und meinte den Zug, dessen Dampfwolke man schon sehen konnte.

Dann begann eine Rangiererei und der betreffende Waggon wurde auf ein Abstellgleis gebracht. Er war verplombt. Die vier Begleiter in Uniformen tauchten auf, es war ein Leutnant und drei Feldjäger. Der Leutnant machte Lentzen Meldung und übergab ihm ein verschlossenes Schreiben. Lentzen beredete sich mit dem Rangiermeister, sie überprüften ein paar Papiere. Der Waggon wurde geöffnet, und ich schaute mir die Ladung an, es waren mehrere Holzkisten verschiedener Größe, es waren auch sorgsam verpackte Gemälde darunter, alles hatte den Transport unbeschadet überstanden.

"Was geschieht nun weiter?", wollte der Leutnant wissen. "Haben Sie Pferde dabei?", fragte Lentzen zurück. "Nein." "Aber Sie können reiten, oder?" "Selbstverständlich", erklärte der andere mit Nachdruck. "Dann werden wir Ihnen welche besorgen. Wir müssen die Fracht aus der Stadt schaffen, in einen Ort zirka fünf Meilen südlich von hier." "Wollen Sie die Pferde damit beladen?" "Nein, einen Planwagen. Gedulden Sie sich, Herr Leutnant, machen Sie erstmal Pause mit Ihren Männern und stärken sich, da drinnen im Bahnhof gibt es einen Imbiss. Kommen Sie in einer halben Stunde wieder her." "Jawohl."

Ich fragte Lentzen "Haben Sie umdisponiert?" "Ja, ich kann nicht länger auf den Kommandanten vom Schloss warten." "Und wo bringen wir's hin?" "Sag' ich Ihnen gleich", erwiderte er und öffnete den Briefumschlag. Als er ihn durchgelesen hatte, fluchte er: "Mist! Das passt mir jetzt gar nicht in den Kram. Anscheinend glauben sie in Dresden, ich könnte mich zerteilen." "Was ist denn?" "Ich soll unverzüglich zurückkommen. Der König ist dabei, die Stadt zu verlassen." "Wohin?" "Die Elbe aufwärts, nach Böhmen. Gut möglich, daß die Österreicher dort schon warten."

Ich sah, daß er angestrengt nachdachte. Ich sagte "Walter, wenn Sie mir genau beschreiben, wo es hingehen soll, dann übernehme ich das für Sie." Er schaute mich unschlüssig an. "Sie sind ein patenter Kerl, Nikolai, aber das ist nicht so einfach, wie Sie sich das vielleicht vorstellen. Lassen Sie irgendwas schiefgehen, dann kostet mich das Kopf und Kragen."

Ich konnte seine Bedenken natürlich nicht ohne weiteres zerstreuen. Dann sagte er "Ich habe gestern noch mit dem Coburger Herzog telegraphiert. Wir warten jetzt auf einen Mann, der uns da hinführen wird. Er ist ein Freund des Herzogs. Ich kenne ihn auch flüchtig, er hat früher schon einmal etwas ähnliches für uns gemacht. Mit seiner Hilfe schaffen wir die Sachen in einem Planwagen nach diesem ... diesem ... besagten Ort, wo sie in einem ehemaligen Kloster untergebracht werden können." Er schwieg, er schaute auf seine Taschenuhr, offenbar verzögerte sich auch dessen Ankunft.

Ich sagte "Wenn die Feldjäger mitkommen, kann doch nichts passieren. Sobald alles erledigt ist, komme ich sofort zu Ihnen nach Dresden." "Ja aber haben Sie denn nichts anderes vor?" "Ich wollte sowieso dorthin, und da ich den alten Purgwitz los bin, steht dem nichts mehr im Wege."

Lentzen legte mir die Hand auf die Schulter. "Das wäre freilich ein großer Dienst, den Sie mir erweisen. Aber ich muss mich hundertprozentig darauf verlassen können, daß die Fracht an diesen Ort gelangt." "Ich gebe Ihnen darauf mein Ehrenwort ... und ich mache es gern." "Also gut! Hand drauf!" Wir besiegelten die Aktion mit einem Handschlag, dann reichte er mir eine Lederbörse, "Da ist Geld drin, falls Sie welches brauchen. Lassen Sie sich die Quittungen geben."

Er ging in das Bahnhofsgebäude, um sich zu erkundigen, wann der nächste Zug nach Dresden fährt, das sollte in einer halben Stunde sein. Drinnen hatte er auf die Schnelle eine Vollmacht für mich geschrieben. "Sie sind befugt, im Namen und Auftrag des sächsischen Staatsministers von Falckenberg zu agieren, seien Sie sich Ihrer Verantwortung bewusst!" Ich verbeugte mich kurz. Er gab mir ein Petschaft, um den Raum zu versiegeln, in dem die Kunstwerke gelagert sind. "Sorgen Sie dafür, daß alles sicher verwahrt wird."

"Wie heißt dieser Mann mit dem Planwagen?", wollte ich noch wissen. "Friedrich Gerstäcker. Er ist eigentlich ein Schriftsteller, aber auch ein Herumtreiber, er war schon an allen Ecken und Enden der Welt, er hat Hummeln im Hintern, wie man so sagt." "Und so einem Filou vertrauen Sie Sachsens Kleinodien an?" "Der Coburger Herzog verbürgt sich für ihn ... und na ja, jetzt weiß ich doch, daß er unter Ihrer strengsten Aufsicht steht", lachte er wie um sich selbst zu beruhigen. Er hoffte, daß er noch ein Wort mit ihm reden könnte, aber als Lentzen in den Zug stieg, war er immer noch nicht eingetroffen. Er schob das Abteilfenster herunter und rief mir zu: "Vergessen Sie nicht, Nikolai, meine Schwester Angelika würde sich über Ihren Besuch freuen!" Es klang, als sollte ich mir das hiermit verdienen.

Dann trudelten die Feldjäger wieder ein. Der Leutnant steckte sich eine Zigarette an und fragte "Wie ist die Lage?" Ich sagte ihm, was inzwischen geschehen war; er nahm es ohne Verwunderung auf und fragte bloß "Besorgt uns dieser Mann auch Pferde?" Endlich kam er. Er sah aus wie ein Räuberhauptmann, es fehlte nur die große Steinschlosspistole im breiten Ledergürtel (später bemerkte ich, daß er einen Navy Colt unterm Wams trug). Er war stämmig, mit einer groben Lodenjacke bekleidet und in weiten Hosen, deren Enden in wuchtigen Stiefeln steckten. Er trug einen Schlapphut mit grünem Band und einer Fasanenfeder, unter dem wildes Haar bis über die Ohren hervorquoll, außerdem hatte er einen angegrauten Vollbart. Trotz dieser "Bedeckung" stachen seine Gesichtszüge deutlich hervor, es war ein Antlitz, das unter vielen anderen leicht auffällt und sich von ihnen abhebt.

Er sprang vom Wagen und kam geradewegs auf uns zu, dennoch wollte ich mich vergewissern und fragte "Sind Sie Friedrich Gerstäcker?" Er sagte "Mein Name ist Jim Bahrens, lasst mich wissen, wer Ihr seid, Fremder?", und es klang wie aus einem Theaterstück. Ich war so verdutzt, daß ich beinahe anfing zu stammeln, ich sagte etwas, aber es war ziemlich zusammenhanglos. Der Leutnant mischte sich ein, "Wir brauchen vier Reitpferde für mich und meine Männer." "Nun", erwiderte der andere fast vergnügt, "das lässt sich arrangieren, und habt Ihr denn auch Geld, es zu bezahlen?"

Ich sagte "Bevor hier irgendetwas arrangiert wird, muss ich überprüfen, ob Sie derjenige sind, auf den wir warten. Der Herzog von Coburg versprach uns, einen Herrn Gerstäcker zu schicken, mit einem Planwagen. Nun sehe ich zwar den Planwagen, aber offenkundig einen andern Mann, wie verhält sich das?" Er sagte "Herr Gerstäcker erwartet Sie auf Schloss Reinhardsbrunn, ich werde Sie, wenn diesbezüglich keine Einwände dagegen erhoben werden, dorthin bringen." "Aber wir haben diesen Transport bestellt." "Ich bin darüber unterrichtet", beteuerte er und fügte vertraulich hinzu "und darin eingeweiht."

"Was ist nun mit den Pferden?", mahnte der Leutnant, und der Pseudo Gerstäcker rief "Ja richtig, die Pferde! Wenn Sie mich einen Augenblick entschuldigen, meine Herren, ich bin gleich wieder da, passen Sie bitte solange auf mein Fahrzeug auf." Dann drehte er sich nochmal um, "Müssen es welche mit Sätteln sein?" "Zaumzeug genügt", winkte der Leutnant ab. Ich hätte den Leutnant gern gefragt, was er von dem Mann halte, aber die Feldjäger machten sich anscheinend weiter keine Gedanken darüber.

Er war irgendwo jenseits der Gleise verschwunden und kam nach einer Weile wieder, zusammen mit einem Stallknecht und vier Reitpferden. Ich fragte "Woher haben Sie die so schnell genommen?", aber er entgegnete bloß "Gefallen sie Ihnen nicht?", und ich merkte, daß sein Ton nicht mehr so gekünstelt war. Ich gab dem Stallknecht Geld und sagte, wir würden die Pferde am nächsten Tag zurückgeben. Dann zeigte ich dem Fuhrmann, wo der Waggon steht, und wir luden alle Kisten auf den Planwagen. Schließlich setzte ich mich vorn auf den Kutschbock und es konnte losgehen, die Feldjäger folgten uns.

Sie konnten uns nicht hören, und ich sagte zu ihm "Ich wollte vorhin nicht so offen mit Ihnen sprechen." "Ja, ich weiß." "Sind Sie nun Friedrich Gerstäcker oder nicht?" "Sind Sie der Freiherr von Lentzen?" Ich sagte "Der Freiherr von Lentzen musste auf der Stelle zurück nach Dresden fahren." "Aha. Dann ist die Kacke dort also schon am Dampfen." "Soviel ich weiß, ist der König nach Böhmen ausgerückt. Ich wurde angewiesen, Lentzens Auftrag durchzuführen." "Wie heißen Sie?" "Hatte ich das nicht gesagt?" "Nein." "Nikolai Alexandrowitsch Novadin." "Sie sind Russe?" "Zur Hälfte, zur anderen Deutscher. Ich vermute, 'Jim Bahrens' ist nicht Ihr richtiger Name?" "Ich verwende ihn, wenn ich nicht genau weiß, mit wem ich es zu tun habe." "Hm."

Wir fuhren auf der Chausee aus der Stadt hinaus und dann eine Strecke auf verschiedenen Feldwegen entlang. Gerstäcker fragte mich "Gefällt Ihnen die Gegend?" "Ja, ganz hübsch. Woher stammen Sie?" "Ich bin in Hamburg geboren, aber meine Vorfahren kommen aus Sachsen, mein Vater war Operntenor am Dresdner Hoftheater." (Ich dachte, daher hat er wohl seinen Hang zur Schauspielerei.) "Und Sie sind Schriftsteller?" "Ja." "Schreiben Sie auch unter anderem Namen?" "Selten. Ich kann mit Recht behaupten, daß ich es unter meinem eigenen Namen zu einiger Berühmtheit und Erfolg gebracht habe." "Oh, dann muss ich gestehen, daß mir das bislang nicht zu Ohren gekommen ist." "Na, man kann ja nicht auf alles achten, was sich so um uns herum abspielt", sagte er, als wollte er mir's nachsehen.

Unser Weg führte durch ein Wäldchen mit mächtigen Laubbäumen, unter denen es sehr schattig, fast dunkel war, nur hier und da brach ein Sonnenstrahl durch das Blätterdach. Gerstäcker sagte bedeutungsvoll und ganz ernsthaft "In diesem Wald tanzen die Hexen zur Walpurgisnacht." "Ach ja? Ich dachte, das findet auf dem Blocksberg statt." "Ja, das denken viele." "Haben Sie solchem Schauspiel selbst schon beigewohnt?", fragte ich ihn mit leichtem Spott. "Ich habe eine Erzählung darüber verfasst, sie ist in der 'Gartenlaube' erschienen. Sie wurde auch ins Französische übersetzt, die Franzosen mögen solche Geschichten, am meisten welche, die von Feen handeln, aber Hexen tun's zur Not auch."

Ich schaute zur Seite und versuchte, das Unterholz mit meinen Blicken zu durchdringen, ich sagte "Mir kommt es eher so vor, als würden uns hier die Räuber auflauern." Er sagte mit Bestimmtheit "Räuber und Hexen vertragen sich nicht." "Das ist mir neu. Ich nahm an, manche wären sogar miteinander verwandt." "Das zeigt nur, daß Sie noch nie welche kennengelernt haben." "Ja, das ist wahr. Was haben Sie sonst noch so geschrieben?", fragte ich ihn und die Frage klang, als würde er damit auf dem Jahrmarkt auftreten. "Mein jüngstes Drama heißt 'Der Wilderer', es wurde kürzlich im herzoglichen Hoftheater in Coburg aufgeführt. Ansonsten habe ich mir durch meine Romane einen Namen gemacht, am bekanntesten sind vielleicht die 'Regulatoren von Arkansas'." "Handelt es von der Uhrmacherei?", fragte ich in meiner Naivität.

Gerstäcker lachte hell auf. "Nein! Die Regulatoren sind eine Gemeinschaft von revolutionären Farmern in den amerikanischen Südstaaten." "Das muss einem deutschen Leser aber erklärt werden." "Wird es auch! Aber man kann ja nicht sein ganzes Pulver schon im Titel verschießen." "Waren Sie selbst in Amerika?" "Ich war schon auf allen Kontinenten außer in Asien und an den Polen." "Polen ist ja auch kein eigener Kontinent." "Ich meine die Pole, Arktis und Antarktis!"

"Wo fanden Sie's am schönsten?", wollte ich wissen. Aber er hatte wohl erwartet, daß ich ihn über seine Reiserouten ausfrage, und er begann, mir alle die Stationen aufzuzählen, wo er gewesen war, und danach zu urteilen, muss er nicht nur der Mensch mit den meisten zurückgelegten Kilometern sein, der je gelebt, sondern auch derjenige, der dies in kürzester Zeit geschafft hat, denn bei normalem Tempo hätte er wohl schon doppelt so alt sein müssen.

Das erste Mal auf amerikanischem Boden, eröffnete er einen Tabakladen am Broadway. Weil das Geschäft schlecht lief, hatte er genügend Zeit, um in den Wäldern am Ufer des Hudson seiner großen Leidenschaft, der Jagd, zu frönen. Nachdem der Laden geschlossen wurde, machte sich Gerstäcker auf zu einer Reise quer durch Nordamerika, über Ohio, Indiana, Illinois, Missouri, Arkansas (wo die "Regulatoren" lebten), Texas und Louisiana, dann den Mississippi wieder hinauf und nach Chicago, von dort hinüber zu den Niagara Fällen. In Kanada machte er ausgedehnte Jagdzüge, er traf auf Indianer, und mit einem von ihnen erlegte er einen Bären, der Indianer verkaufte den Pelz in Preston für vier Dollar.

Dann wandte er sich abermals nach Süden und wanderte zu Fuß bis Saint Louis. Er jagte Bären, Hirsche und Truthähne - kurzum alles, was Fell oder Federn hatte und nicht auf einen Namen hörte; überhaupt schien es mir, daß Gerstäcker durch seine Jägerei den Wildbestand Amerikas merklich geschmälert hat. Um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen, schnitt er mehrere zehntausend Schilfrohre, die er auf dem Wasserweg zum nächsten Handelsplatz schaffte. Aber er arbeitete auch als Schokoladenfabrikant und verdingte sich bei einem Silberschmied.

Natürlich konnte er dem Goldrausch nicht widerstehen und ging nach Kalifornien, wo er auf einer halbverfallenen Jesuiten Mission sein Glück als Kohlenbrenner und Goldwäscher versuchte und mit ein paar Chinesen in Streit um die Schürfrechte geriet. Das war dann schon auf seiner zweiten Reise, nachdem er, von Buenos Aires aus, Argentinien nach Westen durchquert und von Mendoza über die Anden hinweg nach Valparaiso gelangt war. Da hin kehrte er auch nach seinem "Ausflug" in die kalifornischen Goldfelder zurück und machte sich auf den Weg nach Süden.

An der chilenischen Küste, kurz vor Feuerland, ging er auf Seehundjagd und fast hätte er auf einem Walfänger angeheuert, wenn ihm nicht ein Italiener die Stelle vor der Nase weggeschnappt hätte. Bei dessen Erwähnung spuckte Gerstäcker verächtlich aus, "Diese Itaker markieren immer den starken Mann, aber wenn's hart auf hart kommt, schreien sie nach ihrer Mama! Jedenfalls bin ich dann um Kap Hoorn herum nach Montevideo und weiter nach Rio de Janeiro gesegelt. Auf Tahiti habe ich von einem Eingeborenen die Kunst des Tätowierens gelernt und ..." "Moment mal", unterbrach ich ihn, "eben waren Sie noch in Südamerika!" Er schaute mich kurz an, dann sagte er "Ach ja, richtig, das hätte ich fast vergessen: sollten Sie mal in die Gegend von Santa Fé kommen, besorgen Sie sich eine Flinte und schießen ein paar Steppenhühner, das Fleisch ist wunderbar zart und sehr schmackhaft, ein Genuss!"

Ich hatte größte Mühe, bei seinen Schilderungen schrittzuhalten. Gerade hatte er in Papetee einen Landsmann aus Leipzig getroffen, der ihn mit den "neuesten Moritaten aus der Heimat" auf dem Laufenden hielt, da war er schon bei den Aborigines im tiefsten Australien, wo ihm ein Geisterseher am nächtlichen Lagerfeuer seine Ahnen aus dem Jenseits vorstellte. Man bot ihm an, sich an der Suchexpedition nach dem verschollenen Wissenschaftler Dr. Leichhardt zu beteiligen, weil man wusste, daß er des "Fährtenlesens kundig" war, aber es zog ihn lieber nach Batavia auf Java, wo er bei einem holländischen Kaufmann die "herzlichste Aufnahme" fand.

Dann war er plötzlich als Generalbeauftragter der Ecuador Landcompany im Einsatz und schlug sein Quartier in Tomaco, "an der südlichsten Grenze Neu Granadas" auf, und noch ehe ich mir nach seiner Beschreibung ein Bild davon machen konnte, musste ich ihm auf die Löwenjagd nach Abessinien folgen, wohin er von Kairo aus auf dem Nil flussaufwärts gekommen war, vorbei an den Königsgräbern von Luxor und den Ruinen von Karnak. In ein und demselben Satz schlug er einen Bogen vom Nil zum Orinoco, wohin ihn, wie er gestand, Humboldt's "Nächtliches Tierleben im Urwald" schon als Junge gelockt hatte.

Als er von den bezaubernden halbwüchsigen Mädchen Tahitis berichtete, mit ihrer honigfarbenen Haut und einem Lendenschurz als einziges Kleidungsstück, wie sie im Meer gleich vergnügten Delphinen planschen und dann am Strand ihre anmutigen jungen Körper der Sonne überlassen - da fiel mir ein, wo ich dergleichen schon mal gelesen hatte, nämlich bei Herman Melville. Gerstäcker war von meiner Einlassung keineswegs überrascht, er sagte "Den habe ich ins Deutsche übersetzt", und er gab mir ein paar Proben aus dem amerikanischen Original, sein Englisch war makellos! (Ich habe mich bei Oswald Kestner in Dresden erkundigt: es gab eine Volks- und Familien-Ausgabe der Werke Gerstäckers, die in Jena bei Hermann Costenoble erschienen war und sage und schreibe dreiundvierzig Bände umfasste. Mir ist völlig unklar geblieben, wann dieser Mann überhaupt alle seine Erlebnisse und Abenteuer zu Papier gebracht hat.)

Gerstäcker hatte mir gerade sein Gespräch mit General William "Tecumseh" Sherman am Vorabend des Angriffs auf Atlanta wiedergegeben und begann übergangslos von seiner Audienz beim Kaiser von Brasilien zu berichten, da tauchte vor uns das Gebäude von Schloss Reinhardsbrunn auf und wir waren am Ziel unserer Fahrt angelangt.

Das Schloss lag in einem Park mit herrlichen, alten Bäumen und einem Teich, auf dem Wildenten schwammen, es war kein Schloss im pompösen Sinne, sondern bestand lediglich aus einem dreistöckigen Langhaus mit betonten Giebelfassaden im neogotischen Stil und mit einem niedlichen Rundturm an der Längsseite, der von Kletterrosen umrankt war. Schräg daneben befand sich ein aufwändig gestalteter Garten mit einigen Steinskulpturen und einem kleinen Zierbrunnen. Hier waren überall Blumenkästen und Kübel verteilt, außerdem zogen sich gepflegte Buchsbaumhecken kreuz und quer über das Gelände. Weiter hinten waren ein paar flache Wirtschafts- und Nebengebäude zu erkennen.

Wir wurden von dem Verwalter empfangen, der sich als "Pfarrer Mock" vorstellte, er war vom Coburger Herzog telegraphisch informiert worden. Er war ein hagerer Mann mit einer schwarzen Haarschicht, die ihm wie am Haupt klebte und in mehreren Fransen in die Stirn hinabragte, er hatte sehr schlanke, fast skeletthafte Hände und eine große, ebenso knochige Nase über einem Paar schmalen, spröden Lippen. Er war sehr freundlich, und ich meine damit die Freundlichkeit, die von Herzen zu kommen scheint. Er bot uns zur Begrüßung etwas zu trinken an und sagte, wenn wir nichts dagegen hätten, würde er uns zuerst gern das bescheidene Anwesen zeigen, danach könnten wir die Fracht in dem dafür bestimmten Raum unterbringen. Für ihn war klar, daß wir über Nacht bleiben, und wir nahmen seine Einladung wie selbstverständlich an.

Der Keller, in den wir dann die Kisten schafften, war genaugesagt eine Gruft, "wohl temperiert und trocken", wie uns der Pfarrer versicherte. An den Wänden lehnten große Grabplatten aus Sandstein, auf denen jeweils die Person des Verstorbenen als Relief gemeißelt war. Es handelte sich, wie uns Mock erläuterte, um die Thüringer Landgrafen, deren berühmtester, Ludwig der Springer, dieses Kloster gestiftet hatte, "Aber damals sah es ganz anders aus und davon ist nichts übriggeblieben". "Was war mit diesem Hund?", fragte Gerstäcker und deutete auf einen Grabstein mit dem Vierbeiner.

"Der gehört nicht hierher. Wiewohl die Landgrafen leidenschaftliche Jäger waren. Der hier war der Lieblingshund eines Barons von Winterstein." Gerstäcker sagte "Ich hatte in Amerika einen Hund, ein ganz famoses Tier, er hieß Beargrease." "Biergrieß?" "Beargrease, das ist Amerikanisch." "Ach so. Was ist aus ihm geworden?" "Ich habe ihn freigelassen, als ich heimgekehrt bin." "Dann war er ein Wildhund? Ich dachte, die leben in Australien." "Ja, da hatte ich auch einen, er war auf einem Auge blind, deshalb neigte er dazu abzudriften."

Es war Platz genug, um die Wertsachen alle unterzubringen. Der Keller war mit einer schweren Tür und zusätzlich mit einem Gitter verschlossen. Mock sagte, er behalte die Schlüssel praktisch immer in Reichweite. Er hatte, auf Anordnung des Coburger Herzogs, eine Art Versicherungsschein ausgestellt, in dem stand, daß der Herzog für jeden eventuellen Verlust aufkommt. Das war sehr großzügig von ihm, denn er wusste ja nicht einmal im einzelnen, was sich darunter befand. Nach allem, was ich über ihn hörte, hätte ich den Herzog gern persönlich kennengelernt. Er war der Schwager der englischen Königin.

Später warfen wir noch einen Blick in die Bibliothek, und Gerstäcker fand einige "Raritäten", unter anderm eine Biographie von George Washington im Original. Er sagte, der Herzog Ernst habe seinerzeit damit geliebäugelt, nach Kentucky zu gehen, wo er einige Morgen Land besaß. Er habe seinen Besitz jedoch nie gesehen. Gerstäcker sagte, er habe die "Leutchen", die dort auf seinem Land wohnten, einmal besucht und sie haben ihn über den Herzog ausgefragt, als glaubten sie, er wäre noch am Leben. Der Leutnant und seine Feldjäger vergnügten sich im Park mit einer prunkvollen Armbrust, die ihnen beim Schlossrundgang sofort ins Auge gefallen war, der Pfarrer hatte sie kurzerhand von der Wand genommen, wo sie als Schmuck hing, und ihnen zum Ausprobieren überlassen, er fand dann in einem Schrank auch noch ein paar Bolzen. Sie machten sich davon und fingen sogleich an, über die altertümliche Waffe zu fachsimpeln.

Zurück in Gotha, entließ ich den Leutnant und seine Mannen, ich dankte ihm und händigte ihm einen kleinen Betrag von Lentzens Geld aus, außerdem übernahm ich selbstverständlich die Fahrtkosten. Gerstäcker schaffte die Pferde dahin zurück, wo er sie geholt hatte. Es dauerte eine Ewigkeit, die Feldjäger waren inzwischen längst abgefahren, ich dachte, auf einen Zug früher oder später kommt es nicht an, aber mir ging Gerstäckers Lahmarschigkeit allmählich auf die Nerven.

Dann kam er endlich wieder. Ich hatte solange auf seinen Planwagen aufgepasst und wollte mich eigentlich nur von ihm verabschieden, aber er sagte, er habe mit dem Freiherrn vereinbart, daß ich ihm noch bei einer Sache behilflich wäre, und wir beide dann morgen gemeinsam nach Dresden fahren. Ich konnte schlechterdings nicht ablehnen, da ich nicht wusste, ob er mit Lentzen tatsächlich so verblieben war. Was denn das wäre, fragte ich. "Nur etwas abholen und aufladen, die Fracht geht ebenfalls nach Sachsen."

Im Grunde musste ich Gerstäcker für seine Dienste dankbar sein, also machte ich keine große Geschichte draus und begleitete ihn Richtung Langensalza. Dort waren die Soldaten des Königs von Hannover vor den Preußen geflüchtet, obwohl sie tapfer gekämpft hatten, am Ende musste der König einsehen, daß sie, geschwächt wie sie waren, die eroberten Stellungen nicht länger würden halten können. Weil die preußischen Truppen schon an anderem Ort dringend gebraucht wurden, verfolgten sie die Hannoveraner nur ein kleines Stück und machten dann kehrt.

Gerstäckers "Fracht" bestand aus sieben Kisten, länglich wie Särge, nur kürzer und aus einfachem Holz gefertigt, sie waren rundum fest vernagelt. Sie waren in einem alten Schuppen bei einem Gasthof am Rande eines Dorfes abgestellt, dort blieben wir bis zum nächsten Tag. Gerstäcker hatte seine beiden Pferde ausgespannt und den Wagen quer vor das Schuppentor gestellt. Trotz dieser Sicherheitsmaßnahme schaute er andauernd nach. Kurz vor Einbruch der Dämmerung sagte Gerstäcker "Sie haben mich gar nicht gefragt, was in den Kisten drin ist." Ungeachtet der Geheimnistuerei brannte er offenbar darauf, es mir zu verraten, er glaubte wohl, von mir hätte er nichts zu befürchten. "Kommen Sie mal mit, ich zeig's Ihnen", sagte er dann, und wir schlichen uns in den Schuppen.

Er hatte vom Wagen ein Stemmeisen geholt, damit lockerte er an der obersten Kiste zwei Bretter soweit, daß wir sie abheben konnten. Im Innern lagen, mit Leisten und Holzwolle gesichert, nagelneue Gewehre, deren Läufe und Kolben im matten Schwarz und Braun glänzten. "Wissen Sie, was für welche das sind?" "Nein, woher denn." Er nahm eins heraus und hielt es schräg gegens Licht, als wäre es die Lieblingsflinte Friedrichs des Großen gewesen. Aber der hatte wohl nur davon träumen können. Gerstäcker schwärmte: "Ein Wunderwerk der Waffentechnik, ein sogenanntes Zündnadelgewehr!"

Er führte mir den Mechanismus vor, er deutete auf eine Stahlspitze am hinteren Laufende, die sich um wenige Millimeter in Schießrichtung vor und zurück bewegte, "Dieses kleine Ding ersetzt alle klobigen Zündschlösser der Vergangenheit. Ich zeig's Ihnen ..." Er betätigte den kurzen Hebel, der an der Seite herausragte, "Damit wird gespannt und geladen in einem Zug ... ich lass' die Kammer jetzt leer ... schauen Sie, der Stift ist nach hinten gerutscht und da bleibt er so lange, bis ich den Abzug drücke ... Achtung ... sehen Sie genau hin! Und zack!"

Der Stift schnellte aus seiner Umfassung heraus und nach vorn. Gerstäcker spannte den Hebel erneut und drückte ab, dann wiederholte er's so schnell, daß es nur noch klack, klack, klack machte. "Überlegen Sie mal, wie lange es bisher gedauert hat, um ein Gewehr durch den Lauf zu laden, all' diese umständliche Plackerei mit Pulver und Kugel und Ladestock, und wenn's regnete, ist die Büchse meistens nicht losgegangen. Hier ist alles schön verpackt und beieinander und Sie sehen ja, wie schnell's kracht. Jeder Schuss ein Russ, jeder Stoß ein Franzos', hahaha! Oh, das war jetzt nicht gegen Sie gemünzt, Nikolai Alexandrowitsch."

Ich fragte "Und wie sieht die Munition aus?" "Jaaa", machte Gerstäcker wie ein Zauberkünstler, "das wollen Sie gern wissen. Ich zeig's Ihnen!" Er holte ein Röhrchen, grad so lang wie der kleine Finger, aus der Tasche, das aussah wie ein Stück Holunderholz, es war hinten verschlossen und vorn steckte eine Bleikugel drin. "Das ist die Patrone, sie ist gefüllt mit Schießpulver, und hier hinten, genau in der Mitte, befindet sich das Zündhütchen, sehen Sie! Das ist im Grunde nichts anderes als die Spitze bei einem Schwefelhölzchen, nur daß es sich nicht durch Reiben, sondern durch einen heftigen Schlagdruck entzündet ..." Ich sagte "Und dafür sorgt der Stahlstift." "Genau. Eigentlich eine simple Technik, man muss nur draufkommen. Ich würde es Ihnen gern einmal in natura demonstrieren, aber ich befürchte, wir würden dadurch zuviel Aufmerksamkeit erregen und das wäre mir gar nicht lieb."

"Ja, das versteh' ich. Für wen sind die Gewehre bestimmt, wenn ich fragen darf." "Ich hab' in Sachsen meine Abnehmer." Ich nickte, er sagte "Ich will bloß hoffen, daß ich sie noch rechtzeitig an den Mann bringe, bevor das Spektakel dort losgeht, aber sie sind erst heute früh hier angekommen und morgen rechne ich noch mit einer ordentlichen Ladung Munition, die muss auch mit." Ich fragte "Verdient man mit so was mehr Geld als mit der Schriftstellerei?" Gerstäcker lachte und erwiderte "Man schafft sich eine gewisse Unabhängigkeit von den Verlegern."

Später saßen wir drinnen in der Gaststube bei Bier und "Schlachteplatte". Ich fragte Gerstäcker, ob er irgendwann wieder auf die Reise gehen will. "Schwer zu sagen. Ich könnte es hier zu Hause sicher noch eine Weile aushalten, und es wird ja auch mit jedem Male anstrengender. Aber ich habe (er drückte die Hand aufs Herz) da drin so etwas, das mich immer wieder anstachelt, fortzugehen und umherzuziehen, unterm freien Himmel zu schlafen und mich mit wildfremden Menschen anzulegen, bis ich die Schnauze voll davon habe und Heimweh kriege." "Gibt es etwas, das Sie noch sehen wollen?" "Keine Ahnung, na ja, Asien würde mich schon reizen, mal einen Moschus Ochsen schießen, dieses Stinkzeug aus seinen Drüsen soll ja ein Vermögen wert sein."

Ich fragte "Warum bereisen Sie nicht unser schönes Russland? Wir haben im Osten endlose Wälder, es gibt den Amur Tiger und man kann nach Gold schürfen." "Ach", entgegnete er, "mit dem Goldschürfen habe ich nur schlechte Erfahrungen gemacht, es gibt immer zuviel Erde und Gestein und im Vergleich dazu nur ein paar winzige Körnchen Gold, die Chancen etwas zu finden, sind tausendmal kleiner, als in einer Glückslotterie den Hauptgewinn zu ziehen, aber dafür ist die Goldsucherei viel aufwändiger. Ich habe noch keinen gesehen, der beim Glücksspiel umgekommen ist, aber ich habe hunderte anständige und hoffnungsvolle Männer gesehen, die in dem Dreck, den sie aufgewühlt haben, nur ihr eigenes Grab fanden." Er trank sein Bierglas aus und bestellte ein neues.

"Waren Sie denn selbst schon mal da in Sibirien?", fragte er mich. "Bis im Ural war ich." Er sagte "Ich weiß nicht so viel über Russland, aber ich habe gehört, es ist dort zehn Monate im Jahr so kalt, daß einem der Schwanz abfriert, die Leute sind bettelarm und beten den ganzen Tag vor ihren Heiligenbildern. Gibt es da nicht auch noch Sklaverei?" "Es gab die Leibeigenschaft, aber unser Zar Alexander hat ihr ein Ende gemacht." "Einfach so? Ich habe in Amerika erlebt, wie dort der Teufel los war, als die Nordstaaten die Sklaverei abschaffen wollten, da haben sich ganze Familien drüber verfeindet und leibliche Brüder sind sich an die Gurgel gegangen." Ich sagte "In Russland ging auch nicht alles so glatt über die Bühne, weiß Gott, ich habe viel Elend gesehen, vorher und nachher ... und ich bin ..."

Auf einmal konnte ich nicht weitersprechen, weil mich die Erinnerung übermannte. Ich wurde so bleich, daß es sogar Gerstäcker auffiel, er sagte "Ist Ihnen nicht gut? Es wird doch wohl nicht von der Schlachteplatte kommen." Ich schüttelte den Kopf und machte eine unbestimmte Handbewegung, ich erholte mich langsam, und erst als ich später in der Kammer im Bett lag, hatte ich mich einigermaßen beruhigt.

Ich gestehe, daß ich mich bisher in diesem Bericht mehr oder weniger verzweifelt dagegen gesträubt habe, jenes Kapitel meiner Erlebnisse aufzuschlagen, das durch die Unterhaltung mit Friedrich Gerstäcker - freilich ohne seine Absicht - in meinem Innern angemahnt wurde, aber ich glaube, ich muss es jetzt an dieser Stelle loswerden, wenn ich es nicht noch länger vor mir herschieben soll, was noch schmerzlicher für mich wäre, als darüber zu sprechen.

Ich hatte weiter oben erwähnt, daß ich im Zuge der Aufhebung der Leibeigenschaft in meinem Vaterland als wissenschaftlicher Mitarbeiter in einer Statistischen Kommission des Innenministeriums im Gouvernement S. tätig war. Die ganze Bewegung wurde in Gang gesetzt durch einen Gesetzesbeschluss des Zaren Alexander, der unter der Bezeichnung "Manifest" in unsere Geschichte eingegangen ist. Unmittelbar danach wurden hochrangige Militärs in die Gouvernements entsandt, welche die Reformen in die Wege leiten und überwachen sollten, sie waren unmittelbar dem Zaren unterstellt und ihm rechenschaftspflichtig. Es handelte sich fast ausschließlich um Generalmajore oder Flügeladjutanten Seiner Kaiserlichen Majestät.

Im ersten Schritt mussten auf Kreis Ebene "Friedensrichter" eingesetzt werden, die bei der Schlichtung von Unstimmigkeiten zwischen den Parteien, welche in den im Manifest erlassenen Maßnahmen genannt waren, eine schiedsrichterliche Entscheidung fällen sollten. Diese Parteien waren natürlich in erster Linie die Gutsbesitzer auf der einen und die Bauern auf der andern Seite. Aber es wurde schnell klar, daß es in der Realität eine Vielzahl von Interessen und deren leibhaftige Vertreter gab, die mehr oder minder davon betroffen waren. Die Friedensrichter standen vor keiner leichten Aufgabe. Sie wurden übrigens aus dem örtlichen Land Adel berufen beziehungsweise von den Adligen aus ihrer Mitte gewählt.

Der Friedensrichter in dem Kreis, in den ich als Mitarbeiter der Statistischen Kommission geschickt wurde, war ein Mann namens Wassili Aristow, ein älterer Gutsbesitzer von niederem Adel, mit einem guten Ruf und vernünftigen, manche sagten "liberalen", Ansichten. Mein Vorgesetzter, mit dem ich von Petersburg hergekommen war, hieß Juri Antonowitsch Gobeljew, er war ein Bürokrat mit allen lobenswerten Fähigkeiten eines Bürokraten. (Er kannte den Friedensrichter nicht persönlich, wohl aber jenen Gutsbesitzer, von dem hier später noch die Rede sein wird.)

Um uns miteinander bekanntzumachen, folgten wir der Einladung Aristows auf sein Anwesen, das außerhalb des Städtchens S. gewissermaßen schon im Grünen lag. Er hatte ein schönes und sehr geschmackvoll eingerichtetes Haus. Seine Verhältnisse gestatteten es ihm, ganz von den Renditen diverser Kapitalanlagen zu leben, wie er freimütig und nicht ohne Befriedigung erklärte. Dementsprechend war er auf die Einkünfte aus seinen Gütern gar nicht angewiesen. Im Vergleich mit anderen Gutsbesitzern in dieser Gegend besaß er nur wenig Land, doch immerhin um die fünfhundert Hektar (hier wurde in Desjatinen gerechnet), von denen ein Großteil Ackerland war. Aristow fand die Reform Alexanders eine "vernünftige Sache", er selbst hatte seine Bauern schon vorzeiten in ein freies Pachtverhältnis entlassen, er hatte nie Probleme mit ihnen gehabt.

Unser erster Eindruck war, daß Aristow über die Situation der umliegenden landwirtschaftlichen Betriebe und der Besitzungen der Gutsherren ganz gut Bescheid wusste. Es gab eine Reihe großer Areale, deren Besitzer jeweils über mehrere hundert Leibeigene (zuzüglich deren Familien) verfügten. Es gab vier oder fünf Domänen beziehungsweise Kron-Domänen, also staatliche Güter, die der Domänen-Kammer unterstanden. Es gab etliche Dorfgemeinschaften in Selbstverwaltung sowie eine gewisse Anzahl von freien Bauern, die entweder vertraglich an einen Gutsherrn gebunden waren und mit ihm kooperierten, oder als sogenannte "Einhöfner" auf eigenem Grund und Boden lebten und wirtschafteten.

Wir, das heißt Gobeljew und ich, mussten dann jedoch ziemlich schnell erkennen, daß der freundliche Wassili Aristow keineswegs auch nur einen annähernd korrekten Überblick über die Lage hatte, und im weiteren Verlauf seiner Tätigkeit als Friedensrichter immer mehr von dem ungeheuren Wirrwarr und Schlamassel, das allenthalben herrschte, schier erdrückt zu werden drohte. Er hatte sich bis dahin kaum die Mühe machen müssen, herauszufinden, was bei den anderen vor sich ging, und seine Kenntnisse und sein Wissen stammten eigentlich nur aus den Zeitungen und den offiziellen Berichten der Gouvernementsverwaltung.

Mein Chef Gobeljew fand auch noch ein paar andere Dinge über ihn heraus, die sich vor unserer Ankunft abgespielt hatten. Aristow genoss zweifelsohne Ansehen bei den Vertretern seiner Klasse, aber das schützte ihn naturgemäß nicht davor, von ihnen ausgenutzt zu werden. Manche nannten ihn gutgläubig bis zur Trotteligkeit, andere witterten hinter seiner einvernehmlichen Art einen Mittler mit einer Neigung zur Bestechlichkeit (denn auch ein reicher Mann ist gierig). Tatsächlich war er nicht von allen Adligen für dieses Amt favorisiert worden und ursprünglich stand ein anderer an erster Stelle, der dann aber kurz vor seiner Ernennung wegen des Vorwurfs eines unehrenhaften Verhaltens in jüngster Vergangenheit - oder im Klartext: wegen Notzucht - einen Rückzieher machen musste.

Die Wahlleute zeigten sich unversöhnlich, die allermeisten waren auf das "Manifest" nicht gut zu sprechen, sie befürchteten enorme Nachteile für sich und ihre Zukunft. Der gravierende Eingriff war aber auch nicht mehr zu verhindern. Wenn man im weiteren Verlauf des Geschehens mitansah, wie sich der Friedensrichter Aristow abmühte, um es möglichst allen und jedem recht zu machen, dann konnte man dahinter auch das Frohlocken derer erkennen, denen dies Durcheinander und die Streitwütigkeit der Parteien gar nicht so unliebsam waren. Sie hatten sich auf Aristow geeinigt, wohl auch weil sie wussten, daß er zwar heillos überfordert sein würde, aber doch ehrgeizig und auch eitel genug, um sich nicht unterkriegen zu lassen.

Wohlgemerkt, das Amt des Friedensrichters war extra infolge des "Manifests" geschaffen worden, es war aus dem Willen des Gesetzgebers heraus, letztlich durch Verfügung des Kaisers selbst ins Leben gerufen, etwas Vergleichbares hatte es bis zu dieser Reform nicht gegeben. Alle Gesetzlichkeit lag beim Zivilgouverneur und dem Apparat zur Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung. Jetzt bekamen die Gouverneure die Friedensrichter quasi auf höchste Anweisung vor die Nase gesetzt und sie mussten sich, zumindest eine unbestimmte Zeit lang mit dieser "Paralleljustiz" abfinden, die auch schon mal als "Froschgericht" tituliert wurde, alle blasen sich auf und quaken laut herum, und wenn der Storch naht, tauchen sie schnell ab.

Auch war der Friedensrichter kein rechtmäßiger Vertreter der Adelsklasse, denn dafür gab es seit jeher den Adelsmarschall. Das war in unserem Fall Graf Pjotr Iwanowitsch Litorenko, dem wir ebenfalls einen Besuch abstatteten. Er war ein hochgewachsener Mann um die fünfzig, auch er sehr höflich und uns Fremden gegenüber scheinbar aufgeschlossen, aber er gab uns nicht die Hand, bat uns sogleich in sein Arbeitszimmer, wo er hinter seinem breiten Schreibtisch in einem prunkvollen Lehnstuhl Platz nahm und, die Arme aufgestützt, die Hände in Brusthöhe vornehm gefaltet, sich den Grund unseres Hierseins anhörte.

Wie ich später erfuhr, war Litorenko als Major aus der Armee ausgeschieden, wo er eine glänzende Laufbahn absolviert hatte. Als sein Vater, der als einer der reichsten Gutsherren nicht nur des Kreises, sondern des ganzen Gouvernements galt, ganz plötzlich verstorben war und der andere Sohn keine Lust hatte, die Wirtschaft weiterzuführen, sondern sich lieber im Ausland aufhielt, hatte Litorenko "schweren Herzens, aber aus Verpflichtung zum Eigentum", wie er stets beteuerte, den Hof übernommen. Er hatte einen ausgezeichneten Verwalter, einen Deutschen namens Altmayer, der auf einer preußischen Landwirtschaftsakademie studiert und eine Russin geheiratet hatte.

Litorenko sicherte uns seine Unterstützung bei unserer Arbeit zu, wandte aber zugleich ein, daß die Bedingungen für eine statistische Erhebung, wie wir sie planten, durchaus "erschwert" wären. Was er damit meinte, sollten wir bald erfahren. Gleichwohl gab er uns eine Liste der adligen Gutsbesitzer, die in seinem Kreis ansässig waren. Er stellte uns auch eine Kutsche mit Fahrer zur Verfügung und zuletzt lud er uns zu einem Musikalienabend bei dem befreundeten Grafen Naryschkin ein, bei dem die berühmte Sopranistin Madame Montigny einige Proben ihrer Sangeskunst zum Besten geben werde. Zudem könnten wir dort weitere Kontakte knüpfen.

Mein Chef Gobeljew war höchst zufrieden mit dem Besuch. Beiläufig verriet er mir, daß er den besagten Grafen Jefim Nikolajewitsch Naryschkin "von früher her" kenne, äußerte sich aber nicht weiter über ihn. Wenn ich gewusst hätte, was mir mit diesem Mann widerfahren sollte, wäre ich auf der Stelle abgereist. Aber niemand kann seine eigene Zukunft voraussehen, und wie man weiß, erfüllt sich eine Prophezeiung, der man mit allen Kräften aus dem Wege gehen will, nur umso unerbittlicher.

Nach der Beschlussfassung des Manifests sandte Seine Kaiserliche Majestät Kuriere mit dessen Abdruck in alle Gouvernements und deren Regionen, um die Neuerungen zu verbreiten. Da drei Viertel der bäuerlichen Bevölkerung nicht lesen und schreiben konnten, musste das Manifest in seinem Wortlaut öffentlich zu Gehör gebracht werden. Welche Gelegenheit wäre dafür besser geeignet gewesen, als die Versammlung der Gemeinde beim Gottesdienst!

Zuerst wurde die Verlesung des Kaiserlichen Manifests vom Heiligen Synod für einen bestimmten Tag anberaumt, an welchem der Bischof höchstpersönlich in der Peter und Paul Kirche von S. und in Anwesenheit der Ikone der Muttergottes, welche extra an diesem Tag aus dem Kloster der Heiligen Dreifaltigkeit übergeführt worden war, alle Anwesenden davon unterrichtete. Dazu muss gesagt werden, daß der Titel des Manifests strenggenommen "Verordnung über die Bauern, die aus der Leibeigenschaft entlassen werden" lautete, es aber noch vor der Verlesung gerüchtweise als "Freiheitsbrief" die Runde machte, als "allerhöchster Befehl des Zaren, den Bauern ihre Freiheit zu schenken". Dementsprechend lautete der Aufruf vielerorts: "Brüder! Versammelt euch in der Kirche, dort wird euch die Freiheit verkündet werden!"

Die Leute strömten zuhauf in das Gotteshaus, es war ein feierlicher Moment, als der Bischof das Dokument verlas wie einen Sendbrief des Apostels Paulus an die Korinther. Alle priesen den Herrn, der sich ihrer erbarmt, und Seine Majestät, den Zaren, der diese Barmherzigkeit stellvertretend verwirklicht hatte. Nach dem Ende der Zeremonie fanden überall spontane Freudenfeste statt, bei denen, ebenso wie in den Kneipen, reichlich dem Rjabinowka zugesprochen wurde, einem Schnaps aus Ebereschen Beeren, der hierorts eine Spezialität war. (Ich muss gestehen, das Zeug war süffig!) Dann gingen die Bauern heim und schliefen ihren Rausch aus, in der frohen Gewissheit, ihre Freiheit erlangt zu haben.

Der Empfang beim Adelsmarschall, oder bessergesagt bei seinem Bekannten, Graf Naryschkin, war durchaus lohnenswert. Naryschkins Gut lag eine halbe Stunde Wegs außerhalb von S., schon von weitem konnte man die zahlreichen, hübschen Häuschen, die sich um das Hauptgebäude scharten, bewundern, wie sie mit ihren hellgetünchten Fassaden und den roten und blauen Fensterläden im Sonnenlicht strahlten, selbst die Schindeldächer glänzten. Vor dem Haupthaus war eine breite, gelinde Auffahrt, und der Eingang war von je zwei ionischen Säulen aus Marmor flankiert.

Die Innenräume waren mit ausgesuchten Möbeln, Teppichen, Gemälden, Vasen und anderen wertvollen Gegenständen geschmückt, die ganze Einrichtung war, wie der Graf hernach bemerkte, das Werk seiner werten Gemahlin Julia Sergejewna, welche sich allerdings wegen eines Migräneanfalls entschuldigen ließ. Dafür huschten, vielleicht um ihr dann Kunde zu bringen, die beiden Kinder Fjodor und Anna, etwa acht und zehn Jahre alt, ausgelassen durch die Manege, bis der Hausherr sie stoppte, zur Umsicht ermahnte und sie seinen Gästen, die dabeistanden, vorstellte. Sie waren außerordentlich hübsch, und der Tochter sah man an, daß sie auch schnippisch sein konnte, während der Junge einen etwas verträumten Ausdruck hatte; sie waren zum Berühren schön.

Was man von Naryschkin selbst nicht unbedingt sagen konnte. Er war geradeso von mittlerer Größe, mit Beinen, die spitz wie zwei Zuckertüten zuliefen und auf denen ein runder, dicker Bauch lastete, über dem, von einem speckigen Halswulst unterfüttert, ein merkwürdig emporgezogener Kopf saß, mit scheußlich aufgeplusterten, strohgelben Haaren und einen hochroten Gesicht, das jedoch, wie ich später fast erschrocken feststellen musste, ebensogut eine aschfahle Grauheit annehmen konnte, und das jetzt wahrscheinlich nur deshalb so glühte, weil Naryschkin schon ordentlich getrunken hatte.

Seine Augen waren klein und hingen ihm wie Murmeln im Kopf, man möge mir verzeihen, wenn ich sage, daß sie wie Schweinsäuglein aussahen, und auch sein Blick hatte etwas Fresslustiges und zugleich Grobes an sich. Dabei gab er sich alle Mühe, nett, ja unterhaltsam zu sein, und seine Rede sprudelte nur so vor eingestreuten geistreichen Bonmots und lustigen Anspielungen - vielleicht wusste er selbst, daß er sein wenig verlockendes Äußeres nur durch eine bemerkenswerte Unterhaltsamkeit wettmachen konnte, und darin hatte er es durchaus zu reifer Leistung gebracht.

Er führte eine Gruppe (der ich mich anschloss) in die oberste Etage, wo man vom Balkon aus einen herrlichen Blick auf die Landschaft hinter seinem Gutshaus hatte, über Felder und Wälder hinweg bis zu einer sanften bläulichschimmernden Hügelkette am Horizont, welche das erhöhte Ufer war, das den Fluss säumte. Ich fragte ihn, wie lange man bis dorthin braucht, und er erwiderte, zu Pferde zwei Stunden und fügte hinzu "Wenn Sie der städtischen Enge leid sind, Nikolai Alexandrowitsch, können Sie uns einmal dorthin begleiten", und ich sagte, daß ich das sehr gern tun werde.

Als ich dann unten bei der Gesellschaft weilte und an meinem Weinglas nippte, kam Fjodor zu mir, zupfte mich am Ärmel und fragte mich mit sehr sympathischer Stimme "Wohin gehen Sie?" Ich wusste nicht, was er meinte und antwortete "Nirgendwo hin." "Aber Sie sind doch nicht von hier." "Wer hat dir das gesagt?" "Niemand. Das sieht man." "Ach ja? Woran, wenn ich fragen darf?"

Da kam seine Schwester dazu, sie tat so, als suchte sie ihn. "Feduschka! Wo steckst du denn nur!" "Ich bin hier, ich hab' dir doch gesagt, ich frag' ihn." "Belästigt er Sie?", wandte sich Anna an mich. "Nein gar nicht, ich wollte gerade von ihm erfahren, woran man sieht, daß ich nicht von hier bin." "Ach", winkte Anna ab, "das denkt er sich bloß wieder aus, er hat so eine sprühende Phantasie, schon manchmal beängstigend", sagte sie und es klang sehr erzieherisch. "Ach ja?", beschwerte sich ihr Brüderchen, "Aber wenn ich dir Märchen erzählen soll, dann bist du ganz Ohr!" (Was für Formulierungen diese Kinder gebrauchten!)

"Hat Sie mein Vater eingeladen?" "Ja." "Warum?" "Warum fragst du ihn nicht selbst?" "Solche Dinge gehen mich nichts an, heißt es dann bloß. Ist es denn ein Geheimnis, daß Sie's mir nicht sagen wollen?" "Uns!", verlangte Fjodor. "Ach, keineswegs. Ich bin Mitarbeiter einer statistischen Kommission, die hier bestimmte Erhebungen durchführt." Sie sahen mich beide an, als würden sie überlegen, ob sie sich lieber vor mir in Sicherheit bringen sollten. "Sind Sie bewaffnet?", fragte Fjodor im Gendarmenton. "Was? Nein!" Anna sagte "Er fragt das nur, weil sich das ziemlich dubios anhörte, was Sie da grade gesagt haben." "Ja, aber es ist eigentlich ganz einfach, ich führe Strichlisten." "Über was?" "Zum Beispiel darüber, wie viele Bauern und Hofsleute auf einem Gut hier in der Gegend leben."

"Und das machen Sie von einem Hügel aus?" "Bitte?" "Sie sprachen von einer Erhebung." "Nein. Das Wort Erhebung hat in diesem Zusammenhang einen ganz andern Sinn, es bedeutet hier soviel wie 'Untersuchung'." "Dann ist es ein Synonym", stellte Fjodor fest, aber Anna verbesserte ihn "Ein Homonym." "Meine Güte, seid ihr gebildet! Wer hat euch das beigebracht?" "Nikita Timofejewitsch, unser Hauslehrer. Er ist schlau wie ein Fuchs." "Und weise wie eine Eule", ergänzte Fjodor. "Aha, also wie in der Fabel vom Fuchs und der Eule." "Was für eine Fabel soll das sein? Wir kennen sie nicht", sagte Fjodor und Anna erklärte "Eine solche Fabel ergibt gar keinen Sinn, denn in allen Fabeln treten gewöhnlich Tiere auf, die ganz verschiedene, ja gegensätzliche Eigenschaften besitzen, Schlauheit und Weisheit sind vielmehr eng verwandt."

"Ja, du hast recht, ich wollte euch bloß auf die Probe stellen", dann fragte ich schnell "ist Nikita Timofejewitsch auch hier?" "Er ist oben bei Mama." "Aha", murmelte ich und wollte mich damit zufriedengeben, doch Fjodor sagte "Er liest ihr vor", und entgegen meiner Erwartung fiel Anna ihrem Bruder nicht ins Wort, sondern fügte hinzu "Er schreibt auch Gedichte." "Mama gefallen sie sehr. Gestern hat er ein Gedicht über den Martin geschrieben." "Ist das ein Verwandter von euch?" Sie mussten beide sehr lachen, dann sagte Anna "So nennt man hier den Eisvogel." Fjodor sagte "Bei Baradnikow am Teich lebt einer, er ist wunderschön." "Wie lang ist Ihre Strichliste schon?", fragte Anna. "Ich habe gerade erst angefangen mit meiner Arbeit." "Dann bleiben Sie noch länger hier?", fragte Fjodor. "Ja, so lange, wie das erforderlich ist." "Hat das auch was mit Mathematik zu tun?", fragte sie und ich bejahte es.

Sie ging nicht näher darauf ein und fragte "Will Papa Sie nochmal einladen?" "Er hat mir angeboten, einen Ausflug an den Fluss mitzumachen." "Wann?" "Ich weiß nicht genau." "Wann hätten Sie denn Zeit?", fragte sie, als würde sie plötzlich für ihren Vater die Termine machen. "Oh, das ist mir eigentlich jederzeit recht, ich meine, es ist vielleicht eher eine Frage des Wetters, ich habe gehört, manchmal regnet es hier stundenlang." "Ja, tagelang. Manchmal ist es hier zum Gähnen langweilig", sagte sie gedehnt und streckte sich dabei wie nach einem vierundzwanzigstündigen Tiefschlaf, man konnte die Andeutungen ihrer Brüste unter dem Kleid erkennen.

Dann boxte sie ihren Bruder übermütig in die Seite und rief "Komm' Fedja, wir müssen noch was Wichtiges erledigen!" "Was denn?" Sie legte den Finger an die Lippen. "Pssst! Du weißt schon!" Sie nahm ihn an die Hand und zog ihn mit fort, schließlich drehte sie sich nochmal um und winkte mir kurz zu.

Mein Quartier in S. war ein Zimmer in ersten Stock eines Hauses, das der Witwe eines Fabrikdirektors gehörte. (Mein Chef Juri Antonowitsch wohnte ein paar Straßen entfernt, seine Unterkunft war komfortabler, aber ich war ganz zufrieden.) Meine Wirtin war sehr zuvorkommend und versorgte mich gut. Zum Mittag gab es eine warme Mahlzeit, die aus einem Restaurant kam, es war Kalb- oder Rindfleisch, Hackfleischauflauf mit Pilzen, Rinderbraten nach Husarenart (mit Roggenteig), manchmal eine Suppe aus den "Resten", die aber vorzüglich war, eine Okroschka mit Fleisch, eine Hühnersuppe mit Blumenkohl und dergleichen. Es gab Fischfrikadellen oder Barschfilet, dann wieder eine gedünstete Hasenkeule oder Piroggen mit Weißkohl und allerlei raffinierten Füllungen. Die Speisen kamen in Schüsseln bei der Wirtin an und sie kredenzte sie mir auf einem hübschen Geschirr aus Porzellan oder auf großen Steinguttellern. Es machte ihr offensichtlich Freude, mich gesättigt zu sehen.

Da wir meistens den ganzen Tag unterwegs waren, wurde das Essen auf den Abend verlegt. Ich bin es jedoch seit meiner Kindheit nicht gewohnt, mir abends den Bauch vollzuschlagen, deshalb einigten wir uns schließlich darauf, zum Frühstück eine ordentliche Portion zu verdrücken (sie hielt über Nacht alles frisch) und sie gab mir dann noch einen reichlichen Proviant mit, von dem selbst mein Chef unterwegs zehrte. Das ersparte uns oft unnötigen Zeitverlust in den Dorfkneipen.

Und so entwickelten sich die Vorgänge weiter: Nach der Verlesung des Manifests und den Jubelfeiern zur Befreiung der Bauern musste die Verordnung auf den Gutshöfen umgesetzt werden. Das geschah in den Dorfgemeinschaften und zum Teil auch auf den Höfen selbst. Die Kreisverwaltung hatte uns einen Isprawnik, einen Polizeichef des Landkreises zugeteilt, er hieß Oleg Jefimowitsch Krusow.

Seine erste Amtshandlung war, daß er sich bei einem Schneider in S. eine neue Uniform anfertigen ließ, die Rechnung dafür landete bei meinem Chef Gobeljew auf dem Tisch. Der sagte, dafür wären unsere Mittel nicht vorgesehen und außerdem wäre seines Wissens kein ziviler Schneider befugt, eine Militär- oder Polizeiuniform anzufertigen. "Der schon", entgegnete Krusow und es sei alles mit seinem "übergeordneten" Vorgesetzten von der Gendarmerie in M. (das war die Gouvernementshauptstadt) abgeklärt. Im übrigen habe der Schneider schon öfter solche Aufträge ausgeführt. Es hätte uns viel Zeit und Mühe gekostet, seine Begründungen nachzuprüfen und wir wollten unsere Arbeit nicht weiter verzögern, zumal unsere Leute im Ministerium erste Berichte erwarteten.

Die Uniform war tatsächlich hervorragend "nachgebildet" und Krusow fühlte sich wie der Hauptmann von Kapernaum, er dankte uns vielmals und seine Frau und seine vier Kinder verabschiedeten ihn bei unserer Fahrt in das erste Dorf, als ginge er auf große Reise, dabei war er am Abend zurück. Ich muss zugeben, daß es hauptsächlich seine Uniform war, die bei den Bauern für Autoriät sorgte, denn was Krusow selbst anbelangte, so hatte er weder von dem Manifest selbst noch von seiner Durchführung auch nur die geringste Ahnung.

Immerhin hatte er einen mächtigen Stapel der betreffenden Druckausgaben dabei, die man ihm von höherer Stelle mitgegeben hatte, um die Verordnungen Seiner Kaiserlichen Majestät in unserm Kreis unverzüglich rechtskräftig werden zu lassen. Und er kannte das Gebiet wie seine Westentasche, was für uns natürlich von großem Vorteil war. Er kannte auch die meisten der Gutsbesitzer, wenigstens vom Namen her, bei manchen war er so gut informiert, daß er uns die Angaben, die wir benötigten, schon vorher gab. Er wollte uns damit die Arbeit erleichtern, aber wir durften uns natürlich nicht darauf verlassen und mussten uns dennoch mit eigenen Augen von den tatsächlichen Verhältnissen überzeugen.

Im ersten Dorf lief alles ganz glatt, im zweiten gab es einige kleinere Probleme, die rasch geklärt werden konnten. Im dritten Dorf fing dann alles an. Als Krusow, im Beisein des Dorfvorstehers, vor den versammelten Bauern das Manifest verlesen hatte, schaute er bloß in lange Gesichter. Einige waren in der Peter und Paul Kirche dabeigewesen, als der Bischof die "Befreiung" der Bauern verkündete, die soviel Freude unter ihnen ausgelöst hatte, daß sich viele weinend in die Arme fielen. Aber wie man jetzt sah, hatten sie in Wahrheit kein Wort davon begriffen. Andererseits schien ihnen, daß der Krusow'sche Vortrag nicht im mindesten mit dem übereinstimmte, was der Bischof von sich gegeben hatte. "Das ist exakt dasselbe Manifest des Zaren!", versicherte er.

"Aber wo ist da von der Freiheit die Rede, die uns geschenkt wurde!", entgegneten die Bauern. Und in der Tat, von "Befreiung" stand da nichts. Der entscheidende Satz lautete: "Kraft der bezeichneten neuen Verordnungen werden die Leibeigenen ihrer Zeit die vollen Rechte freier Landbewohner erhalten." Krusow wollte alles ein zweites Mal vorlesen, aber die Bauern riefen "Wozu! Wir sind nicht schwerhörig." "Ja, dann! Gehet hin und befolget das Gesetz!", sagte er mit der Geste eines weisen Richters - nur seine geschniegelte neue Uniform machte, daß sie sich murrend trollten.

Wir fuhren zu einigen Gutsbesitzern, sie standen der ganzen Sache eher verhalten gegenüber, ja, manchen konnte man sogar so etwas wie Schadenfreude anmerken. Sie waren bereit, uns die geforderten Angaben zu liefern, die im wesentlichen aus der Anzahl ihrer "Revisionsseelen" bestanden, also den Leibeigenen, die kopfsteuerpflichtig waren. Aber sie ließen sich natürlich nicht in ihre Unterlagen schauen, so sie überhaupt welche hatten. Sie wussten wohl, daß sie sich nicht gegen die Verordnung stemmen konnten, aber sie waren der Ansicht (und das nicht ganz zu unrecht), daß nirgends geschrieben stand, die Gutsbesitzer müssten für deren Umsetzung sorgen. Den Teufel mussten sie tun! Und wenn dabei alles beim Alten bliebe, man konnte sie nicht zwingen, etwas zu unternehmen.

Wir berieten uns lange mit dem Dorfvorsteher, der ein verständiger Mann war. Er sagte uns, dort und dort sei es in ähnlichen Situationen schon zu Tumulten unter den Bauern gekommen, ja, er wüsste von einem Fall, wo Soldaten des Nisowski Bataillons zu Hilfe gerufen wurden, um gegen die aufgebrachte Menge vorzugehen. "Aber wie kann das sein?", entsetzte sich Krusow, der immer noch glaubte, er habe die alleinige Vollmacht bei dieser Maßnahme inne, "Warum wehren sich die Dummköpfe dagegen, daß sie die Freiheit erlangen sollen!" "Weil es darum gar nicht geht", erwiderte der Dorfvorsteher, "hast du dir das Manifest vorher mal richtig durchgelesen?" Krusow dachte, dies wäre eine Kritik an seinem Vortrag und hielt dagegen "Ich habe mich nicht ein einziges Mal versprochen! Ich habe besonders die Stelle sehr schön betont, wo Unsere Kaiserliche Majestät den Apostel zitiert: 'Jedermann sei Untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat!' Römer dreizehn, Vers eins."

Mein Chef Gobeljew meinte "Demnach haben die dort das Manifest auch schon erhalten." "Ja, natürlich. Sonst würde es ja bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag dauern, bis alle davon erfahren haben." "Und wer propagiert es da?", fragte ich. "Jeder, der es laut vorlesen kann ... und vielleicht auch noch mit Betonung", sagte der Dorfvorsteher mit einem Seitenblick auf Krusow, "aber das ist mancherorts auch das Problem. Es sind die jungen, schlauen Burschen, die längst mitgekriegt haben, wohin der Hase läuft, die sich jetzt plötzlich zu Fürsprechern der Bauern aufschwingen." "Du meinst Advokaten."

"Nein, ja, da sind sicher auch solche drunter. Es sind vielmehr die Söhne von Leibeigenen selbst, die sich zu Wortführern ihrer Generation machen, sie wittern Morgenluft, versteht ihr! Der allerwichtigste Punkt in dem Manifest ist doch der, wo es heißt - er nahm Krusow das Dokument aus der Hand, suchte und fand die Stelle - daß 'der Adel durch seine mit dem Vertrauen der ganzen Corporation jedes Gouvernements betrauten Glieder dem Rechte an der Person der Leibeigenen freiwillig entsagt'! Was heißt das im Klartext?", fragte er und schaute uns dabei an. Krusow mühte sich um eine Deutung. "Nun ja, das heißt, daß die Gutsbesitzer ... aber was ist mit 'Corporation' gemeint, ich bin mit diesem Wort nicht ganz vertraut! Erklär' es uns, Väterchen."

"Wenn ihr unter dem Leibeigenen den einzelnen Menschen versteht ... also um in der Sprache der gelehrten Herren zu reden: das einzelne Individuum, dann bedeutet dies, daß der Leibeigene fortan nicht mehr Eigentum des Gutsbesitzers ist und er demzufolge nicht mehr über ihn bestimmen darf. In diesem Sinne ist er ein freier Mensch geworden und das Manifest garantiert ihm sozusagen seine persönliche Freiheit mit all' ihren Konsequenzen, die sich daraus ergeben." "Hm", machte Krusow, "ja, wenn man es so liest, dann wird es einem auch klar."

Der Dorfvorsteher fuhr fort "Die jungen Burschen haben das schnell begriffen, sie sehen ihre Chance, nicht nur der Leibeigenschaft zu entkommen, sondern sich vollkommen aus der Abhängigkeit von ihren Vätern zu befreien, keiner muss ihnen mehr Gehorsam leisten." "Ja, aber du willst doch nicht sagen, daß alle Bauernsöhne ein schlechtes Verhältnis zu ihren Vätern haben und nur darauf sinnen, von zu Hause fortzulaufen!", wandte Krusow ein. "Nicht alle, aber sehr viele. Schau' dir doch ihre Lage an, Oleg Jefimowitsch! Und versetz' dich in die Verfassung so eines jungen Burschen, der vor Unternehmungslust nur so strotzt, der einen Haufen Flausen im Kopf hat und jede Nacht davon träumt, was er mit sich und seinem Leben anfangen könnte - wenn er nur nicht hier wäre und jeden verfluchten Tag hinter dem alten Ochsen mit dem Pflug über den Acker stolpern müsste."

"Na, jetzt redest du aber schlecht über dein eigenes Nest!" Der Dorfvorsteher winkte ab. "Ach, hör' doch auf! Ich bin ein alter Mann, mich bringt hier nichts mehr weg. Aber wenn ich nochmal jung wäre, würde ich bei der erstbesten Gelegenheit mein Ränzlein packen und mich davonmachen, mir eine Arbeit in der Stadt, in einer Fabrik oder in einem Staatsbetrieb suchen oder gar studieren, wenn's mir gefällt. Ich würde das Leben genießen, wie es einem jungen, unschuldigen Menschen zusteht!"

Die Worte des Dorfvorstehers hatten uns zu denken gegeben, nicht so sehr wegen seiner Anschauungen über das Bauerndasein, das für viele junge Leute möglicherweise enttäuschend sein mochte, sondern wegen der Verwirklichung der Beschlüsse Seiner Kaiserlichen Majestät, die sich offenkundig sehr viel schwieriger gestalteten, als man das in der ersten Euphorie über die neuen Zukunftsaussichten gedacht hatte. Vielleicht hatte uns schon der Adelsmarschall Litorenko darauf hinweisen wollen, als er von "erschwerten" Bedingungen für unsere Arbeit sprach. Wir beschlossen, uns noch einmal mit ihm in Verbindung zu setzen.

Litorenko empfing uns wie beim ersten Mal, aber er schien zu wissen oder wenigstens zu ahnen, welche Erfahrung wir in der Zwischenzeit gemacht hatten. Er räumte ein, daß manche Formulierungen des Manifests "nicht ganz leicht nachvollziehbar" seien, es aber insgesamt von der "Weitsicht und grenzenlosen Güte" Seiner Majestät zeuge. Ja, er habe diesen Passus von der freiwilligen Entsagung der Rechte an den Leibeigenen auch mehrmals gelesen und sich auf der Zunge zergehen lassen und darin gewissermaßen den "kategorischen Imperativ" dieser ganzen Verordnung erkannt. Auch spreche der Zar ganz eindeutig von dem Vertrauen, das in den Adel gesetzt worden sei und daß sich - so wörtlich - dieses Vertrauen gerechtfertigt habe.

"Dies kann keinesfalls als eine Schmeichelei missgedeutet werden", sagte Litorenko in seinem Lehnstuhl sitzend, die die Arme aufgestützt, die Fingerspitzen vornehm aneinandergelegt, "Seine Majestät bescheinigt uns, daß wir mit dieser Zusage unsern Teil der Verpflichtung vorgeschossen haben. Glauben Sie nicht, meine Herren, daß uns diese folgenreiche Entscheidung leichtgefallen ist", sagte er, als wäre er an der Ausarbeitung des Manifests selbst beteiligt gewesen, "nun ist es an den Bauern, ihren Leistungen aus der Vereinbarung nachzukommen. Ich gestehe zu, daß es dafür nötig ist, sie zuerst darüber aufzuklären, doch das ist nicht unsere Aufgabe."

Damit wiederholte er im Grunde nur die Ansicht der Gutsbesitzer, mit denen wir gesprochen hatten, und ich äußerte dann Gobeljew gegenüber die Vermutung, daß sie sich längst untereinander auf diesen Standpunkt verständigt hatten. In der Präambel des Manifests war ausdrücklich festgestellt, daß "die Rechte der Gutsherren bisher eine weite Ausdehnung hatten und nicht gesetzlich genau normiert waren" - mit anderen Worten: es gab überhaupt keine festen Bestimmungen über die Art und Beschaffenheit der Leibeigenschaft, die sich im Laufe der letzten zweihundert Jahre seit Peter dem Großen zu dem eigentümlichen Konstrukt mit all' seinen Abarten und Besonderheiten entwickelt hatte, wie es jetzt landauf, landab anzutreffen war. Und ein paar Sätze weiter wurde den Gutsherren ausdrücklich zugesichert, daß sie "das Eigentumsrecht an allen ihnen gehörenden Ländereien behalten"!

Litorenko sagte "Sie werden vielleicht auf den Gedanken kommen, meine Herren, wir befänden uns in einem Dilemma, denn das Manifest entlässt die Leibeigenen in ihre Existenz als freie - und auch persönlich freie - Landbewohner, Landbewohner wohlgemerkt, nicht bloß Landarbeiter! Doch es enthält sich zugleich jeder Vorschrift, wie der Gutsbesitzer künftig gegenüber diesem Landbewohner gestellt sei, außer einer, gewiss bedeutsamen, Bestimmung, daß nämlich der Gutsherr von seiner Verpflichtung entbunden wird, fürderhin für das leibliche Wohl und das Auskommen des Bauern zu sorgen. Vielleicht ist das bei den Bauern noch nicht so richtig angekommen und man sollte ihnen schleunigst klarmachen, worin genau ihre neuen Rechte eigentlich bestehen. Ich weiß", fügte er hinzu, "das ist auch ebensowenig Ihre Aufgabe. Aber ich befürchte, Ihre Arbeit wird recht mühsam werden, da sich die Verhältnisse vielerorts in Umwälzung befinden."

Mein Chef Gobeljew wollte sich davon nicht einschüchtern lassen. Litorenko überließ uns weiterhin das Fahrzeug mit Kutscher, und auch der Isprawnik Oleg Jefimowitsch begleitete uns und tat sein Bestes, um uns die Arbeit zu erleichtern. Aber er verschwand auch öfter mal in der Dorfkneipe, um mit den Leuten (er kannte überall jemanden) ein Schwätzchen zu halten und ein Gläschen auf das Wohl des Zaren zu leeren.

In den Dörfern stieß man jetzt allenthalben auf eine geradezu bizarre Situation. Man warf der Gouvernementsregierung und den örtlichen Verwaltungen vor, das Manifest in einem für die Bauern nachteiligen, schädlichen Sinn auszulegen, man sprach gar von Fälschungen des ursprünglichen, echten Manifests. "Das ist natürlich völliger Humbug", hatte Litorenko gesagt, "der Bauer macht sich die Welt immer so zurecht, wie er sie versteht." Gleichzeitig beriefen sich die Bauern auf den Zaren als ihren Wohltäter und Befreier. (Denn ihre "Freiheit" war ihnen nicht mehr zu nehmen.) Bei einer sehr brutalen Auseinandersetzung zwischen Dorfleuten und dem Militär, das zu einer Strafexpedition ausgerückt war, verteidigten sich die Bauern mit Rufen wie: "Wir geben nicht nach! Wir behalten unsere Freiheit! Wir sterben für Gott und den Zaren!"

Trotz aller Widrigkeiten gelang es uns, ungefähr ein Dutzend aussagekräftige Berichte, genauergesagt Listen zu erstellen, die Gobeljew ins Ministerium nach Petersburg schicken konnte. Es waren nicht nur Strichlisten (wie ich das den Naryschkin Kindern erklärt hatte), es waren auch jede Menge aufschlussreiche Zahlen, Daten und Diagramme angefügt, die ich durch bestimmte Rechenmethoden aus dem zusammengetragenen Material ermittelt und abgeleitet hatte. Ich war, was den Umfang und die Auswertung betraf, mit dem Resultat meiner Arbeit durchaus zufrieden.

Dann bekamen wir die Einladung zu dem Ausflug, den Jefim Nikolajewitsch Naryschkin vorgeschlagen hatte. Es war ein herrlicher Junitag, die Sonne strahlte vom Himmel, ein paar flauschige Wölkchen zogen vorüber, die Lerchen tirilierten aufgeregt hoch über den Feldern, und auf den Wiesen sammelten die Bienen fleißig Nektar von abertausend Blüten, es war ein rechte Idylle.

Naryschkins Hofgesinde hatte alles vorbereitet, ein ganzer Wagen war vollbeladen mit Proviant, leckere kalte Speisen, gefüllte Teigtaschen, hartgekochte Eier, eingelegtes Gemüse und süßsaure Pilze, Brot, Kuchen, Obst, Saft, einige Flaschen abgelagerter Fruchtwein von exzellentem Geschmack, und allerhand mehr, alles in riesigen Weidenkörben verstaut und mit bunten Leinentüchern abgedeckt. An Geschirr, Gläser und Besteck war gedacht, ein Wasserfass und Feuerholz waren dabei und sogar ein paar Liegestühle samt Sonnenschirm, um sich zwischendurch auszuruhen. Neben dem Kutscher saß Ljudmila, die treue Magd der Naryschkins, und hinten auf dem Wagen behielt Warwara, das Kindermädchen, alles im Auge, sie war selbst noch ganz jung.

Pjotr Iwanowitsch Litorenko, der Adelsmarschall, war mit von der Partie, in Begleitung seiner Gemahlin, Natalja Dawidowna, die auf einem Herrensattel auf einer kraftvollen weißen Stute saß. Naryschkin hatte Gobeljew und mich freundlicherweise mit zwei Pferden versorgt, die wunderbar leicht zu führen waren (wir hatten übrigens zur Verpflegung der Gesellschaft auch eine Kleinigkeit beigesteuert und ein Präsent für die Dame des Hauses mitgebracht).

Der Friedensrichter Wassili Aristow war dabei, er fuhr in einem leichten Wagen mit einem flotten Pferdchen. Neben ihm saß ein Mann namens Andrej Tschistjakow, ein Journalist, der für diverse Zeitungen und für die Gubernskije Wedmosti, die Gouvernements Nachrichten, schrieb. Der gute Aristow war ein aufmerksamer Zeitungsleser, und als er qua seines Amtes mit all' den diffizilen Fragen bezüglich des Manifests konfrontiert wurde, war er auf die Idee gekommen, sich Tschistjakow als eine Art Berater an die Seite zu holen.

Tschistjakow hatte, obwohl selbst vielleicht gerade Mitte dreißig, seinen Sohn Anatol dabei, einen halbwüchsigen, ein wenig schlacksigen Knaben mit einem blonden Wuschelkopf und blauen Augen. Er war anfangs sehr wortkarg und es behagte ihm offensichtlich gar nicht, daß er zusammen mit den zwei Naryschkin Kindern hinten auf Aristows Fahrzeug untergebracht wurde. Er nahm auch von der hübschen Anna keine Notiz, was ihr sehr missfiel, sie ignorierte ihn dann ebenfalls, aber im Laufe des Nachmittags kamen sie dann doch noch gut miteinander aus.

Naryschkins Verwalter hieß Pawel Kusnezow, er war ein Bauernsohn, einer von der unverwüstlichen Sorte, er war groß und kräftig, er war mit allen Wassern gewaschen, und ich wunderte mich später gar nicht über das, was ich über ihn erfuhr. Er konnte die Balalaika spielen, aber er konnte auch einem Kalb den Hals umdrehen. Er konnte sehr freundlich tun, aber er war nicht darauf erpicht, mit irgendwem Bekanntschaft zu schließen, für ihn zählte nur seine Familie und der eigene Vorteil.

Hinter dem Verwalter ritten der Major Talberg und eine junge Frau, die als Maria Michailowna Jelnek vorgestellt wurde und die keiner der anderen vorher hier gesehen hatte. Sie war mit dem Major gekommen, stammte aus Petersburg und war sehr aufgeweckt, um nicht zu sagen quirlig. Sie war froh, von ihrem "Gaul" herunter zu kommen, um dann den Major zu irgendeinem Kunststückchen zu überreden oder ihn für eine mutige Tat einzuspannen, dem sich der tapfere (und sehr galante) Talberg schlechterdings nicht widersetzen konnte. Maria Michailowna hatte von den Damen zweifellos die schönste Garderobe und ein über alle Maßen strahlendes Lächeln, daß einem von dem Anblick schwindlig werden konnte.

Ich vergaß zu erwähnen, daß Nikita Timofejewitsch, der Hauslehrer, bei Warwara auf dem Fourage Wagen saß. Und Naryschkins Gemahlin Julia Sergejewna hatte sich zu dem Ehepaar Litorenko gesellt. Sie ritt auf einem edlen, braunen Wallach, sie war ganz in Weiß gekleidet, mit einem großen, weißen Hut auf ihrem dunklen, fülligen Haar und mit eleganten, weißen Lederhandschuhen, die sich um ihre Handgelenke wie schalenförmige Blütenkelche öffneten. Ich hatte bei der Begrüßung ein paar Worte mit ihr gewechselt, ich hatte sie mir (wahrscheinlich wegen ihrer Migräne beim ersten Mal) ganz anders vorgestellt und war vor Verblüffung augenblicklich so verlegen geworden, daß ich kaum etwas sagen konnte. Dabei hätte ich doch ahnen können, daß die Kinder ihr anmutiges Äußeres wenn offensichtlich nicht dem Vater, so der Mutter zu verdanken hatten!

Ich habe in meinem Leben schon viele schöne Frauen gesehen und ich war immer wieder davon überwältigt (und auch ein bisschen darüber erstaunt), mit welcher verschwenderischen Freigebigkeit, ja gleichsam mit welcher Unbändigkeit, Mutter Natur ihren weiblichen Geschöpfe auf Erden solche überirdische Grazie verleiht, und wie sie dauernd noch etwas Neues und Anderes hervorzaubert, wie um sich selbst immer wieder zu übertreffen, wie um stets und ständig den höchsten Preis für das vollkommenste Werk zu erringen, wo sie doch im Grunde der entschiedenste Künstler und der schärfste Kritiker in einem ist. Als wäre sie selbst davon getrieben, allem Unvergleichen ein weiteres Unvergleichliches hinzuzufügen wie zu einem Alphabet, bei dem es keinen letzten Buchstaben gibt und aus dem man immerfort neue, bisher unbekannte Wörter bilden kann.

Man braucht bloß einmal den Newski Prospekt hinauf und wieder hinunter zu flanieren, um einige der schönsten Frauen auf der Welt zu sehen, und man kann dies beliebig oft wiederholen und wird feststellen, daß immer andere darunter sind, die man vorher nie erblickt hat. Und das hält offenbar an für alle Zeiten und wahrscheinlich bis in alle Ewigkeit, solange Menschen beiderlei Geschlechts auf Erden leben. Und man könnte sich fragen, woher sie kommen und wohin sie gehen, aber meistens verstummt jeder Gedanke daran und man versinkt bloß in stille Bewunderung (und manchmal auch in Resignation) angesichts ihrer Schönheit und angesichts der oft vergeblichen Bemühung, auch nur einen kurzen Blick von ihnen zu erhaschen.

Und doch gibt es unter ihnen solche, die man sich merkt, die sich einem einprägen, und es ist mir ein paarmal passiert, daß ich eine Frau gesehen habe und mir eine andere einfiel, die ihr ähnlich war, ohne daß beide auch nur im entferntesten etwas miteinander gemeinsam hatten. Diese Ähnlichkeit war nämlich etwas, das sich in mir selbst befand, es war wie ein inneres Antlitz, das man seit wer weiß welcher Vorzeit mit sich herumträgt, ein Traumbild, bessergesagt ein Traumgebilde, das erst dann klare Konturen annimmt und plötzlich aus dem Rahmen, aus der zweidimensionalen Ebene tritt, wenn man seinem wirklichen, lebendigen Widerpart auf der Straße oder sonst an einem realen Ort begegnet. Es ist so, wie in Mozart's Zauberflöte, wenn Tamino ruft: "Dies Bildnis ist bezaubernd schön!" und er ab diesem Moment nicht eher ruhen noch rasten kann, bis er dieses Mädchen gefunden hat.

Ich hatte diese Mozart Oper als ganz junger Mann im Bolschoi Theater erlebt und ich war völlig hingerissen, vor allem von der Lebendigkeit und Leidenschaft der Figuren. Und noch ein anderes fiel mir jetzt wieder ein, das mit Mozart scheinbar nichts zu tun hatte, wohl aber mit den schönen Frauen. In der Schule hörten und lasen wir von der Göttin Aphrodite, bekanntlich die Personifikation, die Vergöttlichung der weiblichen Schönheit, und davon, daß ihr angetrauter Gatte der potthässliche Hephaistos war, ein grobschlächtiger Schmied, der sich überdies mit einem Hinkefuß durchs Leben schleppte.

Warum fiel mir das jetzt beim Anblick von Naryschkins Gemahlin ein? Jefim Nikolajewitsch war gewiss nicht mit Hephaistos zu vergleichen, so wie ja auch Julia Sergejewna (wie ich dann feststellte) in ihrem Wesen überhaupt nichts von einer selbstverliebten Göttin an sich hatte und ganz sicher weder frivol noch kokett war. Und doch fand ich in den beiden die Annahme bestätigt, daß seltsamerweise eine schöne Frau oftmals mit einem wenig attraktiven Mann verheiratet ist, als könnte sie damit einen gehörigen Teil ihrer Reize (um derentwegen er sie ja wohl nicht zuletzt auch für sich erobert hatte) für spätere Gelegenheiten ganz unverbraucht bei sich behalten.

Ich habe auch vom ersten Moment an überlegt, ob sie ein Verhältnis mit Nikita Timofejewitsch habe. Denn daß sie sich von ihm seine selbstverfassten Gedichte vortragen lässt, während sie mit einem Migräneanfall darnieder liegt, dahinter schien mir doch etwas mehr zu stecken als bloße Krankenpflege, zumal ich noch nie davon gehört hatte, daß Poesie gegen Migräne hilft.

Nikita Timofejewitsch erinnerte mich an jenen Typ von Mann, der scheinbar mit der größten Mühelosigkeit und nicht einmal mit übermäßigem Charme die Frauen dazu bringt, sich ihm mit jener Empfindsamkeit zu öffnen, mit der sie sich selbst am meisten gefallen. Seine größte Gabe ist der beneidenswerte Müßiggang, mit dem er wie ein starker, ruhender Pol wirkt und einer Frau den Eindruck vermittelt, daß er von Natur aus dafür geschaffen sei, ihre intimsten Geheimnisse zu wahren.

Ich selber habe solche Männer immer bewundert und mich zugleich ihnen unterlegen gefühlt. Nach den Erfahrungen etlicher Liebesabenteuer meiner Jugend glaubte ich irgendwann, mir sei der Zugang zu gewissen Sphären der weiblichen Psyche verwehrt. Aber ich gab nicht auf, nach dem Schlüssel zu suchen. Männer wie Nikita handeln aus der Intuition heraus, wo jemand wie ich erst mehrere Versuche unternehmen muss, um gegenüber einer Frau den richtigen Ton zu treffen. Daher rührt wohl auch die Wirkung seiner Poesie, für welche die Frauen ja schon immer empfänglich waren.

Jetzt, da ich dies aufschreibe und durchlese, erkenne ich mich sofort wieder als der, der ich damals war (und wahrscheinlich von früh an gewesen bin) - als jemand, der unfähig ist, sich anderen Menschen anzuvertrauen - zumindest denen, die es verdient hätten. Der Grund dafür lag in der Weigerung, mich irgendeiner, auch nur gutgemeinten, Kritik auszusetzen, und in der Angst womöglich zu versagen.

Vielleicht habe ich mich inzwischen verändert, ich wäre froh, wenn es so wäre, denn es würde bedeuten, daß ich aus meinem Verhalten etwas gelernt habe und daß mir mein eigenes Unvermögen letztlich zur Besserung verholfen hat, indem ich wenigstens vermochte, es einzugestehen und als dauerhafte Schwäche zu akzeptieren. Das wäre doch etwas, das man als ein dankenswertes Resultat der Selbstfindung bezeichnen dürfte.

Aber damals war ich weit davon entfernt zu erkennen, daß so viele Menschen, denen ich begegnete, jemand anderen in mir sahen als ich selber, und etwas ganz anderes von mir erwarteten, als ich ihnen zu geben oder zu vermitteln glaubte. Und wenn ich es recht bedenke, war mein notorischer Alptraum von der missglückten Aufführung des "Sommernachtstraums" das untrügliche Sinnbild dafür. Ich dachte stets, ich könnte bei den anderen mitspielen - und war doch gar nicht in der Lage dazu, sondern sorgte oft nur für Unheil und Abscheu, wie ich mir hinterher einredete. Und selbst wenn das bloß eine Einbildung, eine Art Phobie gewesen wäre, so hätte sie doch eine gleichsam unbewusste Wirkung nach außen gehabt, als hätte ich mit dem, was ich tat, die Reaktion der anderen schon vorweggenommen.

Meiner Meinung nach musste es zwischen Julia Sergejewna und dem Hauslehrer eine Beziehung geben. Sie waren gleichaltrig, ja Nikita Timofejewitsch war sogar ein paar Jahre jünger (wie ich von Anna erfuhr), und es schien mir nur natürlich, daß Julia Sergejewna für ein Verhältnis zu einem jüngeren Mann aufgeschlossen war, zumal Naryschkin erheblich älter war als seine Frau. Die Vorstellung drängte sich mir beinahe mit zwingender Logik auf. Irgendetwas in meinen Gefühlen wollte, daß es so ist!

Natürlich kam das Gespräch der Männer unweigerlich auf das "Manifest", und es zeigte sich, daß die Situation in anderen Regionen des Gouvernements noch weitaus schlimmer war, was den Friedensrichter nicht gerade mit Optimismus erfüllte. Der Major Talberg erzählte von einem Einsatz des Militärs gegen "aufständische" Bauern, die mit Knüppeln, Mistgabeln und Sensen gegen die Sicherheitskräfte vorgegangen waren, es hörte sich an, als fehlten ihnen bloß noch die Bundschuhfahnen, um wie ein Haufen wutentbrannter Bauernkrieger auszusehen. Schon als die Soldaten ins Dorf einrückten, wurden sie aus dem Hinterhalt und von den Dächern herab mit Steinen beworfen, und mehreren von ihnen wurde das Gewehr entrissen und sie wurden auf offener Straße verprügelt. Die Bauern ließen sich von den gestreckten Bajonetten kein bisschen einschüchtern und erst als der Kommandeur, ein durchaus erfahrener Offizier, sich nicht mehr zu helfen wusste und den Befehl zu schießen gab, konnte dem blutigen Krawall ein Ende gemacht werden, kurz bevor es zu einem Massaker gekommen wäre.

Dabei war auch hier nicht auf den ersten Blick zu erkennen, wogegen sich die Bauern eigentlich auflehnten. Einige, sagte der Major, hätten ihrem Zorn Luft gemacht und gerufen, die neue Verordnung sei für sie wie ein Urteil auf Verbannung, eine Behauptung, so der Major, die ihm völlig "schleierhaft" wäre, doch Tschistjakow, der Journalist, meinte, aus der Sicht der Bauern sei das nur verständlich, denn sie befürchteten, vollständig enteignet, das heißt ihrer Existenzgrundlage beraubt zu werden.

Mein Chef Gobeljew sagte "Aber das Manifest verschafft den Bauern doch gerade den Vorteil, ihre Existenz auf eine neue, sichere Basis zu gründen, indem sie das Land, das sie bewirtschaften, künftig ablösen und zu ihrem Eigentum machen können." "Die Frage ist nur", meldete sich Naryschkins Verwalter Kusnezow zu Wort, "zu welchen Bedingungen das geschehen soll."

Gobeljew sagte "Meines Erachtens ist das im Manifest geregelt. Es heißt doch, die Bauern können, natürlich nach Einigung mit dem Gutsherrn, die Ackerländereien als Eigentum erwerben und sie sind damit allen ihren bisherigen Verpflichtungen entbunden und treten - ich zitiere: 'in den definitiven Stand der freien bäuerlichen Grundbesitzer." "Eine Definition allein macht noch kein striktes Gesetz", entgegnete Kusnezow, und ich staunte über seinen Ausdruck, "was unsere Bauern am meisten an der Verordnung stört, ist die Festlegung einer Übergangsfrist, in der sie, sozusagen Schritt um Schritt, verwirklicht werden soll."

Der Adelsmarschall Litorenko sagte "Nun, ich halte diese Bestimmung für ein Zeichen der Weitsicht, denn der Kaiser sagt selbst, daß die Veränderungen nicht mit einem Mal ins Leben treten, also nicht quasi über Nacht installiert werden können, und daß es infolge der neuen Regelungen zu unvermeidlichen Komplikationen kommen wird." Der Friedensrichter Aristow nickte dabei heftig. Tschistjakow sagte "Gut und schön. Ich verstehe schon, warum der Kaiser eine solche Übergangsfrist vonnöten hält ..." "Es sollen ja bloß zwei Jahre sein", ergänzte Litorenko.

"Und eben das ist das Problem", fuhr Tschistjakow fort, "ich verstehe nämlich auch Pawel Kusnezow, wenn er meint, für die Bauern bedeutet genau diese Zweijahresfrist eine Gefahr ihres Untergangs, denn sie bleiben, so heißt es ausdrücklich, dem Gutsherrn 'zeitweilig verpflichtet' und weiter 'sie haben in ihrem bisherigen Gehorsam gegen ihren Gutsherrn zu verbleiben und unweigerlich ihre bisherigen Pflichten zu erfüllen'! Was bitte schön ändert sich also am bestehenden System?"

"Sie können, wie schon gesagt, ab sofort das Land zu ihrem Eigentum machen", betonte Litorenko, und der Verwalter sagte "Machen wir uns doch nichts vor, Herr Marschall, wie viele Bauern haben die Mittel, um das Land zu kaufen?" "Als freie Grundbesitzer können sie einen Kredit aufnehmen, ein Recht, das sie mit ihrer neuen Freiheit erlangt haben. Viele Ländereien sind mit solchen Krediten belastet, das ist nichts Ehrenrühriges, es ist vielmehr ein notwendiges Merkmal unserer ökonomischen Entwicklung, der sich auch die Bauern nicht entziehen können."

Jetzt musste selbst Naryschkin, der sich bis dahin zurückgehalten hatte, lächeln, "Na ja, Pjotr Iwanowitsch, welcher Bauer kann mit diesem Recht wirklich etwas anfangen, außer daß er jetzt von Heerscharen von Juden und Geldverleihern übers Ohr gehauen wird." Tschistjakow bemerkte mit feinem Spott "Es soll auch schon mancher Gutsbesitzer windigen Geschäftemachern auf den Leim gegangen sein." "Meinen Sie damit jemand Bestimmten, Herr Journalist?", fragte Naryschkin auf einmal bissig, und in seine Augen trat für einen Moment jener kalte, gefräßige Blick, der mir schon beim ersten Mal aufgefallen war.

Der Major Talberg ging dazwischen, "Meine Herren, ich dachte, wir machen einen Ausflug, um die freie Natur zu genießen und uns ein wenig zu zerstreuen und nicht, um die schwierigen Fragen unserer Zeit zu wälzen." "Na, Sie haben doch davon angefangen mit Ihren erschreckenden Meldungen", meinte Aristow ohne ihn deswegen zu schelten. "Ja, das stimmt, aber ich wollte damit keineswegs die Gemüter erhitzen." "Pah!", machte Naryschkin, "Sie haben uns noch nicht erlebt, wenn es wirklich hitzig zugeht."

Nikita Timofejewitsch hatte sich an der Kontroverse nicht beteiligt, er lehnte mit gekreuzten Beinen am Fourage Wagen, kaute auf einem Grashalm herum und sah aus, als würde er in Gedanken an seinem nächsten Gedicht feilen. Auf der andern Seite, im Schatten, lag der Kutscher und hielt ein Nickerchen. Ich ging zu Nikita hin und sagte "Anna hat Sie gelobt wegen Ihres enormen Wissens." Er sah mich etwas befremdlich an. "Unsere Anna?" "Ja, und Fjodor ebenso, es scheint, daß sie eine Menge von Ihnen lernen." Er zwang sich ein Lächeln ab, er fragte sich wohl, was mich das anginge, dann murmelte er "Es fällt leicht, ihnen etwas beizubringen, sie begreifen schnell, sie saugen alles auf wie ein Schwamm, beide."

"Dann sind Sie also ein richtiger Lehrer?" "Ich habe studiert, aber keinen Abschluss, was ist mit Ihnen?" Ich klärte ihn mit zwei Sätzen über mich auf, er nahm es gleichgültig hin, er blieb an den Wagen gelehnt, er wechselte bloß das linke Bein über das rechte. "Die Kinder haben mir erzählt, daß Sie auch Gedichte schreiben." "Gelegentlich." "Ist schon etwas veröffentlicht worden?" "In einer Anthologie, vor zwei Jahren."

Er schaute die ganze Zeit hinüber zu einem flachen Hang mit verwachsenen, üppigen Apfelbäumen, wohin sich die Frauen und die Kinder begeben hatten und mit allerlei Spielen und Späßen Kurzweil trieben; unsere Debatte unter Männern muss dagegen einen stumpfsinnigen Anblick geboten haben, vielleicht war Nikita Timofejewitsch ihr auch deshalb ferngeblieben und schaute lieber den Frauen zu.

Ich folgte seinem Blick, ich fragte "Kennen Sie diese Maria Michailowna?" "Nein. Nie hier gesehen." Talbergs Begleiterin war offenbar so etwas wie die ideenreiche Initiatorin; gerade war man dabei, es ihr nachzumachen und auf einem umgestürzten Baumstamm zu balancieren; die komischen Verrenkungen brachten alle zum Lachen. Sogar der zurückhaltende Anatol, der Sohn des Journalisten, schien aus sich herauszugehen. Nikita musste auch schmunzeln.

Ich fragte "Unterrichten Sie auch noch anderswo?" "Ja, in der Stadt." "In der Schule?" "Im Waisenhaus." "Oh, das ist bestimmt interessant." "Was meinen Sie?" "Ist es anders als in einer Schule?" "Es gibt keine Eltern", erwiderte er, und es war nicht ganz klar, ob er das als Vor- oder Nachteil wertete. Ich sagte "Ich schätze, Jefim Nikolajewitsch lässt Ihnen auch freie Hand bei Ihrem Unterricht." Er sah mich wieder komisch an, "Sie reden ein bisschen wie ein Schulinspektor, Sie fragen mich doch nicht aus, oder?" "Auf keinen Fall!", wehrte ich lachend ab, aber es war idiotisch. Er sagte "Na, meinetwegen können Sie mich auch ausfragen, ich habe nichts zu verbergen."

Da kam Fjodor zu uns herübergelaufen, er sagte "Einen schönen Gruß von Julia Sergejewna und Sie möchten bitte mit dem Proviant da hinüber zu den Apfelbäumen kommen!" Er war nicht zu den anderen gegangen, weil die, entgegen ihrem Entschluss von vorhin, noch heftig mit Reden beschäftigt waren und dastanden wie die Jäger um einen gefangenen Hasen. Nikita nahm plötzlich stramme Haltung an, legte die Hand an die Stirn und rief "Jawohl, Herr Sekondeleutnant! Sagen Sie Ihrer Frau Mutter, wir sind in zehn Minuten zur Stelle!" Fjodor rannte zurück, er machte im halbhohen Gras Schlängellinien wie eine Hummel im Flug. Dann drehte er sich nochmal um und rief "In fünf!"

Später am Nachmittag waren wir am Fluss angelangt, wo ein kleines Lagerfeuer entzündet wurde, an dem wir die Fische, die mit Hilfe eines Burschen, der darin sehr geschickt war, aus dem Fluss geangelt worden waren, über dem Feuer rösteten. Einige von uns wagten sich im Boot aufs Wasser, und als der Major mit Maria Michailowna sich dem Steg näherte und gerade breitbeinig im Kahn stand, um mit Hilfe einer Hakenstange anzulegen, da begann die unvermindert übermütige Maria, den Kahn zum Schaukeln zu bringen, daß der arme Major sich nicht halten konnte und ins Wasser fiel.

Er trocknete seine Uniform dann ebenfalls am Feuer, er behielt nur seine weiße Baumwollunterwäsche an, die von den Ärmeln bis zu den Beinen aus einem Stück bestand und vorn vom Kragen bis zum Nabel einen langen Schlitz hatte, der mit kleinen glänzenden Perlmuttknöpfen verschlossen war; er sah außerordentlich fesch darin aus. Es war ihm auch gar nicht peinlich und obwohl er Grund gehabt hätte, Maria Michailowna (die übrigens selbst sehr erschrocken war über ihren Streich und sich tausendmal bei ihm entschuldigte) mit Verachtung zu strafen, trug er's mit Fassung wie ein echter Offizier.

Maria Michailowna brachte ihm ein Leinenlaken, das als Unterlage für das Picknick gedacht war, und legte es ihm beinahe zärtlich um die Schultern. Aber da füllten sich unversehens ihre Backen und sie musste vor Lachen losprusten, und alle (auch er selber) stimmten darin ein. Der Major bekam einen Applaus, und Natalja Dawidowna, die Frau des Adelsmarschalls, verlieh ihm eine "Tapferkeitsmedaille", welche die Frauen rasch aus einem schönen runden und flachen Stein mit glitzernden Einsprengseln, aus Binsen vom Ufergras und aus Bindfaden, welchen der Kutscher in seiner Kiste verwahrte, gebastelt hatten.

Jefim Nikolajewitsch verfiel, je mehr er getrunken hatte, in seine glänzende Rolle als Unterhalter und gab eine lustige Anekdote nach der andern zum Besten. Und selbst der etwas angeschlagene Wassili Aristow vergaß für eine Weile seine anstrengende Arbeit und erzählte ein paar amüsante Erlebnisse aus dem fernen, fremden China, wo er sich früher einmal für längere Zeit aufgehalten hatte.

Julia Sergejewna sprach mich an und sagte "Meine Kinder haben mir berichtet, daß Sie in der Mathematik bewandert sind, Nikolai Alexandrowitsch." Ich hätte wahrscheinlich irgendetwas anderes erwartet, an das unser Gespräch anknüpft, aber im Nachhinein sah ich, daß es eigentlich am naheliegendsten war. Ich erklärte ihr, worin ich ausgebildet wurde und daß dies der Grund sei, weshalb ich jetzt hier die statistischen Erhebungen durchführe. Sie sagte "Das klingt ziemlich bedeutend." "Nun ja", erwiderte ich, "es ist eine wichtige Zuarbeit für die Beamten im Ministerium, wenngleich das was ich tue, auch ein bisschen trocken ist." "Dann ist Ihnen die kleine Abwechslung mit unserem Ausflug gewiss willkommen."

"Oh, mehr als das!", rief ich und es klang viel zu überschwänglich, um nicht zugleich als Kompliment aufzufallen. Deshalb fügte ich schnell hinzu "Es gibt immer ein paar Probleme da draußen, und es kann unsere Arbeit nur befördern, wenn wir, mein Chef Juri Antonowitsch und ich, uns mit den verantwortlichen Herrschaften sozusagen auf inoffiziellem Wege verständigen können." Ich konnte sehen, wie sich ihre Augenbrauen leicht zusammenzogen, sie empfand meine allzu förmlichen Worte wohl eher als Abschreckung.

Da sagte sie "Ich wollte Sie eigentlich nur fragen, ob Sie vielleicht meinen Kindern ein wenig Unterricht in Mathematik geben können?" Nikita Timofejewitsch stand bei uns, und unwillkürlich musste ich ihn bei dieser Frage anschauen. Er zeigte keine Reaktion, ich sagte "Ich gehe davon aus, daß Nikita Timofejewitsch diese Aufgabe längst übernommen hat." Julia Sergejewna sagte in sehr wohlwollendem Ton "Nikita ist in allen Belangen die beste Wahl, allein die Mathematik ist nicht sein Metier."

Er nickte zustimmend aber unbeeindruckt und bemerkte bloß "Ich kann damit nichts anfangen, für mich ist es der Inbegriff der leblosen Materie." "Da hören Sie's", sagte sie und fügte hinzu "gleichwohl ist sie für die Bildung unverzichtbar, oder meinen Sie nicht?" Ich bestätigte es. "Dann sind wir uns also einig?", sagte sie, als sollte ich ihrem Gartenhaus einen neuen Anstrich verpassen. Ich sagte zu, sie bedankte sich artig und wir wurden von dem Adelsmarschall und seiner Gemahlin, welche hinzukamen, auf ein anderes Thema gelenkt.

Die drei Kinder vergnügten sich auch großartig, sie hatten für das Picknick einen prächtigen Strauß von Feldblumen gepflückt und später waren sie ausgelassen umhergetollt, sie hatten beim Fischefangen fleißig mitgeholfen und gemeinsam mit dem Kutscher natürlich das Lagerfeuer in Gang gebracht. Einmal zwischendurch kam Anna zu mir und fragte "Hat Sie meine Mama schon wegen dieser Sache angesprochen?" Ich konnte mir denken, was sie meinte und antwortete "Ja." "Und?" "Ich habe mich bereiterklärt, euch ein paar Stunden zu geben." "Das klingt aber nicht sehr begeistert." "Doch, ich mache es gern, ich freu' mich drauf", versicherte ich ihr. "Na gut, dann seh'n wir uns!", erwiderte sie und ließ mich stehen.

Als wir alle um das Feuer herum saßen, begannen Ljudmila die Magd und Warwara das Kindermädchen einige sehr schöne und gefühlvolle Lieder zu singen, und Pawel Kusnezow begleitete sie dabei auf seiner Balalaika. Es schien, als würde beim Musizieren in seinem Gemüt etwas sehr Archaisches angeregt, das von seinen Vorvätern erhalten geblieben und behütet worden war und das den ansonsten so unerschütterlichen Bauernsohn mit einem leisen Zug von Schwermut und Milde anwehte, als ließen sich davon seine Sinne für einen Augenblick betören.

Die Sonne stand nur noch wenig über den Hügeln am jenseitigen Ufer, als sich unsere Gesellschaft auf den Rückweg machte, und als wir bei Naryschkins Häusern ankamen, brach die Nacht herein. Ich fiel todmüde ins Bett, aber ich freute mich tatsächlich auf die Unterweisung der Naryschkin Kinder.

Merkwürdigerweise war vom Ministerium nicht einmal eine Bestätigung gekommen, daß sie unsere Berichte erhalten hatten. Gobeljew indes fand das nicht weiter verwunderlich, schließlich hatten sie dort alle Hände voll zu tun und es gab über vierzig Gouvernements mit jeweils zahllosen Kreisen. Auch wir waren dahingehend unterrichtet worden, daß wir nach Erledigung der Arbeit in diesem Kreis noch in vier weiteren eingesetzt werden würden.

Wassili Aristow, der Friedensrichter, kam jetzt öfter zu uns, um sich in dem einen oder andern Fall zu erkundigen, das heißt, er wollte wissen, ob wir das, was da vor seinem Gericht verhandelt wurde, bestätigen können. Aber das meiste davon war uns natürlich entgangen, und wenn wir uns damit befasst hätten, wären wir nie weitergekommen.

Es drehte sich anscheinend wirklich alles um die Übergangsfrist und die Frage, welche Leistungen die Bauern in dieser Zeit zu erbringen verpflichtet sind. Ich will nur ein paar Beispiele anführen. Es hieß, daß der Frondienst, also die Arbeitsleistung des Bauern für den Gutsherrn, vorläufig in altem Umfang weitergeführt werden muss, jedoch war die Anzahl der Frontage begrenzt worden. Viele Bauern leisteten die Fron aber nicht nach Tagen, sondern nach der Größe des bewirtschafteten Ackers, es musste also Zeit und Fläche in ein äquivalentes Verhältnis gesetzt werden, eine Aufgabe, die zu lösen man den Experten auf der Universität hätte übertragen können, die sich damit vielleicht über Jahre hinweg ihre Posten gesichert hätten.

Desweiteren hatten in der Vergangenheit viele Gutsbesitzer, statt der Fronarbeit oder Abgaben in Naturalien, Zinszahlungen auf die den Bauern "überlassenen" Ackerflächen bevorzugt, denn Geldeinahmen waren in den meisten Fällen verlässlicher als die Arbeitsleistung. Nun war die Frage, ob diese Praxis nach den neuen Verordnungen weiterhin fortgeführt werden konnte. Manche Bauern beriefen sich auf ihre "gesetzliche Freiheit" und verweigerten sowohl das eine wie das andere.

Aber es gab auch Gutsbesitzer, die auf ihren Forderungen gegenüber den Bauern sitzengeblieben waren und selbst am Rande des Ruins standen. Wenn sie ihre leibeigenen Bauern, die mit den Zinszahlungen im Verzug waren (und Schulden von mehreren zehntausend Rubeln waren keine Seltenheit) jetzt aus der Leibeigenschaft entlassen - und auch noch freiwillig! - dann konnten sie sich auch gleich eine Kugel in den Kopf schießen.

Wenn die Höfe dagegen in Schuss waren und ausgezeichnet wirtschafteten, dann waren die Bauern durchaus nicht darauf erpicht, in die Freiheit entlassen zu werden, denn sie verlören dadurch jeden Schutz und jede Fürsorge ihres Gutsherrn, zu denen er bisher verpflichtet war. Das bedeutete, daß sie bei Missernten, einem verheerenden Brand, einem Hagelschaden, einer Überschwemmung oder sonst einer plötzlichen Katastrophe, die ihre Erträge vernichtet, ohne seine Unterstützung auskommen müssen.

Schließlich befürchteten die Bauern, daß sie bei der Ablösung und bei der Übertragung des Landes in ihr Eigentum insofern den Kürzeren ziehen würden, als der Gutsherr die besten Teile davon für sich behalten wird und die künftig "freien Landbewohner" mit den minder fruchtbaren oder verlustreichen Arealen abspeist. Und welcher Bauer wäre bereit, teures Geld für schlechten Boden zu bezahlen oder sich dafür auch noch zu verschulden. Es bliebe ihm nichts anderes übrig, als mit Kind und Kegel fortzugehen und irgendwo ganz neu anzufangen, eine Vorstellung, die für viele der reinste Alptraum war.

Ich war dann aber doch ein wenig erstaunt, wie kalt diese Dinge meinen Chef Gobeljew ließen, er machte sich sogar über den arg gebeutelten Aristow lustig, hinter seinem Rücken versteht sich. Wir bekamen mehrere telegraphische Schreiben, die alle den Vermerk "Dringend" hatten und in denen wir aufgefordert wurden, verstärkt die Beträge der Ablösesummen für die Ländereien zu ermitteln, was den Schwerpunkt unserer bisherigen Arbeit deutlich verschob. Wir sollten diese Berichte auch nicht mehr an das Innen-, sondern an das Finanzministerium schicken. Gobeljew nahm das so hin, aber ich sagte, ich sei kein Finanzmathematiker, sonst hätte ich mich bei einer Bank beworben. Er beruhigte mich und meinte nur, ich müsse da überhaupt nichts berechnen, eine grobe Schätzung reiche völlig aus, alles andere erledigten die Leute in Petersburg.

Ich war froh, nach drei anstrengenden Tagen, in denen wir von früh bis spät auf Achse waren, daß Gobeljew uns eine Ruhepause gönnte. Ich ging sofort zu den Naryschkins. Jefim Nikolajewitsch war nicht da, ich fand Julia Sergejewna im Garten, wo sie mit einem Gärtner dabei war, auf den Gemüsebeeten aus Weidenruten Spaliere für die Bohnen zu errichten. Sie trug ein helles, leichtes Leinenkleid mit halblangen Ärmeln und schlichte Schuhe, ihre Haare waren locker zusammengebunden und hochgesteckt, um ihren Hals lag eine Perlenkette, die einen hübschen Kontrast zu dem rustikalen Ambiente bildete, das sie umgab.

Als sie mich bemerkte, schirmte sie mit einer Hand ihre Augen gegen die Sonne ab und blinzelte mich an, "Ja bitte?", fragte sie. Ich sagte "Ich bin es, Nikolai Alexandrowitsch." Sie schien zu überlegen, aber mir kam es so vor, als wollte sie mich bloß ein wenig hinhalten (ich weiß nicht, warum ich der geeignete Typ für sowas bin), dann rief sie "Ach ja! Richtig! Sie waren der mit den Mathematikstunden!" Sie deutete auf die Beete, "Es tut mir leid, ich bin hier grade voll beschäftigt, ich denke, Sie finden allein den Weg ins Haus, fragen Sie Darja, sie weiß bestimmt, wo die Kinder sind."

Ich ging hinein. Da war ein Hausmädchen beim Saubermachen. "Sind Sie Darja? Können Sie mir sagen, wo ich Anna und Fjodor finde?" "Die sind oben. Die Treppe hoch und das dritte Zimmer links." Ich ging hinauf, auf dem Gang konnte man durch die Fenster auf den Garten blicken, ich sah Julia Sergejewna, und im selben Moment richtete sie sich auf und rief "Nikolai!" Ich versuchte eins der Fenster zu öffnen, aber es klemmte. "Nikolai Alexandrowitsch!" Ich machte das daneben auf, als sie mich sah, rief sie "Wenn Sie fertig sind, laufen Sie nicht gleich weg!" "In Ordnung", sagte ich, und sie hatte sich wieder abgewandt.

Ich fand die Kinder in dem besagten Zimmer, sie saßen an einem großen Tisch und schrieben etwas, Nikita Timofejewitsch lehnte am Fenster und pfiff leise vor sich hin, während er hinausschaute. Er warf mir einen flüchtigen Gruß zu. Es war so etwas wie ein Studierzimmer, an einer Wand stand ein hohes Regal voller Bücher, an der andern hingen Landkarten, auf dem Schrank standen ein ausgestopfter Fuchs, ein Rabe, ein Eichhörnchen und zwei, drei andere Tiere. Der Schrank hatte gläserne Türen und dahinter waren einige Messinstrumente und allerhand Gefäße zu sehen.

Anna war aufgesprungen und fragte "Womit fangen wir an, Nikolai Alexandrowitsch?", und auch Fjodor schaute mich erwartungsvoll an. Ich sagte "Ich dachte, zur Auflockerung machen wir ein paar geometrische Konstruktionen." "Oh ja! Was brauchen wir dafür?" "Zirkel, Lineal, Dreieck, einen spitzen Bleistift und ein leeres Blatt Papier natürlich." "Führen wir auch eine Parallelverschiebung durch?", fragte Fjodor, als handele es sich um einen chirurgischen Eingriff. "Selbstverständlich. Damit verschaffen wir uns Erleichterung." "???"

Nikita hatte unten am Schrank eine Schublade herausgezogen, darin lag alles, was man benötigte, die Zirkel waren deutsches Fabrikat und von guter Qualität, auf dem Lineal war außer der metrischen Einteilung auch eine logarithmische angebracht. Das Papier lag in einem anderen Fach, es waren große, saubere, reinweiße Bögen. Als wir loslegten, sagte Nikita "Dann braucht ihr mich jetzt erstmal nicht, oder?" "Erstmal nicht", sagte Anna, während sie ihren Zirkel einstellte, Nikita verschwand im Nebenzimmer.

Ich zeigte ihnen als erstes eine Sechsteilung der Kreislinie mittels des Radius. Fjodor's Zunge steckte vor lauter Konzentration zwischen seinen Lippen fest, sie zeichneten beide sehr akkurat. Anna schien es zu kennen, sie machte gleich die "Blütenblätter" daraus. Dann rief Fjodor "Ich weiß schon, was als nächstes kommt: die Zwölfteilung!" Ich sagte "Wenn man die Punkte miteinander verbindet, nennt man die Figur auch 'einbeschriebenes Vieleck', je nachdem, wie viele Ecken es hat."

"Gibt es auch ein Siebeneck?", wollte Anna wissen. "Das mach' ich doch grade", sagte Fjodor. "Pfff! Das ist allenfalls ein verunglücktes Siebeneck", stellte sie fest. "Weil die Sieben ja auch eine Unglückszahl ist", entgegnete er überzeugt. Ich sagte "Es gibt eine Konstruktion mit einem einbeschriebenen gleichseitigen Dreieck, aus dem man dann zum Siebeneck gelangt. Aber ein deutscher Mathematiker hat bewiesen, daß man dafür keine rechnerisch exakte Gleichung aufstellen kann." Anna sagte "Wozu braucht man so eine Gleichung, wenn man's auch ohne sie hinkriegt."

"Na ja, es bleibt doch irgendwie ungenau, es wird niemals sieben gleich lange Seiten haben, auch wenn es vielleicht so aussieht." "Immerhin kann man sich damit zufriedengeben", sagte sie und fügte hinzu "es ist doch sowieso manchmal besser, sich mit dem zu begnügen, was man hat, anstatt etwas zu wollen, das man nie erlangen kann." Sie hatte das so vor sich hingesagt, während sie zeichnete, und ich war mir nicht sicher, ob sie bemerkte, wie ich sie dabei anstaunte. Was für ein kluges Mädchen sie war!

Wir versuchten dann noch allerlei andere Konstruktionen, unter anderm Fjodors Parallelverschiebung und die Umwandlung eines Quadrats in ein flächengleiches Rechteck. Zwischendurch stritten sie sich mal kurz, weil Fjodor angeblich Annas Zirkel genommen hatte. Die Zeit verging wie im Fluge. Ich sagte, beim nächsten Mal zeige ich ihnen, wie die alten Ägypter sich mit einem Stück losen Bindfaden ein rechtwinkliges Dreieck hergestellt haben. "Wozu brauchten die das?", fragte Fjodor, und ich sagte "Für Feldmessungen und beim Bauen, wenn es zum Beispiel um genau rechtwinklige Kanten ging."

Ich ging ins Nebenzimmer, um Nikita Timofejewitsch zu suchen, doch da war er nicht. Ich ging ein Zimmer weiter und im übernächsten fand ich ihn auf einer Chaiselongue schlummernd. Ich traute mich nicht ihn zu wecken und schlich wieder hinaus. Als ich unten war, kam mir Julia Sergejewna entgegen, sie sagte "Na, haben Sie die Lösung gefunden?" Ich erwiderte "Wir haben mit Geometrie angefangen, ich dachte, das macht ihnen am meisten Spaß." Sie lächelte, "Oh ja, das hat mir auch immer gefallen, bis mir mein Vater mit dem Euklid kam, ein scheußliches Buch. Aber Sie finden ihn bestimmt interessant." "Nein, mir liegt er auch nicht." "Da bin ich froh, daß es nicht wie ein Geständnis klingt."

Ich sagte "Niemand wird Ihnen einen Vorwurf machen, wenn Sie Euklid nicht mögen." "Oh, wenn Sie sich da mal nicht täuschen! Nun gut, vielleicht nicht gerade den Euklid, wer kennt den schon, aber es gibt genug Männer, die eine Frau mit sowas auf die Probe stellen wollen." "Na, ich gehöre jedenfalls nicht dazu", beteuerte ich. "Dann ist ja gut. Übrigens, wenn Sie's nicht eilig haben, können Sie gern eine Tasse Tee mit mir trinken." "Mit Vergnügen." "Lassen Sie uns hinüber ins Gartenhaus gehen, ich sage nur schnell unserer Darja Bescheid."

Dem Gartenhaus hätte tatsächlich mal ein bisschen neue Farbe gutgetan, aber innen war es sehr sauber und gemütlich, die Fensterscheiben reichten bis zum Boden und waren frisch geputzt, und wenn man auf einem der Stühle aus Rohrgeflecht, die um das runde Tischchen herum standen, Platz genommen hatte, konnte man einen Teil des Gartens nach der Südseite hin überblicken. "Warten Sie, nehmen Sie hier dieses Kissen", sagte sie und reichte es mir, "nun, was halten Sie von den beiden?"

Sie meinte natürlich die Kinder, ich sagte "Ich kenne sie ja nur ganz kurz, ich kann mir kein Urteil erlauben, aber ich denke, sie sind beide sehr begabt." "Hm", machte Julia und nickte, "für Fjodor wäre sicher eine Ausbildung zum Ingenieur denkbar, ich habe darüber auch schon mit meinem Mann gesprochen, wir neigen eigentlich beide zu einer solchen Laufbahn." Sie nahm einen Schluck vom Tee, dann sagte sie "Ich weiß ... Anna hat auch so ein technisches Verständnis, das haben Sie sicher bemerkt, also vielleicht nicht direkt technisch ... wie soll ich sagen ..."

"Sie hat einen klaren Verstand." "So ist es! Für ein Mädchen erstaunlich klar." Ich sagte "Aber das ist nicht ungewöhnlich, und sie kann ihre Gedanken auch sehr gut in Worte fassen." "So ist es! Na, Sie wissen doch schon ganz gut Bescheid, Nikolai Alexandrowitsch." Sie trank wieder vom Tee. "Aber sie konnte sich bis jetzt noch nicht entscheiden, welche berufliche Richtung sie einmal einschlagen soll." "Hat sie denn dafür nicht noch genügend Zeit?" "Ach, das geht alles so schnell, im Nu ist die Kindheit vorbei und das harte Leben beginnt."

Ich konnte mich nicht beherrschen und musste schmunzeln, sie wirkte dabei so, als wäre sie selbst nie erwachsen geworden und hätte immer noch Vorbehalte dagegen. "Worüber lachen Sie?" "Nichts, ich musste nur an eine Bemerkung Annas denken." "War sie etwa vorlaut? Sie kann manchmal ganz schön direkt sein." "Nein, überhaupt nicht, außerdem kann ich damit umgehen, ich bin schließlich kein verstaubter Schulmeister oder so etwas." "Hm. Ach so, was bekommen Sie jetzt dafür?"

Da kam wie aus dem Nichts Nikita Timofejewitsch zur Glastür herein, er sagte kein Wort, er schaute sich bloß um, Julia fragte "Suchst du etwas?" Er blieb neben ihr stehen und legte seine Hand auf ihre Schulter ohne sie anzusehen, "Mein Zigarettenetui." Sie streifte seine Hand mit ihrer, nur für eine kurze Berührung, "Das silberne?" "Ja." "Sieh' mal dort in der rechten Schublade nach." Er drehte sich um und ging zu der kleinen Kommode, er zog die Schublade heraus. "Ich sagte die rechte, Gott, Nikita, du hörst immer nur halb hin." "Ah, da ist es." Er steckte es ein und entfernte sich wieder, sie rief: "Willst du auch eine Tasse Tee?" "Später", murmelte er und bog um die Ecke.

"Also, wo waren wir stehengeblieben ... oh, wenn Sie aufbrechen müssen, will ich Sie nicht zurückhalten?" "Ich habe mir heute den ganzen Tag freigenommen." "Ach ja? Warum?" "Zuallererst, um hierher zu kommen." Ich hörte mich an wie ein Steuereintreiber und sie wich unwillkürlich zurück, ich sagte schnell "Nein, nicht nur deswegen, ich hatte in der Stadt etwas zu erledigen." "Wo sind Sie denn da untergebracht?" Ich sagte es ihr, sie wusste gut Bescheid, auch daß die Vermieterin das Essen aus der Gaststätte holt.

"Und sind Sie in der hiesigen Gesellschaft schon involviert?" "Dafür fehlt mir nun wiederum die nötige Zeit, ich sagte ja bereits bei unserem Ausflug, daß es hilfreich ist, wenn wir uns mit einigen wichtigen Personen, wie zum Beispiel ihrem Mann Jefim Nikolajewitsch, über ein paar Dinge austauschen können." "Ach ja, stimmt", sagte sie, als fiele ihr erst jetzt wieder ein, daß ich bei dem Ausflug dabei war, "er ist leider gerade nicht da", erklärte sie und sah mich dabei sehr direkt an. So schien es mir jedenfalls, und höchstwahrscheinlich haben wir uns beide in diesem Augenblick missverstanden, als ich erwiderte "Ich war ja auch nicht ihm verabredet."

Sie machte eine unmerkliche Bewegung, als müsste sie drinnen in der Küche nachsehen, daß der Teig im Ofen nicht ansengt, "Möchten Sie noch eine Tasse Tee?" "Nein, vielen Dank, er war sehr gut." "Kommt aus Grusinien." Ich sagte "Ich habe den Kindern bis zum nächsten Mal eine Aufgabe gestellt." "Ja, gut." Sie straffte sich und ließ die Hände auf ihren Rock fallen wie zum Zeichen, daß unser Gespräch nun leider beendet werden muss. Wir erhoben uns im selben Moment, sie reichte mir ihre Hand. Sie begleitete mich bis zur Auffahrt vorm Haus. Zuletzt vereinbarten wir eine Zeit für die nächste Rechenstunde. Als ich mich nochmal umwandte, war sie verschwunden. Oben am offenen Fenster lehnte Nikita Timofejewitsch und rauchte eine Zigarette, neben ihm stand Anna, sie winkte mir kurz zu, wie bei unserer ersten Begegnung.

Mein Chef Gobeljew war anderweitig unterwegs gewesen. Am nächsten Tag informierte er mich über einen unerwarteten Vorgang. Er hatte erfahren, daß die Gouvernementsbehörde eine Kommission zum Entwurf eines Projekts über die Vereinigung der Gemeinden zu Gebieten gebildet hatte. Die entsprechende Weisung dafür war in einem Ukas an den Dirigierenden Senat direkt vom Zaren erteilt worden. Dieser Ukas enthielt eine ganze Reihe von Durchführungsbestimmungen im Zusammenhang mit dem Manifest, und man konnte sehen, wie sehr die Regierung bemüht war, der ganzen Entwicklung eine klare Linie zu geben.

Gobeljew gab mir diesen Ukas zu lesen, ich musste mich ehrlich gesagt durchkämpfen, doch am Ende wurde mir klar, daß es hier um nichts weniger als eine Gebietsreform ging, die mit der Aufhebung der Leibeigenschaft in Einklang gebracht werden sollte. Ich fragte Gobeljew, ob und wenn ja inwieweit wir an diesem Vorgang beteiligt sein sollten, aber er konnte nur mit den Schultern zucken und meinte, er wäre darüber ebenso unschlüssig wie ich.

Er habe mit Litorenko gesprochen, der Kreisadelsmarschall führte selbst den Vorsitz dieser Kommission, aber er, Litorenko, habe sich diesbezüglich sehr bedeckt gehalten. Gobeljew hatte, nach eigenen Worten, auch noch mit ein paar anderen Leuten geredet (auch mit Naryschkin) und es liefe wohl alles darauf hinaus, daß eine völlig neue Administration auf Gebietsebene geschaffen werden sollte, mit einer eigenen Gerichts- und Polizeiverwaltung, sie wurde unter der amtlichen Bezeichnung Wolost geführt.

Mehrere Dorfgemeinschaften sollten zu besagten Gebieten zusammengefasst werden, in welchen dann jeweils eine Wolost Versammlung, sozusagen als bestimmendes Organ und unter Aufsicht des Friedensrichters, einen Wolost Rat und dessen Vorsteher wählt. Als wir in die Dörfer und zu den Gutsbesitzern fuhren, war sehr schnell zu erkennen, daß es parallel zu der Neuaufteilung der Bauerngemeinden ebenso um die Zugehörigkeit der Ländereien der Gutsbesitzer zu den neuen Gebieten ging. Das waren jedoch, zumindest auf den ersten Blick, zwei sehr verschiedene Festlegungen, zumal die Gutsbesitzer über die Vergabe ihres Landes natürlich frei verfügten. Unter was für einer Verwaltung sollten die Bauern also künftig für ihren Lebensunterhalt sorgen können, wenn sie gleichzeitig jeden rechtmäßigen Anspruch auf den Boden, den sie beackern, verlieren?

Immer häufiger hörten wir von Unruhen und Demonstrationen unter den Bauern. Es gab heftige Zusammenstöße mit dem Militär, das auf Befehl der Obrigkeit für Ordnung sorgen sollte. Vielerorts verweigerten die Bauern überhaupt jede Arbeit für den Gutsbesitzer, liefen weg und versteckten sich, die Polizei und die Soldaten mussten sie suchen, um sie mit Gewalt zurückzubringen. Es gab Verhaftungen der "Rädelsführer" (das waren meistens jene, von denen seinerzeit der Dorfvorsteher gesagt hatte, sie wären am ehesten gescheit genug, das Manifest zu verstehen), die versucht hatten, den Bauern klarzumachen, daß es sich nicht um eine Befreiung, sondern im Gegenteil um eine Beraubung ihrer Freiheit handelte. Diese Männer wurden streng bestraft, öffentlich ausgepeitscht, in das Arbeitshaus eingewiesen, in eine Strafkompanie gepresst oder gar in die Verbannung geschickt.

Ich hatte naturgemäß keine Lust, mich mit solchen Vorfällen auseinanderzusetzen und meine Tätigkeit wurde mir dabei mehr und mehr verleidet. Meine Besuche bei den Naryschkin Kindern waren mir in entgegengesetzter Weise eine Annehmlichkeit, bei der ich selber auf andere Gedanken kam. Wir hatten die Anfangsgründe der Geometrie längst hinter uns gelassen und waren zur Algebra fortgeschritten. Wir hatten einige, zum Teil recht verzwickte, Gleichungen gelöst und ich hatte den beiden gezeigt, wie man selber auf umgekehrtem Weg sich solche Gleichungen ausdenken und als Aufgabe stellen kann.

Beinahe hätte ich die Sache mit dem rechtwinkligen Dreieck aus einer Schnüre vergessen, aber Fjodor erinnerte mich dran. Das Geheimnis einer solchen Vorrichtung besteht bekanntlich in einem Dreieck, dessen drei Seiten im Verhältnis eines sogenannten pythagoreischen Zahlentripels zueinander stehen, also am einfachsten: 3 zu 4 zu 5.

Ich ersparte den beiden den genauen Zusammenhang, machte am Anfang und am Ende einen Knoten und beauftragte sie, dazwischen die Schnur in ihrer ganzen Länge mittels weiterer Knoten in zwölf (zumindest annähernd) gleiche Teile zu teilen. Sie stellten sich sehr geschickt dabei an, indem sie zuerst einfach halbierten, zuletzt musste gedrittelt werden, wobei sie gutes Augenmaß bewiesen, und es war auch nicht ganz einfach, den Knoten an die richtige Stelle zu platzieren, schließlich sah das Ganze fast perfekt aus.

Dann machten wir aus dem Anfangs- und dem Endknoten einen einzigen, so daß wir eine Schlinge hatten; dieser Knoten, an dem ein Schwänzchen vom Bindfaden heraus ragte, war zugleich ein Eckpunkt des Dreiecks. Ich zeigte ihnen nun noch die beiden anderen Knoten, welche die Ecken Nummer zwei und drei waren, dort befestigten wir ebenfalls zwei weitere Stücken Bindfaden. Wenn nun jeder von uns kräftig an "seiner" Ecke zog, dann straffte sich die Schlinge wie von selbst zu einem rechtwinkligen Dreieck und war durch nichts aus der Form zu bringen. Sie waren begeistert, und mir selber hatte es großen Spaß gemacht.

Fjodor kam auf die Idee, Julia Sergejewnas Gemüsebeete daraufhin zu "kontrollieren", ob sie exakt rechtwinklig sind, und so marschierten wir in den Garten und es zeigte sich, daß sie an einigen Stellen recht gut angelegt waren, woanders aber ziemliche Ungenauigkeiten aufwiesen, Fjodor markierte sie und sagte mit kritischem Blick "Hier muss also nachgebessert werden!" (Vielleicht lagen seine Eltern mit den Ingenieursberuf durchaus auf der richtigen Schiene.)

Wir waren lange mit der Vermessung beschäftigt, bis Julia Sergejewna und Nikita Timofejewitsch mit einer Droschke durchs Tor herein fuhren. Sie kamen vom Einkauf in der Stadt und die Mutter hatte ihren beiden Kindern etwas mitgebracht, da war das bewährte Dreieck natürlich nicht länger angesagt. Ich wickelte die Schnur um meine Hand, Julia Sergejewna rief "Nikolai Alexandrowitsch, ich wusste nicht, daß Sie noch hier sind." "Ja, wir haben Ihre Gemüsebeete inspiziert." "Wie bitte?" "Lassen Sie es sich von Fjodor berichten." "Ist gut." Ich glaube, sie wollte sich schon umwenden, zögerte aber und sagte dann "Wenn Sie möchten, können Sie zum Abendessen bleiben!" Ich nahm die Einladung dankend an.

Jefim Nikolajewitsch war wie gewöhnlich außer Haus, Julia Sergejewna sagte "Um diese Jahreszeit kommt er immer erst spät zurück." Ich hatte nicht vor, auf ihn zu warten. Aber ich fragte mich, ob es ihm nicht auffallen würde, daß ich ständig während seiner Abwesenheit her kam. Natürlich war Nikita da (obwohl ich oft nicht wusste, wo er sich gerade aufhielt), und auch Pawel Kusnezow, der Verwalter war manchmal zu sehen. Die Leute vom Personal ging es nichts an, und worüber die Kinder mit ihrem Vater sprachen, konnte mir eigentlich egal sein.

Und doch ertappte ich mich schon bald dabei, daß ich mir wünschte, mit Julia Sergejewna allein zu sein, natürlich nachdem ich meiner Pflicht als "Rechenmeister" nachgekommen war. Ich musste ständig an sie denken und wenn ich mit Gobeljew für zwei oder drei Tage unterwegs war, konnte ich es kaum erwarten, sie wiederzusehen. Erfolglos versuchte ich mir einzureden, es würde mich nur wegen der Kinder dorthin ziehen, die mich mit ihrer Wissbegier ermunterten, wegen Fjodor's erstaunlichen Fragen oder wegen Anna's spitzbübischen Bemerkungen, die unserer Unterhaltung stets etwas Besonderes gaben. Aber irgendwann spürte ich ein unstillbares Verlangen, in Julia's Nähe zu sein.

Bei diesem Abendessen erfuhr ich übrigens von Nikita, daß er als Student eine Art Forschungsreise nach Swanetien gemacht hatte, und zwar in ebenjenes Gebiet, wo man kürzlich ein ergiebiges Goldlager entdeckt hatte. Julia Sergejewna war überrascht, "Davon hast du uns noch nie erzählt!", und Fjodor sagte (wohl im Hinblick auf den Goldfund) zu mir "Mama besitzt ein Stück von einem Kometen!" "Ist das wahr?" "Von einem Meteoriten", korrigierte sie und erklärte mir "es ist Familienbesitz, mein Großvater hat es in Sibirien gefunden." "Er hat direkt in der Nähe gestanden, als er auf die Erde aufschlug", sagte Fjodor begeistert, aber Julia meinte "Nein, mein Schatz, das hat er nicht." Ich sagte "Kann man das gute Stück einmal bestaunen?" Fjodor rief "Er hat angeblich Zauberkräfte, aber man kann sie nicht so ohne weiteres entfesseln." "Ach, ich weiß gar nicht, wo das Ding gerade liegt." "Im Schrank mit den Fossilien", sagte Nikita. "Soll ich ihn holen?" "Nein, lass' mal, dafür ist es heute zu spät, wir schauen ihn uns das nächste Mal an."

Sie hatte ihn dann wirklich schon vorher aus dem Schrank genommen, um ihn mir zu zeigen. Das geschah unter vier Augen, und die Gewissheit, daß sie an mich gedacht hatte, erfüllte mich danach noch Stunden mit Freude. Es war ein kantiger, rabenschwarzer Stein, halb so groß wie ein Männerschuh und schwer wie aus Eisen. Auf seiner glatten Oberfläche waren stellenweise sehr regelmäßige Muster, als hätten sich hauchdünne Kristallplättchen darauf abgesetzt und seine Schwärze angenommen.

Ich fragte "Hat er wirklich magische Kräfte?" Sie wiegte sachte den Kopf, "Ich glaube, das hat Fjodor falsch verstanden. Man schreibt diesen Erscheinungen ja für gewöhnlich irgendwelche überirdische Bedeutung zu." "Sie meinen zum Beispiel als Vorboten unheilvoller Ereignisse." "Ja. Meine Großmutter ... oh ich kann Ihnen sagen, Nikolai, die war eine echte Meisterin im Aberglauben. Sie war ein sehr frommer Mensch, und wenn man nachrechnet, was sie alles durch ihre Beschwörungen verhindert hat, das ansonsten unweigerlich eingetreten wäre, dann hat sie die Welt wahrscheinlich mehrmals vor dem Untergang gerettet.

Jedes noch so kleine, unscheinbare Zeichen, das sie als Anschlag des Teufels oder des Antichrist deutete, wurde mit einem Schwall von Gegenflüchen überschüttet. Alles war ihr suspekt. Die Spinne an der Wand, die gespaltene Wurzel eines Rettichs, ein Schluckauf am Morgen beim Aufstehen, ein scharfer Windstoß gegen die geöffnete Stalltür und natürlich die schwarze Katze, die plötzlich vor einem über den Weg huscht. Ich war noch ein Kind, das sich manchmal etwas tapsig anstellt. Wenn mir etwas herunter fiel, wurde es dreimal bespuckt und fünfmal bekreuzigt und wenn ich draußen über einen Stein stolperte, musste ich ganz doll mit dem Fuß drauf treten, das hat mir bestimmt mehr wehgetan als dem Stein."

Sie lachte bei dieser Erinnerung, ich fragte "Hat es denn nicht auch mal gute Zeichen gegeben?" "Oh doch, zum Glück. Die kamen von der Muttergottes oder vom Heiland selbst, aber sie waren selten, und meine Großmutter erklärte das damit, daß sie selber viel zu unbedeutend sei und sich der Herr auch um all' die andern gepeinigten Seelen kümmern müsse, die von den bösen Mächten heimgesucht werden." "Und was hat sie von diesem Meteoriten gehalten, den ihr Mann gefunden hatte?" "Ich glaube, das hat er vor ihr verheimlicht, er hat wahrscheinlich befürchtet, daß sie darüber ins endlose Grübeln gerät. Er hat ihn mir geschenkt, als ich acht oder neun war und ich wusste nichts damit anzufangen, habe ihn aber aus Respekt vor meinem Großvater aufgehoben, er hat viele Jahre zwischen meinen Spielsachen verbracht, ich habe ihn sogar manchmal mit im Puppenwagen umher gefahren, der konnte dann nicht so leicht umstürzen."

Ich hatte das Gefühl, daß Julia Sergejewna froh war, mir solche Geschichten aus ihrer Mädchenzeit zu erzählen, freilich nichts allzu Persönliches, aber doch alles Dinge, die sie niemals vergessen hatte, weil sie mehr als nur belanglose Nebensächlichkeiten darstellten. Und ich hörte ihr gern und aufmerksam zu, ich konnte dabei ungeniert ihr Gesicht betrachten, was mir bei den schönen Frauen immer das größte Vergnügen bereitete. Ich vernahm ihre Worte, verfolgte ihre Rede und schaute in ihre Augen mit den sonderbaren Pünktchen auf der Iris, auf die Nasenflügel mit ihrem mikroskopischen Beben, auf die kaum stärkere, und doch so verführerische Aufwallung ihrer Lippen, auf ihre Wimpern, die mit engelswächterhafter Strenge darauf achteten, was ihr Blick mir verriete oder verschweigt.

Ich kam ihr so nahe, daß ich ihren Duft einfangen konnte, den ich dann in meinen Sinnen eine kurze Weile aufbewahrte, bis er sich wieder verflüchtigt hatte. Oh, ich war so begierig danach, daß ich Unmengen davon eingeheimst und nach Hause geschleppt hätte wie einer der wenigen Glücklichen, denen einmal im Leben Zugang zum Harem des Sultans gewährt worden war. Sie bekam für mich wirklich etwas Märchenhaftes. Und ich war der geheimnisvolle Fremde; unsere Wege kreuzten sich. Was für eine übermächtige Zauberin kann die Einbildung sein! Und was für eine erbarmungslose Betrügerin.

Ich musste mich jedesmal zwingen, Naryschkins Hof wieder zu verlassen, und ich bin sicher, daß Pawel Kusnezow, der Verwalter, ziemlich bald mitgekriegt hatte, daß ich Julia Sergejewna geradezu aufgelauert habe, wenn die Rechenstunde vorbei war, denn ein Schlitzohr wie er konnte jede Verstellung durchschauen, und wenn ich mich richtig entsinne, habe ich weiter oben schon einmal erwähnt, daß ich im "So tun als ob" nicht besonders überzeugend bin.

Ich meinte auch, Julia würde mir die Sache mit jedem Male leichter machen. Bald musste ich sie nicht mehr suchen, um ihr mit irgendeinem fadenscheinigen Anliegen etwas von ihrer Zeit abzugewinnen, sondern sie kam von sich aus auf mich zu, wenn auch niemals auf direkten Weg. Einmal hatte sie Anna ein Zettelchen für mich gegeben, auf dem stand: "Nikolai Alexandrowitsch! Mein Gemahl Jefim Nikolajewitsch hat in den Aufzeichnungen unserer Kinder einen groben Fehler entdeckt. Bitte klären Sie das auf! J.S.Naryschkina" Ich fragte die beiden, wer ihre Übungen nachgesehen habe, Fjodor sagte, ihre Mama hätte das getan, Anna schwieg dazu.

Ich sprach mit Julia Sergejewna, ich fragte, um welche Berechnung es sich genau handelte. Sie war sich nicht ganz sicher, wiederholte bloß, ihr Mann habe bei der Durchsicht einen Fehler festgestellt. Ich hatte einige der Arbeitsblätter dabei, aber nicht alle. Wir standen beide an der Kommode im Gartenhaus (wohin sie mich gerufen hatte) vor den ausgebreiteten Papieren, Julia's Blick ging wahllos darüber hinweg, sie sagte "Nein, das ist es nicht, es muss wohl bei den anderen Aufgaben sein."

Dann fingerte sie ziemlich nervös an ihrer Halskette aus rosafarbenen Korallen herum. Ich sah, wie ihre Nasenflügel vibrierten wie bei einer Spitzmaus, die in der Luft schnuppert, es machte mich schier verrückt vor Erregung. Um davon abzulenken, fragte ich "Wo ist Ihre Perlenkette?" Sie fuhr jäh herum, "Wie bitte?" "Sonst tragen Sie immer die Perlenkette." Sie legte die flache Hand darauf, als wollte sie sie schützen, aber dann sagte sie sehr sanftmütig "Gefällt Ihnen diese hier nicht?" "Doch, sie steht Ihnen ausgezeichnet."

Ich konnte die Sache mit dem Fehler nicht anders deuten, als daß Julia ihrerseits einen Grund gesucht und gefunden hatte, um mich zu sprechen. Ich wollte auch gar nicht wissen, ob Jefim Nikolajewitsch die Aufgaben tatsächlich überprüft hatte - wohl eher nicht (und Annas Schweigen auf meine Nachfrage bestärkte mich in dieser Annahme). Ich versetzte mich für einen Moment in Julias Lage und fand, daß dieser Vorwand, so kindisch er im Grunde war, zugleich einen harmlosen Anschein hatte, der sie von jeglichen Hintergedanken freisprach. Es war klar, daß zumindest Anna den Zettel gelesen hatte, aber es war immerhin denkbar und möglich, daß es diesen "groben Fehler" wirklich an irgendeiner Stelle gibt - ich hatte nie behauptet, dagegen gefeit zu sein. Wenn ich - so Julias Überlegung aus meiner Sicht - diese Botschaft richtig verstehen würde, dann verzichtete ich wohlweislich darauf, Jefim Nikolajewitsch zu bitten, mir diesen Fehler zu zeigen. Und genau so verhielt ich mich.

Beim nächsten Mal trug Julia wieder die Perlenkette, und sie entschuldigte sich quasi für diesen "kleinen Lapsus", "Da war wohl irgendetwas nicht ganz evident gewesen ... sagen die Mathematiker nicht so?" Ich zeigte meinerseits Entgegenkommen, "Ja, manchmal vergisst man in der Eile einen wichtigen Zwischenschritt zu notieren." Ich meinte, damit wäre die Sache abgetan, doch nach einer Pause fragte sie "Haben Sie den Zettel noch?" Ich sagte "Nein, ich habe ihn schon weggeworfen." "Hm hm", machte sie zufrieden und legte zwei Finger an ihre Perlenkette, wie zum Zeichen, daß uns etwas verbindet. "Darf ich Ihnen noch etwas Tee nachschenken", fragte sie mich, und ich reichte ihr meine Tasse. Aber in diesem Moment überfiel mich eine meiner berüchtigten Angst Attacken (von denen ich damals noch nicht wusste, daß sie in Wahrheit Ausdruck meiner hemmungslosen Begierde sind und die Angst nur die Angst davor, daß mir etwas entgehen könnte, noch bevor ich es in Besitz genommen habe.)

Meine Hand zitterte, ja in einem unwillkürlichen Reflex gab ich dem Geschirr einen Stoß und die Tasse fiel hart auf den Steinfußboden, ausgerechnet neben den Teppich. Sie zersprang in Scherben. "Oh, verdammt!", rief ich, aber Julia zwang sich zur Gelassenheit. "Nicht weiter tragisch", tröstete sie und holte rasch Kehrschaufel und Handfeger herbei. Ich nahm es ihr ab und schob die kläglichen Reste zusammen, ich sagte "Ich werde Ihnen selbstverständlich eine neue besorgen." "Wie wollen Sie das machen? Dieses Geschirr stammt aus Japan." Ich sagte "Ich habe einen Onkel in Japan, ich brauche ihm bloß Bescheid zu sagen, er schickt uns ein komplettes neues Service." Sie lachte und ich lachte auch, ich war so froh, daß sie's auf die leichte Schulter nahm.

Wir bemühten uns beide, das kleine Malheur schnell vergessen zu machen. Julia gab mir eine andere Tasse und schenkte ein. Ich hatte plötzlich das Gefühl, als wäre mit dem hellen Pling!, mit dem die zarte Tasse zersprungen war, eine letzte Fessel zerrissen, die uns beide noch voneinander abgehalten hatte. Sie stand auf und trat an die große Fensterscheibe, sie sagte "Oh, es fängt an zu regnen." Ich ging zu ihr, sie sah schweigend hinaus, ich legte meine Hände an ihre Taille, sie sagte "Sind Sie verrückt geworden, man kann uns von draußen sehen!", und ich drängte sie zur Seite neben die Gardine.

In der Stadt traf ich Andrej Tschistjakow, den Journalisten, der mit seinem halbwüchsigen Sohn bei dem Ausflug dabei war. Ich hatte genug Vertrauen zu ihm gewonnen, um ihn über einige Dinge auszufragen, insbesondere über jene seltsamen Geschäftspraktiken, die mit der Ablösung der Ländereien aus dem Gutsbesitz durch die jetzt freien Bauern zusammenhingen und über die ich bei unseren Erhebungen einiges mitbekommen hatte, freilich nur gerüchteweise, denn niemand - und schon gar kein Gutsherr - wollte offen darüber sprechen.

Ja, da sei auf dem Gebiet der "Finanzwirtschaft" einiges in Bewegung geraten, sagte Andrej. Zum einen sollten für die Bauern Möglichkeiten geschaffen werden, an Geld heranzukommen, mit dem sie Land für sich selbst erwerben können. "Das geht in den allermeisten Fällen nur über einen Kredit." (Darauf hatte auch schon der Adelsmarschall hingewiesen.) "Die staatliche Kreditbank", sagte Andrej weiter, "ist vor kurzem geschlossen worden." "Wie denn das?", fragte ich verwundert, "Wird sie denn nicht dringender denn je gebraucht?"

"Das Geld wird gebraucht. Aber es ist wie immer die Frage, von wem es kommen soll. Offensichtlich war die Kreditbank wenig zuversichtlich, was die Garantie betrifft, daß die Schulden auch bedient werden können. Das ist leicht nachvollziehbar, denn ein solches monopolistisches Institut hätte niemals die Handhabe, den Geldabfluss in den Gouvernements zu kontrollieren, und man muss bedenken, daß bei uns in Russland überall da, wo viel Geld im Spiel ist, in erster Linie die Korruption floriert.

Also versucht man die Sache zu dezentralisieren. Es werden immer mehr Adelsbanken gegründet. Die gab es auch vorher schon. Aber - und das ist der zweite Punkt - sie waren in desolater Verfassung. Ich verrate Ihnen sicher nichts Neues, Nikolai, wenn ich sage, daß sehr viele unserer Adligen in Wahrheit pleite sind, nur auf Pump leben und ohnehin schon auf einem Berg von Schulden sitzen. Diese Gutsbesitzer sehen in den neuen Verordnungen die Chance, sich zu sanieren."

Ich sagte "Wieso sollten die neuen Banken denn auf einmal mehr Vertrauen in diese Leute setzen?" "Nein, das tun sie nicht", erwiderte Andrej, "aber das Geschäft wird neu geordnet. Wissen Sie, die Idee von der Aufhebung der Leibeigenschaft und die Freilassung der Bauern sind ja an sich nicht schlecht. Unser Zar, oder sagen wir besser die Regierung, versucht dadurch die Bauern - und das sind nun mal bei uns immer noch diejenigen, die den größten Anteil an der Volkswirtschaft haben - zu Eigennützigen im wahrsten Sinne zu machen. Man hat den Bauern oft als Dummkopf und Faulpelz verschrien. Aber der eigentliche Faulpelz ist der Gutsbesitzer mit seiner Gleichgültigkeit und seinem Fatalismus, die eine verheerende Wirkung auf ebenjene Volkswirtschaft haben. Von denen ist nichts zu erwarten, was uns wirklich weiterbringen würde."

Ich sagte "Aber ihnen gehört nun mal das Land." "So ist es, und das soll geändert werden. Also muss man dem Bauern Geld leihen, damit er welches erwerben kann. Ich habe auch schon von 'Bauernbanken', eine Art Kreditgenossenschaften, gehört, die sich gegründet haben, aber da wäre ich skeptisch, ich glaube, der Bauer versteht nichts davon und wird am Ende nur betrogen. Einer der größten Bankiers, die gerade von sich reden machen, ist Isaja Ginzburg. Nun, ich habe nichts gegen die Juden im allgemeinen, aber man muss kein Antisemit sein, um vorauszusehen, daß diese jüdischen Finanziers dabei den größten Reibach machen werden."

Ich sagte "Darauf hatte Jefim Nikolajewitsch Naryschkin auch schon angespielt." Andrej horchte auf, "Sind Sie mit Naryschkin eng befreundet?" Ich wehrte entschieden ab, ich sagte, ich hätte seinen Kindern "aus reiner Freundlichkeit Julia Sergejewna gegenüber" ein paarmal Unterricht erteilt. Andrej hob den Zeigefinger und sagte "Naryschkin ist so einer! Er gibt seinen freigelassenen Bauern Kredit, mit dem sie sich von ihm Land kaufen können, sie haben damit eine doppelte Belastung und bleiben bis an ihre Lebensende seine Schuldner. Er selbst holt sich das Geld, das er ihnen leiht, von der Bank. Von dem, was er von seinen Bauern bekommt, kann er zugleich seine eigenen Schulden zurückzahlen und selbst noch gut leben."

"Aber das ist doch nicht illegal." "Das hat auch keiner behauptet. Und es ist vielleicht sogar das, was sich die Regierung unter der neuen Wirtschaft vorstellt. Der Staat muss dabei auch nicht mehr den großen Geldgeber spielen, sondern nur darauf achten, daß ihm die Steuern zufließen." (Jetzt wurde mir auch klar, wieso wir unsere Berichte an das Finanzministerium schickten. Die Beamten wollten einen Überblick über die Geschäfte erhalten, ohne selbst unmittelbar daran beteiligt zu sein.)

Andrej sagte "Naryschkin hat allerdings ein kleines Problem: nicht alle seine Bauern wollen da mitmachen, viele wollen sich nicht in eine solche neue Abhängigkeit begeben, die aus ihrer Sicht viel schlimmer ist als die alte Leibeigenschaft. Und diese vermaledeite Übergangszeit, die das Manifest einräumt, bringt sie in Teufelsküche. Bei Naryschkin hat es einige böse Vorkommnisse gegeben, und wenn er nicht seinen Verwalter hätte, der hart durchgreift, sähe es bei ihm ganz anders aus."

"Sie meinen Pawel Kusnezow?" "Ja. Kennen Sie ihn näher?" "Nein." Andrej sagte "Vor dem nehmen Sie sich bloß in Acht!", und ich befürchtete plötzlich, daß meine Beziehung zu Julia Sergejewna bereits aufgedeckt worden war. "Kusnezow ist der wahre Herr auf Naryschkins Gut, er bestimmt, was getan wird. Er ist ein Bauer, aber er hat vermutlich mehr Geld als Naryschkin selbst." "Ist das wahr?" "Er hat ihm in der Vergangenheit mehrmals aus der Bredouille geholfen. Aber nicht aus Freundschaft oder gutem Willen. Er hasst Naryschkin und seine Sippe, Naryschkins Vater hat seiner Familie viel Leid und Schmerz zugefügt. Jetzt wird auch Kusnezow von den neuen Verordnungen profitieren - viel mehr als andere, dieser Typ von Bauer ist der eigentliche Gewinner der Veränderung. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis er den Spieß umdreht und Naryschkin von sich abhängig macht."

Als ich das nächste Mal bei den Naryschkins war, sollte ich Zeuge eines höchst bedrückenden Schauspiels werden, welches das, was Andrej Tschistjakow mir mitgeteilt hatte, auf drastische Weise bestätigte. Zuerst konnte ich niemanden finden, von den Kindern, von Nikita, von Julia Sergejewna fehlte jede Spur! Das Haus war wie verlassen, nicht einmal vom Personal war jemand zu sehen. Da vermeinte ich von fern Rufe zu hören. Doch als ich mich vergewisserte, waren es nicht Rufe, sondern Schreie eines Mannes, die von weiter hinten auf dem Gelände kamen.

Ich ging dorthin, und zwischen den Hütten auf einem freien Platz erblickte ich eine Ansammlung von Menschen. Da stand eine Gruppe von Bauern, zusammengedrängt und von einer Abordnung Soldaten mit ihren mit Bajonetten bestückten Gewehren in Schach gehalten. Manche der Bauern hatten sich die Mütze vom Kopf gerissen und hielten sie an die Brust gedrückt, wie zum Zeichen ihrer Erschütterung und Trauer, einige beteten, ein paar waren gar auf die Knie gesunken.

Ihnen gegenüber stand Jefim Nikolajewitsch mit ausdruckslosem, aschfahlen Gesicht. Neben ihm der Offizier, der die Soldaten befehligte. Außerdem erkannte ich Oleg Krusow, der Isprawnik, der am Anfang mit uns mitgefahren war. Irgendjemand hatte uns erzählt, daß er in seiner schmucken Uniform aus dem Hinterhalt mit Fäkalien beworfen worden war, und mir schien, als ich mich jetzt vom ersten Schock erholt hatte, daß sein Schneid völlig dahingeschwunden war. Zwei, drei Schritte vor ihnen stand Pawel Kusnezow, stämmig, breitbeinig, die Hände in die Seiten gestützt, wie ein Oberaufseher, er verzog keine Miene. Ein Stück daneben waren einige Leute vom Gesinde (aber niemand von Naryschkins Familie).

Alle Blicke richteten sich auf die Mitte des Platzes, wo eine schmale Stalltür aus Holzlatten mittels Balken schräg aufgestellt war. Darauf lag bäuchlings ein Mann mit nacktem Oberkörper, dessen Arme an den Handgelenken fest an das Gestell gebunden waren, und ein Bursche, dem die gewalttätige Dummheit aus der Fratze sprang, ließ eine Weidenrute (wie sie Julia Sergejewna in ihre Bohnenbeete gesteckt hatte) mit aller Rücksichtslosigkeit und mit einem Pfeifen, das die Luft wie mit der Klinge zerschnitt, auf den bloßen Rücken des Mannes niedersausen, der von den Hieben schon ganz aufgerissen und blutüberströmt war. Von ihm stammten die Schreie, aber als ich hinzukam, war er schon halb bewusstlos und jammerte nur noch.

Neben dem Holzgestell lagen zwei weitere Bauern am Boden, welche ihre Züchtigung bereits hinter sich hatten, dem einen zuckten nur noch hilflos die Glieder, der andere vermochte seinen Oberkörper halb aufrecht zu halten und er schaute mit flehentlichem Blick zum Himmel, als könnte er von dort die Erlösung empfangen.

Beim ersten Anblick wollte sich mir fast der Magen umdrehen. Ich schlich mich unauffällig zu dem Gesinde, aber Jefim Nikolajewitsch hatte mich bemerkt, dann verfolgte er weiter ungerührt die Tortur. Ich dachte daran, mich wieder zu entfernen, aber ehrlichgesagt befürchtete ich, mir den Zorn oder die Verachtung Naryschkins zuzuziehen, was ich beides nicht auf mich nehmen wollte - weniger aus Respekt vor ihm, als vielmehr um mich selbst davor zu schützen. Ich wechselte dann bloß ein paar Worte mit ihm, ließ mir sagen, was diese "aufsässigen" Bauern verbrochen hatten und fragte, als wäre das Geschehen spurlos an mir vorübergegangen, wo sich Nikita Timofejewitsch und die beiden Kinder befänden. Naryschkin erwiderte lediglich, sie wären heute den ganzen Tag außer Haus.

Tatsächlich war Pawel Kusnezow, obwohl er die ganze Prozedur nur wie ein Bevollmächtigter überwacht hatte, als die dominierende Person aufgetreten. Ganz sicher hatte er die drei Delinquenten geschnappt und ihre Strafe festgelegt, hatte die Aufführung inszeniert, obwohl er natürlich keine Ahnung hatte, was eine Inszenierung ist, hatte den Bauern unter seiner Knute zeigen wollen, wer hier das Sagen und die Gewalt über sie hat, damit sie nicht auf ähnliche Übeltaten verfallen.

Und er hatte Naryschkin unmissverständlich klargemacht, daß er für ihn unverzichtbar ist und er sich nicht getrauen sollte, ihm, Kusnezow, irgendwelche hinterfotzigen Vereinbarungen aufzuschwatzen, die er vielleicht aus dem Kaiserlichen Manifest herausgelesen oder hineingedeutet hat. Wie ich hinterher erfuhr, hatte Kusnezow selbst dafür gesorgt, daß Naryschkins Frau und Kinder abwesend waren. Übrigens würdigte er mich keines Blickes, obwohl er mich fast streifte, als er vorbei ging. Das hätte mir ein deutliches Warnzeichen sein sollen, aber ich glaubte nicht, daß er es auch auf mich abgesehen hatte.

Und dann folgte eins aufs andere. Zuerst wurde mein Chef Gobeljew krank. Das geschah praktisch über Nacht. Er war außerstande weiterzuarbeiten. Er übergab mir in großer Eile alle Dokumente und Papiere, versprach, mir umgehend einen Ersatz für ihn zu schicken, und reiste noch am selben Tag nach Petersburg ab. Ich versuchte so gut es ging, meine Pflichten zu erfüllen, aber ich kam mir vor wie jemand, den man irgendwo auf freier Strecke ausgesetzt und dem man gesagt hatte, er solle da solange warten, bis er abgeholt werde.

Dann rief mich der Adelsmarschall Litorenko zu sich (er wusste offenbar inzwischen, daß ich nur noch allein war). Er sagte, diese Berichte und Listen, welche wir nach Petersburg geschickt haben, wären völlig inkorrekt und stellenweise so falsch, daß man dahinter eine Absicht vermuten könnte. Ich sagte, das sei ganz unmöglich, ich verbürgte mich dafür, daß alle Angaben und Berechnungen aufs sorgfältigste aufgezeichnet und ausgeführt wurden.

Der Adelsmarschall zeigte mir ein paar Abschriften, die angeblich von unseren Dokumenten stammten, ich konnte mir nicht genau erklären, wie er überhaupt dazu gekommen war. Und so aus dem Zusammenhang gerissen, war es schwierig für mich, seine Vorwürfe zu entkräften, schließlich hatte ich die genauen Daten nicht im Kopf behalten. Er zeigte mir mehrere Stellen, wo offensichtlich nicht einmal die Ortsbezeichnungen und die Namen der Gutsbesitzer stimmten, von anderen Angaben über die Anzahl der Revisionsseelen oder die Größe der Ländereien ganz zu schweigen, Litorenko hatte überall eigene Aufstellungen und er hatte unsere Zahlen rot umkringelt.

Dennoch schien er mir zu glauben, als ich beteuerte, alles gründlich und gewissenhaft geprüft zu haben. Er behandelte mich wie einen Laufburschen, dem man ein Missgeschick in die Schuhe schieben wollte. Er sagte "Dann könnte uns wohl nur Herr Gobeljew über diese eklatante Diskrepanz aufklären." Er empfahl mir, mich mit den übergeordneten Stellen in Petersburg in Verbindung zu setzen und "wenn möglich" Gobeljew selbst um Auskunft zu ersuchen.

Ich kann nicht mit Gewissheit sagen, ob Litorenko ahnte, daß ich nichts dergleichen unternahm, aber ich denke, wir durchschauten uns gegenseitig. Die Art und Weise, wie er mir "seine Version" präsentierte, gab mir zu verstehen, daß es ihm einzig und allein darum ging, unsere Darstellung der tatsächlichen Verhältnisse jederzeit zu seinem eigenen Vorteil anzufechten, wenn das vor irgendeiner höheren Instanz nötig wäre.

Als ich bei Julia Sergejewna war, sah ich die Tränen in ihren Augen. Einer der von Kusnezow und unter der Zustimmung ihres Mannes bestraften Bauern hatte ihr oft im Garten geholfen, sie kannte ihn persönlich und schätzte seine ehrliche und freundliche Art. Obwohl sie seine Auspeitschung nicht hatte mitansehen müssen, erfuhr sie von ihrem Personal über deren Hergang. Ich glaube, sie war gleichermaßen bestürzt über die Rohheit ihres Gatten wie über die Durchtriebenheit seines Verwalters, sie hasste Kusnezow, wie sie mir zuvor schon einmal gesagt hatte. Sie war überzeugt, daß Kusnezow sie und ihre Familie insgeheim zugrunderichten wollte.

Bei diesem Treffen, unserm letzten, machte Julia eine seltsame Bemerkung, sie sagte "Nikolai, wenn es diesen Onkel in Japan, von dem Sie gesprochen haben, wirklich gibt, dann hätten Sie großes Glück und könnten vielleicht vieles rückgängig machen." Ich dachte in diesem Moment an die kaputte Teetasse, aber es war natürlich viel mehr, was sie damit andeuten wollte. Daß es nämlich nicht wiedergutzumachen sei, weil ich diesen Onkel im Scherz erfunden hatte. Und wahrscheinlich waren ihr die Scherben an jenem Tag auf dem Steinfußboden des Gartenhauses als unheilvolles Zeichen erschienen. Denn obwohl sie sich oft über die Allüren ihrer Großmutter lustig machte, so schien doch eine Menge davon in ihrem eigenen Wesen zu stecken.

Drei Tage später erschien der Major Talberg bei mir und überbrachte die Forderung Naryschkins zum Duell. Niemand anderes als Pawel Kusnezow hatte mich bei ihm verraten. (Als ich mich mit Julia in der Stadt getroffen hatte, glaubte ich einmal, ihn auf der andern Straßenseite erblickt zu haben, vermutlich war er uns schon längst nachgeschlichen.) Naryschkin hatte den Major um seine Hilfe gebeten, weil er in dieser Angelegenheit völlig unvoreingenommen war, er wusste nicht einmal, was genau vorgefallen war. Immerhin hörte ich von ihm, daß Julia Sergejewna sich gegenüber ihrem Gatten offenbart hatte, nachdem sie mit den Anschuldigungen seitens Kusnezows konfrontiert worden war.

Der Major zeigte mir die beiden Pistolen und erkundigte sich, ob ich damit umgehen könne, ich ließ es mir vorsichtshalber noch einmal erklären, aber ich hörte nur mit halbem Ohr zu, während ich mir verzweifelt klarzumachen versuchte, was ich eigentlich angerichtet hatte. Er informierte mich auch über den Ablauf des Duells und was ich unbedingt zu beachten hätte, er nannte mir den genauen Zeitpunkt und den Ort. Erst zuletzt fragte er, als würde er sich selbst damit überraschen: "Ich gehe doch davon aus, daß Sie die Forderung annehmen?"

Es war ein trüber, nasskalter Tag und ein Ort außerhalb der Stadt, wo man nicht mal einen herrenlosen toten Hund begraben hätte. Ich war mit der Kutsche des Adelsmarschalls hergekommen, die er auch nach Gobeljews Abgang noch nicht zurückgefordert hatte (jetzt dachte ich, vielleicht hatte er bis zu dieser "Verabredung" warten wollen). Ich hatte Andrej Tschistjakow als meinen Sekundanten für mich gewinnen können, er versuchte, mich zu beruhigen. Ich kann nicht sagen, daß ich Angst verspürte. Meine Gedanken kreisten um Julia, ich hätte sofort mein Leben dafür geopfert, daß sie mir verzeiht. Aber ich sollte sie nie wiedersehen.

Naryschkin trug einen feinen, dunklen Anzug, er schwieg, er schien sehr gefasst. Außer dem Major waren, auf Naryschkins Seite, ein Mann, den ich nie vorher gesehen hatte, sowie ein Arzt und dessen Gehilfe anwesend. Ich dachte, Gott sei Dank ist nicht Maria Michailowna dabei (die den Major vom Boot geschubst hatte), das wäre mir wahrlich peinlich gewesen - aber es war wohl nur Galgenhumor, der mich jetzt überfiel.

Ich machte alles genauso, wie der Major mich darauf vorbereitet hatte. Ich achtete auf die Kommandos, ich machte die vorgeschriebene Anzahl Schritte, ich drehte mich um, bohrte meinen Blick auf Naryschkin und zielte. Dann verspürte ich eine völlige (und ich muss gestehen, eine nicht unangenehme) Leere in meinem Kopf, es hallte ein Schuss und ohne Pause danach ein zweiter - der war anscheinend von mir. Ich wartete darauf, einen Schmerz zu fühlen, aber er blieb aus. Da sah ich, wie Naryschkin zusammenbrach. Der Arzt kümmerte sich um ihn, während der Major mir die Waffe aus der Hand nahm.

Erst unmittelbar danach überkam mich das große Zittern, ich glaubte, alle meine unwillkürlichen Reflexe würden sich gleichzeitig entladen, Andrej packte mich und zerrte mich zur Seite, er drückte mir eine Wodkaflasche an den Mund (ich hätte sie gar nicht halten können) und flößte mir einen kräftigen Schluck daraus ein.

Meine Kugel hatte Jefim Nikolajewitsch in die linke Seite getroffen und um eine Handbreit das Herz verfehlt, aber eine ziemlich große Wunde verursacht. Er wurde ins städtische Krankenhaus geschafft (wo der Arzt auch behandelnder Chirurg war) und dort stellte man fest, daß er ein übles Magengeschwür hatte - das kranke Gewebe war durch die Schussverletzung in Mitleidenschaft gezogen worden. Er hatte viel Blut verloren und war einige Zeit bewusstlos. (Ich habe all' diese Informationen vom Major bekommen, der sich auch nach dem Duell wie ein neutraler Beteiligter verhielt. Selbstverständlich fragte ich ihn nicht nach Naryschkins Gemahlin.)

Man hatte die Verletzung und seine innere Erkrankung behandelt und ihn zur Beobachtung und Pflege noch zwei weitere Tage im Krankenhaus belassen. Ich konnte nicht anders und wollte ihn besuchen. Ich wusste nicht, was ich sagen, überhaupt wie ich mich verhalten sollte - ich wollte ihm nur zeigen, daß es mir unendlich leid tut. Aber er lehnte es ab, mich zu sehen.

Als ich auf dem Flur war, der zum Ausgang führte, hörte ich hinter mir Anna rufen "Nikolai Alexandrowitsch, warten Sie!" Ich verharrte und drehte mich um. Anna hatte Fjodor an der Hand, sie kamen auf mich zu und blieben vor mir stehen, ich sah, daß Fjodor den Tränen nahe war. Anna schaute mir mit einem Blick voll abgrundtiefer Verachtung, den ich niemals mehr aus meinem Gedächtnis löschen kann, ins Gesicht und fauchte: "Ich wollte Ihnen bloß sagen, was für ein Arsch Sie sind!" Sie ließen mich allein zurück, und keiner von beiden drehte sich nochmal um.

Im Ministerium in Petersburg hatte man natürlich von dem Vorfall erfahren, ich vermutete, daß der Adelsmarschall Litorenko dafür gesorgt hatte. Ich wurde umgehend zurückberufen und bekam ein Disziplinarverfahren wegen "grob fahrlässiger Körperverletzung eines Gutsbesitzers" (nirgends war von einem Duell die Rede). Ich befürchtete eine Gefängnisstrafe und natürlich den Verlust meiner Stellung.

Da tauchte auf einmal Gobeljew, mein Chef in S., auf, er hatte sich augenscheinlich von seiner Krankheit völlig erholt. Er war über alles im Bilde, er sagte "Menschenskind, Novadin! Was haben Sie sich nur dabei gedacht, mit dieser Frau eine Affäre anzufangen." Ich konnte mir nicht vorstellen, daß er extra zu mir gekommen war, um mir nachträglich ins Gewissen zu reden. Ich erzählte ihm von den Auffälligkeiten in den Berichten, die der Adelsmarschall entdeckt hatte, und Gobeljew begriff sofort, worauf ich hinauswollte. Er sagte, es sei inzwischen bei den Behörden alles richtiggestellt worden, doch ich entgegnete, daß ich ihm das nicht abnehme.

Da wurde er fuchtig. Was ich mir einbildete, ihn zu kritisieren, und was ich denn glaubte, wie die Herren aus dem Ministerium darauf reagieren würden, wenn ich mit solchen Anschuldigungen daherkäme! (Ich hatte ja noch gar keine geäußert.) Er rief "In Ihrer Lage wäre ich ganz vorsichtig mit irgendwelchen Behauptungen, das könnte Sie nur noch tiefer hinabstürzen." Ich sagte "Ja, es könnte Sie aber auch mitreißen."

Schließlich lenkte er ein und sagte, er werde versuchen, an federführender Stelle ein gutes Wort für mich einzulegen, wenn ich mich im Gegenzug ruhig verhielte. So kam es, daß mir nach Abschluss meines Verfahrens eine Bewährungsstrafe auferlegt wurde, die mit einer Versetzung einherging. Warum ich dann ausgerechnet bei Nikita Jefremowitsch Preguschin und der Sektion VIII landete, weiß ich nicht. Vielleicht hing es mit meiner deutschen Abstammung zusammen und damit, daß ich gut deutsch sprechen konnte, vielleicht suchte man so jemand für einen besonderen Einsatz.

Als der Schriftsteller und ehemalige politische Häftling Dostojewski aus der Verbannung zurückkehrte und bald darauf nach Westeuropa reiste, wo er nachweislich mit Alexander Herzen zusammentraf, der mit seiner Zeitschrift Kolokol antirussische Hetze betrieb, da war ich wohl der richtige Mann, um Dostojewski und seine Aktivitäten auszuspähen, obwohl ich bis dahin so gut wie nichts über ihn wusste. Aber mir blieb ja auch keine andere Wahl, als den Weisungen meines Führungsoffiziers Preguschin zu gehorchen.

* * * * *

Ich hatte meinen Bericht an jener Stelle unterbrochen, als ich mit Friedrich Gerstäcker in dem thüringischen Gasthof saß. Am darauffolgenden Tag brachten wir seine Kisten mit den Gewehren und der Munition, die frühmorgens noch eingetroffen war, auf die Eisenbahn nach Dresden. Unterwegs gab es eine Umleitung, weil die Preußen eine Brücke gesprengt hatten. Desweiteren wurde der Zug mehrmals angehalten, angeblich um preußische Soldaten aufzunehmen, wir sahen aber nur ein paar Versprengte, die sich wohl verlaufen hatten. Gerstäcker blieb ganz ruhig, aber immer nahe bei seiner Fracht. Er war ein Pfiffikus, wenn es ums Organisieren ging. In Dresden wartete bereits ein Pferdefuhrwerk, um die Ladung zu übernehmen. Aber er musste sich sehr beeilen, damit er seine Abnehmer noch rechtzeitig erreichte. Wir verabschiedeten uns, und er versprach, sich "nach dem Krieg" wieder bei mir zu melden, "es wird nicht allzu lange dauern, ich hoffe, Sie sind dann noch hier."

Ich ging ins Sächsische Ministerium, um den Freiherrn von Lentzen über die Erfüllung meiner Mission zu unterrichten und ihm die Versicherung des Coburger Herzogs zu übergeben. Er war nicht da. Stattdessen sprach ich mit einem jungen Beamten, der über die Aktion informiert war und dem ich die Dokumente und das restliche Geld aushändigte.

Ich fragte ihn, ob Aussicht bestünde, daß der Freiherr in Kürze wieder anzutreffen sei (ich wollte nicht zu neugierig sein und wissen, wo er sich aufhält). "Nicht innerhalb der nächsten zehn Tage", sagte der Beamte und war immerhin so entgegenkommend hinzuzufügen "wenn Sie wollen, kann ich ihm Bescheid sagen, daß Sie hier waren, wenn ich ihn sehe." Ich bedankte mich, dann dachte ich, wenn er schon einmal so freundlich ist, könnte ich ihn nach einem günstigen Quartier fragen, aber da entgegnete er bloß "Mein Herr, wir sind hier keine Zimmervermittlung."

Draußen auf den öffentlichen Plätzen konnte man preußische Posten stehen sehen, aber es wurde überall ein friedlicher Anschein gewahrt. Die Preußen waren, wie ich weiter oben bereits erwähnt hatte, in Dresden einmarschiert, die Sachsen gehörten nach wie vor zum Bundesheer, aus dem die Preußen ausgetreten waren. Als der General von Bittenfeld die sächsische Grenze überschritten hatte, ließ er eine Proklamation verkünden, in welcher er ausdrücklich die Sachsen als Freunde zu behandeln versprach, wenn sie sich in das unvermeidliche Geschehen fügten. Es war zu erwarten, daß die Preußen gleich weiter nach Böhmen ziehen werden, um dort auf den eigentlichen Feind, die Österreicher, zu treffen.

König Johann hatte die Stadt verlassen und war ebenfalls an der Elbe aufwärts dorthin unterwegs, um mit seinen Truppen den böhmisch-österreichischen Verbündeten beizustehen. Er hatte die Regierungsgeschäfte an eine Landeskommission übergeben, die aus fähigen Männern bestand, denen er vertrauen konnte. Ich nutzte die Zeit, in der ich auf Lentzens Rückkehr hoffte, um mich über all' diese Umstände und Vorgänge kundig zu machen. Ich erfuhr auch, daß der Kronprinz die sächsischen Bataillone befehligte, unter denen wahrscheinlich irgendwo die Schützen waren, welche mit Gerstäckers famosen Zündnadelgewehren den Gegner unter Feuer nahmen.

Aber die anderen hatten auch welche und genaugenommen stammten sie sowieso aus preußischer Produktion. Überhaupt schien es, daß die Preußen ihren Feldzug besser vorbereitet und geplant hatten, nicht nur hinsichtlich ihrer Bewaffnung und Ausrüstung, sondern auch mit dem Transport der Truppen und dem Nachschub per Eisenbahn sowie der Versorgung hinter den Linien. Wie man mir erzählte, waren in Sachsen so gut wie alle verfügbaren Reitpferde konfisziert worden (das war es wohl unter anderem, was General von Bittenfeld von seinen "Freunden" im Gegenzug dafür verlangt hatte, daß er sie im übrigen verschonte).

Bei Königgrätz, wo dann die Schlacht entschieden wurde, fand, wie hinterher in den Zeitungen zu lesen war, bis dato das größte Reitergefecht der Militärgeschichte statt, mehr als zehntausend Pferde sollen dabei zum Einsatz und unzählige davon zu Tode gekommen sein, entweder mitten im Kampfgetümmel oder unmittelbar danach, weil sie von ihren Qualen, verursacht durch schwerste Verletzungen, erlöst werden mussten.

Gerstäcker, der selbst einigermaßen unversehrt nach Dresden zurückkehrte (er hatte sich "bloß" den linken Arm gebrochen), beklagte am meisten das Schicksal dieser Pferde, die zum Kriegsdienst missbraucht wurden und ohnehin "seit Jahrhunderten von dummen und widerwärtigen Menschen geschunden werden." Er hatte sich abwenden müssen, um nicht länger in die vielen vor unsäglicher Angst und Hilflosigkeit weit aufgerissenen Augen blicken zu müssen.

Er hatte sich, entgegen seiner ursprünglichen Absicht, dann doch am Kampf beteiligt, überdies zu einem Zeitpunkt, als die Österreicher dabei waren, in panischer Flucht das Feld zu räumen. Er sagte, er habe nicht mitansehen können, wie die tapferen Sachsen, die wahrscheinlich noch länger standgehalten hätten, im Stich gelassen und der preußischen Übermacht schutzlos ausgeliefert worden waren. Freilich blieb ihnen nichts anderes übrig, als sich den Österreichern an die Fersen zu heften.

Er hatte sich kurzerhand auf einen der Trainwagen geschwungen, als er sah, daß dessen Führer von einer Granate förmlich in tausend Fetzen gerissen wurde, hintendrauf lag ein Dutzend Verwundete, die auf letzte Rettung hofften, das Blut triefte an beiden Seiten herab, es verbreitete sich ein entsetzlicher Gestank. Aber es hieß, die Festung in Königgrätz habe die Tore geschlossen und verweigere die Aufnahme. Zudem hatte man bei den Wasserwerken die Schleusen geöffnet, und das ganze Terrain war geflutet worden. Man hoffte, den Feind dadurch aufzuhalten, aber vor dem Feind kamen erst die eigenen Leuten. Viele wurden von den Nachstürmenden überrannt und zu Tode getrampelt, andere versanken im Schlamm und erstickten - "ein Bild des Grauens und des Jammers", sagte Gerstäcker, dem seine Erschütterung immer noch anzumerken war.

"Plötzlich hatte ich das Wasser vor mir", berichtete er, "rechts war ein Eisenbahndamm, an dem es sich staute, aber mein Wagen wäre dabei umgekippt, wenn ich versucht hätte, die Böschung hinauf zu kommen, links war ein Hohlweg und ich sah, wie ein Teil des Wassers da hinein abfloss, viele der Flüchtenden stürzten in den vollgelaufenen Graben und schlugen dann wild um sich, um wieder heraus zu gelangen, aber schon ging die nächste Menschenwelle über sie hinweg und drückte sie erbarmungslos nach unten.

Da schlugen vor mir zwei oder drei schwere Granaten ein, die große Löcher in den Boden rissen. Dadurch war jetzt auf der einen Seite das Wasser für einen Moment so seicht geworden, daß ich es wagen konnte, hindurch zu fahren. Aber ich war nicht der einzige mit dieser glorreichen Idee, und einer versuchte, vom Pferd aus unsern Wagen zu erklimmen, er hielt sich mit Leibeskräften daran fest und ich merkte, wie er uns behinderte, da drosch ich mit der Peitsche solange auf ihn ein, bis er uns fahrenließ, dann sah ich ihn vom Pferd stürzen. Armer Kerl! Aber ich konnte ihm nicht helfen.

Wir schafften es bis zu einem Bahnhof, doch auch da war alles verrammelt. Ich entdeckte weiter vorn eine Anhöhe mit einem Wäldchen, und als wir dort ankamen, sah ich, daß sich schon andere bis hierher in Sicherheit gebracht hatten, da lagen alle hübsch beieinander, Österreicher, Sachsen, Italiener, Bayern, Tschechen, selbst einige Preußen, die beim ersten Ansturm eins auf die Mütze gekriegt hatten.

Glücklicherweise waren auch zwei Sanitätsfuhrwerke dem Desaster entronnen, und die meisten der Verwundeten auf meinem Wagen konnten gerettet werden, aber ein paar hatten ihre Seele schon ausgehaucht. Zwei von ihnen stammten aus Pirna, einer aus Radebeul, ich fand Zettel mit den Adressen in ihren Uniformtaschen, bei einem vierten war alles vom Blut unleserlich geworden; bei den anderen habe ich den Hinterbliebenen Bescheid gesagt, habe die Sache ein bisschen schöngemalt, damit sie's leichter ertragen."

Übrigens war mittlerweile auch der Freiherr wieder in Dresden eingetroffen. Gerstäcker und ich gaben ihm eine ausführliche Schilderung unserer "Mission" betreffs der Kunstschätze, er war sehr zufrieden. Als wir unter uns waren, drückte er mir einige Geldscheine in die Hand, ehrlichgesagt konnte ich es gut gebrauchen. Er sagte, er würde es unter "besondere Aufwendungen" abrechnen, was die Sache für mich weniger verbindlich machte. Eine Kommission vom Kulturministerium holte später die Werke wieder aus Schloss Reinhardsbrunn zurück, als sich die Lage in Dresden beruhigt hatte, soviel ich weiß, bedankte sich der König persönlich beim Coburger Herzog für seine konziliante Haltung.

Nach dem Sieg bei Königgrätz hatten die Preußen ihre Vormachtstellung weiter ausgebaut und sie fanden rasch eine Reihe Fürstentümer, die ihrem neu gegründeten Bund beitraten, Österreich natürlich ausgenommen. Die Expansion der Nachkommen Friedrichs des Großen sollte damit noch lange nicht zu Ende sein.

Ich fühlte mich sehr wohl in Dresden. Ich hatte ein Zimmer in einem Haus in der Johannstadt gefunden, das preiswert und angenehm war. Es lag nicht weit von einem kleinen, versteckten Park entfernt, wohin ich manchmal an schönen Nachmittagen ging, um den Vögeln zu lauschen und über meine Zukunft nachzudenken. Ich brauchte auch nur eine Viertelstunde bis zu den Elbe Wiesen.

Ich fing an, mich für Dinge zu interessieren, die mich vorher kaum irgendwie berührt hatten. Ich spazierte zum ehemals Körner'schen Haus auf der andern Elbseite, wo Friedrich Schiller vor seiner Weimarer Zeit gewohnt hatte, ich versuchte mir - bei einem kühlen Gerstentrunk im nahegelegenen Biergarten - vorzustellen, wovon sich der Dichter inspirieren ließ; die Kellnerinnen waren jedenfalls sehr adrett.

Ich besuchte ein Klavierkonzert (das erste in meinem Leben), es wurde etwas von Schumann geboten, und meine Platznachbarin klärte mich darüber auf, daß die Familiengeschichte der Schumanns mit Dresden in engem Zusammenhang stünde - das Elternhaus seiner Gattin Clara befand sich ebenfalls am andern Elbe Ufer, gar nicht weit vom Schiller'schen Domizil entfernt. "Aber", meinte die kundige Bekannte weiter, "der alte Wieck (das war ihr Vater) ist ja von Anfang an mit seinem Schwiegersohn über Kreuz gewesen. Er hat ihm seine Tochter nicht gegönnt!" Man konnte aus seinen virtuosen Klavierstücken jedoch keinerlei Groll gegen irgendwen auf der Welt heraushören.

Eines Nachmittags ging ich in die Gemäldegalerie im Zwinger (eigentlich wollte ich nachsehen, ob die "geretteten" Kunstwerke wieder wohlbehalten an ihren Ort zurückgekehrt waren, obwohl ich nicht wusste, welche Gemälde das genau betraf, denn wir hatten sie ja nicht ausgepackt).

Da stand unter den Betrachtern von Raffael's Sixtinischer Madonna ein Mann im dunkelgrauen Anzug, mit Bart und schon etwas lichtem Haar. Er fiel mir deshalb auf, weil er mit geradezu inbrünstigem Ausdruck auf das Gemälde starrte, ganz so, als würde er mit der Gottesmutter in direkten Kontakt treten. Er war wie angewurzelt. Die anderen Besucher kamen, blieben eine Weile neugierig davor stehen, und gingen weiter. Er aber blieb unverrückbar an seiner Stelle. Dann kam eine junge Frau, die offenbar zu ihm gehörte, heran, zupfte ihn am Ärmel und sagte in munterem Ton "Fedka, ich schau' mal, was für Kaffeespezialitäten sie hier anbieten!" "Ja, ist gut", murmelte er, keineswegs erzürnt darüber, daß sie ihn aus seiner Versunkenheit geholt hatte.

Ich traf die beiden dann wieder in dem besagten Café, das sich in irgendeinem der Säle des weitläufigen Bauwerks befand, es war von angenehmer Atmosphäre und es duftete tatsächlich aufreizend nach Kaffee. Aber die Dame hatte sich für einen Eisbecher entschieden, mit dem sie gerade beschäftigt war, währenddessen der Herr ohne aufzuhören den kleinen silbernen Löffel in seiner Kaffeetasse kreisen ließ und dabei ein Prospekt studierte, das vor ihnen auf dem Tischchen lag. Sie plapperte vergnügt und ließ sich zwischendurch das Eis sichtlich genießerisch auf der Zunge zergehen, er nickte ab und zu verständnisvoll zu ihr hin.

Sie sprachen russisch miteinander, und irgendeine Ahnung ließ mich beim Anblick der beiden aufmerken. Obgleich die Frau sehr hübsch war, fehlte ihr die Lieblichkeit, wie sie den jungen Russinnen im Antlitz eigen ist, sie hatte dafür eine sehr gesunde und beinahe tatkräftige Frische auf ihren Wangen. (Sie erzählte mir später, ihre Vorfahren mütterlicherseits stammten aus Schweden.)

Kurz darauf fand ich den Mann vor einem Tizian mit dem Titel "Der Zinsgroschen", ein eher kleinformatiges Bild, dessen Motiv auf einer Episode im Evangelium basiert, in der ein übelgesinnter Mann aus Jerusalem versucht, Christus durch eine Fangfrage der schlechten Rede gegen die Obrigkeit zu überführen. Er reicht ihm einen Silbergroschen und will von ihm wissen, ob es seiner Meinung nach mit seinem Glauben an Gott vereinbar sei, so etwas profanes wie Steuern an den Kaiser zu zahlen. Und er erwartet natürlich, daß Christus dies verneint und jede Herrschaft eines Oberhauptes auf Erden ablehnt. Doch Christus fällt nicht darauf rein und erwidert mit dem Verweis auf das kaiserliche Porträt auf der Münze: "Gebt dem Kaiser, was zum Kaiser gehört, und Gott, was zu Gott gehört!"

Auf dem Tizian ist der Oberkörper der Figur Christi in voller Größe, die des andern Mannes, der ihm die Münze hinhält, nur angeschnitten dargestellt. Der besondere Reiz besteht in der doppelten Wechselwirkung ihrer Blicke und ihrer Gesten. Christus schaut seinem Widersacher direkt in die Augen, während seine helle, schlanke, beinahe zarte Hand mit zwei gespreizten Fingern nach der Münze greift, die der Andere zwischen Daumen und Zeigefinger seiner groben, klobigen Pfote hält.

Diese Beschreibung hatte ich in ebenjenem Prospekt gelesen, das mir bei den beiden im Café aufgefallen war und das ich mir daraufhin an der Kasse besorgt hatte. Die junge Frau war schon wieder anderweitig unterwegs. Ich stellte mich neben ihn und betrachtete ebenfalls das Bild, ich dachte, ich versuche es einfach und spreche ihn an, ich sagte "Irgendwie ist es schwierig zu erkennen, ob Christus die Münze gerade annimmt oder sie zurückgibt."

Er war (anders als vorhin bei seiner Begleiterin) zuerst zusammengezuckt, als ich mich an ihn wandte, drehte mir kurz den Kopf zu und schaute dann wieder aufs Bild, er sagte "Das hat etwas mit seinem Blick zu tun. Dieser Blick bezeichnet seine Entgegnung vor und nach der Provokation des Mannes. Er enthält den strafenden Ausdruck, mit dem er der unlauteren Absicht des Anderen begegnet, er sagt gleichsam 'Ich durchschaue dich, ich weiß, was du von mir willst, und es ist nichts Gutes!'

Er könnte aber auch ebensogut den Silberling bereits zurückgereicht haben, nachdem er demonstrativ auf das Kaiserporträt geschaut und seine wohlweisliche Antwort formuliert hatte. Insofern liegt eine gewisse Überlegenheit in seinem Blick, so als sagte er 'Du kannst mich mit deiner Hinterlist nicht in die Falle locken!' Es bleibt also dem Betrachter überlassen, welchen Zeitpunkt er dabei ansetzt."

Diese Deutung stand definitiv nicht in dem Prospekt und ich war beeindruckt, was er aus dieser im Grunde simplen Geste herauszulesen vermochte. Dann fügte er hinzu (als wäre ich drauf und dran, seiner Auffassung zu widersprechen) "Übrigens habe ich einmal einen Artikel von einem ... ich glaube, italienischen, Kunsthistoriker gelesen, in dem er behauptete, Tizian hätte mit dieser Geste Christi untergründig auf die Bestechlichkeit des Klerus hingewiesen und seine Miene hätte etwas von dem stillschweigenden Einverständnis, wie sie die römischen Auguren sprichwörtlich gemacht haben."

Ich sagte "Das ist ja eine Ungehörigkeit!" "Ja, nicht wahr", erwiderte er mit einem bitteren Lächeln, "es ist geradezu Ketzerei, so etwas zu unterstellen - und es einem Tizian unterzuschieben, ist obendrein ein Frevel an den größten Meistern der Kunst. Aber soweit sind wir gekommen mit unserer hochgepriesenen Freiheit des Wortes und der Macht der Kritik, jeder Dilettant kann schreiben was er will, und die meisten unserer heutigen Leser sind nicht in der Lage, zu erkennen, welche Absicht eigentlich dahintersteckt.

Die wenigsten Menschen sind imstande, sich ein eigenes Urteil oder auch bloß eine eigene Meinung zu bilden, sie nehmen bereitwillig alles auf, was man ihnen einigermaßen glaubwürdig präsentiert, und am liebsten immer dann, wenn damit etwas in den Dreck gezogen wird. Es ist leider so." Ich sagte "Gott sei Dank bleibt so ein Meisterwerk wie dieses von derartiger Verfälschung unbeschadet", und er stimmte mir zu "Ja, da können wir nur froh sein, daß es so ist. Dafür sorgt das Kraftvolle an großer und wahrhaftiger Kunst, daß nichts und niemand sie entwürdigen kann."

Ich dachte über seine Äußerungen nach. Ich meinte, aus seinen Feststellungen spräche keineswegs Resignation, auch wenn sein Lächeln ein wenig mutlos wirkte. Mir schien, er wusste mit solchen Spielarten der Niedertracht umzugehen und ihnen auf keinen Fall nachzugeben.

Erinnern Sie sich, werte Leser, noch an Oswald Kestner, den Buchhändler auf der Prager Straße? Als ich diesmal in seinen Laden kam und mich nach dem russischen Schriftsteller Fjodor Michailowitsch Dostojewski erkundigte, da zeigte er sich hocherfreut über meine Frage und gab mir unumwunden Auskunft (ich weiß nicht genau, ob er sich noch an mich und an seine damalige Verschwiegenheit erinnerte), ja, er wollte mich sogar zu seiner Wohnung führen, was ich dann aber dankend ablehnte, er wies mir den Weg dorthin.

Es hatte auch in einer kurzen Notiz in der Zeitung gestanden, daß Dostojewski, "berühmtgeworden durch seine Aufzeichnungen aus einem Totenhaus" sich nebst seiner jungen Gemahlin aus Italien kommend in der Stadt aufhalte. Ich kaufte bei dem Buchhändler ein Exemplar davon und ging damit zu dem Verfasser, um mich als großer Verehrer seiner Erzählkunst vorzustellen. Ich hatte auf Anhieb Glück und es wurde mir geöffnet.

Die Frau an der Tür war keine andere als jene, welche ich in der Gemäldegalerie und im Café gesehen - und der Mann, mit dem ich mich unterhalten hatte, war Dostojewski selbst (ich hatte ihn ja bis dahin nicht persönlich kennengelernt, und die Photographie, die sich bei Preguschin in der Sektion VIII in den Akten befand, war von so schlechter Qualität, daß man ihn leicht mit irgendwem in der Wirklichkeit verwechseln konnte).

Ich entpuppte mich als ein Landsmann und wurde freundlich aufgenommen, wollte aber nicht aufdringlich sein und blieb nicht lange, verabschiedete mich immerhin mit einer Verabredung fürs nächste Mal. So begann meine Bekanntschaft mit den beiden Dostojewskis, über die ich bereits einiges berichtet habe. Ich gestehe, es war eine herrliche Zeit, die ich in Dresden verbrachte, und wäre der eigentliche Grund meines Hierseins ein besserer gewesen, vielleicht wäre dort mein weiteres Schicksal in eine andere Bahn umgelenkt worden.

Ich besuchte in diesen Tagen auch Angelika von Lentzen, des Freiherrn Schwester, auf dem Gut in Krostau. Er hatte ihr tatsächlich von mir erzählt und von seiner Einladung, die er schon in Gotha ausgesprochen hatte. Mir war es dennoch recht, daß wir von Dresden aus gemeinsam nach Krostau fuhren, denn ich wusste nichts über die weiteren Familienverhältnisse seiner Schwester, und es wäre mir unangenehm gewesen, als "alleinreisender" Mann bei ihr mit der Tür ins Haus zu fallen. Jedoch geschah dann genau das, als Lentzen kurzfristig verhindert war. Er sagte, das würde gar kein Problem bedeuten, er habe ihr längst Bescheid gesagt und sie sei überhaupt nicht überrascht, wenn ich allein käme. Ich konnte schlechterdings nicht absagen, und wieder kam es mir auf der Fahrt dorthin so vor, als hätte Lentzen bei dieser Begegnung ein bisschen nachgeholfen.

Angelika war ein paar Jahre jünger als ihr Bruder, und als wir uns begrüßten und sie mich hereinbat, wurde mir klar, daß sie sich (offenbar nach seinen Schilderungen) eine Vorstellung von mir gemacht hatte, die sie sogleich - ohne daß es auffallen sollte - zu überprüfen beabsichtigte, sie war ein bisschen zurückhaltend und befangen, auch etwas nervös, und sie versuchte, die ersten förmlichen Minuten durch eine gewisse übertriebene Heiterkeit zu überbrücken.

Sie fragte mich nach der Reise (die kaum zwei Stunden gedauert hatte) und ob ich im allgemeinen viel unterwegs wäre, ob ich gleich hierhergefunden hätte, ob ich durstig sei und ob mir die Hitze vielleicht zu schaffen mache und dergleichen mehr. Es war in Tat, erst recht um die Mittagszeit, ziemlich heiß draußen, ich erwiderte, daß es hier im Haus ganz erträglich sei und ich mich mit einem Glas frischem Wasser gern begnügen wollte.

Sie sagte "Unser Wetterfrosch, der Herr Neblich, hat für heute Nachmittag sogar noch ein Gewitter mit Regen prophezeit", und schenkte mir ein Glas mit herrlich fruchtigem Apfelsaft ein. Ich fragte "Wie hoch ist denn die Treffsicherheit von Herrn Neblichs Wetteraussichten einzuschätzen?" "Oh, die ist ganz akzeptabel, meistens liegt er zumindest dicht daneben, er fühlt das mit seinen Knien - Tiefdruck und Hochdruck, verstehen sie." Ich sagte "Jetzt leuchtet mir auch ein, warum der Mensch zwei davon besitzt." Sie lachte und sagte "Ja, mitunter ist es aufeinander abgestimmt", ohne daß deutlich wurde, ob sich das auf mehr als nur auf Neblich's Knie bezog.

"Nennen Sie ihn bloß niemals den Wetterfrosch!", flüsterte sie vertraulich. "Um Himmels willen, nein! Ich schätze, das ist allein Ihnen vorbehalten." "Nicht mal das. Wenn Sie ihn sehen würden, wüssten Sie, warum er diesen Namen trägt", sagte sie und lachte wieder, es war ein putziges Mädchenlachen, und mir schien, daß sie ihre anfängliche Hölzernheit hinter sich gelassen hatte.

Wir plauderten über dies und das, einmal stand sie nebenbei auf und öffnete das Fenster, um eine große Fliege hinauszuscheuchen, die dauernd im Anflug gegen die Scheibe geprallt war. Da ging die Tür auf und es kam eine junge Frau im schlichten Rock und mit hochgekrempelten Ärmeln ihrer Bluse herein, als sie mich sah, sagte sie "Oh, wenn ich störe ..." "Nein, Gertrud, was ist?" "Die kleine Webern hat heute nacht wieder Zahnweh gehabt und sie schnieft auch so doll, ich glaub', sie hat's im Hals, ich hab' ihr was mit Kamille gegeben." "Ja, ist gut", sagte Angelika, sieh' zu, daß sie nicht alle abknutscht, wenn's schlimmer wird, müssen wir mit ihr zu Doktor Neblich geh'n." "Hm hm", nickte die andere und verschwand mit einer leichten Verbeugung zu mir hin.

Ich sagte "Wenn ich gewusst hätte, daß Sie sich grade um jemanden kümmern müssen, hätte ich Sie nicht belästigt." Sie winkte ab, "Ach woher denn! Das ist nicht weiter umständlich, und außerdem habe ich ja mit ihnen gerechnet." "Dann bin ich beruhigt. Wie ich hörte, ist der Herr Neblich auch der Medikus am Ort?" "Nee. Das ist der Bruder vom Wetterfrosch." "Aha. Hat er auch einen Spitznamen?" "Nee", lachte sie, "vielleicht wird's Zeit, daß er mal einen bekommt. Aber ich glaube, das ist nicht ganz einfach, einen für ihn zu finden, der ist so ... so über alles erhaben ... soweit man das von einem Einwohner in einem Dorf sagen kann." "Das haben Sie treffend formuliert." "Finden Sie." "Ja, ich kann ihn mir daraufhin sehr gut vorstellen." "Na, das tät' ich aber als voreilig bezeichnen."

Sie trank einen Schluck aus dem Glas mit dem Apfelsaft und schaute mich dabei an, als überlegte sie, ob ich mir schon ein Urteil über sie gebildet habe. "Soll ich Sie ein bisschen herumführen, damit Sie einen Eindruck bekommen, wie wir hier so leben?" "Ja, gern, Walter ... ich meine, Ihr Bruder hat es mir bereits ein wenig beschrieben, aber ich war gespannt darauf, es selbst zu besichtigen." "Sagen Sie ruhig Walter, ich nenn' ihn ja auch so. Wie haben Sie sich eigentlich kennengelernt?" (Er hatte es ihr bestimmt schon erzählt, aber sie wollte es wohl von mir hören.) "In London während einer Konferenz."

"Also eher zufällig?" "Ja. Wir hatten eigentlich nicht unmittelbar miteinander zu tun. Ich bin dennoch irgendwie auf ihn aufmerksam geworden ... ich meine, auf seine angenehme Art." Angelika sagte "Oh ja, das kann ich mir denken, Walter ist jemand, den die Leute auf Anhieb mögen", dann fügte sie schnell hinzu "das soll jetzt nicht so klingen, als wäre ich darauf neidisch." Ich sagte "Nein, so war es bei mir auch nicht angekommen. Ich finde, Sie sind sich darin auch ähnlich." Jetzt wehrte sie ab, "Da verwechseln Sie ähnlich mit verwandt. Ich habe einige Merkmale, die er nicht hat ... oh! (sie wurde rot im Gesicht, und das sah ganz entzückend aus) Ich spreche natürlich nicht von äußerlichen Dingen!" Ich sagte "Selbstverständlich. Darauf muss ja als Betrachter auch nicht hingewiesen werden."

Wir lachten beide, ich sagte "Vielleicht sollte man auch besser von Eigenschaften sprechen", doch sie entgegnete "Nein, nein, Merkmale trifft es schon. Eine Eigenschaft ist für mich etwas, das eine mehr oder weniger starke, zumindest spürbare, Wirkung auf andere besitzt, so wie Vertrauenswürdigkeit zum Beispiel, oder Enthusiasmus. Walter hat beides ... und noch viel mehr ... und deshalb hat er auch die politische Karriere bevorzugt, weil er erkannt hatte, daß er dort sehr erfolgreich sein kann."

Ich sagte "Dann müssen Sie mir auch erklären, was im Unterschied dazu ein Merkmal ist." "Na ja, das ist eher etwas, das man hauptsächlich an sich selbst feststellen kann ... lässt sich schwer beschreiben ... etwas, das man für sich behält, zum Beispiel Einsamkeit - nee, blödes Beispiel, das klingt gleich so negativ ..." Ich sagte "Vielleicht eine Sehnsucht." "Ja!", rief sie beinahe erleichtert, "Aber eine bestimmte Art davon, nichts was so ungeheuer schwer auf der Seele lastet." Ich überlegte kurz, dann schlug ich vor "Wie wär's mit Heimweh? Ist das ein Merkmal?" Sie tippte mir zustimmend an die Schulter, "Sehr gut, Nikolai, da haben Sie selber eins gefunden! Was mich betrifft, müsste es allerdings eher Fernweh heißen."

Wir waren nebenbei durch's Haus geschlendert und in einem hellen Raum mit zart grün und braun gestrichenen Wänden, an denen hübsche Bilder mit gemalten Blumenkränzen hingen, angekommen, dort stand ein Klavier. Ich erwähnte, daß ich kürzlich in Dresden ein Klavierkonzert besucht habe, in dem Werke von Robert Schumann dargeboten wurden. Angelika blieb stehen und sah mich an, ihre Brauen zogen sich in die Höhe, sie fragte "Doch nicht etwa die Kinderszenen?"

Ich war ein bisschen verwirrt von dem Nachdruck ihrer Worte, ich gestand, daß ich mir die Titel nicht gemerkt habe. Sie zögerte, ich sagte "Spielen Sie selbst?" "Ich hatte befürchtet, daß Sie das fragen." "Oh, wenn das so ist, nehme ich die Frage zurück und wir gehen schnell weiter." "Zu spät", lächelte sie. Sie setzte sich an das Klavier, öffnete den Tastendeckel und sagte "Achten Sie nicht auf mein Spiel! Ich bin gar nicht gut darin ... nein bitte, schmeicheln Sie mir nicht! Ich will nur wissen, ob es das war, was Sie gehört haben."

Sie fing an zu spielen, es war nicht virtuos, aber doch gefühlvoll - und es war tatsächlich das Gleiche wie bei dem Konzert. Ich rief begeistert "Genau das ist es!", sie nickte mir schweigend zu und brachte es bis zum Ende, nach dem letzten Takt hoben ihre Finger von den Tasten ab und blieben einen Moment in der Schwebe. Als alles verklungen war und man die Vögel draußen wieder vernehmen konnte, sagte sie "Das sind die 'Kinderszenen' von Schumann und dieses Stück trägt den Titel Von fremden Ländern und Menschen! Ist das nicht drollig? Da wir gerade eben vom Fernweh sprachen." Ich sagte "Spielen Sie's mir zuliebe nochmal?" Sie tat es, und es klang sogar noch schöner.

Wir gingen nach draußen, es war herrliches Sommerwetter, aber auch ein bisschen schwül, ich sagte "Sie haben bestimmt nichts dagegen, wenn ich mich meiner Jacke entledige." "Tun Sie sich keinen Zwang an, ich habe auch schon das leichteste Kleid angezogen. Da drüben ist die Gärtnerei mit den Gewächshäusern und dahinter ist eine Hufschmiede, da geht es manchmal ziemlich laut zu, wenn gehämmert wird, und die aus der Gärtnerei kriegen dann einen Nervenzusammenbruch, weil sie ja viel lieber in aller Ruhe an ihren Pflänzchen herumzupfen."

Sie deutete auf die andere Seite. "Da sind Pferdeställe." Ich fragte "Musste Walter ... mussten Sie auch Pferde für diesen unsäglichen Krieg abgeben?" "Ähm ... davon weiß ich nichts, eigentlich ist unser Ort von sowas verschont geblieben, das letzte Mal, daß Soldaten hier einquartiert waren, das war bei der Schlacht von Leipzig." Ich sagte "Da waren Sie aber noch nicht auf der Welt?" "Nee", lachte sie, "da bin ich noch als Entengrütze auf dem Diebelteich 'rum geschwommen." "Wirklich?" "Ja. Vom Diebelteich kommen alle Kinder her, der Storch bringt sie ins Dorf, wenn sie geboren werden." (Sie hatte das mit voller Überzeugung gesagt, so daß ich für einen Augenblick verwirrt war und mich fragte, ob sie womöglich ernsthaft daran glaubte.)

"Da hinter der Pappelreihe ist eine sehr schöne große Wiese, da haben wir als Kinder manchmal ganze Tage verbracht, das Gras war so hoch, daß wir uns prima drin verstecken konnten, und dort am Rand von dem Wäldchen ist eine Imkerei ... Nikolai, wussten Sie, daß es siebenundzwanzig verschiedene Arten von Wildbienen gibt?" "Nein." "Doch. Unter anderem die Hosenbiene." "Die Honigbiene?" "Nein, die Hosenbiene. Honigbienen sind ja keine Wildbienen mehr", belehrte sie mich.

"Walter hat mir erzählt, daß auch Fischteiche hier sind." "Ja, mehrere, interessiert Sie das? Wollen Sie da hingehen?" "Wie weit ist es?" "Du liebe Güte, Herr Novadin, sind Sie so schwach zu Fuß? Oder wollen Sie etwa schon wieder abreisen?" "Nein, natürlich nicht", beeilte ich mich zu sagen. "Na ja, aber Sie sollten wissen, daß es nachher Fisch zu essen gibt, manchen Menschen vergeht der Appetit, wenn sie vorher gesehen haben, wie das arme Tier geschlachtet wird." "Dann schaue ich mir das vielleicht später einmal an." "In Ordnung ..."

Ich glaube, sie wollte noch etwas hinzufügen, aber wir wurden abgelenkt von einer Meute Kinder, die zwischen den Haselnußsträuchern hervorkam, es waren zehn oder zwölf bunt durcheinandergewürfelte Geschöpfe, die lärmend und lachend und scheinbar ganz ziellos wie ein Häuflein betrunkene Zwerge durch die Gegend wackelten. Irgendetwas Sonderbares machte mich stutzig.

Manche hatten seltsam verrenkte Gliedmaßen, andere schiefe Gesichter, einer rollte unaufhörlich mit den Augen, ein zweiter streckte die Zunge heraus, ein dritter schlug lauter verunglückte Purzelbäume, einer saß in einem Rollwägelchen, das abwechselnd von den andern gezogen wurde wie es ihnen grade einfiel, alle gaben mehr oder weniger unverständliche Laute von sich, und um die ganze Schar herum sprang ein buntscheckiger Hund mit einem spitzen und einem Schlappohr und hielt wie bei einer Schafherde alles beisammen.

Hinterdrein lief die junge Frau, die zuvor bei uns in der Stube hereingeschaut hatte, sie winkte uns gleich zu. Es fiel mir schwer, mit Gewissheit zu sagen, wer von den seltsamen Gestalten nun ein Junge oder ein Mädchen ist, ihre Kleidung war ganz einerlei und ihre Haartracht ebenso. Aber da war eine Kleine Kurzgeschorene, die zwischen den andern umher wuselte und allen wahllos einen Schmatzer aufs Gesicht drückte, und als wir herankamen, rief Angelika "Elli! Nicht abknutschen! Komm' mal her!"

Sie holte ein Taschentuch aus ihrem Rock und hielt es Elli an die Nase, aus der in zwei dicken Fäden der Rotz lief, "Mach' einen Nasenpups!" Das Mädchen gehorchte und sah mich dabei an wie jemand, den sie aus dem Kasperletheater kennt. "Noch einen!" Die Kleine brabbelte etwas und zeigte mit dem Finger auf mich, Angelika lachte und sagte "Nein, das ist nicht der 'Bommelwicht'. Jetzt geh', aber für heute nicht mehr abknutschen, hast du gehört!" Sie nickte und hüpfte zurück zu den anderen.

Angelika sagte "Das ist eine ganz ganz Liebe, die Elli. Und normalerweise ist es auch gar nicht so unangenehm, sich von ihr küssen zu lassen, sie hat so schöne weiche Lippen. Aber na ja, Sie haben's ja gesehen, wenn dann sowas an der Backe klebenbleibt, das schmälert das Vergnügen." "Wer ist denn der Bommelwicht?", fragte ich. "Was?" "Sie hat mich den Bommelwicht genannt." "Ach so", erwiderte sie und musste sehr lachen, "keine Ahnung, Nikolai, sie denkt sich das meistens nur so aus!" Sie wandte sich ab, um ihren Spaß zu verbergen.

"Was ist mit diesen Kindern, wohnen sie hier auf dem Hof?", fragte ich, als die Truppe weitergezogen war. "In der Nähe. Da ist ein Gebäude, das nennt sich das 'Flaschenhaus', da wurden früher Flaschen hergestellt, und dann hat man es umfunktioniert in ein Heim für die Kinder." "Verzeihen Sie, Angelika, wenn ich das frage, sind die alle irgendwie ... andersartig?" "Sie sind nicht schulfähig. An der Universität in Leipzig gibt es einen Lehrstuhl für Geisteskranke, also ich meine, dort befasst man sich mit ihnen. Die Professoren von dort haben unser Flaschenhaus vor ein paar Jahren in eine 'Anstalt für debile Kinder' umbenannt und seitdem betreiben sie hier wissenschaftliche Untersuchungen für ihr Fachgebiet. Na ja, wir profitieren natürlich auch davon, denn die Universität unterstützt uns in vieler Hinsicht, da können wir uns nicht beklagen, die Gertrud, die junge Frau von eben, hat sogar ihre Ausbildung dort erhalten."

"Und Sie selbst arbeiten da auch mit?" "Nicht direkt von der Universität aus. Ich bin oft mit den Kindern zusammen und unternehme auch viel mit ihnen. Ich muss gestehen, ich bin mit vielem, was diese Professoren so in ihren Ansichten vertreten, nicht einverstanden." "Inwiefern?" "Ja, inwiefern. Ich kann das freilich nicht immer so in gewählte Worte fassen, wie die das können. Letztens haben sie so eine Untersuchung durchgeführt, um festzustellen, wieviel geistige Fähigkeit die Kinder noch besitzen, um beispielsweise ihren eigenen Alltag zu bewältigen, also einfache Dinge wie sich waschen oder sich die Schuhe zubinden oder ganz simple Arbeiten ausführen."

Ich sagte "Das sind doch nützliche Bestrebungen, oder nicht?" "Ja, klar sind das nützliche Bestrebungen, und ich habe auch dabei mitgeholfen. Es ist nur ... da lassen sie jemanden was machen und passen genau auf, was er tut und dann setzen sie bei einem bestimmten Kriterium in ihrem Protokoll ein Plus oder ein Minus oder auch, wenn's exakter sein soll, einen Wert zwischen null und zehn, und so jemand wie die Elli oder der Frieder wissen gar nicht, was da mit ihnen angestellt wird. Und ich liege dann abends im Bett und denk' dran, wie die Johanna ihre Schnürsenkel so fest zusammengeknotet hat, daß wir's mit der Schere aufschneiden mussten. Da steht aber nichts dazu im Protokoll."

Sie schwieg eine Weile, dann sagte sie "Das sind eigentlich auch alles so Merkmale, jeder hat seine eigenen, der eine macht den ganzen Tag nur 'Lalala', die andere pflückt Blätter vom Strauch, einer kann niemals allein pullern gehn und wieder eine andere muss eben jeden abknutschen, der ihr in die Quere kommt, und wenn's der Hund ist. Was ist denn dabei? Man muss es doch eigentlich weder analysieren noch bewerten, man kann's belassen wie es ist ..."

Sie unterbrach sich und sagte "Nee, wir gehen hier entlang, da vorn steht eine zweihundertjährige Eiche, die wollt' ich Ihnen zeigen", dann fuhr sie fort: "Es war auch meine Idee, daß sie sich anziehen, wie es ihnen gefällt; der Max zieht sich sowieso immer die Röcke von seinem Schwesterchen über, keine Ahnung, warum er das mag, da haben wir ihm so eine Art Rockschürze genäht, und da wollten zwei von den Jungs auch eine haben. Und ein paar von den Mädchen tragen eben Hosen. Finden Sie das seltsam?", fragte sie und schaute mich von der Seite an, ich sagte "Nein, gar nicht, schließlich gibt es in der Natur ja auch Hosenbienen und da sind sicher ebensoviele weibliche Wesen dabei." Angelika lachte, "Danke Nikolai, das war ja wie ein richtiges Kompliment!" "Gern geschehen."

Später gab es im Hause gebackenen Fisch mit Pellkartoffeln, Petersilie und zerlassener Butter. Es waren außer Gertrud auch noch ein befreundetes Ehepaar, der Pfarrer und ein langjähriger Lieferant sowie zwei oder drei Hofangestellte anwesend. Es saßen auch zwei von den Kindern, ein Junge und ein Mädchen, mit am Tisch, das war eine Art Belohnung, weil sie tagsüber so fleißig in der Gärtnerei geholfen hatten. Sie aßen aber keinen Fisch, weil womöglich Gräten drin waren, die sie überfordert hätten. Für sie hatte man extra zwei Schüsseln Pudding gekocht, den sie mit dem Löffel aus der Schale essen konnten.

Der Junge bekam dann aber einen Rappel, schnippte mit dem Pudding um sich und warf schließlich den vollen Löffel zu Boden, während sich das Mädchen hinter der Tischkante abduckte, als wollte sie sich unsichtbar machen. Er fing an zu weinen, Gertrud schob ihren Teller beiseite und nahm ihn auf den Schoß, wo er sich sträubte und an ihren Haaren zerrte. Sie umfasste und wiegte ihn, sie flüsterte ihm etwas ins Ohr und drückte ihn fest an sich, bis sein Anfall ebenso plötzlich endete wie er ausgebrochen war. Da kam auch das Mädchen wieder hinter dem Tisch hervor und ließ sich den Rest von ihrem Pudding schmecken, als wäre nichts geschehen.

Am meisten beeindruckte mich bei all' dem, mit welcher Unaufgeregtheit alle, selbst der Lieferant, der von außerhalb kam, mit dem kleinen Zwischenfall umgingen. Er schenkte den Kindern dann noch eine Papiertüte, gefüllt mit Bonbons und sagte, sie sollten es unter den anderen verteilen. Sie zogen von dannen, Hand in Hand wie Hänsel und Gretel. Gertrud schaute ihnen aus dem Fenster nach, ich fragte "Werden die Bonbons auch drüben ankommen?", und sie erwiderte "Das ist nicht das erste Mal und ich habe noch nie Beschwerden erhalten."

Die Gäste blieben nicht lange, Gertrud sagte, sie müsse noch etwas erledigen und würde das Geschirr nachher abspülen. Angelika rief "Ja, geh' nur, ich räum' schon mal alles ab", und zu mir "Nikolai, wenn Sie sich einen Moment ins andere Zimmer begeben möchten, ich bin sofort wieder bei Ihnen." Ich sagte "Ich könnte Ihnen beim Abräumen behilflich sein, zu zweit geht's schneller." Sie hatte nichts dagegen, und dann spülten wir das Geschirr auch gleich ab und sie sagte mir, wo es hingehört.

Während wir hantierten, sagte sie "Ich habe Ihnen bis jetzt jede Menge Zeug über mich erzählt, ich wollte Sie doch unbedingt auch über Russland ausfragen." "Na dann, nur zu!" "Ich habe gehört, in Sankt Petersburg gibt es die glanzvollsten Bälle in ganz Europa." Ich war verwundert, "Angelika! Sollten Sie mich jetzt mit der Tatsache überraschen, daß Sie in Wahrheit eine fanatische Ballbesucherin sind?" Sie hielt einen Augenblick inne, sah mich kurz an, dann nach vorn wie ins Nichts, dann seufzte sie und schrubbte weiter mit der Bürste die Pfanne, "Ach, natürlich nicht! Sehen Sie, Nikolai, Sie haben mich ganz leicht durchschaut." Ich konnte nicht verstehen, was ihr missfiel, ich sagte "Muss ich mich jetzt in Verlegenheit gebracht fühlen?"

"Aber nein! Ich wollte Sie bloß ein bisschen necken ... ich hoffe, Sie werden es mir nicht verübeln." "Daß Sie Bälle nicht mögen? Wenn es Sie tröstet, ich war noch nie bei einem dabei, sie sind nämlich nicht nur langweilig, sondern auch sehr teuer." "Woher wollen Sie das wissen, wenn Sie noch nicht dabei waren." "Es steht auf dem Eintrittsbillett." "Nein, daß sie langweilig sind." "Ich habe mit genügend Leuten gesprochen, die dabei waren, selbst aus ihrer Begeisterung konnte man heraushören, daß sie es bereut hatten, es ist eigentlich eine Zwangsveranstaltung."

Wir waren fertig mit dem Abwasch, sie fragte "Möchten Sie mal unseren Fruchtwein probieren?" "Ja gern, wenn Sie ein Glas mittrinken." "Na gut, überredet." Sie holte eine Flasche aus dem Schrank und schenkte uns ein, wir ließen die Gläser aneinanderklingen, ich wollte auf etwas anstoßen, aber Angelika hatte schon einen Schluck genommen.

Sie fragte "Das steht wirklich auf der Eintrittskarte drauf?" "Der Preis? Na ja, es stehen Großbuchstaben drauf, aber jeder weiß, was sie bedeuten. Und es ist wie im Theater, ein bestimmter Buchstabe bezeichnet einen bestimmten Bereich, in dem man sich aufhalten darf, so ist es jedenfalls bei den berühmten Bällen im Zarenpalast." "Ach, und da muss man dann die ganze Zeit auf seinem Fleck bleiben?" "Ja, es sei denn, Sie werden von jemandem in höherer Stellung angesprochen, der kann Sie überallhin mitnehmen, wo er selber Zutritt hat." "Hm, das ist ja wirklich wenig romantisch."

"Allerdings. Ich glaube, Sie würden da auch nicht hinpassen." "Wieso nicht? Wäre ich nicht hübsch genug?" "Ach was! Da sind Frauen darunter, die ... natürlich wären Sie hübsch genug. Aber Sie sind sicher auch klug genug, um es gar nicht erst zu wollen. Der ist gut!", sagte ich und schwenkte mein Glas. "Ja, nicht wahr! Der wird mit Franzbranntwein gemacht." "Ach ja? Das ist ein traditionelles russisches Rezept." "Und ein sächsisches auch. Wenn ich noch ein Glas trinke, kann ich Ihnen einen russisches Gedicht rezitieren." "Ich bitte darum! Von wem ist es?" "Von Puschkin, es heißt 'Das Vöglein', mal sehen, vielleicht krieg' ich's auch so hin."

Sie sagte das Gedicht auf, es handelt von einem Ich, das sich fern der Heimat in fremden Landen befindet und - getreu seiner Überzeugung und zum Trost über sein eigenes, nicht näher benanntes Missgeschick - ein Vögelchen aus einem Käfig in die Freiheit entlässt. Ich fand, ihr Vortrag traf die Gemütslage des Sprechers sehr gut, und Angelika stockte nur kurz an einer einzigen Stelle. Als sie fertig war, rief sie "Ach, ich wusste, daß ich genau an der Stelle steckenbleibe!" "Welche denn? Ich habe nichts bemerkt. Es war sehr schön." "Ich habe sogar mal angefangen, es auf Russisch zu lernen, aber das erspare ich Ihnen jetzt lieber."

Wir standen immer noch in der Küche, draußen kam ein leichter Wind auf, der den Staub vom Hof aufwirbelte, sie fragte "Und wollen Sie bald nach Russland zurückgehen?" "Ich fürchte, ich muss." "Dann gefällt es Ihnen hier besser?" "Es ist anders hier. Und man muss dazu sagen, Petersburg ist nicht Russland, es hat viel von der westlichen Kultur, aber gerade das gibt ihm meiner Meinung nach einen falschen Schein; man sieht all' die Schlösser und Paläste, die seit Peter dem Großen aus dem Boden gewachsen sind, man bestaunt es und viele beneiden uns darum, man glaubt auch, daß alles Beste, das Russland hervorbringt, danach strebt, bis nach Petersburg zu kommen und sich dort vor aller Welt zu präsentieren, ich meine die Wissenschaft, die Kunst, Philosophie und alles, was dazu dient, unser Leben zu verbessern. Aber das meiste davon bleibt auf der Strecke. Unser Land ist riesengroß, und ich komme immer mehr zu der Überzeugung, daß es unmöglich von einer zentralisierten Stelle aus zu verwalten, geschweige denn zu regieren ist."

"Soll ich Ihnen was verraten: Walter hatte sich vor kurzem für den Posten eines Sächsischen Botschafters in Petersburg beworben." Ich rief "Ach herrje! Ich meine, das ist ja großartig! Aber jetzt habe ich grade alles schlechtgeredet, und dabei wollten Sie sicher etwas ganz anderes von mir hören." "Nein, nein, Sie haben wahrscheinlich den besseren Einblick", sagte sie freundlich, doch mit leichter Skepsis, ich entgegnete "Den habe ich nicht. Jedenfalls nicht, was die Amtsgeschäfte auf jener Ebene anbetrifft, auf der sich ein Botschafter bewegt." "Ja, aber Sie sind doch selbst in einem Ministerium tätig?", hakte sie nach, und da kam mir auf einmal der Verdacht, daß Lentzen seine Schwester damit beauftragt haben könnte, Näheres über unsere Zustände herauszubekommen. Vielleicht hatte sie zuerst Walters Absicht erwähnt, ehe ich im Nachhinein davon erführe.

"Das stimmt, ich arbeite im Ministerium, aber in einem sehr speziellen, eng begrenzten Rahmen und ich habe viel zu wenig Kontakt zu anderen Institutionen, um darüber Bescheid zu wissen, im übrigen muss ich sagen, daß ich wenig Talent für einen politischen Beruf besitze, eigentlich gar keins, und ich bewundere Menschen wie Ihren Bruder wegen der Eigenschaften, wie Sie es nennen, Angelika, mit denen er seine Karriere so zielstrebig fortzusetzen vermag." Da sagte sie "Ach, Nikolai, die Lobreden auf meinen Bruder können Sie getrost mir überlassen."

Plötzlich hörte man von draußen mächtiges Donnergrollen, der Wind hatte sich aufgebauscht und fegte allerlei loses Zeug durch die Luft. Dann fielen die ersten dicken Tropfen und gleich darauf prasselte der Regen nieder. Wir schauten beide wie versonnen hinaus. Ich sagte "Da hat Ihr Wetterfrosch wieder einmal recht behalten", sie knuffte mich sanft in die Seite und sagte "Sie dürfen ihn doch nicht so nennen." Es regnete, blitzte und donnerte eine ganze Weile, und noch bevor am Horizont der Himmel wieder aufklarte, sagte Angelika "Jetzt kommen Sie heute nicht mehr von hier weg." "Nein?" Sie schüttelte den Kopf, "Die Wege sind viel zu aufgeweicht, bis Sie beim Bahnhof sind, haben Sie solche Klumpfüße!" Sie machte die Hände breit und musste dabei lachen.

Ich wurde nicht so recht schlau aus ihr. Zuerst schien es mir, als wollte sie sich, bei aller nicht zu übersehenden Geschwistertreue, mir gegenüber ein wenig von ihrem Bruder distanzieren, wollte mir zeigen, daß sie eine ganz eigene Persönlichkeit besitze und ich wegen ihr und niemand anderem nach Krostau gekommen war. (Vielleicht hatte sie Walter sogar um seine Abwesenheit gebeten, mit einer Begründung, die er bestimmt leicht verstanden hätte.)

Möglicherweise waren ihre Ausführungen zu den "Eigenschaften" und den "Merkmalen" eine Art Selbstcharakterisierung, mit der sie auf die Verschiedenheit ihrer beider Wesen verweisen und mir zugleich zeigen wollte, daß sie, im Unterschied, ja im Gegensatz zu ihm im pulsierenden Dresden, hier auf dem Gut ein vergleichsweise einfaches und doch ebenso anspruchsvolles Leben führte - und ausdrücklich damit zufrieden war. Alles was sie mir vorgeführt und was sie dazu erklärt hatte, war von tiefer Verbundenheit und Vertrautheit erfüllt, sie hatte es sogar erreicht, von ihrer Wertschätzung der scheinbar minderbegabten Kinder einen kleinen Impuls auf mich zu übertragen und gerade dieser achtsame und zugleich irgendwie belebend sorglose Umgang mit den Anderen verlieh ihr eine besondere Ausstrahlung - klarer und wirkungsvoller als irgendwelche Ähnlichkeiten mit den üblichen Erwartungen (denen ich mich ohnehin widersetzt hatte).

Und doch war, als sie mich über Russland "ausfragte" und von Walters Bewerbung sprach wie von einer Entscheidung, die sie aus vollem Herzen unterstützte, etwas an mein Ohr durchgedrungen, das mir sagte, diese Frau sei nicht so restlos glücklich mit ihrem Geschick, wie es auf den ersten Blick aussah, sei zumindest in ihrem Gemüt noch zu jung, um nicht etwas Neues, Herausforderndes auszuprobieren, ihrem Leben neuen Schwung zu verleihen, sich auf etwas Unvorhersehbares einzulassen und dabei doch mit ihrer inneren Stärke und mit allen positiven "Merkmalen", die sie besitzt, ans Ziel ihrer geheimsten Sehnsüchte zu gelangen.

Später, als Angelika mich in Dresden besuchte und wir im Park von Schloss Pillnitz spazierengingen, da zog sie einen Vergleich mit den "protzigen" Bauten in Petersburg (wie sie sie aus den Beschreibungen kannte) und lobte den zierlichen, verspielten Stil des Pillnitzer Anwesens - er habe etwas Leichtlebiges und doch Unvergängliches an sich. Aber mir schien, daß sie trotz dieser beinahe überschwänglichen Worte bereit wäre, die Wege durch den Park wenigstens einmal mit dem Newski Prospekt und den anderen vielgepriesenen Boulevards von Petersburg zu vertauschen.

Diesen "Gegenbesuch" in Dresden verabredeten wir bei meinem Abschied in Krostau, Angelika sagte, sie müsse ohnehin längst ihr Versprechen einlösen und bei einer guten Freundin vorbeischauen, da könnte sie beides miteinander verbinden. (Ich bemerkte die typisch weibliche Generosität, mit der sie mich dabei bedachte, ich sollte denken, es würde ihr möglicherweise mehr Überwindung kosten, nach Dresden zu kommen, wenn ich der alleinige Grund wäre. Aber es funktionierte natürlich so wie es bei den Frauen immer funktioniert, wenn sie jemandem ihre Gunst schenken, und ein Mann, den nicht der Ansporn treibt, er müsse sich schon ordentlich anstrengen, um sie zu gewinnen, der ist nur ein jämmerlicher Hanswurst, ohne eigenen Reiz und Biss).

Fjodor Michailowitsch arbeitete derweil angestrengt an seinem Roman "Der Idiot", welcher aus vier Teilen bestehen sollte. Der Held, ein gewisser Fürst Myschkin, war nicht im eigentlichen, psychischen Sinn, ein Idiot, sondern in den Augen der anderen, und zwar wegen seiner Einfältigkeit und geradezu infantilen Begriffsstutzigkeit angesichts der Konflikte der handelnden Personen. Es ging um eine Frau, eine sehr schöne Frau namens Nastassja Filippowna, die selbst allerdings nur in kurzen Passagen auftritt. Die Männer buhlen um sie, doch sie lässt sie wie folgsame Hündchen nach ihrer Pfeife tanzen.

Anna Grigorjewna verriet mir, Dostojewski habe diesen Roman in Angriff genommen, um darin einen "vollkommen schönen Menschen" darzustellen, das sollte die Hauptidee sein, der rote Faden, der sich durch den Roman zieht. Er las uns immer mal ein paar Kapitel daraus vor, er gab mir auch (was mich mächtig mit Stolz erfüllte) etwas aus dem Manuskript zu lesen und fragte mich nach meiner Meinung; als das Ganze weiter fortgeschritten war, erschien es in Folgen im Russki westnik.

Ich muss gestehen, daß es mir schwerfiel, diesen "schönen Menschen" zu erkennen - wer sollte es eigentlich sein? Nastassja Filippowna, die zweifellos so etwas wie eine Helena war, nach der sich die Männer verzehrten und für die sie ohne weiteres bereit waren, einen Krieg vom Zaun zu brechen, wenn sie über die nötigen Heerscharen verfügten. Oder etwa Myschkin selbst mit einer Schönheit im ethischen Sinne? Einer Schönheit, die man also eher als Edelmütigkeit und Unverdorbenheit bezeichnen müsste. Warum dann aber der im wahrsten Sinne irreführende Titel "Idiot"? Oder war mit dem schönen Menschen noch jemand anderes gemeint?

Es gab unter den Gestalten drei Schwestern in der Familie eines ausgedienten Generals, drei Mädchen in der zarten Blüte ihrer Jugend, Alexandra, Adelaida und Aglaja mit Namen, die Fjodor Michailowitsch einmal scherzhaft die drei "Rheintöchter" nannte (wobei der goldene Hort, den sie bewachten, womöglich nichts weniger als ihre eigene Unschuld war).

Von den dreien war es insbesondere Aglaja, die jüngste, welche den Fürsten Myschkin - aber beileibe nicht nur ihn - in die größte Verwirrung und Peinlichkeit, ja an den Rand der Verzweiflung brachte, und zwar indem sie in hysterischer Drangsal ihn erst ihrer Liebe versicherte, um ihn gleich darauf vor allen Leuten lächerlich zu machen. In meinen Augen war Aglaja nichts weiter als ein kleines, unbefriedigtes und gemeingefährliches Biest, die es darauf anlegte, die Männer zu verführen und die, wenn diese ihr auf den Leim gegangen sind, um Hilfe schreit und behauptet, man habe sie genötigt. Dabei war sie die Schönste von allen, selbst ihre Mutter konnte gar nicht genug darüber staunen "wie schön sie ist!"

Ich fragte Fjodor Michailowitsch, ob diese Aglaja Iwanowna Jepantschina, die manchmal so aufregend liebevoll "Agaschka" genannt wurde, als wäre sie ein Schmusekätzchen (mit gut verborgenen Krallen), ob diese zwanzigjährige Generalstochter etwa der "vollkommen schöne Mensch" wäre, um den sich alles drehte. Er antwortete ausweichend, meinte, es sei ihm trotz aller Bemühungen nicht geglückt, das Bild dieses schönen Menschen in seiner ganzen Einzigartigkeit und Faszination zu zeichnen, ohne genau zu sagen, auf wen sich das beziehe. Aber er gab mir, was Aglaja betraf, in einigen wesentlichen Punkten durchaus recht, und er konnte nicht leugnen, daß ihre literarische Figur im Roman beinahe den breitesten Raum einnahm.

"So ist das nicht selten mit einer Figur, die man erschafft - ist sie erst einmal aufgetreten, dann drängt sie nach vorn und mischt sich überall ein, selbst dort, wo man sie als Autor gar nicht vorgesehen hatte. Sie beginnt ein Eigenleben zu führen, das ist ein Phänomen. Aber andererseits", fügte er halb entschuldigend hinzu, "irgendwann lässt man ihr freien Lauf, wenn man erkannt hat, daß sie nicht nur ein Teil der Geschichte ist, sondern vielmehr jemand, den man sich ins eigene Leben versetzt wünscht und den man gern selbst gekannt hätte."

Ich zögerte jedoch, dies für bare Münze zu nehmen, denn wenn er wirklich einer Frau wie Aglaja Iwanowna begegnet und ihr unausweichlich verfallen wäre (und Menschen wie er gehören zu ihrer vorzüglichen Beute) dann hätte sie ihm das Genick gebrochen, noch ehe er sie in einem seiner Romane verewigte. Ich beließ es dabei und erkundigte mich nicht weiter nach dem schönen Menschen. Ich sagte ihm, da er meine Meinung wissen wollte, ich hätte den Eindruck, daß einige Kapitel im Roman wie ein Schauspiel auf der Bühne anmuten und daß ich die Szenen mit den sprudelnden Wortwechseln (von Dialogen konnte man angesichts der Vielzahl der Beteiligten nicht mehr reden) für die stärksten halte.

Dostojewski nickte zustimmend, bedankte sich für mein Urteil, stellte dann aber fest, daß er kein Stückeschreiber, sondern ein Romancier sei und er höchstwahrscheinlich bis ans Ende seines Schaffens dabei bleiben werde. Wie ja überhaupt in Russland mehr Romane geschrieben würden, als Schauspiele, was wohl wiederum daran liege, daß der Russe viel zu träge ist, die Schuhe zu wechseln und den weiten Weg bis ins Theater zu gehen, wenn er sich genausogut zu Hause in seinen alten Galoschen auf der Ofenbank etwas vorlesen lassen kann. "Theater, Nikolai Alexandrowitsch, ist etwas für Leute, die es hinaus treibt; mit Romanen holt man sich die Welt ins Haus."

Ein andermal kamen wir auf die Evangelien zu sprechen, die Fjodor Michailowitsch als gläubiger Christ über die Maßen schätzte. Mit den geübten Augen und Sinnen eines Schriftstellers sah er in ihnen auch eines der bedeutendsten Werke der Weltliteratur, eine Art "heilige Vierfaltigkeit", wie er sich augenzwinkernd ausdrückte. Sie hatten ihn sein Leben lang begleitet, in manchen Zeiten war das Neue Testament das einzige Buch, das er besaß! Er sagte, er nehme es immer wieder zur Hand, um daraus zu lernen, wie man eine Geschichte schreiben sollte, die über einen Menschen und sein Schicksal handelt.

Anna Grigorjewna bemerkte in diesem Zusammenhang, sie habe gehört, Balzac hätte einmal geäußert, er lese, bevor er mit seiner täglichen Arbeit beginne, jedesmal drei Seiten aus dem Bürgerlichen Gesetzbuch, um sich auf den Tonfall einzustimmen, der ihm vorschwebe. Dostojewski lachte und sagte "Daran siehst du, wieviel Ähnlichkeit es zwischen uns in der Arbeitsweise gibt, wir müssen beide unser Handwerk immer erst in Gang bringen, bevor wir richtig loslegen können. Aber du siehst auch den Unterschied. Es hat gewiss seine Bewandtnis, wenn man Balzac den Meister der Menschlichen Komödie nennt, in dieser Hinsicht trägt er den Siegerkranz der Musen auf seinem Haupt, den ihm höchstwahrscheinlich bis in alle Zukunft keiner mehr streitig machen wird."

Ich fragte ihn "Könnte man demnach sagen, daß Sie, Fjodor Michailowitsch, mit dem Gedanken liebäugeln, das Gleiche für eine Menschliche Tragödie zu leisten?" "Nein", entgegnete er mit Überzeugung, "das Gegenstück zu Balzac ist schon längst geschrieben." "Von wem?", wollte ich wissen, und statt seiner antwortete Anna Grigorjewna "Von Dante Alighieri!", und sie fügte mit einem Blick auf ihren Mann hinzu "Wir haben uns schon des öfteren darüber ausgetauscht."

Ich sagte "Dann könnte man Balzac's Werk als eine späte Reaktion auf die Göttliche Komödie betrachten?" "In der Literatur gibt es kein echtes Früher oder Später und schon gar kein Vorher und Nachher. Es gibt nur die immergleiche Frage nach dem Woher und Wohin des Menschen und nach dem Punkt, wo das eine ins andere übergeht." Anna Grigorjewna ergänzte "Wer würde denn auch eine solche Menschliche Tragödie lesen wollen, die doch wirklich wenig Erbauliches hätte?" "Das stimmt", sagte ich, "so gesehen sind die Evangelien allerdings die beste Lektüre."

"Und für einen Schriftsteller eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration", sagte Dostojewski, "wissen Sie, Nikolai Alexandrowitsch, welche Stelle mir in allen Evangelien am besten gefällt?" "Nein", sagte ich, "welche?" "Das Kapitel bei Lukas, welches da heißt Christus in Emmaus: Und siehe, zwei von ihnen gingen an demselben Tag in ein Dorf, das war von Jerusalem etwa zwei Wegstunden entfernt; dessen Name ist Emmaus. Und sie redeten miteinander von allen diesen Geschichten."

Fjodor Michailowitsch hob die Hand und machte eine sachte, flach streichende Bewegung. "Man kann sich das so gut vorstellen. Wie am Morgen die Sonne über dem Horizont erscheint - es ist noch sehr kalt von der Nacht, aber es wird ein ebenso heißer Tag wie alle vorangegangenen Tage und wie alle, welche noch folgen werden in diesem Landstrich, wo sich karge, unwirtliche Gegenden, in denen sich niemand gern aufhält, mit grünen, fruchtbaren Gebieten, in die es alle hinzieht, abwechseln. Und irgendwo in dem Niemandsland dazwischen, wo es von allem etwas gibt und doch von allem etwas fehlt, dort findet diese Episode statt.

Die Hunde liegen noch verschlafen und zusammengekauert hinterm Haus, irgendwo kräht ein Hahn, die Menschen erwachen einer nach dem andern; diese zwei Burschen sind die ersten, die auf den Beinen sind. Sie gehen zur Arbeit, der eine, der ältere, führt die Aufsicht über einen öffentlichen Brunnen, zu dem gleich die Weiber mit ihren Krügen kommen werden, um Wasser zu holen. Seit einigen Tagen schon lernt er den jüngeren an, bringt ihm bei, was man bei dieser Arbeit wissen und tun muss. Vielleicht ist er sein Neffe, der Sohn seiner Schwester, die ihn, den Bruder, gebeten hat, sich seiner anzunehmen, denn er ist ... na, wir wissen es nicht genau.

Jedenfalls reden sie miteinander von allen diesen Geschichten, wie es bei Lukas heißt. Von den Ereignissen, welche sich eine Woche zuvor in der Stadt auf dem Hügel Golgatha, der Schädelstätte, zugetragen hatten, als man daselbst jenen Mann aus Nazareth gekreuzigt hat, welcher von sich behauptete, der Messias zu sein, von dem die Propheten gesagt hatten, daß er zu den Menschen kommen werde.

Der war elend gestorben, obwohl er doch vorgab, Gottes Sohn zu sein, der ihn Vater nannte, und der doch vor dem qualvollen Tod nicht bewahrt wurde, nicht errettet wurde, sondern stattdessen vor den Augen seiner eigenen Mutter jämmerlich krepierte. Das waren Behauptungen und Tatsachen, die man schwerlich miteinander vereinen konnte, und darüber reden die beiden wohl, so wie in diesen Tagen alle Leute in Jerusalem und in der Umgebung davon reden, diese Geschichten sind in aller Munde.

Und wie sie so laufen, kommt ihnen einer entgegen, den haben sie noch nie hier gesehen; aber sie sind so ins Gespräch vertieft, daß sie ihn nicht weiter beachten. Der ältere legt zwar die Hand an die Brauen, um gegen die ersten Sonnenstrahlen einen Blick in das Gesicht dieses Mannes zu werfen, aber er kennt ihn nicht, und es besteht keine Veranlassung, ihn auch nur zu grüßen. Der andere schaut nicht einmal hin.

Sie sind schon aneinander vorbei, da dreht sich der Fremde um und fragt 'Was sind das für Dinge, über die ihr da miteinander redet?' Die beiden bleiben stehen und es verschlägt ihnen glatt die Sprache. Woher kommt der, daß er nicht weiß, was alle Welt weiß? Ist er taub und blind? Ist er schwachsinnig, daß er nicht mitgekriegt hat, was passiert ist?

Fast sind sie verärgert über ihn, weil er von diesen unerhörten Ereignissen anscheinend keine Ahnung hat. 'Dann komm' heute nachmittag in unser Haus, und wir werden dir über alles berichten, was sich zugetragen hat.' Und als er bei den Leuten am Tische sitzt, gibt er sich zu erkennen und sie sehen, daß er wahrhaftig auferstanden ist und sich alles erfüllt habe, wie es prophezeit wurde.

Das heißt", fuhr Fjodor Michailowitsch, wie mit einer Einschränkung, fort: "genaugenommen beginnt sich da erst zu erfüllen, was über den Heiland und Messias, den Sohn Gottes und Erlöser der Menschen geweissagt wurde, und auch wenn es in Lukas' Evangelium fast auf der letzten Seite steht, so ist es doch in Wirklichkeit der Anfang dieser ganzen Messiade, die Geburt und Menschwerdung Christi, der von nun an alles, was in dieser Welt geschieht, mit seinem Geist begleitet.

In dieser Episode, mein Freund, vollzieht sich etwas Wunderbares, das mich als Schriftsteller immer aufs neue überwältigt und mir - wie zu meiner eigenen Erbauung - zeigt, was Literatur erschaffen kann. Ich will es Ihnen noch etwas genauer erklären, Nikolai. Wenn man die Stelle aufmerksam liest, erkennt man, wie diese drei Teile, nämlich das Erzählte, die Erzählung selbst und der Erzähler zu einem einzigen Stück Text verschmelzen.

Lukas ist nicht mehr länger der Berichterstatter, der sich, wie in den vorhergehenden Kapiteln, auf Geschehnisse beruft, die quasi durch eine Vielzahl von Zeugen bestätigt werden. Im Grunde müssten wir uns fragen, wie er von dieser Begegnung bei Emmaus überhaupt habe erfahren können, da er doch Jesus nach dessen Hinrichtung und Grablegung aus den Augen verloren hatte? Etwa durch die Männer selbst, die Jesus gesehen und gesprochen haben, das wäre möglich. Doch er nimmt die Erscheinung des Herrn, die einer Offenbarung und dem Beweis seiner Auferstehung gleicht, vorweg, er lässt Jesus nach Emmaus gehen und zieht sich von da an selbst aus seinem Bericht zurück.

Aber nur scheinbar! Denn indem die Erzählung fortsetzt, sollen wir als Leser oder Hörer unbewusst begreifen, daß Lukas immanent in ihr geworden ist, er wechselte aus der Rolle des Erzählers in die eines Bewahrers der Worte und Werke, als sei das von Anfang an sein Wunschtraum gewesen, er löst sich, als Person, als Individuum, praktisch im Inhalt der Erzählung auf und übergibt sie allen folgenden Generationen zum Gebrauch - wahrhaftig ein grandioses Kunststück! Ich wünschte auch, ich könnte irgendwo in meinem Werk einmal etwas Ähnliches vollbringen."

Diese kleine Unterweisung in Sachen Literatur, die mir Fjodor Michailowitsch damals gab, hat mich nachhaltig geprägt, es hat mich letztendlich wohl dazu geführt, daß ich in dieser "Bewahrung der Worte und Werke", wie er es nannte, nicht nur eine bemerkenswerte Leistung des Schriftstellers sah, sondern sogar anfing mit dem Gedanken zu spielen, mich selber darin zu versuchen - aller Unzulänglichkeit zum Trotz! Hatte nicht Dostojewski einmal gesagt, er sei zum Schreiben dadurch gekommen, daß er sich von der Zwangsvorstellung befreien wollte, ein ganz und gar unnützer Mensch zu sein? Und war es dann nicht wie von selbst geschehen, daß dieser scheinbar unnütze Mensch, als Typus, zu seinem ersten Helden wurde?

Was hatte mich denn überhaupt zu der Bekanntschaft mit ihm und mit Anna Grigorjewna getrieben? Mitnichten mein eigener Wunsch und Wille. Mein Auftrag lautete noch immer: den Dissidenten Dostojewski auszuspionieren und alle seine Äußerungen, Handlungen, Kontakte und Pläne (soweit er unvorsichtig genug war, sie auszuplaudern) unter der einzigen Frage zu beurteilen, inwieweit darin etwas von staatsfeindlicher Propaganda oder gar von umstürzlerischen Machenschaften zu finden sei!

Aus Mangel an handfesten Hinweisen geschweige denn Tatsachen hierfür, hatte ich begonnen, mir irgendwelche Phantasieberichte auszudenken, hatte Personen und ihre Namen erfunden, war imaginären Verdächtigen auf den Fersen, hatte mich gar in sogenannte konspirative Zirkel eingeschlichen, um sie auszuhorchen und ihre Drahtzieher zu entdecken. Freilich ergab immer eins das andere und ich durfte letztlich nicht ans Ziel kommen und keinen Erfolg haben.

Mit der Zeit bereitete es mir sogar ein gewisses Vergnügen, mir suspekte Vorfälle und obskure Gestalten zusammenzureimen und ich musste mich manchmal beherrschen, um nicht gleich eine Kriminalgeschichte daraus zu machen. Ich hätte mich darüber amüsieren können, wenn ich vergessen hätte, daß es mich ans Messer liefert, sollte mir jemand dabei auf die Schliche kommen. Ich musste es vor allen verheimlichen, außer vor mir selbst, ich machte mich zu meinem eigenen Spießgesellen.

Und das war zugleich die höchst bedauerliche Seite daran: ich musste mich permanent selbst täuschen über meine Lage, musste mir einreden, ich würde etwas tun, das, wenigstens für jemand anderen, eine Bedeutung hätte, und jedesmal, wenn ich morgens in den Spiegel sah, blickte mir dieser andere, fremde Mensch entgegen, dieser Mann mit der Maske, die ihn schützen sollte vor der Wahrheit und vor dem Eingeständnis der Falschheit und Niedertracht.

Ich behaupte, ich war einige Male nahe dran, mir diese Maske herunter zu reißen, mich selbst zu enttarnen und alle Konsequenzen in Kauf zu nehmen. Ich hatte am Ende eines meiner Berichte an Preguschin bereits eine Art Geständnis verfasst, in dem ich entschlossen war, Abschied von meinem Dasein als Spion zu nehmen, das ja im Grunde doch nur aus der Schuftigkeit eines erbärmlichen Spitzels bestand, eines Menschen, der seine eigene Haut zu retten versuchte, indem er andere, noch dazu solche, die ihm vertrauten, hinters Licht führte und sie wie ein Judas verriet.

Ich habe diese Erklärung fein säuberlich abgetrennt und vernichtet, ich war zu feige, mich mir selbst zu stellen, und ich fuhr fort, Indizien zu sammeln und "heiße Spuren" zu verfolgen und mir dadurch noch ein bisschen mehr Zeit zu verschaffen. Aber es war klar, daß es nicht gutgehen konnte und ich früher oder später dafür zur Rechenschaft gezogen werden würde.

Dann wieder, wie bei jemandem, der von einem Extrem ins andere verfällt, kreiste eine hinreißende Vorstellung in meinem Kopf, wenn ich mir ausmalte, als ein ganz normaler Bürger hier in Dresden zu leben, unbescholten, unbelastet, frei von Schuld und Furcht herumzulaufen, ohne die Sorge, jemandem zu begegnen, den ich Preguschin und seinen Häschern (von denen ich selbst einer war) überantworten soll, oder jemandem, der den Auftrag hatte, mich zu beschatten, denn seit der Sache mit diesem Andropow, den angeblich keiner kannte, war ich mir nicht mehr so ganz sicher, ob ich nicht selber als ein "Subjekt" eingestuft worden war, das sich zwar augenscheinlich nicht selbst an gefährlichen Umtrieben beteiligte, dessen man sich aber bedienen konnte, um an die wahren Übeltäter heranzukommen.

Vielleicht, so dachte ich, könnte mir Walter von Lentzen dabei behilflich sein, wenn ich mich hier, gewissermaßen mit einer neuen Identität ausgestattet, niederlassen möchte. Ich müsste mich ihm selbstverständlich offenbaren, ihm alles über mich und meine Tätigkeit mitteilen und mir ganz sicher sein, daß er mir seinerseits vertraut. Und wenn ich bedachte, was mir seine Schwester über seine Ambitionen bezüglich eines Postens in Petersburg erzählt hatte, kam ich zu der Überzeugung, daß es ihm doch nicht schaden könnte, über derartige Informationen zu verfügen. Denn Walter war ein netter und gutgläubiger Mensch, aber er war auch politisch versiert, er hätte solche Dinge für sich behalten und sie doch gleichzeitig zu seinem Vorteil ausnutzen können.

Sollte ich Angelika in meine Pläne einweihen? Als sie mich in Dresden besuchte, ging ich schon zwei Stunden vor ihrer Ankunft zum Bahnhof, ich wollte es auskosten sie zu erwarten, ein Gefühl, das ich seit Jahr und Tag nicht mehr genossen hatte. Ich schlenderte umher, betrachtete die Zeitungen am Kiosk, setzte mich auf eine Bank an den Bahnsteigen und beobachtete die Leute. Ich vergegenwärtigte mir noch einmal meinen Aufenthalt in Krostau und alles, was dort geschehen war.

Nachdem sich an jenem Nachmittag das Gewitter verzogen und der Regen aufgehört hatte, wurde es allmählich dämmrig. Ich sagte "Dann werde ich mir im Ort mal ein Quartier suchen", und Angelika empfahl mir den Gasthof "Zur Linde", dort wäre alles sehr ordentlich und die Wirtsleute freundlich. "Ich würde gern mitkommen, aber ich muss mich noch um etwas kümmern." "Nicht nötig", erwiderte ich und ließ mir von ihr einen Weg dorthin beschreiben, auf dem ich meine Schuhe vorm Schlamm bewahrte. "Wenn sie trotzdem schmutzig werden, lassen Sie sie in der 'Linde' putzen, die machen das ganz umsonst für ihre Gäste."

Ich fragte "Sehen wir uns dann morgen nochmal?" Sie tat überrascht, "Wollten Sie etwa einfach so klammheimlich abreisen?" "Nein, im Gegenteil ... ich meine, vielleicht kann ich Sie im Gasthof zum Frühstück einladen." Sie lachte, "Na, das würde aber komisch aussehen! Nee, kommen Sie mal lieber wieder her." "Gut", sagte ich, und wir verabschiedeten uns.

Mit der Unterkunft im Gasthof ging alles in Ordnung. Ich saß schon halb ausgekleidet auf der Bettkante, als es an meine Kammertür klopfte, ich rief "Wer ist da?" "Ich bin's nochmal", hörte ich Angelika's Stimme. Ich sprang auf, "Moment bitte, ich bin schon halb ausgekleidet." "Macht nichts, ich guck' nicht hin." Ich warf mir schnell etwas über und öffnete. "Ich wollte nur schauen, ob es Ihnen gutgeht. Haben Sie alles, was Sie brauchen?"

Sie hatte ein anderes Kleid an als tagsüber und ihre Frisur war ein bisschen verändert. "Ja, danke, alles bestens. Sind Sie jetzt extra deswegen hergekommen?" "Ich war noch unterwegs, da habe ich einen kleinen Schlenker gemacht, um mich zu vergewissern. Nicht daß Sie sich dann hinterher beschweren." Sie lachte. "Es war ein sehr schöner Tag heute", sagte ich, als wäre ich derjenige gewesen, der zu später Stunde an ihre Tür klopfte. "Das freut mich", erwiderte sie, "dann wünsche ich Ihnen eine gute Nacht, Nikolai." "Ihnen auch, Angelika."

Im Schlaf träumte ich von einer Flaschenfabrik. Jemand, den ich für einen der Neblich Brüder hielt, führte mich herum und zeigte mir die Produktionsanlagen. (Ich hatte eigentlich keine genaue Vorstellung, wie es in einer Flaschenfabrik zugeht, aber im Traum schien alles wie am Schnürchen abzulaufen.) Wir kamen an eine große, laute Maschine, an der sich - nun doch in phantastisch übertriebener Weise - unzählige leere Flaschen (manche kopfüber), in verschlungenen Bahnen aneinandergereiht, vorbei bewegten und mit ihrem Klingen und Klirren in das Stampfen der Kolben miteinstimmten.

Neblich versuchte, den Lärm zu übertönen, aber ich konnte ihn nicht verstehen, da deutete er auf ein Messingschild, das am Kessel prangte und auf dem stand, daß die Anlage von einer leistungsstarken oszillierenden Zwei-Zylinder Zwillings Dampfmaschine mit Einspritz Kondensation angetrieben wird. Er nickte mir zu und machte wie zur Bestätigung eine deftige Handbewegung, die aber, wie ich dann fand, etwas Anzügliches hatte. Angelika tauchte in meinem Traum merkwürdigerweise nicht auf. Am Morgen überlegte ich, wie ich auf dieses Messingschild gekommen war, wo ich doch ansonsten keine Ahnung von derlei Maschinen hatte.

Als ich jetzt auf dem Dresdner Bahnsteig meinen Traum Revue passieren ließ, wurde ich durch das Signal der einfahrenden Lokomotive aufgescheucht, und als der Zug hielt, stand ich stramm wie ein Zinnsoldat zum Empfang meiner Dame. Ich hatte Angelika unter den aussteigenden Fahrgästen gleich ausfindig gemacht, und mir schien, daß sie, als sie mich gesehen hatte, erst nochmal ziellos um sich schaute, bis sie mein Winken bemerkte und erwiderte. Sie sah sehr apart aus, ganz so, als käme sie aus einer Großstadt und nicht aus einem verschlafenen Dorf, wo der Storch vom Diebelteich die neugeborenen Kinder beschert.

Wir fuhren mit dem Dampfer die Elbe hinauf nach Schloss Pillnitz (ihren kleinen Koffer hatten wir ins Hotel Dresdner Hof geschafft, wo ich ein Zimmer für sie hatte reservieren lassen). Es war herrliches Wetter, und als wir durch den Park spazierten, spannte Angelika ihren niedlichen weißen Sonnenschirm mit den Rüschen am Rand auf und ließ ihn übermütig auf der Schulter rotieren, ich glaube, wir gaben ein hübsches Paar ab.

Abends besuchten wir im Hoftheater eine Aufführung von Webers "Freischütz". Ich sah die Oper zum erstenmal, Angelika kannte sie schon. Und doch - je näher der Zweite Aufzug rückte, umso unruhiger wurde sie, und dann, bei der schauerlichen Wolfsschlucht Szene fasste sie meinen Arm auf der Lehne und ich legte meine Hand auf ihre, wie um sie festzuhalten, damit sie nicht in die Fänge des grausigen Samiel geriete. Hinterher sagte sie "Ich weiß ja, wie's ausgeht. Und doch überkommt mich bei dieser Szene immer wieder so ein Entsetzen. Vielen Dank übrigens, daß Sie so gefühlvoll waren und nicht über mich gelacht haben." Ich war geschmeichelt und empört zugleich, "Das hätten Sie nicht im Ernst von mir erwartet!" "Nein, wahrscheinlich nicht ... aber es ist doch immer sicherer, wenn man's gezeigt bekommt."

Apropos Musik. In Krostau beim Frühstück (sie muss wohl schon seit Stunden auf den Beinen gewesen sein, um alles so geschmackvoll zuzubereiten, was sie jetzt aufgetischt hatte) sagte ich "Walter hat erwähnt, daß es hier am Ort gleich zwei Silbermann Orgeln gibt und daß Sie ausgezeichnet darüber Bescheid wüssten?" Sie gab sich bescheiden, "Also nicht daß Sie denken, ich könnte Ihnen jetzt einen Vortrag über diese Haupt- und Oberwerke und die Pedale und den Principal Bass und all' das Zeug halten - wissen Sie, Nikolai, ich bin manchmal ein bisschen sentimental, und da ist es mir ein großes Vergnügen, mich einfach in die Kirche zu setzen - am liebsten ganz allein - und dem Herrn Neblich beim Spielen zuzuhören."

Ich fragte "Ist das der Wett... der Meteorologe Neblich oder der Doktor Neblich?" "Der Organist Neblich, der dritte im Bunde. Unter uns gesagt: der ist mir der liebste. Ja, der könnte Ihnen was über unsere Orgeln erzählen! Eine ist in der Georgen Kirche und die andere in der Marien Kirche, weiß nicht, warum gerade Krostau damit überhäuft ist. Aber eins müssen Sie wissen, Nikolai, diese beiden Orgeln sind so verschieden, wie Sie sich nur vorstellen können", sie sprang auf und holte aus einem Schubfach ein Kalenderbuch hervor, blätterte zu einer bestimmten Seite und sagte dann "eigentlich müsste der Neblich heute in Sankt Georgen zugange sein", sie schaute mich an, "wenn Sie möchten, können wir mal hingehen." "Sehr gern", sagte ich und bemerkte den leuchtenden Ausdruck in ihren Augen.

In der Georgen Kirche suchten wir vergebens nach dem Organisten, aber wir fanden ihn in Sankt Marien, wo er gerade "etwas von Bach" spielte, wie Angelika auf Anhieb feststellte. Wir störten ihn selbstverständlich nicht, sondern nahmen leise Platz in einer der Bankreihen, und als ich saß, rückte Angelika noch näher an mich heran und flüsterte mir ins Ohr "Es ist nämlich so: die Orgel hier in Sankt Marien ist eine Sie, während die drüben in Sankt Georgen ein Er ist!" "Zufällig?", fragte ich. "Keineswegs. Das hat der Silbermann wohlbedacht."

"Aber woran unterscheidet man denn bei einer Orgel das Geschlecht?", wollte ich wissen. "Am Klang natürlich. Marien ist wie mit einem metallischen Glanz überzogen, sie ist strahlend hell und irgendwie auch jungfräulich rein, wie ein Mädchen mit einer wunderschönen klaren Stimme, das ihren Gesang aus einer himmlischen Unendlichkeit schöpft. Und die Töne, Nikolai, wenn Sie mal genau hinhören, die sind wie Kiesel oder wie Edelsteine, mal rund und mal mit Ecken, aber immer wohlgeformt und sozusagen an den Fingern abzählbar - das stammt übrigens von Neblich, aber ich finde, es trifft zu.

Und wenn wir jetze zaubern und uns mit einem Fingerschnipps 'rüber in die Georgen Kirche versetzen könnten und der Neblich dort spielte, dann würden Sie den Unterschied mitkriegen, das schwör' ich Ihnen, Nikolai. Denn der Georgen ist ja der starke Mann, der Drachentöter und der Held, der hat vielleicht auch einen ehernen Panzer vor der Brust, aber seine Lanze ist aus Holz, und die Georgen Orgel klingt, als hätte sie Holzpfeifen, die sind nicht gegossen und geschliffen wie diese hier, sondern gebohrt und geglättet - ist auch Neblichsprache - da kommt die Stimme nicht vom Himmel, sondern aus der Erde und die Töne sind wie Staub und Schnee, die sommers und winters auf den Boden fallen."

Ich konnte mich ehrlichgesagt gar nicht satthören an ihren Worten, ob sie nun ursprünglich von Neblich stammten oder nicht, sie flossen aus ihrem Mund in mein Ohr, als wär's ein Elixier, das mir eingetrichtert würde. Und als wir dann tatsächlich, in Neblichs Begleitung, hinüber nach Sankt Georgen gingen und er dort genau dasselbe Stück spielte, da fand ich alles genauso bestätigt und ich sagte zu Angelika "Beschreiben Sie mir's nochmal, ich habe sowas noch nie erlebt", und fast berührte sie dabei mein Ohr mit ihren Lippen.

Die zwei Tage mit Angelika in Dresden waren anders als die in Krostau, doch sie ergänzten einander. Am Ende war ich kurzentschlossen, sie zu überreden, noch zu bleiben, aber sie kam mir zuvor und sagte, sie müsse jetzt unbedingt ihrer Freundin den versprochenen Besuch abstatten, und ich hatte das Gefühl, als habe sie auch bis zur letzten Minute mit dieser Erklärung gewartet, die freilich einer Verabschiedung gleichkam.

"Was würden Sie sagen, wenn ich, mir nichts dir nichts, plötzlich bei Ihnen in Krostau vor der Tür stehe?", fragte ich sie zum Schluss. Sie lächelte und erwiderte "Sie könnten sich aber auch vorher ankündigen, dann würde ich mich länger darauf freuen." Und so verblieben wir, und wir waren mit unsern Empfindungen offenbar auf gleicher Linie oder bessergesagt auf gleicher Höhe angelangt, denn irgendwie beruhigte mich das Gefühl, ihrer zwar entbehren zu müssen, doch mit der Aussicht auf ein baldiges Wiedersehen die Melancholie, falls sie mich befallen sollte, leichter zu ertragen.

Ich ging in dem kleinen Park nahe meinem Quartier spazieren und ich marschierte an der Elbe entlang, in Gedanken versunken und immer unschlüssig, was ich tun sollte, um meinem Leben endlich eine vernünftige Richtung zu geben, aber ich musste spüren, wie sich das alles meinem Willen entzog und ich doch in meiner altbekannten und gewohnten Schwachheit und Verzagtheit verharrte, in der ich immer schon jeden wagemutigen Entschluss wieder aufgegeben oder zumindest aufgeschoben hatte. Aber das wurmte mich immer mehr und verlangte gleichsam nach einem radikalen Einschnitt.

Bedauerlicherweise konnte ich mich nicht einmal bei den Dostojewskis davon ablenken, denn Fjodor Michailowitsch hatte sich jeden Besuch verbeten. Er rang mit der Fertigstellung des Vierten Teils seines Romans Der Idiot und entgegen allen guten Vorzeichen muss es ihn dann bis an den Rand des Zusammenbruchs getrieben haben, so jedenfalls konnte ich es Anna Grigorjewnas spärlichen Informationen entnehmen, die sie mir zwischen Tür und Angel gab. Doch in ihrer bedingungslosen Fürsorge, die leider manchmal an Eifersucht grenzte, lehnte sie jede angebotene Hilfe ab. "Danke, Nikolai Alexandrowitsch", sagte sie, "wir schaffen das schon allein!", aber in ihren Augen standen die Tränen.

Zudem saß ihnen der Herausgeber des Russki westnik im Nacken, der auf die Fortsetzung für den Abdruck drängte, und Dostojewski hatte, wie das bei ihm stets der Fall gewesen war, dafür bereits einen Vorschuss kassiert - verknüpft (auch wie immer) mit einer hohen Konventionalstrafe, die er zahlen musste, wenn er den Termin nicht einhielte. Noch vor kurzem (bei dem Treffen der Stenographen) hatte Anna Grigorjewna über eine ähnliche Situation in der Vergangenheit und über deren glücklichen Ausgang berichtet. Jetzt aber schienen auch in ihr die alten Ängste wieder aufzusteigen. Freilich, in dieser Bedrängnis hätte ich Fjodor Michailowitsch wenig helfen können und für meine eigenen Probleme kaum ein offenes Ohr gefunden.

Also ging ich weiterhin in den Park und an die Elbe und wartete auf die große Veränderung. Und da traf eines Morgens eine Nachricht von Anna Grigorjewna bei mir ein: ich solle unbedingt sofort zu ihr kommen! Ich befürchtete das Schlimmste. Und ich fand sie allein vor, mit rotgeweinten Augen - doch es waren keine Tränen der Verzweiflung, sondern eher der Rührung, und sie selbst war in der heitersten Verfassung, wenngleich wie von einem heftigen Gefühl bis eben tief erschüttert.

Sie zog mich am Arm herein, platzierte mich auf einen Stuhl im Wohnzimmer und drückte mir einen Brief in die Hand, der offensichtlich von Fjodor Michailowitsch stammte und, wie ich den ersten Worten entnahm, aus Wiesbaden kam. (Ich wusste, daß Dostojewski bereits mehrmals dorthin gefahren war, um im Casino sein Glück beim Roulette zu versuchen - und Anna's Geld zu verspielen, das sie selbst erst beim Pfandleiher besorgt hatte.) "Lesen Sie, mein Freund!", sagte sie mit fast feierlicher Stimme, "Das lang Ersehnte ist geschehen! Oh, ich danke der Muttergottes für ihre Gnade!" Ich konnte sie gerade noch davon abhalten, auf die Knie zu sinken und ein Stoßgebet gen Himmel zu schicken. "Warten Sie, Anna Grigorjewna, lassen Sie mich doch erst einmal lesen!" "Ja, Sie haben recht! Soll mein Feduschka für uns sprechen! Denn ihm allein ist die Erlösung zuteilgeworden."

Er schrieb, daß er alles Geld verloren hatte und er bat sie, ihm noch einmal dreißig Taler zu schicken. Ich zog die Brauen zusammen bei dieser Forderung und angesichts der Reaktion Anna Grigorjewnas, die mir völlig unverständlich schien. Doch dann folgte die Erklärung: Fjodor Michailowitsch schrieb, daß er nie mehr spielen werde! Er schwor es hoch und heilig, und er war selber am meisten davon überzeugt, daß er sein Versprechen halten werde. Er sei gleichsam seelisch geläutert.

"Mir ist Großes widerfahren, der hässliche Traum, der mich zehn Jahre lang gequält hat, ist über Nacht verschwunden! Zehn Jahre habe ich, von Schulden erdrückt, fortwährend von dem großen Gewinn geträumt - jetzt ist alles zu Ende, es war das allerletzte Mal! Anja! Glaubst du daran, daß mein Geist und meine Hände nun frei sind, die durch das Spiel gefangen waren? Jetzt wird meine Arbeit besser und schneller vorangehen als jemals zuvor, und Gott wird sie segnen. Anja! Bewahre mir dein Herz! Lass' deine Liebe sich nicht in Hass verwandeln. Jetzt, da ich wie neugeboren bin, werden wir zusammen durch das Leben gehen, und ich werde für immer dafür sorgen, daß du glücklich wirst."

Er brauchte das Geld, um im Hotel seine Rechnung zu bezahlen und um sich eine Rückfahrkarte zu kaufen. Anna Grigorjewna hatte sofort gespürt, daß diese Worte der Wahrhaftigkeit selbst entsprangen und daß der fatale Bann seiner Spielsucht endgültig gebrochen war. Zurück in Dresden, warf sich Dostojewski mit Feuereifer auf den Vierten Teil seines Romans und brachte ihn innerhalb von fünf Tagen zur Vollendung, das Ganze wurde rechtzeitig vor Ablauf der vom Verleger gesetzten Frist fertig und wir feierten den krönenden Abschluss mit Sekt und russischem Kaviar (wofür Anna Grigorjewna allerdings ein letztes Mal etwas von ihrem Schmuck verpfändet hatte - und sich dann auch noch mit Selterswasser begnügte).

Ich staunte, wie sich das Leben der Dostojewskis plötzlich wandelte, als wäre es mit dem Zauberstab einer guten Fee in Berührung gekommen. Und kaum daß Fjodor Michailowitsch schon am Entwurf für den nächsten Roman werkelte, war bei den beiden auch immer öfter die Rede von einer Rückkehr nach Russland, und besonders Anna Grigorjewna hörte nicht mehr auf, sich alles in den rosigsten Farben auszumalen. Eines Tages bekam ich mit, daß sie wieder in anderen Umständen war, und ich freute mich für sie beide und ich sah, daß sie die Trauer über den Verlust ihres ersten Kindes überwunden und sich in der Gewissheit auf eine frohe Zukunft ihrem neuen Leben zugewandt hatten.

"Kommen Sie doch mit uns, Nikolai Alexandrowitsch", forderte Anna Grigorjewna mich ermunternd auf, und Dostojewski, der bereits eine Stelle als Schriftleiter der Zeitschrift Graschdanin in Aussicht hatte, meinte, er könnte sich dafür einsetzen, daß ich dort eine Arbeit als kaufmännischer Sekretär oder sogar als Redakteur bekäme. Ich bedankte mich für so viel Zuspruch und sagte, ich würde es mir ernsthaft überlegen.

Und dann kam der Tag, als sie nach Petersburg abreisten. Es war für mich einer der traurigsten Momente meines Lebens. Ich ging wieder in den kleinen Park, wo ich hoffte, meine trüben Sinne aufhellen zu können. Ich dachte über Fjodor Michailowitsch's Angebot nach. Was für einen doppelten Verrat würde ich begehen, wenn ich darauf einginge! Einen dreifachen, wenn ich mich selbst dazurechne. Einmal abgesehen davon, daß mich Preguschin, mein Führungsoffizier, nicht so leicht davonkommen ließe.

Ich fragte mich jetzt, warum ich der ganzen Heimlichtuerei nicht viel früher ein Ende gesetzt hatte, schon als abzusehen war, daß im "Fall Dostojewski" für die Spitzel der Sektion VIII nichts zu gewinnen war. Lag das nur an mir selber? Ich hätte beizeiten Preguschin klarmachen sollen, daß unsere Observationen und Nachforschungen umsonst und nicht der Mühe und die Kosten wert seien, die wir dafür aufwendeten. Stattdessen hatte ich Preguschin mit falschen Informationen hingehalten, und war das wirklich nur meinem Wunsch geschuldet, mich länger in der Nähe der Dostojewski's aufhalten zu dürfen?

Da kamen mir erste Zweifel, ob Preguschin tatsächlich so naiv war, daß er mir alles abnahm, was ich an ihn berichtet hatte. Aber gesetzt den Fall, er wäre misstrauisch geworden, warum hatte er mich nicht gleich zur Rede gestellt, sondern mich weiter gewähren lassen, wenn er wusste, oder zumindest ahnte, daß ich ihm nur unbrauchbares Zeug liefere? Und die Arbeit der Sektion VIII womöglich letztlich in schlechten Ruf brächte; es gab genug Leute in den anderen Sektionen, die nur darauf warteten, daß wieder einmal darüber gespottet wurde, was für "Blindgänger" bei Preguschin umhertappen und dafür auch noch mit Staatsgeldern entlohnt werden.

Ich blieb noch zwei Wochen in Dresden, hin- und hergerissen zwischen den Alternativen, die sich mir boten und von denen jede mit großen Schwierigkeiten verbunden war. Ich kam zu dem Schluss, daß ich zuerst in der Sektion VIII bei Preguschin reinen Tisch machen musste, bevor ich eine wirkliche Wendung vollziehen konnte.

Als ich mich in seinem Büro zurückmeldete, fand ich ihn in einer seltsamen Stimmung. Ich hatte erwartet, daß er mich über meinen Aufenthalt in Dresden ausfragte, mir womöglich Vorhaltungen machte, zumal meine Berichte, die ich an ihn geschickt hatte, eher verworren denn aufschlussreich gewesen waren; er hätte wohl auch mit mir schimpfen sollen, daß ich sie auf dem einfachen Postweg abgesandt hatte (es gab eine quasi geheime Verbindung zwischen einer Adresse in Potsdam und der Kanzlei in Petersburg, die ich jedoch nie benutzt hatte, vor allem weil es mir zu umständlich war).

Doch Preguschin begrüßte mich beinahe so, als wäre ich eine Woche lang im Urlaub gewesen, und als ich ihn über meine Aktivitäten unterrichten wollte, winkte er ab und sagte "Das machen wir morgen ... oder später ... ich bin da gerade an einer Sache dran, die mir einiges Kopfzerbrechen bereitet." "Kann ich Sie dabei unterstützen?", erkundigte ich mich, doch wiederum hob er nur die Hand wie um mich abzuwimmeln, "Nein, nein, es würde jetzt zu lange dauern, Sie einzuweisen. Kümmern Sie sich erstmal um den Kram, der auf Ihrem Schreibtisch liegt, und nächste Woche sehen wir weiter."

Ich zog mich zurück, ich war natürlich nicht gerade wütend darüber, daß ich so ohne alle peinliche Befragung davongekommen war, aber irgendetwas an Preguschins Verhalten machte mich unsicher. Ich behielt ihn im Auge und verfolgte so gut ich konnte, mit wem er sprach und wer in sein Büro kam. Da waren ein paar Kollegen mit Aktenmappen, die offenbar ihre gewohnte Arbeit erledigten; ich sprach auf dem Gang mit dem einen und andern, sie erkundigten sich nach meinen "Erfolgen" bei den Verhandlungen mit den Preußen und ich berichtete ihnen etwas von der Schlacht bei Königgrätz, ganz so, als wäre ich Augenzeuge gewesen. Ich konnte jedoch nicht herauskriegen, was für eine "Sache" das war, die Preguschin in der Mangel hatte.

Ich fand einen ansehnlichen Stapel liegengebliebener Papiere auf meinem Schreibtisch, das meiste betraf irgendwelche Bagatellvorgänge, schon nach dem fünften oder sechsten Dokument fing ich an zu gähnen, lehnte mich zurück und überlegte allen Ernstes, ob ich erstmal einen kleinen Spaziergang an der frischen Luft machen sollte. Ich verschob es auf den Mittag und zwang mich, weiter die Schriftstücke zu bearbeiten. Da war ein einfacher Brief dazwischen, auf dem bloß mein Name und meine Anschrift hier in Petersburg standen, und als ich ihn öffnete, lief mir ein eiskalter Schauer über den Rücken, der mich im Bruchteil einer Sekunde wieder hellwach werden ließ.

Eine gefühlte Ewigkeit saß ich da, las wieder und wieder die wenigen Worte und hätte sie jedesmal am liebsten mit meinen Blicken ausgelöscht, aber sie hatten sich längst in meinen Gedanken eingraviert. Ich ging ins Erdgeschoss und über den Hof in ein Nebengebäude, in dem sich unsere Poststelle befand, ich kannte dort eine Mitarbeiterin. Ich fragte sie, ob es möglich sei, daß "Privatpost" hier im Haus zugestellt werde, und sie verneinte, so etwas sei ihr noch nicht vorgekommen, aber ganz ausschließen wollte sie nichts. Ich kehrte zu meinem Schreibtisch zurück. Nachdem ich wieder lange überlegt hatte, entschloss ich mich, zu Preguschin zu gehen.

Ich sagte "Nikita Jefremowitsch, darf ich Sie kurz sprechen?" "Was gibt es denn?" "Ich habe hier auf meinem Schreibtisch einen Brief gefunden, der an meine Hausanschrift adressiert ist, finden Sie das nicht auch ungewöhnlich?" Wenn Preguschin jetzt gesagt hätte: 'Zeigen Sie mal her!', dann hätte ich das unter einem Vorwand abgelehnt - so war mein Plan.

Aber stattdessen erwiderte er "Ach ja, das habe ich veranlasst, weil bei Ihnen doch neulich eingebrochen wurde." (Das lag ziemlich lange zurück.) Er fügte hinzu "Wir können natürlich nicht zulassen, daß bei unseren Mitarbeitern während ihrer Abwesenheit eingebrochen wird und dadurch eventuell brisante Dokumente in die falschen Hände geraten." Ich sagte "Ich habe nie irgendetwas aus dem Büro mit nach Hause genommen." "Um so besser. Und ich habe dafür gesorgt, daß man bei Ihnen nichts finden kann, Nikolai Alexandrowitsch, Sie sollten mir also dankbar sein, daß dieser Brief noch da ist."

Ich steckte ihn ein, abends las ich ihn abermals. Er war von einer Frau geschrieben, glaubte ich zu erkennen. Ob er jedoch wahrhaftig von ihr stammte, konnte ich nicht mit Sicherheit sagen, denn ich kannte ihre Handschrift nicht. Was meine Adresse betraf, so hatte ich sie tatsächlich auf einem Zettel notiert und ihr in Genf gegeben - und dann, als Tatjana plötzlich verschwunden war, vergessen, den Zettel sicherheitshalber wieder an mich zu nehmen, gut möglich, daß ihn jemand dort gefunden hatte, für den er nicht bestimmt war. Andererseits konnte sie ihn auch schon eingesteckt haben, darauf hatte ich nicht mehr geachtet.

Am nächsten Tag fuhr ich zu dem besagten Haus. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite waren ein paar Läden, ich ging einige Male davor hin und her und schaute dabei unauffällig hinüber. "Nikolai! Wir müssen uns treffen. Fragen Sie nach mir unter dieser Adresse ...", dann folgten die Straße, Nummer und der Name Rostropowitsch, unterzeichnet war der Brief mit Tatjana Iwanowna.

Nach einer Viertelstunde überquerte ich die Straße und ging ins Haus, stieg drei Etagen hinauf, bis ich vor der Wohnungstür mit dem Namen Rostropowitsch stand. Ich drückte auf den Klingelknopf, aber es läutete nicht. Ich pochte mehrmals an die Tür, erst vorsichtig, dann kräftig, nichts regte sich. Ich ging wieder nach unten. Ich drehte eine Runde und versuchte es nochmals, niemand machte mir auf. Als ich wieder auf der Straße war, sah ich drüben einen Mann, dem ich irgendwo schon einmal begegnet war, aber ich konnte mich nicht genau auf ihn besinnen.

In der Nacht lag ich lange wach und grübelte über alles nach. Ich wollte nichts mehr damit zu tun haben. Ich hatte überlegt, wie ich mich schadlos aus der ganzen Affäre herausziehen könnte, aber dafür hätte ich mich schon unsichtbar machen müssen. Selbst wenn ich mich als absoluter Trottel erwiesen oder mir einen groben Schnitzer erlaubt hätte, wäre ich nicht zum zweiten Mal auf Bewährung versetzt worden, und irgendwo als Prügelknabe ganz unten in einer verkommenen Abteilung zu landen - darauf war ich auch nicht erpicht. Ich war immer noch der Feigling, der auf ein Wunder hoffte.

Ich bat um eine Unterredung mit Preguschin. Ich sagte, daß ich zur Zensurbehörde wechseln möchte. Entgegen meinen Befürchtungen, wies er mich nicht sogleich ab, sondern hörte sich meine Gründe, wenn auch etwas gelangweilt wie mir schien, bis zu Ende an. Dann sagte er, so einfach ginge das freilich nicht, es müsse in einem Verfahren geprüft und genehmigt werden, das dauere mindestens vier bis sechs Wochen, in denen sich die zuständigen Stellen eindringlich damit befassen. Als ich sah, daß er prinzipiell nichts dagegen einzuwenden hatte, beharrte ich auf meinem Begehren und sagte, ich würde dafür alle nötige Zuarbeit leisten. Es war mir in diesem Moment nicht einmal wichtig zu wissen, warum sich Preguschin so ohne weiteres von mir trennen wollte.

Ich begann sofort, mein Gesuch zu schreiben, geriet aber bald ins Stocken, weil meine Gedanken nur um Tatjanas Nachricht kreisten. Noch vor Feierabend schlich ich mich aus dem Gebäude und fuhr abermals zu der Wohnung des Rostropowitsch. Diesmal öffnete sich die Tür einen Spalt breit, und ich sah das etwas ungepflegte Gesicht eines Mannes, ich sagte ihm, wer ich sei und daß Tatjana Iwanowna mich sprechen wollte. "Welche Tatjana Iwanowna?", fragte er zurück. "Tatjana Iwanowna Jesinska" Er löste die Sicherheitskette und ließ mich herein. "Wie können Sie es wagen, hierher zu kommen!", sagte er fast drohend und musste sich beherrschen, leise zu bleiben. Ich sagte "Tatjana hat mir diese Adresse genannt."

Er schüttelte den Kopf, offenbar war er darüber nicht informiert. Wir blieben an der Tür stehen. "Sie ist nicht hier", sagte er, "warum will Sie überhaupt mit ihnen sprechen?" "Das weiß ich doch nicht! Sie hat mich darum gebeten." Mir schien, als befürchte er, irgendeine interne Absprache verpasst zu haben, nach einer kurzen Pause fragte er "Wo kann ich Sie erreichen?" Ich nannte ihm meine Adresse und fügte hinzu "Aber die ist ihr bekannt." "Sind Sie sicher?" "Ja, sie hat ihre Nachricht da hin geschickt." "Kann ich die mal sehen?", fragte er, und ich gab ihm den Umschlag. Er holte den Zettel heraus und las die zwei Zeilen, ich konnte sehen, daß in seinem Kopf etwas vorging. "In Ordnung", murmelte er und drückte mir den Brief wieder in die Hand als wär's eine alte Einkaufsliste, "sie wird Sie kontaktieren. Bleiben Sie, wo Sie sind und kommen Sie auf keinen Fall nochmal hierher!"

Als ich tags darauf im Büro die restlichen Dokumente durchsah, fiel mir auf, daß sie durchweg älteren Datums waren, das hatte ich zuerst nicht bemerkt. Alle diese Vorgänge lagen lange zurück, lediglich Tatjanas Brief war neu gewesen, als hätte ihn jemand zwischen einen Stapel alte Papiere aus dem Aktenschrank geschoben. Während ich noch darüber nachsann, rief mich Preguschin zu sich. Ich war nicht wenig erschrocken, als ich bei ihm den Staatsanwalt Liberyn sah und außerdem jenen Mann, der mir vor dem Rostropowitsch Haus begegnet und der, wie mir jetzt einfiel, auch im Leichenschauhaus dabei gewesen war. Ich versuchte, gelassen zu bleiben.

Preguschin reichte mir eine Faltkarte im Oktavformat, die in sehr kleiner Schrift bedruckt war und die man wie einen Ausweis in die Jackentasche stecken konnte, vorn stand darauf: Statut der Organisation "Narodnaja Wolja". "Was ist das?", fragte ich. "Das sehen Sie doch, Nikolai Alexandrowitsch", erwiderte Liberyn und musterte mich mit scharfem Blick.

Ich las: "Jedes Mitglied der Organisation ist verpflichtet - alle Geistes- und Seelenkräfte der revolutionären Sache hinzugeben, ihretwillen alle Familienbande, Sympathien, Liebe und Freundschaft aufzugeben - wenn nötig, das eigene Leben zu opfern, ohne Rücksicht auf sich und andere - nichts zu besitzen, das nicht gleichzeitig der Organisation gehört - seinem individuellen Willen zu entsagen und ihn den Mehrheitsbeschlüssen der Organisation unterzuordnen - alle Angelegenheiten, Pläne und Absichten, sowie den Mitgliederbestand der Organisation streng geheimzuhalten - in allen Beziehungen öffentlichen und privaten Charakters, in allen offiziellen Handlungen und Erklärungen sich niemals als Mitglied, sondern stets nur als Beauftragter des Vollzugskomitees zu bezeichnen."

Auf der Rückseite konnte man sehen, daß etwas abgerissen war, womöglich eine Art persönlicher Nachweis des Besitzers. Liberyn fragte "Kommt Ihnen das bekannt vor?" "Nein. Woher stammt es?" Preguschin sagte "Von einem Mann, der bei dem Anschlag auf den Eisenbahnzug des Zaren dabei war." "Was für ein Anschlag?", fragte ich überrascht, und Liberyn erklärte "Vor zwei Wochen gab es einen Anschlag auf den Zug, in welchem sich Seine Majestät auf der Rückreise von Schloss Liwadija befand." (Das war die Sommerresidenz des Zaren auf der Krim.) Ich sagte "Warum weiß ich nichts davon?", und Liberyn fragte mit unangenehmer Miene zurück "Ach, Sie wussten nichts davon?" "Nein! Was ist passiert?" Preguschin sagte "Eine Bombe ist explodiert. Glücklicherweise im falschen Waggon."

Liberyn fragte mich "Diese Organisation Narodnaja Wolja - haben Sie noch nie davon gehört?" Ich sagte, an Preguschin gewandt, "Haben Sie denn jemals ihren Namen erwähnt, Nikita Jefremowitsch?" Er wich aus, "Es war öfter von der Vereinigung Land und Freiheit die Rede." "Ja, Land und Freiheit, daran kann ich mich erinnern." Liberyn sagte "Wir vermuten, daß sich die Narodowolzy davon abgespalten haben" und fügte unvermittelt hinzu "was war denn eigentlich damals in Genf los?" "Was meinen Sie?"

"Sie haben doch dort ein paar alte Bekannte getroffen, oder?" Ich tat, als müsste ich mich darauf besinnen, "Nein. Ich habe Bakunin bei einem Auftritt gesehen, das habe ich Nikita Jefremowitsch berichtet." "Stimmt", bestätigte der und nickte dabei, als wäre ich damit um einen Punkt im Vorteil. Aber Liberyn ließ nicht locker, "Und sonst war da nichts?" "Nein." "Warum sind Sie dann noch länger dort geblieben?" "Das habe ich ihn auch schon gefragt", stellte Preguschin fest. (Da wurde mir klar, daß sie beide über mich geredet hatten.) Ich sagte "Ich habe auf weitere Instruktionen gewartet." "Und sind dann trotzdem eigenmächtig abgereist." Ich wäre noch tiefer in die Defensive geraten, wenn ich darauf etwas entgegnet hätte, deshalb ließ ich es im Raum stehen.

Es bestand kein Zweifel mehr, daß sie mir beide misstrauten. Aber sie hatten nichts gegen mich in der Hand, solange ich den Ahnungslosen spielte. Nur die Sache mit Tatjana konnte mir zum Verhängnis werden. Dieses Gelöbnis aus dem Statut gab mir zu denken. Möglicherweise war Tatjana wirklich von den Land und Freiheit Leuten zu den Narodowolzy übergewechselt. Aber warum? Die Verpflichtungen im Statut kamen mir nicht so vor, als würde sie dafür ihre Hand ins Feuer legen, mit solcherart Unterordnung und Selbstaufgabe hatte ich sie nicht in Erinnerung behalten.

Da kam mir der Gedanke, sie habe sich vielleicht in ihrer Not an mich gewandt, nachdem sie bei den Narodowolzy in argen Konflikt mit ihren eigenen Überzeugungen und mit den dortigen Genossen in Streit geraten war. (Oh, wie schlecht ich sie doch kannte! Und wie sehr ich mich selbst überschätzte.)

Zwei Tage später, als ich auf dem Nachhauseweg vom Büro war, tauchte plötzlich an meiner Seite jener Mann auf, der mir in der Rostropowitsch Wohnung die Tür geöffnet hatte. Er überholte mich bloß und raunte mir dabei zu: "Folgen Sie mir unauffällig!" Ich blieb stehen, um einen Blick auf meinen Schuhabsatz zu werfen, als wäre ich versehentlich in den Dreck getreten, dabei ließ ich ihn ein paar Schritte voraus gehen. Wir liefen durch zwei drei Seitenstraßen und da verlor ich ihn aus den Augen.

Ich blieb stehen. Am Straßenrand hielt eine Droschke mit Verdeck, der Türverschlag ging auf und jemand machte mir ein Zeichen einzusteigen. Er hielt mir ein schwarzes Tuch hin, "Binden Sie das um Ihre Augen!" Ich tat es. Der Kutscher trieb das Pferd an, ich hörte die Hufe aufs Pflaster schlagen, in den Kurven wurde ich zur Seite gedrückt, mal nach links, mal nach rechts, ich verlor völlig die Orientierung und mir schien, daß wir uns längst in einem der äußeren Stadtbezirke befinden müssten.

Ich vernahm, wie wir durch eine Hofeinfahrt fuhren. Wir hielten an, und der Mann bugsierte mich aus dem Fahrzeug, führte mich zu einer Tür und dann eine Treppe hinab in den Keller; endlich wurde ich auf einen Stuhl gesetzt und durfte die Augenbinde abnehmen. Am Tisch, mir gegenüber, saß Tatjana Iwanowna. Ich erschrak beinahe über ihren Anblick, sie war kaum wiederzuerkennen.

Sie trug eine einfache, farblose, fast militärische Kluft. Ihre Haare waren zu kurzen Büscheln geschnitten und widerborstig wie bei einem Bettlerjungen. Ihr Gesicht war schmal geworden, die Knochen wie mit Pergament überzogen, die Lippen zusammengepresst, als würden sie großen Schmerz erleiden, überhaupt schien sie sehr abgemagert und wie von unablässiger Anspannung wachgehalten. Nur ihre Augen hatten noch jene dunkle Tiefe, wie sie mich beim ersten Mal fasziniert hatte, aber jetzt kam ein rabenschwarzer Blick voller Hass und Verachtung aus ihnen hervor.

Er galt offenbar nicht nur mir persönlich und als Tatjana mich fragte "Wie geht's?", da schwang sogar eine leichte Höflichkeit mit. Ich sagte "Ich habe viel an dich gedacht und an das, was in Genf geschehen ist. Du warst plötzlich verschwunden!" Sie schwieg und sah mich bloß an. Ich fuhr fort "An jenem Morgen kam ein Mann in deine Wohnung und gab mir einen Brief für dich." Keine Regung. "Er sagte, Korolenko sei draußen, und verschwand. Inzwischen ist mir eingefallen, daß dieser Korolenko, wer immer das ist, nicht wirklich draußen vor dem Haus stand ..." "Sondern?", unterbrach sie mich. "Er meinte wahrscheinlich, daß Korolenko aus dem Gefängnis entlassen worden war, richtig?" "Wir haben ihn herausgeholt", verbesserte sie mich und fragte "was hast du mit dem Brief gemacht?" "Ich habe ihn vernichtet." "Warum?" "Du solltest besser fragen: wann!" "Wann?" "Als ich diesen Mann, der ihn mir gab, in einem Petersburger Leichenschauhaus wiederfand - mit einem Einschussloch in der Stirn."

Jetzt durchfuhr es sie mit einem Ruck, sie durchbohrte mich fast mit ihrem Blick. "Wieso warst du dort?" "Ich war auf der Suche nach dem Attentäter auf den Großfürsten. Tatjana! Ich bin ein Spion der Geheimpolizei des Zaren, ich arbeite für die Sektion acht, mein Chef heißt Nikita Jefremowitsch Preguschin." Sie schwieg und dieses Schweigen empfing ich als ein Zeichen von Vergebung - wenn es dabei geblieben wäre. Der Mann, der in der Ecke stand, warf ihr einen fragenden Blick zu, und als sie reglos war und nicht reagierte, trat er einen Schritt vor und zog einen Revolver unter der Jacke hervor, den er, indem er den Hahn spannte, mit gestrecktem Arm auf mich richtete, womöglich wollte er mir zuvorkommen. Da zuckte Tatjana ein weiteres Mal zusammen und in letzter Sekunde hob sie die Hand und befahl ihm "Nicht schießen!"

Ich sagte "Ich schwöre bei Gott, Tatjana, ich habe nichts von dem, was ich gesehen und gehört habe, an irgendwen verraten. Auch nicht, wer der Tote im Leichenschauhaus war. Ich habe mir irgendwas ausgedacht." Nach einer Pause sagte sie "Hast du diesen Brief gelesen?" "Nein. Er war fest verschlossen, aber sehr dünn, es kann nicht viel drin gestanden haben." "Soll das eine Entschuldigung sein?" "Nur eine Feststellung, ich muss mich für nichts entschuldigen, dafür bin ich nicht hergekommen." "Warum dann?" "Weil du mich darum gebeten hast - aber ich vermute, diese Nachricht stammt nicht von dir."

"Da vermutest du richtig. Von wem stammt sie also?" "Wahrscheinlich von Liberyn, er und Preguschin machen jetzt gemeinsame Sache, oder Preguschin duckmäusert vor ihm, weil Liberyn die besseren Beziehungen hat - ganz egal, sie haben mich auf euch angesetzt, ohne mich darin einzuweihen." "Das soll ich dir glauben?" Ich hob beide Hände, als würde ich sagen 'wenn du mir nicht glaubst, dann frag' Liberyn selbst'. Es war eine alberne und im Grunde überhebliche Geste, aber ich wollte nicht stattdessen vor ihr auf die Knie gehen.

"Was sollen wir deiner Meinung nach jetzt mit dir machen?" "Ich weiß nicht." "Was willst du selber tun?" Ihre Frage hatte noch eine winzige Spur von alter Verbundenheit. Ich sagte "Ich war eine Zeitlang in Dresden, es hat mir dort gefallen. Ich habe mit dem Gedanken gespielt, endgültig dort zu bleiben. Dafür müsste ich hier irgendwie sauber herauskommen, aus der Sektion acht meine ich. Das ist nicht so einfach. Ich habe zunächst um Versetzung gebeten, in die Zensurbehörde - ich habe mich viel mit Literatur beschäftigt, weißt du, ich habe in Dresden Fjodor Michailowitsch Dostojewski kennengelernt, den Schriftsteller Dostojewski, du kennst ihn doch auch ... von Genf her ... als du ..." "Ich kann mich nicht erinnern", schnitt sie mir das Wort ab. Es war wirklich ein ganz anderer Mensch aus ihr geworden.

"Ich unterbreite dir ein Angebot", sagte sie wie ein General, der in der vorteilhaften Lage ist, den Feind zu einem Abkommen zu zwingen, "du besorgst uns einen Passierschein für das Winterpalais ..." "Was für einen Passierschein?" "Eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis für einen Handwerker, einen Maurer genaugesagt. Es werden im Untergeschoss des Winterpalais' gerade einige Umbaumaßnahmen durchgeführt ..." Sie überlegte einen Augenblick, ob sie mir noch mehr dazu sagen soll, dann fügte sie hinzu "Wir hatten dort einen Mann von uns, aber er ist ausgefallen. Wir brauchen einen neuen."

"Für solche Passierscheine ist meine Abteilung nicht zuständig." "Dann gehst du dorthin, wo sie ausgestellt werden, ist das so schwierig!" "Und was bekomme ich dafür?" "Wir tun so, als wären wir uns nie begegnet." "Das könnte ich selber behaupten - und glaubwürdig versichern." "Dann erfahren deine Leute von mir: du hast den Brief aus Genf nicht vernichtet, sondern mir hier in Petersburg ausgehändigt, er war offen, du hast ihn gelesen, du wusstest, daß von einem geplanten Anschlag die Rede war. Du hast das nicht an Liberyn gemeldet. Du hast verschwiegen, daß du den Toten im Leichenschauhaus erkannt hast ..."

"Hör' auf, es reicht, ich habe verstanden." Sie ließ mich gehen. (Der Mann hatte seinen Revolver schon vorher wieder eingesteckt.) Ich schrieb zwei Tage an meinem Versetzungsgesuch herum, obwohl ich ahnte, daß es nicht mehr dazu kommen würde. Ich gab es Preguschin, der es gleichgültig entgegennahm. Ich fragte ihn "Was passiert, wenn es abgelehnt wird?" "Nichts. Dann bleiben Sie hier", und das klang für mich fast so, als würde man mich einsperren. Da sagte Preguschin "Übrigens, unten am Eingang wartet jemand auf Sie."

Das waren zwei Männer, der eine fragte "Nikolai Alexandrowitsch Novadin?" "Ja." "Kommen Sie mit!" Sie brachten mich zu dem Rostropowitsch Haus in die nämliche Wohnung. Dort saß in einem Zimmer am Tisch - der Major K. und mir wurde mit einem Schlag klar, daß er hinter der ganzen Sache steckte und an den Fäden gezogen hatte. "Setzen Sie sich, Nikolai! Sind Sie verwundert, mich hier zu sehen?" Ich antwortete nicht sofort, dann sagte ich "Ein bisschen schon. Aber nicht lange." Er lachte, dann wurde er ernst, behielt aber seinen unverwechselbaren, zynischen Unterton bei, der mir schon damals bei unserer ersten Unterredung draußen in seinem Häuschen aufgefallen war.

"Ich wollte Ihnen nur gleich zeigen, wie nahe wir an dieser Kanaille dran sind." "Sie meinen die Narodowolzy." "Ja. Und insbesondere ein Weibsstück namens Tatjana Iwanowna Jesinska, die Ihnen sicherlich aus Genf bekannt ist." Es war zwecklos, zu leugnen, doch ich wollte ihm nicht auch noch wiederholen, was er ohnehin wusste. Ich sagte "Aber sie ist Ihnen entwischt." "Oh, höre ich da etwa Schadenfreude heraus?" "Nein, Herr Major, warum sollte ich mich darüber freuen."

"Sie kennen auch diese Wohnung, nicht wahr?" "Ich müsste lügen, wenn ich das Gegenteil behaupte." "Recht so! Das wollen wir ja beide nicht, daß Sie lügen." Ich sagte "Sie hatten diese Wohnung schon länger im Visier." "Oh ja. Wir haben uns eine Weile angeschaut, wer hier ein- und ausgeht. Die Jesinska war leider nie dabei." "Sie hofften, daß sie herkommen würde, um mich zu treffen - deshalb der Brief mit dieser Adresse!"

Der Major sagte "Sie sind ein fähiger Mann, Nikolai. Ich mag Sie. Ich mochte Sie schon bei unserer ersten Begegnung, erinnern Sie sich, bei mir zu Hause ..." "Ja, besonders an Ihre Kuckucksuhr." Er lachte wieder, "In der Tat, die zeigt mir immer an, was die Stunde geschlagen hat. Schade, daß ich sie jetzt nicht bei mir habe, dann könnte ich sie Ihnen vorführen." "Um mir zu zeigen, daß meine Stunde geschlagen hat?" "Aber nicht doch, Nikolai! So weit sind wir noch lange nicht." "Was wollen Sie dann von mir?"

"Sie haben gute Arbeit geleistet", sagte er und nickte wohlwollend, "wirklich gute Arbeit." "Ich habe nicht versucht, es Ihnen leicht zu machen", sagte ich und erwartete, daß er grimmig würde. "Ha!", machte er und warf den Kopf zurück, "Sie haben es ja nicht einmal sich selber leichtgemacht, stimmt's!" Ich dachte, falls er damit auf meine Bekanntschaft mit Tatjana anspielte, lag er wohl genau richtig. "Was halten Sie von dieser Jesinska? Was glauben Sie, Nikolai, warum eine junge, hübsche Frau zu so einem Ungeheuer werden kann? Zu einer Terroristin, zu einer Verbrecherin, zu einer Möderin?"

"Ist das denn erwiesen?" "Zweifelsfrei, mein Lieber. Vielleicht hat sie Ihnen etwas vorgespielt, womöglich die fleißige Studentin oder die barmherzige Krankenschwester - war es so? Ach, Sie schweigen! Dann nehme ich das als Bestätigung. Ich sage Ihnen, dieses Scheusal hat mindestens den Tod von drei Menschen auf dem Gewissen, sie hat sie eigenhändig und kaltblütig ermordet. Erinnern Sie sich an den Mann im Leichenschauhaus? Gewiss haben Sie den Anblick seiner Schusswunde mitten auf der Stirn nicht vergessen, so etwas merkt man sich. Nun - das war ihr Werk!"

"Ich verstehe nicht, dieser Mann war doch der Attentäter?" "Er war ein Spit... ein Verräter in den eigenen Reihen, wie es diese Leute nennen." "Dann hat er also nicht auf den Großfürsten geschossen? Und ich dachte, Liberyns Männer haben ihn hingerichtet." Der Major winkte ab, "Was Liberyn macht, spielt hier keine Rolle, wir sind doch nicht hinter Liberyn her. Wir reden von ihr. Können Sie sich erklären, warum sie so etwas tut? Woher nimmt sie das Recht, Menschen zu ermorden, die ihr nichts zuleide getan haben?" Ich sagte "Sie haben doch ein System entworfen, in dem die politischen Verbrecher fein säuberlich klassifiziert werden, ist da keine Stelle für jemand wie Tatjana Iwanowna vorgesehen?"

"Oh, wie Sie den Namen aussprechen, das zeigt mir, daß Sie sie noch nicht aus den Augen verloren haben. Sind Sie wegen ihr aus Dresden zurückgekehrt?" "Ja, Herr Major, ich bin auch noch an ihr dran", sagte ich ihm ins Gesicht. Da wurde er richtig fies. "Und in Genf? Haben Sie es ihr ordentlich besorgt? Haben Sie das Miststück hart 'rangenommen und durchgefickt? Denn das ist das einzige, was diese Biester wirklich brauchen: von einem dicken Prügel gerammelt zu werden! Ich hoffe, Ihrer hat standgehalten." "Wie Sie meinen." "Ja! Und ich sage Ihnen auch, warum die so abartig werden. Weil sie keine Kinder auf die Welt bringen wie jede normale Frau. Deshalb geraten sie völlig aus der Spur und fallen über andere her und schießen ihnen eine Kugel in den Schädel, nur aus Neid und Hass und tierischer Geilheit."

"Wie kommt es dann", bremste ich seine Rage, "daß in dem Statut der Narodowolzy steht, sie würden um der Organisation willen alle Familienbande, Sympathien, Liebe und Freundschaft aufgeben? Ist das nicht eine Entscheidung aufgrund der eigenen Überzeugung, wie sie auch jede Nonne in einem Kloster trifft?" Der Major lachte aus vollem Hals, "Tja, mein lieber Novadin, dann sieht es ziemlich schlecht für Sie aus, nicht wahr! Dann sind Sie wohl selber längst abgeschrieben und haben es bloß noch nicht mitgekriegt, hahaha."

Er wurde wieder ernst, sein Antlitz bekam bedrohliche Züge. "Kommen wir endlich zur Sache. Sie liefern uns die Jesinska binnen einer Woche! Haben Sie verstanden, Nikolai Alexandrowitsch, das ist ein Befehl von höchster Stelle! Wenn Sie ihn nicht ausführen, sind Sie selber dran. Dann sorge ich dafür, daß der Staatsanwalt Sie wegen Unterstützung einer terroristischen Organisation anklagt, Sie wandern für mindestens zehn Jahre ins Gefängnis oder in die Verbannung, wenn Ihnen das lieber ist."

Ich sagte "In Ordnung, Herr Major. Und ich stelle Ihnen dafür meine Forderung: Sie entlassen mich auf eigenen Wunsch aus dem Dienst, gewähren mir eine Pension und lassen mich im übrigen in Ruhe." Er schüttelte sachte den Kopf. "Sie sind nicht nur schlau, sondern auch gerissen - ich mag Sie, Nikolai, Sie hätten mein Adlatus werden können, aber Sie wollen ja nicht, oder?" "Nein. Sind wir uns einig?" Er reichte mir die Hand, "Eine Woche! Und noch eins: ich will sie lebend und leibhaftig, nicht daß Sie sagen, sie wäre in die Newa gestürzt und abgesoffen."

Ich ging zu Preguschin und verlangte mein Gesuch zurück. Er hatte es sowieso nicht weitergeleitet. Ich passte eine Gelegenheit ab, als er abwesend war. Ich besorgte mir einen Passierschein, trug darauf den Namen ein, den Tatjana mir genannt hatte, schlich mich in Preguschins Büro und setzte einen Stempel neben seine gefälschte Unterschrift. Den Schein steckte ich in einen Umschlag und warf ihn in den vereinbarten Briefkasten.

Zwei Tage später explodierte im Untergeschoss des Winterpalais' eine Bombe. Der Zar befand sich anlässlich eines Banketts für den Großherzog von Hessen in dem prunkvollen Speisesaal zwei Etagen höher. Die Explosion sollte die Decke zum Einsturz bringen und den Zaren unter den Trümmern begraben. Aber die Bombe war dafür nicht gewaltig genug. Unmittelbar darüber im Erdgeschoss war das Gardekorps des Zaren untergebracht, zu dem das vielgerühmte Finnland Regiment gehörte, die Soldaten wurden förmlich gegen Decke und Wände geschleudert, es gab fünfzehn Tote und doppelt so viele Verletzte, sie waren zur falschen Zeit am falschen Ort, aber niemand hatte sich ihrer erbarmt. Im Speisesaal schepperte das Geschirr und eine Handvoll Stuck rieselte von oben herab. Der Zar blieb unverletzt, es schien, als habe er mehr Leben als eine verfluchte Katze.

Ich verließ meine Wohnung und versteckte mich. Ich hatte etwas Geld gespart. Ich kaufte mir eine Fahrkarte nach Vilnius und reiste von dort weiter durch das Königreich Polen bis an die preußische Grenze (ich besaß immer noch die Papiere von meiner "Mission" mit dem russischen Gesandten Graf von Purgwitz, was ihn mir jetzt durchaus etwas sympathischer machte). Über Glogau kam ich nach Görlitz und betrat sächsischen Boden.

Ich habe lange gezögert, die folgenden Sätze anzufügen, hauptsächlich wegen Bedenken hinsichtlich meiner eigenen Sicherheit, aber ich bin zu dem Schluss gekommen, ich sollte sie dem Leser, der mich bis hierher begleitet hat, nicht schuldig bleiben.

In Dresden angekommen, suchte ich sofort Walter Lentzen auf. Gott sei Dank war er da. Aber er war sehr verändert, er tat, als würde er mich nicht kennen, und ich wusste nicht gleich, wie ich mich verhalten sollte. Dann fasste er mich am Arm und zog mich in einen separaten Raum. Ich fragte "Was ist los?" "Du darfst nicht hier sein, Nikolai!", flüsterte er, "Wir haben aus Petersburg ein Auslieferungsgesuch erhalten, falls du hier auftauchst, es ist von einem gewissen Staatsanwalt Liberyn ausgestellt und von höchster Stelle abgesegnet worden. Es liegt ein Haftbefehl und eine Personenbeschreibung bei, ich habe es zufällig in die Hände bekommen und kann es eine Weile auf meinem Schreibtisch herumschieben, aber nicht lange. Du lieber Himmel, was hast du angestellt?" "Das ist eine lange Geschichte."

Er sagte "Hier kannst du jedenfalls nicht bleiben." "Ich weiß." Er sah meine betretene Miene und sagte "Du kannst zu mir nach Krostau fahren und dort überlegen, was du tun wirst. Ich schreibe eine Nachricht an meine Schwester." Ich sagte "Das wäre sehr nett von dir, Walter." "Mach' ich gern, aus alter Freundschaft. Aber du musst wirklich schnell verschwinden. Sonst kriegen wir beide großen Ärger." "Ja, ich habe verstanden." Er nannte mir eine Adresse, wo ich die Nachricht morgen früh abholen könnte. Wir umarmten uns, er sagte "Viel Glück, Nikolai!", und ich bedankte mich nochmal. Er schleuste mich durchs Treppenhaus zum Ausgang.

Am nächsten Morgen holte ich den Brief für Angelika Lentzen ab, und danach war es, als würden meine Schritte ganz mechanisch in eine bestimmte Richtung gelenkt, ich konnte nichts dagegen tun. Ich begab mich zum Güterhafen an der Elbe. Ich hatte einen vagen Plan gefasst. Ich fand einen Lastkahn, der nach Hamburg fuhr. Ich konnte den Kapitän dazu bringen, daß er mich mitnimmt, dafür ging fast mein ganzes Geld drauf.

Als ich im Hamburger Hafen ausstieg, wurde mir bewusst, daß ich meinen famosen Plan nicht zu Ende gedacht hatte und meine Unternehmung verlor sich wie ein Pfad in der Wildnis. Ich stand da am Kai und wusste nicht mehr ein noch aus. "Hey!", rief ein Schiffsmann, "Kannst du mal deine Galionsfigur aus der Fahrrinne schieben!" Ich sprang zur Seite und machte Platz. Ich schaute ihm hinterher. Da durchfuhr es mich mit einem Schlag - ich hatte diesen Rollkragenpullover aus Schafwolle und die Strickmütze auf dem Kopf des Mannes schon einmal gesehen!

Ich rief "Lars Olson?" Er drehte sich um, ich sagte "Wir sind mal zusammen in Ihrem Boot auf der Themse geschippert." "Ach ja? War das so?" "Ja, Sie wollten mir auch bei Gelegenheit Ihre Schwester vorstellen." "Welche?" "Ich glaube, sie heißt Kirsten." "Schon möglich. Aber im Moment geht das schlecht, sie ist grade in Amerika." Ich fragte "Sind Sie mit Ihrem Boot hier?" "Ja, aber 'n anderes, 'n Heringskutter genaugesagt." "Wohin geht die Fahrt?" "Zurück nach London." "Grundgütiger! Kapitän Olson, können Sie mich mitnehmen?" "Das ist kein Passagierdampfer." "Ich weiß. Trotzdem." "Aber nicht für umsonst." Ich sagte, ich hätte nur noch wenig Geld, das könnte er haben. Er sagte "Ich nehm' dich mit, wenn du dich auf der Überfahrt nützlich machst." "Ich mache alles, was Sie verlangen! Danke!"

Es war eigentlich wenig zu tun, ich machte mich dann sogar daran, den Abort zu reinigen, der offenbar schon seit Wochen keinen Schrubber mehr gesehen hatte, ich war ja so froh, allem entronnen zu sein. Ich fing an, vor mich hin zu pfeifen. Ich machte mich mit einem jungen Russen bekannt, der aus einem Städtchen hinter Nischni Nowgorod stammte, wo ich auch mal gewesen war. Er konnte Ziehharmonika spielen und kannte Lieder, die ich längst vergessen hatte.

Als wir nicht mehr weit von der englischen Küste entfernt waren, hielt ich es nicht länger aus. Ich ging zu Kapitän Olson, der im Ruderhaus hinterm Steuerrad stand und munter auf die See blickte. Ich fragte ihn: "Haben Sie eigentlich mal wieder was von Emily Jones gehört?" "Junge", erwiderte er in echt englischem Ton, "es ist ganz unmöglich, nichts von Emily Jones zu hören!" "Wie geht es ihr? Ist sie inzwischen verheiratet?" "Zuletzt war sie's nicht. Sie hat ein Hutgeschäft auf der Sherwood Street." "Ein was?" "Einen Laden für Hüte."

Er ließ das Steuer los und hielt die Hände hoch wie ein Hirschgeweih. "Solche Apparate, so groß wie 'ne Meeresschildkröte. So'n Zeug tragen die feinen Damen, wenn sie nach Ascot auf die Pferderennbahn gehen oder auf den Lord's Cricket Ground." Ich lachte über seine Beschreibung. Dann fragte ich "Was meinen Sie, Lars, ob sich Emily noch an mich erinnert?" Er sagte "Keine Ahnung, Nick. Aber meiner Meinung nach kann es nicht schaden, sich diese bombastischen Hüte auf der Sherwood Street mal aus der Nähe anzuschauen." Er lächelte mir verschmitzt zu, und da fing ich an, wieder neue Hoffnung zu schöpfen.


ENDE



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