Alexander Fuchs : Kleine Werkeausgabe : Band 04


Alexander Fuchs

Entkommen




In der Ferne am Berghang konnte man die Wasserfälle von Paso de Indios erblicken, aber sie waren weit weg, und das Wasser verschmolz zu einer unbeweglichen weißen Masse, und der Nebel, der von unten aus dem Wald heraus aufstieg, hing fest und sah aus wie helle Flecken auf einer Photographie.

Nach Westen zogen sich die Berge bis an den Horizont, Hügel hinter Hügel, unzählige, alle ziemlich gleich hoch und massiv unter einer dichten, dunkelgrünen Vegetation, die immer mehr ins Blaue und Graue überging und schließlich am Horizont wie der Himmel war, als wollte sich dort die Erde mit ihm verbinden.

In die tiefen Täler hatte man von hier aus keinen Einblick, und auch die Hochebene, die auf der anderen Seite hinter dem langgestreckten Bergrücken lag, konnte man nicht sehen. Nichts regte sich, als wäre die Zeit stehengeblieben; selbst der Adler hoch oben schien seine Kreise wie schlafend zu ziehen, und die Wolken hatten haltgemacht.

Da tauchte weit unten zwischen den Bäumen, wo stellenweise die Fahrstraße sichtbar war, ein Automobil auf, das sich bergauf kämpfte. Es verschwand immer wieder unter dem Blätterdach, und nach einer Weile konnte man den Motor hören und die Räder schürften über die Schottersteine. Staub wirbelte auf und manchmal hüpfte der Wagen über eine Unebenheit hinweg oder rutschte mit dem Vorderteil zur Seite. Der Fahrer lenkte sofort gegen, und es schien, als wollte er auf keinen Fall das Tempo drosseln, weil er befürchtete, daß dann der Antrieb aufgibt.

"Jetzt lassen Sie mich fahren, Senor Kelling", sagte Pauls Begleiter. Er war kräftig gebaut und hatte ein feistes Gesicht und einen pechschwarzen dichten Schnurrbart und ebensolche Brauen über den dunklen Augen. Er trug einen grauen, nicht mehr neuen Anzug, und er sprach den Dialekt von Quetena, bei dem manche Laute wie ein festgehaltenes Glucksen in der Kehle klingen.

Er hatte schon mehrmals darauf gedrängt, das Lenkrad zu übernehmen, aber Paul hatte erwidert, er könne jetzt nicht anhalten und hatte mit dem Fuß noch fester aufs Gaspedal getreten, obwohl er schon alle Kraft aus dem Motor des Ford herausholte.

Dann kam plötzlich Dampf unter der Motorhaube hervor. "Da sehen Sie", rief der andere, "jetzt ist er heißgelaufen." Er fing an, mit den Armen herumzufuchteln. "Seien Sie still, Sergio, bis da hinauf schaffen wir's." Aber Sergio jammerte und hatte Angst um seinen Ford und auch um sein Leben. "Er wird gleich explodieren! Wir werden alle in die Luft fliegen", sagte er, als hätte er eine Kompanie Soldaten hinter sich. "Kein Mensch wird deswegen umkommen, ich kenne dieses Auto, wenn es anfängt zu dampfen, ist es noch lange nicht am Ende." "Ja, Sie kennen es, aber mir gehört es", entgegnete Sergio, "es ist der letzte Ford, der noch einigermaßen läuft, ich kann mir keinen neuen leisten."

Sie hatten wieder ein steiles Stück überwunden, und der Ford hielt sich wirklich tapfer, dann wurde es etwas ebener. Diese Straße war erst im vergangenen Jahr mit schwerem Gerät vorgetrieben worden, sie führte von Santa Rosa bis an eine Uferstelle des Rio Vacaria, wo die Meridian Company einen kleinen Flusshafen gebaut hatte.

Die Straße hatte Höhenunterschiede von über sechshundert Yards und stellenweise Steigungen von zehn Prozent; man hatte mehrere Felsen weggesprengt, die im Weg waren, und zwei von den Brücken mussten schon repariert werden, weil die Bäche nach den Unwettern zerstörerisch geworden waren.

Paul Kelling und sein Begleiter befanden sich jetzt etwa dreißig Meilen nördlich von Santa Rosa, als Sergio feststellte, daß er die Karte vergessen hatte. Er sagte "Ich weiß auch ohne die Karte Bescheid, ich war schon öfter hier oben." "Und wann zuletzt?", fragte Paul, aber er bekam keine Antwort.

Da lag plötzlich großes Geröll vor ihnen, das von einer Felswand einige Schritte oberhalb herabgebrochen war. Es war kein Vorbeikommen. Glücklicherweise war die Straße hier nicht abschüssig, und man konnte wenden. Sie hielten an, der Motor tuckerte, als würde er sich nach der Anstrengung langsam erholen, Pauls Hände auf dem Lenkrad vibrierten unmerklich. Er schaute sich um. Auch Sergio inspizierte die Gegend, es schien, als wollte er es Paul gleichtun, aber er hatte nichts dazu zu sagen.

"Dann sollten wir ein Stück zu Fuß weitergehen", meinte Paul und sah nach links zu der Anhöhe hinüber. "Wozu?", fragte Sergio, der wenig Lust hatte auszusteigen, "Wenn wir nicht genau wissen, wo wir sind." "Ich denke, Sie kennen die Gegend?", murmelte Paul ohne den anderen anzusehen. "Eben darum. Hier ist es nicht. Es müssen noch mindestens zehn Meilen ..." "Sehen Sie das da oben?" "Was?" "In der Lücke im Wald, was da herausragt, wofür halten Sie das?" Sergio bemühte sich, etwas zu erkennen. "Ein kahler Baum?" "Das ist ein Stromleitungsmast", sagte Paul, als wäre er gerade von dort zurückgekehrt. "Ach was, Senor Kelling, vielleicht täuschen Sie sich." "Wir gehen hin." "Jesus Maria, wie wollen Sie da hoch kommen? Das sind Palatoja Sträucher, durch die kommt man nicht mal mit der Machete durch." "Womöglich gibt es einen Weg von der Straße aus." Sergio lachte abfällig. "Einen Weg! Rufen Sie doch mal, vielleicht werden Sie abgeholt."

Paul hatte den Motor ausgeschaltet und war ausgestiegen. Sergio konnte nicht anders als ihm zu folgen. Er fluchte leise, dann langte er nach hinten und holte vom Rücksitz ein Gewehr. "Sie wollen doch nicht so ohne da hin gehen, Senor?" Paul wandte sich zu ihm um und öffnete seine helle Jacke, an seinem Gürtel hing ein Lederholster mit einem Revolver. "Ah so", meinte Sergio.

Paul hatte recht, es gab einen schmalen Pfad durch die Sträucher, ob er extra angelegt worden war, konnte man nicht sagen. Sie gelangten bis auf die Anhöhe, und es war tatsächlich ein Stromleitungsmast, und die zwei parallelen Kabel gingen zu beiden Seiten hinab. Nach rechts führten sie auf einer Schneise in den Wald hinein. In der anderen Richtung breitete sich ein kleines Plateau aus, auf dem die Leitung offenbar endete. Dort sah man verstreut ein paar Hütten aus Stein und Holz und dazwischen Schuppen oder Ställe in ziemlich desolatem Zustand. Aber keine Menschenseele; nur die Hühner scharrten in dem trockenen Boden, und zwei Hunde rauften sich.

Die beiden Männer liefen den Abhang hinab und näherten sich jener Behausung, die noch den besten Eindruck machte. In der Eingangstür hing eine bunte, gewebte Decke, und an der Außenwand unter dem Fenster stand ein klobiger Brettertisch mit einigen Tonkrügen und Blechschüsseln.

Da trat ein Mann heraus. Er mochte um die dreißig sein und hatte einen Hut auf, und sein Gesicht war schmutzig, aber seine Hände sahen nicht nach Arbeit aus. Er bemerkte Pauls Blick, steckte sie in die Hosentaschen und wippte auf den Zehen einmal auf und ab wie jemand, der sich hier heimisch und sehr sicher fühlt.

"Buenos dias, Senores", begrüßte sie der Mann, "haben Sie sich verlaufen?" Sie erwiderten seinen Gruß. Sergio hatte sein Gewehr hinter dem rechten Bein abgestellt und hielt es am Lauf fest. "Wir sind aus Santa Rosa", sagte Paul, und der Mann schaute über ihre Köpfe hinweg in die Richtung, aus der sie gekommen waren, wahrscheinlich hatte er sie schon da oben gesehen. "Unser Auto steht drüben auf der Straße. Es liegen Steine da, man kann nicht weiter fahren."

Der Mann nickte und wippte wieder auf den Zehen. Er schwieg. Sergio sagte "Wir sind eigentlich auf dem Weg zu Freddy Alvaro Garcia, da sind wir doch richtig, oder?" Der andere zuckte mit den Schultern. "Meinen Sie, dieser Senor Garcia könnte die Steine auf der Straße beiseite räumen?"

Sergio blickte Paul fragend an, der wies mit der Hand zur Hochebene hinüber. "Dort oben auf der Serra Geral ist ein Erkundungstrupp unterwegs, Senor Garcia soll momentan dabei sein." "Was habe ich damit zu tun?" "Ich nehme an, die Leute kommen öfter hierher." "Wozu?" "Um sich mit Wasser zu versorgen?", fragte Paul, und es klang, als wollte er sich nichts vormachen lassen.

Der Mann war ihm nicht geheuer. Die Art wie er vor seiner Hütte stand, wie wenn er sofort den Revolver ziehen würde, wenn die beiden auch nur einen Schritt näherkommen; aber er war offenbar unbewaffnet. "Hier tauchen ab und zu Leute auf", sagte er, "auch solche wie Sie. Warum sollte ich mir ihre Namen merken, die meisten stellen sich nicht einmal vor." Paul ging nicht darauf ein.

"Und Sie sind allein hier?", fragte Sergio. Der Mann hob seinen Hut vom Kopf, strich damit übers Haar und setzte ihn wieder auf, dann zog er ihn vorn noch etwas tiefer herab. "Sieht ganz so aus", sagte er. "Muss ziemlich einsam sein auf Dauer." "Ich kann auf Gesellschaft verzichten. Ich nehme an, Sie finden selber den Weg zu ihrem Wagen zurück. Wegen den Steinen auf der Straße kann ich auch nichts tun." "Wann kommt der nächste Transport vom Rio Vacaria hier vorbei?" "Von Puerto Abente?" "Ja." "Wenn Sie aus Rosa sind, müssten Sie das besser wissen als ich." "Das schon, aber es ist seit einer Woche nichts angekommen", meinte Sergio. "Keine Ahnung", erwiderte der Mann, "Sie sollten vielleicht besser zu Ihrem Wagen zurückgehen, es ist nicht gut, ihn so allein herumstehen zu lassen." "Unser Fahrer wartet dabei", sagte Paul, und Sergio verzog keine Miene. "Ein Fahrer?", fragte der Mann überrascht, und Paul wusste, daß er sie beobachtet hatte. "Ja, wir gehen, Danke für Ihre Auskunft." "Gern geschehen."

Sergio hatte sich umgedreht und war ein paar Schritte gegangen, sein Gewehr hielt er am Lauf. Wahrscheinlich war es mit dem Abzug an einem Zweig von dem Bodengestrüpp hängengeblieben, jedenfalls löste sich plötzlich ein Schuss und die Ladung ging an Sergios rechtem Ohr vorbei in die Luft. Paul erstarrte vor Schreck, Sergio guckte wie ein gelähmtes Kaninchen. Es fielen vier oder fünf weitere Schüsse, und eine Kugel prallte mit einem scharfen Kratzen von einem Stein ab.

Die beiden wandten sich um, der Mann stand unverändert vor der Hütte. Sergio rieb sich sein Ohr. Paul hob die Arme und rief "Entschuldigung, Senor." Das Gesicht des anderen verfinsterte sich noch mehr: 'Macht endlich, daß ihr fortkommt' war darauf zu lesen. Sie gingen ein paar Meter rückwärts und verdrückten sich dann zwischen den Sträuchern.

"Was war das denn?", fragte Paul. "Scheiße, ich glaube, mein Trommelfell ist geplatzt." "Wer hat da geschossen?" "Wer hat geschossen? Ich kann nichts mehr hören. Diese Flinte geht so leicht los wie ein Weiberfurz." "Es hat aber jemand geschossen, wahrscheinlich fühlten sie sich bedroht." "Unsinn. Warum soll den Kerl jemand bedrohen? Sah der aus, als ob er auf einem Haufen Gold sitzt? Verflucht, summt mir mein Ohr." "Ich wette zehn zu eins, daß der da nicht hingehört", sagte Paul.

Sie waren am Auto angelangt. Sergio warf das Gewehr auf den Rücksitz. Er zündete sich eine Zigarette an. Mit dem Handballen rieb er sachte an seinem Ohr. "Wie kommen Sie darauf?", fragte er. "Haben Sie seine Hände gesehen? Das waren nicht die Hände eines Bauern." "Wer weiß, ob er ein Bauer ist. Vielleicht geht er im Wald jagen." "Und seine Haare waren frisch geschnitten, glauben Sie, da gibt es einen Friseur. Den Dreck hat er sich wahrscheinlich schnell ins Gesicht geschmiert." "Senor Kelling, was haben Sie gegen diesen Mann?" "Irgendwas stimmt da nicht." "Na gut", meinte Sergio, "inzwischen müsste er auch mitgekriegt haben, daß keine Laster mehr hier vorbeifahren." "Das kann nur zweierlei bedeuten: Entweder er ist erst seit kurzem da." "Oder er weiß Bescheid", ergänzte Sergio, "aber über was, fragt sich."

Er ließ die Zigarettenkippe fallen und trat sie aus. "Wie lange mögen diese Brocken hier rumliegen?", fragte Paul und deutete auf die Steine. Sergio zuckte mit den Schultern, dann sagte er "Wenn ich mir das recht anschaue, könnte ich glatt behaupten, die liegen so da, als wären sie nicht von selbst den Abhang heruntergekullert." "Trotzdem sind sie kein Hindernis für die Laster; mit einem Schildbagger sind sie schnell weggeschoben." "Ja, nur solche wie wir, die kommen hier vorerst nicht weiter. Deshalb schlage ich vor, Senor Kelling, daß wir jetzt nach Santa Rosa zurückfahren." "Ja."

Sie stiegen ein und wendeten, Sergio saß am Lenkrad. Nach einer Weile fragte er "Diesen Freddy Alvaro Garcia, kennen Sie ihn? Ich meine, wissen Sie eigentlich, wie er aussieht?" "Ja", sagte Paul, "ich bin ihm schon mal begegnet, in Santa Cruz, bei einer Feier der Jackson Oil Company." Sergio sah ihn von der Seite an, Paul fügte hinzu "Aber ich kann mich nicht mehr gut an ihn erinnern." "Also der eben war es demnach nicht", stellte Sergio fest, als könnte er das als Erfolg für sich verbuchen.

Es fing an zu regnen, es kam ein ordentlicher Guss herab, irgendwo in den Bergen donnerte es. An der Straßenkreuzung kurz vor Santa Rosa fuhr von rechts ein Lastwagen heran, der Kisten, Säcke und allerlei Gerät geladen hatte. Wahrscheinlich weil es nicht abgedeckt war, hatte es der Fahrer eilig, um seine Fuhre ins Trockene zu bringen.

Paul sah, daß beide Fahrzeuge gleichzeitig an der Kreuzung sein würden, und er sagte "Lassen Sie den lieber vorbeifahren." "Ich denke nicht dran", entgegnete Sergio, "diese Bande aus San Hilario, die denken, sie wären die Herren der Landstraße." "Woher wissen Sie, daß er aus San Hilario kommt", fragte Paul und hielt sich vorn am Armaturenbrett fest, weil Sergio zu viel Gas gab.

Die Straße war schon aufgeweicht, und der Wagen schlitterte; Sergio dachte jetzt auch nicht mehr daran, daß es sein einziger guter Ford ist. "Das ist einer von den Ramirez Lastern, die Brüder, die die Spedition haben."

Paul erinnerte sich, daß diese Speditionsgesellschaft damals seine Sachen in Bela Vista abgeholt hatte, als er von La Plata den Fluss heraufgekommen war. Sie hatten alles wohlbehalten nach Santa Rosa gebracht, er war zufrieden mit ihnen gewesen, es war nicht einmal etwas verlorengegangen oder gestohlen worden.

Aber Sergio hatte wohl andere Erfahrungen mit den Ramirez Brüdern gemacht, obwohl der Fahrer dieses Lasters garantiert bloß irgendein Angestellter war, der seinen obersten Chef noch nie persönlich kennengelernt hat. Sergio trat aufs Gaspedal, um als erster über die Kreuzung zu kommen. "Wenn wir dem hinterher fahren müssen, kriegen wir den ganzen Dreck ab."

Der Laster gab jedoch keine Anzeichen, sie vorzulassen. Da geriet der Ford auf eine schlammige Stelle und drehte sich fast um einen Viertelkreis. Er steckte fest, und Sergio schaffte es rückwärts wieder heraus. Paul war froh, daß er nicht hatte aussteigen müssen, er wäre sicher mit den Füßen im Schlamm versunken. Sergio fluchte, weil der Laster einen Vorsprung gewonnen hatte. An der Kreuzung schleuderte er um die Kurve, und jetzt kam es Paul auch so vor, als wollte er ihnen ein Schnippchen schlagen.

Er hatte kaum abgebremst, der nasse Dreck flog zur Seite. Aber er war mit den linken Rädern durch eine Wasserpfütze gefahren, die offenbar viel tiefer war, als es aussah. Er neigte sich bedenklich zur Seite, und auf der Ladefläche kam etwas ins Rutschen, und eine von den Kisten hüpfte über die Lattenplanke drüber und fiel auf die Straße.

Der Fahrer hatte es nicht bemerkt. Die beiden hielten an. Der Deckel hatte sich gelöst, und es waren ein paar Gegenstände herausgepurzelt. Es waren Garnknäuel und Rollen mit Zwirn und allerlei Schachteln, von denen Paul eine auf machte und darin kleine metallene Teile fand, offenbar Zubehör für Nähmaschinen. "Eine Kiste mit Schnaps wäre mir lieber", brummte Sergio. "Der wäre bestimmt zu Bruch gegangen", lachte Paul, dann sagte er "Was machen wir jetzt damit?" "Schmeißen es in den Graben." "Wir nehmen's mit, vielleicht kann ich herausfinden, wem es gehört." "Von mir aus. Wenn nicht, können Sie es ja für Ihre Pumpen verwenden, Senor Kelling."

* * * * *

Die nächsten Tage waren für Paul angefüllt mit harter Arbeit. In dem zweiten Stollen kämpften sie sich zu langsam vorwärts. Einer der Bohrer war ausgefallen, als er sich festgefressen hatte, auf einen anderen warteten sie seit drei Wochen. Paul war für die Pumpen zuständig und damit für die Luft und Temperatur Verhältnisse in den Kupferstollen, hauptsächlich aber für die Wasserleitungen.

Seine Pumpen funktionierten einwandfrei, doch auf einem langen Stück sickerte Wasser durch den Berg und sie hatten es noch nicht geschafft, daß es sich an einer oder wenigstens an einigen wenigen Stellen sammelte, wo sie es abpumpen konnten. Weiter hinten war gutes Gestein, fest aber nicht zu hart für die Bohrer, doch der Abraum musste zuerst einmal hinausgeschafft werden, und da mussten sie über die Strecke hinweg, die noch nicht zuverlässig befestigt war und wo das Wasser ständig große Klumpen von brüchigem Tonschiefer ablöste.

Die Gesellschaft, für die Paul arbeitete, hatte zusätzliche Arbeiter eingestellt, welche die Rohrleitung verlegten. Mister Westwood, der leitende Ingenieur, war selbst gekommen und hatte alles inspiziert, sich dann Pauls Vorschläge angehört und seine Forderungen fast uneingeschränkt bewilligt.

Er wusste, daß Paul Kelling so viel von seiner Technik verstand wie kein anderer und er wusste, daß man die Sache mit dem Wasser nicht unterschätzen durfte, auch wenn sie lästig war und eine Menge Geld kostet, das auszugeben kein Anteilseigner der Gesellschaft bereit war, solange es sich vermeiden ließe.

Früh um fünf war Paul an Ort und Stelle und keinen Tag kam er vor neun Uhr abends zurück. Bernarda machte für ihn die Mahlzeit warm, Paul aß am liebsten Rührei mit Reis oder Huhn mit etwas Gemüse und mit Maisfladen, die Bernarda eben aus dem Backofen genommen hatte. Damit sich der Aufwand lohnt, machte sie auch Brot, das sie am nächsten Tag verkaufte und für das sie ihre festen Abnehmer hatte; sie war immer bis nach Mitternacht im Gange, wenn Paul sich schon hingelegt hatte.

Am Dienstag (oder war es am Mittwoch gewesen?) hatte Paul nach dem Aufstehen einen Schwindelanfall bekommen und dann den ganzen Vormittag starke Kopfschmerzen gehabt, aber er konnte sich nicht schonen, und er wollte sich vom Doktor ein paar Tabletten geben lassen, aber dann hatte er noch selbst welche gefunden, von denen, die er aus Deutschland in seiner Reiseapotheke mitgebracht hatte. Er stellte fest, daß er bis jetzt nichts davon gebraucht hatte, und auch die Kopfschmerzattacke ging spurlos vorüber.

Mister Westwood hatte sich ausführlich über die Ergebnisse der Probebohrungen unterrichten lassen, die westlich vom alten Stollen gemacht wurden, und Paul hatte aus seinen Fragen und mehr noch aus seinem angestrengten Gesichtsausdruck, der seine kühlen Erwägungen verriet, entnommen, daß irgendetwas geplant wurde.

Tatsächlich kam Westwood zwei Tage später noch einmal, in Begleitung zweier weiterer Ingenieure, die sich alles genau anschauten. Sie hatten auch Karten und Pläne dabei. Und schließlich sagte Westwood, die Gesellschaft habe die Entscheidung getroffen, den Schacht 5, der vor einem halben Jahr stillgelegt worden war, weiter in die Tiefe zu treiben, auf hundertfünfzig Meter, wo, wie die Bohrungen ergeben haben, eine der Vetas, eine Erzader, verläuft, die ziemlich mächtig sein muss. Wie alle Kupferadern erstreckte sie sich in Nord-Ost Richtung, und der Schacht 5 war der einzige, der fast genau darauf stößt.

Die einzige Abwechslung in Pauls Arbeitsalltag war an dem Abend, als er mit den Leuten von der Gesellschaft im Club Espanol war, in dem die angesehenen und einflussreichen Bürger von Santa Rosa verkehrten.

Nun gut, sie waren nicht alle gleichermaßen einflussreich und angesehen; es gab sogar ein paar, die man eher mit Hohn und Verachtung behandelt hätte, dies aber mit Rücksicht auf gewisse Umstände lieber unterließ. Manche, die dem Club zwar angehörten, kamen äußerst selten her, andere zählten zu den Dauergästen, und wieder andere brachten zweifelhafte Freunde mit, die irgendwelche ebenso zweifelhafte Geschäfte anboten. Immer, wenn es in der Hauptstadt des Landes rumorte und sich eine neue Revolution oder besser gesagt: der nächste Putsch abzeichnete, war es im Club voll von Leuten, die, dicht eingehüllt im Tabaksqualm und Alkoholdunst, lauthals ihre Meinungen kundtaten.

Die Leute hier waren alle geborene Redner, und Paul fragte sich immer wieder, woher diese Menschen, von denen doch in erster Linie jeder an sich selbst und seinen eigenen Vorteil dachte, mitunter anscheinend so viel Sinn für das Gemeinwohl an den Tag legten. Das gehörte wohl zu ihrem Verständnis von Selbstbestimmung, es bereitete einem jeglichen Vergnügen, sich leidenschaftlich zu streiten und dabei möglichst viel Publikum auf seine Seite zu ziehen, um dann dem Gegner überlegen zu sein und ihn mit einem Streich aus dem Feld zu schlagen.

Dabei hatten ihre Vorfahren, die ursprünglichen Kolonisatoren, ein sehr zwiespältiges Verhältnis zu Recht und Ordnung gehabt, manche hatten auf einer sozialen Stufe mit Räubern und Halsabschneidern gestanden oder waren vor dem Gesetz in die Neue Welt geflohen. Vielleicht verspürten ihre Nachfahren ein Bedürfnis nach kultureller Erhöhung und sahen sich gern als ehrenwerte Mitglieder einer wie immer gearteten Gesellschaft.

Hörte man ihren Reden zu, hätte man meinen können, jeder einzelne von ihnen habe das Zeug für einen Präsidenten oder für einen General im Blut, und wahrscheinlich hätten die meisten sogar einen ganz passablen abgegeben, wenn sie durch irgendwelche günstige Verwicklungen an die Macht gekommen wären.

Immer, wenn dann die Revolution unmittelbar bevorstand, sozusagen in den letzten bangen Stunden, bevor eine alte Herrschaft stürzt und sich eine neue an ihre Stelle setzt, waren alle verschwunden, und jemand, der in diesem Moment den Club betrat, fühlte sich wie einer der Minenarbeiter, der in die Eisenbahnstation von Santa Rosa kommt und gerade den Zug in die Hauptstadt verpasst hat, der nur einmal in der Woche fährt und der ihn zu seiner Verlobten bringen sollte.

Am Tag danach erschienen sie wieder, aber ziemlich gedrückt oder wenigstens gleichgültig, die meisten verloren kein Wort über den Machtwechsel, vielleicht wunderte sich manch einer, daß er den Namen des neuen Präsidenten noch nie gehört hatte.

Und so dauerte es erst wieder eine Weile, bis sich die Gemüter zu erhitzen begannen, und man ging solange seinen gewohnten Beschäftigungen nach, eingedenk der Tatsache, daß sich das eigene Leben letztlich hier auf diesem etwas entlegenen aber beschaulichen Fleckchen Erde abspielt, wo man mit beiden Füßen auf dem Boden der Wirklichkeit steht und tatsächlich etwas auszurichten vermag, und nicht da, wo man sich bloß von Zeit zu Zeit hinversetzt wünscht, um dem einen oder andern Politiker mal gehörig die Meinung zu sagen.

Der letzte Umsturz der Regierung lag einige Zeit zurück, und die Ereignisse in Santa Rosa selbst waren Gegenstand der Diskussionen. Die Entscheidung der Gesellschaft für den neuen Stollen verband die lokalen Themen in idealer Weise mit denen über die Welt außerhalb des Städtchens und man fühlte sich dadurch irgendwie bedeutender.

Dennoch sollte man nicht glauben, die Ingenieure der Gesellschaft, die an diesem Abend im Club zugegen waren, wären überschwänglich begrüßt worden. Sie fanden fast immer etwas, worüber sie sich beklagen konnten. Und sie führten sich stets auf wie die uneigennützigen Förderer der städtischen Prosperität, was sie in gewisser Hinsicht ja auch waren. Aber das machte, daß man neidvoll auf sie blickte und sie zugleich fürchtete. Es herrschte eine höfliche Distanziertheit auf beiden Seiten vor - oder eher eine vor Misstrauen triefende Leutseligkeit, die bewirkte, daß man sich für diesen Augenblick aufeinander zu bewegte, anstatt sich aus dem Weg zu gehen, und lieber lächelte, als die Zähne zu fletschen.

Sogar der Bürgermeister war erschienen, begleitet von einer Handvoll seiner vertrauten Freunde, unter denen sich Sergio Flores in letzter Zeit besonders hervortat, jener Sergio, der mit Paul zur Serra Geral, der Hochebene, gefahren war, wo sie auf halber Strecke umkehren mussten.

Der Bürgermeister richtete ein paar freundliche Worte an die Ingenieure, er stellte der Gesellschaft den Neubau eines Bürogebäudes in der Stadt in Aussicht. Natürlich wusste er, daß sich ein solches Büro für die Company nicht lohnen würde (wer sollte da arbeiten und womit sollte er sich beschäftigen?), aber wenn es sie nichts kosten würde, gingen die Chefs der Gesellschaft vielleicht darauf ein, und der Bürgermeister wusste auch aus Erfahrung, daß eine solche Dependance, und sei sie anfangs auch noch so klein, im Laufe der Zeit an Bedeutung gewinnt und für die Wirtschaft in der Stadt förderlich wäre.

Außerdem hatte der Bürgermeister ein paar Probleme mit seinem zweitältesten Sohn, dessen Lebenswandel momentan nicht ganz so aussah, wie es sich der Vater vorstellte und dem er einen anständigen Posten verschaffen wollte, damit er sich zum Guten wendet. Mister Westwood dankte dem Bürgermeister für seine Unterstützung und meinte, er werde die Idee mit dem Büro an seine Vorgesetzten weiterleiten. Dann sprachen die beiden eine Weile unter vier Augen.

Paul traf jemanden, mit dem er seit einiger Zeit bekannt war, einen alten General, der schon im Krieg gegen Argentinien einen Trupp befehligt und damals seine erste Auszeichnung für besondere Tapferkeit erhalten hatte. Der General war nach einer langen Reise zurückgekehrt, die ihn unter anderem nach Europa geführt hatte. Er versprach Paul, ihm demnächst ausführlicher darüber zu berichten.

Er war übrigens nicht ganz freiwillig außer Landes gegangen, denn er hatte sich mit schweren Vorwürfen konfrontiert gesehen, bezüglich seiner Rolle beim Aufbau einer paramilitärischen Organisation während der Regierung des vorletzten Präsidenten. Es war ihm angeraten worden, eine Zeitlang aus dem Blickfeld seiner Gegner zu verschwinden, bis wieder Gras über die Sache gewachsen war.

Irgendwann im Verlauf des Abends kam der Bürgermeister auf Paul zu und fragte ihn, was es mit den Erkundungen in der Serra Geral auf sich habe. Paul merkte, daß der Bürgermeister von seinem Ausflug erfahren hatte und wahrscheinlich auch von dem obskuren Hüttendorf mit einem einzigen Einwohner und mindestens einem weiteren Heckenschützen gehört hatte.

Es konnte nur Sergio gewesen sein, der es ihm zugetragen hatte. Dabei hatte ihn Sergio selbst auf die Spur gebracht, denn er war offenbar der erste, der davon Wind bekommen hatte. Als er jetzt mit dem Bürgermeister sprach, sah er Sergio auf der anderen Seite des Clubs sich unterhalten. Er rauchte dabei, und bei jedem tiefen Zug hob er das Gesicht und blinzelte zu ihnen hinüber.

Paul sagte, daß er nichts Genaues herausgefunden habe, was ja auch stimmte. Welche Vermutung er habe, wonach die Meridian Company suche, fragte ihn der Bürgermeister, und Paul zuckte mit den Schultern, er wüsste nur so viel, daß die Meridian Company an der bolivianischen Grenze nach Erdöl bohrt. "Kann es in der Serra Geral auch Erdöl geben?", fragte der Bürgermeister, und es klang so, als habe ihm das vorher schon jemand versichert. "Das kann ich nicht sagen, Herr Bürgermeister, ich bin Maschinenbauingenieur, kein Geologe." "Könnten Sie das herausfinden? Ich meine, wenn Sie die entsprechende Ausrüstung dafür hätten." "Es ist nicht einfach, sich so eine Ausrüstung zu besorgen. Und noch schwieriger ist es, Probebohrungen anzustellen in einem Gebiet von mehr als fünfzehntausend Quadratmeilen ohne Weg und Steg, wo wollen Sie da anfangen?"

Der Bürgermeister überlegte, dann meinte er "Und doch haben die anderen auch damit angefangen." "Das ist richtig. Und gesetzt den Fall, sie finden nichts, dann kann man diese Gegend schon mal ausschließen." Der Bürgermeister konnte nicht feststellen, ob Paul Kelling dies ernsthaft oder ironisch gemeint hatte.

Der Abend war lang, und es wurde viel geredet und viel getrunken, und spätnachts stiegen die Ingenieure der Kupfergesellschaft in die Autos ein, die vor dem Club gewartet hatten und fuhren davon. Der Bürgermeister war schon vorher gegangen, mit ihm seine Freunde, Sergio Flores und die anderen. Irgendwie wurde die Stimmung dann lockerer, und Paul konnte sich noch gut unterhalten.

Obgleich er erst nach Mitternacht ins Bett gekommen war, stand er wie gewöhnlich früh auf und arbeitete den ganzen Tag in der Mine bei seinen Pumpen. Von dem erforderlichen Gerät für Schacht 5 waren bereits einige Teile eingetroffen. Wichtig war zunächst, den Stollen, der mittlerweile stillgelegt worden war, wieder für den Betrieb freizumachen und zu befestigen, dann würde man beginnen können, in die Tiefe zu gehen.

Einer der Generatoren hatte Schaden genommen, als er infolge einer Erschütterung von seinem Sockel gerutscht und umgekippt war. Man konnte ihn notdürftig reparieren und soweit wiederherstellen, daß er in Gang blieb.

* * * * *

Bernarda hatte in Erfahrung bringen können, wem die Kiste gehört, die Paul vor Tagen mitgebracht hatte, nachdem sie von dem Laster gefallen war. Am Marktplatz in La Ronda, dem zentralen Viertel der Stadt, eröffnete ein neues Geschäft, ein Laden, der alle möglichen Waren anbot, die hier Absatz fanden.

Er hatte ein Schaufenster, das innen mit Papier des "Mercurio", der örtlichen Tageszeitung, beklebt war; man war noch mit dem Einrichten beschäftigt, und Bernarda hatte sich nicht selbst erkundigt, sondern war von einem Gehilfen, der bei ihr erschien, als sie ihr Brot verkaufte, informiert worden.

Als er erwähnte, daß die Spedition Ramirez den Transport abgewickelt hatte, erfuhr Bernarda auch, daß diese Kiste verloren gegangen sei, und der Gehilfe, ein hübscher lockenköpfiger Junge mit Namen Nemesio, war hocherfreut zu hören, wo sie abgeblieben ist. Sie sagte es Paul, und der meinte, dann solle sie die Kiste morgen dort abgeben. Dann fiel ihm ein, daß er selber in La Ronda zu tun hat und das erledigen kann.

Er fand den Laden gleich; über dem Schaufenster prangte in gelben Lettern der Namenszug "L. Kirkpatrick", den der Besitzer anscheinend als erstes angebracht hatte. Ansonsten ging der Verkauf noch provisorisch vonstatten, und als Paul eintrat, roch er Farbe, Terpentin und noch etwas, das wohl von dem Linoleum ausging.

Es war kein Mensch zu sehen. Er stellte die Kiste auf den Ladentisch. Er hatte den Deckel wieder festgenagelt, aber einige von den Garnknäuel waren beschmutzt. Auf dem Ladentisch stand eine große Registrierkasse der Firma Richter, und es lag da ein Klemmbrett mit Blättern, auf denen er beim flüchtigen Hinschauen Inventurlisten erkannte, die gerade abgearbeitet werden, ein Tintenstift lag daneben.

Er rief nach Mister Kirkpatrick, und dann kam der Gehilfe, den Bernarda ihm nicht beschrieben hatte, so daß Paul ihn fragte "Wie heißt du?" "Nemesio. Was kann ich für Sie tun, Senor?" "Ich möchte den Besitzer, Mister Kirkpatrick sprechen, es geht um diese Kiste." "Ah, Senor Kelling, Sie sind es, oh ja, unser Nähzeug, warten Sie einen Moment, ich sage Lydia Bescheid." "Wo ist ...?", wollte Paul wissen, aber der Junge war nach hinten gelaufen, und dann erschien eine Frau im blauen Baumwollkleid, mit einer Schürze und riesigen Lederhandschuhen an den Händen, wie sie die Holzfäller benutzen. Sie hatte das blonde, leicht rötliche Haar zusammengebunden, und es war wohl von Natur aus ein bisschen widerspenstig, denn ein paar von den welligen Strähnen hatten es geschafft, aus dem Haarband herauszukommen und hingen seitlich herunter.

Sie streifte die Handschuhe ab, warf sie auf den Ladentisch und rief "Ich danke Ihnen sehr, mein Herr." Sie langte nach unten und holte ein Stemmeisen hervor, setzte es an, und die Nägel, die den Deckel hielten, gingen quietschend aus dem Holz heraus, niemand hätte die Kiste geschickter öffnen können. Dann bemerkte Paul ihren Blick und sagte "Sie war aufgegangen bei dem Sturz."

Sie sammelte mit beiden Händen die schmutzigen Knäuel heraus, als würde sie vertrocknete Früchte auslesen. "Halb so schlimm. Hauptsache, die Ersatzteile sind noch dabei." Sie öffnete eine der Schachteln und Paul sah, wie ihre Fingerspitzen über die kleinen silberglänzenden Metallteile hinwegfuhren wie über Schmuckstücke. "Sind die für Nähmaschinen?", fragte Paul. "Ja." Sie kramte ein wenig in der Kiste herum, und Paul schien es, als würde sie nachprüfen, ob nichts fehlt. Es entstand eine Pause und Paul dachte daran zu gehen.

Die Frau blätterte in den Seiten auf dem Klemmbrett und suchte wohl die entsprechende Eintragung. Paul sagte "Ich muss gehen, richten Sie Mister Kirkpatrick einen Gruß von mir aus, gewiss werde ich künftig wieder mal herkommen." Sie schaute beinahe überrascht von ihrer Liste auf. "Ja, gut", sagte sie und strich eine Haarsträhne hinters Ohr, "Mister Kirkpatrick bin ich, ich meine, Lydia Kirkpatrick, das ist mein Laden." "Ach so", Paul lachte, "L. Kirkpatrick, na klar, warum nicht." Dann machte er automatisch eine Verbeugung. "Miss Kirkpatrick, es war mir ein Vergnügen."

Er wandte sich zur Tür. Sie rief "Sagen Sie mir noch Ihren Namen?" "Paul Kelling." "Sie sind Deutscher?" Er wollte wieder einen Schritt zum Ladentisch hin gehen, blieb dann aber an der Tür stehen. "Ja." "Aus Hamburg oder aus Berlin?", fragte sie, als wären das die beiden einzigen Städte in Deutschland. "Weder noch. Von da, wo auch Ihre Kasse herkommt", sagte Paul und wies mit der Hand darauf, "aus Dresden." Lydia warf einen Blick auf die Kasse. "Mein Gott, habe mich noch nie gefragt, woher das Ding stammt." "Ich weiß es auch nur, weil ich mit der Firma Richter mal zu tun hatte." "Ach so."

"Und sie kommen aus Irland, wenn ich mich nicht täusche." "Woran sieht man das nun wieder?" Ihre Miene hatte sich verändert, den Stift hatte sie beiseite gelegt, der geschäftige Ausdruck in ihren Augen war einer Munterkeit gewichen. Paul wollte sagen, daß ihr Name und ihre Haarfarbe ihn darauf gebracht haben, doch sie bestätigte gleich seine Annahme. "Sie haben recht, ich bin aus Galway, irische Westküste, falls Sie schon mal davon gehört haben." "Ich müsste schwindeln." "Dafür lohnt es sich nicht." "Aber Sie sind nicht jetzt erst hergekommen?" "Nein. Ich hatte vorher eine kleine Pulperia in der Oficina Filomela, mit jemandem zusammen." "In einem der Salpetergebiete?" "Ja. Die Oficina Filomela ist eines der größten Salpeterfelder, die zur Zeit abgebaut werden."

"Das war sicher ein gutes Geschäft für Sie, dort", sagte Paul und merkte gleich, daß dies keine so gute Feststellung war, denn warum sollte sie dann von dort weggegangen sein. Lydia sagte "Ja, unser Geschäft hat floriert, aber ..." Vor dem Laden hupte ein Lastwagen. Lydia kam zur Tür und schaute hinaus. Im Vorbeigehen erhaschte Paul ihren Parfümduft. "Nemesio!", rief sie nach hinten, und zu Paul gewandt meinte sie "Das ist die Öllieferung für mich." "Öl?", fragte Paul und schaute auf den Laster. "Speiseöl, kein Maschinenöl. Übrigens auch italienisches Olivenöl, das wäre vielleicht etwas für Bernarda, Ihre Haushälterin."

Sie ging hinaus und begrüßte den Fahrer. Sie kümmerte sich nicht mehr um Paul. Der Junge kam und half beim Abladen. Paul verabschiedete sich, sie winkte ihm kurz zu.

* * * * *

Zwei Tage später abends klopfte es an Pauls Tür. Das Haus lag in einer Seitenstraße, die von der Kreuzung Olivia de Agosto abging und an deren anderem Ende ein Hospital war. In dieser Straße wohnten oft vorübergehend Ausländer, Geschäftsleute oder Ingenieure, weil es hier einige bessere Hotels und Pensionen gab.

Das Haus, in dem Paul Kelling wohnte, war kein Hotel, sondern gehörte der Company, für die er arbeitete. Es hatte einen kleinen, gepflasterten Hof hinter dem Tor zur Straße, der von dem Wohngebäude umschlossen wurde, und nach hinten ging es in einen Garten, wo Pfirsichbäume wuchsen und wo ein Hühnerstall war.

Paul saß über Berechnungen für eine Kreiselpumpe, die eventuell angeschafft werden sollte, aber er war mit den Kennzahlen bis jetzt nicht zufrieden. Bernarda öffnete, und es war Sergio, der vor der Haustür stand.

Er meinte, es würde Paul vielleicht interessieren, daß in der Bar Laurel ein paar Bauern herumlungern und sich betrinken, die angeblich aus den Bergen kommen. "Was ist daran interessant?", fragte Paul. "Jemand hat erzählt, es wären Leute, die aus ihrem Dorf an der Straße nach Puerto Abente vertrieben worden sind." "Sie meinen, es ist das Dorf, wo wir waren?" "Könnte doch sein." "In der Bar Laurel?" "Ja, Senor Kelling. Die Bauern haben Geld und betrinken sich, sie sind nie vorher hier gewesen. Ich frage mich, woher sie das Geld haben." "Lassen Sie uns hingehen, Sergio, und es herausfinden."

Es waren nicht mehr alle da, ein paar waren so besoffen gewesen, daß der Wirt sie auf die Straße gesetzt hatte, und sie waren wahrscheinlich irgendwo anders hin gegangen. Ein Tisch war noch voll besetzt mit den Bauern, die deutliche indianische Züge in ihrem Aussehen hatten.

Sie tranken Schnaps, und zwei von ihnen lagen mit dem Kopf auf dem Tisch und schliefen. Die anderen redeten laut miteinander, niemand konnte ihre Sprache verstehen. Der Wirt hatte sie im voraus bezahlen lassen. In der Bar Laurel war um diese Stunde immer viel Betrieb.

Die beiden setzten sich und bestellten etwas. Paul meinte, es wäre zwecklos, die Männer anzusprechen. Sergio wies zur Theke, wo einer von denen saß, allein, über sein halbleeres Glas gebeugt, das er am Rand zwischen seinen Fingern langsam drehte. Er hatte dichtes langes schwarzes Haar, und seine Hand über dem Glas war für einen Indianer ungewöhnlich schlank.

Paul ging zu ihm und setzte sich daneben auf einen Barhocker. Er stellte sich vor. Der andere drehte ihm nur kurz das Gesicht zu, er schien keinen Wert auf seine Bekanntschaft zu legen. Er hatte kräftige, vorspringende Wangenknochen wie die anderen, aber seine Nase war gerade und die Lippen schmaler. Auch hatte er blaue Augen, und in seinem Blick lag etwas Feindseliges, aber es war nicht der Ausdruck von Hass oder Rache nach erlittener Schmach.

Paul hatte von Jägern gehört, die ihr ganzes Leben lang im Urwald auf der Spur des legendenumwobenen Jaguars waren, den sie in die Falle zu locken versuchten und der schon hundertmal entkommen war. Sie würden beide keine Ruhe haben, als bis einer den Kampf gewonnen hat. Wie auch immer er ausging, der Jaguar bewahrte allezeit seine fabelhafte, schier übernatürliche Würde, während manch einer der erfolglosen Jäger dagegen zu einem Versager und armseligen Trottel in den Erzählungen der Leute verteufelt wurde. Kein Zweifel, der Mann neben Paul war ein Jägertyp, und ebenso deutlich war, daß er seinen großen Kampf noch vor sich hatte.

Sein Name war Ansit, und Paul schätzte ihn auf Anfang dreißig. "Ihre Freunde vergnügen sich prächtig", sagte Paul und machte ein Zeichen hin zu den Männern am Tisch. Der andere nickte gleichgültig. Dann trank er einen Schluck. "Ich habe gehört, Sie kommen aus Puerto Abente." "Wer sagt das?" "Ach, nein? Ich dachte, ich würde mal wieder jemanden von dort treffen." "Sie waren dort?", fragte Ansit.

"Ja, vor etwa einem Jahr", log Paul, "es heißt, daß sich manches verändert hat in der Zwischenzeit." "Was soll sich an einem Ort wie diesem verändern?", sagte Ansit, und Paul wusste nicht genau, welchen Ort er meinte. "Ihr seid Holzfäller?" "Nein. Wir sind Yerba-Bauern." "Wo liegen eure Yerbales, wenn ihr hierher nach Santa Rosa kommt? Ich habe euch noch nie hier gesehen." Der andere sah ihn scharf an, und Paul spürte wieder seinen durchdringenden Blick, der ihn wie einen traf, der ihm in sein Handwerk hineinpfuschen will.

"Vielleicht gibt es einen Grund, weshalb Sie es nicht verraten wollen", sagte Paul und versuchte, möglichst wenig neugierig zu klingen. Ansit ließ sich nicht beeindrucken und schwieg. Paul trank von seinem Bier, es war brasilianisches und es schmeckte süßlich.

Ansit schüttelte den Kopf, das war die verspätete Reaktion auf Pauls Feststellung. "Es interessiert ja doch keinen." "Mich interessiert es." "Weshalb?" "Das sage ich Ihnen, wenn Sie mir sagen, wo sich eure Waldungen befinden." "Ich habe es vergessen." "Du machst Witze", sagte Paul.

Irgendwie fand er den Mann nicht unsympathisch, er schien etwas Ermutigung gebrauchen zu können. Der sagte "Schau hinüber zu meinen Kameraden, was glaubst du, warum die da sitzen und ihr ganzes Geld versaufen?" "Weiß nicht, nehme an, ihr habt gute Geschäfte gemacht?" Ansit lachte, es war ein bitteres Lachen, das genau zu seinem feindseligen Blick passte. "Ein Geschäft? Schon möglich", sagte er, "aber es war auf keinen Fall ein gutes."

"Erklär mir schon, was passiert ist." Ansit sah ihn an und sagte wie zu jemandem, der bei einem Unglück seelenruhig zugeschaut hat: "Sie haben uns vertrieben, von unserem eigenen Land." "Wer? Wer hat das getan? Und warum?" "Diese verdammten Hurensöhne von Schatzgräbern, die Verbrecher, die Eroberer, die Conquistadores, verstehst du." "Du meinst die Leute von der Bergwerkskompanie?" "Bist du auch einer von denen? Keine Angst, ich tue dir nichts, ich habe nichts mehr, wofür ich kämpfen sollte."

"Ich habe keine Angst, und ja, ich bin Ingenieur bei der Kupfermine von Santa Rosa, aber ich habe mit dem, was immer bei euch geschehen ist, nichts zu tun." "Also dann, was kümmert's dich." "Ich möchte erfahren, was da vor sich geht." "Ah, du willst mich ausspionieren. Gib's zu, du bedauerst es, daß euch die anderen zuvorgekommen sind." "Euch fortzujagen? Bis eben habe ich nicht einmal gewusst, daß es euch gibt da oben in diesen gottverlassenen Bergen."

"Dein Pech, dann habt ihr nicht gut genug herumgeschnüffelt, habt eure scheiß Bohrer nicht an den richtigen Stellen in die Erde gedreht." Er trank das Glas leer, knallte es auf die Theke, dann sagte er mit aller Verachtung, die er aufbringen konnte "Wie ist dein Name, Senor?" Paul nannte ihn. "Senor Paul, soll ich dir sagen, was ich von dir denke? Ich denke, du ..." Er brach ab und machte eine wegwerfende Handbewegung. "Ach, was soll's, hol' euch der Teufel."

Paul fragte "Ihr könnt nicht wieder zurück?" "Nein", antwortete Ansit und blickte starr geradeaus. "Und eure ... hast du Familie?" Ansit schwieg, dann murmelte er "Ja. Eine Frau und vier Kinder, meine Mutter und die Eltern meiner Frau ... die Schwester meiner Frau, sie ist schwanger, das dort ist ihr Mann", setzte er hinzu.

Paul dachte, Ansit würde ihm nicht sagen, wo sie sich jetzt befänden. Er machte nicht den Eindruck, als hätte er sie im Stich gelassen, auch wenn er jetzt kein weiteres Wort über sie verlor. Aber daß alle Männer hier in Santa Rosa in der Bar herumhängen und sich volllaufen lassen, das konnte nur bedeuten, daß sie vor sich selbst geflohen sind und daß sie sich wegen ihrer Feigheit schämen mussten.

Paul glaubte auch, es wäre diese Scham, die er bei Ansit hinter dessen finsterer Miene beobachtet hatte und die in ihm das Gefühl auslöste, diesem Mann irgendwie helfen zu müssen; er wusste nicht, woher solche Regung in seinem Innern stammt.

Da kam einer von der Gruppe am Tisch herüber, er schwankte stark und er konnte seine Augen nur mühsam zu einem gezielten Blick zwingen. "Hey Ansit, belästigt dich dieser Gringo?", lallte er und packte mit seiner Bärenpranke Pauls Schulter, aber er musste sich eher daran festhalten, um aufrecht stehen zu können. "Nein, Kilikam, setz dich wieder hin", sagte Ansit beschwichtigend.

Der tat nicht dergleichen. "Sag' ihm, er kriegt es mit mir zu tun. Sag' ihm, er soll sich nicht so scheiß sicher fühlen. Sag' ihm, wir werden zurückkehren und sie fertig machen." Er hatte den anderen Arm um Ansits Hals gelegt und bei seinen drohenden Worten schüttelte und rüttelte er an Pauls Schulter, als versuchte er, ihn aus dem Tiefschlaf aufzuwecken. Paul wollte keinen Streit, und er dachte an die traurige Lage, in der sich diese Männer befanden.

"Lass' den Senor jetzt in Ruhe", sagte Ansit eindringlich zu ihm und nahm dessen Hand von der Schulter. "Ist schon gut", meinte Paul, aber das brachte den anderen in Rage. "Was ist schon gut?", brüllte er ihn an. "Was soll gut sein? Nichts ist gut! Nichts ist scheiß gut!" "Hey", mischte sich der Barkeeper ein, "lass unsere Gäste in Frieden, oder du fliegst raus." "Na und! Denkst du, das stört mich, du Schnapspanscher!"

Der Barkeeper warf ein Geschirrtuch aus der Hand und holte unter der Theke eine kurze, doppelläufige Schrotflinte hervor. Sie hatte zwei große Hähne, und der Barkeeper wusste wohl, welchen Eindruck es macht, als er den einen kräftig spannte, bis er einrastete. "Noch ein Wort, du verlauste Beutelratte, und es ist dein letztes." Der andere trollte sich zu seinen Kameraden.

Der Barkeeper entspannte die Waffe und ließ sie sofort verschwinden, er legte das Geschirrtuch über seinen Arm und sagte sehr ruhig zu Paul "Senor, darf ich Ihnen noch etwas zu trinken anbieten?" Ansit hatte dem Mann, den er Kilikam genannt hatte, hinterhergesehen, doch er gab keinen Kommentar ab.

Ein paar Minuten später quälten sie sich vom Tisch hoch und verließen die Bar, der letzte gab Ansit ein kurzes Zeichen. Der sagte Adios zu Paul und folgte ihnen. Plötzlich tauchte Sergio wieder neben Paul auf. "Und? Haben Sie etwas herausgefunden?" Paul fiel ein, daß er das Wichtigste nicht erfragt hatte. "Nein. Es sind Waldindianer, die von ihrer Plantage vertrieben wurden."

Sergio rümpfte die Nase. "Ach so? Und woher haben sie so viel Geld?" Paul zuckte mit den Schultern. "Vielleicht hat man sie damit abgefunden, um Blutvergießen zu vermeiden." Sergio grinste. "Dann sind sie freiwillig fortgegangen, so ist das." Er schaute zum Ausgang, Paul dachte, er könnte mehr über sie wissen, als er zugibt.

Auf der Straße verabschiedeten sie sich voneinander, und Sergio war gleich hinter einer Hausecke verschwunden. Es war spät, und niemand war mehr draußen, nur Katzen huschten vorüber, und Hunde bellten hinter den Türen. Pauls Augen hatten sich an die Dunkelheit gewöhnt, und aus manchen Fenstern schimmerte ein schwacher Lichtschein. Paul vernahm Stimmen aus einer Seitengasse, es klang wie Männer, die in Streit geraten waren. Dann bemerkte er, daß es Ansits Kameraden waren, auch ihn selbst konnte er heraushören, und diesen Kilikam ebenfalls. Obwohl er ihren Dialekt nicht verstehen konnte, schien sich die Auseinandersetzung immer weiter zuzuspitzen. Er ging darauf zu. Dann wurden sie leiser, sprachen fast feierlich, aber Ansits Stimme war wie gehemmt, die Worte kamen wie bei einer Beschwörung hervor, die nur ganz selten ausgesprochen wird.

Plötzlich schrie Kilikam auf, er schien wieder völlig nüchtern, und zwei, drei der anderen waren wohl auf seiner Seite, als sie sich gegen Ansit wandten. Paul war da angelangt, wo die Gasse einbog, und er schaute vorsichtig um die Ecke. Da fielen Schüsse, er schreckte zurück, die Männer ballerten wild um sich, Paul wurde nach hinten gerissen. Er blieb auf den Beinen, er drehte sich um. "Um Himmelswillen, Senor Kelling, gehen Sie in Deckung." "Sergio! Was machen Sie hier?" "Ich habe die Schüsse gehört."

Aus der anderen Richtung ratterte ein kleiner Lastwagen heran, auf der Ladefläche saßen Milizionäre oder Soldaten, man konnte sie nicht genau unterscheiden, aber sie hatten Helme auf und waren bewaffnet. Der Wagen bremste scharf, die Soldaten sprangen ab und schrien ebenfalls alle durcheinander; wer war der Kommandeur?

Die Bergbauern flüchteten unter dem Kugelhagel. Paul sah drei von ihnen auf der Straße liegen, einer versuchte sich aufzurichten. Aus dem Fahrerhaus war ein Offizier ausgestiegen, er ging auf den Verwundeten zu, zog seinen Revolver und feuerte mit gestrecktem Arm zwei Schüsse auf ihn ab; er krümmte sich noch einmal und sank dann zu Boden.

"Los jetzt, fort von hier, bevor sie uns sehen", flüsterte Sergio und zerrte an Pauls Jacke. Aber die Soldaten hatten etwas bemerkt, ein paar Kugeln schlugen gegen die Hausecke. Sergio rief ihnen laut zu, und Paul war es, als würde er den Kommandeur beim Namen nennen. Der näherte sich und forderte Sergio auf, hervorzutreten. Er tat es, die Arme leicht erhoben, die Hände offen, mit einer verhohlenen Geste, die bedeuten sollte: Ich habe nichts gesehen und nichts gehört. Die beiden wechselten ein paar Worte, und Sergio deutete in eine Richtung, offenbar meinte er, wohin die Bauern geflohen seien. Kurzentschlossen wandte sich Paul um und rannte davon.

Einige Straßenecken weiter stieß er mit jemandem zusammen, es war Ansit, er war völlig außer Atem. Sie sahen sich an. Keiner wusste, was er tun sollte. Ansits Beine versagten, er knickte ein, er hielt die Hand auf seinen Bauch. Paul fasste ihn unterm Arm und half ihm auf, wortlos zog er ihn neben sich her, Ansit stolperte mehrmals, und obwohl die Nacht kühl war, kam Paul gehörig ins Schwitzen.

Sie waren bei Pauls Haus angelangt, er schob den anderen durch die Tür und in das Zimmer, von dem aus es in den Garten ging. Dort stand ein großes Sofa, er ließ Ansit sich hinlegen. Bernarda hatte sie kommen hören und war mit einer Lampe zur Stelle, im Zimmer machte sie eine zweite an. Ansit hatte die Augen geschlossen, als schliefe er. Man sah einen Blutfleck auf dem Hemd, links unterhalb des Bauchnabels.

* * * * *

Paul war in der Mine jeden Tag vollauf beschäftigt. Er hatte den Einsatz der Kreiselpumpe geprüft und von der Anschaffung abgeraten, doch die Minenleitung hatte den Plan noch nicht ganz ad acta gelegt. Pauls Chef meinte sogar, er würde wohl nichts davon halten, weil die Schmitt & Waldstein AG, die Firma, für die Paul hier in Südamerika arbeitete, keine Kreiselpumpen dieser Bauart fabrizierte.

Paul lachte darüber, und sein Chef hatte das auch nicht ernst gemeint. "Meinetwegen kaufen sie das Ding in Italien oder in den Staaten", sagte Paul, "da wäre der Transport nicht so weit. Aber wenn die Pumpe dann im Schacht absäuft, geben Sie nicht mir die Schuld. Nehmen Sie wenigstens eine Unterwasserpumpe ohne eine zu lange Verbindungswelle." "Darüber reden wir in den nächsten Tagen", versprach der Chef.

Paul gab Ansit, der natürlich das Haus nicht gleich wieder verlassen konnte, in die Obhut Bernardas. Seine Wunde war keine Schussverletzung, wie sie zuerst befürchteten, sondern stammte von einem Messerstich, der ihm kurz vor der Schießerei in dem Handgemenge zugefügt worden war. Wer sich da mit wem gestritten habe, bevor die Milizionäre kamen, wollte Paul wissen.

Ansit zeigte sich dankbar, aber er wollte nicht recht heraus mit der Sprache. Paul überlegte, ob jemand dahinterkommen könnte, daß sich Ansit hier aufhält, er fragte ihn, ob seine Kameraden ihn suchen würden. "Das wäre möglich, ja", antwortete Ansit, "aber keiner würde darauf kommen, daß ich hier bei Ihnen ... bei dir bin."

Paul verschwieg, daß auch Sergio das Geschehen beobachtet hatte; Sergio gegenüber hatte Paul gesagt, er sei in einer Kurzschlussreaktion weggerannt. Was weiter dort geschehen war, darüber hatte Sergio seinerseits nichts mehr zu berichten gehabt.

Eines Abends, als Paul zu später Stunde heimkam, saß Ansit auf dem Sofa und blätterte beim Schein einer Leselampe in einem Buch über Bergbautechnik. "Verstehst du das alles?", fragte er, "Ich meine, diese ganzen Formeln und Berechnungen. Musst du da ständig dran denken, wenn ihr so eine Maschine einsetzt? Da kann einem ja Himmelangst werden, daß sie im nächsten Moment in tausend Stücke fliegt, weil man irgendwas falsch eingestellt hat." "Na ja", sagte Paul, "so was ist schon vorgekommen, zum Glück nicht bei mir, deshalb bin ich auch noch dabei."

Bernarda brachte den beiden etwas zu essen. Ansit legte das Buch weg, dann sagte er "Ich würde dir gern etwas zeigen, Paul." "Ja. Was?" "Es ist nicht hier, sondern oben in den Bergen." "Also, heute bringt mich nichts mehr aus dem Haus, und wenn jemand eine Goldader entdeckt hätte." Ansit lachte. "Na gut, eine Goldader müsste es schon sein", fügte Paul hinzu. "Meinst du, davon würde ich dir was sagen?" "Immerhin haben wir dir geholfen, als du am Verbluten warst."

Paul hatte das mehr im Scherz gesagt, aber Ansicht wurde ernst und meinte "Dafür stehe ich in eurer Schuld, ich vergesse das nicht. Ich will dir auch sagen, was auf der Straße wirklich passiert ist."

Paul schob seinen Teller beiseite, beugte sich vor und schaute Ansit ins Gesicht. "Der Mann, der dich in der Bar beschimpft hat ..." "Dieser Kilikam?" "Ja, wir haben ihn getötet." "Warum?", fragte Paul erschrocken. "Er war ein Verräter", erwiderte Ansit und war sich anscheinend völlig sicher. "Er hat die Bergwerksgesellschaft zu uns gelockt."

"Aber woher wusstet ihr, daß es in dem Gebiet Kupfervorkommen gibt?", Ansit sah Paul scharf an, und er setzte hinzu: "Ich vermute, es geht um Kupfer, oder nicht?" "Ja", sagte Ansit und schwieg für einen Moment, "es ist ganz egal, worum es geht. Wir kennen unser Land. Unsere Leute leben dort seit zweihundert Jahren." "Ich dachte, die Waldindianer sind Nomaden." "Manche. Es gibt zahlreiche Stämme in den Wäldern, die sich nie begegnet sind, beinahe jeder Stamm lebt auf seine eigene Weise. Ursprünglich gehörten wir zu den Banaro, einige unserer Alten kennen jedenfalls noch deren Bräuche. Es gab bei uns in der Nähe eine der ersten Reducciones, eine Station der Jesuiten. Durch sie sind wir allmählich sesshaft geworden. Inzwischen nennt man uns Caboclos, die Nachkommen der Indianer und Portugiesen, die sich miteinander vermischt haben."

Paul dachte daran, daß ihm Sergio etwas ähnliches über diese Waldbauern gesagt hatte, und jetzt fand er durch Ansits Worte auch dessen europäischen Einschlag im Aussehen bestätigt. "Dann wart ihr der Auffassung, Kilikam hätte den Tod verdient?" "Es ändert freilich nichts und macht nichts rückgängig, aber (seine Stimme stockte) wir haben es so beschlossen."

"Und wer hat dich verletzt?", fragte Paul und wies auf die Stelle, wo Ansits Wunde war. "Es gab Uneinigkeit unter uns. Das war nur ein weiteres Zeichen dafür, daß es keinen Zusammenhalt zwischen uns mehr gibt, unsere Gemeinschaft zerfällt mehr und mehr, sie zerstört sich selbst. Kilikam hatte einige auf seiner Seite. An dem Abend in der Bar waren auch drei davon bei ihm, obwohl wir angenommen hatten, sie halten zu uns. Siehst du, ich spreche von ihnen und uns, wir gehören schon längst nicht mehr demselben Stamm an."

Er machte wieder eine Pause, dann fuhr er fort: "Dieses Urteil sollte zeigen, daß noch ein Recht besteht, auf dem sich unsere Gemeinschaft gründet, eine Art Naturrecht, Verräter werden ausgestoßen, verstehst du?" Paul nickte, aber dann wandte er ein: "Ihr hättet Kilikam laufen lassen können, offenbar ist keiner mehr darauf angewiesen, bei euch zu leben." "Das ist es, was mir keine Ruhe lässt, wozu mussten wir ihn töten, wozu musste ich ihn töten?" "Hast du ihn erschossen?" "Es war völlig außer Kontrolle geraten, plötzlich hat jeder auf irgendwen geschossen, und dann kamen auch noch die Soldaten." "War das nicht merkwürdig? Die sind sonst nie da." Ansit hob die Schultern. "Darüber will ich gar nicht weiter nachdenken. Kilikam war mein Schwager, der Mann meiner Schwester, die ein Kind von ihm erwartet." Paul merkte, daß ihn diese Tatsache am meisten quälte.

Drei Tage später, als Paul von der Mine kam, war Ansit nicht mehr da. Am nächsten Morgen überraschte ihn ein junges Mädchen, das offenbar vor dem Haus gewartet hatte. Sie sagte, sie habe eine Nachricht von Ansit für Senor Paul: Ansit sei zu seinen Leuten zurückgegangen, er bedanke sich bei dem Senor und bei Bernarda für ihre Hilfe und er werde sich so bald wie möglich bei ihm melden wegen der Sache "Sie wüssten schon, um was es geht", sagte sie.

Da schlüpfte durch die Hoftür der Hund heraus und beschnupperte ihre Wildlederstiefel. Sie streichelte ihn, und er wedelte mit dem Schwanz. Paul fragte, wie sie heißt. "Juana", sagte sie und drehte sich um, denn jemand rief "Senor Kelling!"

Es war Nemesio, der Junge aus Miss Kirkpatricks Laden. Er war froh, daß er Paul noch erwischt hatte. Er brachte eine Tasche, die aus Bastfasern gefertigt war, mit allerlei Waren drin, hauptsächlich welche für den Haushalt. "Miss Kirkpatrick schickt Ihnen das."

Juana hatte den Jungen aufmerksam angesehen, und der Hund buhlte vergebens um weitere Zuwendung. Sie wechselten ein paar Blicke. Paul nahm die Tasche dankend entgegen. Auch Bernarda war an der Hoftür erschienen, und er gab ihr die Sachen.

Paul musste los. Er bat Juana, Ansit auszurichten, daß er jederzeit für ihn da ist, dann machte er das Tor ganz auf, um mit dem Wagen herauszufahren. Bernarda sagte zu den Kindern, sie sollten ins Haus kommen, sie habe frisches Gebäck und heißen Kakao, und Juana folgte der Einladung, nachdem sie sich vergewissert hatte, daß Nemesio es auch tat.

* * * * *

Die Arbeiten im Schacht 5 gingen zügig voran, und Paul wunderte sich manchmal, mit welchem Eifer die Pläne umgesetzt wurden, denn vorher hatte er eine solche Arbeitsmoral, welche die Einheimischen nur als "deutsche Eile" verspotteten, nicht erlebt.

Alle paar Tage kam eine Nachricht aus der Zentrale der Gesellschaft, in der eine Einschätzung über den derzeitigen Stand verlangt oder irgendwelche Präzisierungen vorgenommen wurden. Man versprach, mehr Arbeiter hinzuschicken und ließ den leitenden Ingenieuren praktisch freie Hand für den Einsatz der Technik.

Paul hatte gleich anfangs festgestellt, daß die meisten der Maschinen, zumal die größeren, nicht neu waren und wahrscheinlich aus anderen Minen kamen, wo sie schon zig tausende Stunden gefordert worden waren. Es geschah auch, daß in den Schreiben oder Telegrammen von der Gesellschaft Sachen auftauchten, die überhaupt nicht hier vor Ort relevant waren; da war zum Beispiel von einer Straße nach Puerto Isabel die Rede oder von einer Wasserleitung, die es gar nicht gab; offenbar wurden da die Angaben verwechselt.

Und das waren nur die Fälle, die Paul mitbekam. Er sprach auch seine Kollegen daraufhin an, aber die winkten alle bloß ab und meinten, es hätte schon seine Richtigkeit, hier wüsste man ja, was damit gemeint sein kann und was nicht. Diese Gleichgültigkeit fand er wiederum typisch und auch ein wenig beruhigend.

In einem der Bohrlöcher stand tatsächlich jede Menge Wasser, wie es Paul geahnt hatte. Das Wasser war, wie so oft hier in der Gegend, salzig und gerade mal zur Kühlung zu gebrauchen. Sie hatten sich darauf geeinigt, eine stehende Hubpumpe zu verwenden, die tief eingesenkt werden konnte.

Es war eine da, die schon jahrelang in Betrieb war, und die in den letzten Wochen immer häufiger ausfiel. Es war ein Modell, das 1931 in Berlin gebaut worden war, Paul kannte die Technik bis ins Detail, und er wusste auch, daß die Pumpe in dieser Bauart nicht mehr geliefert wird; alle neueren Modelle etwa hatten die Druckventile an anderen Stellen und einige Veränderungen mehr. Außerdem wurde bei den jetzigen Hubpumpen üblicherweise ein Verdränger verwendet, der bei dieser auch nicht nachträglich installiert werden konnte.

Der größte Mangel der alten Berliner Pumpe war jedoch, daß sie mit einem Scheibenkolben arbeitete, was bei der Tiefe der Bohrungen (und angesichts des Zustands) leicht zu Komplikationen führen konnte. Daher schlug Paul vor, eine sogenannte Rittingerpumpe anzuschaffen, die mit einem Rohrkolben ausgerüstet war.

Sie hatte zwar immer noch geringere Drehzahlen als eine Kreiselpumpe, war dafür aber preiswerter und, wie er seinem Chef versicherte, auch robuster. Pauls Firma Schmitt & Waldstein hatten erst vor zwei Jahren eine solche Pumpe auf den Markt gebracht, und sie bewährte sich hervorragend.

Als Paul das Schreiben an die Firma fertigstellen wollte, brachte der Bote mit der eingegangenen Post auch einen Brief von seiner Frau Esther für ihn, es war seit vierzehn Tagen der erste Brief von zuhause. Weil er ihn in aller Ruhe lesen wollte und weil die Bestellung der Maschinen drängte, erledigte er zuerst die Korrespondenz für Schmitt & Waldstein, die wegen der beigefügten technischen Notizen und allerlei weiteren Zetteln zu einem dicken Päckchen angeschwollen war. Er versäumte nicht, in einem separaten Umschlag, an Esther adressiert, ihr zu schreiben, daß er ihren Brief erhalten habe und sich unbändig darauf freue, ihn nach Feierabend lesen zu können.

Esthers Briefe kamen stets alle zwei Wochen, aber Paul hatte sich nur nach und nach an die Leere dazwischen gewöhnen können, seitdem er hier, so weit weg von zu Hause, lebte und arbeitete. Natürlich antwortete er immer umgehend, und in der ersten Zeit schrieb er auch zwischendurch, wenn er den Drang verspürte, Esther etwas Wichtiges mitteilen zu müssen. Hinterher sah er ein, daß es eigentlich banal war: ein ungewöhnliches einheimisches Gericht, das er in einem Restaurant verzehrt hatte; ein rätselhafter Traum; ein exotisches Tier, das sich in den Garten verlaufen hatte. Und doch meinte er, daß Esther immer alles als erste erfahren sollte.

Manchmal fügte er auch Photographien bei oder Zeitungsausschnitte, in denen über die Kupfermine oder über andere Begebenheiten in Santa Rosa berichtet wurde, und er gab auch eine kurze Übersetzung dazu. Esther griff alles, wovon er gesprochen hatte, in ihrem nächsten Brief auf (was natürlich auch ein Zeichen dafür sein sollte, daß sie seinen letzten erhalten hatte).

Sie wich nie von ihrem "Zeitplan" ab, und auf der ersten Seite stand oben außer dem Datum auch die laufende Nummer. Es waren dicht beschriebene Blätter, mit ihrer sauberen, deutlichen, schnörkellosen Schrift. Ein fremder Leser hätte sie womöglich für die Schrift einer Studentin der Naturwissenschaften gehalten, für die jedes Wort, das sie aufschreibt, gleich wichtig und wertvoll ist, ein Protokoll dessen, was ihr tagtäglich widerfahren war.

Paul kannte die feine, zarte Hand der Schreiberin, er kannte ihre Haltung, wenn sie über das Blatt gebeugt saß, er wusste genau, wie sie den Kopf dabei hielt, ein wenig geneigt und manchmal zwischendurch mit einer unmerklichen Bewegung; und obwohl er gesenkt war, konnte er ihren Blick einfangen, und Esthers Blick war wohl neugierig, vielleicht sogar wagemutig, wie man ihn sich bei einer Studentin der Naturwissenschaften vorstellt, aber er konnte zugleich träumerisch, schwärmerisch, selbstverloren sein, und Paul erinnerte sich jener Momente (die er für welche der schönsten zwischen ihnen beiden zählte), wenn Esther ihn so ansah, mit diesem Blick aus ihren dunklen Augen, der anscheinend von weit weit her kam, vielleicht aus ihrem Herzen, vielleicht aber auch nicht aus dem Körperhaften, nicht aus der Wirklichkeit, sondern aus einer anderen Welt, in die (so jedenfalls empfand es Paul immer in solchen Momenten) Esther ihn und sich entführen will - oder war es ein Heimkehren?

Ihm wurde bewusst, wieviel Zeit und Muße Esther für ihre langen Briefe erübrigen musste und er wollte sich erkundigen, ob ihr das Briefeschreiben jemals anstrengend erschienen war, ob sie nicht lieber stattdessen einmal etwas anderes hatte tun wollen - aber er fragte sie nicht danach, er schwelgte in der Vorstellung, daß sie jeden Abend ein paar Zeilen zu Papier brachte und dabei in Gedanken bei ihm war.

Irgendwann war ihm das regelmäßige Hin und Her der Briefe in Fleisch und Blut übergegangen und er war imstande, die Zeit dazwischen leichter zu überstehen, ohne ständig an sie denken zu müssen. Nun war es etwas geworden, worauf er sich verlassen konnte, sozusagen eine feste Größe, mit der er rechnete, wie ein bestimmter Parameter bei seinen Maschinen, aber dabei doch gerade eine Ablenkung und die nötige Erholung von seiner täglichen Arbeit. (Und außerdem hatte sich mittlerweise ein ansehnlicher Stapel ihrer Briefe angesammelt, die er sorgfältig aufbewahrte und die er sich jederzeit vornehmen konnte.)

Paul war 1936 zum ersten Mal als Ingenieur der Firma Schmitt & Waldstein nach Südamerika gekommen, hatte in Venezuela und in Kolumbien in den Bergwerken seine Pumpen installiert und auch am Aufbau eines Wasserkraftwerkes am Rio Purus mitgearbeitet. Nach fünfzehn Monaten kehrte er zurück nach Deutschland, mit einigen vielversprechenden Kontakten in der Tasche, die in der Folge von den Firmenchefs vertieft werden konnten.

Hermann Schmitt war für den kaufmännischen Bereich des Unternehmens zuständig, während Josef Waldstein - ebenfalls ein versierter Ingenieur, der sogar zeitweise eine Professur an der Technischen Hochschule in Braunschweig innehatte - für die technische Seite verantwortlich war.

Und Josef Waldstein war sein Schwiegervater. Als Paul in die Firma kam, lernte er Esther Waldstein kennen, und schon nach einigen Begegnungen spürten die beiden ihre unwiderstehliche gegenseitige Zuneigung.

Der Vater jedoch stand ihrer Beziehung wenig wohlwollend gegenüber, und es gab Gelegenheiten, wo Paul meinte, er verhalte sich geradezu feindselig gegen ihn und auch gegen Esther, die seine einzige Tochter war. (Ihre Mutter war vor etlichen Jahren gestorben. Sie war noch jung gewesen; Josef Waldstein hatte sie, selbst bereits in den Vierzigern, in zweiter Ehe geheiratet.)

Er hätte sich längst aus dem Firmengeschäft zurückziehen und sein Leben danach genießen können. Aber wie es schien, gab es für ihn kein echtes Leben und Schaffen außerhalb des Unternehmens. Und mit der gleichen Zähigkeit und Verbissenheit, mit der er an seiner Arbeit festhielt (und sie allerdings auch hervorragend und zum Nutzen aller Beteiligten erledigte), wollte er wohl ebenfalls sein privates Leben, das ihm in Wahrheit ermangelte, zu einer gewissen Erfüllung bringen. Und dazu gehörte leider, daß er über Esther zu bestimmen versuchte, als sie längst erwachsen genug war, um für sich selbst verantwortlich zu sein.

Mit der neuen Reichsregierung unter Adolf Hitler und seiner Nationalsozialistischen Partei brach für die Juden, von denen Waldstein einer war, eine andere Zeit an und von genussvollem Ruhestand konnte plötzlich keine Rede mehr sein.

Josef Waldstein war kein strenggläubiger Jude, er konnte sich nicht erinnern, wann er zuletzt in der Synagoge gewesen war, und er gehörte nicht der Kultusgemeinde der Stadt an. Die Politik der Nationalsozialisten kümmerte ihn ebensowenig. Aber er hatte sowieso nicht vorgehabt, sich zur Ruhe zu setzen.

Die Firma Schmitt & Waldstein wurde durch das geschickte und entschlossene Handeln ihrer Chefs mit jedem Jahr größer und ertragreicher. Josef Waldstein war mit seinem Mitarbeiterstab auf der Höhe der technischen Entwicklung seiner Zeit, und ihre Maschinen wurden außer in Deutschland in zwölf Länder verkauft. Er hatte soviel um die Ohren, daß er kaum mitbekam, was außerhalb des Unternehmens vor sich ging.

Vielleicht fühlte er sich von Pauls und Esthers Verbindung auch einfach gestört, da er wahrscheinlich nie einen Gedanken an die künftige Ehe seiner Tochter verschwendet hatte, so abwegig war er. Sie stellten ihn vor vollendete Tatsachen und heirateten quasi heimlich. Das nahm er ihnen sehr übel, sein Verhältnis zu Paul und sein Umgang mit ihm in der Firma verschlechterten sich zusehends, er versuchte sogar, Paul zu blamieren.

Esther drohte er damit, ihr das väterliche Erbe zu versagen, und Paul meinte, davor werde er zurückschrecken, weil sein Vermögen sonst in die Hände von irgendwelchen entfernten Verwandten fiele, die er noch mehr hasst als seine Konkurrenten. Auf einmal fing er an, von seiner jüdischen Familientradition zu sprechen, gegen die Esther, zweifellos von ihm, Paul, dazu überredet, mit ihrer Heirat verstoßen, ja, sich dabei versündigt habe.

Dabei hatte es der Zufall gewollt, daß die beiden heirateten, als das noch möglich war und die neuen deutschen Reichsgesetze solche Ehen noch nicht verhinderten, wie es dann bald geschah.

Ob es ein hinterlistiger Winkelzug des Schwiegervaters war oder wirklich aus dem Vertrauen herrührte, das die Firmenleitung in Paul setzte (immerhin war auch Josef Waldstein nur ein Teilhaber) - jedenfalls schickten sie ihn ein weiteres und dann ein drittes Mal nach Südamerika, wobei die Unterbrechung und die Heimreise zwischendurch vor allem wegen eines Großauftrags für eine Bergwerks Gesellschaft, die in Paraguay tätig war, nötig wurde.

Als er in Dresden war, lagen die widerlichen Pogrome gegen die Juden ein paar Wochen zurück und die Brandtrümmer der Synagoge an der Brühlschen Terrasse sollten ein Menetekel sein für das, was die Juden in Deutschland zu erwarten hatten.

Man fing an, ihnen ihren Besitz zu rauben, sie wurden mit unverschämten Vermögenssteuern belegt, jüdische Firmen wurden arisiert. Hermann Schmitt war Deutscher, seine Vorfahren waren bis in die Zeiten des Dreißigjährigen Krieges zurückzuverfolgen.

Die Firma Schmitt & Waldstein wurde umbenannt in "Sächsische Maschinenfabrik Radebeul", die Beteiligungsverhältnisse blieben vorerst unberührt. Der Briefkopf auf der Korrespondenz lautete weiterhin Schmitt & Waldstein, wie es die Geschäftspartner gewöhnt waren. (Außerdem hatte man so viel Briefpapier drucken lassen, das es noch für die nächsten fünf Jahre reichte.)

Hermann Schmitt richtete für Josef Waldstein ein Bankkonto ein, das auf seinen Namen lief, für welches aber Esthers Vater die Vollmacht hatte. So blieb er von der sogenannten Sühneleistung verschont. Im übrigen glaubte keiner von beiden, daß sich diese Reichsregierung lange halten würde.

Paul versuchte, Esther zu überreden, mit ihm außer Landes zu gehen, draußen wäre man in Sicherheit, ein Land wie Paraguay oder Bolivien würde gegen Deutschland keinen Krieg führen und es würde sich auch nicht an einer Koalition gegen Hitler beteiligen. Als deutsche Staatsbürger wären sie im Ausland geschützt, aber andererseits könnte niemand sie gegen ihren Willen zurückholen.

Pauls Worte beunruhigten Esther, und sie bat ihn tatsächlich, leiser zu sprechen, obwohl es tief in der Nacht war und sie beide im Bett in ihrem Schlafzimmer lagen, das nach hinten zur Hofseite ging und wo sie kein Mensch hören konnte. Esther begann vor Angst zu zittern, und Paul merkte, daß alles, was er an guten Gründen vorbrachte, sie nur noch mehr verwirrte, anstatt sie zu einer vernünftigen Entscheidung zu bringen.

Er hätte sie schon gewaltsam mitreißen müssen, was natürlich ein lächerlicher Gedanke war. Oder er hätte noch viel länger und viel behutsamer auf sie einreden müssen, um sie endlich davon zu überzeugen, daß ihrer beider gemeinsames Leben nur anderswo eine Zukunft hat.

Doch dafür blieb keine Zeit, und Esther stellte sich stur, hielt sich die Ohren zu, wenn er wieder damit anfing, sie wollte davon nichts mehr hören, sondern ihn, Paul, ihren Mann lieben, nur lieben, solange er bei ihr ist. Sie küsste ihn auf den Mund, wenn er etwas sagen wollte, und sie liebte ihn, als gelte es, sich für immer und ewig miteinander zu verbinden, damit nichts auf dieser Welt sie trennen kann.

Kurz vor Pauls Abreise brach der Krieg aus, die Wehrmacht marschierte in Polen ein. Hermann Schmitt hatte für die Firma einen lukrativen Auftrag für die Rüstung an Land gezogen, und Josef Waldstein war selber so beschäftigt, daß Paul die Verschiffung der Pumpen nach Paraguay praktisch allein bewerkstelligen musste. Er hatte das Gefühl, als würde der alte Waldstein ihn vergessen wollen. Im Hamburger Hafen kümmerte sich Paul um die Fracht, er war selbst dabei, als die Maschinen verladen wurden, und er konnte nicht noch mal nach Dresden zurück.

Er besorgte für Esther ein Visum und schrieb ihr von La Plata aus, daß er ihre Überfahrt organisieren will. Aber er glaubte selbst nicht daran, sie aus der Ferne dazu bewegen zu können. Schließlich war sie zwar einverstanden, zögerte aber alles hinaus, und dann schrieb sie, der Vater sei ernstlich erkrankt und sie müsste sich selbstverständlich um ihn kümmern.

Daran konnte Paul nichts ändern, aber er hatte den unangenehmen Eindruck, als würden ihre Worte wie ein leiser Vorwurf klingen, daß er jetzt, wo sie ihn am nötigsten hatte, nicht bei ihr ist. Wahrscheinlich hatte sie von ihm erwartet, daß er sich nicht so leicht fortschicken lässt.

Freilich hätte er auch da noch seinen Aufenthalt unverzüglich abbrechen können, geschäftlich hätte sich das ohne weiteres regeln lassen. Aber irgendein hartnäckiges Motiv in seinem Innern ließ ihn starrköpfig werden, und er verlor kein weiteres Wort mehr darüber, Esther herüberzuholen.

Nach einer Weile beruhigte sich anscheinend alles, und es begann die Zeit, in der Esther's Briefe in verlässlicher Folge eintrafen, nie weniger als sechs und nie mehr als acht beidseitig beschriebene Blätter, sie wiederholte sich nie, alles war von tiefer Zuneigung und von grenzenlosem Vertrauen erfüllt, und Paul empfand diese Briefe bald wie ein kleines Wunder, wie etwas, durch das sie beide auf eine stumme und doch beredte Weise einander Freude und Zuversicht schenkten und sich mit jedem Mal näherkamen, vielleicht sogar müheloser, als wenn er direkt bei ihr wäre. Aber würde das immer so bleiben?

* * * * *

Das italienische Olivenöl sei wirklich von ausgezeichneter Qualität, sagte Bernarda, und Paul schmeckte es ebenfalls. Er brachte die Tasche, in der Nemesio die Sachen hergetragen hatte, zu Miss Kirkpatrick zurück.

Der Laden war richtig gut aufgemöbelt worden, vor allem, wenn man wusste, daß die Räume vorher mehrere Jahre lang verrammelt und verfallen waren. (An den vorherigen Besitzer erinnerte man sich nur deshalb, weil er Selbstmord begangen hatte, angeblich wegen einer unglücklichen Liebesgeschichte; es war sogar einmal ein Lied darüber verfasst worden.)

Alles war hübsch übersichtlich eingerichtet und angeordnet, vorn im Laden lagen die Lebensmittel in den Regalen, vor allem die haltbaren und die Konserven. Frisches Gemüse und Obst hatte Miss Kirkpatrick in den Kisten draußen vor dem Schaufenster hingestellt, dafür war Nemesio zuständig: Blumenkohl, Karotten, Zwiebeln, Gurken, eine besondere Art von krausem Salat, der Meacharos hieß, und Äpfel, Aprikosen und einige andere Früchte; früher hatten die Leute vieles davon selber für den Eigenbedarf angebaut und geerntet, jetzt war es einfacher, es zu kaufen.

Es gab hier in La Ronda eine stattliche Zahl von Leuten, die eine gutbezahlte Arbeitsstelle, Haus oder Wohnung und Familie hatten, aber keine Gelegenheit oder keine Lust mehr, sich der aufwändigen Gartenarbeit zu widmen oder extra jemanden dafür zu engagieren. Manche Dienstmägde und Köchinnen besorgten sich die Waren zwar immer noch wie früher bei irgendeinem Bauern, aber die meisten gingen immer öfter in die Läden "über die Straße", zumal der nächstliegende Wochenmarkt in einem anderen Viertel war und es am Angebot, wie es zum Beispiel eine Miss Kirckpatrick bereithielt, nichts auszusetzen gab. Es war gerade auf die Bedürfnisse der Einwohner von La Ronda zugeschnitten. Sie achtete immer genau darauf, was sich gut verkaufte, und es blieb selten etwas zu lange bei ihr liegen.

Im hinteren Teil des Ladens gab es alle möglichen Dinge für den täglichen Gebrauch, eben was man im Haushalt oder für die Hygiene benötigte. Selbst etliche Handwerker besorgten sich hier Werkzeug und Material; sie hatte sogar ein Regal mit Schulbedarf. Was nicht parat war, das konnte bestellt werden. Es lagen ein paar Kataloge aus, in denen man blättern und sich etwas aussuchen konnte, das dann aus der Hauptstadt geliefert wurde.

Der große Ladentisch mit der Registrierkasse war mit kräftiger blauer Farbe gestrichen, die frisch und sauber glänzte, und die Kanten und Leisten waren orangefarben abgesetzt. Das Regal dahinter, das bis fast zur Decke reichte, hatte ebenfalls einen hellen Ockerton, und durch das Schaufenster, in das neue Scheiben eingesetzt worden waren, kam viel Licht herein, weil von den Platanen, die den freien Platz vorm Haus säumten, gerade vor Miss Kirkpatrick's Laden jüngst eine abgesägt worden war.

Als Paul in den Laden kam, stand da ein Mann, der ihm den Rücken zukehrte, mit einer Baumwollhose und einem farbigen Poncho bekleidet, einen schwarzen Filzhut auf und mit Ledersandalen. Neben ihm war ein junges Mädchen im hellen Kleid und mit langen dunklen Haaren. Die beiden sprachen mit Nemesio, der sein Gemüse und Obst für diesen Tag schon losgeworden war.

Paul grüßte, und der Mann drehte sich um, es war Ansit, und dann erkannte Paul auch Juana. Sie standen alle drei vor einem glockenförmigen Käfig aus Weidenruten mit einem großen Ring oben, in dem auf einem Stab ein kleiner bunter Papagei saß und sein Gefieder putzte. Sie debattierten gerade darüber, welchen Namen er bekommen sollte.

"Senor Paul", rief Ansit und nahm den Hut ab. Sein Blick hatte diesmal nichts von der Kampfeslust, die Paul an ihm kannte, sondern war offenherzig, beinahe ein wenig verträumt. Man sah, daß er sich riesig freute, Paul wiederzusehen. "Ansit. Wie geht's dir? Wo zum Kuckuck steckst du?" "Oh, ich habe jede Menge zu tun, war nur zweimal hier in der Stadt. Habe auch bei dir an die Tür geklopft, aber es hat niemand gehört." "Das war wohl, als Bernarda zu Besuch bei ihren Verwandten war", sagte Paul. "Ich wollte dir doch diese Maschine zeigen." "Was für eine Maschine?" "Hatte ich dir das nicht versprochen?" "Du wolltest mir was zeigen, ja, aber du hast nicht gesagt, was es ist." "Oh ja, es ist ein Generator." Er sprach das aus, als wäre es etwas, womit man aus Kieselsteinen Goldsand machen kann.

Da kam Miss Kirkpatrick aus dem hinteren Raum, sie hatte ein Tuch zwischen den Fingern. "Schauen Sie, Ansit, das ist so eine Spitze, die ich meine, das ist auch Eingeborenen Arbeit, ich habe sie ... Ah, Herr Kelling, buenos dias. Sie bringen die Tasche zurück? Das war nicht nötig, aber na ja, lassen Sie sie ruhig hier."

Sie zeigte die weiße Spitze Ansit. Er setzte seinen Hut wieder auf und befühlte sie sorgsam. Es war ein Tuch, wie man es unter eine Blumenvase auf den Tisch legt. "Aha", meinte er, "es ist Baumwolle, ich weiß, es gibt ein Dorf oben am Rande der Serra Geral, wo die Frauen so was herstellen." "Sieht es genau so aus?", fragte Miss Kirkpatrick. "Ich denke so ähnlich. Jedes Dorf hat seine eigenen Motive, ich glaube, sie sind alle irgendwie schön." "Das könnten Sie mir beschaffen?" "Nun ja, es kommt darauf an, was Sie dafür zahlen wollen." Sie nannte ihm eine Menge und Summe, er überlegte kurz und meinte dann, es ließe sich machen.

Die Kinder hatten immer noch keinen Namen für den Papagei gefunden, und sie waren sich uneins darüber, ob er das Sprechen lernen würde. Nemesio wollte auf alle Fälle, daß er hierbleibt, Miss Kirkpatrick hatte nichts dagegen, und Juana war bereit, ihn herzugeben; es schien, als wollte sie Nemesio damit eine Freude machen.

Paul stand die ganze Zeit daneben, er war bloß wegen der Tasche gekommen, und jetzt merkte er, wie überflüssig das gewesen war, Miss Kirckpatrick schien nicht mit ihm gerechnet zu haben. Er ärgerte sich ein bisschen, aber er war auch froh, Ansit wiederzusehen.

Sie verabredeten sich, damit Ansit ihn hinauf in die Wälder mitnehmen würde, aber Paul wusste inzwischen aus Erfahrung, daß solche Verabredungen hierzulande nicht viel gelten, und selbst Ansit, der sich gleich wieder Miss Kirkpatrick zuwandte, schien da keine Ausnahme zu sein. Jetzt ging es um Chinchilla Felle, die er angeblich liefern könnte.

Der Papagei fing an, auf die Neckereien der Kinder zu reagieren und hackte mit dem Schnabel nach ihren Fingern. Paul verabschiedete sich, und die anderen nahmen kaum mehr Notiz davon. Als er an der Tür war, rief sie ihm zu "Danke Paul, und bis zum nächsten Mal".

Auf der Straße hielt ein Wagen neben Paul, und im Fond drehte jemand die Scheibe herunter und sprach ihn an. Es war der General, den Paul zuletzt im Club Espanol getroffen hatte. Er entschuldigte sich, da er es eilig habe, jedoch wollte er unter keinen Umständen versäumen, Paul zu einem Abendessen einzuladen, das er am kommenden Freitag für alle seine Freunde gibt. Paul hatte an dem Tag schon etwas vor und wollte absagen, aber der General, der sein Zögern bemerkte, rief aus dem Wagen heraus "Keine Widerrede, Senor Kelling, ich rechne auf Sie. Ich möchte Sie mit ein paar Leuten bekannt machen, die mich darum gebeten haben." "Ach so, na, dann will ich Sie nicht in Verlegenheit bringen." "Sehr brav! Übrigens werden Sie neben Senorita Carrasco sitzen, ich hoffe, das ist Ihnen recht. Also dann bis Freitag, neunzehn Uhr."

Als er zu Hause war, fand er eine prachtvolle Einladungskarte des Generals, die viel aufmerksamer und stilvoller war als die Aufforderung von vorhin, die eher wie ein Befehl geklungen hatte. Dieses "sehr brav" klang ihm noch im Ohr, und es hatte ihm irgendwie missfallen, aber er führte das auf das typische Gehabe des Generals zurück, der stets ein wenig autoritär wirkte, was er selbst vielleicht nicht bemerkte.

Jetzt fühlte sich Paul beinahe geschmeichelt. Was für Leute mochte der General gemeint haben, die ihn angeblich kennenlernen wollen? Oder war das bloß ein Lockmittel gewesen? Was es aber mit Senorita Carrasco und der Sitzordnung auf sich hat, das konnte er sich beim besten Willen nicht erklären.

Sie war ihm nicht unbekannt. Sie war die zweitälteste Tochter von Don Esteban Carrasco, einem der reichsten Grundbesitzer der Gegend, der die größte Estancia in der Ebene nördlich von Santa Rosa bewirtschaftete und letztes Jahr mit den Zuchterfolgen seiner Durham Stiere von sich reden gemacht hatte.

Velasquita Carrasco war eine attraktive junge Frau, aber sie schien vom Wesen her etwas eigenartig zu sein. Nach allem, was Paul über sie gehört hatte (Bernarda hatte immer mal Neuigkeiten aus der Carrasco Sippe aufgeschnappt), kam sie ihm vor wie eine der Königstöchter aus den Märchen der Brüder Grimm: wunderschön, stolz, meist melancholisch und im übrigen vollkommen lebensuntüchtig.

Er war ihr auch schon persönlich begegnet, als er aus irgendeinem Anlass, den er vergessen hat, im Hause Don Esteban Carrasco bei einer kleinen Feier anwesend war. Dort hatte Velasquita vor allen Gästen am Flügel eine Mazurka von Chopin gespielt, und es war wirklich hinreißend, bis sie mitten im Takt abrupt aufhörte, sich erhob, das Kleid raffte und wortlos den Raum verließ.

Ihm war eingefallen, daß der General nicht gesagt hatte, wo er neuerdings wohnt, aber auf der Einladung stand ja die Adresse und auf der Vorderseite war eine kunstvolle Zeichnung einer Villa inmitten von Parksträuchern und Palmen.

Die Villa lag im vornehmsten Viertel von Santa Rosa und sah in Wirklichkeit genauso aus wie auf der Zeichnung, nur war sie noch imposanter. Der General hatte sie nach seiner Rückkehr aus dem Exil gekauft (samt dem parkähnlichen Garten) und alles neu hergerichtet. Der Vorbesitzer, irgendein portugiesischer Baron, war von hier weggegangen. Das ehemalige Hausgesinde des Generals wurde fast vollständig wieder eingestellt; sie hatten alle die ganze Zeit auf seine Rückkehr gewartet.

Der General empfing Paul beinahe überschwänglich, als würde sie eine lange Freundschaft verbinden, dabei kannte er ihn kaum ein halbes Jahr. Er trug übrigens seine Offiziersuniform, einen blauen Rock mit grüner Verschnürung, weiße Hosen, hohe schwarze Lackstiefel und eine große Tellermütze, deren Schirm sie hier mit Vorliebe tief ins Gesicht zogen. Der Mann war großgewachsen und kräftig, und man sollte meinen, daß er trotz seines Alters noch mit einer Truppe ins Gefecht ziehen könnte.

Bei Tisch saß Paul tatsächlich neben Velasquita Carrasco, die ein tiefrotes Kleid trug, das oben waagerecht über ihren Busen und Rücken ging und die Schultern frei ließ. Die feinen, schmalen Erhebungen ihrer Schlüsselbeine waren wie poliert. Sie hatte ihre schwarzen Haare hochgesteckt und mit einer weißen Blüte geschmückt, außerdem hatte sie Augen und Lippen geschminkt, sie sah aus wie die Geliebte eines berühmten Toreros, der gerade im fernen Salamanca gegen den gefährlichsten Stier der Welt kämpft. Und sie duftete, daß Paul ganz schwindlig wurde.

Er versuchte ein Gespräch mit ihr anzufangen und sagte ein paar Nettigkeiten, auf die sie lächelnd reagierte. Er erzählte eine kleine Geschichte, und dann wurde gegessen.

Paul nahm von den panierten Kalbskoteletts und von dem weißen Reis mit Kochbananen und er probierte die Enchiladas Tapatias mit Hühnerbrust und Chilisauce, die mit feinem Parmesan bestreut waren. (Der General war ein Liebhaber der mexikanischen Küche.) Velasquita aß nur wenig, besser gesagt, sie ließ das meiste auf dem Teller liegen.

Aber dann hatte sie offenbar Geschmack gefunden an dem Melonensalat mit frischer Minze, und weil das Hauptmenü vorbei war, glaubte Paul, die Konversation von vorhin wieder aufleben lassen zu müssen, aber Velasquita sah ihn verwundert an und stocherte mit unendlicher Grazie in ihrem Melonensalat herum.

Sie trug blassblaue Seidenhandschuhe, die bis über den Ellenbogen reichten; dann ließ sie sich von dem Mangosorbet servieren, für deren Zubereitung der General, wie er selber kundtat, eine neue Eismaschine aus Europa mitgebracht hatte.

Und dann entdeckte Senorita Carrasco das Quittenpüree, welches in Formen gepresst und getrocknet wurde und deshalb Quittenbrot hieß, und das man mit einer Art weißem Frischkäse verzehrt.

Es war unmöglich, mit ihr zu reden, und Paul bemerkte auch, daß sie anfing, leise vor sich hin zu brabbeln, als lernte sie ein Gedicht auswendig. Er war eigentlich froh, sich nicht mit ihr unterhalten zu müssen und schenkte Velasquita keine weitere Beachtung. Sollte sie, die für ihre Empfindlichkeit bekannt war, ihm das übelgenommen haben?

Nachher, als man über den Tisch hinweg miteinander plauderte und einer nach dem anderen das Wort ergriff, um ein Thema zu präsentieren, zu dem die übrigen ihre Meinungen kundtaten, da fragte Senorita Carrasco gerade so laut, daß es die anderen hören mussten: "Stimmt es, Senor Kelling, daß Ihre Gemahlin eine Jüdin ist?" Er bejahte es.

"Sie sind aber keiner", stellte sie fest, und noch bevor er etwas erwidern konnte, fügte sie ohne ihn anzusehen hinzu: "sonst hätten Sie ja jetzt so einen gelben Stern, nicht wahr?"

Paul war völlig perplex. Ein Herr, der ihnen gegenüber saß, meinte "Aber liebe Senorita, die Leute tragen dieses Zeichen doch nicht zum Spaß." Sie schaute ihn an, als habe er ihr etwas aus der Pflanzenwelt erklären wollen, und Paul stellte fest: "Tut mir leid, meine Frau trägt auch keinen."

Es sollte eine Spitze gegen ihre naive Bemerkung sein, aber entweder erfasste sie das auch nicht richtig oder sie war tatsächlich so durchtrieben, daß man sich nicht genug vorsehen konnte. "Das tut Ihnen leid?", fragte sie und sah ihn an mit einem Gesichtsausdruck, als wäre Pauls Frau ihre arme Schwester.

Dummerweise wollte jemand von Paul wissen, wie das möglich sei, wo doch in Deutschland nun alle Juden die Pflicht hätten, ihn zu tragen. "Unsere Ehe ist privilegiert", sagte Paul, und er betonte dieses Wort so, daß es seine Wirkung nicht verfehlte.

Daraufhin entbrannte eine Diskussion über Eheverhältnisse und wie sie am vorteilhaftesten zu sanktionieren wären. Velasquita schwieg einen Moment und fragte dann "Sie sagen, Ihre Ehe sei privilegiert. Von wem?" "Von staatlicher Stelle", sagte Paul, "von den zuständigen Behörden."

Sie schwieg wieder, dann richtete sie sich geradezu auf und bohrte ihren Blick auf sein Antlitz. "Also nicht von Gott." "Du meine Güte, Senorita Carrasco, was ist das hier? Eine peinliche Befragung?"

Paul war der Geduldsfaden gerissen, er hatte seine Serviette hingeworfen, und man hörte einzelne Laute der Verwunderung. Velasquita schaute in die Runde und lächelte krampfhaft, dann erhob sie sich, raffte ihr Kleid und verließ wortlos den Raum.

Den General hatte Paul an diesem Abend nicht noch mal gesehen. Zwei Tage später fuhr dessen Fahrer mit dem Wagen bei der Mine vor und sagte, der General würde sich sehr geehrt fühlen, wenn Paul zu ihm käme.

Natürlich war Paul verärgert gewesen, und doch war es wieder diese Ehrerbietung, die ihm entgegengebracht wurde, die ihn milde stimmte. Außerdem erwartete er eine Art Entschuldigung, zwar nicht von Senorita Carrasco selbst, das war wohl undenkbar, aber wenigstens vom Hausherrn, der in gewisser Weise für seine Gäste verantwortlich war. Immerhin hatten es alle mitgekriegt.

Der General empfing ihn diesmal noch freundlicher. Sie nahmen auf der Gartenterrasse Platz. Es war herrliches Sommerwetter, und ein riesiger Sonnenschirm spendete Schatten. Er bot Paul etwas zu trinken an, und sie rauchten jeder eine Zigarre der Marke Concordancia.

Der General entschuldigte sich tatsächlich für das Verhalten des "jungen Fräuleins" (er gebrauchte den deutschen Ausdruck), sie sei ziemlich unberechenbar und nur ihre außergewöhnliche Schönheit mache ihren schwierigen Charakter oftmals vergessen. Paul konnte ihm kaum zustimmen, aber er nahm die Feststellung so hin.

"Sie haben hoffentlich nicht gedacht, ich wollte Sie verkuppeln, mein lieber Freund", sagte der General und lachte, als wäre Paul einer seiner Gegner, der kapituliert hat. "Mache ich auf Sie den Eindruck, ich könnte Ihren Angeboten erliegen?" Der General lachte noch weiter, aber er spürte wohl den bissigen Unterton.

Er wurde sachlich und blieb überaus liebenswürdig. "Vor allem machen Sie auf mich den Eindruck eines intelligenten Mannes, dem man nichts vorgaukeln kann. Ich halte das für eine wesentliche Voraussetzung für jedes tatkräftige Handeln. Ich bin Ihnen natürlich eine Erklärung schuldig, allein, ich wollte lediglich, daß Sie sich mit Senorita Carrasco ein wenig amüsieren, ich konnte ja nicht ahnen, daß sie Sie derart kompromittiert." "Ich fühlte mich durchaus nicht kompromittiert, schließlich hat sie dumm dahergeschwätzt." "Genau", nickte der General, "es war dummes Zeug, und niemand eher als ich kann Ihnen das bestätigen, Senor Kelling. Wie Sie wissen, war ich in den letzten drei Jahren in Europa und davon eine lange Zeit in Deutschland. Glauben Sie mir, ich kenne die Verhältnisse dort ebenso gut wie Sie."

Wollte er damit andeuten, daß Paul inzwischen nicht mehr genau wüsste, wie es in seiner Heimat aussieht? Er fragte dennoch ganz arglos zurück: "Und wie beurteilen Sie die gegenwärtige Lage?" Der General schien diese Frage erhofft zu haben. "Offengestanden, ich beneide Sie darum, Senor Kelling, daß Sie ein Deutscher sind. Ich denke, daß Deutschland zur Zeit das fortschrittlichste Land nicht nur in Europa, sondern in der ganzen Welt ist. Was dort passiert, das wird weitreichende Folgen haben, für die Zukunft, verstehen Sie, für die fernere Zukunft. Adolf Hitler ist ein Visionär, na ja, vielleicht ein bisschen übergeschnappt, aber das waren sie alle, die großen Führer der Weltgeschichte, Alexander der Große, Dschingis Khan, Napoleon. Und er ist der größere Visionär im Vergleich mit denen." "Was halten Sie an ihm denn für so einmalig?" "Oh, da ist etwas, nun jedenfalls glaube ich es an ihm zu erkennen, das ihn jedem bisherigen Despoten überlegen macht: das ist seine Unterwerfung unter das Schicksal." "Wie bitte?" "Er hat den Weltenlauf erkannt, in dessen innersten Prinzipien, die Urgründe des Schicksals oder der Vorsehung, wie er es nennt, die hat er in ihrem Wesen erkannt. Und dann hat er sich ihnen überantwortet.

Sehen Sie, Senor Kelling, die Vorsehung ist der Kern unseres Universums, wir haben bloß keinen besseren Namen dafür, deshalb gebrauchen wir diesen. Diese Vorsehung ist jener Ursprung, wo das Materielle und das Geistige dieser Welt zusammentreffen, man kann sich das nur schwer vorstellen." "In der Tat. Ich wusste gar nicht, daß Sie als General sich mit solchen Dingen befassen." "Jeder Mensch versucht, seinen eigenen Standpunkt in dieser Welt zu bestimmen und sich Klarheit über sein eigenes noch so armseliges Leben zu verschaffen, jedenfalls jeder vernünftige Mensch tut das, oder nicht?"

Paul machte eine halbwegs zustimmende Kopfbewegung, aber der General wollte seine Antwort gar nicht unbedingt hören. "Die anderen großen Männer", fuhr er fort, "haben letztlich in ihrem tiefsten Innern doch nur nach persönlicher Macht getrachtet, Ehrgeiz und Hass haben sie angetrieben, und meistens war da auch irgendwo ein nagendes Minderwertigkeitsgefühl dabei."

"Sie meinen, Hitler hat das nicht?" "Beim besten Willen, ich kann es nicht finden, und ich halte mich für einen scharfäugigen Beobachter. Ich glaube, er hat begriffen, daß diese Vorsehung selbst natürlich etwas Unbegreifliches ist, aber daß sie den Menschen braucht, um sich, nun, die Philosophen würden sagen, um sich zu hypostasieren. Früher waren es die Götter im Olymp, die sich ihre Menschenkinder auserwählt haben. Heute weiß man, daß es diese Götter nicht gibt, sie sind nur Hirngespinste eben der Menschen, die sich selbst nicht verstehen. In Wahrheit ist es ..." "... die Vorsehung, die sich der Menschen bedient", ergänzte Paul. "Richtig. Und die Größe des Menschen wiederum hängt davon ab, inwieweit er sich als dienendes Wesen begreift."

"Das klingt alles sehr interessant, Herr General, aber glauben Sie, daß so viel Metaphysik für die Masse tauglich ist?" "Sie meinen für das deutsche Volk?" "Ja, für alle die, die angeblich die Bewegung ausmachen, um ein anderes Lieblingswort von Herrn Hitler zu gebrauchen."

Der General zog die Brauen hoch. "Höre ich da eine leise Ironie aus Ihren Worten?" "Das wäre rein zufällig", entgegnete Paul, "ich mache mir nichts aus Politik, nicht nur, weil ich eingesehen habe, daß ich nicht die geringste staatsmännische Begabung besitze." "Aha", murmelte der General, und Paul kam es plötzlich so vor, als hätte er seine eigenen Worten irgendwo gelesen. "Vielleicht darf ich Sie korrigieren: worum es hier geht, ist doch keine staatsmännische, sondern eine staatsbürgerliche Angelegenheit. Und gerade in dieser Hinsicht betrachte ich die Vorgänge in Ihrem Land mit besonderem Interesse.

Noch nie hat ein Mann so gewaltige Massen hinter sich gebracht, und Senor Kelling, Sie werden nicht bestreiten können, daß der allergrößte Teil dieser Massen ihrem Führer freiwillig folgt, freiwillig wohlgemerkt, nicht willenlos. Dieser Mann braucht eigentlich nichts anderes zu tun als sich hinzustellen und eine flammende Rede zu halten, die Leute verfallen ihm mit Haut und Haar und mit ihrer Seele, er braucht ihnen bloß noch die Befehle zu erteilen."

Paul dachte, daß dem General gerade dies gefallen könnte, aber der gab sich bescheiden. "Ich traue mir selbst einige Führungsqualitäten zu und ich habe sie im Kampf unter Beweis gestellt, aber ehrlich gesagt, ich würde zittrige Knie bekommen, wenn ich allein vor einer solchen Menge von Menschen stehen müsste, über die ich die Kommandogewalt habe. Nein, nein, mein lieber Freund, so etwas können nur ganz große Naturen, wie sie nicht in Generationen, sondern in Zeitaltern geboren werden."

"Man spürt, Herr General", sagte Paul höflich, "daß Sie ein wahrer Anhänger der nationalsozialistischen Idee sind." "Ja. Weil es nicht bloß eine Idee ist oder eine Ausgeburt mystischer Religion wie der Kommunismus. Wissen Sie, im Grunde ist die nationalsozialistische Bewegung die eigentliche, die echte Revolution der großen Masse. Kennen Sie Ortega y Gasset?" Paul schüttelte den Kopf. "Er ist ein spanischer Philosoph, ich habe ihn kennengelernt während des Spanienkrieges. Er schrieb das Werk 'La rebellion de las massas' und darin spricht er von der Auflehnung der Massen gegen sich selbst als der einzig wahren Form von Revolution. Die Bolschewisten, das ist meine Erkenntnis aus diesen Lehren, haben die Massen immer behandelt wie ein unmündiges Kind, ein Waisenkind obendrein, das sich seinen Platz in der Welt selbst erobern muss, wenn es nicht zugrunde gehen will.

Dabei muss die wahre Revolution darin bestehen, daß die Massen sich selbst überwinden, um ihre Jahrhunderte alte Rolle einer wertlosen Klasse abzulegen und zu einer höheren Existenzform zu gelangen. Ortega y Gasset nennt auch ein Haupthindernis für diese wahre Revolution, nämlich den Staat. Er bezeichnet den Staat als die größte Gefahr, welche heute die Zivilisation bedroht."

"Das sind ja harte Worte", meinte Paul, dem die Rede des Generals langsam eintönig wurde. "Allerdings. Und wenn Sie einmal genauer hinschauen, dann erkennen Sie, daß die nationalsozialistische Bewegung genau das Gegenteil des alten Staatsgebildes ist und daß Hitler darum kämpft, die überkommenen Staatsformen, ob sie sich nun Monarchie oder Republik nennen, ein für allemal zu beseitigen." "Deshalb nennt er sich auch lieber Führer als Reichskanzler", meinte Paul. "Ganz bestimmt. Sehen Sie, Senor Kelling, Sie kommen ganz zu dem selben Schluss."

Paul empfand dies als voreilige Unterstellung und wollte sich dagegen verwahren, aber es kam ein Diener heran und flüsterte dem General etwas ins Ohr. Der schien kurz unentschlossen, fasste sich dann und sagte "Senor Kelling, wie ich gehört habe, waren Sie auf der Suche nach einem gewissen Freddy Alvaro Garcia. Es hat sich gelohnt, daß Sie heute zu mir gekommen sind, denn dieser Freddy Alvaro Garcia ist ebenfalls gerade hier." Paul war auf den jähen Wechsel der Situation überhaupt nicht vorbereitet. Er sprang vom Sessel auf und schaute zu der breiten Tür, die von der Terrasse ins Zimmer ging.

Ein junger Mann kam heraus, er trug einen modischen hellen Leinenanzug und hielt einen dazu passenden Strohhut mit einem dunkelblauen Streifen in der Hand. Er hatte eine akkurat geschnittene Frisur, die Haare waren mit irgendeiner glänzenden Pomade versehen, und er hatte ein hübsches, ein wenig draufgängerisch wirkendes Gesicht, auf dem sich allerdings unter den Augen dunkle Schatten zeigten. Er lächelte, und sein Blick richtete sich sogleich auf den Gast des Generals. Er hatte etwas Anziehendes, so wie jemand, an dem von Zeit zu Zeit das Glück haften bleibt. Er muss bei den Frauen Eindruck machen, dachte Paul unwillkürlich.

Er wollte ihm die Hand reichen, als der andere direkt auf ihn zu ging, da rief der General zornig "Manuel! Was willst du hier? Es ist eine Unverschämtheit, sich für einen anderen auszugeben und bei mir einzudringen." "Machen Sie halblang, Herr General, ich habe mich nicht falsch ausgegeben, als ob mich Ihr Personal nicht längst kennen würde." "Wir haben Freddy Alvaro Garcia erwartet." "Na und, bin ich etwa nicht genauso willkommen?" "Mitnichten", entgegnete der General. "Wollen Sie mir nicht wenigstens diesen Herrn vorstellen?" Paul sagte "Paul Kelling, ich bin Ingenieur aus Deutschland." "Ah, der Ingenieur von der Kupfermine, Sie sind das."

Manuel gab ihm charmant die Rechte, und Paul spürte den außerordentlich feinfühligen Händedruck. "Ich heiße Manuel." Seine Stimme klang dabei wie die eines Vierzehnjährigen. "Das ist der ungeratene Sohn unseres werten Herrn Bürgermeisters", erklärte der General. Manuel hielt immer noch Pauls Hand und drehte den Kopf "Ich bitte Sie, Herr General, machen Sie doch Senor Kelling nicht gleich voreingenommen gegen mich." "Ich will bloß verhindern, daß du dich bei meinem Gast beliebt machst." Er sagte zu Paul: "Das läuft nämlich immer nur darauf hinaus, daß er einen um Geld anbettelt." "Müsste ich das tun, dann käme ich nicht zu Ihnen, denn Sie sind ein Geizhals."

Paul war wenig darauf erpicht mitanzuhören, wie die beiden sich angifteten. Er sagte, er müsse jetzt zurück zur Mine. Der General ließ sofort von Manuel ab und sagte zu Paul "Ich wollte Sie dringend um einen Gefallen bitten. Ich hatte erwähnt, daß ich für einige Zeit in Deutschland war ..."

Paul wollte nicht noch mehr von seinen politischen Ansichten erfahren, deshalb sagte er schnell "Ich weiß, und worum geht es?" "Ich habe meine Freunde in Deutschland gebeten, mir ein paar Sendungen zu schicken, nichts Großes, nur ein paar Briefe. Jedoch konnte ich ihnen meine neue Adresse nicht hinterlassen und deshalb habe ich Ihre angegeben." "Meine Adresse?" "Es ist nur dies eine Mal, und Sie brauchen nichts weiter zu tun, als die Post an mich weiterzuleiten, wäre das zuviel verlangt?" "Das geht in Ordnung, ich bringe sie vorbei." "Ich danke Ihnen, Senor Kelling, und ich werde mich irgendwann erkenntlich zeigen." "Sagen Sie ihm, er soll mir dafür etwas Geld leihen", meinte Manuel lachend, und der General sah ihn an wie einen ungehörigen Rekruten.

"Einstweilen können Sie Ihren Fahrer beauftragen, mich zur Mine zu fahren." "Oh ja, selbstverständlich", antwortete er und ging kurz weg. Dann kam er wieder und sagte "Er ist gerade unterwegs, muss aber jeden Moment zurück sein." Manuel sagte "Kommen Sie mit mir, ich fahre Sie da hin." "Gut." "Ach so", sagte Manuel, als sie durch das Zimmer gingen, "warum ich überhaupt gekommen bin: ich habe hier diesen Wechsel, wenn Sie die Freundlichkeit hätten, ihn anzunehmen, Herr General."

Er las ihn genau, ging dann zu seinem Schreibtisch, holte eine Kassette heraus und drückte Manuel einige Geldscheine in die Hand. Der faltete sie einmal ohne nachzuzählen und steckte sie in die Hosentasche. Sie verabschiedeten sich an der Haustür. Manuel hatte seinen Wagen direkt vor dem Eingang geparkt. Es war ein ebenholzfarbener Chatwick Seagull, ein Zweisitzer mit Speichenrädern, mit Sitzen aus Krokodilleder und einem Lenkrad aus Elfenbein.

"Was haben nur alle mit diesem Freddy Alvaro Garcia?", meinte Manuel, als sie fuhren. "Hatten Sie sich vorhin wirklich für ihn ausgegeben?" "Ach was. Oder na ja, dieser Bursche im Haus kannte mich noch nicht." Er lachte. "Ist denn Garcia manchmal beim General?" "Warum nicht? Bei ihm gehen alle möglichen Leute ein und aus, er hat ausgezeichnete Verbindungen. Aber, ehrlich gesagt, ich will mich nicht wichtig machen: ich weiß es nicht genau, ich bin ja so selten in Santa Rosa."

"Ihr Vater würde es gern sehen, wenn Sie in dem neuen Büro der Minengesellschaft einen Posten bekleiden." Manuel lachte wieder und sah Paul von der Seite an. "Hören Sie, Paul, Sie brauchen mit mir nicht so vornehm zu reden, 'einen Posten bekleiden', was sollte das anderes sein, als für meinen Alten den Handlanger zu spielen. Und was für ein beschissenes Büro sollte das sein? Oh, Entschuldigung, es ist ja Ihre Gesellschaft. Aber machen wir uns nichts vor, alles was die Chefs interessiert, ist das Kupfer, das ihr aus der Erde buddelt, was kümmert die so ein Nest wie Santa Rosa."

"Es scheint Ihnen hier nicht besonders zu gefallen." "Es gibt nichts, das ich vermisse, wenn ich nicht da bin. Also klären Sie mich mal auf, wer ist dieser Bursche, dieser Garcia?" "Er arbeitet für die Meridian Company." "Das sind Ihre Konkurrenten?" "Ja. Obwohl sie bis jetzt nicht im Kupferbergbau engagiert waren." "Aber?" "Sie lassen oben in der Serra Geral einen Erkundungstrupp Probebohrungen durchführen, wahrscheinlich nach Erdöl." "Und wenn sie was finden, kaufen sie das ganze Gebiet, und ihr könnt keinen Fuß mehr darauf setzen", sagte Manuel, "ich weiß, wie so was läuft. Aber wenn Sie das beunruhigt, kann das nur heißen, daß Sie sich diese Gegend auch schon genauer angesehen haben?" Paul schwieg, und Manuel sagte "Also haben sie. Ist ja nicht so schlimm."

Sie fuhren um eine Straßenecke in einem Seitenviertel, und Manuel schaute aufmerksam aus dem Wagen, vor den Häusern standen vereinzelt ein paar Mädchen. "Ich erkunde auch oft anderes Terrain, wenn Sie wissen, was ich meine. Da sind die Schürfrechte aber leider schon vergeben, und da wird die Sache schwieriger." Sie kamen wieder auf die Hauptstraße. "Ich weiß immer noch nicht, was dieser Garcia für eine Rolle spielt." Jetzt musste Paul schmunzeln. "Ja, das wüsste ich auch zu gern."

"Haben die denn was gefunden da oben." "Es sieht ganz so aus." "Und wie haben Sie davon erfahren, die Meridian Company wird es wohl nicht in die Zeitung gesetzt haben?" "Durch Zufall." Manuel legte einen anderen Gang ein, er schüttelte den Kopf. "Ein merkwürdiger Zufall, finden Sie nicht, Paul? Wenn Ihr Senor Garcia etwas auf dem Kasten hätte, dann würde er doch ganz gewiss dafür sorgen ... ah, ich verstehe, der Mann spielt ein doppeltes Spiel." "Wie bitte?" "Ach, kommen Sie, Paul, ich bin vielleicht nur ein kleiner Zuhälter, aber ich kenne das Geschäft. Soll ich sagen, was los ist? Sie haben auch jemanden beauftragt, in der Serra Geral zu bohren, stimmt's?" "Das sagten Sie bereits", erwiderte Paul. "Ja, ja, aber jetzt kommt dazu: Ihr Mann ist derselbe Mann, nämlich dieser verfuckte Senor Garcia, richtig?"

Paul sagte nichts. Manuel lachte. "Und jetzt ist er abgetaucht, und keiner weiß, wo er ist. Ob es die Leute von der Meridian Company wissen?" Paul zuckte mit den Schultern. Sie fuhren an einem kleinen Park mit einem Denkmal vorbei. Paul sagte "Fahren Sie mal langsam." "Was?" Er drehte die Scheibe herunter, beugte sich hinaus und rief "Buenos dias, Miss Kirkpatrick!" Sie winkte zurück. Manuel sagte "Soll ich anhalten?" "Nein, nein." Dann pfiff er durch die Zähne. "Wer ist denn die schöne Braut?" "Eine Bekannte." Dann sagte Paul "Sie können mich da vorn absetzen, da steht mein Wagen, ich glaube, Ihrem würde das letzte Stück Weg nicht guttun." "In Ordnung. Hat mich gefreut, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben." "Ganz meinerseits, und Danke noch mal fürs Mitnehmen." Manuel sagte "Und wenn ich etwas für Sie vermitteln soll, sagen Sie Bescheid, ich meine wegen der kleinen Engländerin." "Sie stammt aus Irland", erwiderte Paul etwas grob.

* * * * *

Dieser Freddy Alvaro Garcia entwickelte sich immer mehr zu einem Phantom, und Paul ertappte sich schon dabei, daß er den Namen aus seinen Gedanken loswerden wollte, es ihm aber nicht gelang. Er hinterließ überall seine Spur ohne selber da gewesen zu sein. So wie beim General. Gut möglich, daß er sein Haus nie betreten hatte, aber irgendetwas mussten die beiden Männer miteinander zu tun haben. Wenn Paul ihm wenigstens einmal persönlich begegnet wäre und wüsste, wie er aussieht. (Das eine Mal damals in Santa Cruz hatte er sich nicht genau gemerkt, und Paul hätte sich nicht gewundert, wenn er damals schon seine wahre Identität verschleierte.) Es war noch nicht mal klar, ob er überhaupt ein richtiger Bergbauingenieur oder ein Wissenschaftler, etwa ein Geologe, ist.

Paul hatte natürlich auch die Vertreibung der Indianer von ihrer Pflanzung mit Garcia in Verbindung gebracht. Ansit hatte ihm den Mann beschrieben, der die bewaffnete Söldnertruppe anführte, die sie überfallen hatte. Ansit sagte, es war ein hagerer Mann mit strengem Gesicht gewesen, den sie El Halcón, der "Falke", nennen und der wahrscheinlich Spanier ist. Ansonsten war Ansit noch aufgefallen, daß dieser El Halcón Linkshänder ist, wegen seiner verstümmelten rechten Hand.

Paul ließ die Vorgänge Revue passieren: Mister Westwood, der Chefingenieur, hatte die leitenden Mitarbeiter der Kupfermine über die Aktivitäten in der Serra Geral informiert, und zwar sowohl über die der Meridian Company (offenbar soweit er selbst darüber unterrichtet war) als auch über die eigenen, wobei der Name Freddy Alvaro Garcia öfter genannt wurde.

Westwood hielt anscheinend große Stücke auf ihn, sagte, daß er schon in Bolivien und in Venezuela ähnliche Projekte durchgeführt habe und über reichlich Erfahrung verfüge. Darüber wurde anscheinend ganz vergessen (oder verschwiegen?), wonach man eigentlich in der Serra Geral sucht.

Einige Zeit später wurden dann die Bohrungen hier bei den alten Stollen gemacht, die zu dem Ergebnis führten, daß dort die große Erzader verläuft. Paul war zu dieser Zeit eine Woche lang arbeitsunfähig, weil er sich das Fußgelenk verletzt hatte und sich zu Hause schonen musste.

Aber merkwürdig war, daß Freddy Alvaro Garcia selber gar nicht in Santa Rosa erschienen war, sondern einen Trupp Männer hergeschickt hatte, die, das war die einhellige Meinung von Pauls Mitarbeitern, keinen besonders sachkundigen Eindruck machten. Manche von den Minenarbeitern hatten sogar über sie gelacht und gespottet. Dennoch gab es keinen Zweifel an dem Bescheid der Gesellschaft, und niemand hätte gewagt, an Mister Westwoods Entscheidung etwas auszusetzen.

Und dann hatte man Paul und eine Hand voll andere Leute von der Mine zu einem vertraulichen Gespräch geholt, in dem es plötzlich hieß, Senor Garcia habe wichtige Informationen veruntreut und womöglich an die Konkurrenz weitergegeben. Aber sie, die Leitung der Gesellschaft, hätte die begründete Vermutung, daß sich Garcia hier in der Gegend zwischen Santa Rosa und der Serra Geral aufhalte.

Der Mann, der dies bestätigte, war kein anderer als Sergio Flores, der Paul dann bat, ihn auf der Suche nach Garcia zu begleiten. Wie erfolgreich sie dabei waren, hatte man gesehen, Sergio hatte nicht einmal die Karte bei sich. Andererseits hatte der Bürgermeister, mit dem Sergio auf gutem Fuß stand, Paul gegenüber so getan, als wüsste er nichts von den Dingen, die in der Serra Geral vor sich gehen.

Aus Deutschland kam ein Schreiben von Schmitt & Waldstein, in dem Hermann Schmitt die Lieferung der neuen Pumpe ankündigte und die Einzelheiten des Transports festhielt. Auf dem Briefpapier sowie auf der Rechnungskopie, deren Original wie gehabt direkt an die Minengesellschaft gesandt wurde, stand jetzt nur noch "Sächsische Maschinenfabrik Radebeul", und Paul überlegte, was sie mit dem alten Briefbögen gemacht haben.

Da erst fiel Paul auf, daß Esthers Brief seit fast einer Woche überfällig war. Und das, obwohl er in der Zwischenzeit zweimal geschrieben hatte. Bestimmt würde sie ihm unverzüglich jede Veränderung in der Firma mitteilen; aber hätte er das nicht von Schmitt selbst erfahren? Oder wollte man ihn nicht unnötig damit behelligen?

Außerdem war da die Rede von einer Stückgutwinde, welche voraussichtlich in einem Monat lieferbar wäre. Paul wusste, daß Schmitt & Waldstein vor einiger Zeit ein kleines Werk in Torgau an der Elbe aufgekauft hatten, das solche Winden produzierte, mit denen hauptsächlich bewegliche Güter im Eisenbahn oder Schiffsverkehr umgeschlagen werden konnten. Aber weder hatte er so etwas bei der Firma bestellt noch konnte er sich denken, wo die besagte Winde hier eingesetzt werden sollte. Er nahm sich vor, im nächsten Brief Hermann Schmitt selbst danach zu fragen.

Eines Nachmittags saß Paul in seinem Arbeitszimmer am Schreibtisch und war damit beschäftigt, den Transport der erwarteten Pumpe von La Plata nach Santa Rosa zu organisieren. Es war ein heißer, sonniger Tag, aber im Zimmer war es angenehm temperiert dank eines Ventilators an der Decke. Das große Fenster, das zum Garten hin ging, war mit einer Markise beschattet.

Draußen waren Nemesio und Juana beim Spielen, und sie machten gar keinen Lärm, so daß Paul ungestört arbeiten konnte. Die beiden kamen übrigens alle paar Tage in Pauls Haus, anfangs, weil Bernarda sie immer so zuvorkommend behandelte und weil sie auch ziemlich freigebig war. (Bernarda liebte alle Kinder; sie hatte leider selbst keine.) Dann hatten sie den Garten für sich entdeckt, es gab da ein paar Stellen, wo man sich richtig gut verstecken konnte, wenn einem danach zumute war.

Paul war das auch aufgefallen, und zwar zuerst, als er unbewusst von seiner Arbeit aufsah, weil er die beiden nicht mehr hörte. Er hatte sich irgendwie schon an ihre Stimmen gewöhnt, vor allem an Nemesios keckes Lachen und an die Art, wie Juana ihn dauernd etwas fragte, ihre Stimme ging dabei immer so lustig in die Höhe.

Paul war aufgestanden und ans Fenster gegangen, aber er konnte sie nirgends erblicken. Nach einer Weile tauchten sie wieder auf. Paul dachte, er sollte nur ja nicht so neugierig sein, was sie da treiben, zumal sie so herrlich unbefangen waren und nicht argwöhnten, beobachtet zu werden.

Also hielt er sich zurück, und erst, als sie gegen Abend gegangen waren, warf er manchmal einen Blick in den Garten, und zuletzt fand er da einen Tisch, den hatten sie mit einem Brett und zwei Holzkisten gebaut, und darauf standen Schüsselchen und Schalen aus Ton, und es lagen auch unförmige Tonklumpen daneben. In manche Schalen waren Sachen aus der Küche gefüllt: Brotkrumen und andere Teigstücke, in einer waren Haselnüsse, in einer weiteren eine Handvoll Rosinen.

Als die beiden wieder da waren, ging Paul zu ihnen in den Garten. Juana fragte, ob er was essen will, er lehnte dankend ab. "Wieso nicht", fragte sie, "gefällt es Ihnen nicht?" "Doch. Besonders das Geschirr gefällt mir." "Das habe ich selber gemacht", sagte Juana. "Wie, selber?" Nemesio sagte "Da hinten ist eine Grube, da gibt's prima Lehm. Juana kann richtig töpfern." "Ich staune", sagte Paul und nahm eine der Schalen in die Hand. "Na, die ist nicht grade die beste", meinte Juana, "kaufen Sie lieber die hier." Sie schüttete die Rosinen aus und hielt ihm die Schale hin. "Fünfzig Centavos, weil Sie's sind." "Ähm." "Bernarda hat auch schon welche gekauft, für die Küche", sagte Nemesio.

"Wo hast du das gelernt, Juana?" "Nirgends. Hab' manchmal meiner Großmutter geholfen." "Ich mache mehr Tiere und so was." "Wo?" "Na da stehen sie." Er deutete auf die Tonklumpen. Juana unterdrückte ein Grinsen. "Die sehen ganz schön scheiße aus, oder?", meinte sie.

Paul hatte die Schale hingestellt und wendete einen der Tonklumpen in den Händen. "Was für ein Tier ist das noch gleich?" "Ein Affe natürlich, oder haben Sie noch nie einen gesehen?" Juana sagte "Ich hätte es eher für eine Schildkröte mit Stiel gehalten, aber man darf ihm nicht den Mut nehmen." Sie schaute Nemesio aus ihren schönen dunklen Äuglein an. "Ich schleppe den Ton ran", sagte er.

Sie hatten den Ton in eine Blechschüssel gelegt und mit einem feuchten Tuch abgedeckt. "Wo ist die Grube?" "Da drüben, ungefähr dreißig Schritt", sagte Nemesio, und Paul fragte sich, warum er noch nie bis da hin gekommen war. "Er macht das mit 'nem Spaten, und dann schleppt er das Zeug in dem Tuch her, und hier halten wir's feucht."

"Habt ihr schon mal dran gedacht, es zu brennen?" "Nö. Wozu?", fragte Juana zurück, "Den Leuten gefällt's auch so." Nemesio fand die Idee gar nicht so schlecht. "Wie denn?" Paul sagte "Es gibt eine Technik, da kann man Töpferware in einem Erdhügel brennen. Es ist ein bisschen aufwändig, aber es sieht auch gut aus." "Könnte man das gleich hier machen?" "Ach lass doch den Quatsch mit dem Brennen", sagte Juana, und Paul bemerkte, daß sie ganz schön jähzornig werden konnte. "Meine Sachen bleiben so. Kannst ja deine Monster brennen, die werden alle dabei zerplatzen."

Nemesio machte eine Kopfbewegung zu ihr hin und sagte zu Paul "Sie hat richtig Ahnung davon, merken Sie." Juana machte sich mit angestrengter Miene an einem Gefäß zu schaffen. Es war schön, ihr zuzuschauen. Dann sagte sie "Na gut, einen Peso und Sie können sich noch was aussuchen."

Paul schaffte die Sachen nach drinnen, und eine Schale stellte er auf seinen Schreibtisch. Es war bläulicher, mittelfeiner Ton mit etlichen verschiedenartigen Körnchen, und er bildete einen schönen Kontrast zu dem dunkelbraunen, polierten Holz des Tisches.

Nemesio rief ihm von draußen zu. Paul öffnete das Fenster. "Miss Kirkpatrick hat Probleme mit der elektrischen Leitung hinten im Lagerraum. Wenn Sie so freundlich wären, mal bei ihr vorbeischauen." Paul verstand nicht gleich, was gemeint war. Juana hatte genau verfolgt, wie Nemesio ihm das gesagt hatte, und Paul dachte dann, der Junge hat sich so gewählt ausgedrückt. Hatte er nicht morgen etwas zu tun in dem Viertel? Nein, hatte er nicht. Oder doch.

"Hallo Paul, was führt Sie her?" Sie hatte eine Latzhose aus grober Baumwolle an, wie sie die Burschen von der Benzinstation gegenüber tragen, aber darunter trug sie eine blütenweiße Bluse. Die Haare hatte sie diesmal einfach hinten zusammengebunden. Ihr Gesicht hatte eine rosige Farbe. Es waren ein paar Kunden im Laden, und sie redete ihn über die Schulter einer alten Frau hinweg an, als er eintrat.

Er wartete, bis sie alle bedient hatte, und es kam auch gerade keiner weiter. "Sie haben mir meinen Gehilfen abgezogen", sagte Lydia. "Wer?" "Na Sie, Paul. Wie ich höre, drückt sich Nemesio bloß noch bei Ihnen herum." "Ach, er vernachlässigt seine Pflichten?", fragte Paul und zog die Augenbrauen zusammen. Lydia schnaubte lachend. "Na, so würde ich es nun auch wieder nicht nennen. Sie waren wohl mal Lehrer gewesen?" "Ich? Niemals. Wieso?" "Jetzt eben haben Sie so ausgesehen." "Schlimm?" "Ach was. Aber ich fürchte, man hätte Sie als Lehrer nicht ernst genommen." "Ja, manchmal denke ich, man nimmt mich auch so nicht ernst." "Oh, bitte, habe ich was Falsches gesagt?" "Nein, nein, das war überhaupt nicht auf Sie bezogen, Miss Kirkpatrick." "Wie wär's mit Lydia." "Ja, gut. Lydia." Er entdeckte die Sommersprossen auf ihrem Gesicht.

"Und was kann ich für Sie tun?" "Ähm, Nemesio hat gesagt, mit Ihrer Elektrik ist was nicht in Ordnung." "Mit meiner Elektrik?" "Ja, das Licht im Lagerraum, er hat doch nicht etwa ..." "Ach so, ja, das Licht. Stimmt, es macht irgendwie, was es will. Deswegen sind Sie extra hergekommen?" "Ich dachte, nein, ich hatte ohnehin hier was zu erledigen. Außerdem, mit einer defekten Stromleitung ist nicht zu spaßen, vor allem nicht mit solchen hierzulande." "Oh ja, das weiß ich. Ich habe schon mal ganz schön eine gewischt bekommen."

Jemand kam in den Laden. "Also, Sie können sich das gern anschauen", sagte sie zu Paul, "hinten im Lager." Er ging nach hinten, sie rief ihm hinterher: "Aber passen Sie auf, es ist furchtbar dunkel."

Er suchte sich den Weg zwischen den Regalen hindurch. Er sah nach den Leitungen, sie waren ziemlich marode. Es gab einen Verteilerkasten, wo auch ein paar Sicherungen waren, aber die meisten waren durchgebrannt oder irgendwie provisorisch eingesetzt.

Er hatte einen kleinen Koffer mit allerlei Werkzeug dabei und er prüfte die Spannung. Irgendwo war auch eine Leitung unterbrochen, und an einem Lichtanschluss an der Wand hingen die Kabel offen heraus. Er probierte einen Schalter, er war tot.

Dann sah er, daß hinter einer Tür ein paar Stufen nach unten in den Keller führten. Er leuchtete mit einer Taschenlampe und ging hinunter. Der Keller war geräumig und trocken, und es standen da allerhand Kisten und es lagen alle möglichen Waren herum. Durch eine Fensterluke kam trübes Licht, und Paul sah, daß man eine große Klappe nach draußen öffnen konnte, das musste zur rechten Hausseite hin sein.

"Kommen Sie zurecht?", fragte Lydia, und Paul erschrak. "Sie nutzen diesen Raum?" "Ja. Aber hier könnte man wirklich etwas mehr Licht vertragen. Schauen Sie mal, da ist sogar ein Aufzug." Paul untersuchte ihn, er führte nach oben in das Lager, er hatte bestimmt einen Kubikmeter Fassung. Paul betätigte die Steuerung, aber der Aufzug bewegte sich nicht.

"Kriegen Sie das wieder hin?", fragte Lydia, als wäre für morgen eine große Vorführung geplant. "Man müsste an den Seilzug herankommen, irgendwo muss man doch in den Schacht hinein." "Ja, hier vielleicht." Ein Stück daneben war eine schmale Tür wie zu einem Besenschrank. Sie klemmte, und Paul kriegte sie erst mit einem Eisen auf. Dann krabbelte er hinein wie in eine Höhle. "Sie werden sich schmutzig machen", sagte Lydia, "ziehen Sie lieber was Altes an." "Es geht schon." "Nicht daß Sie das dann mit auf die Rechnung setzen." "Darüber reden wir später." Sie hatte auch eine Lampe in der Hand und leuchtete ihm nach. "Du meine Güte, das ist ja eine richtige Geheimkammer", ließ er sich hören. "Was denken Sie, wo ich meine Leichen hinstecke." "Sie bringen Leute um?" "Hin und wieder."

Dann kam er wieder heraus. "Und? Wie sieht's aus?" "An dem Seilzug sind ein paar Teile eingerostet, und ich schätze, hier an dem Ding sind die Kontakte verdreckt." Er hielt einen Kasten mit etlichen Anschlüssen in der Hand. "Wenn man das in Ordnung bringt, müsste er eigentlich wieder funktionieren." "Das wäre klasse", freute sie sich. "Wissen Sie was, Paul, wenn er wieder geht, schicken wir Sie als erstes da drin nach oben. Und da bekommen Sie dann Ihre Belohnung. Wäre das nicht lustig?" "Ja, sehr."

Er klopfte sich den Staub von den Knien. Als sie wieder im Hellen waren, sagte Lydia "Warten Sie, hier sind Sie auch noch staubig", und sie säuberte ihn mit der Hand am Ärmel und am Rücken. Nemesio war erschienen und hatte solange im Laden bedient. Als er das sah, holte er einen der Teppichklopfer von der Wand und sagte "Damit geht's besser." Lydia lachte.

Dann kam sie mit einer Flasche an und fragte "Trinken Sie eigentlich?" Paul hatte bei den Rollen mit den Kabeln etwas für die Leitungen herausgesucht. "Selten", sagte er. "Das hier ist Walnuss Likörwein, was ganz Feines. Wollen Sie ihn probieren?" "Gern. Aber nicht allein." "Na gut, überredet", sagte sie und schenkte zwei Gläschen voll. "Ich dachte, Sie trinken nur Whisky", meinte er. "Ja, aber der ist alle. Also dann, Salud." "Salud. Hm, der schmeckt wirklich köstlich, irgendwie nussig." "Ja."

Sie schaute nach vorn, wo sich Nemesio gerade mit einem alten Mann herumstritt, am Ende waren sie sich beide einig. "Wie finden Sie eigentlich meine Hose?", fragte Lydia und drehte sich einmal um sich selbst, dabei hielt sie das Glas zwischen den Fingern. "Ähm, ja, steht Ihnen gut." "Wenn ich ein Kerl wäre, würde ich nur solche Hosen tragen." "Warum nicht. Ich meine, Sie könnten auch so mühelos welche tragen." Sie lachte, und Paul dachte, ihr wäre der Likörwein schon zu Kopf gestiegen. "Mal sehen. Vielleicht mach' ich's wirklich. Nie mehr Röcke tragen." "Ja", bekräftigte er, "setzen Sie's endlich in die Tat um."

Da klingelte es. "Ach, ein Telephon haben Sie auch hier?", fragte Paul erstaunt. "Na ja, zwei wären wahrscheinlich schon zuviel", gab sie zurück, und Paul wusste nicht, ob sie nur vorwitzig war oder ihn auf die Schippe nehmen wollte. Nemesio hatte abgenommen, dann hielt er den Hörer zu ihr hin: "Senor Peterson, er will unbedingt dich sprechen." Lydia ging hin.

Paul trank das Glas aus und stellte es aufs Regal. Nemesio nahm die Gläser und die Flasche und sagte "Ich stell' das weg." "Qué tal está usted, Senor Peterson?", fragte Lydia den Anrufer. Sie schrieb, während sie redete, etwas auf einen Zettel, zuletzt sagte sie "Si, Senor Peterson, muchas gracias, que se mejore." Dann rief sie Nemesio her. "Hier bring' das zu Senor Peterson, aber er soll gleich bezahlen, hörst du, lass dich nicht abwimmeln."

Sie löste die Schleife im Haar und band es neu zusammen. "Tja, Paul, dann hätten wir das erledigt. Tut mir leid, ich habe heute wirklich alle Hände voll zu tun." Paul hatte ein Gefühl, wie wenn man beim Schießen daneben trifft. "Dann kann ich Sie ja auch mal anrufen", sagte er und deutete auf das Telephon unterm Ladentisch. "Ja natürlich", erwiderte sie und rief Nemesio zu: "Nimm die andere Seife, die im grünen Papier."

Dann fragte sie Paul: "Aber warum?" Sie sah ihn an, als wäre er ein Handelsvertreter, dessen Artikel sie im Moment überhaupt nicht gebrauchen kann. "Ich schicke einen Kollegen her, er kennt sich besser aus mit elektrischen Anlagen, ist Ihnen das recht?" "Das wäre toll, ja." "Adios." "Adios, Paul. Und vielleicht fällt Ihnen ja noch was ein." "Wofür?" Das Telephon klingelte wieder, sie zeigte mit dem linken kleinen Finger drauf, bevor sie abnahm: "Dafür".

* * * * *

Als Paul zu Hause war, verspürte er Lust, etwas zu trinken. War das eine Folge von Lydias Walnusslikör? Er hatte seit vielen Tagen keinen Alkohol mehr getrunken. Er suchte die Flasche weißen Rum, die ihm der General geschickt hatte, mit nochmaligem Dank für seine Gefälligkeit wegen der Post aus Deutschland. Die war jedoch bisher nicht eingetroffen.

Er öffnete die Flasche und schenkte sich ein Glas halb voll, dann goss er noch etwas dazu und nahm einen großen Schluck. Er musste sich schütteln, 'aber das Zeug tut verdammt gut', dachte er. Auch Esthers Brief war noch nicht angekommen. Das heißt, wenn er unterwegs irgendwo liegengeblieben wäre. Aber was, wenn sie ihn noch gar nicht abgeschickt hatte?

Paul machte das, was er immer tat, wenn er sehnsüchtig auf Nachricht von Esther wartete: er holte den Stapel mit ihren Briefen aus dem Bücherschrank und dann las er beinahe wahllos darin herum.

Sie schrieb, daß der alte Segebrecht geheiratet hat, zum vierten Mal. Wilhelm Segebrecht wohnte in Kleinzschachwitz und der Garten beim Haus reichte bis an den Fußweg, der am Ufer der Elbe entlang ging, es war nur noch ein schmaler Streifen Wiese bis zum Wasser.

In dem Garten lag ein Kahn, Esther hatte Paul darauf aufmerksam gemacht, als sie dort spazierengingen. Sie hatten immer eine Zeit lang ihre Lieblingswege, wo sie, am besten in der warmen Jahreszeit abends, wenn es lange hell war, in aller Ruhe eine Runde drehten und dann meistens an einer Kneipe vorbeikamen, wo sie draußen ein Bier oder ein Glas Wein tranken.

Sie wohnten in Laubegast, in der Nähe einer Endhaltestelle der Straßenbahn, und von dort konnte man praktisch in alle Richtungen laufen (nach vorn über den Fluss gab es weiter stadtwärts eine kleine Fähre).

Esther kam auf die Idee, mit dem Kahn auf der Elbe zu fahren, und zwar zu der kleinen Insel, die auf der Höhe von Schloss Pillnitz lag. Sie sagte, davon habe sie schon als Kind geträumt.

Und im Pillnitzer Park, zwischen mannshohen, kunstgerecht geschnittenen Hecken stand eine lange Gondel des alten sächsischen Königs, weiß und golden gestrichen, mit einer Galionsfigur vorne dran, die in ein goldenes Horn pustete, auf der hatten sich die Fräuleins und feinen Damen vor zweihundert Jahren vergnügt, und die hatte wohl das kleine Mädchen zum Phantasieren angeregt.

Esther ging schnurstracks an die Haustür und klingelte, und Wilhelm Segebrecht öffnete, und Esther fragte ihn, ob man mit dem Kahn mal auf der Elbe fahren könnte. Wilhelm Segebrecht ging schon am Stock, und er sagte, früher sei er natürlich selber den Fluss rauf und runter gerudert, und auf der Insel sei er auch gewesen, aber da ist es gar nicht so schön wie man denkt, denn es ist alles verwildert und der Boden ist überwuchert. Aber wenn sie darauf besteht, freilich, er habe nichts dagegen, nur müssten sie den Kahn selber hinunter bugsieren.

Paul hatte ein paar Bekannte in diversen Werkstätten, und mit zwei Freunden legten sie vom Garten (wo der Zaun ein Tor hatte) bis zum Ufer eine Bahn aus Holzbohlen, und auf Walzen konnte das Boot hinabgeschoben werden. Am Ufer war sogar so etwas wie eine Anlegestelle aus früherer Zeit, da machten sie es fest.

Das war Ende Mai. Und dann veranstalteten sie eine richtige Gondelpartie mit feinen Häppchen zum Essen und mit Sekt vom Weingut Wackerbarth, und Esther hatte wie an einer Wäscheleine Lampions auf dem Kahn aufgehängt, und am Ufer standen Wilhelm Segebrecht und seine dritte Frau Arm in Arm und schauten dem Treiben der jungen Leute vergnügt zu.

Seine Frau hieß Anneliese, und sie malten den Namen in Großbuchstaben auf den Kahn. Wilhelm lachte und meinte, der habe noch nie so einen hübschen Namen gehabt, aber wenn man genau hinsah, konnte man erkennen, daß die Stelle schon mal überpinselt worden war.

Sie fuhren flussabwärts bis zur Brücke und hinauf bis fast nach Heidenau. Irgendwo am Ufer machten sie Halt und suchten Holz für ein Feuerchen und saßen dann da, und es waren immer gelungene Ausflüge. Auf der Insel waren sie auch, und Esther fand, es wäre wie im Urwald, die Bäume hatten sogar dichte Schlingpflanzen um die Stämme gewunden. Was Paul dann hier an echten Urwäldern gesehen hatte, das ließ dieses Häufchen bewachsenen Schwemmsand freilich im Nachhinein kindisch erscheinen.

Eines Tages bevölkerten Dutzende von Nutrias das Ufer der Insel. Sie hatten rote Schneidezähne und ein glattes, dichtes Fell und putzige Pfoten. Man erzählte, sie wären aus einer Nutriafarm ausgebrochen, und sie vermehrten sich rasant. Am Inselufer waren sie sicher, und sie durchlöcherten den Boden mit unzähligen Bauhöhlen. Sie waren weder scheu noch zutraulich, aber es waren bald zu viele, und es war keine Freude mehr, zur Insel hinüberzurudern.

Als Paul am nächsten Morgen erwachte, lag er auf dem Sofa. Bernarda hatte ihm die Decke übergelegt, die Rumflasche war halb leer, Esthers Briefe lagen verstreut. Zum ersten Mal musste er sich sehr überwinden, zur Arbeit zu gehen. Er dachte sogar daran daheim zu bleiben, aber sein gutes Gewissen gewann die Oberhand. Er ließ die Briefe so liegen, und am Abend las er weiter, als hätte sich zwischendurch nichts ereignet.

Esther erinnerte sich immer wieder an ihren Aufenthalt in einem kleinen Nest, auch an der Elbe gelegen, aber hinter Meißen, das hieß Zadel. Paul fiel auf, wie oft Esther dieses Zadel in ihren Briefen erwähnt, er suchte jetzt regelrecht danach und überflog eine ganze Reihe Blätter, ob er den Ort genannt fände. In dem Jahr hatte Paul in Meißen zu tun gehabt, und er hatte vorgeschlagen, daß sie beide eine Woche dort wohnen, keine richtigen Ferien, aber doch eine Abwechslung und Erholung wovon auch immer.

Esther fand das großartig. Sie sah sich in einer kleinen niedlichen Pension mit Blick auf die Weinberge, wo sie jeden Tag ausschlafen konnten bis zum Mittagessen, das sie in irgendeinem gemütlichen Landgasthof einnehmen würden. Paul traute seinen Ohren nicht. Wenn jemand niemals länger als bis um sieben im Bett lag, so war es Esther, und wirklich trieb sie Paul jeden Morgen aus den Federn und sprühte vor Unternehmungslust.

Sie hüpfte halbnackt im Zimmer umher, und Paul sah sie vom Bett aus an. Sie war von zierlicher Gestalt und hatte überall dort entzückende Rundungen, wo man sie sich bei einer Frau wünschte. Sie hatte Pobacken nach Apfelform, wie es Paul besonders gefiel. Sie hatte schlanke Waden und leuchtende Fersen. Ihre Brüste waren rund und fest, sie hingen nicht herab, sondern streckten sich hervor, ohne jedoch gewaltig zu sein.

Sie trug mittellanges Haar, das bis eben zum Nacken reichte, und Paul mochte es, wenn sie eine Seite hinters Ohr legte. Und sie mochte es, wenn er ihr Ohr küsste und mit der Zunge darin herumschnupperte, denn das kitzelte so drollig. Wenn er Glück hatte und für seine lüsternen Blicke belohnt wurde, konnte er sie überreden, noch einmal zu ihm ins Bett zu kommen.

Oder er umarmte sie, wenn sie am Waschbecken vor dem Spiegel stand, was sie scheinbar überhaupt nicht leiden konnte, weil sie gerade dabei war sich zu kämmen oder zu schminken. Er küsste sie auf die Schulter, streichelte ihren Hals, ihre Brüste, ihren Bauch und Schoß, und schließlich drehte sie sich zu ihm und sie umarmten und liebkosten sich, heimlich und ungestüm wie zwei junge Ausreißer. Hatte er nicht damals schon das Gefühl, mit Esther an einem Ort zu sein, wo niemand sie finden konnte?

Im Gasthaus "Zur Linde" lernten sie zufällig ein Ehepaar kennen, er war Architekt, sie Kunstmalerin, beide etwa in ihrem Alter. Sie kamen ins Gespräch, und die beiden luden sie ein, sie zu besuchen.

Da stellte sich heraus, daß sie in einer alten Windmühle wohnten, die auf einem Hügel nahe am Fluss stand und die der Architekt ausgebaut und zu einem richtigen Wohnhaus umfunktioniert hatte. Natürlich fand Esthers Begeisterung keine Grenzen mehr. Sie ließ sich von dem Hausherrn alles erklären und erzählen, sie interessierte sich anscheinend sogar für die alten verwickelten Besitzverhältnisse, über die er berichtete. Er zeigte ihr (und Paul auch) die Konstruktions- und Baupläne, und beim Essen beschrieb er Esther in allen Einzelheiten, wie hier früher Mehl gemahlen wurde und was sich da befunden hat, wo jetzt der Tisch, die Couch, der Geschirrschrank stehen.

Alle Räume hatten gewölbte Wände, und vom obersten aus hatte man eine tolle Aussicht über die Landschaft, die flach war, mit kleinen Wäldchen zwischen endlosen Rübenfeldern. Da erst fiel Paul auf, daß an der Mühle das wichtigste, nämlich die Windflügel, fehlten, die nicht mehr benötigt wurden. Er sagte nichts, aber er dachte, wie deprimierend es im Grunde war, in einer Windmühle zu wohnen, wenn man kein Müller ist.

Während Esther und der Architekt miteinander fachsimpelten (Esther hatte sich bereits Grundkenntnisse im Bauen angeeignet), ließ sich Paul von der Frau ein paar Bilder zeigen. Sie war eine schlanke Person, größer als Paul, und sie war ganz hübsch, aber schweigsam, und Paul wusste in ihrer Gegenwart auch nichts zu sagen.

Er beschränkte sich auf Allgemeinplätze beim Betrachten ihrer Bilder, es waren fast ausschließlich Landschaften und Blumen. Sie sagte, daß sie im Dresdner Polizeipräsidium gerade ein Wandbild gestaltet, und da erkannte Paul, daß ihre Landschaften alle so aussehen, als würde der Schutzmann darin für Ordnung sorgen. Plötzlich sagte sie "Gehen wir wieder hinunter, wir wollen die beiden doch nicht so allein lassen."

Es wurde spät, und dann meinten die Gastgeber, Paul und Esther sollten ruhig hier übernachten, Platz wäre genug (die beiden hatten keine Kinder). Sie willigten ein, und es war nachts wunderbar still, und Paul schlief gut.

Aber mitten in der Nacht wachte er auf und hatte großen Durst. Er ging hinunter in die Küche, und dort standen Esther und der Architekt, sie an die Spüle, er an den Tisch gelehnt und redeten über die ägyptischen Pyramiden. Esther lächelte und rief "Paul, du kleiner Nachtwandler, kannst du nicht schlafen?" Es war die Haltung, die ihm an dem Architekten missfiel, die lässig übereinandergeschlagenen Beine, die aufgestützten Arme, der leicht hervorgehobene Unterleib. "Nein, ich habe bloß Durst." Der Architekt reichte ihm sofort ein Glas Wasser, Esther sagte "Ich komme dann auch gleich, Schatz", und er legte sich wieder hin und schlief bis zum Morgen durch.

"Weißt du", sagte er, "es ist ganz schön dort bei denen und interessant ist es sicher auch, ich meine, so eine umgebaute Mühle findet man nicht alle Tage. Aber ehrlich gesagt habe ich keine große Lust, noch mal hinzugehen. Du?" Esther war gerade damit beschäftigt, ein Photo von einer Steinskulptur zu machen, die in einem kleinen heruntergekommenen Park stand. "Bitte? Was sagtest du?" "Ob du noch mal zu deinem Architekten willst?" "Mein Architekt? Was soll denn das heißen?", lachte sie.

Und als wäre ihr plötzlich etwas eingefallen, kam sie auf ihn zugesprungen und hielt den Photoapparat auf ihn gerichtet. "Bleib' mal so." "Was ist?" "Das muss festgehalten werden, mein eifersüchtiger Ehemann, das ist urkomisch!" Sie knipste ein paar Mal. Er sagte "Eifersüchtig? Auf wen? Auf ihn etwa?" "Oh ja, auf deinen Nebenbuhler, oh, seht nur, wie zornig er wird, ja, das weckt den Ritter in ihm." "Hör auf damit. Ich bin nicht eifersüchtig." Sie schmiegte sich an ihn und er bekam einen Kuss. "Es gibt dafür auch gar keinen Grund."

Sie waren nicht noch mal dort. Trotzdem schwatzte Esther noch tagelang von allen möglichen Bauwerken, und ob er wüsste, daß es in London ein altes Wasserwerk gebe, das man zu einem Kaufhaus umgebaut habe, mit einer riesigen Glasfassade, oder war es vorher ein Gefängnis gewesen?

* * * * *

Am Freitag spätabends klingelte das Telephon, und Paul nahm ab. Es war Lydia, die sich über den Mann beschwerte, den Paul wegen der Elektrik zu ihr geschickt hatte. Der wäre unmöglich gewesen, hätte sich aufgeführt wie der Hausbesitzer und habe sie beschimpft, weil sie angeblich alles hatte verrotten lassen. Dabei hätte er selber keine Ahnung gehabt und von dem Aufzug gleich ganz die Finger gelassen. "Bei allem guten Willen, Paul", sagte sie, "aber so was können wir uns schenken."

Paul wusste gar nicht wie ihm geschieht. Er brauchte einen Moment, um sich zu besinnen, dann entgegnete er ihr mit aller Ungerührtheit: "Fühlen Sie sich jetzt besser, Lydia?" "Wie? Was? Warum soll ich mich schlecht gefühlt haben? Mir geht's gut. Ich habe nur ein Problem mit solchen Leuten, die so tun, als könnten sie alles besser als ich und mich wie eine kleine Fischersfrau behandeln." "Eine Fischersfrau?" "Ach lenken Sie nicht ab, Paul."

Sie machte eine Pause, dann sagte sie "Ich wollte nur, daß Ihnen das klar ist." "Ja, gut, ich werde es meinem Kollegen ausrichten, buenas noches Lydia." Sie schwiegen beide, er konnte ihren Atem hören, dann sagte sie fast leise "Gute Nacht, Paul." Am meisten war er irritiert davon, um welche Zeit Lydia angerufen hatte, um ihn mit so einer Lappalie zu belästigen.

Er suchte nach der Branntweinflasche, fand sie aber nicht. Er ging zu Bernarda, die beim Backen war, sie sagte, es sei kein Schnaps mehr im Hause. Er ging brummig zurück in sein Arbeitszimmer.

Am folgenden Abend kam Bernarda herein und brachte ihm eine Flasche Whisky. "Woher haben Sie den?", fragte er beinahe vorwurfsvoll. "Gekauft natürlich, Sie wollten gestern doch welchen haben." Er bedankte sich artig. "Trinken Sie nicht gleich alles", sagte Bernarda im Hinausgehen, dann drehte sie sich noch mal um und ließ ihren Blick durch das Zimmer schweifen, "Wollen Sie, daß ich hier mal aufräume?" Er sah erst sie an, dann das Zimmer, überall lagen Esthers Briefe herum, manche Blätter waren unter den Tisch gefallen, andere hatte Paul mit Gegenständen beschwert (zum Beispiel auf dem Fensterbrett), als sollte der Wind sie nicht fortfegen. Bernarda vermutete ganz richtig: er hatte das getan, als er zuviel getrunken hatte. "Nein, lassen Sie nur, Bernarda, ich mache das selbst. Ich muss sie erst wieder sortieren." "Gewiss kommt bald Post von Ihrer lieben Frau", sagte Bernarda sehr warmherzig, "ich habe das im Gefühl." Paul lächelte ihr zu. "Danke."

Das mit dem Sortieren wäre angebracht gewesen, sie waren alle durcheinander geraten. Paul musste feststellen, daß Esther viel über jene Erlebnisse schrieb, die sie gemeinsam hatten, bevor er das erste Mal nach Südamerika ging. Und merkwürdigerweise rief er sich jetzt all das in Erinnerung, wovon Esther offenbar schon längst gezehrt hatte, ohne daß ihm bewusst geworden war, wie viel es ihr bedeutet und wie sehr sie sich daran festklammert. Er war in seinen Antworten kaum darauf eingegangen, das musste er jetzt eingestehen, und dabei hätte sich Esther womöglich gewünscht, diese Erinnerungen an eine sorglose Zeit so unmittelbar mit ihm zu teilen, wie es eben auf die Entfernung ging. Oder war es genau dieses Gefühl einer verlorengegangenen Gemeinsamkeit, ein Gefühl, das er fürchterlich sentimental fand, gegen das er sich wehrte?

Sentimental zu sein, das hatte er Esther einige Male vorgeworfen und sie damit sogar zum Weinen gebracht. Oh, wie schämte er sich jetzt dafür! Er hatte sie (und sich doch auch) immer wieder darin bestärkt, daß ihre gemeinsame große Zeit noch bevorstünde, er hatte alles in den frohesten Farben ausgemalt, darauf hatten sie sich doch so gefreut, als sie heirateten, auf das tolle Pläneschmieden! Und was war daraus geworden? Was hatte er unternommen, damit diese Zeit endlich anbricht? Er war fortgegangen. Weil es im Moment angeblich "unumgänglich" sei. Dabei hatte er freilich an die Firma gedacht, er wollte immer noch seinem Schwiegervater nützlich sein. Er hätte sich gegen ihn stellen müssen, und er hätte Esther von ihm befreien sollen! Stattdessen hat er klein beigegeben und sich Josef Waldstein unterworfen. Und am schlimmsten: er war auch noch fassungslos darüber, daß Esther sich auf die Seite des Vaters stellte. Dabei war es genau das, was er, Paul selbst, durch sein Handeln befördert hatte.

Es war ihm an diesem Abend so weinerlich zumute, daß er nicht weiterlesen konnte. Tagsüber suchte er Ablenkung bei der Arbeit, und es schien zu klappen. Abends ging es ihm besser und er war wieder soweit, sich in ihre Briefe zu vertiefen, ohne von Schuldgefühlen befallen zu werden. Er suchte nach der wundertätigen Wirkung in ihnen, die Esther beim Schreiben hatte miteinfließen lassen, für den Fall, daß ihnen beiden die Trennung schwer zu schaffen macht, wovor sie sich in Wahrheit so sehr fürchteten, daß keiner von beiden es je anzusprechen gewagt hätte.

Aus ihrer Wohnung in Laubegast waren sie auf die andere Seite des Flusses umgezogen, in den ersten Stock eines Hauses, das ein Stück abseits der Straße stand und das an der Sonnenseite dicht mit Weinpflanzen bedeckt war, die sich an einem Holzgitter empor rankten.

Später schrieb Esther jedesmal über irgendeine neue Errungenschaft in der Wohnung, einen neuen Teppich ("einen echten Perser"), einen Sessel, in dem sie herrlich "rumfläzen" konnte oder schlichte, aber praktische Gartenmöbel. Im Herbst hatte sie neue Fenster im Wohn- und im Schlafzimmer einbauen lassen, ganz moderne, die angeblich die Wärme besser im Innern hielten. Und prompt wurde der folgende Winter (übrigens der erste, in dem Paul nicht zu Hause war) bitterkalt, "wie ich es vorausgesehen habe".

Die Gegend auf dieser Elbseite hatten sie vorher schon gelegentlich erkundet. Gegenüber vom Haus ging ein Hang ziemlich steil in die Höhe, und eine Straße schlängelte sich in Serpentinen hinauf, bis man endlich oben ankam und mit einem herrlichen Blick ins Tal belohnt wurde.

Es verschlug sie immer weiter flussaufwärts, der Elbhang war dort weiter vom Ufer weg, und es gab eine Fläche, wo eine Quittenplantage war, auf der die gelben Früchte in Hülle und Fülle an den niedrigen Bäumchen hingen. Dort stibitzten sie drei große Taschen voll, und Esther machte Quittengelee, so viel, daß sie nachher das meiste verschenkten. Wahrscheinlich waren es diese Quitten, an welche Paul erinnert wurde, als im Haus des Generals sich Senorita Carrasco über das Quittenbrot hermachte.

Noch weiter hinten gab es etliche Täler, die sich in den Berghang eingeschnitten hatten. Es waren schmale, tiefe und dunkle Gründe, mit schlanken hohen Buchen an den Seiten und fast immer einem Bach, der über Stock und Stein hinabgluckerte. Vor Zeiten stand in manchem Tal eine Wassermühle, zwei, drei gab es noch, außer Betrieb, und sie machten ganz den Eindruck von Behausungen für Räuber und Wilddiebe.

Bis auf eine im Schiefergrund, die zu einer Schänke ausgebaut worden war. Die Schiefergrund Schänke war ein beliebtes Ausflugslokal für alle möglichen Korporationen aus der Stadt, die sich hier mit ihren Namen auf Holztafeln verewigten, die Baumstämme waren übersät damit. Außerdem stand da auf der Freiterrasse ein überdimensionaler Richard Wagner Kopf, angeblich hatte sich der Komponist hier für irgendwelche Szenen in seinen Opern anregen lassen.

Wenn man es bis zur Schiefergrund Schänke geschafft hatte, war es eine Wonne, sich mit einem kühlen Bier zu erfrischen, und Esther und er zählten sich bald schon zu den Stammgästen.

Irgendwann gesellten sich zu den Studenten immer öfter und immer mehr SA-Männer, oder viele von den Studenten traten von nun an in Uniform auf. Es erschienen auch junge, stramme Burschen von der SS, die sich im Gegensatz zu den braunen Horden nicht mit groben Trinksprüchen und markigen Liedern ergötzten.

Zum Himmelfahrtstag hielt ein Dresdner Parteifunktionär eine Rede und anschließend gab es einen kleinen Gottesdienst, und zu irgendeinem Anlass, der Paul jetzt entfallen war, hatte die SA bei Einbruch der Dämmerung eine Zeremonie mit Fackeln veranstaltet, die in dem Waldesgrund beim Feuerschein wirkte, wie wenn die Statisten einer Freischütz Aufführung aufbrechen, den Kaiser Barbarossa zu erwecken. Paul und Esther gerieten in solche völkischen Szenen hinein ohne es zu ahnen.

Endgültig verleidet wurde ihnen die Schiefergrund Schänke, als sich eines Sonntags ein SS-Untersturmführer mitten unter die Gäste hinstellte und alle Juden unter ihnen aufforderte, sofort das Lokal zu verlassen.

Als nichts dergleichen geschah, holte der SS-Mann tatsächlich seine Pistole aus dem Leder, hielt sie drohend in die Luft und wiederholte seine Aufforderung, woraufhin vier oder fünf Männer aufstanden und gingen. Dem einen rief das Serviermädchen, eine vollbusige, strohblonde Maid, hinterher "Aber erst bezahlen, mein Herr." Und plötzlich sprangen ein paar andere Gäste von ihren Stühlen auf und stürzten sich auf ihn. Einer durchwühlte seine Taschen, fand eine Geldbörse und warf sie der Kellnerin zu. Die fing sie mit ihrem Tablett auf und nahm sich das Geld heraus, während die anderen den vermeintlichen Zechpreller über die Abgrenzung aus Birkenstämmchen hinweg in den Abgrund schmissen, daß er bis in den Bach purzelte. Die Kellnerin ließ die Börse hinterherfliegen. Es gab ein allgemeines Gelächter und Gejohle, und Paul spürte, wie Esther unterm Tisch seine Hand fasste und sie festhielt.

In einem Brief hatte Esther ihm mitgeteilt, daß der Doktor Schlesinger ihnen (also eigentlich war sie an Joseph Waldstein adressiert) eine Postkarte aus Californien geschickt hat, wo er nach einer Monate langen Odyssee angekommen und sich niedergelassen hat.

Doktor Schlesinger war Kinderarzt am Dresdner Klinikum gewesen, und er hatte Esther behandelt, als sie all die üblichen Kinderkrankheiten durchmachte und als sie in der Pubertät manchmal nervliche Schwächen hatte. Er war sozusagen der Hausarzt der Familie (als auch Esthers Mutter noch dazugehörte), und er war auf seinem Gebiet eine Koryphäe.

Esther schrieb, die Postkarte zeige eine Ansicht von der Strandpromenade mit richtigen Palmen und riesigen weißen Limousinen ohne Dach, "weil es dort so warm ist". Paul musste schmunzeln. Hatte er seinen Briefen nicht mehr als ein Dutzend Photos von hier mit der üppigsten Vegetation beigelegt? Allerdings, das musste er zugeben, hatte Esther auch darüber jedesmal gestaunt. Der Vater sei von Doktor Schlesingers nettem Gruß völlig unbeeindruckt gewesen und habe lediglich geäußert, es sei nicht recht von einem Arzt, seine Patientenschaft so im Stich zu lassen.

Es gab damals im Februar eine Zeit, als sich Esther ziemlich komisch fühlte. Sie druckste herum und schien es vor Paul verbergen zu wollen, aber gleichzeitig suchte sie seine Nähe und Zuwendung. Was mit ihr los wäre, fragte er. Nichts. Es wäre doch irgendwas. Nein, gar nichts.

Dann sagte sie eines Morgens wie nebenbei, aber so, daß er es mitbekommt, ihre Periode wäre seit zwei Monaten ausgeblieben. Sein Gesicht erstarrte. Und? Was bedeutet das? Nichts, erwiderte sie unbekümmert, so etwas kann öfter vorkommen. "Ja, aber bei dir ist es das erste Mal, oder?" "Ja."

Nach einer Pause sagte sie: "Es kann natürlich auch sein, daß ich schwanger bin." "Im Ernst?", rief er so heftig, als habe er gerade erfahren, daß sich das Magnetfeld der Erde umgepolt hat. "Sachte, sachte, du erschrickst mich ja", sagte sie und lachte dabei. Und da es jetzt heraus war, redete Esther in diesem Ton weiter, eine Mischung aus Begeisterung und Besonnenheit, während Paul versuchte zu entscheiden, was als nächstes zu tun sei.

Da war der Doktor Schlesinger schon nicht mehr da, und die anderen jüdischen Ärzte aus seinem Umkreis waren mit Berufsverbot belegt. Das Klinikum hatte, trotz aller Gegenbemühungen einen miesen Ruf bekommen. Gerade was Entbindungen anbetraf, gab es praktisch nur eine erste Adresse, nämlich das Krankenhaus in der Friedrichstadt. Das lag von ihrer Wohnung aus am anderen Ende, und Paul verzweifelte beinahe, indem er die Notwendigkeit, Esther dorthin zu bringen gegen die Strapazen abwog, welche eine zweistündige Straßenbahnreise für sie bedeuten würde. "Aber Liebling, ich bin doch nicht im achten Monat", sagte sie, und er erklärte ihr, daß die Erschütterungen auf den Gleisen oder eine plötzliche Bremsung den größten Schaden anrichten können, bis hin zur Fehlgeburt, worauf sie es beide mit der Angst bekamen.

Paul hatte eine Idee. Ein paar Häuser weiter nebenan war eine Automobilwerkstatt, vielleicht wären die so freundlich, ihnen einen Wagen zu leihen. Der Mechaniker hätte das gern getan, aber es war kein Wagen verfügbar. "Worum geht's denn?", fragte ein Gefreiter von der Wehrmacht, der mit seinem Lastwagen da war. Paul sagte ihm, was los wäre und daß seine Frau daher so schnell wie möglich ins Friedrichstädter Krankenhaus müsse, er sprach so, als hätten die Wehen schon eingesetzt.

Der Gefreite erklärte sich bereit, sie mitzunehmen. Sie setzten sich vorn mit ins Fahrerhaus, Esther zwischen die beiden. Der Gefreite hieß Rhyks und hatte einen unheimlichen Silberblick. Er fuhr gut, aber er musterte Esther ständig von der Seite, als wäre er sich nicht ganz sicher, ob er sie kennt. Paul sah ihn auch an und bemerkte, daß sein Blick irgendwohin ging. "Würden Sie bitte auf die Straße achten", sagte er. "Mach' ich doch", sagte der Gefreite Rhyks.

"Sie bekommen also ein Kind?", fragte er Esther, und Paul wies eindringlich mit der Hand nach vorn. "Wahrscheinlich", sagte Esther und lächelte. "Was haben Sie geladen?", fragte ihn Paul. "Gasflaschen." Die beiden zuckten zusammen und wandten sich um. "Für's Schweißen in der Werkstatt", sagte der Gefreite Rhyks. "Würde es Ihnen etwas ausmachen, sie abzuladen?" "Wieso? Brauchen Sie welche?" "Jetzt übertreib' nicht, Liebling", meinte Esther und streichelte seine Hand. Rhyks sagte "Wenn's ein Junge wird, nennen Sie ihn Max." Es war nicht herauszuhören, ob das eine Frage oder eine Forderung sein sollte. "Gefällt Ihnen Max?", wandte er sich an Esther. "Na ja, ist nicht schlecht. Aber ich kann das nicht allein entscheiden", fügte sie hinzu, als würde sie ihn zumindest in die engere Wahl ziehen. Paul murmelte: "Und wenn es Zwillinge sind, nennen wir den anderen Moritz." "Da würden sich die Jungs aber später schön für bedanken", prophezeite Rhyks. "Vielleicht wird es ja auch ein Mädchen", sagte Esther.

Der Gefreite Rhyks setzte sie vorm Krankenhaus ab. "Mein Gott, wo müssen wir denn nun hin?", fragte Esther, als sie die Tafel mit den Abteilungen las. "Am besten in die Notaufnahme", entschied Paul. "Da gehen Sie in die Abteilung VI, dritter Stock", sagte die Schwester, nachdem sie einen Blick auf Esther geworfen hatte.

Sie mussten warten, eine Schwester nahm Esthers Personalien auf. Paul machte die Angaben, er sagte, ihr Vorname ist Edda. Die Schwester wollte den Ausweis sehen, Paul sagte, den hätten sie in der Eile vergessen. Dann musste sie ins Behandlungszimmer.

Sie fuhren mit der Straßenbahn zurück, sie saßen schweigend, Esther hielt das Rezept vom Arzt zwischen den Fingern, als würde darauf stehen, wo sie aussteigen müssen. Dann fragte sie ihn "Bist du enttäuscht?" "Nein, gar nicht." "Traurig?" "Nein." Er gab ihr einen Kuss. Sie meinte "Beim nächsten Mal klappt's bestimmt." "Ja. Jetzt wissen wir ja, wie's geht." Sie mussten beide lachen.

Sie holten sich bei Feinkost Vogel eine Flasche Rotwein. Als es dämmerig wurde, machte Esther ein paar Kerzenlichter an. "Es ist schön mit dir", sagte Paul. Als sie aus dem Badezimmer zurückkam, war er auf dem Sofa eingeschlafen.

* * * * *

Das Päckchen für den General hatte als Absender ein "Institut zur Förderung des Deutschtums in Übersee" mit Sitz in der Schönefelder Straße in Berlin. Er brachte es hin. Der General war erkrankt, er saß im Morgenmantel, mit einem Schal um den Hals auf der Terrasse und trank Zitronensaft. Sein Hund lag ihm zu Füßen.

"Paul, hocherfreut, Sie zu sehen, bitte entschuldigen Sie, wenn ich Ihnen nicht die Hand gebe, ich bin erkältet." Er sah eher aus wie ein Theaterdirektor, dem das Publikum wegblieb. Vor ihm auf dem runden Tischchen lag eine Menge Zeitungen aus der Hauptstadt.

Sie redeten über dies und das, dann sagte der General "Ich würde Ihnen gern einen guten Rat geben, Paul." "Welchen?" Er beugte sich vor, und zwischen Schal und Kragen war seine weißbehaarte Brust zu sehen. "Diese Sache mit den Waldindianern könnte für jemanden wie Sie unangenehm werden."

Paul brauchte einen Moment, um die Verbindung herzustellen. "Meinen Sie die Leute, die ihre Yerbales verlassen haben?" "Ja. Sie haben Kontakt zu dem Anführer, einem gewissen Ansit?" "Nein." "Nicht? Um so besser. Die Polizei sucht ihn, es wundert mich, daß sie noch nicht bei Ihnen war." "Ich bin die meiste Zeit nicht zu Hause." Der General lachte. "Warum wird er gesucht?" "Wegen irgendeiner Schießerei mit der Miliz. Dabei gab es Tote." "Und was für Milizionäre waren das?"

Der General bekam einen Hustenanfall, hielt sich ein Tuch vor den Mund und trank dann einen Schluck von dem Zitronensaft. "Was wissen Sie über die Milizen bei uns, Paul?", sagte er wie zu einem Knaben in der Schulstunde, den man über ein bestimmtes Thema befragt. "Ich habe mit solchen Leuten noch nie zu tun gehabt."

"Kennen Sie bei sich zu Hause die Freikorps, die nach dem Krieg wie Pilze aus dem Boden geschossen sind." Paul erinnerte sich. "Eine interessante Organisationsform", sagte der General, "im Grunde eine Art kleine Privatarmee, die im Auftrag eines Geldgebers agiert." "Söldner hat es doch schon immer gegeben", meinte Paul. "Ja richtig, zum Beispiel solche wie in der Weimarer Republik, und ich komme mehr und mehr zu der Überzeugung, daß dies eine effektive militärische Struktur für die Zukunft ist."

Paul fiel ein, was der General letztens über die hemmende Rolle des Staats gesagt hatte. "Sie kehren sich also ab von der großen nationalen Armee?" "Schaut man sich an, was in Europa geschieht, könnte das ein fataler Schluss sein, nicht wahr. Aber dieser Krieg, glauben Sie mir, Paul, der wird in so einer Dimension der letzte sein, diese Art von Krieg hat keine Perspektive."

"Was hat das alles mit den Waldindianern zu tun?" Er lachte wieder kurz. "Mit unseren Milizen meinen Sie. Sie befinden sich im Aufbau, sie treten noch kaum in Erscheinung." "Nichtsdestotrotz schlagen sie mitunter ganz erbarmungslos zu", sagte Paul.

Der General sah ihn scharf an. "Sehen Sie, das ist es, weshalb ich Ihnen raten möchte, sich nicht weiter mit diesem Ansit und seiner Kanaille einzulassen." Paul hatte gleich bemerkt, daß der General ihm nicht glaubte. "Wer sagt Ihnen, daß er der Anführer ist?" "Zumindest der intellektuelle Kopf der Bande; Gott sei Dank sind sie heillos zerstritten." "Wenn man Sie reden hört, Herr General, könnte man denken, diese Leute wären keine Bauern, sondern Räuber." "Aber nicht doch", wehrte er ab, "ich habe persönlich nichts gegen sie (für einen Augenblick dachte Paul, er meint ihn) sie sollten sich um ihre Familien kümmern und nicht in der Stadt herumlungern und sich betrinken. Dieses Volk hat schon immer den größten Schaden durch den Alkohol erlitten."

Paul suchte Sergio Flores auf und fragte ihn nach den Vorgängen. "Ihr General ist wohl nicht auf dem neuesten Stand", meinte Sergio, "die Polizei hat den Fall abgegeben." "An wen?" "An die zuständigen Behörden." "Und wer ist für so etwas zuständig?" "Aber Senor Kelling, woher soll ich denn das wissen? Kenne ich alle Behörden in der Hauptstadt?" "Dorthin ist die Sache geschickt worden?" "Sicher. Hier hat jedenfalls keiner mehr damit zu tun. Warum interessiert Sie das überhaupt noch?" "Der General behauptet, ich würde mich dafür interessieren", sagte Paul und war sehr zufrieden mit dieser Antwort. Er hielt Sergio inzwischen für jemanden, dem man nicht ohne weiteres trauen sollte.

Zu Hause sagte Bernarda, es sei Besuch für ihn da, sie habe ihn ins Arbeitszimmer gelassen. "Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen." Paul überlegte, ob er sich entschuldigen lassen sollte. Es wäre besser, das ernst zu nehmen, was der General gesagt hatte. Aber er wollte sich auch nicht einschüchtern lassen, und etwas anderes war des Generals gutgemeinter Rat nicht gewesen.

Paul war ziemlich überrascht, als er Lydia erblickte. Sie stand vor dem Bücherregal und betrachtete lauter kleine Sachen, die Paul dort hingestellt hatte. Sie hatte ein schmales, helles Kleid an, das nur bis zu den Knien reichte, und darunter eine schwarze Hose, die sich ebenso eng um ihre Beine legte. Sie trug Sandalen und einen hellen Cowboyhut mit breiter Krempe, unter dem zwei Zöpfe baumelten. Quer über der Schulter hing eine große grüne Tasche aus sehr grobem Stoff mit einem indianischen Muster. Sie sah ein bisschen so aus, als wäre sie mit der Eisenbahn angekommen.

"Was ist das hier?", fragte sie und zeigte auf ein Gerät. Paul trat an sie heran. "Ein Theodolit. Damit kann man Landschaften vermessen." "Und dieser Stein?" "Ein Malachit." "Nicht verwechseln." "Auch wenn er ganz grün aussieht, ist es doch fast reines Kupfer." "Sollte man nicht meinen", sagte sie und ließ ihre Finger über die Sachen streifen. Genau wie damals über die Nähmaschinenteile, dachte Paul. "Ist das Ihre Frau?" "Ja." "Sie ist hübsch." "Ja, sehr." "Verraten Sie mir auch, wie sie heißt?" "Esther." "Ein schöner Name. Esther und Paul, das passt gut zusammen." "Das haben wir uns auch etwas kosten lassen." Sie sah ihn fragend an. "Das war nur Quatsch." Sie lachte nicht. "Haben Sie noch mehr Photos?" "Von ihr?" "Von dort, wo Sie beide leben."

Das Wort leben hatte sie ausgesprochen, als handelte es sich um etwas ganz Seltenes. Glücklicherweise hatte Paul nach der letzten Brieflektüre alle Photos zusammengelegt, jetzt freute es ihn, sie gleich bei der Hand zu haben. "Wollen wir uns setzen?", fragte Lydia. "Oh, ja, natürlich. Hier? Oder hier, da kann ich sie besser erklären." Er räumte etwas zur Seite. Jetzt musste sie lachen. "Was ist?" "Nichts. Bin ich die erste, der Sie Ihre Photos zeigen?" "Ich weiß nicht, ja, nein, ich glaube nicht." "Ist ja auch egal. Fangen Sie schon an, Paul, ich bin sehr gespannt, mehr über Sie zu erfahren."

Er sagte zu jedem Bild etwas, wo und wann es aufgenommen wurde oder was nebenbei erwähnenswert war. Die meisten hatte Esther photographiert, außer die, wo sie selbst zu sehen war.

Lydia entdeckte auf manchen irgendein Detail (sie zeigte wieder mit dem kleinen Finger darauf) und wollte wissen, was das ist, zum Beispiel die geflügelte Nike auf der Kuppel der Kunstakademie an der Brühlschen Terrasse oder ein Schaufelraddampfer, der im Hintergrund vorbeischwamm. Er erläuterte es ihr.

"Das ist ja wie auf dem Mississippi", sagte sie, "bei uns in Galway gibt es nur Fischerboote." Jetzt wurde Paul klar, weshalb sie letztens von der "Fischersfrau" sprach. Er unterließ es übrigens, die Sache mit der Elektrik in ihrem Laden anzusprechen.

Sie legte einige Photos in eine Reihe oberhalb des Stapels, wie Karten bei einer Patience. Manche ersetzte sie. "Was ist mit denen?", fragte Paul. "Die gefallen mir am besten." "Ja, die sind wirklich gelungen." "Wie wär's Paul, wenn wir ausgehen?", fragte sie unvermittelt. "Jetzt?" "Na klar, jetzt. Sie könnten mich einladen." "Ein Rendevouz?" "Mal sehen. Gibt es nicht irgendwas zu feiern?" "Ich weiß nicht. Vielleicht ..." "Wie lange kennen wir uns?" "Oh, keine Ahnung, ich habe nicht drauf geachtet.""Dann nehmen wir das zum Anlass: Der Tag, an dem wir uns fragten, wie lange wir uns schon kennen." "Das ginge. Aber klingt das nicht ein bisschen melodramatisch?" Sie lachte. "Na, was?" "Fehlt Ihnen jeder Sinn dafür? Es ist doch nur zum Vergnügen. Oder sind Sie so ein verbissener Ingenieur, der für alles eine Begründung braucht, die man nachrechnen kann?" "Ich glaube nicht." "Ich auch nicht."

Sie schlug eine Taberna vor, die außerhalb von Santa Rosa an einem kleinen See liegt. Sie fuhren in Pauls Wagen. Als sie ankamen, brach der Abend an und die kleinen bunten Lichter, mit denen die Kneipe geschmückt war, wurden angeschaltet. Die meisten Tische waren noch frei, und sie setzten sich an die Fensterfront, wo man einen Blick auf den See hatte, in dessen Wasser sich die letzte Helligkeit spiegelte.

Kaum hatten sie Platz genommen, kamen drei Musikanten an ihren Tisch und spielten zur Begrüßung. Paul gab dem Trompeter ein Geldstück, und sie entfernten sich wieder. "Bestimmt sehen wir aus wie ein Liebespaar", meinte Lydia. "Wieso, was für ein Lied war das?" "Nein, nur so. Wie finden Sie eigentlich meinen Hut?" "Er passt zu Ihnen. Wissen Sie, Lydia, vielleicht sollte ich mir mal Ihren Kleiderschrank anschauen, da müssen Sie nicht immer einzeln fragen." "Mögen Sie so was?" "Was?" "Sich Damenwäsche angucken." "Wahrscheinlich würde ich jede Menge Hosen finden." "Ja, das ist möglich. Aber ich hab' auch andere Sachen.

Wollen wir den Ensalada de Frijoles essen, der ist mit schwarzen Bohnen und Käse." "Einverstanden." Sie bestellten auch eine Flasche argentinischen Cabernet. Die Taberna füllte sich. Etliche Gäste, meist Pärchen, kamen mit dem Auto. Manche waren sehr schön anzuschauen. Die Musikanten gingen von Tisch zu Tisch, sie waren jetzt zu viert. Aus der Küche kamen die leckersten Düfte. Einige Familien waren mit ihren Kindern da. Ein Mädchen und ein Junge tanzten dazwischen umher, sie hüpften wie zwei Vögelchen an der Wasserstelle. Obwohl er nicht teuer war, schmeckte der Wein vorzüglich. Die Radieschen im Salat brannten auf der Zunge.

Da kam auf einmal ein Mann an ihren Tisch. "Miss Kirkpatrick, Senor Paul, einen wunderschönen guten Abend." Es war Manuel, er sah aus wie aus einem Magazin für neueste Herrenmode. Er küsste Lydia die Hand. Paul sagte "Darf ich vorstellen, Manuel Navarro, der Sohn des Bürgermeisters; Miss Kirkpatrick." "Ich glaube, wir haben uns schon einmal gesehen", meinte Manuel. "Ja, mir ist auch so. Jedenfalls habe ich schon von Ihnen gehört, Manuel. Lassen Sie Ihre Pferdchen auch hier draußen laufen?" Manuel lachte, zwischen seinen weißen Zähnen prangte ein goldener, der Paul seltsamerweise beim letzten Mal nicht aufgefallen war. Er nahm es ihr nicht übel. "Nein, ich bin ganz privat hier." "Nun, dann noch einen schönen Abend, Manuel", sagte Paul, der Lydias Aversion mitbekommen hatte.

Aber Manuel rückte einen Stuhl heran und setzte sich. Er holte aus seiner Jackettasche ein zusammengefaltetes Papier und sagte zu Paul: "Ich habe hier etwas für Sie, das sie interessieren könnte." "Was ist das?" "Ein Schreiben von einem gewissen Freddy Alvaro Garcia." "An wen?" "An meinen Vater." Er faltete den Brief auseinander und reichte ihm Paul. Keiner von beiden bemerkte Lydias Reaktion.

Paul überflog das Blatt. Darin war die Zusage für ein Gutachten betreffs der weiteren Erschließung der Kupfermine, speziell für den Stollen 5. Garcia forderte dafür als Gegenleistung einen beträchtlichen Geldbetrag. Es klang so, als könnte das Geschäft jederzeit abgewickelt werden, das heißt, Garcia verfügte offenbar zu diesem Zeitpunkt (Paul schaute auf das Datum) bereits über das Gutachten.

"Ich kann Ihnen das leider nicht aushändigen", sagte Manuel, und Paul nickte. Er las es nochmals durch und gab es ihm wieder. "Danke, Manuel, ich hoffe, Sie bekommen dadurch keine Schwierigkeiten?" Manuel winkte ab, dann stand er auf, stellte den Stuhl an seinen Platz zurück und verbeugte sich, den Hut vor der Brust, galant vor Lydia "Miss, Ihr ergebenster Diener." Sie rang sich ein Lächeln ab. "Bis bald, Senor Paul." "Ist zu befürchten, daß heute abend noch mehr von Ihren Freunden auftauchen?", fragte Lydia. "Tut mir leid, ich war nicht mit ihm verabredet." "Dann können wir jetzt zum vergnüglichen Teil übergehen." "Ja, gern. Wollen Sie tanzen?" Sie schaute ihn überrascht an, und in ihren Augen war Begeisterung zu sehen; endlich einmal die richtige Frage.

Sie gingen zwischen den Tischen hindurch zu der kleinen Tanzfläche, wo die bunten Lichter blinkten. Die Musikanten standen daneben und spielten mit großer Hingabe. Ihre Stücke waren erfüllt von den lateinamerikanischen Rhythmen, die Paul nie auseinanderhalten konnte und von denen jeder den Körper in eine andere, noch verrücktere Schaukelei zu versetzen schien.

Lydia gefiel es, sie näherte sich ihm, ließ sich für ein paar Takte von ihm führen, wiegte sich in den Hüften und machte dann wieder eine Drehung von ihm weg. Zwischendurch streckte sie ihre Arme über seine Schultern oder sie fasste seine Hände, legte sie auf ihre Hüften und ließ sich zurückfallen. Einmal setzte sie ihm ihren Cowboyhut auf den Kopf, und Paul machte eine Miene wie ein gefürchteter Revolverheld.

Allmählich bewegten sie sich zur Seite hin, wo am Rand ein paar Tische und Stühle gestapelt waren. Es war dort schummriger, aber die Musik war laut genug, und hier hatten sie mehr Platz für sich allein. Vielleicht war es Zufall, daß die Band jetzt mehr langsamere Stücke spielte. Die beiden hatten sich nicht mehr voneinander gelöst, und sie drehten sich schwungvoll und doch wie in ihre Zweisamkeit versunken um und um.

Der Wirt, ein kleiner Mann mit einem etwas strengen Ausdruck und einem dichten schwarzen Schnurrbart, kam herüber, ging an dem tanzenden Paar vorbei und schloss eine Tür auf, die auf die Terrasse führte. Die beiden bemerkten es, der Wirt nickte ihnen kurz zu, und mit ein paar Schritten waren sie draußen.

Es war eine warme Nacht, die Musik drang heraus, aber man hörte darüber das hundertfache Zirpen der Zikaden im Gras. Sie standen an das Geländer gelehnt und schauten auf den See und auf die Hügel dahinter, die sich dunkel gegen den Sternenhimmel absetzten.

Einen Moment später kam der Kellner mit zwei Cocktails nach einer Mixtur des Hauses. Senor Gomez, der Wirt, erlaube sich, diese Drinks für Miss Kirkpatrick und ihren Begleiter zu spendieren. Sie bedankte sich. Es war ein teuflisches Gebräu, aber es hatte eine umso angenehmere Wirkung. "Sie stehen mit dem Wirt in Verbindung?", fragte Paul. "Ich besorge ein paar Waren für ihn, eine bestimmte Gewürzmischung für die Küche und so was. Und diese lustigen Lichterketten, aber die kann man nicht mehr bestellen, da muss ich wohl einen neuen Lieferanten finden. Wollen wir da hinüber gehen?" Sie deutete auf eine kleine Feuerstelle, um die einige Leute standen und saßen. Sie stellten die Gläser ab und schlenderten dorthin.

"Wo haben Sie so gut tanzen gelernt?", fragte Lydia. "Ich hatte als Student Tanzstunden, aber davon war nicht viel hängengeblieben. Vor Jahren haben Esther und ich ein Lokal entdeckt, wo zweimal in der Woche zum Tanztee aufgespielt wurde, Sie wissen, so eine Nachmittagsveranstaltung mit Tee und Kuchen und Musik." Lydia nickte. "Wir waren da nur zufällig hineingeraten, und es war ein ziemlich betagtes Publikum, wahrscheinlich alles Witwen und Witwer, die sich dort gefunden hatten. Aber die waren alle so gutgelaunt und sie wollten sich beweisen, wie rüstig sie noch sind, deshalb haben sie getanzt. Da wollten wir nicht zurückstehen und haben immer mitgemacht, und man konnte von den alten Leutchen noch allerhand lernen. Esther und ich haben fleißig geübt und, na ja, dann waren wir irgendwann ganz gut; es hat uns immer viel Spaß gemacht. Tanzen ist so ungefähr die einzige kulturelle Beschäftigung, die ich wirklich gern betreibe. Übrigens mit Ihnen macht es auch Spaß." "Oh, danke. Obwohl mir dieser Rhythmus nicht gerade im Blut liegt." "Er ist schwer einzuverleiben für jemanden, der nicht hier geboren ist oder aus Afrika stammt." "Das sind wir beide nicht." "Nein, vielleicht ging es auch deshalb so gut."

"Zieht es Sie eigentlich sehr nach Hause zurück?", fragte sie. "Manchmal, ja. Letztens hatte ich zum ersten Mal richtig schmerzliches Heimweh." "Oh, Sie Ärmster", sagte Lydia und legte ihre Hand auf seine Schulter. "Sie fahren doch bestimmt bald wieder heim?" "So wie die Dinge liegen, könnte ich für die nächsten anderthalb oder zwei Jahre noch hierbleiben, Arbeit und Aufträge gibt es genug." "Dann könnte Ihre Frau herkommen."

Er schwieg, dann sagte er "Überlegt haben wir uns das auch schon, aber es gibt noch zu viele Hindernisse." Dann erklärte er Lydia in aller Kürze, wie sich die Sache verhält, und Lydia sagte darauf: "Aber dann ist es doch umso dringender, daß Sie Ihre Frau aus Deutschland herausholen."

Dieses "herausholen" war genau das Wort, das Paul die ganze letzte Zeit im Sinn gehabt hatte, ohne es je auszusprechen. Als Lydia es jetzt sagte, machte es ihm vollends deutlich, in welche Situation er geraten war. Gab es überhaupt noch genug Gründe oder eine Perspektive, das Leben in den alten Bahnen fortzuführen, wo sie doch schon einmal fast soweit waren, es aufzugeben und umzukrempeln?

Befand er sich selbst nicht bereits woanders, auf einer anderen Seite, und betrachtete alles Geschehene, Frühere, Vergangene als etwas, das vorbei war und überwunden und dessen beste Erinnerungen - die Essenz - sie beide in ihren Herzen bewahrten und mit hinüber in ein neues Leben an einem neuen Ort nehmen sollten?

"Lassen Sie uns von etwas anderem reden", sagte Paul, "sind Sie oft hier draußen?" "Ehrlich gesagt, ist das die einzige Stelle in der Umgebung von Santa Rosa, die ich kenne. Ich komme her, wenn ich etwas Abwechslung brauche, und warum soll ich extra was Neues suchen." "Es ist schön hier." "Ja, auch bei Tag. Da drüben am See kann man ausgezeichnet angeln. Angeln Sie gern, Paul?" "Ich habe das nie gemacht?" "Was? Und Sie haben so lange an einem Fluss gewohnt." "Es gibt bei uns ein Handelsgeschäft, das heißt 'Nordsee', da kaufen wir unseren Fisch. Kabeljau und Hering kann man nicht in der Elbe angeln." "Ach kommen Sie, Paul, darum geht es doch gar nicht. Sie graben auch das Kupfer aus der Erde, obwohl man Draht und Leitungen von der Rolle kaufen kann." Er lachte. "Das ist mir noch nicht aufgefallen."

"Können Sie denn angeln?", fragte er dann. "Ich komme aus einem Fischerdorf, da angelt jedes Kind." "Und kennen Sie alle Fische, die hier so herumschwimmen?" "Nein, aber die paar, die gut schmecken und sich fangen lassen, die kenn' ich. Ich habe auch schon welche zu Senor Gomez in die Küche gegeben." "Ehrlich?" "Er hat einen hervorragenden Fischkoch. Übrigens wette ich, daß Bernarda auch gut Fisch zubereiten kann." "Hm. Ich weiß nicht." "Finden Sie's heraus, bringen Sie ihr einen mit. Ich mache Ihnen einen Vorschlag: Wenn Sie Zeit haben, fahren wir hier raus und angeln." "Ja, aber ich muss mir erst eine Ausrüstung besorgen." "Haben Sie nicht gesehen, daß ich so etwas im Laden habe?" "Ach ja, stimmt. Was haben Sie eigentlich nicht im Angebot?" "Also abgemacht?" "Ja, gut, ich sage Ihnen Bescheid." "Schieben Sie's nicht auf die lange Bank", sagte sie, als würde es sich um die Auslösung eines Pfandes handeln.

Ob sie damit gerechnet hatte, daß Paul bereits am übernächsten Mittag zu ihr in den Laden kam, um angeln zu gehen? Zumindest hatte sie ihm schon mal eine Ausrüstung zusammengestellt, mit einer "mittelstarken Rute", die sie für ihn als Anfänger geeignet hielt. "Also gut", meinte sie, "ich ziehe mich nur kurz um. Nemesio, kriegst du das hin, den Laden allein zu schmeißen? Ach, hast du ja schon mal gemacht. Aber nicht zu früh schließen, heute zum Freitag kommen immer noch späte Kunden, du weißt. Und vergiss nicht die Abrechnung, ich schaue mir das morgen früh an."

Sie sprach zu dem Jungen, als wollte sie Paul zeigen, wie gut sie ihm Anweisungen erteilen kann, sie bewegte den linken Unterarm dabei mechanisch auf und ab, es sah komisch aus und Nemesio war es sichtlich peinlich, aber er nickte und sagte "Of course, Miss Kirkpatrick" wie ein Laufbursche.

Als sie nach hinten verschwunden war, holte er das Heft mit einer Bildergeschichte wieder unterm Ladentisch hervor und sagte zu Paul: "Passen Sie bitte auf, daß sich Lydia keinen Sonnenstich holt, sie hat so empfindliche Haut, aber sie achtet oft nicht drauf, verstehen Sie." "In Ordnung", erwiderte Paul und schaffte den Angelkram ins Auto.

Um am See an die richtige Uferstelle zu gelangen, mussten sie mit dem Angelgerät ein ganzes Stück zu Fuß gehen. Paul wollte fast alles allein tragen (Lydia hatte auch noch eine große Tasche voll Proviant dabei), aber sie schnappte sich gleich ein paar Sachen und marschierte los. "Hier vorn ist es zu schlammig", sagte sie, "dort bei dem flachen Felsen ist fester, sandiger Grund." "Man kann dort auch baden?" "Ja, aber das würde die Fische vertreiben, Sie müssen sich entscheiden, Paul."

Das Felsgestein war von der Sonne erwärmt, sie suchten sich jeder ein Plätzchen. "Soll ich Ihnen helfen?", rief sie ihm zu. "Danke, ich glaube, das schaffe ich schon." Als er die Büchse mit den Ködern öffnete, waren darin so viele verschiedene, daß er unschlüssig war, mit welchem er anfangen sollte. Sie musste das gesehen haben, sie kam herzugelaufen und meinte, er solle zuerst ein Klümpchen Teig nehmen. "Werfen Sie die Angel nicht zu weit aus." "In Ordnung." "Und stellen Sie sie flach", rief sie.

Er machte alles so, und er fand, es war kein schlechter Wurf auf Anhieb. Er schaute zu ihr hinüber. Sie hatte ihren Rock ausgezogen und trug ein Paar kakifarbene Shorts und eine leichte Bluse, deren Ärmel hochgekrempelt waren. Sie hatte ihr Haar offen und es fiel in steifen Locken herab. 'Sie hat den Strohhut auf', dachte Paul, 'das ist gut.' Er sah ihre hellen Beine, sie waren nur wenig muskulös und hatten kleine vorstehende Kniescheiben.

"Was haben Sie als Kind noch gemacht, außer angeln?", rief er. "Wie bitte?" Sie war nicht zufrieden mit ihrem Wurf und holte die Schnur wieder ein, dann versuchte sie es erneut und machte einen eleganten, kraftvollen Schwung. "Hatten Sie ein Fahrrad?" "Paul, es ist schlecht, sich auf die Entfernung zu unterhalten." "Ja, natürlich", sagte er und schaute auf seine Pose im Wasser.

Er holte die Schnur ein paarmal ein und warf wieder aus, er wechselte auch den Köder, er steckte eine von den dicken Fleischmaden auf und überlegte dabei, wo sie die her hat.

Dann hatte er was am Haken. Er ließ die Schnur laufen und drehte dann die Rolle sachte zurück, er brachte den Fisch immer näher heran und zog ihn heraus. "Was ist es?", rief Lydia, die offenbar alles verfolgt hatte. "Sieht aus wie eine Art Rotfeder, jedenfalls den Flossen nach." "Aha."

Er legte ihn in den Eimer und schätzte ab, wieviel er auf dem Teller geben würde. Kurz darauf angelte er noch einen größeren. Er freute sich über seine Beute. Er machte alles genauso wie eben, er fand, daß er rasch Übung darin bekomme. "Versuchen Sie mal einen weiten, weichen Wurf", sagte Lydia. Er wollte fragen warum und dachte, ob sie ihn an eine Stelle treiben will, wo nichts mehr anbeißt? Aber er sagte nichts und tat, was sie wollte.

Er wartete lange und wiederholte den Wurf mehrmals, es zuckte nichts. Er sah, daß Lydia vier, fünf nacheinander herauszog. "Was ist es?", rief er jetzt. Sie winkte ab. "Alles kleine Schwänze" verstand er, aber er hatte sich wohl verhört.

Da rutschte ihm die Angel aus der Hand. "Verflucht, wenn man mal einen Moment nicht aufpasst", murmelte er und fasste den Griff. Der Fisch zog nicht irgendwohin davon, sondern machte wilde Bewegungen auf der Stelle, als wollte er den Haken abschütteln. Dann flüchtete er ein Stück, und Paul ließ die Schnur nach, und dann schüttelte er sich wieder, daß es auf der Oberfläche Wellen gab. "Nicht locker lassen!", rief Lydia. Er sperrte die Rolle und drehte kräftig zurück, er glaubte zu spüren, wie sich die Sehne dehnt. Er zog nur die Rute ruckweise hoch. "Nicht so heftig", sagte sie, "sonst reißt er ab. Warten Sie, ich komme." Er wollte seine Angel nur ungern aus der Hand geben.

Sie stellte sich hinter ihn und dirigierte seinen Arm, er atmete ihren Parfümduft ein, es war derselbe wie beim ersten Mal. Er konnte sich nicht entscheiden, worauf er seine Aufmerksamkeit richten sollte. "Was machen Sie denn? Nur ruhig halten." "Ja." "So, und jetzt ganz langsam." "Ja, das hatte ich auch vor." "So ist es gut, komm' nur mein Kleiner, hab' keine Angst." Paul musste lachen. "Holen Sie ihn ran." "Ja."

Der Fisch machte noch ein paarmal seinen Schütteltanz, gab aber nach. Er ließ ihn über ihren Köpfen herab. "Was ist es?", fragte er und war ein bisschen aufgeregt. "Ein Barsch, mein Lieber, ein ganz schöner Bursche." "Ja."

Lydia kniete neben ihm, und er sah die helle, straffe, haarlose Haut ihrer Beine. Er hielt ihn fest, und als seine Finger an den festen, glatten Körper fassten, spürte er eine Erregung. "Vorsicht mit der Stachelflosse, solche Pikser können sich leicht entzünden. Sie müssen die Schuppen gleich entfernen, hier nehmen Sie das Messer." "Okay. Wollen wir uns dann erst mal stärken?" "Ja, natürlich."

"Sie haben mir überhaupt noch nichts von sich erzählt", sagte Paul, als sie nebeneinander auf dem Felsen saßen und die Sachen aus der Provianttasche ausgebreitet hatten. "Sie haben mich nicht gefragt." "Oh, das stimmt, ich bin ein Ignorant." "Ach was. Es gibt auch nicht viel zu erzählen." "Das glaube ich nicht. Wie kam es, daß Sie von zu Hause fortgegangen sind?" "Das haben viele bei uns getan, vor mir und nach mir und zu meiner Zeit auch. Sie wissen doch, es gibt bestimmt überall mehr Irländer als in Irland selbst." "Kommen Sie auch aus einer Fischerfamilie?" "Ausnahmsweise nicht. Mein Vater war Tischler." "Möbeltischler?" "Nein, eigentlich war er nur Sargmacher, für Möbel haben die Leute kein Geld, und die Einrichtung, die sie besitzen, hält mindestens für drei Generationen. Aber so ganz falsch liegen Sie nicht, er konnte nämlich immer mehr als nur Särge zusammenzimmern. Er konnte Kunstschnitzereien anfertigen, Verzierungen für Betten, Türen, Schränke, er hat sogar Wappen und Schiffsfiguren geschnitzt." "Lebt er noch?" "Ich glaube ja."

Nach einer Pause fuhr sie fort: "Mein Vater hat die Familie verlassen, er ist nach London gegangen." Lydia blickte ihn an und sagte voller Stolz: "Stellen Sie sich vor, er hat eine Arbeit beim British Museum bekommen." "Tatsächlich?" "Ja. Vor ein paar Jahren haben sie angefangen, einen Anbau zu errichten, irgend so ein reicher Kunsthändler hat das finanziert, es sollen neue Ausstellungsräume für eine weitere Sammlung sein. Da hat mein Vater als Handwerker mitgearbeitet." "Eine schöne Arbeit kann ich mir vorstellen." "Wegen dem Krieg mit Deutschland ist das neue Gebäude noch nicht eröffnet worden, aber es soll schon so weit fertig sein, jedenfalls hat er mir geschrieben, daß ich nach London kommen und es mir ansehen soll." "Ihr Vater weiß, wo Sie jetzt sind?" "Nein. Da war ich noch in Galway."

"Warum war er eigentlich weggegangen?" "Wegen meiner Mutter, sie hat ihn dauernd betrogen, er galt in unserem Ort als Versager. Vier von meinen fünf Geschwistern haben andere Väter, nur mein Bruder Evan ist auch wirklich sein Sohn. Meine Mutter war eine Hure, das kann man nicht anders sagen. Sie war sehr hübsch und sogar klug für unsere Begriffe, aber sie musste sich dauernd mit einem andern Mann abgeben." "Und Ihr Bruder ..." "Evan? Der ist schon vor mir auf und davon. Er ist nach Dublin und dann nach Liverpool, und dort hat er als Matrose angeheuert. Ich gäbe was drum, wenn ich wüsste, wo er steckt, er ist der einzige, der mir wirklich fehlt."

Der Fang und der Proviant hatten etliche Vögel angelockt, die über ihren Köpfen kreisten und in der Nähe umherhüpften. Der Wind hatte eine Locke vor Lydias Gesicht gelegt, sie strich sie beiseite. Ihre Bluse war oben auf gegangen, und der Hügel einer Brust kam darunter zum Vorschein. Ihre andere Hand lag auf ihrem Oberschenkel, und Paul konnte sich abermals dem Anblick ihres hellschimmernden Körpers nicht entziehen.

Sie angelten noch eine Weile jeder für sich. Lydia kletterte dann an dem Uferfelsen entlang, immer weiter nach der Stelle, wo der See einen Zufluss hatte, der zwischen den flachen Hügeln herkam. Paul fing ein paar Fische, die zu klein waren, und er warf sie ins Wasser zurück.

Dann hatte er einen, der zwar größer war, ihm aber zweifelhaft vorkam. Er holte das Buch aus seiner Tasche, das er glücklicherweise zu Hause gefunden hatte; es war ein handliches Bestimmungsbuch für Angler, er hatte es aus Deutschland mitgebracht. (Weil er vorher einen Blick hinein geworfen hatte, konnte er auch die Rotfeder identifizieren.) Aber diesen Fisch hier fand er nicht beschrieben, und er beschloss, ihn wieder auszusetzen, bevor er in der Sonne schlapp macht.

Er legte die Hand über die Augen und schaute zu Lydia hinüber, sie war ins Wasser gestiegen und schwamm und planschte darin herum, und dann war ihm, als würde sie winken, und er winkte zurück. Seine Lust auf Angeln hatte sich fürs erste gelegt.

Er streifte ein bisschen umher, er fand bei dem Geröll Brocken mit einer dicken Schicht aus Fasergips und bei dem kurzen Abhang konnte er im anstehenden Gestein ein ganzes Band davon erkennen, das sich quer hinzog. Dann phantasierte er sich zusammen, wie er plötzlich Gold findet und mit zwei Händen voll sofort zu Lydia hinrennt; sie wären unermesslich reich und alles würde sich auf einen Schlag ändern. Als erstes müssten sie diesen See und das Ufer auf zehn Meilen Breite kaufen, und Senor Gomez' Taberna gleich mit. Er musste über sich selber lachen.

Sie trafen sich an der Stelle wieder, wo sie vorher gesessen hatten. Die frechen Drosseln hatten den Proviant geplündert und sich über die Teigfladen hergemacht. Lydia saß im Sonnenschein, nach dem Baden hatte sie ihre Shorts wieder an, und statt der Bluse ein dünnes Hemdchen mit schmalen Trägern. Ihre Schultergelenke waren rund und hart wie ihre Knie.

"Vertragen Sie das, so in der Sonne zu sitzen?", fragte er vorsichtig. "Aber ja doch, es geht auch ein Wind, merken Sie das nicht?" Sie hatte recht, es ging eine ganz leichte, angenehme Brise. Sie stützte sich rückwärts auf ihre Arme. Sie hatte den großen Strohhut auf, und er konnte ihr Gesicht nicht sehen. Er schaute auf ihre Brüste unter dem Hemd, die kleinen Brustwarzen drückten sich gegen den Stoff, er wandte sich ab. "Sie können mich ruhig anschauen", sagte sie, guckte von unten herauf und lachte. Er wurde tatsächlich rot im Gesicht.

Er hockte sich neben sie hin. "Mir ist bloß gerade eingefallen, was es in Ihrem Laden nicht gibt." "Ach so? Was denn?" "Bücher." "Da irren Sie sich aber", entgegnete sie lebhaft. "Neben den Haushaltsgeräten steht eine Kiste mit Büchern. Die sind zwar nicht neu, aber vollständig. Und das sind nicht einmal alle, ich leihe sie nämlich aus, für einen Peso für vier Wochen. Ich kriege immer mehr Leser", sagte sie mit der Selbstbestätigung einer Geschäftsfrau. "Neben den Haushaltsgeräten sagen Sie? Da interessieren sich wohl hauptsächlich Frauen dafür?" "Oh, nicht nur, es sind auch Männer, die unsere Romane lesen."

"Romane?" "Ja freilich. Mit Goethes gesammelten Werken würden Sie hier niemand begeistern." "Warum sagen Sie mir so was?" "Das ist nur als Beispiel gemeint." "Und was für Romane sind das?" "Wollen Sie sich bei unserem Lesezirkel anmelden, Paul? Ich überlege, so etwas wie einen Club mit Jahresgebühr einzurichten. Ich würde immer die neuesten Bücher aus der Hauptstadt kommen lassen." "Ja, aber um was geht es in diesen Büchern?" "Mein Gott, Paul, wovon handelt jedes wirklich gute Buch? Von der Liebe natürlich." "Ach so, na klar. Nennen Sie mir mal eins." "Was?" "Welches wird denn gerade besonders gern gelesen?" Sie überlegte kurz. "Feuer und Leidenschaft, davon habe ich fünfundzwanzig Stück verkauft, und die waren ebenfalls gebraucht." "Feuer und Leidenschaft? Wie passt das zusammen?" "Wie passt was zusammen?" "Ich sehe da keinen Zusammenhang." "Paul, Sie müssen sich darauf einlassen, wenn Sie etwas für sich gewinnen wollen."

"Haben Sie's selbst gelesen?" "Viermal bis jetzt." "Wovon handelt es? Verraten Sie mir's, auch auf die Gefahr hin, daß ich es dann nicht kaufe." "Da ist ein Malteser ..." "Ein was?" "Ein Malteser, ein Ritter von der Insel Malta, falls Sie davon schon mal was gehört haben. Das heißt, also der eigentliche Hauptheld ist der Sohn von diesem Ritter, aber es beginnt mit dem Vater. Das ist ein Kreuzritter, der kommt aus Jerusalem, und der Krieg ist vorbei, er kommt also zurück nach Hause zu seiner Familie. Aber da hat inzwischen sein Bruder die Macht an sich gerissen, also sein Stiefbruder ist das in Wahrheit, aber das weiß keiner, doch halt, ein altes Weib, die weiß das, weil ... na das müssen Sie dann selbst nachlesen. Also der Ritter, der erste ..." "Der Vater von dem Haupthelden." "Ja genau, kennen Sie das Buch etwa? Und lassen mich jetzt hier abstrampeln?" "Nein, Lydia, ich schwör's, das ist mir alles neu. Ehrlich gesagt, wusste ich wirklich nicht, daß es dieses Malta gibt."

Sie schaute ihn sehr skeptisch an. "Na, Paul, ich weiß nicht, ob Sie mir was vorflunkern, und ich weiß auch nicht, mit welcher Absicht. Jedenfalls kommt der mit seiner ganzen Kriegsbeute da an, fünf Schiffe voll und noch ein Haufen Beiboote. Und darunter, also bei der Beute, sind auch Sklaven, und eben auch diese Fatima, ein bildhübsches arabisches Mädchen, und als der Sohn die Fatima sieht, verliebt er sich unsterblich in sie, und sie sich unsterblich in ihn. Aber der Vater sperrt sie ein, weil er glaubt, der Sohn habe sich mit dem Onkel, seinem Stiefbruder, seinem ärgsten Feind also, heimlich gegen ihn verbündet. Und der Stiefbruder will die Fatima für sich, obwohl er längst so ein alter Sack ist, aber na ja, nehmen wir das mal so hin. Jedenfalls überfallen sie eines Nachts das Lager des Ritters, wer genau, das weiß man da noch nicht. Und in letzter Sekunde kann der Ritter mit dem Hauptschatz aus seiner Beute fliehen, und er nimmt die Fatima als Geisel mit. Und der Stiefbruder und der Sohn verfolgen ihn, und da beginnt dann die eigentliche Handlung. Was halten Sie davon?"

"Es ist verrückt, aber ich wüsste zu gerne, wie es weitergeht." "Wieso ist das verrückt?" "Weil ich eigentlich überhaupt nicht an solche Geschichten glaube." (Wie er das aussprach, entsann er sich, daß er vorhin selbst so was von einem imaginären Goldfund zusammengesponnen hatte.)

Sie legte ihre Hand auf seine und sagte vertraulich: "Das ist auch keine Glaubensfrage. Eher schon etwas für die Ungläubigen oder für die an Verzweiflung Erkrankten." "Aber zu denen zähle ich mich auch nicht." "Ja", meinte Lydia und schob einen Träger ihres Unterhemdes, der heruntergerutscht war, wieder hoch, "wie oft findet man sich ausgerechnet unter jenen Leuten wieder, mit denen man partout nichts zu tun haben will."

Sie schafften einen Teil ihres Fangs zu Senor Gomez in die Küche. Der Koch freute sich sehr, er fand auch einen Fisch dabei, den er als Delikatesse bezeichnete. Er sortierte gleich aus, und die meisten verwendete er für eine Fischsuppe. Er lud die beiden ein, davon zu probieren, aber Lydia meinte, sie wollten nicht so lange bleiben. "Oder, Paul?" "Nein, das wird sonst zu spät", pflichtete er ihr bei. "Zu spät?", fragte der Koch und zog die Brauen hoch, "wofür zu spät." "Wir trinken noch etwas und Sie können in Ruhe Ihre Suppe kochen", sagte Lydia.

Senor Gomez brachte Wein und Weißbrot, Oliven und etwas Käse. Lydia fuhr sich vorsichtig über ihre Arme (sie hatte Rock und Bluse wieder angezogen). "Puh, ich glaube, ich habe mich verbrannt." "Das ist meine Schuld", sagte Paul, "ich hätte besser auf Sie achten sollen." "Natürlich ist das Ihre Schuld, und ich werde mich die ganze nächste Woche bei Ihnen beklagen." "Dann besuche ich Sie einfach nicht." "Keine Chance. Ich werde Ihnen pausenlos auf die Nerven gehen."

Sie trank einen Schluck Wein, dann sagte sie: "Oder tue ich das vielleicht jetzt schon." "Nein", sagte er schnell und fügte dann hinzu: "noch gibt es dazwischen Pausen." Sie empörte sich künstlich. "Sie sind kein guter Kavalier." "Vielleicht habe ich zu wenig Liebesromane gelesen." "Das außerdem. Salud Paul, ich habe es nicht so gemeint. Sie sind ein gelehriger Angelschüler." "Salud Lydia." "Ja und, wollen Sie mir nicht auch ein Kompliment machen?" "Ähm, ja, Sie haben lustige Sommersprossen." "Das kann doch nicht wahr sein. Das ist alles?" "Ich versuche, mich zu zügeln." Sie lachte und sah ihn an, aber nur kurz, dann wandte sie den Blick hinüber zum See. Paul glaubte, einen Schatten von Traurigkeit über ihr Gesicht huschen zu sehen.

"Wie ist es eigentlich bei Ihnen mit der Liebe?", fragte er sie wie ein Freund, der sie lange nicht gesehen hat. "Katastrophal." "Kann es sein, daß Sie schnell dabei sind zu dramatisieren." "Hah", machte sie und zog ein halb zorniges halb beleidigtes Gesicht. "Nehmen Sie eine verkorkste Kindheit, Mangel an Zuwendung, eine Handvoll pubertäre Mädchensehnsüchte, gegen die man sich vergeblich wehrt, Ungebildetheit und Mitleid - eine Kombination, mit der man überall auf dieser Welt zur Spottfigur wird - dazu keine Aussicht auf dauerhafte Sicherheit, weil man zu früh und durch schlechte Erfahrung misstrauisch und unzuverlässig geworden ist und sich nicht anpasst, und nicht zu vergessen eine wirklich erstaunliche Unstetigkeit, erstaunlich in dem Sinne, daß man darüber nur missbilligend Kopf schütteln kann."

"Um Himmels Willen, Lydia, von wem sprechen Sie?" "Wenn man mich auf einem orientalischen Frauenmarkt zum Kauf anbieten würde, dann stünde auf dem Schild um meinen Hals wahrscheinlich: sehr hellhäutig, unversehrt, kann Aufmerksamkeit erregen, Achtung: nicht heiratsfähig."

Paul lachte. "Ein Händler würde niemals eine schlechte Eigenschaft auf das Schild schreiben." "Doch. Meiner schon, weil er mich schon mehrmals zurück nehmen musste. Deshalb bin ich auch so preiswert." "Man wird Sie niemals auf einem solchen Markt finden." "Da steht man, ehe man sich's versieht, Paul, das können Sie mir glauben, und Sie können das auch nicht einschätzen." Er wollte etwas Erbauliches sagen, aber es wäre nur banal gewesen.

Lydia sagte "Das mit dem unversehrt heißt nicht jungfräulich, nicht daß Sie vermuten, ich wäre deshalb so unausstehlich." "Oder deprimiert." "Bin ich deprimiert?" "Nein, eben nicht." "Interpretieren Sie auch nicht zuviel in mich hinein, selbst wenn es Ihnen Spaß macht." Er versuchte, in Gedanken zu wiederholen, was er in letzten fünf Minuten über sie geäußert hatte, und er erschrak darüber, wie unvorsichtig er gewesen war.

"Das hatten Sie wohl nicht erwartet, als Sie mich ausfragen wollten. Aber es ist alles nicht so tragisch, und von Bedeutung ist es schon gar nicht. Ich kann damit leben wie ich bin, und das trifft für mich wie für jeden Menschen zu, der über ein gewisses Alter hinauskommt. Was immer man an beschwerlichen Dingen in seinem Wesen mit sich herumschleppen muss, man wird auch stets mit den nötigen Kräften dafür ausgestattet. Ist Ihnen das nie aufgefallen, Paul, wie großzügig die Natur oder meinetwegen auch der liebe Gott austeilt. Ein sehr böser Mensch findet immer die geeigneten Umstände, damit er seine bösen Taten ausführen kann. Ein mildtätiger dagegen trifft unweigerlich auf jene, die seine Gaben empfangen."

Paul sagte "Ich habe als Kind einmal einen Spruch gelesen oder gehört, der ging ungefähr so: Wer als Hase geboren wird, der wird nicht als Krebs geboren." "Ja, das ist gut." "Ich habe das nie richtig verstanden. Ich dachte, es hat etwas mit den Eigenschaften zu tun, ein Hase kann schnell rennen, ein Krebs läuft rückwärts, aber es hat dennoch keinen besonderen Sinn ergeben." "Der Sinn ist: man kann sie nicht miteinander vergleichen, und man gewinnt mehr Einsicht, wenn man es nicht tut."

Sie hatte das mit der größten Selbstverständlichkeit ausgesprochen, als wenn es eine Gebrauchsanweisung auf einem ihrer Reinigungsmittel wäre. Paul blieb vor Staunen der Mund offen. "Was gucken Sie so?" "Wissen Sie eigentlich, wie viele Jahre mich dieser Spruch beschäftigt hat? Und jetzt sitze ich mit Ihnen hier in einer Bar zwanzig Grad unterm Äquator und Sie lösen das Rätsel mit einem Satz." "Ja, ich weiß, ich sehe doch, was Sie bedrückt."

Sie lachten beide, und Paul schüttelte den Kopf, Lydia sagte "Ach so, ich verstehe, womöglich wollen Sie mir auch vorwerfen, Ihre Geheimnisse vorschnell zu lüften ohne dazu befugt zu sein." "Ich bin mir nicht sicher." Sie schauten sich an. "Vielleicht habe ich Sie auch die ganze Zeit schon darum gebeten." "Ihnen die Hasengeschichte zu erklären?" "Mich davon wegzubringen." "Tja, ein Rätsel zu lösen heißt doch meistens, irgendetwas aus der Welt zu schaffen, oder?"

Es kamen immer mehr Gäste in die Taberna, die Lichterketten wurden angeschaltet und der Gitarrist begann sein Instrument zu stimmen. Nun waren sie doch so lange geblieben, daß die Fischsuppe mittlerweile fertig war. Der Koch selbst servierte ihnen zwei Teller.

"Probieren Sie zuerst, Paul", sagte Lydia, und der Koch stand erwartungsvoll daneben. Paul äußerte Laute des kulinarischen Genusses, Lydia bestätigte sein Urteil. "Sie sind der Beste", sagte sie zum Koch. "Gracias, Senora, muchas gracias, que aproveche", er nickte beiden zu und verbeugte sich. Sie tranken einen anderen Wein und Lydia bestellte danach einen Kaffee.

"Sie leben also allein?", fragte Paul. "Ja. Der letzte Mann, den ich hatte, war mein Geschäftspartner in der Pulperia bei den Salpeterfeldern." "Warum ist das zu Ende gegangen?" "Wir hatten unterschiedliche Auffassungen." "Bezüglich des Geschäfts?" "Ja. Außerdem wollte ich nicht mehr länger dort bleiben. Kennen Sie die Salpeterfelder?" "Aus Beschreibungen." "Dann seien Sie froh, daß Sie's nicht erlebt haben."

Nach einer Pause sagte sie "Ich hätte danach an die Küste gehen können." "Nach La Plata?" "Nein, nach Valparaiso." "Und, warum sind Sie nicht?" "Ich weiß nicht, ich glaube, ich will mir noch etwas aufheben für später. Der Pazifik, das wäre bestimmt eine neue Welt, die man berühren kann, wenn man an seiner Küste lebt." "Vielleicht kommen Sie irgendwann in China an." "In China? Na ja, wer weiß."

Dann sagte sie, als ob sie das Thema abschließen möchte: "Ich bin nicht die einzige Frau, die kein Glück in der Liebe hat." "Nein, auch nicht der einzige Mann. Ich meine, es gibt von allen viele, die kein Glück darin haben." Sie lachte. "Ja, was immer das bedeutet. Aber im Ernst: wenn Sie genau hinschauen, dann sind sogar jene nicht wirklich glücklich, die scheinbar so aussehen. Und ich sage das nicht aus Neid, sondern ..." "Da gebe ich Ihnen völlig recht. Viele sind nur deshalb zusammen, weil sie es allein nicht aushalten würden." "Ja. Und trotzdem sind sie zusammen oft noch schwächer als einzeln." "Ja. Wie das nur kommt?" "Ich glaube, es kommt daher, daß man sich immer zu schnell jemanden sucht, an den man sich dranhängen kann, bevor man Angst haben muss, daß man keinen mehr abkriegt. Die meisten Menschen haben gar keine Träume, was ihre Zukunft betrifft." "Meinen Sie?" "Ganz sicher. Ich habe so viele getroffen, die wirklich tolle, ja manchmal ganz außergewöhnliche Menschen waren, wie man sich selber wünscht zu sein. Und wenn ich sie dann gefragt habe, wie sie sich ihre Zukunft vorstellen - ich wollte eigentlich etwas von ihnen lernen - dann haben sie mich komisch angeguckt und gesagt 'Zukunft? Was soll das sein? Mir geht es gut, ich lebe in der Gegenwart', manchmal haben sie auch noch hinzugefügt, sie bräuchten keine Illusionen, die sie nur daran hindern würden, das Richtige zu tun."

"Und Sie meinen, diese glücklichen Menschen verstellen sich bloß?" "Das habe ich nicht gesagt. Um sich zu verstellen, braucht man ja immer eine andere Seite seiner selbst, aber die sind wirklich so und nicht auch noch anders. Ich würde eher sagen, es ist eine Art Täuschung und Selbsttäuschung, die aber keiner von ihnen erkennt."

Paul sagte "Vielleicht ist das wie mit einem Tier, das sein Aussehen ändert, um in den Augen der anderen einen bestimmten Eindruck zu erwecken." "Sie wählen wohl gern Vergleiche aus der Tierwelt?" "Warum nicht, es ist naheliegend. Nehmen Sie das Chamäleon, es wechselt ständig die Farbe seiner Haut, um so wie seine Umgebung auszusehen. Man könnte glauben, es schützt und bewahrt dadurch seine wahrhafte Natur. Aber das Kuriose ist doch, daß es außer dieser jeweiligen aktuellen Hautfarbe gar keine weitere besitzt, die andere ist immer die eigene, verstehen Sie? Man muss immer mit dem auskommen, was man hat und nicht damit, was man haben könnte."

"Würde das auch erklären, weshalb wir uns oft mit etwas zufrieden geben, von dem wir eigentlich wissen, daß es nur ein Ersatz, eine Fälschung ist?" "Wenn wir zugleich wissen, daß es kein Original gibt." "Oder daß es irgendwann für immer verloren gegangen ist, wie ein Gefühl, das man früher einmal hatte, das man aber nie wieder zu eigen haben kann." "Aber wann ist das geschehen? Wann sind diese ersten, einzigartigen, originalen Gefühle abhandengekommen?" "Und mich würde auch interessieren, warum? War es unsere Schuld? Oder hat man darauf keine Einwirkung." "Vielleicht geschieht es aus Unachtsamkeit." "Oder es ist die Tat eines höheren Wesens. Glauben Sie an Gott, Paul?" "Nein. Ich bin Ingenieur, jemand, der seine Arbeit auf die Naturwissenschaften gründet. Ich glaube, daß die Natur zweckmäßig eingerichtet ist, aber nicht nach einem Plan, der auf ein Ziel hinausläuft."

"Aber wenn Sie eine Maschine erfinden oder auch wenn Sie Ihre Maschinen benutzen, tun Sie das nicht mit einer bestimmten Absicht?" "Doch, natürlich, aber ich bin mir immer der Unvollkommenheit aller technischen Konstruktionen bewusst, die letztendlich nur Geschöpfe des menschlichen Intellekts sind. Wir bauen doch bloß nach, was wir uns von der Natur abschauen, und in den allermeisten Fällen ist es lächerlich, was dabei herauskommt."

"Oh, jetzt glänzen Sie aber mit falscher Bescheidenheit. Ist das nicht eben auch eine Form von Täuschung?" Paul wusste darauf nichts zu erwidern. Lydia sagte "Oder Sie versuchen, der Abhängigkeit zu entkommen." "Welcher Abhängigkeit? Wovon?" "Von der Welt, die Sie nicht restlos beherrschen können." "Ich fühle mich nicht als Beherrscher." "Eben das wurmt Sie. Sie fühlen, daß Sie es nicht sein können, und deshalb leugnen Sie es. Im übrigen sind Sie ein Mann, und ein Mann ist immer erfüllt von Herrschsucht."

Paul lachte, es war ein abwehrendes, überhebliches Lachen wie von einem, der in einer Lage ist, die er nicht genau beurteilen kann; man muss auf der Hut sein, es könnte brenzlig werden. "Und wovon ist eine Frau erfüllt?", entgegnete er, "nicht etwa von Unterwürfigkeit." "Fühlen Sie sich angegriffen?" Beinahe hätte er gesagt: "Von Ihnen, Lydia?", aber er machte einen Rückzieher. "Ich sage doch: ich habe keinerlei Eroberungsgelüste wonach auch immer, und daher auch keinen Grund zur Gegenwehr." "Und daher auch keine Furcht", ergänzte sie. "Das ist wahr, ich bilde mir tatsächlich ein, furchtlos zu sein." "Aber dennoch verletzlich." "Wir sind alle verletzlich." "Ja, äußerlich und innerlich. Aber innerlich wahrscheinlich nicht alle in demselben Maß."

Paul fragte sie: "Wie schützen Sie sich denn vor all den Verletzungen, die einem im Leben drohen? Haben Sie ein probates Mittel?" Sie überlegte kurz. "Das beste Mittel ist immer noch, sich nichts anmerken zu lassen." "Womit wir fast wieder bei den Glücklichen wären, die sich anscheinend so sicher fühlen." "Ja, und bei dem Verdacht, daß es dieses Glück nicht gibt, und womöglich auch die Liebe nicht, wie wir sie uns erträumen. Andernfalls nämlich, ich meine, wenn es sie wirklich gäbe, dann würde kein Mensch mehr Liebesromane lesen, denn man erlebt das ja alles selber."

Spät am Abend fuhren sie in Stadt zurück. Paul hielt vor dem Laden. "Wo haben Sie eigentlich Ihre Wohnung?", fragte er. "Direkt obendrüber." Sie zeigte auf die Fenster im ersten Stock. "Und wer wohnt ganz oben?" "Auch ich."

Sie brachten den Fisch und die Angelausrüstung in den Laden. "Was machen wir mit dem Fisch?", fragte er. "Ich habe einen Eisschrank, da tun wir ihn hinein." "Ich könnte für Bernarda etwas mitnehmen." Lydia klapste sich an die Stirn. "Aber natürlich, ich habe gar nicht mehr dran gedacht. Wir tun etwas von den Eisstücken mit in den Eimer." "Funktioniert eigentlich die Elektrik jetzt überall?" "Bitte?" "Mit dem Strom ist jetzt alles in Ordnung?" "Ja klar, Sie sehen, sogar der Eisschrank läuft, hören Sie, wie er brummt." "Ja. Es gibt also nichts mehr zu reparieren?" "Ähm, nö. Vielleicht geht ja mal was kaputt." "Ja, das ist immer möglich", sagte er und schaute sie an.

"Danke für den Angelunterricht und für den schönen Nachmittag mit Ihnen." "Ja, das war ein schöner Tag." Er schnappte den Eimer und ging durch den Laden zur Tür. "Ach Paul? Weil Sie vorhin gefragt haben, wollen Sie mal einen Blick in meine Wohnung werfen?"

* * * * *

Endlich war Esthers Brief angekommen, er war tatsächlich zwei Wochen länger als sonst unterwegs gewesen. Diesmal freute Paul sogar der Anblick der Briefmarken mit dem Hitlerporträt in verschiedenen Farben. Der Umschlag war mit allen möglichen Stempeln übersät. Esther schrieb aus Hannover, wo sie bei Verwandten ihrer Mutter zu Besuch war.

Dieser Familie ging es schlecht. Den Mann, Esthers Cousin, hatten die Deutschen in ein Konzentrationslager geschafft, man wusste nicht, in welches, wahrscheinlich nach Polen. Sämtliches Vermögen war beschlagnahmt worden. Seine Frau Ingrid wurde nur deshalb nicht ebenfalls verhaftet, weil sie im achten Monat schwanger war und irgendjemand von der Polizei oder der SS darauf Rücksicht genommen hatte. Jetzt saß Ingrid in einer fast leergeräumten Wohnung und wusste nicht ein noch aus.

Esthers Cousin hatte selbst an Josef Waldstein geschrieben und ihn um Hilfe gebeten. Der hatte den Brief Esther gegeben, weil er ja "eigentlich mit ihr viel direkter verwandt" sei. Im übrigen halte er ihn für einen Schnorrer, der sich immer dann an die Verwandtschaft erinnert, wenn ihm das Wasser bis zum Halse steht. Immerhin hatte der Vater ihr Geld gegeben, damit sie nach Hannover fahren kann. (Das hätte sie natürlich auch selber noch gehabt, umso großzügiger musste seine Unterstützung erscheinen.)

Außerdem steckte er ihr einen Umschlag zu, in dem fünfhundert Mark waren, "und sagte kein Wort dazu." Esther fuhr nach Hannover und fand Ingrid in ihrer schrecklichen Lage. Die zwei Kinder, ein Junge und ein Mädchen, hatte sie in einem Nest außerhalb der Stadt versteckt, und sie verriet nicht einmal Esther, wo genau sie sind. "Ich wusste überhaupt nicht, was ich tun sollte", schrieb Esther, "sie saß auf dem leeren Bett in der leeren Wohnung, mit ihrem kugelrunden Bauch und hielt das Taschentuch in Händen, mit dem sie sich ständig die Tränen abwischte. 'Es soll nicht merken, daß ich dauernd weine', sagte sie und meinte das Kind, 'so etwas überträgt sich.' Ich wäre am liebsten wieder fortgegangen, aber ich musste doch irgendetwas tun."

Paul schloss die Tür, weil der Duft der Fischsuppe, die Bernarda zubereitete, ihn ablenkte. Aber anstatt weiterzulesen, ging er in die Küche und schaute Bernarda beim Kochen zu. "Wenn sie so schmeckt, wie sie duftet, ist sie noch besser als bei Senor Gomez in der Taberna." "Pah, ich kenne den Koch, der stammt gar nicht von hier", sagte sie, als wäre Santa Rosa der eigentliche Ursprungsort der exzellenten Fischküche. "Sie sollten Miss Kirkpatrick dazu einladen." "Meinen Sie?" "Selbstverständlich." Paul überlegte. Warum legte Bernarda darauf Wert? Vielleicht wollte sie, daß man ihre Kochkunst bewundert. "Gut, ich werde Sie anrufen." Er zögerte es hinaus.

Er schenkte sich ein Glas Rum ein und las den Brief weiter. Er musste eine Seite vorher noch mal lesen, weil er es schon vergessen hatte. Esther gab der Frau zweihundert Mark aus dem Umschlag, die steckte sie ein und bedankte sich unter Tränen. "Ich machte mir Vorwürfe, daß ich sie noch mehr zum Heulen gebracht habe." "Aber nicht doch", sagte Paul, "dafür kannst du ja nun wirklich nichts."

Esther blieb da, sie schlief auf dem Fußboden, bloß mit einer Decke. "Eine alte Frau, die unten wohnte, gab uns Wasser. Nach zwei Tagen hatte ich irgendein Ungeziefer in meinen Sachen." "Mein Gott, Esther", murmelte Paul, "das musst du nicht tun, diese Leute sind dir doch eigentlich ganz fremd." Und er dachte an Josef Waldstein, der vielleicht irgendwo recht hatte.

Dann fand sie morgens einen Zettel, den Ingrid geschrieben hatte. "Ich bekam einen mächtigen Schreck, weil ich im ersten Moment dachte, es wäre ein Abschiedsbrief und sie hat sich was angetan." Ingrid teilte ihr mit, daß sie Hannover verlässt. (Sie war so leise gegangen, daß Esther nicht aufwachte.) Sie bedankte sich noch mal für das Geld. Sie will nach Ueckermünde fahren, wo sie Leute kennt, bei denen sie unterkommen kann. Ob sie die beiden Kinder mitgenommen hat, war unklar.

Esther schrieb: "Sie hat ganz unten auf dem Zettel die Adresse von den Freunden dort notiert, und ich habe mich natürlich gefragt, warum sie das gemacht hat. Sollte ich mich vielleicht um die Kinder kümmern und sie auch dorthin schicken oder sie sogar selbst hinbringen? Aber ich wusste doch gar nicht, wo sie jetzt sind.

Ich habe mit der Frau gesprochen, die eine Etage drunter wohnt, und wie ich bei ihr bin, kommt die Polizei ins Haus und geht in Ingrids Wohnung. Und dann kommen sie zu der Frau und fragen nach Ingrid Mahler, und sie sagt, die hat heute früh das Haus verlassen. Und ich stehe da in der Küche und sehe die Leute in ihren Uniformen und die sehen mich an.

Oh Paul, ich kann dir nicht sagen, was ich auf einmal für eine Angst hatte, es war richtige Todesangst. Sie fragen die Frau, wer ich sei, und sie sagt, ich bin ihre Nichte Klara Weigand. Und ich denke, Mensch, warum sagt sie so einen Namen, den können sie doch sofort überprüfen. Einer sagt, wenn die Mahler noch mal wiederkommt, sollen wir sie festhalten und ihnen Bescheid geben. Verstanden! brüllt er, und wir zucken beide zusammen und nicken nur."

Als Paul das las, überlief ihn ein Schauer. Er dachte unwillkürlich an seinen Revolver, der im oberen Schubfach vom Schreibtisch lag. Aber was für ein alberner Gedanke war das! Er saß hier und konnte nicht den kleinsten Finger rühren, um Esther zu helfen.

Und je deutlicher er sich seiner eigenen Hilflosigkeit bewusst wurde, die ihrerseits zu weiterer Untätigkeit führte - und umgekehrt - umso schwerer fiel es ihm weiterzulesen. Er trank einen Schluck Rum. Er schaute auf den Briefumschlag mit den Hitlermarken, jetzt zeigte dieser Teufelskopf sein wahres Antlitz. Paul konnte auf einem der Poststempel "Ueckermünde" lesen. Also ist sie auch dort gewesen. Er las weiter, es waren noch drei Seiten.

"Ich habe eine Fahrkarte gekauft und bin ihr hinterhergefahren. Dann ist mir eingefallen, daß sie uns vielleicht nur in die Irre führen wollte und deshalb auch die Adresse hingeschrieben hat, und mir ist wieder ganz schlecht geworden. Ich hab' in dem Zug gesessen und diese öden Felder da in Mecklenburg sind an mir vorbeigezogen und ich bin immer tiefer hineingefahren, und ich hab' mich so allein gefühlt, Paul, so allein hab' ich mich noch nie gefühlt. Ich hab' versucht, an dich zu denken, ich hab' zu dir geredet vielleicht hast du mich gehört aber es ist nicht besser geworden. Wenn immer du etwas zu mir gesagt hast, es ist leider nicht angekommen. Paul, es tut mir so leid, daß ich mich in diesem Moment nicht eins mit dir fühlen konnte."

Paul schluckte, sein Hals war wie zugeschnürt. Er las schneller, er überflog die Zeilen, als würde er ihnen eine andere Färbung verpassen. Es wurde besser, es gab ein gutes Ende, ein vorläufiges. Zwischen Esthers einsamer Fahrt nach Vorpommern und dem Schluss lag eine Woche, und tatsächlich klangen die letzten Schilderungen nicht mehr ganz so bedrückend. Esther hatte ihre Festigkeit zurückgewonnen. Ingrid freute sich, sie wiederzusehen, und sie sagte, sie habe sich unbemerkt davongemacht, weil sie Esther nicht noch mehr in die Sache hineinziehen wollte. Sie hatte die beiden Kinder natürlich mitgenommen, es sind "allerliebste Geschöpfe", die die Widerwärtigkeiten ihres Lebens, das ja immer noch eine Kindheit ist, mit großer Gleichmut ertragen. "Ich wünschte uns manchmal einen solchen unschuldigen Optimismus, aber wir sind leider keine Kinder mehr."

Ingrid sagte, sie habe diese Reise mit ihren Kindern niemals unternehmen können ohne das Geld von Onkel Josef. Sie versuche auch, den Verlust ihres Mannes zu verkraften, aber dabei könne sie, Esther, ihr wenig helfen, und die Kinder zu trösten wage sie auch nicht, weil sie bestimmt nicht das Richtige sagen würde.

"Wie kann ich Ihnen erklären, daß sie womöglich ihren Vater nicht wiedersehen werden? Jede gutgemeinte Ausrede wäre Schwindel, und jede Erklärung, wenn ich sie hätte, müsste sie verderben. Ich bin verwundert aber auch froh, daß sie nicht fragen, aber ich weiß natürlich nicht, was Ingrid ihnen erzählt hat." Paul war gerührt von Esthers Mitgefühl für diese Kinder, und er war beeindruckt, wie gut sie sich in sie hineinversetzen konnte. Er kannte diese Fähigkeit von ihr, und er hatte oftmals gedacht, wie nützlich sie für die Erziehung der Kinder, die sie beide haben werden, sein würde.

"Wir wohnen in einem Dorf bei Ueckermünde im Hinterhaus von Ingrids Freunden, einem älteren Ehepaar. Der Mann ist Gewerbetreibender, der oft unterwegs ist. Wir helfen der Frau im Haushalt und bei dem Viehzeug. Die Leute hier sind recht ärmlich, aber sie sind zufrieden. Vom Krieg und von der Politik bekommen wir nichts mit. In Ueckermünde haben wir uns ein paar Sachen gekauft, bei einem 'Lumpensammler', aber sie sind tiptop.

Seit einer Woche müssen wir nicht mehr alle Öfen heizen, es wird nämlich Frühling. Ich laufe mit den Kindern oft zum Stettiner Haff (das ganz in der Nähe ist) und wir sehen, wie das Eis über Nacht geschmolzen ist, und mittags in der Sonne ist es manchmal schon richtig warm. Als ich herkam, hatte ich einen bösen Husten und dauernd Kopfschmerzen, das ist jetzt alles weg.

Aber natürlich denke ich daran, daß ich bald wieder nach Hause muss. (Schreibe mir deshalb wie immer nach Dresden.) Jetzt warten wir alle nur darauf, daß Ingrids Baby kommt. In der Nachbarschaft ist eine Hebamme und im Ort gibt es einen Arzt für alle Fälle. Die Hebamme sagt, es dürfte höchstens noch zwei Wochen dauern. Ingrid meinte letztens zu mir, daß sich im Moment alles zu ihren Gunsten gewendet habe und sie manchmal gar nicht weiß, wie ihr geschieht."

Oh, was hätte Paul dafür gegeben, um jetzt bei seiner lieben Esther sein zu dürfen. Er konnte sich alles richtig vorstellen, er sah Esther, wie sie die klobigen Holzscheite in den Ofen wuchtet, wie sie mit den Kindern herumalbert, wie sie das Schwein mit Kartoffelschalen füttert, wie sie an das frischgewaschene Kleid vom Lumpensammler einen Knopf annäht, wie sie am Haff entlang läuft und aufs Meer blickt. Er sah sogar, wie ihr schwarzes Haar in der Sonne glänzt. (Obwohl sie wahrscheinlich noch eine Mütze aufhat.)

Er saß lange im Dunkeln und ließ die Gedanken kreisen, dann griff er zum Telephon und rief Lydia an. Er wollte sie für morgen zu Bernardas Fischsuppe einladen. Aber eigentlich wollte er mit jemandem reden. "Paul? Was ist los? Es ist mitten in der Nacht." Er hatte sie geweckt, da wurde ihm erst bewusst, welche Zeit ist.

Sie klang halb schlaftrunken, er sagte das mit der Fischsuppe. Sie schwieg, er konnte hören, wie sie ein Gähnen unterdrückt, dann sagte sie ziemlich gequält: "Ich glaube, ich muss Sie enttäuschen, ich habe morgen viel zu tun, ich bekomme Lieferung, Sie verstehen. Außerdem ... mein Appetit auf Fischsuppe ist erstmal gestillt. Seien Sie nicht böse und gehen Sie jetzt schlafen, okay?" Er entschuldigte sich für die Störung, aber sie hatte schon aufgelegt.

* * * * *

Paul hatte seine Transportplanung der neuen Pumpe an den Chef weitergegeben, und jetzt staunte er nicht schlecht, als der ihm sagte, es laufe alles wie geschmiert, die Pumpe wäre in Resistencia angekommen und müsste in drei oder vier Tagen in Bela Vista sein. "Wieso hat mich niemand informiert", fragte er und war richtig wütend geworden, "ich sollte den Transport persönlich managen." "Aber Paul", beschwichtigte ihn der Chef, "wir können hier nicht so lange auf Sie verzichten. Außerdem geht alles seinen Gang." "Wer begleitet die Fracht?" Der Chef nannte ihm die Leute, und Paul wusste nun auch, warum er diejenigen in den letzten Tagen nicht gesehen hatte. "Dann fahre ich wenigstens nach Bela Vista." "Warum denn? Was sollte auf dem letzten Stück noch passieren, das Ihre Anwesenheit erforderlich machen würde? Beruhigen Sie sich und erwarten Sie Ihre neue Pumpe, ich verspreche Ihnen, wenn Sie da ist, gebe ich sie voll und ganz in Ihre Hände." Paul verließ mit grimmigem Gesicht das Büro.

Welcher Teufel hatte ihn am Nachmittag dazu getrieben, zu Felix Permoser in den Keller zu gehen, um eine kleine Nachforschung anzustellen? Felix Permoser verwaltete das Archiv der Mine, das heißt neben dem ganzen Schriftkram und den Abrechnungen, sobald sie in der Buchhaltung erledigt waren, auch die technische und wissenschaftliche Dokumentation. Paul hatte zu ihm ein eher kühles Verhältnis, seine Eltern leben in Österreich, und zwar in Braunau, wo der Hitler herstammt, und Permoser wurde nie müde, Paul wieder und wieder von seiner reizvollen Heimat zu erzählen.

Heute war er aber sehr wortkarg, und als Paul nach dem Gutachten von der Probebohrung in Schacht 5 fragt, da zeigt ihm Permoser bloß, wo das Regal steht und welche Registriernummer der Ordner hat. Paul ist froh, von einem weiteren Braunau Vortrag verschont zu bleiben, aber dann ruft ihm Permoser nach: "Wozu brauchen Sie das denn, Herr Kelling? Es ist nämlich so, ich habe Weisung, die Akten unter Verschluss zu halten." Paul stutzte, dann sagte er: "Es geht um die Stelle, wo die neue Pumpe aufgestellt werden soll, wir brauchen die Stärke von dem Granitmassiv. Fragen Sie den Chef, wenn Sie's für nötig halten", fügte er hinzu und verschwand hinter den Regalen.

"Herr Permoser?", rief er dann, "Hier ist etwas durcheinander geraten." Permoser kam um die Ecke geschossen und langte zielgenau nach einem bestimmten Ordner. Paul sagte "Ach da steht er." Permoser hielt kurz inne, auf seinem Gesicht war der Ausdruck eines Jungen, der sich nach einem Streich selbst verraten hat, dann meinte er: "Ja, wo denn sonst?" "Sie hatten mir etwas anderes gesagt." "Habe ich nicht." "Darf ich?"

Paul blätterte in den Papieren, er konnte das Gutachten nicht finden. Dann lag da ein Zettel, auf dem mit Bleistift geschrieben stand, daß sich die Unterlagen von den Probebohrungen zur Zeit in der Calle de San Raimundo befinden. "Was heißt das?"

Permoser betrachtete den Zettel, als sehe er ihn zum erstenmal. "Das heißt, die Unterlagen sind nicht hier." Paul blätterte noch mal durch, Permoser sagte "Oh, jetzt weiß ich nicht mehr, wo der Zettel gesteckt hat." Dann fand er doch noch zwei Seiten, die offenbar dazu gehörten. Was er darauf lesen konnte, das verschlug ihm die Sprache. Permoser fragte "Genügt Ihnen das für Ihre Zwecke?" "Was? Ja, ja, die Angaben reichen völlig aus." "Dann ist ja gut. Nein lassen Sie, ich mache das schon", sagte Permoser und stellte den Ordner ins Regal zurück, nachdem er den Zettel zwischen die Seiten geschoben hatte.

Paul überlegte, ob er zum Chef gehen oder für sich behalten sollte, was er eben gesehen hatte. Aber dann dachte er, wenn es sich hier um irgendeine Mauschelei handelt, würde er nur noch mehr dazu beitragen, wenn er es nicht anspricht.

Er ging zum Chef, der dachte, es geht immer noch um die Pumpe. "Was meinen Sie mit dem Gutachten? Was hat denn das damit zu tun?" "Haben Sie es eigentlich selbst gelesen?" Der Chef druckste ein bisschen herum, er wollte sich wohl keine Blöße geben. Aber Paul hatte es ja offenbar selber nicht gelesen. "Was haben Sie daran auszusetzen?", fragte er ihn. "Da steht drin, daß die Bohrungen in Schacht 5 kein Kupfer angezeigt haben?" "Das ist ganz unmöglich. Das konnte ich dem Bericht nicht entnehmen." "Auf den zwei Seiten, die ich eben gesehen habe, steht ausdrücklich, daß in den Bohrungen Nummer fünfzehn bis einundzwanzig maximal vier Prozent Kupfer war." "Natürlich war nicht in allen Bohrungen Kupfer. Paul, muss ich Ihnen erklären, in welcher Streuung Bohrungen angebracht werden?"

"Dummerweise steht da aber auch, daß diese Bohrungen die Resultate der vorangegangenen bestätigen." "Und die anderen Resultate haben Sie auch gesehen?" "Nein, wie gesagt, es sind nur die beiden Blätter unten beim Permoser, der Rest ist gerade beim Bürgermeister." (Paul wusste, daß sich in der Calle de San Raimundo das Bürgermeisteramt befindet und daß nur dieses als Verbleib gemeint sein konnte.) "Dann können Sie bloß abschätzen, was im ganzen drinsteht. Ich sage Ihnen jedenfalls, Sie liegen falsch. Und warum sagen Sie 'dummerweise'? Das klingt ganz so, als würden Sie den Inhalt des Gutachtens anzweifeln." "Aber im Gegenteil", beteuerte Paul, "ich weise nur darauf hin, daß da eine ungeheuerliche ..." "Hören Sie, Paul, wenn Sie sich Klarheit verschaffen wollen, dann gehen Sie zum Bürgermeister und lassen sich das Gutachten geben."

Paul fiel ein, wie ihm Manuel ein Schreiben aus dem Bürgermeisteramt zum Lesen gegeben hatte. Der Bürgermeister würde das Gutachten höchstwahrscheinlich nicht herausrücken. Sollte er Manuel darum bitten, es für ihn zu besorgen? Und warum will der Chef gar nicht erfahren, was wirklich drinsteht? Oder hat er es vielleicht doch gelesen und weiß, daß er, Paul, sich gehörig irrt?

Er wollte gehen, da brauste der Chef auf einmal auf. "Was sollten wir denn Ihrer Meinung nach tun? Die Arbeiten im Schacht 5 einstellen? Die Maschinen abschalten? Die Leute entlassen? Der Gesellschaft mitteilen, daß wir hier in Santa Rosa zu dem Entschluss gekommen sind, kein Kupfer mehr zu fördern? Daß wir aber auch die Investitionen nicht zurückzahlen? Oder wollen Sie das aus eigener Tasche leisten? Und Ihre Pumpe, sollen wir die jetzt wieder nach Deutschland zurückschicken? Auf unsere Kosten natürlich? Oder übernehmen Sie das auch, Senor Kelling? Sollen wir den Laden dichtmachen und ab morgen Kürbisse züchten?"

Er machte eine Pause und holte Luft. "Ich habe Sie bisher immer für einen cleveren Mann gehalten, der mit seiner Arbeit sich und anderen nützlich sein kann. Aber muss ich einsehen, daß Sie in Wahrheit so ein Riesenarschloch sind, das sich mit den Gegebenheiten nicht abfindet und stattdessen irgendwelche Hypothesen anstellt, die zu nichts führen als zu Unsicherheiten und Verlusten?"

Paul hätte es nie für möglich gehalten, das Wort "Riesenarschloch" aus dem Munde dieses Mannes zu hören, und es traf ihn mit voller Wucht. Es wurde auch keineswegs abgemildert, als der Chef hinzufügte: "Besinnen Sie sich auf Ihre Fähigkeit, das Beste aus allem zu machen, was Sie vorfinden. Ich weiß, daß das Ihre Stärke ist. Und überlassen Sie die Angelegenheiten, auf die Sie keinen Einfluss haben, anderen. Das ist ein Ratschlag, Paul, keine Bitte und keine Forderung."

Für einen Moment fühlte sich Paul an den General erinnert, der ihm auch schon einmal geraten hat. Er wollte dem Chef entgegnen, er solle sich seine Ratschläge an den Hut stecken, aber er befürchtete, daß ihr Streit dann eskaliert. Sie sahen sich beide an, jeder mit unnachgiebiger Haltung und Paul nickte stumm. Es sollte bedeuten: "Wir sprechen uns noch!", aber draußen dachte Paul: 'vielleicht hatte es der Chef als Einverständnis hingenommen.'

Er ging zu Lydia, sie kritzelte wieder in irgendwelchen Listen herum. Auf einer Stehleiter vor dem Schrankregal waren Juana auf der einen und Nemesio auf der anderen Seite hochgeklettert und untersuchten die Schubfächer, sie riefen Lydia abwechselnd etwas zu. "Ah, Paul", sagte sie, ohne kaum aufzublicken. Juana rief "Der Kasten hier ist voller Kämme." "Was?" "Kämme, zum Haarekämmen, mindestens zehntausend Stück." "Aus Schildpatt?" "Was?" "Zeig' mal einen." "Die sind zusammengebunden." "Dann zeig' mir ein Bündel." Juana zog es aus dem Kasten und hielt es hoch. "So sehen die aus." "Nee, das sind die billigen, die schmeiß' ich besser gleich fort." "Vorsicht, Senor Paul", rief Juana und warf das Bündel mit den Kämmen vor seine Füße. "Was soll ich damit?" "Wegschmeißen", murmelte sie und wandte sich wieder den Schubfächern zu. "Lassen Sie's liegen", meinte Lydia.

Dann deutete sie auf den Tisch und sagte: "Da ist frischgebackener Schokoladenkuchen, bedienen Sie sich. Hinten ist vielleicht auch noch heißer Kaffee. Ansit!" Ansit kam aus dem Lagerraum, er lächelte Paul zu, aber der spürte plötzlich ein Unbehagen, es gefiel ihm überhaupt nicht, daß Ansit bei Lydia im Laden war. "Ansit, was mir grade einfällt: hat sich Senor Carrasco eigentlich wegen dem Holz für die Weidezäune schon entschieden? Und ist noch Kaffee da?"

Paul sagte zu ihm "Ansit, die Polizei sucht dich." Juana auf der Leiter drehte sich zu ihnen um, dann schaute sie Nemesio an. "Ja, ich weiß", sagte Ansit. "Es ist vielleicht nicht so gut, wenn du dich hier aufhältst", sagte Paul. Lydia richtete sich auf. "Was wollen Sie damit sagen, Paul? In meinem Laden kann sein, wen immer ich hier dulde."

Er sah sie beleidigt an. Das war an diesem Tag schon die zweite Abfuhr, die er einstecken musste. Er erwiderte "Es interessiert mich einen Scheißdreck, wer hier ein und aus geht." Er machte eine Kopfbewegung zu ihm hin, seine Stimme war brüchig geworden. "Ich wollte Ansit lediglich warnen." Lydia senkte schnell den Blick.

Ansit versuchte zu beschwichtigen. "Danke Paul, ich weiß, daß du ein guter Freund bist." "Ich brauche auch keinen Beistand." "Was ist Ihnen denn über die Leber gelaufen?", fragte Lydia.

Sie waren alle ein bisschen ratlos. Paul lenkte ein und sagte "Nichts. Ich weiß nicht, das ist heute nicht mein Tag." "Ich schau' mal nach dem Kaffee", sagte Juana und sprang von der Leiter. Lydia sagte "Es ist nicht so, daß ich Ansit hier verstecken würde." "Nein, das habe ich auch nicht gemeint." Wie sehr hätte er sich gewünscht, mit ihr allein zu sein.

"Es ist auch nicht die Polizei, die mich sucht", sagte Ansit. "Wer dann?" "Mein alter Feind: El Halcón. Es waren er und seine Leute, die uns auf der Straße überfallen haben." "Hat es ihnen nicht gereicht, euch von eurer Pflanzung zu vertreiben? Was wollen sie jetzt von euch?" "Es gefällt ihnen nicht, daß sich welche von uns dagegen wehren. Sie glauben, wenn wir ihr Geld angenommen haben, müssten wir uns auch an die Vereinbarung halten. Aber ich zum Beispiel habe ihr Geld nicht genommen, und einige andere auch nicht, und wir fühlen uns an keine Vereinbarung gebunden."

"Dieser El Halcón, handelt er wirklich nur im eigenen Interesse? Oder steckt da jemand dahinter?" Lydia sagte "Möglicherweise der Kerl, den Sie gern mal kennenlernen möchten: Freddy Alvaro Garcia."

Paul überlegte, woher Lydia von ihm wüsste, dann erinnerte er sich an Manuel, der ihn erwähnt hatte, als sie draußen in der Taberna waren. Aber daß sie sich den Namen gemerkt hatte! "Ich wäre mir da nicht so sicher, ob Garcia der Auftraggeber ist", meinte Ansit. "Ich sagte ja auch: möglicherweise."

"El Halcón hat in den vergangenen Monaten eine ansehnliche Truppe aufgestellt. Als das losging mit den Angriffen auf unsere Siedlung, da waren es nur ein paar Spitzbuben, die sich für eine Flasche Schnaps haben kaufen lassen. Sie waren nicht mal richtig ausgerüstet. Deshalb haben wir sie auch nicht ernst genommen, wir haben sie verprügelt und fortgejagt. Jetzt sind es nicht nur viel mehr Leute, sie haben auch bessere Waffen, sogar Maschinenpistolen, und sie haben eine straffe Organisation."

"Dann sind das die Paramilitärs, von denen die Rede ist?", fragte Paul wie beiläufig, seine Gedanken wollten ihm nicht gehorchen. "Ja. Und sie existieren dadurch, daß sie Aufträge erledigen, von Leuten, die natürlich unerkannt bleiben. Deshalb haben sie's auch nicht nötig zu plündern und zu rauben, sie zerstören einfach nur alles, legen Feuer oder sprengen alles in die Luft." "Bernarda war enttäuscht, daß Sie ihre Fischsuppe verschmäht haben", sagte Paul zu Lydia gewandt.

Ansit verstummte, als er sah, daß ihm Paul nur mit halbem Ohr zuhörte. Lydia schaute zu Ansit, und Paul glaubte, in ihren Blicken eine Verständigung zu erkennen. Dann widmete sie sich wieder ihrer Liste und murmelte bloß "Aha." Er hätte ihr etwas Grobes sagen wollen oder sich selbst ohrfeigen, er war total unschlüssig. Sie strich sich eine von den widerspenstigen Haarsträhnen hinters Ohr, und das war es, was Paul nicht mehr länger aushielt gleichgültig mitanzusehen.

Zum Glück kam Juana mit dem Kaffeetablett. Sie machte eine Miene, als wäre sie dafür verantwortlich, jede Zwietracht im Keim zu ersticken: "Senor Kelling, Sie sagen bitte hier nie wieder 'Scheißdreck' oder etwas ähnliches." Nemesio grinste hörbar, und Juana brachte ihn mit einem Blick zur Räson. "Sie ist ein Engel, nicht wahr?", sagte Lydia, "Ansit, ist sie in Wirklichkeit ein Engel?" "Natürlich", erwiderte er.

Juana hatte den Kaffee verteilt. Ihre zarten Mädchenhände bewegten sich tatsächlich wie zu etwas Überirdischem gehörig. Sie sagte "Könnt ihr nicht miteinander reden wie normale Erwachsene? Ich bin nicht euer Engel." "Meiner vielleicht", rief Nemesio. Juana holte Luft, um etwas anderes zu entgegnen, dann sagte sie jedoch: "Da musst du dich aber noch ein bisschen mehr anstrengen." "Está bien."

Paul versuchte zu erklären. "Ich sage sonst nie so was. Aber heute hat mich mein Chef ein - entschuldige Juana, ich gebe es nur wieder - ein Riesenarschloch genannt." Ansit musste lachen, und das ärgerte Paul noch mehr. Lydia sagte "Ist das wahr? Und das lassen Sie sich gefallen?" Paul kämpfte um seine Beherrschung.

Es gab eine Pause, die unerträglich war, und selbst Juana war mit ihrer Kunst am Ende. Endlich kamen zwei Frauen in den Laden, Lydia stürzte sich förmlich auf sie. Paul fragte Ansit wie einen Reisenden: "Und wie lange bleibst du in Santa Rosa?" "Bin heute abend wieder weg."

Paul hatte den Wagen ein paar Schritte entfernt geparkt. Als er hin ging, holte ihn Ansit ein. "Hör' mal Paul, warum bist du sauer auf mich?" "Ich? Auf dich sauer?" "Mach' mir nichts vor, ich spüre es. Auch Lydia spürt es." "Hat sie das gesagt?" "Was ist los mit dir? Hast du Probleme mit deinem Chef? Oder ist zu Hause etwas passiert?"

Einen Moment lang suchte Paul nach Worten, aber dann fühlte er einen kalten, betäubenden Stich im Innern, wie wenn er von etwas abgeschreckt werden soll. Er sah Ansit ins Gesicht und sagte "Wo ist eigentlich das Flackern in deinen Augen hin?" "Was?" "Dieses gefährliche Leuchten, das du damals in der Bar hattest." "Wovon zum Kuckuck redest du?"

Spätnachts klingelte das Telephon. Paul nahm nicht ab, er schlief weiter. Er hatte einen unschönen Traum. Es donnerte an seine Tür, und als er öffnete, stand da El Halcón, der Falke, mit ein paar schwerbewaffneten finsteren Gesellen. Er hatte tatsächlich den Kopf eines Falken oder eines Geiers, aber ein schwarzes Barett obendrauf. Er sagte: "Senor Kelling, wo haben Sie Esther Waldstein versteckt? Sagen Sie es oder wir stechen Ihnen ein Auge aus." Aber das hörte sich an, als würde ihn sein Nachbar fragen, ob er noch Schnaps im Haus habe, und Paul lächelte, und die Waffen der Leute sahen gar nicht wie Waffen aus, sondern wie Musikinstrumente, und im nächsten Moment spürte er, wie sich eine eiskalte Messerklinge in sein linkes Auge bohrte und er vor Schmerzen aufschrie.

Dann stand er mit einer Frau am Ufer, er konnte alles nur in zwei Hälften geteilt sehen, die rechte Hälfte war farbig, die andere war wie mit einem sehr dunklen Schatten überzogen, offenbar war das, nachdem er sein Auge verloren hatte.

Das Ufer war mit Schilf bewachsen, 'so stelle ich mir das Haff vor', dachte Paul, und dann sagte die Frau, die er auch nur halb deutlich erkennen konnte, sehr ernst: Paul, wir haben beschlossen, Sie mit einem Auftrag nach Puerto Abente zu schicken. Was soll ich tun? fragte er. Den ... ermorden, sagte sie, aber den Namen konnte er nicht verstehen. Warum ich? Weil Sie von uns allen am besten zielen können, sagte sie und lachte irre, und da fiel ein Blumentopf vom Fensterbrett auf den Boden und zerbrach.

Er erwachte, und stellte fest, daß der Blumentopf wirklich heruntergefallen war, denn durch das nicht geschlossene Fenster hatte sich die Katze hereingeschlichen. Paul sah in der Ecke ihre grünen Augen funkeln und er legte die Finger auf seine und vergewisserte sich, daß alles heil war.

Noch am Nachmittag hatte er von diesem Traum ein dumpfes Gefühl im Kopf. Im Club Espanol traf er den Bürgermeister, und er sprach ihn ohne Umschweife wegen des Gutachtens an. Wider Erwarten sagte der Bürgermeister, er würde es Paul jederzeit zur Einsicht geben, zumal er es momentan selbst nicht unbedingt benötige. Er solle sich an Sergio Flores wenden. Das tat Paul, und er versuchte herauszukriegen, inwieweit Sergio über die wirklichen Umstände in der Kupfermine unterrichtet ist. Aber der war überrascht, jedenfalls wirkte er so. Wieso der Bürgermeister Paul zu ihm geschickt habe? Von einem Gutachten habe er keine Ahnung, hätte er noch nie gesehen.

Im Bürgermeisteramt in der Calle de San Raimundo schien Sergio sich sehr frei zu bewegen, obwohl er offiziell nur den Posten eines Verwaltungssekretärs innehatte, allerdings für den Stadtteil La Ronda, wo sich eine Menge Geschäfte und Gewerbebetriebe befanden, die sicher für einen beträchtlichen Teil der Steuereinnahmen sorgten. Der Bürgermeister war leider nicht im Hause, und zu seinem Amtszimmer hatte Sergio denn doch keinen Zutritt.

"Warten Sie hier, Senor Kelling, ich werde sehen, was ich tun kann." Es dauerte eine Weile. Paul betrachtete die Photographien an der Wand, es waren Ansichten von Santa Rosa, als die Hauptstraße, die neue Kirche, der Bahnhof, das Warenhaus und manche andere Bauwerke errichtet worden waren, es sah alles sehr imposant aus.

Nach zehn Minuten kam Sergio zurück. "Ich habe hier etwas, aber ich weiß nicht, ob es das ist, was Sie suchen." Paul überflog die Seiten, es war das Gutachten über die Mine, speziell über den Schacht 5. Bei den Ergebnissen der Probebohrungen waren an den relevanten Stellen, also dort, wo sich offenbar die Erzader befindet, enorme Anteile Kupfer registriert worden.

Die zwei Seiten, die Paul im Archiv bei Felix Permoser gefunden hatte, gab es in dieser Akte ebenfalls, sie hatten völlig andere Angaben, sahen jenen aber ansonsten zum Verwechseln ähnlich.

"Wer hat das eigentlich erstellt?", fragte Paul, und Sergio zog die Brauen hoch: "Wer das erstellt hat? Ich dachte, das wäre Ihnen bekannt, schließlich sind Sie doch der Ingenieur bei der Mine. Ich glaube, hier hinten steht ... ja hier", er tippte auf einen Stempel mit Unterschrift, die Paul übersehen hatte. "Wollen Sie's mitnehmen?", fragte Sergio, "dann müsste ich das kurz nachweisen." "Nein Sergio, nicht nötig, ich danke Ihnen für Ihre Hilfe."

"Wann machen wir mal wieder einen Ausflug?" "In die Berge?" "Ja. Vielleicht treffen Sie jetzt andere Leute da oben in dem Dorf." "Ich wüsste nicht wen. Was macht eigentlich Ihr Ohr." "Mein Ohr? Ach so, von wegen dem Schuss, das hat sich wieder gegeben. Übrigens, den Revolver, den Sie besitzen, das ist ein ziemlich altes Modell, oder?" "Ja, das stimmt, ich habe auch nie einen gebraucht." "Aber Sie haben einen." "Ja. Ich weiß nicht, für alle Fälle vielleicht." "Besser ist es. Ich wollte Ihnen bloß sagen, daß ich Ihnen einen neuen besorgen kann, wenn Sie wollen." "Ist er teuer?" "Er ist von bester Qualität. Ich würde Ihren alten in Zahlung nehmen." "Das wäre zu überlegen." "Kommen Sie doch demnächst mal hier vorbei und bringen ihn mit, dann können Sie sich den neuen anschauen und entscheiden, ob Sie ihn haben wollen." "Gut. Adios Sergio." "Adios Senor Kelling, hasta luego."

Zu Hause schenkte er sich ein Glas Rum ein, und als er trinken wollte, klingelte das Telephon. "Hallo Paul, ich bin Ihnen keine Erklärung schuldig. Sie haben schon soviel für Ansit getan, und ich glaube, er leidet darunter, daß er es Ihnen nicht vergelten kann." "Langsam, Lydia. Was für eine Erklärung? Ich habe nie eine von Ihnen verlangt, und wofür auch." "Das schätze ich an Ihnen." "Was?" "Sie bedrängen die Leute nicht gegen ihren Willen."

Er trank einen Schluck aus dem Glas. Sie wartete, daß er etwas sagt. "Ist Ansit jetzt öfter bei Ihnen?" "Er und seine Kameraden haben ihre Yerba Plantage verloren." "Ich weiß." "Er hat praktisch keine Einkünfte. Ich habe ihn gefragt, ob er nicht ein paar Geschäfte für mich vermitteln kann und da bringt er mir den ein oder anderen Auftrag, das ist alles. Außerdem ist Juana ständig mit Nemesio zusammen." Irgendwie hatte es für ihn doch wie eine Erklärung geklungen. "Ja, die beiden machen jetzt Ihren Laden unsicher, während es bei mir im Garten ziemlich ... na ja." "... Ziemlich trostlos aussieht?", ergänzte Lydia.

"So schlimm ist es nicht. Ich habe mich letztens ein bisschen töricht benommen." "Ach ja." "Was ach ja?" "Wir haben alle mal unsere Zeit, wo wir mies drauf sind. Die echten Freunde erkennt man daran, daß sie so was ertragen können." "Ich bin gerührt." "Nur mit Ihrem Sarkasmus, da richten Sie vielleicht mehr Schaden an, als Ihnen lieb ist."

"Und ich dachte, Sie sind selber sarkastisch." "Ich? Nennen Sie mir ein Beispiel?" "Jetzt fällt mir grade keins ein." "Na bitte!" "Aber ich würde das nicht behaupten, wenn ich es nicht erlebt hätte. Ich weiß auch, wann Sie sarkastisch werden können." "So? Wann denn?" "Wenn Sie befürchten, daß nicht das eintritt, was Sie sich erhofft haben und wenn Sie sich nicht eingestehen wollen, daß alle Anstrengung umsonst war."

Sie schwieg, und Paul war selbst betroffen von seinem Urteil. Dann sagte sie: "Machen Sie sich heimlich Notizen über mich?" "Nein." "Das ist schon weit mehr als bloß eine Feststellung von etwas, das einem auffällt." "Ja, das ist es wohl." "Und weiter?" "Ich habe mich wahrscheinlich unbewusst mehr mit Ihnen beschäftigt, als ich es mir selbst zugetraut hätte." Sie lachte kurz.

"Aber Sie betrachten mich nicht als irgendein exotisches Tier, Paul?" "Sie meinen eins, von denen es vielleicht im ganzen Land bloß noch fünf Exemplare gibt?" "Ja, oder auf dem ganzen Kontinent." "Ich weiß nicht; etwas außergewöhnlich sind Sie schon, Lydia." "Eine Seltenheit?" "Ja, könnte man sagen, eine Seltenheit, das trifft es. Etwas, das nur schwer zu finden ist." "Oh danke. Die Frage ist bloß, ob überhaupt jemand danach sucht." "Manchmal sucht man nach Dingen, ohne daß man sich dessen bewusst wird. Manchmal erfährt man nie etwas davon, es ereignet sich irgendwie im Untergründigen." "Sie haben dennoch schon Einiges über mich herausgekriegt, mal abgesehen davon, ob es stimmt." "Es könnten auch nur Vermutungen sein, von denen man glaubt, sie würden einen weiterbringen." "Das verstehe ich nicht. Sie verlassen sich auf Vagheiten? Sie als Ingenieur? Haben Sie nicht eine panische Angst vor Fehlern?" "Vor welchen, die ich verschuldet hätte? Oder vor welchen, die sich einschleichen?" "Vor allen, die ihnen schaden, wenn sie offenbar werden, ist doch egal, wie sie entstanden sind." "Wenn man immer daran denken muss, man könnte was falsch machen, dann kommt man zu gar nichts mehr."

"Wieso reden Sie eigentlich ständig in der dritten Person? Habe ich es jetzt nicht mit Ihnen selbst zu tun?" "Doch, ja." "Dann sagen Sie's auch so." "Was?" "Was Sie über sich denken, wenn Sie sich mit mir beschäftigen." Er überlegte einen Moment. "Erstens sind das gar keine richtigen Gedanken, das sagte ich vorhin schon." "Was dann? Gefühle? Empfindungen? Sie experimentieren doch nicht bloß herum?" Er lachte. "Nein, mein Ehrenwort, so was kann ich nun überhaupt nicht. Na ja, alles, was sich nicht im Kopf abspielt, das geht doch wohl hier vor sich." Er legte die Hand auf seine Brust, ohne zu beachten, daß sie beide sich am Telephon unterhielten. "Im Herzen", sagte Lydia. "Oh ja, freilich, entschuldigen Sie, ich war eben so dabei, daß ich Sie direkt vor mir gesehen habe." "Was hab' ich denn an?" "Ähm, diese blaue Hose, diese Mechanikerhose." Sie lachte laut auf. "Und meine Haare?" "Hinten zusammengebunden ... und hochgesteckt." "Oh Paul, Sie sollten Hellseher werden." "Das ist sehr aufmerksam von Ihnen, daß Sie sich um meine Zukunft sorgen." Darüber mussten sie beide herzlich lachen.

"Hat Sie Ihr Chef tatsächlich beleidigt?" "Er hat sich so ausgedrückt, daß er es jederzeit zurücknehmen kann." "So ein Idiot. Erschießen Sie ihn doch einfach." "Machen Sie damit keine Scherze, Lydia, ich habe schon so einen Unsinn geträumt." "Oh, dann haben Sie's also schon mal durchgespielt." "Und ein Bekannter aus dem Bürgermeisteramt hat mir eine Waffe angeboten." "Mit der sollen Sie's tun?" "Nein, er meint, der Revolver, den ich besitze, ist zu alt." "Ich an Ihrer Stelle würde den alten nehmen. Bei uns zu Hause in Galway hat einmal ein Mann den Liebhaber seiner Frau mit einem Vorderlader erschossen, der seinem Großvater gehört hatte." "Und was soll das heißen?" "Daß man auch ein altes Gewehr noch abfeuern kann, wenn nur das Pulver frisch ist." "Ich würde dafür ins Gefängnis kommen." "Selbstverständlich. Aber nach einer Weile würden Sie auch wieder rauskommen." "Dann bin ich alt, wenn ich nicht sogar vorher sterbe." "In Gefängnissen stirbt man nicht am Alter." "Angenommen, ich würde nach fünfzehn Jahren rauskommen, wären Sie dann noch für mich da?" "Als was?" "Ich weiß nicht, als alte Freundin?" "Besser, Sie würden sich nicht darauf verlassen." "Wollen wir noch irgendwo was trinken?" "Jetzt?" "Ja. Ich hole Sie ab." "Ich muss mich umziehen." "Gut. Ich warte solange." "Meinetwegen."

* * * * *

Paul traf den Bürgermeister abermals im Club Espanol. Er entsann sich des Gutachtens, und Paul sagte, es habe alles geklappt. Der Bürgermeister sprach von dem neuen Bürogebäude, das die Minengesellschaft in Santa Rosa baut, das Fundament sei schon fertig, er sei "entzückt" von den Bauplänen.

Ob Manuel einen Posten bekäme, fragte ihn Paul, und er bestätigte es. Es würde ein Haufen Arbeit auf ihn zukommen. Es ginge darum, den Transportverkehr auf der Straße vom Rio Vacaria über Puerto Abente abzuwickeln. "Er soll so schnell wie möglich alles ersetzen, das bisher von Bela Vista kam. Und das aus dem Westen wird hier abgezweigt und geht zum Rio Vacaria. Sie werden es nie wieder erleben, Senor Kelling, daß irgendein Hindernis diese Straße versperrt." Paul entgegnete "Über Bela Vista kommt doch so gut wie alles, was den Fluss von La Plata herauf gebracht wird. Ich meine, was für einen Hafen hat denn der Rio Vacaria an der Küste?"

Der Bürgermeister sah ihn kopfschüttelnd an, dann erklärte er: "Das geht alles stromaufwärts bis Montero und von da zum Rio Sangue." "Nach Norden?" "Ja, und der Hafen an der Küste ist natürlich auch viel weiter nördlich, die Schiffe brauchen nicht mehr bis nach La Plata runter." "Montero liegt aber schon jenseits der Landesgrenze." "Na und? Der Rio Sangue fließt auch keine Meile auf unserem Territorium. Mich interessiert nur, was das für Santa Rosa bedeutet, und da, mein verehrter Senor Kelling, können wir uns einen Aufschwung versprechen, wie wir ihn seit dem Bau der Eisenbahnlinie nicht mehr hatten."

Die Gesellschaft hatte vor, das Bürogebäude zu bauen, ohne es selbst zu nutzen; in der Mine hatte niemand darüber ein Wort verloren. Der Bürgermeister hatte die Unternehmensführung offenbar dazu überreden können. Jetzt ahnte Paul auch, welche Bedeutung das Gutachten (oder waren es mehrere?) für den Bürgermeister hatte. Sich Manuel auf einem Büroposten vorzustellen, das fiel Paul allerdings schwer, aber er war sich sicher, daß der Vater nötigenfalls jemand anderen finden würde, wenn er nur zur Familie gehört.

Dann kam ein weiteres Päckchen bei Paul an, das zweifellos für den General bestimmt war. Aber die Adresse war mysteriös. Da stand: Senor Don Paul Kelling, Movimento Nacional Socialista Santa Rosa. Er ging sofort zum General.

Der war in Uniform und umringt von einer Gruppe Männer (zwei davon ebenfalls uniformiert), die sich alle über eine Landkarte gebeugt hatten und irgendetwas besprachen, das Paul nicht mehr mitbekam, weil sie sogleich schwiegen.

Der General führte ihn in ein Nebenzimmer, nahm das Päckchen entgegen und legte es dahin, wo man es nicht mehr sehen konnte. Er sagte, das mit der Adresse wäre ein Versehen, "das soll nicht wieder vorkommen." Paul verbat sich, weiterhin als Empfänger zu fungieren, und der General meinte, es sei ihm eigentlich schleierhaft, wieso überhaupt noch etwas bei ihm angekommen ist. Dann sagte er nichts mehr und schaute Paul an, als wären sie bei ihrer letzten Begegnung im Streit auseinandergegangen.

Paul konnte nicht leugnen, daß er gern gewusst hätte, was es mit dieser Organisation auf sich hat; es war ja vor allem die Verbindung nach Deutschland, die ihn berührte. Aber das versteinerte Antlitz des Generals ließ keine Aufklärung darüber erwarten. Sie verabschiedeten sich höflich voneinander.

Paul fuhr zur Mine. Der Transport der neuen Pumpe war nun doch irgendwo zwischen Bela Vista und Santa Rosa wegen einer Panne aufgehalten worden. Der Chef war sehr freundlich Paul gegenüber, und der ließ die alten Einwände und Vorwürfe fallen; sie versuchten, die Sache nicht zu problematisieren, und Paul hatte das Gefühl, sie wären beide ganz froh darüber, daß sie gut zusammen arbeiten können, wenn es drauf ankommt. Außerdem war es anscheinend nicht nötig, den Chef zu erschießen, und darüber konnte Paul lachen.

Aber er spürte das Bedürfnis, mit jemandem, dem er vertrauen konnte, über alles zu sprechen, was in den letzten Wochen geschehen war, denn es gab zu viele Dinge, die ihm rätselhaft blieben, solange seine Gedanken sich nur wie im Kreis drehten oder sich an einigen ungewöhnlichen Details festhielten.

Es fehlte ihm der Impuls von außen, um alles neu zu durchdenken, und den könnte ihm wohl nur jemand geben, der nicht selbst darin verwickelt ist. Er fühlte sich wie einer, der zwar überall als ein Beteiligter auftritt (und auch als solcher angesehen wird), an dem aber die Fäden dieses Netzes, das die anderen miteinander verbindet, an allen Seiten vorbeigehen, und der Gefahr läuft, hindurchzufallen.

Vielleicht musste er auch endlich etwas unternehmen, eine Entscheidung treffen, einen Entschluss fassen, einen Schritt in eine Richtung tun, aus der es kein Zurück gibt, sondern nur die Konsequenzen, so schmerzlich sie auch sein mögen.

* * * * *

Nemesio räumte die leeren Obst und Gemüsekisten vorm Schaufenster weg; Juana bediente drinnen die Kundschaft. Als sie Paul sah, sagte sie "Lydia ist unten." Er ging in den Keller, es war heller als sonst. Er konnte Lydia nicht gleich entdecken, dann fand er sie auf einem alten Sofa sitzend, die Füße hatte sie gegen eine Kiste gestützt. "Ist das nicht toll?", sagte sie und deutete auf die offene Luke, durch die das Sonnenlicht mit einem breiten Strahlenbündel hereinfiel. Sie streckte den Arm nach oben in den Hof. "Ich hab' den da hingestellt, und jetzt kommt die Sonne direkt hier in meinen Keller." Paul schaute außerhalb des Lichtstrahls nach draußen, dort lehnte an der Schuppenwand ein riesiger Spiegel. "Meine Güte, das ist ein Prachtstück." "Ja, aus Venedig mitgebracht. Schauen Sie mal, Paul, würde das zu mir passen?"

Er setzte sich neben sie. Sie blätterte in einem Modejournal mit exklusiven Photos. "Das Kleid?" "Das Auto!", sagte sie eindringlich und tippte mit dem kleinen Finger drauf. "Können Sie denn Auto fahren?" "Und ob ich das kann, vielleicht besser als Sie." "Da gehört nicht viel dazu, ich bin kein großer Autofahrer." "Können Sie nicht ausnahmsweise mal versuchen, mir zu imponieren, ich komme mir schon so kümmerlich vor." "Oh, hätte ich das gewusst, wäre ich mit meinem Luftschiff vorgefahren." "Ein richtiges Luftschiff?" "Ja, es wird von sechsunddreißig Kranichen gezogen." "Für wieviel Personen?" "Für zwei."

Sie schaute begeistert auf. "Ist das nicht komisch? Schauen Sie, ich habe eine richtige Pilotenjacke an." Er betrachtete die Jacke aus grünbraunem Leder, die sie über ihr geblümtes Kleid geworfen hatte. Sie war an manchen Stellen schon abgewetzt und ihr mindestens zwei Nummern zu groß. "Ja, eine richtige Luftfahrerjacke, vielleicht ein bisschen groß."

Sie warf das Journal beiseite und fummelte an der Jacke herum. "Sie haben doch keine Ahnung, die muss so sein. Die kann man sogar noch weiter aufknöpfen und ausbreiten, dann kann man damit abspringen." "Von wo?" "Von oben, aus der Luft. Hier hinten ist ein Fallschirm, sehen Sie." "Ähm, nein." "Die Tasche auf'm Rücken." "Die ist leer." "Weil ich ihn rausgenommen habe. Er war aus echter chinesischer Seide. Da habe ich mir einen Unterrock draus genäht und es ist noch so viel übrig." "Wer hätte das gedacht." "War das jetzt auf meine Figur gemünzt?" "Niemals. Sie könnten aus dem Rest auch einen für mich nähen." "Einen Unterrock?" "Einen Pyjama." "Großer Gott, so was tragen nur alte, gebrechliche Männer. Geben Sie mir mal bitte die Weinflasche da unten." Er langte an die Seite. "Wieso steht die da?" "Weil sie nicht liegt", sagte sie patzig, dann setzte sie hinzu: "damit ich nicht so leicht rankomme. Glauben Sie nicht, ich wäre betrunken." "Ich weiß nicht, ich habe Sie noch nicht betrunken erlebt." "Nichts versäumt", sagte sie, goss sich ein Glas voll, das auf ihrer Seite stand, und trank es halb aus.

"Wann waren Sie das letzte Mal betrunken, Paul?" "In der Nacht, als ich die Briefe von meiner Frau gelesen habe." "Von Esther?" "Ja." "Alle auf einmal?" "Fast alle." "Wieso haben Sie sich dabei betrunken?" Er zuckte mit den Schultern, dann meinte er: "Vielleicht aus Wehmut." "Das tut mir leid", sagte Lydia, und es kam aus tiefstem Herzen. "Mein letztes Mal war auch Scheiße." Er nickte. "Hm." "Wollen wir einfach so tun, als hätten wir schon wahnsinnig lange keinen üblen Grund gehabt, uns zu betrinken?" "Geht das?" "Mit ein bisschen Übung." "Die habe ich aber nicht." "Es gibt überall auch das Anfängerglück, wie beim Angeln." "Und dann fühlt man sich besser?" "Nicht mehr so schlecht." "Soll ich Ihnen sagen, warum ich hergekommen bin?" "Oh", machte sie, als hätte einer ihrer Kunden eine neue Schaufel zurückgebracht, weil gleich beim ersten Mal der Stiel durchgebrochen ist, "muss ich mir jetzt was überlegen?"

Er beschrieb ihr die Sache mit dem Netz, von dem er glaubte, es bietet ihm keinen Halt. Sie schien erleichtert. "Ach das. Hab' ich auch oft." "Dieselbe Vorstellung?" "In der Art. Sehen Sie, was wir daraus schlussfolgern können?" Er schüttelte den Kopf. "Nicht direkt." "Daß wir uns ähnlich sind, jedenfalls ähnlicher, als es auf den ersten Blick aussieht." "Sie meinen, irgendeine innere Ähnlichkeit?" Sie kicherte. "Worüber lachen Sie?" "Nichts, ich musste bloß grade an was denken." "Was?" "Ach, hat hiermit nichts zu tun." Sie trank das Glas aus. "Ich glaube, ich hab' genug von dem Wein getrunken." Er sagte "Irgendetwas muss es ja zwischen uns geben, das ..." Lydia fiel ihm ins Wort: "... das solche sentimentalen Mutmaßungen hervorbringt." "Finden Sie das sentimental?" "Ich finde keinen treffenderen Ausdruck dafür." "Ich konnte ehrlich gesagt nie verstehen, wozu man sentimental ist, ich glaube, ich habe es eher im negativen Sinne gebraucht", gab Paul zu, und Lydia erwiderte: "Es ist ein Zeichen von Gefühlsschwäche, wenn man sich dagegen wehrt. Ach, ich vergaß, Sie sind ja keine Kämpfernatur." "Habe ich das gesagt?" "Ich meine ja. Ich bringe es zumindest dauernd mit Ihnen in Verbindung."

Er schaute sie an, als habe er plötzlich eine Eingebung. "Manchmal denke ich, Sie können mir nicht bloß Angeln und solche Sachen beibringen, sondern Sie sind auch eine Lehrmeisterin in Gefühlsfragen." "Das ist nett von Ihnen, daß Sie das sagen."

Sie holte das Modeheft wieder heran und blätterte darin. "Wissen Sie, was ich früher mal werden wollte? Tierärztin. Oh nein, Paul, verstehen Sie das jetzt nicht falsch, ich meine bloß, ich war fasziniert davon, daß man einem Lebewesen helfen kann, ihm sogar das Leben retten kann, obwohl man nicht mit ihm zu sprechen vermag, weil es keine gemeinsame Sprache gibt."

Paul sagte "Ich habe einmal gelesen - ich glaube sogar, es war ein Theologe, der das gesagt hat - das einzige, worüber Gott sich selbst ärgern müsste, wäre die Tatsache, daß er nicht die Möglichkeit geschaffen hat, daß sich alle seine Geschöpfe miteinander verständigen können." "Ja, das wäre eine grandiose Idee", sagte Lydia mit Begeisterung, "ich meine, natürlich müsste man diese Sprache trotzdem erst beherrschen, und es gibt sicher jede Menge Missverständnisse, aber warum sollte es nicht funktionieren? Im Grunde haben doch alle Lebewesen - oder Geschöpfe, das gefällt mir besser - alle Geschöpfe haben doch mit den gleichen Problemen zu kämpfen; wenn ich Tierärztin geworden wäre, hätte ich fast genau dieselben Krankheiten vor mir gehabt, die auch die Menschen befallen, oder?" "Ja klar. Ich weiß nicht, ich glaube bei Tieren gibt es keine Syphilis." "Na ja, aber der Mensch ist ja selbst noch ein Tier." "In gewisser Hinsicht schon."

Nach einer Weile sagte er "Vielleicht verwechseln wir das auch, wenn wir sagen, wir sind uns ähnlich, und in Wirklichkeit besteht bloß die Möglichkeit, daß es etwas Gemeinsames zwischen uns gibt." "Herrje, wollen Sie mich jetzt im Phantasieren übertrumpfen?" "Schauen Sie, Lydia, Ähnlichkeit heißt doch, jeder von uns besitzt das Gleiche, sonst könnte es sich ja nicht ähnlich sein. An einem Gemeinsamen dagegen haben wir jeder bloß einen Anteil. Das bedeutet, einmal ist es in uns drin, das andere Mal gehört es zu der Welt außerhalb von uns." "Paul, hören Sie lieber auf, bevor Sie sich genötigt fühlen, das aufzuschreiben; das wird ein dickes fettes Buch, das keiner liest. Bleiben Sie bei Ihren Maschinen." "Okay. Ich wollte mir nur etwas mehr Klarheit über uns verschaffen." "Ja, das würde mich eventuell auch interessieren, aber ich will dafür nicht erst Philosophie studieren müssen, damit ich mir sicher bin, daß ich's auch begreife." "Ich werde übrigens demnächst nach Deutschland fahren", sagte er und war zufrieden damit, wie entschlossen es klang.

Sie legte das Modejournal abermals aus den Händen. "Finde ich prima, Ihre Frau wird sich freuen", sagte sie, "wann soll das sein?" "Na ja, ich kann jetzt nicht Knall auf Fall hier weg, die neue Pumpe muss erst in Betrieb gehen; sagen wir Ende nächsten Monats."

Lydia schwieg, dann fragte sie "Werden Sie wiederkommen?" "Was? Selbstverständlich." "Wahrscheinlich würde ich so tun, als bemerke ich es nicht, wenn Sie jetzt lügen." Er war echt aufgebracht. "Wollen Sie, daß ich zu Ihnen unehrlich bin?" "Paul, was Sie vorhin über Ihr Verhältnis zu den Menschen hier gesagt haben, das hat nur offenbart, wie unerschrocken Sie in Ihrem Umgang mit ihnen sind, und gleichzeitig auch wie naiv. Ich bin vielleicht jünger als Sie, aber was das Leben in diesem Land betrifft, habe ich Ihnen einiges an Erfahrung voraus. Wenn Sie es hier zu etwas bringen wollen, ach was, wenn Sie auch nur überleben wollen, dann müssen Sie jeden Tag ein Stückchen von sich selbst opfern, um die unsichtbaren Mächte zu besänftigen, die in diesem Teil der Welt herrschen.Das ist eine höchst menschenfeindliche Gegend, war sie wahrscheinlich schon immer, hier hat nie etwas auf jemanden gewartet, und wer hierher kommt, der hat nur die Wahl zwischen zwei Möglichkeiten: entweder er geht schleunigst wieder fort oder er versucht, in dieses mörderische Spiel einzusteigen, das da heißt: Vernichte, was du nicht besitzen kannst!"

"Und das soll wohl auch für alles gelten, das man in seinem eigenen Wesen hat?", fragte Paul ein wenig skeptisch. "Ja, das meine ich mit Sich-selbst-opfern. Hier sieht man erst, was man in der Vergangenheit alles mit sich herumgeschleppt hat, das man womöglich sogar für großartige Eigenschaften hielt. Das wären sie unter Umständen auch gewesen in der Gegend, in der man geboren wurde, aber hier muss man sich davon trennen, Stück für Stück, jeden Tag ein bisschen leichter. Fragen Sie mal Ansit, wie er darüber denkt. Er hat mir eine Menge über die Verhältnisse hier erklärt, und dafür bin ich ihm sehr dankbar."

"Glauben Sie, wenn ich nach Deutschland zurückginge, würde es für mich einfacher werden?" "Kann ich Ihnen nicht sagen. Ich weiß zu wenig darüber, wie es jetzt dort zugeht. Der Krieg, den Hitler führt, den würde jeder andere Politiker auch führen, wenn er eine Chance sieht ihn zu gewinnen. Was bei euch mit den Juden passiert, ist eine Schweinerei, und wahrscheinlich eine echt deutsche Sache, in so was wart ihr schon immer gut."

Paul suchte vergebens nach einer Erwiderung, Lydia atmete tief durch, es war fast ein Seufzen. Sie rutschte auf dem Sofa weiter herab und sagte dann leise "Ach, hören wir auf damit, geben Sie mir noch mal die Weinflasche." "Sie ist leer", murmelte er geistesabwesend. "Das ist nicht wahr, du sollst nicht lügen, Paul."

Dann gab sie sich einen Ruck. "Nein, Sie haben Recht, Schluss mit der Trübsal, wir sind beide noch zu jung, um aufzugeben. Was sollen die Kinder von uns denken." Ganz unvermittelt fragte er sie "Dann haben Sie mit Ansit viel geredet?"

Sie pustete und schüttelte den Kopf, als ob sie etwas bereits hundertmal wiederholt hätte. "Sie müssten doch langsam mitgekriegt haben, daß ich mich gern mit jemandem unterhalte, ich rede auch mit Ihnen schon wieder seit ich weiß nicht, sehen Sie, die Sonne scheint schon nicht mehr in den Spiegel."

Sie fuhr sich mit der Hand durchs Haar, dann versuchte sie, sich aus dem Sofapolster zu erheben, kippte aber zur Seite und ihr Gesicht kam dicht an Pauls heran. Er spürte ihren Atem, er fasste ihren Arm und wusste nicht, in welche Richtung er seine Hand bewegen sollte. Sie sagte "Es geht schon, danke, das war jetzt wegen dem blöden Sofa, nicht etwa wegen dem Wein." "Ja klar", sagte er und ließ sie nur ungern los.

"Ansit hat mir erzählt, daß Sie zu ihm in das Bergdorf kommen wollen, haben Sie das bloß so gesagt?" "Nein, ich will mir das wirklich mal ansehen." "Die haben eine Kooperative gegründet." "Ich denke, sie mussten ihre Pflanzung verlassen." "In der Nachbarschaft gibt es eine Siedlung, Alto Paraná, die aus einer ehemaligen Niederlassung der Jesuiten hervorgegangen ist." "Ja, die hat Ansit mal erwähnt. Wie viele von seinen Kameraden machen denn da mit?" "Weiß ich nicht. Die Leute von der Company, oder wer immer sie da vertrieben hat, haben jedenfalls erreicht, daß sie völlig zerstritten sind. Aber Ansit und einige andere lassen sich nicht unterkriegen", sie lachte, "das sind irgendwie doch immer noch richtige Wilde, finden Sie nicht?" "Ansit ist ein vernünftiger Mann." "Ja ja, freilich, ich meine nur, sie können es nicht ertragen, wenn sie irgendjemand zwingen will." "Wie weit ist das bis dorthin?" "Es gibt keine Straße, man muss reiten, einen Tag dauert es. Wollen wir es gemeinsam unternehmen?" "Kennen Sie den Weg?" "Ansit könnte jemanden herschicken, der uns führt." "Und woher nehmen wir die Pferde?" "Die borgen wir uns von Senor Carrasco, das macht er für mich; Maultiere tun es auch. Wir könnten Freitag früh los und kommen Sonntagabend zurück."

"Sehen Sie Ansit bald?" "Er will übermorgen kurz vorbeikommen. Ansonsten können wir auch über Juana mit ihm Verbindung aufnehmen." "Wohnt Juana hier bei Ihnen?" "Die meiste Zeit ja, ich habe den beiden ein Zimmer gegeben, die passen wirklich ideal zusammen." "Sind sie nicht noch ein bisschen zu jung für so eine Beziehung?" "Was für eine Beziehung?" "Ich meine, sollten sie nicht eigentlich in die Schule gehen?" "Machen sie doch." Paul war sich da nicht sicher, aber vielleicht waren die beiden unter Lydias Obhut besser aufgehoben, als er dachte. "Also, was ist?", drängte sie. "Na ja, hört sich ganz gut an. Warten wir ab, was Ansit dazu sagt." "Der freut sich bestimmt." "Aber länger als einen Tag kann ich da nicht bleiben." "Ich komme wieder mit zurück, versprochen. Ich kann ja auch die Kinder nicht so lange allein im Laden lassen." "Nein, das geht ganz und gar nicht", sagte Paul im oberlehrerhaften Ton. Sie lachte. "Kann ich mich heute abend mit einem Drink revanchieren?", fragte sie ihn. "Gern, ich hole Sie ab." "Sagen wir um acht?" "Ja."

Sie fuhren zu einer Bar, die an der Eisenbahnstrecke lag, es gab dort ein Wäldchen, das fast wie ein Park war. Lydia sah großartig aus, sie hatte ein rosafarbenes Kleid mit weitem, luftigem Rock an und dazu eine hellviolette Weste aus Samt. Sie hatte sich hübsch frisiert und auch ein wenig geschminkt. Paul fragte sich, wie sie das in so kurzer Zeit alles geschafft hatte.

Der Wein in der Bar schmeckte scheußlich und auch sonst war es ungemütlich. Sie spazierten in den Park hinein, es gab einen Weg mit Gaslaternen, und es war immer noch nicht ganz Nacht. Der Tabakfabrikant von Santa Rosa hatte im Park ein kleines Amphitheater bauen lassen, und an Abenden wie diesem waren immer Leute da, um frische Luft zu schnappen oder auf der festen Kreisfläche, welche die Theaterbühne war, ein paar Runden zu tanzen. Denn meistens lungerten auch Musikanten hier herum, und überdies gab es immer zwei, drei fahrende Händler mit ihren Karren, die irgendeinen Imbiss und zu trinken anboten. Paul holte eine Flasche Wein und zwei Gläser, sie setzten sich auf die Steinbänke.

Als er später Lydia vor ihrem Laden verabschiedete, und sie gerade die Wagentür zuklappen wollte, entfuhr ihm die Frage: "Soll ich noch mit hinaufkommen?" Sie antwortete nicht gleich, dann sagte sie "Ich kann es Ihnen nicht verweigern." "Obwohl, es ist schon spät, vielleicht ein andermal", sagte er. "Buenas noches, Paul." "Buenas noches, Lydia."

Zu Hause griff er zum Telephon. Lydia schien ziemlich munter. Er sagte "Ich frage mich, was wir jetzt tun würden, wenn ich mit hinaufgekommen wäre." "Schätze, wir würden noch miteinander reden, aber ohne die Hörer in der Hand." "Ja klar." "Sie haben schon mal bessere Fragen gestellt, Paul." "Ja, das stimmt, ich habe auch keine mehr auf Lager." "Ja dann." "Ja, nochmals Buenas noches." "Ebenfalls." Sie legten auf.

Es vergingen fünf Minuten. Er wählte ihre Nummer. "Lydia?" "Wen wollten Sie denn sprechen?" "Wie wär's, wenn ich doch noch zu Ihnen komme?" "Ich dachte eigentlich, Sie wären schon unterwegs."

* * * * *

Als Esther von Ueckermünde nach Dresden zurückkehrte, stand dort der Frühling in voller Blüte. Aber sie kam spätnachts am Neustädter Bahnhof an und erwischte gerade noch die letzte Straßenbahn der Linie 4.

Die Stadt lag im Dunkeln, und durch die Scheibe konnte Esther nichts erkennen als die schroffen Häuserfassaden und das glänzende Straßenpflaster, das ein feiner Regen, der gerade angefangen hatte, mit Nässe überzog, in der sich das knappe Licht aus der Straßenbahn spiegelte. Von den Oberleitungen blitzte es manchmal, und plötzlich hatte Esther das bange Gefühl, die Bahn könnte mit ihr an den falschen Ort fahren. Sie war froh, als sie endlich die Wohnungstür aufschließen konnte, und dann fiel sie todmüde ins Bett.

Am nächsten Tag ordnete sie die paar Sachen, die sie von der Reise mitgebracht hatte, alles war schnell wieder eingeräumt, zuletzt schob sie den leeren Koffer unter den Schrank.

Sie kochte Kaffee, setzte sich in der Küche ans Fenster, von wo sie den herrlichen Blick auf die Gärten am Fluss hatten, und ließ die zurückliegenden Erlebnisse Revue passieren.

Gegen Mittag machte sie sich auf, den Vater zu besuchen und ihm von der abenteuerlichen Reise (und auch von dem Segen, den sein Geld gestiftet hatte) zu berichten. Aus irgendeiner Anwandlung heraus, fuhr sie nicht ins Bürogebäude der Fabrik, sondern zu Josef Waldsteins Privatwohnung in der Moritzburger Straße.

Ihr Elternhaus war eine schöne Villa, nicht protzig, aber komfortabel, mit einem Säuleneingang vorn und einer Veranda hinten und mit großen Platanen im Garten. Sie klingelte, aber nichts regte sich. Sie besaß zwar einen Schlüssel, doch den hatte sie jetzt nicht bei sich. Sie hätte sich wohl denken können, daß der Vater um diese Zeit nicht zu Hause ist.

Trotzdem ging sie zum Hintereingang an der Terrasse. Hinterm Haus sah der kleine Garten noch ungepflegter aus als vorn. Da sah Esther, daß die Terrassentür kaputt war, eine Seite hing schief in den Angeln, Scheiben waren zersprungen, und das Schloss schien aufgebrochen.

Sie trat in das Wohnzimmer, auf dem blanken Fußboden lagen überall Scherben herum, die Vorhänge waren herabgerissen, der Kronleuchter baumelte am Kabel. "Vater!", rief sie, "bist du da?" Sie ging in den Korridor und in Josefs Arbeitszimmer, dann in die Küche, überall dasselbe Bild der Verwüstung.

Dann entdeckte sie auf dem Boden dunkle Flecken, und sie wusste sofort, daß es verschmiertes, trockenes Blut ist. Sie schlug die Hände vor den Mund und unterdrückte einen Aufschrei.

Die Blutspur führte in das Gästezimmer, und da sah sie den Kadaver des Hundes, der halb hinter dem Sofa versteckt lag. "Frieda!", stammelte sie mit tränenerstickter Stimme und wagte kaum, sich dem toten Hund zu nähern. Frieda war von Fliegen übersät, und jetzt schlug Esther auch der entsetzliche Gestank entgegen. "Halt, stehngeblieben oder ich rufe die Polizei!", sagte eine zittrige Stimme in ihrem Rücken.

Sie drehte sich um. "Fräulein Esther", sagte der Mann und ließ die Hand mit dem Küchenmesser sinken. "Herr Olbrich, um Himmels Willen, was ist hier passiert?" Er antwortete nicht gleich, sondern musterte sie, als wenn er nicht ganz sicher wäre, ob er ihr trauen kann. "Fräulein Esther, wo waren Sie denn?" "Ich war bei Verwandten, Vater wusste doch Bescheid, wo ist er, Herr Olbrich, wo ist mein Vater?"

Sie ging auf Olbrich zu, und der hob tatsächlich das Messer wieder hoch, war aber selber darüber erschrocken und verbarg es schnell. "Tja, schlimm ist das, sag' ich, schlimme Zeiten", murmelte er und senkte den Kopf. "Wo ist mein Vater!", schrie sie ihn an. "Verreist. Er ist verreist." "Erzählen Sie keinen Unsinn! Was ist hier passiert? Ist eingebrochen worden? Und warum ist Frieda tot?" "Ja, eingebrochen haben sie", sagte Olbrich, der vor Esther ein Stück zurückgewichen war. "Wer? Sagen Sie mir, wer hier war." "Das weiß ich nicht, Ihr Herr Vater hat mich ja nicht mehr hier beschäftigt seit ... im Juni werden es anderthalb ..."

Sie knallte ihm eine auf die Backe. "Aua, Fräulein Esther, bitte tun Sie mir nicht weh", wimmerte er. Sie riss ihm das Messer aus der Hand und hielt es vor sein Gesicht. "Wenn Sie mir nicht sofort sagen, wo mein Vater ist, bringe ich Sie um." "Er ist in die Tschechoslowakei gereist, das müssen Sie mir glauben, nehmen Sie bitte das Messer weg." Sie tat es. "Mehr hab' nicht erfahren können", fügte er hinzu.

"Was soll das heißen? Wer hat Ihnen das gesagt? Mein Vater?" "Wie ich hergekommen bin, war doch alles schon vorbei, sehen Sie nur, Fräulein Esther, was die alles mitgenommen haben, kommen Sie mal hier rüber." Er rieb sich die Wange, wendete sich ab und ging ins Wohnzimmer, Esther folgte ihm wie besinnungslos, dann blieb sie stehen. "Herr Olbrich, die Frieda, die ist tot." Er nickte. "Die haben sie erschlagen." Sie konnte nicht begreifen, was er damit meinte.

Dann fragte sie, bevor ihr die Stimme versagte: "Warum hat sie denn niemand begraben?" "Das hatte ich mir für heute vorgenommen", sagte Olbrich, und es klang, als wollte er sich damit rechtfertigen. "Aber jetzt sind Sie gekommen und da ... nun sehen Sie's ja selbst."

Er deutete auf die Stellen, wo die Möbel gestanden haben. Der große Esstisch und die Stühle waren weg, der Tabernakelschrank mit den Intarsien, die Nussbaumkommode, die Biedermeiervitrine, in der die Frankenthaler Porzellanfiguren standen, alles war verschwunden. Die Bilder an den Wänden fehlten, ebenso alle Teppiche von den Fußböden.

"Wie die Möbelpacker haben sie's rausgeschleppt", sagte Olbrich und machte eine Bewegung hin zur Tür. "Sie haben meinen Vater nicht gesehen?" Er schüttelte den Kopf. "Mit wem haben Sie gesprochen?" "Mit Herrn Schmitt." "War er hier?" "Weiß ich nicht, ich bin hingegangen, wie ich das hier gesehen hab'. Er hat mir auch gesagt, daß der Josef ... der Herr Waldstein in die Tschechoslowakei verreist ist." "Aber das ist ganz unmöglich. Wie kann er verreisen, wenn hier eingebrochen wurde?" "Ja, wem sagen Sie das", meinte Olbrich und hob die heruntergerissene Gardine auf.

"Gehen Sie nun auch weg, Fräulein Esther?" "Was?" "Wollen Sie uns nun auch verlassen?" "Unsinn. Wo soll ich denn hin?" Dann besann sie sich. "Ich muss sofort zu Herrn Schmitt. Ich komme dann wieder her, Herr Olbrich. Wir müssen hier aufräumen." "Ja", erwiderte er resigniert. Dann rief er ihr nach: "Fräulein Esther, Sie brauchen auch niemand zu sagen, daß Sie mich hier getroffen haben."

Sie fuhr zur Verwaltung. Unterwegs wurde ihr mehrmals übel. Am Schillerpark musste sie aussteigen. Sie rannte hinter einen Busch und übergab sich. Sie war mit dem Knie in den Dreck gekommen, der Mantel war schmutzig. Sie stieg in die nächste Bahn und fuhr weiter. Sie überlegte die ganze Zeit, wo der Vater sein könnte, aber der Anblick der halbverwesten Frieda verdrängte alles andere aus ihrem Kopf.

Die Sekretärin begrüßte sie herzlich, sie wollte ihre Anteilnahme ausdrücken. Hermann Schmitt war nicht da, "Er hat einen Geschäftstermin auswärts", sagte die junge Frau, die Esther nie zuvor gesehen hatte. "Sie können aber gern mit Herrn Wehrhahn sprechen, er ist unser neuer Prokurist", sagte sie, als habe sie schon lange auf solch einen Mann gewartet. "Wann ist Herr Schmitt wieder da?" "Ähm, da muss ich nachschauen." "Richten Sie ihm aus, daß ich morgen früh herkomme." "Ich weiß nicht, ob er ..."

Esther schlug mit der flachen Hand auf den Terminkalender unter ihrer Nase. "Er ist morgen früh auch hier, verstanden! Und wenn nicht, passiert ein Unglück." "Ich werde mich drum kümmern. Sie haben da was am Kinn, Frau Kelling." Esther wischte darüber hin, warf der Frau einen drohenden Blick zu und ging. Die andere sagte noch: "Haben Sie denn Herrn Schmitts Schreiben nicht erhalten?"

Olbrich war noch in Josefs Haus und bei ihm war seine Frau, eine kleine, korpulente Person, die eine blonde Lockenhaarperücke trug. Sie drückte Esther die Hand und wollte etwas sagen, aber da kamen ihr die Tränen. "Er war so ein feiner Mensch", schluchzte sie. Esther zog ihre Hand weg.

Olbrich hatte im Garten ein Loch für Frieda gegraben. "Ich hab' gewartet", sagte er, "falls Sie sie selber reintun wollen." "Ja, ist gut. Helfen Sie mir?" Sie gingen zu der toten Hündin, und als Esther über die Sofalehne blickte und den zermatschten Schädel sah, sprang sie zurück, rannte zur Toilette und übergab sich. Am Waschbecken unter dem Spiegel war ebenfalls Blut. 'Das kann nicht von Frieda sein', dachte sie und konnte sich nicht überwinden, es abzuspülen. Olbrich stand neben der Hündin. "Ich kann das nicht", sagte sie zu ihm.

Er holte die Schaufel und ein weißes Tuch und legte es über den Kadaver, dann drehte er ihn mit der Schaufel einmal herum und rollte ihn im Tuch ein. Er rief nach seiner Frau. "Soll ich mit anfassen?", fragte Esther. "Wenn Sie können."

Sie trugen Frieda an beiden Enden hinaus und legten sie in das Loch. Esther kniete sich hin und schob mit den Händen die Erde darüber. Olbrich half mit der Schaufel nach, aber er musste achtgeben, daß er nicht gegen ihre Hände stieß. Zuletzt klopfte er alles fest.

Sie sagte "Danke, Herr Olbrich." "Nicht der Rede wert. Ich hab' die Frieda ja auch gemocht." Esther behielt die Fassung. "Tut mir leid, daß ich Ihnen vorhin eine runtergehauen habe, es ist alles ... ich weiß nicht, was ich ..." "Schon vergessen. Sie müssen jetzt klar denken, Fräulein Esther", sagte er wie zu jemandem, der sich in einer fremden Gegend verfahren hat.

Dann saßen alle drei in der Küche und Esther fragte "Soll ich zur Polizei gehen." "Warten Sie erst mal ab, was der Herr Schmitt sagt", meinte Olbrichs Frau, die ihn nur vom Hörensagen kannte. Esther hatte ihnen eben alles berichtet. "Die Polizei war auch schon hier", sagte Olbrich. "Die waren hier?" "Die Kripo, besser gesagt. Und der Herr Neumann."

Esther sah Olbrich scharf an, offenbar wusste er doch mehr als er zugab; es wurde schon dämmerig, und sie konnte seinen Blick nicht mehr genau prüfen. "Wer ist Herr Neumann?" "Einer von der jüdischen Kultusgemeinde." "Und was wollte er?" "Das kann ich nicht sagen, ich war nicht mit dabei."

Seine Frau sagte "Rudolf, frag' doch die Frau Kelling mal nach dem Bild." "Ach lass' das jetzt." "Was für ein Bild?" "Na ja", sagte Olbrich, "da hing im Korridor so ein Bild, so ein Gemälde, ein Landschaftsgemälde ..." "Haben sie das auch gestohlen?" "Was? Nee, wir haben das gerettet." Esther verlor die Nebensächlichkeit gleich wieder aus dem Sinn, aber Olbrichs Frau hakte nach. "Der Rudolf wollte Sie fragen, ob wir das behalten dürfen." "Was?" "Das Gemälde. Aus dem Korridor." "Sozusagen als ehrendes Andenken an ...", sagte Olbrich, brach aber ab. "Ja natürlich, behalten Sie es", sagte Esther, ohne daran zu denken, daß der Besitzer nicht gefragt werden konnte.

Es war schon dunkel, und die Olbrichs hatten ein paar Kerzen angezündet. "Wollen Sie wirklich hier bleiben?", fragte der Alte. Esther saß in Vaters Arbeitszimmer in dem großen Sessel und hatte sich eine Decke übergelegt. "Es wird noch kalt in der Nacht." Sie schwieg.

Olbrich ging zurück in die Küche, und Esther hörte die beiden miteinander reden. Dann klirrte bei der Terrassentür eine Glasscheibe, wahrscheinlich war bloß ein loses Stück herabgefallen, aber Esther bekam Angst. Sie stand auf, sie sagte zu den Olbrichs: "Ich gehe nach Hause." Die beiden nickten stumm. Sie verließ zum Hintereingang das Haus, sie warf einen Blick auf den Erdhügel von Friedas Grab, sie fand, daß es eine gute Stelle war.

Sie lief den ganzen Weg zu Fuß, und obwohl es dunkel war, fühlte sie sich sicherer, als wenn sie in der Straßenbahn gefahren wäre. Zu Hause schaute sie nach der Post, die während ihrer Abwesenheit angekommen war und die sie achtlos beiseite gelegt hatte.

Tatsächlich war ein Brief von Hermann Schmitt dabei. Er schrieb, daß er mehrmals vergeblich versucht habe, sie persönlich zu erreichen und daß er ihr nun diese "kurzen Informationen" übermittelt. Es sei zu einer unheilvollen Wendung der Umstände gekommen, und er müsse sie leider davon in Kenntnis setzen, daß Josef Waldstein nicht mehr länger der Firma angehört. Die Einzelheiten könne er hier nicht darlegen und bitte sie deshalb, sobald sie wieder zu Hause sei, unverzüglich mit ihm Kontakt aufzunehmen, gegebenenfalls auch in seiner Privatwohnung.

Schmitts Brief änderte nichts an Esthers Verfassung, er machte ihr lediglich bewusst, daß die Geschehnisse nicht nur nicht rückgängig oder wiedergutzumachen waren, sondern daß auch nirgends ein Interesse zu erkennen war, etwas dagegen zu unternehmen. Wo immer der Vater jetzt sein mochte, nur sie allein könnte ihn ausfindig machen. Aber was er hier zurückgelassen oder was man ihm inzwischen geraubt hatte, das war so gut wie verloren und sie sollte, anstatt noch etwas davon retten zu wollen, ihre ganze Kraft für die Suche nach dem Vater aufwenden. "Sie müssen jetzt klar denken", hatte der alte Olbrich gesagt, und diese Worte halfen ihr dabei.

Hermann Schmitt begrüßte Esther sehr freundlich, schüttelte ihr die Hand und bat sie Platz zu nehmen. Aber bevor er ihre Hand losließ, überkam ihn plötzlich eine Rührung, und er drückte sie an sich und strich über ihr dunkles Haar, dann trat er zurück. "Verzeihen Sie, Esther, ich habe ... ich bin noch nicht ganz über die Sache hinweg."

Esther setzte sich auf den mit Leder bezogenen Armstuhl an seinem Schreibtisch. Sie dachte: 'Wie sonderbar alle um ihn trauern? Als wollten Sie mich damit beschämen.' "Wo ist mein Vater?", fragte sie als erstes. "In Theresienstadt", antwortete Schmitt, und die Deutlichkeit dieser Auskunft überraschte Esther. Hier zu Hause herrschte das Chaos, und unterdessen wähnte man einen der Hauptbeteiligten an einem Ort, dessen Name nach Sommerfrische und Erholung klang, es hätte nicht viel gefehlt und Schmitt würde sagen, er sei dort in besten Händen. Und so ähnlich kam es dann auch. "Wo ist dieses Theresienstadt? Und warum ist er da?"

"Es liegt bei Leitmeritz an der Elbe auf dem Weg nach Prag. Es gibt dort ein jüdisches Seniorenheim." "Ein Seniorenheim? Vater ist grade sechzig geworden." "Es spricht im Moment vieles dafür, daß er dort besser aufgehoben ist als sonst irgendwo." "Heißt das, er hat sich dort in Sicherheit gebracht?" "Ja", sagte Schmitt, als hätte man ihm das Wort aus dem Mund genommen. "Esther, Sie haben gesehen, was bei Ihnen zu Hause geschehen ist." "Wer war das?" "Es wendet sich zur Zeit leider alles vehement gegen die Juden, sogar gegen solche, die sich ihr Lebtag gar nicht als Juden gefühlt haben." "Woher wollen Sie denn das wissen, Herr Schmitt?"

Er sah sie verwundert an. "Aber Esther, wollen Sie behaupten, Ihre Familie sei israelitisch?" "Wir sind jedenfalls keine Arier, was mich und meinen Vater betrifft." "Ich denke, es ist müßig, jetzt über Religion zu debattieren. Im übrigen, falls Sie das beruhigt, hat sich die jüdische Kultusgemeinde darum bemüht, daß Josef einen Platz dort in Theresienstadt bekommt."

'Als ob er sich jetzt nicht selbst widersprochen hätte', dachte Esther, doch sie sagte "Das ist dieser Herr Neumann?" Schmitt zuckte mit den Schultern: "Möglich, daß er so heißt. Diese Leute arbeiten eng mit der ... mit der hiesigen Polizei zusammen." "Was hat denn Vater mit der Polizei zu tun? Er hat sich nie was zuschulden kommen lassen." "Es ist auch nicht die Art von Polizei, sondern die Gestapo. Sie koordiniert die Betreuung der Juden. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß das Leben unserer jüdischen Bevölkerung von gravierenden Veränderungen betroffen ist." "Waren Sie selber mal in Theresienstadt?" Schmitt stieß einen kurzen Lacher aus, sagte dann aber sehr vertrauensselig: "Nein, aber ich habe nur Gutes darüber gehört. Es soll sogar einen Film davon geben, den die Juden ... die Bewohner selbst gedreht haben." Esther schwieg, und Schmitt sah, daß sie in Gedanken woanders war.

Dann sagte er "Ich muss Ihnen noch etwas anderes mitteilen, und das ist in gewisser Hinsicht mindestens ebenso schwerwiegend. Ihr Vater ist nicht mehr an der Firma beteiligt." "Ich denke, er gehört ihr sogar nicht mehr an?", sagte Esther kühl. "Ja, das ist richtig. Wir mussten uns zu diesem Schritt entschließen, nachdem Ihr Vater (er nannte ihn plötzlich nicht mehr beim Namen) etwas getan hat, das unser gegenseitiges Vertrauen gebrochen und die Firma schwer, ja vielleicht irreparabel geschädigt hat."

"Josef sollte so etwas getan haben?", fragte Esther ungläubig. "Ich rede ganz offen mit Ihnen, Esther, und ich denke, Sie halten mir das zugute. Ich weiß am besten, was ich an Ihrem Vater hatte und wir haben beide - Schmitt schnürte es den Hals zu, und er holte ein Taschentuch hervor, mit dem er über die Augen wischte - na lassen wir jetzt die alten Zeiten. Er ist mir leider in den Rücken gefallen. Er hat ohne mein Wissen, und natürlich ohne meine Zustimmung, die ich nie gegeben hätte, seine Anteile an der Firma verkauft, und das, wie Sie wissen, Esther, obwohl ich in den letzten Jahren dafür garantiert habe, daß sein Vermögen unangetastet bleibt, wofür ich mich nach dem Gesetz strafbar gemacht habe.

Sie sehen, ich bin aufrichtig zu Ihnen, es könnte mir und meiner Familie enorme Schwierigkeiten bringen, wenn das alles rauskommt. Ich wünschte, Ihr Vater wäre mir bis heute ebenso aufrichtig verbunden gewesen, dann müssten Sie und ich jetzt nicht hier sitzen und klagen."

Die Tür ging auf und ein Herr im dunkelbraunen Anzug trat herein, er hatte eine Mappe in der Hand. "Einen Augenblick, Herr Wehrhahn", sagte Schmitt abweisend. Doch Herr Wehrhahn kam auf sie zu. "Ich lege Ihnen das schon mal hin", sagte er, und als er am Schreibtisch stand, warf er aus seinen aschegrauen Augen einen Blick auf Esther. Sie sah das Parteiabzeichen, das an seinem Revers prangte. Er verließ das Zimmer, und es schien, als würde er es auskosten, daß er die beiden zwang, solange nicht weiterzureden.

"An wen hat Josef seine Anteile verkauft?" "Er hat nicht mit Ihnen darüber gesprochen?", fragte Schmitt zurück. Sie verneinte. "An eine Londoner Bankgesellschaft." "An eine Bank? Geht denn das?" "Die Bank ist wiederum Investor bei einer Maschinenbaufirma, das lässt sich alles regeln. Aber ich bin jetzt ganz schön in der Bredouille. England steht mit uns im Krieg, das heißt genaugenommen gehört die Sächsische Maschinenfabrik Radebeul zu einem Drittel dem Feind."

Esther wurde klar, daß man Josef ganz allein die Schuld in die Schuhe schob, und im Grunde musste es Schmitt und die Firma retten, wenn ein Jude sie derart geschädigt hatte, vorausgesetzt, man würde ihn sofort hinauswerfen und wie einen Verbrecher behandeln.

Schmitt sprach weiter ganz offen zu ihr. "Die Deutsche Bank, die uns vor einem Jahr einen hohen Kredit gegeben hat, bemüht sich nun, die Anteile von den Engländern zurückzukaufen, aber das ist nicht ganz so einfach, wie Sie sich denken können. Andererseits ist es ist ein Glück für uns, daß die Deutsche Bank sich überhaupt darum bemüht, und das ist auch nur dadurch so, weil wir einem Sonderausschuss des Rüstungsministeriums angegliedert sind, man braucht uns noch."

"Stellen Sie jetzt Waffen her?", fragte Esther, aber darüber wollte Schmitt keine Auskunft geben, er sagte nur (etwas leiser): "Der Herr Wehrhahn, der eben hier war, kommt direkt aus dem Hause Speer." "Das ist Ihr neuer Prokurist?" "Ja, und so etwas wie eine Existenzgarantie für die Firma." "Hat er Josef auf dem Gewissen?"

Schmitt schien ein bisschen enttäuscht über diese Frage. "Esther, Ihr Vater trägt letztlich die ganze Verantwortung dafür, daß er sich und uns in diese Lage gebracht hat." Sie schwieg, schaute zu Boden, und Tränen füllten ihre Augen. "Und Sie natürlich auch", fügte Schmitt hinzu, "Ihnen ist doch wohl klar, daß Sie etwas unternehmen müssen."

Sie schaute ihn fragend an. Er erklärte: "Ich habe Paul sofort Bescheid gegeben." "Haben Sie ihm geschrieben, was mit Josef passiert ist?" "Nein, ich habe ein Telegramm geschickt, der gebotenen Eile wegen, er soll so bald wie möglich herkommen." Schmitt besann sich, dann sagte er "Ich habe ihn als sein Chef und Vorgesetzter dazu aufgefordert, ich will mich selbstverständlich nicht in Ihre Privatsphäre einmischen, Sie verstehen mich richtig, Esther?" Sie nickte. "Ja, das war in Ordnung so."Da fiel ihr ein, daß zu Hause auch ein Brief von Paul dabei war, den sie jedoch verständlicherweise nicht gleich geöffnet hatte. "Ich werde Sie unterstützen so gut ich kann, ich kann Ihnen auch Geld geben, damit Sie ... aber alles nur inoffiziell." "Es wäre Ihnen lieber, ich würde besser heute als morgen verschwinden, nicht wahr?"

Jetzt kamen ihm wieder die Tränen. "Was habe ich denn getan, Esther, daß Sie so etwas von mir denken? In meinen schlimmsten Alpträumen wäre es nicht soweit gekommen, wie es jetzt in Wirklichkeit ist. Ich bin ein Fabrikant, jemand, der sein Leben lang Dinge hergestellt hat zum Nutzen anderer und sie verkauft zum eigenen Nutzen.

Und nun verlangt man neuerdings von mir, daß ich meine besten Freunde verraten und ausliefern soll, daß ich mich den Befehlen von Leuten beuge, denen ich normalerweise einen Arschtritt verpasst hätte, wenn sie sich mir anbiedern wollten, und ich muss um mein eigenes Leben und das meiner Familie bangen.

Und jetzt unterstellen Sie mir, daß ich am liebsten nichts mehr mit Ihnen zu tun haben will, wo uns so viele gemeinsame Jahre miteinander verbinden." Er schüttelte den Kopf. "Was ist nur aus den Menschen geworden, daß sie sich einander so hassen wollen."

Sie sagte nichts darauf, sie war auf einmal angewidert von seiner Wehleidigkeit. Sie erhob sich. "Was wollen Sie jetzt tun?", fragte er. "Das muss ich mir erst überlegen." Er hörte heraus, daß sie es ihm nicht sagen würde. "Es gibt da noch etwas", meinte er, "ich bin mir nicht sicher, inwieweit Sie davon Kenntnis haben, ich zumindest ..." "Was ist es?" "Kann es sein, daß Josef ... daß Ihr Vater zu Hause etwas aufbewahrt hat ..." "Von der Firma?" "Nein." Er sprach wieder leiser. "Es könnte sich um Gold oder Schmuck handeln."

Esther überlegte kurz. "Davon weiß ich nichts." "Eben deshalb wollte ich Sie darauf aufmerksam machen." "Moment mal, soll das etwa heißen, Vater hätte die Wertsachen nach Theresienstadt mitgenommen?" Schmitt sagte "Ich habe, seitdem ich von seiner Transaktion erfuhr, keinen Einblick mehr in seine Vermögens Verhältnisse, das Treuhandkonto musste natürlich gesperrt werden." "Und das Geld?" "Ist eingezogen worden. Esther, ich habe Ihnen eben nicht ohne Grund meine Unterstützung angeboten."

"Ich danke Ihnen, Herr Schmitt, wahrscheinlich bleibt mir nichts anderes übrig, als darauf zurückzukommen." "Bitte tun Sie das nicht mit diesem Gefühl von Verachtung." Sie wollte etwas erwidern, aber dann drehte sie sich um und ging.

Draußen stand Herr Wehrhahn bei der Sekretärin, die ihn von unten herauf anhimmelte. Sie würdigte Esther keines Blickes, aber Wehrhahn schaute sie an, als würde er sagen: 'Dich schnappen wir uns als nächste.' Für einen Moment dachte sie daran, ihn anzuspucken, doch sie ging wortlos an den beiden vorbei.

In Josefs Haus war alles unverändert, die Olbrichs hatten lieber die Finger davon gelassen, auch die Kerzen hatten sie wieder mitgenommen. Esther versuchte auf Schmitts Hinweis hin irgendein Versteck zu finden, wo der Vater die Wertsachen aufbewahrt haben könnte. Er hatte ihr gegenüber wirklich niemals dergleichen erwähnt. Aber wenn es sich Esther jetzt recht überlegte, konnte es durchaus sein, daß er den Gewinn, den er aus dem Verkauf seiner Anteile gezogen hatte, in Gold umgetauscht hat. Doch wo könnte ein Jude in dieser Zeit überhaupt noch Gold erwerben? Viel wahrscheinlicher war, daß er es schon viel länger besessen und es vor allen verheimlicht hat.

Einen Tresor gab es im Haus nicht, den hätte sie irgendwann bemerkt, vielleicht aber ein Schließfach, das sich hinter einem Bild oder gar hinter einem Schrank befindet. Außer den wertvollen, die fortgeschafft worden waren, gab es einige Kleiderschränke und zwei für allerlei Kleinkram.

Als Esther einen davon öffnete und die Sachen erblickte, die ihrem Vater gehörten, wagte sie nicht, etwas davon zu berühren, alles sah so aus, als wartet es auf seine Rückkehr. Sie konnte sich jetzt auch nicht den Kopf darüber zerbrechen, was damit geschehen soll. Aber daß in dem Schrank oder dahinter in der Wand ein Geheimfach wäre, das erschien ihr unwahrscheinlich.

Dann erinnerte sie sich, daß im Arbeitszimmer einmal am Fußboden etwas ausgebessert worden war, und sie tappte eine Runde durch den Raum, um zu prüfen, ob es sich unter ihren Schritten auffällig anhört. Als sie an dem schmalen, hohen Spiegel vorbeiging, hinter dessen Glas stellenweise die Folie abgeblättert war, kam sie sich furchtbar dämlich vor und sie ließ es bleiben.

Was sollte das überhaupt werden? Die eigene Tochter, die nach dem Schatz des Juden sucht, den er in seiner Raffgier zusammengehäuft hat, das war es doch, was Hermann Schmitt gemeint hatte ohne es auszusprechen. Oder vielleicht auch nicht; sie wusste nicht mehr, was sie von den Leuten halten sollte. Als hätten sie sich innerhalb nur eines Monats bis zur Unkenntlichkeit verwandelt.

Und da stand plötzlich Paul vor ihrem geistigen Auge, sie konnte ihn deutlich sehen, und er lächelte ihr zu, und sie wäre ihm am liebsten in die Arme gelaufen. Sie beeilte sich, das Haus zu verlassen, um daheim Pauls Brief zu lesen und die Gewissheit zu bekommen, daß es außer dieser unerträglichen Wirklichkeit noch eine andere gibt, auch wenn sie weit weg ist.

Sie drückte sich an die Wand neben der Terrassentür, draußen schlich ein Mann ums Haus, es war nicht Olbrich. Er hatte einen dunklen Mantel an und einen Hut auf und die Hände in den Taschen. Er schien eher aus Neugier als mit einer bestimmten Absicht hier herumzustreifen.

"Ist jemand da?", rief er. Er hatte eine angenehme, jugendliche Stimme. Von Vaters Geschäftspartnern konnte das keiner sein, und einen von der Kultusgemeinde stellte sich Esther auch anders vor. Er rief abermals. Sie wartete darauf, daß er geht. Er wandte sich um, und ohne es eigentlich zu wollen, trat Esther hervor und sagte "Was wollen Sie?"

Er kam zurück und nahm den Hut vom Kopf. Er war vielleicht sogar jünger als sie. "Ich möchte zu Esther Waldstein." "Die ist nicht da." "Sind Sie mit ihr bekannt?" "Wer sind Sie?" "Nennen Sie mich einfach Werner."

Esther erkannte instinktiv, daß er von der Polizei war, aber eine zivile Polizei, und die ist die gefährlichste! Daß er jedoch aus Anstand vor ihr den Hut abgenommen hatte, irritierte sie. "Darf ich hereinkommen?" "Nein. Warum?" "Herr Waldstein wurde nach Theresienstadt gebracht." War das eine Frage oder eine Information? "Was geht Sie das an?" "Wenn Sie zu Herrn Waldstein in einem näheren Verhältnis stehen, würde ich Ihnen gern ein paar Fragen stellen." Er schwenkte den Hut zu ihr hin, er war nicht aufdringlich. "Wollen Sie jemanden verhaften?" "Nein." "Kommen Sie 'rein, aber nur für einen Moment." "Danke."

Er betrat das Zimmer und wunderte sich offenbar gar nicht, wie es drinnen aussah, es schien sogar, als wäre er schon mal hier gewesen. "Können wir uns irgendwo setzen?" "Nein. Sagen Sie, was Sie wollen?" "Hat Ihnen Herr Waldstein irgendeine Nachricht hinterassen?" "Nein. Warum sollte er?" "Ja. Es ging wohl alles sehr schnell. Wo waren Sie?" "Wann?" "Als er abgeholt wurde." "Ich war ... Was heißt das, er wurde abgeholt? Er ist selber nach Theresienstadt gereist."

Der Mann zog die Brauen hoch und schaute Esther fragend an. Er war hübsch, aber er hatte eine unangenehme Art, auf alles achtzugeben, was er sah und hörte. "Sie sind von der Gestapo, stimmt's?" "Nein", erwiderte er. "Lügen Sie mich nicht an", sagte sie und nahm all ihren Mut zusammen. "Die Herren von der Gestapo kommen nie allein." "Und warum kommen Sie allein?" "Ich muss Ihnen keine Erklärungen geben." "Nein. Dann gehen Sie jetzt bitte."

Er setzte seinen Hut auf, deutete einen Gruß an und drehte sich um. Als er an der Tür war, sagte Esther: "Warum haben Sie eben so komisch geguckt, als ich sagte, mein Vater ... Herr Waldstein ist von sich aus nach Theresienstadt gereist?" "Habe ich das? Ich wollte mich nicht darüber amüsieren. Ich weiß, daß es eine ernste Angelegenheit für Sie ist." "Was wollen Sie wirklich, Werner?" "Hat Herr Waldstein sein Privatvermögen hier zu Hause aufbewahrt?" Sie erschrak und begann zu zittern, konnte sich aber zusammenreißen und sagte: "Raus! Scheren Sie sich fort, oder ich ..." Sie schlug die Hände vors Gesicht und weinte. Er ging schnell hinaus.

Sie las Pauls Brief, aber sie konnte sich nicht konzentrieren. Es war, als müsste sie ihm etwas ungeheuer Wichtiges sagen, etwas auf Leben und Tod, aber er hörte ihr nicht zu, er redete, schrieb von allen möglichen Dingen, die momentan völlig belanglos waren, und er ließ sich dabei nicht für eine Sekunde unterbrechen. Am Ende des Briefes hatte sie heftige Kopfschmerzen, ihr war übel und sie hätte ihn beinahe vor Wut zerrissen. Aber er hatte ja keine Ahnung, der Ärmste. Eine Stunde später bemerkte sie, daß etwas zu erledigen ist.

Sie fuhr in die Stadt und ging aufs Postamt. Sie schickte Paul ein Telegramm. Auf das Formular schrieb sie: "Komme bitte nicht hierher!" Als sie es durchlas, dachte sie, es klingt, als hätte sie das "nicht" aus Versehen hingeschrieben, und er würde es missverstehen können. Sie schrieb ein neues. "Bleibe dort wo du bist." Das war unzweideutig. Dann setzte sie hinzu: "Brief folgt". So schickte sie es ab.

Dieser Polizist namens Werner wollte ihr nicht aus dem Kopf gehen. Wenn er es auf Vaters Wertsachen abgesehen hätte, wieso ist er dann einfach gegangen, als sie ihn aus dem Haus gewiesen hatte? Und wieso war er nicht gleich heimlich eingedrungen? Gut möglich, daß er auf eigene Faust handelt und deshalb allein hier auftauchte. Aber auch, wenn er eventuell im Auftrag anderer sie, Esther, überwachen sollte, dann war er ein ganz miserabler Polizist, der sich nicht nur einschüchtern, sondern sogar fortjagen ließ. Freilich konnte sie von Glück reden, wenn ihr das gelungen war, doch irgendetwas stimmte an der Sache nicht. Er schien außerdem mehr über Theresienstadt (und damit womöglich über den Vater) zu wissen. Esther hatte ihren nächsten Schritt bereits geplant, nun musste sie sehen, ob dieser Werner ihr dabei nützlich sein kann.

War es Zufall oder hatten sie beide miteinander noch nicht abgeschlossen, daß Esther ein zweites Mal auf diesen Werner traf, als sie zum Haus des Vaters ging. Er wurde geradezu von ihr überrascht, als er in der Wohnung herumschnüffelte, er kniete im Arbeitszimmer an der Wand und untersuchte die Sockelleiste, welche aus einzelnen Stücken aneinandergesetzt war.

Er erhob sich, als er Esther bemerkte, doch er fing gar nicht erst an, sich herauszureden. Er sagte stattdessen "Denken Sie nicht, es wäre besser, das Haus dichtzumachen?" "Ja, ich habe mit Herrn Olbrich gesprochen, er kümmert sich darum." "Wer ist das?" "Der ehemalige Gärtner und Hausmeister von Herrn Waldstein." "Er hatte hier also ungehinderten Zugang?" "Jeder hat jetzt hier ungehinderten Zugang", sagte sie zynisch. Dann meinte sie "Falls Sie glauben, er hätte etwas gestohlen, irren Sie sich ganz bestimmt." "Was sollte gestohlen worden sein? Außer den Sachen, die offensichtlich fehlen?" "Etwas, wonach auch Sie suchen, Werner."

Er verzog keine Miene. "Ich führe nur meine Ermittlungen durch, das müssen Sie mir glauben, ich bin nicht der Dieb, sondern der ..." "Der Polizist, ich weiß. Dann stehen Sie auf meiner Seite?" "Nein. Dazu habe ich keine ... Befugnis." Er hatte nach dem Wort gesucht, und er schien damit nicht ganz zufrieden.

"Weil ich Sie nicht gerufen habe?" "Es gibt in der Angelegenheit keine Anzeige, also besteht auch keine Notwendigkeit ... Ihnen beizustehen." "Dann erstatte ich hiermit Anzeige." "Da muss ich Sie enttäuschen", sagte er mit echtem Bedauern, "erstens bin ich dafür nicht zuständig, und zweitens ..." "Was?" "An Ihrer Stelle wäre ich vorsichtig, sich an die Behörden zu wenden." "Ich verstehe. Dann sagen Sie mir aber auch, worin Sie überhaupt ermitteln?"

Er überlegte, dann sagte er "Es gibt gewisse Verdachtsmomente, daß Teile des Vermögens Ihres Vater - ich gehe davon aus, daß es Ihr Vater ist - abhandengekommen sind." Abhandengekommen, dachte Esther, wie sollte das gemeint sein? Wenn es sich um Werte handelt, die der Vater mitgenommen hat, dann sollte sie kein Sterbenswort darüber verlieren, selbst wenn sie nichts Näheres darüber weiß.

Ihr Schweigen schien Werner nicht zu behagen, und es verführte ihn dazu, noch etwas mehr zu verraten. "Was Herr Waldstein bei sich hatte, ist seine Angelegenheit, oder genauer gesagt, damit haben wir uns nicht befassen. Daß Sie zum Zeitpunkt seiner Verbringung in das Protektoratsgebiet nicht anwesend waren, das habe ich überprüft." "Das haben Sie überprüft?" "Ja, das ist meine Aufgabe. Vielleicht beruhigt es Sie, daß sich außer mir niemand dafür interessiert hat." "Sie reden so ein ungereimtes Zeug zusammen, daß man sie entweder für einen Dilettanten oder für einen ganz gemeinen Kerl halten muss."

Er wich ihrem Blick aus. "Und außerdem: wenn mein Vater tatsächlich hier irgendwo etwas versteckt hatte, dann würde es doch zuallererst mir gehören." Werner wollte lieber etwas zum Sachverhalt erläutern, das nicht sie oder ihn als Personen betrifft. "Wenn der Verbleib der Wertgegenstände bekannt wäre, könnte man über ihre weitere Verwendung entscheiden." "Ja, aber erst nachdem Sie es sich erst einmal unter den Nagel gerissen haben."

Werner steckte eine Beschimpfung nach der anderen ein, blieb aber anscheinend gelassen. "So wie die Sache aussieht, hat weder Herr Waldstein selbst, noch Sie - wenn man Ihnen glauben kann - noch ein anderer, der jedenfalls von der Aufbewahrung gewusst haben muss, die Sachen an sich genommen. Und das verpflichtet mich nach dem Gesetz dazu, danach zu fahnden. Denn, da muss ich Sie eines Besseren belehren: es handelt sich um Eigentum der Volksgemeinschaft." Das war der Punkt, an dem es sinnlos und höchst gefährlich für Esther gewesen wäre, irgendetwas über Josefs Vermögensverhältnisse preiszugeben.

Sie dachte jetzt sogar mit Rücksicht an Hermann Schmitt, deshalb ging sie nicht weiter darauf ein und fragte: "Was vermuten Sie, wer es haben könnte?" Er nannte sie bei ihrem regulären Namen: "Frau Kelling, ich habe es zugelassen, daß Sie mir einen Haufen Fragen stellen, obwohl eigentlich ich derjenige bin, der Sie vernehmen könnte. Nun übertreiben Sie's bitte nicht."

Er kam ihr auf einmal wieder sehr jung und unerfahren vor, und so, als wollte er seine Unerfahrenheit mit den falschen Mitteln verbergen. Unter anderen Umständen, dachte sie, wäre er womöglich jemand, der in seinem Beruf ziemlich erfolgreich ist, aber hier scheint er wie in der Zwickmühle zu stecken. "Kommen Sie mal mit den Keller." "Was?" "Ich will Ihnen etwas zeigen." Sie gingen nach unten.

Ein Teil des Kellers war Waschküche, früher kam einmal in der Woche eine Waschfrau zu Josef. In der letzten Zeit hatten alle möglichen Hausmädchen beim Wäschewaschen wie auch beim Kochen und Saubermachen ausgeholfen, die sich sofort bezahlen ließen; es war jedermann untersagt, bei einem Juden im Haushalt zu arbeiten. Aber daß Esther ihm zur Hand ginge, das hatte er ihr strikt verweigert. Überhaupt war er immer ein furchtbarer Dickkopf gewesen, dachte Esther und rang mit den Tränen.

Werner wies auf ein Loch in der Kellerwand, das Platz für eine flache Kiste oder einen kleinen Koffer bot, und das man mit vier Ziegelsteinen verschließen konnte. "Wofür kann das gedacht sein?", fragte Werner und leuchtete es mit der Taschenlampe aus. "Das habe ich nie gesehen."

Sie schaute sich um und deutete auf das Bretterregal mit allerhand Gerümpel. "Haben Sie das beiseite geschoben?" "Ja", sagte er, "aber vor mir offenbar schon einmal jemand." "Was für Wertsachen sollen das eigentlich sein? Gold?" "Ja, vermutlich." "Woher sollte er das bekommen haben?" "Es gibt einen Schwarzmarkt für solche Dinge. Auch für Schmuck. In Danzig zum Beispiel gibt es noch genügend jüdische Juweliere, es ist ja nicht so, daß das alles plötzlich nicht mehr vorhanden ist." "Aber der Handel ist illegal", stellte sie eine fachliche Frage, um ihn aus der Reserve zu locken. "Selbstverständlich. Der Staat hat das Monopol, wir haben es ihm übertragen." "Wer wir?" "Das deutsche Volk. Wir leben in einer Republik, da ist das Volk der Souverän, es beschließt die Gesetze." Sie betrachtete im Schein der Lampe sein Gesicht. "Ach so? Aber Anzeige sollte ich Ihrer Meinung nach lieber nicht erstatten! Der Souverän! Das glauben Sie doch wohl selber nicht."

Er ließ sich nicht provozieren. "Wenn ich nicht daran glauben würde, wie sollte ich dann guten Gewissens meine Arbeit tun? Können Sie mir das beantworten, Frau Kelling?" Sie schüttelte unmerklich den Kopf. "Was für einer sind Sie bloß, Werner?" Er fuhr herum, senkte die Lampe aber sofort, um sie nicht zu blenden. "Ich verbitte mir, daß Sie weiterhin so mit mir reden. Ich bin Ihnen schon mehr entgegengekommen, als ich müsste, und als ich dürfte."

Sie gingen wortlos nach oben. Dann fragte Esther "Würden Sie mir behilflich sein und Vaters Dokumente zusammensuchen? Sie müssten soweit alle in seinem Schreibtisch liegen. Ich möchte sie mitnehmen." "Wollen Sie meine Erlaubnis dafür einholen?" Sie sah ihn überrascht an. "Nein. Aber vielleicht hat er etwas vergessen. Ich möchte, daß Sie mir sagen, was davon für ihn noch wichtig sein könnte." Er erwiderte nichts, folgte aber ihrer Bitte.

In den Schubfächern lag jede Menge Papiere und Kleinkram, von Briefen, einem Wechsel über dreihundert Reichsmark, einem Abonnement für die Semperoper, an dem nur ein Coupon abgetrennt war, bis hin zu einem Siegelring mit Namensmotiv, Groschen und Knöpfen und einer Perlenkette. In einem Fach war eine Photographie von Goethes Gartenhaus und eine alte Ausgabe von Descartes' Meditationes, in einem anderen ein Fläschchen Kölnisch Wasser, das offenbar ausgelaufen war.

Zwischen handlichen Stapeln Rechnungen steckten Ansichtskarten aus Paris, die von einer Frau namens Elise geschrieben worden waren; eine mit der Dresdner Frauenkirche hatte der Vater an sie adressiert, aber nicht fertiggeschrieben; Esther nahm die Karten an sich.

Werner sagte zu allem nichts. "Seinen Pass hat er anscheinend mitgenommen", meinte sie, "was ist damit?" Werner überflog die Dokumente. "Das sind Mitgliedsbescheinigungen für zwei Pensionskassen, da hat er eingezahlt." "Das sollte man aufheben, oder?" Werner zögerte. "Jedenfalls läuft das noch. Man müsste bei der Kasse nachfragen." "Bei Gelegenheit", sagte sie und steckte die Dokumente ebenfalls in die flache Ledertasche, die sie ganz unten im Schreibtisch gefunden hatte.

Dann sagte Werner, als würde ihm die Frage die ganze Zeit auf der Zunge liegen: "Wollen Sie ihm das etwa irgendwie zukommen lassen?" Und sie antwortete, als hätte sie auf die Frage gewartet: "Ja, und ich hatte gehofft, Sie könnten mir dabei helfen." "Also bitte, Frau Kelling, das ist ganz ausgeschlossen." Er sprach nicht wie ein Polizeibeamter, sondern wie einer, der weiß, daß ihm die betreffende Sache nicht gelingen würde, wie ein Sportler, der gar nicht erst versucht, eine Bestmarke zu übertreffen, weil er die Grenzen seiner Kräfte kennt.

Sie sah ihm direkt ins Gesicht. "Sie haben doch auch noch Eltern, Werner? Eine Mutter und einen Vater, oder?" "Ja, allerdings." "Dann können Sie mir doch nachfühlen." "Das sind zwei sehr verschiedene Paar Schuhe." Eine Metapher wie von einem Schuljungen; Esther musste unwillkürlich grinsen, es tat wohl, seine Verlegenheit zu erkennen. "Ich bin mir sicher, in Ihrem Innern steckt ein sanftes Wesen."

Das war etwas zuviel für ihn, er wendete sich ab, dann sagte er "Ich kann in dieser Angelegenheit wirklich nichts für Sie tun." Er verabschiedete sich und verließ ebenso rasch das Haus wie beim letzten Mal, als sie ihn rausgeworfen hatte.

Spätabends donnerte es an ihre Wohnungstür, es waren zwei SS-Leute in Uniform und ein Männlein in Zivil, er hatte einen großen gelben Stern an seinem schäbigen Mantel. Sie konnte die Leute nicht unter einen Hut bringen. "Was wollen Sie?"

Das Männlein stand zwischen den beiden, seine flinken Augen musterten Esther, einer der SS-Männer sagte "Esther Sarah Kelling?" "Ja." "Ziehen Sie sich was über, Sie kommen mit uns." "Wohin?" "Nun machen Sie schon, Esther", sagte das Männlein mit schnarrender Stimme.

Vorm Haus stand ein Lastwagen mit Plane. Sie sollte aufsteigen, aber die Planke war hoch. "Fuß hier drauf", raunzte einer der Männer, er schob sie hoch und sie fiel auf die Ladefläche, sie klemmte sich dabei die Finger ein. Der Wagen fuhr los.

Sie rappelte sich auf, ihre Augen gewöhnten sich nur langsam an die Dunkelheit. Dann erkannte sie, daß zu beiden Seiten Leute saßen, auch das Männlein war unversehens hinaufgeklettert und saß ganz vorn an der Planke. Keiner sagte einen Ton, nur ein Säugling quengelte, die Frau hielt ihn an ihre Brust gedrückt. Keiner rückte zur Seite, um Esther hinsetzen zu lassen. Sie konnte sich nirgends festhalten, und in der nächsten Kurve wurde sie prompt auf jemanden drauf geschleudert. Er drückte sie sachte weg. "Da oben ist eine Stange." Sie fand die Stange, die eiskalt war, die Plane war darüber gespannt, sie zwängte die heile Hand dazwischen.

Sie hielten, und ein SS-Mann rief "Plane hoch!" Zwei warfen die Plane aufs Verdeck, sie rutschte erst noch mal herab. "Runter vom Wagen, los los, Beeilung!" Alle drängelten sich nach vorn, einer wurde gestoßen und fiel auf den Boden. "Au, mein Bein, mein Bein", jammerte er. Der SS-Mann versetzte ihm einen Tritt: "Mach dich hoch! Ihr da, nehmt ihn mit." Sie fassten ihn unter den Armen.

Esther wurde angerempelt, dann trat sie jemandem aus Versehen auf den Fuß. "Pass doch auf wo du hinlatscht", fauchte er sie an. Sie wurden alle in einen Hauseingang getrieben, Esther wusste nicht, wo in der Stadt sie sind.

Sie gingen einen langen Korridor entlang und dann nach unten; sie wurden auf zwei Räume verteilt; es gab nur ein kleines Kellerfenster; an der Decke hing eine nackte Glühbirne und verbreitete ein fahles Licht. Im anderen Raum hörte man das Baby schreien. Die Tür wurde zugeknallt. Jeder blieb auf der Stelle stehen.

Dann ging die Tür noch mal auf und ein Mann wurde hereingeworfen. "Dreckschwein! Versuch' das nicht noch mal", rief einer von den SS-Leuten. Der Mann blieb auf allen vieren am Boden, er blutete im Gesicht, seine Nase war seltsam verbogen, in Esthers gequetschter Hand pulsierte es schmerzhaft.

Dann ging das Licht aus, und es war, als würden alle in einem Grab stecken. Erst war es totenstill, auch nebenan. Nach einer Weile konnte man oben Schritte hören, Türenknallen, mehrmals klingelte ein Telephon. Einmal wurde im Nebenraum die Tür aufgerissen, es ging ein Aufschrei durch die Leute, und die Tür fiel wieder ins Schloss.

Es verging eine lange Zeit. Esther hörte die Leute atmen, dann ließ jemand Wasser, es plätscherte leise auf den Steinboden. Ein Mann sagte "Pfui, was machen Sie denn da!", und eine Frau entgegnete: "Kümmer dich um dein Kram."

Das Licht ging an und blendete alle. Esther konnte nicht einschätzen, wie spät es war. Sie war in die Hocke gegangen. Ein SS-Mann kam herein und rief: "Die Jüdin Esther Sarah Waldstein!" Sie hatte nicht mitbekommen, daß es ihr Name war. Der Mann wiederholte es. "Das bin ich", sagte sie wie aus dem Schlaf gerissen. "Mitkommen!"

Er trat in den Gang zurück, ließ sie vorbei, sagte: "Stehenbleiben", schloss die Tür, knipste draußen den Lichtschalter aus und befahl: "Da lang, los los!"

Sie wurde in ein Bürozimmer geführt. Der SS-Mann blieb hinter ihr stehen. Am Schreibtisch saß ein anderer, an der Seite stand das Männlein von vorhin. Der SS-Mann machte Meldung: "Herr Hauptsturmführer, die betreffende Person auf Ihren Befehl zur Stelle."

Der Mann erhob sich. "Sag' deinen Namen." "Esther Kelling." Der Mann gab dem hinter ihr ein Zeichen. "Scharführer Wenzel, bringen Sie dem Miststück bei, wie sie sich einem deutschen Offizier gegenüber zu melden hat." "Jawohl Herr Hauptsturmführer." Er schlug ihr von hinten mit voller Kraft aufs Ohr. Sie kippte zur Seite, er holte sie zurück.

"Das heißt: Jüdin Esther Sarah Waldstein zur Stelle. Wiederholen!" Sie zögerte, er schlug sie wieder. Sie sagte es. "Na also", meinte der Hauptsturmführer zufrieden, "und da heißt es immer, die Juden wären unverbesserlich." Dann wandte er sich an das Männlein. "Jude Neumann, wieso stimmt der Name nicht überein?" "Die Jüdin Waldstein war mit einem Deutschen verheiratet, Herr Hauptsturmführer", antwortete Neumann. "War?" "Jawohl, Herr Hauptsturmführer, er hat sich von ihr getrennt." "Wie sich das gehört." "Jawohl, Herr Hauptsturmführer."

Er kam hinter dem Schreibtisch hervor und auf sie zu. Er betrachtete sie ganz genau, und Esther konnte seinen säuerlichen Atem riechen. Er holte ein Taschentuch hervor und sagte "Wisch' dir das Blut ab, kleine Judensau."

Sie nahm mit zitternder Hand das Tuch und wischte das Blut ab, das aus ihrem Ohr gekommen war. Neumann sah das offenbar als ein gutes Zeichen an, er sagte "Da die Aushebung zum fünfzehnten des Monats ..." "Halt die Fresse!", brüllte er ihn an. "Jawohl Herr Hauptsturmführer."

Dann fragte er ihn scheinheilig: "Was ist mit ihr?" Neumann setzte wieder an: "Da die Aushebung zum fünfzehnten des laufenden Monats zu hundert Prozent Soll erfüllt ist, haben wir die Jüdin Waldstein auf die Liste für nächsten Monat gesetzt."

"Und das heißt?", sagte der Hauptsturmführer und schaute sie dabei an, als wollte er von ihr die Antwort hören. "Das heißt, die Jüdin Waldstein hat sich bis zum besagten Zeitpunkt in ihrer Wohnung aufzuhalten und sich nicht daraus zu entfernen", sagte Neumann wie ein sprechender Automat.

Er war immer noch dicht vor ihr, dann ging er, die Hände lässig auf dem Rücken, langsam um sie herum. Sie schlotterte am ganzen Leib. Neumann sagte kleinlaut: "Natürlich nur, wenn Herr Hauptsturmführer damit einverstanden sind."

Er ging zum Schreibtisch zurück und setzte sich. "Scharführer Wenzel, schaff' sie raus." "Zu Befehl, Herr Hauptsturmführer." Neumann sah ihn fragend an. "Halt. Du willst doch nicht mein Taschentuch mitgehen lassen, oder?"

Esther blickte auf ihre Hand, in der sie es zusammengeknüllt hielt. Dann ging sie zum Schreibtisch und legte es hin. Er nahm es, schnupperte daran, faltete es so, daß die Blutflecken nicht zu sehen waren und steckte es ein, dabei hob er seinen Schoß vom Sitz hoch.

Sie waren schon draußen, da steckte der SS-Mann seinen Kopf noch mal herein. "Ähm, Herr Hauptsturmführer, soll sie wieder in die Zelle zurück?" "Schmeiß' sie vor die Tür, und sag' ihr, wenn sie nicht binnen fünf Sekunden hinter der nächsten Ecke verschwunden ist, brennst du ihr ein zweites Loch in ihren kleinen Judenarsch." Der SS-Mann nickte.

"Neumann, was stehen Sie denn noch hier 'rum, wollen Sie mir aus der Tora vorlesen?" Neumann merkte, daß sich die Laune des Hauptsturmführers verbesserte. Er holte einen Zettel aus der Tasche und legte ihn auf die Ecke vom Schreibtisch. "Das ist die Adresse, Herr Hauptsturmführer." "Verpiss' dich", sagte er und kippelte zur Entspannung auf den Hinterbeinen des Stuhls.

Am nächsten Vormittag klopfte es an ihre Tür, sie machte nicht auf. Sie hatte sich ein Küchenmesser mit großer, breiter Klinge in greifbare Nähe gelegt, für den Fall, daß die SS-Leute wiederkämen. Sie war zu allem entschlossen. Es klopfte wieder, und es war ein leises, vorsichtiges Klopfen.

Sie horchte an der Tür. Dann sagte sie "Wer ist da?" "Ich bin's, Neumann." "Ich mache nicht auf." "Ich bin allein." "Ist mir egal." "Sie brechen mir das Herz, wenn Sie nicht öffnen." "Wie bitte?" "Esther, ich will Ihnen bloß helfen." "Sagen Sie denen, wenn sie einen Schritt über meine Türschwelle setzen, stoße ich ihnen ein Messer in den Bauch." "Mit Verlaub, das werde ich nicht ausrichten." "Dann lassen Sie's bleiben. Wenn sie mich noch mal abholen wollen, dann müssen sie mich erst erschießen." "Das wird schon eher möglich sein", sagte Neumann ohne eine Spur von Ironie.

Sie wartete ab. Dann sagte sie: "Warum gehen Sie nicht endlich?" "Ich stecke etwas durch den Briefschlitz, ja? Ich wollte Ihnen dazu etwas sagen, aber wenn Sie mich nicht lassen, dann müssen Sie allein damit zurechtkommen, ja?"

Die Klappe wurde angehoben, und ein Päckchen in Zeitungspapier mit Gummiband, nicht viel größer als eine Brieftasche, wurde durchgeschoben. Es fiel auf den Boden. "Ich wünsche Ihnen viel Glück", sagte Neumann, und seine schnarrende Stimme klang plötzlich wie verschnupft.

Er war schon auf dem Treppenabsatz. "Warten Sie", rief sie so leise es ging, "kommen Sie rein." "Danke." Er blieb an der Tür stehen, seine flinken Augen wanderten durch das Zimmer. "Wir gehen in die Küche." "Danke." "Setzen Sie sich." "Danke." Er setzte sich auf die Kante des Stuhls, er war so klein, daß seine Füße gerade bis zum Boden reichten.

"Wollen Sie nicht Ihren Mantel ablegen?" "Oh ja, es ist zwar nicht mein Mantel, aber so ist es angenehmer." "Nicht Ihr Mantel?", fragte sie, als sei sie Mitwisserin seiner falschen Verkleidung geworden. "Er gehört dem Deutschen Reich, das hat ihn mir geliehen, für meinen alten aus Kaschmirwolle als Pfand, oder meinen Sie, ich hätte mir einen Mantel mit so einem merkwürdigen Abzeichen bei Rohloff in der Herrenkonfektion ausgesucht."

Er hatte das keineswegs zornig oder mit Verbitterung gesagt, eher, als wollte er Esther damit aufheitern, aber ihr steckte der Schreck von gestern Nacht noch in den Knochen. "Ist mit Ihrem Ohr alles noch in Ordnung?" "Nein", sagte sie.

"Sie tun ganz recht daran, daß Sie sich vor diesen Leuten verstecken, Sie sollten sie nicht hereinlassen." Er schwieg und sah zur Tür hin. Sie folgte seinem Blick, dann sprang sie auf und rannte zur Wohnungstür, sie hatte vergessen, sie zu verriegeln. Auch die Kette legte sie vor. Sie nahm das Messer in die Hand.

"Haben die Sie nur vorgeschickt?", fragte sie ihn. "Nein. Hauptsturmführer Francken würde mich kurzerhand erschießen lassen, wenn er davon erführe, was ich hier tue." "Und was machen Sie dort bei ihm?" "Ich bin Vertreter der israelitischen Kultusgemeinde bei der Gestapoleitstelle. Wir unterstützen die deutschen Behörden bei der Aushebung der Juden." "Was heißt 'Aushebung'? Das haben Sie gestern schon gesagt." "Beim Transport nach außerhalb, aus der Stadt hinaus."

Sie legte das Messer weg und setzte sich ihm gegenüber. "Auch nach Theresienstadt?" "Jawohl." "Dann wissen Sie Bescheid über meinen Vater?" "Jawohl. Josef Leopold Waldstein. Ich kann mir jeden Namen merken, das ist mein Fluch." "Haben Sie Verbindung zu ihm." "Bitte?" "Hat Ihre Gemeinde Verbindung nach Theresienstadt?" "Ja, eine Bahnverbindung der Deutschen Reichsbahn, Abfahrt von Dresden Neustadt, Gleis neun." Diesmal klang es sehr sarkastisch, aber vielleicht ungewollt.

"Mein Kind", setzte er hinzu, "wollen Sie mich alten Mann zum Narren halten?" Sie beugte sich zurück. "Weshalb haben Sie gesagt, mein Mann und ich wären geschieden?" "Weshalb wohl? Meinen Sie, Hauptsturmführer Francken würde Sie zuvorkommender behandeln, wenn Sie in Mischehe leben? Ich habe weder das Recht noch die Absicht, Sie voneinander zu scheiden, ich hielt es bloß für angebracht, damit sie nicht gegenseitig belastet werden. Wo ist Ihr Mann eigentlich?" "Er ist gerade nicht da." "Ach so."

Sie holte das Päckchen, das noch neben der Tür auf dem Boden lag. "Was ist das?" "Machen Sie's auf." Im Zeitungspapier waren zwei ausländische Pässe eingewickelt. Sie blätterte einen durch, er gehörte einer Frau, dann erkannte sie das Photo. "Um Himmels Willen, das bin ich ja. Mit einem ganz anderen Namen." Neumann sagte "Es ist anscheinend nicht das neueste Photo, aber Ihr Vater hat mir kein anderes gegeben."

"Mein Vater?" "Er beauftragte mich vor drei Wochen, diese beiden Pässe für Sie zu besorgen." Sie war sprachlos. "Es musste sehr schnell gehen, aber wenn man ordentliche Arbeit leisten soll, braucht das eben seine Zeit. Deshalb sind sie nicht früher fertig geworden. Es tut mir leid, daß Ihnen das gestern nicht erspart blieb. Aber jetzt haben Sie was Sie brauchen."

Esther sah abwechselnd ihn und den Pass an und konnte es nicht begreifen. "Können Sie ein wenig Französisch sprechen?" "Ja. Nein. Nur aus der Schule", sagte sie wie abwesend. "Das muss reichen. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, warum er für Sie einen französischen Pass haben wollte, aber er wird sich schon was dabei gedacht haben. Vielleicht ist es auch tatsächlich einfacher; gehen Sie in Strassburg über die Grenze, aber nicht zu Fuß, nehmen Sie einen Zug von Frankfurt. Nehmen Sie nur einen kleinen Koffer mit. Fahren Sie bis Paris. Kennen Sie jemanden in Paris?" "Nein." Ihr fielen die Postkarten ein, die Vater von einer Frau aus Paris erhalten hatte. "Nun ja, sehen Sie zu, daß Sie so schnell wie möglich in den Süden gelangen, in das nichtbesetzte Gebiet. Wenn Sie noch weiter wollen, sollten Sie nach Marseille gehen. Oder über die Pyrenäen und dann nach Lissabon, aber das ist sehr beschwerlich, wie ich gehört habe." "Ich weiß nicht", sagte Esther. Ihr Ohr schmerzte, es wurde ihr schwindlig.

Neumann stand auf. "Wollen Sie gehen?", fragte sie, als wollte sie nicht allein bleiben. "Gleich." Er holte aus der inneren Manteltasche einen großen Umschlag. "Dies ist eine kunstwissenschaftliche Arbeit über Tizian, insbesondere über sein Gemälde 'Der Zinsgroschen'. Meine Tochter Julia hat sie vor ein paar Jahren verfasst, das hier ist eine französische Übersetzung, es sind auch Bilder dabei. Falls Sie gefragt werden, sagen Sie, Sie sind Kunsthistorikerin und waren zu einem Studienaufenthalt in der Dresdner Gemäldegalerie; hier ist auch ein Schreiben von dem Kustos Professor Seifstedter dabei, der ist zwar nicht mehr da, aber ein anderes habe ich nicht besorgen können. Üben Sie ein bisschen, gebrochenes Deutsch mit französischem Akzent zu sprechen, auch wenn Sie sich albern vorkommen. Nehmen Sie das", sagte er und reichte ihr den ganzen Umschlag. Er sah, daß sie sehr verwirrt war.

Er legte seine Hand auf ihre, es war ein angenehmes Gefühl. "Esther, tun Sie, was ich Ihnen sage, ich bitte Sie darum. Sie müssen es schaffen hier rauszukommen, und dann müssen Sie es allen berichten, was Sie hier erlebt haben, ich flehe Sie an, tun Sie das für uns." "Wem soll ich es berichten?" "Allen, die jetzt zusehen, wie unser Volk vernichtet wird." Er nahm seine Hand wieder weg.

"Ich kann nicht." "Wie bitte?" "Ich kann noch nicht fort." "Ja, was sollen die denn erst noch mit Ihnen machen, daß Sie fliehen?" "Ich muss erst meinen Vater aufsuchen, ich muss wissen, wie es ihm geht." "Sind Sie jetzt völlig meschugge?" Sie sah ihn böse an, sie empfand das als Beleidigung des Vaters. "Denken Sie darüber wie Sie wollen, ich fahre nach Theresienstadt, ich will meinen Vater sehen." Neumann schüttelte verzweifelt den Kopf. "Das darf nicht wahr sein", murmelte er, als habe er einsehen müssen, daß Esther nicht anders ist als alle die anderen Mitmenschen, in denen er sich so schmerzlich getäuscht hat.

"Warum sind es eigentlich zwei Pässe?", fragte sie und schaute sich den anderen an. "Für Paul?" "So hat es Ihr Vater gewollt." Sie betrachtete Pauls Passbild, sie hatte nie ein so ungutes Gefühl gehabt wie bei diesem Anblick und dem fremden Namen, der darunter stand. Sie wollte es nicht zulassen, daß Paul ohne sein Wissen und Zutun zu einem anderen Menschen gemacht wurde, auch wenn es bloß zum Schein war.

"Das ist nicht nötig", sagte sie, "mein Mann hält sich im Ausland auf." "Ah so, ja", meinte Neumann, "dann waren meine Informationen doch richtig." "Woher haben Sie das Photo?" "Auch von Ihrem Vater." Es stammt wahrscheinlich aus der Firma, dachte Esther. Ob Hermann Schmitt darüber Bescheid wusste? Dann hätte er es angesprochen. Warum hatte der Vater für Paul auch einen Pass besorgt?

"Und was machen wir jetzt damit?", fragte Neumann. Er war aufgestanden und zog sich den Mantel an. "Nehmen Sie ihn wieder mit, vielleicht können Sie ihn jemand anderem geben, aber machen Sie das Photo 'raus." "Hm, das wäre sehr großzügig von Ihnen, Esther, denn das Geld kann ich Ihnen nicht zurückerstatten."

Sie überlegte. "Was hat Ihnen mein Vater dafür bezahlt?" "Wollen Sie es wirklich wissen?" "Wieso nicht?" "Weil das doch im Grunde gar nichts über den Wert des Menschen aussagt, für den es getan wird. Und ebensowenig über die Fürsorge dessen, der es tut. Oder?" "Ja."

Sie begleitete ihn zur Tür. Er reichte ihr die Hand. "Ich würde Sie mit einem besseren Gefühl verlassen, wenn ich wüsste, daß Sie dieser Stadt und diesem Land noch heute den Rücken kehren. Und mein Gewissen wäre weniger belastet, wenn ich in Zukunft an Sie denke. Aber Sie wollen es ja so. Ich wünsche Ihnen jedenfalls viel Glück, ein guter Gott sei mit Ihnen." "Danke, Herr Neumann, Ihnen auch alles Gute."

* * * * *

Diesmal hatte sie geahnt, daß Werner beim Haus war. Er stand im Garten vor Friedas Grab. Als er Esther sah, nahm er den Hut ab und begrüßte sie. "Was ist das?", fragte er. "Vaters Hund, man hat ihn getötet. Wir haben ihn begraben." Werner setzte den Hut wieder auf.

Sie ging ins Haus, er folgte ihr. "Frau Kelling, ich möchte ..." "Ich beantworte keine Fragen mehr, und ich will auch keine schlechten Nachrichten mehr hören." "Ich wollte Ihnen lediglich sagen, daß ich ..." "Wenn Sie mir helfen wollen, zu meinem Vater zu kommen, dann tun Sie's. Ich würde für den Rest meines Lebens in Ihrer Schuld stehen, und ich weiß nicht, wie ich es bei Ihnen gut machen sollte. Aber bilden Sie sich nicht ein, Sie könnten mich damit erpressen." Er blieb stehen. "Was meinen Sie damit?" "Das was Sie denken." Er schwieg.

Sie ging ins Arbeitszimmer und begann, den Papierkram aus dem Schreibtisch zu räumen und alles in den Kamin zu werfen. Er kam hinzu. "Wollen Sie es verbrennen?" "Ja." Er suchte eine Zeitung, zerknüllte sie, steckte sie zuunterst in den Haufen und zündete sie an; das Papier fing Feuer, der Qualm zog ab.

"Das dort aus dem Aktenschrank auch", sagte sie. Er holte es und legte es nach und nach oben drauf. Nach einer Weile sagte er "Ich fahre Sie hin." "Wann?" "Wann Sie wollen." "Morgen?" Er nickte. "Was verlangen Sie dafür von mir?" "Nichts." "Geben Sie mir Ihr Ehrenwort?" "Und was noch?" "Gut. Ich vertraue Ihnen auch so." "Auf einmal?" "Nein, ab jetzt."

Sie fuhren das Elbtal aufwärts. Es war hässliches Wetter, es regnete ununterbrochen, die Regenwolken hingen tief ins Tal hinein und die Felsen oben am Hang hatten ihre Spitzen im Dunst. Werner fuhr zügig. Sie hatten, seitdem sie aus Dresden hinaus waren, kein Wort miteinander gesprochen. Irgendwann fragte er: "Glauben Sie, daß Ihnen Herr Schmitt alles offenbart hat?" "Nein. Aber er hat mehr gesagt, als er musste." Sie erwähnte das Telegramm, das sie Paul geschickt hatte, obwohl Hermann Schmitt ihn zurückbeordert hat. Warum sie das Werner anvertraute, war ihr zuerst nicht klar, dann fragte sie ihn: "Meinen Sie, daß ich das Richtige getan habe?" "Ich weiß nicht. Ich kann mich nur schwer in Ihre Situation versetzen." "Heißt das, Sie versuchen es wenigstens?" Er antwortete nicht darauf. "Glauben Sie, Herr Schmitt will Ihren Mann nur her locken?" "Das dachte ich wohl, als ich ihm das Telegramm schrieb." "Und jetzt?" "Was weiß ich? Es geschehen so viele Dinge, auf das ich keinen Einfluss mehr habe."

Nach einer Pause sagte sie "Vorgestern hat man mich zur Gestapoleitstelle gebracht." Werner bremste scharf, fuhr an die Seite und hielt an. "Was? Wer hat Sie dahin gebracht?" "Die SS und ein Herr von der ... von diesem Aushebungsbüro." "Warum haben Sie mir das nicht eher gesagt?" "Warum sollte ich." "Was haben die mit Ihnen gemacht?" "Ich war eine Weile in einem Kellerraum, mit noch anderen zusammen." "Und dann?" "Durfte ich wieder nach Hause." "Die haben Sie wieder gehen lassen?", fragte Werner, als glaube er ihr kein Wort. Er zögerte. "Hat man Ihnen etwas angetan?" "Aufs Ohr geschlagen." "Das war alles?" Sie sah ihn scharf an. "Entschuldigung." "Warum stehen wir hier?" Er fuhr weiter.

"Man hat mich zu dem Kommandanten gebracht." "Wer war das?", fragte Werner schnell. "Ein Haupt...sturm...führer, ist das so?" "Hauptsturmführer Francken?" Sie schwieg, dann sagte sie: "Gehören Sie zusammen? Er und Sie?" "Nein." "Aber Sie kennen ihn?" "Ja." "Er hat mich schamlos angegafft; ich habe damit gerechnet, daß er sich an mir vergeht." "Waren Sie mit ihm allein? Ich meine, waren noch andere anwesend?" "Ja." "Das war Ihr Glück. Ein SS-Führer darf sich nicht an einer ... Jüdin vergreifen, damit macht er sich strafbar." "Das interessiert mich einen Dreck." "Ja. Aber er hätte sie niemals gehen lassen, wenn er nicht ..." "Was?" "Sie müssen darauf gefasst sein, daß er Sie fängt, ohne daß es jemand bemerkt." "Man hat uns im Lastwagen dahin gefahren", entgegnete sie. "Esther", sagte er eindringlich, "ich spreche davon, daß er Ihnen persönlich Schmerzen zufügen wird. Dieser Mann ist ein Sadist und wahrscheinlich ein Verbrecher." "Das behaupten Sie von einem SS-Offizier?" "Ich weiß nicht genau, wie er dahin aufsteigen konnte ... das heißt, das was ich weiß, genügt mir." "Und warum sorgen Sie dann nicht dafür, daß er da verschwindet?"

"Das ist nicht so einfach." "Er hat meinen Vater nach Theresienstadt geschickt, stimmt's?" "Als Leiter der zuständigen Stelle, ja. Aber das ist rechtens." Jetzt platzte ihr der Kragen. "Das ist rechtens? Die Leute überfallen, ihr Heim verwüsten und sie wegschaffen, das finden Sie rechtens. Aber wenn der mich geil anglotzt, dann nehmen Sie mich in Schutz." "Bitte. Denken Sie daran, daß nicht ich es bin, der Ihnen geschadet hat." "Oh nein", erwiderte sie höhnisch, "wahrscheinlich haben wir uns nur selber geschadet." "Bitte?" "Damit daß wir als Juden geboren wurden." "Auch dafür kann ich nichts." Sie schlug ihm grob mit der Faust gegen die Schulter, wandte sich aber gleich ab und verbarg ihr Gesicht. "Verzeihung, das wollte ich nicht sagen."

Sie fuhren wieder lange schweigend. Der Regen hatte zwar aufgehört, aber die Luft war trübe und feucht. Die Straße ging nahe am Fluss entlang. Es kamen ihnen immer mehr Autos entgegen, auch Lastwagen und dazwischen Mannschafts Fahrzeuge der Wehrmacht. Je mehr sie sich der Grenze zum Protektorat näherten, umso öfter sahen sie am Straßenrand Feldpolizisten.

Esther bemerkte, wie Werner nervös wurde. Sie glaubte, er würde das durchstehen, denn sie habe ihn zu sehr in die Sache hineinverwickelt. Er würde sich an der Grenze nichts anmerken lassen, er ist Kriminalbeamter, er kann energisch auftreten, wenn's sein muss. Er hatte gesagt, daß am Grenzübergang nur sporadisch kontrolliert wird, es herrscht ja ein reger Verkehr zwischen dem Protektorat und dem Reich.

"Ich verrate Ihnen noch etwas", sagte sie, "der Herr von der Kultusgemeinde hat mir einen französischen Pass besorgt." Werner erschrak. "Haben Sie ihn dabei?" "Nein." "Was haben Sie vor?" "Was?" "Wollen Sie das Land verlassen? Ach, ich will es gar nicht hören. Frau Kelling, Sie bringen mich in große Bedrängnis." "Ich Sie? Wieso?" "Sie machen mich zum Mitwisser. Ich kann Sie bald nicht mehr decken, eigentlich bin ich schon viel zu weit gegangen." "Sie wollen jetzt nicht umkehren? Bitte, bitte fahren Sie weiter."

Er schwieg und man sah, daß er angestrengt überlegte. Seine Hände klammerten sich ans Lenkrad, und es fiel ihm schwer, sich auf die Straße zu konzentrieren.

"Ich sage Ihnen jetzt was, das Sie genau beachten sollten: Ich habe für alle Fälle einen Schein dabei, auf dem steht, daß ich Sie persönlich in Theresienstadt abliefern soll, Sie sind eine enge Verwandte eines der Juden, die dort zur Organisationsleitung gehören. Dieses Dokument ist von ziemlich hoher Stelle abgesegnet. Damit werden wir ungehindert passieren können. Hoffe ich."

Ihr ging das zu schnell, sie konnte es nicht durchdenken, sie fragte bloß: "Ist es echt?" "Sie sagen gar nichts. Sie stammen aus Posen, Sie können nicht Deutsch sprechen. Zum Teufel", schrie er plötzlich, "haben Sie das kapiert?" Sie zuckte zusammen. "Ja." "Sie dürfen nicht Ja sagen!" Er kaute auf den Lippen herum.

Sie kamen an die Grenze. Vor ihnen war eine Schlange von Autos, Werner fuhr im Schrittempo. Dann ging es schneller vorwärts, dann stockte es wieder. Vier Autos waren vor ihnen. Sie standen still. Der Fahrer des ersten Wagens musste aussteigen. Ein Unteroffizier gab den hinteren ein Zeichen, daß sie den Motor abstellen sollen. Auf der Gegenspur rollte der Verkehr. Mehrere Grenzposten untersuchten den ersten Wagen, der Fahrer musste plötzlich die Arme hochnehmen, man führte ihn in das Gebäude. Es dauerte. Dann fingen die Grenzposten an, die anderen Autos zu kontrollieren, sie konnten offenbar nicht am vordersten vorbei geleitet werden. Werner fing an zu zittern. Esther fasste seine rechte Hand, er schüttelte sie ab. "Lassen Sie das, die sehen uns." "Was soll ich tun?"

Die Grenzposten arbeiteten sich nach hinten weiter, der erste Wagen blockierte immer noch. Hinter ihnen standen bereits zahlreiche andere. Werner achtete auf den Gegenverkehr. Er startete den Motor. "Was machen Sie?", rief Esther besorgt. Seine Hände zitterten wie verrückt. Er wandte sich um und setzte in dem kleinen Zwischenraum zurück, dann drehte er die Lenkung bis zum Anschlag ein. Er manövrierte ein zweites Mal, die Grenzposten wurden auf ihn aufmerksam. "Bleiben Sie bitte stehen", sagte Esther fast flehentlich, "wir kommen da durch, ich weiß es, wir schaffen das." Er hörte nicht auf sie. Er passte einen Moment ab, wo kein Fahrzeug entgegenkam, schoss quer auf die Straße, fuhr zurück und wieder vor, nochmal zurück und wieder vor und kam mit einer scharfen Kurve über das Gras am Rand auf die andere Fahrbahn. Er gab Gas. Esther schlug die Hände vors Gesicht und heulte. Werner atmete heftig, dann musste er husten, es war wie ein Anfall vor Aufregung, seine Brust krampfte sich zusammen.

Sie waren wieder auf freier Strecke. Esther weinte, Werner hustete und würgte aus trockener Kehle, sie fuhren in höllischem Tempo, er überholte ohne Vorsicht. Sie hielten an einer Wiese auf der anderen Straßenseite, schon wieder weit von der Grenze weg.

Esther rüttelte an der Wagentür, sie klemmte, dann sprang sie auf. Sie lief über die Wiese zum Fluss, sie wankte, dann brach sie zusammen. Werner kam zu ihr, sein Husten hatte sich gelegt. Sie hockte im Gras und weinte und schluchzte. Er kniete sich daneben, er legte seine Hand auf ihr Haar. "Er ist tot, er ist tot", jammerte sie immer wieder. Das Wasser trieb grau, stumpf und träge dahin.

* * * * *

Ihre Wohnungstür war nicht verschlossen. Es war dunkel. Esther hätte umkehren und weggehen sollen, noch hätte sie sich in Sicherheit bringen können. Aber sie ging hinein, sie machte das Licht an.

Sie ging in die Küche. Sie hörte Schritte hinter sich, sie drehte sich um. Hauptsturmführer Francken stand vor ihr. Sie bekam den ersten Schlag ins Gesicht. "Wenn du schreist, mach' ich dich kalt."

Dann hagelte es Schläge; sie dachte, es muss endlich vorbei sein, aber es fing erst richtig an. Sie war zu Boden gegangen, er zerrte sie hoch. Sie stand da und hielt die Hände am Gesicht, sie blutete.

Er trat zurück, rückte einen Stuhl heran, setzte sich breitbeinig hin und sagte "Zieh' dich aus." Sie schüttelte den Kopf. "Zieh' dich aus!", brüllte er. "Nein." Ein Zahn war abgebrochen und lag auf ihrer Zunge, sie ließ ihn in die Hand fallen.

Er sprang auf und packte sie bei den Haaren, sie ließ sich fallen. Er schleifte sie zur Tür und die Treppe hinab, es war niemand da, der etwas hörte oder sah. Sie wurde auf den Rücksitz ins Auto gestoßen.

Er fuhr mit ihr in seine Wohnung. Er drehte ihr den Arm auf den Rücken und schleppte sie hinein. Er verschloss die Tür. Sie stand da.

Er gab ihr einen Hieb in den Magen. Er fasste ihr Kleid am Nacken und zerrte solange daran herum, bis es zerriss. "Runter mit dem Zeug!" Es hing in Fetzen, dann fiel der Rest ab. Sie stand nackt da. "Schon besser", sagte er. "Dreh' dich um." Sie gehorchte. Er löste den Ledergürtel um seine Jacke und fasste das Ende mit der rechten Hand. "Jetzt kannst du erleben, wie man eine jüdische Schlampe züchtigt."

Sie war in eine Kammer eingesperrt. Sie hatte das Zeitgefühl verloren. Er kam andauernd herein und quälte sie, irgendwann schien ihr, daß es pausenlos geschah. Von der Decke brannte ununterbrochen ein schmerzhaftes Licht. Sie verlor zwischendurch die Besinnung, und als sie erwachte, lag er auf ihr und rutschte hin und her und keuchte dabei.

Er fesselte sie mit Stricken am Bettgestell und machte sich über sie her, dann ließ er sie liegen und ging weg und schloss hinter sich die Tür ab. Obwohl in Wirklichkeit eine Zeit verging, kam er gleich darauf wieder, zog sich hastig aus und bohrte sein Glied in sie. Er drückte sie mit aller Kraft nach unten, als wollte er ihren schlaffen, leblosen Leib in den Boden versenken. Er ritzte mit dem Messer in ihre Haut, er schüttete ihr eiskaltes Wasser ins Gesicht, und im grellen Schein der Lampe erregte er sich am Anblick des geschundenen Körpers. Dann und wann band er sie los und warf ihr etwas zu essen auf den Boden.

Wie lange dauerte das? Drei Tage und Nächte? Fünf? Eine Woche? Irgendwann hörte sie, wie es an die Wohnungstür klopfte. "Herr Francken! Machen Sie auf." Er wälzte sich von ihr herunter.

Er packte sie an der Kehle. "Einen Mucks, und ich zerhacke dich nachher in Stücke." "Öffnen Sie, wir wissen, daß Sie da sind", rief es von der Tür her. Sie bekam alles nur halb mit. "Ja, ja, verflucht. Ich komme ja."

Er zog sich was über, er vergaß, sie festzubinden. Zum ersten Mal machte er das Licht aus. Er schloss die Tür, und es war stockfinster in der Kammer. Er ging zur Wohnungstür, es klopfte heftig dagegen. "Ist ja gut", rief Francken.

Als Esther die Stimme vernahm, durchfuhr sie von den Fußspitzen zum Scheitel für den Bruchteil einer Sekunde ein dünner, heller Strahl, der einen winzigen Schimmer Hoffnung hinterließ. "Ich bin Kriminalinspektor Krause", hörte sie Werner sagen, "Heinrich Francken?"

"Ja, was gibt es denn, daß ihr Burschen einen um die Zeit belästigt?" "Ich verhafte Sie wegen Verdachts auf Unterschlagung, Veruntreuung und widerrechtliche Aneignung von Volksvermögen in mindestens vierzehn Fällen sowie wegen mehrfachen Verstoßes gegen das Blutschutzgesetz." "Das soll wohl ein Witz sein? Macht daß ihr fortkommt, bevor ich wütend werde." 'Geh' nicht weg', dachte sie. Sie wollte schreien, aber die Stimme versagte ihr, sie röchelte nur.

"Wenn Sie Widerstand leisten, machen wir von der Schusswaffe Gebrauch." "Habt' ihr 'ne Meise? Ihr wisst wohl nicht, mit wem ihr redet. Ich habe die besten Beziehungen nach Berlin, bis ins Sicherheitsamt. Du kleiner Scheißer kannst mich mal." Er knallte die Tür zu und verriegelte.

Esther stemmte sich mit aller Kraft hoch, sie bekam Halt an dem eisernen Bettgestell. Die Männer riefen von draußen, sie waren noch nicht weg! Francken brüllte etwas zurück. Dann fielen Schüsse, die Tür wurde aufgebrochen, Francken schrie umher, es gab ein Handgemenge, sie überwältigten ihn. Esther stand auf den Beinen, sie zog die zerschlissene Decke vom Bett und hängte sie sich um. Werner wiederholte seinen Spruch dem Hauptsturmführer gegenüber. "Sie kommen vorläufig in Untersuchungshaft ins Polizeipräsidium und werden morgen früh dem Haftrichter vorgeführt", setzte er hinzu. Von Francken kam kein Wort mehr. Esther versuchte zu gehen. Die Männer verließen die Wohnung. Sie wollte wieder rufen, aber es ging nicht. Sie taumelte, kippte nach hinten, stieß von dem Eimer, in den sie reinmachen konnte, den Deckel weg und fiel aufs Bett. Es war still. Sie blieb eine Weile liegen, dann versuchte sie es erneut.

Die Kammertür war offen, die Wohnungstür war demoliert. Sie lief hinaus ins Treppenhaus, da wurde ihr bewusst, daß sie nur das Bettuch umhatte. Sie ging zurück in die Wohnung, ließ aber die Tür weit auf. Sie suchte einen Kleiderschrank. Sie zog eine Hose und ein Jackett an, das sie bis oben zuknöpfte, dann ein Paar Halbschuhe. Die Hose musste sie mehrmals umkrempeln. Das Gefühl von Ekel und Scham, das in ihr aufstieg, sollte sie bis an ihr Lebensende nicht mehr loswerden. Sie schleppte sich durch die dunklen Straßen. Merkwürdigerweise konnte sie sich entsinnen, wo entlang er mit ihr im Auto gefahren war.

Sie brauchte eine Stunde, aber es erschien ihr trotz der Schmerzen nur wie ein paar Schritte, dann war sie zu Hause. Sie sperrte sich ein, zog alles aus und warf es auf den Boden. Sie wühlte im Besteckkasten das große Küchenmesser heraus, kniete sich hin und stach wie wild auf die Klamotten ein, bis ihr Handgelenk einen Knacks bekam. Sie fiel zur Seite, kroch in das andere Zimmer und blieb, die Knie bis ans Kinn gezogen und die Fäuste vorm Gesicht, in der Ecke liegen.

* * * * *

Die Waffe, welche Sergio Flores für Paul besorgt hatte, war ein Colt, ein vollautomatisches Modell, eine Variante der M-1911, die in Argentinien oder Spanien hergestellt worden war. Sie hatte ein Magazin mit sieben Patronen und wog fast zwei Pfund. Sergio hatte sie in einen Karton gepackt, mit einem Päckchen Patronen dabei, und einen Bindfaden darum gebunden.

Als er zu ihm ging, war Paul nicht da, und Bernarda sagte, er wäre für ein paar Tage in die Berge geritten, wohin wisse sie nicht genau. "Wohl in Richtung Puerto Abente", meinte Sergio. "Ja, schon möglich." Wer ihn begleitet? Auch das könne sie leider nicht sagen.

Sergio ließ den Karton für ihn da, Bernarda versprach, ihn Paul zu geben, und Sergio verabschiedete sich. Bernarda hatte gerade in der Küche zu tun, deshalb schob sie den Karton in ein Fach unter der Anrichte und vergaß ihn einstweilen.

Lydia hatte von Don Carrasco zwei Pferde ausgeliehen, er hatte sie ihr ohne weiteres überlassen, und es waren prächtige Tiere, eine helle Stute und ein brauner Wallach.

Ansit hatte ihnen einen Mann namens Ignazio Rogas geschickt, der seit seiner Jugend ein Waldläufer war. Er war im Wald geboren, und wenn man ihn fragte, aus welchem Eingeborenenstamm er käme, so nannte er einen, von dem kein Mensch je gehört hatte. Er war sein Lebtag allein unterwegs und gesellte sich nur für kurze Zeit zu einer Gemeinschaft; er hatte sich nie auch nur länger als einen halben Tag in einem größeren Ort aufgehalten. Er führte Leute durch den Urwald: Unternehmer, Landvermesser, Forscher, Bauern, Goldgräber, Rebellen, selbst Indianer, die auf der Suche nach einem neuen Siedlungsplatz waren. Er hatte Ansit und seine Kameraden zuerst vor El Halcón und seiner Truppe gewarnt, nachdem er sie beobachtet hatte. Aber aus den Angelegenheiten anderer hielt er sich heraus. Wie alle einsamen Waldläufer war er schweigsam, aber rücksichtsvoll zu denen, welche zu den Freunden seiner Freunde gezählt wurden.

Sie mussten den ganzen Tag reiten. Alle zwei Stunden legten sie eine Pause ein, mittags machten sie eine halbstündige Rast. Sie kamen durch dichten Wald, wo alles in ein dunkelgrünes, dunstiges Dämmerlicht getaucht war und wo nur vereinzelte Sonnenstrahlen wie gläserne Säulen durch das Blätterdach auf den Boden fielen.

Unten war es hügelig und wellig, als wäre die Erde um und umgegraben worden und hätte sich dann selbst mit einer dicken Pflanzenschicht zugedeckt, um in einen zehntausendjährigen Schlaf zu versinken.

Aber in Wahrheit war alles in Bewegung, eine schleichende, unaufhaltsame, manchmal zähflüssige, vorgetäuschte, dann wieder blitzartige Bewegung, der alles unterworfen war und die allem einen Sinn gab. Bis wohin die Stängel, Blätter oder Blüten eines Gewächses reichten und von welcher Stelle die der anderen entgegenstrebten war nicht zu erkennen, alles war zu einem gierigen, wuchernden Ganzen verwoben, in dem ein Jedes noch den kleinsten Happen von Luft und Licht zu verschlingen sucht.

Paul staunte, wie man überhaupt auf die Idee kommen konnte, diese vollkommen ausgefüllte irdische Unterwelt zu durchqueren, wo jede Himmelsrichtung außer Kraft gesetzt war, wo nur die Ortlosigkeit herrscht, wo nichts geschaffen ist, damit zu rechnen, daß irgendetwas hinzukommt oder sich davonmacht, geschweige denn mit einem Ziel vor Augen vorbeizieht, wie es diese drei Reiter da taten.

Man fühlte sich nicht bloß in einer anderen, unbegreifbaren Welt, man wurde in ihr auch selbst zu einem unwirklichen Geist. Wenn Paul den Waldläufer auf dem Pferd vor sich anschaute, dann wirkte der wie ein Untoter, wie ein Wiedergänger, der auch in hundert Jahren noch irgendeinen fremden Sterblichen durch diese Wildnis führen wird.

Dann wurde es steiler, und sie mussten im Zickzack Kurs einen Hang hinauf. Oben war eine Ebene, und ein Stück weiter ragten spitze Felsbrocken empor, Sandstein, auf dessen glatten Flächen das Sonnenlicht dunkle, warme Schattenbilder malte. Schmetterlinge begleiteten die Reiter, und dann und wann wurde ein Tier aufgescheucht.

Es ging in ein Tal und abermals in schier endlosen, undurchdringlichen Wald, in dem zwischen den Blättern das Geschrei und Gezwitscher tausender und abertausender Vögel hervorbrach.

Eine Weile folgten sie aufwärts dem Lauf eines Baches, bis Ignazio plötzlich seitwärts abbog und sie sich wieder einen Steilhang hinaufkämpfen mussten. Hoch oben, auf einer kleinen Lichtung, die wie ein verlassener Lagerplatz anmutete, hatte man einen weiten Ausblick auf die Berge und Täler, die kein Ende nahmen so weit das Auge reichte.

Sie hatten keine Menschenseele getroffen, und nur fünf hölzerne Grabkreuze an einer Stelle mitten im Wald erinnerten sie daran, daß sie nicht als erste hier sind.

Am späten Nachmittag sagte Ignazio, daß es nicht mehr weit sei. Er hatte den ganzen Tag über lediglich einige Rosinen, Nüsse und zwei Bananen verzehrt und seine Wasserflasche ausgetrunken, er schien so unverbraucht wie am Morgen.

Paul war ziemlich erschöpft, aber er lobte Don Carrascos Pferd, das gutmütig war und ihn so sicher getragen hatte. Lydia hörte auch nach Stunden nicht auf, immer und überall irgendetwas Besonderes oder "Geheimnisvolles" zu entdecken und die anderen darauf aufmerksam zu machen, und Paul meinte, schade nur, daß nicht sie Humboldts Begleiterin auf seiner berühmten Expedition war, sie wäre ihm bestimmt eine große Hilfe gewesen. "Aber er soll doch schwul gewesen sein", entgegnete sie.

Das Dorf, in dem Ansit und seine Kameraden nun lebten, war westlich der alten Jesuitenmission gelegen. Sie war bereits Mitte des neunzehnten Jahrhunderts aufgegeben worden. Fünfzig Jahre später war zwar ein Padre mit zwei Schülern hier eingezogen, aber er starb kurz darauf, und die Jünglinge gingen zurück in die Stadt.

Das Hauptgebäude und die Kirche standen noch. Die Kirche war ein einfaches Holzhaus mit einem erhöhten Giebel, an dem eine Glocke hing, die bei Feueralarm geläutet wurde. Das Hauptgebäude hatte ursprünglich mehrere Räume, aber die Dorfleute hatten die Wände herausgenommen, und jetzt diente es als Versammlungsraum.

Vielleicht hätte man hier die vertriebenen Yerba Bauern gar nicht so gern aufgenommen, wenn sie nicht die Leute hier, die ebenfalls Tee anbauten und damit handelten, von der Idee einer Kooperative hätten überzeugen können, die eine bessere Bewirtschaftung, höhere Erträge und mehr Einnahmen versprach.

Ansit hatte diese Form der Zusammenarbeit bereits in seinem Heimatdorf begründet, bevor die Meridian Company (oder wer immer dahinter steckte) das Gebiet besetzte. (Der General hatte nicht ganz unrecht, wenn er meinte, Ansit sei der intellektuelle Anführer der Gruppe.) Sie hatten zwar ihre Plantage verloren, aber alles bewegliche Gerät mitgenommen, wozu auch der Generator gehörte, von dem Ansit gesprochen hatte. In Alto Paraná hatte es eine Stromversorgung gegeben, die Anlage war jedoch uralt und marode und nach einem Jahr mit mehreren schlimmen Unwettern vollends zusammengebrochen. So waren die Bauern für Ansits Pläne durchaus aufgeschlossen, und irgendetwas an seinem Wesen verhalf ihm außerdem dazu, daß sie an ihn und die Vorstellungen von einer Kooperative glaubten.

Die Bauern hatten kleine Felder, auf denen sie Reis, Mais, Tabak, süße Kartoffeln, Erbsen und Bohnen anpflanzten, sowie Mandioca, aus deren Wurzelknollen Stärkemehl gewonnen wurde und die, in Scheiben geschnitten, auch gekocht oder gebraten werden konnten. Jede große Familie versorgte sich selbst.

Die Yerba Bäume waren eine Ilex-Art, diese hier wuchsen nicht besonders hoch, die Äste konnte man meistens vom Boden aus ohne weiteres erreichen, um die Blätter abzustreifen. Sie wurden getrocknet, zerstampft und in Säcke gestopft.

Auch bei der Trocknung hatten Ansits Leute den Bauern in Alto Paraná technologisch einiges voraus. Ansit hatte eine Kommission gebildet, in der die fähigsten Männer darüber beraten und entscheiden sollten, was und wie bewirtschaftet wird. Übrigens gehörten dieser Kommission auch zwei Frauen an. Ansit und ein paar andere führten Paul herum und zeigten ihm alles. Er schaute sich auch den Generator an, ein Drehstromgenerator der Firma Morgan aus Boston, Massachusetts, der schon etliche Jahre auf dem Buckel hatte.

Es gab einen kleinen Fluss, der von Norden über ein Granitmassiv kam und sich beim Dorf zirka zwanzig Meter in die Tiefe stürzte und dann weiter dem Rio Vacaria zufloss. Die Fallhöhe reichte aus, um eine Propellerturbine anzutreiben, die mit dem Generator verbunden werden konnte. Aber die Leitschaufeln waren nicht mehr alle intakt und die Manschettendichtung am Druckring musste erneuert werden. Das Saugrohr tauchte in eine einfache, offene Wasserkammer ein, und Paul gab ein paar Hinweise, wie man den Unterwasserspiegel besser regulieren könnte.

Einer der Männer, die das Sagen hatten, rief gleich ein Arbeitskommando herbei, die mit dem anfangen sollten, was man mit einfachen Mitteln bewerkstelligen konnte. Paul und die anderen waren seit drei Stunden im Gange, als ein Ingenieur aus Puerto Abente eintraf, der, wie Paul erfuhr, seit einiger Zeit den Bauern hilfreich zur Seite stand. Er und Paul fachsimpelten eine ganze Weile herum, und den Bauern wurde es offenbar ein bisschen langweilig, einige verschwanden, um sich der Feldarbeit zu widmen. Einer kam wieder mit einer Flasche Zuckerrohrschnaps und ließ sie reihum gehen.

Ansit und Paul stiegen auf einen Hügel, wo wilde Orangenbäume standen, dann konnte man auf einen Felsen klettern, und Ansit deutete auf ein riesiges Waldgebiet in Richtung der Serra Geral. Wenn man genau hinsah, konnte man ein schmales dunkles Band in der grünen Masse erkennen. "Dort drüben lag unser altes Dorf", sagte er. "Dieser dunkle Streifen da im Wald ist eine Trasse für den Holztransport. An anderen Tagen sieht man auch den Rauch von den Feuern. Wir haben erst gedacht, es wäre die Kupferminengesellschaft, die sich hier breitmachen will, aber in Wirklichkeit sind es die Holzhändler, einer der brasilianischen Holzbarone mischt da kräftig mit." "Was für Holz ist das?", fragte Paul. "Quebracho, eine Sorte, aus der man besonders viel Tannin gewinnt. Übrigens war Deutschland bis vor kurzem einer der Hauptabnehmer für Gerbstoffe, aber ihr habt angeblich die Einfuhrzölle erhöht, warum weiß der Teufel." Paul zuckte mit den Schultern. "Tja, keine Ahnung." "Jetzt geht das meiste nach Spanien und Frankreich, und es ist für die Holzhändler ein glänzendes Geschäft."

"Sieht aus, als würde die Trasse direkt hierher führen, wenn sie so weiter geht." "Und das ist das nächste Problem, mit dem wir zu kämpfen haben werden." "Die werden womöglich noch weniger Rücksicht auf euch nehmen als die Minengesellschaft." "Das glaube ich auch. Aber inzwischen sind wir durch unsere Kooperative an ein Handelssystem angeschlossen, das von einem Kartell kontrolliert wird, und diese Leute sind ökonomisch nicht weniger mächtig als die Holzhändler. Wenn die sich wenigstens darauf einigen können, sich gegenseitig zu dulden, wäre das für uns ein großer Erfolg."

Paul genoss den Blick über den endlosen Urwald, ihm schien, daß auch der Eifer oder die Gewinnsucht zahlloser unermüdlicher Menschen dem Dasein dieser gigantischen Natur nichts anhaben können, sowenig wie ein Sommertag etwas am Dasein der Sonne ändert.

Sie gingen zurück zum Dorf, Paul sagte "Dann ist die Meridian Company hier doch nicht fündig geworden?" "Es sieht so aus. Aber, Paul, du müsstest mittlerweile auch mitgekriegt haben, daß man hierzulande niemals genau sagen kann, warum wer was wann unternimmt."

Paul musste ihm zustimmen. Er dachte auch daran, daß man Kilikam wegen des Verrats an die Company getötet hatte, und er fragte sich, ob das im Nachhinein eine sinnlose Tat war, die sie umso mehr bereuen müssten, aber er sagte nichts zu Ansit.

Lydia war auf der Suche nach schönen Handarbeiten und dabei mit mehreren Frauen ins Geschäft gekommen. Jemand bot ihr auch hübsche, bunte Papageien an, aber sie lehnte ab; der eine in ihrem Laden reichte ihr, zumal er neben einem aufdringlichen Gekrächze, das er manchmal urplötzlich anstimmte, keine besondere Gabe besaß oder sich dazu anlernen ließ, und weil es, warum auch immer, bei ihr keine Kundschaft dafür gab.

Am Abend wurde im Dorf ein kleines Fest veranstaltet, mit Musik und traditionellen Gerichten, reichlich selbstgebranntem Schnaps und einem Getränk aus gegorenen Früchten. Es traten Tänzer und Tänzerinnen auf (letztere waren ein Zeichen dafür, daß auch die alte Tanzkunst der Indianer, die jahrhundertelang den Männern vorbehalten war, sich der Modernisierung nicht verschließen konnte).

Die Tänze rankten sich um jene Ereignisse der Stammesgemeinschaft, die seit jeher das Leben prägten: die Fürbitte an die Götter, die Jagd, das Werben um das andere Geschlecht, der Tod (oder genauer gesagt, die Abwehr des Todes) und die Verbindung zu den Ahnen.

Lydia hatte ein erstaunlich gutes Verständnis für die Symbolik der Körpersprache, und Paul ließ sich von ihr etliche Gesten und Bewegungen erklären; Lydia flüsterte ihm immer nur zu, und bei dem lauten Gesang und dem Getrommel konnte er manches nicht recht verstehen, aber ihre Nähe gab ihm während der stellenweise durchaus aufregenden Darstellung ein seltsames Gefühl, das man vielleicht "kribbelig" nennen konnte.

Später, als die Nacht angebrochen war, wurde ein magisches Spektakel im Feuerschein aufgeführt: die Geschichte von der Jagd auf "el tigre", wie hier der Jaguar genannt wurde, seine Gefangennahme und, wie man miterleben musste, seine Flucht. Es war also ein Stück in drei Akten.

Die Indianer fingen einen Jaguar üblicherweise mit einer Falle, die ein Käfig war, aus dem er nicht entwischen konnte. Die Schauspieler hatten sich großartig kostümiert, sie sahen eher aus, als würden sie einer Opferzeremonie beiwohnen, und ihre Montur wäre ihnen bei der Jagd gewiss hinderlich gewesen.

Obwohl kein echtes Tier dabei war, bekamen die Zuschauer das Gefühl, es sei irgendwie anwesend, und als die Jäger ihre Beute erspäht hatten und el tigre halb angelockt und halb getrieben sich der Falle näherte, da fasste Lydia Pauls Arm, um sich an ihm festzuhalten, und er spürte ihre innere Erregung.

Mit einem Mal brach der Klang der Trommeln ab und hinterließ die Luft erfüllt von einer Atmosphäre zauberischer Trance; alles verharrte in atemloser Stille, und selbst das Feuer schien mit seltsam erstarrter Flamme die Szene zu beleuchten.

Da war plötzlich in dem großen hölzernen Käfig ein Jaguar zu sehen, mit weißem Fell, wie es ihn ganz selten gibt. Ein Schauer erfasste die Menge, und die Kinder, die bis dahin schon wie gebannt waren, fuhren vor Schreck zusammen und warfen sich an die schützende Mutterbrust. Nur die ganz Mutigen hielten dem Anblick stand.

Es war ein wunderschönes Tier, und der dunkelrote Rachen mit den gewaltigen glänzenden Zähnen war gezeichnet von unbändiger Wildheit und Angriffslust. El tigre wandte sich hin und her, ließ seine Feinde nicht aus den Augen, durchbohrte mit seinem Blick ihre Herzen wie mit einem Feuerstrahl und fauchte in ihre Ohren, um sie in den Köpfen irre werden zu lassen. Dieses Fauchen hörte Paul zum ersten Mal, es war unvergleichlich, unbeschreiblich, ein Geräusch wie aus einem anderen Plan zur Natur, der verworfen worden war, den die Götter aber doch aufgehoben hatten für den Fall, daß ein Neuanfang unvermeidlich wäre.

Mit einem lauten Knall und in einer zischenden, funkensprühenden Rauchwolke verschwand der Jaguar, und die Gitterstäbe waren wie vom Blitzeinschlag zersplittert. Die Jäger huben an zu klagen, aber sie verloren sich nicht im Jammer über ihr Pech, ja, es schien, als hätten sie mit diesem Ausgang gerechnet und als wäre er eine Sicherheit, eine Garantie für den nächsten Versuch, el tigre zu fangen und ihn dann endgültig zur Strecke zu bringen. Denn: bedeutete sein Tod nicht auch das Ende allen Strebens, der Kreatur überlegen zu sein?

"Wie hat er das nur gemacht?", fragte Lydia später. "Wer?" "Na, der Jaguar." Übrigens hatte Ansit als einer der Jäger mitgewirkt, aber es war natürlich aussichtslos, ihm etwas über den wahren Ablauf des Schauspiels zu entlocken.

In der Nacht bemerkte Paul, wie Lydia zu ihm kam, und am Morgen erklärte sie, daß sie wahrscheinlich Schutz bei ihm gesucht habe, aber sie konnte sich auf ihr Betragen im Halbschlaf nicht mehr genau besinnen.

Ignazio Rogas brachte Lydia und Paul wieder zurück nach Santa Rosa, allerdings auf einem anderen Weg. Die Bauern von Alto Paraná hatten Lydia einen Maulesel mitgegeben, der die Waren trug, die sie im Laden verkaufen wollte; er würde beim nächsten Mal wieder ins Dorf heimkommen. Paul war von den Lebensverhältnissen der Bergbauern stark berührt und er versprach Ansit, ihm nach seinen Möglichkeiten beim Aufbau der Kooperative zu helfen. Er war wirklich der Ansicht, das eine solche Form gemeinschaftlicher Produktionsweise Zukunft habe, zumindest war es ein neuer Weg, der beschritten werden konnte.

Die Reiter befanden sich gerade auf einer Schneise im Wald, die für eine Stromleitung geschlagen worden war, als Paul den Ort wiedererkannte. Sie waren in der Nähe jener Hüttensiedlung, wo er mit Sergio auf der Suche nach Senor Garcia gewesen war. Ignazio bestätigte ihm das und meinte, die Hütten dienten immer mal wieder allen möglichen Leuten als Behausung und als Unterschlupf, und er habe da schon die sonderbarsten Burschen getroffen, zumeist aber solche, denen man besser nicht den Rücken zudrehen sollte.

Paul erzählte ihm von dem Mann, der sie da abgefertigt hatte und den im Gebüsch versteckten Schützen, und Ignazio lachte und erwiderte, ja, das wären solche, die sich sogar noch an den entlegensten Orten nicht gern offen zeigten. Und dann fügte er hinzu: "So wie die zwei, die uns jetzt schon eine Weile beobachten."

Dabei wies er unauffällig nach rechts, und Paul bemerkte nun erst, daß Ignazio sein Gewehr aus der Ledertasche gezogen und es vor sich über den Sattel gelegt hatte, die Mündung auf den Waldrand gerichtet. Ob die Männer auch ihr Gespräch vernommen hatten, war nicht genau zu sagen, jedenfalls tauchten sie, ebenfalls zu Pferde, ein paar Minuten später vor ihnen auf, blieben stehen und ließen die drei herankommen. Der eine von ihnen fragte Ignazio etwas, das Paul nicht verstand, es war ein auswärtiger Dialekt. Ignazio antwortete ihm, dann wandte er sich um und sagte "In einer der Hütten hält sich gerade ein Mann auf, der Sie angeblich kennt, Senor Kelling." "Mich?" Da machte der eine der beiden ein Zeichen, daß sie ihnen folgen sollten, er gab sich zwar Mühe, daß es einladend aussah, aber Ignazio drang darauf, daß sie beide vorneweg reiten mögen.

Beim Anblick der Hütten zweifelte Paul für einen Moment, ob es tatsächlich derselbe Platz war, aber sie waren jetzt von der anderen Seite gekommen, und dann erkannte er das, was man das Hauptgebäude nennen konnte, wieder.

Sie saßen ab, und Ignazio versicherte sich bei Paul, daß er ihn und Lydia ohne Bedenken hineingehen lassen konnte, und er wartete draußen. Merkwürdigerweise war Paul nicht so sehr überrascht, als er den Mann sah, der sich sogleich erhoben hatte und Lydia und ihn begrüßte, es war der General, welcher, ebenso wie die fünf oder sechs anderen Männer, die man im Innern erkennen konnte, eine Felduniform trug.

"Paul, wie ich mich freue, Sie hier zu treffen", sagte er, nachdem er auch Lydia ziemlich galant mit einem Handkuss willkommen geheißen hatte. "Setzen Sie sich doch, bitte, hier ist etwas zur Erfrischung und Stärkung, bedienen Sie sich." Einer schenkte den beiden Becher voll mit Wasser verdünnten, kühlen Wein ein und schob einen Teller mit gefüllten Maisfladen hin. Keiner fragte den anderen, was ihn hierher führt.

Paul schaute zu dem Mann, der neben dem General, allerdings etwas auf Distanz, saß, und der seinerseits die beiden Ankömmlinge mit berechnendem Blick musterte. Er hatte ein mageres, knochiges Gesicht mit kantigen Zügen, als wäre es mit einem scharfen Messer in wenigen exakten Ansätzen geschnitzt worden. Er rauchte eine Zigarette, hielt sie zwischen den Fingern seiner linken Hand, während seine rechte an der Seite lag, als würde sie da an der griffbereiten Waffe sein. Aber sein Revolver hing ebenfalls links am Gürtel.

Der General stellte ihn vor als einen Senor Menéndez, und gerade als sein Name genannt wurde, wandte er seinen Blick ab und schaute in die Ferne, als würde von dort der Ruf nach ihm erschallen. "Wir sind alte Kameraden", erklärte der General, "die der Krieg zusammengeschweißt hat." Paul überlegte, welchen Krieg er meinte, die beiden trennte ein offensichtlicher Altersunterschied.

"Er hat die Brunete Schlacht mitgemacht und war in Barcelona dabei, wie sie die Telephonzentrale gestürmt haben, nicht wahr, Menéndez, so war es doch?" "Ja", sagte Menéndez etwas unwillig.

"Auf welcher Seite haben Sie im Spanienkrieg gekämpft?", fragte Paul. "Auf keiner." "Er will damit sagen, daß er immer dort kämpft, wo eine Schlacht entschieden wird", versuchte der General zu erläutern. "Ich will damit sagen, daß ich eigentlich immer zwischen den Fronten gestanden habe", sagte Menéndez, und dieses "eigentlich" machte deutlich, daß seine Position von Außenstehenden wohl schon häufig missverstanden wurde. "Ich habe stets die Aufträge der Offiziere erledigt, die mich darum gebeten haben." "Und das zu ihrer vollkommenen Zufriedenheit", ergänzte der General.

Menéndez überhörte das Lob. "Auf einer bestimmten Seite zu kämpfen bedeutet nicht zwangsläufig auch für diese Sache zu kämpfen." "In einem modernen Krieg muss man auch als Feind unter Feinden agieren können, ohne daß man enttarnt wird", sagte der General und fuhr fort: "Menéndez hat auch bei der Legion Condor gearbeitet, das darf ich doch verraten, oder?" "Tatsächlich?", sagte Paul. "Nein, es war eine Schlachtfliegerstaffel mit He's einundfünfzig, sie haben sie die 'Micky Maus Staffel' genannt, weiß Gott warum." "Sind Sie selber geflogen?" Er nahm einen Zug von der Zigarette und schüttelte den Kopf. "Ich habe für sie die Ziele markiert, nachts."

Auf einmal holte er seine rechte Hand hervor, sie war durch eine Verletzung schwer verstümmelt. "Die Deutschen hatten Splitterbomben an Bord, Zehn-Kilo-Bomben", sagte er, als wären sie so harmlos wie volle Einkaufstaschen.

"Aber ihr seid ein erfinderisches Volk. (Offenbar hatte ihn der General darüber unterrichtet, daß Paul Deutscher ist.) Sie haben Benzinbehälter mit Kraftstoff oder Motorenöl gefüllt und an die Dingerchen drangebunden. Beim Aufschlag explodierte das Zeug." "So macht man aus einer einfachen Splitterbombe eine höchsteffektive Brandbombe", sagte der General nicht ohne Begeisterung.

"Leider habe ich von der Bastelei erst erfahren, als es mich erwischt hatte." Er drehte und wendete seine Hand und nahm dann den Arm wieder herab. In diesem Moment fiel Paul ein, daß Ansit davon gesprochen hatte, El Halcón sei wegen seiner Verletzung Linkshänder. "Sie sind El Halcón, der Falke?", fragte Paul ihn geradeheraus. Es schien ihm beinahe zu schmeicheln, daß ihn jemand erkannt hat, und er erwiderte bloß: "Dann kennen Sie diese Geschichten schon?" "Nein, aber andere."

Plötzlich wechselte der General das Thema. "Sie waren in Alto Paraná, Paul?" "In der Gegend, ja." "Sie brauchen vor mir nichts zu verbergen", sagte er in väterlichem, aber wenig herzlichem Ton. "Dennoch liegt das ganz bei mir, es zu tun oder zu lassen", hörte sich Paul entgegnen. Er hatte nicht lange gebraucht, damit ihn sein Instinkt wissen ließ, daß der General und El Halcón hier waren, weil sie etwas gegen die Waldbauern im Schilde führten. Daher war seine anfängliche Höflichkeit nun einer Reserviertheit gewichen.

Die beiden konnten ihm oder Lydia und Ignazio nichts anhaben oder gar antun, obwohl vielleicht hinter der gezwungenen Miene des Generals längst schon ein heimlicher Hass lauerte. Andererseits würde er nichts Genaues über das Vorhaben des Generals erkunden können, schon gar nicht, wenn er einen Angriff plant.

Dem General schien jedoch immer noch viel an Pauls Wohlwollen ihm gegenüber gelegen zu sein, und er versuchte indirekt, es zu erhalten. "Ich weiß um Ihre Sympathie mit diesen Leuten und vor allen mit Ansit. Ich kenne ihn leider nicht persönlich, aber so gut, wie Sie, Paul, mit ihm stehen, muss ich annehmen, daß er ein bemerkenswerter Mensch ist."

Lydia stand auf und entschuldigte sich, sie wollte nach draußen gehen; der General und El Halcón hatten sich auch kurz erhoben. Einer der Männer folgte Lydia bis zum Ausgang und blieb dort stehen.

"Es ist mir allerdings nur schwer begreiflich", sagte der General, "wie Sie auf die Propaganda dieser Möchtegern Rebellen hereinfallen können." "Ich halte das nicht für Propaganda." "So? Wofür denn?" "Soviel ich davon verstanden habe, ist es eine Form kollektiver Bewirtschaftung des Bodens."

Der General hob die Arme, amüsiert und angewidert zugleich. "Herrje, klingt das nicht ein bisschen hochtrabend für ein paar unsinnige Aktionen von einem Haufen Analphabeten." "Sie haben doch eben selbst Ansits Fähigkeiten anerkannt." "Desto schlimmer ist, daß er sie missbraucht, um die Bauern zu verführen." "Sie meinen, es ist besser, sie gleich zu überfallen und mit Gewalt zu vertreiben?" "Diese Leute sind weggegangen, nachdem sie ihr Geld kassiert haben, vergessen Sie das nicht." "Ah so, ja. Dann bin ich mir immer noch nicht ganz sicher, ob man dabei nicht viel mehr ihre Einfältigkeit ausgenutzt hat."

Der General schwieg und atmete tief durch, dann sprach er ruhiger weiter. "Sie als Deutscher müssten doch am ehesten wissen, daß der Kollektivismus im Landbau ein grotesker Irrtum ist. Oder wie erklären Sie sich sonst, daß Hitler die Ukraine erobert und dort deutsche Bauern ansiedelt, anstatt die sowjetischen Kolchosen bestehen zu lassen?" "Ich bin mit den Verhältnissen dort nicht vertraut", sagte Paul, "vielleicht haben Sie in dem Punkt Recht, von den Russen hat man wenig Gutes gehört. Aber das liegt womöglich in ihrer Mentalität begründet. Dieselbe Idee kann in einem anderen Land größeren Erfolg haben."

"Die russische Mentalität mag sein, wie sie will", wandte El Halcón ein, "sie ist aber nicht die Ursache für die verheerende Misswirtschaft, sondern der Bolschewismus, und insbesondere der jüdische Bolschewismus. Sie können mir glauben, Senor Kelling, ich habe ihn in Spanien erlebt, und die Spanier, alle spanischen Patrioten haben ihn auch erlebt, und das ist ein Hauptmotiv gewesen, weshalb sie die sogenannten Republikaner besiegen konnten. Kein wahrhafter Spanier wollte den Bolschewismus auf spanischem Boden haben und einen neuen Judenstaat erst recht nicht." Der General fügte schnell hinzu: "Und hier, auf dem Boden unseres Landes, wollen wir beides auch nicht, und wir werden alles tun, um zu verhindern, daß sich etwas Derartiges ausbreitet."

Der kalte, unversöhnliche und dabei triumphierende Blick aus seinen Augen ließ keinen Zweifel, daß der General bereit war, bis zu seinem letzten Atemzug gegen den Feind zu kämpfen und es eine Ehre für ihn wäre, dabei sein Leben zu lassen.

Ein bewaffneter Mann im Tarnanzug kam herein und gab dem General ein Schreiben; er überflog es und reichte es El Halcón, der aufstand und an die Seite ging, wo im Halbdunkel der Hütte so etwas wie eine Kommandozentrale eingerichtet worden war. Die Männer sprachen sehr leise miteinander. Paul fragte den General "Und was werden Sie jetzt unternehmen?" "Ich würde Ihnen, Paul, gern die Gelegenheit geben, Ansit von seinen Plänen abzubringen und Alto Paraná zu verlassen. Jedoch, ich befürchte, Sie würden bei ihm nichts bewirken können und ich befürchte obendrein, daß Sie mich dabei nicht unterstützen wollen." Paul sagte nichts. "Ich kann daher bloß hoffen, daß Sie sich nicht weiter mithineinziehen lassen und sich fortan nicht mehr in seiner Nähe aufhalten werden. Das gilt natürlich auch für Miss Kirkpatrick, es wäre doch wirklich bedauerlich, wenn ihr, auch nur unabsichtlich, etwas zustößt."

Lydia war draußen bei Ignazio und den Pferden. Überall zwischen den Hütten lungerten Männer herum, die aussahen wie eine Mischung aus Milizionären und Banditen. Paul trat dicht an Ignazio heran und bat ihn, nach Alto Paraná zurückzureiten und den Bauern davon zu berichten, was sie hier gesehen hatten. Er, Paul, wüsste, wie man von hier auf die Straße kommt, die nach Santa Rosa führt. Ignazio nickte und versprach, alles so zu tun, wie er verlangt. Paul dankte ihm, und auch Lydia umarmte ihn freundschaftlich. Sie warteten, bis sie Ignazio in der Waldschneise aus den Augen verloren und wandten sich dann heimwärts. Irgendwann sagte Lydia "Dieser El Halcón ist übrigens nicht identisch mit dem Mann, den Sie eine Zeitlang gesucht haben, Paul." "Wie bitte?" "Ich meine, El Halcón ist nicht Freddy Alvaro Garcia." "Wieso sind Sie sich da so sicher?" "Ich weiß es eben, Sie können mir glauben."

Dann fragte sie "Ob der General irgendeine militärische Operation plant?" "Es sieht ganz danach aus." Paul gab wieder, was der General gesagt hatte, als Lydia draußen war. "Allein wegen seinem Hass auf den Bolschewismus wird er doch nicht sein Leben riskieren?" "Warum nicht. Er hat sein Lebtag nichts anderes getan als irgendetwas mit Waffengewalt zu erreichen; er ist offenbar nie besiegt worden. Jetzt ist er alt und starrköpfig und erfüllt von einem fanatischen Nationalismus." "Ich weiß nicht", sagte Lydia, "alle reden immer von irgendwelchen Theorien, denen sie anhängen und wofür sie sogar sterben würden, wenn's drauf an käme, und in Wahrheit sind sie wie Aasfresser, die sich auf alles stürzen, das sich nicht wehren kann. Ich meine, gerade die, die behaupten, sie vertreten die höhere Kultur und die fortschrittliche Zivilisation, die befinden sich selbst oft auf der primitivsten Stufe der Menschlichkeit. Ich habe mich nie mit Politik und solchem Zeug beschäftigt; es genügt nämlich völlig, sich die Menschen genau anzuschauen, und da sieht man, wie das alles zustande kommt, was dann als großartige Ideen propagiert wird." "Ja", erwiderte Paul wie ein Junge, dem das Essen nicht schmeckt, "mir hängt das alles auch schon zum Hals raus." Sie sah ihn komisch an, dann lachte sie. "Was?", fragte Paul, und dann konnte er nicht anders als mitzulachen.

"Was wollen Sie jetzt tun, Paul?" "Für Ansit?" Er hob die Schultern und sagte "Von allen Leuten hier, also Sie Lydia ausgenommen, ist Ansit derjenige, der mir am nahesten steht. Obwohl wir vielleicht gar nicht Freunde sind im üblichen Sinne, aber zwischen uns ist so eine ... eine Bekanntschaft, ich glaube, er spürt das auch. Wissen Sie, Lydia, wenn man als Kind mal für kurze Zeit einen Spielkameraden hatte, und dann trifft man ihn als Erwachsener wieder und man ist im Nachhinein traurig darüber, daß diese Kinderzeit nicht länger gedauert hat, so geht es mir mit Ansit, obwohl ich ihm niemals zuvor begegnet bin." "Mit Behaglichkeit traurig sein können", sagte Lydia, "das bin ich jedesmal, wenn ich an lange vergangene Weihnachten denke." Paul sah sie verständnislos an.

Nach einer Pause sagte er "Ich glaube allerdings, Ansit würde fremde Hilfe nur bis zu einem bestimmten Maß annehmen, darüberhinaus verbietet es ihm sein Stolz, diese Leute sind fürchterlich stolz, und es ist schwer für sie, mit dem Bewusstsein zu leben, daß ein anderer sich für sie aufopfert." "Würden Sie sich für mich opfern?", überraschte ihn Lydia. "Ich habe nicht gesagt, daß ich mich überhaupt für jemanden opfern würde." "Das beantwortet nicht meine Frage."

Sie hatten die Straße verlassen und waren einen Pfad entlang geritten, der einen großen Bogen abkürzte; jetzt kamen sie wieder auf die Straße zurück, als da ein Auto stand, das Paul sofort als Sergio Flores' Ford erkannte. Die Türen waren offen, Sergio lehnte an der Motorhaube und rauchte, ein anderer Mann in Uniform hatte die Arme aufs Verdeck gelegt und hielt den Kopf gesenkt, er scharrte mit der Stiefelspitze auf der Erde.

"Senor Kelling, Miss Kirkpatrick, was führt Sie denn hierher?", fragte Sergio und freute sich offenbar, bekannte Gesichter zu sehen. "Wir haben einen kleinen Ausflug gemacht." Sergio sah den bepackten Maulesel, Lydia sagte "Ich habe ein paar Waren für meinen Laden besorgt." Der Uniformierte hatte Haltung angenommen und sich den beiden zugewandt, Sergio sagte "Das ist Hauptmann Vargas von der zweiten Kompanie der Distriktarmee." Der Hauptmann legte die Hand an die Mütze.

"Mein alter Ford hat den Geist aufgegeben." "Sollen wir in Santa Rosa Bescheid sagen?" "Nicht nötig, danke, es ist schon jemand unterwegs." Da sah Paul, daß noch ein Offizier im Wagen saß, er schlief anscheinend.

Paul überlegte einen Moment, dann sagte er "Sie erinnern sich an dieses Hüttendorf, Sergio, wo wir einmal waren? Dort hausen gerade ein paar merkwürdige Leute." Sergio überlegte ebenfalls kurz, bevor er erwiderte: "Ja, ich weiß, der General ist dort mit seinem Freikorps." Er sprach das Wort wie in der deutschen Schreibweise aus. "Wollen Sie ihn besuchen?", fragte Paul auch in Richtung des Hauptmanns. "Was? Oh nein, nein."

Sergio schwieg, nach einer Weile sagte er "Sie waren doch auch schon bei ihm, Senor Kelling?" "Bei dem General? Ja." "Hat er ihnen auch etwas von seinen großen Visionen über die Bewegung der Volksmassen vorgeschwärmt?" "Ja, allerdings, er ist davon sehr eingenommen." "Ja, das kann man wohl sagen. So sehr, daß wir uns um ihn kümmern müssen." "Wieso?"

Sergio legte den Zeigefinger an die Stirn. "Ist Ihnen das nicht aufgefallen? Der Mann tickt doch nicht mehr richtig." Paul musste schmunzeln. "Dann wollen Sie ihn wohl einfangen, oder was?" Sergio fand das nicht spaßig. "Von mir aus kann er sich für einen gottverdammten zweiten Bolivar halten oder sich damit rühmen, wie viele Menschen er eigenhändig erschossen hat, solange er zuhause bleibt und friedliebende Bürger nicht behelligt." Offenbar war Sergio wütend darüber, daß er mit der Sache betraut worden war.

"Mir hat er nicht erzählt, wie viele er erschossen hat." "Ach nein? Dann kennen Sie auch nicht seine Foltermethoden, die er so gern ausführlich beschreibt. Lassen Sie sich doch mal seine Präparate zeigen, die er aufbewahrt, die Augen zum Beispiel oder die abgeschnittene Zunge. Oh, Verzeihung, Miss, ich hör' schon auf damit."

"Aber er hat sich nichts zuschulden kommen lassen." "Bitte?" "Sie können ihn doch nicht festnehmen?" Sergio warf den Zigarettenstummel auf den Boden und trat ihn aus. "Nein", sagte er, und man konnte hören, daß er viel lieber in Santa Rosa im Bürgermeisteramt wäre als hier draußen darauf zu warten, daß jemand kommt, der ihn abschleppt.

Paul und Lydia wollten weiter, Sergio fragte wieder etwas bessergelaunt: "Ich habe das Utensil bei Ihnen abgegeben, Senor Kelling." "Was?" "Sie wissen schon, das Utensil, das ich für Sie besorgt habe." "Ah so, ja." "Probieren Sie's aus, und wenn's Ihnen gefällt, werden wir uns bestimmt einig über den Preis." "In Ordnung, Sergio, ich schau's mir an."

"Wovon hat er geredet", fragte Lydia. "Ich glaube, er meinte die Pistole." "Sind Sie ein guter Schütze?" "Hundsmiserabel." "Ach Paul, Sie und Ihre Defizite." "Ja, davon habe ich reichlich." "Es gibt trotzdem Menschen, die Sie mögen." "Ja, und die mag ich auch."

Juana stand an der Kasse und zählte das Geld, Nemesio machte sich hinten im Lager zu schaffen. "Wir haben euch gar nicht so früh zurückerwartet", sagte Juana ohne die Abrechnung zu unterbrechen. "Wir wollten euch überraschen", sagte Lydia. "Wobei?", meinte Juana und sprach zu Lydia wie zu einer neugierigen Freundin.

"Ist alles gut gelaufen?" "Ja. Und bei euch? Senor Kelling, Sie sehen ganz schön fertig aus." "Das ist nur, weil ich mich drei Tage nicht rasiert habe." "Dann ist gut."

Nemesio kam vor und begrüßte Lydia mit Küsschen auf beide Wangen. "Ah, das hat mir gefehlt", seufzte sie laut; Juana ließ sich nicht ablenken. Nemesio sagte "Wir hatten einen Einbrecher." "Was?" "Halb so schlimm", beruhigte Juana sie, "es war bloß ein besoffener Landstreicher, dem der Schnaps ausgegangen war." "Er hat die Kunden angepöbelt und randaliert." "Ist was kaputtgegangen?" "Eine von den blauen Keramikkannen", sagte Juana, "wir haben das Geld schon wieder reingeholt. Nemesio hat ihn rausgeworfen."

Sie war mit Zählen fertig und schob das Geldfach zu, dann sagte sie: "Ich möchte hier vor allen noch mal feststellen, daß ich mit Nemesio einen guten Griff getan habe." Lydia lachte, Paul sagte zu ihm "Du bist zu beneiden." "Na ja", meinte er und senkte den roten Kopf. "Wir haben euch auch was mitgebracht." "Oh fein." "Wir müssen die Sachen zuerst mal reinschaffen."

Paul blieb noch im Laden. Als Lydia nach oben gegangen war und wieder herunter kam, sagte sie ein bisschen mürrisch: "Ihr habt euch in meinem Zimmer breitgemacht?" "Aber es ist doch alles ordentlich", sagte Nemesio, als wäre es seine Idee gewesen.

"Tschuldigung", meinte Juana, "es ist da irgendwie gemütlicher." "Sie könnten heute bei mir übernachten", sagte Paul. "Bin ich jetzt unter die Obdachlosen gefallen?", empörte sie sich. "Es wäre ja nur für heute", sagte Juana kleinlaut, "wir machen alles wieder picobello." "Nein, ich möchte das nicht, es wäre sicher Bernarda auch nicht recht, wenn so Knall auf Fall noch jemand im Haus ist." "Wie Sie meinen."

Als Paul zu Hause war, fand er auf dem Küchentisch einen Zettel und las ihn. Er ging zum Telephon und rief Lydia an. "Bernarda musste zu ihrer Schwester fahren, ein Krankheitsfall. Es würde niemanden stören, wenn Sie herkommen."

* * * * *

Das Telegramm von Hermann Schmitt war eingetroffen, und Paul machte sich sogleich an die Vorbereitungen für eine Reise nach Deutschland.

Sein Chef hatte es allerdings weniger eilig. Auf einmal war er es, der leise Zweifel hegte am Fortgang der Erschließungsarbeiten in Schacht 5. Die Unternehmensleitung hatte sich seit Wochen nicht mehr darum gekümmert, jedenfalls nicht mit jenem Interesse, das anfänglich an den Tag gelegt wurde. Man forderte weder die Berichte über den Fortgang noch lieferte man Vorgaben hinsichtlich der Termine oder der Produktion. Und es geschah sogar, daß Bohrgerät zu einem anderen Standort abgezogen wurde. Paul empfand eine gewisse Genugtuung, daß der Mann, der ihn damals ein "Riesenarschloch" genannt hatte (wenn auch nur hypothetisch), ihn nun ins Vertrauen zog.

Der Chef ging inzwischen davon aus, daß mehrere Gutachten über die Erkundung existieren, die einander widersprechen. Er war auch rausgefahren und hatte die Probebohrlöcher inspiziert (wieder einmal musste Paul erstaunt feststellen, daß man die Arbeiten nahezu vollständig Freddy Alvaro Garcia und seinem Trupp überlassen hatte), und er hatte entdeckt, daß einige der Bohrungen überhaupt nicht durchgeführt worden waren. Allerdings konnte der Chef jetzt nur Stichproben machen. Nun war es Paul, der ihn beruhigte.

Der Chef kam auf die Idee, unter irgendeinem Vorwand in die Hauptstadt zur Geschäftsleitung der Mine zu fahren, um Genaueres herauszukriegen, und dafür hatte er Paul vorgesehen. Es hieß auch, daß Mister Westwood, der zuständige Ingenieur für Santa Rosa, erkrankt wäre und derzeit nicht auf seinem Posten sei.

Paul hatte wenig Lust, den Auftrag zu übernehmen. Es missfiel ihm zudem, daß der Chef es damit begründete, er, Paul, sei als Ausländer frei von dem Verdacht irgendwelcher "nicht ganz koscherer" Interessen, um derentwillen er sich in die Geschäftsangelegenheiten einmischen würde. Gerade das hatte der Chef ja seinerzeit nicht wahrhaben wollen.

Weshalb Herr Schmitt ihn denn überhaupt zurückbeordert, fragte er Paul. Und der machte den Fehler (wenn es denn einer war) zu behaupten, da sollte in Puerto Abente ein Schiff mit Maschinen aus Deutschland ankommen, auf das man schon zu lange wartet und von dem man nicht weiß, wo es sich gegenwärtig befindet. Der hiesige Käufer und Empfänger verlange Aufklärung, mehr noch eine Ersatzlieferung, und das müsse "drüben" geregelt werden. Paul dachte dabei auch an die ominöse Stückgutwinde, von der einmal die Rede gewesen war, aber er glaubte natürlich nicht ernsthaft daran.

Dann kam Esthers Telegramm an, doch der darin versprochene Brief blieb aus. Paul wartete von einem Tag zum andern und wurde dabei immer unsicherer was er tun sollte. Er sprach nur mit Lydia darüber; er zeigte ihr auch Esthers Telegramm, die sagte bloß, es sei aber, nach dem Datum zu urteilen, lange unterwegs gewesen. Er saß auf gepackten Koffern.

Eines Nachts wurde er aus dem Schlaf gerissen, jemand von der Mine stand vor der Tür, das Fahrzeug lief, er solle sofort mitkommen: es hat eine Explosion gegeben. Ob er die Erschütterung nicht gemerkt habe, fragte der Fahrer. Was passiert sei, gibt es Verletzte? Tote? Sie fuhren wie der Teufel.

Die Explosion hatte einen Brand verursacht, und Paul sah das Feuer, als sie eintrafen. Man teilte ihm den Hergang mit: im Schacht 5 war etwa zwanzig Meter nach dem Eingang eine Sprengung erfolgt und hatte den Stollen verschüttet. Was für eine Sprengung? Offenbar absichtlich ausgeführt. Nein, Arbeiter seien Gott sei Dank nicht verletzt worden.

Woher dann das Feuer? Von einer zweiten Explosion an einer Lagerhalle, wo auch ein Mineralöltank stand. Es war der Zugang zu einem der Bunker aufgebrochen und eine Menge Sprengstoff gestohlen worden. Bis zum Vormittag war das Feuer gelöscht, aber wie groß der Schaden im Schacht war, konnte keiner abschätzen.

Man machte sofort Meldung an die Geschäftsleitung, Pauls Chef hoffte, daß Mister Westwood wieder im Einsatz wäre, aber es kamen einige andere Ingenieure und ließen sich über die Situation informieren. Keiner wollte sich über die Zukunft äußern, zunächst müssten die Schäden beseitigt werden.

Ungefähr gleichzeitig mit den Ingenieuren tauchte ein Mann auf, der behauptete, er wüsste, wer die Diebe gewesen seien; zum Beweis legte er eine Probe von dem Sprengstoff auf den Tisch. Paul traute seinen Ohren kaum, als der Mann sagte, die Waldbauern aus Alto Paraná hätten den Anschlag verübt, um sich an den Kupferbossen zu rächen. Er sei einer von den Bauern, habe selber nicht mitgemacht, könne aber alle nennen, die dabei waren. Dafür verlangte er ein hübsches Sümmchen Geld.

Er musste sich aber wundern, als er sah, daß sich die Minenleitung nur mäßig interessiert zeigte, die Verbrecher zu fassen; was sollte man sich von ihnen zurückholen können, außer dem Sprengstoff, den sie womöglich auch schon weitergegeben hatten?

Und dann erschien plötzlich der General beim Chef, in Uniform, begleitet von zwei bewaffneten Männern und mit einem Gesichtsausdruck, als habe er eben eine Kriegserklärung vernommen. Der Chef zog Paul hinzu; der General tat so, als würde er ihn nicht kennen. Paul hätte manches von ihm erwartet, nicht aber das Angebot, das er jetzt unterbreitete: er würde der Gesellschaft den entstandenen Schaden beziehungsweise die Kosten für die Wiederherstellung ersetzen, wenn sie ihm im Gegenzug den Auftrag erteilt, gegen die Waldbauern eine Strafexpedition zu unternehmen.

"Wir betreiben eine Kupfermine, wir sind keine Militärjunta", entgegnete der Chef. Es sei ihm aber doch viel am Fortbestand der Mine gelegen, meinte der General, und sie wüssten beide, wie groß der Einfluss der Gesellschaft auf den Jefe politico des Distrikts ist. Er verlange auch keinen Marschbefehl, sondern lediglich die Zusicherung, daß man ihm für seine Aktion freie Hand lässt. Und übrigens würde er den veranschlagten Betrag unverzüglich und bar bezahlen, wenn man das wünscht.

Nachdem er gegangen war, beschwor Paul den Chef, auf den Deal nicht einzugehen. Dem war zwar auch nicht wohl zumute bei dem Gedanken, für irgendeine blutige Geschichte, die ihn nichts anging, sein Gewissen zu belasten, aber das finanzielle Angebot war natürlich verlockend. Man würde der Unternehmensleitung die wahren Zusammenhänge nicht auf die Nase binden müssen; der General war doch nicht ohne Grund zuerst hierher gekommen. Vorausgesetzt, Paul würde auch dichthalten. Er müsse doch einsehen, daß mit diesen Mitteln der Betrieb der Mine wenigstens für die nächsten Monate gesichert werden kann.

"Aber wer sagt denn, daß die Gesellschaft die Förderung in irgendeiner Weise einschränken will", fragte Paul. Da machte der Chef Andeutungen, wonach er gehört habe, daß die Meridian Company die Kupfermine übernehmen will, "und das kann für unsere Zukunft alles Mögliche bedeuten, auf alle Fälle aber jede Menge Probleme, die uns die Nerven rauben werden. Ich bin nicht mehr in der Stimmung", gab er zu, "solche Kapriolen mitzumachen. Aber ich bin auch nicht in der nötigen Verfassung, mich einfach zur Ruhe setzen zu können."

"Sollte die Gesellschaft die Mine verkaufen wollen, dann können wir das mit der Reparatur auch nicht verhindern." "Nein, aber wir könnten vielleicht dafür sorgen, daß der Verkaufspreis wieder etwas steigt, und das müsste unseren Obersten doch zusagen." Es gab eine Pause, in der beide zu überlegen schienen.

"Jedenfalls", sagte der Chef, "können Sie jetzt hier nicht weg, Paul. Verschieben Sie Ihre Reise nach Deutschland, ich verspreche Ihnen, sobald sich der ganze Rummel etwas gelegt hat, gewähre ich Ihnen einen bezahlten Urlaub, so lange Sie wollen."

"Und was soll ich tun?" "Suchen Sie sich von unseren Leuten noch jemanden aus, den Sie für geeignet halten, und fahren Sie in die Hauptstadt zur Geschäftsleitung und unterrichten sie die über die Reparaturmaßnahmen, lassen Sie's so preiswert erscheinen, daß es glaubwürdig bleibt, wir benötigen keine zusätzlichen Mittel und so weiter. Ich gehe zum Gouverneur nach Bela Vista und besorge irgend so einen Freibrief für den General, ich kenne da jemand, der mir noch einen Gefallen schuldig ist."

Paul ging zu Sergio Flores. Er fragte ihn, ob etwas an dem Gerücht dran sei, daß der General einen Angriff auf die Waldbauern plant. "Er hat sich in Stellung gebracht, so viel ist sicher", erwiderte Sergio, "und er ist dabei, sich einen Haufen Waffen zu besorgen."

Da erst fiel Paul wieder Sergios Pistole ein, die er noch nicht angeschaut hatte. Er sagte, er sei davon begeistert und werde sie ihm abkaufen, aber bevor Sergio sich weiter darüber auslassen konnte, was für ein tolles Modell sie ist, wollte Paul Näheres über die Waffen des Generals erfahren, vielleicht stammten sie aus derselben Quelle, woher sie auch Sergio hatte. Sergio zog die Brauen hoch.

"Senor Kelling, Sie stellen mir andauernd Fragen, wo ich denke, Sie müssten es eigentlich noch besser wissen als ich. Da ist unlängst ein Schiff den Rio Vacaria heraufgekommen, das ist aus Deutschland." "Es hat im Hafen von Puerto Abente angelegt?" "Ja. Sind die Maschinen, die es an Bord hatte, nicht unter anderen von Ihrer Firma?" "Ich weiß davon nichts." "Es fällt mir schwer das zu glauben." "Aber was hat das mit den Waffen zu tun?" "Sie sind ebenfalls auf diesem Schiff. Es ist eine größere Anzahl von Berettas darunter und etliche finnische Suomi M einunddreißig." "Was ist das?" "Eine Maschinenpistole. Vielleicht haben Sie ja wirklich keine Ahnung davon."

"Ich versichere es Ihnen. Woher wissen Sie das alles so genau?" "Man hat seine Informanten. Ich kann Ihnen auch sagen, daß das Schiff noch nicht entladen wurde. Es hat so einen Kran oder ... wie nennt man das Ding?" "Eine Winde?" "Ja, es hat so eine Winde an Bord, die wird offenbar für den Hafen selbst geliefert, vielleicht begleicht man damit irgendwelche Rechnungen, jedenfalls soll sie erst aufgestellt werden."

"Dennoch heißt es, der General verfügt über viel Geld." "Das stimmt. Es wurde vor kurzem hier ein Bankkonto eröffnet, Inhaber ist die Movimento Nacional Socialista Santa Rosa (er prüfte bei diesen Worten genau Pauls Gesichtsausdruck), der General ist ein Treuhänder dieses Kontos." Paul hatte Sergios Blick bemerkt, er sagte "Von dieser Organisation habe ich schon gehört, es war einmal fälschlicherweise Post bei mir angekommen." "Mehr nicht?" "Ich bin kein Mitglied, falls Sie darauf hinauswollen." "Haben Sie Ihren Freund Ansit auch schon davon überzeugen können?"

Paul erschrak. Wenn es dem General gelingen kann, den Anschlag auf die Mine den Waldbauern in die Schuhe zu schieben, dann könnte er auch versuchen, ihn, Paul, mit der Waffenlieferung in Verbindung zu bringen und es so hinzustellen, daß El Halcón und seine Schergen mit seiner Hilfe ausgerüstet werden.

Nein, es war undenkbar, daß Ansit auf so einen Schwindel hereinfiele, versuchte Paul sich einzureden. Trotzdem, wenn sie sich nicht darüber verständigten, könnte der General ein leichtes Spiel haben. Sergio hatte ihm den Namen des Schiffes gesagt; Paul vermutete auch, daß von Sergios Leuten welche in Puerto Abente waren und die Vorgänge beobachten, aber wer konnte das anders sein als Soldaten des Hauptmanns Vargas, denen die Umtriebe des Generals suspekt waren?

Wenn er jetzt nach Bela Vista zur Geschäftsleitung seiner Kupfergesellschaft fahren würde, dann verliert er erstens kostbare Zeit, und zweitens würde er die Überwachung des Generals durch das Distriktmilitär stören, wenn der Deal zwischen dem General und der Mine zustandekommt.

Da war es das kleinere Übel, den Chef zu hintergehen. Der würde den Schacht 5 so oder so wieder in Gang bringen, denn er ist das Unterpfand der ganzen Mine, ob es da nun in Wirklichkeit die fette Erzader gäbe oder nicht. Eigentlich, dachte Paul zuletzt, ist gerade die Ungewissheit darüber bis jetzt der Antrieb für alles gewesen.

Wieder berichtete er Lydia alles, und diesmal war sie mehr bei der Sache und gab ihm ein paar gute Hinweise. Für einen Moment dachte Paul daran, sie zu fragen, ob sie ihn begleiten würde, aber es konnte gefährlich werden. Da sagte sie plötzlich "Sie wollen nicht etwa, daß ich mitkomme, oder?" "Würden Sie?" "Um vielleicht zufälligerweise von ein paar blindwütigen Desperados erschossen zu werden?" "Ich werde natürlich auf Sie aufpassen, Lydia." "Sie sind ein kleiner dummer Junge, Paul. Was versprechen Sie sich davon, sich dabei auch noch eine Frau aufzuhalsen?"

Sie hatte das schlau formuliert, und Paul schien es, als würde diese Entscheidung (so oder so) eine tiefgreifende Wendung in ihrer beider Beziehung bedeuten, die gleichwohl notwendig wäre, schmerzlich zwar, aber unausweichlich, als hätte sich alles darauf hin entwickelt. Was zwischen ihnen geschehen war, bekam einen anderen Sinn und (was es noch zwingender werden ließ) eine Macht, der sie sich nicht widersetzen konnten, etwas Schicksalhaftes, das jetzt sein Entgelt dafür kassiert, daß es von Anfang an die Geschehnisse so raffiniert gesteuert hat.

Am schlimmsten aber war für Paul erkennen zu müssen, daß er Lydia mit ihrer Vorbehaltlosigkeit und Bedingungslosigkeit eigentlich betrogen hatte, indem er sie als seine Gefährtin verpflichtete, ohne dabei auszuschließen, daß sie beide dadurch in Versuchung geraten. Freilich, er hätte ihr (und sich selbst) widerstehen können, wo es den Anschein hatte, daß sie einander verführen werden.

Aber er war, und zwar wissentlich, nicht etwa nur unbewusst, auf eine Art und Weise mit ihr umgegangen, die scheinbar unbeschwert, frei von Lust und drängenden Motiven war, in Wahrheit jedoch genau das heraufbeschworen hatte.

Er kam sich schäbig vor. Was half es da, wenn er alles mit seiner Liebe zu Esther rechtfertigte und mit der unstillbaren Sehnsucht nach ihr, welche die Trennung mit jedem Tag verstärkte. Sicher, sie war es gewesen, die, für jeden unsichtbar, ihn immer an seiner Seite begleitet und ihm beigestanden hatte.

Doch wenn er ehrlich ist, und jetzt wünschte er sich, endlich zu dieser Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit zurückzufinden, dann musste er auch eingestehen, wie oft er in der Vergangenheit Esthers übersinnliche Erscheinung verscheucht hatte und das schlechte Gewissen, das er dadurch verspürte, mit fadenscheinigen Begründungen zu beruhigen suchte.

Er zermartete sich den Kopf und fand dennoch keine befriedigende Lösung. Er war drauf und dran, nach Deutschland zu reisen, hier alles im Stich zu lassen und sich einzureden, es würde sowieso auch ohne ihn den vorbestimmten Lauf nehmen. Dann musste er sich eingestehen, daß auch zu Hause alles seiner Anwesenheit entbehrte.

Er beschloss, Kontakt zu Ansit aufzunehmen, nach Puerto Abente zu fahren und irgendetwas dafür zu tun, daß die Waffen nicht in die Hände des Generals und El Halcóns fielen.

Da kam Juana zu ihm, sie brachte einen zusammengefalteten Zettel mit einer Nachricht für Paul, den ihr im Laden jemand gegeben hatte. Er war von Ansit. Er schrieb, daß El Halcóns Milizionäre auf Alto Paraná zu marschieren und zweifellos die Absicht haben, das Dorf zu überfallen. Man habe eine Gegenwehr aufgestellt, aber sie sind schlecht bewaffnet.

Er fragte Paul, ob er in Santa Rosa irgendeinen Beistand organisieren könnte, womöglich gebe es da Leute, die El Halcón und seinen Auftraggebern das Handwerk legen wollen. Von der Waffenlieferung in Puerto Abente wusste er offenbar nichts.

Juana sagte, sie solle ihm ausrichten, wenn er Ansit etwas mitteilen will, dann würde der Mann im Laden es entgegennehmen. "Wer ist dieser Bote?", fragte er sie. "Ein Mann aus meinem alten Dorf, ich bin sogar irgendwie mit ihm verwandt", antwortete sie mit einer Spur von Stolz.

Er packte ein paar Sachen zusammen. Er steckte den Revolver ein. Er dachte an Sergios neue Pistole und fragte Bernarda danach; sie erinnerte sich zwar daran, wusste aber nicht gleich, wo sie den Karton hingelegt hatte. "Lassen Sie nur", meinte Paul, "ich brauche sie nicht unbedingt." Dann schärfte er ihr ein, falls jemand fragt, er wäre in der Hauptstadt bei der Bergwerksgesellschaft. Sie sagte, sie werde es genauso wiedergeben. Er machte sich auf den Weg. Niemals hätte er ahnen können, was geschehen würde.

"Du hättest ruhig mitgehen können", sagte Nemesio, und Lydia erwiderte "Ja, ich habe daran gedacht, aber vielleicht ist es besser, wenn Paul die Sache allein durchsteht." "Es ist nie gut, wenn man etwas Schwieriges allein machen muss", sagte Nemesio. "Da hast du Recht, mein Junge, das merke ich jetzt selbst."

Lydia stürzte sich in ihre Arbeit, damit sie nur ja keine Minute an ihn denken musste. Nemesio und Juana nahmen reißaus vor ihrer besinnungslosen Geschäftigkeit. Am Mittwochabend, als sie den Laden zugeschlossen hatte, ging sie nach oben, öffnete eine Flasche Wein (nachdem sie feststellte, daß die von gestern leer ist) und trank das erste Glas auf einen Zug aus.

Da ertönte von der Straße her ein Pfiff wie ein Bruchstück von einer Melodie. Obwohl sie es so lange nicht gehört hatte, erkannte sie das Zeichen sofort wieder. Sie ging hinunter und ließ den Mann herein.

"Ich wollte dich schon viel früher besuchen", sagte der Mann, als sie wieder oben im Zimmer waren und er Jacke und Hut abgelegt hatte. "Weshalb?" "Um zu sehen, wie es dir geht?" "Es geht mir gut. Besser als je zuvor." "Das freut mich." "Tatsächlich?" Dann fragte sie "Willst du was trinken?" "Ja, gern. Danke." "Und wo bist du gerade?" "Zur Zeit oben in Montero, am Oberlauf des Vacaria. Sie bauen eine Verbindung zur Küste, über den Rio Sangue, ein tolles Projekt." "Ich nehme an, du profitierst davon." "Natürlich, so ein Geschäft lässt man sich nicht entgehen. Wie geht es Nemesio?" "Gut. Er ist groß geworden." "Ist er hier?" "Heute nicht." "Wo ist er?" "Was willst du von ihm?" "Oh, nichts. Ich wollte ihm etwas geben, ein kleines Geschenk." "Wie kommst du auf einmal auf so was?" "Wieso auf einmal? Du hast regelmäßig das Geld für ihn erhalten, oder?" "Ja, aber davon weiß er nichts." "Ist das meine Schuld? Du solltest es ihm sagen, bevor er irgendwann selber dahinterkommt." "Überlass das mir." "Natürlich. Dann gib' es ihm bitte." Er holte aus der Jackentasche ein eingewickeltes Päckchen. "Was ist es?" "Frag' ihn dann selbst."

Der Mann hatte ausgetrunken und schenkte sich selber nach. "Immer noch am liebsten Montes Garzas?" "Nein, ich habe grade keinen andern da." "Hauptsache überhaupt welchen", sagte er lächelnd und deutete auf die leeren Flaschen. "Erspare mir dein alles-noch-wie-früher Gequatsche." "Ja. Wahrscheinlich stimmt es auch gar nicht. Dein Laden gefällt mir. Hast du viel Schulden gemacht?" "Das geht dich nichts an. Ich komme zurecht." "Ich habe endlich einen Pächter für die Pulperia drüben gefunden, ich überweise dir deinen Anteil, vierteljährlich im Voraus, ist das in Ordnung?" "Ja, gut." Sie wollte fragen, wieviel es ist, tat es aber nicht.

Er kam auf sie zu und legte seine Hand um ihren Nacken, in der anderen hielt er das Weinglas. Er wollte sie küssen, sie stieß ihn von sich. "Wenn du jetzt damit anfängst, schmeiß ich dich raus." "Entschuldigung." Er trat zurück. "Ich wollte bloß sehen, ob du noch die alte Natur bist." "Was soll der Unsinn. Bist du grade wieder mal verlassen worden?" Er lachte und trank aus.

"Und du? Habe gehört, du bist mit einem Deutschen zusammen? Du willst doch nicht etwa wieder nach Europa zurück?" Die Frage klang gar nicht provokatorisch, sondern eher interessiert. "Nein, will ich nicht, jedenfalls nicht in den nächsten zehn Jahren." "Ah ja, du und deine Planung." "Was ist daran auszusetzen? Ich bin nicht der Typ, der davon lebt, daß er ein großes Ding nach dem anderen dreht." "Der bin ich auch nicht mehr, glaube mir Lydia." "Komm' mir nicht schon wieder näher. Wenn es so ist, dann ist es gut für dich." "Aber zugegeben, auf zehn Jahre nach vorn mache ich mir keine Gedanken. Hast du noch was davon?" Sie holte eine volle Flasche.

"Was für einer ist das, dieser Deutsche?" "Er ist Ingenieur in der Kupfermine." Der Mann verschluckte sich. "Was? Zum Teufel. Es ist nicht sicher, ob die Mine in einem halben Jahr noch in Betrieb ist." "Du hast da deine Hände im Spiel gehabt. Was hast du getan?" "Nichts weiter. Ich habe ein Gutachten erstellt über das vermutliche Kupfervorkommen." "Das war alles?" "Und noch ein Gutachten über das vermeintliche Kupfervorkommen." Er grinste. "Du kennst mich. Ich bin einer der wenigen Menschen, die es allen recht machen können." "Ja. Ein Hochstapler." "Die Leute lieben Hochstapler, sie brauchen sie." "Ich nicht." "Hättest du mich geliebt, wenn ich keiner gewesen wäre?" "Dann wäre ich dir nicht auf den Leim gegangen."

Er lachte wieder, und es war nicht unsympathisch. "Ach Lydia, wenn ich dir nun sagte, daß ich bei dir eine ganz andere Taktik angewandt habe, um dich zu kriegen? Du warst es wert. Du bist anders als alle." "Als alle deine Frauen?" "Nein, du hast mit diesen Frauen überhaupt nichts gemein, du bist etwas Apartes." "Du bist gekommen, um mir das endlich einmal zu sagen."

Er legte seine Rechte aufs Herz. "Ja. Denn es hat mich bedrückt, es nicht früher gesagt zu haben." "Da war es dir lieber, mich zu schlagen." "Oh bitte, Lydia, ich habe dich in der ganzen langen Zeit vielleicht vier oder fünfmal zu hart angefasst." "Nur ein einziges Mal war schon zuviel." "Warum bist du dann geblieben?" Sie schleuderte ihm einen zornigen Blick ins Gesicht, daß er die Augen senkte.

Er breitete die Arme aus wie ein Reumütiger, man konnte sehen, daß er schon leicht schwankte. "Immerhin habe ich dich dabei nicht aufgehalten." "Und auch deine Hure nicht, die mich loswerden wollte." "Also wolltest du eigentlich doch bleiben?" Sie kämpfte mit den Tränen.

Er strich ihr sehr zurückhaltend übers Haar. "Es ist alles gut so wie es gekommen ist, oder?" "Nein. Es war immer nur verkehrt." Er deutete um sich herum. "Aber das hier, dein Eigenes, Lydia, das ist doch nicht verkehrt." Sie wischte sich über die Augen und schüttelte den Kopf. "Nein, das ist nicht verkehrt."

"Und ich wünsche dir alles Gute mit deinem Ingenieur, wirklich, von Herzen, du sollst mit ihm glücklich werden." "Hör auf mit dem Quark." "Gut. Ich will dir noch was sagen, das ihn interessieren könnte. In Puerto Abente ist ein Schiff mit Waffen angekommen." "Das weiß er." "Ach so? Und für wen sie bestimmt sind?" "Für einen Mann namens El Halcón, steckst du da auch mit drin?" "Ich schwöre dir, nein. Mit so einem Kerl würde ich nicht mal zum Hahnenkampf gehen." "Aber du hast Geschäfte mit denen gemacht?" "Das ist was ganz anderes, man kann sich seine Geschäftspartner nicht aussuchen. El Halcón erhält seine Aufträge von General Fidias, einem Veteranen, der ..." "Das wissen wir auch." "Gut gut, ich wollte euch bloß warnen. Der General versucht nämlich, die Kupfermine deines Ingenieurs kaputtzumachen." "Paul vermutete schon so was, er ist auf der Hut."

"Ja. Diese Leute haben jede Menge Geld. Es heißt, da hätte erst dieser Tage ein deutscher Nazi seine Beute rübergeschafft, als er vor seinen eigenen Leuten fliehen musste, irgendwelches Raubgold und Vermögen von enteigneten Juden, was auf einer Schweizer Bank gehortet wurde. Das Geld ist dann hier über diverse Tarnorganisationen ins Land geflossen. Wo genau die Empfänger sitzen, weiß niemand, aber ein Teil davon ist bereits bei General Fidias aufgetaucht."

"Du hast deinen Riecher auch in jedem Winkel, was?" "Bitte, Lydia, es gibt Leute, die wären mir sehr verbunden, wenn ich ihnen diese Informationen gäbe. Der Jefe politico des Distrikts und sein Militär sind dem General übrigens spinnefeind. Bei denen könnten dein Ingenieur und seine Freunde Verbündete suchen, wenn sie's nicht schon getan haben." "Paul ist bereits in Puerto Abente." "Ach so? Was hat er vor? Oh nein, es geht mich nichts an, je weniger ich davon weiß, um so ruhiger kann ich schlafen." "Bitte?" "Na, weil es ja auch um dich geht, meine Liebe. So, und nun werde ich gehen und sage: auf Wiedersehen. Ich denke, es war nicht verkehrt, daß ich da war. Gibst du mir einen Kuss?" Sie tat es. "Ja, es war nicht verkehrt, daß du da warst."

* * * * *

Paul nahm sich ein Zimmer in einem Hotel am Hafen. Es war eine ziemlich heruntergekommene Bude, aber die Speisen waren ganz passabel, und als der Kellner bemerkte, daß Paul ein Deutscher ist, servierte er ihm Beck's Bier.

Paul wartete auf Ansit. In der Zwischenzeit stromerte er im Hafen umher, an einem Kai abseits fand er das besagte Schiff, es lag da, als hätte es seit Wochen niemand mehr betreten. Er konnte die Stückgutwinde erkennen, die auf Deck unter einer Plane stand, ansonsten war von einer Fracht nichts zu sehen. Zu dem Kai konnte man nur mit einem Boot gelangen.

Er erkundigte sich im Hafenbüro. Er gab sich als Paul Kleinert aus und sagte, man habe ihn wegen der Maschinen auf dem und dem Schiff hergerufen. Der Mann im Büro wühlte in einigen Stapeln mit Frachtpapieren herum und fand dann einen Schein, aus dem aber nichts Näheres hervorging. Paul sagte, falls sich jemand meldet und nach ihm fragt, er wohnt im Hotel Almacén.

Er dachte, auf diese Weise würden sie auf ihn aufmerksam werden, und er könnte herausfinden, wer die Leute sind, die die Waffen abholen; vorausgesetzt, sie liegen noch im Schiff. Er fragte den Mann, ob es entladen wurde, er wusste es nicht, dann schaute er in einer anderen Liste nach und meinte: "Auf dem Kai ist seit letzten Dienstag nicht mehr gearbeitet worden."

Ansit ließ auf sich warten. Hatte er Pauls Nachricht erhalten? Als Paul am dritten Abend in das kleine Restaurant ging, sagte der Kellner, da wäre ein Gast, der ebenfalls Deutscher ist, "Dort drüben der Herr."

Paul schaute zu ihm hin und bemerkte, wie der andere ihn ebenfalls musterte. "Soll ich sie einander bekannt machen?", fragte der Kellner, der sehr entgegenkommend, allerdings ein bisschen schmierig war. "Danke, ich gehe gleich mal zu ihm hin."

Er stellte sich vor und fragte, ob er an seinem Tisch Platz nehmen darf; der andere forderte ihn mit einer Handbewegung dazu auf. "Ich heiße Paul Kleinert." "Ricardo Hanssen. Sie waren im Hafenbüro wegen der 'Helgoland'. Wer sind Sie?"

"Ich bin Ingenieur in Santa Rosa. Man hat mich darüber informiert, daß eine Stückgutwinde übernommen werden soll, die aus einer unserer Tochterfirmen stammt." "Welche soll das sein?", fragte der andere misstrauisch. "Die Firma? Förder- und Lagertechnik Meyer in Torgau. Oder ist sie das gar nicht?" Der andere schaute ihn wieder abschätzend an, dann blätterte er in einem Notizbuch. Offenbar musste er sich selber vergewissern.

Paul hatte Glück, die Winde stammte tatsächlich aus dem Werk, das Schmitt und Waldstein aufgekauft hatten. "Und was ist damit?" "Ich weiß nicht, ich dachte, Sie sagen mir das. Ich habe bloß den Auftrag bekommen, mich gegebenenfalls darum zu kümmern, daß sie einwandfrei aufgebaut wird. Das ist nicht ganz landläufige Technik, es gibt dabei einiges zu beachten." "Wo liegt Santa Rosa?" Paul sagte es ihm. "Und die schicken dafür extra einen Mann von dort hierher?" "Ich habe auch noch anderweitig zu tun", sagte Paul, als würde ihn dieses Gespräch schon zu viel Zeit kosten. "Ich werde mit meinen Leuten sprechen", sagte Hanssen, "Sie sind morgen um diese Zeit wieder hier, verstanden." Paul sah ihm nach. Er fand ihn außerordentlich unangenehm, er erinnerte ihn an einen SS-Untersturmführer, mit dem er vor Jahren in Dresden mal zusammengeraten war. Sogar von hinten betrachtet war er ihm sehr ähnlich.

* * * * *

Zuerst verstand Lydia nicht gleich, wovon Bernarda am Telephon spricht, dann sagte sie "Ich bin sofort da." Bernarda war so aufgelöst, wie Lydia sie noch nie erlebt hatte. Sie stand händeringend in der Küche und versuchte mühsam, ein Jammern zu unterdrücken.

Lydia beruhigte sie. "Ich habe ihr das Gästezimmer gegeben", sagte Bernarda halb sich noch rechtfertigend und halb schon entschlossen. "Ja, da ist es schön ruhig." "Aber man kann sie doch nicht im Gästezimmer unterbringen", zweifelte sie sofort wieder. "Erst mal", sagte Lydia, und dann: "Ich geh' hinauf." "Sie schläft", flüsterte Bernarda, als habe sie Sorge, sie aufzuwecken. "Wann ist sie angekommen?" "Gestern nacht. Ein Zollbeamter hat sie hergebracht, er stammt aus Bela Vista, seine Familie lebt dort, aber er arbeitet im Hafen von La Plata, er ist gerade auf Urlaub und wollte ..." "Ja, Bernarda. Hat sie etwas gegessen?" "Ich habe ihr welche von den Enchiladas angeboten", Bernarda brach in Tränen aus und schlug die Hände vors Gesicht, "Großer Gott, ich habe doch gar nicht verstanden, wer sie ist, ich habe ihr einfach was vorgesetzt wie einer Bettlerin, oh du mein Barmherziger, vergib' mir." Sie bekreuzigte sich. "Ist ja gut, Sie haben sie aufgenommen, das ist doch die Hauptsache." "Ja, das habe ich. Und dann ist mir Gott sei Dank noch das Gästezimmer eingefallen. Aber dann wusste ich nicht weiter und deshalb habe ich Sie angerufen, Miss Kirkpatrick." Lydia wollte hinaufgehen. "Soll ich jetzt was Feines kochen? Ich habe schon angefangen mit dem Huhn." "Ja. Bestimmt ist sie sehr hungrig." "Ja bestimmt, oh Jesus Maria."

Lydia klopfte leise an, dann öffnete sie die Tür. Sie ging auf Zehenspitzen zum Bett und schaute sie an. Esther schlief. Lydia trat einen Schritt zurück, um nicht zu nahe dran zu sein, falls sie plötzlich aufwacht. Aber sie schlief so tief, daß man eine Hochzeitskapelle im Zimmer hätte aufspielen lassen können, ohne sie damit zu wecken. Lydia verglich ihr Gesicht mit den Photographien, die Paul ihr gezeigt hatte. Sie war wirklich so hübsch, aber jetzt sah sie ziemlich mitgenommen aus. Über ihrem linken Auge war eine frischverheilte Verletzung.

"Ich konnte ihr nicht einmal ein Nachthemd geben", flüsterte Bernarda, die ihre Neugier nicht unterdrücken konnte und Lydia gefolgt war. "Ich glaube, sie hat ihre Unterwäsche anbehalten", meinte Lydia. "Ja, ich glaube auch." Dann deutete sie auf einen Koffer, der auf dem Tisch abgelegt war. "Das ist ihr Gepäck." "Wo sind die anderen Sachen abgeblieben?" Bernarda sah sie bestürzt an. "Großer Gott, Sie meinen, man hat ihr ..." "Damit ist sie angekommen?" "Mit diesem Koffer, ja, der Zollbeamte aus Bela Vista hat ihn getragen, aber Miss Kirckpatrick, ich könnte beschwören, daß dieser Mann wirklich ein ..." "Ja. Vielleicht ist das ja alles." "Ich gehe dann wieder in die Küche." Sie ging zur Tür. "Ich bin in der Küche, Miss Kirkpatrick, falls Sie mich brauchen. Sie können ganz leise rufen, ich höre das sofort." "Ja, gut."

Esthers Kleidung hing über dem Stuhl, ihre Schuhe standen darunter. Lydia klappte den Koffer auf, es war nur Wäsche drin, es roch alles ein bisschen muffig. Da war ein rotes Sommerkleid mit weißen Blümchen. Bei seinem Anblick ahnte Lydia, daß Esther länger hierbleiben wird. Sie spürte die Verlockung, das Kleid herauszunehmen und es anzuschauen. Sie machte den Koffer wieder zu. Sie sah zu Esther hinüber, sie lag reglos da.

Lydia ging hinunter. Bernarda bereitete mit großer Hingabe das Essen zu. "Sie schläft", sagte Lydia. "Ja", erwiderte Bernarda. Sie war froh, daß sich Miss Kirckpatrick jetzt darum kümmerte, was zu tun sei. So konnte sie sich vollkommen darauf konzentrieren, es dem Gast recht zu machen. Wenn Senora Kelling speisen wird, sollte sie sagen 'Wer hat dieses vorzügliche Essen gemacht? Es schmeckt mir ausgezeichnet.'

"Was haben Sie ihr gesagt, wo Paul ist?" "In der Hauptstadt. Sie wird doch nicht frieren, oder? Nachts ist es jetzt ziemlich kühl oben im Gästezimmer." "Nein, ich glaube nicht. Wahrscheinlich bleibt sie ja nicht ewig da oben." "Bitte?" "Ich meine, Senor Kelling wird hier alles ein bisschen umräumen müssen."

"Oh ja, das muss er tun. Jetzt sind sie wie eine richtige Familie", sagte Bernarda und schmeckte zum hundertsten Mal mit einem Tröpfchen auf der Löffelspitze die Suppe ab. Offenbar hatte sie auch verstanden, daß Esther nicht bloß auf Besuch hier ist.

"Sie ist sehr schön, nicht wahr?", sagte Lydia, als wollte sie es bestätigt finden. "Oh, sie ist eine ganz reizende Person. Sogar gestern, es war ja schon dunkel, als der Zollbeamte aus Bela Vista angeklopft hat und ich habe ihnen geöffnet, da habe ich gleich gesehen, wie schön sie ist. Ich war ja beinahe die erste, die sie gesehen hat."

"Wir müssen Paul sofort Bescheid sagen." "Ja." Bernarda druckste herum. "Miss Kirkpatrick, wie ich ihr gestern gesagt habe, daß Senor Kelling, also daß ihr Mann voraussichtlich mehrere Tage in der Hauptstadt ist, da wollte sie ... ich meine ... sie hat gesagt, sie wird gleich morgen, also heute dorthin fahren, man solle ihr bloß sagen, wo er zu finden ist."

Lydia schwieg und überlegte, Bernarda sagte verängstigt: "War es nicht richtig, daß ich gesagt habe, er ist mehrere Tage in der Hauptstadt? Mein Gott, wenn sie nun gleich wieder weggeht und fährt dorthin und sie treffen sich dort nicht und dann ... oh, alles durch meine Schuld."

"Beruhigen Sie sich, Bernarda. Wir werden dafür sorgen, daß sie hier auf Paul wartet." "Oh ja", sagte Bernarda erleichtert, und nach einer Pause fügte sie hinzu: "Würden Sie ihr das sagen, Miss Kirkpatrick? Bevor ich wieder was falsch mache." "Ja, ich übernehme das." "Muchas gracias."

Sie zerteilte mit einem großen scharfen Messer die Tomaten in kleine Stücke, es ging sehr flink, die Messerklinge klackte dabei auf das Holzbrett. Lydia lehnte am Küchentisch und schaute ihr gedankenversunken zu.

Dann sagte Bernarda wieder besorgt "Meinen Sie, daß mich der Senor und die Senora auch weiterhin hier im Haus behalten werden?" Lydia schreckte auf. "Bitte?" Bernarda wiederholte ihre Frage. "Aber selbstverständlich. Sie können doch nicht auf Sie verzichten." "Ach, na ja", machte Bernarda halb verlegen halb geschmeichelt. "Außerdem haben Sie sich Esther, ich meine Senora Kelling nun schon vorgestellt, und das ist doch gut gelaufen." "Oh ja, ich denke schon. Obwohl ich sie nicht gleich erkannt habe."

"Gut. Dann werde ich jetzt gehen." "Was? Wohin denn?" "Ich werde versuchen, Senor Kelling zu erreichen." "Ah ja, natürlich, das ist jetzt das Wichtigste, daß er erfährt, wer hier ist." Sie kicherte auf einmal fröhlich vor sich hin. "Das wird eine Überraschung."

Im Laden telephonierte Lydia. Der Mann am andern Ende war sehr verwundert, aber freundlich wie es seine Art war. "Was verschafft mir denn die Ehre, Miss Kirkpatrick?" Sie erklärte es ihm in aller Kürze.

Die Geschichte schien ihm zu gefallen, aber er ließ Lydia ein bisschen zappeln. "Und wie kommt es, daß Sie gerade mich dafür auserkoren haben? Ich denke, Sie können mich nicht leiden?" "Ja, ich finde Sie scheußlich. Aber ich denke, hierbei könnten Sie ein paar Pluspunkte sammeln." Er lachte, und Lydia war froh, daß er nicht sehen konnte, wie sie auch schmunzeln musste. "Außerdem würde es Paul bestimmt recht sein." "Aha. Gut, ich komme."

Sie dachte nach. Sie musste ihm sagen, daß Paul in Wahrheit in Puerto Abente ist, aber sollte sie auch den Grund dafür angeben? Und die noch viel heiklere Frage war: was sollten sie Esther sagen? Und könnte man Paul einfach anrufen und ihm die Neuigkeit mitteilen? Lydia versuchte, sich in seine Lage zu versetzen, aber dann merkte sie, wie sie eigentlich nur mit ihren eigenen Gedanken an ihn beschäftigt war.

Am Nachmittag waren sie wieder in Pauls Haus. Am Ton, mit dem man Bernarda aus der Küche hören konnte, erkannte Lydia sogleich, daß Esther auf war. Sie klopften am Türrahmen an. Bernarda sprang auf und nickte verständnisvoll mit dem Kopf. "Da sind Sie ja, Miss Kirkpatrick, ich habe der Senora bereits ..."

Esther schaute sie an. Sie saß halb zusammengesunken am Tisch, sie hatte eine dicke Jacke über die Schultern gezogen, vor ihr stand ein Teller, in dem Suppe gewesen war, der Löffel lag auf dem Rand. Ihr dunkles Haar war etwas unordentlich, aber obenauf war eine Stelle von seidigem Glanz.

Sie versuchte, ein freundliches Gesicht zu machen, aber man sah, wie es sie anstrengte. Lydia ging auf sie zu, Esther wollte aufstehen. "Bleiben Sie bitte sitzen, Senora Kelling, ich bin Lydia Kirkpatrick, willkommen in Santa Rosa." Sie küsste Esther auf beide Wangen, und sie hatte dabei das Gefühl, es wäre jemand anderes. Esther nickte unmerklich.

"Das ist Senor Manuel Navarro, wir sind beide Freunde Ihres Mannes." Manuel begrüßte Esther gekonnt galant, und Lydia sah sogar ein Lächeln über ihr Gesicht huschen. (Er hatte genau das richtige Fingerspitzengefühl für so eine schwierige Mission.)

"Wo ist mein Mann?", fragte Esther. "Bernarda hat Ihnen sicher schon gesagt, daß er geschäftlich unterwegs ist, Sie brauchen sich ..." "Nein, Sie haben gesagt, er ist in der Hauptstadt", wandte sie sich an Bernarda. Und dann zu den anderen: "Wie komme ich am schnellsten da hin?"

Sie schob die Jacke von ihren Schultern und erhob sich. Sie war etwas kleiner, als Lydia gedacht hatte. Sie war von zierlicher Gestalt, dabei mit schönen, deutlichen Konturen und in Wirklichkeit noch viel attraktiver als auf den Photos. Niemand traute sich zu antworten.

"Können Sie mich hinfahren?", fragte Esther. Als sie stand, musste sie sich an der Tischkante festhalten. Ihr Blick hatte Manuel getroffen. "Selbstverständlich, Senora Kelling." "Dann lassen Sie uns keine Zeit verlieren. Vielen Dank für das Essen, es hat sehr gut geschmeckt." Bernarda strahlte vor Stolz.

Esther ging an den zweien vorbei, Lydia knuffte Manuel unauffällig in die Seite, aber er verstand nicht, und Lydia wusste selbst nicht recht, was sie damit meinte. Esther ging in Richtung Küchentür. Nach drei Schritten kippte sie um.

Bernarda schrie auf. "Jesus und Maria!" Sie kniete sich neben Esther, Manuel auf der anderen Seite. "Wasser, schnell." Lydia brachte einen feuchten Lappen, Manuel wischte ihr übers Gesicht. Sie blieb ohnmächtig.

"Ich schaffe sie hoch", sagte Manuel, schob seine Arme unter sie und hob sie auf. "Lydia, rufen Sie den Doktor." Lydia sprang zum Telephon. Manuel schleppte Esther die Treppe hinauf, Bernarda folgte ihnen. Sie legten sie aufs Bett, zogen ihre Schuhe aus und deckten sie zu. Sie erwachte, drehte den Kopf hin und her und ächzte dabei. Dann erkannte sie Manuel wieder. "Wir müssen sofort los", stammelte sie. "Ja, Senora." Lydia erschien in der Tür. "Er sagt, er kommt gleich." Esther schaute sie groß an. "Er kommt gleich", sagte sie mit kindlicher Bestimmtheit. "Da kommt er." Die Augen fielen ihr zu. Bernarda seufzte und bekreuzigte sich. "Was ist?", sagte Lydia zu Manuel. Der fühlte Esthers Puls. "Sie schläft." "Dem Allmächtigen sei Dank", stieß Bernarda hervor, dann brach sie in Tränen aus.

Der Doktor untersuchte Esther. Mit Bernardas Hilfe gelang es ihnen, daß sie im Dämmerzustand den Aufforderungen des Arztes halbwegs folgen konnte, dann legten sie sie behutsam wieder hin.

Der Doktor sagte, sie sei in einem bedrohlichen Schwächezustand, der wohl schon längere Zeit andauert und den sie nur durch Aufzehrung der allerletzten körperlichen Reserven bis jetzt überstanden hat.

Er verschrieb ihr dreierlei Stärkungsmittel, Bernarda lief sofort in die Apotheke. Auf keinen Fall dürfe die Patientin außer Haus gehen, höchstens bis in den Garten. Lydia erwähnte erst gar nicht ihre Absicht, in die Hauptstadt zu fahren. Er werde in drei Tagen wieder vorbeischauen, sagte der Doktor. Manuel bezahlte ihn.

In der Küche offenbarte Lydia den andern beiden, wo sich Paul derzeit wirklich aufhält. Manuel konnte sich die Zusammenhänge im Groben selber zusammenreimen. Bernarda nahm es hin und nickte nur; Miss Kirkpatrick und Senor Navarro würden jetzt zweifellos das Richtige tun. Lydia war schweigsam geworden.

Manuel verlor nicht seinen (manchmal etwas zynischen) Optimismus und auch nicht seinen Humor. Im Grunde kam ihm dieses Abenteuer ganz zu recht, brachte es ihm doch ein bisschen Abwechslung in sein müßiges Leben. Aber er schien gleich wieder zum Nichtstun verdammt, denn Lydia sagte, sie werde unverzüglich nach Puerto Abente fahren und Paul zurückholen.

Manuel wachte die halbe Nacht bei Esther. Er hatte es sich in einem großen, weichen Sessel bequem gemacht. Sie ließen eine Lampe brennen, deren Licht sie mit einem rotbraunen, dünnen Tuch abmilderten. Bernarda servierte ihm auf einem Tablett etwas zu essen und eine Flasche Wein. Sie unterhielten sich eine Weile leise. Am nächsten Tag hielt er sich die meiste Zeit in Pauls Arbeitszimmer auf; er fand es nicht anstößig, solange er allein war, ein bisschen in dessen Sachen herumzustöbern.

* * * * *

Paul traf sich abermals mit Ricardo Hanssen, und er merkte gleich, daß der ihn hinhalten wollte. Er misstraute ihm, und Paul war sich sicher, daß er für die Abwicklung des Waffengeschäfts verantwortlich ist. (Aber darin irrte er sich.) Als sie im Hotelrestaurant beisammen saßen, erklärte Hanssen, die Zollverwaltung habe die Fracht noch nicht freigegeben.

Paul hatte indes erfahren, daß bei der Hafenbehörde für eine ungewöhnlich lange Liegezeit der 'Helgoland' im voraus bezahlt worden war und sich seitdem offenbar niemand um das Schiff kümmerte; womöglich war die Gebühr gerade deshalb so hoch. Es war unmöglich, mit diesem Ricardo Hanssen ein Gespräch anzufangen, er wirkte wie jemand, der hier so schnell wie möglich weg will.

Der Kellner brachte Paul in eine unangenehme Lage. Als er servierte, sagte er: "Wir haben ein neues deutsches Bier im Angebot, Senor Kelling, möchten Sie es probieren?" Hanssen fuhr hoch. "Senor Kelling? Sagten Sie nicht, ihr Name wäre Kleinert?" Paul wusste nichts zu entgegnen. Hanssen ließ alles stehen und liegen und verschwand.

Der Kellner entschuldigte sich, Paul schickte ihn weg. Daß Hanssen (und wer immer seine Leute waren) nicht auf Pauls Trick mit seiner Firma hereinfielen, war ihm klargeworden. Spätestens ab jetzt musste er sich in Acht nehmen, da er ihnen Schwierigkeiten bereiten könnte, die ihnen sehr ungelegen kämen. Außerdem mussten sie vermuten, daß auch Paul nicht allein ist. Wenn doch Ansit nur endlich hier wäre.

Wenn er verhindern will, daß die Waffen an El Halcón ausgeliefert werden, dann konnte er dies nur hier tun, solange die Fracht noch an Bord ist. Die Behörden oder die Polizei zu alarmieren wäre wenig hilfreich, denn die einen waren wahrscheinlich bestochen, und die anderen würden auf einen vagen Verdacht hin kaum etwas unternehmen.

Paul dachte auch immer noch daran, daß er zusammen mit Ansit die Waffen (oder wenigstens ein Teil davon) irgendwie nach Alto Paraná schaffen könnte. Aber er überschätzte seine Kräfte. Als Ansit ausblieb, lief Paul Gefahr, überstürzt zu handeln, und er wurde leichtsinnig.

Des Nachts ließ er sich von einem gedungenen Bootsmann zum Kai fahren, um das Schiff in Augenschein zu nehmen. Es gelang ihm, an Bord zu klettern. Unter der Plane stand tatsächlich eine nagelneue Stückgutwinde, aber das hatte ja Hanssen bereits indirekt bestätigt. Die Türen zum Frachtraum waren verschlossen.

Paul schlich vom Heck zum Bug und wieder zurück, dann stand er still und überlegte. Das Wasser plätscherte gegen die Bordwand, drüben am anderen Kai leuchteten Scheinwerfer, und ein kleiner Lotsendampfer tuckerte vorbei, dann hörte er wieder nur die flachen Wellen des Rio Vacaria leise rauschen.

Plötzlich ging quietschend eine Eisentür, Paul versteckte sich. Zwei Männer sprachen miteinander, er musste näher heran, um sie verstehen zu können, sie hatten einen grässlichen Dialekt. Sie standen da und rauchten. Die Tür war offen, und aus dem Innern drang ein Lichtschein heraus. Dann machte der eine ein paar Schritte zur Reling hin, und der andere folgte ihm. Wenn sie ihm den Rücken zukehrten, könnte er versuchen, durch die Tür zu schlüpfen.

Er wartete, er begann zu zittern, dann wandten sie sich tatsächlich ab. Er ging auf leisen Sohlen zur Tür. An Backbord tauchte ein Frachtkutter auf, sein Scheinwerfer war direkt auf das Deck gerichtet. Die Männer drehten sich jäh um, Paul stand voll im Licht. Der eine zog eine Waffe aus dem Gürtel. Paul machte auf dem Absatz kehrt und wollte wegrennen, er knallte mit dem Kopf gegen einen Eisenträger, an dem sonst das Beiboot hing. Er sah Sternchen vor seinen Augen, er hörte einen Schuss und etwas in ihm wartete darauf, daß der Schmerz einsetzt, dann wurde es dunkel.

"Was machen Sie denn hier?", fragte er, als er aufwachte und Lydia erblickte. Er richtete sich in dem Bett, in dem er lag, auf, und musste sich augenblicklich an seinen Kopf fassen. Er befand sich in seinem Hotelzimmer. "Was ist passiert?" "Jemand hat Ihnen eins über die Rübe gegeben", sagte Lydia mitfühlend.

Er stand auf und schaute in den Spiegel. "Heiliger Strohsack, was für eine Beule." "Wo haben Sie sich bloß herumgetrieben? Ich denke, Sie wollen Ansit helfen, stattdessen prügeln Sie sich in der Gosse." "Was? Wie kommen Sie darauf?" "Sehen Sie sich doch an." Sein Anzug war dreckig. "Na kommen Sie, Paul, setzen Sie sich hin. Der Kellner hat mir einen Eisbeutel gegeben, den legen wir auf Ihre Stirn. Er bringt auch gleich Kaffee." "Wie spät ist es?" "Halb zwei." "Nachmittag?" "Haben Sie schon mal erlebt, daß um halb zwei Uhr nachts die Sonne scheint?" Paul sah zum Fenster. "Scheiße noch mal, ich bin völlig durcheinander." "Halb so schlimm. Wenn Ihnen weiter nichts wehtut."

Sie drückte den Eisbeutel auf die Beule, die stechende Kälte, die seinen Kopf durchfuhr, schien ihm die Erinnerung zurückzugeben. "Die haben auf mich geschossen." "Wer?" "Auf dem Schiff. Ich war da, um in den Frachtraum zu gelangen." "Warum machen Sie so was, allein gegen eine Bande von Verbrechern. Die fackeln nicht lange herum." "Aber ich wollte ..." "Sie können froh sein, daß Sie jetzt hier sind und nicht im Rio Vacaria als Leiche auf den Atlantik zutreiben." "Das hört sich ja fast bedeutend an", scherzte er. "Ist es aber nicht", entgegnete Lydia schroff. "Wie bin ich wieder in das Zimmer gekommen?" "Der Kellner sagt, zwei Männer hätten Sie in der Nacht hereingeschafft. Hier liegt auch ein Zettel." "Was für ein Zettel?" "Lesen Sie selbst."

Er nahm das Papier und versuchte zu entziffern. "Oh, Lydia, da dreht sich mir alles, lesen Sie's mir vor." Sie las: "Das war eine kleine Vorwarnung, allerdings nicht die erste. Sollten Sie versuchen, sich weiter in unsere Angelegenheiten einzumischen, wird das für Sie sehr unangenehme Folgen haben. El Halcón."

"Der Falke? Er hat das geschrieben?" Lydia zuckte mit den Schultern. Paul sagte "Das klingt eher nach dem General." "Wie auch immer, Sie sollten es ernst nehmen." "Was soll das heißen: unangenehme Folgen?" "Paul, spielen Sie jetzt nicht den Helden." "Tue ich das?" "Und reden Sie nicht mit mir wie wie einem Dummkopf." Er sah sie fragend an; es konnte auch gehorsam sein.

Sie sagte "Wenn Sie mit ein paar Kugeln in der Brust irgendwo auf der Müllhalde liegen, können Sie niemandem mehr nützlich sein. Vielleicht denken Sie mal dran, daß es auch Menschen gibt, die Sie nicht nur wegen Ihrem Sinn für Gerechtigkeit mögen." "Damit meinen Sie sich?" "Damit meine ich, daß Sie ständig glauben, etwas für andere tun zu müssen und dabei gar nicht mitbekommen, wie Sie sich immer weiter von denen entfernen, die Ihnen lieb sind."

Obwohl er sich geschworen hatte, dies künftig nicht mehr zu erwähnen, entgegnete er: "Aber Lydia, haben Sie mich nicht selbst gefragt, ob ich bereit wäre, mich für Sie aufzuopfern? Auch wenn es vielleicht nur ein Scherz war." "Es war kein Scherz", sagte sie gekränkt, "Sie können solche Fragen bloß nicht verstehen. Sie verpassen immer den richtigen Moment, wenn der andere Ihnen von Herzen gern doppelt und dreifach das zurückgeben möchte, was Sie für ihn getan haben." "Aber ich will doch gar nichts wiederbekommen."

"Und diese unerträgliche Bescheidenheit, Paul. Die grenzt wirklich beinahe an Hochmut. Merken Sie eigentlich nie, daß jeder von uns den anderen nur mit dem zu beschenken vermag, das er im eigenen Herzen besitzt. Es kommt darauf an, zu erkennen, wie viel dies Geschenk demjenigen bedeutet, der es hergibt; nur dann spürt man seinen wahren Wert und kann sich darüber freuen. Sie können sich nicht freuen, Paul."

Diese Worte hatte Lydia sehr ernst und eindringlich gesprochen, und sie hatte wohl lange auf die richtige Gelegenheit gewartet, sie loszuwerden. Auch hatte sie dabei innegehalten, Pauls Sachen in den Koffer zu stopfen, den er bei sich hatte. Jetzt war alles verstaut, und sie klappte den Deckel zu.

Paul grübelte darüber nach, was sie gesagt hatte, er hielt immer noch den Eisbeutel an seine Stirn, dann wachte er aus seinen Gedanken auf und fragte: "Was machen Sie da eigentlich?" "Sie müssen hier raus aus dem Hotel. Die werden Sie beobachten." "Dann sind Sie auch gesehen worden, Lydia." "Ja." "Ich will nicht, daß Sie dabei sind. Ich wollte nicht, daß Sie mitkommen." "Ich weiß."

Er legte den Eisbeutel ins Waschbecken. "Und? Hatte ich da vielleicht auch was falsch verstanden?" Sie schwieg. "Warum sind Sie wirklich gekommen?" Sie wandte sich ab. Er fasste sie an den Schultern und drehte sie herum, er schaute ihr in die Augen. "Sagen Sie mir, warum Sie gekommen sind, damit ich weiß, was ich tun soll." Sie kamen sich ganz nahe, ihre Lippen berührten sich fast, sie spürten ihren Atem, sie fühlten ihre Herzen pochen, die Wirklichkeit um sie her begann sich im Nichts aufzulösen. "Wir müssen gehen."

* * * * *

Die eine von den drei Arzneien, die der Doktor Esther verordnet hatte, war in der Apotheke nicht erhältlich, man kannte sie da nicht mal. Manuel kurvte einen halben Tag herum, um sie zu besorgen. Es war ein Pulver aus getrockneten Pflanzen, das in einem Glas Wasser aufgelöst und getrunken werden sollte.

Endlich hatte er bei einem Wanderdoktor Glück, der gerade in Santa Rosa war; ein Apothekergehilfe hatte Manuel hinter vorgehaltener Hand gesagt, wo er zu finden wäre. Esther saß wieder am Küchentisch, es schien ihr wohlzutun, Bernarda beim Hantieren zuzusehen. Sie wechselten nur ab und zu ein paar Worte, und Bernarda wusste nicht recht, womit sie die Senora unterhalten sollte, ohne sie zu sehr aufzuregen.

Denn was der Doktor über ihren Zustand herausgefunden hatte und was sie alle nun nach der anfänglichen Verwirrung selber mitansehen mussten, das gab ihnen Rätsel auf. Daß vorher nichts über Esthers bevorstehende Ankunft bekanntgeworden war und daß insbesondere Senor Kelling nichts gesagt hatte, war seltsam genug.

Im Zusammenhang mit Esthers Kollaps mochte es andererseits die gleichen mysteriösen Hintergründe haben. Wiederum traute sich keiner zu fragen. Lydia aber hatte Manuel gegenüber ein paar Andeutungen gemacht; aus irgendeiner Ahnung heraus und angesichts des armseligen Reisegepäcks äußerte sie die Vermutung, daß Esther Deutschland überstürzt und als Flüchtling verlassen hatte.

"Ach herrje", murmelte Bernarda in der Küche, als ihr der Gesprächsstoff ausgegangen war, "hier müsste mal gründlich aufgeräumt werden." Sie erschrak über ihre eigenen Worte. "Oh, Senora, Verzeihung, ich meinte ... ich habe ... geben Sie mir nur zwei Tage Zeit und Sie werden Ihre Küche nicht wiedererkennen, so blitzsauber wird sie sein."

Esther sagte "Ich bin gerade erst dabei, mich an den Anblick zu gewöhnen." Bernarda zog die Augenbrauen hoch; wie war das zu verstehen? "Der Senor war immer zufrieden mit mir. Ich werde Ihnen keinen Grund zur Klage geben." "Aber ich kenne Sie doch erst ganz kurz, warum sollte ich mich beklagen. Ich meine, ich muss mich erst zurechtfinden." "Ja, natürlich. Und es wird Ihnen bestimmt gefallen."

Esther hatte eine Tasse Tee vor sich stehen, und sie schenkte sich aus der Kanne nach. Dann schaute sie Bernarda zu. "Kann ich Ihnen denn helfen?", fragte sie eine Weile später. "Wie bitte?" "Kann ich mich irgendwie nützlich machen?" "Aber Senora, der Doktor hat gesagt, Sie sollen sich ausruhen. Und ich muss auch ein bisschen auf Sie aufpassen." "Aufpassen?" "Daß Sie nicht zu weit weg laufen."

Esther schaute sie komisch an, dann fragte sie: "Warum ruft Paul denn nicht endlich an, wenn Miss Kirkpatrick ihn gefunden hat?" "Sie hat ihn vielleicht bloß noch nicht gefunden." "Wieso denn? Sie weiß doch, wo er ist? Und überhaupt, warum kann man ihn nicht von hier aus erreichen?" Sie war aufgestanden.

"Bernarda, sagen Sie mir auch die Wahrheit?" Bernarda schaute sie groß an und fing an zu zittern. "Sie wird bestimmt jeden Augenblick ... ich meine, der Senor ... ich meine, Ihr Herr Gemahl wird sicher jeden Augenblick anrufen, ich höre es fast schon klingeln, Senora Esther, wirklich, ich ahne es."

Zum Glück kam Manuel herein. Sie klärten Esther zum x-ten Mal darüber auf, wie sie laut des Doktors Anweisung die Arznei einzunehmen habe, und Esther trank das Glas mit der unansehnlich trüben Flüssigkeit aus. Dann sagte Bernarda zu Manuel, daß die Senora selber im Haushalt etwas tun will und ob man ihr das zumuten könnte. Manuel erwiderte, der Doktor habe doch gemeint, ein wenig Beschäftigung und Zerstreuung würde ihr durchaus guttun, und Esther schaute von einem zum andern, und dann legte sie die Hand auf ihren Bauch, als der Trunk ganz merkwürdige Geräusche verursachte.

"Also gut, Senora Kelling", sagte Bernarda, "dann freue ich mich sehr, wenn Sie mir ... wenn ich Ihnen ... wenn wir gemeinsam ..." Sie schaute umher, was sie Esther auftragen könnte, öffnete dann einen Küchenschrank und fand, daß das Geschirr schon längst mal geordnet werden müsse.

Aber war es womöglich, weil Esther zu lange auf den Beinen war, jedenfalls wurde ihr schwindlig, sie schwankte, musste sich halten, die Arznei stieß ihr auf, und Manuel redete ihr zu, sich unverzüglich hinzulegen, was sie auch tat, um sofort in tiefen Schlaf zu sinken. "Dios mio", murmelte Bernarda, "ich möchte nicht wissen, was die Ärmste durchgemacht hat."

Es regnete seit drei Tagen und Nächten. Esther hatte sich in Pauls Arbeitszimmer eingerichtet. Das erste, was sie gesehen hatte, waren die Photographien von ihr und ihm, und sie musste weinen vor Schmerz und Glück.

Vieles von Pauls Haus, der Wohnung und dem Garten kannte sie aus seinen Briefen, sie erkannte es wieder, und die Wahrhaftigkeit, mit der alles mit Pauls Beschreibungen übereinstimmte, gaben ihr ein stärkendes Gefühl der Sicherheit und Hoffnung.

Sie fing an, alles in den Räumen, in denen Paul lebte, zu untersuchen, und manchmal kam sie sich schon wie ein Teil davon, ein Teil von ihm vor und wunderte sich ein bisschen, wie schnell das ging und war doch froh darüber. Sie spürte beinahe von Stunde zu Stunde deutlicher, wie die Last von ihr genommen wurde, die sie aus der Vergangenheit her bedrückte. Sie freundete sich mit der Katze an. Sie redete mit dem Hund, der sich allerdings gleich wieder verzog. Sie setzte sich an Pauls Schreibtisch, sie machte irgendwas, bewegte bloß die Hände, sagte "Paul, sieh' nur, dieser Regen - er hat ein richtiges Muster."

Sie glaubte, schon vorher, viel früher schon hier gewesen zu sein. Sie glaubte, Dinge zu kennen, die eigentlich verborgen lagen, sie glaubte, an Personen zu denken, die sich nun schon eine ganze Weile nicht mehr hier haben blicken lassen, sie lauschte auf Bernardas Singen aus der Küche und sie dachte 'Dieses Lied, es ist wie ein Streicheln auf der Haut nach einem warmen Bad.' Sie lag halbausgestreckt auf dem Sofa, und Manuel kam herein und sagte "Oh, Verzeihung, Senora, ich wollte nicht stören" und zog sich wieder zurück, aber sie sagte "Nein, kommen Sie nur herein, Manuel, ich muss sowieso wieder weitermachen."

Die wunderliche Medizin half, aber Esther kam nur allmählich zu Kräften. Der Doktor untersuchte sie noch einmal, er war zufrieden, was ihre körperliche Verfassung anbetraf. Aber er hatte auch bemerkt, wie schlecht es um den seelischen Zustand der jungen Frau steht, und er konnte ihr diesbezüglich nicht helfen. Er verzichtete diesmal auf die Bezahlung, er sagte, er wäre sowieso gerade hier in der Nähe gewesen.

Zu Manuel fasste sie sehr schnell Vertrauen, und er gab sich wirklich alle Mühe, die Stimmung der Senora aufzuhellen. Er erzählte alle möglichen Geschichten, solche, die er selber erlebt hatte, wie jene von dem Magier Farinelli, der sich bei seiner letzten Vorstellung in Bela Vista selbst in Luft aufgelöst hatte und seitdem nicht mehr gesehen ward, oder solche, die er gehört hatte, wie die von dem Esel, der nicht nur schwimmen, sondern sogar tauchen konnte.

Manuel schien auch von jedem Hausierer und fahrenden Händler, der ans Haustor klopfte, eine Anekdote zu kennen, aber ob die nicht größtenteils ausgedacht waren, konnte man nicht genau sagen. Bernarda jedenfalls schüttete sich manchmal aus vor Lachen, winkte dann aber stets ab: "Ach, Senor Navarro, Sie sind so jung, wie können Sie denn das alles nur wissen."

Der Regen hielt Esther davon ab, in den Garten zu gehen. Dann kam ein trockener Tag, und Nemesio und Juana tauchten auf. Bernarda sagte, sie sollten die Senora nicht stören. Sie schauten neugierig zum Fenster herein, und sahen Esther auf dem Sofa schlafend, Manuel hatte ihr eine Decke übergelegt.

Juana war sehr beeindruckt von der hübschen Frau, sie fragte Nemesio nach seiner Meinung, der murmelte irgendetwas, und später unterhielten sie sich über alle drei: Paul, Lydia und diese geheimnisvolle Fremde. Nemesio war sich sicher, daß sie es nicht lange hier aushalten würde, "sie verträgt das Klima nicht." Juana aber zog die Stirn in Falten und meinte: "Etwas Bestimmtes wird sich in Bälde ereignen."

Die beiden stellten den Brettertisch vors Fenster und darauf Nemesios Tontiere und Juanas Schalen, die Besucherin sollte sich an dem Anblick erfreuen. Am nächsten Tag regnete es wieder, und als Esther die kleinen Kunstwerke erspähte, war an manchen Stellen der Ton schon aufgeweicht. Sie beredete Bernarda, ob man sie nicht irgendwie abdecken könnte, und dann legten die beiden Frauen ein dünnes Brett auf zwei Stützen wie ein Dach darüber. Später stand Esther am Fenster, rubbelte sich die Haare mit einem Handtuch trocken und betrachtete das Arrangement. Sie fragte Bernarda über die Kinder aus.

* * * * *

Unter der Post, die sich in diesen Tagen anhäufte, befand sich auch ein Brief aus Dresden, adressiert an "Herrn Paul Kelling". Bernarda hatte ihn, wie alles übrige, Manuel übergeben, der es für besser erachtete, Esther nicht damit zu behelligen, sondern es bis zu Pauls Rückkehr aufzuheben.

Als wäre er von einer inneren Stimme dazu angehalten, verfuhr Manuel mit diesem Brief nicht wie gewöhnlich: er öffnete ihn. (Er hatte sich einen triftigen Grund überlegt, den er Paul nachher liefern würde.) Er war mit der Maschine geschrieben und hatte folgenden Wortlaut:

"Sehr geehrter Herr Kelling, wir kennen uns nicht persönlich, und ich möchte über mich nur soviel sagen, daß ich bis vor kurzem mit einer Angelegenheit befasst war, welche Sie und Ihre näheren Verwandten betraf. Natürlich habe ich versucht, Sie in Dresden zu erreichen, um mit Ihnen zu sprechen, und als ich vermuten musste, daß Sie vorläufig nicht hier anzutreffen sind, zögerte ich zunächst, Ihnen zu schreiben; daher das Versäumnis, das Ihnen womöglich unangemessen erscheint. Aber ich bitte Sie zu beachten, daß ich in keiner Weise verpflichtet bin, Ihnen das Folgende mitzuteilen, sondern es allein wegen meinem Gewissen tue und für Ihre werte Frau Gemahlin, mit der ich hierorts einige Gespräche geführt habe. Vielleicht wissen Sie auch schon alles und ich sage Ihnen nichts Neues. Wenn dem so ist, sollte es mich freuen (die letzten vier Worte waren durchgestrichen) würde es mir genügen, wenn ich noch einige Einzelheiten dazu ergänzen kann.

Vor allem aber würde es mich beruhigen, wenn ich wüsste, daß Sie den Hergang der zurückliegenden Ereignisse von Ihrer Frau selbst erfahren haben. Denn dies muss ich Ihnen zuerst sagen: von Esther Kelling fehlt hier jede Spur. Ich spreche das so deutlich aus, auch wenn die Gefahr besteht, daß Sie darüber erschrecken, aber ich denke, daß es richtig ist, wenn Sie über die Tatsachen Bescheid wissen. Außerdem füge ich gleich hinzu, daß ihr Verschwundensein nicht zwangsläufig das Schlimmste ('das Schlimmste' war ersetzt worden durch 'ein Unglück') befürchten lassen muss. Womöglich sind meine Andeutungen ebenfalls durch ihre neuere Kenntnis schon gegenstandslos geworden.

Während Ihres beruflich bedingten Aufenthalts in Südamerika (über den ich mich bei Herrn Schmitt informiert habe), wurde Ihr Schwiegervater, Herr Josef Waldstein, im Rahmen der Kampagne der Ausbürgerung der Juden aus Deutschland nach Theresienstadt übergeführt. Über seine dortige Situation ist mir nichts bekannt. Ich habe (ersetzt bzw. ergänzt durch: 'wir haben') auf Bitte Ihrer Frau den Versuch unternommen, Herrn Waldstein in Theresienstadt zu besuchen, was leider fehlgeschlagen ist. Ihre Frau hatte aufgrund unserer Reichsgesetze durch die Ehe mit Ihnen einen privilegierten Status, der jedoch, wie bei allen betreffenden Personen, in der gegenwärtigen Rechtspraxis immer häufiger aufgehoben wird, so daß nicht mehr länger ein Hinderungsgrund besteht, diese Personen der Ausbürgerung zu entziehen. In Zusammenarbeit mit dem hiesigen Komitee der israelitischen Gemeinde war Ihre Gemahlin offenbar bereits auf die Liste der Juden gesetzt worden, welche die Stadt Dresden zu verlassen haben. Ich kenne diese Listen nicht genau.

Was ich Ihnen jetzt mitteile, bitte ich Sie für sich zu behalten; nur der mich persönlich anrührende Eindruck, den ich gelegentlich der Bekanntschaft Ihrer Frau empfand, veranlasst mich, Ihnen etwas anzuvertrauen, das eigentlich Dienstgeheimnis ist und mich, wenn ich mich darüber verbreite, in größte Verlegenheit bringen könnte. Ihre Frau ist bei der Aushebung an einen Mann geraten, welcher das Kommando über die Gestapoleitstelle Dresden führt und der eigentlich der Grund ist, weshalb ich überhaupt mit der Sache zu tun habe. Gegen diesen Mann wurden seit geraumer Zeit Ermittlungen geführt wegen Verstoß gegen die Reichsgesetze und gegen die Dienstvorschriften der SS. Nur die ersteren gehen mich etwas an.

Es hat sich offenbart, daß dieser Hauptsturmführer der SS einem konspirativen Kreis angehört, dessen Mitglieder durch ihre verbrecherischen Aktivitäten unserem Staat und Land erheblichen Schaden zufügen, wovon hier nur die Vergehen gegen die Reichsdevisenverordnungen erwähnt seien. Übrigens bestehen auch Verbindungen zu mindestens einer Organisation in Bolivien, die sich den Anschein einer nationalsozialistischen Bewegung gibt. Durch eine gute Ermittlungsarbeit ist es uns gelungen, den Mann zu überführen und dingfest zu machen. Bedauerlicherweise ist er aus der Untersuchungshaft entkommen, mehr darf ich momentan dazu nicht sagen.

Über den Charakter dieses Menschen kann und will ich nicht urteilen. Tatsache ist, daß dieser Mann und Ihre Frau Gemahlin etwa zum gleichen Zeitpunkt verschwunden sind. Ein Zusammenhang bezüglich der Umtriebe dieses Mannes mit dem Lebenswandel Ihrer Frau Gemahlin ist natürlich ganz und gar ausgeschlossen, das möchte ich ausdrücklich betonen. Dagegen ist uns ebenfalls bekanntgeworden, daß dieser Hauptsturmführer in der Vergangenheit gegen die jüdischen Bürger, welche an die Gestapoleitstelle verwiesen wurden, äußerst repressiv vorgegangen ist und sich - Sie entschuldigen die Offenheit - vornehmlich an Frauen vergangen hat. Glauben Sie mir, werter Herr Kelling - und ich spreche jetzt nicht als Kriminalbeamter - ich würde viel darum geben, wenn ich wüsste, daß es Ihrer Frau Gemahlin gut geht, wenn ich von Ihnen erfahren könnte, daß sie sich bereits an Ihrer Seite befindet und alles Geschehene wohl überstanden hat. Dagegen kann ich jedoch nur wiederholen, was ich anfangs sagte: ich weiß nicht, wo sie jetzt ist."

Der Brief war bloß mit einem W. unterschrieben und hatte keinen Absender. Manuel war ins Schwitzen gekommen, während er ihn las. 'Großer Gott', dachte er, 'was ist denn da vorgefallen?' Zwar konnte er mit manchen Angaben nichts anfangen, hatte keine Ahnung, was die "Gestapoleitstelle" ist oder was es mit dieser Theresienstadt auf sich hat, aber er begriff, daß dies die Ursachen waren, welche Esther jetzt hierher geführt hatten und daß damit einhergehend - dort oder hier oder an beiden Orten und bei allen Beteiligten - ein Zustand höchst unerträglicher Ungewissheit besteht, den er, Manuel, da er anscheinend der einzige ist, der nun die Verbindung herstellen kann, zu beseitigen in der Lage wäre.

Plötzlich fühlte er, welcher Druck zu handeln auf ihm lag, und für einen Moment bereute er es, den Brief geöffnet zu haben. Aber würde er ihn Paul nachher so übergeben, müsste er sich schon eine verdammt gute Begründung einfallen lassen, weshalb er nichts unternommen hatte.

Sollte er mit Esther darüber sprechen? Unmöglich konnte er sich ihr gegenüber weiterhin so verhalten, als wüsste er von nichts; Manuel konnte vielleicht ganz gut schauspielern, aber er konnte sich nicht lange verstellen.

Er ging mit dem Brief in der Hand in die Küche, wo die Senora und Bernarda beim Aufräumen waren. "Esther, ich muss mit Ihnen reden", sagte er und bekam einen Kloß im Hals. Bernarda sah ihn überrascht an. Esther erwiderte "Hat das einen Augenblick Zeit, ich bin hier gerade stark beschäftigt." "Ja, natürlich." Er war froh, wieder gehen zu können.

"Ach, Manuel", sagte sie, "können Sie bitte diesen Karton in Pauls Zimmer legen." "Ja. Holla, ist der schwer, was ist das?" Bernarda sagte "Das hat Senor Flores gebracht." Sie verschwieg, daß sie die Pistole ganz vergessen hatte.

Er machte den Karton auf. Auch Esther warf einen Blick darauf, schreckte aber gleich davor zurück. "Gehört die Paul?" "Senor Flores hat sie dem Senor überlassen, damit er sie ausprobieren kann", erklärte Bernarda.

Manuel hatte den Colt in die rechte Hand genommen, kniff ein Auge zu und zielte damit zur Seite auf den Boden. "Wozu braucht mein Mann so eine Pistole?" "Das ist hier so eine Art Volkssport", meinte Manuel heiter, "die Männer lieben Waffen. Wollen Sie sie mal nehmen?" Esther wehrte ab. "Um Himmelswillen, bleiben Sie mir damit vom Leib." Aber sie hatte aufmerksam zugeschaut, wie er damit hantierte.

Er legte sie auf Pauls Schreibtisch. Verflucht! Hatte er den Brief in der Küche gelassen? Esther hatte ihn nicht gesehen. Er ging im Arbeitszimmer auf und ab. Dann telephonierte er; er legte auf und wartete. Eine Minute später schrillte das Telephon. Er ließ es mehrmals klingeln, er hatte die Türen zur Küche hin offenstehen lassen. Er nahm bloß kurz den Hörer ab. Er ging zu den beiden Frauen. "Senora Kelling", sagte er, "wir fahren sofort zu Ihrem Mann, er erwartet Sie." Esther ließ einen Teller fallen, es gab einen harten, hellen Klang und wunderbarer Weise blieb er heil. Bernarda bekreuzigte sich trotzdem.

Manuel wollte sich von Sergio Flores den Ford geben lassen, aber Sergio war nicht da. Manuels Vater, der Bürgermeister, wollte nicht mal ihm verraten, wo er sich aufhält. Aber er überließ ihm ohne weiteres ein anderes Auto, obwohl auch Manuel seinerseits verschwieg, wohin er damit fahren will.

Wer da am Telephon gewesen war und ihm das mitgeteilt hatte, wollte Esther wissen, und Manuel dachte sich was aus. Und warum sie nicht in die Hauptstadt fahren würden, sondern in dieses Puerto Aldente? "Puerto Abente. Das ist der Grund, weshalb Miss Kirkpatrick Ihren Mann nicht finden konnte, seine Geschäfte haben ihn nämlich nach Puerto Abente gerufen", schwindelte Manuel und kam sich entsetzlich verlogen vor. Aber dann tröstete er sich selber mit seinem guten Willen und der Aussicht darauf, daß Esther und Paul wahrscheinlich in Kürze wieder glücklich vereint wären.

* * * * *

Das kleine Boot mit dem schrottreifen Motor tuckerte langsam an die Anlegestelle heran. Der Bootsführer ließ es das letzte Stück treiben und lenkte mit einem Paddel, bis sie an die Holzpfosten vom Steg anstießen. Paul gab ihm das Geld und kletterte hinauf.

Der Fluss wälzte sich hier dunkel und träge dahin, die Ufer waren dicht bewachsen, und manche sehr hohe Bäume neigten sich übers Wasser. Drüben auf der anderen Seite war nur Wildnis. Hier führte von der Anlegestelle ein Weg in den Wald. Es waren ein paar Boote festgemacht, sie sahen alle so ähnlich aus wie der marode Kahn, mit dem Paul hergekommen war; zwei, drei waren halb abgesoffen.

Der Bootsführer hatte es eilig, wieder wegzukommen, er schaute nicht noch einmal zu Paul hin. Aus dem Wald waren ein paar ferne Laute und Hundegebell zu hören; man hatte ihm gesagt, da wäre ein Dorf.

Der Regen hatte für eine Weile aufgehört, es war diesig, und man konnte nicht sehr weit sehen. Außerdem war später Nachmittag, und der Waldschatten tat ein übriges. Paul war noch nie an einem so einsamen Ort gewesen; als wenn hier die Welt zu Ende wäre. Seine Sachen waren feucht von der Nässe, er fühlte sich unwohl und unsicher. Er hatte sich einen Rucksack aus festem Sackleinen besorgt. Er sah, wie das Boot hinter der Biegung verschwand. Dann wandte er sich um. Vorn, am Anfang des Stegs, stand ein Mann, aber er verbarg sich halb hinter den Bäumen. Er hatte den Hut tief ins Gesicht gezogen, und Paul konnte den nach vorn gerichteten Lauf vom Gewehr erkennen, das über seiner Schulter hing. Er wich nicht von der Stelle, als Paul sich ihm näherte. Er konnte sehen, wie der Mann das Gewehr am Lauf und Abzug fasste. Paul hatte seinen alten Revolver griffbereit am Gürtel.

Als nur noch ein paar Schritte sie voneinander trennten, trat der Mann hervor und schob seinen Hut hoch. Paul sagte "Wo zum Teufel sind wir hier?" "Du bist allein?", fragte ihn Ansit, als habe er etwas anderes erwartet. "Ja", erwiderte er, und man konnte hören, wie schwer ihm das Wort über die Lippen kam. Ansit zog ihn in das schützende Dickicht.

"Wir können diesen Weg nicht nehmen, vorn bei den Hütten sitzen ein paar bewaffnete Männer herum." "Von El Halcóns Leuten?" "Ja." "Und er selbst?" "Von hier führen zwei Wege hoch in die Berge, einer geht an Alto Paraná vorbei, man kann ihn nur zu Pferd benutzen. Der andere ist befahrbar, aber etwas länger. Man kann darüber auch unser Dorf erreichen. Was transportiert wird, geht über diese Fahrstraße."

"Also auch die Waffen von dem Schiff in Puerto Abente." "Ja. Und El Halcón sichert den Transport. Etwa zehn Meilen nördlich haben sie ihr Hauptquartier aufgeschlagen, der General ist auch dort, und noch jemand, den ich nicht kenne. Er soll nicht direkt dazugehören, vielleicht versteckt er sich bloß beim General, oder der bietet ihm Schutz gegen Bezahlung." "Weißt du, wie er heißt?" "Nein. Er ist angeblich Spanier, ist aber mit dem Schiff aus Deutschland gekommen." "Schätze, das ist dieser Ricardo Hanssen, mit dem ich im Hotel gesprochen habe." "Schon möglich."

Ansit schaute Paul genauer an. "Sie haben dich zusammengeschlagen?" "Ich war unvorsichtig, ich bin gegen was dagegengeknallt." "Ach so nennt man das." "Ich habe gedacht, du kommst rechtzeitig." "Ja, um dich davon abzuhalten, allein auf das Schiff zu steigen." Paul machte eine abfällige Geste, dann sagte er "Moment mal, woher weißt du das?" "Paul, ich erkläre dir das später, wir müssen jetzt ..."

Von den Hütten her kamen zwei Männer gelaufen, sie hielten auf die Anlegestelle zu. Ansit zog Paul am Ärmel, sie verdrückten sich noch weiter in die Büsche hinein. "Sag' mir nur noch eins: woher kennt Lydia diesen Ort?" "Keine Ahnung", flüsterte Ansit und behielt die Männer im Auge, "Miss Kirkpatrick weiß mehr, als man vermutet, sie hat eine Menge alte Beziehungen."

Sie gelangten auf einen Pfad. "Komm' hier lang", sagte Ansit. Sie gingen abseits an den Hütten vorbei, wieder ein Stück durch den Wald, über eine Holzbrücke und dann am Zaun eines einzelnen Gehöfts entlang, das wie verlassen wirkte. Es war inzwischen dämmerig geworden. Man sah den Wald nur noch wie eine dunkle Masse, und der Himmel über ihnen schien sich zu verhüllen. Ansit lief vorneweg. Zirka fünfzig Schritt von einem Schuppen entfernt blieb er stehen und gab Paul ein Zeichen. Dann zündete er ein Streichholz an und ließ es in der erhobenen Hand abbrennen. Sie gingen zu dem Schuppen hin. Hinter der Ecke kam ein Wachtposten hervor, sie wechselten einen Gruß. Ansit öffnete die Tür und schob die Decke beiseite, die innen aufgehängt war.

Drinnen saßen etwa ein Dutzend von Ansits Kameraden. Er stellte Paul drei von ihnen vor, sie gehörten zu denen, die das Kommando führten. Einen hatte Paul bei seinem Besuch in Alto Paraná bereits kennengelernt. Sie setzten sich an einen Tisch, auf dem Kerzen und eine Petroleumslampe brannten. Einige von den anderen spielten Karten.

Ansit sagte "El Halcóns Kämpfer haben südwestlich von Alto Paraná Stellung bezogen. Wir haben uns an dieser Flanke notdürftig verschanzt, aber uns fehlt eine gute Ausrüstung. Allerdings ist El Halcón bei weitem nicht so gut bewaffnet, wie er uns glauben lassen möchte, er wartet daher mit dem Angriff auf unser Dorf, bis die Waffen bei ihm eingetroffen sind. Das ist unsere einzige Chance. Die Lastwagen werden mit Tagesanbruch losfahren, es sind drei." "Warum holen wir sie uns nicht, solange sie noch hier unten sind?", fragte Paul. "Sie sind zu gut gesichert, sie haben das Gelände sogar vermint. Der General denkt so: wenn jemand versucht, die Waffen zu rauben, fliegt alles in die Luft und die Beute wird unbrauchbar. Niemand würde dafür die Leben seiner eigenen Leute riskieren."

"Und was habt ihr vor?" "Wir überfallen den Stützpunkt mit der Kommando Zentrale, schalten den General und El Halcón aus und geben einen fingierten Befehl für den Transport weiter." "Dann darf keiner entkommen." "Nein." "Und die Kommando Zentrale ist leichter zu nehmen?" "Das hoffen wir. Ignazio Rogas, der euch nach Alto Paraná brachte, hat uns die Stelle genau beschrieben. Wir müssen uns mit einem kleinen Trupp ranschleichen und die Männer sofort unschädlich machen."

Paul fragte "Kann ich dabei sein?" Ansit richtete sich auf und warf einen Blick auf seine Kameraden, die keine Reaktion erkennen ließen. Dann legte er die Hand auf Pauls Schulter und in seinen Augen war jenes Funkeln zu sehen, das Paul bei ihrer ersten Begegnung wahrgenommen hatte. Ansit sagte "Mein Freund, ich werde das nicht von dir verlangen, denn es kann sein, daß unsere Aktion scheitert. Aber ich wäre unsagbar glücklich, wenn du bei mir bist." Paul umarmte ihn, und schweigend waren sie sich einig.

* * * * *

Puerto Abente war nicht so groß, als daß Manuel lange gebraucht hätte, um herauszukriegen, daß Senor Kelling im Hotel Almacén abgestiegen war. Manuel hatte selbstverständlich seinen Aufzug nicht verändert, bloß weil er in einem hässlichen Nest mit einem dreckigen Flusshafen ziemlich unpassend aussähe.

Er trug einen hellen Leinenanzug, eine gestreifte Weste, eine rote Schleife um den Hals, schwarzglänzende Lacklederschuhe und einen gelben Strohhut, und es behagte ihm, mit seiner Erscheinung aufzufallen. Aber der Kellner im Hotel Almacén war von ihm wenig angetan und hielt ihn für einen Gecken. Auf seine Fragen gab er nur einsilbige Auskunft.

Esther hatte im Wagen gewartet, dann dauerte es ihr zu lange und sie ging ihm nach. Der Kellner war von ihrem Anblick wie verzaubert. Er bot ihr sogleich den besten Tisch an, aber sie fasste Manuels Arm, und der sagte "Dies ist die verehrte Senora des Mannes, nach dem ich gerade gefragt habe." Der Kellner war wie ausgewechselt.

Er berichtete alles, was er mitbekommen hatte, lediglich Senor Kellings Kopfverletzung verschwieg er. Er wusste auch, wo sich die obskure Anlegestelle flussaufwärts befindet und wie der Senor höchstwahrscheinlich dorthin gelangt sei. Er nannte ihnen den Namen eines Mannes, der für gewöhnlich die Leute dahin bringt und der hier nach dem Senor gefragt hatte, um ihn abzuholen (das war der Bootsführer, den Ansit beauftragt hatte, Paul hinaufzufahren).

Manuel überlegte, weshalb Paul irgendwohin geht, wenn Lydia ihn von Esthers Hiersein benachrichtigt hat. Erst jetzt fiel ihm plötzlich ein, wie dumm es wäre, wenn Esther erführe, daß Lydia auch hier war. Er versuchte, dem Kellner das Wort abzuschneiden und fand sich wieder ziemlich mies Esther gegenüber. Sie selbst drängte dazu, Paul hinterherzufahren.

Sie hörten beide kaum noch hin, als der Kellner meinte, es wäre da auch kurz ein anderer Herr bei dem Senor gewesen, ein gewisser Ricardo Hanssen. "Ja, ja, gut", winkte Manuel ab, "danke für Ihre Informationen." Er steckte ihm einen Geldschein zu. "Kommen Sie Esther, wir beschaffen uns ein Boot, das uns zu Paul bringt."

Sie waren schon an der Tür, da zuckte Esther wie vom Blitz getroffen zusammen. Sie hielt sich an Manuel fest. "Was ist? Fühlen Sie sich nicht wohl?" Sie machte kehrt und ging auf den Kellner zu, der noch dastand. "Wie hieß dieser Mann?", fragte sie mit zittriger Stimme. "Ricardo Hanssen. Seinem Pass nach ein Spanier, aber er sprach fließendes Deutsch." Esther wankte, ihr rechtes Bein knickte ein, und der Kellner fasste sie. Manuel sprang herzu. Sie war kreidebleich, kalter Schweiß stand auf ihrer Stirn, Manuel tupfte ihn mit dem Taschentuch ab, der Kellner brachte ein Glas Wasser, sie trank einen Schluck. Dann sagte sie "Manuel, ich brauche Ihre Hilfe."

Er geleitete sie zum Wagen, sie legte den Kopf nach hinten auf die Rückenlehne und schloss für ein paar Sekunden die Augen. Manuel setzte sich hinters Lenkrad, er schaute sie fragend an. Dann flüsterte sie "Manuel, was ich Ihnen jetzt sage, klingt sicher ungeheuerlich für Sie: ich habe den Pass dieses Ricardo Hanssen schon einmal in Händen gehabt. Er war für meinen Mann bestimmt, aber ich brauchte ihn nicht. Ich habe ihm demjenigen zurückgegeben, der die falschen Pässe für uns beide besorgt hatte, ich habe den Namen unter Pauls Photo gesehen." Manuel dachte an den Brief, den er geöffnet und gelesen hatte, und mit einem Schlag wusste er, wer dieser Ricardo Hanssen in Wirklichkeit ist.

Sie suchten nach dem Mann, der sie im Boot flussaufwärts bringen könnte, aber er war nirgends zu finden, und auch kein anderer erklärte sich dazu bereit. Als die beiden zum Wagen zurückgingen, rief eine Frauenstimme "Manuel!" Sie drehten sich um und erblickten Lydia.

Manuel war sich unsicher, was er in dieser Situation vor Esther Kelling zu Lydia sagen sollte, aber sie kam ihm zuvor, sie schaute irgendwie an den beiden vorbei: "Gott sei Dank, ihr habt die Nachricht erhalten. Ihr Mann, Esther, war aus der Hauptstadt hierher gefahren. Ich habe ihn leider verpasst, ich wurde unterwegs aufgehalten. Er ist nicht mehr hier." Esther rief "Wir wissen, wo er ist."

Lydia sah Manuel fragend an, der machte eine Miene, als wollte er zu ihr sagen: 'Lydia, was für ein doppeltes Spiel spielen sie da?' Aber dann bemerkte er einen derart schmerzlichen Ausdruck in ihren Augen, daß er befüchtete, sie könnte gleich zusammenbrechen. Sie schien völlig verloren und nicht mehr eins mit sich zu sein, sie versuchte mit aller Mühe, ihre Haltung zu bewahren.

Manuel nannte den Ort am Ufer im Wald, den ihnen der Kellner verraten hatte, und Esther fügte fast verzweifelt hinzu, nun hätten sie kein Boot gefunden, das sie hinbringen kann. Anstatt sich darüber zu wundern, war sie heilfroh, als Lydia wusste, daß es einen Fahrweg dahin gibt, der aber, wie ihr hier jemand sagte, einige sumpfige Stellen hat, die eben jetzt, da es häufig regnet, unpassierbar seien. "Wir müssen es versuchen", sagte Esther zu Manuel. Dann fuhren sie los.

Bei einer Bar hielt Manuel am Straßenrand. "Ich muss etwas trinken", sagte er. "Was?", rief Esther. "Lassen Sie ihn", meinte Lydia, die die ganze Zeit nur vor sich hin gestarrt hatte. Er ging hinein. Nach einer Weile schreckte Lydia plötzlich auf. "Es dauert zu lange, ich werde ihn holen", sagte sie, und Esther nickte.

Als Lydia drin war, suchte Esther in Manuels Reisetasche nach der Pistole, die er mitgenommen hatte und die für Paul bestimmt war. Sie versuchte, die Handgriffe auszuführen, mit denen Manuel sich vergewissert hatte, ob Patronen im Magazin sind.

Manuel stand an der Bar und trank einen Whisky. Als Lydia neben ihm war, fragte er "Haben Sie Paul wirklich verpasst?" Sie antwortete nicht. "Haben Sie ihm gesagt, daß seine Frau da ist?" "Manuel, mischen Sie sich nicht in meine Angelegenheiten ein." "Ihre Angelegenheiten? Oh nein, das tue ich nicht. Aber ich glaube, es wäre besser, wenn Sie sie selber auf die Reihe kriegen würden." "Lassen Sie mich in Ruhe."

Manuel trank aus, ging nach hinten auf den Abort, holte den Brief an Paul aus der Tasche, zerriss ihn in kleine Fetzen und warf ihn hinein. Er dachte: 'Und wenn ich das nun gleich getan hätte?'.

Esther hatte es geschafft, den Colt durchzuladen und zu entsichern, sie staunte selber, wie gut sie sich alles eingeprägt hatte. Als Manuel sie mit der Waffe in Händen sah, wollte er sie warnen, wie gefährlich das ist, aber dann meinte er bloß "Lassen Sie mich das machen, Senora Kelling", und nahm ihr die Pistole ab.

Die Voraussagen bewahrheiteten sich zum Glück nicht, der Fahrweg war zwar sehr schmal, aber fest und frei. Sie hatten schon über die Hälfte geschafft, da wandte sich Lydia zu Esther und sagte "Was immer dort geschehen wird, Esther, ich möchte Ihnen sagen, daß ich Paul als einen guten Menschen kennengelernt habe." Esther sah sie stumm an, als müsste sie sich erneut darauf besinnen, wer diese Miss Kirkpatrick eigentlich war.

* * * * *

Die beiden Wachtposten saßen oberhalb einer alten Schieferhalde bei einer großen Kiefer, sie sicherten die Hütten nach Westen hin, auf der dem Fahrweg gegenüberliegenden Seite. Der eine erhob sich, um abseits an einen Baum zu pinkeln. Als er zurückkam, sah er den anderen leblos am Boden liegen. Er wollte sein Gewehr von der Schulter reißen, da bekam er von hinten einen schweren Schlag auf den Kopf, daß man es krachen hörte.

Ansit, Paul und fünf weitere Kameraden gingen an dem Platz in Deckung. Man konnte von hier auf die Hütten blicken, wo der General und El Halcón ihr Kommandoquartier bezogen hatten; es war ungefähr hundertfünfzig Schritt entfernt. Einige Zeit später kam einer der Bauernkämpfer, der als Bote zwischen den verstreuten Trüppchen hin und herwechselte.

Ansit gab ihm einen Befehl, nachdem er mit dem Fernglas alles genau untersucht hatte. Der Mann zog sich wieder ins Walddickicht zurück. "Wir warten noch dreißig Minuten, bis alle an ihrer Position sind, dann schlagen wir los", flüsterte Ansit Paul zu. Einer der anderen zündete sich eine Zigarette an, Paul sah, wie seine Hände zitterten. Ansit gab ihm ein Zeichen "Geh' da hinter den Felsen."

Es hatte angefangen zu regnen, und kurz vor dem Ziel war da auf dem Weg ein Schlammloch, dem Manuel mit dem Wagen nicht ausweichen konnte. Er gab Gas, um mit aller Kraft durchzukommen, und sie schafften es, obwohl der Wagen danach seitwärts ausscherte und gegen einen Baum prallte. Esther duckte sich unwillkürlich, die Scheibe zerbrach und das Blech wurde eingedrückt, weiter passierte nichts.

Doch im nächsten Moment sprangen vor ihnen vier oder fünf bewaffnete Männer aus dem Wald auf den Weg. Manuel griff mit einer Hand nach der Pistole, da durchschlug eine Kugel die Windschutzscheibe und ging zwischen den Frauen auf der Rückseite wieder heraus. Im Nu waren sie von den Männern umringt, die ihre Gewehre auf die drei richteten. Einer kommandierte wild herum. Manuel hob hinterm Lenkrad die Hände hoch; die Pistole hatte er sich schnell überm Hintern in den Gürtel gesteckt. Die Fahrertür wurde aufgerissen, einer schob Manuel brutal auf den Beifahrersitz und startete den Wagen. Lydia schaute zurück und sah, wie ein Auto, das offenbar am Weg versteckt gestanden hatte, ihnen folgte. Man hatte die Türen abmontiert. Die anderen Männer hatten sich hineingezwängt, man sah, wie sie sich hüben und drüben festhielten, ihre Gewehre ragten heraus.

Auf der Halde unterhalb des Beobachtungspostens löste sich plötzlich ein Stein, kullerte hinab und riss ein paar andere mit sich. Ansit hatte sofort sein Gewehr in Anschlag genommen, und auch Paul hielt den Revolver voraus. Die kleine Lawine machte ein ordentliches Gepolter und verlor sich weiter unten in den Büschen. Jetzt konnte man den Ruf eines Tukan von jenseits der Hütten vernehmen. Paul sah zu Ansit hin, der horchte, dann sagte er "Das war nur einmal. Es war drei Mal vereinbart. Diese verdammten Steine, vielleicht haben wir's nicht gehört." "Lass' uns loslegen, besser zu früh als zu spät", erwiderte Paul. Ansit nahm das Fernglas und überprüfte ein letztes Mal die Lage bei den Hütten, er wusste, wo sich die Posten verschanzt hatten, aber nicht, in welcher sich der General und El Halcón befinden.

Da tauchten auf einmal zwei Autos auf und hielten an. Aus dem hinteren sprang ein Dutzend Männer heraus, vorn stieg der Fahrer aus, und dann konnte Ansit sehen, wie die übrigen Insassen zum Vorschein kamen und wie Gefangene zu einer der Hütten geführt wurden. "Wer ist das?", fragte Paul. "Keine Ahnung." Ansit konnte die Personen nicht richtig erkennen, weil sie von einem Dachvorsprung und einigen belaubten Zweigen verdeckt wurden. Dann gingen sie über eine freie Stelle. "Zum Teufel, das ist Lydia", rief Ansit, und Paul sagte aufgeregt "Gib' mir das Glas." Aber Ansit hörte nicht auf ihn und blickte wie gebannt auf die Leute da unten.

Es goss jetzt in Strömen, der Regen trommelte auf das Dach, an einer Stelle tropfte es durch. Der General war wütend. "Miss Kirkpatrick, es war ein großer Fehler von Ihnen, hierherzukommen." Er schaute auf die anderen, dann wieder auf Lydia, da konnte er sich denken, was sie hier zu suchen hatten, aber Esther platzte heraus: "Wo ist Paul Kelling?"

Plötzlich fielen draußen Schüsse, sie kamen aus dem Wald hinter den Hütten, dann auch von der anderen Seite. El Halcón zog seinen Revolver, der General trat seitlich ans Fenster. "Bleiben Sie vom Fenster weg!", rief El Halcón. Drei, vier von seinen Männern stürmten hinaus, sie schossen wahllos um sich und suchten schnell Deckung.

Ansit und Paul hatten den Fuß des Abhangs erreicht, als von links ein Maschinengewehr das Feuer auf sie eröffnete. Sie stürzten zu Boden und krochen hinter einen umgestürzten Baumstamm. Aber von den anderen, die noch auf der Halde waren, wurden drei getroffen, zwei fielen leblos hin, einer überschlug sich zweimal und blieb liegen, sie waren von den Kugeln wie durchsiebt. "Wir müssen da rüber", sagte Ansit. Er hob ein wenig den Kopf, und da pfiffen die Kugeln über ihn hinweg. "Ich geb' dir Feuerschutz und komme dann hinterher", sagte Paul. "Gut." Ansit passte eine Pause ab und rannte los. Paul hatte nachgeladen und schoss in Richtung Waldrand. Von drüben kamen Schreie von Verletzten, aber Ansits Leute hatten ebenfalls an dieser Stelle angegriffen, und Paul war sich nicht sicher, wohin er zielen sollte. Sie waren noch etwa hundert Schritt von den Hütten weg.

El Halcón packte Lydia am Arm und drehte sie mit dem Rücken zu sich, er hielt seinen Revolver an ihren Kopf. "Wir gehen jetzt raus", sagte er. "Was soll das werden?", fragte ihn der General. "Wir nehmen sie als Geisel."

An der Rückwand der Hütte wurde eine Tür aufgerissen, alle wandten sich dahin, der General nahm seine Waffe hoch. "Was zum Henker geht hier vor?" Als Esther den Mann sah, schrie sie auf, aber Heinrich Francken brauchte einen Moment, um sie zu erkennen. Manuel schaltete sofort. "Ricardo Hanssen?", rief er, "Bist du das Nazischwein aus Deutschland?" "Wer will das wissen?"

Manuel zog den Colt hinten aus dem Gürtel, aber er zögerte dabei. Esther sah es und entwendete ihm die Waffe, er ließ es geschehen. Francken langte nach seiner Pistolentasche. Esther fummelte an dem Colt herum. Francken war schneller. Da versetzte Lydia El Halcón einen Tritt und befreite sich aus seiner Umklammerung. Als Francken abdrückte, sprang sie schützend vor Esther, Franckens Schuss warf sie beide um. Der General feuerte über sie hinweg ins Leere. Manuel versuchte den Colt aufzuheben, aber El Halcón traf ihn an der Schulter.

Draußen ratterten Lastwagen heran, Bremsen quietschten, und kurz darauf brachen Soldaten von der Distriktarmee in die Hütte ein. Der General und El Halcón töteten die ersten zwei, Francken flüchtete durch die Hintertür. Der General wurde von mehreren Schüssen getroffen, El Halcóns Revolver war leer, er wollte nach der Waffe des Generals greifen, aber er kam nicht mehr dazu. Die Soldaten besetzten die Hütte. Esther hatte Lydia zur Seite gedreht, sie lag auf dem Rücken, vorn war ein riesiger Blutfleck.

Manuel erhob sich. Hinter den Soldaten erschien Sergio Flores, ein Gewehr im Arm, ein zweites auf dem Rücken. "Manuel", rief er, "sind Sie verletzt?" "Ein Streifschuss." Da erst erkannte er Miss Kirkpatrick. Esther versuchte, die Blutung zu stillen. Sergio sagte zu einem der Soldaten: "Holen Sie den Sanitäter, beeilen Sie sich", und dann zu Manuel "Hauptmann Vargas ist mit seiner Kompanie angerückt. Der Waffentransport ist beschlagnahmt. Jetzt machen wir mit diesen Banditen kurzen Prozess. Verflucht, Manuel, so ein Spektakel ist nichts für meinen Geschmack!"

Esther sprang auf. "Geben Sie mir die Pistole", sagte sie zu Manuel. Sergio rief "Hey, wo wollen Sie hin? Da wird noch geschossen." Sie rannte durch die Tür auf der Rückseite. "Wer ist sie?", fragte er Manuel.

Es hatten sich mehr Schützen bei den Hütten versteckt, als man vermutete; Paul war abgedrängt worden, er musste sich in einen Graben werfen, er und Ansit hatten sich verloren. An einer Stelle am Wald war noch ein heftiges Gefecht im Gange. Er hatte die Fahrzeuge der Soldaten kommen hören, konnte aber aus seiner Vertiefung nicht sehen, wer es ist. Er lief geduckt einige Meter den Graben entlang, er hoffte, daß er weiter drüben, wo die Sträucher stehen, heraus käme.

Hauptsturmführer Francken hatte einen Vorsprung, Esther konnte ihn nirgends entdecken. Sie musste selbst aufpassen, daß sie in keine Schusslinie gerät. Sie hielt den Colt in der rechten Hand, er war geladen und entsichert. Sie lief hinüber zu einer Hütte, die die Soldaten bereits geräumt hatten, Tür und Fenster waren völlig zertrümmert. Sie hockte sich hinter die Ecke und überblickte das Gelände oberhalb. Das Regenwasser kam in kleinen Rinnsalen herabgeschlängelt.

Da sah sie, wie die Soldaten in eine Hütte eindrangen, und ein Stück weiter schlug plötzlich eine Granate in das Holzschindeldach ein und setzte es in Brand. Jemand flüchtete zum Wald hin.

Esthers Puls beschleunigte sich erneut, sie rannte am Hang entlang, sie verlor Francken nicht mehr aus den Augen. Aus dem Wald schlug ihm eine Gewehrsalve entgegen, sie traf ihn am Arm, er ließ seine Waffe fallen und wandte sich nach unten zu einem Schuppen hin. Dort schöpfte er Atem. Dann schlich er auf die andere Seite, Esther konnte ihn nicht mehr sehen, womöglich hatte er sich darin verkrochen.

Paul kletterte im Schutz der Sträucher aus dem Graben, er machte ein paar Sätze nach vorn und blieb hinter einem Baum stehen. "Hey", rief jemand, und Paul wäre beinahe tot umgefallen vor Schreck. Es war einer von Ansits Leuten, er war am Bein verletzt, er hatte es notdürftig verbunden. Paul sagte "Das waren verdammt viele." "Ja, wir haben uns verschätzt. Aber wir haben Verstärkung, Soldaten von der Distriktarmee." "Was ist mit El Halcón und dem General?" "Ich glaube, wir haben sie erwischt. Wo ist Ansit?" "Ich weiß nicht." "Wahrscheinlich dort oben." Er wies in die Richtung. "El Halcóns Leute versuchen da auszubrechen." "Wo es noch knallt?" "Ja." "Ich mach' mich dorthin. Kommst du klar?" "Ja, ja. Wir seh'n uns später", sagte er und lächelte unter Schmerzen.

Esther ging um den Schuppen herum, er hatte zwei Türen, aber eine war mit Latten vernagelt. Das Dach lag schief auf, und an den Wänden waren teilweise die morschen Bretter oben abgebrochen. Sie horchte, drinnen regte sich nichts. Sie fasste den Colt mit beiden Händen. Sie schnaufte vor Anspannung. Die Tür war angelehnt, sie ging nach außen auf. Esther steckte den Fuß in den Spalt und gab der Tür einen Schwung.

Der Schuppen war fast leer, durch ein großes Loch und durch die kaputte Wand kam Licht herein. Sie sah Francken ganz hinten stehen. "Esther Waldstein? Sind Sie es?" Sie hielt die Pistole wortlos mit ausgestreckten Armen. "Machen Sie keine Dummheiten." Sie blieb im sicheren Abstand vor ihm stehen. Er hob die Arme hoch, der eine Ärmel war blutig. "Ich bin nicht bewaffnet. Lassen sie uns miteinander reden, ich habe ..."

Sie zielte auf seine Mitte und drückte ab. Er schrie auf, krümmte sich und fiel auf die Knie. Er presste die Hände in den Schoß. Sofort sickerte Blut an seinen Hosenbeinen entlang. Er heulte und kniff vor Schmerzen die Augen zusammen.

"Sehen Sie mich an!", sagte Esther und richtete unverändert den Colt auf ihn. Er stöhnte, Tränen und Rotz liefen über sein Gesicht und tropften an seiner Nase herab. Seine Beine waren im Nu bis zu den Knien blutrot. Da winselte er wie ein Junge, den der Tod aus einem grausamen Spiel herausreißt, aber er schaute sie nicht an. Sie schoss dicht an ihm vorbei, er heulte laut auf, merkte aber, daß er nicht getroffen war.

"Sehen Sie mich an!", schrie Esther und konnte den schweren Colt nicht mehr ruhig halten. Er gehorchte nicht. Mit seiner linken Hand fuhr er sich übers Gesicht, statt der Tränen war da jetzt Blut.

Sie sagte mit zitternder Stimme "Wenn Sie mich ansehen und um Gnade flehen, werde ich Sie verschonen." "Wie denn?", wollte er fragen, aber es blubberte bloß aus seinem Mund heraus. Doch dann hob er langsam den Kopf und schaute sie an.

Die Kugel traf ihn über dem rechten Auge, sein Gehirn klatschte mit solcher Wucht gegen die Bretterwand, daß sie erschütterte. Sein Körper fiel zur Seite.

Sergio und Manuel kamen hinter ihr herein, Sergio ging mit dem Gewehr im Anschlag zu dem am Boden Liegenden und beäugte ihn. "Der ist erledigt", sagte er. Manuel nahm Esther die Pistole ab und legte seinen Arm um ihre Schultern. "Paul ist draußen, es ist alles gut."

Sie drehte sich um und lief hinaus. Sie sah ihn den Abhang herunterkommen. Sie rannten aufeinander zu, Esther rutschte im Schlamm aus und schlitterte ein Stück, Paul machte einen Satz über eine Wasserlache. Sie fielen sich in die Arme. Sie sanken auf die Erde. Der Regen ging auf sie hernieder, es war, als würde er die böse Zeit von ihnen fortspülen.


ENDE



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alle Rechte bei Alexander Fuchs
99867 Gotha, Germany

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