Alexander Fuchs : Kleine Werkeausgabe : Band 15


Jerome Le Brag

Genua - zwei Tage älter




  FIESCO: Leonore, erfüllen Sie mir eine kleine, kindische Bitte.
  LEONORE: Alles, Fiesco, nur nicht Gleichgültigkeit.
  FIESCO: Was Sie wollen, wie Sie wollen. Bis Genua um zwei Tage älter ist, fragen Sie nicht! Verdammen Sie nicht!

    Friedrich Schiller: Die Verschwörung des Fiesco zu Genua



Jakob Hausmann wusste noch genau, was der Engländer gesagt hatte: "Bei mir beginnt jedes neue Jahr mit einem Toten." Die um ihn herumstanden, taten so, als habe er seine Bestürzung in Worte fassen wollen, aber seine Miene war dabei gar nicht verstört, sondern unverzagt, höchstens ein wenig skeptisch, als spreche er über die unberechenbaren Geschäfte an der Londoner Börse. Nur die Baronin von Sennelob ließ einen kurzen, scharfen Lacher hören, der an und für sich ebenso unpassend klang wie die ironische Bemerkung des Duke of Peterborough.

Die Baronin von Sennelob trug, wie alle anwesenden Damen, ein schwarzes Kleid, aber es hatte am Kragen, an den Enden der Ärmel und am Saum einen tiefroten Spitzenbesatz, ein Tiefrot, das aus dunklen, unendlichen Weiten heraus zu leuchten schien und das wie eine zauberische Glut an ihr schimmerte. Sie war Ende zwanzig, sehr hübsch und verheiratet mit dem Baron von Sennelob, der sich die meiste Zeit mit seiner Pferdezucht auf einem Gestüt in Mecklenburg beschäftigte.

An diesem Januartag war es draußen sehr kalt, und der Diener Hasemeier schleppte Arme voll Buchenscheite heran, um den Ofen damit zu füttern, der bullerte gewaltig los und fing an, bedrohlich zu surren und zu pfeifen, als wollte er gleich auseinanderplatzen. An den Fenstern waren Eisblumen, und in den Vorzimmern und auf der Galerie konnte man sich nicht lange aufhalten, weil es einen schnell fröstelte.

Noch bei Tisch mokierte sich die Baronin über den Duke. "Ist das der berühmte britische Humor", meinte sie. Und da die andern gleichgültig blieben, fügte sie hinzu "Wie kann man nur so geschmacklos sein." Einige der Herren nickten aus Gefälligkeit. Das Fräulein von Kemp, Hofdame der Herzogin, welche sie zur persönlichen Verfügung der Prinzessin zur Seite gestellt hatte, sagte vorsichtig "Er wollte eigentlich gar nicht mehr hier sein." "Ach so?"

"Er war zur Niederkunft unserer seligen Louise hergekommen, mit den besten Grüßen und Glückwünschen des Königs Georg. Die Herzogin hat ihn überredet, die Weihnachtsfeiertage hier in Gotha zu verbringen. Aber da ...", das Fräulein von Kemp seufzte und Tränen traten ihr in die Augen, sie suchte nach einem Taschentuch, fand aber keins, und die Sennelob gab ihr das ihre, ein weißes Tuch aus feinstem Kattun mit ebenderselben tiefroten Spitze, die aber nicht genauso leuchtete wie auf ihrem schwarzen Kleid; das Fräulein schneuzte sich ungeniert und fuhr fort "... aber da verschlimmerte sich ihr Zustand, und Weihnachten war dieses Jahr für uns kein Fest der Freude." Sie schüttelte den Kopf. "Wahrhaftig! Eher ein Fest der Trauer."

"Oder sagen wir es mal so", meinte die Dame ihr gegenüber, "das Kindlein ward geboren zur Heiligen Nacht, aber die Mutter hat das freudige Ereignis nicht überstanden." Die Kemp lächelte matt. "Es ist ja auch ein Mädchen", äußerte ein Herr, und die Sennelob, als wäre sie mit anderen Gedanken beschäftigt, meinte "Wie kann man so einen Menschen überreden?" "Bitte?" "Diesen Duke von Peterborough ..." "Er heißt Lord Jack Stanhope." "Er macht mir nicht den Eindruck, als ließe er sich zu etwas überreden." "Was wollen Sie damit sagen?" "Nichts. Ich traue ihm bloß nicht." "Aber er genießt das Vertrauen unserer Herzogin, und natürlich das des Herzogs, denn King George ist bekanntlich sein Cousin, und wenn der den Lord hierher schickt, gewissermaßen an seiner statt, dann gibt es nichts an ihm auszusetzen." "Ich habe auch gar nicht gesagt, daß ich etwas an ihm auszusetzen hätte. Ich finde lediglich, daß er sich nicht in diese Umgebung einpasst." "Das ist aber vielleicht auch gar nicht seine Schuld." "Wollen Sie damit andeuten, wir würden es Fremden bei uns schwermachen?" "Aber nicht doch. Wenn das so wäre, wie erklären sie sich dann dieses Lächeln auf seinem Gesicht." "In der Tat, als ich mich vorhin mit ihm unterhielt, kam ich mir auf einmal vor wie auf einer ... auf einer Teegesellschaft." "Er gehört eben nicht zur Familie. Vielleicht fällt es ihm bloß nicht so leicht, seine Trauer zu zeigen, die Engländer sind doch angeblich so indolent."

Ein halbes Jahr vor der Geburt der Prinzessin Luise und dem Tod ihrer Mutter im Kindbett war auf den Cousin des regierenden Herzogs Ernst Ludwig von Sachsen-Gotha-Altenburg, auf King George von England ein Attentat verübt worden. Während einer Aufführung von Shakespeares "Sommernachtstraum" hatte sich ein Mann von hinten dem König genähert und mit einem Messer zweimal auf ihn eingestochen. Er wurde sofort überwältigt.

Der König blutete stark aus der Wunde am Hals (der andere Stich hatte das Schulterblatt getroffen). Glücklicherweise war auch ein Arzt, Doktor Humphrey, bei der Vorstellung zugegen. Er war Schiffsarzt mit Rang eines Majors im Dienst Admiral Nelsons, er wusste mit Stichverletzungen umzugehen. Er unterdrückte, während der König fürchterlich stöhnte und seltsam mit den Augen rollte, an der richtigen Stelle den Blutstrom in der Ader, und er nahm aus einer Ledertasche, die er immer bei sich hatte, das nötige Material, um einen Schnellverband anzulegen.

Ein Theaterdiener, welcher den Attentäter sich in die Loge hatte schleichen sehen, war ihm gefolgt und konnte jetzt, weil er früher einmal im Hospital St. James in der Rose Lane als Pfleger gearbeitet hatte, den Doktor bei der Notversorgung unterstützen. "Gott sei Dank", sagte Humphrey, "die Aorta ist nicht getroffen."

"Sehen Sie, Doktor", sagte der Diener und deutete auf das Messer, "die Tatwaffe scheint mir sehr kontaminiert." Humphrey warf einen flüchtigen Blick darauf, es war ein Fleischermesser, wie es auf dem Freibankmarkt gebraucht wurde, es war alt, abgenutzt, und als der Diener das Blut abwischte, konnte man nicht nur Roststellen an der Klinge erkennen, sondern auch Spuren von altem, angetrockneten Fleisch. "Entwürdigend!", sagte einer der beistehenden Herren. Es bestand die Gefahr, daß die Wunde durch das schmutzige Messer infiziert werden könnte.

Letztlich zwar bedeutungslos, aber doch befremdlich war es, daß die Vorstellung auf der Bühne zunächst noch weiterging, obwohl einige Zuschauer das Stöhnen des Königs gehört hatten und zu ihm hinaufschauten; aber man ahnte ja nicht, was vorgefallen war. Erst als laute Rufe "Aufhören! Aufhören!" erschallten, verstummten die Schauspieler und das Stück brach an der Stelle ab, als Oberon im Begriff war, Titania's Augen mit dem Zauberkraut zu berühren, während der eselhafte Zettel neben ihr schnarchte wie eine Horde volltrunkener Wikinger. Womöglich war er es auch mit seinem übertriebenen I-A! I-A!, der vorhin die Vorgänge in der Königsloge übertönte, zumal sich das Publikum köstlich darüber amüsierte und ihn noch anfeuerte.

Der König, der zwischenzeitlich in einen Dämmerzustand fiel, wurde nach Hause geschafft und sofort von seinen Ärzten behandelt; beide Wunden wurden genäht, und George konnte für die nächsten vierzehn Tage nur auf seiner linken Seite liegen. Dem Attentäter war es noch im Gebäude gelungen, sich loszureißen (die ihn festhielten, waren beherzte Besucher) und zu flüchten. Aber auf der Straße stieß er mit einer Pferdedroschke zusammen und stürzte, so daß seine Verfolger ihn abermals ergreifen und der inzwischen herbeigerufenen Polizei übergeben konnten.

Wäre dieses Unglück nicht geschehen, so wäre King George wahrscheinlich selbst nach Gotha gereist, um der Niederkunft der Prinzessin Louise beizuwohnen. Schließlich hatten schon alle auf das freudige Ereignis gehofft.

Der Erbprinz August hatte die Prinzessin drei Jahre zuvor geheiratet. Die Hochzeit hatte im mecklenburgischen Schwerin stattgefunden, in der elterlichen Residenz der Braut. In der "Nationalzeitung der Deutschen" wurde ausführlich darüber berichtet, der Chefredakteur selbst war vor Ort. Herzog Friedrich Franz, der Brautvater, gab seiner Tochter anstatt der ihr zustehenden zwanzigtausend Taler das Doppelte, in bar und in "unzertrennter Summe".

Er liebte seine Tochter Louise über alles; und ihr neuer Schwiegervater liebte sie ebenfalls. (Er wollte ihr einen seiner größten Schätze vermachen: den Englischen Garten an der Südseite des Schlosses, in dem, wie man so sagt, sein ganzes Herzblut steckte; und er wusste, daß seine Schwiegertochter darüber sehr glücklich sein würde, und daß dieses Geschenk sie vielleicht dereinst über den schmerzlichen Verlust seines Dahinscheidens hinwegtrösten könnte, indem er dann gleichsam im Geiste an der Seite der Mutter seiner Nachkommen zwischen den Bäumen und Sträuchern mitspazierte.)

Sie war die Liebenswürdigkeit in Person, jung, aufgeweckt, manchmal übermütig, ein wenig verschmitzt und von einer beinahe überwältigenden Natürlichkeit. Warum, so dachte der Minister Jakob Hausmann jetzt, als er sich, mehr als fünfundzwanzig Jahre nach diesen Geschehnissen daran erinnerte, warum sterben manche Frauen just in dem Augenblick, wenn sich die Blüte ihres Lebens vollkommen entfaltet? Und nicht nur die Lebensblüte Louises, sondern auch die Blüte ihrer Schönheit war es, die gerade so strahlend aufgegangen war und nun so abrupt in die Dunkelheit verschwand.

Der erste Sommer dieses neuen Jahrhunderts, so erinnerte sich Hausmann, war fürchterlich heiß gewesen. Die Lauschaer Glasbläser hatten dem Herzog ein Thermometer überreicht, wie man es noch nicht gesehen hatte. Es war eine geschlossene Glasröhre, etwa eine Elle hoch und mit einer klaren Flüssigkeit (vielleicht Wasser?) gefüllt. Darin befanden sich zehn Glaskugeln, jede von einer andern Farbe. Sie waren nicht ganz rund, sondern hatten eher die Form der kleinen gelben Äpfel, wie sie an den Bäume hingen, die halbwild in manchem Garten wachsen. Es war recht hübsch anzusehen, aber man wusste es nicht zu bedienen. Louise hatte es entdeckt, wie es auf dem Tisch im Kabinett des Herzogs stand.

Es gefiel ihr so sehr, daß Herzog Ernst es ihr überließ. Er sagte, sie solle damit zum Zach gehen, vielleicht könnte der ihr erklären, wie es funktioniert. Der Diener Hasemeier wurde mit dem Gerät vorausgeschickt. Sie brachte ihren Gemahl August dazu, sie zu begleiten, nachdem er sich erfolglos geweigert hatte. Er wusste nicht, wovon sie redete, und es war, obwohl erst gegen zehn Uhr vormittags, schon so unerträglich warm draußen, daß einem der Schweiß lief, wenn man bloß atmete. Außerdem war gerade kein Fahrzeug da - mit der einen Kutsche war die Herzogin Mutter in Meiningen, die andere wurde repariert; in Wahrheit war August aber zu faul, auch nur einen Finger zu rühren. Und Louise war im fünften Monat schwanger.

Xaver von Zach, der herzogliche Astronom, war in diesen Tagen fast ununterbrochen auf seiner Sternwarte auf dem Kleinen Seeberg. Er arbeitete, wie es sich für einen Astronomen gehört, hauptsächlich nachts. Das große Fernrohr war ein Passage Instrument, das heißt, man konnte immer nur den schmalen Streifen des Sternenhimmels betrachten, der zu einer bestimmten Stunde vor dem Objektiv vorbeizieht.

Deshalb war Zach die ganze Nacht, insoweit sie vollkommen dunkel und klar war, zu Gange. Und seit fast drei Wochen hatte sich kein Wölkchen am Himmel blicken lassen, dafür aber tagtäglich der Feuerball, der die Erde unbarmherzig mit seiner sengenden Hitze wie mit siedendem Öl übergoss.

Louise trotzte dem Wetter (ihre Schwiegermutter Charlotte hatte es "eine Demmse" genannt), sie zog ein luftiges Kleid an, dazu leichte Lederschuhe, die sie sonst im Hause trug, und setzte einen Strohut auf. Das Fräulein von Kemp an ihrer Seite, marschierte sie los. Murrend und knurrend folgte ihr August. "Doktor Fritzwald hätte dich eingesperrt, wenn er rechtzeitig von diesem Ausflug gehört hätte", meinte er. Louise lachte. "Drinnen ist es doch noch weniger auszuhalten."

Der Fahrweg zur Sternwarte verlief beinahe schnurgerade den Berg hinauf. August und das Fräulein von Kemp staunten nicht schlecht, als Louise einen Weg einschlug, der an der Südseite im Schatten der Laubbäume entlangging und der eine kaum merkliche Steigung hatte, irgendwann einen scharfen Knick machte und ebenso gelinde bis auf die Höhe führte.

"Woher kennen Sie diesen Weg?", fragte die Kemp. "Bleibt mein Geheimnis", erwiderte sie. August meinte "Hier ist seinerzeit der Iffland mit seinen Freunden spazierengegangen." "Hier?", fragte Louise, "deine Mutter hat mir erzählt, die wären immer auf der andern Seite bis zu dieser Quelle gewandert." "Ja, dort auch."

Der Iffland und seine Konsorten, dachte Jakob Hausmann einmal rückblickend, die sind in Gotha auch nicht lange geblieben. Haben sich in alle Winde zerstreut, er selber ist nach Berlin gegangen, ein preußischer Staatsschauspieler ist er geworden, nur noch mit Parade Rollen bedacht und mit der lohnenden Gunst des Publikums.

Und der Schiller, der die großartigen Stücke schrieb, und der von seinem knappen Hofrat Salär sich und seine Familie über Wasser hielt so gut es ging, der Schiller, das wusste Hausmann aus dessen eigenem Munde, hat den Iffland einen schwulen Gockel genannt. Hausmann musste lachen bei dieser Erinnerung, er stellte sich vor, wie jener reagiert habe, als ihm das zu Gehör gekommen ist, und dafür hat man bestimmt gesorgt. Es gab seinerzeit einige bösartige Gerüchte, die jungen Männer würden nur deshalb so gern und oft auf den Seeberg wandern, um es im Wald ungestört treiben zu können.

Die Sonnenstrahlen fielen jetzt allenthalben durch die Baumkronen der Buchen und Eschen und ließen goldene Flecken auf dem Boden aufleuchten. Oben war der Hügel kahl, damit nichts die freie Sicht versperrt. Und obwohl er nur mäßig hoch war, konnte man vom Seeberg weit in die Runde blicken, nach Osten bis ins Weimarer Land, nach Süden auf die Höhen des Thüringer Waldes, nach Westen bis zur Wartburg und nach Norden bis zum Harzgebirge; wenn man Glück hatte, konnte man den Brocken entdecken, auf dem zu Walpurgis sich die Hexen treffen.

Xaver von Zach empfing die Besucher mit heiterer Miene und mit einer gewissen Verwunderung darüber, daß die werdende Mutter solche Unternehmung macht, aber der Diener Hasemeier hatte ihn schon vorinformiert, und Zach bewirtete die drei mit kühler Limonade. Hinter der Sternwarte war ein Plätzchen im Schatten einiger halbhoher Lindenbäume, wo er sich selbst manchmal eine Pause gönnte.

Genauer gesagt geschah dies sehr selten, denn Xaver von Zach war ein unermüdlicher Arbeiter im Dienste der Wissenschaft, und er war ein weithin berühmter Mann auf dem Gebiet der Himmelskunde. Er korrespondierte mit anderen berühmten Kollegen in ganz Europa, und wenn es eine neue Entdeckung am Sternenhimmel gab, so machte Zach sie in seinem renommierten "Journal" publik.

Er arbeitete auch sehr genau und gründlich, und noch später in den schlimmen, gewalttätigen Tagen in Neapel, als die Revolte losbrach und Napoleons treuer König Murat gestürzt wurde, versäumte es Zach nicht, jeden Morgen seine Messungen durchzuführen, und er fluchte dabei auf Ungarisch, seiner Muttersprache, über die Kanonen, die draußen donnerten, weil die Erschütterungen seine Instrumente wackeln ließen. Und mittags machte er sich auf Schleichwegen durch die Gassen zurück zu dem Haus in der in der Via San Severino, in der Nähe der Piazza Portanova, wo die Frau Herzogin auf ihn wartete und sich einmal mehr darüber aufregte, daß er sich solcher Gefahr aussetze.

Auch in seiner Gothaer Zeit konnte man ihn übrigens mitunter fluchen hören, keiner verstand es, weil keiner Ungarisch konnte; aber irgendwer hatte behauptet, daß die ungarische Sprache die meisten und besten Kraftausdrücke hätte, und man konnte durchaus vermuten, daß der sonst so beherrschte und ein wenig unnahbare Xaver von Zach, der nämlich vor seiner Karriere als Astronom ein Offizier der Kavallerie gewesen war (also zweifellos etwas vom heißen Blut eines Magyaren in seinen Adern hatte) einen gehörigen Vorrat von solchen Schimpfwörtern besaß, mit denen er sich Luft machen konnte, wenn ihn die Wut am Hals packte.

Zach hatte das Thermometer in eine mit Wasser gefüllte Wanne gestellt. Und wie er es jetzt herausnahm und sich dazu die Ärmel hochgekrempelt hatte, konnte man den dichten, rötlichen Haarflaum auf seinen Unterarmen sehen. Er hatte in seinen Offizierstagen auch einen opulenten Schnurrbart getragen, der ebenfalls von einem rötlichen Schimmer durchsetzt war, der auf manche Frauen einen unwiderstehlichen Reiz ausübte. Als er dann Abschied vom Militär nahm, kam auch der Bart ab.

"Ist es ein Wasserthermometer?", fragte Louise. Zach verneinte dies, als er das Gerät auf dem Tisch abstellte. Während er sich Hände und Arme flüchtig mit einem Tuch abtrocknete, erklärte er "Es ist so warm, daß dieses Thermometer die Temperatur nicht mehr richtig anzeigt, deshalb habe ich es im Wasserbad ein wenig abgekühlt."

Sie standen drumherum und schauten darauf. "Und wie funktioniert es?", fragte August. Zach sagte "Es ist ein sogenanntes Galilei-Thermometer, es reagiert auf die Veränderung der Dichte dieser Flüssigkeit bei veränderter Temperatur der Außenluft." "Phänomenal!", sagte die Prinzessin, die leider kein Wort davon verstanden hatte.

"Wenn es wärmer ist", fuhr Zach fort, "verringert sich die Dichte der Flüssigkeit." "Sie dehnt sich dann aus, nicht wahr?", sagte August, und Louise sah ihn erstaunt an. "Richtig, und umgekehrt zieht sie sich zusammen." Louise rief "Da, seht nur! Die rote Kugel bewegt sich." Tatsächlich begann sie zu schweben, und auch die andern Kugeln wurden wie durch Zauberhand angestoßen. "Ändert sich die Dichte der Flüssigkeit, so ändert sich der Auftrieb. Da die Kugeln unterschiedlich kalibriert sind, reagiert jede anders. Die eine steigt, die andere sinkt, und diese hier bleibt in der Schwebe." "Und wieviel Grad sind es nun?" "Das ist nicht ganz leicht zu ermitteln, es kommt darauf an, welche von den oberen Kugeln zuunterst ist, beziehungsweise sich zwischen den anderen befindet." Er betrachtete die Kugeln näher. "Sie sind mit Gradzahlen gekennzeichnet, sehen Sie, die blaue hat zwanzig Grad, und die gelbe ..." "Da! Sie bewegen sich schon wieder. Das ist ja richtig unheimlich. Wie kommt denn das?"

Zach streifte die Ärmel nach unten und knöpfte die Manschetten zu. "Es reagiert sehr träge, aber wenn es gut gebaut ist, sehr genau." "Das ist auf alle Fälle gut gebaut." "Ja, es scheint so." "Sie könnten ja bei den Glasmachern auch so eins bestellen, Herr Zach", sagte die Prinzessin. "Ja, ich werde mir das überlegen." Er ging hinüber zur Wand. "Bis dahin benutze ich mein altes." Er warf einen Blick darauf. "Großer Gott, es sind sechsundzwanzig Grad, und wir haben noch nicht mal Mittag."

Als die Prinzessin gestorben war, erschien Xaver von Zach in einem schwarzen Mantel aus bester Wolle mit einem Kragen aus Zobelfell. Er trug einen hohen Zylinder und schwarze Handschuhe aus Ziegenleder, und er hatte einen Stock mit einem Drachenköpfchen aus Elfenbein und einer Messingspitze. Sein Gesicht war blass, und seine Nase von der Kälte gerötet. In seinen Augen standen Tränen.

Er umarmte den Prinzen August, der dauernd von Gefühlsausbrüchen überwältigt wurde. Mal schluchzte er, kniff die Augen zusammen und heulte mit offenem Mund, an dem sich dünne Speichelfäden zwischen den Lippen spannten. Er raufte sich mit seinen Händen die Haare. Dann verstummte er ganz plötzlich, wischte sich übers Gesicht, und seine Miene nahm einen seltsam verklärten Ausdruck an, bis er schließlich mit einem verzerrten, aber beinahe triumphierenden Lächeln sagte "Wir sind alle sterblich" und im nächsten Augenblick wieder von einem Weinkrampf durchgeschüttelt wurde, als zuckten elektrische Stöße durch seinen Körper.

Noch inniger lagen sich Zach und der Herzog in den Armen. Sie schwiegen, sie klopften sich zur inneren Festigkeit auf die Schulter, sie sahen aus wie Brüder. Der Herzog war sehr erschüttert, es schien, als wäre mit dem Tod der Prinzessin etwas in ihm erloschen, das er so gern über sein eigenes Leben hinaus weitergereicht hätte.

Zach legte seine Sachen ab, er erkundigte sich bei der Kammerfrau, wo die Herzogin sei. Man hatte das neugeborene Kindlein aus dem Palais Friedrichstal, dem Wohnsitz des jungen Paares, hinauf ins herzogliche Schloss gebracht und dafür auf die Schnelle ein Zimmer hergerichtet, vor allem ordentlich eingeheizt. Die kleine Luise war drei Wochen alt, sie lag, dick eingemummelt, in einer Wiege aus Birkenholz, die mit bunten Blümchen bemalt war.

Eines Tages im September war der Tischlermeister Braugelt und sein Geselle mit einem Karren vor dem Palais Friedrichstal erschienen, um eine Wiege abzuliefern. Sie war so groß, daß ein ausgewachsenes Schaf mit dicker Wolle hineingepasst hätte. "Meine Güte", sagte die Prinzessin, "wir sind doch keine Riesen und bringen keine Riesenbabys zur Welt."

Der Tischlermeister Braugelt war beleidigt. Er knurrte etwas von "Auftrag" und "Absprache" und "Maße", die er nicht hatte nehmen können, und August, der inzwischen hinzugekommen war, fuhr ihn an, er solle still sein und die Durchlauchtigste Prinzessin das Möbel in Ruhe inspizieren lassen. Die ging - man hatte die Wiege vom Karren heruntergehoben - rundherum und besah sie sich von allen Seiten und strich mit den Fingern über das dunkle Holz.

Sie war sehr massiv gebaut, und ließ sich nur schwer bewegen, stand auch sogleich wieder still und war insgesamt kantig und klobig. "Sie ist so ... so düster." "Für gewöhnlich macht mer'se noch drabbirt", sagte Braugelt vorsichtig, aber nicht unfreundlich. "Was macht man damit?" "Drabbirt. Mit feinen Zeuch." "Ach, drapiert!" "Ja." "Na, ich weiß nicht, ob das noch was hilft." "Haben Sie nur die eine?", fragte August den Tischlermeister. "Na ja, freilich. So war der Auftrag, ich kann's Euer Durchlauchd schriftlich geben." "Ja, ja." "Werden's denn jetzt zwei Kinner?" Louise lachte hell auf, August sagte "Sie muss auf jeden Fall kleiner sein. Und nicht so dunkel, nicht wahr, Louise?" "Ja."

Der Tischlermeister kratzte sich am Kopf. "Nehmer'se wieder mit. Ich mein', kleiner machen kann ich'se, und wenn ich das Holz abschleife, wird'se heller, soll'se so werden?" "Ja. Und dann bringen Sie sie wieder her und wir schauen sie uns an." "Ttttssss." "Weißt du was, August, wir können doch bei dem Herrn ... wie war Ihr Name?" "Braugelt Heinz, Tischlermeister in der dritten Genrazion." (Er machte eine tiefe Verbeugung.) "... bei dem Herrn Braugelt selber vorbeischauen und in seiner Werkstatt etwas aussuchen." "Nein. Das ist nicht üblich." "Ach komm! Nicht üblich."

Dem Tischlermeister gefiel die Idee auch nicht. "Euer Durchlauchdichsde Prinzessin: in meiner Werkstatt isses für Sie viel zu gefährlich." "Wie, gefährlich? Was tun Sie den Menschen denn zu Leide, die zu Ihnen kommen?" "Nee, so mein' ich das nich. Bloß, da haben Fraunsbilder nichts zu suchen." "Jetzt machen Sie aber mal einen Punkt. Wenn ich das will, dann gehe ich überall hin!" "Jawohl!" "Jawohl! Und zwar gleich morgen." "Jawohl. Um welche Uhrzeit?" "Das werden Sie schon sehen. Wenn wir da sind, sind wir da, so einfach geht das." "Ganz einfach, Euer Durchlauchd. Dann werden'mer jetzt schleunichst wieder abziehen, damit'mer die Nacht durcharbeiten können, damit'mer die Wieche fertichkriechen." "Tun Sie das."

Die beiden Handwerker luden die Wiege wieder auf den Karren und zogen davon. August schaute seine Frau an, sie war sichtlich erregt und hatte rosa Flecken im Gesicht. Dann sagte er "So kannst du nicht mit den Leuten reden, Louise. Überlass das lieber mir." Sie wollte etwas erwidern, verkniff es sich aber, raffte ihr Kleid und ging ins Haus. An der Seite war ein Gartenjunge beschäftigt, August rief ihn her. "Lauf' den beiden mit dem Karren nach und frage, wo die Tischlerei ist."

Wer denn das Möbelstück überhaupt in Auftrag gegeben habe, wollte August dann wissen. Und ein Kammerdiener konnte ihm hierüber Auskunft geben: es sei "der General" gewesen.

Der General war Johann Eugen, der Bruder des Herzogs, der eine Zeitlang das Gothaer Regiment in der holländischen Armee befehligt und es dort bis zu ebendiesem Rang gebracht hatte. (Es gab allerdings in der holländischen Armee neben der offiziellen auch eine veraltete Hierarchie, die noch aus den Zeiten der spanischen Fremdherrschaft stammte und deren Dienstgrade nach absonderlichen Kriterien verliehen wurden; gut möglich, daß Johann Eugen den seinen dementsprechend erlangt hatte.)

Tatsache war, daß er zwar nie an einem nennenswerten Gefecht, geschweige denn an einer Schlacht beteiligt gewesen war, dennoch eine schlimme Verletzung erlitten hatte und seitdem am rechten Bein eine Holzprothese trug, wodurch er nur noch schleppend vorankam.

Er wurde deswegen auch manchmal "der fliegende Holländer" genannt, was natürlich ein bitterböser Spottname war. Daran war er aber auch selber schuld, denn sein Ruf bei seinen Zeitgenossen war nicht eben das, was man mit "Beliebtheit" umschreiben könnte. Was sein Bruder Ernst Ludwig an freundlicher Unverbindlichkeit vielleicht zuviel hatte, das mangelte Johann Eugen an Höflichkeit und Nachsicht, und manchmal fehlte ihm sogar der Anstand. Er konnte sich rücksichtslos über alles und jeden lustig machen und für ihn selbst gab es nur drei Dinge von Wert: die Biographien von Plutarch, ein Glas Madeira vor dem Schlafengehen und Feuerwaffen.

Er mochte offenbar niemandem sein Vertrauen schenken oder gar seine Gunst erweisen; und andererseits gab es kaum einen, der bereit gewesen wäre, ihm einen Gefallen zu tun, denn er war undankbar und gehässig im Nachhinein. Einzig sein Bruder hatte ein gutes Verhältnis zu ihm, und es war kein Geheimnis, daß der ihn finanziell unterstützte. Sein Engagement bei den Holländern wurde ihm niemals gelohnt, im Gegenteil, er verlor dort am Ende sein bestes Pferd, das bis dahin die Nummer vier seiner über alles geschätzten Dinge gewesen war.

Aber er war auch ein schwer durchschaubarer Mensch, der immer wieder für Überraschung sorgte. Aus Holland zurückgekehrt, packte er ein paar Koffer und Kisten und ging nach Italien, "auf Studienreise", wie er verkündete. Während der Vorbereitungen las er Winckelmanns Beschreibungen der antiken Kunstwerke und fertigte Listen davon an, als wollte er sie erbeuten.

Er rügte seinen Bruder wegen dessen Hang zur Naturwissenschaft und zur Mathematik. "Ein stinkender Sumpf seelenloser Zwänge" nannte er das alles, wobei unklar blieb, was genau er damit meinte. Und über das Büchlein, das Ernst Ludwig über ein Schachproblem, speziell den Rösselsprung, verfasst hatte, konnte er sich ausschütten vor Lachen. "Mein Lieber, in England bauen sie jetzt Automaten, die so etwas in fünf Minuten lösen, ganz ohne Hirn und Geist, ein paar Zahnräder ins richtige Verhältnis gesetzt und eine Uhrfeder, die alles antreibt, und schon macht es 'Pling!' und eine Zange setzt den Springer aufs richtige Feld. Du kannst dabei die Zeitung lesen. Wozu zerbrichst du dir den Kopf über Probleme, die andere für dich lösen können?"

Die Wiege, die der General bei dem Tischlermeister Braugelt in Auftrag gab, hatte das junge herzogliche Paar seiner spontan wiederkehrenden Anwandlung zu verdanken, andere Personen aus der eigenen Verwandtschaft mit seinen Einfällen zu "beglücken", die ihm immer dann in den Sinn kamen, wenn er glaubte, etwas zum allgemeinen Wohl der Familie beitragen zu müssen - was wiederum aus einer seltsamen Art von Schuldgefühl resultierte, das ihn von Zeit zu Zeit überkam. Andere gingen zur Beichte, er machte Geschenke.

Die Herzogin Mutter, die für ihren Schwager ohnehin nicht gerade die wärmsten Gefühle hegte (Jakob Hausmann vermutete, daß Charlotte in Johann Eugen einen Taugenichts und einen Hochstapler sah und froh darüber war, daß sein Bruder Ernst in der Rangfolge vor ihm stand) sie tippte sich mit dem Finger an die Stirn und murmelte "Eine Wiege im Bauernstil? Ich weiß schon, woher er das hat." Aber mehr verriet sie nicht.

Es war allerdings ungewöhnlich, den herzoglichen Nachwuchs in eine Wiege zu betten, welche - "Drabbirung" hin oder her - eine ordinäre Holzkiste war, die in den Keller gehörte, wo man im Sommer das Eis und im Winter die Kartoffeln darin aufbewahrte. Natürlich hatte man für das Kind bereits ein wunderschönes Bettchen mit Seidenkissen und einem Baldachin besorgt, von einem französischen Möbelhändler in Frankfurt am Main.

Daß sich Louise so mit dem Tischlermeister Braugelt angelegt hatte, wunderte August, er kannte sie nicht in dieser Rage, und es ging doch eigentlich um gar nichts. Und fast noch mehr wunderte er sich, als Louise, nachdem seine Mutter den Schwager mit einem "Piepvogel" bedacht hatte, darauf entgegnete, sie fände die Idee gar nicht so schlecht; die Madame de Rameau habe letztens über einen französischen Philosophen berichtet, der eine moderne Erziehung der Kinder propagiert, wozu auch eine gewisse Naturverbundenheit gehöre, welche sie, Louise, in einer geschmackvollen Holzwiege durchaus erkennen könne. Freilich dürfe sie nicht so roh und unbequem aussehen wie die, welche der Tischler angeschleppt hat, die ja auch bloß als "ein erster Entwurf" verstanden werden sollte.

Charlotte sah sie mit großen Augen an. Mit derartigen Theorien hatte sie sich bisher so wenig befasst wie mit der Goldmacherei. Aber sie war immer sehr verständnisvoll, und nicht ein einziges Mal - so dachte Jakob Hausmann jetzt - hatte er erlebt, daß sie auf etwas, das ihr fremd war, mit wirklicher Abscheu oder mit Verachtung reagierte. Ihre Auffassungen waren immer ein wenig konventionell gewesen und geblieben, "standesgemäß", wie sie selbst zugab, und sie besaß beileibe nicht das überschäumende Temperament ihres Vaters, aber sie hatte von ihm ein Quentchen Ironie geerbt (was bei Töchtern eine Rarität ist), und manchmal nahm sie die Dinge, die sie nicht begreifen konnte, einfach mit einem Achselzucken hin; sie hätte wohl auf ihrem Willen bestehen können, aber sie wollte auch nicht borniert erscheinen.

"So? Die Rameau hat das also gesagt?", meinte Charlotte, und Louise nickte. "Und dazu gehört wohl auch, daß man ein Neugeborenes zum Schlafen auf Holzbretter legt, um es möglichst früh abzuhärten?" "So ist es gar nicht! Die Wiege wird doch allerbestens ausgepolstert, man kann auch die Kissen und Decken von dem französischen Bett nehmen." "Und warum dann nicht gleich das Bett selbst?"

"Es schaukelt nicht", sagte August, wie um seiner lieben Frau ein weiteres Argument zu liefern; wahrscheinlich war er auf einmal selbst von der Idee angetan. "Es schaukelt nicht", wiederholte Charlotte, "dein Bettchen hat auch nicht geschaukelt, und hat dir deswegen etwas gefehlt?" "Aber Mama, das ist doch gar nicht die Frage", entgegnete er, und Louise meinte "Diese sanfte Bewegung ist für das Kind sehr angenehm, es ist wie wenn es in einem kleinen Boot auf sanften Wellen treibt." "Ja, in der Tat", ergänzte August, "wie Moses im Weidenkörbchen auf den Wellen des Nils." Die beiden bedachten sich gegenseitig mit einem warmherzigen Blick, während die Herzogin Mutter sagte: "Moses im Weidenkörbchen, aha. Ihr werdet es aber hoffentlich nicht auf dem Leinakanal aussetzen wollen?" "Mama!"

Der Tischlermeister Braugelt hatte wirklich die halbe Nacht geschuftet, um die Wiege den Wünschen gemäß umzugestalten. August und Louise, sowie der Hofmeister Renger und der Diener Hasemeier waren am Nachmittag gegen zwei bei der Werkstatt vorgefahren, die sich am Sieblebener Tor befand, dort, wo der Weg zum Paul'schen Freigehege abging und wo die Häuser nach hinten große Gärten hatten, die mit üppigen Obstbäumen bepflanzt waren.

Daß seine Tischlerei kein Ort für feine Damen sei, hatte Braugelt natürlich ernst gemeint; Louise musste sich die Ohren zuhalten, als sie sich näherten, denn eine kreischende Säge machte höllischen Lärm. Es war eine Kreissäge, ein englisches Fabrikat, von einer kleinen Dampfmaschine angetrieben, die Braugelt aus der Konkursmasse eines Sägewerks in Georgental aufgekauft hatte. Sie war eigentlich für seine Tischlerei schon eine Nummer zu groß, aber er bot ihre Nutzung den Leuten an, die ihr Feuerholz klein schneiden wollten, und das ging damit ruck, zuck!

Als das Durchlauchtige Prinzenpaar eintraf, wurde die Säge sofort abgestellt, und es dauerte einige Minuten, bis sich das riesige Sägeblatt nicht mehr drehte. Eigentlich hatte der Braugelt kaum noch damit gerechnet, daß Ihre Durchlaucht die Ankündigung wahrmacht, aber er war darauf vorbereitet. Mit Hilfe seiner Gesellen und der Familie hatte er im Garten eine Kaffeetafel aufgebaut, und seine Frau und die älteste Tochter hatten extra ein großes Blech mit Pflaumenkuchen gebacken. Jetzt freute er sich doch, daß die Mühe nicht vergebens gewesen war.

Der kleine, heftige Wortwechsel vom Vortage zwischen der Prinzessin und dem Tischlermeister war längst vergessen. Man führte die Herrschaften vorsichtig durch die Werkstatt, und die Tochter, die Agnes hieß und etwa genauso alt war wie Louise, sprach ein paar freundliche Worte und lud alle, mitsamt dem Hofmeister Renger und dem Diener Hasemeier und sogar den beiden Kutschern, ein, Platz zu nehmen. Man habe leider nur Malzkaffee anzubieten, aber der schmecke vorzüglich, und - Agnes warf einen Blick auf die Prinzessin - er sei auch gesünder als der Bohnenkaffee, der bekanntlich aufs Herz schlage.

Für das herzogliche Paar hatte man Tassen und Teller aus Porzellan besorgt, die zwar nicht zusammengehörten, aber ein schönes Dekor hatten. Es waren allerdings winzige Mokkatassen, in die nicht mal ein Ei bis zum Boden gerutscht wäre, und als Louise sah, daß die Tischlersleute aus irdenen Bechern tranken, in die außer dem Kaffee auch noch ein ordentlicher Schluck Milch passte, wollte sie auch lieber so einen haben. Und auch dieses klebrige, braune Zeug wollte sie probieren, das, wie der Hofmeister Renger erklärte, Zuckerrübensirup ist, "mit dem hierzulande die einfachen Leute all' ihre Speisen und Getränke süßen."

Der Kuchen war ausgezeichnet, und der Tischlermeister Braugelt traute sich, unterm Tisch eine Flasche hervorzuholen und dem Prinzen einen Schnaps anzubieten, der mit den "besden Gräudern aus Wald und Flur" gemacht sei. "Sie leben aber hier wirklich sehr gesund", meinte Louise. August lehnte ab, er trinke keinen Alkohol, aber er gestattete den Männern, auf das Wohl des jungen Paares anzustoßen.

"Woher kommen die köstlichen Pflaumen?", erkundigte sich Louise. "Aus unserm Garten", erwiderte Agnes. "Das ist ja herrlich einfach. Kann man ihn denn mal besichtigen?" "Selbstverständlich", sagte Agnes, stand sofort auf und ging mit ihr nach hinten zu den Beerensträuchern.

Die anderen unterhielten sich inzwischen über Holzarten und Bretterzäune, und dann über den Unterschied von Schweinefleisch und Wildbret, und August konnte nirgends richtig mitreden. "Ihr werder Herr Onkel", sagte Braugelt, "ist ein düchdicher Jächer." "Ja, sogar ein leidenschaftlicher, leider hat niemand etwas davon." "Oh ja, ich hab' was davon", versicherte Braugelt, "Ihr Onkel hat bei mir fuffzehn Stück Wildbretwannen bestellt." "Wofür?" "Na, für die Viecher, wo er erleecht hat."

"Ach so? Wo schafft er die denn hin?" "Weiß ich nich, aber manchmal kauft ihm der Fleischer Meerbach was ab." "Er verkauft das Wild, das er im herzoglichen Forst erlegt hat, an einen Metzger?" "Ja nun, wenn einer Erlaubnis hat, beim Herzoch was zu schießen, dann doch der Johann Euchen, ich meine Euer Durchlauchdichsder Onkel?" "Ja, ja." "Und jetzte hat er auch noch die Wieche bestellt."

"Ach", sagte August, "jetzt verstehe ich: da haben Sie bei den Wildbretwannen Maß genommen?" "Freilich, da sinn ja auch welche vor die Füchse und Hasen dabei, die sinn ungefähr genauso groß wie so'n Neugebornes." "Aber die Wiege war bei weitem größer." "Na, wenn'se auf Hasenjachd gehn, Euer Durchlauchd, da kommen'se doch nich bloß mit eim Hasen heim, da passen ihrer fünfe in die Wanne." "Klar, sonst wäre es ja umständlich." "Genau. Euer Durchlauchd wissen Bescheid."

Die beiden jungen Frauen waren wieder da. Louise sprang auf August zu und flüsterte ihm etwas ins Ohr. "Tatsächlich? Da kann man ja gratulieren." Agnes wurde auf einmal puterrot im Gesicht, Louise erklärte "Doch erst, wenn's soweit ist." "Nein, nein", sagte August auf einmal überschwänglich, "jetzt schon. Ich weiß doch, wie sehr sich jede werdende Mutter auf das große Ereignis freut", er schaute Louise mit zärtlichem Blick an, "und wie es sie mit Stolz erfüllt."

Seine Worte fanden viel Beifall, und es schien, daß August nach der etwas plumpen Konversation von eben zu seinem eigenen Stil zurückgefunden hatte. Und er setzte noch eins drauf: "Wie wäre es, meine liebe Louise, wenn wir die Patenschaft für das Kind dieser jungen Frau übernähmen?"

Louise klatschte in die Hände und gab ihm einen Kuss, aber Agnes ging auf den Prinzen zu und machte eine tiefe Verbeugung, aus der sie sich gar nicht wieder erheben wollte. Er reichte ihr die Hand. "Seien Sie vorsichtig, solche Devotion ist nicht gut für den Rücken." Alle lachten und jubelten und ließen das herzogliche Paar hochleben.

Und so kam es, daß Louise in der Braugelt'schen Werkstatt jene Wiege entdeckte, die eigentlich für des Tischlermeisters Tochter bestimmt war, aus hellem Birkenholz, bemalt mit bunten Blümchen und Blättern und sogar zwei Vögelchen, die sich mit den Schnäbeln berührten.

August verschwieg wohlweislich die Sache mit Johann Eugens Wildbretwannen und ihrer Ähnlichkeit mit der ersten Wiege, und als Louise jetzt diese wunderschöne andere sah, die sich so mühelos hin und herschaukeln ließ, da entschied er sich kurzerhand dafür, und Agnes war überglücklich, daß sie sich so schnell revanchieren konnte. (Für sie baute der Vater natürlich gleich eine neue.)

Und als Xaver von Zach jetzt das Zimmer betrat, fand er die Herzogin Charlotte, die sich neben ebendieser Wiege niedergelassen hatte, in der ihre Enkelin gerade in sanften Schlaf gesunken war. Es war dämmerig und mollig warm, und außer der Kammerfrau und der Amme war auch die Tischlerstochter Agnes da, die sich gerade anschickte zu gehen, nachdem sie die kleine Luise gestillt hatte. (Ihr eigenes Kind, ein Junge, war bereits Anfang Dezember gesund auf die Welt gekommen, und Agnes hatte genug Kost, um beide zu versorgen. Sie lehnte es übrigens ab, dafür in irgendeiner Form entlohnt zu werden; aus der Patenschaft über ihren Sohn, die das Prinzenpaar hatte beglaubigen lassen, erhielt sie eine kleine laufende Zuwendung.)

Zach gab den andern Frauen ein Zeichen, daß sie sich entfernen mögen. Charlotte schaute wie in Gedanken versunken auf das Baby. "Sie sieht Ihnen ähnlich", sagte Zach und strich mit den Fingerrücken über die weiche, rosige Wange. Man sah, wie sich die Augen unter den Lidern bewegten. "Sie träumt", sagte Charlotte lächelnd, und Zach bemerkte, wie eine Träne über ihr Gesicht kullerte. Nicht genug, dachte Jakob Hausmann jetzt, als er sich an diese schmerzvollen Tage erinnerte, nicht genug, daß man den Tod der Mutter hatte beklagen müssen: bei dem Begräbnis war es auch noch zu einem tragischen Zwischenfall gekommen.

Nachdem die Prinzessin in ihrem Gemach im Friedrichstaler Palais ihr Leben ausgehaucht hatte, und ihr Leichnam der erforderlichen Aufbereitung unterzogen und ihm ein würdiges Aussehen verliehen worden war, brachte man ihn auf das Schloss, um in der dortigen Kapelle einen Gottesdienst zum Gedenken der Verstorbenen abzuhalten. Den Weg vom Palais hinauf zum Friedenstein säumten, obwohl es ein bitterkalter Januartag war, hunderte von Gothaer Bürgern. Wenngleich Prinzessin Louise kaum dreieinhalb Jahr' in der Stadt geweilt hatte, wurde sie von vielen Leuten geradezu verehrt und nun natürlich von noch mehr betrauert.

Indem der Wagen mit dem Sarg über die rechtsseitige Steinbrücke an der Auffahrt fuhr, scheute aus irgendeinem unerfindlichen Grunde ein Pferd und machte einen Satz zur Seite, unglücklicherweise in die Menge hinein, die dort in stiller Anteilnahme ausharrte. Wie das Pferd aber auf die am Rande Stehenden zustürzte und dabei auch noch den Wagen mit sich riss, auf dem der Sarg ins Rutschen kam, da ging ein Aufschrei durch die Menge und alle versuchten zurückzuweichen, um nicht Schaden zu nehmen oder Schaden anzurichten. Allerdings war dafür kein Platz mehr, und die Leute drängten mit ihrem ganzen Körpergewicht gegen das Geländer, das sowieso nicht mehr im besten Zustand war. Es gab nach. Und zwei Dutzend Personen stürzten aus etwa sechs Metern Höhe hinab. Einige verletzten sich schwer, für drei von ihnen, die zuerst auf den Pflastersteinen aufgeschlagen waren und danach von der Last der anderen erdrückt wurden, kam jede Hilfe zu spät.

Mit was für einer grotesken Beliebigkeit, dachte Jakob Hausmann jedesmal, wenn er sich an diesen Vorfall erinnerte, der Tod derart wahllos dreinschlägt, wenn er sich seine Opfer holt. Daß er unerwartet kommt, das kann nicht verwundern, denn es steht dem Menschen nicht zu, über seine Lebenszeit zu bestimmen wie etwa über sein Vermögen.

Aber daß er sein eigenes unseliges Werk, das die Menschen gerade beweinen, ihnen auch noch, mit Schmach und Schuld besudelt, zur Last legt und doppelt anrechnet, das macht einem doch Bedenken, ob solch blindwütiges Treiben durch eine höhere, soll heißen: göttliche Willkür jemals im Zaum gehalten werden könne.

Der Pfarrer stand bereit, die Prozession zu empfangen, Kerzen waren entzündet, Kränze aus Efeu und Winterrosen gewunden, da hörte er draußen das gellende Geschrei, und kurz darauf kam der Diener Hasemeier angerannt und unterrichtete ihn unter Tränen darüber, was eben passiert war.

Das Pferd hatte sich ebenso schnell beruhigt, wie es ausgerastet war, der Sarg blieb auf dem Wagen, und der Zug erreichte den Schlosshof. Man kümmerte sich sofort um die Verletzten, und der Doktor Fritzwald und zwei herbeigerufene Kollegen hatten bis in die späten Abendstunden alle Hände voll zu tun.

Der Trauergottesdienst wurde um zwei Stunden verschoben, bis sich der Schreck wieder etwas gelegt hatte, aber es waren einige der Anwesenden, die nach dem Unfall einem Nervenzusammenbruch nahekamen, weinten und schrien und auf kein gutgemeintes Wort mehr reagierten. Man musste sie wegbringen.

Der Herzog selbst, so schien es Jakob Hausmann, der an diesem Tag natürlich mit dabei war, hatte Mühe, nicht die Beherrschung zu verlieren, man konnte es an den zusammengepressten Lippen erkennen, an den Backenmuskeln, die zuckten, und daran, wie fest, beinahe verkrampft er seinen Stock umfasste. Herzog Ernst hatte einen starken Charakter, es konnte ihn so leicht nichts erschüttern.

Auch physisch war er, trotz seiner eher schmächtigen Gestalt, ein kräftiger Mann. Er hatte nie Schmerzen am Leib gehabt, abgesehen von zwei, drei bösartigen Zahngeschichten. Er war nie krank gewesen, bis auf einmal, als er acht Jahre alt war und mit einem seltsamen Fieber darniederlag, dessen Ursache der Doktor nicht finden konnte und vor dem er genauso hilflos war wie der Knabe selbst. Den hatte es so schlimm erwischt, daß der Herzog Friedrich und seine Gemahlin Dorothea schon um das Leben ihres Sohnes bangten.

Ernst Ludwig hat später, so erinnerte sich der Minister Jakob Hausmann, in geselliger Runde unter Freunden von dieser einzigen schweren Erkrankung in seinem Leben berichtet, er konnte sich, obwohl er wie gesagt damals noch ein Kind war, erstaunlich gut auf die Umstände entsinnen.

Er wusste noch ganz genau, daß er zwei Tage vorher Streit mit seinem Hauslehrer hatte (dessen Namen er später nie mehr aussprechen sollte), einem "Gelehrten", den sein Vater nach Gotha geholt hatte und dem der Ruf eines Polyhistors, eines in allen erdenklichen Fächern versierten Mannes, vorauseilte.

"Es eilte ihm", so erzählte Herzog Ernst, "aber auch ein anderer Ruf hinterher: nämlich der eines Misanthropen, ja man konnte ihn einen Kinderhasser nennen, wie man ihn sich kaum schlimmer vorstellen kann. Das wusste er freilich vor den Großen geschickt zu verbergen. Er war klug, ohne Frage, er hatte ausgezeichnete Zeugnisse und Referenzen, aber meinem seligen Vater fiel es offenbar nicht auf, mit welcher Herablassung und Häme mich dieser Mann vom ersten Moment an behandelte. Ja, mein Vater hielt das wahrscheinlich für die berechtigte Verfahrensweise eines allwissenden Lehrers gegenüber einem dummen Jungen.

Ich fand ihn unausstehlich, und bald wusste ich nicht mehr, ob der Hass, den ich in seiner Gegenwart verspürte, von ihm oder von mir oder von uns beiden ausging. In dem Zimmer, in dem ich Unterricht erhielt, war es bald so stickig und zugleich so spannungsgeladen, daß ich kaum noch Luft bekam und bei der einfachsten Deklination eines lateinischen Nomens mein Hals so trocken wurde, daß ich in einem Hustenanfall steckenblieb.

Ich weinte. Ich bat meine Mutter, mich von diesem Scheusal zu erlösen, aber man hielt mein Jammern für Ungehorsam, denn es war diesem Mann natürlich von außen betrachtet nichts vorzuwerfen, im Gegenteil, er vermochte einem Knaben alles beizubringen, was er wissen und beherrschen muss. Nur ich!" - Herzog Ernst klopfte mit der flachen Hand auf seine Brust, als gäbe er eine Ehren Erklärung ab - "Ich konnte nicht anders, als mich diesem Menschen zu verweigern, ob es dafür nun einen vernünftigen und nachvollziehbaren Grund gab, oder nicht.

Eines Tages besuchte der Herzog von Hannover meinen Vater, ich wurde ihm vorgestellt, und er vernahm dabei den Namen meines Hofmeisters. 'Sieh einer an', sagte der Herzog lachend, 'hier in Gotha ist er also gelandet.'

Und ungeachtet dessen, daß es für meine Ohren wenig geeignet war, erzählte der Herzog von Hannover meinem Vater ein paar Anekdoten über meines werten Herrn Lehrers Tätigkeit an den vorherigen Höfen und über die manchmal etwas kuriosen Umstände, unter denen er sie verlassen hatte.

Es waren freilich überwiegend spaßige und im Grunde harmlose Geschichten, aber der Junge, der daneben stand und alles mitanhörte, sah plötzlich in dem Herzog von Hannover so etwas wie einen Advokaten für sein gutes Recht, oder nein, davon hatte ich damals noch keinen Begriff - ich sah in ihm einfach meinen Retter, der zumindest mittelbar dafür sorgen konnte, daß ich von dem Hofmeister befreit werde.

Aber mein Vater winkte ab, er hielt es für 'scheeles Gerede', wie er sich ausdrückte, er glaubte, daß jene, die so über ihn sprachen, ihn bloß niemand anderem überlassen wollten. Ich bebte vor Wut und Ohnmacht.

Ich sah mich schon bis ans Ende meiner Tage seiner perfiden Drangsal ausgeliefert, nein, noch schlimmer, ich machte mir ernsthaft Gedanken, wie ich diesen Unterricht, wenn es sein müsste, mit Gewalt und im Unfrieden beenden könnte. Und ich dachte dabei am Ende gar nicht mehr an Gewalt gegen ihn, den Hofmeister, sondern gegen mich selbst - so weit war es gekommen."

Solcherart Geständnis, dachte Jakob Hausmann, hörte man sicher nicht oft von Herzog Ernst, dessen moralische Pflicht als Oberhaupt seiner Untertanen und seiner Familie es war, immer auch Herr über seine Schwächen und Ängste zu sein und sich nicht darüber auszulassen wie Grete Schwätzig über ihre Nachbarskinder. Er konnte es zum Beispiel bei anderen oder gar befreundeten Fürsten nicht ausstehen, wenn sie über ihre Leiden und Wehwehchen jammerten; "Ein Mann, der sich selbst bemitleidet, erniedrigt sich nur", sagte er dazu.

In diesem Fall, als es um den heftigen seelischen Konflikt aus seinen Kindheitstagen ging, der sein Innerstes offenbar so sehr aufgewühlt hatte, in diesem Fall, so dachte Jakob Hausmann, wollte er uns vielleicht darüber belehren, wie ein Knabe, ein Fürstenkind, ein Prinz, ein Hochwohlgeborener Mensch von den äußeren Verhältnissen, an denen er im Grunde noch so wenig Anteil hat, zu Boden gepresst und erdrückt werden kann, wenn es niemanden gibt, der es verhindert.

Die Wut und Ohnmacht, von der er sprach, war das schrecklichste Alleinsein, das er spürte, gegen das ein Kind sich manchmal nicht anders zu wehren weiß, als durch Abkehr und Flucht. Eine Reaktion, so Hausmann, die eigentlich, insofern man nur davonläuft und das Weite sucht, jenes Verlassensein bloß durch ein anderes eintauscht.

Eine Reaktion, die im Jugendalter häufig anzutreffen ist, die aber für einen Mann ab einem bestimmten Reifegrad doch unmöglich akzeptabel ist, der inzwischen in den 'seelenlosen Zwängen', wie es Johann Eugen nannte, auf Gedeih oder Verderb gefangen ist. Man bleibt an Ort und Stelle, und wenn es noch so unerträglich ist.

"Zwei Tage vor dem Ausbruch meiner Krankheit machte ich dem Schrecken ein Ende, so glaubte ich zumindest. Mitten im Unterricht - er traktierte mich gerade mit den Kategorien des Aristoteles und schwang dabei seine Haselnussgerte über meinem Kopf - sprang ich auf und schrie ihm eine ungeheuerliche Beleidigung ins Gesicht. Das heißt ..." - Herzog Ernst schmunzelte - "... es sollte eine werden, aber mein Entschluss kam so plötzlich, daß mir nichts anderes einfiel als: 'Sie blöder Besen!', was mich selber verblüffte und was einige Minuten später ganz verhängnisvoll auf mich zurückfiel.

Ich warf den Stuhl um, auf dem ich gesessen hatte, schrie ihn so laut an, daß er, mehr meines Anfalls als des Schimpfwortes wegen, erschrak und erstarrte, und ich rannte hinaus, aus dem Zimmer, in dem ich keine Minute länger mehr leben konnte, und hinaus aus dem Schloss, meinem Zuhause, in dem ich keinen Menschen mehr kannte, der mich zurückgehalten hätte, außer aus dem Grund, daß meine Unterrichtsstunde noch nicht zu Ende war."

Der Herzog holte Luft und nahm einen tiefen Zug aus seiner Pfeife (Tabak rauchen war eine der wenigen unnützen Annehmlichkeiten, die er sich gönnte) und fügte hinzu "Nun ja, das war natürlich übertrieben, und ich hatte nicht im geringsten das Recht, mich derart gegen meine lieben Eltern zu versündigen, aber in diesem Augenblick fühlte ich mich als Sieger in einem Kampf auf Leben und Tod.

Ich rannte, was ich konnte, um weg von diesem Ort zu kommen. Ich rannte unsere Auffahrt hinab, die damals übrigens noch nicht gepflastert war, vorbei an den Wachtposten und dem Zollhäuschen und am Denkmal des Heiligen Gothardus und mitten in den Wochenmarkt hinein, der an diesem Tag auf dem Platz hinterm Rathaus aufgebaut war.

Ich rannte zwischen den Ständen und Leuten hindurch, stolperte hier über eine Kiste, streifte dort einen Hund, rempelte da eine von den Gemüsefrauen an, die hinter mir her fluchte, und schaffte es bis zum Johannesbrunnen, wo ich mich über den Rand stürzte und meinen Kopf so lange unter Wasser hielt, bis alles darin kalt und taub und unempfindlich gegen jede äußere Einwirkung wurde."

Bei diesen Worten hielt Herzog Ernst beide Hände neben den Ohren hoch. "Ich richtete mich auf, das Wasser tropfte von meinen Haaren, und im nächsten Moment begann mein Schädel zu glühen und alles um mich herum geriet in kreisende Bewegung. Ich versuchte, meinen Blick auf etwas zu fixieren und schaute wie gebannt auf den Stand des Schuhmachers Kaulbach, der auf dem Wochenmarkt seit eh und je seinen Stand an dieser Stelle hat.

Aber wie ich da hinsehe und sich der Kaulbach zu mir umdreht, da ist es nicht der Kaulbach, wie ihn jeder hier kannte, sondern eine fürchterliche alte Hexe mit dem zerfurchten Antlitz meines Hofmeisters! Sie reißt ihr zahnloses Maul auf und lacht mich schauerlich an, und dann zieht sie - meine Herren, wir sind unter uns - sie zieht zwischen ihren Beinen einen ungeheuren Besen aus ihrem Schamloch hervor, dessen blankes Ende sie auf mich richtet, und mein Kopf droht zu bersten und ich höre nur noch ihre beschwörenden Worte, mit denen mich die Alte verhext - jedes einzelne dringt wie ein vergifteter Pfeil in mich ein: 'Ersticken sollst du an diesem Pfahl, du Schlangenbrut!'"

Der Herzog machte eine Pause, und die andern, das konnte Jakob Hausmann deutlich sehen, waren, er selbst eingeschlossen, von der Schilderung nicht wenig ergriffen. Erst drei Tage später erwachte der Junge zum ersten Mal aus seinen Fieberträumen. Man hatte ihn, als er beim Johannesbrunnen zusammengebrochen war, sogleich hinauf ins Schloss getragen, und der Doktor flößte ihm eine Arznei ein, die der kleine Patient aber nicht schlucken konnte, und dann versuchte man es mit kalten Wickeln. Aber das Fieber stieg unaufhörlich, sein Kopf und sein ganzer Körper glühten, er phantasierte, redete wirres Zeug, ohne dabei zum Bewusstsein zu kommen.

Die Frage, die nach diesem Bericht des Herzogs allen auf der Zunge lag, stellte der Hofrat Wangenheim: ob er, der Herzog, glaube, daß es tatsächlich diese Hexe gewesen sei, die seine Krankheit heraufbeschworen habe?

Es gab zu jener Zeit im Fürstentum keine Hexerei und keine Teufelsanbetung mehr, jedenfalls nicht offiziell; die letzten Prozesse wegen solcher Vergehen hatte der selige Herzog Ernst geführt, den man auch den Frommen nannte. Er war nichts weniger als ein Ketzerjäger gewesen; mit ihm hatten auf diesem schönen Fleckchen deutscher Erde der echte Protestantismus und die Aufklärung für immer die Oberhand gewonnen. Er war fromm, aber von einer moralischen Frömmigkeit, nicht von einer religiösen, und das galt auch für seine Nachkommen.

Die meisten von uns glauben an einen Gott, dachte Jakob Hausmann, aber es ist nicht immer ein und derselbe. Und wir glauben, mehr als unsere Vorfahren, an die Allmacht der Natur und an die Willenskraft des Menschen, die von seiner Vernunft gelenkt wird. Es befällt uns gerade deshalb oft ein gewisser Zweifel, der leicht als Ungläubigkeit ausgelegt werden kann, ob nämlich immer alles mit rechten Dingen zugeht, denn nicht nur die Gesetze der Natur, sondern auch die des menschlichen Geistes sind geheimnisvoll und schwer zu ergründen und ihr wahres Wesen ist oft unter einem falschen Anschein verborgen.

"Ich habe mir", sagte Herzog Ernst, "diese Frage selber oft genug gestellt, und bin doch zu keiner Antwort gelangt, die mich vollends befriedigt hätte. Freilich, man kann solche Phänomene damit erklären, daß der Körper von einem Fieber erfasst wird, das die Sinne verschleiert und den Verstand mit irrealen Wahrnehmungen täuscht. Aber auch dann wüssten wir immer noch nicht Bescheid darüber, warum so etwas geschieht.

Ich will mich nicht mit den Leuten vergleichen, die durch Absencen und Visionen eine völlig andere, gewissermaßen eine Sicht von höherer Warte, gewonnen haben, und der Auslöser meiner Erkrankung wäre doch wohl zu lächerlich, um mich kleinen Jungen, der ich damals war, zu höherer Erkenntnis oder zu einer Art Offenbarung zu führen. Es war ja auch gerade das Gegenteil der Fall, mein Geist wurde verdunkelt und ich wurde nicht erhöht, sondern hinabgezogen.

Es ist sehr merkwürdig, aber ich kann mich ziemlich gut daran erinnern, was mir während meiner Fieberträume durch den Kopf spukte und mich weit mehr quälte als Hitze und Schmerzen: das war das Wasser." "Welches Wasser?", riefen die andern wie aus einem Munde?

"Ich kann es nicht anders benennen als mit diesen zwei Worten, es war 'Das Wasser'. Es war wie eine Flut ungeheurer Wassermassen, die über mich hereinstürzte, dann, wie einem ebenso gewaltigen Sog gehorchend, zurückwich und gleich darauf wieder hereinbrach. Ich wusste nicht, woher es kam und wohin es ging, es war entweder da oder nicht da, und es gönnte mir keine Pause, es packte mich, riss mich mit sich fort, trieb und drehte mich um und um, und wenn es sich für einen unfassbar kurzen Moment zurückzog, war ich wie ein emporgeschleuderter Ball, der am höchsten Punkt seiner Bahn umkehrt, und sofort tauchte ich wieder ein und unter. Ich ertrank keineswegs darin, ich wurde nicht einmal richtig nass, ich wurde von diesem Wasser einfach niedergeschmettert; es war so, als wäre ich früher ein Teil von ihm gewesen, und nun würde es mich wieder zurückholen, würde mich einverleiben für immer und ewig."

Die Herzogin Charlotte hatte einmal, so erinnerte sich Jakob Hausmann, betreffs dieser Stelle seiner Schilderung geäußert: "Und wenn sich das erfüllt hätte, dann wäre mein lieber Gemahl womöglich nicht Herzog von Sachsen-Gotha-Altenburg geworden, sondern ein Nachfolger Poseidons und ich wäre nicht in Frankfurt, sondern auf Atlantis geboren."

Wie gesagt, man hatte den Knaben schon fast aufgegeben, aber da besserte sich sein Zustand, das Fieber ließ nach, er rief nicht mehr so oft "Das Wasser! Das Wasser!", und endlich erwachte er aus seinen schlimmen Träumen. Ganz langsam wurde er wieder gesund; er wagte nicht nach dem Hofmeister zu fragen, und der Vater sagte beiläufig, der Herr Soundso habe seinen Abschied genommen, er habe sich "ad Lares" zurückgesehnt, also nach seinem Zuhause, welche Behauptung ihm, dem Knaben Ernst Ludwig, vollkommen unbegreiflich vorkam.

Eines Tages im Mai, er war schon wieder recht munter auf den Beinen, sollte aber noch das Bett hüten, schaute er aus dem Fenster und ließ die Sonne seine Nasenspitze kitzeln, da sah er unten im Schlosshof seine Mutter mit einem Herrn auf und ab gehen, in eine angeregte Unterhaltung vertieft. Dorothea trug ein blaues Kleid mit weißer Spitze und gelbe Schuhe, die manchmal unter dem Saum hervorschauten. Sie war schön anzusehen.

Der Mann jedoch hatte eine komische Gestalt, 'er sieht ja aus wie das Rumpelstilzchen', dachte der Junge. Er trug aber feine Garderobe, und die Manschetten waren wie riesige Blütenblätter um seine dünnen Handgelenke gewunden; seine Hosen gingen bis über die Knie und waren mit großen schwarzen Schnallen geschlossen, und seine Waden in den dünnen Strümpfen waren krumm und die Schuhe spitz und glänzten im Sonnenschein; sein Haar war lang (er trug keine Perücke) und seine Nase auch, und beim Sprechen bewegte er unablässig den Kopf, als prüfe er, aus welcher Richtung der Wind kommt.

Sie sprachen Französisch miteinander, und Ernst Ludwig fragte das Kammermädchen, das gerade sein Bett frisch bezog, wer der Mann sei, und sie antwortete "Monsieur Voltaire, der berühmte Philosoph", und selbst sie sprach das aus, als hätte sie noch gestern bis tief in die Nacht in einem seiner Bücher gelesen.

Über viele Jahre hinweg sollten seine Mutter und der grandiose Monsieur Voltaire eine Freundschaft pflegen, wie sie zwischen einer Fürstin und einem Dichter ihresgleichen sucht. Beinahe vergötterten sie sich gegenseitig. Unvergesslich für den Herzog war der Anblick der Mutter, wie sie Voltaires Briefe las und wie sie ihre an ihn schrieb. Denn diese Briefe waren die stets erneuerte Verbindung zwischen ihnen.

Die Mutter las am liebsten in einem Zimmer im Ostflügel des Schlosses, das man auch "Le Chartreuse des Hermites de bonne humeur", die "Kartause der Einsiedler des feinen Humors" nannte. Es hatte die Fenster zur Schattenseite hin, aber einen herrlichen Blick über das Gothaer Land hinüber nach Erfurt und den dichtbewachsenen Steigerwald. Und es grenzte, durch ein kleines Vorzimmer, an die Galerie, die zur Hofseite hin lag und in der warmen Jahreszeit bis in die Nachmittagsstunden von der Sonne beschienen wurde.

In der "Kartause" lagen überall Bücher herum, viele aus der Bibliothek von Ernst Ludwigs Vater, dem Herzog, der, was die Anschaffung neuer Werke betraf, seiner Gemahlin jeden Wunsch erfüllte; er gab unumwunden zu, daß sie mehr von Literatur versteht als er. Aber in der "Kartause" lagen auch Journale: der "Mercure de France", die "Année littéraire", das "Journal des Dames", das übrigens für den jungen Ernst Ludwig absolut tabu war und das er demzufolge als eine Art Accessoire de toilette betrachtete.

In diesem Zimmer wurden Monsieur Voltaires Briefe gelesen und jene an ihn geschrieben, und Dorothea konnte sich ohne weiteres für zwei, drei Stunden in die Korrespondenz vertiefen. Natürlich durfte sie niemand dabei stören. Aber sie schloss nicht etwa die Tür ab, im Gegenteil, sie stand immer eine Handbreit offen, und erst viel später erklärte Ernst Ludwigs Bruder ihm einmal (beiläufig, aber doch so, daß man merkte, es hatte ihn ebenfalls beschäftigt) daß die Mutter die Tür nur angelehnt ließ, damit niemand jemals auf den Gedanken käme, diese Briefe von Monsieur Voltaire wie auch ihre eigenen hätten irgendetwas Geheimes an sich, das über den freien Austausch von Gedanken hinausginge.

Der Vater, Herzog Friedrich, erhielt manchmal geheime Depeschen, von einem Kurier gebracht, der sein Leib und Leben (und sein außergewöhnlich schnelles Pferd) dafür einsetzte, daß sie sicher zum Empfänger gelangten. Und er schickte selber welche ab, gut verpackt und versiegelt, und das waren in jedem Fall Depeschen, die brisante Nachrichten enthielten.

Man konnte mit ziemlicher Gewissheit davon ausgehen, daß die Briefe zwischen der Mutter und Monsieur Voltaire keine brisanten Nachrichten enthielten. Aber es gab nicht nur das "Journal des Dames"; es war selbst bis zu den Jungs die Kunde vorgedrungen, daß es eine Art von Literatur gäbe, in der noch ganz andere als politische oder militärische Geheimnisse beschrieben wurden und deren Schauplatz nicht eine Kanzlei oder ein Schlachtfeld waren, sondern die Schlafgemächer der Frauen.

Johann Eugen hatte später einmal gemeint, keine Frau könnte ein Geheimnis hüten, dafür wäre sie viel zu geschwätzig und klatschsüchtig, und er fügte hinzu "Das einzige Geheimnis, das eine Frau für sich behält, ist ihr wahres Alter." Da hatte er aber auch schon etliche Affären hinter sich. Doch zu dieser Zeit, als die Brüder (es waren drei an der Zahl) gerade mal anfingen, sich für andere Dinge als Frösche und Flitzebogen zu interessieren, da hatten solche vagen Andeutungen etwas verlockend Ahnungsvolles.

Ausgerechnet der Sohn vom Superindentenden Leffler, ein Spielkamerad des jungen Ernst Ludwig, wusste angeblich genau über ein Buch Bescheid, das, jüngst aus dem Französischen übersetzt, als Raubdruck(!) hierzulande reißenden Absatz fand. In ihm wurden mit unvorstellbarer Offenheit und Obszönität die Dinge geschildert, die sich zwischen Mann und Frau abspielten, so wie sie Gott geschaffen und nachdem er sie wegen gewisser Vorfälle aus dem Paradies verwiesen hatte.

In immer neuen Varianten, so versicherte der Leffler Junge, würde darin ein und dasselbe Thema behandelt: wie man nämlich der fleischlichen Lust am besten die Zügel schießen lässt und wie man es anstellen muss, damit man aus dem Liebesspiel stets den höchsten Gewinn zieht.

"Raubdruck!" Allein das Wort ließ einen Schauer über den Rücken laufen; dieses Buch musste ohne Zweifel eines der schmutzigsten und verdorbensten sein, die je verfasst wurden. Was aber den Knaben Ernst Ludwig dabei erschreckte, war die Tatsache, daß es sich um einen sogenannten "Briefroman" handelte, eine Bezeichnung, für die der Leffler Junge eine durchaus plausible (wenn auch wahrscheinlich frei erfundene) Erklärung hatte:

Es seien dies die Briefe, welche sich die Liebenden schreiben, wenn sie, durch widrige äußere Umstände gezwungen, sich nicht sehen und nicht nahe sein können, und die daher, weil man dem anderen dadurch höchste Befriedigung zu verschaffen sucht, noch viel mehr vor wollüstigen Phantasien strotzen, die jeden Leser, der sich das vorstellt, schier um den Verstand bringen könnten, ohne daß er "die Leutchen" überhaupt kennt, so der Leffler Junge.

Im übrigens war es kein Wunder, daß dieses Buch ursprünglich auf Französisch verfasst war, denn wie man wusste, war das die Sprache der Sünde, und Paris ihre Hauptstadt. Von dort kam alles, was die Moral und die guten Sitten ruinierte. Allerdings auch alles, was im Leben am meisten Spaß machte.

Der Knabe Ernst Ludwig hätte sich eher die Zunge abgebissen, als gegenüber seinem Kameraden auch nur mit einem Sterbenswort die umfängliche und andauernde Korrespondenz seiner Mutter mit dem Monsieur Voltaire zu erwähnen. Aber es ließ ihm keine Ruhe. Und selbst die Tatsache, daß das Kammermädchen, von dem er wusste, daß es ein Verhältnis mit zwei von den Bediensteten gleichzeitig(!) hatte, daß gerade sie in so schwärmerischem Ton von dem Franzosenknilch sprach, ließ ihn nicht wenig an dessen moralischer Unbescholtenheit zweifeln.

Richtig! Allein daß er so unansehnlich war, schützte ihn in den Augen des Jungen vor schlimmeren Verdächtigungen; denn nie, niemals hätte er der Mutter anders als ein geistvoller Gesprächspartner imponieren können. Ja, man konnte ihn sogar eher bemitleiden, daß er bei allen seinen überragenden Geistesgaben, von denen anscheinend alle Welt überzeugt war, doch, wenn es um die Gunst der Frauen ging, hinten anstehen musste. (Der erwachsene Ernst Ludwig hatte dann allerdings aus mehreren sicheren Quellen erfahren, daß der Monsieur Voltaire auch in diesem Belang nichts hatte anbrennen lassen.)

Anfangs schlich der Junge ein ums andere Mal an die Tür zur "Kartause", wenn die Mutter drin sich dem Briefelesen und schreiben widmete, er lugte - "lunste", wie man hier sagte - durch den Türspalt, um herauszufinden, was es mit ihrer Leidenschaft auf sich habe. Und immer war das, was er sah, ein Anblick der reinsten und schönsten Versenkung in die Worte, die da auf dem Papier standen. Diese Miene, die, von Amüsiertheit und Freude über Begeisterung und Staunen bis zur Nachdenklichkeit, Betroffenheit, ja bis zur Traurigkeit in allen Nuancen spielte und wechselte, sie gehörte zum Erstaunlichsten und zum Erbaulichsten, das sich Ernst Ludwig aus seinen Kindheitstagen im Gedächtnis bewahrt hatte.

Nirgends sonst hatte er Dorotheas Gesicht in solcher Lebendigkeit und ihren Ausdruck mit dieser Empathie erlebt; es schien, daß hinter ihren klugen dunklen Augen, unter der hellen Stirn, auf den sanften Lippen, ja noch zwischen den Nasenflügeln, die sachte beben konnten, wenn ein von einer inneren Regung erfüllter Atemzug an ihnen vorbeiströmte, es schien, als leuchte hinter diesem Antlitz ein tiefes, natürliches und edles Mitgefühl für alle Menschen, für ihre Vollkommenheiten ebenso wie für ihre Fehler, vor allem aber für ihre oft unverschuldeten Verstrickungen in ein unabwendbares Schicksal voller Geistlosigkeit und Irrtum.

Dieses Mitgefühl, so dachte Jakob Hausmann jetzt, war es wohl, das Monsieur Voltaire bei der Herzogin anzustimmen wusste wie kein anderer. Auch wurde er nicht müde, ihr zu huldigen, nannte sie bei jeder Gelegenheit eine "Großmeisterin der Herzen", zollte ihr "tiefsten Respekt" und "unverbrüchliche Zuneigung", ja, er bezeichnete sie gar als die "beste aller möglichen Prinzessinnen" und Gotha als den "besten aller möglichen Wohnsitze"!

Das war natürlich eine Anspielung auf den wackeren Leibniz, der die Welt, und zwar so wie sie ist, für die beste aller möglichen Welten hielt, und der dem Monsieur Voltaire über so viel Unverstand, ja Ignoranz angesichts des ganzen Übels und Elends den gerechten Zorn in die Adern getrieben hatte.

Warum, so dachte Hausmann, der Monsieur Voltaire seinerseits bei so viel Sympathie und Idealismus für das kleine Herzogtum nicht für immer hiergeblieben war, das lag womöglich an der Grenzenlosigkeit seines Geistes, eine Grenzenlosigkeit, die immer auch etwas Haltloses, Ruheloses und Getriebenes hat, typisch für einen Geist, der sich nirgends auf Dauer einrichten kann, nicht einmal in der Nähe einer Frau, die einer Priesterin am Musentempel gleicht.

Er wird sich stets so vehement gegen alles Unvernünftige, Unmenschliche, gegen alle Willkür der Obrigkeit und alle Dummheit der Masse, gegen jede Lüge und Gewalt, gegen jedes hanebüchene Gesetz und jedes oberflächliche Urteil, ja sogar gegen jedes Unglück aus Versehen auflehnen, daß er an keinem Ort Ruhe fände, am wenigsten an einem, der weit weg von allem Weltgeschehen läge.

Warum war Monsieur Voltaire denn dauernd unterwegs? Reiste von einem Land ins andere, von einem Fürsten zum nächsten (auch von einer Frau zur andern). Wäre Louise Dorothea, so dachte Jakob Hausmann einmal (freilich ohne es jemandem mitzuteilen) wäre seine so verehrte Herzogin ihm auf Dauer nicht langweilig geworden? So überdrüssig wie all das Geschwätz, das er sich an so vielen Höfen anhören musste. Aber woher denn! Gerade hier fand er ja jene andere Art von Unterhaltung und Anregung, nach der er andernorts vergeblich suchte.

Jedoch auch hier, dachte Hausmann, am Gothaer Hof, noch in der stillen "Kartause der Eremiten mit dem feinen Humor", hätten ihn die Geschehnisse der rauhen, besinnungslosen Welt erreicht und beunruhigt. So wie jenes furchtbare Erdbeben von Lissabon, das die Stadt in Schutt und Asche und in Flut und Schlamm versinken ließ und das auch gleich halb Europa erschütterte, zumindest was die Vorstellung seiner Bewohner von einer höheren Gewalt betraf.

Dies war es, was Monsieur Voltaire ernsthaft gegen den wackeren Leibniz aufbrachte, mit dessen Vorstellung einer prästabilierten Harmonie. Was für eine Harmonie, so musste man sich doch fragen, wenn man auch nur ein Fünkchen Gewissen besitzt, sollte das sein, die darauf angelegt ist, Tausende von Menschen innerhalb von ein paar Sekunden zu vernichten? Leider hat der wackere Leibniz das Unglück von Lissabon nicht mehr erlebt, sonst hätte er seine Theorie vielleicht noch einmal überdacht. So aber blieb beides, wie es war: die Harmonie hier und die Katastrophe dort - sowie die ungeklärte Frage, ob beides miteinander zusammenhängt?

Herzog Ernst's Mutter war frei von jeder Frankophilie, wie sie, zumindest an einigen sächsischen Höfen, verbreitet war. (Preußen hatte zu viele Hugenotten, deren Vorfahren ihrem Vaterlande als Verfolgte den Rücken gekehrt hatten. Und die Polen waren im Grunde nie frankophil gewesen, sie hatten bloß das gleiche Sentiment entwickelt, so wie manche Völker an ganz verschiedenen Orten ähnliche Fabelwesen haben.) Wahrscheinlich war selbst Monsieur Voltaire kein Frankophiler - der Prophet gilt nichts im eigenen Land - weshalb er mit dem König von Preußen auch so gut auskam.

Dorotheas Gemahl, der Herzog Friedrich, hatte mit den Franzosen schon gar nichts am Hut. Daß er jede Menge Soldaten an Preußen verkaufte, als es gegen Frankreich zum Krieg kam, hatte allerdings rein finanzielle Gründe. Dennoch kam man auch am Gothaer Hof nicht umhin, gelegentlich nach Westen zu schauen, nach Versailles, das in allen Fragen des Stils das berühmte Vorbild war, es verkörperte den Sieg der Kultur über die Barbarei; und es war manchmal bloß der Triumph des Parfüms über den schlechten Geruch.

Herzog Ernst scheute jede "Franzosentümelei", wie er sie nannte, er fand nicht einmal Gefallen an der Sprache; er beklagte daran, daß so viele Wörter anders ausgesprochen als geschrieben werden und manche Buchstaben ganz untern Tisch fallen. "Warum lässt man sie dann nicht gleich weg!", sagte er und hielt es für eine Liederlichkeit ihres Volkes.

Mit seiner Frau, der Herzogin Charlotte, unternahm er die erste Reise nach Frankreich aus gesundheitlichen Gründen, sie laborierte seit längerem an Rheumatismus. Der Doktor Fritzwald empfahl einen Aufenthalt in der Provence, auch deshalb, weil die Herzogin das Meer liebte und für ihr Leben gern badete. Italien wäre daher auch in Frage gekommen, aber Johann Eugen, der gerade von dort zurückgekehrt war, berichtete von widerlichen hygienischen Verhältnissen, die er in den Küstenorten erlebt habe.

In Marseille hatte sich ein Bruder des Herzogs von Eisenach niedergelassen und der hatte per Post geantwortet, daß er die Gothaer "Gesandtschaft", wie er sich ausdrückte, mit "heller Freude" empfangen und bei sich beherbergen werde. Sie sollten nur ja mindestens ein halbes Jahr einplanen, um alle Vorzüge dieses Landes kennen- und schätzen zu lernen. Und sie sollten, wenn möglich, ein paar von "die gebratene Wurst" mitbringen, welche hierzulande leider nicht zu haben wären. Charlotte ließ sich sein Schreiben wieder und wieder vorlesen (sie übte sich bereits im wohligen Nichtstun), der "alte Eisenacher" hatte auch wirklich einen flotten Stil, wenngleich sein Deutsch schon etwas schnoddrig geworden war.

Man nahm die Route aller Südlandfahrer jener Zeit, über den Brenner bis zum Lago di Garda und über Piacenza bis nach Genua. Von dort mit dem Schiff bis Marseille. Aber Charlotte, so sehr sie das Meer liebte, war bange vor der Seefahrt. Sie hatte einmal als Mädchen eine Partie auf dem Main gemacht (sie stammte aus Frankfurt) und war dabei von einer furchtbaren Übelkeit heimgesucht worden, daß sie mehr als die Hälfte der Zeit in einer Ecke der Kajüte in eine Schüssel kotzen musste. Oh ja, man konnte es nicht anders als "kotzen" nennen.

"Aber Liebes", zerstreute Ernst Ludwig ihre Bedenken, "du hast selber erzählt, daß die Ursache dieser Malaise (manchmal benutzte er eben doch französische Wörter) eine verdorbene Speise war, ein Fischgericht, wenn ich mich recht entsinne, das man an Bord verzehrt hatte." "Das haben die Leute behauptet, allen voran mein Vater, weil er glaubte, mir damit fürderhin meine Angst davor zu nehmen." "Nun, das war doch gutgemeint." "Freilich. Anton Ulrich hat es immer gutgemeint mit seinen Kindern."

Sie machte eine Handbewegung, als hätte die väterliche Fürsorge im Nachhinein einen billigen Anschein bekommen. "Ich glaube, in Wahrheit war es ihm unendlich peinlich, daß eine seiner Töchter sich vor seinen Freunden und Bekannten so blamierte. Schließlich war ich die hübscheste von uns dreien, und dann das! Grünes Gesicht! Eklige Kotze in der Schüssel! Und mein Kleid war hinüber. Sogar in meinen Haaren klebte was." Ernst Ludwig konnte sich stets aufs neue darüber amüsieren, die Empörung gab Charlotte etwas Freches, das sie auf unwiderstehliche Weise begehrenswert machte.

Alles verlief ohne Zwischenfall bis Genua, aber die Fahrt strengte Charlotte an, und obwohl die rheumatischen Beschwerden nachgelassen hatten, taten ihr, als sie Genua erreichten, die Knochen weh. Der Herzog sah wohl, daß sie sich bewegte "wie eine Schildkröte", über welche Bemerkung sie erbost war, und er schlug vor, eine Erholungspause von ein paar Tagen einzulegen. Tatsächlich fiel Charlotte vor Mattigkeit ins Bett und schlief sofort fest ein.

Der Herzog hatte sich immer mit rührender Sorge um die Gesundheit und das Wohlbefinden seiner Gemahlin gekümmert. Und er hatte im Laufe der Jahre so etwas wie einen verständigen Blick dafür entwickelt, wie es um sie bestellt war. Das heißt natürlich nicht, daß er sie darin überwachte, aber es wäre ihm sofort aufgefallen, wenn es ihr wirklich schlecht ginge. Und dieser Rheumatismus war zu einer hartnäckigen Geschichte ausgewachsen, obwohl Charlotte darüber redete wie über Regenwetter - man musste bloß warten, daß es vorübergeht.

Aber genauso wie sich Dauerregen irgendwann aufs Gemüt schlägt, so überkam sie eine irgendwie betrübte Stimmung, und Ernst Ludwig wusste sich nicht anders zu helfen, als mit dem Doktor Fritzwald unter vier Augen zu sprechen und ihm zu sagen, daß er eine solche Niedergeschlagenheit noch nie an ihr gesehen hätte und es ihm vorkomme, als habe dies noch eine andere Ursache.

Der brave Doktor hörte sich seine Mutmaßungen in Ruhe an und erwiderte dann, er sei bei der letzten "Konsultation" mit der werten Frau Herzogin durchaus auf diesen Umstand aufmerksam geworden und seiner Ansicht nach deute das auf eine "ganz normale" Metamorphose in der psychischen Ausrichtung ihrer Motivationen hin. Das klinge für ihn aber alles andere als "normal", wandte der Herzog ein, und der Doktor sagte "Nun ja, man sollte es natürlich im Auge behalten, und was die rheumatischen Beschwerden betrifft, so muss zweifellos etwas dagegen unternommen werden."

Und dann hielt er dem Herzog einen Vortrag über die Eigentümlichkeiten der weiblichen Psyche, und daß diese hauptsächlich durch ein inneres Organ bestimmt werde, das die alten antiken Ärzte "Hystera" nannten, was wir Heutigen mit "Gebärmutter" übersetzen und das "in seinem Verhalten überaus renitent" sei, so der Doktor.

Was das bedeutet, wollte der Herzog wissen, und der Doktor sagte, daß es im Vergleich zu den andern Organen sich kaum beeinflussen ließe. So zum Beispiel regenerierte es sich nicht, wie es die Leber tut, es sei auch nicht rastlos tätig wie das Herz, es schleuse nicht, wie die Nieren, unablässig alle möglichen Flüssigkeiten durch sich hindurch, es sei - physisch gesehen - weder eine Pumpe, noch ein Filter oder ein "Blasebalg" wie die Lunge.

Auf all' diese Organe könne man, da man ihre Funktionsweise kennt, von außen einwirken im medizinischen Sinne. Bei der Gebärmutter sei das äußerst schwierig, denn sie befinde sich in einem gewissen Zustand der "Autarkie", der es nicht ermöglicht, "gesteuert zu werden", wie der Doktor es ausdrückte.

Nun zeige sich aber - und auch das war bereits den antiken Ärzten bekannt - daß von diesem Organ selbst eine Steuerung ausgeht, welche auf die Psyche der Frau wirkt und die mehr oder weniger deutlich dafür sorgt, welche Vorstellung sie selbst von ihrem ganzen Dasein entwickelt, oder genauer gesagt, welchen Plan sie für ihr eigenes Leben entwirft und verfolgt.

Der Doktor sagte "Das ist ein gravierender Unterschied in der Natur von Mann und Weib. Das Leben eines Mannes wird bestimmt durch seine Taten, er baut Werkzeuge und Maschinen, er pflügt den Acker, er fällt Bäume, er macht Geschäfte, er schießt mit Kanonen auf seinesgleichen, er hat jeden Morgen eine neue Idee, was zu tun sei.

Das Leben einer Frau dagegen wird von einem inneren Zwang bestimmt, den ihr die Natur von Beginn an eingepflanzt hat und dem sie sich nicht entziehen kann, und dieser Zwang hält sie sozusagen immer auf Kurs, denn ihr Leben gleicht einer Fahrt, einer Reise hin zu einem Ziel, das ihr leider nicht verraten wird und das sie nur erahnen kann. So kommt es, daß manche Frauen eben 'zielstrebiger' sind als andere, die mehr 'umherirren', und daß manche wie auf einem Schiff im günstigen Wind dahin segeln, während andere in der Flaute hängenbleiben oder gar im Sturm untergehen."

Der Doktor machte eine Pause, und Ernst Ludwig bewunderte ihn einmal mehr wegen seiner Gelehrsamkeit, schlug dann aber doch den Bogen zurück zu seiner eigenen Gemahlin, und der Doktor sagte "Was die werte Frau Herzogin angeht, so glaube ich, daß sie sich gerade in einer Phase befindet, wo sie - um im Bilde zu bleiben - über eine 'Kursänderung' nachdenkt. Eine Veränderung in ihrem Leben, auch nur eine nachhaltige Abwechslung würde ihr zweifellos guttun. Sie werden sehen, mein lieber Herzog, wie sich das positiv auf ihrer beider Eheleben auswirken wird."

So kam es, daß die Reise nach Südfrankreich geplant ward, und Ernst Ludwig bei seinem Eisenacher Verwandten ihren Besuch ankündigte, worauf dieser, wie bereits erwähnt, sie mit großer Freude willkommen hieß. Und Ernst Ludwig fand sogleich die Worte des Doktors bestätigt, als er sah, wie sich Charlottes Miene und Stimmung dabei sichtlich aufhellte. Gegen das Rheuma hatte der Doktor ihnen eine Salbe mitgegeben. Der Herzog hatte ihn auch gefragt, ob er selber mitkommen wollte, aber der Doktor entgegnete, das sei aus medizinischer Sicht nicht dringend erforderlich, und es könnte sich sogar nachteilig auswirken, wenn die Herzogin ihn ständig, sozusagen auf Abruf, in seiner Nähe wüsste.

Als er Charlotte jetzt, in Genua, so erschöpft sah, überkam ihn die Sorge, ob sie - so freudig sie die Reise angetreten hatte, nun gleich wieder einen Rückschlag hinnehmen musste. Was sollte er tun, falls sie krank wird? Auf sie zu achten, war das eine; sie zu kurieren war etwas ganz anderes, das er sich keineswegs zutraute. (Obwohl er, wie ihm jetzt einfiel, ihr einmal einen bösen Splitter aus der Fußsohle entfernt hatte, der sich gerade entzünden wollte. Und er hatte das mit solcher Vorsicht getan, daß Charlotte dabei nicht mal zusammenzuckte.)

Sollte man jetzt einen hiesigen, wildfremden Arzt bemühen? Liefe man nicht Gefahr, auf einen Kurpfuscher hereinzufallen oder in irgendeiner zweit- oder drittrangigen Klinik zu landen? Wenigstens hätte er darauf bestehen sollen, daß sie sich (oder er sie) mit der Salbe einreibt; Charlotte hatte gesagt, die Salbe stinke wie eine "Morchel" und sie werde sich auf keinen Fall mit diesem Geruch in der Öffentlichkeit "riechen" lassen. Mit diesen Bedenken löschte er das Licht und legte sich ebenfalls ins Bett, und auch er war im nächsten Moment eingeschlafen.

Er wurde geweckt von einer Hand, die zärtlich über seine Wange strich und einer Stimme, die "Ernst Ludwig, mon ami, mein kleiner Buchfink" säuselte. Er machte die Augen auf, musste aber gleich blinzeln, denn heller Sonnenschein durchflutete das Zimmer, die Tür zum Balkon stand offen und die Gardine war zur Seite gezogen.

Er fuhr hoch, als er eine Frau an seinem Bett stehen sah, die noch dazu seine Wange tätschelte und ihm süße Worte zuflüsterte. Dann erschrak er gleich nochmal. "Charlotte, was machst du? Wo ist ...? Wie sind wir ...?" "Steh auf, es ist heller Tag, lass uns die Gegend erkunden!" "Die Gegend erkunden? Aber was ist mit deinen Beinen? Den Gelenken?" "Meine Gelenke? Was soll damit sein? Ich habe acht Stunden am Stück geschlafen, und dazu habe ich geträumt, ich würde auf einer Wolke schweben." "Auf was für einer Wolke?", fragte Ernst Ludwig, der immer noch wie benommen war. Sie war zur Balkontür gegangen und schaute in den strahlendblauen Himmel. "Jedenfalls auf einer, die weit weit weg sein muss. Schau nur, da unten spielen sie Theater!"

"Großer Gott, Charlotte, was redest du denn für lauter ..." "Jetzt steig aus dem Bett, bevor ich ernsthaft grimmig werde. Im Badezimmer ist heißes Wasser, deine Sachen liegen dort auf dem Sessel." Er richtete sich auf. "Wer hat sie da hin gelegt?" Sie warf ihm einen scharfen Blick zu. "Ernst Ludwig!" Im Nu war er auf den Beinen. Im Badezimmer erfasste ihn ein glückliches Gefühl, daß Charlotte über Nacht wie ausgewechselt war. Gäbe Gott, daß es anhielte! Er kam heraus und kleidete sich an. "Wie kommst du darauf, mich 'Buchfink' zu nennen?", sagte er und lachte.

Sie ließ ihm kaum Zeit, zu frühstücken, sie wollte raus, in die Stadt, zum Hafen, ans Meer. Sie hatte ein lavendelfarbenes Kleid an, ganz wie der Lavendel, den sie später auf den endlosen Feldern in Reihen, die bis zum Horizont gingen, bestaunen würden. Sie hatte sich eine pfiffige Frisur gemacht, mit einer orangenen Schleife darin, und sie trug eine Kette mit kleinen, schneeweißen Perlen um den Hals. Sie sah entzückend aus, und ihr werter Gemahl wollte sie ständig an die Hand nehmen (jede Menge unglaublich gut aussehender Paare gingen Hand in Hand über den Boulevard).

Aber Charlotte lotste den Herzog durch die engen Gassen der Altstadt hinter sich her, und er fragte nur "Wohin willst du denn? Der Hafen liegt in dieser Richtung." "Wir schwenken beizeiten um", rief sie über die Schulter hinweg, aber in dem Lärm konnte er sie kaum verstehen.

Das "Theater", das sie vom Balkon aus gesehen hatte, war ein paar Straßen weiter gezogen, es war mehr eine Gauklertruppe, sie führten kleine, derbe Szenen auf, in einem Italienisch, das die beiden nicht verstanden, aber bei dem guten Dutzend Zuschauer, die sich darum versammelt hatten, gab es viele Lacher. "Wahrscheinlich sind es Zigeuner", meinte Ernst Ludwig.

Durch etliche krumme Gassen, in denen in luftiger Höhe Leinen mit Wäsche gespannt waren (von manchen tropfte es auf die Köpfe), und über halsbrecherische Treppen hinab gelangten sie irgendwie an den Hafen, wo eine enorme Betriebsamkeit herrschte. Jede Menge Schiffe lagen vor Anker, große und kleine Segler, auch ein paar Kriegsschiffe und unzählige Boote, die dazwischen herumkreuzten.

Es gab eine lange Promenade mit allerhand mobilen Händlern, der Geruch von Fisch und heißem Öl zog in Schwaden vorbei. Hunderte von Möwen schwirrten durch die Luft und kreischten, ein paar herrenlose Hunde strolchten herum. Eine Reihe von Palmen spendete dürftigen Schatten, und über allem wölbte sich ein tiefblauer Himmel, dessen Farbe sich im Meer spiegelte. Die See war ruhig, in gemächlichen Wellen spülte sie putzige Schaumkrönchen gen Land. Eine milde Brise streifte vorüber.

Charlotte blieb stehen, schloss die Augen und atmete tief ein. "Aaaaahhhh!" machte sie und sagte dann "Ist das nicht herrlich! Hier bleiben wir." "Ja, wenn du willst." Sie beschirmte die Augen mit der Hand und blickte hinaus aufs Wasser. "Schau mal, da hinten, was für ein riesiges Schiff." "Ja, wohl eine Art Fregatte." Der Herzog zog ein Fernrohr aus dem Futteral, er hatte es auf die Schnelle einstecken können. "Kannst du etwas erkennen?", fragte Charlotte.

"Es fährt unter britischer Flagge, soweit ich sehen kann." Charlotte war begeistert. "Eins, zwei, drei, vier ... acht, neun ... zwölf, dreizehn ... vierzehn Segel!" "Siehst du die Luken für die Kanonen?" "Nein, gib mir mal das Fernrohr. Ich sehe nichts, das ist ... wo ist es denn hin?" "Langsam, so, jetzt hier hin." "Ah, da ist es ja wieder." "Siehst du die Luken?" "Da sind Leute drauf?" "Natürlich, das ist die Besatzung."

"Das ist die Challenger", sagte ein Mann hinter ihnen, "ein stolzes Schiff." Er trug eine Kleidung, die ein Zwischending aus Anzug und Uniform war, insbesondere blinkten überall verzierte Messingknöpfe, aber es wirkte etwas übertrieben, wie nachgemacht. Er hatte einen Vollbart und buschige Augenbrauen, und auf dem Kopf eine Kappe mit einer Stickerei von hellem Zwirn, die ein Segelschiff darstellte.

"Die Challenger", erklärte er, "hat anno neunundsiebzig den Hafen von Savannah blockiert." "Wo ist das?" "In Georgia, Signora, das war im Amerikanischen Krieg. Man wollte sie versenken, aber Admiral Bedingfield hat den Befehl nicht ausgeführt. Er hat alle Geschütze auf einmal abfeuern lassen, und das Schiff ist völlig vom Pulverrauch eingehüllt worden. Als er sich verzogen hatte, war sie verschwunden. Man nahm an, sie sei gesunken, aber die Royal Navy hat dennoch jahrelang nach ihr gesucht."

"Woher wissen Sie das?" "Ich war dabei." "Auf welcher Seite?" Der Mann lächelte und setzte eine verschmitzte Miene auf. "Das ist nicht so wichtig. Jedenfalls kenne ich dieses Schiff, soviel ist sicher. Die Planken sind von bester Douglasfichte, zwölf Jahre gelagert, und die Kapitänskajüte ist mit Queen-Anne-Furnier getäfelt, und es stehen Ledersessel drin, so weich wie'n Federkissen in der Königssuite, und der Koch, der damals auf der Challenger war, ist hernach der Leibkoch von Präsident Washington gewesen, so ist das." "Fahren Sie jetzt immer noch zur See?" "Nein Signore, ich habe einen ... ich glaube, es heißt Bandscheibenvorfall, so was Dummes." "Tut mir leid." "Woher kommen Sie?" "Aus Thüringen." "Nie gehört." "Es ist ein kleines Land." "Ja, das macht nichts. Die schönsten Länder, die ich gesehen habe, waren die kleinen Inseln in der Südsee, ein paar Hundert Einwohner, kein König, keine Regierung, keine Polizei. Wenn jemand etwas verbrochen hat, wurde er an Händen und Füßen gefesselt und draußen aus dem Boot geworfen, den Rest haben die Haie erledigt, Sie wissen, was ich meine." Charlotte machte eine missfällige Geste. "Aber das kam selten vor. Warum sollte da jemand ein Verbrechen begehen? Jeder hatte, was er brauchte und was ihm zustand, und außerdem ... aber, verzeihen Sie, ich halte Sie bloß auf mit meinem Gerede." "Aber nein." "Können Sie uns einen Rat geben, wo wir ein gutes Schiff nach Marseille finden." Der Seemann schaute sie prüfend an. "Kommt drauf an, wieviel Sie bezahlen wollen." "Ach, Hauptsache ..." "Nicht mehr als nötig." "Ja", lachte der andere, "wer will das schon. Ich kenne zufällig jemanden, der eine Felukke hat und damit einmal die Woche nach Marseille fährt." "Was ist eine Felukke?" "Eine Art Frachtsegler, Ma'am, sie stammt aus Arabien." "Und dieser Schiffer ist auch ein Araber?" "Aber nicht doch, ich meine, die Araber haben die Felukke sozusagen erfunden. Der Mann ist kein Araber, er ist zufällig mein Vetter." "Ah ja." "Sehen Sie dort unten den blauen Kahn?" "Nein, welchen?" "Nehmen Sie doch Ihr Fernrohr, wozu haben Sie's denn!" "Ja, natürlich." "Der an der Mole, wo grade der Eselskarren steht." "Ja, ich hab' ihn. Der sieht aber nicht aus wie ein Segelschiff." "Nein, damit kommen Sie bloß da hin, das Schiff liegt ein Stück weiter drüben im Westhafen, dort hinter der Landzunge mit dem Leuchtfeuer." "Gut, wir werden es uns überlegen, danke für Ihre Auskunft." "Gern." Sie wandten sich zum Gehen. "Ähm, Padrone! Die meisten Leute zeigen sich erkenntlich, wenn ihnen weitergeholfen wird." "Bitte?" "Er will, daß wir ihm etwas geben." "Ach so, ja." Der Herzog kramte in seiner Tasche, dann sagte er "Wissen Sie was, Käpt'n, wenn wir Ihren Vetter engagieren, werden wir ihm etwas extra für Sie geben, mit dem Sie zufrieden sein werden. Und jetzt Guten Tag." Dem Seemann blieb der Mund offenstehen. Charlotte hakte sich bei ihrem Gemahl ein, und als sie sich ein paar Schritte entfernt hatten, musste sie vor Lachen losprusten.

Sie waren den ganzen Tag unterwegs, vom Hafen in die Stadt, von der Stadt zum Hafen, und wieder zurück. Manchmal nahmen sie eine Droschke, aber in der Altstadt, wo die Gassen eng waren und alle paar Meter Absätze hatten, konnte man nur zu Fuß gehen. Sie speisten im Hotel "Vittoria" zu Mittag, sie tranken Kaffee in einem kleinen Restaurant an der Piazza Tremito, die übrigens ihren Namen einer Statue Johannes des Täufers verdankte, die von oben bis unten einen Riss hatte, als hätte sie der Blitz gespalten, außerdem fehlte der rechte Arm. Da ein Blitz aber nicht in Stein einschlagen kann, nahm man an, es wäre durch ein Erdbeben verursacht worden, das allerdings sonst nirgends erwähnt wurde.

Am Nachmittag bummelten die beiden die Via di San Lorenzo entlang, wo es hübsche Geschäfte gab, und wo sich Charlotte ein Seidentuch mit chinesischen Motiven kaufte, während Ernst Ludwig plötzlich feststellen musste, daß sein Fernrohr weg ist. "Hast du es im Restaurant liegengelassen?" "Nein, bestimmt nicht. Ich glaube eher, man hat es mir gerade gestohlen." "Wie schade. Na, wenigstens hast du zu Hause noch mehr davon", sagte Charlotte und hielt weiter Ausschau nach anderen Sächelchen.

Dann waren sie wieder auf der Hafenpromenade, wo sie einen Stand mit italienischem Eis entdeckte, das doch so berühmt für seinen köstlichen Geschmack sei. Ernst Ludwig wusste davon nichts, wollte es aber auch probieren, er sagte "Nicht schlecht, aber die Windbeutel vom Bäcker Weidner in Sonneborn schmecken mir besser." "Ach was! Windbeutel und Eis, das lässt sich doch gar nicht vergleichen."

"Signore!", rief ein Straßenjunge hinter ihnen her, "Signore!" Sie drehten sich um. "Was willst du?" "Gehört das Ihnen?" Er hielt dem Herzog das Fernrohr hin. "Ich glaube, Sie haben es liegengelassen." Ernst Ludwig war sprachlos. Der Junge, ein dunkler Lockenkopf, vielleicht zehn Jahre alt, schaute nicht mehr ihn, sondern Charlotte an, und zwar mit einem so verzehrenden Blick, daß sie doch tatsächlich errötete. "Ich heiße Rocco, ich wohne an der Porta Soprana", sagte er, als wollte er sich mit ihr dort treffen. Er machte dabei einen tiefen Diener. "Das ist nett von dir", sagte der Herzog und gab dem Jungen ein Geldstück. Der bedankte sich - aber wieder an Charlotte gewandt - vielmals und zog sich unter etwas täppischen Verbeugungen zurück. "Ein lustiger kleiner Kerl", sagte sie, "und wie er mich angestarrt hat." "So? Wie denn?" "So ... ich weiß nicht, jedenfalls fand ich ihn niedlich."

Eine Stunde später - sie waren inzwischen wieder in der Altstadt - wurde es Charlotte auf einmal schlecht, sie befürchtete, sich übergeben zu müssen. In dieser Straße waren nur Wohnhäuser, kein Restaurant, kein öffentliches Gebäude, wo man verweilen und sich hätte erholen können. Sie fasste sich an den Bauch, Ernst Ludwig stützte sie, mit der andern Hand suchte sie an der Hauswand Halt, sie musste schon würgen, da erschien neben ihr eine Frau, die sagte "Kommen Sie!"

Charlotte war grün und gelb im Gesicht und sie atmete tief ein und aus, um ihren Mageninhalt zurückzudrängen. Die Frau führte sie durch einen dunklen Flur in den Innenhof, wo ringsherum Galerien mit Wohnungen waren, drei, vier, fünf Stockwerke hoch. Ganz oben leuchtete ein Viereck aus blauem Himmel. Überall hing Wäsche unter den Fenstern und auf den Geländern, Tauben gurrten, Kinder lärmten, Geschirr klapperte. Der Gesang einer Frau drang aus einer Wohnung, sie versuchte sich an einer Opernarie, sie blieb immer an einer bestimmten Stelle hängen und begann von vorn, dazu klimperte ein Pianoforte. "Adriana!", rief die Frau hinauf, nachdem sie Charlotte auf einen alten, wackligen Stuhl aus Rohrgeflecht gesetzt hatte, der knarzend nachgab.

"Was ist los?", rief es von oben zurück, die Sängerin war vor die Tür getreten, das Pianoforte aber spielte weiter. "Komm mal runter!" "Was?" Sie gab einen Fingerzeig nach drinnen. "Cesare, einen Moment bitte." Das Instrument verstummte. "Was ist denn?" "Die Signora hat einen Schwächeanfall." "Ja, und?" "Es geht schon wieder", stammelte Charlotte, aber fuchtelte mit den Armen, um irgendetwas zu greifen, in das sie hineinspucken konnte.

Adriana war herab gekommen, der Herzog war überwältigt von ihrer massigen Gestalt, sie hatte einen riesigen Busen und unterm Rock Hüften so breit wie ein Kontrabass. Sie hatte langes, schwarzes, dichtes Haar und leuchtend rote Lippen. Sie fasste Charlottes Hand und fühlte ihren Puls, dann ihre Stirn, ihre Wange. Ein paar Tauben flatterten auf. Und in dem Augenblick hauchte die Herzogin ein schwaches "Ach" und fiel in Ohnmacht. 'Verflucht', dachte Ernst Ludwig, 'daß ich nicht besser auf sie achtgegeben habe!'

"Nehmen Sie sie an den Füßen", sagte Adriana, aber der Herzog verstand sie nicht. Sie wiederholte "Fassen Sie Ihre Frau an den Füßen, wir tragen sie hinein." Sie hoben Charlotte vom Stuhl, der teilnahmslos knarzte, schafften sie in ein großes, verdunkeltes Zimmer, wo nur durch die Spalten der Vorhänge Licht hereinschien, und legten sie auf ein Sofa, von dem eine aufgeschreckte Katze einen Satz machte. "Es ist doch Ihre Frau, oder?" "Ja, natürlich", erwiderte er und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

Die andere Frau hatte die schweren Vorhänge zur Seite gezogen, und jetzt erschien auch Cesare, der Klavierspieler, mit einer Handtasche, die mit winzigen Perlmutt Plättchen verziert war und einen goldenen Bügelverschluss hatte. Er nickte dem Fremden stumm zu. "Gib mal her", sagte Adriana, und er reichte ihr die Tasche. Sie holte daraus ein Fläschchen aus grünem Glas hervor, schraubte es auf und führte es zwei, dreimal unter Charlottes Nase vorbei.

Die schlug die Augen auf und schaute von einem zum andern. "Charlotte! Liebes!", sagte der Herzog und fasste ihre Hand, die sie nach ihm ausstreckte. "Bin ich umgefallen?", fragte sie. Der Klavierspieler ging um das Sofa herum und stellte sich Ernst Ludwig gegenüber. "Das kommt vor, wenn man zum ersten Mal hier ist", meinte er, und Charlotte wandte ihm das Gesicht zu, "wegen der eigentümlichen Atmosphäre in unserer Stadt; dieses Gemisch aus allen Gerüchen und Ausdünstungen, die überhaupt nur möglich sind, das kann einem leicht die Sinne rauben."

"Es war das Eis", sagte die Liegende. "Bitte?" "Wir haben auf der Promenade Eis gegessen", erklärte der Herzog. "Jaaaa dann", sagte die andere Frau, "kein Wunder! Sie dürfen kein Eis auf der Straße kaufen, Sie müssen in eine ordentliche gelateria gehen." "Die Straßenverkäufer verwenden oft schmutziges Wasser", ergänzte Cesare.

Charlotte richtete sich auf und setzte die Füße auf den Boden. "Wo sind wir denn hier?" Der Herzog sah sie entgeistert an. "Aber Liebes, wir sind in Genua!" "Ja, das weiß ich auch - er atmete erleichtert auf - ich meine, wem habe ich die Hilfe zu verdanken?" "Ach nicht der Rede wert", sagte die andere Frau, "mein Name ist Signora Fratello, dies ist mein Neffe Cesare, er ist Student. Und diese Dame ist niemand anderes als die Opernsängerin Adriana Bellini, die in meinem Haus zur Untermiete wohnt." "Wir konnten Ihre Kunst schon bestaunen", sagte der Herzog.

"Dies ist der Herzog Ernst Ludwig von Sachsen-Gotha-Altenburg, und ich bin seine Frau Charlotte", sagte die Herzogin ganz unprätentiös. Signora Fratello schlug die Hände zusammen. "Mama mia! Ein Fürstenpaar in unserem Haus." Und Cesare fragte "Sind Sie Emigranten?" "Was? Aber nein. Wir sind auf Reisen." Die Signora ereiferte sich. "Cesare, was redest du für dummes Zeug, geh' zu Luici und lass dir einen Korb mit frischem Gebäck geben." "Ja ..." Er zögerte. "Was ist?" "Luici verlangt noch Geld vom letzten Mal, und ich habe ... ich bin gerade ..."

Adriana holte aus ihrer Handtasche einen Geldschein und gab ihn Cesare, der sofort loseilte. "Diese Tasche bewahrt lauter gute Dinge auf", sagte Ernst Ludwig lachend, "Wundermedizin, Geld ..." "Ja, aber von allem schon wieder etwas weniger." "Was soll das heißen, Ernst Ludwig?" "Signora Bellini hat dich mit ihrer Arznei wieder zum Leben erweckt."

"Du liebe Güte, deshalb habe ich so einen merkwürdigen Geruch in der Nase. Aber das werden wir Ihnen selbstverständlich erstatten." "Erstatten? Kommt gar nicht in Frage. Ich bin jedesmal froh, wenn es hilft." "Gehen Sie etwa damit hausieren?" "Ernst Ludwig!" Adriana lachte. "Wäre keine schlechte Idee. Nein, ich benutze es selbst, ich habe eine kleine Anfälligkeit, seit meiner ... seit ich kein Kind mehr bin. Es passierte dummerweise oft dann, wenn ich eine schwierige Partie sang, daß mich eine kurze Ohnmacht überfiel, nur so ein Augenblick, wo mir die Sinne schwinden, aber das ist natürlich beim Singen ganz fatal.

Dieses Rezept stammt von einem alten Quacksalber, der es mir anvertraut hat; er hatte einen solchen Ohnmachtsanfall an mir miterlebt, und er meinte, er habe am bloßen Anblick erkannt, um was für eine Art Ohnmacht es sich handelt. Daraufhin schrieb er mir einen Zettel mit den Ingredienzen, und ich ging damit zum Apotheker, der die Arznei für mich bereitete. Es hat tatsächlich bis jetzt immer gewirkt, aber ich muss es immer bei mir haben, das ist schon eine Art Zwang, der mich nervös macht. Zumal ich seit einiger Zeit immer vergesslicher werde." "Ach herrje", sagte Charlotte voll Mitgefühl, "da ist es gut, daß Sie so liebe und aufmerksame Menschen um sich haben." "Ja, da bin ich auch froh."

Cesare war im Nu wieder da, mit einem großen Korb voll duftendem Gebäck. "Seht mal, wenn ich mitgebracht habe." Hinter seinem Rücken tauchte ein Junge auf, der ein bisschen verlegen drein schaute. Signora Fratello und die Herzogin riefen wie aus einem Mund "Rocco!" "Sie kennen ihn?", fragte die Fratello.

"Dieser Junge hat mir mein Fernrohr wiederbeschafft", sagte Ernst Ludwig. "Ihr elenden Lümmel!", schrie Signora Fratello ihn an, "wie oft habe ich euch gesagt, ihr sollt keine Fremden bestehlen!" "Aber er hat es bloß gefunden, als ich es verloren habe." "So? Hat er Ihnen das erzählt?" Cesare kaute auf einem Brötchen herum und sagte mit vollem Mund "Welche Ausrede sollte er auch sonst benutzen?" "Aber das ergibt doch keinen Sinn", meinte der Herzog, "warum würde der Junge mir mein Fernrohr wiederbringen, wenn er es gestohlen hätte."

Sie schauten alle auf Rocco, der gesenkten Hauptes dastand und schwieg. "Also!", sagte die Fratello eindringlich zu ihm, "Heraus mit der Sprache, warum hast du's zurückgebracht?" "Mein Mann meint", mischte sich Charlotte ein, "der Junge hat es wirklich gefunden." "Aber wie ist denn so was möglich?" "Ich habe es doch auch wirklich verloren!" "Hm. Ist das wahr, was die Herrschaften sagen, Rocco?" Er nickte heftig. "Komm mal her", sagte Charlotte, die immer noch auf dem Sofa saß. Er stutzte kurz, dann gehorchte er und ging zu ihr.

Sie fuhr ihm mit der Hand durch seinen Lockenkopf. "Vergessen wir die Geschichte, nicht wahr? Wie alt bist du?" "Dreizehn." "Er ist letzte Woche zwölf geworden." Rocco warf der Signora einen bösen Blick zu. "Dreizehn", sagte Charlotte, als hätte sie es überhört, "unser jüngster Sohn ist genauso alt." "Wie heißt er?" "Friedrich, wie sein Großvater." "Wie viele Kinder haben Sie, Signora?", fragte Adriana. "Zwei. Zwei Söhne." Alle schwiegen und es gab eine Pause, in der man nur Cesare hörte, wie er arglos auf seinem Brötchen herumkaute. "Ich brühe jetzt den Kaffee auf. Rocco, du hilfst mir. Sie entschuldigen mich für ein paar Minuten. Und du, Cesare, iss nicht alles allein auf."

"Zu wem gehört der Junge?", fragte Charlotte, als die beiden weg waren. "Eigentlich zu niemandem", sagte Adriana, "er hat keine richtigen Verwandten. Signora Fratello hat eine viel jüngere Schwester, die auch hier im Haus wohnt. Mit ihr hat sich Rocco seltsamerweise angefreundet, deswegen ist er oft hier." "Was ist daran seltsam?", wollte Ernst Ludwig wissen, und Cesare sagte "Diese Frau - um es vorsichtig zu formulieren - neigt zur Schwermütigkeit." "Aber sie ist ein guter Mensch", fügte Adriana schnell hinzu, "und sie mag Rocco auch." "Ja, seitdem sie für ihn da ist." "Was soll das, Cesare! Du kennst sie überhaupt nicht."

Cesare winkte ab. "Sie ist noch gar nicht so lange hier", erklärte er, "und niemand weiß so richtig, was geschehen ist, bevor sie herkam. Meine Tante sagt, sie wäre nicht schon immer so gewesen, ihre Schwester." "Wir vermuten, daß irgendetwas Schreckliches passiert ist, das sie um den Verstand gebracht hat." "Wie traurig", sagte Charlotte, "und glauben Sie, daß es da einen Zusammenhang mit Rocco gibt?" Adrianas Miene veränderte sich schlagartig, es war, als hätte ihr endlich jemand aus dem Herzen gesprochen, sie erwiderte "Ich weiß nur, daß ..."

Weiter kam sie nicht, weil Signora Fratello und der Junge wieder erschienen, mit einem silbernen Tablett, auf dem eine Kanne und Geschirr standen. Die Fratello räumte einen großen Tisch leer und stellte alles darauf, den Korb mit dem Gebäck in die Mitte. Cesare lichtete auch die Vorhänge vor dem anderen Fenster, und jetzt konnte man in die ganze Tiefe des Raumes schauen.

"Dieses Haus gehört Ihnen, Signora Fratello?", fragte der Herzog. "Seit fast fünfzehn Jahren. Ich habe es geerbt, ich muss gestehen, ich hatte nie eine richtige Beziehung dazu, ich bin draußen auf dem Land aufgewachsen, es kam so überraschend. Aber es ist ziemlich groß, es hat achtundzwanzig Zimmer, wenn man die Hintergebäude mitrechnet. So etwas schlägt man nicht aus."

"Haben Sie das schon gesehen, Signore?", rief Rocco dem Herzog zu, er hatte zu seiner Unbekümmertheit zurückgefunden. "Ja, das ist mir eben aufgefallen, da Cesare die Vorhänge geöffnet hat." Gemeint war allerlei Zeug, das in einer Ecke herumlag, darunter ein großer Globus, nautische Instrumente, Kartenrollen, uralte Bücher, vertrocknet und verstaubt, Kleidungsstücke, ein paar Waffen und noch anderes mehr, das man nicht auf Anhieb erkennen konnte.

"Rocco! Lass das Gerümpel, der Signore macht sich nur schmutzig." "Was ist das?" Cesare antwortete "Angeblich hat in diesem Haus der Christoph Kolumbus gewohnt, er soll sogar hier geboren sein." "Unglaublich." "Na, das Gerümpel hat man ihm wohl in die Wiege gelegt", sagte die Fratello abfällig. "Aber wissen Sie denn nicht, was für einen Wert das hätte, Signora?" "Es frisst kein Brot weg. Trotzdem war ich schon mehrmals drauf und dran, es fortzuschmeißen. Es ist gar nicht sicher, ob es diesem Kolumbus gehörte." "Aber er ist mit Sicherheit in Genua zur Welt gekommen, und mit großer Wahrscheinlichkeit in diesem Viertel." "Du kannst es gerne in deinem Zimmer aufheben." Cesare schwieg und schaute den Herzog erwartungsvoll an. Rocco sagte "Vielleicht kann man es noch gebrauchen." "Ja, wenn du irgendwann Amerika zum zweiten Mal entdecken willst", sagte die Fratello, und Adriana lachte. "Lass ihm doch die Freude." "Ich weiß schon, was der Bengel denkt: wie er das Zeug verbumsen kann!" "Stimmt gar nicht!" Charlotte fragte "Was heißt denn verbumsen?", und die Fratello sah sie komisch an. "Na, es zu Geld machen." "Stimmt gar nicht!" "Ach, ich kenn' dich doch. So, und jetzt bitte schön, die Herrschaften und wer sich stärken will; das Gebäck ist von Luici, dem Besitzer der ältesten Bäckerei im Viertel, und den Kaffee hab' ich gestern am Hafen gekauft."

Ernst Ludwig legte seine Hand auf Charlottes Schulter. "Liebes, kannst du denn schon wieder etwas vertragen?" "Aber ja doch, ich müsste vielleicht vorher nur mal ..." "Ich zeige Ihnen den Weg", sagte Adriana, und die beiden verschwanden. Cesare sagte "Tja, warten wir jetzt, bis sie wieder da sind?" "Selbstverständlich." "Das ist nicht nötig, was meine Frau betrifft, sie nimmt es bestimmt nicht übel, wenn wir schon mal zulangen." "Rocco, du aber nicht zuerst!" Er zog schnell seine Hand zurück. "Bitte, Signore Herzog, bedienen Sie sich. Wo liegt eigentlich Ihr Fürstentum?"

Der Hofrat Schlehemich, welcher zusammen mit einigen Bediensteten das Herzogspaar auf der Reise begleitete, war in Sorge, wo die beiden abgeblieben seien, da sie noch bei Einbruch der Dunkelheit nicht zurück im Hotel waren. Er wachte im Foyer und war heilfroh, als sie eintrafen. Der Herzog berichtete ihm kurz über den Tag, um ihn zu beruhigen und auch, um ihm damit seine Anerkennung zu zeigen.

Der Hofrat war indes nicht untätig gewesen, er hatte einen Segelfrachter ausfindig gemacht, mit dem man nach Marseille weiterreisen könnte, allerdings schon morgen. Charlotte wäre gern noch ein, zwei Tage in Genua geblieben, aber sie war einverstanden. Sie war total geschafft von heute, aber überaus zufrieden.

Am nächsten Morgen schrieb sie einen kurzen Brief an die Adriana Bellini und entschuldigte sich dafür, daß sie leider nicht zu ihrem Konzert am Abend kommen könne (zu dem die Bellini sie eingeladen hatte). Sie überlegte, ob sie einen Geldschein für Signora Fratello beilegen sollte. Sie fragte den Hofrat Schlehemich (der Herzog war gerade nicht da), ob das üblich sei und richtig aufgenommen werde. Sie wollte sich zwar erkenntlich zeigen, aber nicht gönnerhaft wirken.

Der Hofrat meinte "Das wäre durchaus korrekt, allerdings ist keiner von unsern Leuten mehr hier, die sind alle schon zum Hafen unterwegs, und wenn Sie einen Boten schicken, könnte es passieren, daß der Brief ohne das Geld ankommt, also erwähnen Sie es lieber nicht." Sie beließ es dann bloß bei dem Schreiben. 'Wer weiß', dachte sie bei sich, 'ob ich diese Leute nicht noch einmal wiedersehe, dann kann ich mich revanchieren.'

Zur allgemeinen Erleichterung überstand die Herzogin die Seefahrt ohne irgendwelche Komplikationen. Man hatte auf Deck ein großes, helles Sonnensegel aufgespannt, unter dem man es selbst zur Mittagszeit aushalten konnte; und der Koch bereitete leichte, bekömmliche Speisen zu, die sich mit einem halbtrockenen Weißwein bestens vertrugen.

Carl Adolph von Sachsen-Eisenach, welcher - wie man annahm - sehnsüchtig die "Gothaer Gesandtschaft" erwartete, besaß etwa zwei Meilen außerhalb von Marseille ein Chateau im ländlichen französischen Stil des vorigen Jahrhunderts. Die Reisenden (und die ganze Bagage) kamen wohlbehalten an; es war Nachmittags gegen zwei, und alles ruhte noch unter der Mittagshitze, sogar die Vögel waren verstummt. Ein paar Schwalben segelten im Tiefflug vorüber.

Das Gebäude war verriegelt und verrammelt. Vorn hatte es eine Front mit mehreren breiten Türen mit großen Scheiben; die Herzogin spähte ins Innere, es war niemand zu sehen. Der Herzog und Schlehemich gingen nach hinten, kamen aber bald auf der andern Seite wieder hervor. "Vielleicht haben wir uns verirrt und es ist das falsche", sagte das Fräulein von Waldau, die Kammerzofe der Herzogin. "Ausgeschlossen", meinte der Hofrat, und Charlotte schwante nichts Gutes.

Unschlüssig was zu tun sei, ging man zu den Fahrzeugen zurück, die Kutscher hatten die Pferde ausgespannt, "Die müssten umgehend versorgt werden, Euer Durchlaucht", sagte einer. Fräulein von Waldau setzte sich auf einen der großen Koffer, die schon abgeladen waren, und fächelte sich Luft zu. Sie hatte ihren Rock gerafft, und man sah ihre drallen Waden, die von taubenblauen Seidenstrümpfen überzogen waren.

Auf einmal wurde an der Vorderfront oben ein Fenster aufgerissen und ein Mann rief wild gestikulierend "Restez où vous êtes! Bleiben Sie, wo Sie sind! Il est immédiatement sauvetage! Es kommt gleich Hülfe!" Die Waldau wäre fast vor Schreck vom Koffer gerutscht. "Was soll das?", fragte Ernst Ludwig. Der Mann verschwand. "Ist das Carl Adolph?", fragte Charlotte, und der Hofrat sagte "Ich habe ihn anders in Erinnerung." (Schlehemich war der einzige, der den Eisenacher noch aus dessen Zeit am dortigen Hof kannte.)

Zwei Minuten später kam er an der Seite hervorgestürmt, immer noch wie ein Fechter die Arme schwingend und laut vor sich hin sprechend. Er war barfuß. Die Gesellschaft stand wie entgeistert da. "Oh, herzhaften Willkommen! Je suis très heureux!", rief er, "Wir sind überglücklich, oh wir sind ganz unbeschreiblich transmoderiert! Wir verfolgen euch schon seit Tagen!"

Mit einer gewissen Zielsicherheit stürmte er auf das Fräulein von Waldau zu, warf sich vor ihr auf die Knie, fasste ihre rechte Hand, riss das Hemd mit den rosa Rüschen auf und presste sie an seine dichtbehaarte Brust. Die Waldau stieß einen Schrei des Entsetzens aus. Er sagte mit dem Schmalz eines fahrenden Ritters "Fühlen Sie dies Herz schlafen, mein hohes Fräulein! Fühlen Sie, wie es Ihnen entgegenfiedelt, schon seit Stunden, Tagen und Wochen verziere ich mich nach ... ähm?" Rosalie von Waldau rümpfte die Nase und wedelte mit der Hand. "Großer Gott, was für ein strenges Parfum haben Sie da benützt?"

"Würden Sie die Freundlichkeit haben, uns zu sagen, wer Sie sind?", fragte der Hofrat Schlehemich in bestimmtem Ton. Der Herr wandte sich jäh um, ließ die Waldau los und erhob sich, er setzte eine ernste Miene auf, wirkte aber immer noch sehr feierlich; irgendwie fühlte sich der Herzog an ein Schauspiel im Theater erinnert; auch war die Schminke auf dem Gesicht dieses seltsamen Mannes unübersehbar.

"Oh meine Freunde, daß ihr es geschafft habt!" Der Hofrat ließ sich nicht beirren. "Sie sind definitiv nicht Carl Adolph von Eisenach, also wer sind Sie dann? Und wo ist er?" Der Herzog trat einen Schritt auf ihn zu. "Ich bin Herzog Ernst Ludwig von Sachsen-Gotha-Altenburg." "Je sais, ich weiß, mein Bester!" Er wölbte seine Brust vor wie ein stolzer Hahn, legte die Hand darauf und streckte den Ellenbogen zur Seite, er öffnete den Mund, wich aber zurück, setzte ein Bein nach hinten und verneigte sich. "Ich bin Guillaume le Gross, Vicomte de Marseille, zweitältester Sohn des Marquis de Vernet!" Er richtete sich auf und fügte hinzu "Aber alle meine Freunde nennen mich Jacques!" "Also, Vicomte...", sagte der Hofrat, aber der andere drohte ihm mit dem erhobenen Zeigefinger wie mit einem Dolch: "No, no, no, no - für dich: nur Jacques! Capiste!" "Wo ist Carl Adolph?", entgegnete Schlehemich ebenso energisch.

"An einem sicheren Ort", sagte Jacques und schaute sich um. "Was hat das zu bedeuten?", fragte Charlotte, und die Waldau murmelte "Der spinnt doch!" Da rasselte es von innen an einer der Fronttüren, als würde eine Kette abgenommen, dann wurde sie geöffnet und man sah ein Männchen, das kaum bis über die Klinke reichte. Es kam mit forschem Schritt auf die Gruppe zu, aber es machte dabei kleine Hopser, wie wenn die Beine nicht so schnell gehorchen wollten. "Und das ist der andere", sagte die Waldau und verdrehte die Augen.

Der Kleine wusste offenbar besser über den Besuch Bescheid, er ging schnurstracks zum Herzog, reichte ihm die Hand und sagte mit etwas schnarrender Stimme und so, als hätte er es auswendig gelernt: "Euer Durchlaucht, ich bin der Verwalter, mein Name ist Monsieur Mauriac, Sie entschuldigen, daß wir nicht sofort zu Ihren Diensten standen, es geht momentan etwas drunter und drüber bei uns."

"Inwiefern?", fragte Ernst Ludwig. "Nun, Ihr Onkel, der werte Carl Adolph ist in einer bedauerlichen Lage." "Ich muss Sie berichtigen, er ist nicht mein Onkel." "Nicht? Na ja, mir wurde es so übermittelt. Jedenfalls sind wir froh, daß Sie gut angekommen sind und ..." "Das habe ich ihnen doch schon gesägt", meldete sich Jacques zurück. "Wer ist dieser Herr?", fragte Charlotte den kleinen Mann. "Wie hat er sich denn vorgestellt?" "Ganz egal", sagte das Fräulein von Waldau von oben herab, "wir wollen es von Ihnen wissen."

Monsieur Mauriac schaute den anderen an, der senkte den Kopf, die Schminke auf seinem Gesicht begann in der Sonne zu verlaufen, der Kleine sagte, ihn immer noch fest im Auge behaltend: "Das ist der Sohn des Marquis de Vernet." Dann zuckte er zusammen, als würde im plötzlich etwas einfallen. Er wandte sich Charlotte zu. "Oh, es ist ganz unverzeihlich von mir, Madame, daß ich Sie noch nicht begrüßt habe." Er küsste ihre Hand, sie musste sich bücken, um sie herunterzureichen. "Ich habe schon viel von Ihnen gehört."

Einem der Kutscher riss anscheinend der Geduldsfaden. "Euer Durchlaucht, denken Sie bitte an unsere Pferde." "Jacques", sagte der Kleine, "wärst du so lieb und kümmerst dich darum." "Wieso immer ich?" "Weil Sie sowieso nichts Besseres zu tun haben", zischte die Waldau, und Charlotte sagte streng "Rosalie! Bitte!"

Aber Rosalie hatte das Herumstehen offenbar auch satt. "Ist doch wahr. Lieber Monsieur Mauriac, würden Sie uns dann vielleicht unsere Zimmer zeigen?" "Aber ja doch, Gnädigste. Es ist bloß so, ich sage es offen heraus, und weil Sie gewissermaßen zur Familie gehören: wir arbeiten zur Zeit mit einer verkleinerten Besatzung." Die Waldau lachte hell auf, und auch der Hofrat musste schmunzeln, aber Monsieur Mauriac nahm es gelassen hin.

"Folgen Sie mir zunächst nach drinnen, es ist ja hier so heiß." "Treffend bemerkt!" "Jetzt ist aber genug, Rosie!", herrschte die Herzogin sie an. "Jawohl, Euer Durchlaucht. Bin bloß gespannt, wer noch da drin auf uns wartet."

Drinnen war es wirklich angenehm kühl. Der Kleine zog an dem Band, das neben einer Tür herunterhing, und man hörte von fern ein Glöckchen läuten. Der Herzog war natürlich noch beunruhigt. "Klären Sie mich bitte auf, was ist mit Carl Adolph?" "Er war im letzten halben Jahr gezwungen, eine Reihe von Schicksalsschlägen hinnehmen zu müssen, persönliche Schicksalsschläge gewissermaßen, die ihn an den Rand des ... die ihn ziemlich mitgenommen haben."

"Sie wollten sagen: an den Rand des Ruins?" "Woher wissen Sie das?" Ernst Ludwig schüttelte den Kopf. "Und wo ist er jetzt?" "Er hat sich zurückgezogen." "Er ist vor seinen Gläubigern geflüchtet, ist es so?" "Ich müsste schwindeln, wenn ich das bestritte", sagte der Kleine und wischte sich ein paar Schweißperlen von der Stirn. "Ach Gott", seufzte er dann plötzlich, "wie schön ist alles gewesen, und nun soll es vorbei sein?" "Fassen Sie sich", sagte der Herzog, dem der kleine Mann ein bisschen leid tat. "Ja, natürlich, Euer Durchlaucht." Dann sah er ihn mit ehrlichem Blick an. "Vielleicht ist es ja auch ein gutes Zeichen, daß Sie jetzt hier sind. Jedenfalls wird es ihn freuen, da können Sie stolz darauf sein."

Auf das Klingelzeichen hin erschienen vier Personen, zwei Erwachsene und zwei Kinder, sie sahen aus wie Hänsel und Gretel und ihre Eltern. "Sie hatten gerufen, Monsieur Mauriac?", sagte der Mann. "Ja, Louis, begleite die Herrschaften auf ihre Zimmer." "Jawohl." "Und dann schau' nach Jacques, daß er nicht wieder was Dämliches mit den Pferden anstellt."

Während die Reisenden in Marseille angesichts des ungewöhnlichen Empfangs ein wenig improvisieren mussten, gab es im fernen Potsdam ein Ereignis von historischer Tragweite zu vermelden: Friedrich der Zweite, König von Preußen, war in den Morgenstunden dieses Tages im August gestorben. Noch am Abend vorher hatte er seinen Kammerdiener angewiesen, ihn um vier Uhr in der Frühe zu wecken; der König war die meiste Zeit seines Lebens wach gewesen - wäre er völlig ohne Schlaf ausgekommen, hätte er womöglich das ganze Europa unter seine Herrschaft gebracht.

Gemäß seiner Verfügung trat sein Neffe Friedrich Wilhelm das Erbe an; es wurde erzählt, daß Friedrich, als man ihm die Nachricht vom Ableben seines Onkels, des "Welterschütterers" überbrachte, zwischen zwei jungen brandenburgischen Mädels im Bette schlief, drumherum die Überreste eines nächtlichen Gelages. Wie oft in der Geschichte, dachte Jakob Hausmann, haben die einzigartigen Herrscher dürftige Nachfolger? Aber wie schwer ist es auch, gegen übermächtige Vorväter zu bestehen, gar vor ihnen zu glänzen?

Man überführte den Leichnam auf einem achtspännigen Wagen nach Berlin, dort wurde er im Audienzzimmer in der Uniform des Ersten Garde-Bataillons unter einem Baldachin aufgebahrt. "Ich habe dir einen Namen gemacht, wie die Großen auf Erden Namen haben", lautet die Stelle im Buch der Chroniken, welche den Gedächtnispredigten im ganzen Lande vorangestellt ward.

Herzog Ernst Ludwig war zwölf (so alt wie der kleine Rocco), als Friedrich der Zweite dreißig Jahre früher auf dem Schloss Friedenstein in Gotha weilte. Es war eine kriegerische Zeit, und der Herzog Friedrich, Ernst Ludwigs Vater, hatte es nicht leicht, das Schiff seines Fürstentums durch sie hindurch zu manövrieren.

Von allen Seiten wurde das Königreich Preußen angegriffen. Am Rhein rückte eine starke französische Armee unter Marschall d'Estrèes vor. Von Osten zogen unermessliche russische Horden, die "Barbaren", heran. Die Schweden waren in Pommern eingefallen. Aber der ärgste Feind waren die Österreicher, die von Böhmen her nach Schlesien unterwegs waren.

Es ging vordergründig um Sachsen: König August lief Gefahr, sein Land an Preußen zu verlieren. Deren Überfall verurteilten wiederum die Franzosen als Verstoß gegen den westfälischen Frieden. Und auch der Kaiser des Reichs wollte Friedrich eine Lektion erteilen. Dahinter aber standen in Wahrheit die Habsburger mit ihrem unerschütterlichen Katholizismus, denen das protestantische Land an Spree und Havel schon lange den Schlaf - und immer mehr Einflußsphären raubte.

Der Befehlshaber der Truppe des Kaisers, die den gewaltigen Titel "Reichs-Exekutionsarmee" trug, war Prinz Joseph Friedrich von Sachsen-Hildburghausen, ein Mann, den, wie sich Jakob Hausmann erinnerte, der Gothaer Herzog verabscheute wie "die Haut auf heißer Milch", so seine eigenen Worte.

Vierzehn Tage vor dem Eintreffen des preußischen Königs sah es in Gotha alles andere als rosig für ihn aus, eigentlich rechnete hier schon kaum noch jemand mit ihm. Prinz Joseph von Hildburghausen appellierte an den Gothaer Herzog, er solle die Reichsarmee durch ein Kontingent von eigenen Soldaten unterstützen, die Rede war nicht nur von Fußvolk, sondern auch von den vielgepriesenen Dragonern, die sich in der Vergangenheit schon mehrmals einen guten Ruf im Feld erworben hatten und auf die alle scharf waren. Prinz Joseph erschien mit dem Adjutanten des Generals Soubise an seiner Seite, der ein französisches Bataillon befehligte, mit dem sich der Hildburghausener gerade eben auf Thüringer Gebiet zusammengeschlossen hatte.

"In drei, spätestens in fünf Tagen werden wir gemeinsam mit den Franzosen in Erfurt stehen, mein Bruder", sagte Prinz Joseph. Er nannte Herzog Friedrich seinen "Bruder", er nannte alle Fürsten aus dem Hause Sachsen seine "Brüder", aber es war nichts als eine blöde Floskel, und eine verlogene dazu. Der Herzog durchschaute ihn. Jahrelang hatte er in Österreich gelebt wie die Made im Speck, hatte eine Savoyen geheiratet, deren Vermögen in die Millionen ging; seit er zum Katholizismus konvertiert war, lag ihm Sachsen so fern wie Konstantinopel, und Thüringen noch ferner. Die er seine "Brüder" nannte, betrachtete er entweder als Vasallen der Donaumonarchie - oder aber als Abtrünnige.

Eines konnte man ihm nicht absprechen: das war sein militärisches Talent und seine Tapferkeit. Er hatte an allen möglichen Orten in Europa gekämpft, und fast immer gesiegt (wo nicht, da hatte er sich aus kluger Taktik rechtzeitig zurückgezogen). Aber seine Triumphe hatten ihn überheblich gemacht und rücksichtslos sowieso. Er konnte überhaupt nicht nachvollziehen, daß Herzog Friedrich sich so zögerlich verhielt, als es jetzt darum ging, den Preußen eins auf die Mütze zu geben.

Aber dem Herzog, dachte Jakob Hausmann oft, wie überhaupt (mehr oder weniger) allen Gothaer Herzögen, lag das Wohl des kleinen, schönen Fürstentums immer weit mehr am Herzen, als die Interessen anderer. Wer da regierte, wer sich da mit wem verbündete oder entzweite, wer da gegen wen zu Felde zog, das war nur halb so wichtig. Wenn es stimmte, was ein bedeutender Staatsmann einmal gesagt hatte: daß es lediglich zwei Mittel gäbe, die Macht zu erhalten, nämlich Krieg und Heirat, dann wählten die Gothaer immer lieber das zweite. Große Siege konnte man damit freilich nicht feiern, aber umso mehr Geburtstage.

Als der Hildburghausener sah, daß Herzog Friedrich sich stur stellte, begann er ihm zu drohen: würde der "Bruder" ihm die "versprochenen" Soldaten nicht zur Verfügung stellen, dann werden die französischen und Reichstruppen in Gotha einmarschieren, welches sie andernfalls würden links liegen lassen. Er deutete auf den Adjutanten. "Major Colbert ist ein besonnener Mann, er weiß stets, was er seinen Verbündeten schuldig ist. Aber er weiß auch, was ihm jene schuldig sind, die ihm ihre Hilfe verweigern, nicht wahr, Monsieur Colbert?" "So ist es", bestätigte der andere, "wenn unsere Leute ohne eine 'fürsorgliche Verwarnung' in die Stadt einrücken, kann ich keine Garantie dafür geben, daß es nicht zu Übergriffen kommt." "Du weißt, Bruder", setzte der Prinz hinzu, "was das bedeutet."

Damit zogen sie vorerst wieder ab. Der junge Ernst Ludwig schaute zu, wie der Vater am Fenster über dem Haupttor stand und ihnen hinterherblickte. Er hatte die Hände auf dem Rücken verschränkt, er stand gerade und fest, und dann sagte er "Fahr zur Hölle, du Kaiserschmarren!"

In der darauffolgenden Nacht gab es einen großen Lärm vor dem Schloss, Stimmengewirr, Pferdegetrappel, man hörte Befehle, im Erdgeschoss ging eine Außenscheibe zu Bruch, und oben flackerte rötlicher Schein vor den Fenstern, man läutete die Feuerglocke. Herzog Friedrich eilte im Nachthemd und Mantel die Treppe hinab, ein Kammerdiener mit seinen Stiefeln und einer geladenen Pistole hinterher. Friedrich glaubte, der Hildburghausener habe seine Drohung umgehend wahrgemacht und sei drauf und dran, die Stadt zu plündern.

Aber es waren weder Reichstruppen noch Franzosen, sondern die Vorhut einer preußischen Reiterei, angeführt von einem Obristen, der von drei Offizieren begleitet wurde. "Kein Grund zur Sorge", rief er dem Herzog zu, als der ihm mit vorgestreckter Pistole entgegentrat; die Wachmannschaft hatte ebenfalls die Waffen gezückt. "Wer seid ihr?" "Sechstes Kavallerieregiment seiner Majestät, des Königs von Preußen." Er sprang vom Pferd, ging auf den Herzog zu, zog seine Handschuhe aus und reichte ihm die Hand, seine Offiziere folgten ihm.

"Oberst Wickram? Seid Ihr das?", fragte der Herzog, im schwachen Licht der Fackeln konnte man nichts genaues erkennen. "Euer Durchlaucht! Ihr erinnert Euch an mich?" "Wie sollte ich nicht! Ihr habt mein Bierlager geplündert! Außerdem wolltet Ihr Euch an meine Tochter ranmachen! Und gerade habt Ihr mir eine Scheibe eingeworfen." Der Oberst lachte, es war ein sympathisches Lachen.

"Was das Bier und die Scheibe anbetrifft, so werde ich diesmal alles ersetzen, und bezüglich Ihrem Durchlauchtigsten Fräulein Tochter ..." "Halt er das Maul!", sagte der Herzog, erleichtert darüber, daß es nicht die Franzosen waren. "Was soll denn diese nächtliche Ruhestörung?" "General Seydlitz steht in Erfurt, seine Kundschafter haben französische Truppen ausgemacht, nicht weit von hier westlich." "Da haben sie richtig gesehen. Es ist der Soubise und Prinz Joseph von Hildburghausen." "Das Mohrengesicht?" (Prinz Joseph hatte infolge einer Pulver Explosion lauter schwarze Einsprengsel im Gesicht, die ihm eine ungewöhnlich dunkle Färbung und diesen Spitznamen gegeben hatten.)

"Wo stehen die höchstwahrscheinlich?" "Am Hörselberg bei Kälberfeld. Der Prinz hat mir gestern seine Aufwartung gemacht, wärt Ihr ein bisschen flinker gewesen, hättet Ihr sie noch getroffen." "Die Kanaille treffen wir noch früh genug." Dann besann sich der Oberst. "Darf ich fragen, Euer Durchlaucht, ob wir jetzt einen weiteren Verbündeten der Franzosen vor uns stehen haben?"

Der Herzog erwiderte "In dem Fall wärt Ihr längst hinüber, Wickram." "Ho ho!" "Denkt Ihr, ich hätte nicht gleich bemerkt, daß Ihr betrunken seid, und Eure Leute, scheint's, nicht minder. Ihr hättet bei der Dunkelheit keine Chance. Diesmal würde ich kurzen Prozess mit Euch machen, zum Schutze aller Biertrinker und aller Jungfrauen." Der Oberst wollte wieder mit einem Lachen dagegenhalten, aber es blieb ihm im Halse stecken.

"Ich habe nämlich", sagte der Herzog, "die Faxen allmählich satt. Ist mir egal, was der König vorhat, oder die Franzosen, oder auch der Kaiser, ich habe daran kein Interesse, es sind weder meine Schuldner noch meine Gläubiger." "Euer Durchlaucht, Ihr sprecht mir aus der Seele, die ganze Politik kann mir gestohlen bleiben." Er schwenkte die Handschuhe durch die Luft. "Betrachtet mich nicht als einen Offizier in den Diensten des Königs, sondern als einen alten Bekannten, der bei Euch etwas wiedergutzumachen hat."

"Wollt Ihr mir jetzt schmeicheln?" "Wenn ich anfange, Männern zu schmeicheln, würde meine brave Stute aufhören, mir zu gehorchen." Jetzt musste der Herzog lachen. "Dann kommt herein, wie viele seid ihr?" "Zwanzig Mann." "Gregor!", rief der Herzog einen Bediensteten, "bring die Mannschaft unter! Quartier und Verpflegung für alle!" "Herzlichen Dank, Euer Durchlaucht für Eure Gastfreundschaft." "Das ist mein Teil unseres Handels", sagte Friedrich und ging vorneweg.

Inzwischen dämmerte der Morgen, und der Herzog, Oberst Wickram mit seinen Offizieren, sowie einige Vertraute Friedrichs, setzten sich an die Tafel im "Blauen Zimmer" und frühstückten. Friedrich erzählte den Preußen den Hergang seiner gestrigen Unterredung, und noch bevor er weitersprach, sagte Wickram "Und nun erwartet Ihr von uns, daß wir Euch beistehen?" "Ihr seid ein mutiger Mann, Wickram! Und ein Haudegen dazu. Ihr habt obendrein eine Schar tapferer Recken dabei. Ihr werdet doch jetzt nicht den Schwanz einziehen und davonschleichen wie ein geprellter Fuchs."

"Das nicht", erwiderte der Oberst, "aber ich werde, um beim Bilde zu bleiben, auch nicht vor Übermut in eine Falle tappen. Wir sind nur ein paar Leute, Euer Durchlaucht! Wir können eine Armee nicht aufhalten, und es wäre töricht, deswegen den Kopf zu riskieren. Wir können General Seydlitz so rasch wie möglich unterrichten; habt Ihr jemanden, der über das Lager dort am Hörselberg genau Bescheid weiß?"

Der Herzog antwortete darauf nicht, sondern entgegnete: "Wenn Ihr erst mal weg seid, bin ich den Franzosen ausgeliefert, und danach meinen Bauern, die jetzt schon von den Landsknechten geschröpft werden und sich bei mir darüber beklagen." "Was ist denn mit Euern eigenen Soldaten? Letztes Jahr haben Eure Dragoner noch Furore gemacht, sie werden doch nicht inzwischen ausgemustert sein?"

Der Herzog druckste herum, dann sagte er "Meine Dragoner stehen irgendwo in der Lausitz. Sie dienen Euerm Herrn! Ja, wenn sie hier wären, dann könnte ich freilich auf Euern Beistand verzichten." Wickram zog die Brauen hoch, das hatte er hören wollen. "Ach Herzog, glaubt Ihr, ich wäre mit dem Klammerbeutel gepudert? Ihr habt mit den Dragonern Eure Staatskasse ordentlich gefüllt, das weiß doch nun jeder."

Friedrich hob beschwichtigend die Hand. Der Oberst fügte hinzu "Das ist ja auch in Ordnung, zumal Eure Dragoner selbst davon profitieren. Aber das ist eben die Kehrseite von solchen Geschäften unter euch Fürsten: ehe man sich's versieht, fehlen die Soldaten vor dem eigenen Tor." "Wie recht Ihr habt, Wickram! Wäre ich an Eurer Stelle, würde ich mir dieselbe Lehre erteilen." Der Oberst wusste nicht genau, ob er das als Einsicht oder als Spott auffassen sollte.

"Ich mache Euch einen Vorschlag", sagte er dann, "ich schicke einen von meinen Männern los, um General Seydlitz zu informieren und seine Instruktionen zu empfangen, wir bleiben solange hier." Der Herzog war damit einverstanden. Wickram bestand darauf, daß der Bote eine genaue Lagebeschreibung bezüglich des feindlichen Heeres erhält, die er dem General unterbreiten kann.

Friedrich rief seinen "Stab" zusammen, das dauerte fast den ganzen Vormittag, insbesondere auf den Hauptmann Tenneberg aus Waltershausen mussten sie noch anderthalb Stunden warten, als die andern alle schon beieinander waren. Oberst Wickram und die Seinen vertrieben sich die Zeit, indem sie mit etlichen alten Musketen und "Donnerbüchsen" aus Friedrichs Waffenarsenal im Schlosshof auf Strohpuppen und Holzklötze ballerten, bis sich Dorothea über die Knallerei beschwerte und die Preußen kurzerhand auf die Wiese hinter dem Zeughaus vertrieb.

Der Hauptmann Tenneberg war (seit dem Tod des alten Pommer) der Chef des herzoglichen Stabes, der nicht "Generalstab" hieß, weil keiner davon ein General war, und Friedrich keine Anstalten machte, jemanden in diesen Rang zu erhöhen. So wie der Stab bis jetzt konstituiert war, hatte er alle erforderlichen Aufgaben stets erfüllen können, denn wie gesagt, das Herzogtum führte keine Kriege, wozu brauchte es also einen General, der die meiste Zeit nur Trübsal blasen und auf dumme Gedanken kommen würde?

Dem Hauptmann Tenneberg hätte das auch gar nicht gestanden, war er doch schon als Hauptmann eine - wie sollte man sagen - auffällig unmartialische Gestalt. Er war eigentlich bloß Schlosshauptmann auf dem gleichnamigen Schloss in Waltershausen, auf dem schon die alten Landgrafen gewohnt hatten und wo das einzige größere Geschütz eine Signalkanone war, die im Brandfall abgefeuert wurde, um die Einwohner zu alarmieren.

Die Aufgaben der Wachmannschaft bestanden im wesentlichen darin, im Winter den Weg in die Stadt schneefrei zu halten und im Sommer die Amseln von den Kirschbäumen zu verjagen, die unten an der Ringmauer standen. (Oh ja, es gab eine Schutzmauer, aber auch die stammte aus der Zeit der alten Ludowinger, sie war so fest gebaut, daß sie überdauert hatte. Ebenso hingen in einem Verschlag auf dem Dachboden uralte Würste, von denen niemand wusste, wer sie hergestellt hatte, sie waren grau und hart wie Holz, aber davon abgesehen durchaus noch genießbar.)

Noch eigentlicher war Hauptmann Tenneberg ein Förster, wenngleich ein Oberförster, der niemals eine regelrechte militärische Ausbildung absolviert hatte. Er hatte ein gemütliches, ja behäbiges Wesen, und er war ziemlich dick. Er stand jeden Morgen um Punkt sieben Uhr auf, spülte mit kaltem Wasser aus der Jeremiasquelle den Schlaf von der Haut und frühstückte ein Spiegelei mit Schinkenspeck und einer Scheibe Schwarzbrot. Dazu ein Wacholderschnaps und ein Becher Kräutertee. Danach widmete er sich seinen Amtsgeschäften, außer Sonntags, wenn er in die Kirche ging.

In seiner Funktion als Oberförster spazierte er gern (mit der Flinte über der Schulter) durch den Wald, aber die meiste Zeit blieb er irgendwo stehen und guckte einfach nur vor sich hin. Er dachte nicht etwa über etwas nach, er guckte bloß dahin und erfreute sich an der schönen Natur, denn dafür hatte er einen Sinn. Sein Hund, ein Kleiner Münsterländer, hockte sich neben ihn und guckte ebenfalls vor sich hin, dann und wann zu seinem Herrchen aufschauend; sie verstanden sich prächtig.

So kannten alle den Hauptmann Tenneberg, und so kannte ihn auch der Herzog, welcher ihn, eher gegen dessen Einverständnis, zum Chef seines Stabes machte, als der alte Pommer das Zeitliche gesegnet hatte. Warum seine Wahl gerade auf ihn fiel, das begründete der Herzog damit, daß der Tenneberg "die Gegend am besten kennt".

Sollte heißen, falls es doch irgendwann zu einer Schlacht auf Gothaer Territorium käme, dann würde die herzogliche Armee den Feind natürlich in das waldreiche Gebiet locken, das just hinter Waltershausen sich erstreckte, und ihn dort, wie es einst andernorts Hermann mit den Römern getan hatte, im Dickicht und im unwegsamen Unterholz zu Fall bringen. "Die Schlacht an der Finsteren Tanne" nannte man das spaßhaft und gar mancher Krug Bier war schon auf diesen Sieg geleert worden.

Der Hauptmann Tenneberg kam gegen Mittag auf dem Friedenstein an. Er kämpfte sich durch den Pulverqualm hindurch, mit dem Wickram und die Kavallerie die Luft erfüllt hatten, und der Herzog, der ihn begrüßte, wies ihn als erstes darauf hin, daß sein Hosenlatz offensteht, worauf Tenneberg sich mit der "großen Eile" entschuldigte, in der er sich hierher verfügt hatte, und dabei seine Kleiderordnung wiederherstellte.

Der Wickram und seine Mannen staunten nicht schlecht, als sie sahen, wie gut die Herzoglichen über das Lager der Franzosen und Reichstruppen am Hörselberg doch Bescheid wussten; dabei tat der Herzog so, als habe er all seine Kenntnis auch nur auf Umwegen erlangt. Wickram dachte zwischendurch sogar wieder an die Möglichkeit, daß der Herzog mit dem Prinzen Joseph, der ja gleichfalls aus Sächsischem Haus stammte, unter einer Decke steckt.

Aber der Herzog versicherte, wenn der Hilburghausener noch einmal auch nur einen Fuß über seine Schwelle setze, würde er "ihm die Fresse einschlagen", und so, wie Friedrich dabei die Zornesröte ins Gesicht stieg, hatte Wickram allen Grund, das zu glauben. Am frühen Nachmittag war die Depesche für General Seydlitz fertiggestellt, und der Bote machte sich auf den Weg. Ob das wirklich der richtige Mann dafür sei, vergewisserte sich Friedrich beim Oberst, und der erwiderte "Ich habe keinen besseren!"

Den Preußen war indes entgangen, daß Friedrich (als der Tenneberg eingetroffen war und die Schützen daraufhin gerufen wurden) mit seinen Vertrauten eine kurze, heimliche Unterredung führte, über deren Inhalt Wickram nie etwas erfahren sollte.

Nun geschah folgendes Malheur: Zwei Stunden, nachdem der Reiter losgeprescht war, kam er völlig zerbeult und mit einem blauen Auge wieder auf dem Friedenstein an, und zwar in Begleitung einiger Bienstädter Obst- und Ackerbauern, die ihm aufgeholfen hatten, nachdem er, wie er berichtete, "aus heiterem Himmel" an einer Wegebiegung überfallen und verprügelt und ihm - oh Graus - die Depesche entrissen worden war. Damit flüchteten die Schläger, die übrigens vermummt waren, und ließen ihn liegen, wo ihn fast unmittelbar danach die Bauern fanden.

Der Herzog ließ den Mann versorgen, der Tenneberg fing aber sogleich ein munteres Gespräch mit den Bienstädtern an, die ihm wohlbekannt waren. Er hatte nämlich, außer im Wald so für sich hin zu schauen noch eine andere Beschäftigung, das waren Äpfel! Er sammelte sie jedes Jahr auf den Streuobstwiesen am Ziegen- und am Geißberg auf und brachte sie, um daraus einen köstlichen Saft (und einige Flaschen Wein) machen zu lassen, eben nach besagtem Bienstädt. Er hätte sie auch am Ort verarbeiten lassen können, aber sein Schwiegersohn kam aus Bienstädt, und die Bienstädter, wie übrigens alle Bauern an dieser Seite der sogenannten Fahner'schen Höhe waren hervorragende Obstbauern (und nebenbei bemerkt auch Schnapsbrenner).

Der Wickram war von dem Vorfall anscheinend noch mehr überrascht als sein Reiter, das heißt, er wusste für den Moment nicht, was am besten zu tun sei, und der Herzog sah wohl seinen besorgten Ausdruck, ließ sich aber nichts anmerken. Als der Tenneberg und die Bauern gar nicht mehr aufhören wollten, sich über alle möglichen Neuigkeiten im Gothaer Land auszutauschen, ging der Oberst dazwischen und rief "Würden sich die Herren vielleicht lieber darüber verständigen, wie wir die verfluchten Franzosen abwehren können!"

"Was für Franzosen?", fragte einer ganz ahnungslos, und Hauptmann Tenneberg beschrieb ihnen mit ein paar Worten die bedrohliche Lage. "Ach", sagte der Bienstädter unbekümmert, "wenn die angreifen, werden wir sie am besten mit einer 'gefüllten Linie' einschüchtern." Was zum Kuckuck eine gefüllte Linie wäre, fragte Wickram, und die Bienstädter erklärten es ihm, aber er verstand kein Wort.

Und am nächsten Tag, wiederum gegen die Mittagsstunde, erschien der Hildburghausener erneut beim Herzog und sagte, der Soubise stünde mit dem vereinigten Heer "ante portas", und er selbst stelle ihm, seinem Bruder, hiermit ein letztes Ultimatum, um noch heil aus der Angelegenheit rauszukommen. Der Herzog war offensichtlich ganz allein, von allen seinen Getreuen verlassen. Und entgegen seiner Androhung, schlug er dem Prinzen nicht die Fresse ein, obschon seine Hand zuckte, sondern entgegnete, es sei ohnehin zu spät.

"Zu spät wofür?", fragte der Prinz. "Um die Soldaten von der Stadt fernzuhalten." "Darüber entscheiden wir", sagte der Prinz vollmundig. "Was euch betrifft, vielleicht, aber was die Preußen betrifft, da gibt wohl der General Seydlitz die Befehle aus." Prinz Joseph zuckte sichtlich zusammen, machte aber eine abwehrende Geste und behauptete, seine Aufklärer hätten noch gestern die Gegend erkundet und keinen einzigen Preußen ausgemacht.

Der Herzog war über diese Worte bass erstaunt. "Ach so?", rief er, "Kann es sein, daß deine Aufklärer nicht ganz vertrauenswürdig sind?" "Warum sollten sie es nicht sein?" "Ich weiß nicht, es sind ja nicht meine Leute." "Was für ungereimtes Zeug redest du da!", empörte sich der Prinz, aber Friedrich nahm ihn am Arm und sagte "Dann komm' mal mit, Bruder!"

Und er führte ihn in einen Raum, wo sich der Hauptmann Tenneberg und die anderen Offiziere vom Stab befanden, und in ihrer Mitte saß auf einem Stuhl, den Arm geschient in einer Schlaufe und ein dickes Mullpflaster auf dem linken Auge - der preußische Kurier, den die Bienstädter gestern wieder hergebracht hatten.

Der Hauptmann Tenneberg ging, indem er seiner ansichtig wurde, dem Prinzen an den Kragen und rief mit einer Empörung, die man ihm gar nicht zugetraut hätte "Ihr! Ihr! Was fällt Euch ein!" Die anderen mussten ihn losreißen, und Prinz Joseph hatte schon die Hand am Säbel, aber der Herzog konnte ihn zurückhalten. "Was geht hier vor?", rief er ebenso laut.

"Dies ist", sagte der Herzog, "ein Reiter aus dem Sechsten Preußischen Kavallerieregiment, wie du leicht an seiner Uniform erkennen kannst. Deine Leute haben ihn so übel zugerichtet!" "Wo soll das passiert sein?" "Vor der Fahnerschen Höhe." "Wo ist das?" "Keine zwei Meilen von hier. Das war die Vorhut." Der Prinz sah ihn fassungslos an. "Und wenn dir das noch nicht genügt", sagte der Herzog mit Nachdruck, "dann zeige ich dir noch etwas, Bruder!"

Er zog ihn durchs Treppenhaus eine Etage höher, stellte ihn ans Fenster und drückte ihm ein Fernrohr in die Hand. "Schau dort hinüber und du kannst dich selber davon überzeugen, daß die Preußen in spätestens zwei Stunden hier sind." Es fiel Prinz Joseph nicht ganz leicht, das Fernrohr ruhig zu halten. Der Herzog wusste genau, was er dort sah: in einer geschlossenen Linie auf einer Breite von mindestens einer Meile standen da ein Mann neben dem andern, Reiter und noch viel mehr Fußvolk, Infanterie, wie man an den Gewehrläufen, die über ihre Köpfe ragten, erkennen konnte. Und sie kamen gerade über die Anhöhe herüber, wer weiß, wie viele noch hinter ihnen waren!

"Verfluchte Scheiße", quetschte der Prinz zwischen den Zähnen hervor, "warum hast du mir das nicht früher gesagt, wo zum Teufel kommen die auf einmal her!" "Sei froh, daß ich es dir überhaupt gesagt habe. Kannst du jetzt verstehen, daß mich deine Drohung kaltlässt, die Stadt wird so und so überfallen, ich kann es nicht mehr verhindern."

Der Prinz ließ das Fernrohr sinken und drehte sich zu ihm um. "Ja, das schon, aber vielleicht tun dir die Preußen nichts." Friedrich lachte laut auf, mit dieser Bemerkung kam ihm der Hildburghausener wie ein kleiner Junge vor. "Entschuldige, daß ich lachen muss. Wenn ihr mit eurer verbrüderten Armee hier seid, wird der Seydlitz kaum jemandem Pardon geben."

Dagegen konnte Prinz Joseph nichts mehr einwenden. Friedrich sah förmlich, wie es in ihm hin und her tobte. Würden er und Soubise in Gotha einmarschieren, müssten sie sich eine Schlacht gegen die Preußen liefern, die hier, noch so weit westlich, nicht geplant und deren Ausgang angesichts der ungewissen Stärke des Feindes völlig offen war. Würden sie sich andererseits zurückziehen, dann hätte der Herzog über ihn triumphiert ohne auch nur einen Finger krumm zu machen, und das hätte er sich schwerlich gefallen lassen!

Er überlegte noch eine Weile, dann warf er dem Herzog einen eiskalten Blick zu und sagte "Ich werde Soubise davon überzeugen, daß wir Gotha noch vor den Preußen besetzen! Was immer du tust, Bruder, denke daran: wir sehen uns bald wieder." Er ließ ihn stehen und ging, der Herzog sagte "Mein Fernrohr brauche ich noch." Die Tür ging auf und Hauptmann Tenneberg trat ein, der Prinz drückte es ihm im Vorbeigehen in die Hand.

Der Tag ging ohne weitere Aufregung zu Ende, und auch in der Nacht blieb es ruhig, in den Morgenstunden fing es an zu regnen, und das hielt fast den halben Tag lang an; aber kein Soldat, weder von der einen noch von der andern Seite ließ sich blicken. Der verletzte Reiter erfuhr die freundlichste Fürsorge und erholte sich rasch, dann ging er, als der Regen aufgehört hatte, auf dem Schlossberg spazieren, er traf da einen Hund, dem er mit einem Stöckchen das Apportieren beizubringen versuchte, bis ihm sein Arm vom Werfen erlahmte. Als er ins Schloss zurückkehrte, herrschte ihn eine der Kammerzofen an, er solle gefälligst seine Stiefel ausziehen, sehe er nicht, daß er überall Schlammspuren hinterlasse.

Das ging so bis zum Ende der Woche, und dann stand plötzlich der General Seydlitz mit seinem Tross auf dem Schlosshof, darunter auch Oberst Wickram, sie waren alle bester Laune. Der Herzog empfing sie freundlich, aber nicht überschwänglich, vor allem versuchte er zu vermeiden, alle Mann bewirten zu müssen.

Seydlitz berichtete ihm, daß sie die Franzosen und die Reichsarmee zum Rückzug gezwungen und fast bis Eisenach verfolgt hatten (sie waren nördlich von Gotha vorbeigezogen). Und die Aktion mit den Bauern sei wahrhaftig ein "tolles Stück" gewesen. Wie sie sich alle versammelt und mit langen Stöcken ausgerüstet in einer Linie aufgestellt hatten, und wie sie die Lücken sogar mit Vogelscheuchen ausgefüllt haben, die sie vom Acker holten. "Gäbe Gott", lachte Seydlitz, "ich könnte den Feind öfter mit dergleichen Mumpitz überrumpeln!" "Ja", sagte der Herzog, "die Bienstädter Bauern sind wirklich ein schlaues Völkchen."

Und dann kam der König höchstpersönlich, Friedrich der Zweite, der "Welterschütterer", nur begleitet von einer ausgewählten Garde. Aber diese Burschen übertrafen schon rein äußerlich alles, was man je an schmucken Soldaten zu Gesicht bekommen hatte. Sie redeten mit den anderen kein Wort, als sprächen sie eine eigene Sprache, sie benahmen sich, als gehörten sie zu einem Ritterorden, zu dessen Tugenden die Verschwiegenheit zählt. Sie schützten ihren Herrn, als gehorchten sie ihm auf übernatürliche Weise.

Und Friedrich, der ewig wache, ewig nüchterne, ewig lauernde, der Berufene, ein Abkömmling des Mars und ein Sohn der Brandenburgischen Erde, er machte gar nicht viel Aufhebens um sein Erscheinen, die Glorie umgab ihn auch so, aber es war keine Angst einflößende, keine erdrückende, keine den Atem raubende Glorie, sondern eine, die aus den Menschen, an welchen er vorbeigeht, die heilvolle Bewunderung gebiert und welcher beinahe unweigerlich die Begeisterung und die Unterwerfung unter seinen Willen folgte.

Er erkundigte sich bei der Herzogin Dorothea über das Befinden ihrer Kinder, und als ihm der junge Ernst Ludwig vorgestellt wurde und er dem König die Hand küssen durfte, da durchfuhr es ihn wie ein Strahl gleißenden Lichts und ein erhabenes Gefühl erfüllte ihn, ein Gefühl, das der spätere Herzog Ernst einige wenige Male in seinen Träumen nacherlebte und auf das er sich jetzt, als er, mit seiner Gemahlin in der Provence weilend, die Nachricht vom Tod des Großen Mannes vernahm, mit Rührung und mit einer Spur von Wehmut besann.

Der König blieb gerade mal zwei Stunden in Gotha, dann verließ er die Stadt in östlicher Richtung. General Seydlitz hatte seine Befehle empfangen, auch er rüstete sich alsbald zum Abmarsch. Oberst Wickram verabschiedete sich vom Herzog, und ganz spontan umarmte er ihn. "Ihr habt diesmal gar nicht unser Bier probiert", sagte Friedrich, "mögt Ihr ein Fässchen mitnehmen?" "Das trinken wir beim nächsten Mal", erwiderte der Oberst, streifte seine Handschuhe über und stieg auf seine stolze Stute.

Der Herzog veranstaltete für die Bienstädter Bauern ein zünftiges Schlachtfest. Sie kamen alle, sie brachten ihre Familien mit; eine kleine Kapelle spielte zum Tanz auf, es floss Bier in Strömen. Eine Abordnung ließ sich beim Herzog anmelden. "Wir wollen Euer Durchlaucht dieses Päckchen zurückgeben." Der Herzog dankte ihnen und entließ sie wieder. Es war die Depesche, die der preußische Reiter nach Erfurt bringen sollte. "Was machen wir jetzt damit?", fragte er den Hauptmann Tenneberg, der neben ihm stand. "Verbrennen", antwortete er, "steht sowieso nur Mist drin."

Als der König von Preußen gestorben war, reiste Jakob Hausmann nach Marseille, um Herzog Ernst über das Ereignis zu informieren. Der Herzog, so erinnerte sich Hausmann jetzt, war über seinen Besuch verwundert. Weshalb man ihn, den jungen Regierungsrat, damit betraut habe, und ob er in Gotha "nichts Wichtigeres" zu tun hätte. Man habe die Meldung hier in der Zeitung gelesen, wo lang und breit darüber berichtet wurde.

Er, Hausmann, erwiderte, der Minister Franckenberg habe ihn hergeschickt, und zwar mit einigen Briefen, welche zur Kenntnis zu nehmen der Minister ihm anempfehle. "So, tut er das", murmelte Ernst Ludwig und legte das Bündel beiseite. Ihm, Hausmann, schien, daß der Herzog es als störend empfand, auf seiner Reise mit politischen Angelegenheiten in seiner Heimat behelligt zu werden.

Ganz anders als viele seiner Fürstenkollegen konnte er sich leicht damit abfinden, daß die Regierungsgeschäfte eine Zeitlang auch ohne ihn besorgt wurden. In solchen, unverkennbar missmutigen Reaktionen wie jetzt, dachte Hausmann, konnte man bereits etwas von seiner Amtsmüdigkeit erkennen, die ihn in späterer Zeit fast dauernd begleitete.

Nichtsdestotrotz ließ er seinen Unwillen nicht weiter an ihm, Hausmann, aus, sondern behandelte ihn sehr zuvorkommend und nahm ihn sofort in die gesellige Runde der Reisenden auf; immerhin, so dachte Hausmann, hätte er ihn ja auch gleich wieder zurück schicken können. Auch die Herzogin freute sich über seine Anwesenheit und begann gleich, ihm ihre neuesten Erlebnisse und Eindrücke zu schildern.

Man hatte nach der ersten kuriosen Bekanntschaft mit Monsieur Mauriac und dem seltsamen Jacques natürlich darauf gedrängt, Carl Adolph, den "Eisenacher", ausfindig zu machen. Monsieur Mauriac wusste, wo er sich aufhält, aber als er den Herzog darüber aufklären wollte, mischte sich Jacques (der übrigens inzwischen Schuhe anhatte) in die Unterhaltung ein.

"Ich an deiner Stelle", meinte er zu dem Kleinen, "wäre vorsichtlich damit, irgendjemand zu verraten, wo sich l'Allemand ("der Deutsche", wie er ihn mit seinem "Decknamen" nannte) befindet." "Wieso denn? Der Herzog ist ein enger Verwandter von Carl Adolph." "Fragt sich nur, wie eng?", entgegnete Jacques so, als habe er zweifelhafte Dinge über den Herzog gehört. "Halt dich da raus", wies ihn Monsieur Mauriac zurecht und wandte sich an Ernst Ludwig "Ich werde Sie gleich morgen zu ihm bringen, verlassen Sie sich darauf." "Ist es denn weit von hier? Und was für eine Art Aufenthaltsort ist es überhaupt?", fragte Charlotte zaghaft.

Der Kleine überlegte einen Moment, dann sagte er "Ach, ich verstehe, was Sie fragen wollen! Aber nein, nein, es ist ein kleines Landhaus, ungefähr drei Meilen von hier ..." "Es sind nie und nimmer drei Meilen. Drei Meilen sind es bis Saramon." "Welches Saramon? Wovon redest du?" "Das Saramon de Bousignac, wo ich geboren bin!" "Wen zum Teufel interessiert jetzt dieses gottverlassene Saramon!" "Ich habe nur festgefällt, daß es bis Hm-hm-hm nicht so weit ist wie bis nach Saramon, also weniger als drei Meilen."

"Ja, na und! Dann sind es eben weniger", Monsieur bekam ein knallrotes Gesicht vor Erregung, "dann sind es meinetwegen zwei Meilen bis Lagrasse ..." "Oh, nun ist es heraus!" "Was?", schrie er. "Schmeiß doch gleich das Fenster auf und sag es der ganzen Welt, daß sich der Deutsche in Lagrasse versteckt hat! Dann kann ihn Monsieur Tournier und die Polizei leichter fasten."

"Wer ist dieser Monsieur Tournier?", fragte der Herzog. Der Kleine winkte ab. "Ach, das ist der Assessor der Steuerbehörde." Jacques ergänzte: "Ein ganz scharfer Huhn, er reibt jeden einzelnen Sous ein, er schickt Ihnen die Polizei in den Hals, und mit Ausländern nimmt er's besonders genau. Bis jetzt ist ihm der Deutsche verwischt, aber nun, da Monsieur Mauriac ..." "Halt die Klappe, Jacques!" "Bitte, mich triftet keine Schuld."

Er hob beteuernd die Handflächen, sie waren mit Wörtern in blauer Tinte beschrieben. "Was ist das denn?", fragte die Waldau. "Was denn? Ach das." Er betrachtete das Geschreibsel. "Das ist zum Marmorieren, für meine nächste Rolle." "Sie spielen Theater?", erkundigte sich die Herzogin. "Oui, Madame. Auf der Düne des Lebens."

Die ganze Truppe fuhr am nächsten Tag nach Lagrasse, ohne auf Jacques zu hören, der meinte, damit würde man dem Steuereintreiber Tournier "Ohr und Tor" öffnen, aber er wollte auch nicht allein zurückbleiben. Lagrasse war ein anmutiges, sonniges Dörfchen mit jeder Menge Pfirsich- und Aprikosenbäumen drumherum, und von einem Hügel aus konnte man Häuser und Hafen von Marseille sehen.

Sie fanden Carl Adolph im Gemüsegarten hinterm Haus, wo er sich, mit Unterstützung eines Knechtes und zweier Frauen der Feldarbeit widmete. Er stand zwischen Tomatenstauden, die ihm bis über die Hüften reichten, als ihm Monsieur Mauriac (der beinahe ganz darin verschwand) die Besucher meldete.

Carl Adolph drehte sich zu ihnen um, schob seinen Strohhut zurück und sagte "Wer sind diese Leute, Mäckie?" "Das sind die Goten, von denen ich Ihnen erzählt habe." "Was?" "Sie hatten mich darum gebeten, ihren Brief zu beantworten, erinnern Sie sich, Monsieur Adolphe."

"Carl Adolph?", rief der Herzog herüber. "Da laust mich doch der Affe!", sagte der Eisenacher, warf die Gartenschere beiseite und stiefelte aus den Tomaten heraus. "Ernst Ludwig! Junge! Wie kommt ihr denn hierher! Charlotte! Was für eine elegante Dame ist aus dem Mädchen geworden! Lass dich drücken! Und dieser hier? Ist das der Schlehemich? Großer Gott, Sie haben sich überhaupt nicht verändert!" "Dafür besteht auch keine Veranlassung." "Ah, immer noch so förmlich, genau wie früher. Und Sie, Gnädigste?" "Fräulein von Waldau, Euer Hochwohlgeboren." "Charmant, charmant."

Es stellte sich heraus, daß Carl Adolph nicht wirklich Bescheid wusste über den bevorstehenden Besuch der Gothaer, und daß nicht er es war, der sie in dem Brief so herzlich eingeladen hatte. "Hast du das arrangiert, Mäckie?" fragte er den Kleinen, dem die Enthüllung ziemlich peinlich war. "Wie ich mich freue!", sagte er dann, und man sah, daß er es wirklich ehrlich meinte, seine Stimme stockte und fast hätten sich seine Augen mit Freudentränen gefüllt. Er nahm Charlotte und Ernst Ludwig zu beiden Seiten, legte ihnen die Arme über die Schultern und führte sie ins Haus. Ihnen folgten Schlehemich mit dem Kleinen und die Waldau, welche den unmöglichen Jacques nicht mehr loswurde.

Es war ein schlichtes, aber geräumiges Landhaus, sehr ordentlich, sehr sauber und mit allerlei Zierrat geschmückt. Überall standen Vasen mit frischen Blumen, und am Fenster hing ein Käfig mit bunten Zwergfinken, die unaufhörlich auf und ab hüpften und dabei munter zwitscherten. "Emma! Therese!" rief er, und zwei Mädchen erschienen, die aussahen wie Schwestern, in einem roten und einem blauen Kleid mit blütenweißen Schürzen.

"Bringt sofort etwas zur Stärkung unserer Gäste." "Oui, Monsieur", sagte die eine, und sie huschten davon. Jacques zog sich in eine Ecke zurück und setzte sich dort, die Beine übereinandergeschlagen in einen Sessel, es schien ihm hier viel besser zu gefallen als in dem großen leeren Chateau.

Carl Adolph überhäufte die anderen mit tausend Fragen, ließ sie aber gar nicht zu Wort kommen, man spürte, daß er den Besuch von Landsleuten lange hatte entbehren müssen. Dabei brauchte er eine Weile, bis ihm recht bewusst wurde, mit wem er das plötzliche Vergnügen hatte; zuerst sprach er mit Charlotte auf Französisch, aber dann verfielen sie rasch ins Deutsche, und schließlich hatten sie zwischendrin einen Thüringer Dialekt drauf, daß Jacques im Hintergrund nur mit dem Kopf schüttelte und murmelte "Ich verstehen bloß rhabarber-rhabarber."

Die beiden Mädchen brachten Weißwein und einen Krug kühles Wasser, Baguettes und Käse und grüne, in Öl eingelegte Oliven. Carl Adolph konnte nicht glauben, daß seine Verwandten am Eisenacher Hof sich seiner noch erinnerten. "Ich war immer das schwarze Schaf in der Familie. Ich bin der drittälteste Sohn, wie du weißt, Ernst Ludwig. (Der Herzog nickte freundlich, während er sich eine weitere Olive angelte, sie waren köstlich.) Ich wäre nie Herzog von Sachsen-Eisenach geworden. Aber ich fühlte mich auch nicht zum Militärstand hingezogen, ich wäre am liebsten Bienenzüchter gewesen."

Die anderen fanden das sehr lustig, das Fräulein von Waldau fragte "Und was ist daraus geworden?" "Bedauerlicherweise stellte sich heraus, daß ich eine sehr seltene Abwehrreaktion gegen einen Stoff habe, den die Bienen produzieren, das 'gelée royal', ich bekomme davon lauter rote Pusteln an Gesicht und Händen." "Puh!", machte die Waldau und fügte hinzu "bloß gut, daß Sie die Finger davon gelassen haben, Carl Adolph."

Er schaute sie einen Moment lang an, und sie errötete, dann sagte er lachend "Ja, wahrscheinlich. Schließlich bin ich auf Reisen gegangen." "Davon hat mir dein Bruder erzählt", sagte der Herzog, "wo warst du?" "Ach, das würde zu lange dauern, alles aufzuzählen, ehrlich gesagt, ich weiß es selber nicht mehr so genau: Indien, Ceylon, Sumatra, Japan, die Karibik, Nordamerika. Zum Glück habe ich immer Tagebuch geführt, man könnte es nachvollziehen, aber wen würde das interessieren, manches ist auch schwer leserlich."

Charlotte sagte unvermittelt "Wo ist denn eigentlich deine Familie?" Monsieur Mauriac räusperte sich. Carl Adolph sagte "Was denn, Mäckie? Wenn sie's nicht wissen, sollen sie es ruhig erfahren." Und zu den anderen gewandt meinte er "Meine Gemahlin - ehemalige Gemahlin - ist sozusagen die Ursache dafür, daß ich hier unter diesen Umständen lebe - oder nein, sie ist natürlich nicht selbst die Ursache, sondern sie hat mich dahin gebracht."

Wahrscheinlich hatten sowohl Ernst Ludwig als auch Fräulein von Waldau ihren eigenen Grund, weshalb sie darauf gleichzeitig reagierten. Der Herzog: "So etwas kann passieren." Die Waldau: "Das ist ja nicht das Ende." Schlehemich sagte "Monsieur Mauriac, davon haben Sie in Ihrem Brief an Ihre Durchlaucht, die Frau Herzogin, nichts erwähnt. Sie haben uns ein falsches Bild vermittelt." "Ein anderes zumindest", schwächte Charlotte ab. Der Kleine erklärte "Wir hielten es für besser, Euer Durchlaucht nicht mit diesen unschönen Vorgängen zu belästigen."

Der Eisenacher lachte so laut los, daß Charlotte zusammenzuckte. "Aber Mäckie! Das ist doch nicht irgendwer! (Er wies mit der Hand auf den Herzog) Wenn mir Jemand in dieser gottlosen Welt noch beisteht, dann sind es Ernst Ludwig und Charlotte Amalia." Der Kleine senkte den Kopf. "Na ja, abgesehen von dir", sagte er schnell und klopfte ihm auf die Schulter. "Ich würde Ihnen auch gern helfen", sagte die Waldau mit sanftmütiger Stimme. Und aus der Ecke rief Jacques "Ein schwarzes Schaf frisst keinen Wolf!"

Da erschien in der Tür ein Mann, offenbar ein Einheimischer. Er hatte eine Flinte über der Schulter und an einer Schnur aus seiner Hand hingen einige leblose Vögel. "Monsieur Adolphe, ich bringe Ihnen ein paar Wachteln." "Großartig, du kommst gerade recht, Philippe, oh, was sind die prächtig." Er nahm sie ihm ab. "Emma! Therese! Was bekommst du dafür, Philippe?" "Ach, geben Sie mir, was Sie wollen, Monsieur, ich stehe ja immer noch in Ihrer Schuld wegen unserer Louise." "Na, wie lange denn noch. Mäckie, kannst du Philippe etwas Geld geben."

Emma (oder war es Therese?) kam und nahm die Vögel mit in die Küche, Monsieur Mauriac drückte dem Jäger ein Geldstück in die Hand und der verabschiedete sich. Carl Adolph sagte "Wie wäre es, wenn wir einen kleinen Spaziergang machen, ich zeige Euch meinen Gemüsegarten - mein ganzer Stolz - und das Dorf, es wird euch gefallen. Wir schwatzen über alles, und wenn wir wieder da sind, sind die Wachteln bereitet und wir können diese göttliche Speise genießen!" Er legte der Waldau seinen Arm um die Hüfte und sagte "Oh, können wir uns nicht glücklich schätzen, da es uns vergönnt ist, hier beisammen zu sein!"

Alle (außer Jacques, der sich in die Küche verdrückte) begrüßten seinen Vorschlag. Er führte sie zuerst in seinen Gemüsegarten, wo sie im Gänsemarsch auf den schmalen Wegen zwischen den Prachtbeeten entlangtippelten und ihr Staunen und ihre Bewunderung angesichts der Hülle und Fülle äußerten. Es gab hier Tomaten, Gurken, Bohnen, Kürbisse, Auberginen, Zucchini, alle möglichen Sorten von Kohl, Paprika und einige fremdartige Gewächse mit merkwürdigen Früchten.

Vor ein paar grünen, blütenlosen Stauden blieb Carl Adolph stehen, sie hatten Blätter wie Hände mit schmalen, sägeblattartigen Fingern. "Davon", flüsterte er Ernst Ludwig ins Ohr, "gebe ich dir etwas mit, getrocknet und zerkleinert kann man es wie Tabak rauchen." "Tatsächlich? Es sieht gar nicht aus wie eine Tabakpflanze." "Nein, das ist der Witz. Aber Vorsicht, es haut dich um!"

Der Hofrat Schlehemich passte eine Gelegenheit ab, um allein mit dem Herzog zu sprechen. "Ich möchte Ihnen raten, nicht vorschnell auf das Begehren Carl Adolphs einzugehen." "Was für ein Begehren?" "Ich meine seine Hoffnung auf finanzielle Unterstützung in seiner Angelegenheit." "Aber er hat doch diesbezüglich noch gar nichts geäußert." "Das sehe ich anders. Und bei allem Respekt: ich muss annehmen, daß auch die ganze Einladung seitens dieses Monsieur Mauriac hauptsächlich zu dem Zweck eingefädelt wurde, um Euch zu Hilfe zu holen." "Na, Schlehemich, jetzt schimmert aber wieder mal der Misanthrop in Ihnen durch." "Es ist nur gesundes Misstrauen und in Ihrem eigenen Interesse." "Ja, ich weiß das zu schätzen, ich werde mich vorsehen." "Gut."

Sie spazierten auf den Hügel, von dem man eine herrliche Aussicht hatte. Sie setzten sich eine Weile im Schatten ins Gras, und Charlotte erzählte von ihrem Aufenthalt in Genua und von den freundlichen Menschen, die sie dort kennengelernt hatten. Carl Adolph meinte, sie müssten unbedingt auch nach Nizza fahren, er kenne dort einige interessante Leute, die er ihnen vorstellen würde. "Nizza ist auf seine Art wieder anders als Marseille."

"Sie wollen uns aber nicht etwa ins Spielcasino führen", sagte Schlehemich. "Aber Gott bewahre, davon bin ich geheilt. Es sei denn, Schlehemich, Sie wollen da hin." "Und wenn Fortuna persönlich an der Schwelle stünde und mich begrüßte, ich würde dieses Etablissement nicht betreten." "Recht so, Schuster bleib' bei deinem Leisten." "Wie meinen?" "Das war nur so dahingesagt. Lasst uns gemächlich zurückgehen, das Essen ist bestimmt fertig."

Carl Adolph gab sich alle Mühe, die Gäste zu unterhalten. Er beschaffte einen flotten Zweispänner mitsamt Kutscher, mit dem Ernst Ludwig und Charlotte eine Woche lang Ausflüge in die Provence machten. Charlotte war hingerissen von der Landschaft, vom Sonnenschein, der bis in die Nacht noch "nachglüht", von den Lavendelfeldern und Obstbaumplantagen, von der Mentalität der Leute und vom Essen.

"Öl, Knoblauch, Safran - ich glaube, das sind die drei Grundpfeiler der provencialischen Küche, oder was meinst du, mein kleiner Buchfink?" Ernst Ludwig gab ihr recht, wandte aber ein, daß ihm diese Bouillabaisse doch etwas zu "grobschlächtig" sei. "Was ist das eigentlich für Tabak, den du da rauchst? Er duftet so aromatisch." "Ach, das ist so eine spezielle Sorte, aus Carl Adolphs Gemüsegarten." "Er duftet so gut, daß man glatt einen Zug davon nehmen will." "Oh, das ist nichts für Frauen, wirklich, Liebes, trink lieber noch einen Becher Wein."

"Du hast recht, ich bin ja kein Pfeife rauchendes Zigeunerweib." Er lachte. "Was bin ich darüber froh." "Ich könnte dir die Zukunft aus den Karten lesen." "Eben darauf kann ich verzichten, von mir aus kann ich mich immer in der Gegenwart wiegen, wenn sie so ist wie jetzt." Charlotte sah ihn liebevoll an, sie legte ihre Arme um seinen Hals und gab ihm einen innigen Kuss.

Dann besichtigten sie ausgiebig die Stadt. Charlotte zog es zum Hafen, zum Meer. Sie unternahmen eine Schiffspartie zu einer der vorgelagerten Inseln, und anderntags betrachteten sie lange das Treiben der Hafenarbeiter, der Lastträger, der Seemänner und der Handelsleute und ließen sich dabei den Mistral um die Nase wehen.

Ernst Ludwig las ihr aus einem kleinen Büchlein die sagenhafte Geschichte von der Gründung der Stadt vor: wie phönizische Seefahrer hier an Land gingen, und wie ihr Fürst eines Tages ein großes Fest veranstaltete, bei dem ein Haufen edler Jünglinge um seine Tochter freien durfte, und wie einer mit Namen Euxenes die besagte Gyptis (so hieß das schöne Mädchen) zur Frau bekam, und ihr Vater als Morgengabe "das ganze Land, welches die nächste Woge bespült" versprach. So gründete Euxenes die Stadt, die er Mas-Salia nannte, woraus dann später Massilia und Marseille wurde.

"Ich kann mir das alles richtig vorstellen", schwärmte Charlotte. "Ja, es muss amüsant gewesen sein, wenn es denn stimmt." "Auch wenn es nicht stimmt, ist es doch bedeutsam." "Ja, sonst hätte man es wohl nicht überliefert." "Genau! Und das mit der Woge, das ist so recht ein mythologisches Maß."

Charlotte badete auch drei, vier Mal, aber sie gestand Ernst Ludwig, daß es ihr nicht so viel Spaß mache, wie sie erwartet hatte, sie wüsste nicht warum. Ernst Ludwig fand den Untergrund sehr steinig und ihn störte der Lärm der Badegäste.

Das Fräulein von Waldau hielt sich übrigens die meiste Zeit bei Carl Adolph im Landhaus auf, der darüber höchst erfreut war. (Ganz im Gegensatz zu dem armen Jacques, der ihr auch so gern gefällig gewesen wäre.) Sie machte sich sogar im Gemüsegarten nützlich, angeblich weil sie "schon immer etwas über Landbau lernen" wollte. Emma (oder war es Therese?) gab ihr eine passende Gartenkluft.

Jacques lungerte nur so herum, er rührte keinen Finger, aber er schaute Carl Adolph und der Waldau dabei zu und gab manchmal Hinweise, die ebenso rechthaberisch wie überflüssig waren. Er freundete sich mit den beiden Mädchen an, die ihm wohl früher schon aufgefallen waren, doch da hatte er keinen triftigen Grund, nach Lagrasse zu kommen. Er scheuchte sie zum Spaß in der Küche herum, und sie kicherten dabei, und er sagte, wenn er "ein Mann wäre" und sich zwischen ihnen entscheiden müsste, würde er sie wahrscheinlich beide nehmen. Er trug ihnen auch mit großer Inbrunst Gedichte vor, die von der Liebe handelten, und sie mussten noch mehr kichern.

Nur Monsieur Mauriac ließ sich kaum sehen, und der Hofrat Schlehemich, der seinerseits die Ruhe im Chateau genoss, glaubte immer noch, der Kleine sei heimlich damit beschäftigt, seinen Herrn, den Eisenacher, aus der Bredouille zu ziehen und dafür den Herzog um Geld anzupumpen.

Dann schleppte Carl Adolph alle Mann mit nach Nizza, das kleiner war als Marseille und viel mondäner; alles war schmuckvoll, manches protzig, nichts bescheiden; in den Boutiquen gab es kostbare Sachen zu schwindelerregenden Preisen, auf den Promenaden sah man nicht einen Bettler, und selbst manche Stiefelputzer machten eine hochnäsige Miene.

Nizza hatte keinen Handelshafen, und daher ging es hier nicht so turbulent zu wie in Marseille, es herrschte eine müßige Atmosphäre, nur der Mistral sorgte dafür, daß sich die Zweige der Bäume manchmal etwas heftiger bewegten. Über allem schien die ewige Sonne des Südens, und einmal im Monat legte der Vollmond eine silberglänzende Bahn auf das Meer, die bis zum nächtlichen Horizont reichte.

Es war in der Tat eine illustre Gesellschaft, mit der Carl Adolph die Gothaer bekanntmachte. Man traf sich entweder im Café le midi, wo es den feinsten Cognac gab, oder in einem Club maritime, wo keineswegs nur Seeleute verkehrten und wo es ziemlich zwanglos zuging; natürlich waren auch Frauen anwesend, ja manchmal konnte man jemanden sehen, der seine ganze Familie mit herbeigebracht hatte.

Die Gäste kamen aus aller Herren Länder, es war fast wie ein Treff für Durchreisende, für Ausländer, für Heimatlose oder welche, die aus irgendeinem Grund nicht nach Hause zurückkehrten. Der Hofrat Schlehemich erfuhr, daß auch jede Menge Leute hier waren, die in den Casinos Hausverbot bekommen hatten, mit allen möglichen Tricks versuchten sie, von hier aus wieder hinein zu gelangen, hauptsächlich durch die Einladung reicher Gönner.

In der Gesellschaft Carl Adolphs fielen besonders diese Personen auf: ein Herzog von Montesquieu, ein kräftiger Mann von zirka siebzig Jahren, mit einem markanten Schädel und einem blutroten Seidentuch um den Hals. Er war angeblich ein Pair von Frankreich, aber Carl Adolph verriet, daß der Titel mit einem seiner Vorfahren erloschen war. Er saß, die Hände auf dem Knauf seines Stocks übereinandergelegt, aufrecht wie ein römischer Konsul.

Desweiteren ein Russe namens Lazar Dawydowitsch Kaschkin, mit schwarzem, lockigen Haar, einem Spitzbart und schlechten Zähnen. Er war aus seiner Heimatstadt Sewastopol geflohen, als Katharinas Truppen die Stadt eroberten, sein Vater hatte dort einen Krämerladen und wurde eines der ersten Opfer der Pogrome, welche die Russen anzettelten.

Ein Kapitän Klauck, der eine Tätowierung in Form einer geflügelten Wasserschlange auf dem Unterarm hatte. Neben ihm saß eine dunkle Schönheit, eine Frau aus Afrika mit rosafarbenen Handflächen und ebensolchen Lippen, sie gehörte zu ihm.

Was niemand geglaubt hätte: es gab den Marquis de Vernet, den Vater Jacques' tatsächlich! Es war ein schlanker Mann mit einer etwas ungepflegten Frisur und ein starker Raucher. (Gewissen Hinweisen konnte man entnehmen, daß Jacques sein unehelicher Sohn ist.)

Der Comté de Nice, von allen vielleicht der vornehmste und auch klügste. Und dann waren da noch drei, vier andere, die sich kaum hervortaten, sowie ein gewisser Giovanni Pineto, der insbesondere von dem Marquis ständig mit spitzen Bemerkungen attackiert wurde.

Einen Tag zuvor, so erinnerte sich Jakob Hausmann jetzt, war er beim Herzog angekommen und hatte ihm die Nachricht vom Tod Friedrichs des Zweiten überbracht. Nun befand er sich ebenfalls in der Runde der Gäste des Club maritime und musste feststellen, daß man hier wirklich auf dem Laufenden war, was die Ereignisse in Europa betraf.

Natürlich sprach man über Frankreich, obwohl der Comté de Nice Wert darauf legte, daß die Grafschaft Nizza nicht zu Frankreich gehöre, sondern zum Heiligen Römischen Reich. "Aber es dürfte Sie doch nicht kalt lassen, was derzeit in Paris geschieht?" "Meinen Sie den Necker mit seinem 'Compte rendu'?" "Ja, und ich meine die brenzlige Stimmung, die dieser Bericht noch angefacht hat." (Necker hatte als Finanzminister einen Bericht vorgelegt, wonach unter König Louis die Staatsverschuldung eine exorbitante Höhe erreicht hatte.)

"Der Adel und die Pfaffen stopfen sich die Taschen voll und leben in Saus und Braus, und das Volk in Paris kann sich kein Brot kaufen, erstens weil es kein Geld hat, und zweitens, weil Brot Mangelware ist." "Ja, davon habe ich auch gehört. Und auch, daß die Generalstände einberufen werden sollen." "Das wäre unerhört, die sind seit hundertfünfundsiebzig Jahren nicht mehr einberufen worden." "Na, es werden hoffentlich nicht die selben Leute sein." "Es wird so und so nicht klappen, sie werden sich in die Haare kriegen, der dritte Stand wird die Versammlung verlassen, noch bevor man irgendetwas beschließen kann, oder er wird sie ganz boykottieren."

Man schwieg eine Weile und dachte nach, die Damen nahmen einen Schluck Kaffee, die Herren einen Zug aus der Zigarre oder leerten das Cognacglas. Am andern Ende des Raumes begann eine Musik zu spielen.

Charlotte brannte darauf zu erfahren, was es mit der schönen Afrikanerin und dem Kapitän auf sich hat, aber sie wusste nicht recht, wen von beiden sie ansprechen sollte. Sie flüsterte der Waldau etwas ins Ohr, und die beugte sich prompt zu dem Kapitän hinüber und sagte "Herr Kapitän, habe ich Ihren Namen richtig verstanden: Klaus?" "Klauck, Mademoiselle, Anders Klauck." "Ach, doch anders."

"Und sie sind Deutscher?", fragte Charlotte. "Aus Emden in Friesland." "Darf man erfahren", hakte Rosalie nach, "wie Sie sich beide kennengelernt haben?" Der Kapitän streifte seine Ärmel hoch (das war wohl so eine automatische Handlung, und dadurch konnte man die geflügelte Wasserschlange auf seinem Unterarm in ganzer Länge bewundern) und klingelte mit dem Löffel an ein Glas.

"Meine Herrschaften, diese beiden bildhübschen Damen hier neben mir möchten gern wissen, wie ich zu meiner Braut gekommen bin. (Er warf ihr einen heißen Blick zu.) Ich möchte keineswegs damit prahlen oder Seemannsgarn spinnen, aber weil wir vorhin des Großen Friedrich gedachten, denke ich, meine Anekdote könnte dem noch etwas nachtragen.

In Emden, wo ich herstamme, hat der Brandenburger bekanntlich die Ostasiatische Handelskompanie gegründet, bei der ich damals anheuerte. Ich fuhr auf dem Flaggschiff, dem 'Stern von Preußen'.

Wir segelten immer dicht an der afrikanischen Küste entlang, und eines Tages wurden wir von Piraten aufgebracht. Das war etwa auf der Breite der Senegal Mündung. Es gab dort das Königreich Cayor, das übrigens mit Frankreich in Verbindung stand. Aber wir waren keine Franzosen, sondern Deutsche. Bei dem Kampf mit den Piraten bekam ich einen schweren Schlag auf den Kopf und wurde bewusstlos. Als ich wieder zu mir kam, erfuhr ich, daß uns die Piraten an den 'Damel', den König von Cayor ausgeliefert hatten, wahrscheinlich standen sie in seinem Dienst.

Der Damel hieß Biram Yaasin Buubu, und er scherte sich natürlich einen feuchten Kehricht um ein paar gefangene Matrosen. Außerdem gab es dort Sklavenhandel, und ich brauchte nicht viele Farben auf der Palette, um mir mein weiteres Schicksal auszumalen. Ich kam in einen Ort, wo eine Goldmine war und musste in dem Stollen graben. Was kann man sich Verrückteres denken, als ein Seemann, der in einem Bergwerk schuftet.

Die Mine war nicht sehr ergiebig, stand aber aus irgendwelchen Gründen unter der Protektion des Damel. Der kam eines Tages her, um sich alles anzusehen. Die gerade nicht im Stollen waren, mussten sich nebeneinander aufstellen und ihm die Ehre erweisen. Man kann sich leicht vorstellen, daß ein blonder Ostfriese zwischen lauter Negern sofort ins Auge sticht.

Er fragte mich, wer ich sei und woher ich käme. Ich antwortete, zur Zeit sei ich ein Diener seiner Majestät Biram Yaasin Buubu, des Damel von Cayor und Sohn des Gottes Mephas und würde für ihn in der Goldmine schuften, aber ansonsten bin ich ein einfacher Mann aus der Stadt Emden in Ostfriesland und ein Untertan Friedrichs des Zweiten, König von Preußen.

Er war vollkommen überwältigt, er fragte, ob ich wirklich jenen großen König meine, von dessen Taten er so wundersame Kunde erhalten hat, einen der tapfersten Häuptlinge, den die Welt je gesehen habe? Ich erwiderte, daß nicht nur die Welt, sondern ich sogar persönlich ihn gesehen habe, wie er anno sechsundsiebzig nach Emden kam.

Da nahm mich der Damel mit in sein Zelt, und ich musste ihm über König Friedrich alles berichten, was ich wusste. Ich kam mir vor wie ein Bruder von Herodot und der Scheherazade, ich staunte über mich selbst, was mir alles dazu einfiel. Er bewirtete mich wie einen Gesandten des Königs, nahm mich mit nach Tivaouane in seinen Palast und stellte mir ein Dokument aus, das mich seines königlichen Schutzes versicherte.

Ich fragte nach dem Verbleib unseres Schiffes, er wusste nichts darüber, versprach aber, es in Erfahrung zu bringen. Zwei Tage später erschien vor ihm der Hauptmann der Piraten, welche uns aufgebracht hatten. Er sagte dem Damel, man habe das Schiff den Portugiesen übergeben, nachdem man es geplündert und den Kapitän und einige meiner Kameraden getötet hatte.

Mir kamen bei dieser Nachricht die Tränen. Aber noch schmerzlicher war für mich, als der Piratenhauptmann sagte, man habe das ganze nach einer Meuterei aussehen lassen, um jeden Verdacht abzuwenden. Nicht im schlimmsten Fieberwahn hätte ich mir eine Meuterei auf dem 'Stern von Preußen' vorstellen können. Diese Niederträchtigkeit bewahrte die Piraten gleichwohl vor der Bestrafung durch den Damel.

Vielleicht um mich zu trösten, beschenkte er mich reichlich, und unter diesen Gaben war die herrlichste ein Negermädchen aus Futa Toro, schlank wie eine Gazelle, achtsam wie ein Käuzchen, und gutmütig wie ein Welpe. Und das war natürlich niemand anderes als meine Sahima, die hier neben mir sitzt." Der Kapitän legte den Arm um seine dunkle Schönheit und küsste sie auf die Wange, sie lächelte sanft und blickte ein wenig scheu in die Runde.

Der Marquis de Vernet klemmte seine Zigarre zwischen die Lippen und applaudierte. "Ein Hoch auf den König von Preußen, der seine Untertanen noch aus der misslichsten Lage befreit!" Die andern stimmten mit ein. "Ein Hoch auf unsern Kapitän Klauck, der uns mit so erbaulichen Geschichten unterhält!" "Und ein Hoch auf die Schönheit der Frauen von Futa Toro, mögen sie uns ewig bezaubern!"

Die Waldau, so erinnerte sich Jakob Hausmann, zweifelte ein bisschen an der Glaubwürdigkeit dieses Berichts, irgendetwas, meinte sie, sei daran "ungereimt". Immerhin fand sie den Kapitän und seine Negerbraut angenehmer als diesen Giovanni Pineto, den sie geradezu abscheulich fand.

Dabei war er äußerlich keineswegs abstoßend, im Gegenteil, er war ein junger Mann mit einem südländischen, ebenso verführerischen wie gefährlichen Gesichtsausdruck. Er war eher zurückhaltend, aber man konnte sehen, wie es leidenschaftlich in seinem Innern brodelte, eine Leidenschaftlichkeit, so erklärte der Marquis einmal in seiner Abwesenheit, die sich nicht nur in seinem Umgang mit Frauen äußert (von denen fast jedesmal eine andere an seinem Arm hing), sondern auch in einer Verachtung gegenüber jedem, der ihn seiner Meinung nach nicht ernst nimmt.

Die Frauen, die er bei sich hatte, waren durchweg attraktiv und arrogant, sie machten alle eine Miene, als würden sie sagen "Ist es wirklich nötig, Giovanni, daß du dich mit diesen Leuten abgibst?" Doch genau das war es offenbar, was ihn stets wieder in diese Runde führte: er wollte dazugehören, aber er wollte den andern auch insgeheim überlegen sein.

Seltsamerweise, dachte Hausmann, wurde über keinen so viel geredet, wenn er nicht da war, wie über diesen Giovanni Pineto. Aber wenn er dabei war, sprach ihn kaum einer direkt an oder fragte ihn nach seiner Meinung.

Über seine wahre Identität rankten sich diverse Gerüchte (und das war es wohl auch, was ihn letzlich immer wieder interessant machte). Der Marquis, der es sich übrigens als einziger traute, Pineto mit doppeldeutigen Bemerkungen zu provozieren, meinte, er sei ein "Rastaquouère", wie man ihn typischerweise in den Städten dieser Region antrifft.

Aber Carl Adolph widersprach ihm "Oh nein, das ist er nicht, dafür hat er viel zuviel Ehrgefühl. Jabot, erinnert ihr euch an Emile Jabot? Das war ein echter Rastaquouère! Wisst ihr noch, wie er ..." "Was ist ein Rastaquouère?" wollte Charlotte wissen.

Der Herzog von Montesquieu erklärte "Ein Rastaquouère, Gnädigste, ist ein Schmarotzer, der durch sein schmieriges Wesen die Gunst von einflussreichen Personen erwirbt." "Aber ist das nicht ein Widerspruch?", sagte die Waldau, "Wie kann man einen solchen Menschen mögen?" "Häufig", erwiderte Montesquieu, "lassen sich die sogenannten prominenten Persönlichkeiten viel lieber von Scharlatanen und Hochstaplern beeindrucken, als von Leuten mit Verstand und Moral. Und manche der Reichen, die sich hier tummeln, sind entsetzlich dumm, sie fallen auf jedes Kunststück herein, aber sie würden sich um nichts in der Welt vor einem klugen Mann verbeugen."

"Das ist wahr", pflichtete ihm Carl Adolph bei, "aber ich finde, unser Giovanni ist weder ein Scharlatan noch ein Hochstapler. Letztens habe ich mich mit ihm über den Anbau von Edelkastanien unterhalten." "Über was?" "Über Edelkastanien. Auf Korsika, wo er herstammt, gibt es eine Jahrhunderte alte Tradition, Edelkastanien zu kultivieren." "Er kommt aus Korsika?" "Aus Morosaglia. Dort nennen sie die Kastanie auch den Brotbaum." "Ja, und es gibt einen Spruch, der lautet: Die Korsen sind die einzigen Affen, die nicht mehr auf, sondern von den Bäumen leben", meinte der Marquis. Alle lachten, Carl Adolph sagte "Das ist ein grober Scherz. Ich wollte nur andeuten, daß dieser Pineto mehr weiß, als man ihm zutraut." Dann sagte der Comté "Ich für meinen Teil halte ihn für einen Spion."

Um etwas Klarheit in die Sache zu bringen, sprach ihn der Marquis beim nächsten Mal an. "Giovanni, soviel ich weiß, betreiben Sie Kastanienanbau. Wie läuft das Geschäft?" "Es macht viel Arbeit." "Wie kommt es dann, daß Sie sich trotzdem damit beschäftigen?" Giovanni sah ihn finster an, der Montesquieu sagte versöhnlich "Einige von uns finden das interessant." "So? Wer denn?"

"Ich", sagte Charlotte, und Giovanni sah zu ihr hin, auf seinem Gesicht tauchte sogar ein freundlicher Zug auf. "Ich habe bisher überhaupt noch nicht davon gehört, daß man Kastanien ernten kann wie Obst oder wie ... Bohnen. Als Kinder haben wir sie im Herbst mit Stöcken heruntergeschlagen und aufgesammelt, aber nur aus Spaß, dann lagen sie irgendwo auf einem Haufen herum, oder der Oberförster Tenneberg hat sie in den Wald geschafft und an die Tiere verfüttert. Machen Sie auch Tierfutter daraus?"

"Nein Madame. Wovon Sie sprechen, das sind vermutlich Rosskastanien, eine minderwertige Sorte. Wir ernten Edelkastanien und gewinnen daraus Mehl." "Mehl? Sie wollen damit sagen, daß man etwas daraus backen kann?" "Gewiss, eine Art Brot." "Weshalb man sie auch Brotbaum nennt", meinte der Kapitän Klauck.

"Richtig. Kastanienmehl hat einen höheren Sättigungsgrad als Getreide." "Was bedeutet das?" "Daß es als Nahrungsmittel bei geringerer Menge den gleichen Nutzen hat wie beispielsweise Schwarzbrot." "Warum verkaufen Sie es nicht in Paris an die hungernde Bevölkerung?", fragte Ernst Ludwig. "Die Pariser Bäcker wüssten das zu verhindern", sagte Giovanni, als habe er das bereits versucht.

"Aber für die Seefahrer wäre es von Vorteil", sagte der Kapitän. "Da macht es nun wieder keinen großen Unterschied zum herkömmlichen Brot", entgegnete Giovanni und fügte hinzu "einzig für die Armee würde es sich lohnen." "Dann verkaufen Sie es als Kommisbrot?" "Vielleicht, später."

"Sind Sie oft auf Korsika?", fragte Charlotte. "So oft es geht, Madame. Meine Familie lebt dort." "Ist es da schön?" "Wie bitte?" "Ich meine die Landschaft und die Menschen. Würde es sich lohnen, dorthin zu reisen?" "Das kann ich schwer beurteilen, ich bin dort geboren, und das Heimatland trägt man immer im Herzen, aber wie ein Fremder darüber urteilt ...?" Er zuckte mit den Schultern.

Der Marquis sagte "Verzeihen Sie, Madame, wenn Sie sich aus irgendeinem Grund verstecken müssten, dann wären die Berge von Korsika ein geeigneter, beinahe unzugänglicher Ort, nicht wahr, Signore Pineto?" Er kommentierte das nicht, sondern sagte, zu Charlotte gewandt "Wenn Sie die Abgeschiedenheit bevorzugen und dennoch nicht völlig auf menschliche Gesellschaft verzichten möchten, dann wäre diese Insel möglicherweise ein guter Platz."

Herzog Ernst hätte, so dachte Jakob Hausmann jetzt, als er sich an jene Tage erinnerte, zum Thema Kastanien wohl eine kurzweilige Geschichte beisteuern können, sie ereignete sich jedoch erst einige Jahre später:

Johann Eugen, der Bruder des Herzogs, kannte aus seiner holländischen Zeit einen Mann, der durch allerlei wissenschaftliche Experimente auf sich aufmerksam gemacht hatte, vornehmlich zur Elektrizität, die damals für das interessierte Publikum ein ebenso geheimnisvolles wie aufregendes Phänomen war. Er nannte sich Doktor van Martem und war außer ein Wissenschaftler auch ein fleißiger Ingenieur und rühriger Geschäftsmann, der viel in Europa unterwegs war, um aus seinen Entdeckungen und Erfindungen Kapital zu schlagen.

Johann Eugen war seit einiger Zeit aus Italien zurück, als sich Doktor van Martem bei ihm meldete, angeblich befände er sich auf der Durchreise von Frankfurt nach Krakau, der Residenz des polnischen Königs, um dort ebenfalls seine neueste Errungenschaft vorzustellen. Aber er hatte es nicht eilig, und er nahm die Einladung Johann Eugens gern an, für einige Tage in Gotha Station zu machen.

Bemerkt sei noch, daß sich Ernst Ludwig zu dieser Zeit gerade in Hannover aufhielt, und sein Bruder sozusagen die Amtsgeschäfte führte. Es war derzeit nicht unmittelbar die Elektrizität, mit der sich Doktor van Martem beschäftigte, sondern die Bekämpfung des Feuers, das zu einem Brand ausgeartet war.

"Doch so ein Brand", erklärte er Johann Eugen, "wird oftmals durch einen Blitzeinschlag verursacht, und so wirkt auch hier die Elektrizität auf indirektem Wege und mit verheerenden Folgen." Van Martem wusste selbst über den schlimmen Brand Bescheid, der den östlichen Turm des Gothaer Schlosses zerstört hatte, obwohl das mehr als hundert Jahre her war; ja er hatte sogar, woher auch immer, eine horrende Schadensauflistung vom letzten Gothaer Stadtbrand, die er dem staunenden Johann Eugen präsentierte.

Der besaß, wie bereits einmal angedeutet, eine gewisse Spontaneität in seinem Wesen, die ihn leicht für eine Idee begeistern ("entflammen" wäre hier vielleicht das richtige Wort) konnte, und die ihm alle Wissenschaft lediglich zu dem Hauptzweck brauchbar erschien, einen praktischen Nutzen aus ihr zu ziehen, der einem das Leben erleichtert oder es zumindest, wie in diesem Fall, ein bisschen ungefährlicher machen kann.

Diesen seinen Nerv traf Doktor van Martem ziemlich genau, wenn es auch einiger anschaulicher Beispiele bedurfte, bis Johann Eugen sich ein Bild von dem machen konnte, was dem Doktor vorschwebte. "Feuer ist bekanntlich eines der Grundelemente", sagte van Martem, "und Wasser sein Widerpart. Die beiden sind buchstäblich Symbole der Unverträglichkeit.

Feuer, oder besser gesagt: Hitze kann Wasser zu Dampf auflösen, aber nur zu verhältnismäßig kleinen Teilen, wogegen man, theoretisch, jedes Feuer mit Wasser löschen kann, wenn davon genügende Mengen zur Verfügung stehen. Aber das ist natürlich nicht ohne weiteres zu bewerkstelligen, und jede Feuerwehr kennt das Problem der ausreichenden Zufuhr von Löschwasser." "Und worin besteht nun Eure Neuerung, Doktor?"

"Eben darin, daß man die Wirkungskraft des Wassers erhöhen kann, ohne seine Menge zu vergrößern." "Wie das? Wollt Ihr etwa aus einem Liter zwei machen, ohne etwas hinzu zu gießen?" Van Martem lachte. "Gelänge mir dies, wäre ich ein Zauberer und müsste mein Geld nicht mit harter wissenschaftlicher Arbeit verdienen. Nein, das Geheimnis liegt darin, daß man die Oberfläche des Wassers vergrößern muss, damit es sozusagen mehr Feuer erfassen kann.

Stellt Euch eine Welle vor, wie sie ein Sturm auf der Meeresoberfläche erzeugt, je stärker sie wird, um so höher türmt sie sich auf und mit umso mehr Wucht stürzt sie nieder. Aber was passiert genau in diesem Moment?" "Das Boot kentert?" "Welches Boot?" "Ich dachte, da wäre ein Boot auf See. Wir waren damals vor Ostende auch in einen heftigen Sturm geraten und wurden ..." "Ja, vielleicht kentert das Boot, aber viel wichtiger ist es jetzt, auf die Welle zu achten und zu erkennen, was mit ihr vorgeht: sie schäumt!"

"Sie schäumt." "Ja, sie schäumt. Und Schaum bedeutet, daß das Wasser seine Oberfläche vergrößert, es zerteilt sich, es bildet Blasen, die - jede einzelne - physikalisch gesehen, eine Kugel mit einer bestimmten Oberfläche darstellt." "Man muss also das Löschwasser zu Schaum machen, um es effizienter einsetzen zu können." "So ist es. Und ich habe eine Substanz gefunden, mit der man das Wasser aufschäumen kann." "Tatsächlich? Wo bekommt man das Zeug her?"

Doktor van Martem kam näher an Johann Eugen heran und senkte die Stimme. "Es gibt in Südamerika einen Baum, aus dessen Rinde man den Stoff gewinnen kann." "Ich dachte, Ihr seid unterwegs nach Krakau?" "Was?" "Ach, Ihr wollt Geld eintreiben für eine Expedition nach Südamerika?" "Aber nein, das überlassen ich anderen, die schon da hin aufgebrochen sind. Ich muss nicht nach Südamerika reisen, um mir diesen Stoff zu beschaffen, es gibt ihn hier." "Wo?" "Er kommt vor im Roten Fingerhut." "Der bei uns auf den Berghängen wächst?" "Ja, und zwar in Unmengen. Wenn man ihn daraus extrahiert, etwas davon ins Wasser gibt und dann kräftig schüttelt, entsteht eine Art Seifenschaum, aus einem Glas Wasser kann man einen ganzen Eimer voll Schaum machen."

"Ihr seid ein richtiger Schaumschläger, mein guter van Martem! Und nun wollt Ihr von mir die Erlaubnis, in unseren Wäldern Fingerhut zu sammeln?" "Das wäre zu aufwändig. Es gibt eine ähnliche Substanz auch noch anderswo, und zwar in Kastanien." "Das ist ja zum Schießen, was Ihr alles herausfindet!" "Nun ja, das hat mich nicht wenig Zeit meines Lebens gekostet."

Johann Eugen überlegte einen Augenblick, dann fragte er van Martem "Könntet Ihr das demonstrieren? Ich meine, könnte man eine Vorführung veranstalten, bei der man die Wirkung und den Nutzen dieses Löschwassers zeigen kann?" "Ohne weiteres", erwiderte van Martem, "man müsste einfach ein provisorisches Gebäude errichten, meinetwegen einen einfachen Holzschuppen, ihn anzünden und das Feuer löschen, wenn es ordentlich lodert." "Das wäre ein Gaudi! Mal was anderes als unsere langweiligen Theaterstücke, wo immer bloß die Requisiten umfallen."

"Meint Ihr, wir müssten nicht so lange warten, bis der Herzog wieder da ist?", fragte van Martem leutselig. "Ach woher denn, ich bin momentan an seiner statt, ich treffe die Entscheidungen." "Umso besser", meinte van Martem und rieb sich die Hände. Johann Eugen verkündete "Sagt, was Ihr braucht, und ich besorge es Euch. Und ich weiß auch schon, wo wir das Ding abfackeln werden."

Er hatte dafür die kleine Wiese am Westende des Parks auserkoren, deren eine Längsseite an den alten Wallgraben grenzte und wo hinter einer Reihe von Buchen die noblen, hellen Bürgerhäuser der Georgenthaler Chaussee prangten. Dort wohnten die Rombergs und Beckers und Jugendfands und wie sie alle hießen, die Manufakturbesitzer und Geschäftsinhaber, Zeitungsverleger und Handelsleute und jene, die im Stadtrat das Sagen hatten und keine Gelegenheit ausließen, um gegen herzogliche Privilegien oder auch nur gegen angestammte Gewohnheitsrechte zu Felde zu ziehen.

Als im vergangenen Herbst der Hofgärtner Strobel seine Mannen das Laub im herzoglichen Park zusammenhäufen und verbrennen ließ, wie es jedes Jahr um diese Zeit geschah, da beschwerten sich tags darauf just jene Anwohner der Georgenthaler Chaussee wegen des "beißenden" Rauchs, den der Wind in ihre Richtung herübergetragen hätte. Ja, angeblich hatte eine der Jugendfand'schen Töchter eine Reizung der Bronchien erlitten; der Doktor Jugendfand entblödete sich nicht, dem Herzog die Arztrechnung zu präsentieren: 7 Taler, 12 Groschen, wie sich Johann Eugen genau erinnerte; dafür hätte man zu seiner Zeit die wöchentliche Dosis Läusepulver für ein ganzes Regiment einkaufen können. Aber Läuse hatten die Jugendfand'schen Gören natürlich nicht, die waren ja so piekfein! Und seitdem die Bürgerhäuser eine nagelneue Wasserleitung erhalten hatten, fühlten sich die Honoratioren sowieso wie die Söhne der Hygiea.

Wer denn dafür verantwortlich sei, die Pferdeäpfel von der Chaussee zu räumen, welche die Friedensteiner Dragoner da "en masse" hinterlassen haben? Um diese Frage zu klären, schickte der Stadtrat eine Petition ins Schloss, unterzeichnet von nicht weniger als siebzehn Leuten einschließlich dem Bürgermeister, mit der "Bitte" um unverzügliche Antwort, denn - so hieß es darin - "durch die in letzter Zeit des öfteren erfolgte Benutzung der Georgenthaler Chaussee durch dero Herzogliche Dragoner auf dem Weg ins Übungsgelände am Wackerholz ist der Zustand des Straßenpflasters sehr in Mitleidenschaft gezogen worden, dergestalt, daß nicht nur durch die Pferdehufe deutliche Schlagspuren entstanden sind, sondern durch die Exkremente derselben(!) ein höchst unschöner und namentlich auf Besucher unserer Stadt äußerst abstoßend wirkender Unflat die Straße bedeckt, der überdies einen impertinenten Gestank verbreitet und die Anwohner daran hindert, ihre Fenster zum Lüften zu öffnen."

Es sollte daher so schnell wie möglich Abhilfe geschaffen werden, wofür die Herren sogar einen Vorschlag unterbreiteten, der wiederum darauf hinauslief, daß der Herzog die Kosten für die Beseitigung vollständig übernimmt. Und der gutmütige Bruder erklärte sich damit einverstanden! Wie viel hatte Ernst Ludwig in den vergangenen Jahren für die allgemeine Wohlfahrt gestiftet und gespendet! Für die Witwen- und Waisenkasse, für die Armenspeisung, für das Elisabeth Hospital oder das Werkhaus für halbwüchsige Übeltäter.

Und immer hat man es mit offenen Händen und einem falschen Lächeln empfangen. Und mit der Zeit hat man es für eine Selbstverständlichkeit gehalten, daß der Herzog sich um das Wohl seiner Untertanen sorgt und kümmert. Und die Rombergs und Jugendfands und Dietrichs und Blumentals, die haben derweil den Reibach gemacht mit ihren Gewerben und Geschäften, und kaum einer von denen hat davon etwas für die Gemeinschaft abgegeben.

Johann Eugen konnte sich in seinen Abscheu vor dem noblen Bürgertum geradezu hineinsteigern, am liebsten hätte der dem Jugendfand sein eigenes Haus angezündet und dann mit van Martems Universalschaum eingeschmiert, daß es auf Wochen unbewohnbar gewesen wäre.

Leider musste er zur Demonstration der großartigen Wirkung von Doktor van Martems Löschwasser auf ein anderes Gebäude zurückgreifen, nämlich auf den kleinen Pavillon, der auf der besagten Wiese stand. Es war ein weißgestrichener, halboffener Holzbau mit achteckigem Grundriss und dunklen Schindeln, an dem bereits an mehreren Stellen der Zahn der Zeit genagt hatte. Johann Eugen mochte diesen Pavillon ohnehin nicht (er konnte nicht recht sagen, warum) und so kam ihm die Gelegenheit zupass, die "Bretterbude" ein für allemal zu beseitigen.

Van Martem hatte sich bereits mit der Feuerwehr verständigt und unterbreitete Johann Eugen den Ablaufplan der Veranstaltung, der so perfekt aussah, daß sich der Gothaer im stillen wunderte, wie van Martem dies von einem Tag auf den andern hatte organisieren können. Demnach sollte ein Löschzug unter dem Kommando des Brandmeisters Ehlert (mit dem Johann Eugen nicht eben auf freundschaftlichem Fuße stand) die Feuerbekämpfung übernehmen. Der Wassertank war dafür mit van Martems Spezialmischung gefüllt, und der Pumpenführer Goltz hatte bereits ausprobiert, ob das Gebräu auch wirklich wie erwartet durch den Schlauch und aus der Spritze schießt, er äußerte sich hierüber sehr günstig.

Nun musste aber der Pavillon vorher "präpariert" werden, wie van Martem sagte. Dazu wurde er innen mit Strohballen vollgestopft, auf welche auch noch Öl gegossen wurde, und außen mit alten trockenen Brettern vernagelt, die zuletzt mit Teer bestrichen wurden. "Darauf könnt Ihr Euch verlassen", erwiderte van Martem auf Johann Eugens Frage, ob denn das ganze auch einen ordentlichen Gestank verbreitet, wenn es brennt. Er überlegte, wie er den Qualm zu den Bürgerhäusern hin treiben könnte, aber da fiel ihm auf die Schnelle nichts ein und er konnte bloß auf einen hilfreichen Wind hoffen.

Van Martem ließ den Pavillon über Nacht sogar bewachen, damit ihnen nicht etwa irgendwer einen Streich spiele und ihn vorzeitig anzündet. Johann Eugen trank zum Abend ein Glas von dem Madeira, den ihm van Martem geschenkt hatte, las einen Abschnitt aus der Biographie des Crassus und fiel dann mit einiger Vorfreude auf das morgige Spektakel in tiefen Schlaf.

Er wachte auf, als es schon Mittag vorbei war, und er brauchte einen Moment, bis er sich besinnen konnte, wo er ist. Er fluchte, warum man ihn nicht geweckt habe, er befürchtete schon, der Doktor habe ohne ihn angefangen. Er kleidete sich rasch an und eilte auf die Wiese im Park. Noch im Schloss traf er auf den Hofmarschall, der ihn wegen einer Rechnung sprechen wollte, er hielt das Papier in der Rechten und machte eine saure Miene. "Jetzt nicht", sagte Johann Eugen und schob den Hofmarschall beiseite. "Aber jetzt ist es noch nicht zu spät", rief der ihm hinterher, doch Johann Eugen überhörte ihn.

Auf der Wiese bot sich ihm ein grandioser Anblick. Van Martem hatte zu drei Seiten um den Pavillon eine Absperrung aus Pfählen und Seilen errichtet, und dahinter hatte sich eine sensationslustige Menschenmenge versammelt, die sich das Schauspiel nicht entgehen lassen wollte. Was Johann Eugen nicht wusste: der Doktor hatte die Vorführung in der Stadt publik gemacht und dazu auch einige Vertreter des Stadtrats eingeladen, und zwar im Namen des "amtierenden" Herzogs!

So staunte Johann Eugen jetzt nicht schlecht, als er die verhassten Gesichter der Dietrichs und Rombergs und Blumentals sah, und natürlich auch den Jugendfand mit seiner mächtigen blonden Mähne und den Schreiberling Becker mit Stift und Block in Händen. 'Lieber Gott', sagte Johann Eugen zu sich selbst, 'gib' mir eine ordentliche Böe auf diese Arschlöcher.'

Die empfingen ihn alle mit Applaus. Linker Hand stand die Feuerwehr, Pumpenführer Goltz und vier Uniformierte in "Hab Acht" Stellung, ein Stück daneben van Martem im Sonntagsanzug und Brandmeister Ehlert, der seinen Helm unter den Arm geklemmt hatte. Den pechschwarzen Pavillon, der in der Sonne schon irgendwie zu dampfen anfing, säumten zwei Burschen mit Fackeln, bereit, auf das Kommando hin den Brand zu stiften, auf den alle warteten.

Brandmeister Ehlert setzte den Helm auf, marschierte auf Johann Eugen zu und machte ihm eine straffe Meldung. Johann Eugen war so perplex, daß er sie statt mit der rechten, mit der andern Hand erwiderte. Aber Ehlert hatte sich schon umgedreht, machte ein paar Schritte auf die Zündlinge zu, blieb stehen und brüllte "Gebt Feuer!", worauf das Publikum wiederum applaudierte, und die beiden Burschen mit den Fackeln an der Bretterwand des Pavillons entlangfuhren.

Mit beinahe explosionsartiger Wucht entflammte die ganze Bude, und die Hitze war so heftig, daß die Leute mit einem Aufschrei zurückwichen. Das geteerte Holz begann zu prasseln, es knallte und zischte, und überall flogen brennende Späne zur Seite. Eine schwarze Rauchsäule stieg hoch auf, und in letzter Sekunde krochen ein paar Ratten unter dem Pavillon hervor und flitzten über den Rasen davon.

Er brannte so rasant ab, daß man Mühe hatte, den Löschwagen schnell genug umzuwenden, und dann verhakte sich auch noch irgendein Bügel an der Schlauchrolle, und Ehlert und van Martem schickten drohende Blicke zum Pumpenführer Goltz hinüber, der offenbar seiner Aufgabe nicht ganz gewachsen war. Ehlert gestikulierte wild herum, Goltz antwortete mit ebenso konfusen Bewegungen, und nur Johann Eugen schien zufrieden, als er sah, wie der Jugendfand einen Hustenanfall bekam, und die anderen sich die Hüte gegen den Qualm vors Gesicht hielten.

Da geschah etwas gänzlich Unerwartetes: ein Reiter sprengte in vollem Galopp heran und schrie aus Leibeskräften "Feuer! Feuer!" Die Menge lachte über den Kerl, der, wie an seiner Uniform zu erkennen war, einer von Ehlerts Männern war. "Was soll der Unfug, Hessel!" schnauzte ihn der Brandmeister an.

"Es brennt!" "Natürlich brennt es, wir haben es ja selber angezündet." Der Pumpenführer Goltz stand reglos auf dem Wagen, van Martems Blicke gingen zwischen dem Feuer und dem Löschwagen hin und her, "Schnell! Schnell! Unten im Heutal brennt die Brauerei!", stieß der atemlose Reiter hervor. "Die Brauerei brennt?", wiederholte Ehlert, der sichtlich bemüht war, die Ruhe zu bewahren.

Er brauchte nur einige Sekunden zum Überlegen, dann brüllte er mit seiner Bärenstimme "Pumpenführer Goltz! Der ganze Zug sofort ins Heutal! Abmarsch!" "Zu Befehl!", krähte Goltz, ließ den Wagen abermals wenden und gab den Pferden die Peitsche, daß sie davonpreschten und unter ihren Hufen die Grasbrocken aufflogen.

"Geben Sie mir das Pferd", sagte Ehlert zu dem Melder. Der ließ sich hinabgleiten und sank erschöpft auf den Boden, während sich der Brandmeister mit behändem Schwung aufsetzte und dem Löschwagen folgte. Van Martem stand wie versteinert da.

Der Pavillon war bereits fast ganz heruntergebrannt, die Strohballen glühten von innen heraus wie Sonnenwürfel, der Jugendfand und die anderen verließen den Platz, die Leute zerstreuten sich, ein paar mutige Jungen trauten sich an die Brandstätte heran, der Rauch verzog sich, in den Bäumen begannen die Vögel wieder zu zwitschern.

Am Nachmittag informierte sich Johann Eugen über den Brand in der Brauerei. Brandmeister Ehlert ließ ihm ausrichten, daß man das Feuer dank des beherzten Einsatzes seiner Männer "und mit Hilfe der ausgesprochen guten Wirkung des Löschwassers" rasch unter Kontrolle bekommen und den Schaden in Grenzen gehalten hatte.

Van Martem ließ sich nirgends blicken. Der Hofmarschall behelligte Johann Eugen am nächsten Tag wieder mit der Rechnung, und dem stieg die Zornesröte ins Gesicht, als er sah, daß es sich um eine Auflistung der Kosten handelte, die Doktor van Martem dem Herzog für seine Vorführung in Rechnung stellt. Noch für die kleinste Nebensächlichkeit verlangte der Holländer Geld, sogar "10 mal Ersatzfackeln" waren aufgeführt.

Beinahe noch wütender wurde er aber, als er erfuhr, daß van Martem mit der Feuerwehr einen Geschäftsvertrag über die Verwendung seines Zusatzmittels geschlossen hatte, in dem vereinbart war, daß "wie besprochen" der Herzog sich zu einem Drittel an den Kosten dafür beteiligt. Der Hofmarschall wies ihn darauf hin, daß die Rechnung eine Klausel enthält, nach welcher Johann Eugen zur Zahlung "nach erfolgter öffentlicher Demonstration der Brandlöschung" verpflichtet sei. "Besser, Sie hätten gestern auf mich gehört", sagte der Hofmarschall.

"Dieses Schlitzohr!", fluchte Johann Eugen. "Was können wir dagegen tun?" Der Hofmarschall zuckte mit den Schultern. Sie überlegten beide eine Weile. Vor allem, dachte Johann Eugen, konnte man die Sache nicht vor seinem Bruder verheimlichen, der darüber wahrscheinlich alles andere als amüsiert wäre.

Da sagte der Hofmarschall "Hier steht, daß die Summe unter der Bedingung der erfolgreichen Löschung des Brandes fällig wird." "Ja, und?" "Nun, das Feuer am Pavillon wurde gar nicht gelöscht. Und der Brand in der Brauerei war keine öffentliche Demonstration." Johann Eugen sah den Hofmarschall an, dann brach er in schallendes Lachen aus, er konnte sich fast eine Stunde lang nicht wieder einkriegen vor so viel Glück.

Als van Martem schließlich gegen Abend erschien, "um die Angelegenheit zu einem guten Ende zu führen", zeigte sich Johann Eugen sehr zufrieden mit der Aktion, auch wenn er auf die Probation seines Wundermittels vergeblich habe warten müssen. Van Martem ahnte wohl, daß sein Plan nicht mehr aufging, als er äußerte, an der Rechnung wären vielleicht der eine und andere Posten zu korrigieren. Das sei gar nicht nötig, entgegnete Johann Eugen, "da ja die ganze Rechnung hinfällig ist." Und der Hofmarschall, der ebenfalls zugegen war, las van Martem den betreffenden Passus vor.

So schnell wollte der Doktor aber nicht klein beigeben. Er drohte Johann Eugen mit einer Klage, er war auf einmal wie ausgewechselt und sprach in einem Ton wie der Kaufmann von Venedig. Da sagte Johann Eugen ganz ruhig "Lieber Doktor van Martem, wozu sollen wir uns streiten wegen so einer Lappalie. Lassen Sie uns ein Glas auf unsere alte Freundschaft trinken, von Ihrem köstlichen Madeira, den Sie so freundlich waren, mir zu überreichen." Van Martems Gesicht verzog sich in ohnmächtigem Groll, und Johann Eugen fügte hinzu "Oder sollte ich ihn aufheben, damit ich das Geheimnis seines unvergleichlichen Bouquets ergründen lassen kann?"

Der Holländer lehnte dankend ab, verbeugte sich und verließ Gotha auf Nimmerwiedersehen. Zwei Tage später kehrte Herzog Ernst nach Hause zurück. Der Bruder erzählte ihm ausführlich die Geschichte, nur die unverschämte Rechnung ließ er weg. Zu seinem Bedauern musste er feststellen, daß Ernst Ludwig über den Verlust des Pavillons nicht wenig verstimmt war, und er brauchte viel Überredungskunst, um ihn davon zu überzeugen, daß damit ja Platz geschaffen wäre für einen neuen, schöneren, den zu erbauen er, Johann Eugen, sich sofort bereiterklärte.

In der Nacht wachte er plötzlich auf, es träumte ihm, er habe Ernst mit einem Mädchen im Pavillon erwischt, wie sie gerade dabei waren, unanständige Dinge zu tun. Alle drei, Johann Eugen, der Bruder und das Mädchen waren kaum älter als vierzehn. Er setzte sich im Bett auf und schaute nach dem Fenster hin, wo der Mond sein Licht hereinwarf. Er konnte nicht sagen, ob dieser Traum auf einer wahren Begebenheit beruhte, die in seiner Erinnerung begraben gewesen war, aber ein ebenso unbestimmtes wie hartnäckiges Gefühl deutete darauf hin. Sollte dies die Ursache dafür gewesen sein, daß er sich so viele Jahre hindurch über diesen blöden Pavillon geärgert hatte?

Wie dem auch war, Johann Eugen errichtete einen neuen an derselben Stelle, tatsächlich schöner als der vorige und umgeben von drei Viertelkreisen zierliche Buchenhecke, welcher der Hofgärtner Strobel jedes Jahr einen kunstvollen Schnitt verpasste, bis er in den Ruhestand ging. Wie durch einen geheimen Entschluss bewahrte die Hecke auch fürderhin ihre Form.

Über zwanzig Jahre nach dem dubiosen Feuerwehreinsatz saßen die Prinzessin Luise und die Sophie Romberg zusammen im Pavillon und fragten sich gegenseitig den Kleinen Katechismus des Doktor Martin Luther ab, denn die Mädchen, die beide Ende letzten Jahres ihren fünfzehnten Geburtstag gefeiert hatten, sollten diesen Sommer ihre Konfirmation erhalten, und bis dahin waren es nur noch vierzehn Tage!

Der Gymnasialdirektor und Garnisonsprediger Amelung, der außer für den Unterricht in den andern Fächern auch für Luises Unterweisung in der Religion zuständig war, hatte ihr den Ablauf der feierlichen Konfirmation und Einsegung in groben Zügen erklärt, und danach zu urteilen war es eine ziemlich harte Nuss, die das Mädchen da knacken sollte.

Da war ihre beste Freundin Sophie eine Art Leidensgefährtin. Sie stand, wie gesagt, vor demselben Examen, nur mit dem Unterschied, daß die Sophie Romberg vom städtischen Pfarrer Scherzer in der Augustinerkirche, Luise dagegen in der Schlosskirche vom Oberkonsistorialrat konfirmiert werden sollte.

Bei dem Gedanken daran musste Luise ständig an den Fingernägeln knabbern. "Glaube nicht", sagte Sophie, als könnte sie dadurch die andere bestärken, "daß der Pfarrer Scherzer ein lustiger Mann ist, bloß weil er so heißt. Ich habe gehört, er kann ganz schön zwickliche Fragen stellen, wenn er will." "Was meinst du mit 'zwickliche' Fragen?" "Na, man kriegt doch Fragen gestellt, die richtig beantwortet werden müssen."

"Ja, das weiß ich. Aber was für Fragen?" "Hat dir der Amelung das nicht gesagt?" "Er hat gesagt, ich soll mir den Katechismus durchlesen und am besten auswendig lernen, jedenfalls das Glaubensbekenntnis und das Vaterunser." "Genau." "Aber was ist daran zwicklich?" "Na, ich hab' nur gesagt: zwicklich, weil es ... ich meine, der Pfarrer Scherzer lässt einem auch nichts durchgehen."

Luise nahm die Finger vom Mund und schlug die Hände flach auf das offene Buch. "Was soll das denn heißen? Glaubst du, der Amelung oder der Wiedenmann (das war der Oberkonsistorialrat) würden mich absichtlich schonen?" "Ganz und gar nicht", versetzte Sophie, "ich meine, auf dir lastet sogar ein viel größerer Druck, weil deine Konfirmation öffentlich ist." "Deine doch auch." "Ja, aber zu deiner kommen garantiert viel mehr Leute, die das sehen wollen."

Luise sah die Freundin groß an, sie wollte unwillkürlich die Finger zum Mund nehmen, bezwang sich aber und sagte verunsichert "Und wenn sie alle nur kommen, um zu sehen, wie ich mich blamiere?" "Na ja, das kann schon passieren." "Schönen Dank auch!" "Ich meine nicht, daß du dich blamierst." "Aber ich werde mich blamieren, wenn ich nicht weiß, was für Fragen gestellt werden. Der Amelung hat gemeint, es wären über zweihundert." "Was?" "Fragen!"

Sophie stieß einen ungläubigen Lacher aus. "Zweihundert?" "Noch mehr." "Wie lange soll denn das dauern? Soll das die ganze Nacht durch gehen? Rechne doch mal nach, wenn du für jede Frage eine Minute brauchst, dann dauert das schon allein drei Stunden!" "Eine Minute ist viel zu lang für eine Frage, das geht viel schneller. Frage gestellt! Zack! Bumm! Antwort. Nächste Frage. Drei Stunden, du bist wohl verrückt! Da können die mir gleich das Sterbesakrament mit dazu geben."

"Was war das denn?" "Was?" Sophie fasste sich an den Hinterkopf. "Ich hab' grad was abgekriegt." "Du bist schon ganz ... Aua!" Zu ihren Füßen kullerte eine trockene Erbse übers Holz. Sie drehten sich um und blickten nach dem Gebüsch. Sophie kniete sich auf die Sitzbank, stemmte die Arme aufs Geländer und rief "He! Komm her, wenn du was willst!" "Wer ist das?", flüsterte Luise. "Keine Ahnung." Dann rief sie hinüber "Ich weiß, wer du bist! Ich sag's deinen Eltern!" Man hörte ein freches Lachen.

"Das ist mein Ernst", wetterte Sophie. "Ich bin nicht dein Ernst", antwortete eine Bubenstimme, und gleich danach pfiff wieder eine Erbse zwischen ihnen hindurch. "So was Kindisches!", empörte sich Luise. "Ja, und ein Feigling bist du obendrein! Zeig dich doch, wenn du Mumm hast! Wahrscheinlich hast du die Hosen schon voll." Kurze Pause. "Voll von was?", kam die Frage. Da war noch ein anderer.

Luise musste lachen, sie steckte Sophie an, und die rief "Voll Kacke!" Luise riss den Mund auf. "Oho!" "Hosenscheißer!", setzte Sophie nach. "Ssssst!", machte Luise und schüttelte die Hand, "Wenn uns jemand hört!" "Na und? Dann wissen's wenigstens alle, was die da für ..." Da kläffte plötzlich ein Hund, und in dem Gebüsch bewegte sich was.

"Da schau an", murmelte Sophie, "wenn das nicht der Feller Franze ist." "Du kennst die?" Der rackige Köter hatte die beiden Jungen hervorgescheucht, und sie rannten querbeet über die Wiese, der Hund hinterher.

Was musste Luise jetzt staunen, als Sophie auf zwei Fingern einen scharfen Pfiff hervorbrachte. Die Jungs blieben stehen und wussten nicht recht, wer gemeint war, dann kamen sie herüber, und der Hund ebenfalls. Hinter ihm erschien das Herrchen, ein Mann im hellen Anzug, er rief "Der tut nichts!"

"Wie heißt der?", fragte Sophie. "Willibald." Es war eine Art Pudel, er sprang außen an der Balustrade hoch, und die Mädchen beugten sich herüber, und Luise schwenkte ihr Taschentuch über seiner Schnauze. Die Jungen standen unschlüssig dabei. "Ist alles in Ordnung?", fragte der Mann. "Ähm ..." "Ja, alles in Ordnung", sagte Sophie. "Ach da!", sagte der Mann, "die Prinzessin Luise. Ich habe gelesen, Ihr habt demnächst Euern großen Feiertag." "Am neunzehnten." "Das werde ich mir nicht entgehen lassen." "Aber Sie müssen rechtzeitig erscheinen, wenn Sie noch einen guten Platz ergattern wollen." "Komm, lass uns verschwinden", sagte der Junge, den Sophie Franz genannt hatte. Der Pudel sauste plötzlich davon, er hatte irgendetwas gewittert, der Mann sagte "Also dann, einen schönen Tag noch den Damen" und lief dem Hund nach.

Franz zog den andern am Ärmel. Sophie sagte "Ihr könnt jetzt auch gehen, wir wissen ja nun, wer's war." "Wer was war?", fragte der andere. Er war etwas kleiner als Franz und hatte ein hübsches Gesicht mit schönen dunklen Augen, die Luise sogleich aufgefallen waren. "Die die Erbsen auf uns geschnipst haben!" Franz trat einen Schritt vor. "Geschnipst?", sagte er mit verächtlichem Lachen, "Vielleicht erklärst du mir mal, Romberg, wie man auf die Entfernung schnipsen kann!" "Erklär' du mir's doch, Franz Feller!"

Er kam noch einen Schritt näher und zog hinten aus dem Hosenbund ein Blasrohr aus Holunderholz hervor, die Rinde war abgeschält, und es war hell, wie blankpoliert. Sophie staunte. "Uiiihh, das sieht aber toll aus!" "Ja, nicht wahr. Hab' ich selber gebaut." "Wusste gar nicht, daß du so geschickt bist." "Bah! Romberg, was weißt du denn schon!" "Nenn' mich nicht dauernd Romberg, du kennst doch meinen Vornamen." "Sophia." "Nee, Sophiiieee!"

"Und wie heißt dein Freund?", fragte Luise. Franz drehte sich zu ihm um. "Lukas." Sophie lachte. "Was gibt's da zu lachen?" "Lukas und Luise! Das klingt doch lustig." Luise boxte die andere in die Schulter. "Sei still." "Hast du Angst vor uns, Lukas?", rief Sophie. "Nö, warum?" "Weil du dich nicht hertraust, wir beißen nicht." "Hab' ich auch nicht gedacht." "Um so besser."

Dann wandte sie sich an Franz. "Kann ich das Blasrohr mal haben?" Er zögerte. "Hach, Mensch, ich werd's schon nicht kaputt machen." "Wehe, wenn!" Sie nahm es ihm aus der Hand, sprang von der Bank, machte einen Satz zurück, hielt es in die Höhe und rief "So, und jetzt könnt ihr abhauen!"

Franz stampfte mit dem Fuß auf. "Miststück!" "He!", empörte sich Luise, "so redet keiner über meine beste Freundin." "Was habt ihr jetzt vor?", fragte Lukas, und Luise gefiel es, wie er die Augenbrauen dabei hochzog.

"Mal sehen", sagte Sophie und schaute damit wie mit einem Fernrohr auf die beiden, "Ihre Durchlaucht beim Katechismus von hinten bespuckt, oh oh, das ruft nach harter Bestrafung!" "Bei was?", fragte Franz.

"Sie hat demnächst ihre Konfirmation", erklärte Lukas. "Was ist das?" Sophie ließ das Blasrohr sinken. "Du grüne Neune! Was bist du? Ein Jude?" "Was?" Lukas lachte, und Luise lachte auch. Ihr Taschentuch fiel herunter, und Lukas sprang schnell herzu und hob es auf. "Danke."

Sophie klopfte mit dem Rohr auf die Handfläche. "Dir müssen wir wohl erstmal eine Moralpredigt halten." "Spiel dich nicht so auf, Romberg!" "Er ist katholisch", sagte Lukas. "Na, da hast du doch auch so was ... gehabt. Mit Fragen und Spruch und Heiligem Abendmahl und dem ganzen Kram." "Du meinst die Firmung?" "Kann sein, wenn's bei euch so heißt." "Das hab' ich längst hinter mir." "Ach so? Wie alt bist du denn?" "Gib' mir mein Blasrohr wieder. Komm' Lukas, lass uns gehen." "Das interessiert dich wohl nicht?", meinte Sophie ein bisschen enttäuscht. "Was denn? Dein Gequatsche vom Abendmahl? Nee, nicht besonders." "Und was dann?" "Wie, was dann?" "Was interessiert dich denn?" Franz schaute sie ein wenig hilflos an. "Aus dir soll man schlau werden, Romberg!"

Sophie biss sich auf die Lippen. Alle schwiegen. "Da hast du dein blödes Rohr." Er fing es auf. "Tut uns leid", sagte Lukas, "ich meine, wegen den Erbsen, wir haben euch nicht erkannt." "Pfff!", machte Sophie. Franz schaute über ihre Köpfe hinweg. "Los jetzt, Lukas!" "Werdet ihr uns verpfeifen?" "Glaubt nicht, daß ihr so einfach davonkommt."

"Guten Tag, die Herrschaften!" Luise fuhr herum. "Onkel Friedrich! Was machst du denn hier?" "Ist das eine Begrüßung?" "Ich ... wir ..." Sophie streckte den Arm aus. "Euer Hochwohlgeboren, die Jungs da ..." "... sie haben uns gezeigt, wie man mit einem Blasrohr auf ... auf Spatzen schießt", fiel Luise dazwischen. "Ach ja? Hier im Garten?" "Und Sophie kann auf zwei Fingern pfeifen, glaubst du das? Mach mal, Sophie." Sophie schaute weg. "Na los, zeig's meinem Onkel." "Nee, ist mir jetzt unangenehm."

"Haben Sie gesehen, daß drüben am Teich eine Rohrdommel brütet?", fragte Franz den Prinzen. "Tatsächlich?" "Ja, sie hat ihr Nest mitten im Schilf." Lukas wandte den Kopf zu ihm hin, man sah, daß eigentlich er es gewesen war, der den Vogel am Teich entdeckt hatte. "Wie seid ihr der denn auf die Spur gekommen? Rohrdommeln sind sehr scheu." "Und sie können sich gut tarnen", sagte Lukas. "Was heißt das, tarnen?", wollte Luise wissen. "Sie verstecken sich, indem sie sich ihrer Umgebung anpassen." Luise sah ihn an, als wäre das die Antwort auf alle Fragen.

Onkel Friedrich sagte "Man nennt das bei den Rohrdommeln auch die 'Pfahlstellung', sie sehen aus wie ein Bündel Schilfrohre, selbst die jüngsten können das schon, kaum daß sie geboren wurden." "Ist ja putzig", sagte Sophie, und Franz meinte "Die müssen das eben können, es gibt ja keine Vogelschule oder so was, wo sie's erst lernen können." Er redete immer ein bisschen großspurig, und Sophie, obwohl sie ihm anscheinend widersprach, blieb davon nicht unbeeindruckt. "Klar gibt es eine Vogelschule, Franz Feller." "Ja, vielleicht bei dir da oben drin, da piept's immer so komisch."

"Sie hat recht", meinte Luise, "es gibt ja auch Vogelhäuser und eine Vogelhochzeit", und Lukas und Onkel Friedrich lachten. "Na was? Ihr kennt wohl nicht das Lied?" "Ja, schon", sagte Lukas, "aber ...", er schaute zum Onkel, "glauben Sie das?" "Schwer zu sagen, manche Dinge gibt es, die man nicht sieht." "Sie meinen, manche Dinge kann man nicht sehen?", sagte Franz. "Ja, zum Beispiel deinen Grips", versetzte Sophie. "Vielleicht gab es ja in früherer Zeit öfter Vogelhochzeiten, und jetzt nicht mehr", bemerkte Luise, und Lukas fragte "Und warum nicht mehr?"

"Weil sie jetzt auch so Kinder machen", erklärte Franz. "Oho", sagte Luise und wurde tatsächlich rot im Gesicht, "stimmt das, Onkel Friedrich?" Er schaute sie an, und er bemerkte den feinen naiven und doch verschmitzten Zug auf ihrem Gesicht, sie sah aus wie ihre Mutter!

"Ich habe keine Ahnung, ich war noch nie zu einer Vogelhochzeit eingeladen, aber das soll nicht heißen, daß es sie nicht gibt." "Warum sind Sie eigentlich nicht verheiratet?" "Sophie!", zischte Luise. "Oh, Verzeihung!" "Sie ist neugieriger wie eine Schlange", sagte Franz. Onkel Friedrich sah sie milde an, er wollte etwas erwidern, aber Lukas sagte "Auf dem Kranberg haben sie jetzt Muscheln gefunden, die aus dem Meer stammen."

Sie schauten ihn alle verwundert an, Franz meinte "Und ich dachte, ich würde manchmal schon verrücktes Zeug reden." Sophie lachte. "Wie kommst du darauf?", fragte ihn Luise. "Ist mir jetzt so eingefallen, weil es ja auch ... ach ich weiß nicht mehr, was ich gedacht habe." "Alles klar", murmelte Franz.

Onkel Friedrich erklärte "Das war der Gotthardt, der das gefunden hat." "Ja, genau, so heißt er, er wohnt in der Gretengasse. Er wandert ständig über den Kranberg und sammelt Muscheln und Schneckenhäuser und so'n Zeug. Die wollten ihn deswegen schon mal nach Mühlhausen schaffen." "Was ist in Mühlhausen? Gibt's da auch Muscheln?" "Mensch, in Mühlhausen ist die Klapsmühle", sagte Franz.

"Na, ja, ein bisschen wunderlich ist der Kerl schon", sagte Onkel Friedrich, "aber die Sache mit den Muscheln ist wirklich wahr. Es handelt sich um sogenannte Petrefacten." "Sind die giftig?" "Nein. Das Wort stammt aus dem Griechischen und kommt von Petra, der Stein." "Und von Fackel, das Feuer", sagte Franz, "deswegen nennt man sie auch Feuersteine." "Pass mal auf, wenn's bei dir gleich funkt, Franz Feller."

"Der Kalk von den Muschelschalen ist versteinert, und man findet auch Schneckenhäuser, die wie eine Spirale gerollt sind, manche haben einen Durchmesser von einer Untertasse." "Wie sind die da hin gekommen, da ist doch gar kein Meer." "Das ist eine gute Frage, Luise. Man weiß es nicht genau." "Vielleicht weiß es der Gotthardt." "Ja, aber ob der's verrät." "Man müsste ihn nach Mühlhausen schaffen und es aus ihm herauspressen, so wie früher, wenn sie die Leute gefoltert haben." "Franz Feller! Halt deine Klappe! Wir wissen alle, was du mit den Kröten machst." "Was macht er denn damit?" "Schon lange nicht mehr", beteuerte Franz, "ehrlich, Sophie." "Hm."

"Könnte man selber mal nach so was suchen?", fragte Lukas den Onkel. "Oh ja", stimmte Luise zu, "wir sammeln die Muscheln und legen sie hier in den Teich, dann freuen sich die Fische." "Ich kenn' mich ganz gut aus da oben", sagte Franz, "ich könnte uns führen." "Da würde ich aber lieber vorneweg laufen", sagte Sophie. "Kannst du ja." "Ist da nicht auch der Wolfsgrund?", fragte Lukas. "Na klar, den mein' ich ja." "Du warst schon mal im Wolfsgrund?" "Mit meinem Bruder, Holz holen." "Gibt's da wirklich Wölfe?" "Na klar." "Onkel Friedrich, gibt's da wirklich Wölfe?" "Der wird nicht umsonst so heißen." "Sag' ich doch." "Jetzt behaupte bloß noch, du hättest einen gesehen!" "Nicht direkt."

"Es wäre sicher zu gefährlich, da hinauf zu gehen." "Wieso hinauf? In den Wolfsgrund geht's hinunter." "Sei still! Luises Onkel kennt sich bestimmt besser aus als du." "Früher war ich oft da oben. Ich bin manchmal hinüber nach Friedrichswerth gewandert, da hat mein Großvater das Wasserschloss gebaut." "Oh, können wir da auch hinwandern?" "Das ist zu weit, Luise, glaub mir, das würden deine Füße nicht überstehen." "Aber wieso? Lukas würde mich bestimmt tragen, wenn ich nicht mehr kann. Oder?" Lukas zuckte mit den Schultern, es sollte wohl heißen: Warum nicht. "Bitte, Onkel!"

"Wir könnten höchstens einmal gemeinsam auf den Kranberg wandern und nach Petrefacten suchen." "Wer wir?", fragte Franz. "Wir alle, wenn ihr wollt." "Kommst du da auch mit?", wandte sich Lukas an Luise. "Ohne mich wärt ihr verloren." "Aber du musst dir zuvor die Erlaubnis deiner Mutter einholen", sagte Onkel Friedrich zu ihr. "Natürlich." "Ich brauch' für so was keine Erlaubnis", prahlte Franz. "Ist ja auch wurscht, wo du dich rumtreibst."

Luise versprach, die Herzogin Margarete, ihre Stiefmutter, über den Plan zu informieren und um Erlaubnis zu fragen. Dann sagte sie Onkel Friedrich Bescheid, der es schon wieder vergessen hatte; sie sagte, am Sonntag nach der Kirche und dem Mittagessen würden sie vom Elisabeth Hospital am Brühl losmarschieren. Onkel Friedrich war einverstanden. Luises Vater, der Herzog August, erfuhr gar nichts davon.

Am Sonntag in der Kirche predigte der Herr Amelung über die Stelle bei Johannes, wo Jesus zu den Leuten sagt: Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht! Und dann sprach er über den Unterschied zwischen natürlicher und geoffenbarter Religion, und er sah dabei Luise eindringlich an (jedenfalls schien es ihr so), als wollte er damit andeuten, daß dies Thema auch bei ihrer Konfirmation drankommt; Luise hatte große Schwierigkeiten, ihm zu folgen, und sie knabberte die ganze Zeit an den Fingernägeln.

Sophie, Lukas und Franz warteten schon am Brühl, als Luise und Onkel Friedrich dort eintrafen. Der Onkel hatte einen großen Tornister auf dem Rücken, den er angeblich schon im Koalitionskrieg bei sich hatte. Sophie trug ein Kleid wie ein Bauernmädchen, und sie hatte sich zwei Zöpfe geflochten.

Sie wanderten bis auf den Galberg, und Onkel Friedrich erzählte, daß hier früher der Galgen gestanden hatte, die Hinrichtungsstätte für die zum Tode Verurteilten. "Da liegen haufenweise Totenschädel herum", sagte Franz, aber der Onkel widersprach und meinte, die Leichen würden auf dem Schindanger draußen in der Erfurter Vorstadt begraben.

"Warum nicht auf dem Friedhof?", fragte Luise. "Weil sie durch ihr Verbrechen aus der Gemeinschaft der Christen ausgeschlossen sind." "Und weil sie das Geld für ein anständiges Begräbnis meistens schon vorher versoffen haben", fügte Franz hinzu, "sagt jedenfalls mein Bruder." "Dann erklär mir mal, Franz Feller, wie man es danach versaufen könnte." "Was?" "Ach, geh' schon, zeig uns den Weg!" "Ja, hier entlang."

Es war ein warmer Maientag, und oben auf dem Steppenrasen des Kranbergs flimmerte die Luft vor Hitze, und die Lerchen zwitscherten hoch am Himmel, man konnte sie nur hören, aber nicht sehen. Andauernd huschten Eidechsen übern Weg, und die Mädchen kreischten von Zeit zu Zeit auf, aber einmal lag eine Schlange da, und alle schreckten davor zurück. Lukas sagte, es sei eine Ringelnatter, und der Onkel gab ihm recht. Sie warteten, bis sie im Gras verschwunden war.

Lukas blieb ständig stehen, weil er irgendetwas entdeckt hatte, und Franz ging vorneweg und Sophie blieb an ihm dran; aber Luise ließ sich unmerklich zurückfallen, und schließlich hatte sich die Truppe weit auseinandergezogen, und zwischendrin ging Onkel Friedrich gedankenversunken vor sich hin.

Der Weg führte ein Stück durch den Wald und dann öffnete sich das Gelände wieder, und hier und da standen Sträucher mit kleinen Blättern und Dornen und noch grünen harten Beeren. Und links war ein Acker mit einer vereinzelten Baumgruppe mitten darauf, und in der Ferne konnte man einen Kirchturm und ein paar Häuser im Sonnenschein erkennen.

Onkel Friedrich sah Franz und Sophie auf der Obstbaumwiese, sie winkten und riefen "Hierher!" Er wartete auf die beiden Nachzügler, und endlich erschienen Lukas und Luise munter plaudernd, und als sie den Onkel sahen, lösten sie schnell ihre Hände voneinander.

Unter einem Apfelbaum machten sie Rast, und der Onkel brachte aus seinem Tornister lauter Leckereien zum Vorschein: Hähnchenschenkel und kalten Braten, Weißbrot und Johannisbeer Gelee, Mohnkuchen und eine große Flasche Orangenlimonade. Luise breitete alles auf einem Tuch mit bunten Stickereien aus und reichte jedem, was er wollte.

Erst jetzt, nachdem ihr Gesicht von den Sonnenstrahlen mächtig gerötet war, hatte sie ihren Strohhut aufgesetzt. Franz knabberte genüsslich an einem Hühnerbein, Sophie untersuchte einen Riss, den irgendein Dornenzweig an ihrem Unterarm hinterlassen hatte, und Lukas behielt einen kleinen Ameisenhaufen ganz in der Nähe im Auge. Offenbar war es niemandem aufgefallen, daß sie bis jetzt noch keine versteinerten Muscheln gefunden hatten.

Dann holte Onkel Friedrich eine Blöckflöte hervor und spielte ein paar Liedchen: Im schönsten Wiesengrunde; All' mein Gedanken; Nun ade, du mein lieb' Heimatland; Es flog ein klein's Waldvögelein, und Franz staunte über Sophie, die fast jede Melodie mitsummen konnte. "Ich kann mir bloß den Text immer so schlecht merken", gestand sie.

"Stimmt es eigentlich", fragte Lukas den Onkel, "daß auf der Insel im Schlosspark ein unterirdisches Gewölbe ist?" Friedrich bejahte es. "Kann man da reingehen?", fragte Franz, den alles Dunkle und Gefahrvolle anzulocken schien. "Nein", sagte der Onkel, "erstens kommt man da nicht hinüber außer mit dem Kahn, und Kahnfahren ist auf dem Schlossteich niemandem erlaubt. Und zweitens ist es eine Grabstätte, die kein Fremder betreten darf."

"Wer ist da begraben? Etwa der Kaiser Barabossa?" "Nein. Da sind meine beiden Brüder begraben." "Oh." "Herzliches Beileid", sagte Franz wirklich aufrichtig. "Na, die sind schon seit über dreißig Jahren tot." Sie staunten, sogar Luise. Sophie fragte vorsichtig "Wie alt sind Sie denn da?" Der Onkel lachte, dann sagte er "Sie sind früh verstorben, Ernst war neun, und Ludwig ist ganz und gar nur fünf Tage alt geworden." "Was?" "Hat man da bei ihm die Nottaufe angewendet?", wollte Lukas wissen. "Ich denke schon", sagte Friedrich, den die Frage etwas überraschte.

Nach einer Weile fügte er hinzu "Außerdem ist da auch unser Vater beerdigt, aber nicht in dem Gewölbe, er wollte in der reinen Erde begraben sein." "Hatte er Angst, in einem Sarg zu liegen?" "Nein, er meinte, es wäre so einfacher, damit die Natur ihn nach seinem Tod wieder aufnimmt. Er glaubte, daß dadurch sein Geist umso eher wiederauferstehen werde." "Ja", sagte Franz, "das klappt meistens."

"Und liegt Ihre Mutter auch da?" "Meine Großmutter lebt noch", beantwortete Luise die Frage. Dann sagte Sophie "Wissen Sie eigentlich, daß Sie Luise ähnlich sehen?" Friedrich schaute seine Nichte an. "Wirklich?" "Ja, die Nase und die Augen sind wie bei Luise." "Und am Mund ist auch so eine ziemlich ähnliche Stelle", ergänzte Franz, der immer das letzte Wort haben wollte. "Leute", rief Onkel Friedrich, "genug der tiefschürfenden Themen, bewegt euch ein bisschen und lasst mich einen Moment ruhen."

Sie sprangen auf und rannten davon, jagten den Schmetterlingen nach und fingen Grashüpfer, kletterten auf die Bäume und spielten Haschen, während Onkel Friedrich ausgestreckt im Schatten lag und ein Nickerchen machte.

Er wachte auf von einem Wind, der über sein Gesicht strich. Er schaute zum Himmel und sah eine große dunkle Regenwolke, die sich wie aus der Mitte heraus rasch breitmachte und bedrohlich herabsenkte. Die Sonne stand schon eine Handbreit über den Bergen. Dann fielen ein paar Tropfen. Er erhob sich und hielt Ausschau nach den Kindern. Er entdeckte Luise und Lukas, die auf ihn zukamen. Wo die beiden anderen wären, fragte er sie. Irgendwo da unten.

"Mein Gott, wie lange habe ich denn geschlafen?" "Eine ganze Weile", sagte Luise und musste selber gähnen. Sie hatte sich ihr blondes Haar zusammengebunden, und Onkel Friedrich sah über der Perlenkette um ihren Hals einen schmalen Kranz aus Gänseblümchen.

"Ruft die beiden her, wir sollten zurückkehren." Sie folgten seiner Aufforderung, und bald darauf tauchten Franz und Sophie an der Stelle auf, wo der alte Handelsweg aus der Sonneborner Senke heraufführte. Als alle beisammen waren, fing es richtig an zu regnen. "Lasst uns hinüber zum Wald rennen, unter den Bäumen werden wir nicht so nass."

Sie fanden einen schmalen Weg durchs Unterholz, aber nach ein paar hundert Metern war er plötzlich zu Ende. Dort stand eine Wildfütterung, an der Seite hing Heu heraus. "Hier könnten wir übernachten", schlug Franz allen Ernstes vor. Onkel Friedrich schüttelte den Kopf, "Zu Hause würden sie sich Sorgen machen und womöglich nach uns suchen." "Bei mir nicht", sagte Franz ohne eine Spur von Bedauern.

Onkel Friedrich war sich auf einmal nicht mehr ganz sicher, wo sie sind. "Gehen wir dort entlang", sagte er dann. Sie mussten sich über den dicht bewachsenen Boden hinwegkämpfen und manchmal über umgefallene Bäume klettern, Zweige schlugen ins Gesicht. Es wurde immer dunkler, und von den Blättern tropfte es herab. Luise fröstelte, und sie war erschöpft, hielt sich aber ebenso tapfer wie die anderen.

"Ich glaube, ich weiß, wo wir sind", sagte Franz, "da drüben ist der Wolfsgrund." "Mir ist jetzt nicht nach Wolfsgrund zumute", nörgelte Sophie. "Ja, aber da kommen wir leicht raus in Richtung Weinberg", versicherte er und erklomm einen Haufen kantiger Steine, die mit Moos bewachsen waren. Die anderen taten es ihm gleich, aber Sophie rutschte, gerade als sie oben war, aus und stürzte schreiend einen Abhang hinunter, überschlug sich zweimal und prallte schließlich gegen einen Stamm. "Hilfe!", schrie sie und jammerte vor Schmerzen.

Sie war in der Waldfinsternis gar nicht mehr auszumachen. "Wo bist du?", rief Franz, und Onkel Friedrich warf den Tornister ab, um leichter hinabzukommen. "Hier! Hilfe! Mein Arm ist gebrochen. Aua! Au!" Sie lag ängstlich wie ein verletztes Reh da und presste vor Schmerzen auf die Zähne aufeinander.

"Welcher Arm?", fragte der Onkel, der keine offene Verletzung sah. "Der hier", stöhnte Sophie und machte eine Kopfbewegung nach rechts. "Wir sollten ihn schienen", sagte Lukas, "mit einem Stock." "Oh! Macht doch irgendwas, daß es nicht mehr so weh tut!" Lukas hatte gleich etwas gefunden. "Hier, damit geht's." Onkel Friedrich hatte vorsichtig Sophies Arm betastet. "Bist du sicher, daß er gebrochen ist?" "Glauben Sie vielleicht, er hat sich verknotet?", fauchte sie ihn an.

Mit Lukas' Halstuch und Friedrichs Gürtel banden sie den Stock an ihrem gestreckten Arm fest. Dann halfen sie ihr hoch und versuchten, auf ebenen Boden zu kommen. "Seht mal, da drüben", sagte Franz. Zwischen den Bäumen war ein schwacher Feuerschein zu sehen.

Onkel Friedrich zögerte, aber er konnte Franz nicht mehr zurückhalten, und als sie sich dem Platz genähert hatten, trat ein finster aussehender Mann auf sie zu. "Mach deine Kette ab!", flüsterte Onkel Friedrich Luise zu. "Was?" "Mach die Kette ab!" Er griff selbst danach und zerrte daran, daß sie zeriss, Luise wollte die Perlen auffangen, aber sie spürte sie nur noch durch ihre Hände rinnen. "Was wollt ihr?", schnauzte der Mann. Er hatte einen verfilzten Bart und einen Schlapphut auf, und im Gürtel steckte ein langes Messer.

"Wir haben ein verletztes Mädchen", sagte der Onkel. "Ein Mädchen?" Der Mann drehte sich zu den anderen am Feuer um, dort saßen drei oder vier, vielleicht auch noch mehr, im Hintergrund. Einer sprang auf. "Zu wem gehört das Mädchen?" "Wie bitte?" "Zum Teufel, das sind lauter Kinder!" "Wir sind ... ich bin ..." Luise trat einen Schritt vor. "Das ist Herr Friedrich, unser Lehrer." "Ich war mit den Kindern unterwegs auf einer Exkursion." "Auf was?" "Wir haben versteinerte Muscheln gesammelt." "Verscheißert uns die Göre?"

Da stöhnte Sophie, die an Onkel Friedrichs Seite hing, auf und sank zusammen. "Bitte helfen Sie uns." "Bring sie da rüber, da liegt eine Decke." Sie legten Sophie sanft auf den Boden. Onkel Friedrich zog seinen Hosenbund hoch. Einer der Männer, der ebenso furchterregend aussah, trat auf Luise zu und fasste sie unterm Kinn. "Ein süßes kleines Frettchen!" "Hey!", rief Onkel Friedrich und packte ihn am Handgelenk, "Finger weg!" Der andere zückte sein Messer, das im Feuerschein aufblitzte, und presste es ihm an die Kehle, Luise schlug die Hand vor den Mund und unterdrückte einen Aufschrei, die Jungen sprangen hinzu, aber der Bärtige hielt sie zurück.

"Schluss damit! Reißt euch zusammen!", hörte man da die Stimme eines alten Weibes. Der Mann schob Friedrich mit Nachdruck von sich weg, und der wäre beinahe gefallen, wenn ihn die Kinder nicht gehalten hätten. Sophie flehte von unten "Lasst mich hier nicht allein!"

Die alte Frau stapfte aus dem Dunkel in den Lichtkreis und beugte sich über die Verletzte. "Was ist mit dir?" Sophie erschrak vor dem verschrumpelten Antlitz mit der Hakennase und den Zahnstümpfen, die wie Knochensplitter im Mund steckten. "A-a-a-rm ge-bro-chen", stammelte sie. Die Alte löste mit ihren knöchernen Fingern Tuch und Gürtel, warf den Stock beiseite und umfasste Sophies Unterarm, und die holte schon Luft, um loszuschreien, aber seltsamerweise tat sie ihr nicht weh.

"Ratzer! Komm her!", schnarrte die Alte, und noch einer tauchte auf, ein kleiner Kräftiger mit kurzgeschorenen Haaren und einem Feuermal auf der Stirn. "Halt sie am andern Arm fest." "Was haben Sie vor?", fragte Onkel Friedrich. "Halt du dich da raus!", sagte der, der ihm mit dem Messer bedroht hatte. "Wenn ihr dem Mädchen was antut, schlag ich euch tot!" "Oho! Womit denn, Herr Schulmeister?" "Aaaaauuuuhhhh!", schallte Sophies Schmerzensschrei durch den Wald. Onkel Friedrich und die anderen stürzten hinzu, um sie aus ihrer Zwangslage zu befreien, der Messermann erwischte Friedrich am Kragen und riss ihn zu Boden, sie wältzen sich um das Feuer herum.

Sophie schaute alle mit großen Augen an, der kleine Kräftige hatte sie losgelassen. Dann bewegte sie den schlimmen Arm mit einer Leichtigkeit, als wäre nichts geschehen. "Was ist?", fragte Luise, die sich neben sie gekniet hatte. Sophie wischte sich die letzte Träne aus dem Auge. "Nichts. Ich weiß nicht." Die beiden Männer rauften sich keuchend im Dreck.

"Was haben Sie gemacht?", wollte Lukas von der Alten wissen. "Sind Sie eine Hexe oder so was?", fragte Franz. Sie lachte, aber es klang fast wie eine Bestätigung. Dann sagte sie "Der Arm war nicht gebrochen, nur ausgekugelt." "Und jetzt?", erkundigte sich Sophie, die der Sache noch nicht trauen wollte. "Ist wieder alles heil." "Wirklich." "Wie durch ein Wunder", staunte Luise.

"Kein Wunder, Kleine. Der Arm sitzt oben an der Schulter in einer Schale, und wenn er da rausspringt, muss man ihn eben wieder reindrücken." "Haben Sie auch schon Leichen serviert?", fragte Franz. "Keine Ahnung, was das sein soll. He da, ihr Raufbolde, wollt ihr euch wohl wieder benehmen, hier sind junge Damen! Bringt die mal auseinander", sagte sie zu den Jungen, denen das wirklich gelang. Der Messermann spuckte verächtlich aus und ging zur Seite, Onkel Friedrich blieb zerzaust auf dem Boden sitzen. Luise verkündete "Sophie ist geheilt, vertragt euch wieder."

Der Bärtige streckte Onkel Friedrich die Hand hin und der ließ sich hochziehen. "Ihr wollt uns doch nicht erzählen, daß ihr um diese Zeit hier spazierengeht?" Der Onkel klopfte sich den Schmutz ab. "Freilich. Wir waren den ganzen Tag unterwegs. Da drüben liegt mein Tornister mit Proviant." Franz sagte "Es ist doch noch was übrig, das könnten wir jetzt mampfen. Soll ich den Tornister holen?" "Du bleibst hier!", sagte der Onkel, und Lukas reichte ihm seinen Gürtel.

"Ich will nach Hause", sagte Sophie, die jetzt völlig fertig war. "Wo sind wir hier?", fragte Onkel Friedrich, aber der Bärtige grinste nur. "Ich meine, wie kommen wir auf schnellstem Weg in die Stadt?" "Ratzer", knurrte die Alte, "bring' die Leute bis zur Haselquelle. Kennen Sie die?" "Ist das oberhalb von Weidners Garten?", fragte Franz. "So in etwa", nickte der Mann. "Dann weiß ich den Weg."

"Ich kann nicht mehr laufen", seufzte Sophie. "Ich nehm' das Kücken Huckepack", sagte der kleine Kräftige. Die Alte lachte. "Vergreif' dich nicht." "Lassen Sie mich das machen", sagte der Onkel. "Schon gut, ich tu' ihr nichts, du kannst sie nachher tragen." "Ist das euer Tornister?", fragte einer der Männer und hielt ihn hoch. "Ja", sagte der Onkel, "Sie können ihn behalten, wenn Sie wollen." "Was sollen wir damit? Nachher heißt es noch, wir hätten ihn geraubt." "Das würde ich nie behaupten." "Nein, jetzt nicht."

Sie kamen kurz vor Mitternacht am Haus der Rombergs an, es brannte Licht, und die Eltern waren noch wach. Onkel Friedrich hatte befürchtet, daß es ein Donnerwetter geben würde, aber als sie ihn erkannten und vor allem, als sie Sophie (alles in allem) wohlbehalten wiedersahen, beruhigten sie sich schnell. Der Onkel gab eine kurze Erklärung ab und versprach, am nächsten Tag vorbeizukommen und sie über den ganzen Vorfall zu unterrichten.

"Kann ich hier schlafen?", fragte Franz Sophies Mutter, "ich hab's so weit bis nach Hause." Frau Romberg nahm ihn auf. Dann begleiteten sie Lukas bis in die Gretengasse und lieferten ihn daheim ab, seine große Schwester hatte auf ihn gewartet. Sie leuchtete mit einer Kerze, als sie die Tür öffnete. Sie strich Lukas übers Haar und sagte "In der Küche steht ein Teller mit Butterbroten." Lukas verabschiedete sich von den beiden und zu Luise sagte er "Bis bald." "Möchten Sie auch was essen?", fragte seine Schwester. Onkel Friedrich lehnte dankend ab.

Auf dem Weg zum Schloss sagte er "Nette Familie hat der Lukas." "Das war ja seine Schwester." "Na und, die gehört doch auch dazu." Dann meinte er "Bin ich froh, daß alles gut ausgegangen ist, das mache ich nie wieder." "Wieso denn nicht? Ich glaube, es hat allen Spaß gemacht." Und sie mussten beide lachen, obwohl sich Luise kaum noch auf den Beinen halten konnte.

Aber Luises Stiefmutter Margarete war überhaupt nicht erfreut über das Abenteuer. Sie schickte Luise natürlich sofort ins Bett, und ihrem Schwager hielt sie eine mächtige Standpauke, bis schließlich der Herzog August im Nachthemd auftauchte. "Was macht ihr für einen Lärm zu nachtschlafener Zeit!" "Dein Bruder hat Luise in große Gefahr gebracht!" "Es geht ihr gut."

"Was ist passiert?", fragte August und gähnte. "Wir haben eine Exkursion auf den Kranberg gemacht." "Du und Luise?" "Und ein paar Kinder aus der Stadt. Wir haben uns verlaufen, das ist alles." "Das ist alles? Ich brauche bloß Luises Sachen anzuschauen, um zu sehen, daß das nicht alles war." "Wo ist sie?" "Im Bett." "Na also. Wir werden morgen darüber reden." Dabei kratzte sich August am Kopf, dann drehte er sich um und verschwand.

Luise schlief bis zum Nachmittag, dann badete sie und zog ein sauberes Kleid an. August war nach dem Frühstück ausgeritten, ihn schien die Sache nicht sonderlich zu interessieren. Margarete sprach zwei Tage lang mit Friedrich kein Wort. Der stattete zusammen mit seiner Nichte den Rombergs einen Besuch ab. Sophie hatte ihren Eltern von dem ausgekugelten Arm und den Waldleuten nichts erzählt, aber die alte Frau beschäftigte sie so sehr, daß sie sich schließlich ihrer Mutter anvertraute, die aus dem Staunen nicht mehr herauskam.

Luise bekam die Erlaubnis, Lukas, Sophie und Franz (sowie deren Eltern, insoweit sie es annehmen) zu ihrer Konfirmation einzuladen; Onkel Friedrich gedachte zudem, der Sophie Romberg zu deren Feier ein Präsent zu machen: einen Faltfächer aus Elfenbeinstäben und Seide, mit Gold und Silberfolie und einer Gouachemalerei, welche Kinder in einem Garten beim Blinde Kuh Spiel, und auf der Rückseite eine im Freien ruhende Schäferin darstellte; außerdem waren die großen Initialen S und R darauf zu lesen. (Diesen Fächer hatte sich Friedrich aus der Sammlung seines Bruders ausgesucht, der ihn erst nach langem Drängen herausrückte.)

"Was ich dich fragen wollte", sagte Friedrich zu ihm, "weißt du, ob unser Bruder Ludwig die Nottaufe erhalten hatte?" "Ja", antwortete August, ohne zu überlegen. "Der Pfarrer Oettinger hat sie ihm gleich nach der Entbindung erteilt. Warum fragst du?" "Ist mir nur so eingefallen. Kannst du dich eigentlich noch an den Ernst erinnern?" "Ja", sagte August, "vor allem an den Tag, als er nicht mehr da war."

"Du warst sieben, ich fünf. Ich weiß nicht mehr ... haben wir denn zusammen gespielt?" "Ich und Ernst, wir haben zusammen gespielt." "Hm", machte Friedrich und versuchte sich zu entsinnen. August sagte "Ernst war unseres seligen Vaters Lieblingskind, das hatte sich selbst nach seinem Tod nicht geändert. Ich wünschte, er hätte überlebt, dann wäre mir dieses ganze Elend erspart geblieben."

Friedrich konnte sich wirklich schlecht an den erstgeborenen Bruder erinnern, und er musste sich bei dieser Gelegenheit anhören, daß er selbst ein eigenbrödlerisches Kind gewesen sei, er habe, so behauptete August, sich ständig in irgendeinem Hinterzimmer verkrochen und gesungen, oder genauer gesagt, vor sich hingesummt.

Onkel Friedrich war bekannt für seine gute Stimme und seinen musikalischen Sinn. Aber die Ursprünge seiner Begabung lagen für ihn selber im Dunkeln, zumindest im Halbdunkeln. Umso mehr, als er keinerlei Unterweisung, nicht einmal den obligatorischen Unterricht im Cembalo spielen erhielt (vor dem sich allerdings auch August die meiste Zeit erfolgreich gedrückt hatte).

Beinahe erhellend wirkte daher jetzt August's ein wenig abfälliges Urteil; er konnte sich plötzlich erinnern, daß er bei der besagten Angewohnheit oft ein befreiendes Gefühl in sich gespürt hatte, das seine Lust zu singen verstärkte und ihn zugleich mit echtem Trost belohnte. Worüber er aber getröstet werden wollte, das blieb unergründlich.

Kurz danach fiel Friedrich, als er in der Bibliothek nach einem Buch suchte, wie zufällig ein Album in die Hände, in dem ein einziges Blatt lag. Es war ein Scherenschnitt, auf dem August und er, sowie der Vater, Herzog Ernst, und die Mutter, Herzogin Charlotte dargestellt waren.

Die Brüder und der Vater hielten sich an Händen gefasst und standen auf der rechten Seite vor einem Denkmal, einer Säule, die von einer Urne gekrönt und auf welcher ein Medaillon mit dem Porträt des verstorbenen Kindes angebracht war. Er, Friedrich, noch einen Kopf kleiner als August, zeigte mit dem ausgestreckten Finger darauf. Die Säule umrankte ein Efeuzweig, dessen Ende die Mutter, die links, den anderen gegenüber, stand, in Händen hielt. Einschließlich ihrer Frisur überragte ihre stattliche Gestalt alle, nur der Deckel der Urne war noch höher.

Friedrich verlor sich in der Betrachtung des Bildes und wurde aufgeschreckt von der Stimme Margaretes, die unbemerkt hereingekommen war. Sie hatte ihr Schweigen gebrochen, aber wohl nur, um ihn neuerdings zur Rede zu stellen. "Luise hat geweint wegen einer Perlenkette, die sie angeblich verloren hat." "Bitte?"

Margarete wiederholte es und fragte "Was hat es damit auf sich?" "Oh ja, die Perlenkette. Sie hat sie im Wald verloren." "Das ist wohl nicht der rechte Ort dafür, und ich glaube, die Umstände waren es noch viel weniger. Die Sache kommt mir wirklich suspekt vor." "Es ist immer ein Malheur, wenn so etwas geschieht, egal wo und wie. Aber man kann sich den Ort und die Umstände meistens nicht aussuchen." "Du musst mich jetzt nicht mit klugen Sprüchen belehren." "Das liegt mir fern, liebe Schwägerin."

"Was für eine Kette war das?" "Sie stammte aus der Erbschaft der seligen Schweriner Großmutter." "Daß sie so daran hing", sagte Margarete, als zweifele sie an Friedrichs Antwort. "Tja. Dabei waren es eigentlich nur Flussmuschel Perlen." "Tatsächlich? Woher weißt du das so genau?" "Ähm ... ich habe damals mit dem Hans von Stelzig zusammen die Verlosung der Prätiosen organisiert." "Ach so."

"Ich werde sehen, ob ich ihr eine neue Kette beschaffen kann." "Das wäre nur korrekt. Ich meine, wir können nicht einem Bürgermädchen einen kostbaren Fächer schenken und unsere eigene Tochter ihres Schmucks verlustig gehen lassen, nicht wahr?" Er klappte das Album mit dem Scherenschnitt zu, schob es zwischen die Bücher im Regal und sagte "Nein, da hast du völlig recht, Margarete, man sollte die Verhältnisse wahren."

An den folgenden Tagen trafen sich Luise und Sophie mehrmals im Pavillon, um sich mit allem Eifer dem Katechismus des Doktor Martin Luther zu widmen. (Den Jungs hatten sie unter Androhung von Gegenmaßnahmen untersagt, sie dabei auch nur von Ferne zu stören.)

Vielleicht wollte Friedrich wegen des verunglückten Ausflugs etwas wiedergutmachen oder die Spannung zwischen sich und Margarete lockern, als er sich anschickte, über die Fragen, die Luise beantworten sollte, näheres in Erfahrung zu bringen und ihr damit die Angst vor der Examination zu nehmen. Er hatte den Bruder daraufhin angesprochen und gemeint, ob der Gymnasialdirektor Amelung nicht vorab und natürlich streng vertraulich einige inhaltliche Hinweise geben könnte.

Aber August winkte bloß ab, ja, er sagte sogar, es ginge ihn nichts an! "Wie bitte?", fragte Friedrich erstaunt, "Es handelt sich immerhin um die Konfirmation eurer Tochter." "Das weiß ich selbst. Wenn dir so viel daran liegt, rede mit Margarete." "Du kennst den Amelung besser und weißt, wie man ihm am besten beikommen kann."

Da regte sich August fürchterlich auf. Als ob er, der Herzog und Dienstherr dieses Schulmeisterleins, es nötig hätte, ihm beizukommen. Wie er sich das vorstelle? Ob er, der Herzog, etwa bei diesem Subjekt anklopfen und ihn ergebenst um Auskunft in der Angelegenheit bitten solle?

"Dieser ewig quengelnde und greinende Stockfisch", ereiferte sich August, "mit seiner näselnden Stimme und dem nervösen Zucken um die Augen, der steht mir bis hier! Ständig kratzt er sein bisschen Grammatik und Rhetorik zusammen und schreibt einen Bettelbrief nach dem andern: Euer Herzoglichen Durchlaucht meine untertänigste Bitte um höhere Besoldung zu Euern Füßen! In meiner ach so prekären Lage nehme ich Zuflucht zu Eurer Durchlauchtigsten Gerechtigkeit und Gnade! Auf daß Euer Durchlaucht in Eurer edlen und großmütigen Gesinnung meine Anstellung auf Lebenszeit bewilligen und meine Aufnahme in die Witwen Societät anzubefehlen gnädigst geruhen mögen!

Was hat der Kerl auch so viele Bälger! Seine Frau ist schon - ich weiß nicht seit wann - tot, und es kommt immer noch eins dazu. Wo kommen die Kinder her? Kannst du mir das sagen?" "Du hast ihn jedenfalls selbst damals für die Erziehung Luises angestellt." "Ach was! Eingeschlichen hat der sich. Der war seit jeher nur auf der Suche nach Futter, um die vielen gierigen Mäuler zu stopfen, die sich aufsperren, sobald er daheim zum Loch hereinschlüpft." Friedrich musste lachen, aber der Bruder fand das gar nicht lustig, er bekam einen hochroten Kopf, warf schließlich eine Blumenvase auf den Boden und rannte hinaus.

Dann besuchte Onkel Friedrich die beiden Mädchen im Pavillon (natürlich nur mit Voranmeldung). Und wie er sie da sitzen und bibbern sah, wie Luise unablässig an den Nägeln knabberte, und Sophie verzweifelte, weil sie "den Text" vom Glaubensbekenntnis nicht auf die Reihe brachte, da konnte er schlechterdings die Autorität des Gymnasialdirektors und Garnisonspredigers Amelung in ihren Augen nicht um ein Jota ankratzen und konnte nicht einfach sagen "Kinder, nehmt das doch nicht so furchtbar wichtig! Da ist bis jetzt noch keiner durchgefallen."

Oh nein, das durfte er ihnen nicht antun, Luise nicht, weil sie mit ihm verwandt, sozusagen von seinem Blut war, und Sophie nicht, weil sie als Luises beste Freundin ihr sicherlich in allem vertraute. Und sich selbst nicht, weil er sie andernfalls beide womöglich um ihren hart erkämpften Erfolg gebracht hätte. Kurzum, er ging selber zum Amelung und danach auch zum Pfarrer Scherzer, der für Sophie zuständig war.

Der Amelung hauste in einer engen, dumpfen Wohnung, nur die Küche war einigermaßen geräumig, und Friedrich musste in gewissem Sinn dem Bruder recht geben, überall tummelten sich Kinder. Eins von ihnen kletterte sogleich auf seinen Schoß, als er sich hingesetzt hatte und fuhr mit klebrigen Händchen in Friedrichs Gesicht herum. Er unterhielt sich mit dem Gymnasialdirektor über dies und jenes und versuchte durch geschickt eingestreute Fragen etwas über die bevorstehende Prüfung herauszubekommen. Er war froh, als er da wieder heraus war.

Bei dem Scherzer war alles sehr ordentlich und hell und irgendwie luftig, und man konnte ungezwungen mit ihm reden. Als Friedrich von seiner Exkursion mit den Kindern erzählte (von dem vergnüglichen Teil), wollte der Pfarrer ihn gleich für die evangelische Jugendgemeinde gewinnen, "die machen auch Ausflüge in Mutter Natur", sagte er. Friedrich entgegnete, er sei Freimaurer. "Na und, das ist doch kein Hinderungsgrund", erwiderte der Pfarrer, "wir sind tolerant, solange es die andern auch sind."

Seine Ausbeute war gering. Aber ein paar Stichworte konnte er den Mädchen dennoch liefern: Worin der Unterschied zwischen dem Neuen und dem Alten Testaments hinsichtlich der Religionswahrheiten besteht; warum Gott der Urheber aller Dinge und Ereignisse ist und inwiefern in der göttlichen Vorsehung die Schöpfung fortdauert; warum Versuchung notwendig und Erlösung unausweichlich ist; was gute Engel und böse Teufel sind (nämlich höhere Geister, welche die unermessliche Lücke zwischen den Menschen und Gott ausfüllen - darüber hatte der Amelung mit großer Begeisterung gesprochen, so daß Friedrich glaubte, der Gymnasialdirektor träume selbst davon, mit seiner Nachkommenschaft diese Lücke schließen zu helfen).

Man hätte sich für Luises Konfirmation kein schöneres Wetter wünschen können. Und auch kaum mehr Aufmerksamkeit; die Hofkirche konnte nur einen geringen Teil der Gäste und Besucher aufnehmen, die Türen standen offen, und viele Leute draußen auf dem Schlosshof verfolgten die Zeremonie, und nicht wenige hielten den Atem an in dem Moment, als Luise das Gelübde ablegte, sich auf immer und unauflöslich an die Religion unseres Herrn und Heilands Jesus Christus zu binden.

Der Herr Oberkonsistorialrat gab als Motto die Stelle aus dem Philipper Brief aus: Freuet euch! Der Herr ist nahe! Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Dank vor Gott kund werden!

Es sei nicht schwer, ein Christ zu sein, versicherte der Gymnasialdirektor und Garnisonsprediger Amelung daran anschließend, und einige Zuhörer schienen verwundert über diese wie selbstverständliche Feststellung. Doch er hatte sie mit Bedacht vorangestellt, und er schickte sich sogleich an zu erläutern, wie dies zu verstehen wäre: daß es nämlich viel Mühe, Überwindung und vor allem eines festen Glaubens bedarf, um erst einmal ein guter Christ zu werden.

"Oh nein, es ist nicht schwer, ein guter Christ zu sein", wiederholte er und fuhr fort, "aber es kostet einen edlen, schönen Kampf, die Lüste der Sinnlichkeit weise zu beherrschen und dadurch zu verhüten, daß sie uns nicht verderblich werden. Aber wie könnte es dem Guten schwer werden, gut zu sein und gut zu handeln! Wie könnte es dem Weisen schwer werden, als ein Weiser sich zu zeigen! Wie könnte es der Liebe schwer werden, jede unedle Neigung zu bekämpfen, sie zu unterdrücken und dem ein Opfer zu bringen, was sie liebt, wofür sie glüht und dem sie sich liebevoll hingibt!"

Die Gemeinde sang ein Lied, und dann wurde es ernst für Luise. Es hagelte eine Frage nach der andern, und ihre Antworten kamen wie aus der Flinte geschossen, und an den allermeisten war nichts zu beanstanden. Selbst als Amelung wissen wollte, welches der allgemeinfasslichste Gottesbeweis ist, antwortete sie "Der physikotheologische Gottesbeweis", und ein anerkennendes Murmeln ging durch die Zuhörer: wie ein so junges Mädchen ein so schwieriges Wort ohne Versprecher über die Lippen bringt!

Daß diese Antworten nicht bloß auswendig gelernt waren, sondern ihrer eigenen Überzeugung entsprangen, zeigte Luise, als sie auf die Frage, ob wir uns unter dem Himmel und der Hölle bestimmte wirkliche Aufenthaltsorte denken sollen, mit tiefer Einsicht und einer Spur von Mitleid erwiderte, es seien dies vielmehr innere Zustände der Seele. "Denn schon hier, auf Erden, trägt der gute Mensch seinen Himmel, und der böse seine Hölle in sich, und beide nehmen sie mit sich in eine andere Welt." Manch einem trat beim Anblick dieses Engelsgesichts und der trefflichen Worte eine Träne der Rührung ins Auge.

Danach folgte ein gemeinsamer Gesang der versammelten Gemeinde. Herzog August, der den Programmablauf nur zwei Stunden vor Beginn zur Kenntnis genommen und genehmigt hatte, forderte lediglich, das hier vorgesehene Lied "Nun danket alle Gott" zu streichen; in seiner Kirche werde die "Preußenhymne" wie er sie nannte, nicht gesungen.

Dafür setzte er an ihre Stelle Neanders "Himmel, Erde, Luft und Meer zeugen von des Schöpfers Ehr", das ungleich lyrischer, fast romantisch klang und einen gewissen natürlichen Frohsinn verbreitete.

Ein Muster und Vorbild für ihr ganzes Geschlecht solle die Prinzessin sein, gab der Oberkonsistorialrat Wiedenmann ihr mit auf den Weg, ein Muster und Vorbild für alle Töchter des Landes! Und dann zitierte er aus dem Buch Tobit: "Dein Leben lang habe Gott vor Augen und im Herzen, und hüte dich, daß du in keine Sünde willigst noch handelst gegen Gottes Gebot!"

Luise war von der anstrengenden Prozedur ziemlich mitgenommen, vor allem war ihre Kehle vom vielen Sprechen wie ausgetrocknet. Während sich die herzogliche Familie und ihre Bediensteten um die zahlreichen Gäste kümmerte, erlaubte Margarete ihr, für ein paar Minuten nach drinnen zu verschwinden, um sich etwas zu erfrischen.

Wie sie hineinhuschen wollte, erwischte jemand sie am Ärmel. "Hast du gut gemacht!" "Sophie! Franz!" (Er stand daneben.) "Wo ist Lukas?" "Ähm, er kommt später." "Ach so." Luise machte eine enttäuschte Miene. "Na, kommt mit rein, ich muss unbedingt was trinken."

Sie liefen in die Küche, aber da war wegen der Vorbereitung der Festtafel der Teufel los. Luise schnappte sich einen Krug mit Limonade, ließ Franz drei Gläser nehmen, und sie gingen hinauf zur Galerie, von wo man auf die ganze Gesellschaft unten im Schlosshof schauen konnte. Da wurde Luise plötzlich ganz blass im Gesicht, sie schwankte und musste sich am Fensterbrett festhalten, dann knickte sie ein und sank auf den Boden.

"Luise! Was ist los?", rief Sophie, und Franz fragte ängstlich "Stirbt sie jetzt?" Glücklicherweise trat der Kammerdiener Wendtland gerade aus dem Spiegelkabinett, er kam angerannt und erkannte sogleich, daß die Prinzessin ohnmächtig geworden war. "Fächle ihr Luft zu!", forderte er Franz auf. "Mit was?" Der Wendtland riss ihm seine Schildmütze vom Kopf, die schön flach war, und drückte sie ihm in die Hand. "Damit!"

Franz fing an wie wild zu wedeln, und Luise kam tatsächlich wieder zu sich. "Euer Durchlaucht, soll ich den Doktor holen?" "Wieso liege ich am Boden?" "Du bist auf einmal runtergerutscht. Geht's wieder?" "Ja ja, helft mir mal hoch." Der Kammerdiener fasste sie auf der einen, Sophie auf der andern Seite unterm Arm. "Junge, hol einen Stuhl!" "Woher denn?" "Mensch, Franz Feller, seit wann bist du denn so bekloppt!" "Ich will hier ja nichts kaputt machen." "Da aus dem Saal." "Es geht schon, danke."

Als sie saß, meinte sie "Das war bestimmt die Überanstrengung", und Sophie nickte und streichelte ihre Wange. "Seid Ihr sicher, Prinzessin, daß ich keinen Arzt holen soll?" "Ach was, den kann ich jetzt am wenigsten gebrauchen." "Wie Ihr meint." "Wendtland!", rief ihm Luise nach, und ihre Stimme klang auf einmal sehr bestimmt, "Zu niemandem ein Wort darüber, verstanden!" "Jawohl, Euer Durchlaucht."

Indem der Kammerdiener um die Ecke verschwand, tauchte am Ende der Galerie ein blonder Junge auf, er war etwa so alt wie die anderen, aber mindestens einen Kopf größer und von schlacksiger Gestalt; er blinzelte häufig, offenbar waren seine Augen nicht ganz einwandfrei.

"Luise?", rief er, "Bist du da?" "Ja." "Wer ist das?", flüsterte Sophie. "Irgendeiner von meinen Cousins." "Ich soll dich holen. Wieso sitzt du hier?" "Weil ich nicht stehe." "Wer sind die?" "Meine Freunde." "Willst du mich ihnen nicht vorstellen?" Sophie musste ein Lachen unterdrücken. "Ja, klar. Das ist ... ähm, wer bist du nochmal genau?" "Aber Luise! Ich bin Georg von Sachsen Meiningen, dein Großcousin." "Ja, stimmt." "Ich bin Sophie Romberg von Gotha", sagte Sophie und reichte ihm die Hand. "Sehr erfreut, Mademoiselle Romberg." "Und das ist Franz Feller."

"Ich soll dich holen." "Ich weiß." "Was bedeutet das: Großcousin?", wollte Sophie wissen, "Etwa weil Sie so groß sind?" Luise lachte gekünstelt. "Nein, Mademoiselle Romberg. Das hat etwas mit dem Verwandtschaftsgrad zu tun." "Aha." "Geh' schon mal vor, mein guter Georg", sagte Luise, "wir kommen sofort." "Gut", er marschierte davon, "aber säume nicht zu lange", rief er noch.

"Nicht übel, der Bursche", sagte Sophie. "Davon haben wir eine Menge", meinte Luise. "Könntest du ihn heiraten?" "Was?", empörte sie sich, "Den? Nie im Leben, schon wie er einen dauernd anblinzelt." Sie machte ihn nach. "Fand ich gar nicht schlimm, das gibt ihm was Freches." "Können wir jetzt gehen?", sagte Franz, den das Geklatsche langweilte.

Dieser Georg war der Sohn der Eleonore von Hohenlohe-Weidenburg, die vor etlichen Jahren den Herzog von Meiningen geheiratet hatte, der ebenfalls Georg hieß und der Neffe von Charlotte Amalia war, der Herzogin von Gotha und Luises Großmutter. Eleonore hatte nach dem frühen Tod ihres Gatten die Regierung anstelle des noch unmündigen Knaben Georg übernommen und bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt inne.

Sie und ihr Sohn gehörten sozusagen zu den prominenten Gästen der Meininger Linie, also von August's mütterlicher Seite. Obwohl Charlotte Amalia (aus Gründen, von denen noch die Rede sein wird) nicht mehr in Gotha weilte - oder vielleicht gerade deshalb - hatte Herzog August ein vergleichsweise mildes Verhältnis zu Eleonore.

Sie war klug und selbstbewusst, ohne überheblich zu sein. Man konnte sich vertraulich mit ihr unterhalten, ohne befürchten zu müssen, sie verfolge insgeheim die Interessen irgendwelcher obskurer Hintermänner, die ständig im verborgenen Intrigen gegen die eigene Sippe anzettelten. Herzog August war überzeugt, daß mindestens die Hälfte aller Blutsverwandten aus dem sächsisch-thüringischen Hause damit beschäftigt war. Und ja - es waren fast ausschließlich Männer, denen er misstraute, während er den Frauen gegenüber oft ein Verhalten an den Tag legte, welches manchen Beobachter geradezu verschreckte.

Insbesondere nach dem Tod des alten Herzogs Ernst Ludwig (als Luise noch ein kleines Mädchen war) und dem Weggang der Herzogin hatte Eleonore den Gothaern des öfteren einen Besuch abgestattet, war sogar unangekündigt und wie zufällig aufgetaucht, angeblich weil sie sich um die (zweifellos bedeutende) Naturaliensammlung des verblichenen Herzogs kümmerte, für die Charlotte Amalia sich "seinerzeit doch auch verdient gemacht" habe.

Allerdings fand sie auf Schloss Friedenstein, nachdem nun außer Herzog Ernst auch die Herzogin Charlotte sowie der Xaver von Zach nicht mehr da waren, und August (gleich seinem Onkel Johann Eugen) keine echte Affinität zur Naturwissenschaft hegte, niemanden, der sich dafür begeistern konnte. August gab ihr den Rat, sich an den Karl von Hoff zu wenden, der sich seinerzeit um die Erhaltung und Pflege der Sammlung verdient gemacht hatte, aber Eleonore befolgte ihn nicht.

Und Margarete, Luises Stiefmutter, schöpfte den Verdacht, es ginge der Meiningerin nicht nur um den wissenschaftlichen Nachlass ihres Schwiegervaters, sondern darum, ihren Sohn Georg und Luise einander näherzubringen. Was wiederum August, dem Margarete ihre Vermutung nicht vorenthielt, als völlig abwegig bezeichnete. (August hatte ja noch bis zu den Tagen ihrer Konfirmation und der bald darauf folgenden Verlobung Luises mit notorischem Unwillen auf jede Ankündigung einer drohenden Verehelichung seiner einzigen Tochter reagiert; er hätte sie, wie sein Bruder Friedrich es einmal formulierte "am liebsten in ein Kloster gesteckt, wo nur er selbst von ihr empfangen worden wäre.")

Ob Margarete mit ihrer Annahme recht hatte oder nicht, bleibt fraglich, jedenfalls war eine nähere Bekanntschaft zwischen Luise und dem schlacksigen Georg nicht zustande gekommen, sie wusste ja nicht mal genau seinen Namen und es hatte nicht den Anschein, als würde sie besonderen Wert auf den Umgang mit ihm legen.

Auch wenn er (was wiederum dem Franz Feller vollkommen schleierhaft war) einen gewissen Eindruck auf die Sophie Romberg gemacht hatte, so musste man doch feststellen, daß ein anderer Knabe die Gäste an diesem Feiertage weit mehr faszinierte, und das war ein Junge namens Mehmed, ein schwarzer Lockenkopf mit feurigen Augen und einem geheimnisvollen Lächeln um den Mund, das ebenso lieblich wie herzlos war und das bei etlichen Frauen und Mädchen der Gesellschaft beinahe einen Schauer der Wehrlosigkeit hervorrief.

Während der Befragung Luises in der Kirche hatte dieser Mehmed ganz vorn gesessen und beinahe ununterbrochen die ganze Zeremonie beobachtet, was für einen Jungen in seinem Alter, zumal wenn es ihn selber nichts anging, nicht eben unterhaltsam gewesen sein mochte; und so konnte, wer ihn genauer anschaute, auf seinem Gesicht und in seinem Blick etwas Ungerührtes, beinahe Versteinertes erkennen, so als habe er gelernt, durch Disziplin und Lenkung des Geistes derartige Situationen zu beherrschen und zu überstehen, was ebenfalls für einen Knaben ungewöhnlich war.

Danach ging er zwischen den Leuten, die im munteren Gespräch ihren Eindrücken Luft machten, umher wie ein stummer Jäger; oh nein, er ging nicht einfach, er wandelte, als würde er bei jedem Schritt für andere verborgene Laute hören können, und ab und zu schien es, er murmelt etwas vor sich hin, was noch durch verhaltene Handbewegungen sachte unterstützt wurde.

Die Besucher und Gäste wandten die Köpfe nach ihm, und manche Damen streckten unbemerkt die Hand mit dem Fächer nach ihm aus, wenn er an ihnen vorbeikam, um ihn zu streifen. Dann schaute er auf und sie wurden von dem brennendheißen Strahl aus seinen funkelnden Augen getroffen, daß sie nahe daran waren, schmachtvoll aufzuseufzen. Diesen Knaben hätte man sich als Gespielen gewünscht!

Mehmed war ein Türkenjunge, er gehörte zu Karl Christian, einem Bruder von Luises Mutter, die im Kindbett gestorben war. Karl Christian stammte demnach aus dem Schweriner Hause. Durch die Verbindung seiner Familie zu den Romanows war er ins russische Heer eingetreten und hatte als General an diversen Feldzügen teilgenommen, bis er, nach dem endgültigen Sieg über Napoleon, den Dienst quittierte. Er war mehrmals und zum Teil schwer verwundet worden, und er trug unter anderen Auszeichnungen den Alexander Newski Orden, den Sankt Wladimir - und den Sankt Annen Orden; auch jetzt war er in russischer Uniform erschienen, die mit einigen glänzenden Ehrenabzeichen geschmückt war.

Im Russisch Türkischen Krieg, der als einer der blutigsten jener Zeit galt, hatte Karl Christian den Türkenjungen Mehmed an sich genommen, welcher der Sohn eines gefallenen türkischen Offiziers, manche sagten, eines Janitscharen, war. (Über die näheren Umstände des Todes von Mehmeds Vater war nichts bekannt.) Nach Mecklenburg zurückgekehrt, ließ Karl Christian dem Jungen eine hervorragende Erziehung und Ausbildung angedeihen, er war unendlich stolz auf seinen Ziehsohn, und der dankte es ihm mit edler Anhänglichkeit und bedingungslosem Gehorsam.

Wohin die beiden auch kamen, sie fielen auf, der eine durch seine stattliche Figur, dem Habitus des unsterblichen Soldaten, dessen Wirkung durch eine Narbe auf der Stirn, verursacht durch einen Säbelhieb, noch verstärkt wurde; der andere durch die fast orientalische Aura, die ihn umgab und die wie ein eigener Duft von ihm auszuströmen schien, als hätte ihn im Gemach eines muselmanischen Fürstenpalastes eine bezaubernde Odaliske zur Welt gebracht.

Obwohl der Mecklenburger fast sein ganzes Leben in der Armee verbracht hatte, war er in seiner Gesinnung und Meinung keineswegs so davon geprägt, wie man es hätte annehmen können. Er war keiner von denen, die unentwegt glaubten, ihre Abenteuer zum besten geben zu müssen, ja, er sprach eigentlich überhaupt nicht viel oder gern von seiner Vergangenheit, und wären da nicht die unverkennbaren äußeren Anzeichen gewesen, man hätte ihn für einen Bürgerlichen, etwa einen Kaufmann oder - wegen seiner Gestalt - für einen Forschungsreisenden halten können; er war auch sehr gebildet.

Von seiten der Herzogin Margarete, also aus dem Hessischen Hause, waren Luises Großmutter anwesend, sowie Margaretes Bruder Wilhelm, der mit seiner Gattin Auguste, der früheren Prinzessin von Preußen, erschienen war. Die beiden sprachen kein Wort miteinander, sie lagen in Scheidung, und es war wohl nur der verpflichtende Wunsch der Großmutter gewesen, die darauf bestanden hatte, daß beide gemeinsam an der Konfirmation ihrer Enkelin teilnehmen; was umso mehr verwunderte, als Luise mit dem Hessischen Hause nicht direkt verwandt war.

Dem Herzog August missfiel es übrigens, daß Wilhelm sich so angeregt mit Luise unterhielt, er meinte sogar für sich, sein Schwager sei ständig dabei, Luise in ein Gespräch zu "verwickeln", er beobachtete ihn mehrmals, wie er sich nahe zu seiner Tochter herüberbeugte und ihr etwas zuflüsterte, worauf Luise in kindisches Gelächter ausbrach; August fand, daß sie sich beide unschicklich benahmen.

Sein Bruder Friedrich war hin und weggerissen von der russischen Großfürstin Anna Fjodorowna, einer aparten Dame Mitte dreißig mit schwarzem Haar und einem Mienenspiel, das ihre Wertschätzung (mit anderem Wort: ihre Vorliebe) für die zwischenmenschlichen Vergnügungen nur schwer verbergen konnte. Und womöglich wollte sie auch gar nichts verbergen.

Friedrich entdeckte Anna Fjodorowna, wie sie sich mit Karl Christian unterhielt, in fließendem Russisch und mit einem Gestus, der besagte: 'seinerzeit lag mir dieses ganze Riesenreich zu Füßen!' Man konnte erahnen, daß ihr die Erinnerungen an die rauschenden Bälle in den Marmorpalästen an der Moskwa, mit Strömen von Sekt und Schüsseln voll Kaviar und an die Dutzenden von heimlichen Liebhabern und Hunderten gedemütigter Verehrer die liebsten von allen waren.

Wie sie denn jene unseligen Tage erlebt habe, als Napoleon Moskau in Schutt und Asche legen wollte, fragte Friedrich sie, als sei er noch im Nachhinein um ihr Wohl besorgt. "Ach mein Lieber", antwortete sie mit einem Fingerschnippen, "Russland war einst so groß und herrlich, daß es bis zum Ende der Welt von seinem Ruhm und Glanz zehren kann, wie sollte es da vorher durch ein kleines Feuer untergehen?"

Ihre russische Zeit war allerdings passé; der Großfürst Konstantin hatte sie schlecht behandelt, er neigte zur Gewalttätigkeit, wie manche sagten. Sich einem Mann zu unterwerfen war für Anna Fjodorowna völlig inakzeptabel! Inzwischen lebte sie in der Schweiz mit einem Oberhofmeister aus Bern zusammen; sie war formell wieder (oder immer noch) Juliane Henriette, eine Prinzessin von Sachsen Coburg Saalfeld, und das war auch der Grund, weshalb sie jetzt zugegen war.

Friedrich scharwenzelte um sie herum wie ein Junggeselle auf Brautschau, nie hatte man ihn so herzerfrischend plappern hören, es war, als hätte er endlich eine Frau gefunden, für die es sich lohnt, sich anzustrengen, um sie zu beeindrucken. Und Juliane ließ es sich gefallen. Es gelang ihm, ihre ganze Aufmerksamkeit zu gewinnen. Er brachte sie zum Lachen. Er wich ihr an diesem Tag nicht mehr von der Seite. Als bei der Festtafel ganze drei Gedecke fehlten und die Herzogin darüber in Zorn auf das Personal geriet, da sagte Friedrich, das sei doch nicht weiter schlimm, er werde das sogleich selbst in der Küche regeln. "Ich helfe Ihnen", rief Juliane, und sie verschwanden für eine ganze Weile, während die Serviermädchen eilig das Geschirr vervollständigten. Der Trubel war so groß, daß es nicht weiter auffiel, als die beiden erst zum Dessert wieder auftauchten.

Nach dem Festmahl wurden, um die Zeit bis zur Kaffeegesellschaft zu überbrücken, Spaziergänge rund um das Schloss und in den Garten unternommen, wo in dem Pavillon eine kleine Kapelle musizierte. Die Kinder tollten auf der Wiese umher, man hatte eine Truppe engagiert, welche die Kleinen mit Maskeraden unterhielt, während die Großen, unter ihnen die nunmehr "Erwachsenen" durch anschauliche Vorträge über Naturkunde, speziell über die Tierwelt, belehrt werden sollten.

Zu diesem Zweck waren aus dem Herzoglichen Naturalienkabinett einige präparierte Kreaturen aufgestellt worden, darunter ein ausgestopfter Bär und sogar der Elefant, der aus Afrika stammte und dem nachträglich gewaltige Hauer aus echtem Elfenbein eingesetzt worden waren, damit man besser erkennen konnte, wo vorn und hinten ist, denn es schien, daß die Herren Konservatoren selber nie einen anderen Elefanten zu Gesicht bekommen hatten.

Der Lehrer, der vom Direktor Amelung dazu verdonnert worden war, hatte es nicht leicht, Luise und ihre Freundinnen für den trockenen Vortrag zu gewinnen, erst recht nicht die Jungs, die keine Minute stillstehen konnten, sogar Mehmed hatte das Zuhören satt. Es dauerte nicht lange, da hatten die Kinder die Plätze getauscht; während die Großen bei der Gauklertruppe mit den Masken und Perücken herumalberten, fingen die Kleinen an, auf die toten Ungeheuer zu klettern, und der Lehrer, als er sah, daß Hopfen und Malz verloren waren, half ihnen dabei.

Der Herzog August stolzierte, begleitet von einigen seiner Räte und Minister, durch die Anlagen und bemühte sich, seine auserlesenen Gäste reihum mit kleinen Konversationen bei Laune zu halten; es gelang ihm zwar, aber sobald er sich von irgendjemand abwandte, konnte man den Überdruss sehen, der ihm auf dem Gesicht geschrieben stand. Er hielt aus und durch, seiner geliebten Tochter wegen.

Karl Christian, der Ziehvater des Türkenjungen und - wie erwähnt - der Bruder der seligen Louise, sprach seinen ehemaligen Schwager wegen der Predigt bei der Konfirmationsfeier an, es war ihm - so seine eigene Aussage - nicht ganz nachvollziehbar, mit welchem Motiv der Oberkonsitorialrat der Luise einen Spruch aus dem Buch Tobit mit auf den Lebensweg gegeben habe.

"Was für einen Spruch?", fragte August, der die Predigt schon wieder abgetan hatte. "Hüte dich, daß du in keine Sünde willigst und nicht gegen Gottes Gebot handelst", zitierte Karl Christian. "Ja und? Was hast du daran auszusetzen?" "An und für sich nichts. Ich frage mich bloß, ob dies für ein fünfzehnjähriges Mädchen unseres Standes relevant ist. Nimm' es mir nicht übel, aber für mich klang das nicht wie ein Segen, sondern eher wie eine Ermahnung."

August zog die Augenbrauen zusammen. "Wieso sollte unsere Luise ermahnt werden?" "Eben das beschäftigt mich auch, sollte sie?" August überlegte einen Moment, dann sagte er "Ich glaube, du deutest da zuviel hinein, lieber Karl Christian." "Entschuldige, ich habe überhaupt nichts gedeutet, ich bin vielmehr unangenehm berührt. Und ich denke, daß unsere selige Louise damit auch nicht einverstanden gewesen wäre."

"Das ist deine Vermutung." "Nein, es ist meine Überzeugung, in gewisser Weise betrifft es nämlich auch euch." "Ich kann dir nicht ganz folgen." "Nun, wenn man es für nötig hält, an das Gewissen eines jungfräulichen Mädchens, noch dazu einer Erbprinzessin, zu appellieren, dann könnte man die Ursache ihrer Gefährdung auch - verzeih' den Ausdruck - in der unzulänglichen Moral ihrer Eltern sehen."

August wusste für einen Augenblick nicht, ob er grob werden sollte. Karl Christian fügte hinzu "Was meine Schwester betrifft, so würde ich für ihre Reinheit und Sittsamkeit noch heute und auf der Stelle meine Hand ins Feuer legen, wenn irgendjemand an ihr zweifelte. Sie hätte es niemals nötig gehabt, sich Warnungen aus einer Schrift anzuhören, die noch nicht einmal zum offiziellen Kanon der evangelischen Kirche gehört." "Wie bitte?" "Nur die Juden schätzen das Buch Tobit, wahrscheinlich wegen der Bedeutung der Blutreinheit, die darin zum Ausdruck kommt und wegen dem Sieg über das verhasste Ninive."

August war sprachlos und verwirrt. "Was haben Blutreinheit oder Ninive mit der Konfirmation meiner Tochter zu tun?" "Eben nicht viel, lieber Schwager, und daher auch mein Unverständnis: Was hat deinen Pfarrer bloß getrieben, Luise mit der Geschichte von Tobits Sohn in Verbindung zu bringen, das sollte mir mal jemand erklären." "Vielleicht hätte ich vorher etwas genauer darauf achten sollen, was der Kerl da vom Stapel lässt", gab August nach.

Karl Christian klopfte ihm auf die Schulter. "Nun ja, jetzt hat sie den Spruch weg. Ich wollte das auch loswerden, bevor ich wieder abreise, damit du weißt, daß es - außer dir - auch noch andere Menschen gibt, die das würdige Angedenken an unsere selige Louise pflegen und ihren makellosen Ruf bewahren. Niemand außer jene, die selbst zu unserer Familie gehören, sollten über irgendeinen von uns urteilen."

Die Herzogin Margarete hatte sich für den Abend umgekleidet, sie fand die anderen in dem Zimmer, das man früher einmal Le Chartreuse, die Kartause, genannt hatte, was irgendwie mit einem literarischen Zirkel oder einem Liebhabertheater in Zusammenhang stand. Der Name hatte sich gehalten.

Karl Christian war hier, Margaretes Bruder Wilhelm und (einige Schritte von ihm weg) Auguste, Eleonore (die Mutter des schlacksigen Georg), Karl Anton von Coburg Saalfeld, der Bruder von Juliane, sie selbst, das Fräulein von Kemp, eine jüngere von Buchwald und Friederike von Montmartin (deren Großmutter einst in Diensten der Herzogin Dorothea gestanden hatte) sowie einige Herren aus der weitläufigen Verwandtschaft.

Friedrich hatte sie alle hierher gelockt, um ihnen ein paar ausgewählte Bücher und Bilder aus dem Fundus seines Vaters zu zeigen, die er unter der Bezeichnung "Nordamerikanische Bibliothek" gesammelt hatte. Es befanden sich darunter auch einige kolorierte Darstellungen von Indianern und Beschreibungen ihrer Sitten und Gebräuche, worüber die Anwesenden in eine angeregte Unterhaltung verfielen.

Man kam von einem zum andern, und als Margarete das Zimmer betrat, ging es gerade, nachdem man Mutmaßungen über das Zusammenleben der "Wilden" angestellt hatte, um die Problematik der Ehe im allgemeinen. Ausgerechnet das Fräulein von Kemp, inzwischen in die Jahre gekommen und immer ledig geblieben, sang ein Hohelied auf die unverbrüchliche Verbindung von Mann und Frau, worauf Eleonore entgegnete "Sie haben gut reden, meine Verehrte! Das alles ist recht beschaulich, solange man nicht selbst davon betroffen ist. Ich habe auch viele Romane gelesen, in denen die Ehe als eine Art Wunder erscheint, aber wenn man das Buch zuklappt, sieht die Welt oft ganz anders aus."

"Vielleicht liegt es daran", sagte die Buchwald, "daß man von Ehe spricht und Liebe meint, es ist der Wunsch die Mutter des Gedankens." "Was glauben Sie? Wäre es dennoch möglich, unter günstigen Umständen beides in Harmonie zu vereinen?", fragte Friedrich, und sie zuckte mit den Schultern.

Wilhelm sagte "Was Sie anstreben, lieber Friedrich, wäre ein Naturzustand, den es in dieser Sphäre nicht gibt. Die Ehe ist etwas Künstliches, sie ist nicht nur vergänglich, sondern auch instabil, wie alle menschlichen Einrichtungen. Harmonie ist eine höhere Qualität. Der Mensch kann eine Sonate komponieren, die voller Harmonie ist, aber dafür muss er Talent besitzen und von den Musen bevorzugt sein. In der Ehe zählen weder Talent noch Vorzüglichkeit, sondern letztlich nur Sicherheit und ein Quentchen Vertrauen."

"Das ist eben der Kardinalfehler, den wir begehen: wir glauben an einen Endzweck der Ehe, mit dem wir sie schließen", rief Juliane aus, "wir berauben uns damit von vornherein aller Möglichkeiten, aller Freiheiten!" "Nach Ihren Worten, Wilhelm, würde es eine Zeit geben, in der die Ehe aufgelöst, um nicht zu sagen, der Bedeutungslosigkeit verfallen wäre." "In der Tat, sie wäre ganz unnötig geworden." Friederike von Montmartin, eine außergewöhnlich hübsche Frau, seufzte hörbar auf. "Ach Gott! Wozu dann die ganze Vorgeschichte?"

Herzog August war bei diesem Gespräch nicht dabei, und es wäre wohl fraglich gewesen, ob er mit der gleichen Offenherzigkeit wie die anderen zum Thema beigetragen, oder vielmehr gute Miene zum bösen Spiel gemacht hätte. Denn namentlich die Anwesenheit von Julianes Bruder Karl Anton, des Coburg-Saalfelder Herzogs, machte ihn auf eine unerträgliche Art befangen.

August wurde, seitdem Karl Anton das Gothaer Schloss betreten hatte, das Gefühl nicht los, als führte er sich, freilich ohne große Worte und Gesten, aber mit einer ebenso überlegenen wie falschen Herzlichkeit, die schon an unverhohlenes Mitleid grenzte, wie ein Retter auf, der in Wahrheit ein Eroberer ist. Und beides war durchaus nicht an den Haaren herbeigezogen.

Während August nach dem Untergang Napoleons von den Politikern, die nun das Sagen hatten, wegen seiner jahrelangen Sympathie mit dem Imperator zu einer Persona non grata, ja zu einer Persona infamis, erklärt worden war, hatten Männer wie Karl Anton nach den sogenannten Befreiungskriegen auf einmal Oberwasser.

Er hatte in preußischen Reihen gekämpft, hatte bei Leipzig das 5. Deutsche Armeekorps befehligt und war bei Waterloo dabei, als Napoleon endgültig besiegt wurde. Karl Anton war einer der wenigen Sachsen-Thüringer Fürsten, die auf dem Wiener Kongress, der Generalabrechnung mit den Franzosen, für seine Treue zur Gegenseite belohnt wurde.

Er hatte eben auf der richtigen Seite gestanden. Er erhielt zwar nicht die erhoffte Entschädigung für die Opfer, die sein Herzogtum während der schlimmen Kriegszeit gebracht hatte, dafür aber aus der Aufteilung der rheinischen Gebiete das Fürstentum Lichtenberg, ein kleines, wonniges Fleckchen im Saarländischen.

Und er rechnete sich, wie August befürchtete, noch viel mehr aus! Es konnte kein Zweifel daran bestehen, daß Karl Anton hier erschienen war, um ein Auge auf Luise zu werfen und sich - womöglich mit Hilfe seiner ach so unbekümmerten Schwester - ein Urteil über sie zu bilden. (Margaretes Bruder Wilhelm hatte mit Luise gescherzt, was August ungern mitansah. Aber Karl Anton war bar allen Humors, er behandelte Luise mit einer trockenen Förmlichkeit, die August zuwider war, worauf jedoch - was ihn noch mehr verdross - Luise mit einer Mischung aus Scheu und Eitelkeit reagierte. Sie fühlte sich offensichtlich geschmeichelt, von einem so imposanten Mann wie eine erwachsene Frau angesehen zu werden. August ließ es schaudern zu erkennen, wie ihr dabei der kindliche Liebreiz entrissen wurde.)

"Herzlichen Glückwunsch zu eurer außergewöhnlichen Tochter", sagte er zu August, "sie hat sich wirklich prächtig entwickelt." Dann setzte er hinzu "Ich habe nie daran gezweifelt, mein Bester, daß hier in Gotha auch in den schweren Zeiten Sorge um das künftige Schicksal unserer Kinder getragen wird. Ich bedaure es zutiefst, daß uns die Ereignisse so lange voneinander entfernt gehalten haben." 'Entzweit haben, wollte er wohl sagen', dachte August, erwiderte aber "Es ist letztlich nicht unser beider Schuld", bereute jedoch gleich den versöhnlichen Ton. In Wahrheit wünschte er sich, daß es für immer so geblieben wäre.

"Völlig deiner Meinung!", schmeichelte ihm der Coburger, "Und es ist nun einmal geschehen, es ist aus und vorbei, und was immer auch dabei herausgekommen ist, wir sollten das Beste daraus machen." Das klang gar nicht wie ein ehrenwerter Vorschlag, sondern eher so, als wollte sich er sich in August's fernere Angelegenheiten einmischen, ihm trotzdem - ja gerade jetzt - Vorschriften machen.

Karl Anton legte ihm den Arm um die Schulter (wie sein Schwager Christian!) "Schau', mein Lieber, wir haben beide keinen Grund, uns einander zu beargwöhnen oder uns gegenseitig Vorwürfe zu machen. Du bist mir keine Erklärungen schuldig (August ballte die Faust vor Wut) und ich bin weit davon entfernt, irgendjemandem nachträglich eine Lehre zu erteilen, die wirst du ohnehin schon selbst gezogen haben, ich will nicht in alte Wunden stechen."

August befreite sich geschickt aus seiner Umarmung und sagte mit einem verzerrten Lächeln "Du willst jetzt aber nicht, daß wir herumturteln wie mein Bruder und deine Schwester?" "Wie bitte?" Karl Anton blieb stehen, aus seinen Augen bohrte sich ein Blick wie ein blanker Dolch in August's Angesicht. Aber er beherrschte sich und sagte "Wären wir nur früher so freundschaftlich zusammengekommen, vielleicht hätte ich gelernt, dich besser zu verstehen."

Es fiel August so unsagbar schwer, mit diesem Mann zu reden, er hatte überhaupt nicht das Verlangen danach. Daß er und seine Schwester Juliane sich zu Luises Konfirmation eingefunden hatten, war eine selbstverständliche Geste der fürstlichen Gepflogenheiten, ebenso wie die Gastlichkeit, mit der sie empfangen wurden. August konnte es kaum erwarten, daß der Coburger wieder verschwand und er erleichtert aufatmen konnte.

Aber genau dies würde er nicht tun können. Selbst wenn Karl Anton weg wäre, fände August fortan keine Ruhe mehr. Er würde wiederkommen, nicht mit seiner Schwester, die ihm ohnehin nur einen Gefallen getan und sich von seinem wie immer ahnungslosen Bruder Friedrich hatte umschwären lassen. Nein, er würde wiederkommen mit seinen Ministern und Räten, mit seinem ganzen Geheimen Konzil, mit seinen Notaren und Protokollanten und vor allem mit seinem Vermögensverwalter. Und er würde damit anfangen, Angebote zu unterbreiten und Verträge auszuhandeln, und dann würde er Forderungen stellen und Sicherheiten verlangen und unter dem Schein der selbstlosen Protektion würde er beginnen, sich alles einzuverleiben, dessen er habhaft werden konnte.

Aber als erstes würde er um die Hand Luises anhalten, würde er ihm, August, sein Liebstes wegnehmen, und er würde nicht das Geringste dagegen unternehmen können.

Hatte ihn denn wirklich der Fluch getroffen, weil er über die ganze vermaledeite Ära hinweg dem großen Mann gehuldigt hatte? Dem Idol seiner Jugend, der ihn einst mit so viel Enthusiasmus erfüllte, für den er noch in seinen Träumen heiße Tränen vergoss. Sollte er nun dafür bestraft werden? Bis zuletzt hatte er zu Napoleon gehalten, auch nachdem sein Schicksal besiegelt war. Es klangen ihm noch die Worte des Bruders in Ohren, der gesagt hatte "Wie kannst du so naiv sein, diesem Tyrannen und Menschenverächter zu trauen! Freilich, es mag nur einen von seiner Sorte geben, aber von uns, Bruder, gibt es hunderte, mittelmäßige Fürsten, die sich an einen wie ihn dranhängen und ein Zipfelchen von seiner Macht und Größe ergreifen wollen. Glaubst du im Ernst, er wird sich jemals deiner annehmen? Und glaubst du, es wird dir gelohnt werden, daß du ihm treu warst? Er wird scheitern wie alle vor ihm gescheitert sind. Und dann wird niemand da sein, der dir deinen Fehler verzeiht." "Und doch", hatte August ihm trotzig entgegnet, "was für ein Glück, ihn gekannt zu haben!"

Nicht das sang- und klanglose Ende der gewaltigsten Armee aller Zeiten schmerzte ihn, nicht der Zusammenbruch der Staaten, nicht das Verlöschen der großen Visionen, nicht die Entzauberung der Macht von Gottes Gnaden. Am meisten schmerzte ihn zu erleben, wie die rohen, geistlosen, lüsternen Triebe überall wieder in die Höhe schossen und die Männer vom Schlage eines Karl Anton, die sich seit jeher - und nun erst recht - für die Elite der Deutschen hielten, in ihrer Raffgier und erbarmungslosen Strenge sich ihre verlorenen Pfründe wiederbeschaffen. Alles war wieder beim Alten.

Irgendwann, als er noch ein Jüngling war, hatte ihm sein Onkel Johann Eugen vom Krieg erzählt und davon, wie die Sieger seit jeher nach einem "ehernen Gesetz" handeln, und das lautete so: "Töte die Verräter, raube ihren Besitz und schwängere ihre Weiber!" Der junge August war bestürzt über die gewalttätige Ausdrucksweise des Onkels, eine Weile hielt er ihn für einen verkappten Räuber und Mörder.

August hatte nie eine Uniform angezogen, keine Waffe getragen, nur zwei oder dreimal ein Jagdgewehr abgefeuert, der Knall verletzte sein feines Gehör; den Befehl über das kleine Gothaer Regiment hatte er dem Oberst Reinhardt übertragen, auf Lebenszeit. Er hatte ein sanftes, manchmal kindliches Wesen. Manche sagten, er sei weichlich, ja weibisch! Egal, das berührte ihn nicht. Die Mutter hatte ihn "einen Schwärmer" genannt, den einzigen echten Schwärmer in der Familie, und darauf bildete er sich etwas ein, es machte ihn glücklich.

Als er mit seiner jungen Gemahlin Louise im elterlichen Residenzschloss herumstöberte, kamen sie bis auf den Dachboden (Louises Kleid war hernach ganz grau vom Staub und von den Spinnweben). Sie amüsierten sich köstlich, sie spielten "Versteckens", wie er es nannte, sie belohnten sich gegenseitig mit heißen Küssen, wenn sie sich wiedergefunden hatten.

In einem der halbdunklen Winkel hatte Louise ein Schaukelpferd entdeckt, das zu August gehörte, als er ein Kind war. Sie hatte es unter anderem Kram hervorgezogen und sie hatte sich beinahe ausgeschüttet vor Lachen, mit welchem "Schmuck" August es verziert hatte. In dem Schweif (von echtem Rosshaar) hingen bunte Schleifchen und Perlenketten, ebenso in der Mähne am Hals. Auf dem Rücken und an den Flanken waren Seidentaschentücher mit Blümchenmuster befestigt, die kleinen Hufe waren mit Damenhandschuhen aus feinstem Ziegenleder bedeckt und im Maul des Pferdchens hing ein ... tja, was für ein Accessoire der weiblichen Garderobe war dieses mit rosafarbenen Rüschen versehene Wäschestück?

Er hatte sogleich abgestritten, daß es sein "Pferdchen" gewesen sei, zumindest daß er es so hergerichtet habe, aber Louise hatte ihm einen Kuss gegeben und gesagt "Du musst dich doch nicht schämen, ich finde es so süß!" Vielleicht war die Erinnerung an diesen "drabbirten" Spielgefährten sogar ein Grund dafür, daß August dann die Idee mit der Kinderwiege, die der Tischlermeister Braugelt bauen sollte, durchaus reizvoll fand, wusste er doch, wie schön es ist, sich in süße Träume hineinzuschaukeln!

Um die unangenehme Unterhaltung mit dem Coburger schnell zu vergessen, widmete sich Herzog August den Vorbereitungen für das abendliche Biwak, das bei Lampions und Kohlenglut im Freien stattfinden sollte. Die Kinder halfen fleißig mit. Je mehr der Tag zur Neige ging, umso stiller wurde Luise, und als ihre Freundin Sophie sich nach ihrem Befinden erkundigte, erwiderte sie "Danke, es geht mir gut. Bloß ein bisschen schade, daß Lukas nicht gekommen ist." "Der untreue Dachs!", sagte Sophie, und sie mussten beide lachen.

Später spielten die Musikanten immer noch im Pavillon; obwohl sie seit dem Nachmittag zugange waren, hatten sie in ihrer Munterkeit und Konzentration kaum nachgelassen. Gerade erklang ein Quintett des Hofkapellmeisters von Weber, der zwei Jahre zuvor auf Schloss Friedenstein weilte.

Onkel Friedrich, die Kinder um sich geschart, erzählte ihnen, daß dieser Herr von Weber eine Oper komponiert habe, mit dem Titel "Der Freischütz", in der es um Zauberei und finstere Mächte geht, und in der die berühmteste Szene in einem Waldesgrund stattfindet, der die "Wolfsschlucht" heißt. In der von den Lampions kaum erhellten Dunkelheit überkam die Kinder ein sachtes Gruseln. Nur Franz Feller blieb kühl und meinte "Mein Bruder sagt, daß sie den Wolf, der da mitspielt, hier auf dem Kranberg gefangen haben."

Einige Tage nach ihrer Konfirmationsfeier kam Luise mit einer merkwürdigen Bitte auf August zu. "Papa, ich möchte einen Brief an meine Großmutter schreiben." "Aber du hast sie doch erst vor einer Woche gesehen, hat sich denn inzwischen so viel Neues ereignet?", fragte er sie verwundert. "Ich meine die Großmutter Charlotte Amalia." August stutzte, nie zuvor hatte Luise solch ein Ansinnen gehabt. "Ach, diese Großmutter!" "Wieso sagst du das?" Er wirkte auf sonderbare Weise betroffen, er fragte sich, wer oder was Luise auf die Idee gebracht hatte, er fragte sich mit Erschrecken, ob die Herzogin-Mutter Charlotte, seine leibliche Mutter, tatsächlich so fern von seinem Geiste war, daß er sich erst mit einer Verzögerung auf sie besinnen konnte.

"Ja, mein Liebes", sagte er dann, "darüber würde sie sich gewiss freuen, nur ..." "Was?" "Ehrlich gesagt wüsste ich nicht auf Anhieb, wohin wir den Brief schicken sollten." "Du weißt nicht, wo sie ist?", fragte Luise in vorwurfsvollem Ton, der seine Wirkung nicht verfehlte. "Doch, ja, jetzt fällt es mir ein, sie ist in Neapel." "Wo der Vulkan ausgebrochen ist?" "Das war schon vor langer Zeit, im Moment ist es da ruhig. Ja, gut, schreibe ihr alles, was sich hier zugetragen hat, brauchst du Unterstützung?" "Danke, das schaff' ich allein." "Gut. Gibst du es mir wenigstens zu lesen." Luise überlegte kurz. "Wenn's fertig ist, ich meine, falls irgendwelche gravierende Fehler drin sind." "Ja." "Aber du darfst ihn niemand anderem zeigen!" "Nein, tue ich nicht, die Sache bleibt unter uns, mein Liebling." "Dann mache ich mich jetzt an die Arbeit", sagte Luise, raffte ihr Kleid und wandte sich zum Gehen. "Ach übrigens", fragte sie in der Tür, "lebt sie dort eigentlich allein?" "Nein, der Freiherr von Zach ist bei ihr. Er war früher hier Hof Astronom bei deinem Großvater." "Hier in Gotha?" "Ja, auf der Sternwarte oben auf dem Seeberg. Er kennt dich, als du noch ganz klein warst." "Mich?" "Ja." "Glaubst du, er erinnert sich noch an mich?" "Zweifellos. Und natürlich an deine Mutter." "Interessant", sagte Luise.

Oh, wie irrte sich August! In Neapel war es alles andere als ruhig. Niemand in Gotha, dachte Jakob Hausmann jetzt, als er jene Ereignisse Revue passieren ließ, niemand ahnte, wie schlimm es um die Herzogin bestellt war. Er, Hausmann, hatte sich einige Wochen zuvor, quasi über Nacht, nach Altenburg begeben, auf Verlangen des Ministers von Lindenau.

Der eröffnete ihm, daß er von dem Freiherrn von Zach einen Brief erhalten habe, mit der dringenden Bitte, unverzüglich nach Neapel zu kommen, da sich die Herzogin Charlotte "in einem Zustand höchster Bedrängnis und Ausweglosigkeit" entschlossen habe, ihr Testament aufzusetzen!

Bernhard von Lindenau war seit etlichen Jahren, zuerst als Kammerrat, später als Minister für den Gothaer Hof tätig, und er war Vermögensverwalter seines ehemaligen Lehrers und väterlichen Freundes Franz Xaver von Zach, weshalb der ihn nun damit beauftragte, die letztwillige Verfügung der Herzogin zu dokumentieren.

Mit keinem weiteren Wort hatte sich Zach über die genauen Umstände von Charlottes Verfassung geäußert, so daß Lindenau darüber nur spekulieren konnte, wozu er allerdings mit seinem kühlen und scharfen Sinn nicht geneigt war. Das knappe, fast befehlsmäßig anmutende Schreiben ließ das Schlimmste befürchten. Zudem hatte sich Zach, der Anweisung Charlottes folgend, ausdrücklich verbeten, den Herzog August, ihren Sohn, von diesem Brief in Kenntnis zu setzen, was den Lindenau im ersten Moment nicht wenig betroffen machte und in Verlegenheit brachte.

Aber er war, wie Jakob Hausmann es jetzt bekräftigte, wirklich einer der fähigsten Männer in der ganzen Geschichte des Gothaisch-Altenburger Fürstentums; umsichtig, loyal, menschlich, modern, tatkräftig und mit dem gehörigen Durchsetzungsvermögen ausgestattet, das ihm vor den Untergebenen die nötige Autorität verschaffte, und bei den Oberen den Ruf absoluter Zuverlässigkeit eingebracht hatte. (Auch war er ein leidenschaftlicher Kunstliebhaber und Kenner, als solcher allerdings höchst ungesellig.)

Die Zeit drängte, und so machten sich die beiden, nachdem Hausmann in Altenburg eingetroffen war, auf den Weg nach Neapel, erst unterwegs klärte Lindenau ihn über die Sache auf. Hausmann erinnerte sich, daß er angenommen hatte, die Herzogin sei schwerkrank, nicht einmal mehr fähig, selber zu schreiben, aber er wusste auch, daß sie zeitlebens von robuster Gesundheit war, und so recht konnten weder er noch Lindenau an einen plötzlichen körperlichen Verfall nicht glauben.

Vor den Toren Neapels angekommen, mussten die beiden dann buchstäblich am eigenen Leib erfahren, was hier los war ...

* * * * *

Der Bildhauer Jean-Antoine Houdon war bereits ein hochberühmter Künstler, als er nach Weimar kam. Aber dort, am Hof des Großherzogs Carl August konnte man nicht so recht etwas mit ihm anfangen, es schien, daß seine Kunst für das beschauliche Weimar eine Nummer zu groß, und dieser Ort für ihn eine Nummer zu klein war. Dennoch behandelte man ihn sehr freundlich und zuvorkommend. Er pendelte drei, viermal zwischen Weimar und Paris hin und her, denn in Paris hatte er sein Atelier (mit siebzehn Gehilfen) und er war ein vielbeschäftigter Mann. Er war nach Weimar gekommen, um die Vorstudien für einige Auftragsarbeiten auszuführen, Porträtbüsten allesamt, von der Herzoginmutter Anna Amalia, vom regierenden Herzogspaar, von Wieland und Herder und einigen anderen prominenten Leuten; die Aufträge waren, wie sich das für einen Künstler von Rang und Namen gehörte, üppig dotiert.

Auf einer seiner Rückreisen musste er Halt in Gotha machen, da seine Kutsche eine Panne hatte. Er verfügte sich aufs Schloss, wo ihn die Schildwache am Eingangstor fortjagte, weil sie ihn für einen fahrenden Komödianten hielt und der Conrad Ekhof, welcher der Theaterdirektor war und der sich vor Möchtegern Schauspielern, die um eine Anstellung bettelten, zu verbergen suchte, der Wache strengstens eingeschärft hatte, solche Subjekte bloß nicht hereinzulassen.

Der Bildhauer Houdon war aber auch gar lustig anzuschauen. Er trug ein Wams aus grellgrünem Stoff mit jeder Menge andersfarbigen Rüschen und Pailletten, dazu blau-weiß längsgestreifte kurze Pluderhosen über seidenen Strümpfen und schwarze Schuhe mit goldenen Schnallen an den Füßen, er hatte einen weitgeschwungenen roten Hut mit Federbausch auf dem Kopf und zarte Lederhandschuhe an den Händen. Er sah aus wie ein aufgeblasener Papagei mit Degen, den er nämlich immer bei sich trug.

Er war in seinem Äußeren der vollkommene Gegensatz zu seinen Kunstwerken. Seine Porträtbüsten waren naturbelassen wie der Gips, Ton, Stein oder die Bronze, aus denen sie geschaffen waren, ohne Schmuck und Zierrat, häufig größer als das lebende Original und von geradezu frappierender Deutlichkeit (in der "Gothaer Zeitung" nannte sie der Artikelschreiber hernach sogar "bezwingend gegenwärtig"). Irgendetwas an ihnen bewirkte, daß man glaubte, sie wären nicht die Abbilder wirklicher Personen, sondern eher wie "Planeten" in einem menschlichen Universum, wie zu Sternbildern erhöhte Helden, für das ewige Ansehen von Meisterhand aus erdigen Elementen geformt.

Und wenn man diesen Jean-Antoine Houdon bei der Arbeit sah, dann meinte man, daß auch er selbst aus seiner sterblichen Körperhülle herausgetreten sei. Von Statur zwar eher schmächtig, gebärdete er sich vor seinen Objekten doch wie der Pankratus der Bildhauerzunft, gestärkt und beflügelt von den Göttern selbst, die es anscheinend jedesmal kaum erwarten konnten, sich an einem weiteren Haupt in der Galerie seiner Originalgenies ergötzen zu können.

Er platzierte mit vollen Händen den Ton, spachtelweise den Gips an das voluminöse Etwas, aus dem das Ebenbild seines Modells das Licht der Welt erblicken sollte, er schlug mit Hammer und Meißel einen unförmigen Block aus dem Stein heraus, der nichts weniger als das vollendete Werk erahnen ließ. Aber Houdon, der Schöpfer, wusste von Anfang an genau, wie es aussehen würde, hatte alles schon vor seinem geistigen Auge bis ins letzte Detail ausgeführt, und wenn der rohe Klumpen die richtigen Dimensionen hatte, dann setzte er, erst mit den groben und weniger groben, dann mit immer kleineren und feineren Werkzeugen, Stück für Stück jede einzelne Partien der Büste frei, und wenn zum Schluss die Augen ihren Blick verliehen bekamen, dann erwachte in der Skulptur gleichsam eine Seele, und der verzaubernde Wink einer Muse verknüpfte sie unauflöslich mit dem Namen dessen, dem sie zugehörte.

Wenn er damit fertig war, brauchte Houdon einige Zeit, um sich von der Arbeit zu erholen. Er schickte alle Gesellen nach draußen, ließ sich auf einen sehr bequemen Stuhl sinken und betrachtete sein Werk wohl ein, zwei Stunden lang, und man wollte auch schon vernommen haben, wie er zu ihm gesprochen hatte. Dann erhob er sich und rief seine Gesellen zurück, die drumherum alles aufzuräumen und zu säubern hatten. Er selbst nahm ein Bad und warf sich in sein extravagantes Kostüm, band den Degen um und verließ das Atelier, um in der Öffentlichkeit sich unter die Leute zu mischen, um gesehen und hofiert zu werden.

Das war ihm, als er in Gotha notgedrungen seine Reise unterbrechen musste, nicht beschieden. Immerhin konnte er sich doch endlich Einlass verschaffen und wurde vom Herzog aufs Herzlichste empfangen. Dem kunstliebenden Herzog war der berühmte Jean-Antoine Houdon natürlich ein Begriff und er wusste auch von seinem Aufenthalt in Weimar. Wahrscheinlich wäre Houdon kaum in Gotha abgestiegen, wenn ihn nicht die Umstände dazu gezwungen hätten, aber er bereute es nimmer!

Er fand den Ort, wo sich das fürstliche Schloss befand, sprich auf einem Hügel oberhalb der Stadt, sehr reizvoll, viel angenehmer als die Weimarer Residenz, die praktisch in einem "Flussbett" unter dichtbelaubten Bäumen, die einem "nach allen Seiten die Sicht versperren", an einer Stelle errichtet worden war, wohin wahrscheinlich bis vor kurzem die Städter ihre Kloake abgeleitet hatten. Noch jetzt musste man, wenn man die Treppen im Haus herabstieg, befürchten, nasse Füße zu bekommen.

Ein wenig spiegelte sich in Houdons halb scherzhaft, halb ernst gemeinten Worten seine Verärgerung über die Ignoranz der Weimarer wider, mit der sie seiner Kunst begegnet waren. Herzog Ernst seinerseits war Feuer und Flamme, als er Houdons wie beiläufig geäußertes Angebot aufschnappte, einige seiner Werke der herzoglichen Kunstsammlung zu übergeben. Auch war Houdon von der Herzogin Charlotte so angetan, daß er sich erbot, ihre Porträtbüste zu schaffen, was Charlotte jedoch beinahe abgelehnt hätte, weil Houdon ihr zu sehr schmeichelte; sie erklärte sich ihrem Gemahl zuliebe dann doch bereit, ihm Modell zu sitzen.

So kam es, daß wenig später außer dem Porträt Charlottes (mit dem sie "ganz zufrieden" war) knapp zwei Dutzend weitere Plastiken Houdons in Gotha angeliefert wurden. Der Herzog selber und sein Hofbildhauer Friedrich Doell waren über alle Maßen begeistert angesichts dieses so spektakulären Zuwachs' der Kunstsammlung, und Doell machte den Vorschlag, die Skulpturen der Gothaer Bürgerschaft in einer Ausstellung zu präsentieren, da sie sich des öfteren darüber beklagt hatte, daß der Herzog den Einwohnern der Stadt den Kunstgenuss vorenthielte, auf den sie als Steuern zahlende Mitglieder der Gemeinschaft Anspruch erhoben.

Unter den besagten Figuren befand sich auch die lebensgroße Gestalt eines nackten Mannes, aufrecht stehend, den rechten Arm nach vorn gestreckt und die Hand ausgebreitet, als sollte der Regen von den Fingerspitzen herabtropfen. Wenn hier von Nacktheit die Rede ist, dann trifft das nicht genau zu, denn dem Körper schien sozusagen vollständig die Haut abgezogen und die darunter liegenden anatomischen Einzelheiten sichtbar gemacht. Deshalb bekam er auch sogleich den Namen "Muskelmann".

Obgleich es eigentlich Houdons ursprüngliches Ansinnen war, eine menschliche, männliche Figur zu schaffen, an welcher man die natürlichen Gegebenheiten studieren und bei Bedarf abzeichnen konnte, stieß der Muskelmann bei den Betrachtern auf ein sehr geteiltes Echo. Einige, darunter der Gymnasialdirektor und Garnisonsprediger Amelung, fanden die Ausführung hart an der Grenze des guten Geschmacks und sahen sie, wegen des Fehlens eines echten Sujets, strenggenommen als kein Kunstwerk an. Denn weder in der antiken Mythologie, die Vorlagen für so viele großartige Skulpturen geliefert hat, noch in der langen Tradition christlich geprägter Motive gab es einen gehäuteten, namenlosen Mann, noch dazu in einer derartig unverständlichen Pose.

Die Fraktion der Bewunderer hingegen sah darin ein Meisterwerk des wahren Naturalismus und bedauerte zutiefst, daß es ein Franzose sein musste, der ihnen damit zuvorgekommen war, wo man doch zweifellos eigene Talente zuhauf besaß, die dergleichen schaffen konnten. Und wie um die Darstellung nach ihren eigenen Vorstellungen zu sublimieren, machte eine extra dafür gegründete Kommission von Gothaer Kunstfreunden den Vorschlag, den Muskelmann mit "Fleischfarbe" zu bemalen und dadurch den optischen Eindruck noch zu verstärken.

Wohlgemerkt, wurde die Diskussion in Abwesenheit Houdons geführt, der schon wieder in Paris war und nichts davon erfuhr, daß man seinem "L'Ecorché", wie die Figur ursprünglich hieß, einen Anstrich verpassen wollte. Und er musste auch nicht den geradezu grotesken Eifer der Kommission miterleben, die unter den hiesigen Metzgern eine Ausschreibung veranstaltete, in der nach dem natürlichsten Grundstoff für jene "Fleischfarbe" gesucht wurde, welche dann, entsprechend aufbereitet, verwendet werden sollte.

Der Hofbildhauer Friedrich Doell machte merkwürdigerweise gute Miene zum bösen Spiel, schüttelte zwar mitunter den Kopf über so viel "Naivität", hielt sich aber im Hintergrund. Und als es dem braven Herzog Ernst buchstäblich zu bunt wurde, ließ er den Muskelmann kurzerhand im Depot verschwinden, was ihm die Gothaer sehr übelnahmen und ihm "elitäres Gehabe" vorwarfen.

Aber er dachte ernsthaft über den Misserfolg nach. Er sprach mit Friedrich Doell darüber, und der meinte, es sei durchaus nachvollziehbar, daß sich die Leute hier bei aller Hochachtung der Franzosen oder Italiener am ehesten einen Künstler wünschten, der mit der heimatlichen Erde und der Mentalität ihrer Bewohner vertraut und verbunden sei. Er, Doell, habe sich bei der unseligen Debatte, aus Bescheidenheit und aus Höflichkeit gegenüber dem geschätzten Meister und Gast zurückgehalten, obgleich er sich selbst für würdig und wert genug erachte, um sich mit einem Houdon zu messen, wenn man ihm Gelegenheit gäbe, dessen Kunst eingehend vor Ort zu studieren, daraus sozusagen das Beste als Extrakt für sich zu übernehmen und dann hier in Gotha in eigener Art und Weise umzusetzen und Werke zu schaffen, die allen gleichermaßen gefallen.

Das war der Ausgangspunkt von Friedrich Doells Studienreise, die ihn erst nach Paris und dann nach Italien führte und die ihm der Herzog finanzierte, nachdem ihn Doell restlos von dem Erfolg seiner Mission überzeugt hatte, als er ihm die Gründung einer Gothaer Kunstakademie vor Augen malte, die gleich nach seiner Rückkehr in Angriff genommen werden sollte; Doell wollte dafür in Paris und Rom namhafte Künstler gewinnen.

Indes verzögerte sich seine Heimkehr ein ums andere Mal und die Bitten um Geldüberweisungen nahmen beständig zu. Es waren zuerst nur kleine Beträge, welche jedoch, nachdem sie offenbar anstandslos bewilligt worden waren, sich allmählich zu größeren Summen auswuchsen, so daß sich der gutmütige Herzog veranlasst sah, den Friedrich Doell in freundschaftlichem, ja fast heiterem Ton daran zu erinnern, was eigentlich der Zweck seiner Reise und seines Aufenthalts im sonnigen Süden gewesen war.

Die Briefe gingen ein paarmal so hin und her, des Herzogs Ton verschärfte sich, Doells Berichte wurden immer abenteuerlicher, einmal behauptete er, in Neapel von Straßenräubern, den berüchtigten Lazzaroni überfallen und ausgeraubt worden zu sein, unglücklicherweise als er gerade von der Bank kam, wo er die Geldüberweisung empfangen hatte. "Das ganze Geld futsch! Meine Kleidung zerrissen, mein Gesicht zerschrammt, so lag ich wohl über eine Stunde in der Gosse, bis sich endlich jemand meiner erbarmte. Durch einen Schlag auf den Kopf, den mir einer dieser Banausen verpasst hatte, konnte ich mich an nichts mehr erinnern, nicht einmal an meinen Namen. Man brachte mich in ein nahegelegenes Hotel, dort konnte ich mich unter Schmerzen allmählich erholen und erlangte Gott sei Dank auch mein Gedächtnis wieder.

Aber ich musste eine ganze Woche dort verbringen und erst danach konnte ich mich ohne fremde Hilfe wieder bewegen und Nahrung zu mir nehmen. Nun ist Ihnen, Euer Durchlaucht, sicher leicht ersichtlich, welche Kosten mir durch diesen unfreiwilligen Aufenthalt in dem Hotel entstanden sind, allein das Essen war ja von einer Menge und Güte, die ich mir normalerweise gar nicht hätte leisten dürfen, doch wie sollte ich mich dagegen wehren, wenn man mich fütterte wie einen Kranken!"

Es folgte eine Auflistung der Ausgaben Doells, die er aber nach drei, vier Posten abbrach und einen Pauschalbetrag verlangte, mit dem Hinweis, daß er nach seiner Rückkehr dem Kämmerer alle Abrechnungen "minutiös" vorlegen werde, "Nur bitte ich Sie für jetzt inständig: retten Sie mich aus meiner Bredouille, lieber Herzog! Ich werde es Ihnen ewiglich danken."

Mit diesen Lazzaroni hatte auch der Heinrich Tischbein seine Erfahrungen gemacht. Sie waren eine besondere Klasse von Neapolitanern, die man tatsächlich in ihrer Eigentümlichkeit nirgends sonst als in dieser Stadt antraf. Die Lazzaroni waren männlichen Geschlechts und es gab sie vom kleinen Straßenjungen bis zum erwachsenen Mann, ja bis zum zahnlosen Alten, wenn er trotz seiner Gebrechen noch hartgesotten genug war, sich unter ihnen zu behaupten. Die Lazzaroni waren keines Herren Knecht, sie arbeiteten nicht für Lohn, aber sie waren auch keine Bettler. In ihrer einen Hosentasche war kein müder Heller zu finden, aber in der andern klingelten immer ein paar kleine Münzen, sie waren arm, aber nicht mittellos, sie waren hungrig, aber sie mussten nicht hungern, sie waren Fremden gegenüber manchmal sogar freundlich, aber sie waren die geborenen Halsabschneider.

Ja, der Heinrich Tischbein, dachte Jakob Hausmann jetzt, als er sich jener Tage erinnerte, das war ein Künstler mit Format. Wenn der Friedrich Doell nur eine Handvoll solche Meister wie ihn für die Gothaer Kunstakademie hätte gewinnen und sie mit hierher bringen können, dann hätte es nicht lange gedauert und der gute Ruf dieser Institution wäre so leicht verbreitet worden wie Blütenpollen im Wind.

Aber den Tischbein zog es ebenfalls nach Italien, das offenbar alle für das schönste Land unter der Sonne hielten. So auch der geniale Goethe, der sich gleichsam einen Traum erfüllte, als er sich da hin aufmachte. Und dort traf er den Heinrich Tischbein und die beiden kraxelten auf den Vesuv und warfen einen Blick in den Krater, und hernach malte Tischbein den Dichter, wie er lässig, erhaben, mondän auf antikischem Gesims inmitten einer weitläufigen Landschaft ruht und nannte das Bild "Goethe in Kampanien", ganz so, als hätte sie und nicht das unter lauschigen Buchenwäldern schlummernde Weimar den Dichterfürsten großgemacht.

Ja, das war die Frage: ob so ein Bild in Gotha überhaupt Anklang gefunden hätte, wie der Friedrich Doell sich das von der heimischen Kunst wünschte. Er hatte da immer noch die Debatte um die "Fleischfarbe" im Kopf, mit der die Gothaer Bürgerschaft dem Houdon'schen Muskelmann auf die Sprünge helfen wollte. Und leider blieben seine Bemühungen, den Künstlerkollegen die Residenzstadt schmackhaft zu machen, ergebnislos, im Grunde hatte er sich von dem Plan einer Akademie schon verabschiedet und feilte bereits an den Erklärungen, die er dem Herzog für den fehlgeschlagenen Versuch präsentieren wollte.

Dem Heinrich Tischbein war es in Neapel übel ergangen, als die Armee der republikanischen Franzosen auf ihrem Feldzug gegen das feindliche Italien in Neapel ankamen und dem König Ferdinand auf den Pelz rückten. Die Franzosen standen schon in Aversa; "Hannibal ante portas!" hätte man rufen können, aber die Lazzaroni hatten mit dergleichen Reminiszenzen nichts am Hut.

Als der Prinz von Hessen-Philippsthal, welcher die Kavallerie gegen die französischen Freiheitskrieger befehligte, von der Front zurückkehrte, küssten ihm die Lazzaroni die Stiefel und baten ihn, sie anzuführen. Doch der Prinz sah und wusste, daß der wankelmütige Haufen von Stadtstreichern zu nichts weniger taugte, als die Monarchie gegen den Feind zu verteidigen.

Wenig später rückten die Franzosen in Neapel ein und errichteten eine Stellung auf dem Capo di Monte, von wo aus die Stadt mit Granaten aus Geschützen beschossen wurde. Der Heinrich Tischbein stand auf dem Dach seines Hauses und beobachtete die Vorgänge, als plötzlich dicht an seinem Kopf die Gewehrkugeln vorbeipfiffen und er in Deckung gehen musste, um nicht getroffen zu werden. In seinem Haus befand sich nicht nur sein großräumiges Atelier mit seinen eigenen Werken, sondern auch eine bedeutende Sammlung italienischer Kunst, und aus den Berichten seiner Freunde, die sich erst kürzlich in der gleichen bedrohlichen Lage befunden hatten, wusste er, daß den französischen Truppen alles, was sie im Gefecht erobern konnten, zum Plündern freigegeben war.

Die Lazzaroni hatten inzwischen die königlichen Zeughäuser gestürmt und sich mit allem bewaffnet, was zu greifen war. Der Prinz hatte sie schmählich fortgeschickt, sollten also der König und die Seinen sehen, wo sie blieben! Es gab unter ihnen übrigens nicht wenige, die mit den heranziehenden Franzosen sympathisierten; ein Lazzarone hat niemals etwas zu verlieren, und er besitzt einen todsicheren Instinkt, um sich in Zeiten des Umsturzes und des Chaos' immer auf die Seite des Stärkeren zu schlagen, selbst wenn sich das Blatt fünfmal am Tag wendet.

So kam es, daß in Wirklichkeit jeder gegen jeden kämpfte, und der arme Heinrich Tischbein musste scheußliche Szenen mitansehen, so etwa, als unten auf der Straße die Franzosen einen gefangenen Lazzarone an die Hauswand stellten, um ihn zu exekutieren. Der Kerl lachte sie aus und rief "Was wollt ihr mir mit euern Flinten anhaben!" Er riss seine Mütze vom Kopf, und auf seiner Stirn sah man ein Bildchen mit der Muttergottes kleben, das ihn vor allem Unheil bewahrte. Eine der Kugeln des Erschießungskommandos durchschlug genau an dieser Stelle seinen Schädel und sein Gehirn spritzte in einem breiten Fladen an die Mauer.

In der Stadt knallte und rumste es an allen Ecken und Ecken, und wenn der Tischbein in einer Feuerpause einen Blick vom Dach wagte, sah er überall Rauch aufsteigen und Schwaden von Pulverqualm zogen durch die Luft. Die Lazzaroni hatten sich schweres Geschütz aus dem Arsenal geholt und sich auf der Piazza l'Area delle Pigne verbarrikadiert, während die Franzosen dabei waren, das Kastell einzunehmen.

Tischbein versuchte zu retten, was zu retten war, einiges zu verstecken, anderes scheinbar achtlos in die Ecke zu verfrachten, um die Blicke der Eindringlinge davon fernzuhalten. Aber vieles wurde arg beschädigt, von den Soldaten blindwütig zerschlagen oder von verirrten Kugeln zerschrammt und zerfetzt. Einmal hielt ihm einer den Pistolenlauf an die Schläfe und brüllte etwas, das Tischbein nicht verstand, er glaubte, sein letztes Glöcklein habe geschlagen, als ein anderer, offenbar sein Vorgesetzter, ihn gerade noch weg zerrte; immerhin versetzte der Rabauke Tischbein einen kräftigen Schlag ins Gesicht, daß er taumelte und hintenüber fiel, worüber sich die anderen vor Lachen ausschütten wollten.

Und genau so wie es der treffliche Tischbein hernach schilderte, dachte Jakob Hausmann jetzt, da er sich dessen Erinnerungen nochmals zu Gemüte führte, genau so war die Lage in Neapel, als Herzogin Charlotte ihren treuen Bediensteten, den Bernhard von Lindenau, zu sich beordert hatte, da sie im Begriff stand, "in einem Zustand höchster Bedrängnis und Ausweglosigkeit", ihr Testament aufzusetzen und darin ihr Erbe zu regeln.

Nur daß seit den Tischbein'schen Tagen mehr als fünfzehn Jahre verstrichen waren und nicht nur ihre Enkelin, die Prinzessin Luise, zu einer schönen und verständigen jungen Dame herangewachsen war, sondern auch die ganze glorreiche Ära der Franzosen sich gerade ihrem Ende neigte, in der alle Grenzen Europas neu gezogen und seine Staaten neu formiert worden waren und in welcher tausende und abertausende Soldaten auf den Schlachtfeldern ihr Leben ließen.

Alles hatte damit angefangen, daß die aufgebrachten Bürger von Paris die Bastille gestürmt, den König samt seiner Familie gestürzt und gefangengesetzt, die Republik ausgerufen und sich die Parole "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" auf ihre Fahnen geschrieben hatten. Die Kunde dieser Ereignisse drang natürlich über den Rhein hinweg in Windeseile nach Osten, auch bis ins Herzogtum Sachsen Gotha Altenburg.

Die Nachrichten kamen auf vielen Wegen und in vielerlei Gestalt herüber, manchmal als Berichte von Augenzeugen, manchmal als Gerüchte, manchmal mehr oder weniger zusammenhanglos, dann wieder in dramatischer Zuspitzung oder in epischer Breite, enthusiastisch und erschreckend, verwunderlich, obszön, moralisierend, nüchtern oder siegestrunken - immer aber mit erheblicher Nach- und Nebenwirkung. Das Echo der Marseillaise, des Schlachtgesangs der Revolutionsgardisten, schallte durch die Lande, die Abschriften der feurigen Reden der Jakobinisten erhitzten allerorts die Gemüter, die Mode der Plebejer hielt Einzug in die höfischen Salons - nun ja, sie wurde dort eher mit verstörter Miene beaugäpfelt.

Eines Tages fand Herzog Ernst seinen jugendlichen Sohn August dabei, wie er sich eine Liste anfertigte mit den Monatsnamen des republikanischen neuen Kalenders, die alle so stimmungsvoll und melodisch klangen, daß man sich geradezu in sie hineinversetzt fühlte. Da gab es den Ventose, das war der Windmonat, den Pluviose, respektive Regenmonat, den Germinal, Floréal, Prairial, den Messidor, Thermidor und Fructidor, den Vendémiaire, Brumaire, Frimaire und den Nivóse, allesamt waren sie wie unzertrennliche Geschwister des ewiglichen Jahreskreises.

Der Herzog fragte seinen Sohn, wo er das her habe, und August sagte, der Onkel, also des Herzogs Bruder Johann Eugen hätte es "mitgebracht" und er, August, würde gleich einen Kalender nach dieser neuen Rechnung und Benennung für ihn anfertigen, der dann in des Onkels Arbeitszimmer zur Verfügung stünde.

Nun fand der Herzog keineswegs, daß es notwendig sei, den altbewährten Gregorianischen Kalender durch einen neuen französischen zu ersetzen, der die an der numerischen Aufeinanderfolge angelehnten Bezeichnungen lediglich durch mehr oder weniger klangvolle und blumigere ersetzte. Er verwunderte sich sehr, daß die Pariser, die doch eben noch den Triumph der Vernunft und des berechnenden Verstandes gefeiert hatten, sich plötzlich so sentimental gaben.

Und wenn man es recht betrachtete, waren die jetzigen Republikaner nicht einmal die großen Streiter für die Vernunft und auch nicht die Heilsbringer einer neuen Gesellschaftsordnung, für die sie sich ausgaben. Wiederum fünfzehn Jahre früher hatte der Herzog die Schrift eines Engländers gelesen, die dieser in Philadelphia, der Stadt an der Ostküste Nordamerikas, veröffentlicht hatte und die den Titel "Common Sense" trug; ihr Verfasser hieß Thomas Paine.

Dieses bemerkenswerte Büchlein war dem Herzog von dem englischen Gesandten, Sir Douglas Halsworthy, als Geschenk für die Gothaer Bibliothek überreicht worden. Sir Douglas war ein umtriebiger Mann, er vermittelte in allen nur denkbaren Angelegenheiten zwischen dem englischen Königshaus und den europäischen Fürsten, darüberhinaus hatte er Verbindungen bis nach Konstantinopel, Alexandria, ja bis nach Persien. Der englische König Georg (den sie dort natürlich George nannten) war, wie weiter oben bereits erwähnt wurde, ein Vetter des Gothaer Herzogs. Sir Douglas kam, wenn auch nicht allzu oft, so doch immer gern hierher. Er schätzte, selbst ein hochgebildeter Mann, die Gespräche mit dem Herzog und der Herzogin.

Der Herzog schlug das Büchlein auf und überflog die ersten Zeilen, er wurde sofort von der Lektüre gepackt und las es an einem Nachmittag bis zum Ende durch. Glücklicherweise war Sir Douglas noch anwesend, und so konnte er ihn über diesen Thomas Paine näher befragen. Sir Douglas gestand, daß er sich hinsichtlich der politischen Gesinnung dieses Mannes in einer Zwickmühle befinde, vielmehr hinsichtlich der in den "Common Sense" geäußerten Gedanken, denn an der persönlichen Integrität Paines hegte Halsworthy nicht den geringsten Zweifel, ja, es schimmerte in seinen Worten mitunter eine gewisse Bewunderung durch.

Für ihn war Paine gegenwärtig der führende Kopf der nordamerikanischen Unabhängigkeitsbewegung, seine Schrift war in über hunderttausend Exemplaren verbreitet worden. Aber er war auch ein Bürger Großbritanniens, mithin ein Untertan des Königs, so wie ja die nordamerikanischen "Kolonien" unzweifelhaft Herrschafts- und Hoheitsgebiet der englischen Krone waren. Und genau gegen diesen Anspruch wandte sich die Bewegung, welcher Thomas Paine das theoretische Rüstzeug lieferte.

Sir Douglas sagte zum Herzog: "Sein Common Sense, also wörtlich: der gesunde Menschenverstand, ist in viel weiterem Sinn zu verstehen als nur in einer praktischen Handhabe für jeden klar denkenden Menschen. Er ist nämlich gleichzeitig die Forderung an jeden Bürger der Gemeinschaft, sich bei der Regelung ihrer politischen Angelegenheiten mit seiner ganzen Kraft und mit allen seinen nützlichen Fähigkeiten einzubringen. Und diese Forderung, lieber Herzog, ist in Wahrheit ein Privileg für jedes freie Individuum, an der Gemeinschaft teilzuhaben, ein Privileg, das ihm durch das natürliche Recht und von Gott gleichermaßen verliehen wurde. Und so ist der Common Sense auch eine Übereinkunft zwischen den Mitgliedern der Gemeinschaft, sich dieser Forderung zu stellen, die Gesellschaft nach bestem Wissen und Gewissen mitzugestalten und gegen alle Feinde zu verteidigen."

Halsworthy räumte ein, daß dies im Grunde jede republikanische Staatsform verspricht, "Aber der ungeheure Vorteil, den die amerikanischen Siedler haben, um jenes Versprechen wirklich einzulösen, ist die Tatsache, daß sie ihre Gesellschaft in einem sozusagen jungfräulichen Land begründen können, auf einem Grund und Boden, auf den bis dahin niemand Zugriff hatte und der von niemandem genutzt wurde. Freilich, unser König Georg sagt, dieses Land gehört zu Großbritannien, deshalb auch die Bezeichnung 'Kolonien' und nicht 'Niemandsland'. Aber die Siedler sehen das natürlich ganz anders, für sie zählt nur das, was sie selber leisten und sie wollen auch die Früchte ihrer Arbeit selber ernten."

Sir Douglas verwies darauf, daß nach Paines Auffassung die englische Verfassung, welche ja ursprünglich auch dem republikanischen Ideal verpflichtet war, durch die immer noch bestehende Monarchie vergiftet worden sei, deren alter Geist die wahre Republik verhindert, nicht zuletzt durch das für alle Zeiten festgeschriebene Recht des Königs und der Aristokratie, ihre Herrschaft auf ihre Nachkommen innerhalb der Erbfolge zu übertragen. Daher auch die rigorose Ablehnung der Monarchie und der Macht des Königs, die Paine in seiner Schrift propagierte. Die Monarchie sei das Grundübel der bestehenden Verhältnisse und das Haupthemmnis einer freien Entwicklung des Gemeinwesens.

Deshalb hatten die Amerikaner auch den Plan zu einer gesetzgebenden Versammlung gefasst, einem sogenannten Kontinentalkongress (statt der diffamierenden Bezeichnung Kolonie gebrauchten Paine und die anderen fortan den Begriff Kontinent, der ihre Aufwertung betonte). Jeder Einzelstaat sandte 30 Vertreter in diesen Kongress. Im Kongress wurde dann durch das Los ein Staat bestimmt, aus dessen Abgeordneten man den Präsidenten wählte. Um ein Gesetz zu beschließen, war eine drei Fünftel Mehrheit erforderlich. Man konnte nicht leugnen, daß bei dieser Einrichtung der Common Sense in bestechender Klarheit zum Zuge kam.

Bei all' den provokanten Äußerungen, ja den verbalen Angriffen auf den König und die englische Krone, musste sich der Herzog wundern, daß dieser Thomas Paine bisher unbehelligt geblieben war, immerhin hatte er nicht nur einmal von der "königlichen Bestie von England" gesprochen, wo es für jeden braven Untertan eigentlich "Seine Majestät" heißen musste. Aber Sir Douglas sagte "Nun, wenn König Georg seiner habhaft werden würde, könnte es ihm schlecht ergehen." In der Tat, der König hatte eine ganze Armee nach Nordamerika geschickt, um die rebellischen Kolonisten in die Schranken zu weisen.

Den Herzog beschäftigte das Büchlein noch lange. Er sprach auch mit seiner Gemahlin Charlotte darüber und las ihr daraus vor. Sie sagte, das alles sei gewiss "einer Überlegung wert", wenngleich sie Zweifel hatte, ob sich König Georg von den Rebellen noch lange "auf der Nase herumtanzen" ließe. Und als sich die Nachrichten darüber häuften, mit welcher Härte und Unerbittlichkeit der Krieg in den Kolonien geführt wurde, musste auch der Herzog einsehen, daß sein Vetter fest entschlossen war, sich seinen Besitz und seine Pfründe nicht von ein paar "tollkühnen Desperados" entreißen zu lassen, die ihrer Heimat und ihres Königs abtrünnig geworden waren wie Verbrecher, welche sich der Verfolgung und Verurteilung entzogen. Diese Worte aus Georgs Mund hatte ihm Sir Douglas unter vorgehaltener Hand wiedergegeben.

Eines Morgens wurde der Herzog aus dem Schlaf gerissen, als ihm einfiel, daß er selbst auf dem Territorium von Kentucky, welches ein Teil von Virginia war, einen Flecken Land besaß! Das hatte ihm sein Vetter Georg geschenkt (auf den Anlass konnte er sich jetzt nicht mehr besinnen) und er hatte sich bis auf den heutigen Tag nicht dafür interessiert.

Der Herzog ging zu seinem Bruder Johann Eugen und fragte ihn, ob er Genaueres darüber wüsste. Der sagte, ja, da gebe es ein paar Dokumente "im Archiv", aber es habe sich doch nie jemand darum gekümmert und wer weiß, ob man die Papiere jetzt so schnell wieder auffinden könnte. "Lass' uns trotzdem danach suchen", bat ihn der Herzog und sie stöberten einen ganzen Tag lang im Archiv herum und der Diener Hasemeier schleppte Stapel um Stapel an Aktenmappen heran und schaffte sie hernach wieder an ihren Ort, aber sie konnten nichts finden.

Am Abend wollten sie die Suche aufgeben, da erinnerte sich Johann Eugen daran, daß vor Jahren in einem brütend heißen Sommer eine Dachkammer im Westturm von zwanzig Kisten mit Dokumenten leergeräumt worden war, weil man befürchtete, daß sich das "furztrockene" Papier unter der Hitze entzünden könne. Jetzt schwante dem Bruder irgendetwas, da er meinte, es hätten sich darunter "hannoveraner Sachen" befunden. (Die englischen Könige stammten ursprünglich vom Hof in Hannover und es war lange Zeit üblich, alle Beziehungen zum britischen Königshaus über Hannover abzuwickeln; selbst Sir Douglas Halsworthy war strenggenommen noch dort akkreditiert.)

Ja, aber wohin hatte man diese Kisten gebracht? Das alte Zeug doch nicht etwa vernichtet? Keiner konnte etwas dazu sagen. Da meinte der Diener Hasemeier, man sollte den Adalbert Fendt deswegen befragen. Wer der Adalbert Fendt wäre, fragten der Herzog und sein Bruder wie aus einem Munde. Das sei ein junger Bursche aus Ballstedt und der Sohn des Müllers der Ballstedter Bockwindmühle, der "es sich zur Aufgabe gemacht" habe, eine Chronik des Gothaer Herzogtums zu verfassen und zu diesem Zweck buchstäblich jede freie Minute in den herzoglichen Archiven "herumforsche" und alle bemerkenswerten Ereignisse und Vorgänge in Schriftform festhalte. Wer ihm die Erlaubnis dazu erteilt habe? "Ich", sagte der Diener Hasemeier.

Der Herzog rief den Adalbert Fendt zu sich. Der war ein hübscher junger Mann mit freundlichem Wesen. Er musste, da er schon so viel studiert hatte, eine Brille mit kleinen runden Gläsern tragen, die seine blauen Augen größer erscheinen ließen, wenn man ihn ansah. Er hatte braunes, glattes Haar und ein keckes Zöpfchen; seine Sachen waren an mehreren Stellen ausgebessert, aber ansonsten sehr ordentlich; beim Gehen schleppte er den linken Fuß etwas nach. Er stellte sich dem Herzog artig vor. Der bewirtete ihn mit Malzkaffee und Blaubeerkuchen, er bot ihm auch ein Gläschen Branntwein an, doch Adalbert lehnte dankend ab.

Ob er denn Näheres über einen Vorgang wüsste betreffs eines Grundstücks in den nordamerikanischen Kolonien, welches ihm, dem Herzog, von seinem Vetter, dem König Georg von England, zum Eigentum übertragen worden sei? Allerdings, erwiderte Fendt, es gebe da eine Schenkungsurkunde über ein Areal in Kentucky bei einem Ort mit Namen Georgetown. "Wie groß ist dieses Areal?", wollte der Herzog wissen, und Fendt sagte "Etwas mehr als zweitausend Morgen." "Wieviel ist das in unserer Rechnung?" "Sie meinen in Hektar?" "Ja." "Zweieinhalb Tausend, so in etwa." "Das macht also zirka fünf Kilometer in Länge mal Breite." "Ja", sagte Fendt, "aber es hat mehr die Form eines Rechtecks." "Woher weißt du das?" "Da liegt eine Skizze bei." "Und noch was?" "Mit Verlaub, Euer Hochwohlgeboren, warum sehen Sie sich's nicht selbst an?" "Ach so, ja, natürlich. Ähm ... wo liegt denn das Dokument?" Adalbert sagte es ihm. Der Herzog meinte "Wenn du das nächste Mal in unsere Bibliothek willst, holst du dir gefälligst vorher meine Erlaubnis ein, verstanden!" "Jawohl." Dann dankte ihm der Herzog für seine Auskunft und Adalbert erwiderte "Bitte sehr, gern geschehen. Und wenn Sie sich über Kentucky noch näher informieren möchten, kann ich Ihnen auch sagen, wo Sie die entsprechenden Bücher finden."

Der Herzog befasste sich eingehend mit dem Thema. Er las Filson's "Reise nach Kentucky und Nachrichten von dieser neu angebauten Landschaft in Nordamerika", sodann Imlay's "Nachrichten von dem westlichen Lande der Nordamerikanischen Freistaaten" und schließlich Bartram's "Reisen in Nordamerika", und er war sehr erstaunt, daß alle diese Bücher die ganze Zeit in den Regalen gestanden und offenbar darauf gewartet haben, daß er sie endlich zur Hand nimmt.

Er las über den Fluss Ohio, der sich quer durch Kentucky schlängelt, und über den Ort Redstone am Monongahala, dem südlichen Arm des Ohio, der im Alleghenny Gebirge entspringt und bis fast zur Quelle für Boote befahrbar ist. "Vom Fuß des Gebirges hat man ungefähr vierzehn Meilen bis Redstone Old Fort, welches an dem Ufer des Monongahala liegt, und wo sich normalerweise diejenigen einschiffen, die den Ohio herunter kommen und auf der Braddocks Route reisen wollen. Von da nach Pittsburg ist es ungefähr fünfzig Meilen zu Wasser. Längs den Ufern dieses Flusses, von Old Fort bis Pittsburg, sieht man weite Strecken flaches Land, die sehr leicht in große, äußerst fruchtbare Wiesen verwandelt werden könnten." Der Herzog sah diese saftigen Wiesen direkt vor sich und er sah den Ohio, wie er breit und behäbig, silbern in der Sonne schimmernd sich daran vorbeiwälzte.

Er erfuhr, daß es acht Indianerstämme gab, die seit Urzeiten dort ansässig waren: die Senekas, die Mohawks, die Ouondagos, die Oneidos, die Cayugas, die Tuskoraras, die Conoys und die Nantihokes. (Die Franzosen nannten sie alle zusammen Irokesen!) Und daß die Indianer seinerzeit in Fort Stanwix sogenannte Freiheitsbriefe an die Briten verkauft haben, damit diese das Land besiedeln und bebauen können. Aber nicht alle Indianer wussten davon und es kam zu Kämpfen und ein gewisser Oberst Lewis besiegte an der Mündung des Kanhaway die verbündeten Indianerstämme, die sich daraufhin zurückzogen.

Eine echte "Niederlassung" umfasste fünfhundert Morgen Land (der Herzog besaß viermal so viel), ein festes Gebäude (er hatte eine ganze Ortschaft) sowie eine Jahresernte "indianisches Korn", womit Mais gemeint war. Er hatte natürlich nicht die geringste Ahnung, was da auf seinem Grund und Boden vor sich ging. Der einzige, der ihm weiterhelfen konnte, war Sir Douglas Halsworthy, der sollte immerhin darüber Bescheid wissen, wie die Rechtsverhältnisse bezüglich der Ländereien in den Kolonien waren. Aber Halsworthy war gerade in Konstantinopel und niemand konnte sagen, wann er zurückkäme.

In einem der Bücher fand der Herzog ausführliche Hinweise und Ratschläge für alle diejenigen, die sich mit dem Gedanken trugen, nach Kentucky auszuwandern: Ein Pferd kostete zwölf Pfund Sterling, ein dazugehöriger Wagen zehn Pfund Sterling. Ein Zentner Mehl kostete zwölf Schilling und sechs Pence. Das "indianische Korn" bekam man für neun Pence bis ein Schilling pro Scheffel. Für ein Pfund Rindfleisch bezahlte man anderthalb bis zwei Pence, für die selbe Menge Kalbfleisch zweieinhalb Pence, Hammelfleisch gab es für drei Pence das Pfund, Schweinefleisch für zwei bis zweieinhalb Pence. Speck kostete drei bis vier Pence, Schinken vier bis fünfeinhalb Pence. Gepökeltes Rindfleisch machte zwei Pence, geräuchertes oder gedörrtes drei Pence. Eine Ochsenzunge sechs Pence, eine Büffelzunge (sehr lecker!) für neun Pence. Hühner, Enten, Bisam-Enten, Gänse, Truthühner, Perlhühner (Numida meleagris) und Tauben waren angeblich verhältnismäßig wohlfeil. Ein Pfund Butter kostete zweieinhalb bis dreieinhalb Pence, Käse zwei bis drei Pence. Der Herzog rechnete zum Vergnügen einige Haushaltspläne durch, das war alles in allem nur ein winziger Bruchteil dessen, was er hier zu Hause an Ausgaben hatte. Allerdings musste er sich dabei auch sein ganzes Herzogtum wegdenken. Zuletzt notierte er auf einem Zettel "Bisam-Ente", denn er wollte herausfinden, worum es sich dabei handelte.

Als der Bernhard von Lindenau viele Jahre später mit Jakob Hausmann unterwegs nach Neapel war, wo die Herzogin Charlotte mit dem Xaver von Zach auf sie warteten, da erzählte Lindenau von den Ambitionen, welche der selige Herzog Ernst seinerzeit für eine Existenz in den Nordamerikanischen Kontinentalstaaten hegte und wie er einmal sogar ihm, Lindenau, einen Plan gezeigt hatte, auf welchem eine Übersiedlung von Gotha nach einem gewissen Georgetown in Kentucky fast vollständig ausgearbeitet war.

Ob denn der Herzog tatsächlich ernsthaft einen solchen Schritt erwogen habe, wollte Hausmann wissen, und Lindenau zuckte mit den Schultern, er glaube, was ihn am meisten an dieser Vorstellung reizte, sei die Tatsache gewesen, daß dort so viel wilde und unberührte Natur vorhanden war.

"Er schwärmte zeitlebens von den grünen Wiesen am Ufer des Ohio und von den Weinbergen, die es dort ebenfalls gab, von den sonnigen Hügeln und den schattigen Wäldern - wissen Sie Jakob, der Herzog war ein großer Menschenfreund, ein wahrer Philanthrop, selbst wenn er nicht zu den Freimaurern gehört hätte, die natürlich in höchstem Maße davon profitiert haben. Er hatte ein großes Herz, aus dem er seine Zuneigung jedem schenkte, der sie sich von ihm erbat.

Aber ich glaube, seine selbstlose Menschenliebe hat mit der Zeit sehr an seinen Kräften gezehrt, und es gab natürlich auch welche, die ihn schamlos ausgenutzt haben. Ich bin überzeugt, wenn er die freie Wahl gehabt hätte, weiter als Herzog zu regieren oder als ein Eremit in den Wald zu ziehen und sich dort des einfachsten Lebens zu erfreuen, das Gott einem seiner Geschöpfe gewähren kann, er hätte sich für das zweite entschieden.

Es gab jedoch in seinem Denken und Handeln etwas, das er noch über die Menschenliebe setzte, und das war die Verantwortung, die ihm von seinen Vorvätern, von seiner Familie, seinen Freunden und von seinen Untertanen übertragen worden war - und ja, wenn man so will, auch von Gott, dessen Vorsehung die Gothaer Herzöge immer schon über alle menschliche Vernunft gestellt haben. Er wäre keinen Augenblick auf die Idee gekommen, sich dieser Verantwortung zu entziehen.

Und deshalb hatte er niemals wirklich die Wahl zwischen dem Herzogsamt und dem Eremitendasein. Damals", fügte Lindenau hinzu, "als er mir diesen Plan zeigte, da sprach er darüber wie über eine große Vision, er sprach von dem 'gelobten Land' und von den kühnen Ideen des Thomas Paine, von der grenzenlosen Freiheit der Bürger und von dem Streben nach Glückseligkeit, welches in der Verfassung verbrieft war, und in seinen Augen konnte ich die Tränen sehen, die er mühsam zurückhielt. Er wusste, daß er zu einem solchen Land, zu einer solchen Freiheit und zu diesem Streben seinen Teil hätte beitragen können, aber er wusste auch, daß es ihm verwehrt blieb."

Der Herzog fand zwischen den Dokumenten der "Kentucky-Mappe" einen Liebesbrief! Er war an eine Frau namens Susanne gerichtet. Er ließ den Adalbert Fendt zu sich kommen und fragte ihn geradeheraus, ob er eine gewisse Susanne kenne, und der Adalbert lief puterrot an und gestand, daß sie seine Geliebte sei. "Wie heißt sie mit vollem Namen und woher kommt sie?", fragte der Herzog, der Adalberts Verlegenheit beinahe ein bisschen auskostete, weil er sich unerlaubt in seiner Bibliothek breitgemacht hatte.

"Sie heißt Susanne Heuschneider und kommt aus Kleinfahner (das war ganz in der Nähe), woher wissen Euer Hochwohlgeboren von ihr?" Der Herzog sagte "Ich habe hier diesen Brief in den Akten gefunden, der höchstwahrscheinlich von dir stammt." "Großer Gott", rief Adalbert, "den habe ich in der Eile ganz vergessen. Ich bitte Sie untertänigst, ihn mir auszuhändigen und die Sache mit Stillschweigen zu behandeln!" Er war drauf und dran, auf die Knie zu sinken, aber der Herzog reichte ihm ohne zu zögern das Blatt.

Dann wurde er auf einmal neugierig, "Habt ihr vor zu heiraten?", und Adalbert, da der Herzog nun sowieso Mitwisser war, erklärte ihm die ganze Angelegenheit und auch, warum sie vorläufig noch geheimgehalten werden müsse und ihrer beider Väter nichts davon erfahren dürften. Da musste freilich der Herzog an seine Moral appellieren, das ginge nicht an, seine Eltern zu hintergehen, und auch wenn er für gewisse Gründe, die er, Adalbert, soeben vorgetragen, durchaus Verständnis habe, so müsse er sie doch beide, auch in seiner Rolle als Landesvater, ermahnen, sich der Wahrheit und dem "Factum" der Verhältnisse zu stellen und sich nicht länger davor zu verstecken.

"Sie haben völlig recht", entgegnete Adalbert dem Herzog offenherzig, "es bedarf auch nur noch einer kurzen Frist, bis unsere heilige Verbindung offenbar werden möge. Doch bis dahin, mein Fürst, bitten wir Sie inständig, nichts davon an unsere Eltern verlauten zu lassen ... und uns auch deswegen nicht insgeheim zu verurteilen."

Das traf den Herzog plötzlich an einer ganz andern Stelle. Als Adalbert gegangen war (den Brief hatte er sorgsam in seiner Jackentasche verschwinden lassen), beschlich den Herzog ein ungutes Gefühl, welches auch durch die seltsame Formulierung Adalberts heraufbeschworen wurde. Auf einmal dachte der Herzog, ob die beiden Liebesleute nicht etwa eine verwerfliche Tat planten, vielleicht über Nacht zusammen fliehen wollten und Adalbert ihn, den Herzog, nur auf geschickte Weise davon abgehalten hatte, ihre geheimen Absichten zu entdecken.

Oder ... (er musste innehalten bei dem Gedanken): womöglich ist ihnen der Zwang und die Unerbittlichkeit der Eltern, ja überhaupt der Umstände, so unerträglich geworden, daß sie beschlossen haben, gemeinsam ... Aber nicht doch! Hätte Adalbert es dann noch vermocht, ihm, von seiner Verlegenheit einmal abgesehen, mit so ungezwungener Miene zu begegnen? Der Herzog erinnerte sich eines ähnlichen Falls, als (ausgerechnet auch im Wald auf der Fahner'schen Höhe!) ein junges Liebespaar gemeinsam in den Freitod gegangen waren. Sie hatten Gift geschluckt, und erst mit ihrem Tod wurde das ganze Ausmaß ihrer leidenschaftlichen Beziehung publik, angeblich hatte niemand etwas davon gewusst.

Wenn sich jedoch das Tragische jetzt wiederholte, dann müsste sich der Herzog die schlimmsten Vorwürfe machen, daß er nicht alles unternommen hatte, den Adalbert und die Susanne von diesem furchtbaren Schritt abzubringen. Er beschloss, die beiden zu sich zu rufen, zu einer "Konversation in gemütlicher Runde", wie er vorgab. Adalbert Fendt und Susanne Heuschneider stellten sich auf die Minute pünktlich beim Herzog ein.

Sie waren ein ganz bezauberndes Paar, und er konnte überhaupt nicht verstehen, wie ihrer beider Eltern oder zumindest wohl die Väter etwas gegen diese Verbindung einzuwenden hatten. Die Hauptgründe dafür lagen in dem Willen des alten Heuschneider, der seine Tochter dem Sohn eines Salzsiederei Besitzers aus Langensalza versprochen hatte, während andererseits der Bockwindmüller aus Ballstedt den Adalbert für einige Zeit nach Norddeutschland schicken wollte, wo er sich mit der besten Mühlentechnik vertraut machen sollte; dem Alten war Adalberts "unnütze" Beschäftigung mit der Chronik ohnehin schon lange ein Dorn im Auge.

Der Herzog bot ihm an, seine Chronik zu fördern, ihm vielleicht einen offiziellen Auftrag dafür zu erteilen, doch Adalbert lehnte dankend ab, das würde seinen Vater nur noch mehr gegen ihn verhärten. In die Angelegenheit mit dem Salzsieder Sohn konnte sich der Herzog freilich nicht einmischen, und die Susanne meinte, das sei auch nicht nötig, denn schließlich müssten sie das beide allein regeln, worauf dem Herzog schon wieder ein Schauer über den Rücken lief, weil er sich vorstellte, daß sie den Nebenbuhler womöglich einfach aus der Welt schaffen wollten und er ihre Tat nicht vereitelt hätte.

Trotzdem war dem Herzog nach dieser Unterhaltung ein wenig wohler, vor allem deshalb, weil er weder bei Adalbert noch bei Susanne auch nur eine Spur jenes Kummers und der Verzweiflung erkennen konnte, welche gemeinhin aus dem Blick eines Menschen sprechen, der nur noch nach einem letzten Ausweg aus dieser Welt sucht. Im Gegenteil, sie waren beide von großer Zuversicht erfüllt, ganz so, als könnte ihnen nichts und niemand ihr gefundendes Glück wieder entreißen.

Was die Ereignisse in den Nordamerikanischen Staaten betraf, so rüstete sich die Armee unter der Führung George Washingtons, welche durch französische Truppen unterstützt wurde, zum Widerstand und Kampf gegen die Engländer. Der Herzog nahm begierig alle Meldungen und Berichte auf. So die Kunde von dem Marquis de Lafayette, der mit einer Freiwilligenschar auf der Fregatte "Hermione" nach Nordamerika gesegelt war, um auf der Seite der Kontinentalarmee die verhassten Engländer zu vertreiben.

Unter den Porträtbüsten, die der berühmte Jean-Antoine Houdon der Gothaer Sammlung überlassen hatte, befand sich eine ebenjenes Marquis de Lafayette, der einem ehrwürdigen französischen Adelsgeschlecht entstammte. Den Herzog faszinierte der Charakterkopf dieses Mannes, er fand auch, daß sie sich beide äußerlich ein wenig ähnelten, und seine Gemahlin Charlotte hatte ihm das, wenn auch mit einem Schmunzeln, bestätigt.

Drüben angekommen, warf sich der Marquis umgehend ins Schlachtgetümmel, wurde von Washington zum General ernannt und heizte den Engländern ordentlich ein. Den Herzog freilich wandelte mitunter das schlechte Gewissen an. Von Rechts wegen hätte er den Marquis wie auch die ganze Kontinentalarmee verdammen, ihnen zumindest die schmählichste Niederlage wünschen müssen, denn seine Blutsbande mit dem englischen König geboten ihm dies. Außerdem besaß er ja selbst Land, das für ihn zu verteidigen die englischen Soldaten jetzt ihr Leben einsetzten; er war sich jedoch nicht ganz klar darüber, inwieweit sich dieser sogenannte Unabhängigkeitskrieg überhaupt auf den Landbesitz auswirkte.

Er sprach über all' das mit Sir Douglas Halsworthy, dem er (ohne das auszusprechen) eine gewisse Mitschuld daran gab, daß er sich selbst so schwertat, seinem Vetter im Geiste beizustehen, denn Halsworthy war es ja gewesen, der ihn zuerst mit den "Common Sense" auf die Gegenseite gelockt hatte. Für Sir Douglas war das alles weniger problematisch, er dachte immer sehr pragmatisch und er besaß jene typisch englische Auffassung, die bei allem Geschehen auch stets die Möglichkeit miteinschließt, daß man am Ende mit dem Gegenteil dessen vorliebnehmen müsse, was man sich zu Beginn erhofft hatte. Er schloss daher auch einen Sieg der Amerikaner nicht aus.

Was die Frage des Grund und Bodens anging, so konnte er den Herzog beruhigen. Der hatte ihn über die Angelegenheit informiert und Sir Douglas hatte daraufhin für ihn recherchiert und herausgefunden, daß die Verwaltung seines "Anwesens" treuhänderisch von einer Vermögensgesellschaft geführt wurde, die bei einer Bank in Lexington ansässig war. Er hatte im Namen des Herzogs sogar mit dieser Bank korrespondiert, und die Herren in Lexington hatten ihm die Besitzverhältnisse bestätigt und ihn im wesentlichen über die Gegebenheiten unterrichtet, nach denen das Gebiet gegenwärtig bewirtschaftet wurde. Der Herzog sah übrigens auch, daß sich die Vermögensgesellschaft ihre Dienste indirekt von ihm bezahlen ließ; das Geld nahm sie sich aus den Grundrenten, Hypotheken, Einkünften und entsprechenden andern Quellen, aber nicht mehr und nicht weniger, als es gesetzlich festgelegt war und es schien, daß sie über all' die Jahre hinweg eine tadellose Arbeit geleistet hatten, worüber der Herzog sehr zufrieden sein konnte.

Da geschah eines Tages etwas Verhängnisvolles. Der Herzog befand sich gerade auf einem Ausritt entlang des Leinakanals, als er von fern einen Reiter auf sich zukommen sah. Das war ein Bote des Hauptmanns Tenneberg aus Waltershausen, er richtete dem Herzog aus, der Hauptmann benötige dringendst die Anwesenheit des Herzogs, es ginge um die Klärung eines Vorfalls, die keinen Aufschub dulde. Der Herzog und der Bote machten sich gleich auf den Weg und sie trafen den Hauptmann im Schnepfenthaler Grund in der Mühle bei den alten Mönchsteichen, die stillgelegt und zur Herberge mit Gastwirtschaft umgebaut worden war; dem Herzog war dieser Ort immer wie ein Räubernest vorgekommen, aber es ging offenbar alles mit rechten Dingen zu und der Hauptmann Tenneberg kehrte hier nach eigenen Worten öfter zu einem kühlen Bier ein.

Diesmal war der Anlass seines Hierseins ein ganz anderer. Als der Herzog die Schankstube betrat, erblickte er zwei bewaffnete Kerle und erkannte an ihrer Montur sofort, um wen es sich handelte. Das waren Leute des hessischen Landgrafen Friedrich, die landauf, landab unterwegs waren, um junge Männer als Soldaten anzuwerben, die der Landgraf dann an fremde Armeen "weiterverkaufte". Außer den beiden Kopfjägern und dem Hauptmann Tenneberg, saßen da, völlig eingeschüchtert und schon ein bisschen verwahrlost, drei Burschen auf der Bank, jeder die Hände auf den Rücken gebunden, und einer von ihnen hatte auch eine blutunterlaufene Beule an der Stirn.

Was hier vorgefallen sei, fragte der Herzog den Hauptmann, und der erklärte, daß er die Gruppe überrascht habe, wie sie auf dem Weg nach Kassel waren, und daß er, da sie sich auf herzoglichem Territorium befanden, sie angehalten und zur weiteren Untersuchung des Vorfalls zum Verbleib in der Mönchteichs Mühle genötigt habe. Da mischte sich gleich einer der Soldatenwerber ein, "Es hat alles seine Richtigkeit! Diese drei haben sich freiwillig bereiterklärt, den Dienst in des Landgrafens von Hessen Armee zu leisten, für drei Jahre und gegen den vereinbarten Sold. Hier sind die Verträge mit allen Unterschriften! Niemand kann uns daran hindern, mit diesen Männern nach Kassel zu gehen."

Er hielt dem Herzog die Papiere unter die Nase und auf den ersten Blick schien alles so zu sein, wie es der andere dargestellt hatte. Mit dieser Soldatendrückerei war es ein Gräuel. Normalerweise war es in seinem Herzogtum verboten, daß Kopfjäger aus Hessen unterwegs waren, um geeignete Rekruten zu gewinnen. Aber die Hessen waren raffiniert und mit allen Wassern gewaschen. Sie schlichen herum wie Diebe und lauerten den jungen Männern auf, vorzugsweise auf irgendwelchen Volksfesten oder Tanzvergnügen, wo reichlich Bier aus den Fässern in die Kehlen floss. Und wenn die halbstarken Jungs dann betrunken genug waren, fingen die Hessen an, sie auf mancherlei hinterhältige Art anzuwerben, sei es mit dem versprochenen Sold, sei es mit der Aussicht auf Abenteuer oder auch mit der Gelegenheit, auf diese Weise von zu Hause fortzukommen, denn manch einer hatte von der alltäglichen Plackerei die Nase gestrichen voll oder vielleicht auch noch andere Gründe, der Heimat den Rücken zu kehren.

Doch all' das kam in ihnen erst so richtig hoch, wenn der Alkohol ihre Bedenken aufgelöst und ihr Gemüt beflügelt hatte, weswegen die meisten in einem Zustand des Überschwangs und der größten Entschlossenheit ihre Unterschrift unter den Wisch setzten, den die Werber ihnen genau im richtigen Augenblick unterschoben, damit sie ihre Einwilligung erklärten. So gesehen war es also ihr eigener Wunsch gewesen, das Angebot anzunehmen und niemand konnte von Rechts wegen dagegen Einspruch erheben.

Von Hessen aus wurden sie dann nach England gebracht, in abgetragene Uniformen gesteckt und auf ein Schiff verfrachtet, das direkt nach Amerika ging, wo sie einer der englischen Einheiten zugeteilt wurden und erst kurz vor der Schlacht ein Gewehr in die Hand gedrückt bekamen, mit welchem die meisten überhaupt nicht umzugehen wussten. Um im Soldatenjargon zu sprechen: sie wurden verheizt. Der Herzog hatte ein paarmal von dem Schicksal jener gehört, die das ausgesprochene Glück hatten, lebend wieder heimzukehren, und es waren durchweg gräuliche Berichte, die ihm da zu Ohren gekommen waren.

Nun geschah es auch oft, daß die jungen Burschen erst wenn sie unterwegs aus ihrem Rausch erwachten, mit Erschrecken feststellen mussten, wo sie sich befanden und was mit ihnen geschehen war, und nicht wenige versuchten auszureißen; doch wer aus der Armee fortläuft, der ist ein Deserteur und ihn erwartet, wenn er geschnappt wird, die härteste Bestrafung. Und so hatten auch die drei, welche jetzt in der Schankstube der Mönchteichs Mühle auf der Bank saßen, versucht, aus den Fängen der Kopfjäger zu entkommen, wie der Herzog auf seine Befragung hin herausbekam. Aber die Hessen hatten sie wieder eingefangen und zumindest den einen derart verprügelt, daß auch die andern beiden jeden Gedanken an einen weiteren Fluchtversuch aufgaben.

Der Herzog musste sie wohl oder übel ziehenlassen. Der eine bat ihn unter Tränen, sich für sie einzusetzen. Der Herzog bot den Werbern an, sie zurückzukaufen, aber sie ließen sich nicht darauf ein (solcher Handel war ihnen bei Strafe verboten). Sie machten sich sofort auf den Weg. Als sie weg waren, sagte der Hauptmann Tenneberg, er habe schon befürchtet, daß es darauf hinauslaufen würde, es dennoch für nötig erachtet, ihn, den Herzog, zu benachrichtigen; der Herzog nickte und erwiderte, das sei die richtige Entscheidung gewesen. Der Hauptmann sagte "Schade um die Jungs. Den einen kenn' ich, das ist der Sohn vom Maxe Heuschneider aus Kleinfahner, der wollte Förster werden, deshalb hat er manchmal bei uns in Waltershausen mitgearbeitet, um dabei was zu lernen, war ein blitzgescheiter Bursche. Ist mir völlig unklar, wie der an diese Dreckskerle geraten ist."

Die Bemerkung des Hauptmanns brachte den Herzog völlig durcheinander, er schwang sich auf sein Pferd und kehrte ins Schloss zurück. Er wollte mit seiner Gemahlin Charlotte darüber sprechen, aber die war gerade in Altenburg. Noch war ja nichts weiter passiert, redete sich der Herzog ein, wenn er bloß die Tatsache verdrängte, daß es der junge Heuschneider war, der nach Amerika verkauft wurde. Wenn nur der Hauptmann nicht davon angefangen hätte! (Als der Herzog die Papiere der Werber überflog, hatte er des Heuschneiders Namen nicht erkannt; wahrscheinlich hatte er auch im Suff nur einen unleserlichen Krakel druntergesetzt.) Vielleicht war es ja auch ein ganz anderer Heuschneider, dachte der Herzog, als gäbe es in Kleinfahner welche, die nicht miteinander verwandt wären!

Es kam wie es kommen musste. Drei Tage später standen der Adalbert Fendt und die Susanne Heuschneider vor dem Schlosstor und wünschten ergebenst den Herzog zu sprechen. Und der Diener Hasemeier hätte sie beinahe sofort hereingeholt, wenn ihm nicht kürzlich der Herzog einen Rüffel verpasst hätte, daß er den Fendt so mir nichts dir nichts Zugang zur Bibliothek verschafft hatte. Deshalb ging der Diener Hasemeier jetzt zuerst zum Herzog, um ihm die beiden Besucher zu melden. Der Herzog bekam zwar einen Schreck, doch er hatte sich schon darauf gefasst gemacht. Nur - wenn nicht der Hasemeier sie schon gesehen hätte, dann wäre der Herzog womöglich auf den Gedanken gekommen, sich zu verleugnen. Aber was sollten sie alle von ihm denken, wenn er dem Hasemeier sagte, er wäre nicht zu sprechen oder er wäre gar nicht da.

Der Herzog bat sie herein. An den rotgeweinten Augen der Susanne Heuschneider erkannte er sofort, daß sie Bescheid wusste. Mit stockender Stimme (Adalbert half weiter, wenn sie sich durch ein Schluchzen unterbrechen musste) erzählte sie dem Herzog, daß ihr Bruder den hessischen Soldatenwerbern auf den Leim gegangen sei, daß er versucht hatte zu fliehen und er ihr eine Nachricht hatte zukommen lassen, wo er sich verstecken wollte, daß er jedoch dort nicht angekommen sei und sie jetzt die größte Sorge habe, er würde in die Sklaverei nach Amerika deportiert werden.

In seiner Not wollte der Herzog zuerst entgegnen, daß es sich hierbei keineswegs um Sklaverei, sondern um einen Soldatendienst handelte, welcher besoldet und zudem zeitlich befristet sei - und überhaupt ... Aber da wurde ihm klar, daß die beiden offenbar nichts von der Begegnung in der Mönchsteich Mühle wussten. Dies war das erste Mal, daß sich der Herzog seinem guten Gewissen zuwider verhielt, seine ganze Kaltblütigkeit, die er aufwenden konnte, über seine Miene verteilte und die Susanne Heuschneider fragte "Und warum kommst du damit nun zu mir?"

Der armen Susanne verschlug es die Sprache, Adalbert sprang ein und sagte "Es wird immer viel geredet von der Menschlichkeit und Güte unseres Herzogs und ich habe mich in der Vergangenheit selbst oftmals davon überzeugen können. Deshalb, Euer Hochwohlgeboren, wenden wir uns auch diesmal an Sie und erbitten uns Ihre Hilfe, um Susannes Bruder aus seiner misslichen Lage zu befreien."

Der Herzog beteuerte sein Mitgefühl und fand dann allerlei Ausflüchte von wegen ihm seien in solchen Angelegenheiten bedauerlicherweise die Hände gebunden und obwohl er persönlich das Treiben des hessischen Landgrafen missbillige, so habe er selber doch keinerlei Handhabe, es rechtlich zu unterbinden - zumal ja letztendlich die jungen Männer sich freiwillig für diesen Dienst verpflichteten. Da brach die Susanne heulend zusammen, und die beiden Männer mussten sie auffangen, sonst wäre sie wahrscheinlich ungebremst auf den Boden aufgeschlagen. "Mein liebes Fräulein", entfuhr es dem Herzog, "es tut mir unendlich leid!" Und das meinte er wirklich ganz ehrlich.

Sie legten die Unglückliche auf das Sofa, und der Herzog ließ den Doktor Fritzwald rufen, der sich Gott sei Dank gerade im Hause aufhielt, damit er ihr wahlweise ein Beruhigungs- oder ein Stärkungsmittel verabreiche, je nachdem, was er für richtig hielte. Der Doktor schickte die beiden Männer hinaus, und die standen dann schweigend auf dem Korridor und blickten jeder in eine andere Richtung aus dem Fenster. Es schien eine Ewigkeit zu dauern. Der Doktor öffnete die Tür und sagte "Junger Mann, kommen Sie mal herein", und der Herzog stand allein am Fenster und dachte "Hoffentlich ist es nichts Ernstes."

Wie oft musste der Herzog an den Soldaten Heuschneider denken, der jetzt irgendwo auf dem Neuen Kontinent für seinen, des Herzogs, Vetter, den König von Großbritannien, um sein Leben kämpfte! Er hatte nichts für ihn tun können. Er hatte nicht einmal etwas für seine Schwester, die Susanne, und für ihren Freund, den Adalbert, tun können. Er hatte den Doktor Fritzwald gefragt, was mit ihr wäre, er war entschlossen, alle Kosten zu übernehmen, falls sich die junge Frau ärztlich behandeln lassen müsste, aber der Doktor verweigerte wie üblich die Auskunft und sagte bloß "Da müssen Sie sie schon selbst fragen, lieber Herzog", und ging mit seiner schweren Doktortasche aus Rindsleder davon. Und bevor er dies tun konnte, waren die beiden jungen Leute verschwunden.

Der Herzog verfolgte weiter die Ereignisse jenseits des großen Wassers. Er hörte von der Schlacht bei Yorktown, in welcher der Marquis de Lafayette gegen die britischen Truppen unter General Cornwallis zu Felde zog. Der Herzog tat etwas Ungewöhnliches. Er ließ in der Hofkapelle einen Fürbitte Gottesdienst abhalten, um für das Heil aller "Landeskinder" zu beten, die es, unter welchen Umständen auch immer, in diesen fernen Krieg verschlagen hatte.

Eines Tages kam Sir Douglas Halsworthy zu Besuch und berichtete dem Herzog, daß die Engländer vernichtend geschlagen worden seien und sich aus den Kolonien zurückgezogen hätten. Die Nordamerikanischen Staaten haben daraufhin eine Declaration of Independence verkündet und ihre vollkommene Unabhängigkeit und Autonomie gegenüber Großbritannien erklärt. Halsworthy sagte, der Jubel sei grenzenlos gewesen. Doch über irgendwelche heimgekehrte Soldaten war nichts zu erfahren.

Als der junge August, des Herzogs und der Herzogin erstgeborener Sohn, von der revolutionären Bewegung in Paris so ergriffen war, daß er sich einen Kalender mit den neueingeführten Monatsnamen anfertigte, da musste der Herzog wieder an all' die Ereignisse denken, die sich viele Jahre zuvor in Amerika abgespielt hatten, und er fand, daß die Franzosen mit ihren Parolen ganz zu Unrecht den Anspruch erhoben, die Ersten in der Geschichte zu sein, welche der Menschheit die wahre Befreiung aus Knechtschaft und Unterdrückung gebracht hätten.

Ganz im Gegenteil. In Wirklichkeit waren die Franzosen viel zu sehr in den alten monarchistischen Verhältnissen verstrickt, als daß sie sich in so kurzer Zeit davon hätten loslösen können. Auch des Herzogs Bruder Johann Eugen, der schon manche politische Umbrüche in Europa miterlebt hatte, war dieser Meinung, er sagte "Die Amerikaner damals hatten zwar auch einen König gegen sich, aber der saß nicht bei ihnen zu Hause und sie brauchten nur seine Soldaten zu verjagen, Türen und Tore zu versperren und Wachen aufzustellen, um ihn unschädlich zu machen. Und das haben sie getan und dann haben sie angefangen, einen völlig neuen Staat auf neuen Gesetzen aufzubauen und offenbar sind sie sehr erfolgreich damit.

Aber bei den Franzosen wird das so nicht funktionieren, die Dinge liegen ganz anders. Jeder einzelne französische Bürger, ob er nun zur Aristokratie gehört oder irgendeines niederen Standes ist, verdankt seine ganze Existenz der Monarchie und dem Absolutismus, und das gilt selbst für die, welche sich dagegen auflehnen. Außerdem sind die Franzosen vom Katholizismus verdorben, sie vertrauen einem höheren Wesen immer mehr als sich selbst. Sie wissen gar nicht, was Freiheit bedeutet, sie halten die Freiheit für eine unberührte Jungfrau, die aus dem Kerker befreit werden muss, in den die Feinde des Menschengeschlechts sie geworfen haben, eine Jeanne d'Arc, welche die Massen auf die Barrikaden führt; sie haben keine Ahnung, was danach kommt.

Die Amerikaner haben in ihrer Verfassung den Passus eingefügt, daß die Regierung jederzeit abgesetzt werden kann, wenn sie dem Gemeinwohl zuwiderhandelt. Siehst du wohl, lieber Bruder", sagte Johann Eugen, "dieses Recht entspringt dem gesunden Misstrauen, mit dem man jede Obrigkeit im Auge behalten muss, denn das Streben nach Glückseligkeit ist das Eine; die Gründerväter der Kontinentalstaaten waren aber offensichtlich klug genug, dabei auch nicht außer acht zu lassen, daß der Mensch von Natur aus dazu neigt, einen Anderen zu überrumpeln, sich über ihn zu erheben und ihn zu seinem eigenen Nutzen von sich abhängig zu machen."

Der Herzog führte mit seinem Bruder mehrere Gespräche dieser Art, mal saßen sie in des Herzogs Arbeitszimmer, mal wandelten sie dabei durch den Park, mal machten sie einen Ausritt am Leinakanal entlang, den der Herzog so beschaulich fand. Er sagte "Warum hast du August diesen Floh mit dem Revolutions Kalender ins Ohr gesetzt?" "Bitte was?", entgegnete Johann Eugen. "August sagte, er hätte die Liste mit den neuartigen Monatsnamen von dir erhalten." "Nein, ganz bestimmt nicht", sagte er, und der Herzog grübelte eine Weile darüber nach, wie sie in die Hände seines Sohns gelangt sei.

Als in Paris die Jakobinisten an die Macht kamen, erklärte Johann Eugen "Das sind in Wahrheit ein paar ganz gerissene Karrieristen, die das allgemeine Chaos ausnutzen, um sich als die Retter der Revolution aufzuschwingen. Sie sind sehr charismatisch, aber auch sehr viel ehrgeiziger und rücksichtsloser als irgendjemand vorher, der aus der Bourgeoisie stammt und das Volk hinter sich schart."

Johann Eugen sah den Umschwung voraus, der mit der Regierung eines Marat, Danton und Robespierre (dem "teuflischen Dreigespann", wie er es nannte) vollzogen werden sollte und der die junge Nation einer Diktatur von "fanatischen und blutrünstigen Menschenverächtern" auslieferte. Man bediente sich der Wut und Rachsucht des Pöbels, um gegen die erklärten "Feinde der Freiheit und der Demokratie" vorzugehen und gnadenlos alle auf die Guillotine zu treiben, die auch nur der geringsten Kritik an der Herrschaft der Jakobinisten verdächtigt wurden.

Irgendwann ging es auch im wahrsten Sinn des Wortes dem König an den Kragen, er wurde zum Tod durch das Fallbeil verurteilt. Die Hinrichtung fand auf der Place de la Révolution statt, die früher den Namen seines Vaters trug. Er wollte seine letzten Worte an die Menge richten, die in Scharen herbeigeströmt war, um das Schauspiel zu erleben. Aber man hatte ihm nicht gestattet zu sprechen. All' das berichtete am Gothaer Hof ein Reisender aus Sachsen, der selbst Augenzeuge von König Ludwigs traurigem Ende gewesen war. Als er die Vorgänge schilderte, waren auch des Herzogs Familie sowie seine Minister und Räte anwesend.

Zuletzt holte der Reisende ein weißes Tuch aus seiner Tasche hervor, das von einem großen dunkelroten Fleck überzogen war. "Als des Königs Kopf fiel", sagte er, "schoss das Blut aus seinem Rumpf von der Guillotine herab aufs Straßenpflaster und es bildete sich rasch eine Lache, in welche die zunächst Stehenden eiligst ihre Taschentücher tunkten. Ich hatte das Glück, einer der ersten gewesen zu sein, die sich ein solches unschätzbares Memorabilium ergattern konnten. Ich muss gestehen, es war ein ganz eigenartiges Gefühl, als meine Fingerspitzen das noch warme Blut des Königs berührten."

Nach diesen Worten ließ er das Tuch reihum gehen, die Herzogin fasste es nicht an, und der Herzog bemerkte, wie sein Sohn August es mit einem begehrlichen Ausdruck befühlte, während sein Bruder Friedrich es gleichgültig weiterreichte. Abends sagte Charlotte zu ihrem Gemahl "Das mit dem Tuch war geradezu widerlich, das Ding sah aus wie eine alte Regelbinde." "Charlotte!", rief der Herzog. "Na was denn", beharrte sie, "wie kann einer so primitiv sein, so etwas bei sich zu tragen. Ganz egal, mit wessen Blut es getränkt ist, es gehört sich nicht."

König Ludwig hatte ein Testament hinterlassen, das gleich nach seinem Tod veröffentlicht wurde und reißenden Absatz fand.

"Ich sterbe im Schoß unserer heiligen Mutter, der katholischen, apostolischen und römischen Kirche, die ihr Amt durch eine ununterbrochene Folge vom heiligen Petrus her innehat, dem es Jesus Christus anvertraut hatte. Ich glaube fest und bekenne alles, was im apostolischen Glaubensbekenntnis und in den Geboten Gottes und der Kirche enthalten ist, die Sakramente und Mysterien, wie die katholische Kirche sie lehrt und immer gelehrt hat. Ich habe nie beansprucht, mich zum Richter aufzuwerfen über die verschiedenen Arten, die Dogmen auszulegen, wovon die Kirche Jesu Christi zerrissen ist; aber ich habe mich immer an die Entscheidungen gehalten und werde es, wenn Gott mir zu leben gewährt, weiter tun, welche die Oberhäupter der heiligen katholischen Kirche getroffen haben und treffen werden. Ich beklage von ganzem Herzen unsere Brüder, die im Irrtum sein könnten; aber ich beanspruche nicht, sie zu richten, und ich liebe sie nichtsdestoweniger alle in Jesu Christo, wie der christliche Glaube es uns lehrt."

Des Herzogs Bruder Johann Eugen schien nicht ganz unrecht zu haben, wenn er meinte, daß die Franzosen, wie aufgeklärt und rebellisch sie sich auch immer gebärdeten, doch von einem tiefen Katholizismus geprägt waren, den sie, so sehr sie es vielleicht wollten, nie loswurden. Ein paar scharfsinnige Philosophen (welche Frankreich fraglos hervorgebracht hatte) versuchten ihnen zu beweisen, daß man seinen Glauben frei wählen könne. Aber kaum jemand konnte begreifen, wie das gehen sollte.

Denn wenn man den Jahrhunderte alten Katholizismus gegen eine andere Religion hätte tauschen wollen, dann wäre womöglich die ganze eigene Geschichte in Frage gestellt oder gar als fataler Irrtum der Verdammnis preisgegeben worden, und wer wollte dafür die Zeche bezahlen! Und so konnte man in der Hinrichtung des Königs einerseits einen symbolischen Akt der Abrechnung mit dem verfallenen Despotismus sehen, zum anderen aber auch eine Art Opfertod des Monarchen, der ihn mit der Kraft und der Unerschütterlichkeit seines rechten Glaubens erduldete.

Johann Eugen war im übrigen überzeugt, daß sich die Jakobinisten nicht lange an der Macht halten und sich schließlich gegenseitig zerfleischen würden. So weit war es indes noch nicht, der Terror ging unvermindert weiter und von der Guillotine tropfte immer neues Blut. Den Herzog packte das blanke Entsetzen, als er vom weiteren Schicksal des von ihm so geschätzten Marquis de Lafayette hörte.

Der war, nach seinem überaus verdienstvollen Engagement in Nordamerika, nach Frankreich zurückgekehrt. Als Abkömmling eines alteingesessenen Adelsgeschlechts klagten ihn die Jakobinisten wegen Unterdrückung und Ausbeutung des Volkes und wegen Bereicherung auf Kosten der Republik an; für seinen Einsatz für die jungen amerikanischen Staaten und seinen Kampf gegen das verhasste England interessierte sich hier kein Mensch. Der Marquis musste Frankreich verlassen und ins Exil flüchten.

Noch schlimmer traf es seine Gemahlin, die schöne Adrienne de Lafayette, eine Tochter des Herzogs von Ayen, dessen Vater einst ein Maréchal de France gewesen und der nun selbst von Enteignung bedroht war. Des Herzogs Mutter, seine Frau und die zweite Tochter Louise, Adriennes Schwester, wurden (auf ausdrücklichen Befehl Robespierres) vor seinen Augen enthauptet. Adrienne de Lafayette, nachdem auch sie die Vollstreckung des Urteils mitansehen musste, wurde "großzügig" begnadigt. Was für Qualen hatte der Marquis wohl auszustehen, als er seiner lieben Frau nicht zu Hilfe eilen konnte!

Der Herzogin Charlotte schossen, als ihr Gemahl ihr von diesen furchtbaren Vorgängen berichtete und obwohl sie keinen der Beteiligten persönlich kannte, augenblicklich die Tränen in die Augen und sie musste heftig weinen über so viel Grausamkeit und Leid, die die Menschen einander zufügten.

Die revolutionären Truppen der französischen Republik fingen an, ihre Nachbarn zu überfallen; die deutschen Fürsten erwiderten das Feuer und gingen ihrerseits zum Gegenangriff über. Und während der treffliche Heinrich Tischbein seine unschätzbaren Kunstwerke vor den marodierenden Horden in Sicherheit zu bringen suchte, begleitete andernorts sein Freund Goethe, den er Jahre zuvor, langhingestreckt in der Idylle der Campagna di Roma (unter der "heilsamen Milde des Himmels", wie Plinius einst schrieb) auf die Leinwand gebannt hatte, seinen Herzog Carl August auf dem Feldzug nach Paris.

In den Gazetten erschienen ergreifende Berichte über Die Kanonade von Valmy, einen Namen, den Herzog Ernst total irrig fand, hörte er sich doch an, als handele es sich um ein Naturdenkmal, eine Sehenswürdigkeit, die immer einen Besuch wert wäre, und nicht um einen der blutigsten Schauplätze der neueren Geschichte.

Dem beschämenden Machtgerangel in der französischen Hauptstadt machte schließlich ein junger, unaufhaltsamer Offizier der Artillerie ein Ende, ein Mann aus Korsika, der sich bereits in mehreren Gefechten glänzend geschlagen und seine überragenden Fähigkeiten unter Beweis gestellt hatte. Sein Name war Napoleon Bonaparte. An einem nasskalten Tag im Brumaire (dem Nebelmonat des Revolutionskalenders, wie ihn der junge August angefertigt hatte) putschte sich der kleine große Usurpator an die Macht und nur ein paar Jahre später ließ er sich zum Kaiser der Franzosen krönen und überrannte mit seiner Grande Armée halb Europa, bis er auf die verhängnisvolle Idee kam, das Russische Reich zu erobern.

Der Hofbildhauer Friedrich Doell hatte, als er den Tischbein in Neapel besucht und sich vergeblich bemüht hatte, ihn für die Gothaer Kunstakademie zu gewinnen, bei ihm eine antike Vase für die heimische Sammlung erworben, welche, sorgsam verpackt, dem Herzog zugesandt wurde und ihren gebührenden Platz im Kunstkabinett fand. Sie war wirklich von außergewöhnlicher Qualität und Schönheit.

Es handelte sich um eine Vase im sogenannten schwarzfigurigen Stil, bei dem die Szene mit ebenjenen Figuren in Schwarz (mit grazilen, hellen Binnenzeichnungen) auf einem gedämpft zinnoberroten Untergrund dargestellt war, welcher alles wie in eine endlose und vom ewigen Sonnenglühen erfüllte Sphäre von Raum und Zeit einhüllte.

Während immer neue Nachrichten über Napoleons Siege und die Niederlagen seiner Gegner eintrafen, zog sich der Herzog manchmal in das Kunstkabinett zurück und betrachtete in stiller Bewunderung und auch mit einem Funken Wehmut über die Tragik menschlichen Strebens diese antike Vase. Sie zeigte eine der letzten Episoden des Trojanischen Krieges: die Vernichtung des Königs Priamos von Troja und seiner Familie.

Priamos ist zu jenem Altar geflüchtet, den er selbst zu Ehren der Götter des Vaterlandes erbaut hatte, zu seinen Füßen liegt der geschändete Leichnam seines Sohnes Hektor, den Achilleus, nachdem er ihn im Zweikampf besiegt hatte, an seinen Streitwagen festband und um die Mauern Trojas schleifte.

Auf seinem Schoß liegt ein anderer seiner Sprösslinge, sein Enkelkind Astyanax, nackt und von unzähligen Stichen durchbohrt. Vor dem Alten steht Neoptolemos, Achilleus' Sohn, in diesem Moment den Tod seines Vaters rächend, denn Paris, der jüngste der Priamos Söhne, hatte mit einem Pfeilschuss in seine einzige verwundbare Stelle sein Leben ausgelöscht.

Schon hat Neoptolemos mit dem Schwert dem greisen König einen Hieb versetzt, daß das Blut über seinen Kopf strömt und er sich mit Händen zu schützen sucht. Doch Neoptolemus holt gerade zum zweiten Schlag aus, auf seinem Antlitz liegt die süße Wonne der Mordlust, er genießt das letzte Gemetzel, er weiß, daß er hiermit diesen unseligen Krieg mit der zermürbenden Belagerung und dem Tod so vieler tapferer Männer für immer beenden wird.

Und während er dem König den Garaus macht, werden dessen Frau und die Töchter von den griechischen Kämpfern abgeschlachtet, und man sieht Ajax, wie er die Kassandra an den Haaren packt und sie von der Statue der Athene fortreißt, die sie in ihrer Todesangst umklammert hat, und wie er ihr die Lanze in den Leib stößt.

Man hört die Schreie, das Jammern, das Brüllen, man riecht förmlich das Blut, man will sich angewidert abwenden, aber irgendetwas zwingt einen, den Blick darauf zu heften, als würde man im letzten Akt einer Tragödie doch noch so etwas wie eine Auflösung erhoffen oder wenigstens die Stelle finden, wo man der Katastrophe entrinnen kann. Und wirklich, wenn man die Vase einmal um sich selbst gedreht hat, sieht man zuletzt Aeneas, den besiegten, doch überlebenden Helden Trojas, wie er, seinen alten, lahmen Vater auf dem Rücken und sein Söhnlein an der Hand, die brennende Stadt verlässt.

Selbst Goethe war hergekommen, um die Vase zu bestaunen. Er meinte, wir wären eigentlich alle Nachfahren des Aeneas und somit der Trojer, zumindest in geistig kultureller Hinsicht. Denn Aeneas landete bekanntlich nach seiner abenteuerlichen Flucht, die ein Gegenstück zur Heimkehr des Odysseus wäre und "gewissermaßen einen entgegengesetzten Grund" hatte, an den Gestaden Italiens, wo er die ewige Stadt Rom gründete. ('Daher', dachte der Herzog, 'hatte er sich wohl in der sagenhaften Landschaft der Campagna malen lassen.')

"Und von dort, verehrter Herzog", fuhr Goethe fort, "fiel der Mythos Jahrhunderte später dem Dichter Vergil in die Hände, just zu einer Zeit, als das Römische Imperium mit Kaiser Augustus seinen Höhepunkt erreicht und überschritten hatte, und sich zugleich in Judäa eine Bewegung in Gang setzte, die von Johannes dem Täufer ausging und die mit Jesus Christus einen Messias inthronisierte, der alle Könige vor ihm und nach ihm überragen sollte. Doch auch diese neue Verheißung folgte anfangs dem Weg des antiken Helden, von Jerusalem über Kleinasien und das schon bröckelige Hellas nach Rom und hinauf in die oberitalischen Städte; und die Meister der Renaissance waren es, die alles zu einer kunstvollen Synthese verschmolzen, von der wir Heutigen noch zehren."

"Das ist ein recht kühner Bogen, den Sie da spannen", sagte der Herzog, "doch in seiner Bündigkeit durchaus plausibel." "Nun", gestand Goethe, "was ich hier mit drei Sätzen beschreibe, ist mir nicht über Nacht eingefallen, vielmehr das Schema, das ich aus vielen unermüdlichen Studien und Grübeleien extrahiert habe. Aber ich kann nun mal nichts besser, als darüber nachzusinnen, wie sich der sprachlose Geist dieser Welt in den Menschen und ihren Taten offenbart."

Der Herzog zog aus Goethes Worten auch einen gewissen Trost bei der Betrachtung der gegenwärtigen verheerenden Lage in Europa. Goethe war weder ein Freund der Französischen Revolution gewesen (bezeichnenderweise hatte man nicht ihm, sondern Schiller zum Ehrenbürger der Republik gemacht) noch fand er Napoleon besonders sympathisch. Aber er mischte sich in die großen politischen Vorgänge nicht ein, und so ähnlich ging es auch dem Herzog.

Goethe hatte ihm versichert, daß sich das alles nicht nur wandeln, sondern vieles sich sogar in sein Gegenteil verkehren werde, wie man ja jetzt schon erleben könne, da sich die hehren Ideale der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit in grässliche Schlachtrufe aufgelöst haben. "Die Weltgeschichte", fügte er hinzu, "ist wie ein Rad, bei dem jede Speiche mal nach oben himmelwärts und mal nach unten in den Abgrund zeigt."

Der Herzog ließ diesen Vergleich im Raum stehen, dann bemerkte er noch: "Man sollte jedoch auch all' derer gedenken, die von diesem Rad überfahren und darunter gebrochen wurden." "Unbedingt", versetzte Goethe mit Nachdruck. Als er später seiner Gemahlin Charlotte von diesem Gespräch erzählte, meinte sie "Nimm' es mir nicht übel, aber ich glaube, das hat er bloß der Verbindlichkeit halber erwidert. Oder hat sich unser lieber Herr Goethe jemals wirklich um die Opfer der Geschichte geschert?"

Ob er denn wüsste, fragte Jakob Hausmann den Bernhard von Lindenau, als sie unterwegs nach Neapel waren, wo die Herzogin Charlotte und der Xaver von Zach auf sie warteten, ob er denn wüsste, was aus der Susanne Heuschneider und ihrem Freund, dem Adalbert Fendt geworden sei? Und der Lindenau nickte und sagte "Der Herzog hat mehrmals erwogen, die beiden zu sich einzuladen, um sie nach dem Schicksal des Bruders zu befragen, ich weiß es von dem Diener Hasemeier, bei dem er sich erkundigt hat. Ob er ihnen Bescheid sagen soll, hatte sich der Hasemeier angeboten, doch der Herzog hatte schließlich immer wieder abgewunken und gemurmelt 'Das nächste Mal vielleicht'."

Und dann waren die beiden eines Tages selber bei ihm erschienen, und die Susanne Heuschneider trug ein Baby auf dem Arm, und der Herzog war außer sich vor Freude und er fragte sogleich, ob er Patenonkel sein dürfe, was die beiden ein wenig in Verlegenheit brachte, weil sich schon Patenonkel und Patentante für die Kleine gefunden hatten. Die Susanne sagte "Aber Sie können sie gern einmal halten, wenn Sie wollen."

Das tat er und fragte "Wie heißt sie?" "Veronika", und der Herzog erinnerte sich daran, wie er damals seine eigenen Säuglinge sanft in seinen Armen gewiegt und ihnen beim Schlafen zugesehen hat - obwohl der August so ein Nimmermüder war, der sich anscheinend stets dagegen wehrte, die Augen zuzumachen, weil er befürchtete, er könnte etwas von der Welt verpassen.

"Wir haben noch eine Neuigkeit", sagte Adalbert. "Nur heraus damit", erwiderte der Herzog. "Susannes Bruder hat sich aus Amerika gemeldet!" "Ist nicht wahr!", rief der Herzog freudig überrascht, und der Susanne kamen gleich wieder die Tränen, aber diesmal vor Rührung, sie sagte "Ja. Er ist noch während des Krieges von den Engländern desertiert und zu den Amerikanern übergelaufen. Er schreibt, daß er in höchster Lebensgefahr war und daß ihm die Gedanken an seine Lieben zu Hause die Kraft gegeben haben, durchzuhalten."

Jetzt musste der Herzog selbst mit den Tränen kämpfen, er dachte auch an den Fürbitte Gottesdienst, den er für die Soldaten abgehalten und der womöglich zu diesem glücklichen Ausgang beigetragen hatte, seine Hände zitterten und er reichte das kleine Bündel lieber der Mutter zurück. Er fragte "Wird er bald heimkehren?", und die beiden antworteten wie aus einem Mund "Nein", und Susanne fügte hinzu "Er hat sich entschlossen, dort zu bleiben und sich eine neue Existenz aufzubauen." "Oh, das ist ja großartig", rief der Herzog und klatschte sogar in die Hände.

"Ja", sagte die Susanne, "und wir sind jetzt auch hergekommen, um uns von Euer Durchlaucht zu verabschieden, denn wir werden ebenfalls nach Amerika auswandern." Dem Herzog blieb der Mund offenstehen, dann wandte er sich an Adalbert und stammelte "Aber was wird denn aus der Chronik?", und da mussten die beiden schmunzeln über seine Betroffenheit. (In Wahrheit brauchte der Herzog einen Moment, um ihre Mitteilung überhaupt zu begreifen.)

Adalbert sagte "Da wird sich bestimmt ein Anderer finden, der sie fortschreibt", und das klang in des Herzogs Ohren fast ein wenig enttäuschend. Aber seine Freude über das Glück der beiden - nein aller vier! überwog bei weitem die Traurigkeit wegen des Abschieds. Adalbert nahm seiner Frau das Kindlein ab, und Susanne fiel dem Herzog ohne Vorwarnung um den Hals, bedankte sich für alles und wünschte ihm und seiner Familie viel Glück! Desgleichen tat Adalbert, nur daß er ihm sehr förmlich die Hand reichte und sich artig verbeugte. "Und wann soll es losgehen?", wollte der Herzog zuletzt noch wissen. "In zwei Wochen. Die Schiffspassage ist schon gebucht. Wir haben nicht viel Bagage. Wir werden drüben auch nochmal neu anfangen."

Für den Rest dieses Tages lief der Herzog unruhig hin und her, die Sache ließ ihn noch lange nicht los. Am Nachmittag setzte er sich in sein Arbeitszimmer und schrieb einen Brief an Sir Douglas Halsworthy, den er noch zur selben Stunde mit einem Eilkurier abschickte. Dann ging er in die Schlosskapelle und betete dafür, daß Halsworthy gerade in Hannover wäre und sich nicht irgendwo in Abessinien herumtrieb.

Abermals wurde seine Bitte erhört, und drei Tage später kam Halsworthys Antwort mit der Zusicherung, daß er des Herzogs Auftrag so schnell wie nur möglich erledigen werde. Und wiederum eine Woche später, in welcher der Herzog kaum eine Minute stillsitzen konnte, traf ein weiteres Schreiben ein, in welchem er alles genauso geregelt fand, wie er es gewünscht hatte. Er setzte seine Unterschrift und das herzogliche Siegel unter die Dokumente, steckte alles in eine Mappe und rief den Diener Hasemeier herbei. Er drückte ihm die Mappe in die Hand und sagte, er solle sie umgehend dem Adalbert Fendt übergeben, er wüsste doch, wo er zu finden wäre.

Selbstverständlich, erwiderte der Diener Hasemeier, und ob er auch noch was ausrichten solle. "Sag' ihm, wenn er sich weigert, sie anzunehmen, dann werde ich ihn nicht ausreisen lassen." "Aber Euer Durchlaucht", entgegnete der Diener Hasemeier, dem offenbar die Pläne der kleinen Familie bekannt waren, "ist das nicht etwas zu hart gegen die jungen Leute?" "Jetzt geh' schon, beeil' dich, mach' es, wie ich gesagt habe! Und komm' sofort wieder zu mir."

Es dauerte über drei Stunden, bis er zurückkam. Der Herzog atmete erleichtert auf, als er sah, daß er die Mappe losgeworden war. Der Diener Hasemeier erzählte haarklein, wie es sich zugetragen hatte, und daß nicht nur der Adalbert selber, sondern auch die Susanne und das Kindlein da waren, und wie der Adalbert die Mappe geöffnet und die Dokumente gelesen und alles der Susanne mitgeteilt habe, die daraufhin vor Schreck aufjauchzte und beinahe das Baby fallengelassen hätte, da sie sich die Hände ans Gesicht pressen wollte. Wie aber er, der Hasemeier, in letzter Sekunde hinzugesprungen sei, um sie beide zu halten, und wie dann die Susanne den Adalbert aufgefordert habe, alles nochmal von Anfang an vorzulesen und sie sich selbst von der Unterschrift und dem Siegel Seiner Durchlaucht überzeugt habe. "Ich wusste ja nicht, was drinsteht", entschuldigte er sich jetzt, "sonst hätte ich das vorhin gar nicht gesagt!" "Schon gut, Hasemeier. Ich bin ja nur froh, daß sie's noch rechtzeitig bekommen haben." "Aber freilich", sagte Hasemeier voller Stolz, "dafür hab' ich persönlich gesorgt!"

Etwa ein halbes Jahr später erhielt der Herzog ein Päckchen mit einem mehrseitigen Brief des Adalbert Fendt, in welchem er ausführlich die Ereignisse seit ihrer Ankunft in Kentucky rekapitulierte und den Herzog genauestens über alle Schritte unterrichtete, die er betreffs des an ihn und seine Frau Susanne übertragenen Landbesitzes unternommen hatte. Die Herren bei der Bank in Lexington waren dank der Vermittlung Sir Douglas Halsworthys vorinformiert gewesen und so konnten die wichtigsten Formalitäten zügig erledigt werden. Allerdings gebe es, so schrieb Fendt, noch etliches zu klären, und genaugenommen liege da jetzt "ein großer Haufen Arbeit" vor ihnen, den es in Angriff zu nehmen gelte. Aber genau so hatten sie sich das vorgestellt!

Dann schrieb die Susanne, daß sie sich in Georgetown ein Häuschen gekauft haben, und daß ihr Bruder auch hierher nach Kentucky gekommen sei, um eine Farm aufzubauen, auf der er Viehzucht betreiben werde. Es lagen auch ein paar Radierungen mit Ansichten von Georgetown und Landschaften von Kentucky bei, und vor des Herzogs Augen erschienen wieder die fetten grünen Wiesen am Ufer des Ohio, und als er alles gelesen und angeschaut hatte, schwang er sich auf sein Pferd und machte, ohne jemandem Bescheid zu sagen, einen Ausritt entlang des Leinakanals, und bei den Weiden am Kleeweg hielt er an und stieg ab und blieb wohl eine Stunde dort im Schatten sitzen, zutiefst erfüllt von Dankbarkeit und innerem Frieden.

* * * * *

Mit überaus milden Temperaturen war der erste Frühling des neuen Jahrhunderts ins Land eingezogen, Mitte März war es bereits so warm, daß man draußen ins Schwitzen kam, und des Herzogs Astronom, der Xaver von Zach, der auf der Sternwarte auf dem Seeberg hauste, beschäftigte sich mit der Frage, ob die große Hitze eventuell auf eine zwischenzeitliche Hyperaktivität des Sonnengestirns zurückzuführen wäre und suchte nach weiteren Indizien dafür.

Das junge Prinzenpaar August und Louise hatte bereits beim zurückliegenden Jahreswechsel den Plan gefasst, die Osterfeiertage an der Nordsee zu verbringen. Die Prinzessin Louise entstammte dem Schweriner Herzogshaus, das sich für ihre Begriffe schon ziemlich nahe an der Küste befand. Ihr Vater pflegte gute Beziehungen zu einigen dänischen Aristokraten, dennoch hatte es bisher mit einem Aufenthalt an Dänemarks Westküste nicht geklappt, was Louise um so mehr beklagte, als sie doch endlich einmal das vielgerühmte Schauspiel von Ebbe und Flut mit eigenen Augen erleben wollte.

Der Xaver von Zach hatte ihr ausführlich erklärt, wie es damit zusammenhinge und daß die sogenannten Gezeiten oder der Tidenhub, wie ihn die Küstenbewohner nennen, durch die Einwirkung des Mondes verursacht werde, welcher mit seiner schieren Masse das Wasser der Weltmeere in Bewegung versetze. "Aber man kann es doch auch am Tage sehen, oder?", fragte Louise, und ihr Gemahl August (der eigentlich bis dato genauso wenig Ahnung davon hatte wie sie) erklärte "Selbstverständlich, mein Schatz! Bei Tage ist es manchmal sogar noch stärker."

Herzog Ernst und seine Frau Charlotte hatten dann den beiden die Reise spendiert, allerdings mit der (ein bisschen elternhaften) Auflage, daß sie alles selbst organisieren sollten. Louise war bei solchen Dingen Feuer und Flamme und was sie nicht gleich selbst erledigen konnte, das übertrug sie an August, der ihre Aufträge ebenfalls mit großem Eifer erfüllte. August's jüngerer Bruder Friedrich und das Kammermädchen Anna von Waldau (die Tochter der Rosalie von Waldau, welche seinerzeit den Herzog und die Herzogin auf ihrer Reise nach Südfrankreich begleitet hatte) waren auch mit von der Partie.

Die kleine frohgemute Gesellschaft machte einen Umweg über Schwerin, wo Louises Vater ihnen eine sehr bequeme Reisekutsche samt Fahrer zur Verfügung stellte und ihnen die Adresse eines guten Bekannten gab, bei dem sie als erstes unterkommen könnten. "Aber ich habe doch das Quartier längst klargemacht", entgegnete Louise, "wir wohnen auf dem Gehöft eines Deichbauern, nur einen Katzensprung vom Meer entfernt, man hat dort schon das Rauschen im Ohr!"

In einem passenden Augenblick nahm Louises Vater den Friedrich beiseite und sagte, was immer mit diesem Gehöft gemeint sei, er, Friedrich, möge doch unauffällig auf die beiden einwirken, damit sie lieber das Domizil seines Bekannten in Anspruch nähmen oder wenigstens in einem ordentlichen Hotel unterkämen. Friedrich versprach zu tun, was ihm möglich wäre.

Das Haus hinterm Deich, wo man die Reisenden herzlich empfing, war ebenso spartanisch wie gemütlich. Es standen mehrere Gebäude um einen Hof herum, auf dem es einen Brunnen zum Pumpen gab und jede Menge Hühner, die herumliefen und unermüdlich nach Körnchen pickten und einem prächtigen Hahn gehorchten, der frühmorgens, und machmal auch zwischendurch, aus Leibeskräften krähte. Es gab eine Katze und einen Hund, die sich glänzend vertrugen, und es roch überall nach Salzwasser und Seetang. Louise war begeistert, sie lachte und umarmte August, "Sag' Liebster, ist das nicht herrlich romantisch hier!", und er antwortete "Es übertrifft alle Erwartungen."

Das Fräulein von Waldau rümpfte die Nase, sie flüsterte Friedrich zu: "Hat Louises Vater nicht darauf bestanden, daß wir in einem Hotel absteigen?" (Offenbar hatte sie das Gespräch belauscht.) Friedrich zuckte unschlüssig mit den Schultern, "Versuchen wir's erstmal für eine Nacht, Louise zuliebe!" "Großer Gott, hoffentlich müssen wir nicht auf Strohsäcken schlafen." Die Waldau maulte dann nicht weiter rum, als sie sah, daß die Zimmer sehr gastlich eingerichtet waren, mit riesigen Federbetten und Waschgelegenheit, lediglich die Toilette lag am Ende des Gangs, aber auch hier war alles sehr reinlich.

Beim Abendessen saß man am großen Tisch in der Gaststube des Vorderhauses. Es war reichlich eingedeckt. Es gab natürlich Matjesfilet mit Kartoffelsalat und sauer eingelegtes Gemüse, es gab Fischbällchen und Roggenbrot mit frischer Butter, Rote Beete und Sellerie (gut für jung Verliebte!), es gab Scheiben von kaltem Lammbraten mit Mayonnaise, "gefüllte" Eier und Schnittkäse, zum Nachtisch Rote Grütze mit Vanillesoße; zu trinken gab es Wasser, Tee und herben Apfelwein.

Die Wirtsleute waren ein Paar im mittleren Alter, die Frau stammte aus Westfriesland, das lange zu den Niederlanden gehörte. Die Eltern des Mannes lebten auf dem Altenteil des Hofs, sie ließen sich nur selten blicken. Die Wirtsleute hatten zwei Kinder, einen Sohn mit Namen Sven, der ein bisschen täppisch war und der nur einen Satz draufhatte: "Wünschen wohl geruht zu haben!", welchen er wohl durch den Umgang mit früheren Gästen gelernt hatte; im übrigen war er freundlich und zurückhaltend und man musste ihm nicht unbedingt antworten.

Seine Schwester Brie war offenbar besser gesegnet, sie war acht oder neun, ein "Nachzügler", wie die Eltern sagten, dünn wie ein Hering, blond, mit zwei dicken Zöpfen, himmelblauen Augen und zwei großen Schneidezähnen, immer auf den Beinen und neugierig wie eine Küchenmaus. Sie hatte es sofort auf das Fräulein von Waldau abgesehen. Die sagte zu Friedrich "Sie ist richtig zudringlich, das ist mir total unangenehm, vorhin wollte sie partout meine Garderobe in den Schrank einräumen", und Friedrich erwiderte "Wäre es Ihnen lieber, Anna, wenn der Bruder das übernimmt?" "Ach, Sie mit Ihrer Art", schimpfte sie, "Sie waren früher immer schon so mokant gewesen."

Wie war denn Louise überhaupt auf dieses ungewöhnliche Quartier gestoßen? Da war im Gothaer Anzeiger ein Artikel zu lesen über ein Schiffsunglück, welches sich vor Jahren hier an diesem Ort zugetragen hatte, bei dem viele Seeleute ums Leben gekommen, aber auch ebenso viele gerettet worden waren. Zum Gedenken an dies Ereignis wurde auf dem Deich ein Obelisk errichtet, der bis heute allem Wind und Wetter standgehalten hatte und nach wie vor von vielen Leuten besucht wurde. Auf ihm waren die Namen der ganzen Mannschaft eingraviert, bei denen, die nicht überlebten, stand jeweils ein kleines Kreuz dahinter; der jüngste Matrose war erst dreizehn gewesen.

Leider konnte Louise bei der Ankunft den Obelisk nirgends entdecken, aber jetzt, da sie davon sprach, bestätigten die Wirtsleute die Geschichte, und der Hausherr sagte, dieses Denkmal stünde etwa zwei Meilen in südliche Richtung. Louise hatte den Zeitungsartikel ausgeschnitten und las ihn jetzt auf allgemeinen Wunsch vor, er war sehr dramatisch geschrieben, und Louise hatte sich offenbar darauf vorbereitet, denn sie legte viel Gefühl in ihre Stimme. Als sie fertig war, gab es eine Pause, aber in die andächtige Stille hinein murmelte Sven: "Wünschen wohl geruht zu haben", woraufhin ihm die Mutter beinahe eine Kopfnuss verpasst hätte. "Sven! Kannst du nicht einmal den Schnabel halten!" Was umso komischer wirkte, als Sven von allen derjenige war, der am wenigsten redete.

Alle mussten unwillkürlich lachen, am lautesten die Waldau, dann meinte sie zur Mutter "Lassen Sie ihn nur, wir wollen ja keine Totenmesse halten." Auf Nachfrage erklärte Louise, daß sie selbst nicht so genau wüsste, weshalb dieser Bericht den Ausschlag für ihr Reiseziel gegeben hatte, dann fügte sie hinzu "Als ich klein war, geschah es, daß bei uns auf dem Schweriner See ein Junge ertrank, der mit seinem Boot in einen plötzlichen Sturm geraten war. Vielleicht habe ich mich daran erinnert, als ich das von dem dreizehnjährigen Matrosen las."

"Was liegt denn eigentlich in der anderen Richtung?", fragte die Waldau, um der ganzen Gedenkens Arie ein Ende zu machen. "Da liegt Olsgade", sagte der Hausherr. "Was ist das?" "Ein Fischerdorf." Die Waldau verdrehte die Augen, gab aber die Hoffnung nicht auf, "Und noch weiter?" "Dann kommt Tilsdrup." "Auch ein Fischerdorf?" "Das ist ein sehr vornehmes Seebad", sagte die Wirtin, "letztes Jahr war unsere Prinzessin Dagmar da, und die russische Großfürstin besitzt eine Villa in der Nähe der Strandpromenade. Manchmal kommen auch die Schweden her."

"Da gibt es eine Strandpromenade?" "Ja, sehr hübsch und sehr nobel." "Kann man bis da hin laufen?", wollte Friedrich wissen, als er sah, daß die Waldau große Augen bekam. "Das is'n büschen weit", meinte der Hausherr, "aber bis Olsgade, das schafft man bequem." "Ich könnte Sie hinführen", bot sich Brie an. "Ach ja?", entgegnete die Waldau, "Kann man sich denn am Strand verlaufen?"

Brie machte eine verdrossene Miene, August schlug vor: "Dann machen wir morgen einen Ausflug zu dem Obelisken und übermorgen eine Wanderung nach diesem Fischerdorf, ich würde mir zu gern einmal ansehen, wie die Fischer hierzulande ihre Arbeit verrichten." Louise war begeistert, sie küsste ihn auf die Wange, "Eine famose Idee, Liebster! Ihr kommt doch auch mit?" Anna rang sich ein zustimmendes Kopfnicken ab, Friedrich sagte "Ja, hört sich gut an."

Die Wirtin sagte "Sven könnte einen Proviantkorb für Sie tragen, nicht wahr Sven, das tust du doch gerne?" Er nickte. Die Waldau zog die Brauen zusammen. Friedrich sagte "Vielleicht möchte Brie lieber mitkommen." Die hatte die Arme verschränkt, "Ach so, zum Sachen schleppen bin ich wohl gut genug!" "Brie!" Sie hatte Anna dabei einen scharfen Blick zugeworfen, die wollte bloß nicht den täppischen Sven dabeihaben, "Komm' schon, Brie, ich hab' das eben nicht so gemeint, du kennst dich hier bestimmt besser aus als wir." Friedrich sagte "Den Proviant trag' ich und Sven kann uns später noch behilflich sein. Damit wären dann alle zufriedengestellt. Brie???" "Na gut."

Zuerst wollten sie auf dem Deich entlang laufen, aber es war herrlich warm und sonnig und Louise sagte "Wenn wir schon so nahe dran sind, dann können wir doch auch am Wasser bleiben." Alle waren einverstanden. "Was haben wir denn nun gerade, Ebbe oder Flut?" August beschirmte die Augen und schaute aufs Meer, kam aber zu keinem eindeutigen Ergebnis. Brie sagte "Das ist die Flut. Wir müssen aufpassen, daß uns das Wasser nicht den Weg abschneidet." "Wie meinst du das?" "Schauen Sie, da sind so kleine Gräben, da fließt es unbemerkt hinein, und dann sind manche Stellen schon vollgelaufen und man kommt nicht mehr hinüber zu den Dünen, jedenfalls nicht in trockenen Sachen."

"Wer flicht dir eigentlich deine Zöpfe?", fragte Friedrich so nebenbei. "Wer macht was mit meinen Zöpfen?" "Machst du sie dir selbst?" "Nein, meine Mutter, manchmal 'ne Freundin, bei der mach' ich's dann, aber sie kann's nicht so gut, sie werden meistens krumm und verschieden lang."

Bei dem Obelisk saß ein Maler auf einem Stühlchen vor der Staffelei, Louise verwickelte ihn sofort in ein Gespräch. Er war dabei, das Meer und den Himmel mit den schönen weißen Wolken zu malen; bei ihm waren die Wellen höher. "Wenn Sie damit fertig sind, verkaufen Sie's dann?" "Ja", sagte er, "aber es muss erst trocknen." "Hängen Sie es dazu auf die Wäscheleine?", fragte August im Scherz, Louise gab ihm einen Klaps, "Sei nicht so ignorant", und zu dem Maler: "Haben Sie schon welche, die getrocknet sind?" "In meinem Atelier, warum fragen Sie? Sind Sie eventuell an einem Bild interessiert?" "Vielleicht will mir mein Gemahl eins schenken." "Unbedingt", sagte August, um seine Bemerkung von eben wiedergutzumachen. "Tja, da müssten Sie mich besuchen." "Wo ist das?" "In Esbjerg." "Ja, mal sehen."

Sie schauten sich den Obelisk mit den Namen an, Brie sagte "Von dem einen kenn' ich den Bruder." "Von einem der Toten?" "Ja. Sein Bruder hatte ihn noch gewarnt, daß er diese Fahrt nicht mitmachen soll, er hatte zwei Nächte vorher einen bösen Traum gehabt, das war so was wie eine Vorbedeutung gewesen, aber sein Bruder hat nie auf ihn gehört, schon früher nich'." Die Waldau machte Friedrich ein Zeichen, das besagte: 'Das spinnt sie sich doch bloß zusammen.' Auf dem Rückweg war das Wasser viel weiter an die Dünen herangerückt. "Phänomenal", sagte Louise, "aber nun muss ich mir anschauen, wie es auch ganz weg ist."

In dem Fischerdorf war es sehr beschaulich, überall lagen Boote am Strand und waren Netze aufgespannt, es roch nach Teer, und Anna von Waldau sagte zu Friedrich "Ich setze da keinen Fuß in diesen Dreck, da müssen Sie mich schon hinübertragen, Friedrich!" Und ehe sie sich's versah, hatte er sie auf den Armen, daß sie aufjauchzte und stapfte mit ihr durch den fleckigen Sand. Brie musste lachen, "Das hab' ich mir schon so gedacht", und Friedrich spürte Anna's pralle Stellen in seinen Fingern.

Es gab dort eine Räucherei, sie war gerade voll in Betrieb, und August ließ sich alles genau erklären. Sie warteten, bis eine der Kammern geleert wurden, und davor stand ein langer Tisch mit Bänken an den Seiten, da verzehrten sie dann frisch geräucherten Hering mit rohem Eigelb und Weißbrot, und die Männer bekamen einen eisgekühlten Kümmelschnaps. Aber die Waldau wollte auch einen probieren, und Louise dann auch, nur Brie stocherte wortlos auf ihrem Fisch herum, während sich die andern zuprosteten.

Bald kam die Waldau auf ihre Kosten. Sie machten einen Ausflug nach Tilsdrup. August und die Damen flanierten auf der Strandpromenade, Louise hatte sich bei ihm untergehakt, die beiden Frauen hielten entzückende kleine Sonnenschirme über der Schulter. Friedrich hatte sich mit Brie an einen Tisch unter der Markise eines der Cafés gesetzt, die hier nebeneinander aufgereiht waren, er bestellte für das Mädchen ein Eis und für sich einen Kaffee. "Wie gefällt Ihnen die Frisur von Fräulein Waldau?", fragte Brie, während sie genüsslich das Eis auf der Zunge zerschmelzen ließ. "Hübsch. Ach, hast du da etwa mitgeholfen?" "Ja." "Und sie hat es sich gefallen lassen?" "Was soll das denn heißen?" "Äh ... ich meine, dann hat sie also endlich deine Fähigkeiten erkannt." "Na, so schwer war's nicht. Sie hat geschmeidiges Haar. Wie ich."

Friedrich begleitete die drei mit seinen Blicken. Anna trug ein blaues Kleid und weiße Strümpfe. Er musste daran denken, wie er ihr zum erstenmal begegnet war. Ihre Mutter war zeitweise bei der Herzogin Charlotte angestellt, sie kam aus Altenburg. Zuerst war sie allein hier am Hof in Gotha. Sie erzählte auch etwas von ihrer ältesten Tochter, und Friedrich bekam mit, daß sie angeblich genauso alt war wie er und Anna hieß, eigentlich Anna Magdalena, aber nur beim ersten Namen gerufen wurde.

Und eines Tages war ein Unwetter über Gotha niedergegangen und es hieß, in der Waschküche sei das Wasser durch einen Rückstau aus dem Abfluss wieder hochgequollen und Friedrich wollte sich das anschauen. Und wie er in die Waschküche kommt, steht da ein Mädchen mit klitschnassen Haaren und im Unterkleid, das auch ganz durchnässt ist und so dicht an ihrem Körper klebt, daß man gewisse Stellen darunter durchscheinen sieht. Sie hält sich die Arme vor ihre Brust, und als Friedrich wie versteinert dasteht, sagt sie "Was starrst du mich so an, noch nie jemanden gesehen, die vom Regen überrascht wurde!"

Das war also die Anna, die gerade aus Altenburg gekommen war, um ihre Mutter zu besuchen. Die Magd, die bei ihr stand, sagte zu ihm "Warte draußen, Friedrich, wir müssen die Kleine erstmal in trockene Tücher bringen", und er war heilfroh, daß er schnell wieder verschwinden konnte.

Später hatte er hier und da Gelegenheit sie zu beobachten. Sie trug damals schon häufig ein blaues Kleid und manchmal war sie barfuß, sie hatte dichtes, braunes Haar mit einem farbigen Band über der Stirn, und sie bewegte sich so selbstsicher wie eine Katze. Er sah durch die angelehnte Tür, wie sie mit seiner und ihrer Mutter im Salon war und sich mit ihnen unterhielt, aber er konnte nicht verstehen über was. Plötzlich stand seine Mutter Charlotte auf und ging zur Tür, und er konnte grade so wegrennen, aber seine Mutter rief ihm nach: "Friedrich, komm' einmal, wir möchten dich mit der Anna Magdalena von Waldau bekanntmachen", und er tat so, als hätte er's nicht gehört und versteckte sich die nächsten fünf Stunden in seinem geheimen Winkel. Aber er hatte auch nicht den Endruck, als wollte sie ihn kennenlernen.

Dann sah er sie auf dem Hof, wie sie mit seinem Bruder August herumblödelte, er war einen Kopf kleiner als sie und sprühte vor Albernheiten, sie schien sich köstlich zu amüsieren. Doch da hob sie den Kopf und schaute hinauf zum Fenster, als hätte sie ihn dort bemerkt, und Friedrich musste so schnell zurückweichen, daß er sich an dem Wappenschild, das da in der Galerie hing, ein Horn am Schädel holte. Mit wem er da zusammen war, fragte er dann scheinbar ahnungslos seinen Bruder. "Das ist die Anna aus Altenburg, sie ist die Tochter von der Frau von Waldau." "Ist sie nett?" "Oh ja, sehr", lobte August sie, um dann auch noch hinzuzufügen "sie hat schon ganz schön was vorm Balkon." 'Vorm Balkon', dachte Friedrich, 'was für ein Unsinn, ein Balkon ist ja schon ganz vorn dran!'

Aber der Anblick aus der Waschküche verfolgte ihn auf Schritt und Tritt. Und er vermischte sich mit anderen Betrachtungen, die Friedrich genau zur gleichen Zeit beschäftigten und ihm so sehr zusetzten, daß er an gar nichts anderes mehr zu denken in der Lage war.

Er hatte in der Bibliothek ein Buch entdeckt, bei dem er, als er die ersten Seiten aufschlug, gar nicht gleich erfassen konnte, wovon es handelte. Es war irgendwie ständig von Frauen die Rede, aber nicht von einer bestimmten Person, sondern von Frauen überhaupt, deshalb wurden sie auch nicht namentlich genannt. Es gab Beschreibungen von ihrem Äußeren und von ihrem Wesen, ganz so, als würde dies alles nicht nur auf eine einzelne Frau zutreffen, an die der Verfasser dabei dachte, sondern auf alle, zumindest auf alle normalgebildeten Frauen.

Und dann begriff Friedrich, daß es sich in Wahrheit um ein Buch handelte, welches die Frauen aus medizinischer Sicht betrachtet und dies kein Roman oder etwas ähnliches war, sondern ein Lehrbuch. Und je weiter er sich darin vor arbeitete, um so mehr erfuhr er nicht bloß vom Körper einer Frau, sondern auch von ihrer Psyche und weiterhin von der Gestalt und Funktionsweise bestimmter weiblicher Organe, die eben nur bei Frauen vorkommen.

Dann folgten peu à peu einige Abbildungen, die jede ein hauchdünnes Deckblatt aus Seidenpapier hatte, und das brachte Friedrich schlagartig wieder den Anblick von Annas klitschnassem Unterkleid auf ihrem Körper zu Bewusstsein und seine Finger zitterten dabei, als er das Papier über dem Bild lüftete. Oh, da sprangen ihm seltsame Dinge ins Auge, und obwohl er glaubte, darauf vorbereitet zu sein, schlug er doch vor Schreck das Buch zu und schob es schnell ins Regal zurück, als würden ihm gleich die Hände in Flammen aufgehen, wenn sie es nur eine Sekunde länger hielten. Er schwor sich, es nie wieder anzurühren.

Er hielt es zwei Tage durch, in denen er Anna mehrmals aus sicherer Distanz beobachtete. Sie war auch mit irgendwelchen Jungs aus der Stadt zusammen, sie trieben sich hinten im Park herum, und als Friedrich einmal rein zufällig dort umherstreifte, sah er die Bande (das war wohl der treffende Ausdruck), wie sie durch den Zaun zu Stölzel's Gärten hindurchschlüpfte und dahinter zwischen den Büschen verschwand. Er meinte, sie lachen zu hören. Er meinte auch, den einen von den Jungs zu kennen, das war ein übles Großmaul, aber er war ungeheuer beliebt.

"Woran denken Sie denn?", schreckte ihn Brie's Frage aus seinen Gedanken auf. "Oh, ich habe grade überlegt, wie viele Bäume man für diese Seebrücke da verbaut hat. Bist du fertig mit deinem Eis?" "Ja klar, Sie haben ja bestimmt eine Stunde geschlafen." "Was? Das ist nicht wahr!" "Nein, ich wollte Sie nur veralbern, aber Sie haben eben wirklich so komisch dagesessen." Er straffte sich und sagte "Wollen wir gehen und die andern suchen?" "Ja. Danke für das Eis." Er bezahlte, und kaum waren sie aufgestanden, flitzte Brie davon, sie hatte es nicht mehr länger ausgehalten.

Es waren viele Leute auf der Strandpromenade unterwegs. Die Cafés wechselten sich ab mit Boutiquen, wo allerlei Tand und Souvenirs feilgeboten wurden. Er konnte Brie nicht mehr entdecken und die drei andern waren auch nirgendwo zu sehen. Von dem Pavillon auf der Seebrücke kam Musik herüber und Friedrich schlenderte in diese Richtung. Er lehnte sich an das weiße Holzgeländer und schaute aufs Meer.

Es war natürlich ein idiotischer Gedanke, daß er sich an dem Buch die Finger verbrennen würde, und was er gesehen hatte, genügte, um das Verlangen in ihm zu wecken, sich alle Abbildungen genauestens anzuschauen. Es war unmöglich, sich dagegen zu sträuben. Es wurde noch aufregender, als es um das Liebesleben der Frauen ging und darum, was sich bei ihnen abspielt, wenn sie den Geschlechtsakt vollziehen. Da musste er denn doch erstmal wieder eine Pause machen und alles sacken lassen. Er lag auf seinem Bett und dachte darüber nach. Er fragte sich auch, woher dieser Doktor Soundso das alles wusste, ob es ihm die Frauen erzählt hatten oder ob er womöglich, aus rein medizinischem Interesse natürlich, das alles selber erkundet hatte. Wie konnte er dabei nur so sachlich bleiben? Wie hatte er verhindern können, daß er sich mindestens in eine von ihnen verliebt? Oder von ihren Männern verprügelt wird.

Er ging hinaus, um sich davon abzulenken. Er holte sich in der Küche ein Butterbrot mit Rübensaft und klemmte sich eine Flasche Zitronenlimonade untern Arm. Als er draußen auf dem Gang mit den voluminösen Sandsteinpfeilern war, rief hinter ihm jemand "Hey! Warte mal!" Es war Anna. Er blieb stehen, sie kam heran und sagte "Warum läufst du eigentlich ständig vor mir davon?" "Das tue ich gar nicht." "Aber hallo! Und du beobachtest mich." "Vielleicht mal. Hat es dir etwa geschadet?" "Darum geht's doch gar nicht." "Worum dann?"

Sie schwieg, er sah, wie sie die Zähne aufeinanderpresste, dann sagte sie "Ach geh' doch!", drehte sich um und ließ ihn stehen; selbst wenn sie wütend war, bewegte sie sich wie eine Katze, der man nichts anhaben kann. Er fragte sich, warum er so abweisend gewesen war, ganz so, als habe er sich von ihr bedroht gefühlt. Er hätte ihr hinterherlaufen und sie aufhalten sollen. Das war die erste gute Gelegenheit, sich mit ihr zu unterhalten! Aber er hatte es richtig vermasselt.

Er schob alles auf dieses vermaledeite Buch. Seitdem er die Bilder gesehen hatte und dazu Anna in der Waschküche, brachte er alles durcheinander, wo er sich doch eigentlich Klarheit verschaffen und dieses dauernde Rumoren in seinem Innern zur Ruhe bringen wollte. Er hatte auch ständig diese wilden Träume und so eine Bedrängnis im Schlaf, es geschahen dann merkwürdige Dinge ganz von selbst, und er hatte das Gefühl, als könnte er sich nicht mehr beherrschen.

Er dachte 'Warum konnte es nicht ein Buch über den Mann sein?', das hätte ihm mehr genützt als alle Beschreibungen des weiblichen Geschlechts. Er bekam diese Abbildung mit den Pfeilen auf die Einzelteile und den dazugehörigen lateinischen Bezeichnungen nicht mehr aus dem Kopf. Clitoris - ein Name wie für eine Blume mit Zauberkraft, aber an der besagten Stelle war eigentlich kaum etwas Bemerkenswertes zu sehen. Oder war gerade das ihr Geheimnis? Alles hatte ihn so dermaßen verwirrt, daß er sich nicht einmal mehr ganz normal mit dem Mädchen Anna von Waldau unterhalten konnte.

Hätte er ihr davon erzählen sollen, um ihr zu zeigen, daß es irgendwie nicht seine Schuld, zumindest nicht seine Absicht war, wenn er sie so schroff behandelte. Aber ob das nicht nach hinten losgegangen wäre? Schließlich kannten sie sich überhaupt nicht und schon gar nicht gut genug, als daß sie so vertrauliche Sachen miteinander hätten teilen können. Ja, das war das Dilemma seiner Knabenzeit gewesen, und es war gar nicht lustig.

Jemand zupfte ihn am Ärmel, "Herr Friedrich!", rief Brie, "Sie sollen hinüberkommen, die Frau Louise hat Bekannte aus ihrer Heimat getroffen, die haben hier ein Haus und sie haben uns eingeladen." Sie nahm ihn an die Hand und zerrte ihn gleich mit, womöglich befürchtete sie, er würde wieder "einschlafen".

Die Bekannten waren die Frau Baronin von Sennelob und ein Major Luckau, der in einer feschen preußischen Uniform (er gehörte zum 15. Grenadierregiment, wie Friedrich dann erfuhr) einherstolzierte und dann und wann einem Passanten einen Gruß zuwarf, "Wo immer sie sonst das Jahr über stecken, hier trifft man sie alle wieder", witzelte er. Brie hatte sich an seine Seite gehängt und fragte "Haben Sie eigentlich schon viele Feinde erlegt, Herr Major?"

Louise kannte die Sennelobs von Schwerin her, wo sie früher öfter zu Besuch gewesen waren. Genauergesagt: die Frau Baronin, denn ihr Gemahl widmete sich die meiste Zeit seiner Pferdezucht. Niemand von den andern (ausgenommen der Major) wusste, daß die Sennelobs hier in Tilsdrup ein Haus haben. Es befand sich etwas abseits von der Strandmeile, es war leuchtendweiß gestrichen und hatte ganz oben in der Dachmansarde einen Balkon, auf dem ein Fernrohr stand.

Die Sennelob konnte auch nicht ganz begreifen, wo die andern da untergebracht waren, und nach Louises Beschreibung war sie beinahe fassungslos. Friedrich, der aus irgendeinem Grund verhindern wollte, daß Brie sich schämte, versicherte, daß es sich dort aushalten ließe und die Bewirtung ausgezeichnet sei. Auch weise das Gästebuch ein paar Einträge von prominenten Leuten aus, die dort Ruhe und Erholung gefunden hatten und durchweg versprachen, wiederzukommen. Die Anna von Waldau warf ihm einen fragenden Blick zu, und Friedrich schüttelte unmerklich den Kopf, Anna lächelte mit einem Ausdruck, der besagte 'Sie Schlingel!'; zum ersten Mal während ihrer Reise schauten sie sich beide in die Augen.

Die Frau Baronin ließ Kaffee servieren. Brie konnte nicht schon wieder auf einem Stuhl rumsitzen, sie fragte, ob sie ein bisschen im Haus umherlaufen dürfe, und die Sennelob sagte "Aber freilich, meine Kleine", und weg war sie. "Wer ist das eigentlich?" "Die Tochter von dem Deichgrafen", sagte August. "Ach, er ist ein richtiger Deichgraf? Das haben Sie vorhin gar nicht erwähnt, Louise!" "Er ist ein bescheidener Mann, der darum nicht viel Wesens macht." "Na dann glaub' ich gern, daß man dort in besseren Verhältnissen wohnt, es heißt, diese Deichgrafen sitzen auf einem Hort von Schätzen, die sie vom Meeresgrund herauf geholt haben." Der Major sagte "Ein aufgewecktes kleines Ding ist das. Vorhin hat sie mich gefragt, ob ich schon viele Feinde erledigt hätte." "Und, haben Sie?" "Ach, damit prahlt man nicht", winkte er ab, "außerdem kann man das ohnehin nicht genau beziffern."

Sie plauderten über dies und jenes, die Sennelob ließ sich genau erzählen, wie es mit der Hochzeit gewesen war, und Louise entschuldigte sich mehrmals, daß die Baronin nicht eingeladen worden war. "Ach was! Ich war ja auch vorher zu lange nicht mehr in Schwerin gewesen. Aber beim nächsten Familienfest lasse ich mir einen Platz reservieren." "Gar keine Frage", sagte August, "und sie können mitbringen, wen immer Sie wollen." Louise verschluckte sich beinahe am Kaffee, und Friedrich schaute auf den Major, aber die Sennelob lachte nur und sagte "Einladung angenommen." Niemand konnte ahnen, was geschah, als die Baronin dann tatsächlich nach Gotha kam.

"Ich werde mal nachsehen, wo sich das Mädchen 'rumtreibt", sagte Friedrich, den das pausenlose Palaver allmählich anstrengte. Er fand Brie auf dem Gang, wo sie sich die Gemälde betrachtete. Als sie ihn kommen sah, rief sie "Friedrich! Das müssen Sie sich anschauen! Die haben hier eine ganze Sammlung von Buddelschiffen!" "Wirklich?" "Wissen Sie überhaupt, was das ist?" Ihr zuliebe sagte er "Nein, was ist das?" "Kommen Sie, ich zeig's Ihnen." Da war in einem der Zimmer eine breite Fensterfont und auf der Bank standen ein Dutzend oder mehr Buddelschiffe aller Größen und Typen. "Ist das nicht toll!", sagte Brie und hielt die Nase so nahe dran, als wollte sie den Kapitän ausfindig machen. "Ja, das ist sehenswert."

Er schaute aus dem Fenster, "Warst du schon ganz oben?" "Nein. Wollen wir hochgehen?" Er interessierte sich für das Fernrohr. Als sie das Zimmer betraten, schoss ein Dienstmädchen hoch, das halb auf dem Bett gelegen hatte und offenbar eingeschlummert war. "Oh, Verzeihung", sagte Friedrich, und das Mädchen wurde knallrot, sie rückte ihr Kleid mit der Schürze und ihr Häubchen zurecht, und Friedrich sagte "Wir wollten uns nur mal das Fernrohr anschauen." "Selbstverständlich", sagte sie und machte einen artigen Knicks, "ich war gerade dabei, das Bett herzurichten." "Ja, wir wollen Sie auch gar nicht stören." "Schon gut", sagte sie und hatte sich wieder gefangen, "es ist ja nicht so, daß Sie mich überrascht hätten. Gehen Sie nur durch."

Sie probierten beide das Fernrohr aus, Brie stellte sich dabei auf einen Stuhl, sie streckte ihren Po nach hinten, daß Friedrich einen Schritt zurücktreten musste. Das Dienstmädchen sagte "Bei guter Sicht kann man bis Helgoland gucken." "Ach so? Ich dachte, das liegt viel weiter südlich." "Na, Sie müssen's auch nach Süden hindrehen."

Sie kamen erst spät zurück. Am Morgen waren Louise und August nicht wachzukriegen. Merkwürdigerweise war Fräulein von Waldau schon ganz früh auf den Beinen. Und Brie natürlich auch. Die beiden vertrieben sich die Zeit bis zum Frühstück auf dem Hof, das heißt, die Waldau schaute zu, wie Brie ihren täglichen Verrichtungen nachging, Brie zeigte ihr dann sogar, wie man die Pumpe bedient und wollte sich halbtot lachen, als Anna den vollen Wassereimer nicht anheben konnte. Die beiden Schlafmützen kamen nicht aus den Federn, und als Friedrich oben aus dem Fenster schaute, rief Anna "Lassen Sie uns zum Strand gehen! Vielleicht sind sie endlich wach, wenn wir wieder da sind."

Als Friedrich unten erschien, hakte sie sich bei ihm ein. Brie schaute ihnen nach. Am Tor drehte sich Anna um und sagte "Ich denke, du kommst mit." Sie ließ sich nicht zweimal bitten. Draußen stand Sven und blinzelte in die Sonne, als er sie sah, verbeugte er sich und murmelte "Wünschen wohl geruht zu haben!" "Danke gleichfalls, Sven", sagte Friedrich, "wir gehen zum Strand, willst du uns begleiten?" Brie sagte "Haben Sie schon mal die Möwen gefüttert? Die fangen die Krumen im Flug. Warten Sie, ich hol' welche."

Sie kam wieder mit einem Körbchen voll Weißbrotkrumen. Es war wirklich ein beeindruckendes Schauspiel. Die Waldau musste sehr lachen. Dann sagte Friedrich "Geben Sie Sven das Körbchen, ich glaube, er will auch mal." Sie wandte sich zu ihm um, "Sven! Willst du auch mal?" Er nickte heftig, und dann musste sich die Waldau sehr beherrschen, um nicht noch mehr über den täppischen Sven zu lachen, wie er jedesmal, wenn er die Krumen hoch warf, einen Hüpfer machte, als wollte er ihnen das Futter direkt in den Schnabel stopfen.

Sie gingen ein Stück in Richtung Olsgade. Anna lüpfte ihren Rock (sie hatte keine Strümpfe an und die Schuhchen abgelegt) und spazierte ins Wasser. Sie achtete sehr darauf, wo sie hintrat. Friedrich blieb am Strand. Irgendwann winkte sie ihm zu. "Sie ist sehr hübsch, nicht wahr", sagte Brie, die wieder ganz plötzlich neben ihm stand. "Ja fürwahr, das ist sie."

Er war dieser Bande, die immer durch den Zaun zu Stölzel's Gärten verschwand, einmal nachgeschlichen. Er blieb auf Abstand, damit sie ihn nicht bemerkten, aber er konnte sie noch hören, er konnte auch Anna hören, wie sie lachte. Warum musste sie sich nur mit diesem Grobzeug aus der Stadt vergnügen! Dann hatte er sie plötzlich verloren; in dem halbwilden Bewuchs verirrte man sich unweigerlich. Hinter den Gärten war ein Graben, wo sich ein kleiner Bach hinzog, und drüben auf der andern Seite gab es ein paar Schuppen und Hütten, und es hieß, daß dort die Trunkenbolde und Stadtstreicher nächtigten.

Dann hatte er sie wieder aufgespürt, sie waren bei einer alten Laube, die nur noch auf drei Seiten von halbverfallenen Bretterwänden zusammengehalten wurde. Sie waren zu fünft oder sechst, darunter jener Bursche, der sich für so großartig hielt und den die Mädchen anhimmelten, er war bekannt unter dem Spitznamen "Latte". Als auf dem Platz vor dem Schießhaus einmal ein Volksfest war, hatte er Friedrich im Gedränge scheinbar zufällig angerempelt und war weiter gegangen, ohne sich zu entschuldigen, und Friedrich hatte auch nichts gesagt; es war ein ziemlich derber Schlag gegen die Schulter gewesen.

Jetzt hatte sich Friedrich auf Sichtweite herangeschlichen, er sah, wie sie in der Laube beieinander standen. Da war die Diana Wetzig dabei, die war ungefähr neun und ganz niedlich, aber auch ein kleines Luder, wie man so sagte. Ihr Vater war mal einem Nachbarsjungen mit dem Lederriemen hinterher gejagt, um ihn zu verprügeln, weil er angeblich mit der Diana Schweinereien angestellt hatte. Sie heulte wie ein Schlosshund und beteuerte, sie wäre von ihm "begrapscht" worden, sie stritt jede Beteiligung ab.

Jetzt stand sie da, die Arme selbstbewusst in die Hüften gestemmt und die Beine auseinander gestellt, so daß sich ihr Röckchen dazwischen spannte. Als Friedrich dicht bei ihnen war, hörte er Diana sagen "Für einen Kreuzer zeig' ich's euch", und da war der Handel schon im vollen Gange. Es genügte nur wenig Phantasie, um zu verstehen, was gemeint war. Ein Kreuzer war eine Menge Geld, kaum ein Junge in dem Alter besaß so viel auf einmal. Und selbst wenn - die Diana war ein kleines Mädchen, lohnte der Anblick überhaupt den stolzen Preis?

Friedrich fiel ein, daß er für den Hofrat Schlehemich heute morgen eine Besorgung gemacht, und der Schlehemich ihm das Wechselgeld geschenkt hatte (obwohl sein Vater, der Herzog, solche beiderseitigen "Gefälligkeiten" untersagte). Das war sogar mehr als ein Kreuzer, aber er dachte selbstverständlich nicht ernsthaft daran, sich an dem schändlichen Geschäft zu beteiligen. Trotzdem vergewisserte er sich, daß das Geld in seiner Tasche steckte.

Da zerknackte unter seinem Schuh ein trockener Ast, alle fuhren herum und Latte, der sich des ungebührlichen Treibens wohl bewusst war, rief "Wer ist da?" und "Zeig' dich, du Scheißkerl!" Das konnte Friedrich nicht auf sich sitzen lassen. Selbst wenn er weggerannt wäre, hätte ihn Latte womöglich verfolgt und eingeholt, und dann hätten die andern, hätte Anna gesehen, daß er es gewesen war und daß er die Beleidigung einfach so hingenommen hatte.

Er trat aus dem Gebüsch hervor (Anna fuhr erschrocken auf) und sagte "Nimm' das sofort zurück!" "Was denn?", höhnte Latte, der zwar auch überrascht, dann aber gleich froh war, daß es sich nicht um einen Erwachsenen handelte. "Wie du mich genannt hast!" "So? Wie denn? Kann mich gar nicht erinnern", er wandte sich zu den andern um (Diana hatte vor Schreck schnell die Beine im Schritt zusammengekniffen) und rief "Weiß von euch jemand, was er meint?" Da war die Anna freilich unangenehm berührt, sie konnte das gemeine Wort ja nicht wiederholen, sie mochte aber auch Friedrich nicht dem Gespött der andern überlassen. Friedrich glaubte, in ihrer Miene eine Erwartung zu sehen, daß er zeigen sollte, wie er auf so was reagiert.

Er ging auf Latte zu und sagte "Dann erinnerst du dich vielleicht an das!" und versetzte ihm einen kräftigen Stoß gegen die linke Schulter, "Das ist die Revanche für den Anrempler vom Volksfest!" Latte wäre beinahe nach hinten gefallen, aber er setzte sofort zum Gegenangriff an und im Nu waren die beiden im Ringkampf miteinander verhakt, zerrten sich an Stoff und Haaren, knufften und boxten sich, verdrehten sich gegenseitig die Arme und versuchten jeder, den andern zu Fall zu bringen. Und während die übrigen sie noch anfeuerten (Diana Wetzig am lautesten), ging Anna auf die Raufbolde zu und packte sie unsanft am Kragen, "Auseinander! Hört sofort auf mit dem Unfug oder ich erzähle es allen Leuten!"

Das wirkte, sie ließen voneinander ab, blickten sich aber drohend an, zwischen ihren Nasenspitzen hätte sich beinahe noch ein krachender Blitz entladen. Anna zog Friedrich weg, "Komm', wir geh'n!" "Er soll es zurücknehmen." "Niemals!", fauchte Latte. Anna warf ihm einen scharfen Blick zu, "Das werden wir noch sehen."

Sie liefen schweigend zurück. Als sie beim Park waren, sagte Anna "Bleib' mal stehen." "Was ist?" "Du hast lauter Blut unter der Nase, merkst du das nicht." "Nicht so schlimm." "Sollen die Leute etwa denken, ich hätte dir eine draufgehauen? Halt still! Mund auf! Zunge raus! Gib' mir was von deiner Spucke auf die Finger." Er tat es, sie wischte das Blut weg, er leckte ihre Finger ab, es war gar nicht eklig. "Alles sauber?" "Einigermaßen." Sie gingen nebeneinander her. "Was machen wir jetzt?", fragte sie. "Keine Ahnung. Willst du zu denen zurück?" "Unsinn!" "Warum bist du mit ihnen mitgegangen?" "Warum bist du uns gefolgt?"

Da entdeckte Anna einen Kahn im Schilf des Parkteichs. "Kann man damit gondeln?" "Das ist nicht erlaubt." "Aber du bist der Sohn vom Herzog!" "Na und. Das ist nur für ..." "Jetzt reiß' dich mal zusammen! Glaubst du, ich habe nicht bemerkt, daß du nach jeder Gelegenheit suchst, um mir zu imponieren?" "Das ist gar nicht wahr." "Ach, hör' doch auf, Friedrich! Jeder hier will was mit mir zu tun haben. Nur du angeblich nicht. Findest du das nicht auch seltsam? Ist eigentlich alles in Ordnung mit dir?" Er schwieg, dann meinte er "Man müsste durch's Wasser waten, um zu dem Kahn zu kommen." "Aber da ist doch ein Steg." "Ja, und der ist mindestens fünfzehn Meter von dem Boot entfernt, falls dir das nicht aufgefallen ist." "Dann steig' in den Kahn, und ich warte am Steg." Er musste lachen. "Bei dir geht immer alles nach deiner Pfeife, nicht wahr?" "Nur, wenn du's auch willst."

Dann saß sie hinten im Boot, und Friedrich ruderte. Es gefiel ihr. Sie beugte sich übers Wasser und ließ ihre Hand darin gleiten. "Da sind Fische drin!" "Ja. Eine besondere Art von Karpfen, sie kommen aus Asien." "Und wie?" "Sie werden in Reinhardsbrunn gezüchtet." Ein Entenpärchen kreuzte ihre Bahn und aus dem Schilf erhob sich ein großer Vogel in die Luft. "Was ist das?" "Ein Reiher. Da sitzt auch einer dort oben in der Baumkrone." Sie schaute hoch, "Seh' ihn. Hab' ich gar nicht bemerkt." "Aber er uns." "Was denkt er sich wohl dabei?"

"Willst du das wirklich machen?" "Was?" "Allen Leuten davon erzählen." Sie zuckte mit den Schultern, "Vielleicht." Dann fragte sie "Gibt's bei euch öfter solche amüsanten Vorstellungen?" "Was meinst du?" "Du weißt, was ich meine." "So was wie mit der Di... Da fragst du mich zuviel." "Hätte die das für einen Kreuzer wirklich gemacht?" "Zuzutrauen wär's ihr." Anna schwieg und tauchte die andere Hand unter, dann sagte sie "Aber dir hat sie's noch nicht gezeigt, oder?" Er antwortete nicht gleich und ruderte besonders kräftig, "Nein. Ich hab' das auch nicht nötig." "Wieso nicht?" Er überlegte genau, was er antworten sollte. "Ich weiß, wie so was aussieht."

Sie hob den Kopf und schaute ihn direkt an, er wandte sich ab und blickte aufs Wasser. "Ach ja? Woher?" Er sagte "In unserer Bibliothek gibt es ein Buch, in dem das alles genau beschrieben ist, mit wirklichkeitsgetreuen Abbildungen." Anna war verblüfft, dann musste sie die Hand vor den Mund halten, um nicht loszuprusten. "Was ist?" "Nichts. Steht da noch mehr drin?" "Ja. Eigentlich alles über Frauen." "Kann ich da auch mal 'reingucken?" Er zögerte, "Na ja ... wir müssten uns aber sicher sein, daß es keiner mitkriegt."

Und dann saßen sie beide über dem Buch gebeugt, und Anna betrachtete die Abbildungen, und Friedrich schaute auf ihren Nacken und kam ihr so nahe, daß die kurzen Härchen (sie hatte die Haare hochgebunden) in seiner Atemluft flimmerten. Aber sie nahm es viel gelassener auf, als er. "Interessant." "Bist du schon fertig?" "Was kommt denn noch?", fragte sie und klappte es zu. "Ähm ... eigentlich nichts weiter." Sie fragte "Kannst du reiten?" "Ja, so leidlich." "Wo sind eure Pferde?" "Im Marstall." "Wollen wir ein Stück ausreiten?" "Ja, wenn du magst."

Anna von Waldau war wieder auf den Strand zurückgekommen, sie hatte etwas gefunden, ein schwarzes Ding mit vier Schwänzchen an den Ecken, das innen hohl und leer war. Brie sagte "Das sind die Taschen für die Eier von einem Sternrochen, sie werden in Mengen angespült." "Kann man das für irgendwas verwenden?" "Ja, als Andenken." Sie gingen weiter immer in Richtung zu dem Fischerdorf. Brie hüpfte vorneweg, Sven folgte ihnen im Abstand nach.

"Wie lebt es sich denn in Altenburg?", wollte Friedrich wissen. "Oh, ganz gut. Ich bin ja erst seit kaum einem Jahr wieder da." "Sie waren in Sankt Petersburg, habe ich gehört." "Ja." "Hat es Ihnen dort gefallen?" "Ja. Das Leben ist auf den ersten Blick nicht besonders aufregend, aber wenn man sich darauf einlässt, kann es sehr intensiv sein." "Was meinen Sie damit?" "Nun ja, hinter den Fassaden und Kulissen spielen sich oft sehr dramatische Dinge ab, es ist viel verborgene Leidenschaft im Spiel. Die Leute sind im Grunde sehr emotional, aber es ist schwer, sie zu durchschauen."

Anna war nicht lange in Gotha geblieben, ihre Mutter hatte sich um ihre Ausbildung gekümmert und sie an mehrere Höfe geschickt. Sie und Friedrich hatten sich viele Jahre nicht gesehen, und von ihrem Aufenthalt in Petersburg erfuhr er erst unmittelbar vor ihrer Ankunft in Gotha. Es war nicht ganz klar, von wem ihre Verpflichtung als Reisebegleiterin Louises eigentlich veranlasst worden war, zumal die beiden sich bis dahin nicht kannten, aber Friedrich traute sich nicht, das anzusprechen. Sie waren sich schon wieder so fremd geworden, daß sie sich automatisch siezten.

Sie plauderten beinahe ohne Pause miteinander an diesem Vormittag am Strand, sie kamen bis kurz vor Olsgade, dann machten sie kehrt, und als sie auf Sven stießen, sagte er "Wünschen wohl geruht zu haben!", und Anna lachte und sagte "Komm' Sven, wir gehen zurück."

Brie hatte sich seit einer ganzen Weile in Hörweite gehalten, und sie spitzte die Ohren, als Friedrich Anna fragte "Können Sie sich noch an die Tage erinnern, als Sie zum ersten Mal nach Gotha kamen?" "Nicht so richtig", erwiderte sie, und Friedrich zweifelte, ob das stimmte. "Ich weiß nur noch, daß ich in einen fürchterlichen Regenguss gekommen bin, und daß die Pfannkuchen bei euch ständig angebrannt waren." Er lachte.

"Und wie wir auf dem Teich gerudert sind?" "Nicht so richtig." "Aber Anna! Was für ein Gedächtnis haben Sie?" "Kein so gutes, scheint's." Friedrich kam in Fahrt. "Und unser Streit unter den Kolonnaden?" "Was für Kolonnaden?" "Auf dem Schlosshof!" "Da haben wir uns gestritten? Um was?" "Sie haben mir vorgeworfen, ich würde Sie heimlich beobachten." "Ach ja? War das denn berechtigt?" "Ja, ein bisschen."

Sie rief: "Aaahhh! Jetzt fällt's mir wieder ein! Da war doch so ein kleines Mädchen, das wollte den Jungs ihre ... du liebe Zeit! Ja, und Sie haben mich bestimmt zwei Stunden lang auf dem Parkteich herumgegondelt. Und dann haben wir uns irgendsoein Buch angeschaut, da haben Sie ein großes Brimborium drum gemacht ..." Sie lachte aus vollem Hals, und Brie fragte "Was für ein Buch war das?" "Darüber, was Männer über Frauen wissen sollten, bevor sie sich mit ihnen einlassen", sagte Anna in einer Mischung aus Verständnis und Hohn.

Sie hatten sich geküsst, Friedrich war sich ganz sicher! Als sie mit den Pferden unterwegs waren und eine Rast gemacht hatten, saßen sie im Gras und haben sich geküsst. Und er hatte ihr an ihren Balkon gefasst, aber sie war zurückgewichen und hatte gesagt: "Nicht so stürmisch, junger Ritter!" War ihr das gänzlich entfallen? Aber letztens hatte sie gesagt, er wäre schon immer so mokant gewesen; vielleicht erinnerte sie sich nur zu gut an alles! (Wenn er nur verdammt nochmal wüsste, was dieses Wort bedeutet!)

In Olsgade hatte August von den Fischern erfahren, daß man bei Flut hinüber zu einem kleinen Eiland namens Amswerk fahren konnte, das war eine Insel mit vier oder fünf Gehöften, dreißig Bewohnern und nochmal so vielen Schafen. Manche von den Fischern nutzten Amswerk als Anlaufpunkt, wenn sie auf Fang unterwegs waren. August sagte es Louise, und die wollte auch unbedingt da hin, es hieß, bei Ebbe könnte man im Umkreis um die Insel weite Wanderungen durch das Watt machen.

August fand jemanden, der sich bereiterklärte, die Truppe hinüber zu schippern. Aber Brie's Vater, der "Deichgraf", vermittelte ihnen einen andern, den er für zuverlässiger hielt. Außerdem sollte Sven sie begleiten, und da zeigte sich, daß er ein guter Schiffsjunge war, der dem Kapitän des kleinen Seglers ordentlich zur Hand ging.

Brie durfte nicht mit, es gab gerade viel zu tun auf dem Hof. Aber sie und Louise bemalten zu nachtschlafender Zeit noch hartgekochte Ostereier, die Louise in ein Körbchen legte und dann für die anderen zum Suchen verstecken wollte.

Auf Amswerk waren Gäste immer willkommen, für alle Fälle stand auch ein Quartier für die Übernachtung bereit. Louises Plan war, daß man zuerst einen kleinen Imbiss einnehmen (dafür hatte ihnen die Wirtin einen proppenvollen Proviantkorb mitgegeben) und sodann einen vergnüglichen Osterspaziergang rund um die Insel unternehmen werde. Das Wetter selbst schien sich an ihnen zu erfreuen, die Sonne lachte und das Meer war sanft und strahlendblau wie der Himmel, nur am Horizont zogen ein paar träge Wolken dahin.

Zufälligerweise war auch jener Fischer da, welcher sich zuerst angeboten hatte, die Gesellschaft herzubringen, und August war ein wenig in Verlegenheit, als er ihn sah. Aber der andere war keineswegs sauer, er sei, sagte er, gerade dabei, zum Fischen ein Stück hinauszufahren - ach, wenn man wollte, könnte man ihn begleiten, er, August, habe doch letztens so großes Interesse am Fischfang gezeigt. August war unschlüssig, er schaute Louise fragend an und sie sah, wie gern er mitfahren würde. Wie lange das in etwa dauere? "Zwei, drei Stündchen", sagte der Fischer und machte einen Zug an seiner Tabakspfeife, dann wären sie wieder hier.

"Meinetwegen", sagte Louise und ließ ihren August gehen. Der gab ihr einen Kuss und stieg an Bord. "Fang' einen großen Fisch für mich!", rief sie ihm nach. "Wartet!", meldete sich die Waldau zu Wort, "Kann ich auch mit?" "Nur hereinspaziert", murmelte der Fischer und reichte ihr den Arm, "Irgendjemand muss ja auf euch aufpassen", sagte sie und suchte sich sogleich im Boot einen sicheren Platz. Louise und Friedrich waren ein bisschen verblüfft, daß die Waldau sich so kurzentschlossen auf See wagte, sie winkten sich noch zu, während das Boot sofort von einer kräftigen Brise erfasst davon segelte. "Die sollen bloß nicht denken, wir würden ihnen was von unserm Proviant übriglassen", sagte Louise wie mit gemischten Gefühlen.

Aber dann mummelte sie so zerstreut vor sich hin. Friedrich wollte sie aufheitern und erzählte etwas, sie lächelte, aber vielleicht machte er einen Fehler, als er fragte "Wer hat denn eigentlich entschieden, daß dich die Anna von Waldau begleitet?" "Deine Mutter. Wieso? Magst du sie etwa nicht?", setzte sie hinzu und es klang fast so, als ob sie sich das wünschte. "Doch. Ich kenne sie sogar noch von früher." "Ach ja? War sie da auch schon so ... verführerisch?" "Ich glaube ja."

Louise wurde auf einmal wieder lebhaft, "Na, komm', mir kannst du es doch sagen, du warst verknallt in sie, stimmt's?" "Sie war mir aufgefallen, aber das ging nicht nur mir so." "Habt ihr euch geküsst?" "Louise! Das geht dich gar nichts an", lachte er. "Und ob mich das was angeht! Schließlich bist du mein werter Schwager und ich fühle mich mitverantwortlich dafür, festzustellen, ob eine Frau gut genug ist für dich." "Aber da waren wir noch halbe Kinder." "Na und. Du hast eben selber gesagt, daß sie früher schon genauso war, und wenn du damals in sie verliebt warst, könnt ihr auch nicht mehr ganz so klein gewesen sein."

Er wollte von etwas anderem reden, aber Louise hatte sich daran festgebissen. Jedenfalls erzählte er ihr nichts von der Sache in der halbverfallenen Laube. Louises Mutter hatte sich erst unlängst über das sittliche Niveau "gewisser Kreise" in Gotha abfällig geäußert, wobei sie sogar das Wort "versaut" gebrauchte, und Friedrichs Vater, der Herzog Ernst, hatte gelacht und gemeint, mit solchen Subjekten musste sich schon sein Urururgroßvater, der treffliche Ernst der Fromme, herumplagen; er hatte unter anderen eine Vorschrift über die weibliche Kleiderordnung erlassen. Und in dem unseligen Großen Krieg war in Gotha mit seinen ständig wechselnden Einquartierungen von Landsknechten die Prostitution eine der Haupterwerbsquellen gewesen. (Das hatte natürlich nicht im geringsten etwas mit der Anna von Waldau zu tun, die ja nicht von hier stammte.)

"Davon ist aber jetzt nicht mehr viel zu merken, von eurer früheren Liebe, meine ich. Oder verbergt ihr es nur geschickt vor uns?" "Nein. Sie hat es offenbar selber vergessen." "Wenn es leidenschaftlich genug war, vergisst das keine Frau!", versicherte Louise und Friedrich stellte klar: "Es war nicht leidenschaftlich, es war ja nicht einmal eine richtige Liebe." "Oh! Da höre ich aber großes Bedauern heraus. Dann liegt die Sache freilich noch anders: du würdest die Beziehung gern wieder aufflammen lassen!" Friedrich schwieg, dann murmelte er "Ich weiß nicht."

Nach vier Stunden waren die andern beiden immer noch nicht zurück. Außerdem machte sich die Ebbe breit, schließlich war rings um Amswerk der blanke Meeresgrund zu sehen und alles schien beträchtlich höhergelegen, als könnte man noch weiter in die Ferne schauen als sonst. Louise beschattete mit der Hand ihre Augen, "Sie müssten doch eigentlich aus der Richtung kommen, oder?" "Ja, aber das Boot hatte weder Räder noch Kufen, und ein Zugpferd habe ich auch nicht gesehen."

Louise wurde ein bisschen missgestimmt. Sie konnte sich nicht erklären, wieso August sein Wort nicht gehalten hatte und rätselte darüber, wo die beiden abgeblieben waren. "Vielleicht sind sie bis Olsgade gefahren und dann hat sich alles aus irgendeinem Grund verzögert. Kann man denn nicht auch mit einem Fuhrwerk übers Watt fahren?" "Ja, das soll möglich sein." Sie tat ihm leid, wie sie da mit dem Körbchen voll Ostereier auf ihren August wartete, aber er wollte sie auch nicht überreden, einen Spaziergang nur mit ihm zu machen.

Dann sagte sie "Lass' uns ihnen ein Stück entgegenlaufen." (Sie glaubte offenbar wirklich, sie kämen mit einem Gespann zurück.) "Ist gut", meinte Friedrich. "Weißt du, dieser Fischer", sagte Louise, "der kam mir gleich irgendwie verdächtig vor, mit seiner stinkenden Pfeife, und hast du die Tätowierung auf seinem Unterarm gesehen?" "Nein, was war das für eine?" "So ein seltsam verschlüsseltes Symbol, wahrscheinlich gehört er einem Seeräuber Syndikat an und ... oh Gott! Wenn ich bloß dran denke, daß sich August in die Hände dieses Mannes begeben hat." "Übertreib' nicht!", beruhigte er sie, "Außerdem hat Anna versprochen, auf ihn aufzupassen." "Ja, und das macht mich erst recht nervös!", rief sie wutentbrannt. Dann war sie plötzlich still, sie hatte es wohl gleich bereut, so aus der Haut zu fahren.

Sie schaute zu Friedrich hinüber, der sich seiner Schuhe und Strümpfe entledigt, die Hosenbeine hochgekrempelt hatte und munter durch den Schlick marschierte. Sie war zwar auch barfuß (ihre Kniestrümpfe hatte sie mit in das Körbchen gestopft und die Schuhe am Riemchen übers Handgelenk gehängt), aber sie musste ihren Kleiderrock hochraffen, damit er nicht im grauen Schlamm klebenblieb.

"Du hast's gut mit deinen Hosen", sagte sie und Friedrich entgegnete "Zieh' doch dein Kleid aus, du hast sicher noch einen Unterrock drunter." "Spinnst du! Ich kann mich doch hier nicht einfach entblößen, wo man nicht mal Schutz in einem Schatten findet." Er blieb stehen und spähte in die Runde, "Mal ehrlich, Louise, ich kann nirgends jemanden entdecken, der uns beobachtet, und die Wattwürmer haben soviel ich weiß keine Augen."

"Was soll August von mir denken!" "Er wird es nicht erfahren." Sie wollte darauf etwas erwidern, verkniff es sich aber und sagte "Halt' das mal" und zog ihr Kleid über den Kopf, sie trug neckische halblange Unterhosen mit Rüschen am Saum. Er fragte: "Soll ich das Kleid nehmen?" "Ja, aber gib mir das Körbchen wieder. Und geh' voraus, damit du mir nicht auf den Hintern schauen kannst." "Was ist mit deinem Hintern?" "Ach, der ist nicht grade erste Klasse." "Woher willst du das wissen?" "Weiß ich eben." Dann fragte er "Was willst du nun mit den Eiern machen?" "Pfff, keine Ahnung, vielleicht schieb' ich sie August unter", und sie mussten beide herzhaft lachen.

Sie liefen so vor sich hin, Louise fand es lustig, wie der Schlick unter ihren Füßen "quitscht und quatscht" und unanständige Laute von sich gibt. Sie fragte "Was ist eigentlich da drunter?" "Wo drunter?" "Unter diesem Schlamm." "Ich denke, fester Boden." Sie sagte "Ja, so muss es sein, denn ansonsten würde das Meer ja drin versickern."

Eine Weile später blieb Friedrich stehen und sagte "Ich glaube, es ist besser, wenn wir umkehren." Und das war es in der Tat; als sie Amswerk erreichten, war schon alles wieder mit Wasser bedeckt. Louise hatte ihr Kleid wieder angezogen, sie gingen beide ohne Schuhe zu dem Haus, welches zugleich die einzige Herberge und Gastwirtschaft von Amswerk war. Der Tag neigte sich dem Ende; von August und Anna keine Spur. Da schlug plötzlich das Wetter um und in der Abenddämmerung zogen schwere Gewitterwolken heran. Auf dem Meer konnte man die Schaumkronen erkennen, und als die beiden draußen Ausschau hielten, wehte es Louise den Hut vom Kopf, Friedrich hatte Mühe, ihn noch zu erwischen.

Er war zwischen den Dünen verschwunden, und als Louise so allein im aufkommenden Sturm stand, war ihr auf einmal so fürchterlich zumute, daß ihr die Tränen kamen und sie rief: "Friedrich! Friedrich! Komm' zurück!" Endlich tauchte er mit dem Hut in der Hand wieder auf. "Oh Gott!", sagte sie und klammerte sich an ihm fest, "Ich hatte eben solche Angst!" Er spürte ihr Herz schlagen, er strich ihr über den Rücken, ihr Haar wehte ihm ins Gesicht, sie presste sich noch fester an ihn und er konnte ihren heftigen Atem auffangen.

Er sagte "Schnell! Lass' uns 'reingehen, bevor das Unwetter losbricht!" Er fasst sie an der Hand und sie rannten hinüber zum Haus. Da stand die Wirtin schon hinter der Tür und ließ sie schnell herein, "Ab jetzt geht's erst wieder hinaus, wenn ich es euch erlaube." Sturm und Regen tobten ums Haus, und durchs Fenster schaute Louise in die Dunkelheit hinaus, während Friedrich in der Ecke am langen Tisch saß und Tee mit Rum trank.

"Bei dem Wetter werden sie doch hoffentlich nicht ausgefahren sein", bangte Louise, und die Wirtin versuchte sie zu beruhigen, "Kein Mensch wagt sich da hinaus." "Ja aber wenn sie nun auf dem Meer überrascht wurden?" "Seien Sie mal unbesorgt, junge Frau, die Fischer hier kennen sich aus mit dem Wetter, die wissen, wann's besser ist, an Land zu bleiben", und Friedrich dachte 'Vorhin war sie selber noch ganz verwundert, wo das herkam.'

Ob sie etwas essen möchten, fragte die Wirtin, aber Louise lehnte ab, dann besann sie sich und sagte "Aber Friedrich will bestimmt was." Er sagte "Da ist doch noch was vom Proviant übrig", und Louise sprang auf und holte den Korb, aber als sie darin herumkramte, meinte sie betrübt "Ich weiß nicht ... vielleicht war das ganz unrecht, daß wir uns so darüber hergemacht haben, ohne an die beiden zu denken." "Aber es ist doch noch was da." "Und das sollten wir besser aufheben."

"Meinetwegen", knurrte Friedrich und ließ sich von der Wirtin etwas Räucherfisch und Brot mit Butter und Käse bringen. "Ich muss nur mal schnell wohin", sagte er und verschwand für ein paar Minuten. Als er wiederkam, hatte sich Louise neben ihn an den Tisch gesetzt, sie rief "Ich hab' mal von deinem Tee geschlückelt, der schmeckt gut!", und er sah, daß ihr der Rum augenblicklich zu Kopf gestiegen war. "Lass' dir doch auch einen geben." "Ach nein, was macht das für einen Eindruck! Aber du könntest dir noch einen bestellen, dann kann ich deinen austrinken", sagte sie mit fast verschwörerischer Miene. Friedrich dachte, es würde sie vielleicht ein wenig ablenken und machte es, wie sie sagte.

Da sprang die Hauskatze mit einem Satz auf Louises Schoß, "Huuuppps! Was willst du denn?" Die Katze schnurrte und wollte offenbar gekrault werden, Louise sagte "Ein schönes Tier bist du." Friedrich und die Wirtin nutzten den Augenblick, um ihr noch einen Schuss Rum in den Tee zu gießen. "Ist das ein er oder eine sie?" "Ein Kater, er heißt Maunz." Friedrich sagte "Andernfalls wäre sie ja auch zu mir gekommen." Louise boxte ihn in die Seite "Red' nicht so schweinisches Zeug!" "Das ist doch nicht schweinisch. War das jetzt schweinisch?", wandte er sich an die Wirtin, die bloß lachte.

Maunz hatte es sich auf ihrem Schoß bequem gemacht, Louise schlürfte den Tee, dann sagte sie "Jetzt muss ich wohl die ganze Nacht hier so sitzenbleiben, sonst nimmt er mir das übel", und es klang, als spräche sie über ihren August. "Apropos übernachten", sagte Friedrich, "die Wirtin hat gesagt, es sei nur eine Stube mit zwei Betten frei." Sie neigte den Kopf weit nach hinten und leerte ihr Glas bis auf den letzten Tropfen, dann sagte sie "Na, da kannst du ja schlafen, ich muss sowieso hier ausharren." "Unsinn, Louise, du kannst nicht die ganze Nacht so dasitzen." "Doch! Ich muss. Erstens lässt mich Matz nicht weg und zweitens ... muss ich wachen und den beiden da draußen ein Zeichen geben, wenn sie vorbeifahren."

Die Wirtin meinte, die kämen erst mit der nächsten Flut her, aber Louise wurde beinahe fuchtig und rief "Ach ja! Haben Sie mit ihnen gesprochen?" Die Wirtin nahm's gelassen, sie konnte sehen, wie sehr sich die junge Frau sorgte. Sie saßen da noch eine Zeitlang, das Unwetter hatte nachgelassen, und Louise bekam schließlich doch Hunger. Die Wirtin brachte ihr etwas Zubereitetes auf einem Teller und nahm den Kater von ihrem Schoß, der das nur widerwillig geschehen ließ. "Geben Sie ihn doch Friedrich!" "Ach, er hat sowieso sein eigenes Plätzchen, wo er hingehört." "Ja ja", seufzte Louise, "wohl dem, der gut gelitten ist. Oh, das sieht aber lecker aus. Und könnte ich noch einen Tee bekommen?"

Also mussten sie sich das Zimmer teilen. Friedrich behielt nur die Unterwäsche an. Louise blieb lange im Badezimmer, als sie wiederkam, hatte sie immer noch das Kleid an, eigentlich sah sie aus, als wollte sie spazierengehen. "Schläfst du schon?", fragte sie ihn, obwohl er auf der Bettkante saß. "Nein, ich sitze doch hier." "Ach, das hab' ich jetzt im Dunkeln nicht richtig gesehen." "???"

Da fiel ihm etwas auf an ihr, "Ist das die Perlenkette, die ich dir zu eurer Hochzeit geschenkt habe?" Sie fasste sich an den Hals, wie um sich zu vergewissern, "Nein, die war doch von August." "Bei eurer Hochzeit?" "Ja?" "Die habe ich dir geschenkt!" "So? Bist du dir da sicher?" "Hundertprozentig. Komm' mal her", sie tat es, "das sind nämlich Flussmuschel Perlen, die stammen aus heimischen Gewässern." "Wirklich! Das ist ja faszinierend." "Das habe ich dir damals schon erklärt." "Ja, und es ist immer noch erstaunlich."

"Trägst du sie schon den ganzen Tag?" "Ähm ... nein, ich hab' sie eben erst angelegt." "Warum?", fragte Friedrich, als hätte sie ihn aufgefordert, die Betten anders hinzustellen. "Sie soll mir in dieser schweren Stunde Glück bringen, das hat sie schon mehrmals getan. Oh Gott! Das klang jetzt so, als wäre August schon ..." "Hör' auf mit dem Quatsch!", fiel ihr Friedrich ins Wort. Sie erschrak und sah ihn aus großen Augen fassungslos an, dann schlug sie die Hände vors Gesicht und musste jämmerlich heulen.

"Louise!", rief er. Und sie zu ihm mit tränenerstickter Stimme: "Wie kannst du nur so grausam sein und es Quatsch nennen, wenn ich in Gedanken bei August bin!" "So habe ich es doch gar nicht gemeint!" "Er ist dein Bruder!" "Gib' mir deine Hände, bitte!" Sie reichte sie ihm zögernd, nachdem sie die Tränen abgewischt hatte, er sagte "Ich schwöre dir, so habe ich es nicht gemeint." "Wie denn dann?", schluchzte sie.

"Du darfst dich nicht selber quälen, wenn du solche Sachen denkst! Ich tue es auch nicht. August ist nichts passiert, er ist quicklebendig, er wartet nur darauf, daß er wieder herkommen kann." "Ist das wahr?", sagte sie (und anders als vorhin bei der Wirtin, wollte sie seinen Worten Glauben schenken). "Natürlich! Es gab einen kleinen Zwischenfall und morgen ist er wieder da und die Welt ist in Ordnung." "Du meinst, wir müssen nur das Unwetter vorbeiziehen lassen."

"So ist es", bekräftigte er und streichelte mit beiden Daumen ihre Hände, sie sagte "Ich muss mich jetzt erstmal setzen." "Ja, setzen wir uns an den Tisch." "Ach nein, bleib' nur da auf deiner Bettkante, ich hol' mir einen Stuhl." "Ist gut. Schau' nur, ich glaube, es hat schon sehr nachgelassen." "Ja, mir war vorhin schon so", dann fügte sie hinzu "deshalb habe ich ja auch die Kette angelegt." "Das war eine gute Idee von dir", sagte er und wollte die Perlenkette an ihrem Hals mit den Fingern berühren. Da schreckte sie zurück, und in diesem Moment hatte er die junge Anna von Waldau vor Augen, wie sie gerufen hatte: 'Nicht so stürmisch, junger Ritter!', als er seine Hand an ihren Balkon legte.

"Nicht doch!", rief Louise. "Aber ich habe sie dir geschenkt, darf ich sie da nicht mal anfassen?" "Nein. Das geht nicht mehr, seitdem sie mir gehört. So ist das mit einem Glücksbringer, nur wem er gehört, darf ihn noch anfassen, ansonsten verliert er seine Wirkung, und das kann ich gerade jetzt nicht gebrauchen." "Woher weißt du das?" "Das weiß eigentlich jeder, der sich auch nur ein bisschen mit Magie beschäftigt." "Oh, na darin bin ich wirklich nicht bewandert." Sie winkte ab, "Ist ja grade noch mal gutgegangen." Und es huschte sogar wieder ein Lächeln über ihr Gesicht.

Er fragte "Kannst du womöglich auch zaubern?" "Ich hab's ein paarmal probiert, aber es hat nicht richtig geklappt." Friedrich wusste nicht, ob sie ihn jetzt auf den Arm nehmen wollte. "Was wolltest du zaubern? Oder darfst du nicht drüber reden?" "Ach, nur so Kleinigkeiten, dummes Zeug, was sich Mädchen eben so wünschen." "Etwa ein Liebeszauber?" Louise wandte den Blick ab, "Ich hab' doch gesagt, daß es nicht geklappt hat." "Aber bei August hast du nicht gezaubert?", fragte er lachend. "Nein! Niemals!", sagte sie mit Nachdruck, "Und es wäre mir auch lieber, wenn diese Unterhaltung unter uns bliebe." "Mein Ehrenwort."

Dann sagte er "Ich kannte früher mal einen Jungen, der hat auch immer zu den Leuten gesagt: 'Ich bin ein Zauberer' und wenn sie dann gefragt haben, was er denn zaubern könnte, hat er geantwortet: 'Ich kann machen, daß Luft stinkt', und als sie ihn verständnislos anblickten, merkten sie auf einmal, daß es entsetzlich stinkt rundherum, und der Kerl lief schnell weg."

Louise wartete auf das Ende der Geschichte, und als Friedrich lachte, sagte sie "Das versteh' ich nicht, wieso hat es plötzlich gestunken?" "Na, weil er einen Furz gelassen hat", erklärte Friedrich und klatschte sich vor Lachen auf die Schenkel. Und sie schlug auch mit der flachen Hand drauf und rief: "Oh, das ist ja widerlich! Solche Geschichten kennst du, und erzählst sie auch noch weiter! Man hätte diesen Jungen dafür bestrafen sollen." "Er hat mal eine kräftige Ohrfeige kassiert, als er statt einem leisen einen lauten Furz fahren ließ, da konnte er nicht mehr rechtzeitig wegrennen." "Oh, hör' auf mit diesen Ferkeleien, sonst sage ich es August." "August kennt die Geschichte selber." "Pfui. Das ist übelster Jungskram." "Sei doch nicht so prüde, Louise", sagte er versöhnlich und war dennoch nahe dran, sie mit der Sache mit Diana Wetzig in der Laube zu ärgern. Aber das wäre vielleicht doch nicht so spaßig geworden.

Sie erzählten sich ein paar Begebenheiten aus ihrer Kindheit und Jugend (Louise natürlich nur ganz anständige, die aber trotzdem sehr unterhaltsam waren; sie spielte zwischendurch mit den Fingern immer wieder an der Perlenkette herum) und im Nu war es spät in der Nacht und Friedrich musste unversehens laut gähnen. Louise rief "Ich bin auch todmüde, ist ja kein Wunder, nach allem, was wir heute erlebt haben." Er sagte "Ich bleib' gleich hier in dem Bett" und schlüpfte unter die Decke.

"Ja, ich nehm' das andere. Sind sie bequem?" "Geht so, ist ja nur für eine Nacht." "Und die ist schon halb 'rum." Sie stellte den Stuhl zurück an den Tisch, er sagte "Ich dreh' mich zur Wand, wenn du dich ausziehen willst." "Was? Ach so, du meinst, ich sollte nicht im Kleid schlafen." "Ich denke, das tust du für gewöhnlich auch nicht." "Nee. Obwohl - das ist eigentlich eine ungewöhnliche Situation hier", kicherte sie. Er gähnte wieder und drehte ihr den Rücken zu. Sie sagte "Mir fällt grad' ein, daß wir uns beide noch nie so nahegekommen sind, räumlich meine ich." Er antwortete nicht. "Hörst du, Friedrich?" Er war schon eingeschlafen.

In der Nacht kam noch einmal heftiger Wind auf, Louise wurde wach, weil irgendwo am Haus etwas klapperte. Sie stand auf, ging zu Friedrichs Bett und tippte ihn an die Schulter, "Friedrich!", er wälzte sich schlaftrunken herum und knurrte "Was ist denn?" "Es stürmt schon wieder." Er horchte kurz auf, dann sagte er "Das ist nur der Wind, der den Himmel leer fegt." "Bist du sicher?" "Ja, morgen früh ist alles wieder schön." "Na gut", sagte sie und wollte zurück in ihr Bett, doch dann drehte sie sich um und kam nochmal her, "Friedrich, da klappert was im Haus." Er stützte sich auf die Ellenbogen und horchte abermals, "Das ist nur irgendein Fensterladen, der nicht richtig fest ist."

Da sagte sie "Kann ich noch bei dir schlafen?" "Bitte?" "Mein Bett ist jetzt ganz ausgekühlt." "Ähm ... das wird aber eng." "Ich mach' mich dünn. Huuhh", sagte sie und rieb sich an den Armen, "ich bin auch schon am Auskühlen." Er rutschte zur Seite, "Na komm', leg' dich her, bevor du dir noch was wegholst." Sie folgte seiner Aufforderung, Friedrich zog die Decke über sie, er spürte ihre kalten Füße, er sagte "Rück' richtig 'ran, dann wärm' ich dich." Sie tat es, "Danke. Es ist ja auch schon bald Morgen, oder?" "Ja, es ist nicht mehr lange hin."

Hätten sie mal nur auf die Meinung des Deichgrafen gehört, der jenen Fischer einen "falschen Hund" genannt hatte, er wollte sich wohl für die Abfuhr rächen. Als Friedrich und Louise am nächsten Morgen beim Frühstück saßen, trat ein junger Bursche herein und rief: "Da ist ein Boot im Anmarsch!" Sie liefen hinaus und sahen es auf dem Wasser kommen, kurze Zeit später legte es an und es waren tatsächlich August und Anna.

Louise rannte ihrem Gemahl in die Arme und vergoss Freudentränen, während er sich tausendmal bei ihr entschuldigte. "Ach, nicht so schlimm", sagte sie, "Hauptsache, du bist wieder da!", und sie warf Friedrich einen Blick zu, der sich gleich um die Waldau kümmerte, die ein bisschen erschöpft wirkte, aber froh darüber, daß alles glimpflich ausgegangen war. "Mein Bedürfnis nach Seefahrten ist jedenfalls für die nächsten zehn Jahre gestillt."

Dann erzählte sie Friedrich, was geschehen war und daß dieser "miese Kerl" sie unter einem Vorwand nach Olsgade gebracht und sich plötzlich aus dem Staub gemacht hatte, aber sie bemerkten es erst, als er nach drei Stunden immer noch nicht zurück war. Sie mussten sich einen andern Fischer suchen, der bereit war, sie nach Amswerk zu schippern, doch dann kam die Ebbe, und bei der nächsten Flut kam das Unwetter auf, mit dem niemand gerechnet hatte, und so mussten sie "endlos" warten, bis sie wieder hinausfahren konnten. Dann fragte sie "Ist noch was von dem Proviant übrig?", und Friedrich sagte "Ja, wir haben euch was aufgehoben." "Das war lieb von euch! Gott, ich glaube, ich brauch' erstmal einen Schnaps."

Als sie wieder beim Deichgrafen in der Herberge waren, schloss sich Anna für eine geschlagene Stunde im Badezimmer ein, und Louise tat es ihr gleich, und beim Abendessen hatten alle wieder gute Laune. Nur Brie, nachdem sie alles vernommen hatte, war merkwürdig bedrückt, vor allem als sie die Geschichte von Friedrich und Louise hörte, sie sagte "Ihr hättet mich mitnehmen sollen, dann wäre das alles nicht passiert."

In der Nacht war es sternenklar, und als Friedrich hinaus ging, um frische Luft zu schnappen, schaute er lange nach oben. Da stand auf einmal Louise neben ihm, "Wo bleibst du denn so lange?" "Ich komm' gleich wieder 'rein." Sie sagte "Nun hat alles ein gutes Ende genommen ..." "Ja." Sie schwiegen, dann meinte sie "August hat gesagt, er sei sehr froh, daß du mich beschützt hast, er wird dir auch noch selber dafür danken." "Ist schon gut." "Ich habe August erzählt, daß wir ihm auf dem Watt entgegen gegangen sind." "Ja, ich hab's gehört." Sie klapste sich an die Stirn, "Ach so, du hast ja daneben gesessen! Das ist, weil ich noch ein bisschen durcheinander bin." "Dafür besteht keine Veranlassung." "Nicht?" "Nein. Alles ist wie vorher." Sie kam ganz nahe an ihn heran und gab ihm einen Kuss auf die Wange, "Danke Friedrich!", dann lief sie schnell zurück zum Haus, "Komm' wieder 'rein!", rief sie ihm zu.

Fast genau zur selben Stunde war der Xaver von Zach auf seiner Sternwarte auf dem Gothaer Seeberg zugange und dabei, am Firmament nach einem Planeten namens Ceres zu suchen, welchen einige Wochen zuvor ein Astronom in Palermo entdeckt hatte (deshalb bekam er auch den Namen der Schutzgöttin Siziliens). Dieser Astronom mit Namen Piazzi hatte den unbekannten kleinen Planeten mehrere Nächte nacheinander durch sein Fernrohr beobachten können, doch dann behinderten Wolken die Sicht, und als es wieder klar war, hatte sich Ceres davongemacht.

Der wackere Xaver von Zach war nicht nur der Hofastronom des Herzogs, sondern auch der Herausgeber des führenden Journals für astronomische Fragen in Europa, nämlich der "Monatlichen Korrespondenz einer Gesellschaft von Gelehrten zur Beförderung der Erd- und Himmelskunde", welche in der Fachwelt kurz als Monatliche Korrespondenz bekannt war. Auch im fernen Palermo war Zach's Zeitschrift ein Begriff, und Piazzi hatte unmittelbar nach seiner Entdeckung einen Beitrag darüber an Zach gesandt, der ihn sofort abdruckte.

Wie sich das gehörte, hatte Piazzi die genauen Koordinaten seiner Ceres am Himmelszelt mitgeteilt, sie hatten sich, weil der Planet sich auf seiner festen Bahn fortbewegte, praktisch jede Nacht verändert, so daß alles in allem ein kleines Stück dieser Bahn beschrieben werden konnte. Nun ergab sich daraus die nicht leicht zu lösende Aufgabe, die ganze Bahn zu berechnen und dadurch eine Voraussage zu treffen, an welcher Position Ceres zukünftig zu beobachten wäre.

Xaver von Zach wollte sich jedoch mit solchen mathematischen Arbeiten (die im übrigen, wie er sich selbst eingestand, seine Fähigkeiten überstiegen) nicht aufhalten und suchte stattdessen mit seinem Fernrohr allnächtlich den Himmel ab, ob ihm nicht etwa die kleine Ceres vor die Linse käme.

Das Prunkstück seines Observatoriums war ein Passage Instrument von Ramsden mit einem Fernrohr von acht Fuß Brennweite. Es ruhte auf einer waagerechten, drehbaren Achse in West Ost Richtung, und man konnte es von einem Punkt am Horizont bis hinauf zum Himmelspol richten, welche gedachte Linie man den Meridian nannte. Durch die Drehbewegung der Erde passierten im Laufe einer Nacht all' jene Sterne einmal diesen Meridian, die zur jeweiligen Jahreszeit am Himmel zu erwarten waren.

Zach richtete sein Augenmerk auf das Sternbild Jungfrau mit seinem hellsten Stern Spica, hier war Ceres zuletzt vermutet worden. In den Nächten dieses Sommers rückte die Jungfrau etwa ab zwei Uhr morgens stückweise durch den Süd Meridian seines Passage Instruments und bis zum Morgengrauen blieb nicht allzu viel Zeit. Zach war von Mitternacht bis zum frühen Morgen beschäftigt; glücklicherweise hatte er einen fleißigen Assistenten, der alle anfallenden Daten aufzeichnete und auch selbst die Beobachtung führte, wenn sich Zach eine Pause gönnte. Und dennoch! Trotz der unermüdlichen Suche nach dem unscheinbaren Planeten, hatten sie ihn bislang nicht wiederauffinden können.

Die Lauschaer Glasbläser hatten dem Herzog Ernst ein Thermometer überreicht, wie man es noch nicht gesehen hatte. Aber keiner hier wusste, wie es gehandhabt wird. Deshalb brachte man es zum Xaver von Zach auf die Sternwarte. Und die Prinzessin Louise, ungeachtet ihrer fortschreitenden Gravidität, unternahm mit ihrem Gemahl und ihrer Hofdame, dem Fräulein von Kemp, einen Ausflug dort hinauf, um sich das Thermometer erklären zu lassen, was denn auch geschah (und worüber zu Beginn unserer Geschichte bereits berichtet wurde).

"Hatten Sie schon Erfolg mit Ihrem neuen Planeten?", erkundigte sich der Erbprinz bei Zach. "Leider noch nicht. Aber es ist nur eine Frage der Zeit, daß er wieder auftaucht und wir ihn erwischen - und vielleicht ein Quentchen Glück, das würde uns auch dabei helfen." "Das glaub' ich gern, ich drücke Ihnen die Daumen, nicht wahr Liebling, du auch." "Selbstverständlich", sagte Louise, die sich kaum von dem Anblick der geheimnisvollen, schwebenden Kugeln in dem Thermometer losreißen konnte.

Zach sagte "Ich gebe zu, daß wir die Nachricht von der Wiederauffindung gern als erste publizieren würden, ich meine den Herzog und meine Wenigkeit, das würde das Renommee unserer Sternwarte um einiges bereichern. Ich bin ganz sicher, daß wir nicht die einzigen sind, die sich gegenwärtig die Nächte am Fernrohr um die Ohren schlagen."

"Können wir Ihnen denn sonst irgendwie behilflich sein?" "Danke, ich habe alles, was ich brauche, ich komme morgen am Nachmittag aufs Schloss, um mit Euerm Vater einige Dinge zu besprechen." Dann wandte er sich an Louise, "Was hat Euch Doktor Fritzwald denn gesagt, wann es soweit wäre mit der Entbindung?" "Ende Dezember", erwiderte sie mit fröhlicher Miene, und August fügte hinzu "Es wird ein Krippenkindlein." Zach lachte und meinte "Dann spiel' ich den Ochsen im Stall." "Aber nicht doch", rief Louise, "Sie sind einer der drei Könige!" "Fehlen noch die andern beiden." "Die kommen, wenn Sie Ihren Stern wiedergefunden haben."

Dann fragte sie "Darf ich mir mal Ihre große Uhr anschauen, Herr von Zach?" "Aber freilich, liebes Kind, Ihr wisst ja, wo sie steht." Louise und das Fräulein von Kemp gingen ins Haus und in den Raum, wo neben den Fernrohren eine Pendeluhr von Mudge & Dutton stand, die Xaver von Zach schon während seines Aufenthalts am Londoner Privat Observatorium des Grafen Brühl verwendet und die er mit nach Gotha gebracht hatte.

Sie glich einer Stele mit verglaster Vorderseite, hinter welcher sich ganz oben ein Ziffernblatt mit einem Zeiger und über der Mitte ein zweiter, kleinerer, ebenfalls mit einem schmalen Zeiger versehener Minutenkreis befanden. Außerdem waren da noch oben und unten zwei Fensterchen für die Tages- und Monatsangaben, welche sich mittels eines verborgenen Uhrwerks angetrieben, dahinter vorbeibewegten.

Das Imposante an der Uhr war natürlich das schwere Pendel mit der glänzenden Messingscheibe, die an einer langen, handbreiten, aus mehreren dichtgefügten Metallstäben bestehenden Schiene angehängt war. Es schwang keineswegs im großen Bogen, vielmehr mit fast unmerklichem Ausschlag sekundenweise hin und her, was zu dem Aufwand, der dafür geleistet worden war, anscheinend im Missverhältnis stand, aber zweifellos Ausdruck der Zuverlässigkeit und Präzision der ganzen Apparatur selbst war; ein Koloss, der imstande ist, mit der Wimper zu zucken.

Louise hatte schon mehrmals diese Pendeluhr bewundert, aber sie fragte den Herrn des Hauses jedesmal um Erlaubnis, sie anzuschauen. Nichts sonst strahlte auf sie eine solche Ruhe aus, und der Vergleich mit einer Stele war durchaus zutreffend, denn man konnte davorstehen und innehalten wie vor einem Denkmal des Gottes Chronos, der den Menschen die Zeit, die sie begehren, schenkt, auf daß sie sorgsam und dankbar damit umgehen.

Das Fräulein von Kemp wagte einen Blick durch das Fernrohr, musste aber feststellen, daß vor ihrem Auge alles schwarz blieb, weil die Dachluke geschlossen war. Louise sagte "Wenn Sie mal einen richtigen Blick in den Sternenhimmel werfen wollen, sollten Sie Herrn Zach fragen, ob Sie ihn des Nachts besuchen dürfen." "Oh", winkte sie ab, "da würde es mich hier aber zu sehr gruseln."

Die Bemerkung der Kemp möge nicht voreilig belächelt werden, denn wenn der Xaver von Zach und sein Assistent hier arbeiteten, dann wurde der Raum nur durch zwei kleine Öl Lämpchen gerade so wenig erhellt, daß sie sich darin bewegen konnten, ohne irgendwo dagegen zu stoßen, denn jeder Lichtschein hätte paradoxerweise die Sterne verdunkelt. Und draußen um das Gebäude herrschte um Mitternacht eine gespenstische Atmosphäre; nicht nur das Käuzchen mit seinem kläglichen Fiepen konnte einen irre machen. Den Xaver von Zach vermochte das freilich nicht im geringsten zu stören, er hatte so viele Nächte hier verbracht, daß er an alle Laute und Geräusche gewöhnt war, ob man nun genau sagen konnte, woher sie rührten, oder nicht.

Andererseits hatte sich sein Gehör derart geschärft, daß er die kleinsten Feinheiten bemerkte, so zum Beispiel, daß wenn die Sterne beim Durchgang durch den Meridian "zitterten", auch die Uhrenschläge der umliegenden Kirchen dumpf und wie aus großer Entfernung herüber klangen, währenddessen dieselben Sterne in großer Ruhe und Gleichmäßigkeit strahlten, wenn die Glocken, das Hundegebell, die Rufe des Nachtwächters, ja selbst das Knarren der Mühlräder an der Apfelstädt mit erstaunlicher Klarheit zu vernehmen waren.

Xaver von Zach hatte eine kleine Stadtwohnung in der Nähe des Friedrich Palais', ein Stubenmädchen sorgte dort für Ordnung und eine Köchin bereitete ihm das Essen zu. Wenn er auf dem Seeberg war, brachte ihm ein Laufbursche die Mahlzeit hinauf. Neben dem Observatorium befanden sich mehrere Zimmer, auch eins zum Schlafen und ein anderes, wo Zach seine Beobachtungen und deren Auswertungen festhielt. Hier waren auch einige Instrumente für die Geodäsie untergebracht, denn sie war ebenfalls und schon seit früheren Zeiten ein weiteres Hauptgebiet seiner Tätigkeit.

Am Fußende des Betts war ein Regal, in dem einige der Bücher standen, die Zach besonders lieb waren, darunter natürlich das Werk "De revolutionibus orbium coelestium" des Nicolaus Copernicus und Johannes Keplers "Astronomia nova", sodann die "Mathematischen Grundlagen der Naturphilosophie" von Isaac Newton und ein schmales Büchlein von Leibniz mit dem Titel "Monadologie", welches Zach, sooft er es auch gelesen hatte, immer noch nicht bis in seine letzten Aussagen hinein verstand.

Manchmal, wenn er sich von seiner anstrengenden Arbeit erholen wollte, machte er sich auf zu einer kleinen Wanderung über den Seeberg, der sich fünf, sechs Meilen nach Osten erstreckte. Die Sternwarte befand sich genaugenommen auf dem Kleinen Seeberg, und der große Bruder am östlichen Ende überragte ihn um knapp hundert Höhenmeter und war dicht bewaldet mit Eichen, Ahorn, Eschen und Vogel Kirsche.

Er marschierte auf der Südseite entlang bis zur Butterleite und dann quer durchs Unterholz bis zum Milchfleck und an der Geierslache vorbei zurück, bis er oberhalb der Hohen Brücke wieder auf den Kammweg kam. Oder er ging bis auf den Maikopf und dann hinüber zum Kammerbruch und ins Junker Holz bis zu den Sandlöchern. Und wenn es ihn packte, wanderte er bis zum andern Ende an die Heilige Lehne, um dann über die Breite Trift bis hinauf auf den Hügel zu steigen, wo ein paar hervorragende Apfelbäume standen, die im Spätsommer reichlich Obst trugen. Damit stopfte sich Zach seinen Rucksack voll und kehrte mit festem Schritt und zufrieden im Gemüt heim.

Es kam vor, daß er unterwegs plötzlich den Klang eines Hämmerchens vernahm, mit dem jemand auf Stein klopfte. Und wenn er näher heran ging, sah er den Karl von Hoff, wie er in Forscherkluft und derben Lederstiefeln, einen Filzhut auf dem Kopf und eine große Umhängetasche aus reißfestem Segeltuch neben sich auf dem Boden, auf allerhand Brocken herumpickerte, die da aus der Erde zutage getreten waren. Der Karl von Hoff war ein namhafter Geologe im Dienste des Herzogs und hatte sich insbesondere der Erkundung und Beschreibung der verschiedenen Formationen des Thüringer Landes gewidmet. Außerdem besaß er die bedeutendste Mineralien Sammlung weit und breit.

Der Karl von Hoff hatte dem Xaver von Zach des öfteren die geologischen Verhältnisse des ganzen Seebergs erklärt, daß nämlich der gesamte Höhenzug auf einem massiven Sockel aus Granit basiert, auf welchem sich, neben abgelagerten Resten des Zechstein Meeres, hauptsächlich die Gesteine der Trias erheben, und von dieser Trias wiederum der Muschelkalk und der Keuper allerorts in zum Teil mächtigen Schichten anzutreffen seien, beides Epochen, deren Natur und Lebenswelt die Erde vor mehr als zweihundert Millionen Jahren an dieser Stelle prägten. Wenn der Hoff hier und da einen versteinerten Ammoniten fand, so stammte der zweifelsfrei aus jener längst vergangenen Zeit.

Und der Zach hatte einmal geäußert, daß der Name "Seeberg" durchaus nicht zufällig gewählt worden sei und er manchmal, wenn er oben auf dem Kammweg stehe und gen Süden über die Ebene bis hin zum Thüringer Wald blicke und ihm dabei der Wind entgegen bläst und durch die Blätterkronen der Bäume braust - daß er in solchen Momenten das Gefühl habe, als stünde er auf der Steilküste am Ufer des Meeres, etwa oben auf Rügen über den Kreidefelsen, die bis ins Wasser hinabreichen. "Es ist diese unverwechselbare Art von Wind", sagte er zum Hoff, "in welchem man die Seeluft in der Nase spürt, selbst wenn weit und breit kein Meer zu sehen ist." "Oder selbst wenn dieses Meer schon seit Ewigkeiten verschwunden ist", ergänzte Hoff und nickte zustimmend.

Der Zach und der Hoff, die unterhielten sich gern miteinander, der Hoff fragte den Zach, wie die Dinge am Himmel stünden, und der Zach erkundigte sich beim Hoff, was es Neues aus der Geschichte von Mutter Erde gebe, und so tauschten sie ihre Erkenntnisse und Vermutungen aus und erfreuten sich daran, wie sie ihr Wissen über diese Welt beständig vertieften. Karl von Hoff war natürlich auch mit Goethe befreundet, der ja selber ein eifriger Steinesammler war und vom Weimarer Herzog mit der Verwaltung des gesamten Bergbaus beauftragt war.

Einmal berichtete der Hoff dem Zach von seinem Besuch bei Goethe, als dieser im kleinen Gästekreis aus einem Manuskript vorgelesen habe, das den Titel "Klassische Walpurgisnacht" trägt und sozusagen eine "Fortsetzung und Sublimierung auf höherer Ebene" jener gleichnamigen Szene aus seiner Gretchen Tragödie darstellt. Hoff sagte, es sei ein außerordentlich vielschichtiges Stück Theater und ebenso ein "sonderbares Schauspiel". Da treten Sphinxe und Greife auf, Sirenen und Nymphen, der pferdgestaltige Chiron und die Seherin Manto, ein Chor von Ameisen(!) und eine Schar Pygmäen, Lamien und Phorkyaden, sogar die Kraniche des Ibykus, und das seien noch längst nicht alle.

"Grundgütiger!", rief Zach, "Wo will er denn all' diese Darsteller hernehmen, um sie auf die Bühne zu bringen?", und Hoff meinte, Goethe sei sich der Schwierigkeiten durchaus bewusst, ja, er zweifle selber an der Aufführbarkeit des Stücks. "Was mich daran besonders beeindruckt hat, war ein Dialog zwischen den antiken Philosophen Thales und Anaxagoras, die jeder für sich eine eigene Hypothese über die Entstehung der Erde vertreten.

Thales behauptet, alles wäre aus den Fluten des Meeres hervorgegangen, nicht nur das Leben, sondern schon vorher das feste, trockene Land, indem sich das Wasser dort zurückgezogen hatte. Anaxagoras dagegen ist der Überzeugung, alles wäre durch Vulkanismus entstanden, das ging natürlich krachend und feurig und mit ungeheurer Wucht vonstatten.

Thales meint aber, die Erde habe sich sozusagen sanftmütig entwickelt ... ich habe mir einen Vers gemerkt, wo es heißt: Nie war Natur und ihr lebendiges Fließen / Auf Tag und Nacht und Stunden angewiesen. / Sie bildet regelnd jegliche Gestalt, / Und selbst im Großen ist es nicht Gewalt." "Das klingt nicht übel", sagte Zach, "welcher Auffassung neigen Sie denn zu, lieber Hoff?"

"Nun ja", erwiderte er, "in den Urzeiten unseres Planeten hat es zweifellos jede Menge Vulkane gegeben, die glühende Gesteine und heiße Lava aus dem Innern des Erdballs herausgeschleudert haben. Das hat jedoch im Laufe der Zeit nachgelassen und dann haben Wind und Wasser und das Sonnenlicht das Regime übernommen. Ich würde mich nicht nur für eine Seite entscheiden, ich denke, sie haben beide recht. Aber ich bin der Überzeugung, daß die Entwicklung zwangsläufig von einer Phase zerstörerischer Gewalt zu einer des allmählichen Aufbaus verläuft, was ja an sich auch sehr plausibel ist, denn etwas zu schaffen dauert länger, als etwas in Stücke zerbersten zu lassen."

Zach sagte "Demnach könnte man auch vermuten, daß jedes Chaos einem inneren Gesetz folgend zu einem Zustand der geregelten Ordnung tendiert." "Ja, das könnte man. Allerdings ... ich weiß nicht, es bleibt wahrscheinlich immer auch ein gewisses Risiko bestehen, daß das Ganze wieder in eine neue Katastrophe stürzt." "Machen Sie mir keine Angst", versetzte Zach im Scherz, und Hoff fügte hinzu "Da fällt mir dieser jüdische Witz ein, wo einer zum andern sagt: 'Gestern habe ich in der Zeitung gelesen, daß die Astronomen herausgefunden haben, in zehn Milliarden Jahren wird die Sonne explodieren und nur Leere und Finsternis hinterlassen.' Und der andere wird für einen Moment leichenblass und wischt sich den Schweiß von der Stirn. 'Was ist mit Ihnen?', fragt der erste. 'Oh, schon vorbei, ich hatte zuerst Millionen verstanden!'" Hoff musste sehr lachen und Zach stimmte mit ein.

In letzter Zeit waren die beiden sehr besorgt über die Aktivitäten eines Unternehmers aus Langensalza, der damit begonnen hatte, in dem alten, stillgelegten Kammerbruch wieder Sandstein abzubauen. Karl von Hoff war froh gewesen, daß die Arbeiten vor etlichen Jahren eingestellt worden waren und der Steinbruch sich durch natürliche Erosion schon wieder etwas verfüllt hatte und von allerlei Strauch- und Buschwerk überwachsen war.

Der Zach war eines Tags zur Mittagsstunde beinahe vom Stuhl gefallen, als es einen gewaltigen Donnerschlag gab, der, wie sich dann herausstellte, von einer Sprengung herrührte. Und bei einem seiner Spaziergänge konnte er dann sehen, daß die Leute aus Langensalza bereits den ganzen Schutt beiseite geräumt hatten, um an die großen Sandsteinbänke und Blöcke heranzukommen.

Der Hoff wusste auch schon Bescheid, er empörte sich über die maßlose Rücksichtslosigkeit, mit der man ein riesiges Loch in den Berg reißt und die Landschaft verschandelt, bloß um die Geschmacklosigkeit von ein paar neureichen Bürgern zu bedienen, die sich in ihrem Garten einen Plätscherbrunnen aus feinstem Seeberger Sandstein errichten ließen. Der Langensalza'er Unternehmer machte glänzende Geschäfte und es sah ganz danach aus, als würde er den Kammerbruch auf die doppelte, vielleicht sogar dreifache Größe erweitern.

Hoff und Zach sprachen mit dem Herzog, aber der bedauerte, daß er nichts dagegen tun könnte, denn dieses Gebiet gehörte seit Jahr und Tag der Gemeinde Gantersleben, und der Bürgermeister von Gantersleben hatte den Langensalza'ern eine Konzession für den Abbau zugeschoben. Noch schlimmer: bald darauf wurde der Bürgermeister von Gantersleben zum Bürgermeister von Gotha gewählt und erteilte die Genehmigung, den Zufahrtsweg zum Steinbruch auszubauen, damit die großen Steine abtransportiert werden konnten; dafür wurde extra eine breite Schneise in den Wald geschlagen. Manche behaupteten, der Bürgermeister habe sich seinen Aufstieg mit allen diesen Zugeständnissen an den Steinbruchbetreiber erkauft, aber das konnte natürlich niemand beweisen.

Xaver von Zach machte eine zerknirschte Miene, als es mit der Ruhe am Kammerbruch dahin war, aber er musste ja noch froh sein, daß dort nur tagsüber gearbeitet wurde und er die Erschütterungen geradeso verschmerzen konnte. Dennoch, ebenso wie sein Freund Hoff sah er darin ein Zeichen der allgemeinen Verrohung und Verkommenheit mancher Bürger, die bloß auf ihren Wohlstand und Luxus bedacht waren und sich keinen Deut um die Schönheit und die Erhaltung der Natur scherten. Und er begann, mit Wehmut über die Zukunft seines geliebten Seebergs zu trauern.

Jakob Hausmann erinnerte sich noch genau jenes Tages, als er gemeinsam mit dem Bernhard von Lindenau die verwaiste Sternwarte betrat, um dort nach dem Rechten zu sehen. Der Diener Hasemeier begleitete sie, er hatte ihnen auch die Türen aufgeschlossen. Das Prunkstück des Observatoriums, das Passage Instrument, war bereits herausgenommen und an einem andern sicheren Ort verwahrt worden. Ebenso die große Pendeluhr, vor welcher die Prinzessin Louise seinerzeit manches Mal andächtig verweilt hatte. Aber das Spiegelteleskop, das Heliometer und der Refraktor waren noch da. Außerdem die beiden Mauerquadranten, die fest an einem Granitblock verankert waren, sowie einige kleinere Instrumente, welche Xaver von Zach zurückgelassen hatte.

Das meiste war Eigentum von Herzog Ernst gewesen und war nach dessen Tod auf den Erbprinzen August übergegangen. Als der Xaver von Zach mit der Herzogin Witwe Charlotte Gotha für immer verließ, suchte man vergeblich nach einem geeigneten Nachfolger für die Sternwarte. Vielleicht, so dachte Hausmann, war Ernst's und Charlottes Sohn August auch nicht sehr an einer Fortführung der wissenschaftlichen Arbeit gelegen, er zeigte jedenfalls nicht den Bruchteil des Interesses, welches sein Vater dafür aufgebracht hatte. Er war immer sehr freundlich gegenüber Zach und erkundigte sich auch mitunter nach dessen Arbeit, aber mehr schien er bezüglich der Sternwarte nicht unternehmen zu wollen.

August war ein Schöngeist mit weichherzigen Zügen, das größte Vergnügen bereitete ihm seine Fächer Sammlung mit über dreihundert Exemplaren. Schon seit dem frühen Tod seiner geliebten Louise flüchtete er sich oft in die Betrachtung der idyllischen Szenen mit den liebreizenden Frauen und den galanten Männern, die sich darauf tummelten. Vor seinen Augen erwachten sie zum Leben. Da herrschte nur eitel Freude und Wonne, und immerwährender Sonnenschein umglänzte das Glück. Da waren Krankheit und Tod verbannt, da gab es keinen Krieg und keine Politik, und schon gar nicht den schmählichen Hickhack mit entfernten Verwandten um irgendwelche Privilegien und Besitzrechte, die ihnen angeblich der Kaiser Barbarossa verliehen hatte und die ihnen bis heute von ihren eigenen Blutsbrüdern streitig gemacht würden.

August regierte sein Herzogtum so gut es eben ging; die Amtsgeschäfte übertrug er seinen Ministern, von denen der Silvius von Franckenberg einer der pfiffigsten war. Dessen Ansehen, so dachte Jakob Hausmann, war so groß, daß sogar Napoleon von dem Gouvernement de Siebleben sprach, denn der Franckenberg bewohnte in dem Dorf Siebleben bei Gotha eine repräsentative Villa, von der aus er agierte.

Im Unterschied zu seinem Vater schätzte August den Kaiser der Franzosen sehr, und sein Beitritt zum Rheinbund war ein Schritt, angesichts dessen sich der alte Herzog auf der kleinen, bewachsenen Insel im Parkteich wahrscheinlich mehrmals im Grabe umgedreht hatte. Andererseits hatte ihn seine Bewunderung Napoleons womöglich auch davor bewahrt, daß die Franzosen, als ihre Grande Armée auf dem Weg nach Jena und Auerstedt, hin zur Entscheidungsschlacht, durchs Land marschierte, seinem Herzogtum größeren Schaden zufügten.

Der Bernhard von Lindenau versuchte die Soldaten davon abzuhalten, die Sternwarte zu plündern. Das Prunkstück war wie gesagt rechtzeitig in Sicherheit gebracht worden, aber es standen und lagen immer noch jede Menge Dinge herum, die wie Gold und Silber glänzten und blinkten und von denen ein französischer Landsknecht annehmen musste, daß sie sich auf dem Jahrmarkt zu klingender Münze machen ließen.

Der Lindenau hatte Glück, daß ein Offizier die Sternwarte "eroberte", der seine Truppe im Griff hatte und der darüberhinaus ein gebildeter Mann war, der wusste, was ein Spiegelteleskop ist und wofür man es gebraucht. Er hatte, mit militärischem Scharfsinn, damit gerechnet, daß feindliche Kräfte sich auf der Sternwarte verschanzen würden und die freie und weite Sicht gen Westen nutzten, um die Angreifer zu erspähen.

Aber Herzog August hatte nichts weniger im Sinn, als seine Untertanen gegen die napoleonischen Truppen ins Feuer zu schicken. Und als sich Monsieur Prevell, wie der Offizier hieß, davon überzeugt hatte, daß die Sternwarte nicht zum Kampfposten umgerüstet worden war, befahl er seinen Soldaten, draußen vor dem Haus zu biwakieren, während er sich drinnen zwanglos mit dem Lindenau über die Situation am Gothaer Hof unterhielt.

Lindenau sagte, der Herzog August habe nach dem Tod seiner Gemahlin die Prinzessin Margarete geheiratet, welche aus dem Hause Hessen Kassel stammt. "Woran war denn seine vorherige Frau gestorben?", fragte der Offizier, und Lindenau erwiderte "Sie hat ihr erstes Kindbett nicht überlebt, sie starb nur wenige Tage nach der Entbindung ihrer Tochter Luise." "Wie tragisch. Aber das Mädchen ist wohlauf?" "Oh ja, sie hat sich prächtig entwickelt, wenngleich man bei unseren Herzögen immer auch auf einen männlichen Nachwuchs hofft, denn es gibt keine weibliche Regentschaft. Wenn Luise also eines Tages heiratet, wird das Herzogtum Gotha Altenburg an eine Nebenlinie fallen."

Der Offizier wandte ein: "Aber Sie sagten doch, daß der Herzog wieder geheiratet hat." "Ja, und darauf gründet sich natürlich auch noch einige Hoffnung; allerdings ist die Herzogin Margarete ... ich gehe davon aus, Monsieur Prevell, daß unser Gespräch unter uns bleibt (der Offizier nickte) ... sie ist nicht mehr die jüngste, und manchmal scheint es mir, der Herzog habe sich bereits damit abgefunden, daß Luise den Stammbaum der Familie allein weiterverzweigt."

"Hat denn Herzog August noch Geschwister?" "Ja, einen jüngeren Bruder, er ist nicht verheiratet. Und es gibt noch einen Bruder des seligen Herzogs Ernst, Johann Eugen mit Namen, der eine Bürgerliche geheiratet hat, welche zwar noch ganz jung an Jahren ist, deren gemeinsame Nachkommen aber durch die nicht standesgemäße Verbindung von vornherein aus der Erbfolge ausgeschlossen sind. Johann Eugen war auch nie darauf erpicht gewesen, Landesfürst zu werden, dafür liebt er seine Unabhängigkeit und sein spontanes Leben viel zu sehr."

Der Offizier wollte wissen, warum die Sternwarte gegenwärtig in diesem desolatem Zustand wäre, und Lindenau erklärte, der Freiherr von Zach habe nach dem Tod des Herzogs Ernst gemeinsam mit dessen Witwe, der Herzogin Charlotte, die Residenzstadt verlassen und sie seien nach Neapel gegangen. Er, Lindenau, sei zwar selber in der Astronomie bewandert, jedoch komme er aus Altenburg, welches sozusagen die andere Hälfte des Herzogtums repräsentiere, und dort gebe es für ihn "alle Hände voll" zu tun, deshalb sei er nur dann hier, wenn ihn, wie zum Beispiel gerade jetzt, die Umstände dazu nötigten.

Wie sich herausstellte, war Monsieur Prevell im Zivilstand Lehrer an einer öffentlichen Schule in einem Vorort von Paris. "Was unterrichten Sie dort?", fragte ihn Lindenau. "Geschichte." "Und nun sind Sie zur Grande Armée eingezogen worden?" "Ich habe mich freiwillig gemeldet, ich war ohnehin Reservist. Wissen Sie", fuhr er fort, "ich liebe meinen Beruf, weil ich die Geschichte liebe. Und ich bin ein Patriot, weder Monarchist noch Republikaner, sondern Franzose und ich liebe mein Vaterland. Ich sagte mir: 'Wann sonst wirst du Frankreich einen größeren Dienst erweisen können, als jetzt, wenn du deine Uniform anziehst, den Säbel umbindest und dem Ruf Napoleons folgst!'

Und ich bin mir der historischen Bedeutung dieses Feldzuges vollkommen bewusst. Vor zehn Jahren hat euer Goethe beim Überfall auf unsere Nation den Soldaten zugerufen: 'Ihr könnt stolz darauf sein, diesen Augenblick mitzuerleben!' Jetzt kann ich sagen: 'Ich kann stolz darauf sein, mein Land gegen seine Feinde zu verteidigen!' Und glauben Sie mir, werter Herr von Lindenau, wir werden sie alle schlagen!"

Nachdem der Offizier mit seinen Soldaten am folgenden Tag nach Osten abgezogen war, blieb der Bernhard von Lindenau noch eine Weile in dem Arbeitszimmer des Xaver von Zach sitzen, alles war verlassen und von Staub überzogen; als er so ruhig dasaß, trippelte eine Maus über den Boden. Er dachte daran, wie ihm Zach das Gebäude und das Inventar "offiziell" übergeben hatte, und Zach wirkte dabei ganz so, als wäre er von Anfang an nur ein Gast hier gewesen und als hätte mit dem Tod Herzog Ernst's sein Aufenthalt kein vorzeitiges, sondern vielmehr ein vorhersehbares Ende gefunden. Lindenau hörte ihn jetzt noch sagen: 'Ich habe hier viele schöne Stunden verbracht, mein Freund, aber es ist an der Zeit, etwas Neues zu unternehmen.'

Einige Wochen später erhielt Lindenau einen Brief mit wenigen Zeilen aus Neapel, in welchem ihm Xaver von Zach mitteilte, daß die Herzogin Charlotte und er sich in der Via San Severino (in der Nähe der Piazza Portanova) ein Stadthaus angemietet haben und daß es ihnen beiden gut geht, was sie von ihm, dem Lindenau, ebenso hofften. Dieser Brief hatte offensichtlich den Hauptzweck, Lindenau über die Adresse zu unterrichten, unter der die Herzogin zu erreichen wäre, daher war er auch kurz und knapp gehalten. Dennoch freute sich Lindenau sehr über die Nachricht.

In Neapel war der Bourbonen König Ferdinand von den Franzosen gestürzt und ins Exil gejagt worden, er hielt sich im sizilianischen Palermo auf, das ohnehin zu seinem ehemaligen Königreich gehörte. Er wurde von den Engländern unterstützt, die regelmäßig hartnäckige Attacken gegen die französischen Besatzer führten, aber nicht wagten, sie offen anzugreifen.

Napoleon hatte einen Reitergeneral namens Joachim Murat, der zu seinen großartigsten Offizieren zählte. Er war schon beim ersten Italienfeldzug dabeigewesen, er hatte die Expedition nach Ägypten mitgemacht und war Kommandeur der Konsulargarde geworden. Murat wurde zum Maréchal d'Empire ernannt, welcher Titel dem alten Marschall von Frankreich entsprach. Er wurde zum Großadmiral befördert und durfte sich Kaiserlicher Prinz nennen. Nach der Schlacht von Jena und Auerstedt (wohin seinerzeit der Monsieur Prevell mit seiner Truppe unterwegs war) wurde er Oberbefehlshaber der Kavallerie Napoleons. Schließlich krönte ihn Bonaparte zum König von Neapel.

Joachim Murat war ein Haudegen und ein Held. Er war groß und von athletischer Gestalt, mit dunkler Lockenmähne und einem feurigen Blick, dem kein weibliches Wesen widerstehen konnte. Er trug mit Vorliebe enganliegende Uniformen und blankgewichste hohe Stiefel, wenn er hoch zu Pferde saß, und auf dem Kopf einen Helm mit Federbüschen in den Farben der Trikolore, die waren sein weithin sichtbares Erkennungszeichen und ein Lieblingsmotiv für alle Illustratoren der Zeitungen in ganz Europa. Jeder kannte ihn und jeder fürchtete ihn, Murat, den Teufelskerl.

Er besaß ein phänomenales kriegerisches Talent, er wusste auf dem Schlachtfeld instinktiv, was zu tun sei, um die Oberhand zu gewinnen, und seine Kämpfer folgten ihm bedingungslos in jedes Gefecht. Aber er war auch ein Brausekopf, jähzornig bis zur Unbeherrschtheit, er hatte immer das Verlangen, irgendwo dazwischenhauen zu müssen, selbst im Schlaf schlug er manchmal um sich. Sein Verhältnis zu Napoleon war nicht selten angespannt, aber der Kaiser wusste natürlich, was er an Murat hatte, und vielleicht wollte er ihn auch ein wenig zähmen, als er ihm seine jüngste Schwester Caroline zur Frau gab, die dann an seiner Seite die Königin von Neapel wurde.

König Joachim hatte auf dem Capo di Monte ein Observatorium errichtet und schon beim Bau war der berühmte Xaver von Zach per Post um hilfreichen Rat gefragt worden, den er natürlich gern erteilte. Was lag also jetzt näher, als daß Zach auch zum Direktor dieser neuen Institution bestellt wurde. Bei der feierlichen Einweihung machte Charlotte die Bekanntschaft mit dem Königspaar, und Caroline empfand auf Anhieb Sympathie für die Herzogin.

Abends fragte Charlotte den Zach, was er von der Königin halte. "Ein fideles Persönchen", erwiderte er, "aber wenn sie die Schwester Napoleons ist, sollte man gewiss sein, daß sie manche Eigenarten nicht bei jeder erstbesten Gelegenheit zur Schau stellt." "Sie hat mich eingeladen zum Nachmittagstee." "Ach ja? Und wollen Sie hingehen?" (Die beiden siezten sich vom ersten Tag an, und es sah nicht danach aus, als würden sie diese Gewohnheit jemals aufgeben.) "Kann ich denn absagen?" "Nein, das wäre unklug." "Sie ist so viel jünger als ich, ich weiß gar nicht, warum sie etwas mit mir zu tun haben will." "Nun ja", erwiderte Zach, "vielleicht möchte sie Sie einfach ein wenig näher kennenlernen." "Ja, vielleicht. Was meinen Sie, Zach, soll ich ein Geschenk mitbringen?" "Das wäre sicher nicht verkehrt. Aber fragen Sie mich jetzt bitte nicht, was."

Charlotte überlegte lange hin und her. Erst dachte sie an Schmuck, aber das wäre zu persönlich gewesen. Dann fand sie in einem Laden eine kleine Apollon Figur aus Bronze, wie man sie im Original angeblich in Pompeji gefunden hatte, aber der Mann war nackt, und die Königin hätte es womöglich anzüglich gefunden. Schließlich entschied sie sich für einen hübschen Kranz mit vielfarbigen Strohblumen, den man an die Wand hängen konnte, irgendwie symbolisierte er die Schönheit und Reichhaltigkeit der Landschaft Kalabriens.

Königin Caroline freute sich sehr darüber, sie sagte "Sie müssen mir helfen, einen geeigneten Platz dafür zu finden", und Charlotte sollte wenig später erkennen, daß es Caroline in all' den riesigen, menschenleeren Palästen ihrer Vorgängerinnen schwerfiel, einen Platz für sich selbst zu finden, wo sie sich einigermaßen heimelig fühlen konnte.

Gleich beim zweiten Mal schleppte sie Charlotte mit hinaus nach Caserta, zu dem alten Königspalast, der alle Vorstellungen, die sich Carlotte vom Hörensagen davon gemacht hatte, sprengte. Sie berichtete Zach von allem, was sie an diesem Tag gesehen hatte. Allein diese "endlos lange Strecke", die sich schnurgerade vom Palast aus nach Norden bis an den Park hinzog und eine Aneinanderreihung gigantischer Brunnen war, von denen jeder mit kunstvollen Figuren mythologische Szenen nachbildete:

Venus und Adonis, wie er in ihren Armen gerade sein Leben aushaucht, nachdem er von einem wilden Eber (welcher ein bisschen erschrocken über seine Tat von der Seite herüberglotzt) angefallen und tödlich verletzt worden war; Äolus, der Beherrscher der Winde, der dem Odysseus auf seiner Irrfahrt zuerst wohlgesonnen war und ihn beim nächsten Mal abgewiesen hatte. Die Fontana di Cerere mit der römischen Göttin der Erde und ihrer Früchte; Diana mit dem Aktaion, der sich rühmt, ein besserer Jäger zu sein als die Göttin selbst, die ihn zur Strafe in einen Hirsch verwandelt, als er sie beim Bad im Waldsee überrascht; und die Fontana dei tre delfini mit einer Unzahl von wasserspeienden Meereswesen: Nymphen, Drachen, Delphinen, Nereiden, Tritonen ... Bei ihrer Schilderung musste Zach unwillkürlich an den Karl von Hoff denken, wie er von Goethes "Klassischer Walpurgisnacht" erzählt hatte, wo dergleichen Fabelwesen zuhauf den Schauplatz bevölkerten.

Der Herzogin schwirrten noch jetzt die Sinne von all' den Eindrücken. Am Ende der langen Achse schloss sich ein wildwuchernder Park an, eher ein Wald mit mächtigen Bäumen und undurchdringlichem Buschwerk. Natürlich verliefen sie sich und gelangten erst nach fast einer Stunde wieder heraus; die Königin fand es "aufregend", sie jauchzte auf, als sie wilde Erdbeeren im Unterholz entdeckte, aber Charlotte war froh, als sie das Wasser der Fontana plätschern hörte und den stattlichen Aktaion in Hirschgestalt wiedererblickte, wie er vor Diana das Weite suchte.

"Ich glaube", sagte sie hernach zum Zach, "die Königin langweilt sich ein bisschen, wenn ihr Gemahl nicht da ist, und jede Abwechslung scheint ihr willkommen." Dann meinte sie noch: "Dieser Palast in Caserta hat über tausend Räume, jeder einzelne ist eine wahre Schatzkammer, ich habe mir ein Dutzend davon angesehen, als sie mich herumführte, dann hatte ich schon genug von all' dem Prunk und Pomp. Gott sei Dank hatte sie selbst keine große Lust, mich da hindurch zu schleifen; wahrscheinlich hätten wir uns genauso verlaufen wie oben im Wald, und dann um Hilfe rufen müssen."

Königin Caroline ließ nicht locker. Sie lud Charlotte ein zu einem Ausflug nach dem Castel Sant Elmo, welches unmittelbar neben dem Kloster Certosa di San Martino auf dem Hügel Vomero lag, von wo aus man einen herrlichen Blick auf die Stadt und das Meer hatte - und natürlich auf den Vesuv mit seinen beiden so harmlos wirkenden Höckern. Caroline drehte sich um und wies in die andere Richtung, "Und nächstes Mal gehen wir dort auf den Camadoli, von da hat man noch bessere Aussicht und es gibt da einen schönen kleinen Park", es klang fast wie ein Befehl.

Charlotte fragte sie, ob sie auch aus Korsika stammte. "Ja, ich bin im selben Haus wie mein Bruder, der Kaiser, geboren." "Dann haben Sie dort Ihre Kindheit gemeinsam verbracht?" "Nein. Mein Bruder ist Jahrgang neunundsechzig und dreizehn Jahre älter als ich." "Ach ja? Dann ist er also genauso alt wie Alexander von Humboldt." "Wer ist das?" "Der jüngere der Humboldt Brüder, der berühmte Südamerika Reisende!" "Ach so. Hat er nicht Montezuma im Urwald aufgestöbert?"

Charlotte wechselte das Thema, "Sehen Sie Ihren Bruder oft?" "Ich bin alle paar Wochen in Paris, und wenn er nicht grade irgendwo Krieg führt, sehen wir uns." Caroline schnaubte angestrengt, "Jedesmal sag' ich zu ihm: 'Bruderherz, du solltest mehr Frieden schließen mit deinen Feinden, du wirst sie trotzdem beherrschen, aber du wärst öfter zu Hause." Charlotte schien, als würde sie dasselbe zu ihrem Gemahl Joachim sagen, aber der konnte sich natürlich nicht hinterm Rücken seines Herrn in dessen Politik einmischen.

Murat erfüllte seiner Königin jeden Wunsch, aber er war ein Reitergeneral und ein Wildfang, den es nie lange zu Hause hielt. Und wenn er nicht Napoleons Kavallerie aufs Schlachtfeld führte, dann machte er vor Kalabriens Küste Jagd auf Seeräuber und auf englische Kriegsschiffe, und es war schon vorgekommen, daß er sich des Nachts heimlich aus dem Ehebett gestohlen hatte, um mit seiner Mannschaft in See zu stechen. Caroline scheute sich nicht, der Herzogin davon zu erzählen. Wie sie dann einen Zettel auf dem Frühstückstisch fand, auf dem er ihr einen schönen Tag wünschte und versprach, bald wieder daheim zu sein. Caroline sagte "Na, wenigstens kann er da draußen nicht fremdgehen", und Charlotte konnte nicht verhindern, vor Verblüffung loszuprusten.

Sie erzählte alles dem Zach. Der meinte, aus dem Rat, den sie ihrem Bruder gegeben habe, würde wahrscheinlich auch eine gewisse Sorge sprechen, daß er es versäumen könnte, einen Thronnachfolger zu zeugen, wenn er ständig auswärts ist. "Glauben Sie, die Kaiserin Joséphine vergrault ihn?", fragte Charlotte. "Nun, um das zu beurteilen, müsste man schon Mäuschen in seinem Gemach sein, bessergesagt in ihrem." Sie sagte "Wenn ich es recht bedenke, hat sich Caroline nicht sehr wohlwollend über die Kaiserin geäußert, und ich habe den Verdacht, als würde daraus die Haltung des ganzen Clans sprechen." "Des Bonaparte Clans?" "Ja. Die sind alle irgendwie aufeinander eifersüchtig." Zach sagte "Das ist die eigentümliche korsische Mentalität, das meinte ich letztens, als ich sagte, die haben ihre verborgenen, dunklen Seiten."

Zachs Bemerkung hatte Charlotte neugierig gemacht, sie wollte mehr über die Bonapartes aus Carolines Mund erfahren. Sie stellte es ganz geschickt an und erfuhr eine ganze Menge. Der Vater Carlo (oder auch Charles genannt) war drei Jahre nach Carolines Geburt gestorben, er war nur neunundreißig geworden. Ihre Mutter hieß Maria Laetitia Ramolino, sie erfreute sich bester Gesundheit. Es hatte fünf Kinder gegeben, die alle das erste Jahr nicht überlebten.

Königin Caroline hatte sieben Geschwister, die erwachsen geworden waren. Ihr ältester Bruder war Joseph, der jetzige König von Spanien. (Caroline ließ einmal durchblicken, daß sie gehofft hatte, Napoleon würde Murat und sie in dieses Amt einsetzen, aber sie behauptete, sie hätte sich mit seiner Entscheidung "längst abgefunden".) Napoleon war der zweitälteste, und der Vater hatte ihn "mit einer Geste, die eines Abrahams würdig gewesen wäre, zum Oberhaupt der Familie bestimmt", wie Caroline mit einem Ausdruck höchster Feierlichkeit bekannte. Es folgten Lucien, Maria Anna (genannt Elisa), dann Louis, welcher König von Holland war; Marie Paulette (genannt Pauline), von der Charlotte noch suspekte Dinge hören sollte; dann sie selbst und schließlich, ein Jahr bevor der Vater starb, Jérome, der gegenwärtige König von Westfalen.

Zwangsläufig redete sie am meisten über Napoleon, aber gleich danach über die drei Jahre ältere Pauline, und erst mit Abstand folgte ihr Gemahl Joachim. Mit Pauline verband sie offenbar eine Art verschwörerischer Zusammenhalt in dem Bemühen der beiden, ihren Bruder vor allen Bedrängnissen zu schützen, denen er seitens anderer Frauen außerhalb des Familienclans ausgesetzt war. Manche behaupteten sogar, daß die Mutter im Hintergrund die Fäden zog und die beiden Schwestern damit betraut habe, über Napoleons Liebesleben zu wachen.

Pauline bewohnte ein pompöses Stadthaus in der Rue du Faubourg St. Honoré, und sie besaß ein Schlösschen nördlich von Paris. Caroline versprach der Herzogin, wenn ihre Schwester nach Neapel käme, würde sie beide miteinander bekanntmachen, aber da schimmerte schon wieder so eine Eifersüchtelei hindurch, die Charlotte annehmen ließ, daß es nicht dazu kommen würde. Nun ja, vielleicht interpretierte sie das auch falsch.

Charlotte hatte einmal beiläufig von Pompeji gesprochen, und Caroline hatte es sofort aufgeschnappt und eine "Expedition" in die antike Ruinenstadt anberaumt. Charlotte hatte den Zach überreden wollen mitzukommen, aber der war mit wichtigen Vermessungsarbeiten beschäftigt, er sagte, sie solle sich nur alles genau erklären lassen, und dann würden sie zu zweit hinfahren und sie könnte ihm alles Sehenswürdige vorführen.

Caroline hatte ihre vier Kinder dabei: Achille, der älteste, war neun; Laetitia acht; Lucien sieben; Louise fünf. Achille und Lucien sahen aus wie verkleinerte Kopien von Murat, dem Lockenkopf. Laetitia und Louise waren das Ebenbild ihrer Mutter, sie sprachen und bewegten sich wie sie. Sie waren alle vier ganz reizend und wohlerzogen; bei der ersten Begegnung hatten sie sich der Größe nach aufgestellt und für Charlotte ein kleines Gedicht im Chor aufgesagt. Nur die kleine Louise kam ins Stocken und Caroline musste sie hernach trösten.

In Pompeji war alles voller riesiger Trümmer, eingestürzte Häuser, vereinzelt aufragende Säulen, offenstehende Badehäuser mit Mosaiken an den Wänden, Schalen und Becken von längst versiegten Springbrunnen, Torbögen, hier und da ein Streifen bepflasterte Straße, viel Sonne und trockenrissiger Boden, auf dem Eidechsen vorüber huschten. Die Kinder konnten prima herumklettern, Caroline rief: "Lauft nicht zu weit weg und wenn die Erde anfängt zu beben, seid ihr augenblicklich wieder hier, habt ihr verstanden!"

Die beiden betrachteten die Wandmalereien, die meisten stellten Szenen aus der antiken Mythologie dar, ein paar hatten Motive aus dem Landleben. Caroline suchte etwas Bestimmtes. Irgendwann rief sie: "Charlotte! Kommen Sie hierher!", und die Kinder riefen aus der andern Richtung: "Mama! Wo bist du?" "Ihr bleibt, wo ihr seid! Wir treffen uns nachher alle wieder."

Und als Charlotte sie gefunden hatte, da stand sie vor einem fast lebensgroßen Bild des Priapos, des Gottes der Fruchtbarkeit, wie er seinen Phallus, so lang wie ein Pumpenschwengel, auf die Waagschale legt, auf deren anderer ein Haufen schwerer Quadersteine das Gleichgewicht hält. Caroline grinste, Charlotte rief erschrocken: "Um Himmels willen, das ist ja schon widernatürlich", aber dann musste sie auch drüber lachen. Caroline sagte "Es gibt hier jede Menge solche erotischen Darstellungen. Und das ist noch gar nichts! Im Depot vom Museo in Portici steht eine Plastik, die man hier gefunden hat, raten Sie mal, was da dargestellt ist?" "Ich weiß nicht, ein Liebespaar?" Caroline lachte, "Ja, fast getroffen. Ein Faun mit einer Ziege!" "Ein Faun mit einer Ziege?" "Ja. Die Ziege liegt auf dem Rücken und streckt alle viere nach oben, und der Faun schiebt gerade seinen ... sein ... na, Sie wissen schon was, in ihre kleine Ziegenpforte. Soll ich Ihnen etwas sagen! Es ist gar nicht so abstoßend wie es sich anhört."

Charlotte berichtete zu Hause alles dem Zach, aber das mit dem Faun und der Ziege wollte sie nicht ansprechen. Schließlich tat sie es doch, und Xaver von Zach schmunzelte darüber und meinte, die alten Römer hätten da öfter mal über die Stränge geschlagen und man wüsste ja nur zu gut, welche Sittenlosigkeit gerade in Pompeji geherrscht habe. Ja aber, die Faun und Ziege Geschichte wäre doch die reinste Sodomie, empörte sich Charlotte. "Nun ja", erwiderte Zach, "die abendländische Kunst hat sich von jeher nicht davor gescheut, auch die Todsünden besonders drastisch vor Augen zu führen. Und ich bezweifle, ob das immer nur zur Abschreckung gedacht war."

Charlotte war jedenfalls froh, daß Caroline sie nicht auch in besagtes Kabinett auf dem Capo di Monte führte, und von Pompeji hatten sie erstmal genug gesehen. Jetzt ging es mit dem Schiff hinüber nach Sorrent. Da geschah, was Charlotte befürchtet hatte, während der Überfahrt wurde ihr kotzübel. Erst konnte sie sich noch beherrschen und alles mit einem krampfhaften Lächeln überspielen. Aber sie hatte sich schon in die Nähe eines Kübels gestellt, und als sie sich übergeben musste, war sie gleich von den Murat Kindern umringt, die ein großes Geschrei erhoben und natürlich noch mehr Leute auf sie aufmerksam machten. Caroline drängte sich schnell dazwischen und kümmerte sich um sie.

In Sorrent angekommen, ging es ihr schon wieder besser. Laetitia, die zweitälteste, fasste ihre Hand und sagte vertrauensvoll: "Tante Charlotte, wenn Ihnen wieder schlecht werden sollte, rufen Sie schnell nach mir, ich halte dann Ihre Haare." Sie begnügte sich beim Mittagessen nur mit einer kleinen Portion, und dann traute sie sich zu, mit hinüber nach Capri zu fahren, wo Caroline einen Weinbauern besuchen wollte, der mit Murat "seit alten Tagen" befreundet war. Das Weingut lag auf der Nordseite der Insel, und man hatte einen sagenhaften Blick auf die Faraglioni Klippen und über das azurblaue Meer bis hinüber nach Neapel.

Aus irgendeinem Grund hatte Charlotte angenommen, dieser alte Bekannte Murats wäre ein weißhaariger, betagter Signore, aber es erschien ein junger, sonnengebräunter Mann mit schwarzem, ölig glänzendem Haar, schönen Augen und einem tiefen Grübchen am Kinn. Aus dem aufgeknöpften Hemd krochen die Kräuselhaare hervor, und an jeder Hand prangte ein fetter goldener Ring mit Stein. Er lächelte unentwegt und zeigte dabei seine weißen, makellosen Zähne.

Man nahm auf der Terrasse hoch über dem Meer Platz, und der Signore, der sich Charlotte als Paolo vorstellte und sie mit einem perfekten Handkuss begrüßte, bewirtete die Gäste mit frischem Gebäck, kühler Limonade für die Kinder und einer Auswahl seiner Weine für die Erwachsenen. Charlotte probierte einen hellen, mit Wasser aus der Quelle im Schatten eines Lorbeer Hains verdünnt.

Man unterhielt sich angeregt, vom Meer kam eine sanfte Brise herauf, und Charlotte kostete noch von einem anderen Wein. Da überkam sie plötzlich eine süße Schläfrigkeit, Caroline rief "Ruhen Sie sich ein Weilchen aus, liebe Herzogin", und Paolo bot ihr eine bequeme Liege an, die abseits im Schutz einer Pergola stand, "Dort wird Sie niemand stören und wenn Sie später wieder aufstehen, werden Sie sich wie neugeboren fühlen, das macht die märchenhafte Luft!" Sie nahm das Angebot an und war binnen einer Minute inmitten des Vogelgezwitschers eingeschlummert.

Als sie erwachte, stand Laetitia neben ihr und betrachtete sie aufmerksam. "Oh, wie lange habe ich geschlafen?" "Weiß nicht." "Wo ist eure Mama?" "Mit Paolo oben." "Wo oben?" "Im Zimmer. Spielen Sie mit uns Verstecken?" "Sind alle da?" "Ja. Louise ist beinahe von der Klippe gestürzt." "Um Himmels willen!", rief sie und sprang auf. "Stimmt nicht. Ich wollte Sie nur aufwecken." "So was macht man nicht mit einer alten Frau." "Wissen Sie etwa nicht mehr, wie Verstecken geht?" "Na ja, das krieg' ich noch hin." Laetitia nahm sie bei der Hand und zog sie mit fort zu den anderen. Sie spielten ein paar Runden Verstecken, und Charlotte musste zugeben, daß ihr der kleine Nachmittagsschlaf wirklich neue Kräfte verliehen hatte.

Dann tauchten Paolo und Caroline wieder auf, die Blüte in ihrem Haar war jetzt auf der andern Seite und am Kleid war ein Knopf offen. Paolo wollte noch etwas zu essen servieren, aber Charlotte sagte, sie würde sich gern auf die Rückreise begeben und Caroline stimmte ihr sofort zu. Charlotte kam spät abends nach Hause, sie fand eine Nachricht von Zach auf dem Tisch, er sei im Observatorium, er habe sich den ganzen Tag über gelangweilt und er freue sich von ganzem Herzen, wenn er sie morgen früh in ihrem Bett vorfände.

Von Neapel aus machten Charlotte und Zach eine Reise hinauf nach Genua, Zach hatte schon geraume Zeit mit einigen Leuten dort korrespondiert, unter anderem mit einem Verleger, der in Genua Navigationstabellen für die Seefahrt herausgab, welche sehr gefragt waren. Zach hatte sich seit längerem mit der Erdvermessung und speziell mit der exakten Orts- und Längengrad Bestimmung befasst, und Charlotte hatte bemerkt, wie seine frühere Sternbeobachtung dahinter zurückgetreten war. Er hatte sich auch in Neapel mit Eifer darangemacht, ältere Angaben in der einschlägigen Literatur zu präzisieren und die vorhandenen Tabellen um neue Daten zu erweitern, wovon er dem Verleger geschrieben hatte, der ihn daraufhin nach Genua einlud, wohl mit dem Hintergedanken, daß Zach ihn hinsichtlich seiner Navigationshilfen auf den neuesten Stand bringen könnte.

In Genua gab es keine Sternwarte, nur einen Leuchtturm, von dem aus in der Vergangenheit astronomische Beobachtungen durchgeführt wurden. Als Zach und Charlotte diesen Leuchtturm zum erstenmal erblickten, hielt sie ihn an der Hand fest und rief: "Da lasse ich Sie auf keinen Fall hinauf!" Es war ein hoher, schlanker und ziemlich hässlicher Turm, er sah eher aus wie ein Minarett, und Charlotte behauptete, man könne deutlich sehen, daß er oben "schief" ist. Zudem stand er auf einer von zahlreichen Klippen, und um dorthin zu gelangen, musste man sich in einem Boot durch Wellen und Gischt kämpfen.

Aber Zach hatte die Einladung zur Besichtigung bereits angenommen, und es hätte einen komischen Eindruck gemacht, wenn er jetzt zurückgewichen wäre. "Keine Sorge, meine Liebe", beruhigte er die Herzogin, "ich bin schon auf wackligere Türme geklettert." "Versprechen Sie mir, daß Sie nicht über Nacht da oben bleiben!", und das tat er. Er kam wohlbehalten wieder. Er sagte, er würde nicht nochmal hochsteigen, dieses Ungetüm wäre für astronomische Zwecke völlig unbrauchbar, "Er schwankt wie eine Pappel im Herbstwind", außerdem sei es überall feucht und voller Unrat. So ein Urteil hatte sich Charlotte gewünscht.

Überhaupt hatte Xaver von Zach im Laufe der Zeit von dem Modell einer Sternwarte als möglichst hoher Turm Abstand genommen, und zwar zugunsten eines flachen, auf einem massiven Fundament errichteten Gebäudes auf einer Bergeshöhe mit freier Sicht. Bei Genua, auf der Landseite, gab es ein paar Hügel, von denen aus man gute Beobachtungen durchführen konnte, und Zach brachte mit Hilfe eines Assistenten, der ihm von dem hiesigen wissenschaftlichen Institut zu seiner Verfügung gestellt worden war, eine ganze Reihe von nützlichen Berechnungen zustande.

Zach und die Herzogin wohnten während dieser Zeit in einem Stadthaus in der zweiten Etage, sie hatten vier Zimmer und ein großes Bad, das Essen wurde ihnen gebracht, ein Zimmermädchen stand zu ihren Diensten. Sie verzichteten auf jeden Luxus, und Charlotte meinte, sie hätte sich kaum irgendwo so wohl gefühlt wie hier.

Sie erinnerte sich auch an ihren ersten Aufenthalt in Genua, als sie mit ihrem seligen Gemahl, dem Herzog Ernst, hier war. Sie dachte daran, wie ihr einmal schlecht geworden war und wie freundliche Leute ihnen geholfen hatten: der Junge mit Namen Rocco, die Sängerin Adriana und ihr Freund Cesare, und wie sie sich im Haus der Signora Fratello von ihrem Unwohlsein erholte.

Zach fragte sie, ob sie beide dieses Haus noch einmal aufsuchen sollten, und Charlotte war von dem Vorschlag begeistert, aber als sie dann durch zwei, drei verwinkelte Straßen geirrt waren, brach sie die Unternehmung unversehens ab. "Ach, lassen wir doch die alten Zeiten ruhen. Gehen wir lieber hinunter zum Meer und setzen uns dort in ein gemütliches Café", sagte sie und hakte sich bei Zach unter.

Zurück in Neapel fand Charlotte mehrere Briefchen von der Königin, in denen allen ungefähr das gleiche stand: sie möge unverzüglich zu ihr kommen! "Sie wusste doch, daß ich verreist bin", sagte Charlotte, und Zach meinte, das werde sich bestimmt rasch aufklären.

Sie ging am nächsten Tag in den Palast und ließ sich anmelden. Sie musste eine geschlagene Stunde warten. Dann ließ Caroline sie zu sich rufen. "Immer wenn man Sie am nötigsten braucht, sind Sie nicht da, verehrte Herzogin!" "Was war denn so dringend?" "Stimmt es, daß Sie mit Monsieur Fouché gesprochen haben?" "Verzeihung, mit wem?" "Mit Joseph Fouché? Oh, bitte, Charlotte, seien Sie aufrichtig zu mir, denn ich erwarte nichts anderes von Ihnen als meiner guten Freundin!" "Ich kann mich nicht ... Fouché sagten Sie? Doch, ich glaube, der Baron von Zach hatte eine Unterredung mit ihm." (Joseph Fouché war der Chef der Pariser Geheimpolizei, er war auch manchmal in Neapel, er war bei Xaver von Zach aufgetaucht und die beiden hatten unter vier Augen miteinander gesprochen; hinterher hatte Zach gesagt, das sei einer der widerlichsten Menschen, die ihm je begegnet wären.)

Caroline fragte "Worüber haben sie sich unterhalten?" "Das weiß ich nicht, und ehrlichgesagt geht es mich auch nichts an." "Ja, aber mich schon", entgegnete Caroline und mäßigte ihren Ton. "Setzen Sie sich bitte, liebe Herzogin. Möchten Sie eine Tasse Tee? Ich lasse sofort welchen bringen." Sie holte tief Luft, dann fuhr sie fort: "Dieser Fouché ist einer der widerlichsten Menschen, denen ich je begegnet bin." (Charlotte unterließ es tunlichst, zu erwähnen, daß Zach derselben Ansicht sei.)

"Worum geht es denn überhaupt?" "Man verleumdet meine Schwester Pauline." "Inwiefern?" "Gewisse böse Personen behaupten, Pauline habe ein Verhältnis mit meinem Bruder." "Mit welchem Bruder?" "Mit Napoleon." "Aber das ist doch ..." "Erstunken und erlogen", ergänzte Caroline mit Nachdruck, aber Charlotte hatte noch nicht ganz verstanden, "Was für ein Verhältnis ist damit gemeint?" Caroline wedelte mit den Händen, "Ein intimes natürlich. Diese Leute malen sich das in ihrem kranken Hirn aus und dann verbreiten sie es hinter vorgehaltener Hand."

Charlotte fragte "Und Monsieur Fouché ist einer davon?" "Es wäre jedenfalls nicht das erste Mal, daß er gegen uns intrigiert. Alles was für ihn zählt, ist der eigene Vorteil." "Aber warum hat ihn Napoleon nicht längst entlassen?" "Er weiß zuviel." Charlotte war immer noch verblüfft, "Aber an dieser schamlosen Behauptung ist doch nichts dran ... oder?" "Ach was! Erstunken und erlogen!", wiederholte Caroline, dann fragte sie "Hat er bei dem Baron von Zach etwas Diesbezügliches fallengelassen?" "Ich weiß nicht, worüber sie gesprochen haben." "Würde der Baron Ihnen davon erzählen?"

Charlotte zögerte, noch nie hatte sie in seiner Abwesenheit etwas über Zach geäußert, und das wollte sie auch jetzt nicht tun, sie fragte "Was sagt denn Pauline dazu?" "Ich kann sie momentan nicht erreichen", erwiderte Caroline, spang auf und lief zum Fenster. Da ahnte Charlotte, daß der Königin das Schweigen ihrer Schwester genauso zu schaffen machte wie die Gerüchte über sie. "Kann ich denn irgendetwas für Sie tun, Caroline?" Sie drehte sich um, und man sah die Tränen in ihren Augen, "Ja, fahren Sie nach Paris und schauen Sie nach, was da los ist!", sagte sie mit einem grotesken Lachen, und nach einer Pause fügte sie hinzu: "Nein, bleiben Sie hier, ich brauche Sie, teure Freundin."

Charlotte dachte darüber nach. Sie sprach natürlich auch mit Zach. Der sagte, Fouché habe ihn aushorchen wollen wegen seiner Bekanntschaft mit ein paar Engländern (Großbritannien war Napoleons Erzfeind), Fouché verdächtigte sie wohl als Spione. "Vielleicht verdächtigt er sogar mich", sagte Zach und die Herzogin berichtete ihm, was sie von Caroline erfahren hatte. Zach schüttelte bloß den Kopf, "Eine wüste Sippe ist das! Und sie herrschen über halb Europa."

Caroline beruhigte sich augenblicklich, als Murat wieder im Lande war, und Charlotte erkannte, daß seine Abwesenheit ein weiterer Grund für Carolines nervliche Anspannung gewesen war. Solange sie ihn bei sich hatte, war auch die Herzogin nicht vonnöten, und zum erstenmal kam Charlotte der Verdacht, Caroline habe ihre Gesellschaft vor allem deshalb gebraucht, weil sie das Alleinsein nicht ertrug oder, was noch unverfrorener gewesen wäre, um sich mit ihrer Begleitung eine Art Alibi zu verschaffen. Denn Charlotte war nicht so naiv anzunehmen, Caroline hätte sich mit diesem Paolo oben im Zimmer eingeschlossen, um sich einen Vortrag über Weinsorten anzuhören.

Aber man konnte ihr nicht böse sein, denn die meiste Zeit war sie die Liebenswürdigkeit in Person. Und selbst als Murat schon wieder Jagd auf Seeräuber und Engländer machte, hielt ihre gute Laune noch eine Weile an; er hatte wohl zuhause wieder einmal ganze Arbeit geleistet!

Irgendwann erhielt Charlotte doch wieder ein Briefchen von der Königin, sie möge sich unverzüglich bei ihr einfinden! Sie bewirtete sie mit Tee und Gebäck (und häufig auch mit einem feinen Likör aus einer der zahlreichen Flaschen, die in einem Schränkchen ihres Boudoirs standen) und sie fragte die Herzogin über dies und das, um dann endlich mit der Sprache herauszukommen.

"Könnten Sie sich vorstellen, liebe Freundin, mich nach Paris zu begleiten?" Wann und zu welchem Anlass, wollte Charlotte wissen. "Nächste Woche." "So kurzfristig?" "Ja. Ich habe es auch gerade erst erfahren." "Was?" "Ähm ... mein Bruder, Seine Majestät der Kaiser, hat ein Familientreffen einberufen." "Aber liebe Königin, ich gehöre nicht zu Ihrer Familie." "Das weiß ich. Ich möchte Sie vielmehr als meine Vertraute um diesen Gefallen bitten. Selbstverständlich wird Sie niemand mit unseren Angelegenheiten behelligen. Ich sorge dafür, daß Sie im besten Hotel am Platz wohnen werden, alle Kosten übernehme ich, und in der Zeit, wo ich mit meinen Verwandten beschäftigt bin, können Sie sich das wundervolle Paris zu Gemüte führen, wenn Sie wollen, besorge ich Ihnen eine Kutsche mit Stadtführer! Sagen Sie ja, ich bitte Sie inständigst."

"Ich müsste das mit dem Baron von Zach besprechen", sagte Charlotte, und die Königin fuhr hoch: "Oh Gott, nein! Sie dürfen darüber zu niemandem ein Wort verlieren!" "Euer Durchlaucht", entgegnete Charlotte milde lächelnd, "ich habe dem Baron niemals etwas verschwiegen und werde das auch nicht tun." "Ja aber ...", stammelte Caroline, "hier handelt es sich um Staatsgeheimnisse!" "Mit Verlaub, es sind nicht meine Geheimnisse", erwiderte sie in bestimmtem Ton.

Es hätte wohl leicht passieren können, daß die Königin daraufhin ihren Zorn auf ihre teure Freundin entladen wollte, aber Caroline, vielleicht auch von der Unnachgiebigkeit Charlottes beeindruckt, fasste ihre Hand, beugte sich beinahe ehrerbietig zu ihr hin und sagte "In Ordnung! Sie können dem Baron sagen, daß wir beide nach Paris fahren, aber bitte bitte erwähnen Sie nicht, daß es auf Befehl des Kaisers geschieht."

Natürlich erzählte Charlotte alles wahrheitsgemäß dem Xaver von Zach. Der meinte, sie, Charlotte, würde der Königin gewiss einen großen Dienst erweisen, wenn sie mitfahre, "Immerhin zeugt es von ihrem Vertrauen in Sie, meine Liebe. Vielleicht hat sie ja wirklich niemand anderen, den sie darum bitten kann." Charlotte nickte, entgegnete aber: "Ich möchte mich allerdings nur ungern in deren Familienverhältnisse einmischen." "Das tun Sie auch nicht, wenn Sie lediglich in ihrer Nähe, aber auf Distanz bleiben. Nehmen Sie einfach das Angebot an und besichtigen Sie Paris; machen Sie es vorher zur ausdrücklichen Bedingung, daß Sie sich in nichts weiter hineinziehen lassen." "Gut", sagte Charlotte, "dann mache ich das so."

Der Königin fiel ein Stein vom Herzen, sie umarmte Charlotte und dankte ihr vielmals. Allerdings verblieb sie weiter in höchster Erregung, die sie nur schwer zu unterdrücken vermochte. In Paris angekommen, stellte sich heraus, daß Caroline genaueste Instruktionen bekommen hatte, wann und wo sie sich beim "Familienrat" einzufinden habe.

Caroline vermittelte der Herzogin ein Quartier erster Klasse in einem exklusiven Hotel nahe dem Louvre. (Charlotte erfuhr erst später, daß Caroline im ehemaligen Hotel Thélusson wohnte, dem jetzigen Pariser Stadthaus der Murats, das aufs prächtigste mit all' der Beute ausgestattet war, die Carolines Gemahl von seinen Eroberungszügen im Gefolge Napoleons mitgebracht hatte; Caroline wollte, gemäß ihrer Abmachung, die Herzogin davon fernhalten.)

Als Caroline die Herzogin auf ihr Zimmer begleitete, um sich selbst davon zu überzeugen, daß alles bestens eingerichtet und die Herzogin mit allem versorgt war, dessen sie bedurfte, klopfte es plötzlich an die Tür und gleich darauf betrat eine junge Dame das Zimmer, die außerordentlich attraktiv war. Aber die Königin war gar nicht erfreut über ihr Erscheinen, sie rief beinahe drohend: "Pauline! Was machst du hier! Du weißt, daß es uns untersagt ward, miteinander zu sprechen, bevor wir uns im großen Kreis treffen", und Charlotte dachte: 'Damit wäre es dann schon aus mit meiner zugesagten Neutralität'.

Pauline warf einen neugierigen Blick auf Charlotte und wandte sich an ihre Schwester "Reg' dich nicht auf. Niemand hat gesehen, daß ich hergekommen bin." "Ach ja! Und woher weißt du überhaupt, daß wir hier sind." Pauline entgegnete "Du kannst immer schlecht was verheimlichen, und vor mir schon gar nicht. Willst du uns nicht wenigstens bekanntmachen!" Sie setzte ein charmantes Lächeln auf und streckte Charlotte die Hand hin. Caroline sagte etwas unwillig: "Darf ich vorstellen, Marie Paulette Borghese, die Herzogin von Guastalla. Und das ist Charlotte Amalia, die Herzogin von Sachsen Gotha und Altenburg." "Sehr erfreut", hauchte Pauline mit einem koketten Augenzwinkern, das bedeutete: 'Wer meine Schwester kennt, muss auch mit mir vorliebnehmen'.

Caroline sagte "Und jetzt verschwinde von hier. Wenn der Kaiser davon erfährt, daß wir hier Absprachen führen, kriegen wir beide großen Ärger." "Wer? Du und die Herzogin?", versetzte Pauline, und Charlotte dachte: 'Ein durchtriebenes Weibsstück'. "Du weißt genau, wovon ich spreche." "Ja ja, immer sachte, Schwesterherz. Tu' bloß nicht so, als würdest du nicht gern erfahren wollen, worum es geht." "Ich habe Geduld genug, zu warten, bis die Sitzung eröffnet wird." Pauline lachte schrill, "Ha! Die Sitzung! Was glaubst du denn, was unser lieber Bruder verkünden will?" Caroline konnte ihre Unruhe kaum verbergen, "Und tu' du nicht so, als wüsstest du mehr darüber!" Charlotte räusperte sich und lenkte der beiden Blicke für einen Moment auf sich, sie sagte "Verzeihung, die Damen, ich würde mich gern aus diesem tête à tête heraushalten, ich gehe einstweilen nach unten."

Pauline rief "Aber nicht doch! Sie stören uns ganz und gar nicht. Es ist sogar von Vorteil, wenn Sie dabei sind." "Bitte?" Pauline erklärte mit einem scharfen Blick auf Caroline: "Ich hätte mir in der Vergangenheit einige Male gewünscht, daß jemand Zeuge unserer Auseinandersetzungen gewesen wäre! Dann hätte es im Nachhinein vielleicht nicht so viele Missverständnisse gegeben." "Diese Missverständnisse kamen ausschließlich durch dich zustande", entgegnete Caroline aufgebracht, "weil du nämlich nie richtig zuhörst, wenn man dir etwas sagt."

"Natürlich höre ich zu, ich hab' ja zwei Ohren wie jedermann, die weiß ich zu gebrauchen. Und ich nehme auch einen gutgemeinten Rat an. Aber wie oft hast du versuchst, mich zu belehren, ja, mich zu bevormunden! Obwohl ich die ältere von uns beiden bin", fügte sie an Charlotte gewandt hinzu (die für sich dachte, es sei eher umgekehrt). "Ich wollte dich nie bevormunden", verteidigte sich Caroline halbherzig, "ich habe bloß meine Pflicht getan, indem ich verhindert habe, daß du den Kaiser kompromittierst." (Es war ein bisschen befremdlich, daß sie dauernd vom Kaiser sprachen statt vom Bruder.)

"Ich weiß genau, worauf du damit anspielst", sagte Pauline gehässig und streckte dabei den Zeigefinger aus, der eigentlich auf sie selbst gerichtet sein sollte. Caroline sagte streng "Kein Wort darüber!" Aber das war anscheinend genau jene Angelegenheit, die Pauline Bauchschmerzen bereitete.

Charlotte unternahm einen weiteren Versuch sich zu entfernen, aber Pauline hielt sie am Arm fest, "Hat Ihnen meine Schwester davon erzählt?" Charlotte schaute unschlüssig zu Caroline, die winkte ab, "Eine Lappalie. Nicht der Rede wert." "Eine Lappalie?", ereiferte sich Pauline, "Bis jetzt hast du es einen Skandal genannt ... und das war noch die harmloseste Bezeichnung." Caroline schüttelte den Kopf, "Ich versteh' dich überhaupt nicht mehr. Du bist die Schuldige. Es müsste dir nur recht sein, wenn ich darüber schweige, gerade jetzt vor unserer aller Zusammenkunft."

Charlotte hatte die Hoffnung aufgegeben, von ihrem Zwist verschont zu bleiben, sie erkundigte sich "Worum geht es denn eigentlich?" "Ich habe Modell gestanden", erklärte Pauline und es schwang eine unüberhörbare Genugtuung darin mit. "Modell gestanden?", lachte Caroline beinahe hysterisch. Pauline blieb scheinbar ruhig, "Bei dem berühmten Bildhauer Antonio Canova ... für eine Skulptur mit dem Titel Venus victrix, die siegreiche Venus!" Caroline lachte immer noch, "Lassen Sie sich bloß nicht irreführen, verehrte Herzogin! Das ist ein völlig falscher Name. In Wahrheit hat sie nicht gestanden, sondern gelegen ... in der lasziven Pose einer Konkubine aus einem arabischen Bordell."

Pauline wurde nicht mal rot, "Aha, von wegen Lappalie!", sagte sie selbstbewusst. "Darauf bist du wohl auch noch stolz!", schleuderte Caroline ihr an den Kopf. "Ich wüsste jedenfalls nicht, wofür ich mich schämen sollte ... für meinen Körper wohl am allerwenigsten."

Caroline schnaubte durch die Nase, Charlotte fragte "Was für eine Pose muss man sich denn darunter vorstellen?" Pauline wies mit der Hand auf sie und sagte "Siehst du! Die Herzogin interessiert sich wenigstens für die Kunst. Während du nur Angst hast, ich könnte der Familie schaden." "Es ist mir vollkommen egal, wofür du dich hingibst", parierte Caroline, "nur bitte: lass' unsere Familie aus dem Spiel. Und ... na gut, soll es die Herzogin nur erfahren, wenn du schon selber damit hausieren gehst. Sie liegt halb hingestreckt auf einem Diwan, mit entblößter Brust ..." "Beide Brüste frei." "Mit entblößten Brüsten und vom andern Ende bis geradeso über die Scham mit einem Tuch bedeckt." "Die klassische Haltung", beteuerte Pauline. "Und wer will", setzte Caroline hinzu, "der kann in dem Faltenwurf über ihrem Schoß auch eine überdimensionale Vagina erkennen." "Das deutest du absolut willkürlich hinein", stritt es Pauline ab. "Ach hör doch auf! Ich kenne diesen Canova. Ich brauche mir bloß seine Drei Grazien anzuschauen, und ihre geilen Ärsche, da weiß ich, was der Lustmolch unter klassischer Haltung versteht. Verzeihung, Charlotte, das mit den Ärschen ist mir jetzt so rausgerutscht." Die Herzogin lächelte milde.

Sie schwiegen einen Moment, dann sagte Caroline "Und nun befürchtet mein liebes Schwesterchen, es könnte bei dem anstehenden Familientreffen zum Eklat kommen und sie rechnet wohl mit einer drakonischen Strafe für ihr schändliches Machwerk." Charlotte schaute auf Pauline, die biss sich auf die Lippen, und man konnte sehen, daß es der Hauptgrund ihres Besuchs gewesen war, Caroline dazu zu bringen, sie vor dieser Strafe zu bewahren.

Wie versprochen, hatte Caroline der Herzogin jemanden für die "Stadtführung" an die Seite gegeben, und zwar eine junge polnische Gräfin mit ihrem Begleiter, der keine andere als seine Muttersprache kannte und pausenlos polnisch redete. Charlotte mochte die Sprache überhaupt nicht, sie bekam Kopfschmerzen von den vielen Zischlauten und Zungenbrechern. Die junge Gräfin hatte es wohl bemerkt, sie flüsterte ihm etwas ins Ohr, und von da an hielt er sich zurück. Als sie einmal unter sich waren, sagte die Gräfin "Nehmen Sie es ihm nicht übel, er will nur ein bisschen Eindruck machen." "Auf wen?" "Auf mich." "Ist er Ihr Geliebter?" "Was? Nein! Er ist mein Cousin, er ist erst seit kurzem in Paris."

Sie fuhren in einer offenen Kutsche durch die Stadt, und die Gräfin hatte tatsächlich einige Ahnung, was die Bauwerke und sogar die Denkmäler anbetraf. Sie fragte die Herzogin auch, woher sie die Königin Murat kenne, und Charlotte gab in drei, vier Sätzen Auskunft über sich. Die Gräfin hakte nach, "Dann haben Sie und Ihr Gemahl Ihr Herzogtum verlassen?" "Der Herzog ist schon vor einigen Jahren gestorben." "Oh! Und mit wem ... wenn ich fragen darf ..." "Ich lebe mit dem Baron von Zach zusammen, er ist mein Oberhofmeister." "Ist er viel jünger als Sie?", kam es unwillkürlich aus ihr heraus. "Kaum drei Jahre, ist das wichtig?" "Nein, ich dachte nur ... ich meine ... ich kenne eine ganze Menge ält... reifere Frauen, die es schick finden, mit einem jüngeren Mann befreundet zu sein." Charlotte erwiderte "Es gibt bestimmt genauso viele junge Frauen, die sich einen älteren Mann halten."

Die Gräfin lachte. Sie hatte wunderschöne, dunkle und lockige Haare, ein hübsches, jugendlich unberührtes Gesicht mit verführerischen Augen und vollen roten Lippen. Ihre Bewegungen waren graziös und doch von einer gewissen auffälligen Lässigkeit. Sie unterhielten sich noch eine Weile über das Verhältnis von Frauen und Männern ungleichen Alters; die Gräfin redete auch zwischendurch mit ihrem Begleiter, sie übersetzte ihm etwas, dann sagte sie "Mein Cousin fragt, ob Sie für immer in Neapel bleiben wollen." "König Murat hat auf dem Capo di Monte eine Sternwarte gebaut, wo der Baron ungestört seine astronomischen Forschungen betreiben kann."

Die Gräfin zog fast unmerklich die Brauen hoch, "Verzeihung, das klingt, als hielten Sie es hauptsächlich seinetwegen dort aus", und als sie Charlottes fragenden Blick sah, fügte sie hinzu: "ich war auch ein paarmal in Neapel, ich muss gestehen, es ist nicht der Ort, wo ich alle meine Tage verleben möchte. Ja gut, das Meer und die Wärme und der Wein, das hat schon was für sich. Aber diese Menschen! Ein Volk von Nichtsnutzen. Oh, bitte, sagen Sie das nicht der Königin."

Charlotte lächelte und nach einer Pause meinte sie "Ehrlichgesagt möchte ich auch nicht bis ans Lebensende dort bleiben. Wir haben letztens eine Reise nach Genua gemacht, da war ich ganz früher schon mal mit dem Herzog gewesen, das hat mir auf Anhieb gefallen, und jetzt fand ich wieder schön. Wenn der Baron dort Gelegenheit fände, seiner Arbeit nachzugehen, würden wir gewiss in Erwägung ziehen, uns da niederzulassen." Die Gräfin sagte "Da bin ich froh, daß Sie beide einen Ort haben, wohin Sie gehen können, wenn sich die Lage in Neapel mal wieder wenden sollte."

Charlotte stutzte, "Warum sollte sich die Lage so bald wenden?" "Ja, wissen Sie denn nicht, daß König Ferdinand darauf lauert, wieder in Neapel einzuziehen?" "Das schon. Aber er sitzt unten in Sizilien im Exil." "Eben. Und er dreht nicht nur die Däumchen, glauben Sie mir." "Sie haben wohl Verbindungen nach Palermo?" Die Gräfin strich sich eine Haarsträhne aus der Stirn, dann sagte sie "Nein. Aber Sie können sicher sein, meine Verehrteste, daß die Bourbonen, wenn sie Neapel zurückerobern, nicht viel Federlesens mit den Leuten machen, die an Murats Tafel gespeist haben." Charlotte war ein bisschen verwirrt. Wer war diese Person, die so über die Murats sprach und gleichzeitig im Auftrag der Königin eine Freundin durch Paris kutschierte?

Caroline kam mit bestürzter Miene vom Familientreffen wieder. Die Herzogin wagte nicht, sie anzusprechen. Es dauerte nicht lange, und Caroline machte sich Luft. "Er hat ihr den Laufpass gegeben", schnaubte sie. "Wer?" "Der Kaiser, wer sonst." Charlotte war sich nicht ganz sicher, "Und wem?" Caroline warf sich aufs Sofa, legte den Kopf zurück, die Hand auf die Stirn und seufzte, als hätte sie einen Migräne Anfall, "Der Kaiserin". "Joséphine?" "Haben wir noch eine?", fauchte sie.

"Er wird sich von ihr scheiden lassen", sagte sie etwas ruhiger. "Wie hat sie es aufgenommen?" "Sie ist in Ohnmacht gefallen. Aber das macht sie immer so. Es ist alles ein Elend!", beklagte sie die ganze Sache. "Was ist mit Pauline?", fragte die Herzogin vorsichtig. "Er hat sie keines Blickes gewürdigt." "Aber nicht verstoßen, oder?" "Ach, es ging nur um die Scheidung." Charlotte versuchte, sie zu trösten, dann sagte Caroline "Die arme Pauline! Sie hatte so ein inniges Verhältnis zu ihm. Und nun hat er nicht einmal ein einziges Wort mit ihr geredet." "Und mit Ihnen?"

Caroline richtete sich auf und schaute Charlotte an, "Hören Sie, meine Teuerste, Sie dürfen mich jetzt nicht im Stich lassen!" Sie fasste ihre Hand, "Ich danke Ihnen tausendmal, daß Sie hier ausgeharrt haben. Ich weiß nur zu gut, wie das ist, wenn man in Ungewissheit warten muss." Sie fiel der Herzogin um den Hals, "Aber jetzt bin ich wieder da und bei Ihnen! Und ich brauche Ihre Hilfe nötiger denn je." Charlotte streichelte unwillkürlich ihre Schulter, dann sogar ihr Haar, Caroline verströmte einen unwiderstehlichen Duft.

"Was kann ich tun?", fragte Charlotte, und die Königin sagte "Mir auf dieser Mission beistehen." Es klang, als wollte sie zum Katholizismus übertreten. "Erklären Sie sich deutlicher", sagte Charlotte, doch Caroline, nachdem sie sich von ihr gelöst hatte, sprach: "Lassen Sie uns unverzüglich nach Neapel zurückfahren, ich erkläre Ihnen dort alles. Großer Gott, wie ich mich nach meinen Kindern sehne!" Charlotte dachte noch 'Wo steckt eigentlich Murat die ganze Zeit?'

Charlotte berichtete alles dem Xaver von Zach. Der machte sich daraufhin Selbstvorwürfe, daß er sie so einfach gehen lassen und diesem ganzen Spektakel ausgeliefert habe. "Ich ahnte ja nicht, was da auf Sie zukommt, meine Liebe!" "Aber nicht doch, mein bester Zach. Ich wollte nicht, daß es Sie von Ihrer Arbeit ablenkt. Im übrigen habe ich mich tapfer behauptet, und die Begegnung mit Pauline hat mich eigentlich sogar amüsiert." Zach fragte "Und was glauben Sie, was mit dieser Mission gemeint sein könnte, von der die Königin gesprochen hat?" "Tja nun, da bin ich wirklich überfragt, ich dachte eher, daß Sie sich das zusammenreimen könnten."

Er zuckte mit den Schultern, "Hm, mir fällt nichts dazu ein. Aber ich möchte Sie bitten, Charlotte, daß Sie sich genau überlegen, ob Sie darauf eingehen. Ich habe persönlich nichts gegen die Murats, und ich verdanke dem König meine gegenwärtige Stellung. Dennoch! Solche Dienste wie der Ihre werden gemeinhin von Leuten dieses Standes zwar vehement gefordert, aber zuletzt wenig gedankt. Und da Sie nicht wissen, worum es sich handelt, können Sie auch nicht vorhersehen, wie die Sache ausgeht. Wenn es schlecht für die Königin endet, dann könnten auch Sie Schaden nehmen, und das will ich unbedingt verhindern."

"Das ist lieb von Ihnen, und so weit soll es nicht kommen. Allein ... so seltsam es klingen mag, ich verspüre inzwischen so etwas wie eine Verpflichtung Caroline gegenüber, ihr zu helfen, da sie nun einmal mein Vertrauen gewonnen hat." Zach sagte "Sie hat es sich ein Stück weit genommen." "Ja, das stimmt wohl, und sie hat ihre Art, die Leute gelegentlich an der Nase herumzuführen ... auch so ein Charakterzug, den man nicht gleich entdeckt. Aber ich habe sie doch rasch durchschaut, und es war im Grunde meine Entscheidung, mich darauf einzulassen. Also kann ich sie nun schlechterdings nicht vor den Kopf stoßen und mich ihr verweigern, ohne daß ich mich selbst niederträchtig verhalten würde." "Ja, das sehe ich ein", stimmte ihr Zach zu, "aber seien Sie vorsichtig!"

Und dann tauchte plötzlich Joseph Fouché wieder auf, der Chef der Pariser Geheimpolizei, der offenbar das Umfeld der Murats argwöhnisch beäugte. Er besuchte auch Xaver von Zach (zufälligerweise zu einem Zeitpunkt, als Charlotte nicht im Haus war), und als Zach spätabends heimkam, war er ziemlich angetütelt, etwas, das die Herzogin noch nie an ihm erlebt hatte. Sie fragte, was passiert sei, und er entgegnete, ihm sei speiübel, er müsse sich hinlegen, er werde ihr morgen alles erzählen.

Nun hatte Fouché den Zach ins Wirtshaus eingeladen und geglaubt, ihm mit reichlich Wein, den er spendierte, die Zunge zu lösen und Näheres über das Verhältnis der Herzogin zu Caroline Murat herauszubekommen. Aber Zach war standhaft geblieben, der Wein hatte ihm nur auf den Magen, nicht aber auf den Geist geschlagen. Umgekehrt hatte sich Fouché verplappert (anscheinend war er froh gewesen, daß er jemanden gefunden hatte, der ihm zuhört).

Charlotte gab am nächsten Morgen dem Zach, als er wieder auf den Beinen war, einen Kräutertee zu trinken, und dann berichtete er ihr, was er von Fouché erfahren hatte. Napoleons Ehe mit Joséphine war nämlich keineswegs so einfach aufzulösen, wie sich der Kaiser das vorstellte und wie es auch nach Carolines Darstellung so rasch über die Bühne gehen sollte. Napoleon selbst hatte ein Gesetz erlassen, wonach den Angehörigen des kaiserlichen Hofs eine Scheidung untersagt war. Außerdem befand sich Joséphine bereits in einem Alter, in welchem nach dem Code Civil die Ehetrennung verboten war, selbst wenn es Einvernehmen darüber gäbe.

Niemand zweifelte daran, daß der Grund für die Scheidung in der Kinderlosigkeit lag und in der Befürchtung, Napoleon würde keinen legitimen Thronfolger bekommen. Er musste sich also schleunigst eine andere Frau suchen, bevor es zu spät wäre. Andererseits war die Ehe mit Joséphine nicht kirchlich, sondern vor einer zivilen Behörde getraut worden. Napoleon hatte nie einen Hehl aus seiner Aversion zum Katholizismus im Allgemeinen und zum Papst im Besonderen gemacht, und der Papst wiederum hatte es noch längst nicht verwunden, daß sich Napoleon seinerzeit eigenhändig zum Kaiser und Joséphine zur Kaiserin gekrönt hatte, was bis dahin allein dem römischen Oberhaupt vorbehalten gewesen war.

Nach katholischem Recht gab es keine Scheidung, und der Papst konnte sich weigern, die Ehe des Kaiserpaares überhaupt anzuerkennen. "Warum lässt man den Papst dann nicht einfach außen vor?", fragte Charlotte den Zach, und der meinte, das könnte damit zusammenhängen, daß man bereits eine Nachfolgerin für Joséphine gefunden habe, "Jemand aus katholischem Hause, für die keine andere als eine kirchliche Trauung in Frage kommt." "Ah, ich verstehe", sagte Charlotte, "und die Voraussetzung dafür wäre, daß der Papst der Scheidung der vorhergehenden Ehe zustimmt." "Welche aber nicht geschieden werden kann, weil sie gewissermaßen nie bestanden hat."

"Ein schönes Dilemma für die Bonapartes. Glauben Sie, daß Carolines Mission damit zu tun hat?", fragte Charlotte. "Möglicherweise. Es gibt da auch noch einen anderen Aspekt." "Welchen?" "Rein theoretisch hätte der älteste Murat Sohn ein Anrecht auf den Kaiserthron, wenn Carolines Bruder Napoleon ohne einen männlichen Nachkommen bliebe." "Der Achille?", rief Charlotte erstaunt, "Der reitet doch noch auf dem Schaukelpferd." Zach lachte, "Nun ja, es wäre nicht das erste Mal, daß ein Unmündiger den Thron besteigt, dann gibt es garantiert jemanden, der für ihn entscheidet, aber ob der jedermann in den Kram passt, ist fraglich. Immerhin ist Napoleon noch da und erfreut sich allem Anschein nach bester Gesundheit."

Sie mutmaßten beide noch eine Weile über die ganze Sache, und am Ende war Charlotte einigermaßen gespannt auf das nächste Treffen mit der Königin, welches nicht lange auf sich warten ließ. Charlotte stellte sich ahnungslos. Caroline rang mit sich selbst und mit ihren Händen angesichts dessen, was sie der Herzogin mitteilen wollte, sollte, könne und dürfte. Schließlich sagte sie geradeheraus: "Wir werden die betreffende Person an der Grenze empfangen!" Das klang beinahe verschwörerisch. Was hatte sie vor?

"Ist das die Mission?", fragte Charlotte. Die Königin machte "Pssst!" und legte den Finger auf die Lippen. Sie lief die ganze Zeit unruhig hin und her, als wäre eines ihrer geliebten Kinder verschwunden. Die waren alle vier wohlauf. Nur Murat war nirgends zu sehen! Caroline sagte "Mehr weiß ich auch noch nicht. Die Einzelheiten bekomme ich morgen. Seien Sie pünktlich zur Stelle!" Sie hielt inne und überlegte laut, "Vielleicht wäre es sogar am besten, sie schliefen bei mir ... ich meine, in meiner Nähe."

Charlotte versicherte "Ich werde gleich nach Sonnenaufgang hier sein." "Ja, gut. Nein! Sie müssen noch im Schutze der Dunkelheit hier eintreffen. Niemand darf Sie sehen. Ich schicke Ihnen eine Kutsche." Charlotte musste innerlich schmunzeln, sie sagte sehr bedeutsam "Nehmen Sie eine Kutsche ohne das königliche Wappen!" "Bitte? Ach so, ja, freilich. Das hätte ich beinahe nicht beachtet." Sie umarmte die Herzogin zum soundsovielten Male, "Ach, meine Teuerste, zusammen sind wir stark!"

Am Abend packte Charlotte erneut ihre Sachen. Die Königin hatte ihr nur vage sagen können, wie lange der Aufenthalt diesmal dauert, "Ich rechne mit drei oder vier Tagen für die ganze Aktion." Xaver von Zach meinte, es gebe eigentlich nur zwei Möglichkeiten, von denen die eine eher abwegig sei. "Entweder die Königin soll die neue Braut in Empfang nehmen, und es spricht einiges dafür, daß sie vom österreichischen Hof kommt, dann wäre die Grenze zu Bayern gemeint, das ja mit Frankreich freundschaftlich verbunden ist."

"Welches wäre die andere Möglichkeit?", wollte Charlotte wissen. "Nun ja", sagte Zach und zögerte einen Moment, "es klingt ungeheuerlich, aber bei diesen Leuten muss man auf alles gefasst sein: was wäre, wenn gewisse Kreise verhindern wollen, daß die neue Kaiserin in Paris ankommt?" Charlotte machte große Augen, Zach beeilte sich hinzuzufügen: "Wie gesagt, ich halte diesen Plan für wenig wahrscheinlich." Er bereute, dies überhaupt in Erwägung gezogen zu haben. "Soll ich nicht doch mitkommen? Ich könnte Sie von unauffälliger Stelle aus im Auge behalten und gegebenenfalls eingreifen." Charlotte strich ihm sanft übers Haar, "Mein lieber Zach, machen Sie jetzt keine Räuberposse daraus. Es wird mir nichts passieren. Halten Sie nur hier die Stellung. In ein paar Tagen bin ich zurück."

Sie kamen im Morgengrauen in einem verschlafenen Nest namens Braunau an, welches tatsächlich am Inn, dem Grenzfluss zwischen Österreich und Bayern lag. Auf den Wiesen vorm Ort stieg der Frühnebel auf. Sie machten Halt bei der Gastwirtschaft "Zum Grünen Kranz". Das Gebäude hatte nach hinten hinaus zwei annähernd gleich große Räume, die durch ein drittes Zimmer getrennt und zugleich miteinander verbunden waren. "Wir haben die rechte Seite", stellte Caroline sachlich fest, und Charlotte konnte sich denken, daß die linke für den hohen Gast vorbehalten war.

Am späten Nachmittag trafen die andern ein. Es war Marie Louise, die Tochter von Kaiser Franz von Österreich mit ihrem Gefolge. Sie kamen direkt aus Wien. In ihrer Begleitung befanden sich die Gräfin Lazansky und der Fürst Trautmannsdorf. Desweiteren drei Staatssekretäre, eine Abteilung der österreichisch ungarischen Leibgarde sowie einige Kammerfrauen Ihrer Durchlaucht. Das Personal war im nahegelegenen Waisenhaus untergebracht, das zu diesem Zweck vorübergehend von den Kindern verlassen worden war.

Caroline hatte kein Wort darüber verloren, wen ihr Bruder Napoleon außerdem hierher geschickt hatte, wohl weil sie es bis zuletzt selbst nicht wusste. Das waren insbesondere der Botschaftssekretär Graf von Laborde und der Fürst von Neuchatel. Es war klar, daß die Herren für den diplomatischen Akt zuständig waren, sich aber kaum der privaten Sphäre der Erzherzogin näherten.

Für ein kurzes Intermezzo waren die vier Frauen unter sich. Die Königin begrüßte Marie Louise mit ebenso freundlicher wie devoter Geste, was diese erwiderte; es schien, als wäre sie über Carolines Beisein ehrlich erfreut. Charlotte und die Gräfin Lazansky machten sich miteinander bekannt und traten dann hinter den beiden anderen zurück, ihre Blicke trafen sich hin und wieder und ein unverbindliches Lächeln huschte über ihre Gesichter. Caroline übermittelte die vorzüglichsten Grüße ihres Bruders (dieses eine Mal gebrauchte sie nicht das Wort Kaiser). Dann und wann zwischendurch fasste Caroline für eine Sekunde die Hand der Herzogin, und Charlotte fühlte, wie heiß und feucht sie war, sie bestärkte die Königin mit einem festen Gegendruck.

Die geplante Zeremonie war denkbar schlicht und orientierte sich an jener ähnlichen "Brautübergabe" der Marie Antoinette an den französischen König vierzig Jahre zuvor. (Der monarchistische Geist hatte wieder einmal über alle republikanischen Verirrungen triumphiert, und es schien ein bisschen so, als würde sich der alte Louis dafür Genugtuung verschaffen, daß man die vollgeschneuzten Schnupftücher schamlos in sein Blut getunkt hatte, als sein Kopf unter der Guillotine in den Korb kullerte.) In dem Mittelzimmer sollten die Urkunden unterzeichnet und ausgetauscht werden. Caroline würde danach die neue Kaiserin der Franzosen nach Paris geleiten.

In der Nacht gab es heftigen Lärm. Ein paar Vermummte drangen in das Quartier der Österreicher ein, die Wache gab sofort Alarm, die Schnellsten von der Leibgarde waren gleich zur Stelle, es gab ein Handgemenge, Schüsse fielen, Frauen kreischten auf, Charlotte kam gar nicht so rasch in ihre Pantoffeln, da waren die Eindringlinge schon in die Flucht geschlagen.

Es hieß, sie hätten es auf den Schmuck abgesehen, den Marie Louise mit sich führte, aber als überall illuminiert wurde, fand man eine der Kammerfrauen mit einer Stichwunde blutend am Boden liegen. Sie hatte sich in unmittelbarer Nähe der Erzherzogin aufgehalten, und für Charlotte sah es gar so aus, als habe sich die Bedienstete zur Abwehr vor ihre Herrin geworfen. Man schaffte das Opfer in ein entlegenes Zimmer und holte einen Arzt. Am Morgen war wieder alles ruhig.

In Paris war Charlotte für einen Tag mit sich allein. War es Zufall, als sie auf dem Boulevard der jungen polnischen Gräfin begegnete, die ihre Begleiterin beim früheren Aufenthalt gewesen war? Sie freuten sich beide über das Wiedersehen. Sie setzten sich in ein Café und plauderten miteinander. Irgendwann kam die Gräfin auf Genua zu sprechen, von dem Charlotte doch so "geschwärmt" hatte.

Eigentlich erwähnte sie eine traurige Begebenheit: ihre Schwester war früh verstorben, gerade einmal achtzehn Jahre jung. Sie hatte in Genua gelebt und war dort auf dem Cimitero di Staglieno beerdigt worden. Die Gräfin schilderte ihre geliebte Schwester in den anmutigsten Farben; demnach musste sie eine überaus reizende Person gewesen sein, voller Lebensfreude und auch voller "Sinnlichkeit", wie die Gräfin mit einem bewundernden Lächeln äußerte. Sie waren sich offenbar beide sehr ähnlich gewesen.

Dann beschrieb sie die Grabstätte auf dem Genueser Friedhof und jene Skulptur einer Frau, eher eines vollreifen Mädchens mit "berückend schöner" Figur, deren steinerne Oberfläche wie mit einem dünnen Tuch überzogen war, das sich eng und dicht "wie ein sanfter Windhauch" an ihren Körper schmiegt. Und wie sie in einer Mischung aus "Melancholie und stummer Verführung" über dem Grab wache. "Wann waren Sie das letzte Mal dort?", fragte Charlotte, und die Gräfin erwiderte "Oh, das mag über drei Jahre her sein. Ich hatte es immer mal wieder vor, sie zu besuchen, aber man kommt von Paris so schlecht los." Charlotte schwieg. Dann sagte die Gräfin "Wenn Sie wieder mal in Genua sind, sollten Sie nicht versäumen, dieses Grabmal zu besichtigen, es lohnt sich wirklich!" Und sie beschrieb Charlotte, wie es zu finden sei.

Xaver von Zach war begierig alles zu erfahren, und Charlotte erzählte anschaulich, was ihr widerfahren war. Natürlich hatte insbesondere die zukünftige Kaiserin Marie Louise großen Eindruck auf sie gemacht. Zach merkte an, daß sie eine Enkelin König Ferdinands sei, der nach wie vor auf Sizilien seine verlorengegangene Königsherrschaft beklagte. Marie Louises Mutter trug selbst den Titel einer Fürstin von Neapel. Napoleon war demnach eine Verbindung mit einem Sprössling seines Erzfeindes eingegangen, und viele sahen darin eine kluge politische Entscheidung, nicht zuletzt die Österreicher selbst, die so lange unter der Sieghaftigkeit Napoleons gelitten hatten.

Apropos Hochzeit: der Papst hatte sich umwerben lassen und eine Kommission hoher Kirchenräte eingesetzt, welche aufgrund gewisser formaler Fehler, die angeblich bei der Heirat mit Joséphine unterlaufen waren, die ganze Ehe für null und nichtig erklärten. Da sie also nie bestanden hatte, konnte sie auch nicht geschieden werden und Napoleon war ein unbefleckter Bräutigam. Niemand wusste, was der Papst sich seinen Segen kosten ließ.

Charlotte erhielt als Dankeschön für ihre Gefälligkeit eine Schatulle mit zwanzig Goldtalern, über welches Geschenk sie so verblüfft war, daß sie es im ersten Moment ablehnen wollte, es dann aber doch annahm, um die Bonapartes nicht zu brüskieren. Sie gab das Geld dem Zach, der seit geraumer Zeit (genaugesagt seit ihrer gemeinsamen Reise nach Genua) Geschäfte mit hochwertigen geodätischen und nautischen Instrumenten machte, für die eine Investition immer von Nutzen war.

Königin Caroline war seit ihrer Mission auffallend schweigsam geworden, sie zog sich manchmal tagelang in ihre Gemächer zurück, was vielleicht auch daran lag, daß Murat wieder zu Hause war. Irgendwann unternahmen die beiden Frauen einen Ausflug nach Caserta, um sich an den schmuckvollen Brunnen zu ergötzen. Aber Caroline redete auch da nicht viel, und als die Herzogin vorschlug, im angrenzenden Wald nach wilden Erdbeeren zu suchen, winkte sie bloß ab und murmelte "Ein andermal."

Von all' den Erlebnissen jener Tage kam Charlotte öfter die Unterhaltung mit der jungen polnischen Gräfin in den Sinn, die sie in dem Pariser Café führten. Sie stellte sich auch wieder und wieder jene weibliche Figur auf dem Grabmal vor, welche die Gräfin ihr beschrieben hatte, und sie wunderte sich im Nachhinein darüber, wie emphatisch und zugleich unprätentiös die junge Frau über den Tod sprach, ein Thema, das so ganz und gar nicht auf das quirlige Pariser Boulevard gehörte.

Die Gedanken der Herzogin kreisten immer häufiger um Genua, das sie aus der Nähe - fast noch mehr von hier, aus der Ferne, liebgewonnen hatte. Bald schon erfüllte sie eine echte Sehnsucht nach dieser Stadt. Sie ließ sich von einem Frankfurter Buchhändler ein Exemplar von Schiller's Die Verschwörung des Fiesco zu Genua schicken und vertiefte sich in die Lektüre.

Jedoch vermisste sie darin jene besondere Atmosphäre, jene Gemeinsamkeit aus erstorbener Leidenschaft, aus Verfall, und aus ewig junger Blüte, aus Wiedergeburt, wie sie Charlotte in manchen Momenten mit großer Befriedigung verspürt hatte. (Vielleicht war der Cimitero di Staglieno ein Ort in Genua, wo diese Atmosphäre jederzeit anzutreffen wäre.)

Freilich, der Fiesco war ein durch und durch politisches Stück, ein typischer Schiller eben, ein Freigeist mit einem notorischen Hang zur Gewalt als letztes Mittel der Wahl. Sie hatte ihn ja noch persönlich gekannt. Er war Gast auf Schloss Friedenstein gewesen, als er aus dem Dörfchen Bauerbach kam, wohin er sich aus seiner württembergischen Heimat geflüchtet hatte.

Ihr Gemahl, der selige Herzog Ernst war gerade auswärts unterwegs, und da war der Hofrat Schlehemich, der den Schiller empfing und der, wie sich schnell herausstellte, so gar nichts mit diesem "Wirrkopf" anzufangen wusste. Die Herzogin erfuhr erst verspätet von seiner Ankunft, dann kümmerte sie sich um ihn, der ihr ein Empfehlungsschreiben von einem entfernten Meininger Verwandten übergab.

Sie führten zwei, drei durchaus anregende Gespräche, Schiller sprühte vor Originalität, er fuchtelte beim Sprechen mit den Armen und schüttelte seine wilde Mähne, er nahm keine Rücksicht darauf, ob man seinen peinlichen schwäbischen Dialekt verstehen konnte. Er war auch voller Unruhe, und wenn er gewusst hätte, wohin er gehen sollte, dann wäre er anderntags wieder verschwunden.

Schließlich war er nach Jena weitergezogen, wo er dann bekanntlich eine Anstellung als Dozent an der Universität erhielt und wo er die beiden Lengefeld Schwestern kennenlernte. Nach Gotha war er nicht nochmal gekommen, hatte sich auch nicht bedankt für die Aufnahme. 'Na ja', dachte Charlotte, 'wir haben ihm im Grunde auch nur Kost und Logis gegeben, nicht viel mehr als einem fahrenden Sänger.' Dem Wein hat er damals schon zugesprochen und ist spätnachts noch über die Gänge gewandert, auf der Suche nach den Küchenmädchen. Die weimarische Erbherzogin Maria Pawlowna, so erinnerte sich Charlotte jetzt, hatte später einmal seine Auftritte in der Öffentlichkeit "taumelig" genannt, was heißen sollte, er musste ständig nach Halt suchen.

Wie sollte Schiller auch den einzigartigen Charakter Genuas in sein Stück miteinfließen lassen, wenn er niemals dort gewesen war! Das Schauspiel selbst fand Charlotte ein bisschen farblos und "konstruiert", und die einzige Lehre, die sie daraus ziehen konnte, war die Überzeugung, daß es in der Geschichte immer drunter und drüber geht, am Ende aber alles beim Alten bleibt. Denn wie sonst sollte man Fiesco's vergebliche Hoffnung deuten, mit welcher er seine Leonore beschwört, wenn er ruft: 'Lassen Sie Genua nur erst zwei Tage älter werden und urteilen Sie dann über alles!' 'Ja, Pustekuchen!', dachte Charlotte, 'Zwei Tage sind vergangen - und nichts ist gewonnen!'

Da war noch etwas anderes an Schiller's Drama, das sie störte. (Erläuternd sei gesagt, daß sowohl Zach als auch die Herzogin ihr eigenes Schlafzimmer hatten, mit jeweils einem Doppelbett. Aber sie schliefen die meisten Nächte des Jahres beieinander, mal bei ihr, mal bei ihm. Und nur wenn sie - was äußerst selten vorkam - sich gezankt hatten, zog sich jeder in sein "Gemach" zurück, um bald darauf wieder hervorzukommen, als sei nichts geschehen.)

"Erklären Sie mir doch mal, lieber Zach", sagte die Herzogin, als sie nebeneinander im Bett lagen und sie die Szene las, wo die Julia und die Leonore aufeinandertreffen, "was diese beiden Frauen da sprechen, ich verstehe ehrlichgesagt kein Wort davon." Sie las es ihm vor. LEONORA: Es ist mein Unglück, Signora, daß meine Laune mir das Vergnügen Ihrer Gegenwart schmälert. JULIA: Eine hässliche Unart ist das, die Sie schwerfällig und albern macht. Rasch! Lebhaft und witzig! Das ist der Weg nicht, Ihren Mann anzufesseln. LEONORE: Ich weiß nur einen, Gräfin. Lassen Sie den Ihrigen immer ein sympathetisches Mittel bleiben.

Charlotte wiederholte: "Lassen Sie den Ihrigen immer ein sympathetisches Mittel bleiben. Also entweder ich bin zu doof, um zu begreifen, was das heißen soll, oder ..." "Nein, das ist wirklich ziemlich unverständlich", gab ihr Zach recht. "Und so geht das andauernd. Es liest sich wie eine stümperhafte Übersetzung aus dem ... was weiß ich ... aus dem Chinesischen." Zach lachte, "Geben Sie's auf, meine Liebe. Schenken Sie es der Lesehalle im Camadoli Park, vielleicht findet sich jemand, der es besser versteht."

Sie gingen auch oft in die Oper, da war es nicht so schlimm, wenn man den Text nicht mitverfolgen konnte, die Musik und der Gesang für sich waren Genuss genug. Im Teatro San Carlo gab es Rossini's Othello, man kannte die Handlung, und so konnte man sich ganz der Aufführung mit ihren zauberhaften Kostümen und Kulissen hingeben. Das Königspaar ließ sich manchmal in der Loge ihrer Majestät blicken. Murat schien gealtert zu sein und auch deutlich langsamer in seinen Bewegungen; man munkelte etwas von einer Verletzung, die er sich in einer von Napoleons Schlachten zugezogen habe und die ihm immer wieder Beschwerden bereite. Aber seine Miene strotzte vor Entschlossenheit und mit seinem feurigen Blick jagte er noch jedem seiner Feinde Angst und Schrecken ein.

Caroline hielt sich meist mit einem großen, dunkelblau schimmernden Fächer halbbedeckt. Sie war ein wenig fülliger geworden. Sie hatte seit einiger Zeit eine andere Frisur, nicht mehr so aufwändig und verspielt, sondern mit einem strengen, fast züchtigen Zug. Sie trug auch weniger Schmuck, ganz so, als wollte sie die neugierigen Gaffer absichtlich enttäuschen. Sie winkte Charlotte mit zwei Fingern zu, als sie bemerkte, daß diese zu ihr herüber sah.

Es waren schon lange keine Briefchen mehr gekommen. Und Charlotte traute sich ehrlichgesagt nicht, die Königin zu besuchen, wenn dies offensichtlich nicht erwünscht war. Zach meinte einmal, er habe Caroline heute vom Fenster des Observatoriums im Garten auf dem Capo di Monte spazierengehen sehen, mit ihren vier Kindern und einer Gouvernante, der Miss Davies, die aus England stammte und eigentlich viel zu attraktiv war. Ungeachtet des Hasses, den Carolines Bruder Napoleon auf die Engländer hegte, hatte sie sich immer jegliche Kritik an ihrem Kindermädchen verbeten. Es gab ein paar Gerüchte um sie: Joseph Fouché halte sie für eine Spionin in britischen Diensten, und Murat, der König, habe ein Verhältnis mit ihr. Vielleicht stimmte beides sogar. Aber Caroline ließ das anscheinend kalt. Sie hatte immer schon, dachte Charlotte, nichts gegen Spekulationen, die ihr selbst etwas Fragwürdiges gaben.

Eines Abends im Theater geschah ein Unglück. Im Zuschauerraum breiteten sich Rauch und ein brenzliger Geruch aus. Jemand rief: "Feuer!", und die Leute versuchten in panischer Angst aus dem Saal zu entkommen. Es kam zu Rangeleien und zu Stürzen, fünf Personen wurden, wie am nächsten Morgen in der Zeitung zu lesen war, tödlich verletzt, zwei weitere immer noch vermisst.

Xaver von Zach hatte geistesgegenwärtig gehandelt und war mit Charlotte über einen Notausgang ins Freie geflüchtet; er sagte dann, er habe in der ersten Pause, während Charlotte auf der Toilette war, den Plan studiert, der da an der Wand hing. Charlotte zitterte noch zu Hause vor Schreck, und erst nach drei Gläsern Portwein konnte sie sich beruhigen. "Sie haben mir das Leben gerettet!", stammelte sie unentwegt vor sich hin, und Zach war natürlich selbst erleichtert, daß ihnen nichts passiert war.

Der Vorfall quälte die Herzogin noch nächtelang in ihren Träumen. Manchmal schreckte sie schweißgebadet auf oder rief im Schlaf (wie Zach ihr dann verriet) nach Hilfe. Sie wusste selbst nicht recht, wieso es sie so heftig mitgenommen hatte. Irgendwann sagte sie zu ihm "Vielleicht war das ein böses Omen." "Wofür?", fragte Zach und sah in ihr verstörtes Gesicht. "Daß unsere Zeit in Neapel bald abgelaufen ist." Zach wollte etwas darauf erwidern, aber er schwieg, und Charlotte legte ihre Hand auf seinen Arm und sagte "Ich bin so froh, daß Sie bei mir sind."

Charlotte erholte sich wieder und sie schoben es beide auf eine nervöse Attacke, sie zogen sogar eine Lebensmittel Vergiftung in Erwägung. Aber es blieb zumindest bei Charlotte ein ungutes Gefühl zurück und die Furcht, daß sich Ähnliches unversehens wiederholen könnte. Zach versuchte, sie allenthalben aufzumuntern, doch er musste feststellen, daß sie ihre frühere Unbekümmertheit vermissen ließ.

Die Kaiserin Marie Louise hatte ihrem Gemahl einen Thronfolger geschenkt, aber Napoleon wurde dadurch kein Familienvater. Im Gegenteil, es schien, daß er, nachdem das Fortleben seines Geschlechts gesichert war, alle die großen Visionen in die Tat umsetzen wollte, die ihm schon seit Jahren vorschwebten. Und dazu gehörte eine, die ihm zweifellos der Teufel selbst eingeblasen hatte, nämlich das mächtige Russische Reich zu erobern und sich untertan zu machen!

Seine Grande Armée lieferte sich mit den Preußen im polnischen Hinterland ein paar Scharmützel, um sich den Weg nach Osten freizumachen. Napoleon schloss mit dem Zar Alexander sogar einen Friedensvertrag. Aber das war nur eine taktische Maßnahme des Franzosen. Der Zar wähnte sich in Sicherheit, er zog seine Truppen zurück, und als Napoleon zum Angriff überging, war es ein Leichtes, die versprengten Russen vor sich her zu treiben.

Die Grande Armée marschierte bis Moskau, der Traum Napoleons schien sich zu erfüllen. Nur Stunden bevor der Imperator im Kreml, der alten Festung der Moskowiter, ankam, erfasste ein verheerender Brand die Stadt; niemand konnte genau sagen, wer das Feuer gelegt hatte, wahrscheinlich die Russen selbst. General Kutusow verließ mit seinen Soldaten die Stellung und versuchte, dem Feind in den Rücken zu fallen.

Zwar hatte Napoleon sein Ziel erreicht, aber er wusste nicht weiter. Moskau zu erobern war das Eine, aber Russland gehörte ihm damit noch lange nicht. Und er hatte sich maßlos überschätzt. Seine Soldaten waren erschöpft, der Nachschub abgebrochen, die Moral war im Arsch. Dann brach der russische Winter herein, er gab ihnen den Rest. Napoleon befahl den Rückmarsch, er kostete zig tausenden seiner Soldaten das Leben, sie verhungerten, erfroren oder krepierten vor Schwäche. Als die "Grande Armée" in Paris ankam, war sie nur noch ein klägliches Häuflein.

Das war der Anfang vom Ende Napoleons. Man setzte ihm von allen Seiten zu, er verlor einen Kampf nach dem andern. General Wellesly, der Duke of Wellington, besiegte ihn bei Waterloo; ein vereinigtes Heer, an dem auch die Österreicher, also sein eigener Schwiegervater, beteiligt waren, schlugen ihn auf dem Feld bei Leipzig in einer der größten Schlachten der Geschichte.

Und was geschah in Neapel? König Murat hatte natürlich in vorderster Front am Russland Feldzug teilgenommen, und er hatte auch danach seinem Herrn treu und tapfer zur Seite gestanden. Als sich die Berichte von den Niederlagen Napoleons häuften, brachen bei Charlotte die alten Ängste wieder hervor, und Xaver von Zach, der auch im übertragenen Sinn ein weitsichtiger Mann war, fing an, Vorsorge zu treffen, falls sich die Lage in Neapel zuspitzen sollte. Auf dem Capo di Monte begegnete er zufällig Joseph Fouché, der in großer Eile war. Er hielt ihn am Ärmel fest und fragte, was zu befürchten wäre. "Rechnen Sie mit dem Schlimmsten", erwiderte Fouché, machte sich los und lief davon.

Obwohl sie sich kaum noch aus dem Haus traute, raffte sich Charlotte auf, um ein letztes Mal zur Königin zu gehen. Sie war beim Packen. "Was haben Sie vor?", fragte Charlotte. "Ich verlasse diesen Ort." "Ist Murat da?" "Nein." "Und Ihre Kinder?" "Kommen selbstverständlich mit", erwiderte Caroline und warf der Herzogin einen ungläubigen Blick zu, "Wie sehen Sie denn aus?", stellte sie überrascht fest, "Geht es Ihnen gut?" "Ich habe in letzter Zeit schlecht geschlafen." Die Königin stieß einen Lacher aus. "Ha! Und ich erst!" "Wohin gehen Sie?" "Das darf ich nicht sagen." "Ich verstehe, entschuldigen Sie, daß ich gefragt habe." "Sie wären die Einzige, die es erfahren dürfte ... aber ich kann nicht." "Ich will es gar nicht wissen."

Da warf sich Caroline plötzlich an ihren Hals, "Ich danke Ihnen für alles! Ich hoffe, ich habe Sie nicht zu sehr strapaziert. Wenn doch, dann kann ich es jetzt leider nicht mehr wiedergutmachen." "Ich war immer gern bei Ihnen", versicherte Charlotte. "Na dann bin ich zumindest in dem Punkt beruhigt. Hören Sie, meine Teuerste, sobald ich kann, werde ich Ihnen schreiben." "Gut. Aber ich weiß nicht, ob wir dann noch hier sind." "Ja, besser, Sie gehen auch, bevor es Ihnen und dem guten Zach an den Kragen geht." Charlotte erschrak, "Meinen Sie denn, daß ..." "Ich habe keine Ahnung, was demnächst hier passieren wird, ich weiß nur, daß ich es nicht miterleben möchte."

Dann besann sie sich, "Warten Sie mal, Charlotte, ich habe noch was für Sie." Sie holte aus dem Schrank einen kleinen Gegenstand und gab ihn ihr, aber Charlotte zuckte davor zurück, "Was ist das?" "Eine versteinerte Kinderhand. Man hat sie in Pompeji in der Asche gefunden, es ist wahrscheinlich die Hand eines Jungen, er ist unter der glühenden Asche lebendig begraben worden."

Charlotte zögerte, das Stück anzufassen, Caroline fügte hinzu "Mir war bei dem Anblick immer so, als würde dieses Kind seine Hand nach mir ausstrecken." "Ja", sagte Charlotte vorsichtig, "sieht ganz so aus." "Sie wollen sie nicht", stellte Caroline fest. "Ich weiß nicht, es ist mir zu ... mysteriös." "Sie haben recht. Vielleicht bringt sie sogar Unglück, ich habe es bloß nicht gemerkt. Ich werde sie hierlassen, so wie alles andere auch."

Sie legte sie achtlos beiseite, dann sagte sie "Ich muss Sie jetzt leider bitten zu gehen, ich habe noch so viel zu tun und die Zeit läuft mir davon." "Ja, natürlich. Leben Sie wohl!", sagte Charlotte und machte eine Verbeugung. "Na, so doch nicht!", rief Caroline, umarmte und drückte sie innig und gab ihr zuletzt einen Kuss auf die Wange, "Es war mir ein Vergnügen, Sie kennengelernt zu haben!" "Mir auch", erwiderte Charlotte und küsste sie ebenfalls. (Die Sache mit der Kinderhand hatte bei Charlotte noch ein weiteres echt Bonapartisches Rätsel hinterlassen.)

Die Königin und ihre Kinder, Miss Davies und eine Handvoll Bedienstete waren zwei Tage später nicht mehr da. Von Murat hieß es, er verhandele mit dem Feind, um das drohende Unheil noch abzuwenden. König Ferdinands Truppen rückten, von den Österreichern unterstützt, gegen Neapel vor. In der Stadt probten die Lazzaroni schon mal den Aufstand. Überall knallte und rumste es wie weiland zu des Malers Tischbein Zeiten, nur daß die Geschütze jetzt um einiges größer und ihre Wirkungen noch zerstörerischer waren.

Glücklicherweise, dachte Jakob Hausmann jetzt, da er sich an jene Tage erinnerte, trafen er und der Bernhard von Lindenau auf dem Hügel bei den ersten Häusern einen alten Mann, der so aussah, als würde er auf die Fremden warten, um sich ihnen anzubieten. Ob er, fragte der Lindenau ihn, sie gegen Bezahlung hinunter in die Stadt und bis in die Via San Severino, in der Nähe der Piazza Portanova, führen könne, ohne daß sie dabei zu Schaden kämen. "Con il più grande piacere", sagte der Alte und grinste mit zahnlosem Mund. Er lotste sie durch etliche verdreckte Gassen und vorbei an sturmreif geschossenen Barrikaden, wo noch dicker Pulverqualm in der Luft hing und ein paar blutüberströmte Leichen herumlagen; sie durchquerten Häuser und Hinterhöfe und zwei-, dreimal mussten sie in Deckung gehen, als sie in einen Schusswechsel gerieten. Auf einem Platz mit einem Brunnen hatte sich eine Menschenmenge versammelt, viele Männer trugen Gewehre über den Schultern, andere schwenkten Fahnen über ihren Köpfen, gerade kletterte ein Lazzaroni auf den Sockel einer Brunnenfigur und verkündete laut, daß König Murat vor zwei Stunden von einem Erschießungskommando hingerichtet worden war. Ungeheurer Jubel brach aus, die Männer feuerten Salven in die Luft, andere schrien aus Leibeskräften: "Nieder mit Napoleon! Es lebe König Ferdinand!" Und auf einmal versank alles im Siegestaumel.

* * * * *

Der Herr und die Dame kamen am frühen Nachmittag in dem kleinen Ort Sankt Wendelin an, der an dem Flüsschen Bliese lag und von den drei Hügeln namens Schaumberg, Rosenberg und Spiller umgeben war. Vom Rosenberg aus konnte man nach den Gemeinden Gensbach und Rangsdorf blicken; vom Schaumberg nach Oberlinxhausen und nach Saal; vom Spiller nach Niederlinxhausen und über die Auen, durch welche die Bliese nach Südwesten entschwand.

Sankt Wendelin war nach dem gleichnamigen Heiligen benannt und gehörte zu einem Fürstentum Lichtenberg, welches dem Herzog Karl Anton von Sachsen Coburg Saalfeld nach dem Ende der Napoleonischen Kriege auf dem Wiener Kongress übereignet worden war; eine Exklave, die fast dreihundert deutsche Meilen von Coburg entfernt lag. Warum die einstige Prinzessin Luise, die Tochter des Gothaer Herzogs August, jetzt hier zuhause war, darüber soll gleich noch berichtet werden.

Luise lauerte schon den halben Tag lang auf der Freitreppe des Herrenhauses, um die Ankömmlinge zu begrüßen. Bei ihr waren die Hunde Fritz und Gustel, zwei Promenaden Mischungen, die Luise aus dem örtlichen Tierheim abgeholt und bei sich aufgenommen hatte. Als die Kutsche auf den Hof fuhr, lief sie die Treppe hinab und begrüßte die Gäste, die Hunde sprangen ausgelassen drumherum.

"Herzlich willkommen, Onkel Friedrich! Ich freu' mich so sehr, daß du gekommen bist." Er erwiderte ihre Küsschen, dann stellte er seine Begleiterin vor, "Anna von Waldau war so freundlich, mich zu begleiten." Luise rief "Na, ich weiß doch längst Bescheid! Du hast es ja geschrieben und angekündigt." Sie fiel der Waldau um den Hals, "Ich hab' immer so viel von Ihnen gehört ... daß Sie mit meiner Mutter zusammen auf Reisen waren und daß sie meinem lieben Onkel den Hals verdreht haben ... oh, verzeihen Sie, Anna, ich bin immer so offen, ich hoffe, Sie nehmen es mir nicht übel ..." Die Waldau lachte, "Das ist alles schon so lange her, daß man sich gern daran erinnert fühlt."

"Ah, umso besser, dann können Sie mir das alles mal erzählen! Jetzt kommt erstmal herein und stärkt euch, bestimmt seid ihr völlig verdurstet und ausgehungert." Drinnen rief sie: "Otto! Schaffst du bitte das Gepäck von unsern Gästen ins Haus!" Sie horchte auf Antwort, die kam etwas verspätet, "Jawohl, Frau Gräfin!" und klang ein bisschen so, als würde er vor den Fremden die Förmlichkeit wahren.

"Wo ist Alexander?", erkundigte sich Friedrich nach Luises Gemahl. "Oh, er war bis Mittag hier und hat mit mir gewartet. Sie erweitern grade den Reitstall unten im Ort; die Leute, die das beim letzten Mal gemacht haben, sind nicht mehr da, und jetzt die ... na ja, Alex sagt, denen muss man dauernd auf die Finger schauen. Deshalb ist er dort. Aber er hat versprochen, so schnell wie möglich wiederzukommen."

Sie nahmen Platz auf der Veranda an der Rückseite des Hauses, von der man den ganzen Garten überblicken konnte. Es standen da weiße Korbstühle mit bunt bestickten Kissen, ein helles Tuch war über den Tisch gezogen und in der Mitte prangte ein Krug mit einem üppigen Blumenstrauß. Im Garten waren ein Mann und eine Frau zugange, "Das sind die Hobmeiers, sozusagen unsere 'Hausgärtner', ein ganz fleißiges Pärchen. Hallo, Herr Hobmeier!", rief Luise hinüber, "wir haben Besuch!"

Der Mann, der gerade dabei war, die Tomatenstauden zu richten, erhob sich kurz und winkte zurück, Luise sagte "Seine Frau ist stocktaub, von Geburt an, ach das muss schrecklich sein, wenn man nicht mal die Vögel zwitschern hört." "Wohnen sie hier auf dem Gelände?", wollte Friedrich wissen. "Ach wo, sie kommen aus Lengenwang, der Hobmeier hatte früher eine richtige Gärtnerei, aber dann ist eines Frühjahrs die Bliese über die Ufer getreten und hat bei ihm alles Land unter gemacht, und das war für ihn finanziell dann ... Gott, ich quassel hier so 'rum und es steht noch nicht mal der Kaffee auf dem Tisch!" Anna sagte "Soll ich was machen?" "Ach wo! Ich hab' doch ...", sie klatschte in die Hände und rief ins Haus hinein: "Reeesi! Du kannst jetzt kommen! Ich hab' doch eine ganz neue Errungenschaft, extra aus Anlass eures Besuchs!" "Was denn?" "Einen Servierwagen. Reeesi!"

In der Terrassentür erschien ein Diener mit weißem Haar im Frack und mit weißen Handschuhen, er schob einen Wagen mit Geschirr und Besteck auf der unteren, und mit einer Kaffeekanne aus Porzellan und einer prächtigen Sahnetorte auf der oberen Ebene vor sich her. "Wo ist denn Resi?" "Mit Verlaub, Frau Gräfin, die Resi schämt sich noch." "Ach, wozu denn!", sagte Luise und war ein bisschen enttäuscht, "Hm. Na dann ... hast du denn das Gepäck von den Herrschaften schon hereingebracht, Otto?" "Ja, Frau Gräfin."

"Gut. Dann werden wir mal zuerst das Geschirr ... ach das ist ärgerlich, daß die Resi jetzt nicht zur Stelle ist, ich bin mit ihr alles hundertmal durchgegangen ..." "Das ist doch nicht weiter schlimm", sagte die Waldau und sprang auf, um ihr behilflich zu sein. Auch Friedrich fasste mit zu, und im Nu war der Tisch gedeckt, Friedrich sagte "Dieser Servierwagen erspart einem wirklich manchen Weg!", und es entging ihm nicht, daß Luise sich eine Träne aus dem Augenwinkel wischte, weil diese Begrüßung nicht ganz so verlaufen war, wie sie es geplant hatte.

"Was ist denn mit der Resi?" "Ach, eine dumme Geschichte. Gestern kam sie mit einem blauen Auge an." Otto sagte "Vielleicht, Frau Gräfin, sollte man es lieber als Veilchen bezeichnen." "Na ja, Veilchen, blaues Auge, ganz einerlei." "Wie ist das denn passiert?" "Das hat sie von ihrem Mann verpasst bekommen." "Ein ganz übler Bursche", sagte Otto und fügte an Friedrich gewandt hinzu "Sie sollten nicht denken, Euer Durchlaucht, daß wir dergleichen Kerle hier zuhauf hätten." Luise sagte energisch "Ich habe ihm gedroht, daß wenn er sich nochmal an ihr vergreift, wir dafür sorgen, daß er dafür bestraft wird, nach allen Regeln des Rechts!" "Er ist ein Süffel", erklärte Otto, "ich habe ihm schon zigmal ins Gewissen geredet, er soll mit der Süffelei aufhören, aber vergebens!" "Lass' nur gutsein, Otto, du kannst ja nichts dafür, daß er dein Neffe ist." "Stiefneffe genaugesagt", stellte Otto klar.

"Wie auch immer", rief Luise, "jetzt wollen wir mal einschenken, bevor der Kaffee kalt wird, Sie trinken doch Kaffee, Frau von Waldau?" "Ja, gern." "Und ein Stück Sahnetorte können Sie auch vertragen, oder?" "Oh ja, die sieht so lecker aus." "Leider muss ich gestehen, daß nicht ich sie gebacken habe. Wir lassen solche Spezereien immer aus Oberlinxhausen liefern, da gibt es einen phantastischen Zuckerbäcker, der macht alles für Hochzeiten und so weiter, der ist für Wochen im voraus ausgebucht." "Der muss ja wirklich gut sein." "Mmmhhh, die schmeckt wunderbar!" "Frau Gräfin", flüsterte Otto, "darf ich jetzt die Handschuhe wieder ausziehen?" "Ja, klar doch. Und nimm dir auch ein Stück."

Man konnte sehen, daß Luise schon lange auf der Zunge lag, was sie jetzt zu ihrem Onkel sagte, "Ich wäre wirklich zu Papa's Beerdigung gekommen, wenn ich es nur irgendmöglich hätte einrichten können." "Das weiß ich, Luise." Sie schwiegen, und man hörte die silbernen Kuchengäbelchen auf den Tellern klingen; die Hunde stierten nach einem süßen Krumen. "Und ist er jetzt auf der kleinen Insel begraben?" "Ja. Neben unserm Vater und den beiden Brüdern." Sie sagte "Ich habe das alles so unterschrieben, wie mein Anwalt, der Doktor Strassburger, es mir nahegelegt hat." "Ich weiß. Es war alles korrekt."

In diesem Moment war es so, als würden Friedrich und seine Nichte die ganze Angelegenheit noch vertiefen können, aber es stand beiden nicht der Sinn danach und sie waren froh, als Otto fragte "Auf einer Insel, sagten Sie? Das ist bestimmt ein sehr schönes Grabmal." "Ein ganz schlichtes. Unser Vater war Freimaurer, die entscheiden sich bekanntlich für eine Bestattung in unbefriedeter Erde."

Die Waldau räusperte sich, was bedeuten sollte: 'Können wir von etwas anderem reden?' Luise fragte Otto "Wo ist Resi grade?" "Auf ihrem Zimmer." Sie erhob sich und rief "Teresa! Komm' 'runter, es gibt feine Torte! Gleich ist nichts mehr da." Tatsächlich erschien Teresa fünf Minuten später im hübschen Blümchenkleid auf der Terrasse, das blaue Auge war von Puder überschminkt.

"Da bist du ja! Setz' dich zu uns." Friedrich war aus Höflichkeit aufgestanden, Otto war verlegen, dann schoss er ebenfalls in die Höhe. Teresa machte einen artigen Knicks vor dem Besuch. Luise rief "Was für ein entzückendes Kleid du trägst!" "Das haben mir Frau Gräfin doch selbst gekauft", erwiderte Teresa bescheiden, und Friedrich und die Waldau bemerkten, daß dies ebenfalls zu Luises Vorbereitungen auf ihren Empfang gehörte.

Sie plauderten über dies und das, und man vermied tunlichst, irgendetwas zu erwähnen, das einen Bezug zu Teresas "Schönheitsfehler" haben könnte. Dann erschien Luises Gemahl Alexander. Er war groß und schlank und hatte ein angenehmes Gesicht mit freundlichen Zügen, ohne Stolz und Dünkel. Er trug noch seine Reiterkluft (nur die Stiefel hatte er gegen andere getauscht), er gab zuerst der Waldau über den Tisch hinweg die Hand, dann Friedrich; Otto und Teresa begrüßte er mit einem Kopfnicken, dann ging er zu Luise und küsste sie auf die Stirn, er sagte "Tut mir leid, daß ich euch warten ließ, aber es gibt im Reitstall alle Hände voll zu tun." "Das macht doch nichts", sagte Friedrich, "wir wollen ja nicht gleich wieder weg."

Alexander setzte sich, Teresa schenkte ihm Kaffee ein und schob ein Stück Torte auf seinen Teller, er bedankte sich, dann fragte er "Und, habt ihr leicht hergefunden?" "Ohne Probleme. Aber es ist doch eine ordentliche Strecke von Gotha hierher, und die gute Anna musste ja auch erst aus Altenburg anreisen." Luise schaute die Waldau an, "Heißt das, Sie wohnen noch in Altenburg?" "Nach wie vor", erwiderte die Waldau leichthin. Obwohl bereits Ende vierzig, war sie immer noch sehr attraktiv und hatte sich alles Jugendliche lange bewahrt. Luise rätselte die ganze Zeit (eigentlich schon seit Friedrichs Ankündigung), was für eine Beziehung zwischen ihm und ihr bestand, aber sie wollte natürlich nicht neugierig erscheinen, und die beiläufige Bemerkung von vorhin über eine lange zurückliegende Affäre (wenn es sie denn überhaupt gegeben hatte) war nur ein kleiner unscheinbarer Vorstoß gewesen. Wenn Luise mehr erfahren wollte, musste sie wohl solange warten, bis sie mit Friedrich allein wäre, um ihn auszufragen - aber dafür würde sie schon sorgen.

Während sich die Waldau etwas frisch machen wollte, schlug Alexander dem Friedrich vor, ihm das Anwesen mit dem Hof zu zeigen, was Friedrich, der sich nach Bewegung sehnte, gern annahm. Luise und Teresa räumten den Tisch ab, und Luise sagte, sie werde inzwischen die Tafel fürs Abendessen vorbereiten. "Mach' nur nicht so viele Umstände", bat Friedrich sie. "Ach wo! Nur was Kleines. So opulent leben wir hier ohnehin nicht."

Die beiden Männer schlenderten erst nach vorn um das Herrenhaus herum und Alexander erklärte, daß es das ehemalige Amtshaus von Sankt Wendelin gewesen sei, und daß ganz früher hier schon einmal ein Grafenhaus gestanden haben soll, das durch eine Brandkatastrophe völlig zerstört wurde. "Es gibt an der Seite noch ein kleines Gewölbe unterm Haus, da haben wir ein paar Flaschen Wein gelagert, immer gleichbleibend kühl da unten." Friedrich fand die beiden Linden an der Einfahrt imposant. "Ja, die mögen ihre zweihundert Lenze auf dem Buckel haben, und sie duften immer noch jedes Jahr wie neu, aber sie nehmen uns auch die Sicht oben vom Balkon aus."

Er wies auf die Nebengebäude, wo sich unter anderem ein kleiner Wirtschaftshof befand. "Luise liebt die Tiere", sagte Alexander, "oft füttert sie die Hühner und die Kaninchen und sie hat sogar schon mitgeholfen, als ein Lämmchen geboren wurde, ich glaube, sie hätte es am liebsten mit ins Bett genommen", lachte er, und Friedrich sagte "Zu Hause in Gotha hatten wir gar nichts dergleichen. Aber ich erinnere mich, daß ich mit Luise ein paarmal zum Zach auf die Sternwarte gewandert bin, da war sie ungefähr vier oder fünf, da brauchten wir zwei Stunden bis hin, weil sie am Wegesrand Weinbergschnecken und die großen Laufkäfer und die Vögel, die sich für einen Augenblick auf den Zweigen der Sträucher niedergelassen hatten, genau betrachten musste.

Und später waren wir mal auf dem Kranberg unterwegs, da haben wir uns glatt verlaufen und sind in eine Bande von Räubern 'reingeraten - aber es ist alles gut ausgegangen, nur ihre Perlenkette hat Luise dabei eingebüßt." "Haben die Räuber sie behalten?" "Nein, nein", sagte Friedrich und wurde für einen Moment nachdenklich, "es war eigentlich meine Schuld. Ich habe gesagt, sie soll sie schnell abmachen und selber danach gegriffen, da ist sie zerrissen und die Perlen sind alle zwischen das Laub gefallen. Es waren Flussmuschel Perlen, ich hatte die Kette ihrer Mutter zur Hochzeit geschenkt." "Ach herrje!", nahm Alexander Anteil an dem Malheur, "Bei mir ist auch schon Manches verlorengegangen, dem ich manchmal noch nachtrauere."

Sie durchquerten den Garten (Herr und Frau Hobmeier hatten schon Feierabend gemacht) und gingen bis nach hinten, wo sich eine Obstbaumwiese anschloss. Von hier konnte man einen Blick auf die eine Hälfte von Sankt Wendelin werfen und man sah auch an ein paar Stellen die Bliese zwischen den Bäumen am Ufer hindurchschimmern.

"Und, lieber Onkel", fragte Alexander und legte ihm die Hand auf die Schulter, "wie fühlt man sich als Herzog auf seine alten Tage?" (Alexander war dreißig Jahre jünger als Friedrich, er war sogar etwas jünger als Luise, aber er hatte das eher spaßig gemeint.) Friedrich erwiderte "Ich wollte dieses Amt nie antreten, aber ich habe doch immer damit gerechnet." "War dein Bruder ... du hast doch nichts dagegen, daß wir uns duzen?" "Nein. Aber dann sollten wir nachträglich auf unsere Brüderschaft trinken." "Mit Vergnügen. Ich habe schon einen ausgezeichneten Moselwein besorgt."

"Ob mein Bruder August krank war, wolltest du wissen." "Ja. Luise hat eigentlich nie etwas Diesbezügliches erwähnt." "Nein, er war nicht krank in dem Sinne, daß die Ärzte an ihm herumdoktern mussten, er war sowieso zeitlebens ein Feind und Ignorant aller medizinischen 'Angriffe', wie er es nannte. Aber er war in den letzten vier, fünf Jahren sehr in sich gekehrt und man hatte den Eindruck, er habe alle Lust am Leben verloren. Das war übrigens bei unserm Vater ganz ähnlich und man hatte auch bei ihm über die wahren Gründe nur mutmaßen können." "Hm", machte Alexander und fragte sehr zurückhaltend: "kann es auch sein, daß ihn die Sache mit Luise zu sehr mitgenommen hatte?"

Friedrich sagte "Ich bin froh, daß du das selber ansprichst, denn ich hätte es aus Rücksicht nicht getan. Ja, das war wohl so. Aber eines steht fest: er hat niemals einen Groll auf Luise gehegt oder wäre mit irgendeiner Entscheidung, die sie getroffen hat, nicht einverstanden gewesen, und das gilt auch für seine Meinung über dich, auch wenn er dich nicht persönlich kannte. Ich habe ihn nie ein schlechtes Wort über euch beide äußern hören." Alexander sagte "Das ist mir sehr wichtig zu erfahren und es bedeutet mir viel." "Und mir war es wichtig, euch das persönlich mitzuteilen."

Abends saßen Friedrich und die Waldau noch in seinem Zimmer beisammen und redeten miteinander, da klopfte es an die Tür, es war Luise, "Oh, ich ahnte nicht, daß ... ich habe das andere Zimmer für Sie herrichten lassen, Anna ... ???" "Ja, vielen Dank, ich ziehe mich dann dorthin zurück. Ich wollte mich nur noch einen Moment mit Friedrich unterhalten." "Aber natürlich!", rief Luise und klapste sich vor die Stirn, "Was bin ich töricht! Es geht mich überhaupt nichts an, wo Sie sich gerade aufhalten. Entschuldigt beide!" Sie wollte die Tür schließen, Friedrich sagte "Bitte, Luise, komm' nur herein, wir haben doch nichts zu verbergen", und die Waldau lächelte sie an. "Ja, wenn das so ist", sagte Luise, "ich habe nämlich noch etwas, das ich dich fragen wollte, Onkel Friedrich." "Nur zu!" "Sag' mal, wie geht es eigentlich der Großmutter Charlotte? Ich habe so lange nichts mehr von ihr gehört."

Da berichtete ihr Friedrich, wie seinerzeit der Bernhard von Lindenau und der Jakob Hausmann nach Neapel gereist waren, weil die Herzogin Charlotte sie in höchster Not hergebeten hatte, damit sie ihr Testament aufsetzen konnten. Das war, als dort die zurückkehrenden Soldaten König Ferdinands und die gewalttätigen Lazzaroni anfingen, die Freunde der Murats (oder wen sie dafür hielten) aus den Häusern zu zerren und auf offener Straße zu lynchen. Der treffliche Xaver von Zach hatte bereits Vorsorge getroffen, und als der Lindenau und der Hausmann eintrafen, fanden sie die Herzogin auf gepackten Koffern. Aber sie wussten keineswegs, wie sie aus der Stadt gelangen sollten.

Charlotte schrieb mit zitternder Hand ihren letzten Willen (sie hatte alles schon im Kopf vorgefasst), setzte ihre Unterschrift darunter und übergab es den beiden Männern. Jakob Hausmann erinnerte sich noch gut an die Szene. Charlotte war danach sehr erleichtert, eine schwere Sorge war von ihr abgefallen. Das Zimmer, in dem sie saßen, war gänzlich leergeräumt, nur ihr Gepäck lag griffbereit in der Mitte. Draußen war derweil die Hölle los, es krachte und pfiff ununterbrochen und die Detonationen der Geschosse wurden immer lauter, die Erschütterungen immer heftiger.

Doch Charlotte überkam plötzlich ein Gefühl, wie es große Helden verspüren, wenn sie glauben, sie wären dem Untergang geweiht. "Mein teurer Zach", rief sie, "wenn ich nicht irre, steckt dort in dem Bündel eine Flasche Portwein, machen Sie sie bitte auf, damit wir einen Schluck auf diesen unvergesslichen Moment trinken können!"

Xaver von Zach ließ sich von ihrer Unerschütterlichkeit anstecken und mit dem größten Gleichmut öffnete er die Flasche und reichte sie ihr mit den Worten "Auf Ihr Lebewohl, Frau Herzogin!" Sie nahm einen kräftigen Schluck und sagte "Ahhh! Das tut gut. Soll sich die Kanaille da draußen meinetwegen die Köpfe einschlagen, und wenn sie hier einbrechen, werden sie mich als eine Aristokratin von europäischer Größe erleben, die es noch mit jedem Abschaum aufgenommen hat." Sie erhob sich gravitätisch und schritt mit der Flasche in der Rechten zum Fenster, riss es auf und schrie aus Leibeskräften: "Es lebe die Königin von Neapel, Caroline Murat!"

Das war dem Lindenau dann aber doch zuviel, er sprang herzu und zog sie von dort weg, und es hätte gut sein können, daß zwei Sekunden später eine verirrte Kugel in ihre Stirn eingeschlagen wäre. Sie konnten sie nur zu dritt wieder auf ihren Platz zurückdrängen, so streitlustig war sie auf einmal geworden. Sie trank noch die halbe Flasche leer, dann kippte sie seitwärts von dem großen Koffer herunter und war sofort eingeschlafen. Zach und Hausmann bereiteten ihr ein provisorisches Lager und legten ihr eine Decke über, "Ich bleibe bei Ihnen, meine Teuerste!", lallte sie im Schlaf.

Lindenau hatte derweil die Fenster verhängt, draußen wurde es dunkel und der Gefechtslärm ließ nach. Sie entzündeten die Kerzen in einem mehrarmigen Leuchter, und dann besprachen sie alle möglichen Pläne, wie man aus der Stadt heraus käme, aber sie erwiesen sich alle als undurchführbar.

Am nächsten Morgen gingen die Kämpfe mit unverminderter Härte weiter, und oben auf dem Castel Sant Elmo konnte man schon die Flagge der Bourbonen sehen. Da rammelte es unten gegen die Tür. Xaver von Zach hatte zwei Gewehre und drei Pistolen besorgt, die lagen schussbereit in der Ecke. Zach und Lindenau stürmten damit hinunter, verbarrikadierten sich hinter einer Kommode und einem Sofa und zielten auf die Eingangstür, gegen die von außen mit einem schweren Gegenstand gehämmert wurde, bis das Holz zersplitterte und das helle Tageslicht durch die Löcher drang.

Schließlich ging sie ganz entzwei und die Bretter stürzten nach innen auf den Boden, eine mächtige Staubwolke aufwirbelnd, die den beiden tapferen Männern die Sicht nahm und sie überdies zu husten zwang. Es wurde ins Innere geschossen, und Zach und Lindenau feuerten auf gut Glück zurück, und es ging eine Weile so hin und her, bis draußen eine Pause eintrat. Zach rief "Verdammt, ich muss neue Munition holen! Halten Sie die Stellung, Linde (so nannte er ihn nur in außergewöhnlichen Situationen), ich bin gleich zurück."

Gott sei Dank hielt die Pause an, aber plötzlich erschien im Türrahmen eine Gestalt und wollte eintreten. Lindenau rief "Halt! Stehnbleiben! Oder ich schieße!" Der andere hob die Hände, "Nicht schießen. Ich bin unbewaffnet." Lindenau traute ihm nicht, "Bleib' stehn!" Der Mann fragte "Ist die Herzogin von Gotha hier im Haus?" "Nein!" "Aber sie muss hier sein", sagte der andere und versuchte, mit erhobenen Händen über die Türtrümmer zu balancieren.

"Ich sagte halt!", drohte Lindenau mit vorgestreckter Pistole (die in Wahrheit gar nicht mehr geladen war), dann rief er nach oben: "Zaaach!" "Rufen Sie etwa nach dem Baron von Zach?" "Das geht Sie nichts an!" "Baron Xaver von Zach?" "Woher kennen Sie ihn? Kommen Sie nicht näher!" "Ich bin ihm bei der Trauerfeier für die selige Prinzessin Louise begegnet. Mein Name ist Jack Stanhope. Ich komme im Auftrag von König George, um die Herzogin Charlotte in Sicherheit zu bringen." "Zaaach!"

Endlich kam er wieder, er legte auch sofort sein Gewehr an, Lindenau sagte "Er behauptet, Charlotte zu kennen, und Sie auch." "Wer sind Sie?" "Ich bin Lord Jack Stanhope, wir haben uns ..." "Der Duke of Peterborough?" "So ist es. Wie günstig, daß Sie sich an mich erinnern, das befördert meine Sache ungemein." "Er sagt, er will Charlotte in Sicherheit bringen." "So ist es. Darf ich näherkommen?" Zach warf einen Blick auf die offene Tür, "Das müssen wir schleunigst wieder dichtmachen. Hausmann!", rief er nach oben, und als Jakob Hausmann da war, rückten sie zu viert einen schweren Schrank vor das klaffende Loch. Dann begaben sie sich nach oben, wo die Herzogin (die ihren kleinen Rausch ausgeschlafen hatte) wieder zusammengesunken auf ihrem Koffer saß.

Der Duke schien wirklich der Retter in der Not zu sein. Er sagte, im Hafen liege ein Schoner mit britischer Flagge, der dafür bestimmt sei, einige hochgeschätzte Personen aus Neapel fortzubringen, welche hier erhebliche Unannehmlichkeiten zu befürchten hätten. Seine Majestät, der König von England, habe dafür die benötigten Mittel bereitgestellt, und er, Stanhope, freue sich außerordentlich, den Befehl seines Königs nun ausführen zu können und die Herzogin von Sachsen Gotha Altenburg, die Gemahlin dessen seligen Vetters Ernst, in seiner Obhut willkommen zu heißen. Charlotte brauchte einen Moment, um ganz zu begreifen, wovon der Engländer da redete.

Zach sprach "Charlotte! Es ist das Beste, wenn Sie das Angebot dieses Gentlemen annehmen und sich ihm anvertrauen", und zum Duke gewandt fragte er "Können Sie von dem Gepäck auch etwas mitnehmen?" "Unten warten drei Burschen auf meine Weisung." "In Ordnung", sagte Zach und reichte der Herzogin die Hand, "ich wünsche Ihnen alles Gute, meine Liebe, und wenn das hier vorbei ist, werde ich Sie aufsuchen ... wohin bringen Sie sie, Lord Stanhope?" Der machte ein komisches Gesicht, "Ich dachte, Sie kommen mit!", und Charlotte hielt seine Hand fest und rief "Xaver! Ich gehe nirgendwohin ohne Sie!" "Ist denn so viel Platz auf Ihrem Schiff?" "Ausreichend. Und die beiden Herren passen auch noch drauf. Aber wir sollten uns beeilen, ich habe nur einen gewissen Zeitkorridor zur Verfügung und ich bin nicht gewillt, in irgendwelche Gefechte verwickelt zu werden." "Sie sind wirklich unbewaffnet?", staunte Lindenau. "Ja. Ich kann mit solchen Werkzeugen nicht umgehen, ich bin nicht mal Jäger, und wissen Sie denn nicht, daß die Engländer ohnehin ganz miserable Schützen sind!"

Dann erkundigte er sich noch: "Gibt es einen Hinterausgang?" Zach sagte ja und die beiden gingen nach unten, während die andern sich bereitmachten und Charlotte die wichtigsten Gepäckstücke separat stellte. Da erschienen die drei Träger, nahmen die Bagage auf und verließen damit das Haus, um sofort abseits in einer der Gassen zu verschwinden. "Die kennen den Weg", versicherte Stanhope, und als alle beisammen waren, sagte er "Dann los! Folgen Sie mir unauffällig."

Auf dem Schiff waren bereits andere Passagiere, und Zach sah einen Herrn, dem er oben auf dem Capo di Monte mehrmals begegnet war und den er zuletzt auch gegrüßt hatte, obwohl die beiden nie ins Gespräch gekommen waren, offensichtlich verließ er Neapel jetzt mit seiner Familie, einer Frau und drei Kindern. Zach fragte Stanhope "Woher wussten Sie überhaupt, wo wir zu finden sind?" "Von einem Mann namens Joseph Fouché, aber ich kenne ihn nicht persönlich. Ist er ein Freund von Ihnen?" "Nein", erwiderte Zach, "ehrlichgesagt war er mir immer suspekt."

Auf Wunsch der Herzogin brachte Stanhope sie nach Genua, wo auch andere der Geretteten an Land gingen, ein Teil fuhr mit ihm weiter nach Marseille. Zach und die Herzogin verabschiedeten und bedankten sich bei Stanhope, der sich bescheiden gab und sagte, es sei seine Pflicht und sein Auftrag gewesen, sie in Sicherheit zu bringen, und die habe er hiermit erfüllt.

Das Glück war ihnen hold, und sie konnten sich in demselben Stadthaus einmieten, in dem sie schon einmal gewohnt hatten. Lindenau und Hausmann wollten alsbald nach Thüringen zurückreisen. Aber da begann Charlotte zu kränkeln, wahrscheinlich infolge der Anstrengungen, welche in den vergangenen Wochen an ihr gezehrt und ihre Gesundheit angeschlagen hatten. Sie bekam Fieber und musste das Bett hüten. Ein herbeigerufener Arzt bestätigte einen Zustand "an der Grenze des Nervenzusammenbruchs", aber er fand, daß die Werteste noch genügend Kräfte besaß, um sich wieder zu erholen; er gab ihr zudem einige Medizin, die das beschleunigen sollte.

Am dritten oder vierten Tag ging es ihr tatsächlich schon besser. Für einen Augenblick musste sie daran denken, wie sie Jahrzehnte zuvor schon einmal halbkrank hier in Genua im Bett gelegen hatte, als sie mit ihrem Gemahl Ernst Ludwig auf großer Reise war. Und wie sie dann am nächsten Morgen aufgestanden und frisch und munter war und rief 'Ich habe acht Stunden am Stück geschlafen und überdies geträumt, ich würde auf einer Wolke schweben!', und wie sie ans offene Fenster getreten war, um den strahlendblauen Himmel und die milde, wonnige Luft zu begrüßen, die ihr wie durch einen Zauber neue Lebenslust verliehen hatten.

Jetzt saß der Bernhard von Lindenau an ihrem Bett und versuchte sie aufzumuntern. "Charlotte, was ich Ihnen eigentlich schon die ganze Zeit mitteilen wollte, aber angesichts der Umstände nicht für angebracht hielt, Sie damit womöglich zusätzlich zu beanspruchen, ist diese Nachricht: die Prinzessin Luise wird demnächst heiraten!" Charlotte richtete sich auf und rief: "Ist das wahr! Wen?" "Herzog Karl Anton von Sachsen Coburg Saalfeld."

Charlotte schwieg, dann zeichnete sich ein sanftes Lächeln um ihre Lippen ab, "Das gute Mädchen. Dann kommt sie also unter die Haube ... ach, sie ist doch noch so jung." Sie blickte ein wenig gedankenvoll vor sich hin, dann sagte sie "Bernhard, tun Sie mir mal einen Gefallen, dort in der Kommode liegt ein Brief mit einem roten Bändchen drumherum, geben Sie ihn mir bitte." Lindenau tat es, sie löste die Schleife, faltete ihn auseinander und sagte "Den hat mir Luise geschickt, als sie ... du lieber Himmel, ich weiß gar nicht mehr genau, wann das war ..."

Als Friedrich jetzt in Sankt Wendelin wiedergab, was ihm der Lindenau davon erzählt hatte, klatschte Luise vor Rührung in die Hände und rief: "Den habe ich ihr nach meiner Konfirmation geschrieben! Sie hat ihn also aufgehoben." Friedrich fuhr fort, der Lindenau hätte sogar den Eindruck gehabt, als sei dieser Brief für Charlotte die ganzen Jahre über eine Art Talisman gewesen, und man konnte ihm ansehen, daß er unzählige Male zur Hand genommen und gelesen worden war.

"Dabei habe ich nur dummes Zeug geschrieben, mein Vater hatte gesagt, sie wäre in Neapel, und da habe ich sie gewarnt, sie solle nicht zu nahe an den Vesuv heran gehen, falls er ausbreche." Friedrich sagte "Das hat sie sicher befolgt." "Und jetzt ist sie immer noch in Genua?" "Ja." "Und der Zach ist bei ihr?" "Ja. Ich bin überzeugt, sie werden beide zusammenbleiben bis an ihr Lebensende." "Das ist schön."

"Kannst du dich denn noch an den Zach erinnern? Ich bin mit dir ein paarmal hoch auf seine Sternwarte gewandert." "Nicht so richtig. Wann sind die denn eigentlich von Gotha weggegangen?" "Da warst du sechs." "Hat Charlotte den Zach vorher schon ... ich meine, als dein Vater noch lebte, haben die beiden da auch schon ein Verhältnis gehabt?" "Nein, kein Verhältnis. Deine Großmutter war dem Herzog treu gewesen bis zum Schluss." "Vielleicht habt ihr das bloß nicht mitgekriegt, mein Vater und du." "Ich hätte das mitgekriegt. Außerdem war der Zach immer ein Ehrenmann gewesen, er hätte meinen Vater niemals hintergangen, auch in dieser Hinsicht nicht."

Luise sagte "Und Charlotte hat es sicher auch nie darauf angelegt, oder?" "Du meinst, ob sie ihn verführt hätte?", lachte Friedrich. "Na ja, wenn sie ihn vielleicht doch schon geliebt hat." "Nein, deine Großmutter war immer sehr anständig gewesen. Es gab nach meines Vaters Tod einfach keinen echten Grund mehr für sie, in Gotha zu bleiben - und für Zach offenbar auch nicht." "Aber ihr beide, August und du, wart doch noch da." "Wir waren erwachsen, und August war der neue Herzog ..."

"Und ich die Erbprinzessin", sagte Luise, und es klang fast ein bisschen vorwurfsvoll. "Luise!", rief Friedrich und berührte sanft ihre Schulter, "Dein Vater hat dich immer geliebt! Und Margarete auch." "Ich weiß." "Er hat nicht ein einziges Mal beklagt, daß er keinen Sohn bekommen hatte." Luise fragte "Glaubst du denn, daß meine Eltern es wenigstens nochmal ... versucht haben." Friedrich antwortete nicht sofort, dann sagte er "Nein, das glaube ich nicht." "Aber Karl Anton war nicht seine erste Wahl für mich, stimmts?" "Dazu kann ich nichts sagen. Hast du denn nie mit deinem Vater darüber gesprochen?" Sie schüttelte den Kopf und senkte den Blick, und dann rollten zwei Tränen über ihre Wangen.

Am nächsten Tag machten alle einen Ausflug auf den Rosenberg, Fritz und Gustel waren auch dabei und wetzten wie wild hin und her. Alexander hatte versprochen, er werde sie "einholen", er war schon frühmorgens wieder im Reitstall. Es war eine liebliche Landschaft um Sankt Wendelin herum, und als sie oben auf der Höhe waren, machten sie Rast, und Friedrich ließ sich im Gras nieder und genoss den Ausblick. Luise erzählte der Waldau von ihrer Reise nach Paris, die Alexander ihr zum Geburtstag geschenkt hatte. Anna war auch schon dreimal dort gewesen, und so konnten sie sich über die Sehenswürdigkeiten austauschen, die sie beide dort aufgesucht hatten. Sie wollten gerade wieder absteigen, als Alexander ihnen entgegenkam.

Er schlug vor, hinüber auf den Schaumberg zu laufen, und das fand allgemeine Zustimmung. Friedrich und Luise gingen vorneweg, Alexander und die Waldau folgten in einiger Entfernung, die Hunde waren mal bei den einen, mal bei den andern; ab und zu konnte man die Waldau amüsiert lachen hören.

Luise hakte sich bei Friedrich ein und sagte "Erzähl' mir von Mama! Wann bist du ihr zum erstenmal begegnet?" "Na ich war ja sozusagen der Brautwerber für August." "Ist das wahr? Hat sich mein Vater nicht getraut?" "Das wäre unangemessen gewesen, wenn er selber nach Schwerin gefahren wäre, mit einem fadenscheinigen Grund." "Welchen Grund hattest du denn?"

Friedrich überlegte, dann gestand er "Du hast recht, eigentlich war mein Besuch dort genauso unvorbereitet, ich weiß nicht mal mehr, in welcher offiziellen Angelegenheit mich unser Vater hingeschickt hat, aber ich wusste selbstverständlich über den wahren Hintergrund Bescheid, er sagte: 'Gib' dich ganz natürlich, lass' dir nichts anmerken.'" "Eine schöne Verschwörertruppe seid ihr da gewesen", spottete Luise, und Friedrich erklärte "August und die Prinzessin hatten sich vorher schon mal gesehen, auch ein paar Worte miteinander gewechselt, das war zu irgendeiner Hochzeit in unserer Verwandtschaft. So hatte ich jetzt wenigstens Gelegenheit, Louise die besten Grüße auszurichten und das tat ich in einem Moment, als alle andern es mitbekamen und darauf aufmerksam wurden, und genaugenommen war Louise darüber weniger überrascht, als ich vermutet hatte."

"Du meinst, sie hatte deinen Bruder noch im Sinn gehabt?" "Es schien mir so. Ich habe dann kurzentschlossen eine Einladung nach Gotha ausgesprochen, obwohl ich dazu gar nicht beauftragt worden war, aber ich dachte, die Gunst der Stunde zu nutzen und dadurch die Angelegenheit zu beschleunigen ... ich meine, im Interesse meines Bruders zu handeln." Luise lachte, "Ja ja, dir konnte es wohl auch nicht schnell genug gehen!" "Ich habe mich sehr korrekt und diplomatisch verhalten", verteidigte er sich.

"Und wie ging es weiter?" "Louise hat die Einladung angenommen, natürlich erst, nachdem sie sich mit ihren Eltern darüber verständigt hatte. Sie sind dann drei Wochen später bei uns gewesen, es waren herrliche Tage ... also vom Wetter her. Wir haben ein paar Ausflüge unternommen, unter anderem nach Reinhardsbrunn, wo wir mit dem Boot auf dem Teich herumgegondelt sind ..." "Da warst du mit mir auch oft!" "Ach ja?", fragte er und ihm fiel ein: "Dann hast du mal dieses Bild gemalt, mit dem Mädchen, dem noch kleineren Mädchen und dem Schwan auf dem Teich?" "Nee. Wie kommst du denn darauf, daß ich dich als Mädchen gemalt hätte!" "Ja, stimmt, eine abwegige Vorstellung. Na jedenfalls sind sich da deine zukünftigen Eltern schon etwas nähergekommen und ..." Luise gab ihm einen Kuss auf die Wange und sagte "Danke, liebster Onkel, daß du so gut den Amor gespielt hast!" "Na, das war wohl eher der Puck", stellte er fest.

Und weil sie einmal so schön dabei war, ihn auszufragen, sagte sie "Wie hat dir denn Mama gefallen?" "Deine Mutter?", brachte er verwundert hervor, als hätte er nichts weniger als diese Frage erwartet. "Ja." "Also ... ich habe ... mir war ..." Luise schaute ihn von der Seite an, "Jetzt sag' bloß, es war dir egal!" "Nein! Aber es ging doch nicht um mich, sondern um August und Louise." "Na ja, aber du warst doch gewissermaßen der Vermittler, und ich könnte mir denken, wenn du ihr unsympathisch gewesen wärst, hätte das womöglich auf deinen Bruder abgefärbt."

"Hab' ich noch nie drüber nachgedacht - wollen wir auf die beiden warten?" Luise drehte sich kurz um und meinte dann "Ach, lass' die nur bummeln, die plaudern doch auch grade so ... Moment mal, jetzt wolltest du aber ablenken!" "Nein." "Oh doch! Das wäre dir beinahe geglückt. Also was hast du gedacht, als dir Louise gegenüber stand? Hast du dir denn gar kein Urteil gebildet?" "Sie war sehr hübsch, das konnte jeder sehen." "Und du fandest sie auch hübsch." "Sag' ich doch. Hör' mal, liebe Nichte, falls du mir jetzt nachträglich irgendetwas einreden möchtest, so will ich dir klipp und klar sagen, daß ich von Anfang an meinem Bruder den Vorrang gelassen habe."

Luise blieb stehen und zog ihren Arm aus seinem, "Woauw!", machte sie und starrte ihn an, "Das war ja ein glattes Eingeständnis." Friedrich fasste ihren Arm, "Komm' bitte weiter", sie wäre beinahe gestolpert, er sagte "Das war nichts dergleichen." Luise musste ein Prusten unterdrücken. Er sagte "August und ich, wir sind ... wir waren ganz verschieden, ganz unterschiedliche Typen, ganz andere Charaktere. Und es war von vornherein klar, daß Louise ihn mehr gemocht hätte als mich." "Woher willst du das wissen? Oder hast du sie gefragt?" "Jetzt werd' nicht albern. Du bist manchmal noch wie ein kleines Mädchen." Sie wandte sich ab und schwieg, dann rief sie nach den Hunden. Er sagte "Das war jetzt nicht so gemeint." "Schon gut", murmelte sie und dann musste sie doch noch seitab lachen.

"Dann verrate mir wenigstens eins: mit dir und der Anna von Waldau - was läuft denn da?" "Sie ist eine gute Freundin, wir kennen uns seit einer Ewigkeit, aber mit langen Unterbrechungen." "Ist sie verheiratet?" "Nein." "Magst du sie?" "Auf eine bestimmte Weise." "Auf welche Weise?" Er überlegte, "Das Schicksal hat uns immer wieder zusammengeführt und dann wieder getrennt, ich habe mich oft gefragt, ob das auch so eine Art Füreinander-bestimmt-sein wäre." Luise sagte "Für mich sieht es jedenfalls ganz danach aus", und Friedrich ergänzte "Ja, denn ich fühle mich auch viel wohler, wenn sie da ist."

Als sie auf dem Schaumberg waren, sagte Luise, nun könnten sie "den Kreis schließen" und auch noch auf den Spiller kraxeln, und das taten sie, und jetzt liefen Luise und Anna voraus und Alexander und Friedrich hinterdrein. Friedrich nutzte das Gespräch unter vier Augen und sagte "Ich möchte, daß du etwas weißt: ich habe eine Lebensversicherung abgeschlossen, über eine nennenswerte Summe und als Begünstigte habe ich Luise eintragen lassen." "Das ist sehr nobel von dir. Du brauchst dir aber über unsere finanziellen Verhältnisse keine Sorgen zu machen." "Das tue ich ganz gewiss nicht. Ich weiß, daß du ein guter Ehemann bist, und ich habe das nicht veranlasst, weil ich etwa daran zweifelte, daß das auch in Zukunft so sein werde. Ich möchte ihr damit lediglich eine Gefälligkeit erweisen."

Alexander nickte, dann sagte er "Ich wollte eigentlich kein Wort mehr darüber verlieren: ihr Vater hatte ihr eine Menge Schulden hinterlassen. Ich hatte sofort ihren Anwalt, den Doktor Strassburger damit beauftragt, die Angelegenheit zu regeln, damit sie gar nicht erst davon erfährt. Ehrlichgesagt habe ich Luise davon abgehalten, zu August's Beerdigung zu fahren, denn dann hätte es ihr sicher irgendjemand auf die Nase gebunden." "Ja, das habe ich mir schon so gedacht", erwiderte Friedrich, "obwohl ich mein Möglichstes getan hätte, um sie nicht damit zu behelligen. Ich habe selber genug Ärger mit der Hinterlassenschaft meines Bruders gehabt - und habe ihn noch, wenn ich an die endlose Auseinandersetzung mit den Gläubigern denke. Andererseits sollte man nachsichtig mit ihm sein. Er ist an dem Unheil, das Luise getroffen hat, innerlich vor Kummer zerbrochen und er hatte zuletzt nicht mehr die Kraft, etwas zu unternehmen."

Alexander sagte "Ich mache ihm keine Vorwürfe, dazu habe ich kein Recht, und ich kann mir vorstellen, wie ihn die ganze qualvolle Geschichte zerrüttet hat. Luise hat ihren Vater geachtet, sie tut es noch über seinen Tod hinaus, und ich wäre der letzte, der sein Ansehen in ihren Augen schmälern wollte; deshalb werde auch ich ihn in Ehren halten, was immer er verschuldet oder versäumt hat. Aber du musst auch mich verstehen, Friedrich, wenn ich jede Verantwortung für Luises Misere von mir weise. Ich habe sie nicht ins Unglück gestürzt. Im Gegenteil, ich bin derjenige, der sie immer ... wahrhaftig geliebt hat, ungeachtet ihrer Herkunft oder ihres Vermögens. Ich habe, ob du mir das nun glaubst oder nicht, den Adelstitel auch nur widerwillig angenommen, nur im Interesse Luises, die mich darum gebeten hat, und wenn es Karl Anton gewesen wäre und nicht der Hildburghausener Herzog, der ihn mir verliehen hat, hätte ich ihn ganz bestimmt abgelehnt, auch gegen Luises Willen, denn ich habe meinen Stolz, den mir niemand nehmen kann." Friedrich sagte "Ihr habt das Richtige getan."

"Und Karl Anton", fügte Alexander mit einem Ausdruck abgrundtiefer Verachtung hinzu, "hat Luise ja praktisch enteignet. Mal ganz abgesehen von dem Leid, das er ihr durch seine anderen niederträchtigen Klauseln bei ihrer Scheidung zugefügt hat. Er hatte auch immer die fiesesten Leute bei sich, die dafür bezahlt wurden, seine Interessen knallhart durchzusetzen."

Alexander machte eine Pause, dann sagte er ziemlich kaltblütig "Ich habe nicht nur einmal ernstlich daran gedacht, diesem Schwein die Kehle durchzuschneiden. Aber es hätte niemandem genützt." "Nein", stimmte ihm Friedrich zu, "und wenn das einer hätte tun sollen, dann wäre ich das gewesen. Doch ich bin zu feige für so was. Im Grunde hat mich immer alles nur überrascht und ich wäre nie von selbst drauf gekommen, was da wirklich vor sich geht."

Als sie am späten Nachmittag wieder beim Herrenhaus anlangten, waren alle bis auf Alexander ganz lahmgeworden. Anna hatte sich Blasen an den Füßen geholt, und sie verschwand mit Luise im Badezimmer, wo sie von ihr verarztet wurde. Otto hatte draußen auf der Veranda Lampions aufgehängt und Teresa war (mit Hilfe eines Küchenmädchens) fast den ganzen Tag damit beschäftigt gewesen, ein leckeres Abendessen zu bereiten. Schließlich saßen sie alle (einschließlich des fleißigen Personals) am Tisch und ließen es sich schmecken. Friedrich und Alexander besiegelten ihre Brüderschaft mit einem Schoppen Moselwein, und da wollten die beiden Damen auch nicht zurückstehen und taten es ihnen gleich.

Abends war Anna nochmal in Friedrichs Zimmer gekommen und sie redeten über den zu Ende gehenden Tag. Da sagte Friedrich "Ich bin froh, daß du mich hierher begleitet hast, ich hätte mich allein ein bisschen unwohl gefühlt." "Bitte, gern geschehen. Es gefällt mir übrigens hier sehr gut und ich finde, die beiden sind ein glückliches Paar." "Ja, Gott sei Dank. Aber Luise leidet immer noch unter dem, was geschehen ist." "Sie hat dich gern." "Oh ja, darauf bin ich auch mächtig stolz, obwohl ich ja eigentlich viel zu wenig für sie getan habe." "Mehr als andere."

"Was machen deine Füße?" "Ich hab' zwei große Blasen." "Zeig' mal." "Ich zeig dir doch nicht meine Blasen!" "Warum nicht? Ich könnte dich bemitleiden." "Das will ich gar nicht." "Bitte schön. Aber glaube nicht, daß ich dich in dein Zimmer trage." "Habe ich gesagt, daß ich heute noch in mein Zimmer zurückgehe?" "Nein davon war keine Rede. Ach!", rief er und fasste sich an die Stirn, "Jetzt hab' ich doch schon wieder vergessen, Luise die Grüße auszurichten."

Anna fragte "Von wem?" "Von ihrer alten Freundin Sophie Romberg, die beiden waren früher unzertrennlich." "Dann machst du's morgen." "Ja, erinner' mich dran." "Ist gut", sagte Anna, schlug die Bettdecke auf und begann sich zu entkleiden, "Erzählst du mir noch was von dieser Freundin? Es interessiert mich." "Ja gern." Sie sagte "Aber nimm' es mir nicht übel, wenn ich darüber einschlafe, die Wanderung war ganz schön anstrengend." "Oh ja, und soll ich dir was verraten, ich hab' mir auch zwei Blasen gelaufen."

Fünf oder sechs Jahre früher spielte sich auf der Wiese vor dem Schloss in Coburg diese Szene ab: Die Prinzessin Luise, die jetzt eine Herzogin von Coburg Saalfeld war, vergnügte sich mit ihren beiden kleinen Söhnen Ernst und Albert beim Ballspiel; das Kindermädchen Mary war auch dabei, sie war eine "Praktikantin" aus dem House of Wales. Sie war sehr sportlich und hielt das Tor allein gegen die andern sauber. Mary war gerade dabei, mit einem Fernschuss beim Gegner einen Treffer zu landen, als von der Stadt her ein Paar über die Wiese herüberkam, ein Mann Mitte zwanzig im braunen Anzug mit einer flachen Mütze auf dem Kopf, und eine etwa gleichaltrige Frau mit lockigen Haaren im hellen Kleid. Luise beschattete die Augen und spähte hinüber, und als die beiden nahe heran waren, da jauchzte sie auf, lief der jungen Frau entgegen, und sie fielen sich in die Arme.

"Die Sophie Romberg! Ich fass' es nicht! Wie kommst du denn hierher!" "Wir waren grade in der Nähe. Wenn du mich weiter so drückst, fall' ich mausetot um!" "Mensch, Sophie!", sagte Luise und hielt sie an den Schultern fest, "Du siehst toll aus!" "Na ja, du hast dich auch ganz gut gehalten." Luise schaute den Mann an, "Ich werd' nicht wieder! Ist das etwa der Franz Feller?" Er nahm die Mütze vom Kopf und reichte ihr umständlich die Hand, "Euer Durchlaucht!" "Sophie! Kneif' mich! Ist das der Franz Feller?" "Ja. Derselbige." "Oh! Warte gefälligst", befahl Luise und trat einen Schritt zurück, "erst musst du mir versichern, daß du nicht dein Blasrohr dabei hast!" Sophie kicherte in ihre Hand, er sagte "Aus dem Alter bin ich leider 'raus." "Ja, das ist sicher sehr bedauerlich. Aber du hast dich ganz hübsch 'rausgemacht." Er lief tatsächlich rot an. Sophie sagte "Ich habe ihn mir erzogen, er ist nicht mehr so frech wie früher." Er schwieg und biss sich auf die Lippen. Luise sagte zu ihr "Na, du hast dir doch nichts gefallen lassen." "Nee, warum auch."

"Mama, wer ist das?", fragte Ernst, der mit seinem Bruder herangekommen war, Mary stand hinter ihnen mit dem Ball unterm Arm. "Gute Freunde, Löwe", und zu den beiden gewandt sagte sie "Darf ich vorstellen, meine zwei afrikanischen Haustiere, Ernst der Löwe und Albert das Krokodil, und das ist Mary, unser furchtloses Kindermädchen."

Sophie reichte den Knaben die Hand, "Ich bin Sophie, ich wollte früher mal eine Giraffe werden, aber mein Hals ist nicht weiter gewachsen." Die beiden lachten. Sie fragte Luise "Wie alt sind sie?" "Löwe ist sechs und Krokodil fünf." "Hätte ich das gewusst, hätten wir unsere beiden Mädchen auch mitgebracht." "Woher kommen die?", fragte Albert. "Das sind zwei Pinguin Damen vom Südpol", sie drehte sich zu Luise um und fügte hinzu: "Zwillinge." "Du lieber Himmel, das ist ja reizend! Und ... Franz, du bist der Vater?" Er nickte. "Da hat er gleich voll ins Schwarze getroffen", sagte Sophie, "aber ehrlichgesagt, mussten wir uns mal von ihnen erholen." "Was machen die denn?" "Die wackeln den ganzen Tag durch die Gegend und können nicht eine Minute den Schnabel halten." "Können die Fußball spielen?" "Na klar, das machen sie nachts."

"Jetzt kommt erst mal herein, kann ich euch was anbieten? Seid ihr hungrig?" "Wir haben unten in der Stadt in einem Restaurant zu Mittag gespeist", sagte Sophie im vornehmen Ton. Als sie durch das Foyer gingen und Sophie die Treppenaufgänge sah, fragte sie "Können wir uns auch irgendwo draußen hinsetzen?" "Aber natürlich. Wir können uns in den Pavillon setzen, der ist jetzt rundum offen." "Prima. Ach, und könnte ich erstmal wo hin?" "Ja klar, Mary, zeigst du ihr, wo das ist!"

Die Jungs starrten Franz Feller an, als wäre er der Klavierlehrer. "Reden Sie immer so wenig?", fragte Albert, und Luise sagte "Das geht dich gar nichts an." "Nicht immer", erwiderte Franz mit verkniffener Miene. Luise lächelte ihm zu und fragte "Was machst du denn jetzt beruflich?" "Ich bin Zimmermann." "Was ist das?", wollte Ernst wissen. "Das ist ein Handwerker, der bei einem Haus das Holzgerüst baut", erklärte er. "Unser Haus hat kein Holzgerüst", belehrte ihn Albert. "Na ja, das ist auch massiv aus Stein errichtet." "Ist das besser?" "Das ist nicht besser, nur anders." "Ist das wie die Häuser aus Baumstämmen wie in Amerika?" "Du meinst Blockhäuser?" "Ja so. Kannst du ... können Sie so was auch bauen?" "Das ist nicht schwierig." Die beiden waren beeindruckt. "Mama! Wenn er so was bauen kann, dann kann er doch für uns ein Blockhaus hinten auf der Wiese bauen, erlaubst du's ihm?" "Ich weiß nicht, Löwe, der Franz hat ja auch gar kein Werkzeug dabei." "Schade. Letztens haben wir's nämlich mit 'nem Zelt versucht, das ist gleich wieder eingekracht." Luise musste jetzt noch lachen, "Ja, das hat nicht so richtig geklappt." Franz musste auch schmunzeln, "Ist auch manchmal gar nicht so einfach", und sie schauten sich für einen Moment in die Augen.

Da kam Sophie wieder, "Das ist alles ... du meine Güte ... alles so riesig!" "Ja, unsere Kinder spielen sonntags manchmal Echo im Haus", meinte Luise ein wenig gleichgültig. "Wartet einen Moment, ich sage nur in der Küche Bescheid, daß sie uns etwas nach draußen bringen. Löwe und Krokodil, ihr unterhaltet euch solange mit unsern Gästen! Erzählt ihnen von dem Feuerwerk letzte Woche." Damit huschte sie davon.

Ernst fragte "Wo sind eigentlich Ihre beiden Pinguine jetzt?" "Bei ihrer Großmutter." "Am Südpol?" Albert knuffte ihn in die Seite, "Mensch, das ist doch bloß ausgedacht!" "Das will ich eben gerade feststellen", beharrte sein Bruder mit scharfen Augen. Franz sagte "Sie ist die Eiskönigin." "Aus dem Märchen?", fragte Ernst, und Albert stellte fest: "Unsere Großmutter ist schon tot." "Oh", sagte Franz und schaute hilfesuchend zu Sophie, die meinte "Wollen wir inzwischen zum Pavillon gehen?" "Ja, aber der Weg ist gefährlich." "Ach ja? Wer lauert denn da?" "Ein Ameisenbär."

"Die kenn' ich, die lassen sich leicht überlisten." "So? Wie denn?" "Man braucht nur zu rufen: 'Auf dem Markt gibt's Ameisen, das Pfund fünf Kreuzer!', und schon rennen sie hin." Die beiden mussten lachen, Albert sagte herausfordernd "Ach nein, es ist gar kein Ameisenbär, sondern ein Warzenschwein." "Noch leichter!", winkte Sophie ab, "Die kann man in eine lila Wolke verwandeln und dann wegpusten." "Womit verwandelt man die?" "Mit einem Schneebesen, wusstet ihr das nicht?" "Nein", sagten sie wie aus einem Mund.

Luise kam wieder. "Mama, was ist ein Schneebesen?" "Bitte?" "Sie hat gesagt, man könnte ein Warzenschwein mit einem Schneebesen in eine lila Wolke verwandeln." "Ähm ... habe ich irgendwas verpasst, während ich weg war?" Sophie lachte, "Nein, wir haben uns bloß die Zeit vertrieben. Wie kommt es, daß es hier nur so von wilden Tieren wimmelt?" "Ach, das ist, weil mein Schwager Leopold vor kurzem von einer Afrika Reise zurückgekehrt ist, da hat er natürlich allerhand zu erzählen gehabt." "Er hat Gold mitgebracht!", sagte Albert. "Und einen Schrumpelkopf", ergänzte Ernst. "Einen was?" Luise sagte "Einen Schrumpfkopf. Na, das war nun nicht besonders appetitlich. Lasst uns hinüber gehen."

Glücklicherweise kamen sie wohlbehalten beim Pavillon an. "Wo ist dein Mann? Ich meine, der Herzog", fragte Sophie. "In Paris." "Oh, schade, ich wollte ihn gern mal sehen." "Oben im Haus hängt ein Bild von ihm." "Was macht er in Paris?" "Er verhandelt dort mit seinen Bankiers." "Ach so, na da will ich nicht weiter neugierig sein." Zwei Hausmädchen kamen mit Tabletts und servierten einen Imbiss, es waren auch Süßigkeiten für die Jungs dabei, die nahmen sie mit und verzogen sich zum Spielen.

Luise sagte "Jetzt erzählt mal, wie ergeht es euch im schönen alten Gotha?" "Ganz gut, wir können nicht klagen, oder Franz?" Er zuckte mit den Schultern, Luise sagte "Mensch, jetzt tau' doch mal ein bisschen auf! Der Franz Feller, an den ich mich erinnere, der war immer kaum zu bremsen." "Was soll ich sagen. Letzte Woche haben wir in der Gretengasse das Haus vom alten Weidner komplett saniert ...", Sophie sagte "Der alte Weidner, den kennst du doch auch noch ... der mit dem Holzbein!" "Weiß ich jetzt nicht." "Im Moment sind wir in Siebleben mit 'nem Gehöft für den Huntzinger im Gange, das wird wohl noch 'ne ganze Weile dauern." "Letztens ist er vom Dach gefallen." "Wer?" "Na, mein Franze hier", sagte Sophie und rieb an seiner Schulter. "Wirklich? Wie ist das passiert?" "Durch 'ne kleine Unachtsamkeit." Sophie lachte, "Ha! Da haben sie einen Gesellen verabschiedet, der auf die Walze gegangen ist." "Auf was?" Franz erklärte "Auf die Walze gehen, das bedeutet, wenn einer nach der Lehre auf Wanderschaft geht." "Aha. Da habt ihr wohl ein Bierchen zuviel getrunken." "Na, bei der Gothaer Seiche musst du ja auch ..." "Franz!", ermahnte ihn Sophie, "Du bist hier in Adelskreisen!" "Tschuldigung." Die beiden Frauen mussten lachen.

Irgendwann stand Sophie auf, reckte sich und streckte die Arme nach oben, sie schaute hinüber, wo sich die beiden Jungen im Gras tummelten und wo es hinter einer Baumreihe weiter ins Grüne ging. "Was ist da hinten?" "Eigentlich nichts weiter, der Reitstall und die Pferdekoppel." "Echt?" "Na, jetzt haste was losgetreten, Luise", sagte Franz. "Können wir da mal hingehen?" "Ja, warum nicht. Magst du Pferde?" "Sie ist ganz vernarrt in die Viecher. Sie war schon x-mal beim Gestüt auf'm Boxberg. Sie hat da 'n extra Gaul, um den sie sich kümmert und so. Dem geht's nicht schlecht, so wie Sophie den verhätschelt."

Luise fragte "Reitest du auch?" "Na klar, das ist doch die Hauptsache!" "Wenn du willst, können wir 'ne Runde ausreiten." "Oh toll!" "Und du Franz?" "Nee, mich kannst du damit jagen, ich guck' euch zu." "Du könntest meinen Jungs zeigen, wie man ein Blasrohr baut, da drüben sind jede Menge Holunder Sträucher." "Ja gut, mach' ich." "Brauchst du ein Messer?" "Na, so was hab' ich immer dabei", sagte er und holte ein Taschenmesser hervor, "meinst du jetzt, für jeden eins?" "Ja, besser ist es, sonst streiten sie sich drum."

Sophie wartete schon bei Ernst und Albert, Luise rief nach Mary, die kam gleich herbei, "Achte mal drauf, daß sie sich benehmen." Mary nickte Franz unschlüssig zu, als sie sein Messer sah. Sophie sagte "Und mach' keine Dummheiten." Die beiden liefen den Hang hinab, Luise fragte "Macht er denn so was?" "Das war nur Quatsch, na ja, manchmal will ich's gar nicht so genau wissen. Er ist eben ein gutaussehender Bursche." "Ja, das ist er, dein Franze."

Beim Reitstall angekommen, rief Luise ein bisschen zögerlich: "Herr Haunstein?", und dann nochmal. Ein Knecht mit einer Heugabel kam heraus, Luise sagte "Wilfried! Ist Alexander ... ist Herr Haunstein da?" "Eben war er noch." Luise sagte "Kannst du uns mal den Jackie und die Clara für 'ne Stunde überlassen?" "Solang' Sie wollen", knurrte der Knecht, "mit 'nem Damensattel?" "Brauchst du 'n Damensattel?" "Nee, aber jetzt fällt mir ein, daß ich nich' im Kleid reiten kann." "Nullo Problemo", sagte Luise, ich hab' hier genug Zeug 'rumliegen, ich wette, da passt dir was."

Da kam plötzlich ein junger Mann in Reitermontur aus dem Stall, Sophies Blick fiel unwillkürlich auf seine enganliegenden Hosen, Luise rief "Ach, da bist du ja ... da sind Sie ja, Alexander!" "Guten Tag, die Damen! Was kann ich für Sie tun?" "Das ist meine alte Freundin Sophie Romberg ..." "Feller." "Was? Ach so, ja, Sophie Feller, sie hat nämlich den Franz Feller geheiratet." "Meine besten Glückwünsche!" "Na, das ist schon 'n Weilchen her." "Dann nachträglich", sagte Alexander und lächelte sie charmant an. "Wir wollten eine Runde ausreiten, ich dachte mit dem Jackie und der Clara, wenn du nichts dagegen hast." "Ihr Wunsch ist mir Befehl. Ich bring' sie 'raus." "Wir ziehen uns bloß schnell um."

In dem Verschlag mit Luises Sachen flüsterte Sophie ganz außer sich: "Meine Güte, das ist dein Reitlehrer?" "Er ist der Verwalter vom Gestüt." "Ist er verheiratet?" "Nein." "Wie hälst du das aus?" "Was meinst du?" "Wie hälst du das aus, wenn ihr euch zu nahe kommt?" "Das hier müsste dir passen." "Hast du mal gesehen, wie seine Hosen überm Hintern spannen?" "Oder das hier, das ist besser." "Ja, das ist gut. Kann er uns hier sehen?" "Was? Nein. Er ist Stallmeister und kein Frauenverführer." Sophie zog die Hosen hoch, "Vielleicht ist er beides. Gibst's keine Geschichten über ihn?" "Ich habe noch keine gehört. Nimm' die Stiefel." Sophie schüttelte fassungslos den Kopf, "Und dein Männel lässt dich ganz allein mit so einem Prachtstück." Luise musste lachen, "Was ist denn nur mit dir los? Dem Franz drohst du, er soll keine Dummheiten machen, und zwei Minuten später gerätst du außer Rand und Band." "Ich denk' dabei ja nur an dich!" "Jetzt komm', bist du soweit?" "Ja, fertig, gut so?" "Ja, er wird sich gleich über dich totlachen." "Was? Wieso denn?" "Komm!"

Alexander wartete draußen mit den Pferden, "Wer will wen?" "Ich denke, ich nehme Jäckie", sagte Luise, und Alexander sagte zu Sophie gewandt "Die Clara ist eine ganz Brave, mit der müssten Sie gut zurechtkommen." "Wenn Sie das sagen, Alexander." "Auf was reiten Sie sonst?" "Bitte?" Luise lachte, "Er fragt, was für eine Art von Pferd du reitest." "Einen Schimmelhengst aus Georgenthal." Alexander sagte "Aus Georgenthal hätten wir auch beinahe mal einen Neapolitaner gekauft." "Und? Woran ist es gescheitert?" "Er war mir zu teuer." "Na, meiner gehört mir auch nicht." Als sie aufsaß, gab Alexander der Stute einen Klaps und sie schoss mit einem Ruck davon. "Huch!", rief Sophie, Luise nickte ihm kurz zu und folgte ihr.

Sie machten einen weiten Bogen, über die Koppel und über eine große Streuobstwiese bis zu einem Wäldchen, Sophie war begeistert, sie lachte und rief "Juhu!", sie drehte sich öfter um und wollte immer vorneweg sein, aber bei dem Wäldchen wusste sie nicht weiter. "Da durch?" "Ja, immer auf dem Weg bleiben." Auf der andern Seite stiegen sie ab und machten abseits Rast.

Luise fragte "Sag' mal, was ist eigentlich aus dem Lukas geworden?" "Lukas Hoffmann?" "Ich weiß gar nicht mehr, wie er mit Nachnamen hieß." "Hoffmann. Ach, das ist ein bisschen eine traurige Geschichte. Der hatte die Doris Zabel geheiratet, die Mittlere von den drei Zabel Gören." "Hm hm", machte Luise, obwohl sie keine davon kannte. Die haben drei Kinder gekriegt, ein Junge und zwei Mädchen, hübsche Dinger.

Dann ist die Doris auf einmal ganz seltsam geworden, sie hat so Sachen gesehen und dauernd alles verwechselt und den Kindern hat sie lauter abartiges Zeug zum Essen vorgesetzt, und wenn ihr Mann heimkam - er hat in der Porzellanfabrik gearbeitet, er war übrigens richtig begabt, so künstlerisch meine ich - jedenfalls, wenn er heimkam, fing die Doris an zu schreien, als wär's der Leibhaftige. Und dann wurde es ... soll ich weiter erzählen?" "Ja, mach' nur."

"Das wurde dann immer schlimmer, und sie fing auch an, den Kindern was anzutun, sie meinte, sie müsste sie mit Zeichen gegen das Böse brandmarken, aber sie hat ihnen bloß wehgetan, und dann war's soweit, daß sie sie ins Irrenhaus gesperrt haben. Da saß der Lukas allein mit den drei Kindern da und konnte sie nicht ernähren, und es fand sich auch keine Frau, die noch was mit ihm zu tun haben wollte, wie wenn ein Fluch auf ihm gelegen hätte. Und dann ... soll ich das jetzt auch noch erzählen?" "Ja, bitte." "Eines Tages hat man ihn gefunden ... da hatte er sich zu Hause am Deckenbalken aufgehängt."

Sophie schaute zu ihr hinüber, Luise schwieg und rupfte wahllos Grashalme ab, sie ließ ihre Faust auf den Boden plumpsen. Dann fragte sie "Was ist aus den Kindern geworden?" Sophie sagte "Da gab es in Friemar oder in Molschleben irgendeine entfernte Verwandtschaft, 'n älteres Ehepaar, die hatten keine Kinder, die haben sie aufgenommen." "Geht's ihnen da gut?" "Ich weiß nicht, ja, ich glaube, doch ja, ich hab' erst letztens gehört, es geht ihnen gut dort."

"Der konnte immer die Augenbrauen so lustig hochziehen", sagte Luise. "Ach ja? Das war mir gar nicht aufgefallen", erwiderte Sophie, "na ja, mir wäre er 'n bisschen zu still gewesen, hätt' ich wahrscheinlich immer denken müssen: 'worüber sollen wir jetzt bloß quatschen?' Aber ..." "Was?" "Ach nichts." "Jetzt sag' schon!" "Ihr hättet bestimmt ganz gut zusammengepasst." "Meinst du?" "Na, hast du's nicht auch gemerkt?" "Du meine Güte, Sophie, da waren wir noch halbe Kinder." "Na, ich nicht, ich wusste schon ziemlich früh, wen ich wollte und wen nicht." Luise schwieg, Sophie sagte "Ich wollte jetzt nicht vor dir damit prahlen." "Ich weiß. Bei mir war es sowieso anders", Sophie widersprach nicht, "ich hatte ja gar keine Wahl."

"Bist du oft hier?" "An dieser Stelle?" Sophie sagte "Es ist schön hier. Man ist ganz ungestört." "Ja, und man fühlt sich sicher. Wenn wir herkommen, reite ich auch immer auf Clara." "Du und der Herzog?" "Ich und der Mann, der uns vorhin die Pferde gegeben hat." Sophie rappelte sich auf und rief "Ach du Scheiße. Und ich mache noch meine dummen Sprüche drüber!" Luise schaute ihr in die Augen und sagte leise "Ich weiß nicht, wie das kam. Aber ich konnte nichts dagegen tun."

Beim Abschied umarmten sie sich lange, Luise sagte "Ihr habt mir eine Riesenfreude gemacht mit euerm Besuch. Ich befürchte, ich kann es kaum erwarten, daß ihr wiederkommt. Und dann bringt ihr die Pinguine mit!" "Versprochen", sagte Sophie. "Und Franz! Sieh' dich vor, wenn du auf dem Dach 'rumkletterst, daß du nicht 'runter fällst, die Sophie braucht dich, und deine Mädchen auch." "Ja, geht klar. Kommt nicht wieder vor." Sie winkten sich noch lange zu.

Der Jakob Hausmann erinnerte sich noch sehr gut an jenen hässlichen Tag im November. Aus der Stadt war jemand zum Friedrichstaler Palais gekommen und hatte nach dem Minister Lindenau gefragt, der war aber zur Zeit in Altenburg, worum es denn gehe? Doch die Frau bestand darauf, vorgelassen zu werden, und der Bedienstete schickte sie zu ihm, da er sich gerade in Lindenau's Dienstzimmer aufhielt. Was er für sie tun könne, fragte Hausmann die Frau, die in einen festen Regenmantel gehüllt war, ein Tuch auf dem Kopf und Gummistiefel an den Füßen trug.

Sie bat ihn, er möge sie bitte zum Hotel Gothaer Hof begleiten. Er habe jetzt leider keine Zeit, entgegnete Hausmann, und die Frau fügte hinzu, es handele sich um eine sehr wichtige Angelegenheit, für welche, wie sie überzeugt sei, er seine andern Geschäfte einstweilen liegenlassen sollte. Hausmann schaute die Frau verdutzt an und da bemerkte er an ihrem Ausdruck, daß sie wohl einen triftigen Grund hatte, ihn so zu drängen. Er zog sich ebenfalls einen Mantel und derbe Schuhe an (denn es ging draußen gerade ein ekelhafter Schneeregen auf die Straßen nieder) und folgte ihr zum Hotel.

Als sie auf halber Strecke den Park durchquerten, erblickten sie vor sich eine Frau ganz in Schwarz, mit einem breiten Schal um den Kopf, und jene, welche ihm Bescheid gesagt hatte, unterdrückte einen Schrei des Entsetzens und rannte sofort auf sie zu, um sie mit ihren Armen zu umfassen, als wollte sie verhindern, daß sie auf der Stelle umfiele. "Kommen Sie schnell", rief sie Hausmann zu, "helfen Sie mir!"

Und als Jakob Hausmann bei ihnen war und das vom Schal halbverdeckte Gesicht sah, wollte er im ersten Moment seinen Augen nicht trauen. "Um Himmels willen, Frau Herzogin! Was in aller Welt machen Sie bei diesem scheußlichen Wetter hier im Park!" "Halten Sie sie drüben fest", sagte die Frau, während Luise apathisch ins Leere starrte und sich kaum noch länger auf den Beinen halten konnte. Und schon knickte sie in den Knien ein, und Hausmann, der sie gerade noch auffangen konnte, sagte "Wir müssen sie schnellstens hoch ins Schloss schaffen."

Das brachte Luise plötzlich zur Besinnung, sie rief "Nein, nicht ins Schloss! Hermine! Bloß nicht ins Schloss!" Hausmann, der Luise halbaufrecht hielt, schaute die Frau an und fragte "Wer sind Sie eigentlich?" "Ich bin Hermine, das Kammermädchen der gnädigen Frau Herzogin." "Nicht ins Schloss!", lallte Luise. "Was ist denn überhaupt los?" "Ein Unglück", sagte Hermine und fügte hinzu "wir sollten sie zurück ins Hotel bringen."

Das taten sie mit vereinten Kräften, und als Hausmann dort Luises Zimmer betrat, erlebte er die nächste Überraschung, da saßen, völlig verängstigt, ihre beiden Söhne Ernst und Albert auf dem Bett, verfolgten alles mit großen Augen und wagten nicht, auch nur den kleinsten Laut von sich zu geben. Die beiden setzten Luise in einem Sessel nieder, wo sie, den Kopf zur Seite geneigt, die Arme schlaff herunterhängen ließ. Hermine löste ihren Schal und tupfte mit einem Tuch die Regenspritzer von ihrem Gesicht. Luise öffnete die Augen und schaute matt herüber, "Sind Sie das, Herr Hausmann?" "Ja, Euer Durchlaucht. Wie schön, Sie wiederzusehen." (Für diese dämliche Bemerkung schämte er sich noch Jahre später.)

"Wo sind die Buben?" "Sind hier, gnädige Frau." "Ich bin weggelaufen! Oh Gott, verzeih' mir, ich habe meine Kinder allein gelassen!" Auf Ernst's und Albert's Gesichtern machte sich Verzweiflung breit. Hausmann fragte Hermine "Ist nebenan noch ein Zimmer?" "Ja, meins." "Können die beiden solange dort warten." "Worauf denn?", erwiderte Hermine, und ihr Ton wurde auf einmal nachdrücklicher, "Wir müssen jetzt etwas für alle drei unternehmen!" Hausmann sah sie bloß fragend an, sie sagte "Hier können wir nicht länger bleiben."

Er wollte fragen, warum nicht, aber er ahnte, daß die ganze Sache viel zu kompliziert wäre, um hier an Ort und Stelle geklärt zu werden. Er sagte "Ich gehe und besorge eine Kutsche, damit bringen wir sie weg. Und Sie überlegen sich inzwischen, wohin." "Wie bitte? Ich bin mein Lebtag noch nicht hiergewesen." "Ja, aber Sie haben die Herzogin herbegleitet." "Weil sie mich darum gebeten hat." "Warum wollte sie weg?" "Wegen dem Herzog." "Karl Anton?" Hermine presste die Lippen zusammen, man sah, daß sie den Namen auszusprechen nicht mehr gewillt war. "Ist er auch hier?" "Nein. Aber er wird herkommen. Und dann Gnade uns Gott!", murmelte sie und bekreuzigte sich. Ernst und Albert hatten alles stumm mitangehört, sie verzogen keine Miene, aber Hausmann konnte sehen, daß Alberts Hände zitterten. Luise war in einen Halbschlummer gefallen.

Eine Stunde später hielt eine Kutsche vorm Hotel, Hausmann ging hinauf in das Zimmer, er hatte für die beiden Knaben ein paar Leckereien mitgebracht, sie nahmen sie artig an und bedankten sich. Luise hatte sich mit einem Tee gestärkt, sie saß aufrecht im Sessel und starrte auf ihre Kinder; Hermine brachte die Sachen im Gepäck in Ordnung.

Hausmann fragte "Sie wollen immer noch nicht aufs Schloss zu Ihrem Vater?" Luise schüttelte entschieden den Kopf, "Nein. Das ist unmöglich." "Wohin wollen Sie dann?" "Ich weiß nicht", sagte sie und schaute ihn mit flehendem Blick an, "bringen Sie uns bitte an einen Ort, wo uns mein Mann nicht findet." "Das ist viel verlangt, Euer Durchlaucht, ich komme dadurch in große Schwierigkeiten." Sie sagte "Ja. Verzeihen Sie, Jakob, daß ich Sie darum gebeten habe" und wandte sich traurig ab. Er warf einen Blick aus dem Fenster nach unten auf die Kutsche, "Es wird bald dunkel. Wenn Sie hier wegwollen, müssen Sie es gleich tun, sind Sie in der Lage dafür?" Luise nickte. "Hermine! Helfen Sie mir, das Gepäck zu verstauen." "Jawohl." Unten fragte sie ihn "Wo bringen Sie sie hin?" "Das geht niemand etwas an." Hermine war eingeschnappt, er fügte hinzu "Sie würden doch sowieso nicht wissen, wo das liegt" und schenkte ihr ein Lachen. "Pah!", machte sie, "Ich wäre beinahe mal mit nach Afrika gereist."

Der Hauptmann Tenneberg hatte sich bereits schlafen gelegt und zu schnarchen angefangen, da schlug sein Hund an und wollte sich gar nicht wieder beruhigen. "Sachte, Daggi! Was ist denn?" Inzwischen war die Magd zum Tor gelaufen, "Wer ist da?" "Ich bin's, Jakob Hausmann aus Gotha, guten Abend Thilda, entschuldigen Sie die späte Störung, aber wir haben hier einen Notfall, können Sie uns mit der Kutsche 'reinlassen." "Ja, warten Sie, ich rufe den Hans, der macht Ihnen auf."

Der Knecht Hans öffnete die beiden Torflügel und die Kutsche fuhr auf den Hof. Hauptmann Tenneberg war aufgestanden und hatte sich seinen "Kellermantel" übergeworfen, der Hund war gleich herausgesprungen und beschnüffelte die Ankömmlinge. Hermine stützte Luise beim Hineingehen, Thilda zeigte ihnen den Weg in die Stube. Hausmann und der Knecht trugen die schlafenden Knaben auf dem Arm, zuletzt folgte der Kutscher.

Hans fachte das Feuer im Kamin an, welches für die Nacht schon zugedeckt war, "Soll ich die Elfie wecken?", fragte er, aber Thilda sagte "Nein lass' sie schlafen, wir schaffen das allein." Als sie die Lichter in einigen Leuchtern entzündet hatte, fiel ihr Blick auf die Herzogin, "Allmächtiger!", rief sie, "Das ist ja die Prinzessin Luise! Gott, mein Kindchen, was haben sie mit dir gemacht!" Sie blickte sich um, "Dann sind das die beiden ... Himmel! Was ist denn passiert?"

Hauptmann Tenneberg schaute zu Jakob Hausmann, der zögerte, "So genau bin ich auch nicht im Bilde. Die Prinzessin ... vielmehr die Herzogin ... ist hier mit ihren Söhnen und (er deutete mit der Hand auf Hermine) mit ihrer Kammerjungfer angekommen, aber sie ließ sich nicht überreden, zu ihrem Vater aufs Schloss zu gehen. Ich kann nur vermuten, was vorgefallen ist."

Luise saß hingesunken auf einem Lehnstuhl; die Jungen hatten sie kurzentschlossen auf eine Bank gelegt, sie schliefen fest. Da machte Hermine vor dem Hauptmann einen Knicks und sagte "Wir wären Ihnen sehr dankbar, wenn Sie uns für diese Nacht Asyl gewähren würden." "Das ist doch gar keine Frage", rief die Magd, "nicht wahr, Siegfried, das ist doch selbstverständlich, es ist die Prinzessin!" Der Hauptmann sagte "Das ist ganz selbstverständlich. Allerdings würde ich gern erfahren, warum die Prinzessin ... ich meine die Herzogin, hier ist." Alle (außer Luise und die Söhne) schauten auf Hermine, sogar der Kutscher, der sich am Kamin aufwärmte, drehte den Kopf.

"Der Herzog hat die Scheidung gefordert." "Ei der Daus!", machte der Hauptmann, "Was war denn der Grund?" "Er behauptet, sie hätte ein Verhältnis mit dem Alexan... mit dem Herrn Haunstein." "Und wer ist der Herr Haunstein, wenn man fragen darf?" "Der Stallmeister auf dem Coburger Hof." "Und hat sie?" "Bitte?" "Ist das wahr, was der Herzog ihr vorwirft?" "Es gibt Zeugen, die es unter Eid beschwören", gab Hermine zu und schaute auf Luise, die von allem nichts mitbekam. "Warum willigt sie dann nicht ein?" Hermine sah ihn verständnislos an, "Ja glauben Sie denn, der Herzog lässt sie so einfach gehen! Er fordert natürlich die Kinder. Und er verlangt, daß Luise auf alles Erbe, das ihr irgend zusteht, zugunsten der Kinder verzichtet - wenn er seinen Willen durchsetzt, dann bleibt ihr nichts."

Hausmann sagte "Deshalb hat sie ihre Kinder mitgenommen." "Ja. Aber sie hat es nicht übers Herz gebracht, zu ihrem Vater zu gehen, sie will nicht noch mehr Menschen Leid zufügen." "Weiß denn dieser Herr Haunstein, daß sie hier ist?" "Ich befürchte nein." "Was würde er wohl tun, wenn er's erführe?" "Das kann ich nicht sagen, aber jetzt, wo sie weg ist, wird er sich die größten Sorgen um sie machen."

"Tja, meine Liebe", sagte der Hauptmann, "wir können die ganze Sache natürlich nicht hinter dem Rücken von Herzog August verhandeln." "Aber Luise will um keinen Preis, daß er ..." "Ich kann hier aber auch beim besten Willen niemanden beherbergen, der woanders gesucht wird, und zwar von einem Fürsten höchstpersönlich. Das ist hier kein Niemandsland, und es gelten Recht und Gesetz wie überall im Reich." "Aber Siegfried!", wandte die Magd ein, "es handelt sich um unsere Prinzessin!" "Ja, und um August's Tochter. Was soll er künftig von mir halten, wenn er erfährt, daß ich ihn hintergangen habe?" Hermine sagte "Aber vorhin gewährten Sie uns Asyl!" "Für diese Nacht allemal. Niemand wird fortgeschickt, der bei uns ans Tor klopft, wenn er nirgends unterkommt. Aber morgen, spätestens übermorgen, müssen wir damit zum Herzog gehen, das gebietet uns die Moral und der Gehorsam."

Thilda hatte in einer Stube zwei Betten frisch bezogen, eins für die Prinzessin und das andere für die Jungen. Hermine schlief in der Kammer nebenan. Der Kutscher blieb unten am Kamin und auch Jakob Hausmann legte sich dort auf die Bank. Hans hatte sich beizeiten verkrümelt. Als der Hauptmann Tenneberg wieder in seinem Bett war, brabbelte er noch: "Daggi! Bist du auch hier?", aber er bekam keine Antwort. Sein braver Hund hatte sich vor Luises Stube niedergelegt, als wollte er sie bewachen. Thilda war die letzte, die sich schlafen legte. Sie warf noch einen Blick aus dem Fenster und auf den Mond, der hell und rund am nächtlichen Himmel stand. "Ach du, alter Geselle", seufzte sie, "dir ist das alles einerlei. Aber unsereinem geht so manches Schicksal andrer Leute zu Herzen, und zuletzt kann man ihnen doch nicht helfen."

Der Hauptmann Tenneberg und die anderen kamen gar nicht dazu, die Gothaer über den Vorfall zu informieren. Schon einen Tag später stand Herzog Karl Anton in Begleitung einiger Männer aus seinem Jägerbataillon vor dem Tor und begehrte Einlass. (Wie er von dem Aufenthaltsort Luises erfahren hatte, blieb für immer unklar.) Der Hauptmann konnte nicht anders, als ihm zu öffnen. Karl Anton verlangte die "Auslieferung" der beiden Söhne, und falls ihm dies, von wem auch immer, verwehrt werde, würde er dies mit Waffengewalt erzwingen. Er verlor kein Wort über die Herzogin.

Jakob Hausmann erinnerte sich nur mit Abscheu und mit einem Gefühl der Ohnmächtigkeit an die Szene, die dann folgte, und insbesondere an den verzweifelten Versuch Luises, an ihren Kindern, im buchstäblichen Sinn des Wortes, festzuhalten, und an die Rücksichtslosigkeit und Brutalität, mit welcher Karl Anton sie ihr entreißen wollte. Seine Jäger hielten die anderen mit gestrecktem Gewehr zurück, falls sie auf die Idee kämen einzugreifen, und das war es, was Jakob Hausmann so sehr erzürnte und ihn zuletzt vor sich selbst so armselig erscheinen ließ, daß er sich abwenden und seine Tränen verbergen musste.

Schließlich "erlaubte" der Herzog Luise, die beiden Söhne nach Hause zu begleiten, und sie saßen dann alle drei in der Kutsche, die Karl Anton mitgebracht und eigens zu diesem Zweck so präpariert hatte, daß man sie von außen verriegeln konnte. Niemand sprach noch ein Wort, man hörte nur das leise Schluchzen der Mutter und das Wimmern ihrer Kinder, die nicht begreifen konnten, was da vor sich ging. Allein die Daggi, des Hauptmanns treuer Hund, bellte den wilden Jägern lange hinterher.

Was bleibt noch zu berichten? Die Ehe wurde geschieden, Karl Anton setzte sich mit seinen Forderungen auf der ganzen Linie durch, so wie es Hermine prophezeit hatte. Der Herzogin Luise wurde ein kleines Fürstentum im Saarländischen zugesprochen, welches Karl Anton seinerzeit für seinen Einsatz im Kampf gegen Napoleon erhalten hatte. Sie heiratete den ehemaligen Stallmeister Alexander Haunstein, der, um eine standesgemäße Verbindung zu wahren, von dem Hildburghausener Herzog (aus einer Thüringischen Nebenlinie) in den Adelsstand erhoben wurde. Das Paar ließ sich in Sankt Wendelin nieder. Ihren Löwen und das Krokodil durfte Luise nie wiedersehen.

* * * * *

Nachdem die Prinzessin Louise und ihr Gemahl August an jenem heißen Sommertag des ausgehenden Jahrhunderts vom Xaver von Zach sich das Thermometer hatten erklären lassen, welches die Lauschaer Glasbläser dem Herzog Ernst geschenkt hatten, und nachdem Louise und das Fräulein von Kemp eine Weile andächtig vor der Pendeluhr von Mudge & Dutton gestanden und in Gedanken dem Gott Chronos die Ehre erwiesen hatten, marschierten die drei auf schattigem Pfad den Seeberg wieder hinab, um dann im Ostflügel des Schlosses in der kühlen "Kartause" Kaffee zu trinken (Louise mit Rücksicht auf ihren fortgeschrittenen Zustand: Malzkaffee mit viel Milch und Zucker).

Xaver von Zach widmete sich derweil der Auswertung diverser Beobachtungen der vergangenen Nächte, als gut zwei Stunden später der Herzog vorbeischaute. Er sagte, er sei geflüchtet, das junge Paar hatte Besuch bekommen, und die Herzogin ebenfalls, und die ganze Gesellschaft hätte einen solchen Lärm veranstaltet, daß er das Weite gesucht habe. Wie es denn mit der Jagd nach dem neuen Planeten namens Ceres voranginge, den dieser Astronom in Palermo entdeckt hatte und der nach einigen Nächten leider wieder unsichtbar geworden war.

Zach berichtete, daß er ihm seit über vier Wochen auf der Spur sei, "Wo denn eigentlich?", wollte der Herzog wissen, der bei solchen Gesprächen immer die Hände auf dem Rücken verschränkt hielt, als wollte er nicht aus Versehen irgendeins von Zachs hochempfindlichen Instrumenten berühren und dadurch womöglich die Messungen beeinflussen, "Ich meine, in welcher Richtung wird die Ceres vermutet?" "Nunmehr im Sternbild Jungfrau, nachdem sie Krebs und Löwe durchlaufen hat." "Das heißt, sie bewegt sich von rechts nach links", stellte der Herzog sachkundig fest. "Ja. Aber wir wissen nicht, wie schnell sie auf ihrer Bahn tatsächlich fortschreitet." "Hat denn schon jemand auf die Veröffentlichung im Journal respondiert?" "Oh ja, ich habe mehr als zwei Dutzend Schreiben erhalten, aus Berlin, aus Bremen, aus Paris, Wien, Mailand, auch aus Petersburg. Es sind einige Vorhersagen über künftige Positionen darunter, aber die Bahnberechnungen scheinen mir, so gründlich sie auch ausgeführt sind, nicht genau genug, wenngleich ich es nicht besser könnte."

Sie sprachen noch eine ganze Weile über die Ceres und auch über einige andere Dinge, bis Zach ein Gähnen unterdrückte. Der Herzog sagte "Oh, mein lieber Xaver, ich halte Sie hier wach, dabei wollen Sie sich bestimmt noch ein Stündchen aufs Ohr legen, bis Ihre Nachtschicht beginnt." Zach winkte ab, "Ich brauche nicht viel Schlaf." "Doch doch, ich mache mich gleich von dannen, ich möchte ja nicht, daß die gute Ceres heute Nacht vorbeizieht, während Sie hinterm Fernrohr eingenickt sind." "Ja, das wäre natürlich höchst bedauerlich." Der Herzog war aufgestanden und zur Tür gegangen, da drehte er sich nochmal um, "Sagen Sie, hätten Sie etwas dagegen, wenn ich Ihnen heute Nacht ein bisschen Gesellschaft leiste?" "Herzlich gern."

Es war sternenklar, warm, windstill und Neumond, die besten Bedingungen für passionierte Sterngucker. Zach zeigte dem Herzog einige sehenswerte Objekte (es war schon ziemlich lange her, daß Herzog Ernst zuletzt durchs Fernrohr geschaut hatte, aber er konnte sich noch auf einiges besinnen). Kurz nach Mitternacht "durchschritt" der auffällige Regulus im Sternbild Löwe den Südmeridian des Passage Instruments, außerdem waren da ein paar ferne Galaxien zu sehen, die aussahen wie zerzupfte Wattebäusche.

Später kam die "Jungfrau" ins Blickfeld, und Zach blieb ununterbrochen auf Beobachtungsposten, während sich der Herzog am Spiegelteleskop betätigte. Als die helle Spica vorüber zog, tauschten sie für eine Viertelstunde die Plätze. Desgleichen als Arktur im Bootes auftrat, von dem Zach sagte, er verdiene genaugenommen nicht die Bezeichnung Fixstern, weil er mit großer Geschwindigkeit durchs Weltall rast und sich pro Jahr um fast zweieinhalb Bogensekunden am Firmament verschiebt. "Und dennoch", fügte er hinzu, "muss dieser kapitale Bursche an der unsichtbaren Leine einer noch größeren Macht liegen, die ihn da in der endlosen Weite herumschleudert."

Dann begann es am Osthimmel schon zu dämmern und die Sterne verblassten. Die Ceres hatten sie nicht gesichtet, aber es war natürlich nicht auszuschließen - ja, wie Zach eingestand, sogar sehr wahrscheinlich, daß sie sich in dem Ozean der funkelnden Punkte und Pünktchen bloß untergemischt hatte.

Der Herzog verspürte noch kein Verlangen, aufs Schloss zurückzukehren, er hatte etwas Proviant mitgebracht, Brot, Butter, Käse, ein Stück Cervelatwurst. Zach setzte den Wasserkessel für Tee auf, und dann setzten sie sich an die offene Terrassentür, wo die milde Morgenluft hereinströmte.

Zwei Wochen später erhielt Zach einen Brief, in welchem Voraussagen für künftige Positionen der Ceres getroffen wurden. Zach erkannte intuitiv, daß diese Daten gegenüber den bisherigen eine völlig neue Qualität hatten. Der Absender des Schreibens war ein Mann namens Carl Friedrich Gauss aus Göttingen. Zach zeigte den Brief dem Herzog und bat ihn, den Herrn einzuladen, was dieser auch sogleich veranlasste.

In der darauffolgenden Woche empfing Zach ihn auf dem Seeberg. Er war sehr überrascht, einen jungen Mann von Anfang zwanzig vor sich zu sehen, wo er doch einen betagten Gelehrten erwartete, jemand, der es durch jahrelange, unermüdliche Forschung zu höchsten Fertigkeiten gebracht hatte. Gauss war durch den Bericht in der Monatlichen Korrespondenz auf die Problematik aufmerksam geworden und sah sich, wie er jetzt gegenüber Zach äußerte, herausgefordert, bei der Lösung einige selbstentwickelte "Verfahren" anzuwenden, auch um sich von deren Brauchbarkeit zu überzeugen.

Zach führte ihm seine Instrumente vor, und Gauss war vor allem von dem Prunkstück, dem großen Passage Fernrohr begeistert. Zach wunderte sich, "Soviel ich weiß, hat Göttingen gar keine Sternwarte. Wo haben Sie denn Ihre Beobachtungen durchgeführt?" "Bisher nur auf dem Papier", erwiderte Gauss. Zach machte ihn mit dem Herzog bekannt, der ebenfalls von dem jungen und offenbar sehr begabten Mathematiker beeindruckt war.

Um was für Verfahren es sich da handelte, von denen er gesprochen hatte, fragte ihn Zach, und Gauss nannte eines, dem er die Bezeichnung "Methode der kleinsten Quadrate" gegeben hatte. Als der Herzog ihn aufforderte, ihm etwas mehr darüber zu sagen, "und bitte so, daß ich es mit meinen niederen mathematischen Kenntnissen auch verstehe", lächelte Gauss milde und erklärte: "Im Grunde ist es ein verbesserter Weg, um aus einer Liste von empirischen Daten einen möglichst genauen Mittelwert zu gewinnen."

Zach war der Ansicht, daß die anderen Astronomen auch von einem arithmetischen Mittel ausgegangen waren "und, wie ich vermute, durch Interpolation die Datenreihen vervollständigt haben". "Ja", stimmte ihm Gauss zu, "meine Methode beruht jedoch auf der Annahme, daß es für Messungen dieser Art eine unvermeidliche Fehlerquote gibt, oder bessergesagt eine Verfälschung, welche zu Ungenauigkeiten führt und die mehrere Ursachen haben kann. Aber ich würde mich bei diesen Ursachen nicht unnötig aufhalten, sondern sozusagen eine objektive 'Schussligkeit' unterstellen, die auf rechnerische Weise korrigiert oder ganz bereinigt werden kann."

"Und da setzt Ihre Methode an", stellte der Herzog fest. "Genau. Ich erfasse die Abweichungen nach 'oben und unten' um einen geschätzten Mittelwert, setze diese Differenzen ins Quadrat ..." "Warum das?" "Um negative Werte zu vermeiden", bemerkte Zach. "Richtig. Und dann wähle ich diejenige Datenreihe, bei welcher die Summe dieser Quadrate am kleinsten ist, denn das müsste folgerichtig diejenige sein, die der Wirklichkeit am nächsten kommt."

Der Herzog nickte verständnisvoll. Zach sagte "Um diese Datenreihe zu finden, ist immer noch immenser Rechenaufwand nötig, zumindest muss doch viel verglichen werden, oder?" "Nicht wenn man sich einer Abkürzung bedient, indem man die Summe differenziert und dann die Ableitung gleich Null setzt." "Oh Gott", rief der Herzog, "da steige ich aus, Differentialrechnung war noch nie meine Stärke." Gauss lachte nachsichtig, "Ja, man sollte sich schon ein bisschen sattelfest fühlen, sonst passiert es leicht, daß man einen Fehler durch einen anderen ersetzt." Und wie er das sagte, wurde Zach klar, wie sicher sich Gauss war, daß keiner so leicht seine Methode plagiieren könnte, etwas, was die Mathematiker zu allen Zeiten am meisten zu verhindern suchten.

Der Herzog sagte "Wenn ich es also recht verstehe, versuchen Sie den Makel der Unzulänglichkeit und des Irrtums, welcher jeder Messung als einer menschlichen Handlung anhaftet, mit einem mathematischen Korrektiv zu beheben." "Ja, das haben Sie sehr treffend formuliert. Es ist übrigens noch etwas dabei, das zu erklären hier zu weit führen würde, nur so viel: ich bin der Überzeugung, daß es selbst für diesen menschlichen Irrtum, also für eine anscheinend rein psychologische Größe, eine mathematische Beschreibung gibt, und zwar dergestalt, daß man zumindest eine Aussage über die Häufigkeit und damit über die statistische Wahrscheinlichkeit dieser Irrtümer treffen kann. Die meisten Phänomene in unserer Welt - wenn nicht sogar alle - gehorchen einem allgemeinen Prinzip des Auftretens", fügte er hinzu, "und Feststellungen wie selten oder oft können durchaus mit einem mathematischen Kalkül präzisiert werden."

Zach und der Herzog waren ein bisschen sprachlos geworden angesichts der Originalität (und wohl auch der Genialität) dieses jungen Mannes. Der Herzog lud ihn zum Essen ein. August und Louise sowie das Fräulein von Kemp und Zach selbstverständlich waren auch dabei; Herzogin Charlotte hatte etwas zu erledigen.

Bei der Unterhaltung stellte sich heraus, daß Gauss aus Braunschweig gebürtig war und einfachen Verhältnissen entstammte. Schon in der Schule war er durch seine Rechenkünste aufgefallen, der Herzog von Braunschweig hatte ihn unter seine Protektion genommen und ihm ein Studium an der Göttinger Universität finanziert. Er fühlte sich, wie es schien, seinem Gönner in grenzenloser Dankbarkeit verpflichtet. Er hatte erst kürzlich promoviert.

August wollte wissen, welches Thema seine Dissertation hatte. "Arithmetische Untersuchungen", antwortete Gauss, und da nichts weiter folgte, fragte Louise vorsichtig: "Was kann man sich darunter vorstellen?" "Nun, es geht zum Beispiel darum, wie viele Wurzeln man aus einer Gleichung höheren Grades ziehen kann." "Wie, Wurzeln?" Zach half ihr weiter, "Eine Wurzel ist im mathematischen Sinn eine Lösung." "Ach so. Das muss man natürlich wissen." August sagte "Ich habe bei dem Wort gleich eine unangenehme Reminiszenz gefühlt, man hat mir nämlich letzte Woche einen Zahn gezogen, das war sehr schmerzhaft." Die andern lachten, Louise streichelte seine Wange, "Liebster, nun bist du erlöst."

"Und beschäftigen Sie sich auch noch mit anderen Problemen?", fragte August, der befürchtete, er habe Gauss mit seinem Scherz womöglich verspottet, was keineswegs seine Absicht war. "Ja, mit der Zahlentheorie." "Was kann man darin erkunden?", fragte Louise wissbegierig. "Beispielsweise ob es eine Gesetzmäßigkeit gibt, wie die Primzahlen in der Folge der natürlichen Zahlen verteilt sind." "Was sind Prienzahlen?" August sagte belehrend: "Das sind Zahlen, die nur durch eins und durch sich selbst teilbar sind, mein Schatz." "Genau", bestätigte Gauss. "Ist das denn etwas Besonderes?" "Für Mathematiker schon, sie denken seit zweitausend Jahren darüber nach, warum es sie gibt." "Oh, na dann muss es ja von nicht geringer Bedeutung sein. Und sind Sie selbst schon zu einem Ergebnis gekommen?" Gauss sagte "Ich habe noch keine schlüssige Formel gefunden, wenn Sie das meinen, Prinzessin."

Der Herzog sagte "Sie sind ja auch noch jung und haben viel Gelegenheit für dergleichen Entdeckungen." Dann verkündete er, daß er, falls sich Gaussens Vorhersagen für die Ceres bewahrheiten, ihm als Anerkennung seiner Leistungen eine Prämie zukommen lassen werde, worauf Gauss sich im Voraus bedankte, "Das ist sehr großzügig von Euer Durchlaucht. Dann muss ich bloß noch hoffen, daß der Himmel nicht bedeckt sein wird."

Zach versprach, ihn sofort zu informieren, wenn er die Ceres wieder aufgefunden habe. Er sprach hinterher mit dem Herzog, der meinte, es wäre bestimmt von großem Nutzen, einen solchen fähigen Mann in eigenen Diensten zu haben. Und Zach pflichtete ihm bei, aber er hätte deutlich herausgehört, daß Gauss um keinen Preis seine derzeitige Wirkungsstätte aufgeben werde. "Nun ja", meinte der Herzog, "vielleicht kommt ja so ein Genie doch auch mal in unsern Landen zum Vorschein." "Ja", lachte Zach, "man sollte manche Hoffnung nie aufgeben."

Dann kam der Herbst, und das junge Prinzenpaar wurde immer geschäftiger bei den Vorbereitungen für Louises Niederkunft. Auch der Onkel Johann Eugen wollte sein Scherflein dazu beitragen und gab bei dem Tischlermeister Braugelt eine Baby Wiege in Auftrag, die dann zuerst etwas seltsam ausgefallen war und um die sich eine erregte Diskussion entspann, die aber (nachdem sie klammheimlich durch ein anderes Modell ausgewechselt worden war) allgemeinen Anklang fand und letztlich auch dazu führte, daß Louise die Bekanntschaft mit der Tischlermeister Tochter Agnes machte, welche ebenfalls in guter Hoffnung war.

Da man mit der Entbindung "um Weihnachten herum" rechnete, sollten beide frohe Ereignisse betreffs der Feierlichkeiten miteinander verknüpft werden. Käme das Baby früher zur Welt, würde man es als größtes und schönstes Weihnachtsgeschenk preisen, käme es nach dem Fest, hätte man den glücklichsten Anlass, sich der letzten Tage des vergehenden und der ersten des neuen Jahrhunderts zu erfreuen.

Louise schrieb unermüdlich Einladungskarten, auch wenn sie wegen der Körperfülle und der mitunter heftigen Verspannung im Rücken kaum noch bequem sitzen konnte; August übergab dann die Briefe der Post. "Meinst du wirklich, daß alle kommen werden?", fragte er sie. "Warten wir's ab. Wenn die Hälfte kommt, haben wir schon ein volles Haus", erwiderte sie und man konnte sehen, daß sie sich riesig auf den ganzen Rummel freute.

Und dann kamen sie wirklich aus allen Ecken und Enden, um den Nachwuchs des Hauses Sachsen Gotha Altenburg willkommen zu heißen. Natürlich reiste Louises Verwandtschaft aus Schwerin an, ihre Eltern, ihr Bruder, sogar ihr ehemaliges Kindermädchen. Es wurden vorzeitige Glückwünsche der Schweriner Bürgerschaft überbracht, welche die junge Erbprinzessin stets in guter Erinnerung behalten hatte.

Da war eine bunte Zeichnung von einer gewissen Svenja (6 Jahre) dabei, die ein Mädchen mit einem noch kleineren Mädchen an der Hand bei einem Schwanenteich zeigte; der Schwan sah sehr majestätisch aus. Louise kamen bei der Betrachtung vor Rührung die Tränen; August strich ihr übers Haar und meinte "Wenn der Frühling kommt, müssen wir uns unbedingt für den Parkteich diesen Schwan besorgen." Louise lachte und erwiderte "Da brauchen wir aber auch eine Frau für ihn. Weißt du denn nicht, daß ein Schwan allein nicht leben kann!"

Sie kamen aus Meiningen (aus Herzogin Charlottes Elternhaus) und aus Saalfeld, aus Hildburghausen und aus Altenburg, aus Weimar und aus Dresden. Sie kamen aus Hannover, und wäre Herzog Ernst's Vetter, König Georg von England, nicht im Theater während der Vorstellung von Shakespeare's Sommernachtstraum von einem Attentäter verletzt worden, wäre er bestimmt persönlich erschienen. So aber sandte er Lord Stanhope, den Duke of Peterborough, der dann die Baronin von Sennelob (allerdings ungewollt) zu einer bissigen Bemerkung reizte.

Louise hielt sich in den Tagen unmittelbar vor der Entbindung in ihrem Gemach im Friedrichstaler Palais auf, während man oben im Schloss alles für das Fest ausschmückte. In der Woche vor Weihnachten wurde es kalt und es schneite stundenlang. Der Diener Hasemeier schleppte Arme voll Buchenscheite heran und fütterte die Kachelöfen, daß sie bedrohlich zu surren und zu pfeifen anfingen, immerhin sorgte er dafür, daß sich alle wohlfühlten. In der Küche wurde gekocht und gebacken was das Zeug hielt, und gerade eben kam noch ein Weinhändler aus dem Fränkischen, der den verschneiten Wegen getrotzt und allerlei edle Tropfen für den beliebten Glühwein mitgebracht hatte, der dann auch schon mal vorgekostet wurde.

Nur der Xaver von Zach machte sich rar. Das Wetter war ihm nicht hold. Schon hatte er fünf der Termine, die ihm der Carl Friedrich Gauss aus Göttingen vorhergesagt hatte, verstreichen lassen müssen, weil der Nachthimmel dicht bewölkt war. Der nächste war am vierundzwanzigsten Dezember, und Zach überlegte angestrengt, wie er in dieser heiligsten aller Nächte sich aus der Gesellschaft im Schloss würde entfernen können, ohne daß es auffiele.

Dann war es endlich soweit! Vier Tage vor Weihnachten gebar Louise eine Tochter, welche den Namen der Mutter erhielt, nur um das kleine o verkürzt, das vielleicht in der ganzen Aufregung abhanden kam. Alle waren überglücklich, am meisten natürlich die Eltern, die das wundervolle Geschöpf abwechselnd in Armen hielten und nicht mehr aufhörten, sich daran zu erfreuen.

Heiligabend kam heran, und Louise, obwohl noch geschwächt, mutete sich zu, hinauf ins Schloss gebracht zu werden, wo im Weißen Saal ein Tannenbaum mit Kerzen und farbigen Lauschaer Glaskugeln aufgestellt worden war, um den herum Geschenke für die Kinder lagen, die mitangereist waren. Xaver von Zach war hin- und hergerissen, alles war so heimelig und ergreifend hier, und er musste dennoch dauernd an die Ceres denken, die sich vielleicht gerade anschickte, am Himmelszelt zu erscheinen wie weiland der Stern von Bethlehem, bloß ohne Schweif und nicht ganz so hell.

Der Gymnasialdirektor und Garnisonsprediger Amelung hatte mit einigen seiner Schüler ein Krippenspiel aufführen wollen, dann aber auf den Einwand des Doktor Fritzwald hin, es würde die junge Mutter mit ihrer noch eingeschränkten Aufmerksamkeit überfordern, davon abgesehen. Er sprach ein paar feierliche Worte mit einem Segen für alle, und dann sang der Kinderchor einige bekannte Weihnachtslieder, in welche alle miteinstimmten. August, Louise und das Kindlein sahen aus wie die heilige Familie, alles war so, wie es sich die Prinzessin gewünscht hatte.

Dem Zach gelang es, unbemerkt zu verschwinden, und als er auf der Sternwarte ankam (wo der Diener Hasemeier übrigens ebenfalls zwei "Kanonenöfen" befeuert hatte) war der Himmel sternenklar und er machte sich sofort an die Arbeit. Aber die Feiertage - oder bessergesagt: die Nächte - vergingen ohne Erfolg. Da bemerkte er in der Nacht vom neunundzwanzigsten zum dreißigsten einen Lichtpunkt, von dem er meinte, er habe sich vorgestern noch eine Kleinigkeit weiter rechts befunden, denn die Abstände zu den umliegenden Sternen hatten sich verändert.

Er ermittelte mit Hilfe der Mauerquadranten und der großen Uhr die genaue Position und hielt alles schriftlich fest (sein Assistent lag leider zur Zeit krank darnieder), er überprüfte auch mit dem Teleskop die Koordinaten und kam zu dem Schluss, daß es sich um den Planeten Ceres handeln musste. Er konnte es kaum erwarten, vierundzwanzig Stunden später seinen Blick wieder auf dieselbe Stelle zu richten, und wahrhaftig! Das Pünktchen hatte sich abermals ein Stück weiterbewegt. Seine Hände begannen zu zittern, so sehr überkam ihn die Freude. Doch aller guten Dinge waren drei! Er musste seine Vermutung auch in der folgenden Nacht, dem Neujahrsmorgen des neuen Jahrhunderts bestätigt finden, bevor er Gewissheit erlangte.

In den Mittagsstunden des Silvestertages ging Zach zum Herzog, um ihn über seine Entdeckung zu unterrichten. Der Herzog befand sich in sehr betrübter Stimmung. Louises Zustand hatte sich rapide verschlechtert. Doktor Fritzwald und die Hebamme kümmerten sich um sie, doch in den kurzen Momenten, als der Doktor draußen vor dem Gemach der Prinzessin erschien, machte er eine bedenkliche Miene, und im Verlauf des Tages sprach er hinter verschlossener Tür mit der herzoglichen Familie. Als man den Erbprinzen wieder herauskommen sah, hatte er bereits rotgeweinte Augen.

Man beschloss, die Feier zum Jahreswechsel in gedämpfter Atmosphäre abzuhalten; man wollte aber auch die Gäste, die noch geblieben waren, nicht verschrecken. Der Herzog sagte, nach Verlautbarung des Arztes gäbe es Aussicht auf Besserung und Louise habe keine Schmerzen. (Der Doktor hatte dieser Mitteilung nur widerwillig zugestimmt.) Zach verbrachte die Neujahrsnacht auf dem Seeberg, die Beobachtungsdaten des Planenten ließen keinen Zweifel mehr zu, daß es sich um die Ceres handelt.

In der Nacht klopfte es an die Tür, Zach öffnete, und es war die Herzogin, in einen Pelzmantel gehüllt, mit dicker Mütze und gefütterten Handschuhen, unterm Arm hatte sie eine Flasche Champagner. "Ich wollte mit Ihnen auf das neue Jahr anstoßen, mein verehrter Zach!" Er holte zwei Gläser aus dem Schrank und ließ den Korken knallen. "Wie sind Sie hergekommen?" "Jemand hat mich hergebracht." "Dann auf Ihr Wohl, Charlotte!" "Und auf Ihr's, Meister Zach."

Bei der Prinzessin kam es zu einer Blutung, sie verlor zeitweise das Bewusstsein. Obwohl sie von heftigen Fieberschüben heimgesucht wurde, heizte der Diener Hasemeier ordentlich ein, weil die Ärmste zwischendurch am ganzen Leib schlotterte, als würde sie in eisiges Wasser getaucht. Doktor Fritzwald schwieg, als ihn der Herzog nach ihrem Befinden fragte, dann schüttelte er sachte den Kopf und sagte "Es geht zu Ende mit ihr." Abwechselnd wachten sie an ihrem Bett, nur August hielt es beim besten Willen nicht lange dort aus.

Einmal kam sie zur Besinnung und schaute um sich, ihre Augen waren schon tief in die Höhlen eingesunken. Und doch! Als sie neben dem Bett Charlotte und den Xaver von Zach erblickte, die gerade in dieser Stunde die stille Wache übernommen hatten, schien sie für einen Moment ganz nahe zu sein. Sie fasste nach der erstbesten Hand - das war seine - hielt sie fest und flüsterte mit schwächster Stimme, aber mit der größten Innigkeit: "Sagt Friedrich, er soll sich gut um Luise kümmern." Die beiden hielten es für eine Folge ihres getrübten Verstandes, daß sie den Namen verwechselt hatte. Die Prinzessin verstarb am Morgen des darauffolgenden Tages.


ENDE



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